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Das Berghotel 219 - Heimatroman

Eine Schwedin in Tirol

Mit ihrem süßen Akzent wickelt Stina alle um den Finger

Von Verena Kufsteiner

Die Schwedin Stina Anderson hat in Stockholm eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht. Für ein halbes Jahr arbeitet sie nun im Berghotel in St. Christoph. Die hübsche Blondine mit den hellblauen Augen und den Sommersprossen kommt nicht nur bei den Mannsbildern gut an: Die so natürliche und immer gut gelaunte Schwedin erobert mit drolligen Versprechern und Sprachschwierigkeiten schnell die Herzen aller Mitarbeiter und Hotelgäste im Sturm.

Niemand ahnt, dass es auch eine dunkle Seite in Stinas Leben gibt. Sie ist der Grund für Stinas „Flucht“ nach St. Christoph …

Mit goldenem Strahlen ging die Sonne an diesem frühen Maimorgen über dem idyllisch gelegenen St. Christoph auf. In einem schmalen Seitenteil des bekannten Tiroler Zillertals fand sich der Ort, an dessen Hauptstraße sich gepflegte Bauernhäuser und traditionelle Erbhöfe aufreihten wie Perlen auf einer Schnur.

Die weiße Kirche mit dem Zwiebelturm, auf dem sich ein goldener Wetterhahn in der leichten Brise drehte, bildete den Mittelpunkt des Dorfes. Zu beiden Seiten, jeweils auf einer kleinen Anhöhe gelegen, grüßten das Barockschloss der Barone von Brauneck und das Sporthotel „Am Sonnenhang“, im Volksmund als Berghotel bekannt.

Das „Schlössl“, wie die St. Christopher den Stammsitz der Braunecks nannten, bestach durch seine gelbe Fassade, die in apartem Kontrast zu den vielen, kunstvoll verschieferten Dachflächen stand. Hier erstreckten sich weitläufige Pferdekoppeln, auf denen mächtige Buchen und Eichen standen.

Das Berghotel war im schlichten Gebirgsstil erbaut worden und passte sich mit seinem traditionellen Schindeldach, den umlaufenden Holzbalkonen und der weiß gekalkten Fassade wunderbar dem Ortsbild an.

Sechs Berge umgaben den Ort wie steinerne Wächter. Der Höchste war der Feldkopf, auf dessen Gipfel sich die Feldkopfhütte mit Restauration und Übernachtungsmöglichkeiten befand. Eine Kabinenbahn führte dort hinauf. Es gab aber auch zahlreiche Steige für Wandergäste und die Möglichkeit, den Feldkopf über gut gesicherte Routen zu erkraxeln.

Daneben erhob sich der Hexenstein mit seinen beiden schrundigen Gipfeln. Er war leicht zu erwandern und ragte aus dem Krähenwald empor. Außerdem gab es noch das Frauenhorn, den Achenkegel, den Rautenstein und die Beerenhalde. Zusammen formte dieses steinerne Ensemble eine Art Rahmen, in dem das liebliche Bild des Bergdorfes so recht zur Geltung kam.

St. Christoph war und blieb ein Geheimtipp unter Reisenden. Es gab hier viele Möglichkeiten, einen entspannten Urlaub zu verbringen. Und im Berghotel wurden die Gäste nach Strich und Faden verwöhnt.

Man begrüßte Individualreisende, denen es vor allem auf eines ankam: Ruhe und unberührte Natur. Beides fand man hier in reichen Maße. Etwas aber suchte man vergeblich, das waren die Spuren des modernen Massentourismus. Mochten die Touristenströme ins benachbarte Schwaz oder Mayrhofen fließen, in St. Christoph setzte man auf sanften Tourismus und war damit bislang stets gut gefahren.

Die Kastlers betrieben das Berghotel nun seit einigen Jahren mit stetem Erfolg. Die blonde, wohl proportionierte Hedi und ihr bodenständiger Andi gingen ganz auf in ihrer Arbeit.

Es wurden nicht nur vielfältige, sportliche Aktivitäten von Lukas Einrieder, dem Trainer und Sonnyboy des Hotels angeboten, auf der großen Panoramaterrasse konnte man zudem hervorragend speisen. Die beiden Köche Leo Hofbacher und Rosi Stadler verwöhnten die Gäste ebenso mit deftigen Schmankerln aus der Region wie mit raffinierter Haute Cuisine.

Das Berghotel verfügte über einen Außen- und Innenpool, Tennisplätze und einen Fitness-Raum. Hinter dem Haus fand sich der gepflegte Rosengarten und wer es urig liebte, der besuchte in der warmen Jahreszeit den Biergarten, wo man unter mächtigen Kastanien eine kühle Maß mit einer deftigen Brotzeit genießen konnte. Alle Zimmer, egal ob Einzel- oder Doppelzimmer oder auch Appartements, sowie die Empfangshalle bestachen durch einen warmen, alpinen Charme und waren mit Zirbelholz ausgestattet, dessen angenehmer Duft Gemütlichkeit ausstrahlte.

Viele gute Geister sorgten dafür, dass im Berghotel alles reibungslos ablief und es den Gästen an nichts fehlte.

Da waren die Zimmermadeln Sopfie und Lena, Kilian Garnreiter, der Mann für alle Fälle, der ebenso Hausmeistertätigkeiten ausübte wie Gäste vom Bahnhof abholte. Franz Kroneder, der Gärtner, der den schönen Rosengarten in Schuss hielt, und nicht zuletzt jene fleißigen Hände, die das Hotel sauber hielten, in der Küche das Gemüse schälten oder dafür sorgten, dass die Schuhe der Gäste auf Wunsch am Morgen frisch geputzt vor der Zimmertüre standen.

All das musste nicht nur erledigt, sondern auch koordiniert werden, und das war freilich die Aufgabe der Kastlers.

Die blonde Hedi, die ihre wohl proportionierte Figur gerne in feschen Dirndln zeigte und ihr Mann Andi, den man meist in kariertem Hemd und Krachledernen sah, hatten dies voll im Griff. Die beiden führten eine glückliche Ehe, auch wenn ihnen Kinder versagt geblieben waren. Doch sie betrachteten das Berghotel durchaus als ihr „Baby“ und verbrachten auch den Großteil ihrer Zeit im Hotel.

Oft stand Andi hinter der Rezeption, wechselte sich mit Hausdame Gerda Stahmer und dem Nachtportier ab. Und Hedi kümmerte sich in dem kleinen Büro hinter der Anmeldung um Buchungen und den Zimmerplan. Die Kastlers besaßen ein schmuckes Einfamilienhaus ganz in der Nähe des Hotels, doch hier waren sie tatsächlich nicht so oft wie drüben an ihrer Wirkungsstätte.

An diesem frühen Maimorgen saßen sie bereits gemeinsam am Frühstückstisch.

Auch wenn es im Hotel oft hektisch wurde und die Arbeit manchmal Überhand zu nehmen drohte, so war und blieb das gemeinsame Frühstück für die beiden doch eine unantastbare Größe, auf die man nur in echten Notfällen verzichtete.

Hedi hatte den Tisch schön gedeckt, es duftete nach Kaffee und frischen Semmeln. Durch das geöffnete Fenster strömte frische Frühlingsluft ins Zimmer, die nicht nur den süßen Duft von Narzissen und Flieder hereintrug, sondern auch das muntere Vogelgezwitscher. An einem Morgen wie diesem war es eine wahre Lust zu leben, das fand Andi Kastler jedenfalls und ließ es auch seine bessere Hälfte wissen, die scherzte: „Recht hast, es wär’ fei der richtige Tag, um sich spontan frei zu nehmen und einmal gar nix zu tun. Was meinst, Anderl?“

Andi seufzte. „Ein schöner Traum …“

„Eben.“ Hedi lachte. „Heut kommt die Reisegruppe aus Kiel. Da gibt es wieder alle Hände voll zu tun.“

„Wie immer.“

„Hör ich da etwa so was wie Missmut heraus?“

„Gewiss net, Schatzl. Schließlich leben wir ja, wo andere Urlaub machen. Da wär’s doch deppert, sich zu beschweren.“

„Aber ganz Unrecht hast net. Uns könnte eine kleine Auszeit gewiss net schaden. Nur eben net grad in der Saison.“

„Wie bist du eigentlich mit unserer kleinen Schwedin zufrieden?“, wechselte der Hotelier das Thema. „Ich hab so den Eindruck, dass ein jeder sie gerne hat. Der Franz hat ihr sogar die erste Blüte aus dem Rosengarten versprochen. Dabei ist er doch sonst so eigen mit seinen dornigen Schönheiten. Und den Kilian hab ich gestern dabei erwischt, wie er der Stina hinterher gestarrt hat. Dabei hat er mich ein bisserl an einen verliebten Teenager erinnert.“

Hedi musste schmunzeln. Es stimmte, was Andi da beschrieb, und was sie bei sich das „Phänomen Stina“ nannte. Das hübsche Madel aus Schweden arbeitete für ein halbes Jahr im Berghotel. Stina Anderson kam aus dem südschwedischen Ahus und hatte ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau fast abgeschlossen. Nur ein Praktikum im Ausland fehlte ihr noch. Und da sie schon als kleines Madel mit ihren Eltern in den Ferien in die Berge gereist war, hatte sie sich spontan entschlossen, dieses Praktikum in Tirol zu machen. Sie war eine echte Bereicherung für das Berghotel, hatte alle Herzen sozusagen im Sturm erobert und schien sich in St. Christoph pudelwohl zu fühlen.

„Die Stina ist net mit Geld zu bezahlen. Sie hat so eine Art, auf einen jeden zuzugehen, mit echter Herzlichkeit, das ist schon was Besonderes. Net aufgesetzt, das merken die Leut. Deshalb ist sie ja net nur bei ihren Kollegen, sondern auch bei den Gästen so beliebt. Und zu lachen gibt’s bei ihr fei auch immer was.“ Hedi schmunzelte. „Gestern hat sie die Wäschekammer nach einem Griffel durchsucht.“

Andi stutzte. „Das Schreibgerät?“

„Iwo. Die Sofie hat ihr aufgetragen, den Graffel zu packen, den die Wäscherei abholen sollte.“

Andi lachte. „Ja, mei, so mancher Ausdruck bei uns ist doch wohl gewöhnungsbedürftig. Und wie ich das Madel kenne, wird sie jetzt schon ihre Runden im Kuckuckssee schwimmen.“

„Ja, sie ist ein waschechtes schwedisches Naturkind.“

„Das klang eben ein bisserl zögernd.“

„Mei, ich hab nix dagegen, dass sie dem Nacktbaden fröhnt. Und es gibt am Kuckuckssee ja auch ein abgesperrtes Gebiet für FKK. Trotzdem fürchte ich immer, dass da irgend so ein Saubär im Schilf hockt und sie beobachtet.“

„Geh, mach dir nur keine Sorgen, die Stina kann sich wehren. In ihrem Lebenslauf steht, dass sie schon als kleines Madel Karate gelernt hat. Ich glaub, das genügt, um jeden Saubär in die Flucht zu schlagen, meinst net?“

Hedi nickte. „Klingt net schlecht. Aber jetzt sollten wir uns allmählich auf den Weg machen. Die Reisegruppe kommt bald an.“

„Also gut, dann nix wie los!“

***

Das Madel, über das sich die Kastlers beim Frühstück so angeregt unterhalten hatten, paddelte zur gleichen Zeit tatsächlich hüllenlos im nahen Kuckuckssee.

Stina liebte das Nacktbaden, das in Schweden Volkssport war. Schon als kleines Madel war sie mit den Eltern schwimmen gegangen und fand nichts dabei. Dass ihre Kollegen im Berghotel sie mit großen Augen angeschaut hatten, als sie davon erzählt hatten, war neu für sie gewesen. Doch das bedeutete nicht, dass Stina sich nun einen Badeanzug zulegte. Sie wollte nicht auf das Gefühl verzichten, sich frei wie ein Fisch im Wasser zu bewegen.

Während Stina ihre Runden im klaren Wasser zog, kitzelte die Sonne ihre Nase und der blaue Himmel spiegelte sich in all seiner Pracht im See. Herrlich war es, in der schon milden Luft und dem noch recht kalten Wasser. Erfrischend und angenehm, ein echtes Wohlfühlerlebnis für das Naturkind.

Als Stina dann am Steg den See verließ und sich in ein Handtuch hüllte, kamen gerade die ersten Badegäste. Das Madel ging so früh zum Schwimmen, um den See für sich zu haben, aber auch, damit sie pünktlich zum Arbeitsbeginn im Berghotel war. Denn Stina schwamm nicht nur für ihr Leben gern, sie liebte auch ihren Drahtesel, den sie im Zug von daheim mitgebracht hatte.

Geschwind hatte sie sich abgetrocknet und war in Jeans und Bluse geschlüpft. Die langen, blonden Haare ließ Stina im Fahrtwind trocknen. Und schon eine halbe Stunde später betrat sie die Hotelhalle, um den Nachtportier abzulösen.

„Grüß di, Stina“, sagte der freundlich.

„Die? Wen denn?“, fragte sie, musste dann lachen, als ihr einfiel: „Ja, stimmt. Di heißt doch dich, oder?“

„Di heißt dich, Stina“, bestätigte der Nachtportier mit einem gutmütigen Lächeln. „Wenn du so weitermachst, bist schon bald ein rechtes Tiroler Dirndl.“

„Ich bemühe mich“, versprach sie, wobei Stina sich aber im Stillen fragte, was denn ein Kleid wohl damit zu tun hatte …

Wenig später erschienen die Kastlers in der Hotelhalle. Stina begrüßte die beiden herzlich.

„Der Herr Dauner von Zimmer 12 hat sich beschwert über einen verstopften … sink, na, wie heißt denn das noch …“

„Abfluss meinst du“, war Andi sicher.

„Genau, Abfuß. Ich hab dem Kilian deshalb Bescheid gesagt.“ Stina nickte, strich sich eine Strähne ihres langen, goldblonden Haares hinters Ohr und fuhr fort: „Stefan Moser hat heut weniger Milch bringen müssen. Er sagte, es gäbe ein Problem mit diesem Absaugding auf seinem Hof.“ Sie hob ratlos die Schultern. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was er damit gemeint hat.“

„Die Melkmaschine wird streiken“, merkte Hedi an.

„Was ist denn das?“

„Damit werden die Milchkühe gemolken.“

Andi machte es vor, woraufhin Stina kichern musste. Gerade in diesem Augenblick erschien das Ehepaar Frenger aus Kassel, zwei sauertöpfige pensionierte Lehrer, die an allem etwas auszusetzen hatten.

Karl Frenger musterte den Hotelier befremdet, seine Frau bedachte Stina mit einem spitzen Blick. Andi wollte die Situation mittels eines Witzes entschärfen, aber Stina kam ihm zuvor, indem sie treuherzig erklärte: „Herr Kastler will mich melken lernen. Wir haben heut Morgen nämlich zu wenig Milch bekommen, verstehen Sie?“

Andi lachte, aber die Frengers fanden das gar nicht lustig.

Wortlos knallte der pensionierte Mathepauker seinen Schlüssel auf die Rezeption und verließ dann mit seiner Gattin rasch die Lobby.

Stina machte ein ratloses Gesicht.

„Hab ich was falsch gemacht?“, fragte sie beklommen.

„Gewiss net, Stina, denk dir nix. Bei manchen Leuten, da kannst du einfach sagen, was du willst, die verstehen dich allerweil falsch.“

„Mit Absicht?“

„Genau.“ Andi deutete nach draußen, wo gerade ein Reisebus hielt. „Da sind ja unsere Kieler. Auffi geht’s. Nun wartet erst mal Arbeit auf uns!“

Stina lächelte. „Fein!“

Es dauerte bis zum späten Vormittag, bis die dreißig Gäste eingecheckt hatten und untergebracht worden waren. Danach kehrte dann erst mal Ruhe ein.

„Wenn du magst, kannst Mittag machen“, schlug Hedi Stina deshalb vor. „Später meldest dich dann bittschön bei mir im Büro. Da liegt noch ein Stapel Buchungsbestätigungen.“

Stina war einverstanden. Sie verließ die Rezeption und ging auf ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Die Mittagspause nutzte sie bei schönem Wetter nämlich für ein weiteres ihrer Hobbys, nämlich Yoga unter freiem Himmel.

Wenig später rollte das hübsche Madel seine Yogamatte im Rosengarten aus. Es dauerte nicht lange, bis Lukas Einrieder, der Fitnesscoach vom Berghotel, sich zu ihr gesellte.

Stina freute sich, ihn zu sehen. „Hej, wie geht‘s?“

„Immer gut, wenn ich dich seh“, erwiderte er charmant. „Du hast mir doch ein bisserl was beibringen wollen. Hast grad Zeit?“

„Schon. Mach einfach mit. Es ist ganz leicht.“

„Na, mal schauen …“

Lukas stellte jedoch bald fest, dass die anspruchsvollen Posen, die Stina einnahm, jeden Muskel seines durchtrainierten Körpers forderten. Und zwar vor allem auch jene, die er sonst kaum brauchte. Dabei kam er sogar ins Schwitzen und atmete im Stillen auf, als Stina die Session mit einem Sonnengruß beendete. Sie lächelte ihm lieb zu.

„Du hast dich gut gehalten. Kraftsportler haben oft ein Problem mit Yoga. Sie unterschätzen es.“

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