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Das Cottage der verlorenen Träume

1. KAPITEL

Was da jetzt keuchend und raschelnd durchs Unterholz brach, musste groß sein … und schnell!

Karen hatte das Gefühl, in einem beängstigenden Thriller gelandet zu sein. Schlagartig verlor der nach Erde und Baumharz duftende Wald, in dem sie in letzter Zeit oft spazieren gegangen war, seinen Charme. Wie ein dichtes Labyrinth umgab er sie, und Karen wünschte, sie hätte gestern Abend keine Schlaftablette genommen, um endlich einschlafen zu können. Ihr dröhnte der Schädel, als würde sich ein ausgeflippter Schlagzeuger darin austoben.

Und dabei brauchte sie gerade jetzt einen klaren Kopf!

Das dumpfe Trampeln kam näher. Vor Furcht wie gelähmt versuchte Karen, in dem undurchdringlichen Dickicht aus Baumstämmen und Laub etwas zu erkennen.

Doch es war nichts zu sehen.

Was sollte sie tun – weglaufen? Aber obwohl ihre Füße in soliden Wanderstiefeln steckten, fühlten sich ihre Beine an wie aus Pudding.

Ihr wurde flau im Magen, und all ihr Blut schien in die Zehenspitzen zu rauschen. Jetzt bloß nicht umkippen, dachte sie verzweifelt, als sie der Dinge harrte, die da kamen.

Wenige Augenblicke später tauchte ein gelbes Untier, so groß wie ein Kalb, zwischen den Bäumen auf und hielt hechelnd genau auf Karen zu. Sie konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Welcher Idiot ließ eine solche Bestie frei? Angstvoll blickte sie auf die triefenden Lefzen, die heraushängende Zunge und die scharfen Zähne.

Da drang ein knapper Befehl aus dem Wald, der Hund spitzte die Ohren und blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen.

„Oh Gott!“ Karen schlug die Hand vor den Mund und ärgerte sich darüber, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Gleichzeitig wurde ihr vor Erleichterung schwindlig. Dem Himmel sei Dank, das Monster lief also nicht frei herum und terrorisierte ahnungslose Spaziergänger. Es gehörte jemand – einem verantwortungslosen Kerl zweifelsohne, aber immerhin gehorchte es aufs Wort.

Kurz darauf erschien der Hundebesitzer auf der Lichtung und hielt, sichtlich überrascht, einen Moment inne, als er Karen sah.

Dann ging er weiter, und ihr war gleich klar, dass sie von diesem Mann keine Entschuldigung oder besorgte Fragen nach ihrem Befinden erwarten konnte. Er hatte etwas Stolzes, Unbeugsames an sich, während er mit langen Schritten auf sie zukam. Bei Karen schrillten sämtliche Warnglocken, und sie sah ihm wachsam entgegen.

Er war groß und schlank, hatte pechschwarzes, vom Wind zerzaustes Haar, das seine düsteren rauen Gesichtszüge noch betonte. Karen konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals lächelte, und ihre Erleichterung darüber, dem Untier entkommen zu sein, verflüchtigte sich auf der Stelle.

Was hatte sie um sieben Uhr morgens im Wald zu suchen? Hätte sie sich nicht noch einmal umdrehen können, nachdem sie wie gerädert aufgewacht war? Aber nein, sie hatte sich aus dem Bett gequält, um nicht das Gefühl zu bekommen, sie sei faul und müßig!

Das hatte sie nun davon – sie war ganz allein, es war niemand da, der ihr hätte helfen können, und vor ihr stand ein bedrohliches Riesenvieh von Hund mit seinem nicht minder einschüchternden Herrn.

Zweige knackten und brachen unter den Stiefeln des hochgewachsenen Mannes. Als er neben seinem Hund stehen blieb, beugte er sich herab und tätschelte ihm den Kopf.

„Guter Junge.“ Er richtete sich auf und schob die Hand in seine abgewetzte Lederjacke, die anderswo als heiß gehandeltes Fashionteil durchgehen könnte – so attraktiv schmiegte sie sich um seinen athletischen Oberkörper.

Aber Karen hatte kaum einen Blick dafür. Sie war wütend.

„Guter Junge?“, wiederholte sie ungläubig. „Ihr verdammter Hund hat mich fast zu Tode erschreckt! Was fällt Ihnen ein, ihn einfach hier herumlaufen zu lassen?“

„Wir leben in einem freien Land. Sie können meilenweit durch diese Wälder wandern, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Außerdem würde Chase Ihnen nichts tun – es sei denn, ich befehle es ihm“, fügte er mit einem Glitzern in den grauen Augen hinzu … Augen, die sie an einen vereisten See im Winter erinnerten.

Zusammen mit der tiefen, kultivierten Stimme jagten sie ihr einen Schauer über den Rücken.

„Chase heißt er? Wie passend, wenn er öfter hinter Leuten herhetzt!“ Karen rettete sich in beißenden Sarkasmus, um sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen. „Ein Jagdhund, oder?“

„Deutsche Dogge“, antwortete er herablassend.

„Sie sollten ihn besser an die Leine nehmen.“ Entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen, verschränkte sie die Arme vor der Brust. Den weichen Stoff ihrer blauen Fleecejacke unter den Fingern zu spüren, hatte etwas Beruhigendes.

Chase saß hechelnd da, die Ohren aufgestellt, so als warte er auf das nächste Wort seines Herrn. Karen behielt das Tier sorgsam im Auge, falls es ihm doch einfallen sollte, sie anzuspringen. Egal, was der Mann gesagt hatte, sie traute weder ihm noch seinem Hund über den Weg.

„Das Problem ist doch wohl eher, dass Fremde sich in diesen Wäldern über nichts und wieder nichts aufregen.“ Ein arroganter Zug beherrschte sein schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen, und der Mann verzog verächtlich den Mund. „Auf geht’s, Chase. Es wird Zeit, dass wir nach Hause kommen.“

Das muskulöse Tier sprang davon, und Karen wusste, dass sie entlassen war. Abgeschüttelt wie ein lästiges Insekt. Da hatte er ihr einen Heidenschrecken eingejagt und entschuldigte sich nicht einmal!

Na schön, vielleicht war es wirklich übertrieben, den Hund an die Leine zu nehmen, wenn ihnen kaum jemand über den Weg lief. Aber trotzdem … Angespannt sah sie, wie der Fremde sich noch einmal nach ihr umdrehte.

„Falls Sie morgen wieder hier spazieren gehen wollen, tun Sie sich keinen Zwang an. Wir nehmen einen anderen Weg, dann haben Sie Ihre Ruhe – und wir auch.“

„Glauben Sie wirklich, dass ich nach dem Schrecken noch Lust dazu habe?“, erwiderte sie trotzig, obwohl ihr eher danach war, die Flucht zu ergreifen.

„Bei Frauen kann man nie sicher sein, was ihnen in den Sinn kommt. Jetzt laufen Sie schon – und wenn jemand fragt, warum Sie so blass sind, sagen Sie ihm, Sie sind im Wald dem großen bösen Wolf begegnet. Seien Sie froh, dass er Sie nicht zum Frühstück verspeist hat“, setzte er mit einem zynischen Lächeln hinzu, bevor er sich abwandte.

„Sehr lustig“, murmelte Karen, nur um heftig zusammenzufahren, als ein morscher Ast im Wind knarrte.

Völlig fertig und immer noch zornig auf den arroganten Fremden stürmte sie in entgegengesetzter Richtung davon. Als sie merkte, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen, fühlte sie sich nicht gerade besser. Hatte sie sich nicht heute Morgen erst vorgenommen, nicht mehr so viel zu weinen? Am besten nie wieder in ihrem ganzen Leben.

Ein fruchtloser Vorsatz nach dieser unerfreulichen Begegnung!

Und wen hatte er mit „großer böser Wolf“ gemeint? Seinen Monsterhund oder sich selbst? Wohl eher sich selbst, dachte sie erschauernd, während sie weitermarschierte.

Als sie in das alte Cottage zurückkehrte, das sie seit drei Monaten bewohnte, machte sie zuerst Feuer im Kamin. Zufrieden beobachtete sie, wie die trockenen Zweige knisterten und knackten und die Torfbrocken in Brand setzten. Es war erstaunlich, wie gut es tat, all diese kleinen alltäglichen Dinge zu bewältigen. Vielleicht lag es daran, dass sie sie erst hatte lernen müssen.

Die Wärme, die vom antiken Eisenrost abstrahlte, vertrieb die kühle, feuchte Luft, die wie gefrorener Nebel im Cottage hing und in seine Mauern kroch.

Manchmal war sogar ihre Kleidung klamm, wenn Karen morgens hineinschlüpfte. Und anfangs hatte sie nachts so sehr gefroren, dass sie jetzt in Schlafanzug und Morgenmantel schlief. Ihre Mutter hätte dafür nicht das geringste Verständnis. Wahrscheinlich würde sie fragen, warum sie in derart primitiven Verhältnissen leben musste und was sie damit beweisen wollte.

Aber zum Glück war ihre Mutter nicht hier.

Fröstelnd zog Karen sich die mit feinen Tröpfchen übersäte Fleecejacke aus und legte sie über eine Stuhllehne. Dann zündete sie den Gasherd an, füllte den zerbeulten Kupferkessel mit Wasser und stellte ihn auf die Flamme. Sie brauchte dringend einen heißen Tee. Mindestens zwei, drei Tassen, um klar denken zu können – erst recht heute Morgen, nachdem sie dem Mann in Schwarz und seiner Deutschen Dogge über den Weg gelaufen war.

Deutsche Dogge? Das Vieh hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Höhlentroll! Wer mochte sein feindseliger Herr sein? Und wo kam er her? Sicher von hier, sein Akzent verriet, dass er von der Insel stammen musste. Doch in dem Vierteljahr, das sie nun schon hier lebte, hatte sie nichts von ihm – oder seinem Hund – gehört. Nicht einmal von Mrs Kennedy, der Besitzerin des Krämerladens im Ort, und die wusste über alles und jeden Bescheid.

Das durchdringende Pfeifen des Kessels riss sie aus ihren Gedanken. Seufzend goss sie ihren Tee auf.

Der hochgewachsene Ire ging ihr dennoch nicht aus dem Sinn. Er mochte barsch, abweisend und zynisch sein, aber je länger sie über ihn nachdachte, umso mehr gewann sie den Eindruck, dass er sich mit seinem groben Benehmen schützte. Damit niemand merkte, dass er zutiefst unglücklich war. Der Mann hatte zwar nicht das geringste Mitgefühl mit ihr gezeigt, aber den freudlosen Ausdruck in seinen faszinierenden grauen Augen konnte Karen nicht vergessen. Was hatte er erlebt, ein tragisches Unglück, einen furchtbaren Schicksalsschlag?

Da konnte sie mitreden. In den letzten achtzehn Monaten war sie durch die Hölle gegangen.

Und sie war nicht sicher, ob sie sich endgültig ins Leben zurückgekämpft hatte. Es gab Tage, so schwarz und trostlos, dass sie am nächsten Morgen nicht aufwachen wollte. Andererseits wuchs ihre Hoffnung, dass es ihr langsam besser gehen würde, wenn sie noch ein bisschen länger an diesem herrlich friedlichen Ort im Westen Irlands blieb.

Die zerklüfteten Berge in der Ferne, verwunschene Wälder und direkt vor ihrer Nase der Atlantik, an dessen Ufer sie lange Strandspaziergänge unternehmen konnte – all das war von einer unbeschreiblichen Schönheit. Sie linderte den Schmerz und milderte ihre Ängste, sodass Karen jetzt verstand, was manche Leute meinten, wenn sie von den Heilkräften der Natur sprachen.

Eines Tages, dachte sie, finde ich bestimmt den Mut, wieder nach Hause zu fahren. Aber noch nicht … jetzt noch nicht.

Die Begegnung mit der hübschen blonden Fremden ließ ihn nicht los.

Temperamentvolles kleines Ding, dachte Gray O’Connell, während er, gefolgt von seinem Hund, nach Hause marschierte. Er sah ihr zartes Gesicht vor sich. Besonders ihre großen blauen Augen hatten es ihm angetan. Wer zum Teufel war sie? Ein paar Engländer besaßen hier in der Gegend Ferienhäuser, aber Mitte Oktober standen die längst wieder leer, und ihre Besitzer waren abgereist.

Da fiel ihm etwas ein, und plötzlich hatte er eine Ahnung, wer die junge Frau sein könnte. Wie konnte ihm das nur entfallen? Das Einsiedlerleben schien ihm nicht zu bekommen. Als er in London ein Vermögen gemacht hatte, war sein Verstand schärfer gewesen. Da wäre ihm so etwas nicht passiert.

Gray fragte sich, was sie hier um diese Jahreszeit wollte. In einem Monat würde es bitterkalt sein und so unwirtlich, dass selbst die Einheimischen sich nach dem Sommer sehnten.

Vielleicht suchte sie die Einsamkeit, so wie er?

Gerade Gray konnte es gut verstehen, wenn ein Mensch Abgeschiedenheit und Stille brauchte. Obwohl … in letzter Zeit tat sie ihm nicht besonders gut.

Entschlossen, sich nicht weiter damit zu befassen, verdrängte er den Gedanken und schritt schneller aus.

„Ich nehme auch gern noch eins von den leckeren Sodabroten, Mrs Kennedy.“

Karen stand vor dem Verkaufstresen und bewunderte die rundliche ältere Ladenbesitzerin nicht zum ersten Mal für ihre unerschöpfliche Energie.

Obwohl mit reichlich Hüftgold und einem wogenden Busen gesegnet, bewegte sich Eileen Kennedy in ihrem Reich wie eine Tänzerin. Sie eilte geschäftig hin und her, holte von solide gezimmerten Regalen, die wahrscheinlich schon hundert Jahre hier hingen, herunter, was auf Karens Einkaufsliste vermerkt stand, und plauderte dabei ununterbrochen.

Karen war menschliche Gesellschaft nicht mehr gewohnt, seit sie allein in jenem alten Cottage lebte, und konnte gern auf lange Gespräche verzichten. Die großmütterliche Irin bildete jedoch eine der wenigen Ausnahmen.

„So, Liebes, dann hätten wir alles, oder?“ Vor Eileen türmten sich Obst- und andere Konserven, Tütensuppen und Teebeutelpackungen, als sie Karen nun warmherzig anlächelte.

„Ja, danke. Wenn ich etwas vergessen habe, kann ich ja morgen wiederkommen.“

„Natürlich, Sie sind mir willkommen wie die ersten Blumen im Mai! Allerdings muss ich immer wieder daran denken, wie schrecklich einsam es da draußen in Paddy O’Connells altem Häuschen sein muss. Sie sind nun schon eine ganze Weile hier, mein Kind. Was ist mit Ihrer Familie? Ihre Mutter vermisst Sie sicher schrecklich.“

Karen lächelte schwach und zog es vor, nicht zu antworten. Warum sollte sie die nette alte Lady ihrer Illusion berauben? In Wahrheit war Elizabeth Morton wahrscheinlich froh darüber, dass ihre Tochter auf unbestimmte Zeit nach Irland gezogen war. Das ersparte es ihr, sich mit all der „Gefühlsduselei“ zu befassen, die ihr schon immer zuwider gewesen war.

Ohne Karen in der Nähe konnte sie so tun, als wäre ihre Welt noch in Ordnung. Eine Welt, in der äußere Erscheinung und Auftritt zählten und nicht, wie es in einem Menschen aussah. Sie konnte weiterhin gesellschaftliche Anlässe wahrnehmen und sich mit ihren Freundinnen zum Lunch treffen, so als hätte ihr einziges Kind nicht einen furchtbaren Schicksalsschlag erlitten, von dem es sich immer noch nicht erholt hatte.

Natürlich war Eileen Kennedy ihre verhaltene Reaktion nicht entgangen, aber Karen nahm ihr ihre Neugierde nicht übel. Sie spürte oft, dass sich die Einheimischen über die junge Engländerin wunderten und sich fragten, warum sie sich in Paddy O’Connells altem Haus eingemietet hatte.

Doch Karen wollte nur ihre Ruhe. Sie wollte eigentlich niemandem erzählen, was sie hierhergetrieben hatte. Jedenfalls vorerst nicht.

„Gut, Liebes …“ Geschickt verstaute Mrs Kennedy die Einkäufe in Karens großem Weidenkorb und tippte jeden einzelnen Posten in ihre alte Registrierkasse. Dann händigte sie ihr das Wechselgeld aus und sah sie mit ihren wasserblauen Augen freundlich an. „Nicht dass ich Ihnen zu nahe treten möchte, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass Sie ein wenig Aufmunterung vertragen könnten, mein Kind. Ich hätte da einen Vorschlag. In Malloy’s Bar wird jeden Samstagabend Musik und Tanz geboten, da können Sie gern mitkommen. Mein Mann Jack und ich sind immer gegen acht da, leisten Sie uns doch Gesellschaft. Es täte Ihnen sicher gut, mal unter Leute zu kommen … würde ein bisschen Farbe in Ihre hübschen Wangen bringen, meine Liebe.“

Musik … Die Sehnsucht wurde plötzlich übermächtig. Sie vermisste sie so sehr. Aber nach dem, was mit Ryan passiert war, wie könnte sie da Musik genießen? Seit achtzehn Monaten hatte sie ihre Gitarre nicht mehr zur Hand genommen. Vielleicht konnte sie gar nicht mehr singen? Vielleicht hatte die Tragödie ihr die Stimme geraubt? Es wäre gut möglich, war doch ihre Karriere als Sängerin ein Traum gewesen, den sie mit Ryan verwirklicht hatte.

Und da ihr Mann nicht mehr lebte, welchen Sinn hatte es, allein weiterzumachen? Tragische Prinzessin des Pop hatte eine Zeitung getitelt, und wahrscheinlich würde ihr dieser Name für immer anhaften. Es war einer der Gründe, warum sie nach Irland geflüchtet war, Ryans Heimatland, und einen einsamen Ort an der äußersten Westküste gesucht hatte, wo niemand sie mit der englischen Sängerin in Verbindung bringen konnte.

Karen seufzte und wünschte von ganzem Herzen, dass sie sich von einer schlichten Einladung nicht so bedrängt fühlen würde. Aber sie konnte sich einfach nicht vorstellen, unter Leute zu gehen und sich zu amüsieren. Stumm betrachtete sie die ordentlich aufgereihten Konserven mit Baked Beans und Tomaten, die hinter Mrs Kennedy im Regal standen. Sag etwas, ermahnte sie sich, irgendetwas, bevor die gute Frau dich für grob unhöflich hält.

Aber Eileen Kennedy schien es nicht eilig zu haben. Wie die anderen Geschäftsleute in diesem idyllischen Städtchen hatte auch sie anscheinend unerschöpflich viel Zeit für ihre Kunden.

Karen seufzte noch einmal, bevor sie antwortete: „Vielen Dank für die Einladung, Mrs Kennedy. Es ist sehr nett von Ihnen, aber … aber ich bin zurzeit nicht besonders gesellig.“

„Keine Sorge, Sweetheart. Wir haben es uns schon gedacht, dass Sie aus einem bestimmten Grund hier sind. Ich vermute, um über etwas hinwegzukommen … oder über jemand, vielleicht? Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie die Stimmungskanone geben. Man wird Sie in Ruhe lassen – und wenn nicht, dann liest mein Jack demjenigen ordentlich die Leviten, verlassen Sie sich darauf! Kommen Sie mit, was kann es schon schaden?“

Gute Frage. Trotzdem wäre sie lieber am Fallschirm aus einem Flugzeug gesprungen als sich in einem irischen Pub unter die Leute zu mischen. „Ich kann nicht, es tut mir leid.“

„Schon gut, Liebes. Kommen Sie dazu, wann immer Sie so weit sind. Jack und ich sind jeden Samstag im Malloy’s.“ Eileen strich ihre rosa Schürze mit den aufgedruckten Himbeeren zurecht, die von vielen Wäschen verblasst war, und lächelte mütterlich.

„Mrs Kennedy?“

„Ja, mein Kind?“ Erwartungsvoll beugte sie sich vor.

Karen zögerte verlegen. Sie wollte nicht neugierig sein, vor allem da sie selbst großen Wert auf eine ungestörte Privatsphäre legte, aber auf einmal hatte sie ein unbezwingbares Bedürfnis, mehr über den Mann im Wald zu erfahren – den „großen bösen Wolf“, wie sie ihn insgeheim nannte.

„Wohnt hier in der Gegend ein Mann mit einem großen gelben Hund? Einer Deutsche Dogge?“

„Gray O’Connell“, antwortete Eileen wie aus der Pistole geschossen. „Sein Vater hat in dem Cottage gewohnt, das Sie gemietet haben.“

„Sein Vater? Sie meinen, Paddy O’Connell ist sein Vater?“

„War … Ja, Paddy war ein guter Kerl, bis er dem Whiskey verfiel – Gott sei seiner armen Seele gnädig.“ Sie bekreuzigte sich und lehnte sich verschwörerisch noch weiter über den alten zerkratzten Holztresen. „Seinem Sohn gehört praktisch alles in der Gegend, was auch nur irgendwie von Wert ist, Ihr kleines Häuschen eingeschlossen. Viel Freude hat er daran allerdings nicht. Es ist ein Wunder, dass er nicht nach seinem Vater schlägt, nach allem, was passiert ist. Aber er scheint auf seine Art Frieden zu finden, mit seiner Malerei.“

„Er ist Künstler?“

„Ja, Schätzchen … und ein guter dazu. Meine Freundin Bridie Hanrahan kocht und putzt für ihn. Ohne sie würden wir nicht eine Silbe über ihn erfahren, er lebt sehr zurückgezogen in dem alten Herrenhaus. Da sieht man’s mal wieder: Geld allein macht nicht glücklich.“

Kate antwortete nicht darauf. Sie hatte genug gehört – der Mann wollte für sich sein, und sie wäre die Letzte, die dafür kein Verständnis hätte.

„Dann will ich mal wieder“, sagte sie. „Danke noch mal für alles, Mrs Kennedy.“

„Darf ich fragen, warum Sie sich nach Gray O’Connell erkundigt haben?“

Warm stieg ihr das Blut in die Wangen, und Karen blickte auf die Kiste gelbroter Äpfel an der Tür, die einen köstlichen Duft verströmten. „Ich gehe morgens manchmal im Wald spazieren. Dabei bin ich ihm und seinem Hund begegnet, das ist alles.“

„Soweit ich weiß, ist er Frühaufsteher. Ich hoffe, er war wenigstens höflich.“

„Einigermaßen“, entgegnete sie ausweichend. „Ihm war wohl nicht nach Gesellschaft zumute.“

„Typisch Gray. Lassen Sie sich von ihm nicht einschüchtern. Früher war er ganz anders, aber wie das Leben so spielt … manche sind nach einer Tragödie nicht mehr sie selbst.“

Das ist wahr, dachte Karen. „Nun … noch einmal danke, Mrs Kennedy. Bis zum nächsten Mal.“

„Passen Sie auf sich auf, Liebes. Wir sehen uns hoffentlich bald.“

Das Glöckchen über der Tür bimmelte, als Karen den Laden verließ. Sie ging zu ihrem Wagen, stieg ein und fuhr auf direktem Weg nach Hause.

In den nächsten Tagen mied Karen den Wald. Stattdessen unternahm sie ausgedehnte Strandspaziergänge, warm eingepackt in Pulli und Jeans, mit Regenjacke und Handschuhen.

Morgens regnete es oft, aber es war ein sanfter Nieselregen, der Karen nicht störte. Er passte zu ihrer melancholischen Grundstimmung, und wenn sie erst auf besseres Wetter wartete, käme sie nie nach draußen.

Der Sand war voller Muscheln, und Karen kehrte jedes Mal mit einer Sammlung hübscher zierlicher Exemplare zurück. Gelegentlich nahm sie auch große mit, die sie dann zu den anderen auf die Fensterbank legte. Wenn sie sich darüberbeugte, konnte sie das Meer riechen und hatte das Gefühl, ein Stück des Ozeans nach Hause getragen zu haben.

Es tat ihr gut, stundenlang über den hellen Sand zu wandern, das Rauschen der Brandung im Ohr, begleitet vom schrillen Kreischen der Möwen.

Sie dachte viel an Ryan. Wie sehr hätte er diese morgendlichen Spaziergänge geliebt … und ihr dabei Irlands Flora und Fauna erklärt oder magische alte Sagen von Königen und Kämpfern erzählt. Jedes Mal wurde ihr wieder schmerzlich bewusst, dass sie nicht nur ihren Mann und Manager verloren hatte, sondern auch ihren besten Freund.

Eines Tages entdeckte sie, dass sie nicht allein am Meer war.

Der Anblick der Spuren, von breiten Pfoten im feuchten Sand hinterlassen, ließ ihr Herz schneller schlagen. Um im gleißenden Sonnenlicht mehr sehen zu können, hob sie die Hand vor Augen, und da sah sie die beiden: den großen bösen Wolf und seinen Kumpanen. Karen musste lächeln, etwas, nach dem ihr in letzter Zeit selten zumute war.

Ungewohnt vergnügt stieß sie mit der Schuhspitze einen Haufen Seetang beiseite und schlenderte zum Ufer hinunter. Als die Ausläufer der Wellen sich an ihren Stiefeln kräuselten, widerstand sie nur schwer der Versuchung, noch einmal zum Horizont zu blicken, um zu sehen, ob Mann und Hund verschwunden waren.

Stattdessen beobachtete sie die Fischerboote draußen auf dem Meer. Sie beneidete die Fischer nicht um ihre Arbeit, es war sicher mühsam, sich bei Wind und Wetter seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Insgeheim wünschte sie ihnen einen guten Fang und wandte sich ab, um ihren Spaziergang fortzusetzen.

Überrascht schnappte sie nach Luft, als plötzlich Chase auf sie zuraste. Hinter ihm, groß und schlank, ging sein Herr. Selbst auf die Entfernung konnte Karen sehen, dass er von dem Zusammentreffen nicht gerade begeistert war.

Na und? dachte sie und wappnete sich für die nächste unerfreuliche Begegnung.

Wie erstaunt war sie, als Chase knapp vor ihr zum Stehen kam, sich auf die Hinterläufe setzte und sie mit seinen großen dunklen Augen erwartungsvoll anblickte. Bei dem riesigen Tier sah das so drollig aus, dass sie wieder lächeln musste.

„Dummer Hund“, murmelte sie und streckte vorsichtig die Hand aus, um ihm den Kopf zu kraulen. Zu ihrer Erleichterung schnappte er nicht nach ihr, sondern ließ ein wohliges Grollen ertönen, fast wie eine schnurrende Katze. Karen fing laut an zu lachen.

„Soso … Rotkäppchen hat die Bestie gezähmt.“ Keinen halben Meter von ihr entfernt stand Gray O’Connell und betrachtete sie halb amüsiert und auf eine düstere Art rätselhaft.

Sofort hörte sie auf, den Hund zu streicheln, und schob beide Hände tief in die Jackentaschen. „Welche Bestie meinen Sie?“

Ein spöttischer Blick traf sie. „Es braucht schon mehr als ein kleines Mädchen mit hübschen blauen Augen, um mich zu zähmen, Miss Ford.“

„Sie wissen, wer ich bin?“ Dass er ihre Augen hübsch fand, war da Nebensache.

„Das sollte ich. Mir gehört das Cottage, in dem Sie wohnen.“

„Ich weiß, Mr O’Connell“,

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