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Das Depot

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. SIEBEN JAHRE ZUVOR
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  15. KAPITEL 9
  16. KAPITEL 10
  17. KAPITEL 11
  18. KAPITEL 12
  19. KAPITEL 13
  20. KAPITEL 14
  21. KAPITEL 15
  22. KAPITEL 16
  23. KAPITEL 17
  24. KAPITEL 18
  25. KAPITEL 19
  26. KAPITEL 20
  27. KAPITEL 21
  28. KAPITEL 22
  29. KAPITEL 23
  30. KAPITEL 24
  31. KAPITEL 25
  32. KAPITEL 26
  33. KAPITEL 27
  34. KAPITEL 28
  35. KAPITEL 29
  36. KAPITEL 30
  37. KAPITEL 31
  38. KAPITEL 32
  39. KAPITEL 33
  40. KAPITEL 34
  41. KAPITEL 35
  42. KAPITEL 36
  43. KAPITEL 37
  44. KAPITEL 38
  45. KAPITEL 39
  46. KAPITEL 40
  47. KAPITEL 41
  48. KAPITEL 42
  49. KAPITEL 43
  50. KAPITEL 44
  51. KAPITEL 45
  52. KAPITEL 46
  53. KAPITEL 47
  54. KAPITEL 48
  55. KAPITEL 49
  56. KAPITEL 50
  57. KAPITEL 51
  58. KAPITEL 52
  59. KAPITEL 53
  60. KAPITEL 54
  61. KAPITEL 55
  62. KAPITEL 56

Über dieses Buch

Noch nie hat Meisterdieb Finn etwas gestohlen, das weniger als fünf Tonnen wiegt. Frisch aus dem Knast und völlig pleite erhält er das Angebot für seinen größten Job aller Zeiten: das bestgesicherte Wertmetall-Depot der USA ausräumen. Doch es gibt mehr als nur einen Haken an der Sache. In seinem Team gibt es einen Maulwurf, dem er sieben Jahre Gefängnis zu verdanken hat. Sein Auftraggeber ist ein krimineller Hedge-Fonds-Milliardär, dem er nicht über den Weg traut. Und dann ist da noch dessen attraktive Assistentin, die anscheinend ihre ganz eigenen Pläne hat …

Mit dem Pageturner Das Depot gewann Mike Cooper den eBook Original Mystery Novel Contest des renommierten US-Verlags Mysterious Press.

Über den Autor

Mike Cooper hat schon alles Mögliche gemacht: Er ist um die halbe Welt gereist und hat in einer Verkehrsbehörde, einem Krankenwagen und einer Lebensmittelkooperative gearbeitet. Außerdem hat er einen Abschluss am MIT und war längere Zeit in der Finanzwelt tätig, bevor er kündigte, um seine Kinder zu betreuen und Romane zu schreiben. Mike Cooper lebt mit seiner Familie in der Nähe von Boston.

SIEBEN JAHRE ZUVOR

Der Landstreicher war keine besondere Überraschung, aber als Finn eine Staubwolke durch den Canyon auf sich zukommen sah, war ihm klar, dass sie ein Problem hatten. Sie waren tief in der Wüste von New Mexico, und das einzige Zeichen von Zivilisation waren die Bahngleise, die in beiden Richtungen im Dunst verschwanden.

»Was soll ’n der Scheiß? Wer kommt da?«, knisterte Jakes Stimme in Finns Racal-Headset aus alten Militärbeständen.

»Keine Ahnung.«

Luftdruckbremsen zischten, und Kupplungen krachten, als siebzig beladene Frachtwaggons aufeinanderknallten. Mit einem heftigen Ruck kam der Zug quietschend zum Stehen. Finn dachte sich, dass der Zugführer ohne Jake, der mit einer Kanone auf ihn zielte, seine Sache wohl besser gemacht hätte.

»Hier sind zwei Typen an Bord«, sagte Jake über Funk. Er hörte sich ruhig an, was nicht viel zu sagen hatte. Finn kannte Jake seit der Highschool, vor einer Million Jahren, und hatte ihn noch nie aufgeregt erlebt. Aber er hatte garantiert alles unter Kontrolle. Auch mit maskiertem Gesicht – wahrscheinlich mit einem Halstuch, alter Romantiker, der er war – sah Jake aus wie aus dem People Magazine und hatte jede Menge Charme.

»Mehr sind’s nicht.« Finn hakte in Gedanken einen Posten ab. Wie alle großen Eisenbahnunternehmen hielt die Union Central ihre Besatzungen so klein wie möglich. »Schaff sie aus dem Weg.« Jake würde sie in einer Ecke mit Kabelbinder fesseln und auf der Lokomotive bleiben, um etwaige Anrufe des Fahrdienstleiters entgegenzunehmen.

Der Landstreicher hatte sich ein nettes Plätzchen auf der Ladefläche eines Getreidewaggons ausgesucht, das im Schatten der schrägen Stahlwand des Einfülltrichters lag. Zufällig war der Getreidewaggon durch zwei Wagen von den Güterwaggons mit dem Erz getrennt. Als der alte Knabe daher den Kopf in die helle Wüstenglut streckte, sah er als Erstes den Deere-Bagger, der noch auf dem Tieflader verankert war und nun neben dem Gleis vorfuhr.

Finn sprang aus der Kabine des Tiefladers und ließ die Tür offen. Ein Schwall Diesel wurde geräuschvoll ausgestoßen, als Corman, der den Bagger steuerte, dessen Arm hoch über den Güterwaggon schwingen ließ. Er war ein Riese, Corman, und streifte mit seiner Glatze fast die Kabinendecke. Aber seine Hand am Steuerknüppel war sensibel.

Ein weiteres Rumpeln, als Asher den Laster mit dem offenen Anhänger heranfuhr. Sein Fahrstil war weniger behutsam, und der Laster stoppte quietschend parallel zum Güterwaggon, trotzdem noch dicht genug. Die Schaufel des Baggers voller Molybdänit hob sich, und Corman schwenkte sie und lud über Ashers Anhänger aus.

Asher streckte den Kopf aus dem Kabinenfenster und schaute sich um, ohne Maske. Finn verzog das Gesicht. Wahrscheinlich spielte es keine Rolle – es war ja niemand da, der ihn sehen konnte, und Asher konnte sich jederzeit seinen lächerlichen Musketierbart abrasieren, wenn er sein Aussehen ändern musste – aber trotzdem. Asher zog immer sein Ding durch, verdammte Kacke.

Dreißig Sekunden, und sie waren schon am Entladen. Finn legte straffe Zeitpläne fest und schaffte es gewöhnlich auch, sie einzuhalten. Seine spezielle Version einer genau getimten Logistik.

Bei Festangestellten kam es nicht so darauf an. Aber wenn man eine Lieferung klaute, dann war Effizienz gefragt.

»Komm da runter«, rief Finn über den Motorenlärm dem Landstreicher zu. Vom stundenlangen Sitzen auf dem rüttelnden Metallboden anscheinend noch steif, kam der Mann herausgekrabbelt.

»Das ist aber nicht Alamogordo.« Der Dreck hatte sich tief in sein Gesicht gefressen. Abgesehen vom Hauptgleis und einem verbeulten Metallschuppen lag das Nebengleis im Nichts – Dreck, Sand und verkümmerte Yuccas und ein paar rotblaue Hügel in der Ferne.

Und der Staub von einem sich nähernden Fahrzeug. Jetzt nur noch ein paar Minuten entfernt.

»Nee.« Finn selbst trug eine Anstreichermaske und Sonnenbrille – ganz der routinierte Verbrecher. »Tut mir leid, Opa, aber du bist hier im Weg. Bei dem Schuppen da drüben gibt’s ’n bisschen Schatten.«

Der Landstreicher griff hinter sich, um sein Bündel aus der Luke des Getreidewaggons zu holen. Finn sah, dass er einen Metalllöffel besaß, dessen Griff er umgebogen und mit einer dünnen Schnur an seinen Gürtel gebunden hatte, und eine mit Wasser gefüllte Plastikflasche.

»Ihr raubt den Zug aus, stimmt’s?« Er stieß ein kurzes Gackern aus. »Dachte gar nicht, dass so was noch vorkommt.«

»Jetzt mach zu.«

»Na klar, Kumpel.« Er machte sich auf den Weg zu dem Schuppen, drehte aber noch mal den Kopf. »Kann ich dich was fragen?«

»Nein.«

»Steckt da viel Geld drin? In so ’ner Ladung Steine?«

Finn schüttelte den Kopf. »Tu, als wären wir nicht da.«

Zurück in der Kabine des Lasters, holte Finn sein Fernglas aus dem Gepäck und hielt Ausschau nach der unerwarteten Gesellschaft, die rasch näher kam. Seine Hände schwitzten in dem Gummi, aber Kampfhandschuhe hatten keine Finger, und das war ein klares Problem.

»Zwei Pick-ups«, sagte er über Funk. »Oder … nein. Ein Pick-up und ein SUV. Gesichter kann ich keine sehen.«

»’ne Ahnung, wer’s ist?« Ashers Stimme.

»Nicht die Migra.« Die Fahrzeuge der Grenzpatrouille waren weiß und hatten Lichtbalken. Die hier waren schwarz und ohne Erkennungszeichen. »Ladet weiter ab.«

»Ich hab die Zugführer im Klo eingesperrt«, sagte Jake über Funk.

»Bleib dort und zieh den Kopf ein.« Finn wünschte sich, ein Gewehr dabeizuhaben, aber sie trugen nichts als Faustfeuerwaffen. Große Kanonen waren nur lästig.

Bis man sie nötig hatte, natürlich.

Nach einer halben Minute setzte er das Fernglas ab, die Fahrzeuge waren jetzt deutlich genug zu sehen.

»O weh.« Asher achtete nicht mehr auf seine Arbeit.

»Scheiße.«

»Verdammte Kacke.«

Na ja, Finn konnte es ihnen nicht verdenken. Auf der Ladefläche des Pick-ups standen drei Männer, die sich am Überrollbügel festhielten, während der Truck über die Piste donnerte. Der SUV hatte ein Schiebedach, aus dem ein weiterer Mann mit nackten Armen und freiem Oberkörper ragte.

Alle vier hielten Sturmgewehre.

»Weiterarbeiten«, gab Finn über Funk durch und öffnete die Tür.

»Was hast du vor?« Asher hörte sich nicht fröhlich an.

»Die kommen mir nicht vor wie Polizei.«

»Ein Grund mehr, nicht mit ihnen zu reden.« Jake war die Stimme der Vernunft, wie üblich.

»Vielleicht haben wir ja gemeinsame Interessen.«

Finn stieg mit halb erhobenen Händen aus und blieb etwa dreißig Meter vom Zug entfernt stehen. Eine Minute später kam der Pick-up rechts von ihm schlingernd zum Stehen. Der SUV fuhr noch ein Dutzend Meter weiter und stoppte dann abrupt. Staub wurde aufgewirbelt. Vier Gewehrläufe zeigten auf ihn.

Stille. Hinter sich hörte Finn die Dieselmotoren im Leerlauf. Corman und Asher warteten offenbar ab, was passieren würde.

»Y usted quien diablos es?«, rief einer der Neuankömmlinge von dem Pick-up.

»Sorry«, sagte Finn. »Geht’s auch auf Englisch?«

»Usted, hijo de perra!«

Okay, das war jetzt ziemlich deutlich. Irgendwo in diesen siebzig Waggons befand sich eine nicht verzollte Ladung, Free-on-Board, mitten im Scheißnirgendwo. Der Zoll in El Paso konnte nicht jeden Waggon überprüfen, selbst wenn er wollte, und die Eisenbahngesellschaften waren nicht geneigt, für zusätzliche Security zu blechen. Wäre Finns Mannschaft nicht zuerst dagewesen, hätten diese Clowns wahrscheinlich einfach mit einer durchgeschnittenen Bremsleitung für zehn Minuten Verspätung gesorgt, hätten ihr Bündel mit was auch immer abgeladen und wären verschwunden, bevor die Zugführer auch nur was gemerkt hätten.

Der Mann, der gesprochen hatte, sprang jetzt von der Ladefläche des Pick-ups und kam näher. Er trug eine umgedrehte Baseballkappe auf dem Kopf und ein Abercrombie-T-Shirt, das er in abgewetzte schwarze Jeans gestopft hatte. Genau wie ein Student der NMSU – bis auf die M16.

»Was macht ihr da?« Ein leichter Akzent, und er wirkte eher neugierig als sauer.

»Ladungstransfer.« Finn warf einen kurzen Blick zurück auf die Güterwagen. »Ihr auch?«

»Wir interessieren uns nicht für Steine. Nimmst du mal die Maske ab?«

»Na klar. Kann ich meinen Kumpels sagen, dass sie sich wieder an die Arbeit machen sollen?«

»Habt ihr’s eilig?«

»Nicht eiliger als ihr.«

Nichts weiter als zwei Unternehmer, die ein Problem besprachen. Und Finn glaubte immer noch, alles hätte gut ausgehen können. Sie hätten ein Arrangement treffen und ihrer Wege gehen können, um sich nie wieder zu begegnen – denn, echt, sie arbeiteten in völlig unterschiedlichen Branchen. Der Typ bot ihm sogar eine Zigarette an, während sie es bekakelten.

Jake, eine Viertelmeile weiter vorne an der Spitze des Zugs, bekam das neue Problem als Erster mit.

»Äh, Boss?«, sagte er leise über Funk. Doch es war schon zu spät. In dem Pick-up drehten sich die Köpfe, und einen Moment später erkannte Finn das Geräusch.

Ein Hubschrauber.

»Desgraciado!« Finns neuer Freund riss seine M16 hoch. »Oiga, usted es policia!«

»Nein!«

Der Typ hätte vielleicht abgedrückt, aber beide nahmen auf der anderen Seite des Zugs neue Staubsäulen wahr. Die Chopper näherten sich in Angriffsformation, drei gleichauf, und urplötzlich kamen aus irgendeinem versteckten Canyon mit blinkenden roten und blauen Lichtern noch mehr Fahrzeuge geschossen.

Finn rannte auf den Tieflader zu, gefasst darauf, jeden Moment in den Rücken geschossen zu werden. Schüsse knallten, die sich in dem rasch lauter werdenden Lärm der Chopper fast verloren.

Die Kavallerie war gekommen.

»Arbeit einstellen«, rief er ins Funksprechgerät und rollte sich, die Arme über dem Kopf, unter den Laster.

Er hoffte, dass der Landstreicher schlau genug war, aus dem Weg zu bleiben. Er hoffte, seine Jungs würden nichts Dummes anstellen. Zwei Monate Planung beim Teufel, aber scheiß drauf. Sie hatten Glück, wenn sie nicht für die nächsten zehn Jahre hinter Gittern landeten.

In der Erde um ihn herum spritzten die Kugeln. Eine Explosion. Von den Rotoren und von schleudernden Fahrzeugen in der Nähe des Zugs wurde überall Staub aufgewirbelt. Ein Mann in der Nähe rief Worte, die nicht zu verstehen waren.

Finn legte die Arme über den Kopf und unterdrückte den Drang, sich in die Erde zu wühlen. In all dem Chaos versuchte er, sich klar zu werden, was hier passierte. Eine bohrende Frage ließ ihn nicht los: War die Polizei ihretwegen hier – oder wegen der Drogenhändler?

Und wenn es um Finns Mannschaft ging, woher hatten sie Bescheid gewusst?

KAPITEL 1

»Entlassenen-Beratung.«

Der Beamte schob ein fotokopiertes Blatt Papier durch den Schlitz unter seiner verstärkten Scheibe durch. Das Plexiglas war verkratzt und schartig, und das Gesicht des Beamten war nur verschwommen zu sehen. Ein Kreis aus Halbzentimeter-Löchern in dem Fenster war mit einer neuen, mit Schlüsselschrauben befestigten Platte Polycarbonatglas abgedeckt worden. Finn fragte sich, was genau wohl irgendein Häftling durch die Löcher geschoben hatte, als sie noch offen waren.

Er schaute sich das Blatt an; zwei Spalten in unlesbar kleiner Schrift. »Was steht da?«

Der Beamte zuckte mit den Achseln. »Mach keinen Scheiß, sonst bist du bald wieder hier.«

»Wär ich nie drauf gekommen.«

»Wenn Sie nicht lesen können, können Sie sich auch ’ne Aufnahme anhören.«

Die Beratung war wohl gesetzlich vorgeschrieben. Das Socorro Correctional war ein Privatknast, der Gewinn abwerfen sollte, und da hielt man sich an die Minimalvorgaben. Den Gesetzgebern von New Mexico war das wurscht.

»Ich schätze, ich hab’s noch nicht verlernt.«

Der Wachtposten hinter ihm knurrte und lehnte sich gegen die Tür, die an die Wand schepperte. Der Beamte hatte sich abgewandt und kramte in einem Haufen Papier und Plastik auf seiner Seite des Tresens. Er fand einen verschließbaren Plastikbeutel und schob ihn zusammen mit einem weiteren Vordruck durch den Schlitz.

»Unterschreiben Sie das, und geben Sie’s zurück«, sagte er.

Der Beutel war mit einem Portemonnaie, einem Handy, ein paar Münzen und einem Stück dünner Stahlkette gefüllt. Auf der Außenseite stand mit dickem Filzstift Finns Name.

»Was ist mit meinen Klamotten?«

»Unterschreiben Sie«, sagte der Beamte noch einmal. »Kleidung wird nur achtzehn Monate lang aufbewahrt. Sie können behalten, was Sie anhaben.«

Finn schaute ihn lange an. »Okay.« Billige Jeanshose, langärmeliges T-Shirt und Segeltuchschuhe. Bevor er das Portemonnaie einsteckte, schaute er hinein – ein paar Hundert Dollar, sonst nichts.

Bei einem Job hatte er immer nur etwas Geld für den Notfall dabei. Nichts, was ihm aus der Tasche fallen und dann von der Spurensicherung gefunden werden konnte.

»Schließen Sie Ihr Häftlingskonto?«, fragte der Beamte, während er das Blatt an sich nahm, das Finn ihm zurückschob.

»Na klar.«

Der Beamte zuckte wieder mit den Achseln. »Manche Typen denken sich, dass sie sowieso gleich wieder zurückkommen, und machen sich nicht die Mühe.«

»Vielleicht können die einfach nicht fassen, wie wenig sie verdient haben.« Finn studierte den Scheck, den der Beamte ihm reichte. Bei dreizehn Cent die Stunde hatten ihm sieben Jahre Knast $841,31 eingebracht. »Ihr habt die Steuer einbehalten?«

»Bei uns hier läuft alles korrekt.«

Der Wärter führte ihn durch einen weiteren Korridor und durch zwei letzte elektronisch gesicherte Tore und zeigte dann auf eine einfache Metalltür.

»Hier geht’s raus«, sagte er.

Finn erlebte einen unerwarteten Ansturm von Gefühlen – Hochstimmung, Angst, Unsicherheit, Adrenalin. Durch ein Fenster neben der Tür konnte er einen Parkplatz sehen, der, von Stacheldraht eingezäunt, staubig-weiß in der Wüstenhitze lag, und eine verlassene Straße, die sich in der buschbewachsenen Einöde verlor.

»Wann kommt der Bus?«, fragte er.

»Hach.« Es klang wie ein Lachen. »Wenn Sie keiner abholt, dann können Sie laufen. Nach links sind’s sechs Kilometer bis in die Stadt.«

»Super.« Finn schaute sich ein letztes Mal um: ein Zementboden, löchrige kahle Wände, aus denen der Gips leckte. Der Wärter schüttelte ihm nicht die Hand zum Abschied. »Schönen Tag noch, klar?«

Draußen entfernte er sich ein Stück von dem Gebäude, blieb stehen, legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Die Sonne knallte herunter, vielleicht 45 Grad Hitze ohne Schatten und ab und zu ein leichter Windhauch. Hinter ihm ganz schwach die Geräusche eines Kompressors, einiger Klimaanlagen in den Fenstern des Verwaltungsgebäudes, zweier Trucks, die irgendwo herumtuckerten. Vor ihm ein leises Rascheln, mit dem der Wind über die Wüste fegte, sonst nichts.

Eine Autotür schlug zu. Schritte.

»Wie geht’s, Finn?«

Eine Frauenstimme. Er riss die Augen auf.

Dunkle Haare, nicht zu lang, seidiges weißes Hemd in die Jeans gestopft. Durchschnittliche Größe, kleiner als er. Mit Abstand die schönste Frau, die er seit sehr langer Zeit außerhalb einer Illustrierten gesehen hatte.

»Wer zum Teufel sind Sie denn?«

Sie grinste. »Sie haben sich verspätet.«

»Um sieben Jahre ungefähr.« Er schaute sich auf dem Parkplatz um: ein paar SUVs, einige Viertürer – nichts allzu Kleines und kein Japaner. Die Autos waren alle leer. »Ich erwarte niemanden.«

»Ich habe nicht viel Zeit.« Sie hielt einen Schlüsselbund hoch. »Kommen Sie, ich bringe Sie zum Flughafen. Wir können im Wagen reden.«

»Wer sind Sie?«

»Emily Hale.« Sie streckte die Hand aus.

Ihr Griff war fest und erstaunlich rau. Er war außer Übung und musste sich erinnern, wieder loszulassen.

»Sorry.«

»Haben Sie irgendwas dabei?« Sie schaute an ihm vorbei zum Eingang des Gefängnisses, als würde jede Sekunde der Page einen Gepäckwagen herausschieben.

»Was?«

»Na schön.« Sie ging auf eine weiße Limousine zu, die unter einem Schild mit der Aufschrift NEHMEN SIE KEINE ANHALTER MIT parkte. Als Finn nicht mitkam, schaute sie zurück.

»Ich arbeite für Wes Schiller«, sagte sie.

Er verzog keine Miene, zeigte keine Reaktion. Darin hatten ihm sieben Jahre genügend Übung verschafft.

»Damit bin ich fertig«, sagte er. »Raus.«

»Wes möchte sich nur unterhalten.«

»Keine Jobs mehr. Das ist durch.«

»’ne Scheißangst gekriegt, was?« Sie stemmte eine Hand in die Hüfte, wirkte aber amüsiert.

»So was in der Art.«

»Sie wissen nicht, worüber er mit Ihnen reden will.«

Einer der Trucks an der Laderampe erwachte brummend zum Leben, stieß Dieselqualm aus, ein kurzes Hupsignal. Er bog nach links ab und wurde immer kleiner.

»Ich kann mich nicht an Sie erinnern«, sagte Finn.

»Wie auch?«

Das stimmte. Wes hatte ihn eigentlich nie zu Geschäftsbesprechungen eingeladen. »Wie lange arbeiten Sie schon für ihn?«

»Nicht so lange, wie Sie auf Staatskosten untergebracht waren.« Sie hob ihre Sonnenbrille an und schaute ihn aus den tiefsten, grünsten Augen an, die Finn je gesehen hatte. »Sie wollen doch nicht wirklich zu Fuß in die Stadt laufen, oder?«

Einen langen Augenblick tat Finn so, als könnte er sich nicht entscheiden, dann schüttelte er leicht den Kopf und sagte: »Ich schätze nein.«

Ihr Mietwagen war ein anonymer Viertürer, neu und irgendwie runder und glupschäugiger als es zur Zeit, als Finn einfuhr, der Stil gewesen war. Sie schloss per Pieper auf, und er öffnete die Tür, zögerte aber, bevor er einstieg.

Vier Personen hatten gewusst, dass er plante, den Zug mit dem Erz auszurauben. Jake, Asher und Corman natürlich. Aber die waren auch alle ins Gefängnis gewandert, genau wie Finn. Ihm war in sieben Jahren kein einziger Grund eingefallen, wieso einer von ihnen gesungen haben sollte.

Die vierte Person war Wes.

KAPITEL 2

Der klimatisierte Mietwagen brachte sie in fünf Minuten in die Stadt: staubige Straßen, staubige Häuser, zugesperrte Ladenfronten mit staubigen, mit Papier überklebten Schaufenstern. Emily parkte schräg auf der Hauptstraße in der Nähe der anscheinend einzigen Ampel. Eine Wechselstube, ein Lotto-und-Tabak-Schuppen und ein Diner.

»Irgendwas zu essen?«

»Wer zahlt?«

»Geht auf Spesen.«

Er hatte Hunger.

Das Diner war beinahe leer, eine Stunde nach Mittag, eine Frau hinter dem Tresen und ein alter Zausel im Overall auf einem Hocker. Im Radio auf einem Regal wurde in einer Talkshow lautstark gestritten. Finn blickte auf die Speisekarte, ohne sich entscheiden zu können.

Emily beobachtete ihn. »Nichts, was Sie wollen?«

»Ich hab einfach ’ne Weile lang keine Entscheidungen mehr selbst getroffen«, sagte er, schaffte es aber, ein Sandwich mit Schweinefleisch und Fritten zu bestellen. Sie saßen hinten in einer Nische an einer verschmierten Glasscheibe.

Emily saß aufrecht, die Hände auf dem Tisch geschlossen. »Ich habe über Sie nachgelesen. Wes ist nicht sehr gesprächig, wissen Sie? Deshalb habe ich eigene Recherchen angestellt.«

Wes war in der Investmentbranche, hauptsächlich Rohstoffe. Sie hatten bei zwei Gelegenheiten zusammengearbeitet, nachdem eine höchst unwahrscheinliche Reihe von Vermittlern sie zusammengebracht hatte. Finn hatte hochspezialisierte, sogar einzigartige Fertigkeiten, aber um sie voll auszuschöpfen, hatte er Startkapital gebraucht. Seine Art von Jobs ließ sich nicht auf die billige Tour abwickeln. Wes seinerseits hatte das Geld, drüben in der seriösen Welt – so seriös zumindest, wie das bei superreichen Wall-Street-Investoren möglich war –, und er hielt immer Ausschau nach, wie er es nannte, ›Exoten‹. Ungewöhnlichen Anlagemöglichkeiten. Hochriskanten/hochrentablen Projekten. Jede Menge alpha und zero-beta, was immer das heißen sollte.

Es passte wie die Faust aufs Auge.

»Sie dürfen nicht alles glauben, was in der Zeitung steht«, sagte Finn.

»Gerichtsprotokolle.« Emily hatte wieder ihren amüsierten Blick, den Mund auf einer Seite hochgezogen. »Ermittlungsberichte, darunter Hintergrundinformationen eines Privatdetektivs.«

»Aha.«

»Mal sehen. Ein Autozug mit Mercedes-S-Coupés. Eine komplette Fertigungsanlage, kurz nachdem sie installiert und noch bevor sie in Betrieb genommen wurde. Fünf Container mit Kupferschrott unterwegs nach China.« Sie schüttelte leicht den Kopf. »Haben Sie irgendwann auch mal etwas gestohlen, das weniger als zwanzig Tonnen wog?«

»Außer für das Molybdänit habe ich nie auch nur einen Tag gesessen.«

»Eine Waggonladung Steine.«

Das war allgemein bekannt nach dem Prozess. Aber da war noch mehr – diese grünen Augen beobachteten ihn unaufhörlich, wachsam, abschätzend … wertend.

»Zwei Waggonladungen«, sagte er. »Siebzig Tonnen Erz. Damals kostete das Molybdänit sechs-fünfzig, sieben das Pfund. Die Hütte hätte natürlich nicht den vollen Preis bezahlt – bei einer Lieferung durch die Hintertür mitten in der Nacht.«

»Hütte?«

»Es gibt nur drei Fabriken in den USA, die Roherz annehmen und zu Molybdän verarbeiten. Wir hatten …« Er unterbrach sich.

Emily zog eine Augenbraue hoch.

»Hypothetisch«, sagte Finn. »Ein anderer Erzdieb – der hätte vielleicht alles im Voraus ausgehandelt. Vierzig Prozent Abschlag vielleicht. Sie können’s ja ausrechnen.«

Sie brauchte kaum eine Sekunde. »Sechshunderttausend Dollar.«

Finn nickte.

Wes hatte den Job finanziert, und er hätte direkt ein Drittel genommen. Vielleicht wusste Emily das, vielleicht auch nicht.

Die Kellnerin kam mit dem Essen, stellte die Teller ab und legte das in eine Serviette gerollte Besteck und zwei Strohhalme zum Eistee.

»Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?«, fragte sie munter und trat zurück.

Emily schaute herüber, aber Finn musste sich immer noch daran gewöhnen, höflich nach etwas gefragt zu werden. »Äh …«

»Nein, danke.«

Das Sandwich war unglaublich gut. Und selbst wenn nicht, hätte Finn es so schnell wie möglich aufgegessen. Knastgewohnheit.

»Wes hat ein Problem«, sagte Emily. Ihren Hamburger hatte sie nicht angerührt.

»Ich hab Ihnen gesagt …«

»Sie könnten helfen.« Sie brach ab. »Sie sind wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der helfen könnte

»Danke.«

»Wes geht es recht gut.«

»Schön für ihn.«

»Aber wenn dieses … Problem … nicht gelöst wird, dann wird es mit seinen Geschäften sehr, sehr schwierig.«

»Nicht interessiert.«

»Was ich damit sagen will«, bohrte sie weiter, »ist, dass Wes extrem motiviert ist, Sie an Bord zu haben. Ohne Scheiß.«

»Tatsächlich?«

»Er ist verzweifelt.«

»Hm-hm.« Finn sprach mit vollem Mund. »Meiner Erfahrung nach geben verzweifelte Leute die absolut miesesten Partner ab.«

»Guter Punkt. ›Verzweifelt‹ ist möglicherweise ein bisschen übertrieben.«

Durch das Fenster neben ihnen fiel die Sonne.

»Früher habe ich immer mit Wesley direkt gesprochen.« Finn hob die Hand, als Emily zum Reden ansetzte. »Das ist nicht der Punkt. Ich habe mich zur Ruhe gesetzt. Sagen Sie ihm, dass es mir leidtut.«

»Zur Ruhe gesetzt.« Tonlos.

»Ich habe sieben Jahre gesessen.« Er trank seinen Eistee aus. »Die Welt hat sich verändert. Bernie Madoff, erinnern Sie sich an ihn? Goldman-Sachs? Die ganzen beschissenen Banken? Die Jungs klauen heute eine Million Dollar und brauchen nicht mehr zu tun, als ein paar Tasten auf dem Computer zu drücken. Ein paar Dezimalstellen verschieben, fertig. Und wahrscheinlich ist es auch noch legal, so wie das Spiel gestrickt ist. Die Einzigen, die wirklich noch Sachen stehlen, sind Junkie-Bankräuber und Promi-Ladendiebe.«

»Ich weiß nicht …«

»Ich bin ein Dinosaurier«, sagte Finn. »Ich bin nicht auf eine letzte grandiose Nummer aus und dann ab nach Bolivien. Ich werd mich irgendwo in einen Liegestuhl setzen und Baseball hören. Nein, vielen Dank.«

Endlich biss Emily in ihren Hamburger. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich das Gerichtsprotokoll gelesen habe«, sagte sie nach einer Weile. »Von Ihrem Fall.«

»Das ganze Ding?«

»Sämtliche dreihundert Seiten.«

»Hui!«

Sie hob den Kopf. »Die Staatsanwaltschaft hat neun Polizeibeamte aufgeboten. Bezirkspolizei, Staatspolizei, die New Mexico Mounted Patrol – was immer das sein mag – und das FBI.«

Finn sagte nichts.

»Von der Drogenbehörde war nie die Rede. Die Drogen, ja. Die Drogenschmuggler, die Gang auf amerikanischer Seite – mitgefangen, mitgehangen, schätze ich. Aber die Drogenbehörde selbst? Kein einziges Wort.«

»Sie mussten nicht erklären, woher sie wussten, wo sie uns aufzulauern hatten«, sagte Finn. »Nicht beim Prozess. Oder wenigstens nicht bei meinem Prozess. Ich weiß nicht, was sie bei den anderen gesagt haben.«

»Gegen die Drogenbande gab es keinen Prozess. Die haben sich alle schuldig bekannt und gesungen.«

Sieben Jahre lang hatte Finn über diese Frage nachgedacht.

»Wir waren kein Beifang«, sagte er.

»Nein.« Sie nickte. »Das waren die

»Das FBI wusste Bescheid. Sie wussten genau, wann und wo wir den Zug abfangen würden. Die naheliegende Frage ist daher …« Er sprach es nicht aus.

»Nun.« Emily legte die Hände auf dem Tisch zusammen. »Es gibt nur ein paar wenige Möglichkeiten. Haben Sie’s ihnen gesagt?«

Er lächelte. »Nein.«

»Nichts in den Protokollen hat vorherige Ermittlungen auch nur angedeutet.«

»Mein Anwalt hat versucht, es anzusprechen, und der Richter hat ihn abgewürgt. Nicht von Belang.«

»In der Tat. Aber die Frage bleibt, und die wahrscheinlichste Möglichkeit – na ja, das haben Sie zweifellos alles durchdacht.«

»Ja.« Sieben Jahre lang.

»Also.« Sie musterte ihn. »Wer?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ihre drei Partner. Einer von denen hat Sie verraten.«

Finn wartete ab, ob sie es aussprechen würde.

»Oder Wes«, fügte sie hinzu.

Sie würde.

»Er wusste es nicht«, sagte Finn. »Ich meine, er wusste, was wir machten – er hat es finanziert, verflucht. Aber ich habe ihm nie gesagt, wo oder wann.«

»Die drei anderen hatten auch keinen Grund«, sagte Emily.

Die Kellnerin legte im Vorbeigehen die Rechnung hin. Der alte Knabe am Tresen fing an, sich mit ihr zu unterhalten – irgendetwas über Rechte, Politik. Meistens redete er.

»Danke fürs Mittagessen«, sagte Finn.

»Wo gehen Sie jetzt hin?«

Er zuckte mit den Achseln. »’n paar alte Freunde besuchen vielleicht. Sie wissen schon. Neuigkeiten austauschen.«

»Aha.« Emily warf ihm einen wissenden Blick zu, als sie aufstanden. »Eins noch.«

»Was?«

Sie sagte eine Telefonnummer auf, die mit 917 begann. »Bitte nicht aufschreiben.«

»Was, wenn ich sie vergesse?«

»Ich habe Ihre Akte gelesen, Finn. Sie vergessen nichts.«

»Wessen Nummer ist das?«

»Meine.« Sie streckte erneut die Hand aus. Diesmal kapierte Finn schneller. Sie hielten den Griff noch ein paar Sekunden, und als sie losließ, blieb das Gefühl von Wärme und Druck in seiner Hand zurück.

»Guten Flug zurück.«

»Ich habe mich etwas gefragt«, sagte Emily.

»Ja?«

»Sie hätten Wes opfern können. Bis zur Verurteilung hätte das wahrscheinlich die sieben Jahre ein Stück verkürzt.«

»Sie haben gefragt.«

Als Finn nichts mehr sagte, nickte Emily. »Rufen Sie mich an, wenn Sie reden wollen.«

»Mit Wes?«

»Mit wem auch immer.« Ihr schräges Lächeln blitzte wieder auf, und sie war weg.

KAPITEL 3

Zwei Tage später stieg Finn aus einem fast leeren GCT-Bus in einen feuchtheißen Morgen in Georgia. Mit Auspuffqualm fuhr der Bus schwerfällig an und verschwand in die Vorstädte von Gwinnett County. Finn gähnte, rieb sich Staub aus den Augen und blinzelte in die strahlende Sonne.

Und runzelte die Stirn.

Soweit er einen Plan hatte, war es nicht weiter kompliziert. Er würde mit Jake reden. Dann mit Asher. Dann mit Corman. Und dann, dachte er sich, würde er es wissen.

Danach gab es verschiedene Möglichkeiten, aber zuerst musste er es wissen.

Um durch die Gegend zu fahren und seine alten Kumpels zu besuchen, brauchte er natürlich Geld. Sein Führerschein war schon lange abgelaufen, es gab keine Verwandten, die noch mit ihm sprachen, die achthundert Mäuse lösten sich schneller in Luft auf, als er mitkam. Wann war alles nur so verflucht teuer geworden? Fünf Dollar für ’ne Tasse Kaffee?

Zum Glück hatte er noch ein Schließfach hier bei der Gwinnett Trust Bank. Das einzige, das die Staatsanwaltschaft nicht gefunden hatte. Aber hier in der anonymen Vorstadt von Atlanta hatte er sechzigtausend Dollar gebunkert. Früher mal war ihm das gar nicht so viel vorgekommen, damals, als er das Drei- oder Vierfache pro Job eingestrichen hatte. Aber jetzt – ein Vermögen.

Das Problem war, dass es die Gwinnett Trust Bank nicht mehr zu geben schien.

Finn runzelte die Stirn.

Das Gebäude war noch dasselbe wie in seiner Erinnerung, Pseudo-Sandstein mit Durchfahrtsschalter. Nur dass auf dem Schild an der Fassade jetzt ›Norcross National Credit Union‹ stand. Erst kürzlich geändert; hellere Stellen in den Fugen zwischen den Steinen zeigten an, wo das frühere, größere Schild gewesen war.

Er zögerte noch einen Augenblick, dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und ging rein.

»Sie müssen sich an die Behörde für nicht in Anspruch genommenes Eigentum wenden.«

Die Bankangestellte war eine Frau etwa in Finns Alter. Sie lächelte bedauernd. »Tut mir leid.«

»Aber – was soll das heißen? Die haben einfach meine Bank dichtgemacht?«

»Vor fast fünf Jahren. Am Freitag kamen die Leute vom Einlagensicherungsfonds, und am Montag stand sie unter staatlicher Insolvenzverwaltung.«

»Das verstehe ich nicht.« Er schaute sich um, durch die Glaswand des winzigen Büros der Frau. »Es sieht alles noch genauso aus. Dieselben Schalter, dieselben Geldautomaten …«

»Wir haben die Gwinnett Trust nicht übernommen.« Sie machte ein ernstes Gesicht. »Niemand wollte sie. Zu klein, zu bankrott. Also mussten die Insolvenzverwalter handeln. Natürlich hat niemand Geld verloren. Sie müssten eine Benachrichtigung erhalten haben – hatten Sie ein Konto bei der Bank?«

»Nur das Schließfach.« Finn war immer noch sprachlos.

»Auch dann. Sie müssen sich mit Ihnen in Verbindung gesetzt haben. Wenn Sie nicht reagiert haben, wurde der Inhalt des Schließfachs an den Staat weitergeleitet.«

Natürlich hatten sie sich nicht bei ihm melden können, da er einen falschen Ausweis benutzt hatte. Er wollte schon die Hände vors Gesicht schlagen, hielt aber inne.

»In Georgia wurden mehr Banken geschlossen als in jedem anderen Staat.« Der Frau war Bedauern anzuhören. »Aber ich muss sagen, für Genossenschaftsbanken war es gut. Wir haben diese Zweigstelle eröffnet, nachdem Gwinnett Trust schließen musste.«

»Und Sie meinen, Georgia gibt mir mein Geld zurück?«

»Ja, gewiss. Es gibt eine richtige Einspruchswelle. Sie haben natürlich gewisse Rücklagen, wie ich hörte. In etwa achtzehn Monaten müssten Sie alles zurückbekommen können.«

Finn starrte sie an. »Eineinhalb Jahre?«

»Mehr oder weniger. Wie gesagt, sie sind im Augenblick etwas überfordert.«

»Aber ich brauche mein Geld jetzt!«

»Es tut mir leid.« Sie wirkte unbeeindruckt. Vermutlich musste sie den ganzen Tag lang mittellosen, obdachlosen ehemaligen Angehörigen des amerikanischen Mittelstandes schlechte Nachrichten verkünden. »So läuft das nun mal.«

Draußen blieb er mit dröhnenden Kopfschmerzen in der Hitze stehen.

Und dachte nach.

Er brauchte eine halbe Stunde, um ein Münztelefon zu finden, ein verbeultes Relikt vor einer Reinigung in einem heruntergekommenen Einkaufszentrum. Der schwarze Hörer, der in der Sonne gehangen hatte, war fast zu heiß, um ihn halten zu können. Er musste drei Vierteldollar einwerfen, bevor er widerwillig ein Freizeichen von sich gab.

Finn konnte sich mühelos an die Nummer erinnern, aber er zögerte und ließ die Hand einen Moment lang über dem Haken hängen. Verzweifelte Leute geben die miesesten Partner ab, hatte er zu Emily gesagt.

Eigentlich neigten sie dazu, falsche Entscheidungen zu treffen, Punkt. Doch vor seinem geistigen Auge stieg das Bild ihres Gesichts auf.

Er wählte und wartete auf das Klingeln.

KAPITEL 4

Gegen 14 Uhr, zur üblichen Zeit, lief Kayo, das Frühstück in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen, bei der Arbeit ein. Der Pfannkuchen war um Sirup, Puderzucker und Orangenschnitze gerollt, wofür Millz ihm, wie er wusste, die Hölle heiß machen würde, aber scheiß drauf. Millz mampfte gewöhnlich einen Churro, und was war das, frittierter Teig, oder? Genau dasselbe.

»Yo.« Millz war schon in der Port Authority. Es war ein typischer Novembertag – feucht, kalt, Schneeregen –, und sie hatten bestimmt nicht vor, draußen herumzustehen. Kayo war es so oder so ziemlich egal, und er hatte eine gute Jacke. Blau-schwarz, irgend so ’n wasserdichter Bergsteigerscheiß; wenn er es mal satthaben sollte, Bauernjungs aus der Provinz abzuzocken, konnte er glatt Sherpa am K2 werden. Aber der springende Punkt war, dass bei drei Grad im Regen nur die total Abgefuckten zu kaufen bereit waren, ganz abgesehen davon, dass das ganze Zeug nass wurde. Besser drinnen und im Trockenen.

»Hat dir Nico schon die neuen Karten besorgt?«, fragte Kayo.

Millz zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Is egal, schätz ich mal.« Falsche U-Bahn-Karten verkaufte man natürlich draußen vor der Station, nicht drinnen. Kein Geschäft heute.

Kayo aß seinen Pfannkuchen auf und warf die Alufolie in einen massiven, bombensicheren Abfalleimer. Sie schlenderten durch die Gänge, um sie her Menschenmassen: Studenten mit Instrumentenkoffern, Angestellte in klammen Leinenjacken, Geschäftsleute mit polierten Schuhen. Kaum jemand trug noch einen Anzug. Das Land ging vor die Hunde.

In der Haupthalle trennten sie sich. Kayo fand einen Engpass im Menschenstrom, wo die Menge langsamer wurde, um um eine Ecke zu biegen. Dort stellte er sich auf und begann mit seinem leisen, monotonen Singsang, gerade laut genug, damit man es hören konnte, wenn man wollte: »Oxi, Silver Star, Hydro. Gras? Habe Oxi …«

Nicht dass er wirklich irgendetwas davon hatte. Wenn einer so blöd war, ’nen Zwanziger rüberzuschieben, nickte er voll agentenmäßig Millz über die Halle hinweg zu, und Millz drückte ihm dann nur zu bereitwillig ein Beutelchen mit Katzenminze oder zwanzig gefaketen Amphetaminpillen in die Hand. Da konnte man nicht viel Geld verlieren, und obwohl auch nicht viel zu verdienen war, landete man meistens nicht auf Rikers Island.

Das Geschäft lief schleppend. Der Nachmittag zog sich.

Millz kam herüber, teilte die Menge. Er war groß und breit gebaut und sah schwerfällig aus, und die Leute gingen ihm lieber aus dem Weg.

»Scheiße«, sagte er.

»Genau.« Kayo nickte. »Vielleicht geh’n wir mal raus die Busse checken, hm?«

Sie gingen rüber und beobachteten die Eingänge. Ihr Glück musste sich gewendet haben. Fünf Minuten, und sie sahen den Kerl im gleichen Moment.

»Gerade ist Washington reingekommen«, sagte Millz.

»Muss nicht unbedingt dort eingestiegen sein.«

Der Mann war mittelgroß, stoppelbärtig und trug eine offensichtlich neue braune Hose und ein kurzärmeliges weißes Hemd. Zu leicht gekleidet für die Stadt im November. Er hatte einen kleinen Plastikbeutel und eine Flasche Wasser bei sich. Er schaute sich um, betrachtete den Bussteig, die Reklame, die Menschenmassen und das Gedränge, zögerte und ging dann weiter.

Sie folgten.

Tief im unterirdischen Labyrinth der Port Authority machte er bei einem Souvenirladen halt und kaufte eine Windjacke mit Giants-Emblem und eine billige Baseball-Kappe. Das Geld lose in der linken Hosentasche, merkte sich Kayo. Ein paar Worte mit dem Verkäufer, der den Gang runterzeigte.

Aber nicht Richtung Ausgang. Weiter rein und noch eine Ebene tiefer.

»Das wird leicht«, sagte Millz.

Zwanzig Meter vor ihnen betrat der Mann eine Toilette. Millz und Kayo standen eine Minute lang an der Tür, die sie nicht versperrten, aber doch so, dass jeder, der vielleicht plötzlich pinkeln wollte, unauffällig abgeschreckt wurde. Wobei in dieser Toilette ohnehin nicht viel los war. Die Toiletten für Touristen waren oben, und sie waren sauber und glänzten.

Die hier war mehr eine … Geschäftsstelle für die Schattenwirtschaft.

Drinnen putzte sich der Mann am Waschbecken die Zähne. Putzte sich die Zähne! Kayo unterdrückte ein Lachen. Er schaute sich um. Die Kabinen hatten alle keine Türen mehr. In einer pennte ein Typ mit einem Koffer im Arm, der mit einer Plastikschnur zugebunden war.

Millz ging nach links, Kayo nach rechts, und zwei Meter hinter dem Mann blieben sie stehen. Er sah sie in dem Metallspiegel, spuckte aus, spülte die Bürste ab und drehte sich um. Die Plastiktüte ließ er auf dem Beckenrand stehen.

»Wie geht’s?« Kayo grinste breit.

»Nein.«

»Hast’e mal ’ne Zigarette?«

Der Mann schaute ihn an, und Kayo runzelte leicht die Stirn. Der Typ zeigte keine Spur von Angst, stand einfach ganz entspannt da.

»Wie wär’s dann mit ’nem Dollar.« Es war keine Frage.

»Nein.«

Der Moment dehnte sich. Der Schlafende regte sich und scharrte mit seinem Koffer an der Kabinenwand. Keiner schaute zu ihm hin.

»Okay«, sagte Millz und trat einen Schritt vor.

Aber Kayo hob die Hand. »Wart mal.«

Millz hörte den Tonfall und blieb stehen. »Was?«

»Schau dir seine Hand an.«

Der Mann hielt immer noch seine Zahnbürste, aber umgedreht: den Griff nach vorne, den Daumen an der Seite, die Spitze ragte aus seiner Faust. Er schaute zwischen ihnen hin und her, fing an zu lächeln. Kayo betrachtete seine Füße, sah einen vorne, einen ein Stück zurückgesetzt und nach außen gedreht, die Knie leicht gebeugt.

Von Nahem wirkte er auch gar nicht so klein. Hochgewachsen. Ziemlich muskulös.

Kayo nickte. »Zahnbürste«, sagte er.

»Hm-hm.«

»Haste schon öfter so benutzt, stimmt’s?«

Millz knurrte. »Was quatscht ’n ihr da für ’n Scheiß?«

Der Mann blickte in seine Richtung, dann wieder zu Kayo. »Eigentlich nicht«, sagte er. »Hatte keine Zeit, die hier anzuspitzen.«

Jemand kam hinter ihnen herein, machte kehrt und verschwand sofort wieder. Vom Gang draußen hallten Schritte und Gepolter von den alten Kacheln wider. Kayo schlug die Arme übereinander.

»Wo?«, sagte er.

Der Mann zuckte mit den Achseln. »New Mexico.«

»Bundesknast?«

»Staatlich.«

»Gerade rausgekommen?« Nach einem Nicken: »Und was machst du hier?«

»Bin zum Big Apple gekommen, um mein Glück zu machen.«

Kayo entschied sich. Er wandte sich zu Millz um und sagte: »Ist die Sache nicht wert.«

Millz rührte sich nicht. »Scheiß drauf.«

»Was meinst du, was er dabeihat? Fünf Dollar, wette ich.«

»Sechs«, sagte der Mann. Er wirkte amüsiert. »Und Kleingeld. Dreiundzwanzig für ’n Kapuzenpulli? Das ist doch Wegelagerei.«

»Er hat allerdings die Kappe draufgelegt.«

Zum ersten Mal schien der Mann beeindruckt. »Du hast zugesehen.«

Millz schaute Kayo an. »Der Drecksack weiß Bescheid.«

»Egal.« Er trat ein paar Schritte zurück. »Wir lassen dich in Ruhe.«

»Danke.« Immer noch ruhig und entspannt. »Ich dachte, sie hätten die Stadt aufgeräumt. Zerbrochene Schaufenster und so? Soll keine Beleidigung sein, aber ihr Jungs seid, na ja, 1978.«

»Man schlägt sich so durch. Einfach so.« Kayo grinste noch einmal. »Wie jeder.«

Doch ehe sie aus der Tür waren, rief der Mann ihnen hinterher. »He.«

Kayo schaute zurück. »Ja?«

»Vielleicht könnt ihr mir ja den Weg zeigen. Als Begrüßungskomitee oder so.«

Millz knurrte, aber Kayo war nicht beleidigt. Jemanden, der so selbstsicher war, musste man einfach mögen. »Was brauchst du? Eintrittskarten? Restaurantreservierung? Kutschfahrt im Park?«

»Sechs Mäuse, wie gesagt. Dafür bekomm ich kein Zimmer im Plaza.« Er steckte die Zahnbürste ein. »Könnt ihr irgendwas empfehlen?«

KAPITEL 5

Das Fahrzeug war ein Land Rover – einer von den alten, in Militärgrau lackiert. Runde Scheinwerfer zwischen überdimensionalen Radkästen. Wie einer aus einem Bericht in National Geographic aus den 60er Jahren, der durch die Sahel ratterte und Oryxe und Gazellen auseinandertrieb.

Aber der hier war auf der East 41st und fuhr gerade vor Finn rechts ran. Elf Uhr am Samstagmorgen. Aus der Nähe konnte er sehen, dass er tadellos gepflegt war: die Lackierung glatt und makellos, die Fenster dunkel getönt wie Obsidian. Der Ersatzreifen auf der Kühlerhaube war fabrikneu und von jedem möglichen Fleck befreit, selbst im Reifenprofil.

Der Rover war genauso echt wie eine antike lederne Bomberjacke für zehn Riesen.

Eine Hand am Steuer, beugte Emily sich herüber und stieß die Beifahrertür auf.

»Guten Morgen.«

»Danke.« Finn stieg ein. Die Sitze sahen original aus, steif und gerade, waren aber mit weichem Leder bezogen. »Hübsches Gefährt.«

Sie lachte. »Es gehört ihm.«

»Sieht allerdings nicht so aus, als würde er damit wirklich auf Safari gehen.«

»Zweihundertvierzigtausend Dollar und Sondernachbau? Wohl eher nicht, schätze ich.«

»Nett, dass er Ihnen die Schlüssel gibt.«

»Ich bin eine vorsichtige Fahrerin.«

Sie sah so gut aus wie in Finns Erinnerung. Ein warmer, hellblauer Pullover, schwarze Hose, eng wie eine Strumpfhose, locker umgelegter dunkler Schal.

»Wo fahren wir hin?«

»Long Island.« Sie schaute ihn an, dann rückte sie ihre Sonnenbrille wieder zurück und widmete ihre Aufmerksamkeit der Straße. »Er zieht es vor, nicht aufzufallen.«

»In dem Ding hier?«

Der Land Rover beschleunigte mit lautem und nicht sehr rundlaufendem Motor in den Verkehr. Totalüberholt vielleicht, aber trotzdem original. »Sie werden sehen.«

Was immer Wes wollte, es würde auf der falschen Seite des Gesetzes sein. Andererseits brauchte Finn Geld. Wie dem auch sei, vielleicht fühlte Wes sich ihm ja irgendwie verpflichtet. Vielleicht würde er ihm einen Aktenkoffer voller Geld anbieten, um ihn für die sieben Jahre seines Lebens zu entschädigen, die er verloren hatte.

Ganz bestimmt.

Emily bog in die Second Avenue ab. Leichter Verkehr, aber es war Wochenende. Kalter Oktobersonnenschein.

»Wo wohnen Sie?«, fragte sie.

»Bei Freunden.«

»Das ist gut.«

In Wirklichkeit war er ins Bellevue-Nachtasyl eingezogen, kurz bevor es am Abend schloss. Kayo – so hieß der Möchtegernstraßenräuber – hatte ihm den Weg beschrieben. Es hörte sich an, als würde er den Laden besser kennen, als er zugab. Die Einrichtung war riesig und verdreckt, die Aufnahmeprozedur zog sich, die Masse der Männer war eindeutig ungewaschen. Sein Bett war sauber und erstaunlich bequem, aber man hatte zwanzig Betten in einen Raum geschoben, der Platz für die Hälfte bot, und der Typ neben ihm hatte die ganze Nacht unablässig gehustet.

»Was genau arbeiten Sie für Wes?«, fragte er. »Außer dass Sie seine Autos fahren?«

»Hmm.« Als sei das eine schwere Frage.

»Anlagemanagement? Buchhaltung?«

Sie dachte nach. »Sagen wir, äh … Leitende Konformitätsmanagerin.«

»Was? Konformität mit Gesetzen und Vorschriften?« Wes war so etwas ganz gewiss egal – vielleicht musste er jemanden beschäftigen, der sich darum kümmerte.

»Nicht ganz.« Sie fädelten sich in eine Schlange von Autos ein, die alle vor der Einfahrt zum Midtown Tunnel vom Gas gingen. »Ich sorge eher dafür, dass die Wirklichkeit mit Wes’ Wünschen konform geht. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Im Tunnel nahm ihr Tempo wieder zu. Der Land Rover war laut, die Federung hart. Finn lehnte sich in dem steifen Sitz zurück und versuchte, es sich bequem zu machen. Als sie einige Minuten darauf wieder ans helle Tageslicht kamen, schloss er die Augen.

Die Fahrt dauerte fünfzig Minuten auf der 495 auswärts und dann auf einer Reihe kleinerer, aber gut asphaltierter, schneller Straßen nach Süden. Vom Schnurren des Rovers und den Fahrtgeräuschen eingelullt, döste Finn ein. Emily schien kein Bedürfnis nach Unterhaltung zu haben.

Als sie langsamer wurden, nach rechts abbogen und anhielten, wurde Finn wieder wach und streckte sich in seinem Sitz. Eine Ampel, rot. Es war eine Vorstadtgegend mit großen Häusern mit Rasen, die von Baumgruppen verdeckt wurden. An der nächsten Ecke eine Tankstelle und die Filiale einer Coffeeshop-Kette. Emily hielt sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit und blickte ein-, zweimal auf ihr Handy.

»Da drüben«, sagte sie. Sie fuhren auf eine Anhöhe, wo sie langsamer fuhr, um die Schilder zu lesen.

»Nein«, sagte Finn. »Echt?«

»Ja.«

Es war ein Krankenhaus. Ein großes, geschäftiges. Das Hauptgebäude war sechsstöckig und hatte auf beiden Seiten neuere Anbauten und dahinter noch mehr Büroraum. Die Einfahrt zur Notaufnahme lag links unter einer breiten Kolonnade, in der Nähe parkten zwei Krankenwagen. Der Haupteingang befand sich gegenüber, davor ein ausgedehnter Parkplatz.

»Okay«, sagte Finn. »Wie krank ist er?«

Emily lachte. »Überhaupt nicht.«

Sie fuhr nicht auf den Hauptparkplatz, sondern den anderen Weg zu einem Ausweichplatz über der Straße. Er lag auf einem kleinen Hügel, abgetrennt durch eine Baumgruppe, die zweifellos die Blicke aus benachbarten Grundstücken abhalten sollte. Emily fädelte sich in eine Parklücke am anderen Ende ein, die mit Blick direkt auf das Krankenhaus darunter im Schatten einer Hecke lag.

»Es ist eine Benefiz-Straßenrallye«, sagte sie. »Reiche Menschen, die schicke Autos über einen Drei-Stunden-Kurs steuern. Und hier ist Schluss.«

»Rechnen sie mit Verletzten?« Aber als Finn den Platz näher in Augenschein nahm, sah er, dass die Hälfte der Plätze mit Absperrkegeln und Leuchtstreifen abgesperrt war. Eine mobile Markise beschirmte einen langen Tisch und ein Dutzend Stühle. Aus zweihundert Metern Entfernung waren die Einzelheiten schwer zu erkennen, aber etliche Personen standen herum, die sich miteinander unterhielten oder auf ihre Handys starrten.

»Es ist eine Spendenaktion für das Krankenhaus, was sonst?«

»Aha. Und Wes fährt mit?«

»Er müsste bald hier sein. Sie sind um zehn Uhr von Jones Beach abgefahren.«

Finn rechnete nach. »Ich dachte, Sie sagten, es sei eine Drei-Stunden-Strecke. Ein Rennen ist das nicht, oder?«

»Nein.« Emily prüfte ihr Handy. »Trotzdem, Wes hasst es zu verlieren.«

»Aber wenn es kein Rennen ist …«

»Und da ist er nicht der Einzige.«

In der Ferne sah er Lichter aufblitzen. Ein Krankenwagen auf einer Anhöhe eine halbe Meile weit weg, aus der Entfernung kaum mehr als ein stroboskopisches Blitzen. Notfallotfall fürs Krankenhaus.

»Eine Spendenaktion«, sagte Finn. »Wie viel spendet Wes?«

»Gar nichts, schätze ich.«

Wenig überraschend. »Und wie funktioniert das?«

»Tausend Dollar pro Auto. Aber Wes sitzt im Vorstand.« Emily schaute zu ihm herüber. »Wohltätigkeit ist für ihn eher etwas Theoretisches, wissen Sie?«

»Ich werd’s mir merken.«

Als der Krankenwagen näher kam, erschien dahinter ein Auto – ein glänzender silberner Klecks dicht über dem Boden. Der Wagen fuhr auf die rechte Seite, um zu überholen, doch die asphaltierte Straße war schmal, und in der Mitte verliefen deutliche gelbe Streifen.

»Holla.« Emily hörte sich erstaunt an. »Das ist nicht Wes.«

Unversehens scherte der silberne Wagen aus und bescheunigte an dem Krankenwagen vorbei. Finn versuchte das Tempo zu schätzen – hundert, hundertzwanzig Sachen? Langsam für den Indie 500, aber viel zu schnell für …

»Da.«

Ein zweites Auto schoss rechts an dem Krankenwagen vorbei. Es gab auf dieser ländlichen, halb privaten Straße nicht einmal eine Standspur, nur einen etwas breiteren Streifen hinter einer weißen Linie.

Der völlig überrumpelte Fahrer riss den Krankwagen nach links und gleich wieder zurück, als die Hupe des silbernen Wagens aufheulte. Einen Augenblick lang waren alle drei Fahrzeuge auf gleicher Höhe und rasten mit dem Dreifachen des erlaubten Tempos auf das Krankenhaus zu.

Das silberne Auto zog vorbei und wollte wieder auf seine Spur zurück. Das rote hupte nun auch und schloss auf. Der Krankenwagen bremste scharf, kam mit quietschenden Reifen ins Schlingern und fiel zurück, während die beiden anderen Fahrzeuge vor ihm die Lücke schlossen.

»Junge«, murmelte Finn.

Ein Zwei-Sekunden-Angsthasenspiel. Das silberne Auto war eine Länge voraus, doch das rote fuhr schneller.

Vor ihnen eine Kreuzung, eine Ampel und ein sich nähernder weißer SUV. Der Krankenwagen setzte seine gesamte Breitseite an Soundeffekten ein: Sirene, Hupe, Signalhörner. Die beiden Sportwagen schossen im Zentimeterabstand über die Kreuzung, während der SUV eine Vollbremsung hinlegte.

Das silberne Auto kapitulierte, wurde langsamer und fiel zurück.

Fünf Sekunden später bog das rote Auto, immer noch weit über zulässige Höchstgeschwindigkeit, in die Endkurve ein. Finn hörte, wie Emily nach Luft schnappte. Im letzten Moment leuchteten die Bremslichter auf, und der Wagen rutschte kreischend in einer langen Drehung irgendwie zentimetergenau durch die Einfahrt zum Krankenhausparkplatz. Zweihundert Meter rauchender Gummi.

Und dann blieb er genau vor dem ersten orangefarbenen Kegel stehen. Sekunden später bog der silberne Wagen ein, immer noch zu schnell, aber vorsichtiger, und hielt daneben. Alle auf dem Platz drehten sich um, alle Gespräche verstummten.

Hinter ihnen bog der Krankenwagen mit ausgeschalteter Sirene in die Schleife vor der Notaufnahme ein.

»Wes, stimmt’s?«, sagte Finn. »In dem roten Auto.«

»Das ist ein Lamborghini.«

»Natürlich.«

Emily lachte und zückte ihr Handy. »Ich gebe ihm Bescheid, dass wir hier sind.«

KAPITEL 6

Finn musste auf den Rücksitz des Land Rover, der noch enger und unbequemer war als der vorne. Emily blieb hinter dem Steuer. Wes zog die Tür zu und drehte sich halb um.

Er sah noch genauso aus wie früher, fand Finn, selbst nach sieben Jahren: breite Schultern und eisengraue Haare in einem altmodischen Bürstenschnitt, ein elegantes graues Jackett über einem weißen Button-down-Hemd. Er trug noch seine Autohandschuhe.

»Finn.« Über die Sitze hinweg schüttelten sie sich umständlich die Hände. »Gut siehst du aus. Echt gut.«

»Gesunde Lebensweise und Sport.«

»Wie war’s da drin? Man sieht so einiges im Fernsehen. Im Internet.«

Finn zuckte leicht mit den Achseln, sagte nichts.

»Egal, tut mir leid, dich den ganzen Weg hier heraus zu holen«, sagte Wes, dem kein Bedauern anzusehen war. »Ist immer besser, ungestört zu reden.«

»D

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