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Das Geheimnis des Märchenprinzen

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Königliche Gesetze des Hauses Rinaldi

I .

Der Herrscher von San Rinaldi gilt seinem Volk als Vorbild und bürgt für tugendhaftes Verhalten . Wer die Monarchie durch unmoralisches Verhalten in Verruf bringt, ist von der Thronfolge ausgeschlossen .

II.

Kein Mitglied der Königsfamilie darf ohne Zustimmung des Regenten heiraten.

III.

Jede Eheschließung, die den Interessen von San Rinaldi entgegen steht, ist verboten. Jeder Verstoß gegen diese Vorschrift führt zum unmittelbaren Ausschluss aus der Thronfolge sowie zur Aberkennung sämtlicher Ehren und Privilegien.

IV.

Kein Herrscher von San Rinaldi darf eine geschiedene Frau heiraten.

V.

Zwischen blutsverwandten Mitgliedern des Königshauses darf keine Ehe geschlossen werden.

VI.

Der Unterricht aller Familienmitglieder wird durch den König geregelt. Die Eltern haben für die Umsetzung der Anweisungen zu sorgen.

VII.

Kein Mitglied des Königshauses darf sich verschulden.

VIII.

Kein Mitglied der Königsfamilie darf ohne Einwilligung des Königs finanzielle Zuwendungen oder Erbschaften annehmen.

IX.

Der Herrscher von San Rinaldi muss sein Leben seinem Land widmen und darf daher während seiner Regentschaft keinen eigenen Beruf ausüben.

X.

Die Mitglieder des Königshauses müssen ihren Wohnsitz auf San Rinaldi haben. Im Einzelfall kann der König gestatten, dass ein Familienmitglied in ein anderes Land zieht. Der Herrscher selbst muss jedoch im Palast auf San Rinaldi leben.

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Das Königshaus Rinaldi

Eine der reichsten königlichen Familien der Welt – vereint durch Blut und Leidenschaft, zerrissen durch Verrat und Begierde, unterworfen den strengen Regeln der Rinaldis

Aus blauen Fluten, umweht vom Duft der Zitronen- und Orangenbäumen, ragt majestätisch eine Insel empor: San Rinaldi, die Perle des Mittelmeers. Gesegnet mit einzigartig schöner Natur, üppiger Vegetation und reichen Ernten, wird das idyllische Eiland seit vielen Jahren von König Giorgio aus dem Geschlecht der Fierezzas beherrscht. Schon seit dem Mittelalter lenkt seine Familie die Geschicke der Insel, machte sie zu einem florierenden Handelsplatz und gelangte so zu unermesslichem Reichtum – Reichtum, der zu allen Zeiten zu Neid, Intrigen, Verrat und Auseinandersetzungen führte.

Auseinandersetzungen und Probleme stehen auch König Giorgio ins Haus. Besorgt beobachtet man im Palast von San Rinaldi, dass es dem neunzigjährigen Monarchen gesundheitlich immer schlechter geht.

Doch wer soll nach dem tragischen Tod der beiden Kronprinzen das Erbe der Rinaldis antreten?

König Giorgio muss seine Wahl treffen unter den Prinzen und Prinzessinnen der Dynastie. Kein leichtes Unterfangen! Denn wer den Thron von San Rinaldi besteigen und über das blühende Inselreich herrschen will, muss sich entscheiden, ob er sich den strengen Gesetzen des Hauses Rinaldi unterwirft – oder der Stimme seines Herzens folgt und statt der Krone die Liebe wählt ...

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1. KAPITEL

Nur weil sie so schrecklich spät dran war, hatte sie sich überhaupt für eine Abkürzung entschieden. Auf dem Weg zu dem letzten Krankenbesuch des Tages war Amelia über den Zaun des Nachbargrundstücks geklettert. Und nun hing sie fest und versuchte verzweifelt, sich von Brombeerranken zu befreien.

„Sieh mal an“, sagte eine tiefe Männerstimme hinter ihr. „Es stimmt also doch, dass sich Elfen im Garten verstecken.“

Vorsichtig drehte Amelia den Kopf, hielt sich krampfhaft auf dem Zaun fest und blickte auf den hochgewachsenen Mann hinunter, der sie amüsiert betrachtete.

Mit der dunklen Haut, dem dichten schwarzen Haar und den tiefbraunen Augen wirkte er südländisch wie alle Inselbewohner. Allerdings sprach er nicht wie alle anderen Italienisch. Amelia war nicht sicher, ob er einen amerikanischen oder britischen Akzent hatte. Die obersten Knöpfe des Hemdes standen offen, sodass sie ziemlich viel von der gebräunten muskulösen Brust sah.

„Ist das vielleicht Ihr Garten?“, fragte sie und bemühte sich vergeblich, den Rock aus den Dornenranken zu befreien.

„Nein“, erwiderte er lächelnd. „Ich habe das Haus nur für einige Wochen gemietet. Der Vermieter hat mir allerdings nichts von den hübschen Überraschungen erzählt, die man hinten im Garten findet. Vielleicht hätte er mehr Miete verlangen sollen. Ich hätte sie jedenfalls gern gezahlt.“

Amelia merkte, dass sie rot wurde, und zupfte erneut am Rock, der sich aber kaum bewegen ließ.

Daraufhin lächelte der Fremde noch vergnügter, zeigte dabei makellos weiße Zähne und ließ den Blick langsam über Amelias zierlichen Körper gleiten. „Ich habe mich vorhin vermutlich geirrt“, meinte er. „Sie sind keine Elfe, sondern wohl eher ein Kobold.“

„Genau genommen bin ich Krankenschwester und arbeite in der städtischen Klinik“, erklärte sie und zwang sich, ruhig zu bleiben. „Und ich hätte schon vor einer halben Stunde bei einer betagten Patientin hier in der Nähe sein müssen. Übrigens – würden Sie oder Ihr Vermieter diesen Garten besser pflegen, wäre ich gar nicht hängen geblieben!“

Der Mann verschränkte die Arme vor der breiten Brust und amüsierte sich offenbar blendend. „Und hätten Sie nicht unbefugt ein fremdes Grundstück betreten, wären Sie nicht in die Brombeerbüsche geraten“, sagte er und hob tadelnd den Zeigefinger.

Mit einem eisigen Blick strafte Amelia ihn und zerrte erneut an ihrem Rock. Nur erreichte sie damit lediglich, dass der Fremde ihren Schenkel noch besser begutachten konnte.

„Wenn Sie noch stärker an Ihrem Kleid ziehen, werde ich bestimmt bis in die Haarspitzen rot“, warnte er.

Dass sie das schon war, wusste sie. Noch nie im Leben war sie dermaßen verlegen und gleichzeitig zornig gewesen. „Würden Sie mich bitte allein lassen, damit ich mich befreien kann?“, fauchte sie den unverschämten Mann an. „Im Moment lege ich keinen sonderlichen Wert auf Publikum.“

Er hielt sich die Augen zu und versprach: „Ich werde bestimmt nicht blinzeln.“

Seufzend beschäftigte sie sich abermals mit der Kleidung. Überdeutlich spürte sie den Blick der dunklen Augen zwischen gespreizten Fingern auf sich gerichtet. Endlich bekam sie ein Stück Stoff frei und drehte sich, um den Rock auch von einem Nagel im Zaun zu lösen.

„Darf ich jetzt gucken?“, fragte der Fremde.

„Nein“, zischte sie, zog und zerrte. Plötzlich knirschte es. Ehe sie begriff, wie ihr geschah, kippte sie vom Zaun und landete mit einem gedämpften Aufschrei in den ausgestreckten Armen des Mannes.

„Toll“, sagte er lachend. „Offenbar habe ich meine Ausstrahlung noch nicht verloren. Und ich dachte schon, mir würde nie wieder eine Frau in die Arme sinken.“

Hastig zog Amelia sich die Stofffetzen des Rocks über die Schenkel, wobei ihr Gesicht förmlich glühte. „Lassen Sie mich bitte herunter“, verlangte sie so kühl, wie sie angesichts ihres heftigen Herzklopfens konnte.

Das Gesicht des Mannes war ihrem so nahe, dass ihr Blick sich in seinen dunklen Augen verlor. Ein oder zwei Tage nicht rasiert, duftete der Fremde jedoch nach einem verführerischen Aftershave, und sein Körper strömte eine unwiderstehliche Wärme aus.

Behutsam stellte er sie ab und ließ sich dabei bewusst viel Zeit. „Drehen Sie sich um, damit wir uns den Schaden ansehen können“, verlangte er.

Sie stand wie erstarrt da. Erstens fühlte sie einen frischen Lufthauch an Stellen, die eigentlich bedeckt sein sollten. Zweitens trug Amelia obendrein heute ihren ältesten Slip.

„Was ist denn?“, fragte er, folgte ihrem besorgten Blick zum Zaun und pfiff durch die Zähne. „Oh“, murmelte der Fremde.

Amelia seufzte, während er die Rückseite des Kleidungsstücks vom Zaun löste und damit zu ihr zurückkehrte.

„Sie brauchen vermutlich Nadel und Faden“, stellte er vergnügt fest.

„Schon gut“, erwiderte sie misslaunig, wich ein Stück zurück und versuchte, das lose Stück Stoff unter den elastischen Bund des Rocks zu schieben.

„Soll ich Ihnen über den Zaun helfen?“

„Nein, danke. Ich nehme jetzt doch lieber den Weg um das Grundstück herum.“ Nachdem Amelia tief durchgeatmet hatte, umfasste sie mit der einen Hand den Gummizug, griff mit der anderen nach ihrer Tasche, nahm den letzten Rest an Würde zusammen und ging weiter.

„Hey, Sie haben mir Ihren Namen nicht verraten“, rief der Mann ihr nach. „Sind Sie vielleicht doch eine gütige Fee?“ Amelia drehte sich noch einmal um und wies ihn mit einem Blick zurecht. „Sie brauchen meinen Namen nicht zu wissen, da ich hier ganz sicher nie wieder vorbeikommen werde.“

„Eigentlich schade“, meinte er fröhlich. „Ich hätte wirklich liebend gern meine ganz persönliche Elfe zum Spielen.“ Augenblicklich stürmte Amelia davon. Noch auf dem letzten Wegstück zu Signora Gravanos Haus hörte sie das leise Lachen des Fremden.

„Sie sehen aus, als wären Sie durch eine Hecke gekrochen“, stellte die alte Signora Gravano fest, während sie Amelia in das hübsche kleine Haus eintreten ließ.

„Genau das habe ich gemacht“, erwiderte Amelia und betrachtete ihren zerrissenen Rock, der wenigstens hielt und nicht herunterrutschte.

„Haben Sie wieder die Abkürzung genommen?“

„Ja, leider. Dabei bin ich dem neuen Mieter begegnet“, fügte Amelia hinzu.

„Ach, dem Professor. Er ist heute Vormittag eingezogen.“

„Professor?“, fragte Amelia überrascht.

„Ein australischer Arzt“, erklärte Signora Gravano. „Haben Sie noch nicht von ihm gehört? Dr. Alex Hunter wurde nach San Rinaldi geholt, um den herzkranken König zu untersuchen. Gemeinsam mit der Belegschaft des Allgemeinen Krankenhauses wird der Doktor eine neue Behandlungsmethode einführen.“

„Er sollte doch erst Ende nächster Woche eintreffen“, erwiderte sie und fasste sich an die Brust, in der ihr Herz schlug, als würde sie dringender als jeder Patient ein EKG brauchen. Hastig wusch Amelia sich die Hände, um den Schock zu überspielen, und griff nach einem Handtuch.

„Wahrscheinlich ist er früher gekommen, um vor der Arbeit noch den Frühling bei uns zu genießen“, meinte die alte Dame und setzte sich. Einen Fuß stellte sie auf ein Bänkchen, damit Amelia ihn untersuchen konnte. „Ist schon sonderbar, meinen Sie nicht auch?“

„Was ist sonderbar?“

„Dass er so südländisch aussieht, als würde er aus San Rinaldi stammen.“

Amelia griff nach ihrer Tasche und holte Verbandszeug heraus. „Ich konnte seinen Akzent nicht einordnen. Ich hätte ihn eher für einen Briten gehalten.“

„Ach, wissen Sie, der Mann ist sehr gebildet. Bestimmt hat er bei Kongressen auf der ganzen Welt Vorträge über seine neue Operationstechnik gehalten. Durch die vielen Reisen hat sich sein Akzent vermutlich verändert.“

„Und weshalb mietet er dann dieses heruntergekommene Haus hinter Ihrem Grundstück?“, fragte Amelia. „Wäre er wirklich ein so toller Arzt, würde er doch bestimmt lieber in Santa Fiera wohnen. Dort hätte er Kasinos, teure Hotels und schicke Restaurants.“

„Wahrscheinlich will er nahe beim Krankenhaus sein, und vielleicht gefällt ihm auch der ländliche Teil der Insel besser. Außerdem bleibt er nur ungefähr einen Monat, und das Haus ist gar nicht schlecht. Nur der Garten müsste in Ordnung gebracht werden.“

Das mit dem Garten stimmt allerdings, dachte Amelia. Dass ein hoch angesehener Herzspezialist mit Harke, Spaten und Schubkarre hantierte, konnte sie sich aber kaum vorstellen.

„Wie finden Sie ihn denn?“, fragte Signora Gravano.

Behutsam löste Amelia den alten Verband vom Bein der Patientin. „Wie ich ihn finde? Na ja, also … ich …“

Die Signora lächelte wissend. „Er sieht gut genug aus, dass eine Frau Herzklopfen bekommt, nicht wahr? Wie gut, dass er Kardiologe ist. Vermutlich hinterlässt er überall, wo er auftaucht, gebrochene Herzen.“

„Mich betrifft das ganz sicher nicht“, behauptete Amelia und versuchte, nicht an die starken Arme und die breite Brust zu denken, die sie gestützt hatten.

„Sie waren zu lange bei den Nonnen“, behauptete Signora Gravano lachend. „Meiner Meinung nach war es nicht richtig, dass Sie nach dem Tod Ihrer Mutter ins Kloster gegangen sind. Und Sie sind zu jung, um sich den Kranken zu opfern. Sie brauchen ein eigenes Leben, Kindchen!“

„Das habe ich doch.“

Missbilligend schüttelte die alte Dame den Kopf. „Das nennen Sie ein Leben? Sie wohnen da oben in den Bergen wie eine arme Bäuerin und räumen hinter Ihrem Vater und Ihren Brüdern her. Dabei sollten Sie ausgehen, tanzen und Spaß haben wie andere Leute Ihres Alters. Sie arbeiten zu hart, viel zu hart.“

„Damit ist jetzt Schluss“, versicherte Amelia. „Morgen trete ich eine neue Stelle an. Der König braucht an zwei Tagen in der Woche eine Privatschwester, und ich wurde dafür ausgesucht. Die Arbeit passt perfekt zu meiner Tätigkeit im häuslichen Pflegedienst. Die Schichten im Allgemeinen Krankenhaus kann ich trotzdem wahrnehmen.“

Signora Gravano zog überrascht die weißen Augenbrauen hoch. „Was sagt denn Ihr Vater dazu, dass Sie für König Giorgio arbeiten?“

„Ich habe es ihm noch nicht erzählt.“

„Sehr klug“, lobte die Ältere. „Er ist ein so eingefleischter Republikaner, dass er sicher nicht einverstanden ist, wenn Sie im Palast der Rinaldis schuften.“

„Signora Gravano, ich bin dreißig. Ich bin bestimmt alt genug, um ohne Zustimmung meines Vaters oder meiner Brüder eine Stelle anzutreten.“ Energisch schloss sie ihre Tasche und fügte leise hinzu: „Außerdem wird Papa nicht mehr lange leben.“

„Wie geht es ihm denn?“

Amelia seufzte. „Täglich schlechter, aber er streitet es ab. Er geht nicht ins Krankenhaus und lehnt auch Hausbesuche ab. Und welcher Arzt nimmt schon die lange Fahrt zu ihm in Kauf, um letztlich abgewiesen zu werden? Ich tue ja, was ich kann. Dennoch fürchte ich, dass es bald zu spät sein wird.“

„Können Sie nicht Ihre Brüder dazu bringen, Ihnen zu helfen?“, erkundigte sich Signora Gravano mitfühlend.

Bedauernd zuckte Amelia die Schultern. „Sie helfen mir, wann immer sie können, allerdings haben sie eigene Probleme. Das Leben auf San Rinaldi ist nicht einfach, wenn man zur Familie Vialli gehört. Die Leute vergessen nichts.“

„Das war damals aber auch eine schreckliche Zeit.“ Die Signora seufzte bekümmert. „Seien Sie froh, dass Sie noch nicht auf der Welt waren. Nichts als Hass, Gewalt und Blutvergießen!“

„Ich weiß.“ Amelia senkte den Blick. „Papa hat das nie ganz überwunden.“

„Viele Menschen hier finden, dass er auch bei dem gescheiterten Aufstand gegen die Monarchie hätte sterben sollen“, stellte Signora Gravano nüchtern fest.

Amelia schwieg, erstarrte jedoch innerlich – wie jedes Mal, wenn sie an den Vorfall dachte, der ihre Familie für immer gezeichnet hatte.

„Ich sollte Sie nicht länger aufhalten.“ Die alte Dame lächelte freundlich. „Sie sind ein anständiges Mädchen, meine Liebe. Ihre Mutter wäre sehr stolz auf Sie.“

„Danke.“ Amelia beugte sich zu ihrer betagten Patientin und drückte sie sanft an sich.

„Lassen Sie doch Ihren Rock hier, damit ich ihn flicken kann. Und Sie ziehen etwas von meiner Tochter an. Sie hat für ihre Besuche noch ein paar Sachen bei mir.“

„Ich möchte Ihnen keine Umstände …

„Das sind keine Umstände“, wehrte Signora Gravano ab. „Sie sind zwar kleiner als meine Tochter, aber so kommen Sie wenigstens sorglos nach Hause. Man weiß schließlich nie, wen man unterwegs trifft. Und was sollen die Leute von Ihnen denken, wenn Sie in so zerrissenen Sachen herumlaufen?“ Wenig später betrachtete Amelia sich in dem viel zu großen geliehenen Kleid. Wie sollte sie darin in der sengenden Hitze zum Allgemeinen Krankenhaus gehen und einigermaßen frisch ankommen? Ihr Bruder Rico hatte sich wieder einmal ihren Wagen geliehen. Nach den Hausbesuchen wollten sie sich vor der Klinik treffen.

Mit gesenktem Kopf eilte Amelia am Haus des fremden Arztes vorbei und fühlte deutlich seinen spöttischen Blick, obwohl der Mann gar nicht zu sehen war.

Plötzlich bog ein schicker Sportwagen um die Ecke. Um nicht von der Staubwolke hinter dem Auto eingehüllt zu werden, wich Amelia auf die Wiese neben der Straße aus. Der Wagen fuhr jedoch nicht vorbei, sondern hielt.

„Hallo, kleiner Kobold.“ Der Mann, den Amelia unter sehr widrigen Umständen kennengelernt hatte, lächelte ihr entgegen. „Wie ich sehe, haben Sie sich etwas Bequemeres angezogen.“

Sie hielt sich kerzengerade und musterte ihn zornig. „Sie sind vermutlich der australische Arzt, den wir erwarten. Bedauerlich, dass Sie sich nicht richtig vorgestellt haben.“ Inzwischen hatte er den Motor abgeschaltet und war ausgestiegen. „Sie haben mir Ihren Namen auch nicht genannt. Wie du mir, so ich dir“, stellte er belustigt fest. „Heute ist mein erster Tag auf Ihrer schönen Insel. Man kann in fremder Umgebung nicht vorsichtig genug sein. Womöglich sind Sie eine gefährliche Kriminelle.“

Sie sah ihn betroffen an. Hatte er womöglich schon die Gerüchte über ihre Familie erfahren?

„Sie sind doch hoffentlich keine, oder?“, fragte er, trat einen Schritt näher und sah ihr tief in die Augen.

Erschrocken wich Amelia zurück und wäre dabei fast über den Saum des weiten Kleides gestolpert. „Keine was?“, stammelte sie.

„Keine gefährliche Kriminelle.“

„Ich … ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich … Ich bin Krankenschwester.“

Er musterte ihr Kleid, ehe er sie wieder lächelnd ansah. „Eine Krankenschwester in Zivil, oder sind Sie in geheimer Mission unterwegs?“

„Bei Hausbesuchen trage ich nie eine Uniform“, erklärte sie. „Dadurch fühlen sich die Patienten weniger bedroht.“

„Arbeiten Sie auch für das Allgemeine Krankenhaus?“

„Ja, allerdings.“

„Und auf welcher Station?“

Amelia verzog den Mund, als hätte sie in eine unreife Zitrone gebissen. „Auf der Kardiologie.“

„Ach, tatsächlich“, meinte er vergnügt. „Dann sind wir also Kollegen.“

„Sieht so aus“, entgegnete sie kühl.

„Verraten Sie mir endlich Ihren Namen“, fuhr er fort, „oder muss ich Sie für die Dauer meines Aufenthalts Schwester Kobold nennen?“

„Amelia Vialli“, sagte sie leise und blieb reglos stehen.

„Alex Hunter“, stellte er sich vor und griff einfach nach ihrer Rechten. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Als Amelia die Hand zurückziehen wollte, gab er sie nicht frei und lachte über ihren zornigen Blick. „Sie wollen sich doch nicht den Arm ausreißen, oder? Denken Sie daran, was mit Ihrem Rock passiert ist.“

„Sind alle Australier so rüde und unhöflich wie Sie, oder haben Sie ein Seminar über Taktlosigkeit besucht?“, erkundigte sie sich, entriss ihm die Finger und massierte sie anschließend. „Bestimmt haben Sie mit Auszeichnung bestanden.“

„Sind alle Menschen auf San Rinaldi so unfreundlich wie Sie?“, entgegnete er.

„Ich bin nicht unfreundlich“, behauptete sie finster.

„Dann möchte ich Sie nicht erleben, wenn Sie schlecht gelaunt sind“, meinte er lachend.

Amelia versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen. „Entschuldigen Sie, ich werde erwartet.“

Bevor sie zwei Schritte getan hatte, hielt er sie am Arm fest. „Soll ich Sie mitnehmen?“

Sie warf ihm einen hoheitsvollen Blick zu und streifte seine Hand wie ein lästiges Insekt ab. „Danke, nicht nötig.“

„Sie wollen wirklich in diesem Kleid losmarschieren? “, erkundigte er sich.

„Allerdings“, bekräftigte sie mit fester Stimme.

„Und warum? Arbeiten Sie vielleicht nebenbei schwarz als Straßenfegerin?“

Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, wandte sie sich ab, raffte das viel zu lange Kleid und ging Richtung Stadt davon. Dabei wallte der Stoff um ihren Körper, bauschte sich an den Beinen und ließ Amelia wie eine kleine schwarze Wolke wirken, die über die staubige Straße dahinschwebte.

Lächelnd sah Alex ihr nach. „Ist das nicht niedlich?“, murmelte er und schloss die Augen, als ein leichter Lufthauch den Duft von Orangenblüten zu ihm herübertrug. Tief einatmend genoss Alex die Frühlingsluft nach dem langen Flug von Sydney hierher ganz besonders.

Ein voller Monat auf dieser wunderschönen Insel im Mittelmeer, noch dazu auf Einladung des Königs von San Rinaldi – gar nicht schlecht. Sicher, es gab in der knapp bemessenen Zeit viel zu tun. Alex hoffte, trotzdem genug Gelegenheiten zu finden, um die Strände und das Nachtleben zu erkunden. Vielleicht würde er sogar zu den Vulkanbergen wandern.

Vulkan – das war das Stichwort. Alex öffnete die Augen und blickte zu der zierlichen Gestalt, die das Ende der Straße fast schon erreicht hatte. An der Einmündung in die Querstraße wartete ein reichlich demolierter Wagen. Ein dunkelhäutiger und etwas schäbig wirkender Mann Anfang dreißig öffnete von innen die Tür und ließ Amelia einsteigen.

Er seufzte, als das Auto losfuhr und hinter den Hügeln verschwand. Allerdings konnte er noch minutenlang das Rattern und Dröhnen des Motors hören. „Sie ist wohl schon vergeben, Kumpel“, sagte Alex zu sich und stieg wieder in seinen Wagen, startete den Motor und gab Gas. „Jammerschade, aber das passt ja zu dir, was?“

2. KAPITEL

„Du warst doch letzte Nacht im Palast“, sagte Lucia Salvati während der Nachmittagsschicht. „Wie ist es denn mit dem König gelaufen?“

„Besser als befürchtet“, erwiderte Amelia und überflog die Liste der Patienten mit einem Blick.

„Hat er was gesagt, weil du eine Vialli bist?“

„Nein. Wahrscheinlich kennt er meinen Familiennamen gar nicht. Ich musste dem König nur beim Schlafengehen helfen und mich bereithalten, falls er während der Nacht etwas braucht. Er hat so gut wie nicht mit mir gesprochen.“

„Die ganze Nacht warst du wach?“, fragte Lucia. „Kein Wunder, dass du so müde aussiehst.“

„Ich habe schließlich nichts Besseres zu tun“, verteidigte sich Amelia. „Außerdem brauche ich das Geld.“

„Geht es uns nicht allen so?“ Lucia seufzte. „Warte nur ab, bis du verheiratet bist und ein Haus voller Kinder hast. Dann brauchst du erst recht Geld – und nicht zu knapp.“

„Ich werde auf keinen Fall heiraten“, erklärte Amelia entschieden.

„Warum nicht? Willst du womöglich wieder ins Kloster gehen?“

„Nein“, versicherte Amelia. „Ich kann nur gut auf die Probleme verzichten, die eine Beziehung unvermeidlich mit sich bringt. Ich habe erlebt, was mit meiner Mutter geschehen ist.

Sie hat einen Mann viel zu sehr geliebt und dadurch jegliches Selbstwertgefühl und ihren Stolz verloren. Deshalb bleibe ich lieber allein.“

„Und noch dazu ahnte deine Mutter nicht, was sich alles heimlich abspielte. Nun ja, das wusste allerdings niemand, bis es passierte.“

„Ich weiß“, murmelte Amelia betrübt. „Manchmal glaube ich, allen auf der Insel wäre es lieber, wenn sämtliche Viallis tot wären.“

Tröstend legte Lucia ihr die Hand auf die Schulter. „Hatten deine Brüder etwa wieder Probleme?“

„Den Job auf dem Weinberg hat Rico verloren, weil er sich mit einem Kollegen prügeln musste. Mein Bruder wollte mir den Grund nicht verraten. Trotzdem kann ich mir lebhaft vorstellen, worum es ging. Immer wieder dasselbe.“

„Und was ist mit Silvio? Arbeitet er noch im Hafen?“

„Ich habe schon seit zwei Wochen nichts mehr von ihm gehört“, gestand Amelia besorgt. „Vielleicht liegt das an einer neuen Freundin, hoffentlich. Oder er dreht wieder ein krummes Ding …“

„Und darum hast du mittlerweile drei Jobs“, stellte Lucia nüchtern fest.

„Was bleibt mir denn anderes übrig?“

Aufmunternd nickte Lucia ihr zu. „Du hast ja recht, ich würde an deiner Stelle das Gleiche machen. Trotzdem ist es nicht richtig, dass du von allen in deiner Familie den höchsten Preis zahlst.“

„Nein, Lucia“, widersprach Amelia und stand auf, „das war meine Mutter. Sie ist gestorben, weil sie sich zum falschen Zeitpunkt in den falschen Mann verliebt hat.“

„Wie läuft es mit deinem Vater?“

„Er ist schwierig wie immer“, erwiderte Amelia bitter.

„Und er lässt sich noch immer nicht zu einer Behandlung überreden?“, hakte Lucia nach.

Amelia zuckte die Schultern. „Er hasst Ärzte. Seit sie bei ihm Krebs diagnostiziert haben, will er niemanden mehr sehen, der etwas mit Medizin zu tun hat. Ich bilde zwar die Ausnahme, aber sogar bei mir macht er immer mehr Schwierigkeiten.“

„Da wir gerade von Ärzten sprechen.“ Lucia stützte sich auf dem Pult der Schwesternstation ab und sah sich vorsichtig auf dem Korridor um. „Hast du schon den Australier getroffen?“

Amelia dachte an ihr Zusammentreffen mit Dr. Alex Hunter, das nunmehr drei Tage zurücklag. Sie hütete sich jedoch, ihrer Kollegin auch nur ein Wort zu verraten.

„Diese neue Operationstechnik“, fuhr Lucia fort, „die Hunter entwickelt hat, könnte die Herzprobleme des Königs lösen. Mit neunzig Jahren ist ein dreifacher Bypass sehr riskant, aber nach Hunters Methode wird das Risiko stark verringert.“

„Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Behandlung bei uns im Allgemeinen Krankenhaus stattfinden soll“, griff Amelia dankbar das Thema auf. „Uns fehlen nicht nur die nötigen Geräte, sondern auch Personal.“

Lucia winkte ab. „Dr. Hunter will unser kardiologisches Team ausbilden.“ Weil sich der Korridor bereits mit Besuchern füllte, rückte sie näher zu Amelia. „Ich finde es sehr großzügig von dem Doktor, dass er seine Zeit opfert. Schließlich muss er das alles nicht. Stattdessen könnte er sich nur erholen und dann nach Sydney zurückkehren. Darum sollten wir alles tun, um ihn hier zu unterstützen.“

Geschäftig blätterte Amelia in den Papieren auf dem Pult. „Ich werde mich auf eine andere Station versetzen lassen“, erklärte sie in beiläufigem Tonfall.

„Was?“, rief Lucia betroffen. „Das ist doch unmöglich dein Ernst! Du bist für die Kardiologie ausgebildet!“

„Ja, dennoch möchte ich mich endlich verändern.“

„Das ist völliger Unsinn“, ereiferte sich Lucia. „Stell dir bloß vor, wie peinlich und schlimm es wäre, wenn wir ausgerechnet jetzt zu wenig fachkundige Schwestern hätten!“

„Es gibt genug andere, die meine Aufgaben übernehmen können“, versicherte Amelia.

„Das stimmt nicht!“

Amelia biss sich auf die Unterlippe. Leider hatte ihre Kollegin recht. Andererseits … wenn dieser Arzt auf der anderen Seite eines Krankenbetts stand und verführerisch lächelte … Nein, das war unvorstellbar. Es mochte feige sein, aber Amelia fehlte einfach der Mut, sich Dr. Hunter zu stellen.

„Sag jetzt bloß nicht, dass du was gegen Australier hast“, bemerkte Lucia. „Jeder Zweite auf San Rinaldi hat da unten Verwandte, die irgendwann ausgewandert sind. Und von einer Kollegin habe ich gehört, dass Dr. Hunter aussieht, als wäre er auf San Rinaldi geboren. Ein südländischer Typ.“

„Ja, ich weiß“, murmelte Amelia gedankenverloren. „Das habe ich auch gedacht, als ich ihn getroffen habe und …“

„Getroffen?“, fiel Lucia ihr ungläubig ins Wort.

„Ich … also … ja, habe ich“, gestand Amelia.

„Na, und, wie ist er?“, fragte Lucia neugierig. „Spricht er überhaupt Italienisch? Hat er einen starken Akzent?“ Lachend schüttelte Amelia den Kopf. „Er spricht unsere Sprache, klingt sehr gebildet und hat nur einen ganz leichten Akzent.“

„Und weiter?“

„Er ist … stark, sehr stark sogar.“

Lucia runzelte verständnislos die Stirn.

„Na ja, er ist sehr … muskulös“, erklärte Amelia und spürte, dass sie rot wurde.

„Und wieso weißt du so genau über seine Muskeln Bescheid?“, fragte sie in bester Verhörmanier.

Indem sie sich energisch vom Pult abstieß, winkte Amelia ab. „Das willst du gar nicht wissen, glaube mir.“

„Oh doch, selbstverständlich will ich das wissen!“, rief Lucia ihr nach, ohne sich an den Patienten und Besuchern zu stören, die mithörten. „Du wirst es mir erzählen! Früher lasse ich nicht locker!“

Schon wollte Amelia ihrer Kollegin höflich, aber entschieden erklären, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern sollte – da fiel ihr Blick auf einen hochgewachsenen Mann. Er kam mit Vincenzo Morani, dem Chefchirurgen der Kardiologie, auf sie zu.

„Ach ja, hier steht ja die Krankenschwester, von der ich Ihnen erzählt habe“, sagte Dr. Morani. „Amelia, das ist Dr. Alex Hunter. Ich habe ihm erzählt, dass Sie die erfahrenste Schwester unserer Station und unentbehrlich bei der postoperativen Versorgung der Patienten sind.“

Mühevoll gelang Amelia ein Lächeln. „Buongiorno, Dr. Hunter.“

„Wir haben uns doch schon getroffen, nicht wahr?“, erwiderte Alex amüsiert.

„Ach ja?“, sagte Dr. Morani erfreut. „Nun, dann lasse ich Sie beide allein und bereite mich vor. Ich muss bald in den OP.“ Er wandte sich an Amelia. „Sie zeigen Dr. Hunter doch die Station, ja?“

„Aber ich …“ Amelia verstummte unter Alex Hunters Blick.

„Sagen Sie jetzt nicht“, raunte er ihr zu, sobald sie allein waren, „dass Ihnen unsere erste Begegnung peinlich war.“

„Natürlich nicht“, schwindelte sie unverfroren. „Schließlich hätte das jedem passieren können.“

„Zumindest jedem, der in einem Rock über einen Zaun mit Brombeerranken klettert“, erwiderte er mit ernster Miene, doch in seinen dunklen Augen blitzte der Schalk.

Eilig ging Amelia weiter und erklärte betont sachlich: „Das hier ist die Schwesternstation, da drüben befindet sich ...

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