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Dear Life – Lass mich wieder lieben

MEGHAN QUINN

Dear Life

Lass mich wieder lieben

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Melike Karamustafa

Zu diesem Buch

Liebe ist nichts für Feiglinge! Als Neujahrsvorsatz beginnen Hollyn, Carter, Daisy und Jace mit dem »Dear Life«-Programm, das seinen Teilnehmern helfen will, ihre Leben nach einem Schicksalsschlag wieder in die Hand zu nehmen. Mit der Zeit erkennen die vier Fremden, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie anfänglich dachten, und es entwickeln sich nicht nur echte Freundschaften, sondern auch weitaus stärkere Gefühle. Aber Liebe braucht Mut und Vertrauen und beides müssen die vier erst mühsam wieder lernen.

Prolog

**HOLLYN**

Vor zweieinhalb Jahren …

»Wag es bloß nicht, die Tür zu öffnen«, ruft Eric, der mir hinterherrennt.

Er schlingt die Arme um meine Taille und drückt seine schönen Lippen an meine Wange. Sein Anflug von Bartstoppeln streift meine Haut auf äußerst angenehme Weise und versetzt meinen Körper in eine heiße Glut.

Er beugt sich vor und flüstert mir ins Ohr: »Glaubst du wirklich, ich lasse meine frisch Angetraute unsere Wohnung betreten, ohne dass ich sie über die Schwelle trage?«

Ich kichere über die Küsse, die er auf meinem Hals verteilt. »Du bist ja sooo altmodisch. Warum geben wir der Sache nicht einen modernen Anstrich, und ich trage dich über die Schwelle?«

Er hält inne und löst sich von mir. Dann hebt er eine Augenbraue, als wollte er sagen mach dir nichts vor, und erwidert: »Twigs, glaubst du wirklich, du könntest einen großen, kräftigen zukünftigen Feuerwehrmann auf deinen zarten Beinen in die Wohnung tragen? Ich könnte dich mit dem kleinen Finger über meinem Kopf herumwirbeln.«

Ich verschränke herausfordernd die Arme vor der Brust. Das Hochzeitskleid schmiegt sich eng an meinen Körper, den Schleier umklammere ich fest mit einer Hand. »Du glaubst also nicht, dass ich dich in die Wohnung tragen kann?«

Eric, dieser gut aussehende Mann mit den blonden Haaren und den dunkelbraunen Augen, betrachtet mich von oben bis unten. Sein typisches Grinsen, mit dem er mich vor sechs Monaten im Sturm erobert hat und das ihn aussehen lässt wie der klassische Typ aus Kalifornien, schmückt sein Gesicht. »Twigs, ich weiß, dass du mich nicht tragen kannst.«

Twigs. So nennt er mich, seitdem wir uns an einem schicksalhaften kalten Dezembernachmittag bei einem Denver-Broncos-Spiel kennengelernt haben, wo wir beide mit Freunden auf einer Tailgate-Party waren, wobei alle auf dem Parkplatz um den geöffneten Kofferraum ihres Autos herumstehen, trinken und essen. Meine Freundinnen und ich warfen uns einen Football – in Kindergröße – zu, und irgendwann bemerkte ich, dass er mich grinsend vom Sitzplatz auf der Kühlerhaube seines Wagens aus beobachtete. Ich werde nie die Entschlossenheit, die er ausstrahlte, und den großspurigen, stolzierenden Gang vergessen, mit dem er auf mich zukam. Er trug eine Broncos-Wintermütze mit Bommel auf dem Kopf, und seine nackte Brust, die er in den Vereinsfarben bemalt hatte, gewährte einen ungehinderten Blick auf seine beeindruckenden Muskeln, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Der Denveraner Wind peitschte über die Berge, sodass ich selbst in meinem Sweatshirt fror. Ich hielt ihn für verrückt – verrückt und verdammt sexy. Er beschwatzte mich so lange, bis ich mich bereit erklärte, mich mit ihm auf ein Date zu verabreden, dabei hatte er mich von der ersten Sekunde an mit seiner lebhaften und offenen Art in seine Bann geschlagen.

Wir verliebten uns bis über beide Ohren ineinander – so sehr, dass wir schon nach ein paar Monaten verlobt waren. Und nun, da ich wieder dieselbe Entschlossenheit und Großspurigkeit an ihm sehe, weiß ich, dass ich die beste Entscheidung meines Lebens getroffen habe.

Eric ist mein Ein und Alles.

Er lockt mich aus meinem Schneckenhaus hervor, bringt mich dazu, mir ständig neue Ziele zu setzen, und gibt mir jeden Tag das Gefühl, in einen sicheren Kokon gehüllt zu sein. Mit ihm bin ich ein neuer, stärkerer Mensch geworden. Er bringt das Beste in mir zum Vorschein.

Jetzt berührt er mein Kinn mit dem Finger und fragt: »Was ist das denn für ein Blick?«

Da ich verdammt dickköpfig bin, gebe ich nicht nach, sondern fordere ihn auf: »Spring auf meinen Rücken.«

Er lacht schallend und wirft den Kopf zurück. »Kommt gar nicht infrage, Twigs. Du würdest unter mir zusammenbrechen, und unsere Hochzeitsnacht möchte ich lieber nicht im Krankenhaus verbringen sondern viel lieber in unserem Bett.«

»Spring auf meinen Rücken«, fordere ich ihn erneut auf und ignoriere ganz einfach, was er gerade gesagt hat.

»Hollyn.« Mittlerweile klingt sein Ton ernster. »Ich wiege mindestens fünfzig Kilo mehr als du. Ich springe ganz bestimmt nicht auf deinen Rücken.«

Doch ich bleibe hartnäckig. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, gebe ich nicht so schnell auf, und von seinem strengen Blick lasse ich mich ganz bestimmt nicht ins Bockshorn jagen. »Wenn du in deiner Hochzeitsnacht flachgelegt werden willst, springst du jetzt besser auf meinen Rücken und lässt dich von mir in die Wohnung tragen.«

»Hollyn …«

»Eric …«

Es ist ein legendärer Machtkampf. Feuerwehrmann gegen Krankenschwester in der Ausbildung. Muskulöser, gut aussehender Typ gegen schmächtiges Mädchen mit kräftig rotem Haar.

Als er erkennt, dass er gegen meine Sturheit nicht ankommt, fährt er sich ergeben mit der Hand durchs Haar. Die hochgekrempelten Ärmel sitzen eng an seinen Unterarmen, und seine Hosenträger baumeln an den Seiten runter, da er sie von den Schultern gestreift hat. In diesem Moment ist er der absolute Traummann. Und das hier ist seine erste Prüfung als Ehemann. Wird er sie bestehen? Oder gerät er ins Wanken?

»Du wirst dich nicht davon abbringen lassen, oder?«

»Nö«, antworte ich mit noch immer verschränkten Armen.

Er stößt einen langen Atemzug aus, bedeutet mir mit einer Geste, ihm den Rücken zuzuwenden, und sagt: »Dreh dich um, damit ich aufspringen kann.«

Toll und perfekt wie er ist, hat er diese erste Prüfung bestanden.

Da ich die Hände frei haben muss, um einen riesigen zukünftigen Feuerwehrmann über die Schwelle zu tragen, nehme ich meinen Schleier, stelle mich auf die Zehenspitzen und platziere ihn auf Erics Kopf. Ich drapiere ihn so perfekt, dass er über seine Schultern fällt.

»Hinreißend«, scherze ich.

»Das ist nicht witzig.«

»Ich lache ja auch nicht.« Doch er sieht noch mein Grinsen, bevor ich mich in die richtige Position begebe.

»Wenn wir drin sind, wirst du das erst mal gründlich wiedergutmachen müssen.«

Ich schüttele den Kopf und blicke über die Schulter. »Nein, wenn ich dich erfolgreich in die Wohnung getragen habe, zeigst du mir als Erstes, was du mit deiner Zunge anstellen kannst.«

Er hebt eine Augenbraue. »Ach, wirklich?«

»Ja, wirklich. Ich erwarte alles an Zungenkünsten, was du draufhast.«

»Und wenn du es nicht schaffst, mich in die Wohnung zu tragen? Was bekomme ich dann?«

Ich verdrehe die Augen. »Deinen geliebten Handjob.«

»Nein, nein.« Er bewegt seinen Finger abwehrend vor meiner Nase hin und her. »Ich verlange mehr, wenn ich meine besten Zungenmanöver zum Einsatz bringe. Einen Blowjob mit allem Drum und Dran. Inklusive Eiern.«

»Igitt.« Ich verziehe das Gesicht. »Warum stehen Männer nur so darauf, dass man ihre Eier in den Mund nimmt?«

Er zuckt mit den Schultern. »Fühlt sich einfach verdammt gut an. Haben wir einen Deal?«

Ich betrachte ihn eingehend, halte kurz inne und strecke ihm schließlich meine Hand entgegen, um die Wette abzuschließen. Das dürfte überhaupt kein Problem werden. Ich muss wahrscheinlich nur anderthalb Meter mit Eric auf dem Rücken zurücklegen. Ein Kinderspiel!

»Abgemacht«, erwidere ich im Brustton der Überzeugung, denn ich vertraue auf meine Tragekünste.

Er schüttelt mir die Hand und nickt langsam und ungläubig. »Alles klar, Twigs, aber behaupte hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

»Hör auf, die Sache unnötig in die Länge zu ziehen, und mach schon mal Dehnübungen mit deiner Zunge – es wird Zeit, sich aufzuwärmen.«

Ich mache mich bereit, indem ich beide Füße fest auf den Boden stelle, öffne die Tür, um die Zielgerade vor Augen zu haben, und strecke die Arme aus, damit ich seine Beine packen kann.

Das wäre geschafft.

»Alles klar, los geht’s.«

Seine großen Hände umfassen meine Schultern, und ich wappne mich innerlich. Eine standfeste Haltung ist alles, was ich brauche. Also beuge ich die Knie, sodass ich eine stabile Ausgangsposition einnehme, und mache mich bereit für sein Gewicht.

Sein Gewicht von mehr als hundert Kilo und seinen massiven Männerkörper.

Oh, Scheiße.

Sobald er auf meinen Rücken gesprungen ist, gibt es keine Hoffnung mehr. Meine Haltung ist alles andere als standfest, und meine Beine, die ich zuvor noch als solide Stämme bezeichnet hätte, sind tatsächlich nur spargeldürre Äste, die unter seinem Gewicht erzittern. Statt mich zentimeterweise fortzubewegen, wie ich eigentlich geplant hatte, stehe ich in dem langen, engen Brautkleid und mit meinem Mann – der meinen Schleier trägt – auf dem Rücken da, während sein Gewicht mich immer mehr Richtung Boden drückt. Schließlich geben meine Knie nach, ich taumele nach vorn, durch die Wohnungstür und lande geradewegs auf meinem Gesicht, wobei der neue Teppich an meiner Wange kratzt.

Eric zermalmt mich fast, während er hysterisch lacht und seine tiefe Stimme durch unsere gerade erst bezogene Wohnung hallt. »Ich hab’s dir doch gesagt, Twigs«, reibt er mir lachend unter die Nase. »Verdammt, ich freu mich schon die ganze Zeit auf einen guten Blowjob. Super, dass ich die Wette gewonnen hab.«

Mein Bedürfnis, mich unter dem Tüll meines Kleides zu vergraben, ist groß, aber stattdessen meldet sich meine praktische Seite zu Wort. Seine Schadenfreude ist vollkommen fehl am Platz.

Ich drehe den Kopf und schaue zu ihm auf, wobei der Teppich noch einmal über mein Gesicht reibt. »Was soll das denn heißen?«, frage ich und schaue mich im Raum um. »Du hast schließlich verloren.«

Er rollt sich von mir runter und nimmt meinen erbärmlichen Versuch, ihn zu tragen, genauer unter die Lupe. Ich liege ausgebreitet wie ein Mordopfer auf dem Asphalt, während er versucht, meine Aussage anzufechten. »Ähm, ich bin mir sicher, dass ich gewonnen hab, Schatz. Du konntest mich nicht mal eine Sekunde lang tragen.«

»Bei der Wette ging es darum, dich über die Schwelle zu tragen. Sind wir oder sind wir nicht in der Wohnung?«

Als ihn die Erkenntnis trifft, flucht er lautstark. »Nichts da! Ich lasse dich bestimmt nicht wegen irgendwelcher Haarspaltereien den Sieg davontragen, Twigs. Du hast mich nicht getragen. Du bist gefallen.«

»Mit dir auf dem Rücken, was genau genommen Tragen gleichkommt … Aaalso, mach deine Zunge bereit.«

»Auf gar keinen Fall.« Er lacht, tritt die Tür zu und setzt sich rittlings auf mich. Seine durchdringenden braunen Augen ruhen auf mir; keiner von uns beiden lacht mehr. »Wie wäre es hiermit? Da es unsere Hochzeitsnacht ist, haben wir einfach auf jede erdenkliche Art Sex, bis wir uns nicht mehr rühren können. Damit einigen wir uns auf ein Unentschieden.«

Mein Herz schlägt mit einem Mal schneller. »Beinhaltet das auch deine Zungenkünste?«

»Das dürfte keine Umstände machen, meine Schöne. Ich fühle mich so oder so als Gewinner. Und jetzt sollten wir dich aus deinem Kleid befreien. Ich will unbedingt wissen, was du darunter für mich versteckt hältst.«

Genau auf diesen Moment habe ich gewartet: wenn mein Mann – mein Mann – mir in die Augen sieht. Der einzigen Frau, die er in seinem Leben will und braucht, vollkommen zufrieden und so verliebt, dass ich weiß, dass es für immer hält. Als Paar sind wir unzertrennlich.

Unsere Liebe wird von einer unzerstörbaren Rüstung geschützt. Ich bin mir bewusst, dass wir verdammt jung geheiratet haben; aber sich in seinen Seelenverwandten zu verlieben hat etwas für sich. Es gibt nichts, was zwischen uns kommen kann, und das macht mich zur glücklichsten Frau der Welt.

**JACE**

Vor zwei Monaten …

»Keine Bewegung, Alter, sonst puste ich dir das Gesicht weg.«

»Hör zu, ich hab’s nicht getan. Nimm die Waffe runter, dreh dich um und hau ab.«

»Gib mir einen guten Grund, warum ich dir keine Kugel zwischen die Augen jagen sollte.«

Seufzend stütze ich mit dem Controller in der Hand die Unterarme auf die Beine und drehe mich zu meinem Teamkollegen um. »Alter, wir sind verdammt noch mal im selben Team. Warum willst du mich erschießen?«

»Einfach nur, weil ich es kann«, antwortet er und schießt meinem Spieler in den Kopf, wodurch mein Bildschirm rot wird.

»Du bist so ein Idiot.« Ich lehne mich an das kalte Leder meiner Couch, trinke einen Schluck Bier und starre meinen besten Kumpel Ethan, der es offenbar verdammt witzig findet, mich zu erschießen, finster an.

Da wir direkt nach der Highschool für dasselbe Team rekrutiert wurden und in den kleinen Ligen zusammen groß geworden sind, stehen wir uns sehr nahe. Vor zwei Jahren wurde ihm angeboten, Kyle Sanders bei den Colorado Miners zu ersetzen, der ausfiel, weil er sich den Meniskus gerissen hatte. Kyle ist nie wieder zurückgekehrt, sodass Ethan zum Stammspieler wurde. Ich bin ihm letztes Jahr gefolgt und habe als Shortstop angefangen.

Meine erste Saison war ganz anders, als ich erwartet hatte. Es hat sich angefühlt wie ein einziger Wirbelwind aus Aufmerksamkeit, Medienpräsenz und Erfolg. Da mir in fünfundfünfzig Spielen die meisten Treffer in Folge gelungen sind, die ein Rookie – also ein Spieler in seinem ersten Profijahr – jemals erzielt hat, habe ich es direkt in die Stammmannschaft geschafft und wurde für die Auszeichnung Rookie of the Year nominiert. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, habe ich keine Ahnung, wie mir das gelungen ist. Ich bin mit dem Ball einfach so umgegangen, wie ich es kenne und liebe. Es kam mir fast zu simpel vor.

Inzwischen ist die Saison beendet, und ich sitze in meiner schönen Wohnung mitten in Denver, habe die Auszeichnung abgeräumt und genügend Anfragen für Sponsorenverträge, um einen einundzwanzigjährigen Idioten in ein aufgeblasenes Arschloch zu verwandeln.

Aber das passt nicht zu mir.

Ich werde immer bescheiden sein, immer dankbar, und ich werde in Sachen Geld immer auf Nummer sicher gehen. Eine einfache Herkunft sorgt dafür, dass man die Dinge mehr wertschätzt. Und beides trifft auf mich zu.

»Weißt du, warum ich deinen bemitleidenswerten Arsch weggefegt hab?«, fragt Ethan und nimmt einen Schluck Bier.

»Weil du ein Idiot bist und gesehen hast, dass ich der Spielmacher in unserem Team war?«

»Nein.« Er nimmt noch einen Schluck Bier. Wenn gerade keine Saison ist, trinkt man automatisch mehr. Im Frühling trainieren wir dann alles wieder ab. Er zeigt mit der Flasche auf mich und fährt fort: »Weil du mich an einem Freitag zur Rushhour die 470 West hast runterfahren lassen, um dir Benzin zu bringen, nur weil du eine Schrottkiste ohne funktionierende Tankanzeige hast.«

Das stimmt in der Tat. Ich fahre einen verrosteten Jeep Cherokee. Das ewige Stop-and-Go im Straßenverkehr hat meinem Wagen den Rest gegeben, sodass ich es nicht mehr rechtzeitig zur Tankstelle geschafft habe. Ich weiß sehr wohl, wann mein Auto Benzin braucht. Ich muss immer dann auffüllen, wenn die Tankuhr auf ein Viertel sinkt. Alles, was darunterliegt, ist Russisches Roulette. Der ewige Verkehr in Denver hat dafür gesorgt, dass die Tankanzeige auf ein Viertel gesunken ist, bis mein Wagen schließlich stehen blieb und ich keine andere Wahl hatte, als Ethan anzurufen.

»Ich hab dich an dem Abend zum Essen eingeladen, Alter. Wir sind quitt.«

Ethan schüttelt den Kopf und hält mit der Flasche an den Lippen inne, um mich anzusehen. »Nichts kann wiedergutmachen, dass ich in der Rushhour über die 470 West fahren musste. Absolut gar nichts.«

»Wer ist jetzt ein Idiot, hm?«

»Du kannst mich mal.« Ethan lacht. »Und wo wir gerade über Abendessen reden – willst du die Pizza gleich bestellen?«

»Habe ich schon übers Handy gemacht.«

»Hast du etwa mit schwarzen Oliven bestellt? Du weißt, dass ich die Dinger hasse.«

Ich zucke mit den Schultern, als könnte ich mich nicht erinnern, obwohl ich ganz genau weiß, dass ich keine bestellt habe.

»Alter«, jammert er. Ich breche in schallendes Gelächter aus, als er mir gegen die Schulter boxt.

Ding-dong.

Während ich zur Tür gehe, ruft Ethan mir hinterher: »Hast du echt schwarze Oliven bestellt? Du weißt, dass man die Dinger unmöglich von der Pizza runtergekratzt bekommt.«

»Nein, hab ich nicht. Gott, du bist heute wirklich ein Idiot.«

Kopfschüttelnd nehme ich mein Portemonnaie von der Küchenanrichte und gehe in den Flur. Während ich die Tür öffne, zähle ich das Bargeld ab. »Zweiundzwanzig fünfzig, richtig?« Ich blicke auf, sehe aber weder eine Pizza noch eine Warmhaltetruhe und auch keinen Lieferanten.

Stattdessen stehe ich einer Frau gegenüber.

Und zwar nicht irgendeiner Frau, sondern Rebecca.

Der Barkeeperin aus Phoenix.

Der Barkeeperin, mit der ich viele lange orgastische Nächte erlebt habe.

Der Barkeeperin, mit der ich fest zusammen war, bis ich in die Oberliga aufgestiegen bin und sie Schluss gemacht hat.

Der Barkeeperin, die mich letztes Jahr, vor sieben Monaten, ein Mal besucht hat.

Der Barkeeperin, die mir nun einen ziemlich ausladenden Bauch entgegenstreckt – einen ausladenden schwangeren Bauch.

Verdammt.

Sie begrüßt mich mit trauriger Miene, ohne mir in die Augen zu sehen. »Hi, Jace.«

Ich schlucke schwer. Auf meiner Stirn bildet sich Schweiß, während ich plötzlich das Gefühl habe, einen tonnenschweren Stein im Magen zu haben. Es kann nur einen Grund geben, aus dem sie hier ist.

»Rebecca … Was machst du denn hier?« Was für eine dumme Frage. Schließlich ist es mehr als offensichtlich, was sie mir mitteilen will, aber mir fehlen die Worte.

Sie blickt zu mir auf und erklärt ohne Umschweife: »Es ist deins.«

Ja, das habe ich mir schon gedacht.

Ich fasse mir ungläubig an die Stirn. Mein Mund ist auf einmal so trocken wie Wüstensand, und meine Kehle fühlt sich an wie zusammengeschnürt.

Ein paar Sekunden sagen wir beide nichts.

Ethan kommt dazu. »Alter, bezahl sie einfach und … Wow.« Er hält inne und betrachtet Rebecca. »Äh, das ist definitiv keine Pizza.«

Sie starrt Ethan über meine Schulter hinweg finster an und erklärt: »Nein, das ist ein Baby.«

»Huch.« Ethan klopft mir auf die Schulter. »Äh, ich hol mir noch ein Bier. Für dich ’ne Flasche Whisky, Kumpel?« Er verschwindet, ohne meine Antwort abzuwarten.

Bevor ich reagieren kann, ergreift Rebecca wieder das Wort. »Es ist definitiv von dir.«

Schon wieder etwas, das ich längst weiß. Rebecca ist nicht der Typ, der wahllos durch irgendwelche Betten hüpft, also besteht kein Zweifel, dass das Baby von mir ist.

Noch immer schockiert fährt sie fort: »Ich werde sie nicht behalten. Ich dachte, ich könnte es alleine durchziehen, aber das kann ich nicht. Es tut mir leid, aber nach der Geburt gehört sie dir.«

Sie?

Ohne mir auch nur eine Sekunde Zeit zu geben, um zu verdauen, was sie da gerade von sich gegeben hat, spricht Rebecca weiter und jagt meine Gedanken in eine Abwärtsspirale. »In zweieinhalb Monaten ist es so weit. Überleg dir, was du tun willst. Das ist meine neue Nummer.« Sie reicht mir ein Stück Papier, doch ich kann es nicht mal ansehen. Der Zettel scheint zentnerschwer von der Verantwortung, die er mit sich bringt. »Ruf mich an, wenn dir nicht mehr ach, du Scheiße ins Gesicht geschrieben steht und du bereit bist zu reden. Ich übernachte hier in Denver bei einer Freundin.« Sie tritt einen Schritt zurück, wobei sie ihren runden Bauch hält, und sagt aufrichtig: »Ich will nichts von dir, Jace. Weder deine Liebe, noch deine Zuneigung, dein Geld oder deinen Ruhm. Ich will nur, dass du ihr ein sicheres Zuhause bietest. Denn ich weiß, dass ich das momentan nicht kann.«

Ihr 

Ich habe eine Tochter?

Ich habe eine verdammte Tochter?

Und Rebecca will, dass ich ihr ein sicheres Zuhause biete. Wie zum Teufel soll ich das denn anstellen, wenn ich das halbe Jahr über unterwegs bin?

Was zur Hölle …

**DAISY**

Vor einem Monat …

»Daisy Beauregard.«

Ich stehe stramm, als ich meinen Namen höre, während ich das Kreuzworträtsel fest gegen meine Brust drücke und den pinkfarbenen Stift in der anderen Hand halte. »Das bin ich.«

»Bitte kommen Sie mit.«

Schnell greife ich nach meiner Handtasche und der Wasserflasche und folge der Frau durch eine große Doppeltür mit elektronischem Schloss. Auf der anderen Seite werde ich von einem sterilen Flur mit Neonbeleuchtung begrüßt. Das entfernte Geräusch von piepsenden Monitoren erfüllt die Luft, als ich zu einer verschlossenen Tür mit der Zahl 213 geführt werde.

»Dr. Mendez ist gleich bei Ihnen.«

Ich nicke und trete nervös auf der Stelle, während ich warte. Als ich mich ein wenig näher zur Tür vorbeuge, höre ich ein stetiges Piepsen auf der anderen Seite, das mich beruhigt und zeitweise die drei Bilder vertreibt, die in den letzten Stunden durch meinen Kopf gegangen sind.

Der angsterfüllte Blick in ihren Augen.

Ihre auf einer Seite hängenden Gesichtszüge.

Der Anblick, wie sie völlig leblos von ihrem Stuhl auf den Boden fällt.

Wieder spüre ich das Brennen in den Augen, und mir stockt der Atem. Sie ist mein Ein und Alles. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde, ohne ihren Rat, ohne ihre warmen Umarmungen, ohne ihre bedingungslose Liebe.

»Daisy?« Als ich aufblicke, sehe ich einen Mann in weißem Kittel. Auf dem Schild an seiner Brust steht sein Name. Dr. Jake Mendez.

»Ja, das bin ich«, erwidere ich leise und zittrig.

»Daisy, ich bin Dr. Mendez.« Er reicht mir die Hand, und ich schüttele sie kurz. Statt etwas zu sagen, nicke ich nur, und er fährt fort. »Wie Sie bereits wissen, hatte Ihre Großmutter einen Schlaganfall. Wir haben ein CT durchgeführt und festgestellt, dass eine Arterie, die ihr Gehirn mit Blut versorgt, verstopft ist.«

»Oh Gott!«, stoße ich aus und bedecke unwillkürlich meinen Mund mit einer Hand.

Dr. Mendez drückt sanft meine Schulter, um mich zu beruhigen. »Ehrlich gesagt waren wir ziemlich froh darüber, dass wir eine verstopfte Arterie gefunden haben. Es gibt nämlich zwei Sorten von Schlaganfällen: hämorrhagische und ischämische. Hämorrhagisch bedeutet, dass eine Gehirnblutung besteht, die man nur sehr schwer ohne Langzeitschäden stoppen kann. Ihre Großmutter hatte einen ischämischen Schlaganfall, was bedeutet, dass eine verstopfte Arterie den Blutfluss zum Gehirn unterbunden hat. Dadurch ist keine Operation notwendig, was in ihrem hohen Alter von Vorteil ist. Wir haben ihr intravenös ein gerinnungshemmendes Mittel verabreicht, wodurch sich die Blockade lösen sollte.«

»Dann wird sie also wieder gesund?« Ich schlucke schwer.

»Momentan steht sie noch unter Beobachtung. Sie hat sich bei dem Sturz die Hüfte gebrochen, was eine intensive Reha erforderlich macht. Eventuell wird sie aufgrund des Schlaganfalls Bewegungseinschränkungen auf der linken Körperseite haben.«

»Sie ist gelähmt?«, frage ich, und erneut keimt Angst in mir auf.

»Eine temporäre Lähmung mit möglichen Langzeitschäden – sie wird also vielleicht Schwierigkeiten haben, ihren linken Arm oder ihre linke Hand zu gebrauchen. Vielleicht stellen Sie auch eine Bewegungseinschränkung der linken Gesichtshälfte fest. Zu diesem Zeitpunkt lässt sich schwer einschätzen, welche Schäden dauerhaft zurückbleiben.«

»Aber sie wird wieder gesund?«

»Momentan ist sie stabil, aber sie hat eine lange Genesungszeit vor sich.« Er atmet durch, bevor er fortfährt: »Habe ich es richtig verstanden, dass Sie zurzeit in einer Zweizimmerwohnung mit ihr leben?«

»Ja, Sir. Wir kümmern uns schon umeinander, solange ich denken kann.«

»Das ist äußerst bewundernswert.« Die Art, wie er die Hände in seine Kitteltaschen schiebt, lässt mich vermuten, dass mir das, was er als Nächstes sagen will, nicht gefallen wird. »In Anbetracht des Zustandes, des Alters und der intensiven Therapie, die Ihrer Großmutter bevorsteht, ist es besser, wenn sie zunächst in einer Rehaklinik und dann in einem Pflegeheim unterkommt.«

»Ein Pflegeheim?« Ich schüttele den Kopf. »Das ist nicht nötig, ich kann mich um sie kümmern.«

Dr. Mendez holt ein weiteres Mal tief Luft. »Ich bezweifele nicht, dass Sie sich um sie kümmern können, Daisy. Allein unsere Unterhaltung zeigt mir, dass Sie eine liebende und fürsorgliche Enkelin sind, aber sie braucht rund um die Uhr Betreuung.«

»Das kann ich bewerkstelligen«, sage ich schnell.

»Was ist mit Ihrem Job, Ihren Freunden und anderen Familienmitgliedern? Ihre Großmutter zu pflegen würde Ihr gesamtes Leben bestimmen. Sie sind jung, Sie sollten gerade erst am Anfang stehen, entdecken, was die Welt zu bieten hat.«

»Ich habe weder einen Job noch Freunde«, erwidere ich und klammere mich verzweifelt an die eine Sache, die immer eine Konstante in meinem Leben war.

Meine Großmutter.

Sie hat mir ab der zweiten Klasse Hausunterricht erteilt. Mich versorgt, mich wie ihre eigene Tochter behandelt. Den Großteil meines bisherigen Lebens habe ich damit zugebracht, mit ihr in unserer kleinen Wohnung Zeit der Sehnsucht und Musicals anzuschauen, Patchwork-Decken zu nähen, Körbe zu flechten und zu backen. Sie ist meine beste Freundin, meine Heldin, mein Ein und Alles. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte.

Sie darf mich nicht verlassen.

Ich weiß nicht, wie ich alleine klarkommen soll. Ich weiß nicht, wie ich außerhalb der Blase leben soll, die meine Großmutter für mich erschaffen hat. Ich will nicht ausbrechen. Dafür bin ich noch nicht bereit und ganz und gar nicht vorbereitet.

»Daisy, ich sage ja nicht, dass Sie jetzt eine Entscheidung treffen müssen, aber höchstwahrscheinlich bleibt Ihnen keine andere Wahl. Wenn wir bestmögliche Erfolge bei ihr erzielen wollen, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hat, sollten Sie sich nach Pflegeheimen oder betreuten Wohneinrichtungen für Senioren umschauen, die Ihrer Großmutter gefallen könnten. Vielleicht irgendwas an der Westküste, damit sie einen Ausblick auf die Berge hat.« Er tätschelt mir die Schulter und fügt hinzu: »Ich komme wieder, um nach ihr zu sehen. Sie schläft gerade, aber Sie können gern in ihr Zimmer gehen und bei ihr bleiben.«

Niedergeschlagen wie ich bin, nicke ich nur und danke ihm.

Höchstwahrscheinlich bleibt Ihnen keine andere Wahl …

Die unerwünschten Worte graben sich tief in mein Gehirn, verfolgen mich mit ihrer folgenschweren Bedeutung, mit der Erkenntnis, dass sich die heimelige Atmosphäre, die ich so lange gewöhnt war, bald verändern wird. Und zwar drastisch.

Wie kann das nur sein? Vor zwei Tagen war Sie noch eine lebhafte, lustige alte Dame. Wie soll ich das, was Dr. Mendez gesagt hat, mit der starken und widerstandsfähigen Frau, die ich kenne und liebe, in Einklang bringen?

Meine Großmutter.

Mir steigen Tränen in die Augen und lassen die trostlose Krankenhaustür vor meinen Augen verschwimmen. Sie hatte einen Schlaganfall. Sie hat sich die Hüfte gebrochen. Sie könnte vorübergehend linksseitig gelähmt sein. Eventuell bleibt uns keine Wahl zu entscheiden, wo sie in Zukunft wohnt. Was wiederum bedeutet … Mein Leben wird auf den Kopf gestellt. Der winzige Kokon, in dem ich gelebt habe, seit ich sieben war, löst sich auf, bevor mir Flügel gewachsen sind.

Ich wusste, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen würde. Aber ich bin noch nicht bereit, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich weiß nichts über die Welt da draußen, abgesehen von der Tatsache, dass sie ungeheuer Angst einflößend ist.

**CARTER**

Vor einer Woche …

Ich schiebe das Visier meines Helms runter, werfe einen Blick über die Schulter und lenke mein Motorrad auf die Straße, wobei ich den Motor unter mir rumpeln höre.

Feierabend.

Ich muss so weit wie möglich von hier weg.

Mein herrischer Onkel, dieser erbärmliche Idiot, treibt mich an meine Grenzen. Nur noch ein paar Tausend Dollar mehr, bis ich ihm das Geld für die Kochausbildung zurückzahlen und mein eigenes Restaurant eröffnen kann. Bis dahin bin ich verpflichtet, ihm in seinem italienischen Restaurant zu helfen, wo ich beschissenes billiges Essen für die Denveraner zubereite, die keinen Wert auf gescheites Essen legen. Wenn es um Essen geht, muss es für mich nicht immer Haute Cuisine sein, aber genauso wenig lasse ich meine Kreationen einfach so in einen Bottich Fett plumpsen und Feierabend.

Ich habe hart gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin, und dafür einen Pakt mit dem Teufel – auch bekannt als mein Onkel – geschlossen, denn ich empfinde es als absolute Hölle, mich Tag für Tag genau an seine Rezepte halten zu müssen. Aber ich brauchte das Geld, und er hatte es, deshalb habe ich zugestimmt, während der Ausbildung und noch Jahre danach unter seinem wachsamen Blick zu arbeiten, um meine Schulden abzuzahlen. Ich habe viele Überstunden gemacht, um so viel wie möglich zu sparen. Dabei kommt es mir zugute, dass ich ein Händchen dafür habe, mein Geld durch Wetten auf Freundschaftsspiele unterschiedlichster Sportarten zu verdoppeln und zu verdreifachen, wodurch sich meine Ersparnisse immer wieder erhöhen. Ich schließe allerdings nur dann eine Wette ab, wenn ich weiß, dass ich Geld damit machen kann. Ich habe noch kein einziges Mal verloren.

Ich biege nach rechts auf den Highway ab und fahre unter dem Sternenhimmel durch die kühle Nacht. Dank der Tatsache, dass Denver zur lebenswertesten Stadt der USA ernannt wurde, sind die Mietpreise dermaßen in die Höhe geschossen, dass mir nur eine Wohnoption bleibt: in einem umgebauten Lagerhaus auf der Delaware Street neben der Autobahn. Die Miete ist spottbillig, und da ich sie mir mit meiner Freundin Sasha teile, bleibt am Ende des Monats noch mehr zum Sparen übrig.

Vor mir leuchten rote Ampeln auf, und ich bremse langsam ab. Shit! Ich lehne mich zurück, stelle meinen Stahlkappenstiefel auf der Straße ab und verfluche die verdammte Stadt und ihren gottverdammten Verkehr.

Ich hole mein Handy raus, verbinde es über Bluetooth mit dem Helm und rufe meinen besten Freund Fitzy an. Während ich mich zentimeterweise weiter durch den Verkehr vorarbeite, warte ich darauf, dass er abnimmt.

»Alter, bist du endlich auf dem Weg?«, meldet sich Fitzy ungeduldig.

Ich kenne Gerald Fitzsimmons, alias Fitzy, schon seit der Grundschule, daher ist seine Ungeduld nichts Neues für mich. Bei ihm muss immer alles sofort passieren.

»Ich muss noch kurz zu mir nach Hause, Klamotten wechseln, dann komme ich vorbei.«

»Vergiss das Umziehen, das Spiel beginnt in zehn Minuten. Komm einfach direkt.«

»Ich stinke wie ein Schwein«, kontere ich. »Ich dusche nur schnell und ziehe mir was Frisches an – falls sich dieser Verkehr jemals auflösen sollte.«

»Dann benimm dich wie ein Schwein und fahr auf dem Seitenstreifen. So weit kannst du doch gar nicht von deiner Ausfahrt entfernt sein.«

Er hat recht.

»Es ist die nächste.«

»Dann nimm den verdammten Seitenstreifen, und komm endlich.«

Da ich mich noch nie gern an Regeln gehalten habe, folge ich seinem Rat und fahre auf die Standspur. Es ist mir egal, ob dort ein Polizist auf mich wartet, um mir den Marsch zu blasen. Den Strafzettel kann ich einfach auf den Stapel der Ordnungswidrigkeiten legen, die sich auf meiner Küchenanrichte angesammelt haben.

»Du willst mich nur dahaben, damit ich Chicken Wings mache.« Ich werfe einen Blick in den Seitenspiegel und mache mich auf blinkendes Blaulicht gefasst, was allerdings ausbleibt.

Fitzy hält kurz inne, bevor er zugibt: »Klar will ich dich deswegen hier haben. Und vergiss das Bier nicht.«

»Du bist ein Arsch.« Ich lache und nehme die Ausfahrt gleich neben meinem Wohnhaus.

»Ich bin der Arsch mit dem Fünfzig-Zoll-Flachbildschirm mit Bild im Bild. Das ist mehr, als du von deiner TV-VCR-Combo auf dem Ausklapptisch behaupten kannst.«

Es ist peinlich, wie präzise seine Beschreibung auf meine nicht gerade brandneue Media-Ausstattung zutrifft.

»Na ja, ich habe ja auch keinen Daddy, der das alles finanziert.«

»Soll ich den Mann davon abhalten, mir das ganze Zeug zu kaufen, weil ihn Schuldgefühle plagen, dass er mich vor zwanzig Jahren im Stich gelassen hat? Kommt gar nicht infrage. Er darf mir gerne so viel elektronischen Schnickschnack schenken, wie er will.«

Fitzys Dad war ein echter Mistkerl, als er noch jünger war. Eines Nachts ist er einfach abgehauen und nie wiedergekommen. Wir haben uns gegenseitig bemitleidet, verlassen worden zu sein. Aber Fitzy hatte wenigstens seine Mom, ich dagegen nur Onkel Chuck. Man sollte meinen, dass er mich nach so vielen Jahren, Urlauben und Familientreffen wie einen richtigen Sohn behandeln und es mir nicht so schwer machen würde. Aber nein, er erinnert mich jeden Tag aufs Neue daran, was für eine Last ich immer für ihn war und dass ich in seiner Schuld stehe, weil er sich »bereit erklärt« hat, mir ein Dach über dem Kopf zu bieten und mir bereits ab meinem sechzehnten Lebensjahr das College zu finanzieren. Er hat einen Mann aus mir gemacht. Zumindest glaubt er das. Aber in Wirklichkeit hat er mich zu einem genauso verbitterten Bastard werden lassen, wie er selbst einer ist.

Als ich an der üblichen Stelle vor meinem Wohnhaus parke, bemerke ich, dass Sashas Auto nicht auf dem Parkplatz steht. Mit meiner Tasche über der Schulter nehme ich auf dem Weg zu unserem Apartment zwei Stufen auf einmal. Ich habe vor, so schnell zu duschen wie noch nie in meinem Leben.

»Hey, bin jetzt zu Hause. In zehn Minuten bin ich bei dir.«

»Mach besser fünf draus«, erwidert Fitzy verärgert. »Beeil dich, verdammt noch mal.«

Nachdem ich meine spärlich eingerichtete Wohnung betreten und das Licht eingeschaltet habe, fällt mein Blick auf einen Zettel, der auf dem Ausziehtisch im behelfsmäßigen Essbereich liegt. Als ich mich kurz umschaue und bemerke, dass der alberne Firlefanz weg ist, den Sasha in dem trostlosen Raum verteilt hat, dämmert mir langsam, dass hier irgendwas nicht stimmt. Ich lege meinen Helm ab und gehe schwankend und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zum Esstisch hinüber.

Die Handschrift auf der Notiz ist Sashas. Sie hinterlässt sonst nie Nachrichten …

Eilig falte ich das kleine Stück Papier auseinander und lese.

Carter,

es tut mir leid. Vielleicht kann ich eines Tages meine Schulden bei dir begleichen.

S.

Schulden begleichen? Wovon zur Hölle redet sie? Ist das ihre Art, mit mir Schluss zu machen? Indem sie mir einen verdammten Zettel hinterlässt? Das kann doch nicht wahr sein.

Verwirrt lese ich die Notiz auf ein Neues. Auch wenn sie nicht wirklich lang ist, fällt es mir schwer, mir einen Reim auf all das zu machen. Sie will ihre Schulden begleichen. Welche Schulden?

Schulden für …

Meine Gedanken überschlagen sich, mein Magen dreht sich um, kalter Schweiß breitet sich auf meiner Haut aus, und ein dumpfes Gefühl legt sich auf meine Brust.

Das kann nicht sein …

Sie ist die Einzige, die davon weiß, die Einzige, die Zugang hat.

Ungläubig eile ich ins Schlafzimmer, reiße die unterste Schublade der Kommode auf und öffne die Kiste, die ich ganz nach hinten geschoben habe.

Gähnende Leere. Darin hatte ich all das Geld aufbewahrt, das ich in den letzten Jahren beim Wetten gewonnen habe. Mehr als zehntausend Dollar sind verdammt noch mal einfach weg. Jeder einzelne Schein.

Ich habe kein Vertrauen in Banken, daher habe ich mein Gespartes nie dort angelegt. Meine Wohnung habe ich für einen sichereren Ort gehalten. Ein fataler Irrtum.

»Scheiße!«, brülle ich, schleudere die Kiste durch das Zimmer und fahre mir durch die Haare. »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«

Alles weg. Meine Freiheit, mein Ausweg aus dem Dilemma, die einzige Chance, die ich je hatte, mich aus den eisernen Fängen meines Onkels zu befreien.

Das Zimmer um mich herum verdunkelt sich, ich sehe nur noch rot. Das darf verdammt noch mal nicht wahr sein. Es kann nicht sein, dass Sasha sich alles genommen hat, wofür ich jemals gearbeitet habe, und mich mit nichts als einer heruntergekommenen Wohnung mit marodem Mobiliar zurücklässt.

Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und wähle ihre Nummer, werde aber sofort zur Mailbox weitergeleitet. Also schicke ich ihr eine Nachricht, in der ich sie bitte, mich sofort zurückzurufen. Doch tief in meinem Inneren weiß ich, dass ich niemals einen Antwort von ihr erhalten werde.

Es kann einfach nicht sein, dass sie mir alles gestohlen hat. Es kann nicht sein, dass sie mich meiner Freiheit beraubt hat. Die heiß ersehnte Freiheit, für die ich mich seit Jahren so krummlege. Das kann nicht sein.

Bitte … lass es nicht wahr sein.

Während ich auf dem Bett sitze und den Kopf in die Hände stütze, flattert ein dumpfer Pulsschlag in meinem Hals. Ich bin vollkommen erledigt. Anders kann man es nicht ausdrücken.

»Scheiße …« Das Wort entwischt meinen Lippen, hängt schwer in der Luft. Der Drang, auf die Backsteinwand einzuschlagen, breitet sich in mir aus, brennt mir in den Armen. Der tief verwurzelte Zorn, den ich seit so vielen Jahren in mir trage, beginnt mit trotziger Macht in mir zu tosen.

Es. Darf. Nicht. Wahr. Sein.

Warum? Warum zur Hölle tut sie so was? Ich dachte, zwischen uns wäre alles gut. Und jetzt ist sie einfach so … verschwunden? Genau wie meine Freiheit, die – einfach so – mit einem Wimpernschlag verschwunden ist.

Schritt eins: Trauer

**HOLLYN**

»Drei … zwei … eins … Frohes neues Jahr!«

Blaues und silbernes Konfetti fliegt in die Höhe, während von Nivea gesponserte Hüte und Krachmacher auf dem Bildschirm umhertanzen. Paare küssen sich, Menschen feiern, und alle amüsieren sich aufs Prächtigste, während Ryan Seacrest irgendeinen sentimentalen Bullshit darüber von sich gibt, dass ein neues Jahr beginnt.

»Du kannst sagen, was du willst, Ryan, aber das macht dich auch nicht größer«, murmele ich, während mir ein Käseflip aus dem Mundwinkel ragt und meine Lippen garantiert in einen hübschen Orangeton hüllt. Seufzend knabbere ich an dem Flip und sage: »Frohes neues Jahr, Prince William.«

Ich werfe einen Blick auf Prince William, meinen Goldfisch. Er treibt seit zwei Tagen mit dem Bauch nach oben im Wasser, aber bisher war ich zu faul, ihn in der Toilette runterzuspülen. »Ich würde dich ja küssen, wenn du nicht die ganze Wohnung mit deinem Gestank verpesten würdest. Dein Geruch ist so widerwärtig, dass ich leider passen muss.«

Als ich mich über die Armlehne der Couch beuge, um nach dem Raumspray zu greifen, fällt mir der Käseflip auf die Brust. Ich picke ihn mit zwei Fingern von meinem Oberteil und schiebe ihn mir in den Mund, bevor ich mit dem Spray in Richtung Decke ziele und auf den Sprühkopf drücke. Ein dünner Nebelschleier breitet sich in der Luft aus und erfüllt meine Wohnung mit einem unverfälschten Aerosol-Geruch. Künstlich, aber erfrischend, als würde ich den Duft von Espenlaub einatmen.

So lässt es sich leben. Ein neues Jahr beginnt – mit künstlichem Käsegeschmack auf den Lippen. Meine Haare sind mit der Klammer, die vorher die Käsefliptüte verschlossen hat, zu einem ziemlich unattraktiven Knoten hochgesteckt; und die Zehensocken mit den Regenbogenstreifen, die ich seit der Mittelstufe habe, hängen so nachlässig an meinen Füßen, dass meine Zehen überhaupt nicht zu sehen sind.

Yep, ich mache heute so richtig einen drauf.

Ich versprühe eine weitere Ladung Raumspray, einfach nur so zum Spaß, und beobachte, wie das Aerosol mit dem Bergduft langsam zu Boden sinkt und den einst neuen Teppich mit seiner waldigen Pracht bestäubt.

»Weißt du, Prince William, der Ball Drop am Times Square war dieses Jahr ein wenig enttäuschend. Liegt es an mir oder findest du das auch?«, frage ich den tot dahintreibenden Fisch.

Ich schaue zu ihm rüber und warte merkwürdigerweise auf eine Antwort. Schließlich denke ich mir eine aus.

»Blub, blub, blub, das finde ich auch, Hollyn«, sage ich mit unheimlicher, blubbernder Fischstimme.

Ich schaue mich im Zimmer um: Chipstüten auf dem Couchtisch, Bilder von Stars, die ich aus Zeitschriften rausgerissen habe, auf dem Boden, ein nasser Fleck von meinen Sprühaktionen auf dem Teppich und Käseflip-Fingerabdrücke auf dem Sofa – so viele, dass es fast wie ein Leopardenmuster aussieht. So muss es sich anfühlen, wenn man am absoluten Tiefpunkt angelangt ist.

Als ich mein Raumspray schüttele, bemerke ich, dass es leer ist. Ich lasse es aus der Hand auf den Teppich fallen. Meine Augen füllen sich wegen der leeren Sprühflasche mit Tränen.

Yep, das ist wahrhaftig der Tiefpunkt.

Als die Wohnungstür aufgestoßen wird und meine beste Freundin Amanda mit ihrem Freund Matt im Schlepptau hereinkommt, wische ich mir schnell über die Augen.

»Frohes neues …« Sie hält inne und wedelt sich übertrieben mit der Hand vor der Nase herum. Matt beginnt zu husten und zieht sich dann hastig seine Weste wie eine Maske über das Gesicht. »Oh mein Gott«, beschwert sich Amanda. »Gibt es hier einen Fall von Waldsterben zu beklagen?«

»Ich hab es mit dem Raumspray wohl ein bisschen übertrieben«, antworte ich gleichgültig, setze mich auf und lasse die Partyoutfits der beiden auf mich wirken.

Amanda trägt ein eng anliegendes, glitzerndes Kleid, das unter ihrem geöffneten langen schwarzen Caban-Mantel hervorlugt, und Matt eine klassische dunkle Jeans, ein hoch geknöpftes Hemd und eine Weste. Er zittert und atmet in seine verschränkten Hände, um die Kälte zu vertreiben, die sich draußen über den Himmel von Colorado gelegt hat.

»Ich dachte, ihr beide wolltet auf eine Party«, sage ich, während ich mich wieder hinlege, meine Hand in die Chipstüte gleiten lasse und in den Krümeln herumwühle.

»Da waren wir auch, aber es war ziemlich langweilig.« Amanda tritt weiter ins Wohnzimmer hinein, sieht sich eingehend um und rümpft die Nase über das Chaos in meiner Wohnung. »Du bist ein Ferkel, Hollyn.«

»Vielen Dank. Willst du vielleicht auch noch einen Kommentar über den Zustand meiner Behaarung ablassen?«

»Ich bin dann mal in der Küche.« Matt verschwindet, und Sekunden später kann ich hören, wie er sich an meinem Kühlschrank zu schaffen macht.

»Dein Goldfisch ist tot«, merkt Amanda an.

Ich reiße eine frische Chipstüte auf und beginne, das Cheddar-Ranch-Dressing-Gewürz von der Folie zu lecken. »Erzähl mir was, das ich noch nicht weiß.«

»Hast du irgendwas außer Tabascosoße und einer einsamen Grapefruit im Haus?«, ruft Matt aus der Küche.

»Nein, aber die Tabascosoße kannst du mitbringen, ich hab Durst.«

»Ja, bring die Tabascosoße her«, wiederholt Amanda trocken und mit einem anklagenden Blick auf mich. »Du kannst Hollyn dabei helfen, ihren Müll abzulecken.«

Da ich keine schlechte Gastgeberin sein will, halte ich ihr die Tüte mit den Salzbrezeln hin und frage: »Willst du dir vielleicht das Salz von ganz unten in den Mund schütten?«

»Willst du echt Tabasco haben?«, fragt Matt und hält mir die Soße hin.

Ich greife danach, aber Amanda ist schneller und stößt sie beiseite, sodass die Flasche über den Boden rollt und neben dem Raumspray liegen bleibt. »Sie wird keine Tabascosoße trinken. Mein Gott, Hollyn, schau dich nur an.«

Ich muss nicht erst einen Blick in den Spiegel werfen, um zu wissen, was für einen schrecklichen Anblick ich biete. Den Tiefpunkt habe ich bereits erreicht, als ich begonnen habe, mit meinem Fisch zu sprechen. Mich selbst noch mal anzusehen, wäre nicht gerade förderlich für mein ohnehin schon erschüttertes Selbstbewusstsein.

»Es geht mir gut.« Ich wedele abwehrend mit einer Hand in Amandas Richtung.

Ich will nicht daran erinnert werden.

Amandas eben noch sarkastisch verzogene Miene drückt jetzt wieder Mitleid aus, und ich mache mich darauf gefasst, dass sie als Nächstes etwas sagt, das mir nicht gefallen wird.

Sie beugt sich vor, legt eine Hand auf mein Knie und schüttelt den Kopf. »Nein, Hollyn, es geht dir nicht gut.«

»Lass uns nicht weiter drüber sprechen«, sage ich, setze mich aufrecht hin und klopfe mein Hemd ab, auf dem sich genügend Krümel für das Thanksgiving-Festmahl einer kleinen Mäusekolonie angesammelt haben. »Ich bin nicht in Stimmung.«

»Das bist du nie«, kontert Amanda, und ihr Mitgefühl verwandelt sich wieder in Verärgerung.

»Du erwischst mich einfach nie an guten Tagen.«

»Kannst du bitte aufhören, sarkastisch zu sein, und endlich mal richtig darüber sprechen?« Es ist schon häufiger vorgekommen, dass Amanda genervt von mir war, aber noch nie so.

»Äh, das wird langsam ein bisschen zu ungemütlich«, merkt Matt an und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. »Ich glaube, ich schnappe mir die Tabascosoße und teste meine Grenzen in der Küche aus.«

Er will gerade die Flasche aufheben, als Amanda ihn anfährt. »Finger weg von der Soße. Die Unterhaltung betrifft dich auch.«

»Inwieweit betrifft die Unterhaltung, die du mit aller Macht mit mir zu führen versuchst, denn Matt? Es ist immer wieder die gleiche alte Leier, Amanda. Du willst mir sagen, dass es über anderthalb Jahre her ist, seit mein Mann gestorben ist, dass ich aufhören muss, zu jammern und mein Leben weiterleben muss; dass ich mit der Krankenpflegeausbildung weitermachen und meinen Abschluss machen soll, damit ich endlich aufhören kann, in Chuck’s Italian Eatery zu kellnern. Das hab ich alles schon mal gehört, und ich bin nicht interessiert.«

Alle paar Wochen versucht Amanda, ein vertrauliches Gespräch darüber zu führen, dass ich mein Leben nicht in Wartestellung verbringen kann, sondern lernen muss, es zu leben. Nun ja, die drei Tüten Chips, Käseflips und Salzbrezeln sehen das anders. Ich lebe richtig gut, kein Grund zur Sorge.

Amanda zupft ihren Mantel zurecht und wirkt dabei zappeliger und wütender als jemals zuvor. Und sind das etwa Tränen in ihren Augen? Ich beuge mich ein wenig vor, um sie besser sehen zu können, als sie eine winzige Schatulle aus ihrer Tasche zieht.

Ich halte mir einen Moment lang schützend die Hände vor den Körper, da ich erwarte, dass irgendein abgefahrener, verrückter Clown rausspringt, aber als ich zu ihr aufblicke, tappt sie ungeduldig mit dem Fuß und bedeutet mir, die Schatulle zu öffnen.

»Was ist das?«, frage ich und bin mir total unsicher, was hier gerade vor sich geht.

»Mach sie auf.«

»Willst du mich mit irgendeinem Virus infizieren, der sich über die Luft überträgt, und damit meiner Misere ein für alle Mal ein Ende bereiten?«

Sie verdreht die Augen und wedelt mit der Schatulle vor meiner Nase rum. »Öffne sie.«

Beklommen nehme ich ihr das kleine Kistchen aus der Hand und bestaune die Qualität. Gut verarbeitet, und die Scharniere quietschen nicht beim Öffnen …

Was zur Hölle?

Ich blicke zu Amanda auf, die über das ganze Gesicht strahlt, bevor ich wieder auf die geöffnete Schatulle starre, in der ein äußerst teuer aussehender, kristallklarer Diamantring steckt.

»Äh, willst du mir einen Heiratsantrag machen?« Damit habe ich jetzt zwar nicht unbedingt gerechnet, aber angesichts der Größe des Rings verspüre ich den Drang, Ja zu sagen.

»Nein, das ist mein Ring.«

»Was …« Ich schaue zu Matt hoch, der vor Stolz nur so strahlt, und dann wieder zu Amanda, die wie der Inbegriff der Euphorie wirkt. »Ihr seid verlobt?« Das ist mir verdammt noch mal neu.

Sie nickt und klatscht in die Hände. »Das sind wir.«

Ich begutachte den Ring noch einmal, überlege kurz, ob ich ihn an mich nehmen und damit nach Mexiko fliehen soll, bevor ich frage: »Warum trägst du ihn denn nicht? Macht man das nicht so? Den Ring tragen, wenn man verlobt ist?«

Sie seufzt und wirkt direkt ein bisschen weniger euphorisch. »Ich trage ihn nicht, wenn du dabei bist.«

»Moment mal.« Ich erhebe mich von der Couch. Ein Hosenbein hat sich bis zu meinem Knie hochgeschoben, und Erics Feuerwehrhemd bauscht sich um meine Taille, und meine Socken sind mir bis zu den Zehen runtergerutscht. »Willst du damit sagen, dass ihr euch nicht erst heute Abend verlobt habt?«

Sie zuckt leicht zusammen, versucht ihre Reaktion aber schnell mit einem weiteren Lächeln zu überspielen und nickt. »Seit vier Monaten.«

»Seit vier Monaten?«, rufe ich. »Du bist seit vier Monaten verlobt und hast es mir nicht erzählt? Warum zum Teufel hast du denn nichts gesagt?«

»Schau dich doch an, Hollyn.« Amanda gestikuliert in meine Richtung. »Du schaffst es kaum zur Arbeit, stattdessen vergräbst du dich in Erics T-Shirts und schaust dir eure Hochzeitsvideos an oder hörst dir die Sprachnachrichten an, die ihr euch auf WhatsApp geschickt habt. Ich hätte es nicht für richtig gehalten, dich damit zu überrumpeln.«

Ich nicke wie eine Geisteskranke. Tief in mir kocht Wut hoch, während ich ihr den Ring entgegenhalte. »Dann hast du dir also überlegt, vier Monate zu warten, bis du deiner besten Freundin erzählst, dass du verlobt bist, um sie ausgerechnet an Silvester, dem Tag der Verliebten, damit zu überrumpeln?«

»Der Feiertag der Verliebten ist der Valentinstag«, merkt Matt mit erhobenem Zeigefinger an.

»Halt die Klappe, Matt«, fahre ich ihn an.

Er versteht den wenig dezenten Wink, schnappt sich die Tabascosoße und geht in die Küche.

Ich hoffe, dass er sich gehörig die Zunge verbrennt.

»Hollyn, ich will keinen Streit.« Amanda kommt auf mich zu, nimmt mir die Schatulle aus der Hand und steckt den Ring an ihren Finger. Das verdammte Ding glitzert mich an, zwinkert mir in dem gedämpften Licht meines Wohnzimmers förmlich zu. »Ich bin gekommen, um dir das hier zu geben.« Sie greift wieder in ihre Tasche, und ich frage mich, ob sie auch noch einen positiven Schwangerschaftstest zum Vorschein bringt, aber stattdessen hält sie mir eine Broschüre hin.

»Was ist das?«

Der erste Satz, der mir auf der Vorderseite des dreimal gefalteten Flyers auffällt, lautet: »Du brauchst eine Veränderung in deinem Leben?« Innerlich verdrehe ich die Augen. Selbsthilfe – nicht das erste Mal, dass Amanda mit so einem Vorschlag um die Ecke kommt. Die Kirchengruppe, zu der ich vor ein paar Monaten gehen sollte, war dank der grottigen Auswahl an Tee und einem Durchschnittsalter von sechzig ein echtes Vergnügen.

»Es handelt sich um ein Programm namens Dear Life, das hier in Denver durchgeführt wird.«

Sie wirft die Broschüre auf den Couchtisch, während ich abwehrend die Arme vor der Brust verschränke. »Lass mich raten, das ist eine Gruppe, die man besucht, um über seine Gefühle zu sprechen.«

»Nein.« Sie schüttelt den Kopf. »Es ist ein Programm, das dir dabei hilft, wieder zu leben.« Sie hält inne, um ihre Gedanken zu ordnen. »Hollyn, ich mag dich wirklich gern, und es bringt mich um den Verstand, zu sehen, wie du dein Leben vergeudest. Eric wäre –«

»Erzähl mir nicht, was Eric davon halten würde, wie ich jetzt lebe. Du musst seinen Namen gar nicht erst erwähnen«, fahre ich sie an. Jedes meiner Worte trieft vor Zorn. Ich lasse mir nicht alles bieten.

»Dann können wir also nie über ihn sprechen? Ich darf nie seinen Namen erwähnen? Ich darf nie über die guten Zeiten reden, die wir zusammen hatten? Er war auch Teil meines Lebens, Hollyn. Er war mein Freund, ich habe ihn auch verloren. Ich kann nicht jedes Mal, wenn ich dich besuche, seinen Tod aufs Neue durchleben. Und du kannst das auch nicht. Es ist alles andere als gesund.«

»Ich schlage vor, du gehst jetzt«, sage ich und setze mich wieder auf die Couch, die mich mit ihren abgenutzten Kissen verschlingt.

»Hör auf damit, Hollyn. Treib keinen Keil zwischen uns. Ich versuche doch nur, dir zu helfen.«

»Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht gar keine Hilfe will?«, schieße ich zurück.

»Und ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass ich nicht auch noch meine beste Freundin verlieren will?«, fragt Amanda. Tränen laufen ihr die Wangen hinab. »Eric ist gestorben, aber du nicht, Hollyn. Du bist nicht mehr dieselbe Person, und das verstehe ich. Ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, welchen Schmerz du ertragen musst. Aber ich habe schon Eric verloren – bitte sorg nicht dafür, dass ich auch noch dich verliere.«

Matt, der Amandas tränenerstickte Worte gehört haben muss, kommt aus der Küche und nimmt sie fest in seine Arme.

Nachdem sie die Fassung wiedergewonnen hat, fährt sie fort: »Du bist wie eine Schwester für mich, Hollyn. Wir haben so viel zusammen durchgemacht, und wenn ich heirate, will ich dich an meiner Seite haben, als meine Trauzeugin. Aber ich weiß, dass du nicht für mich da sein kannst, bevor du nicht bereit bist, dein Leben wieder in die Hand zu nehmen.« Sie hakt sich bei Matt ein, lehnt sich an ihn und fährt fort: »Ich komme mit der Planung unserer Hochzeit gut voran. Und ich will wirklich, dass du daran teilhast.«

Ich antworte nicht, sondern nicke nur, denn ich bin mir nicht sicher, was ich sagen oder wie ich mich verhalten soll.

»Bitte denk zumindest darüber nach. Du weißt, dass du mich jederzeit anrufen kannst, wenn du irgendwas brauchst.«

Natürlich weiß ich das. In den ersten drei Monaten nach Erics Tod habe ich Amanda oft mitten in der Nacht angerufen, wenn mein Herz schwer vor Trauer war. Dabei habe ich mir ein Bild von Eric an die Brust gedrückt, während mir die Tränen über das Gesicht strömten. Dann ist sie vorbeigekommen und hat mich in den Armen gehalten, bis ich eingeschlafen bin.

»Tschüs Hollyn«, verabschiedet sich Matt, bevor er die Tür hinter sich und Amanda zuzieht und ich wieder allein bin.

Allein. Genauso wie jede verdammte einsame Nacht nach der anderen.

Ihre Schritte verhallen im Treppenhaus, und die Broschüre, die Amanda dagelassen hat, brennt förmlich ein Loch in meinen Couchtisch, so bettelt und fleht sie darum, geöffnet zu werden.

Wieder leben. Ist das überhaupt möglich?

Ich war ein Jahr und eine Woche mit Eric verheiratet, als er bei einem Übungseinsatz ums Leben kam. Ein Balken ist heruntergefallen und hat seinen Körper zerschmettert.

Ein Jahr und eine Woche. Das ist alles, was mir vergönnt war. Ein Jahr und eine Woche, um einen Mann meinen Ehemann nennen zu können und hören zu dürfen, wie er mich seine Frau nennt. Um das Hochgefühl des Frisch-Vermähltseins erleben zu können. Ein Jahr und eine Woche, um mit dem Mann zusammen zu sein, der mein Herz im Sturm erobert hatte.

Ich glaube nicht, dass es möglich ist, wieder zu wissen, was Leben bedeutet, die kleinen Dinge wie den strahlend blauen Himmel von Colorado zu genießen, mich am Duft einer Tasse frischen Kaffees, der genau nach meinen Wünschen gekocht wurde, oder am fröhlichen Lachen eines Babys zu erfreuen. Alles ist trostlos. Grau. Profan. Glanzlos.

Leblos.

Obwohl uns nur so wenig Zeit miteinander vergönnt war, ist das Leben ohne Eric nicht lebenswert.

Erneut packt mich der Schmerz, wirft mich wieder in den Teufelskreis der Depression zurück. Ich betrachte Erics riesigen Sessel, in dem man wie in einem Schaukelstuhl vor und zurück schaukeln kann, bevor ich hinübergehe und mich hineinsinken lasse. Dies ist mein Zufluchtsort, an dem ich ungehemmt in die abgenutzten Kissen schluchzen kann. Hier spüre ich wenigstens ein bisschen Sicherheit, Wärme und Vertrautheit, ein bisschen was von den Gefühlen, die denen am nächsten kommen, wenn Eric mich in den Armen gehalten hat. Ohne darüber nachzudenken, öffne ich WhatsApp auf meinem Handy und klicke auf Erics Kontakt, um mir die letzten Nachrichten anzuhören, die er mir geschickt hat.

Augenblicklich verliere ich mich in der Erinnerung.

»Twigs, du glaubst nie im Leben, wen ich bei King Soopers gesehen habe, als ich mir Guacamole-Zutaten geholt hab. Chase Styles von den Colorado Miners. Rate mal, was er im Einkaufswagen hatte … Tampons, Apfelsaft und eine Packung tiefgefrorener Cheeseburger von White Castle. Meinst du, er nimmt es mir übel, wenn ich seinen Apfelsaft durch Ecto Cooler ersetze?«

»Vergiss nicht, meine Wäsche in den Trockner zu werfen, ich brauche die Boxershorts, auch wenn du meinst, ich könnte ohne losziehen. Wenn wir irgendwann mal Kinder wollen, muss ich meine Eier schützen.«

Tränen laufen mir über die Wangen, als ich seine tiefe Stimme höre, den liebevollen Klang seines scherzenden Tonfalls, in dem er immer mit mir geredet hat. Allein ihm zuzuhören, brachte mich ins Schwärmen.

Ich spiele noch eine Sprachnachricht ab und drücke mir dabei das Handy ans Herz, als ob ich ihn in meinen Armen halten würde.

»Bin gleich zu Hause, Twigs. Und dann liegst du am besten nackt auf dem Bett, mit einem aufgemalten Pfeil, der auf deine geheimste Stelle zeigt, und einem Schild, auf dem steht: For your eyes only. Bis in fünf Minuten.«

Seine Berührungen, so beherrschend wie liebevoll.

Seine Liebe, so bedingungslos wie unverdient.

Sein Lächeln, so berauschend wie charmant.

Er war ohne jeden Zweifel das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gerade gesehen habe, wie unser Nachbar mit einem Huhn Gassi gegangen ist. Ohne Witz, Bob Jones ist gerade mit einem Huhn Gassi gegangen. Aber der Sache können wir später auf den Grund gehen. Ich lasse dich diesmal Kriegsbemalung tragen, solange du versprichst, dass du nicht wieder versuchst, mein bestes Stück anzumalen. Das steckt in einer Hose und muss nicht getarnt werden.«

Sein Humor. Seine Augen. Sein Dreitagebart. Seine Lippen. Dass er wusste, wie er mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte, ganz egal, in welcher Stimmung ich gerade war.

Alles, was mir geblieben ist, sind der schwache Geruch an seiner Kleidung, die tausendmal abgespielten Sprachnachrichten auf meinem Handy und die verblassten Bilder in meinem Album.

Ich ziehe mir den Hemdkragen bis zur Nasenspitze hoch, atme tief ein und hoffe, dass ich ein wenig von seinem Duft wahrnehme – als kleine Bestätigung, dass der Mann, von dem ich dachte, dass ich den Rest meines Lebens mit ihm verbringen würde, in meiner Erinnerung noch immer weiterlebt wie zuvor. Aber traurigerweise weiß ich, dass die Erinnerung an ihn mit jedem Tag mehr verblasst. Sein Geruch wird schwächer, sein Lachen leiser, und seine einst warme Umarmung lässt mich frierend zurück.

Was eigentlich eine unerschütterliche Liebe werden sollte, ist einfach so zerbrochen und auf immer verloren. Kummer, Qualen und Herzschmerz fließen förmlich aus meinen Augen, bedecken meine Wangen und durchnässen mein Hemd in einer Flut aus verlorenen Erinnerungen. Das ist es also, das ist mein Leben, angefüllt mit … nichts.

Ich bin verloren in einem Nebel aus Elend, als mir mein Handy mit einem Piepsen verrät, dass ich eine Nachricht erhalten habe. Durch einen Schleier aus Tränen versuche ich, die Worte auf dem Display zu entziffern.

Amanda: Ich hab dich lieb, Hollyn. Ganz egal, wie du dich entscheidest, ich bin immer für dich da. Rufe dich morgen an.

Ich werfe mein Handy auf den Couchtisch, atme tief ein und zwinge meine Tränen zurück.

»Reiß dich zusammen, Hollyn.«

Diese Person will ich wirklich nicht mehr sein. Ich will nicht mehr traurig sein, und ich will den Menschen, der mir zur Seite stand, als ich alle anderen von mir gestoßen habe, nicht länger enttäuschen.

Mit weniger Schwung, als ich mir wünschen würde, setze ich mich auf, streiche mir die Haare aus dem Gesicht und starre auf die Broschüre, die mir Amanda dagelassen hat.

Dear Life.

Lernen Sie, wieder zu leben.

Bin ich bereit, wieder zu leben? Nein. Aber genauso wenig möchte ich Amanda im Stich lassen. Ich greife nach der Broschüre und nehme sie mit ins Bett. Mein Handy mit Erics Nachrichten lasse ich zurück. Für heute Abend will ich damit aufhören. Ich bin schon zerrissen genug. Ich werde nicht mit seiner Stimme im Ohr einschlafen …

Im Flur bleibe ich stehen und lehne den hängenden Kopf an die Wand, während ich versuche, mir vorzustellen, wie es ist, ohne Erics Stimme die Augen zu schließen. Bin ich überhaupt dazu in der Lage? Kann ich meine Augen schließen, wenn mich nichts als einsame Stille umgibt?

Nein, kann ich nicht.

Ich drehe mich um, lege die Broschüre zurück auf den Couchtisch und greife nach meinem Handy. Dann öffne ich wieder WhatsApp und spiele willkürlich eine weitere Nachricht ab.

»Ich liebe dich, Twigs. Vergiss das niemals.«

Meine Kehle schnürt sich zu, meine Knie werden weich, und ich sinke zu Boden. Einen Arm auf dem Tisch abgestützt, vergrabe ich den Kopf in der Ellbeuge, während die Tränen wieder zu fließen beginnen.

Wieder leben zu lernen.

Ich weiß nicht, ob ich das kann.

**JACE**

»Herzlichen Glückwunsch.«

Eine ältere Frau in rosafarbener OP-Bekleidung und einem Mundschutz, der ihr lose um den Hals hängt, reicht mir ein winziges Baby, das in eine weiße Decke gewickelt ist. So weich und warm.

Mit zitternden Händen nehme ich die knapp drei Kilo schwere Liebe meines Lebens auf den Arm, und ein tiefer Atemzug entfährt mir, bevor ich den Blick senke und die einzige Sache betrachte, die mich jemals in die Knie zwingen wird.

Dieses kleine Mädchen.

Winzige Stupsnase, rote Wangen, fest geschlossene Augen und wunderschöne volle Lippen. Sie ist so klein, so winzig, so unschuldig. Sie weiß nichts über diese Welt. Sie weiß nicht, wie kompliziert das Leben sein kann, welche Unwägbarkeiten und Möglichkeiten es mit sich bringt. Aber eines wird sie mit Sicherheit erfahren: die Liebe, die aus meinem Herz direkt in ihres fließt. Zumindest hoffe ich das.

Ich wusste nicht, dass es möglich ist, von einer Sekunde auf die andere eine so bedingungslose Liebe für jemanden zu empfinden. Aber hier stehe ich nun mit meiner Tochter im Arm, und sie ist da. Die Liebe.

Meine Tochter.

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals an den Gedanken gewöhnen werde, dass dieses kleine Bündel ein Teil von mir ist, dass sie für immer einen Platz in meinem Herzen einnehmen wird, ganz egal, was passiert.

Ich zwinge die Tränen zurück, die sich einen Weg durch den Kloß in meinem Hals bahnen wollen, und sage leise: »Hey, kleines Mädchen.« Ich schniefe und kann die vielen unerwarteten Gefühlswallungen nur schwer im Zaum halten. »Du bist so wunderschön, so winzig, so kostbar.«

Ich halte inne, atme tief durch und ziehe die Decke ein ganz kleines Stück runter, sodass ich ihre Hände sehen kann. Mit dem Daumen fahre ich über ihre winzigen Finger und staune, wie klein sie im Vergleich zu meinen sind.

Als sie die kleine Faust um meinen Finger schließt und ihn ganz fest hält, verliere ich vollkommen die Fassung. Tränen strömen mir über das Gesicht, während ich sie beobachte und den Moment auf mich wirken lasse, zulasse, dass er sich in meine Erinnerung einbrennt.

»Du wirst das glücklichste kleine Mädchen der Welt«, verspreche ich ihr, während Tränen auf die Decke tropfen. »Du wirst geliebt und umhegt, und ich will nur das Beste für dich.« Ich wische mir über die feuchten Wangen. »Ich werde dich mit jeder Faser meines Körpers lieben. Ich hoffe, das weißt du, mein kleines Mädchen. Ich hoffe wirklich, dass du weißt, wie sehr ich dich liebe.«

»Mr Barnes«, unterbricht mich eine Krankenschwester und sieht zu mir herunter.

Ich sitze in einem Schaukelstuhl, der in einem Zimmer voller Blumen und Ballons steht, die meine Teamkollegen und die Vereinsleitung geschickt haben. Aber jetzt wird es Zeit zu gehen, alles neigt sich dem Ende entgegen.

Ich nicke. »Lassen Sie June und Alex rein.«

Langsam schaukele ich vor und zurück und spreche leise mit meiner Tochter, als sich die Tür des Krankenhauszimmers öffnet. June und Alex kommen Hand in Hand herein, die Gesichter voller Hoffnung und Mitgefühl.

»Hallo, meine Damen«, begrüße ich sie mit erstickter Stimme.

June laufen Tränen über die Wangen, und sie presst sich beinahe ehrfürchtig eine Hand auf den Mund, während Alex sie stützt.

Ich atme tief durch und stehe auf. »Seid ihr bereit, euer kleines Mädchen kennenzulernen?« Die letzten Worte bleiben mir fast im Hals stecken, auch wenn ich mit aller Macht versuche, mich zusammenzureißen. Als die beiden nicken, überreiche ich mit gebrochenem, aber auch erfülltem Herzen meine Tochter ihren neuen Eltern.

»Ja«, erwidert June lächelnd. Sie streckt mir die Hände entgegen, ich gebe ihr das Baby, und es bricht mir schier das Herz.

Alex legt die Arme um June und betrachtet über deren Schulter hinweg das kleine Mädchen. Es ist verdammt wunderbar zu sehen, dass sich diese beiden tollen Frauen ihren Lebenstraum von einer Familie erfüllen können.

Ich trete zurück und lasse ihre reine, unverfälschte Freude auf mich wirken. Zu sehen, wie begeistert sie sind, gibt mir das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Ich weiß, dass ich ihnen das kostbarste Geschenk überhaupt gemacht habe. Ich weiß, dass ich das Beste für mein kleines Mädchen getan habe. Ich weiß tief im Inneren, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Sie wird geliebt werden. Sie wird jeden Tag ihres Lebens ein liebevolles Zuhause haben. Sie wird jede Menge Möglichkeiten haben, die Chance zu wachsen und zu lernen und zu werden, was immer sie sein will. Sie wird Eltern haben, die ihr viel bieten können. Etwas, von dem mir von Anfang an klar war, dass ich es nicht kann.

Da ich selbst in Pflegefamilien aufgewachsen bin, weiß ich, wie es ist, keine Eltern zu haben, zu Hause nicht von liebenden Armen empfangen zu werden. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn niemand einem Mut macht, wenn nie jemand zu Schulveranstaltungen kommt und wenn einem niemand dabei zusieht, wie man zu dem Menschen heranwächst, der man werden soll. Das wollte ich meiner Tochter ersparen.

Bei den vielen Verpflichtungen, die mein Beruf mit sich bringt, könnte ich ihr nicht das geben, was sie braucht. Sicherlich könnte ich viel Geld für eine Nanny ausgeben, die sich um meine Tochter kümmert, während ich unterwegs bin, aber was für ein Leben wäre das für sie? Überhaupt keins. Wenn ich sie behalten würde, wäre ich nichts weiter als ein selbstsüchtiger Idiot und nur der halbe Vater, den sie eigentlich verdient, da ich nie wirklich für sie da wäre. Deswegen habe ich nach zwei Menschen gesucht, die meiner Tochter das Leben bieten können, das sie verdient.

June und Alex habe ich über eine Adoptionsagentur kennengelernt, und ihre Geschichte, ihre Familie, ihr Leben haben mir gleich gefallen. Sie hatten schon seit drei Jahren versucht, ein Kind zu adoptieren, und zwei Versuche waren bereits schiefgegangen. Sie waren sich nicht sicher, ob sie es nicht dabei bewenden lassen sollten, aber schließlich haben sie beschlossen, der Sache eine letzte Chance zu geben. Und dann habe ich ihr Profil gefunden.

Was ist besser als eine Mutter? Zwei Mütter. Dieses Zitat aus ihrem persönlichen Brief ist mir in Erinnerung geblieben. Genauso wie ein Bild von Alex und June bei einem Spiel der Colorado Miners, auf dem sie Jace-Barnes-Trikots trugen. Kann sein, dass ich nicht ganz unvoreingenommen war. Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hatten sie keine Ahnung, dass ich der Mann war, der die Antwort auf ihre Gebete war. Zuerst waren sie schockiert, aber als sie sich ein wenig beruhigt hatten, haben wir uns hingesetzt und uns unterhalten wie alte Freunde. Ich habe erfahren, wie sie sich kennengelernt haben – eine wunderbar witzige Geschichte, die sich in der Eisdiele zugetragen hat, in der sie zusammen gearbeitet haben. Sie haben mir Bilder von ihren drei Katzen und zwei Hunden gezeigt, die sie scherzhaft als ihren Bauernhof bezeichneten. Und ich habe von ihren Schwierigkeiten bei der Umsetzung ihres Adoptionswunsches erfahren, den Vorurteilen, die ihnen begegnet sind, weil sie als gleichgeschlechtliches weibliches Paar ein Kind adoptieren wollten. Es hat mir das Herz gebrochen, und ich schwor ihnen an diesem Tag, dass ihre Suche beendet wäre. Dass sie sich nun zurücklehnen und ihre Windelvorräte aufstocken könnten, weil ihre kleine Tochter bald bei ihnen wäre. Wir verabschiedeten uns mit langen, dankbaren Umarmungen und in dem Wissen, dass es eine große Verantwortung ist, ein Kind in die Welt zu setzen und großzuziehen, und dass wir alle drei unser Bestes geben würden, um ihm alles zu geben, was es braucht.

Mit feuchten Augen schaut June zu mir auf und strahlt vor Dankbarkeit. »Sie ist wunderschön, Jace.«

»Sie ist vollkommen«, stimmt Alex ihr zu, die die Stillere von beiden ist, und eine kleine Träne läuft über ihre Wange.

»Danke«, erwidere ich unbeholfen, da ich nicht so recht weiß, wie ich reagieren soll. »Äh, hat Tracy euch alle Unterlagen gegeben?«

Alex nickt und schaut immer noch das Baby an. »Wir sind so weit und haben mit dem Arzt auch schon über die Entlassung gesprochen.«

»Dann ist sie also bereit«, sage ich, und wieder schnürt sich mir die Kehle zu.

Alex schaut mir in die Augen und nickt. »Sie ist bereit.«

»Na ja, ihr solltet sie vielleicht umziehen. Ihr habt ihr doch etwas zum Anziehen mitgebracht, oder?«

»Ja.« June gibt Alex das Baby, geht raus in den Flur und bringt einen Autositz und eine graue Wickeltasche voller Utensilien für Neugeborene mit. Sie sieht ein bisschen ungelenk aus, während sie die Sachen trägt, aber es würde mir vermutlich nicht anders gehen.

»Super.« Ich rufe mich zur Raison, versuche, nicht die Fassung zu verlieren, obwohl sich der Schmerz schwer auf meine Brust legt. »Habt ihr euch endlich einen Namen überlegt?«

Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, habe ich sie gefragt, welche Namen für sie zur Auswahl stehen, aber sie hatten noch keinen Favoriten. Bevor wir uns verabschiedet haben, hat mich Alex zur Seite genommen und erklärt, dass sie mit der Namensfindung warten würden, für den Fall, dass ich es mir doch noch anders überlege. Sie hat mir anvertraut, dass das zu viel für June wäre – noch mal einem Baby einen Namen zu geben, das sie am Ende nicht ihr Eigen nennen konnte. An diesem Tag habe ich Alex geschworen, dass June ihr Baby bekommen würde.

Und so ist es dann auch gekommen. Alle Unterlagen sind ausgefüllt, und June ist endlich Mutter. Verdammt, allein bei dem Gedanken daran, dieser Frau so ein kostbares Geschenk zu machen, fühle ich mich plötzlich wackelig auf den Beinen.

»Wir haben uns einen Namen überlegt«, antwortet Alex. Das aufrichtige Lächeln lässt ihre Augen strahlen.

Ich räuspere mich. »Und, wie wollt ihr sie nennen?«

June löst ihre Aufmerksamkeit von dem Baby, wobei sie schon jetzt wirkt wie eine richtige Mutter, und lächelt mich schüchtern an. »Wir haben uns entschieden, sie Hope zu nennen. Weil du uns Hoffnung gegeben hast, Jace.« Alex legt den Arm um sie, und ich betrachte die wunderschöne Familie, die vor mir steht. »Du hast eine trostlose, beschwerliche Reise in Hoffnung verwandelt. Du hast uns etwas gegeben, das wir dir nie zurückzahlen können.«

Ich nicke nur, weil der Kloß in meinem Hals zu groß ist, um auch nur ein Wort herauszubringen.

Einen Moment lang stehen wir schweigend da. Dann räuspere ich mich und sage: »Alles ist gut. Ihr müsst mir nichts zurückzahlen, nur …« Ich atme tief durch. »Haltet mich auf dem Laufenden, schickt mir Bilder, kommt zu meinen Spielen. Bitte erzählt ihr, wer ihr leiblicher Vater ist, und lasst sie wissen, dass ich sie … liebe.«

Das ist alles, was ich will. Dass sie mich kennt und von der Entscheidung weiß, die ich für sie getroffen habe. Die verdammt nochmal schwerste Entscheidung meines Lebens.

»Du wirst immer ein Teil ihres Lebens sein, Jace, daran ändert sich nichts.«

Unsicher, was ich als Nächstes tun soll, schiebe ich die Hände in die Hosentaschen und stehe linkisch vor ihnen. Soll ich gehen? Soll ich zusehen, wie sie sie umziehen? Kann ich ihr Lebewohl sagen, bevor sie die Reise in ihr neues Leben antritt? Würden sie es zulassen?

»Jace«, unterbricht June meine Gedanken. »Hilfst du uns, sie fertig zu machen?«

»Klar.« Ich lächele angespannt, da ich meine wahren Gefühle nicht zeigen will.

»Hier.« June reicht mir die Wickeltasche. »Da sind ein paar Outfits drin, du kannst eins aussuchen. Ich fange schon mal an, sie auszuziehen, dann kannst du ihr die neuen Sachen anziehen.«

Die nächsten paar Minuten verbringe ich damit, einen geblümten Strampler mit passender Haarschleife und Socken, die aussehen wie Ballettschuhe, auszusuchen.

June und Alex legen Hope aufs Bett auf eine rosafarbene Decke, die Alex’ Mutter gestrickt hat. Sie windet sich und grunzt leise vor sich hin, während ich vorsichtig ihre winzigen Arme in das Hemdchen stecke. Ihre Augen öffnen sich kein einziges Mal. Ich will nur einen Blick. Eine einzige Chance, eine Verbindung mit ihr herzustellen. Ich weiß, dass sie sich nicht erinnern würde, aber ich würde es tun. Ich will, dass sie mich sieht, nicht nur hört.

Nachdem ich ihr das Strampelhöschen angezogen habe, streife ich ihr die Socken über die Füße, die viel zu groß für ihre dünnen Beine sind. Dann streiche ich ihr behutsam die wenigen Haare zur Seite und schiebe das Stirnband zurecht.

Als sie vollständig angezogen ist, kann ich meine Augen nicht von dem wunderbaren Anblick abwenden. Eingewickelt in die Strickdecke sieht sie aus wie ein kleiner Engel, ein Traum, ein wunderbares Geschenk.

June und Alex stellen sich links und rechts neben mich, wir legen die Arme umeinander und weinen, während wir gemeinsam das Baby betrachten. Wie konnte Rebecca sie nur weggeben?

Es ist schon merkwürdig, dass so ein kleiner Mensch drei Menschen zusammenbringen kann. Ich werde auf immer mit June und Alex verbunden sein, und daran wird sich nie etwas ändern. Bis an mein Lebensende werde ich mich an diesen Moment erinnern, in dem drei Erwachsene die unabdingbare Absprache getroffen haben, dass, ganz gleich, was auch geschieht, Hope immer an erster Stelle stehen wird.

»Ihr solltet euch wohl auf den Weg machen«, sage ich schließlich. »Kann ich sie nur noch ein letztes Mal halten?«

»Natürlich«, erwidert Alex, tritt vor und nimmt Hope hoch. Vorsichtig reicht sie sie mir, und ihr Gewicht fühlt sich in meinen Armen federleicht an.

Ich drehe mich um, damit die beiden Frauen mein Gesicht nicht sehen können, und schaue auf Hope hinab. Ihr Name könnte passender nicht sein.

»Hey, kleines Mädchen.« Meine Stimme bricht bei jedem Wort, so wie mein Herz mit jeder Sekunde bricht, mit der sich unsere gemeinsame Zeit dem Ende entgegenneigt. »Ich möchte, dass du weißt, dass du wirklich großes Glück hast. Du hast zwei Mütter, bei denen du willkommen bist, die darum gebetet und alles in ihrer Macht Stehende getan haben, damit du endlich zu ihnen kommst. Du warst keine Überraschung für sie, kein ungewollter Umstand und auch kein mögliches Risiko. Sie haben sich um dich bemüht, von dir geträumt, sich nach dir gesehnt. Du bist alles, was sie sich jemals erhofft haben. Und das bedeutet, dass das Zuhause, in dem du aufwächst, voller Freude, Wärme und Liebe sein wird und du alles bekommen wirst, was du verdienst.« Meine Tränen fallen auf ihr Kleid, und ich wische sie schnell weg, damit sie nicht nass wird. »Ich liebe dich, Hope. Vergiss niemals, dass ich dich nicht weggegeben habe, weil ich dich nicht wollte, sondern weil ich eine Familie für dich finden wollte, die dir mehr bietet, als ich es jemals könnte.«

Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass June eine Kamera in der Hand hält und Bilder macht. Ich bin dankbar, dass sie diese letzten Momente, die ich mit Hope habe, für die Ewigkeit festhält.

Ich atme tief durch und blicke ein letztes Mal auf sie hinab. Und in diesem Moment öffnen sich ihre Augen. Nur für einen Wimpernschlag, aber der Anblick zerreißt mir das Herz. Ihre Augen sind verschleiert vor Müdigkeit, aber das stört mich nicht. Ich bin glücklich über diesen Augenblick, sauge ihn gierig in mich auf, genieße ihn.

Blickkontakt.

Innerlich spreche ich mit ihr, flehe sie an, sich an mich zu erinnern, zu wissen, wer ich bin, mir zu glauben, dass ich sie liebe.

Ich hebe sie höher, küsse sie auf die Stirn und atme ein letztes Mal ihren Babyduft ein, bevor ich sie schweren Herzens und mit brüchiger Entschlossenheit in Alex’ und Junes wartende Hände übergebe. Tränen verschleiern mir die Sicht, Verzweiflung zieht mir das Herz zusammen. Mit einem Nicken wende ich mich der Tür zu, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich noch ein weiteres Wort herausbringe.

Doch June hält mich zurück. Während Alex Hope in den Autositz bettet, zieht sie mich in eine Umarmung. Dann stellt sie sich auf die Zehenspitzen und flüstert mir leise ins Ohr: »Sie wird immer wissen, wie selbstlos du warst, welches Opfer du gebracht hast, und sie wird immer wissen, dass du sie liebst. Wir werden ihr von dem Tag erzählen, an dem du die schwerste Entscheidung deines Lebens treffen musstest. Du kannst darauf vertrauen, dass sie deiner Selbstlosigkeit nacheifern wird, Jace.« Sie drückt mich noch einmal und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Dann sieht sie mir direkt in die Augen, ihre weichen Hände umschließen mein Gesicht. »Du hast eine Lücke in meinem Herzen geschlossen, die es schon viel zu lange gab. Du hast uns ein Baby gegeben, Jace. Ich kann nicht zum Ausdruck bringen, wie unendlich dankbar ich dir dafür bin. Alles, was ich tun kann, ist, das kleine Mädchen so sehr zu lieben, wie ich nur kann. Danke. Ich danke dir von ganzem Herzen.«

Und das ist der Moment, in dem alles in mir zerbricht.

**DAISY**

»Kann ich dir helfen?«, frage ich und beobachte meine Halbschwester Amanda dabei, wie sie ihre berühmte Spaghettisoße zubereitet.

»Willst du den Tisch decken? Matt müsste jeden Moment nach Hause kommen.«

»Klar, kein Ding.« Ich springe von meinem Hocker an der Küchenbar auf und gehe aus der offenen Küche zu dem kleinen Esstisch für vier Personen. Da ich – seitdem ich vor sechs Tagen in ihr Reihenhaus eingezogen bin – weiß, dass Amanda Tisch-Sets mag, greife ich in das Sideboard an der Wand und hole die hübschen violett-grünen Paisley-Platzdeckchen heraus. »Äh, arbeitet Matt eigentlich immer so lange?« Ich bin nach wie vor ein wenig unbeholfen darin, mit meiner Halbschwester Konversation zu betreiben, da wir bisher nicht viel Zeit miteinander verbracht haben.

»Nein, nicht wirklich. Während der Baseballsaison arbeitet er ein bisschen länger als normalerweise, aber da gerade keine Saison ist, kommt er zurzeit eher früh nach Hause. Er hat vorhin angerufen, um mir Bescheid zu sagen, dass er ins Krankenhaus musste, um einen seiner Spieler zu besuchen.«

»Oh nein, ich hoffe, es ist alles in Ordnung.«

»Ich auch.« Sie rührt die Soße noch ein paarmal um, bevor sie in den Schrank über sich greift und die Teller rausholt, die ich auf den Tisch stellen soll. »Hast du heute mit deiner Grandma gesprochen?«

»Ja.« Ich schlucke schwer, denn ihre wohlgemeinten Ratschläge gehen mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf.

Du musst anfangen zu leben.

Du musst die Zeit mit deiner Schwester genießen.

Du brauchst einen Job.

Du musst Leute kennenlernen.

Du musst öfter ausgehen.

»Wie geht es ihr denn?«

»Gut.« Ich nehme die Teller und stelle sie auf den Tisch, bevor ich zur Schublade mit dem Besteck rübergehe. »Sie kann ihre linke Hand schon ein wenig besser bewegen, aber das ist im Moment auch schon alles. Es wird noch lange dauern, bis sie wiederhergestellt ist.«

»Aber geistig ist sie fit?«

»Ja.« Ich seufze und lege das Besteck auf den Tisch. »Ich weiß, dass ich es schon ein paarmal gesagt habe, aber ich möchte dir und Matt wirklich danken, dass ihr mich bei euch wohnen lasst. Bei Grams Krankenhausrechnungen und dem ganzen Geld, das sie jetzt für das betreute Wohnen aufbringen muss … Ich weiß eure Hilfe wirklich zu schätzen.«

Amanda dreht sich mit einem warmherzigen Lächeln zu mir um und umarmt mich. »Für dich tue ich alles. Wir sind schließlich Schwestern. Ich bin einfach froh, dass wir uns endlich besser kennenlernen können.«

»Ich auch. Aber manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich bei euch wohne. Ihr habt euch doch gerade erst verlobt.«

»Schon gut, mach dir deswegen keinen Kopf. Matt und ich sind schon sehr lange zusammen, du störst uns überhaupt nicht.« Sie löst sich von mir und sieht mir in die Augen. »Eine Sache möchte ich allerdings wirklich mit dir besprechen.«

»Okay«, erwidere ich vorsichtig, nicht sicher, was sie mir zu sagen hat.

»Ich habe über das nachgedacht, was wir gestern Abend besprochen haben – dass die Situation im Moment eine Chance für dich ist, endlich dein behütetes Dasein zu verlassen und das wahre Leben kennenzulernen.«

»Ja.« Sie hat recht.

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