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Dein Leben gegen meins

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Widmung

Lynnes Widmung

Für Lynn, die andere Buchstütze,
aus so vielen Gründen, dass ich sie
gar nicht alle aufzählen kann

Valeries Widmung

Für Colin,
du hast alles erst möglich gemacht

1

Amber Patterson war es leid, unsichtbar zu sein. Schon seit drei Monaten ging sie nun täglich in dieses Fitnessstudio und sah diesen Luxusweibchen dabei zu, wie sie sich mit dem Einzigen beschäftigten, das ihnen etwas bedeutete: sich selbst. Sie waren solche Egoistinnen; Amber hätte wetten können, dass nicht eine von ihnen sie auf der Straße wiedererkennen würde, obwohl sie tagtäglich anderthalb Meter von ihnen entfernt auf dem Crosstrainer stand. Aber sie scherte sich nicht drum – um keine von ihnen. Es gab nur einen einzigen Grund, weshalb sie sich jeden Tag hierherschleppte, zu genau diesem Gerät, um Punkt acht Uhr morgens.

Sie hatte die Nase voll von diesem Trott – immer die gleiche Schinderei, während sie auf den richtigen Moment wartete. Den richtigen Zeitpunkt, um endlich zuzuschlagen. Aus dem Augenwinkel sah sie die goldenen Edel-Nikes auf das Trittbrett neben sich steigen. Amber straffte die Schultern und gab sich völlig vertieft in die Zeitschrift, die sie auf der Ablage ihres eigenen Geräts platziert hatte. Sie drehte sich zur Seite und warf der hübschen blonden Frau ein schüchternes Lächeln zu, das diese mit einem höflichen Nicken quittierte. Dann manövrierte Amber ihren Fuß auf die Kante des Trainers, streckte die Hand nach ihrem Wasser aus, rutschte ab und fegte das Magazin zu Boden – direkt unter das Pedal des Nachbargeräts.

»Ach, du meine Güte, das tut mir aber leid«, sagte sie errötend. Noch bevor sie absteigen konnte, hatte die Frau das Heft für sie aufgehoben. Amber sah, wie sich die Augenbrauen der Fremden irritiert zusammenzogen.

»Du liest das is-Magazine?«, fragte die Frau und reichte Amber die Zeitschrift.

»Ja, das Magazin der Mukoviszidose-Stiftung. Kennst du es?«

»Ja, das kenne ich. Bist du Ärztin?«, erkundigte sich die Frau.

Amber schlug die Augen nieder, hob dann den Blick und sah sie erneut an. »Nein, aber meine jüngere Schwester hatte Mukoviszidose.« Sie ließ die Worte in der Leere zwischen ihnen schweben.

»Das tut mir leid. Wie unhöflich von mir. Das geht mich wirklich nichts an«, erwiderte die andere und stieg wieder auf ihren Crosstrainer.

Amber schüttelte den Kopf. »Nein, ist schon okay. Kennst du auch jemanden mit Mukoviszidose?«

Als die Frau Ambers Blick erwiderte, lag ein tiefer Schmerz in ihren Augen. »Meine Schwester. Ich habe sie vor zwanzig Jahren verloren.«

»Das tut mir so leid. Wie alt war sie denn?«

»Sechzehn. Zwei Jahre jünger als ich.«

»Charlene war erst vierzehn«, sagte Amber, während sie das Tempo drosselte und sich mit dem Handrücken die Augen trocken wischte. Sie musste ihr ganzes schauspielerisches Talent aufbieten, um Tränen über eine Schwester zu vergießen, die nie existiert hatte. Ihre drei echten Schwestern erfreuten sich bester Gesundheit – auch wenn sie seit über zwei Jahren nicht mehr mit ihnen gesprochen hatte.

Der Crosstrainer der Frau schnurrte immer langsamer, bis er schließlich zum Stillstand kam. »Geht’s dir gut?«

Amber zuckte schniefend mit den Achseln. »Es tut immer noch so weh, selbst nach all den Jahren.«

Die Frau musterte sie mit einem langen Blick, dann gab sie sich einen Ruck und reichte ihr die Hand.

»Ich heiße Daphne Parrish. Was hältst du davon, wenn wir hier verschwinden und bei einer Tasse Kaffee weiterplaudern?«

»Bist du dir sicher? Ich will dich nicht beim Training stören.«

Daphne nickte. »Natürlich. Ich würde wirklich gern mit dir reden.«

Amber setzt ihr dankbarstes Lächeln auf und stieg ab. »Klingt prima.« Dann ergriff sie Daphnes Hand und sagte: »Ich bin Amber Patterson. Freut mich, dich kennenzulernen.«

***

Am gleichen Abend lag Amber in ihrer schaumbedeckten Badewanne, nippte an einem Glas Merlot und studierte das Foto im Entrepreneur. Äußerst zufrieden mit sich selbst legte sie die Zeitschrift beiseite, schloss die Augen und ließ den Kopf auf den Wannenrand sinken. Sie war davon ausgegangen, dass alles viel länger dauern würde, aber Daphne hatte es ihr leicht gemacht. Nachdem sie den Smalltalk hinter sich gebracht hatten, waren sie rasch zu dem Thema gekommen, mit dem sie Daphnes Interesse geweckt hatte.

»Jemand, der das nicht selbst mitgemacht hat, kann es unmöglich verstehen«, hatte Daphne gesagt, ihre blauen Augen vor Erregung weit aufgerissen. »Ich habe Julie nie als Last empfunden, aber meine Freundinnen wollten sie nicht ständig dabeihaben. Sie haben nicht verstanden, dass ich nie wissen konnte, wann sie wieder ins Krankenhaus musste – und ob sie es je wieder herausschaffen würde. Jeder Augenblick mit ihr war so kostbar.«

Amber hatte sich nach Kräften bemüht, interessiert auszusehen, während sie den Gesamtwert sämtlicher Diamanten überschlug, die Daphnes Körper schmückten – die Ohrringe, das grazile Armband am Handgelenk und der riesige Klunker an ihrem dezent gebräunten, perfekt manikürten Ringfinger. Es mussten mindestens hundert Riesen sein, die da an ihrem Größe-36-Body baumelten, und ihr fiel nichts Besseres ein, als über ihre ach so traurige Kindheit rumzuheulen.

Mit einem hoffentlich mitfühlenden Lächeln hatte Amber erwidert: »Ich weiß. Wenn meine Schwester zu krank war, um zur Schule zu gehen, bin ich oft mit ihr zu Hause geblieben, damit meine Mutter arbeiten gehen konnte. Fast hätte sie ihren Job verloren, weil sie sich so oft freinehmen musste. Und wir konnten es uns nicht leisten, ohne Krankenversicherung dazustehen.« Erfreut hatte sie bemerkt, wie leicht ihr die Lüge über die Lippen ging.

»Oh, wie furchtbar«, hatte Daphne geseufzt. »Das ist einer der Gründe, wieso mir meine Stiftung so am Herzen liegt. Julie’s Smile unterstützt Familien, die sich die erforderliche Pflege nicht leisten können.«

Amber hatte sich in gespielter Fassungslosigkeit ergangen. »Julie’s Smile ist deine Stiftung? Deine Schwester ist die Julie? Ich kenne Julie’s Smile in- und auswendig, verfolge seit Jahren alles, was ihr macht. Ich bin echt sprachlos.«

Daphne nickte. »Ich habe sie gleich nach der Uni gegründet. Mein Mann war der erste Förderer.« Dabei hatte sie das Gesicht verzogen, als wäre ihr das ein wenig peinlich. »So haben wir uns kennengelernt.«

»Plant ihr nicht gerade eine große Spendengala?«

»Stimmt. Es ist noch ein paar Monate hin, aber es gibt schon eine Menge zu tun. Sag mal … ach, vergiss es.«

»Nein, sag’s ruhig«, hakte Amber nach.

»Na ja, ich habe mich nur gefragt, ob du nicht vielleicht Lust hättest, mitzuhelfen. Es wäre schön, jemanden dabeizuhaben, der versteht –«

»Ich würde gern helfen«, war Amber ihr ins Wort gefallen. »Ich verdiene nicht viel Geld, aber meine Zeit kann ich auf jeden Fall beisteuern. Was du tust, ist so unglaublich wichtig. Wenn ich mir vorstelle, was man damit alles bewegen kann …« Sie biss sich auf die Lippe und tat, als ränge sie mit den Tränen.

»Wunderbar«, hatte Daphne glücklich gesagt und eine edel geprägte Visitenkarte hervorgezogen. »Bitte sehr. Das Stiftungskomitee trifft sich am Donnerstagmorgen um zehn bei mir. Kannst du das einrichten?«

Amber hatte sie dankbar, wenn auch ein wenig bekümmert, angelächelt, als würde der Gedanke an die Krankheit sie noch immer bedrücken. »Ich würde es um nichts in der Welt verpassen wollen.«

2

Der wiegende Rhythmus des Samstagszugs von Bishops Harbor nach New York lullte Amber ein, und sie entglitt in einen tröstlichen Tagtraum fernab der stumpfsinnigen Routine ihrer Arbeitswoche. Nur gelegentlich öffnete sie die Augen, um einen Blick auf die vorbeifliegende Landschaft zu erhaschen. Sie musste an ihre erste Zugfahrt denken; damals, mit sieben Jahren. Es war Juli gewesen in Missouri – der heißeste, schwülste Monat des Sommers –, und die Klimaanlage des Zuges hatte längst aufgegeben. Noch immer sah sie ihre Mutter vor sich, wie sie ihr gegenübersaß, in einem schwarzen langärmligen Kleid, kerzengerade und mit ernster Miene, die Knie sittsam zusammengepresst. Ihr hellbraunes Haar war wie immer streng zum Knoten zurückgesteckt und sie trug ein Paar Ohrringe – kleine Perlenstecker, die sie sich für besondere Gelegenheiten aufsparte. Die Beerdigung von Ambers Großmutter zählte anscheinend zu diesen Anlässen.

Als sie am schmuddeligen Bahnhof von Warrensburg ausgestiegen waren, war es draußen noch brütender gewesen als im Inneren des Zuges. Onkel Frank, der Bruder ihrer Mutter, hatte sie mit seinem ramponierten blauen Pick-up abgeholt. Am nachhaltigsten war ihr der Geruch in Erinnerung geblieben – eine Mischung aus Schweiß, Dreck und Feuchtigkeit – und das rissige Sitzleder, das sich in ihre Haut gebohrt hatte. Sie waren an endlosen Maisfeldern vorbeigefahren und an kleinen Gehöften mit müde wirkenden Holzhäusern und Innenhöfen voller rostiger Landmaschinen, schrottreifen, auf Betonsteinen aufgebockten Autos, reifenlosen Felgen und Metallverschlägen. Es war sogar noch deprimierender gewesen als dort, wo sie lebten, und Amber hatte sich gewünscht, man hätte ihr erlaubt, daheim bei ihren jüngeren Schwestern zu bleiben. Aber ihre Mutter fand, Amber sei nun alt genug, um der Großmutter die letzte Ehre zu erweisen. Den Großteil dieses grauenhaften Wochenendes hatte sie verdrängt, doch nie würde sie die abstoßende Schäbigkeit vergessen – das triste Wohnzimmer im Haus der Großeltern, ganz in rostigen Braun- und Gelbtönen gehalten; die ungepflegten Bartstoppeln im Gesicht des Großvaters und wie er mit harter und mürrischer Miene in seinem dick gepolsterten Fernsehsessel saß, nur mit einem abgewetzten Unterhemd und fleckigen Khakihosen bekleidet. Amber hatte verstanden, wo die Freudlosigkeit und Ideenarmut ihrer Mutter herkamen. Damals, in jenem zarten Alter, hatte der Traum von etwas Anderem und Besserem in ihr Gestalt angenommen.

Als der Mann gegenüber sie beim Aufstehen mit seinem Aktenkoffer anrempelte, schlug sie die Augen auf und merkte, dass sie am Grand Central angekommen waren. Eilig raffte sie Handtasche und Jacke zusammen und mischte sich in den Strom aussteigender Fahrgäste. Den Weg von den Gleisen in die prachtvolle Haupthalle genoss sie noch immer – welch ein Kontrast zu der heruntergekommenen Haltestelle vor all den Jahren. In aller Ruhe schlenderte sie an den glänzenden Ladenzeilen des Bahnhofs entlang – die perfekte Einstimmung auf die Wunder der Stadt, die sie draußen erwartete. Dann verließ sie den Bahnhof und ging zu Fuß die wenigen Häuserblocks entlang der Zweiundvierzigsten Straße zur Fifth Avenue. Die Route dieser monatlichen Pilgerfahrt war ihr mittlerweile dermaßen vertraut, sie hätte den Weg auch mit verbundenen Augen gefunden.

Ihr erstes Ziel war stets die New York Public Library. Die Sonne fiel durch die hohen Fenster hinein, als sie im großen Lesesaal an einem der langen Tische saß und die kunstvollen Deckenfresken auf sich wirken ließ. Die sämtliche Wände emporwachsenden Bücher vermittelten ihr ein Gefühl tiefer Geborgenheit, erinnerten sie daran, dass sämtliches Wissen, nach dem sie trachtete, allzeit für sie bereitstand. Hier konnte sie lesen und alles finden, was sie brauchte, um ihren Plänen Gestalt zu verleihen. Zwanzig Minuten lang saß sie da, regungslos und stumm, bis sie bereit war, zurück auf die Straße zu treten.

Langsam spazierte sie an den Luxusläden auf der Fifth Avenue vorbei. Versace, Fendi, Armani, Louis Vuitton, Harry Winston, Tiffany & Co., Gucci, Prada und Cartier – und immer so weiter, eine der glanzvollsten und teuersten Boutiquen der Welt nach der anderen. Jedem dieser Läden hatte sie bereits einen Besuch abgestattet, das Aroma geschmeidigen Leders eingesogen, den Duft der exotischen Parfüms, sich die samtigen Lotionen und kostbaren Cremes in die Haut gerieben, die so verlockend in ihren kunstvollen Testern für die Kunden bereitstanden.

Sie schlenderte weiter, vorbei an Dior und Chanel, und machte kurz halt, um ein schmal geschnittenes schwarz-silbernes Kleid zu bewundern, das sich an die zarten Rundungen einer Schaufensterpuppe schmiegte. Sie stellte sich vor, wie sie in diesem Kleid, mit hoch aufgetürmtem Haar und makellosem Make-up am Arm ihres eleganten Ehemannes einen Ballsaal betrat und jede Frau, an der sie vorüberglitt, vor Neid erblasste. Dann riss sie sich los und wanderte weiter stadtaufwärts bis zu Bergdorf Goodman und dem zeitlos eleganten Plaza Hotel. Nur zu gern wäre sie die mit rotem Teppich ausgelegten Stufen in die prächtige Lobby emporgestiegen, doch es war schon weit nach eins, und sie bekam langsam Hunger. Sie hatte sich ein kleines Lunchpacket gepackt, da ihr hart verdientes Geld kaum für den Museumseintritt samt Mittagessen in Manhattan gereicht hätte. Nun überquerte sie die Achtundfünfzigste Straße in Richtung Central Park, setzte sich dort auf eine Bank mit Blick auf die belebte Straße und kramte einen kleinen Apfel und ein Tütchen mit Nüssen und Rosinen aus ihrer Tasche hervor. Sie aß gemächlich, beobachtete die vorübereilenden Passanten und dachte zum hundertsten Mal, wie dankbar sie doch sein konnte, dem tristen Leben ihrer Eltern entkommen zu sein – dem ewigen Einerlei, dem banalen Geschwätz, der Vorhersehbarkeit in allem. Ihre Mutter hatte Ambers Ehrgeiz nie verstanden. »Streb nie nach Dingen, die für dich unerreichbar sind«, hatte sie gesagt und dass solche Flausen im Kopf sie eines Tages in Schwierigkeiten bringen würden. Doch Amber hatte es ihr gezeigt und alles hinter sich gelassen – wenn auch etwas anders als geplant.

Nach dem Essen ging sie durch den Park zum Metropolitan Museum of Art, wo sie den Nachmittag verbringen würde. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie jeden Winkel des Met durchstreift, die Kunstwerke studiert, Vorträge und Filme über Werke und Künstler besucht. Am Anfang war ihre Unwissenheit erschreckend gewesen, doch auf die ihr eigene hochsystematische Art hatte sie sich Schritt für Schritt vorgetastet, sich aus Bibliotheksbüchern alles über Kunst, Kunstgeschichte und die großen Meister angelesen, was sie nur konnte. Mit ihren neuen Kenntnissen gewappnet, besuchte sie das Museum nun jeden Monat, um alles mit eigenen Augen zu betrachten. Mittlerweile konnte sie zu jedem anspruchsvollen Gespräch über Kunst etwas beitragen, nur die profundesten Kritiker des Landes waren noch besser informiert als sie. Seit sie ihrem beengten Elternhaus in Missouri Lebewohl gesagt hatte, arbeitete sie hart daran, eine neue und verbesserte Amber zu erschaffen – eine, die sich mühelos unter den Reichen und Mächtigen bewegen konnte. Und bisher lag sie voll im Plan.

Einige Zeit später schlenderte sie in jenen Gang, in dem sie für gewöhnlich als Letztes haltmachte. Dort verharrte sie eine Weile vor einer kleinen Studie von Tintoretto. Sie wusste nicht, wie oft sie diese Skizze schon studiert hatte, doch die Inschrift darunter hatte sich in ihr Gehirn eingebrannt: Spende aus der Sammlung von Jackson und Daphne Parrish. Schweren Herzens wandte sie sich ab und marschierte hinüber in die Aelbert-Cuyp-Ausstellung. Sie hatte das einzige Buch über ihn gelesen, das sich in der Bibliothek von Bishops Harbor fand, und sich gewundert, dass sie trotz seiner Berühmtheit vorher nie etwas von ihm gehört hatte. Sie streifte durch die Ausstellung und stieß auf ein Gemälde, das sie im Buch tief beeindruckt und von dem sie gehofft hatte, dass es Teil der Schau sein würde: Die Maas bei Dordrecht in einem Sturm. Es war sogar noch großartiger, als sie es sich vorgestellt hatte. Neben ihr stand ein älteres Ehepaar und betrachtete das Werk ebenso gebannt.

»Atemberaubend, nicht wahr?«, wandte sich die Frau an Amber.

»Ja. Es übertrifft alle Erwartungen«, erwiderte sie.

»Und so ganz anders als seine Landschaften«, merkte der Mann an.

Die Augen noch immer starr auf die Leinwand geheftet, sagte Amber: »In der Tat. Aber er hat viele grandiose Ansichten holländischer Häfen gemalt. Wussten Sie, dass er außerdem biblische Szenen und Porträts angefertigt hat?«

»Ach, wirklich? Ich hatte ja keine Ahnung.«

Vielleicht solltet ihr mal was lesen, bevor ihr euch eine Ausstellung anseht, dachte Amber, schenkte ihnen aber nur ein Lächeln und ging weiter. Sie liebte es, anderen ihr Wissen vorführen zu können. Und sie war sich sicher, dass ein Mann wie Jackson Parrish – ein Mann, der sich seines kulturellen Feinsinns rühmte – es ebenso lieben würde.

3

Galliger Neid saß wie ein Pfropf in Ambers Kehle, als das mondäne, direkt am Long Island Sound gelegene Anwesen allmählich in Sicht kam. Die weißen Eingangstore wichen zurück und gaben den Blick frei auf üppige Vegetation und Rosensträucher, die sich verschwenderisch über die unauffällige Umzäunung wanden. Die Villa selbst war ein weitläufiger, doppelstöckiger Bau, ganz in Weiß und Grau gehalten, und erinnerte sie an die eleganten Sommerhäuser auf Nantucket oder Martha’s Vineyard, die sie aus Zeitschriften kannte. Majestätisch schlängelte sich das Anwesen an der Küstenlinie entlang und fügte sich anmutig in die Uferlandschaft.

Es war die Art von Haus, die man gut versteckt hielt, fernab der Blicke all jener, die es sich nicht leisten konnten, so zu leben. Das ist es, was Reichtum einem ermöglicht, sinnierte Amber, er verleiht einem die Mittel und die Macht, sich vor der Welt zu verbergen, wenn man will – oder muss.

Sie fuhr mit ihrem zehn Jahre alten blauen Toyota Corolla vor. Das Auto würde inmitten der neuesten Mercedes- und BMW-Modelle, die bald in Scharen auf den Hof rollen würden, lächerlich deplatziert wirken. Mit geschlossenen Augen saß sie einen Moment da, holte langsam und tief Luft und ging im Geiste noch einmal sämtliche Daten und Fakten durch, die sie sich in den letzten Wochen eingeprägt hatte.

Heute Morgen hatte sie sich mit Bedacht angezogen, das glatte braune Haar mit einem Schildpatt-Haarreif zurückgesteckt und ihr Make-up aufs Nötigste reduziert – nur ein Hauch von Rouge auf den Wangen und ein dezent getönter Lippenbalsam. Dazu trug sie einen ordentlich gebügelten, beigen Bleistiftrock und ein langärmliges weißes Baumwollshirt, beides Versandhausware aus einem L.L.Bean-Katalog. Ihre Sandalen waren robust und schlicht, praktische Schuhe ohne jeden Schnickschnack, in denen sie gut laufen konnte und die nicht die leiseste Spur von Weiblichkeit vermittelten. Die hässliche Brille mit dem klobigen Gestell, die sie in letzter Minute noch aufgetan hatte, komplettierte das gewünschte Erscheinungsbild. Als sie vor dem Verlassen ihres Apartments einen letzten Blick in den Spiegel geworfen hatte, war sie hochzufrieden gewesen. Sie wirkte langweilig, beinahe unscheinbar. Wie jemand, der niemals auch nur die geringste Gefahr darstellen würde. Für niemanden. Und schon gar nicht für eine Frau wie Daphne Parrish.

Auch wenn sie damit Gefahr lief, unhöflich zu sein, war Amber etwas zu früh gekommen. So hatte sie etwas Zeit mit Daphne allein und war schon vor den anderen Frauen da, was bei Vorstellungsrunden immer von Vorteil war. Die Stiftungsdamen würden sie als jung und nichtssagend abtun, ein emsiges Bienchen, das Daphne als Gehilfin auserkoren hatte, mehr nicht.

Amber öffnete die Autotür und trat auf den Schotter. Jeder einzelne Stein, der ihre Schritte abfederte, wirkte handvermessen, auf Reinheit und Gleichmäßigkeit geprüft. Für den Weg zum Haus ließ sie sich Zeit und studierte in aller Ruhe das Anwesen. Jetzt wurde ihr klar, dass dies der Hintereingang sein musste, die Vorderseite würde gewiss aufs Meer hinausgehen. Dennoch ragte eine beeindruckende Fassade vor ihr auf. Linker Hand befand sich eine weiße, mit den letzten Glyzinien des Sommers überrankte Gartenlaube, dahinter standen zwei lange Sitzbänke. Sie hatte natürlich von dieser Art Reichtum gelesen, in Magazinen und im Netz unzählige Bilder der Villen von Filmstars und Millionären betrachtet, doch dies war das erste Mal, dass sie eine von Nahem sah.

Sie erklomm die breiten Steinstufen zum Treppenabsatz und läutete. Durch die überdimensionierte, mit großen Facettenscheiben verglaste Tür sah man in einen langen Flur, der sich bis zur Vorderseite des Gebäudes erstreckte. Von hier aus konnte sie das strahlende Blau des Wassers erkennen, und dann stand Daphne plötzlich lächelnd da und hielt ihr die Tür auf.

»Wie reizend, dich zu sehen. Ich bin so froh, dass du kommen konntest«, sagte sie, nahm Amber an der Hand und geleitete sie hinein.

Amber schenkte ihr jenes scheue Lächeln, das sie so lange vor dem Badezimmerspiegel geübt hatte. »Vielen Dank für die Einladung, Daphne. Wie aufregend, dass du mich mithelfen lässt.«

»Nun, ich freue mich wahnsinnig, dass du bei uns mitarbeiten möchtest. Hier entlang. Wir treffen uns im Wintergarten.« Daphne führte sie in einen großen achteckigen Raum mit bodentiefen Fenstern und sommerlichen Chintzstoffen in leuchtenden Farben. Die Terrassentür stand offen, und Amber sog den betörenden Duft der salzigen Seeluft ein.

»Nimm doch bitte Platz. Wir haben noch ein paar Minuten, bevor die anderen eintreffen«, sagte Daphne.

Amber ließ sich in die weiche Couch sinken. Daphne nahm ihr gegenüber in einem der gelben Sessel Platz, die das restliche Mobiliar des Zimmers perfekt ergänzten. Alles hier versprühte eine mondäne, wenn auch unaufdringliche Eleganz. Amber ärgerte die Unbekümmertheit, die Daphne im Umgang mit Reichtum und Privilegien ausstrahlte, als wäre all dies ihr angeborenes Recht. Mit ihrer maßgeschneiderten grauen Hose und der Seidenbluse, ihr einziger Schmuck ein Paar große Perlenstecker, sah sie aus, als wäre sie direkt aus einer Town & Country herausspaziert. Das schimmernd blonde Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schultern und rahmte ihre aristokratischen Züge. Amber schätzte, dass Kleidung und Ohrringe allein mehr als drei Riesen wert waren, ganz zu schweigen von dem Stein an ihrem Finger und der Tank von Cartier am Handgelenk. Vermutlich hatte sie oben in ihrem Schmuckkästchen noch ein Dutzend mehr davon. Amber blickte auf ihre eigene Armbanduhr – ein billiges Kaufhausmodell – und sah, dass sie Daphne noch rund zehn Minuten für sich allein hatte.

»Noch mal vielen Dank, dass du mich helfen lässt, Daphne.«

»Ich habe zu danken. Wir können immer Leute gebrauchen, die mit anpacken. Natürlich sind alle diese Frauen großartig und arbeiten hart, aber du kannst es nachempfinden, weil du es selbst durchgemacht hast.« Daphne rutschte etwas nach vorn. »Wir haben neulich viel über unsere Schwestern gesprochen, aber kaum über uns. Ich weiß, dass du nicht hier aus der Gegend stammst. Hast du nicht gesagt, du kämst aus Nebraska?«

Amber hatte ihre Geschichte sorgfältig einstudiert. »Ja, das stimmt. Aber nachdem meine Schwester gestorben war, bin ich dort weggegangen. Eine gute Freundin von der Highschool war schon zum Studium hierhergezogen. Als sie zur Beerdigung meiner Schwester nach Hause kam, meinte sie, ich könnte vielleicht einen Tapetenwechsel gebrauchen, eine Art Neuanfang. Und außerdem wäre keiner von uns allein. Sie hat recht behalten. Der Umzug hat mir ungemein geholfen, über Charlenes Tod hinwegzukommen. Seit knapp einem Jahr bin ich jetzt in Bishops Harbor, aber es vergeht kein Tag, ohne dass ich an sie denke.«

Daphne musterte sie eindringlich. »Das tut mir unendlich leid. Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, weiß, wie es ist, einen Bruder oder eine Schwester zu verlieren. Ich denke auch jeden Tag an Julie. Deswegen bedeutet mir mein Kampf gegen Mukoviszidose auch so viel. Ich kann mich glücklich schätzen, zwei gesunde Töchter zu haben, aber es gibt noch immer so viele Familien, die von dieser furchtbaren Krankheit betroffen sind.«

Amber griff nach einem Silberrahmen mit dem Foto zweier kleiner Mädchen, beide blond und sonnengebräunt. Sie trugen die gleichen Badeanzüge und saßen Arm in Arm im Schneidersitz auf einem Steg. »Sind das deine Töchter?«

Daphne warf einen kurzen Blick auf das Bild und lächelte. »Ja, das ist Tallulah, und das hier ist Bella. Das Foto wurde letzten Sommer aufgenommen, am See.«

»Sie sehen hinreißend aus. Wie alt sind die beiden?«

»Tallulah ist zehn und Bella sieben. Ich bin froh, dass Sie einander haben«, setzte Daphnes mit feuchten Augen hinzu. »Ich bete dafür, dass es immer so bleibt.«

Amber hatte irgendwo gelesen, dass Schauspieler, die auf Kommando weinen müssen, an die traurigste Sache denken, die ihnen in den Sinn kommt; aber das Traurigste, was ihr gerade einfiel, war, dass sie nicht in Daphnes Stuhl saß, nicht Herrin dieses unfassbaren Hauses war. Doch auch ohne Tränen gab sie ihr Bestes, möglichst betreten dreinzublicken, während sie das Bild zurück an seinen Platz stellte.

In dem Moment klingelte es an der Tür, und Daphne stand auf, um zu öffnen. Im Gehen sagte sie zu Amber: »Nimm dir doch Kaffee oder Tee. Ein paar Süßigkeiten gibt es auch. Bedien dich einfach, es steht alles auf dem Büffet.«

Amber erhob sich, ließ jedoch ihre Handtasche auf dem Stuhl neben Daphnes liegen, um ihn zu reservieren. Als sie sich eben eine Tasse Kaffee eingoss, strömten die anderen Frauen unter freudigen Begrüßungen und Umarmungen in den Raum. Sie hasste das einfältige Gackern solcher Frauengruppen, sie klangen wie gluckende Hennen.

»Hallo, allerseits.« Daphne Stimme erhob sich über das Geschnatter, und es wurde allmählich still. Dann trat sie zu Amber herüber und legte den Arm um sie. »Ich möchte euch ein neues Komiteemitglied vorstellen, Amber Patterson. Amber wird für uns alle eine große Bereicherung sein. Traurigerweise ist sie eine Art Expertin – ihre Schwester ist an Mukoviszidose gestorben.«

Amber schlug die Augen nieder, und in der Frauenriege erhob sich ein mitfühlendes Raunen.

»Wieso setzen wir uns nicht, damit ihr euch Amber der Reihe nach vorstellen könnt?«, sagte Daphne. Tasse und Untertasse in der Hand, nahm sie wieder Platz, beäugte das Foto ihrer Töchter und rückte es, wie Amber auffiel, ein winziges Stück zur Seite. Amber besah sich die Frauen genau, als sie eine nach der anderen lächelnd ihren Namen nannten – Lois, Bunny, Faith, Meredith, Irene und Neve. Alle waren erlesen gekleidet und schick herausgeputzt, doch zwei von ihnen weckten Ambers besonderes Interesse. Bunny hatte höchstens Kleidergröße 34, dazu langes blondes Haar, und ihre riesigen grünen Augen waren so meisterhaft geschminkt, dass sie einem den Atem raubten. Sie war auf jede nur erdenkliche Weise perfekt, und das wusste sie auch. Amber hatte sie schon oft im Fitnessstudio gesehen, wo sie in ihren winzigen Shorts und ihrem Sport-BH wie eine Irre trainierte, doch Bunny betrachtete sie so ausdruckslos, als hätte sie Amber noch nie im Leben getroffen. Wie gern hätte Amber sie erinnert: Klar, wir kennen uns doch. Bist du nicht die, die bei ihrer Mädchenclique immer damit prahlt, wie sie hinter dem Rücken ihres Ehemanns rumvögelt?

Und dann war da noch Meredith, die kein bisschen zum Rest der Frauen passte. Im Gegensatz zu deren protziger Aufmachung war sie teuer, aber dezent gekleidet. Sie trug kleine Goldohrringe und über ihrem braunen Pulli eine einsträngige, alte Perlenkette. Ihr Tweedrock hatte eine eigentümliche Länge, war weder lang noch kurz genug, um modisch zu sein. Doch im Laufe der Sitzung wurde Amber klar, dass sie sich nicht allein im Aussehen von den anderen unterschied. Mit stolz erhobenem Haupt und zurückgeworfenen Schultern saß sie kerzengerade auf ihrem Stuhl und verströmte mit jeder Geste ihres imposanten Gebarens Reichtum und Weltläufigkeit. Und wenn sie sprach, ließ sie stets einen leisen Privatschulakzent durchklingen, der ihre Worte viel geistreicher klingen ließ. Sie redete vor allem über die stille Auktion und die Preise, die sie bislang eingeworben hatten: exotische Fernreisen, Diamantschmuck, edle Weine – ein Versteigerungsstück kostspieliger als das andere.

Als das Treffen sich dem Ende näherte, kam Meredith zu Amber herüber und setzte sich neben sie. »Willkommen bei Julie’s Smile, Amber. Das mit deiner Schwester tut mir leid.«

»Danke«, antwortete Amber schlicht.

»Kennst du Daphne denn schon lange?«

»O nein. Wir haben uns eigentlich gerade erst kennengelernt. Im Fitnessstudio.«

»Welch glückliche Fügung«, erwiderte Meredith mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ja, es war ein glücklicher Tag für uns beide«, gab Amber unschuldig zurück.

»Das möchte man wohl meinen.« Dann hielt Meredith inne und musterte sie von oben bis unten. Amber hatte das Gefühl, als könnte Meredith direkt in sie hineinblicken. Schließlich verzog Merediths Miene sich zu einem schmallippigen Lächeln, und sie erhob sich aus ihrem Sessel. »Es war schön, dich zu sehen. Ich kann es kaum erwarten, dich besser kennenzulernen.«

Amber witterte Gefahr. Es war nicht das, was Meredith gesagt hatte, sondern wie sie es gesagt hatte. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Sie stellte die leere Kaffeetasse zurück aufs Büffet und trat durch die geöffnete Flügeltür, die sie hinaus ins Freie zu locken schien. Auf der Terrasse ließ sie den Blick über die imposante Weite des Long Island Sound schweifen. In der Ferne machte sie ein Boot aus, ein winziges Segel, das sich im Wind bauschte. Der Anblick war überwältigend. Sie schlenderte zur anderen Seite der Veranda, um eine bessere Aussicht auf den Strand zu erhaschen. Als sie gerade wieder hineingehen wollte, drang Merediths unverkennbare Stimme aus dem Wintergarten zu ihr.

»Mal ehrlich, Daphne, wie gut kennst du dieses Mädchen überhaupt? Ihr habt euch im Fitnessstudio kennengelernt? Weißt du auch nur das Geringste über ihre Herkunft?«

Amber stand lautlos auf der Türschwelle und lauschte.

»Meredith, aber wirklich. Alles, was ich wissen musste, war, dass ihre Schwester an Muko gestorben ist. Was willst du mehr? Sie hat ein ganz persönliches Interesse daran, Gelder für die Stiftung einzuwerben.«

»Hast du denn Erkundigungen über sie eingezogen?«, fragte Meredith, immer noch skeptisch. »Du weißt schon, Familie, Bildungsweg, all diese Dinge?«

»Es geht hier um eine ehrenamtliche Tätigkeit, keinen Sitz im Verfassungsgericht. Ich will sie dabeihaben. Du wirst schon sehen, sie wird eine wertvolle Bereicherung sein.«

Amber konnte die Verärgerung in Daphnes Stimme hören.

»Meinetwegen, Daphne. Es ist schließlich dein Komitee. Ich halte mich da raus.«

Dann hörte Amber Schritte auf dem Fliesenboden. Als sie sicher sein konnte, dass die beiden fort waren, schlüpfte sie durch die Tür und schob ihre Aktenmappe unter eines der Couchkissen, sodass es aussah, als hätte sie sie dort vergessen. Darin befanden sich ihre Mitschriften des Treffens sowie, verborgen in einer der Taschen, ein Foto. Da die Mappe ansonsten keinerlei Rückschlüsse auf ihren Besitzer zuließ, würde Daphne darin herumstöbern müssen und mit Sicherheit darauf stoßen. Auf dem Bild war Amber dreizehn und schubste ihre kleine Schwester auf der Schaukel an. Es war ein guter Tag gewesen, einer der wenigen, an denen sich ihr Mutter in der Reinigung freinehmen konnte und mit ihnen in den Park gegangen war. Auf die Rückseite hatte sie Amber und Charlene geschrieben, obwohl das Foto sie und ihre Schwester Trudy zeigte.

Diese Meredith würde ein harter Brocken werden. Sie könne es kaum erwarten, Amber besser kennenzulernen, hatte sie gesagt. Nun, Amber würde schon dafür sorgen, dass sie so wenig wie möglich in Erfahrung brachte. Von so einer Oberschicht-Schnöselin würde sie sich nicht in die Parade fahren lassen. Die Letzte, die das versucht hatte, hatte bekommen, was sie verdiente.

4

Amber zerrte am Korken und öffnete die Flasche Wein, die sie sich aufgespart hatte. Wie erbärmlich, dass sie einen Zwölf-Dollar-Cabernet rationieren musste, aber ihr mickriges Gehalt im Immobilienbüro reichte mit Mühe und Not für die Miete. Schon bevor sie nach Connecticut gezogen war, hatte sie ihre Hausaufgaben gemacht und sich ihr Opfer ausgeguckt – Jackson Parrish. Er hatte sie nach Bishops Harbor geführt. In einer der Nachbargemeinden hätte sie um einiges günstiger wohnen können, doch hier zu leben besaß den Vorteil, öfter Daphne Parrish zu begegnen – ganz abgesehen von den fantastischen Freizeiteinrichtungen. Und sie mochte die Nähe zu New York.

Ein Lächeln huschte über Ambers Gesicht. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie einen Artikel über Jackson Parrishs Immobiliengesellschaft gelesen und daraufhin die ersten Nachforschungen über ihn angestellt hatte. Als sein Foto auf dem Bildschirm erschienen war, hatte es ihr den Atem verschlagen. Mit seinem dichten schwarzen Haar, den vollen Lippen und den kobaltblauen Augen hätte er es auch auf die Kinoleinwand schaffen können. Dann hatte sie ein Interview in der Forbes angeklickt, wo er über die Gründung seines Fortune-500-Unternehmens sprach. Im nächsten Artikel – diesmal aus Town & Country – ging es um seine Ehe mit der bildhübschen, zehn Jahre jüngeren Daphne. Wie gebannt hatte Amber auf die Fotos ihrer beiden bezaubernden Kinder gestarrt, aufgenommen am Strand vor einer grau-weiß verschindelten Villa. Sie hatte alles über die Parrishs herausgefunden, was sie nur konnte, und als sie auf Julie’s Smile gestoßen war, jene von Daphne ins Leben gerufene Stiftung, die Gelder für den Kampf gegen Mukoviszidose einwarb, war ihr die Idee gekommen. Der erste Schritt des Plans, der langsam in ihrem Kopf Gestalt annahm, bestand darin, nach Bishops Harbor zu ziehen.

Wenn sie an die armselige Ehe zurückdachte, die sie damals in Missouri einzufädeln versucht hatte, hätte sie am liebsten laut aufgelacht. Die Sache war verdammt übel ausgegangen, aber dieselben Fehler würde sie nicht noch einmal machen.

Sie hob ihr Weinglas und prostete dem Spiegelbild zu, das ihr in der Scheibe des Mikrowellenherds entgegenblickte. »Auf Amber.« Sie nahm einen tiefen Schluck und stellte das Glas zurück auf den Tresen.

Als sie ihren Laptop aufklappte und Meredith Stanton Connecticut in die Suchleiste eingab, füllte sich das Display mit Dutzenden von Ergebnissen, sowohl zu Merediths Privatleben als auch über ihre Wohltätigkeitsarbeit. Meredith Bell Stanton entstammte der Bell-Dynastie, die seit Generationen Vollblutrennpferde züchtete. Glaubte man den Artikeln, so war sie eine passionierte Reiterin. Sie ritt, bestritt Turniere, jagte, sprang und tat auch alles andere, was man mit Pferden anstellen konnte. Das überraschte Amber kein bisschen. Alles an Meredith deutete darauf hin – ebenso gut hätte auf ihrer Stirn fett Pferdefrau stehen können.

Amber studierte ein Foto von Meredith und ihrem Ehemann, Randolph H. Stanton III., bei einer Charity-Veranstaltung in New York. Der gute alte Randolph wirkte so steif, als hätte er einen Zollstock im Hintern. Aber das Bankgeschäft war wohl eine ziemlich trockene Angelegenheit. Das einzig Gute daran war das Geld, und die Stantons schienen darin zu schwimmen.

Als Nächstes suchte sie Bunny Nichols, erhielt aber nur wenige Treffer. Sie war die vierte Ehefrau von March Nichols, einem prominenten und für seine Skrupellosigkeit berüchtigten New Yorker Anwalt, und wies eine verblüffende Ähnlichkeit zu Ehefrau Nummer zwei und drei auf. Offenbar waren die blonden Partygirls für ihn mehr oder weniger austauschbar. In einem der Artikel wurde sie als »ehemaliges Model« bezeichnet. Wie lächerlich. Sie sah eher aus wie eine ehemalige Stripperin.

Amber nahm einen letzten Schluck, drückte den Korken wieder auf die Flasche und loggte sich unter einem ihrer Fake-Profile bei Facebook ein – jenem, das sie allabendlich auf neue Fotos und Statusmeldungen durchsah. Mit zusammengekniffenen Augen taxierte sie das Bild eines kleinen Jungen; in einer Hand hielt er eine Brotdose, die andere lag in der Hand dieser reichen Schlampe. Darunter stand: Erster Tag an der St. Andrews Academy, und dazu der abgeschmackte Kommentar: Mommy ist noch nicht bereit mit einem traurigen Emoji. St. Andrews – die Schule bei ihnen zu Hause, auf die sie damals immer hatte gehen wollen. Wie gern hätte sie ihren eigenen Kommentar gepostet: Mommy und Daddy sind verlogene Dreckschweine. Stattdessen aber schlug sie den Laptop knallend zu.

5

Amber sah das klingelnde Telefon und grinste. Auf der Anruferkennung stand Private Nummer. Das musste Daphne sein. Anscheinend hatte sie die Mappe gefunden. Amber ließ es läuten, bis die Mailbox ansprang. Tags darauf versuchte Daphne es erneut, und wieder nahm Amber nicht ab. Erst am dritten Abend ging sie endlich dran.

»Hallo?«, hauchte sie.

»Amber?«

Ein Seufzen, dann ein leises »Ja?«.

»Ich bin’s, Daphne. Bist du okay? Ich habe versucht, dich zu erreichen.«

Sie stieß ein ersticktes Räuspern hervor und sagte dann etwas lauter: »Hi, Daphne. Ja, tut mir leid. Es war ein harter Tag.«

»Was ist denn los? Ist irgendwas passiert?« Amber vernahm die Besorgnis in Daphnes Stimme.

»Es ist der Jahrestag.«

»O Süße. Das tut mir so leid. Willst du vorbeikommen? Jackson ist verreist. Wir könnten ein Flasche Wein aufmachen.«

»Im Ernst?«

»Klar doch. Die Kinder schlafen schon, und wenn sie etwas brauchen sollten, habe ich eine der Nannys hier.«

Natürlich war eine der Nannys da. Gott behüte, dass sie selbst auch nur einen Finger krumm machen musste.

»Oh, Daphne, das wäre fantastisch. Soll ich irgendwas mitbringen?«

»Nein, nicht nötig. Bis gleich.«

Als Amber vor dem Haus vorfuhr, zog sie ihr Handy aus der Tasche und schrieb Daphne eine Nachricht: Bin da. Wollte nicht klingeln, damit die Mädchen nicht aufwachen.

Die Tür ging auf, und Daphne winkte sie hinein. »Wie rücksichtsvoll von dir, mir zu schreiben.«

»Danke für die Einladung.« Amber drückte ihr eine Flasche Rotwein in die Hand.

»Vielen Dank, aber das wäre nicht nötig gewesen«, gab Daphne zurück und umarmte sie.

Amber zuckte mit den Achseln. Es war ein billiger Merlot, acht Dollar im Schnapsladen an der Ecke. Sie wusste, dass Daphne ihn niemals anrühren würde.

»Komm mit.« Daphne führte sie in den Wintergarten, wo auf dem Couchtisch eine geöffnete Flasche Wein und zwei halbvolle Gläser bereitstanden.

»Hast du schon zu Abend gegessen?«

Amber schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich bin auch nicht hungrig.« Dann setzte sie sich, nahm ein Glas und nippte. »Mmh, der ist wirklich gut.«

Daphne nahm ebenfalls Platz, griff sich das andere Glas und hielt es in die Höhe.

»Auf unsere Schwestern, die in unseren Herzen weiterleben.«

Sie stießen an und tranken. Amber wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Auge. »Es tut mir so leid. Du musst mich für total durchgeknallt halten.«

Daphne schüttelte den Kopf. »Aber nicht doch. Das ist völlig in Ordnung. Mit mir kannst du darüber reden. Ich verstehe das. Erzähl mir alles über sie.«

Amber überlegte kurz. »Charlene war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Wir haben uns ein Zimmer geteilt und immer bis spät in der Nacht geredet.« Mit gerunzelter Stirn nahm sie einen weiteren tiefen Schluck. »Unsere Mutter warf einen Schuh gegen unsere Tür, wenn Charlene endlich schlafen sollte. Also flüsterten wir, damit sie uns nicht hörte. Trotz unseres Altersunterschieds konnten wir uns alles erzählen. All unsere Träume, unsere Hoffnungen …«

Daphne lauschte schweigend, ihre hinreißenden blauen Augen voller Mitgefühl.

»Sie war einmalig. Jeder mochte sie, aber es stieg ihr nie zu Kopf, weißt du? Andere Mädchen wären eingebildet und frech geworden, aber Char nicht. Sie war wunderschön, von innen und von außen. Wenn wir draußen waren, starrten die Leute sie einfach nur an, so bildhübsch sah sie aus.« Amber zögerte und neigte dann den Kopf. »Ein bisschen wie du.«

Daphne lachte nervös auf. »Das würde ich von mir selbst aber nicht behaupten.«

Wer’s glaubt, dachte Amber. »Hübsche Frauen halten das für selbstverständlich. Sie sehen nicht, was alle anderen sehen. Meine Eltern haben immer gewitzelt, Charlene hätte das gute Aussehen und ich den Grips abbekommen.«

»Wie gemein. Das ist ja schrecklich, Amber. Du bist auch wunderschön – von innen und von außen.«

Das läuft ja fast schon zu glatt, ging es Amber durch den Kopf. Man lässt sich ’ne miese Frisur verpassen, setzt sich ’ne fette Brille auf, spart sich das Make-up, lässt ein wenig die Schultern hängen und voilà: Das arme hässliche Entlein ist geboren. Daphne lechzte förmlich danach, die edle Retterin zu spielen. Und Amber tat ihr nur allzu gerne den Gefallen.

»Das sagst du doch nur so. Ist schon okay. Nicht jeder muss bildhübsch sein.« Sie griff sich ein Foto von Tallulah und Bella, diesmal in einem Textilrahmen. »Deine Töchter sind auch wunderschön.«

Daphnes Züge hellten sich auf. »Sie sind großartig. Ich kann mich sehr glücklich schätzen.«

Amber studierte das Foto noch etwas länger. Mit ihrer ernsten Miene und der scheußlichen Brille wirkte Tallulah wie eine zu klein geratene Erwachsene, während die blauäugige, blond gelockte Bella einer kleinen Prinzessin glich. In Zukunft würde es zwischen den beiden eine Menge Konkurrenz geben. Amber fragte sich, wie viele Freunde Bella ihrer hausbackenen älteren Schwester wohl ausspannen würde, wenn sie einmal Teenager wären.

»Hast du ein Bild von Julie?«

»Gewiss doch.« Daphne stand auf, lief zum Konsolentisch hinüber und kehrte mit einem gerahmten Foto zurück. »Das ist sie«, sagte sie und reichte es Amber.

Wie gebannt starrte Amber auf das Bild eines jungen Mädchens. Als es aufgenommen wurde, musste Julie etwa fünfzehn gewesen sein. Mit ihren großen strahlenden braunen Augen war sie eine nahezu überirdische Schönheit.

»Sie ist hinreißend«, sagte Amber und blickte Daphne ins Gesicht. »Es wird nicht leichter, stimmt’s?«

»Nein, nicht wirklich. An manchen Tagen wird es sogar noch schwerer.«

Sie leerten die Flasche Wein und öffnete eine weitere, bei der Amber sich noch mehr rührselige Geschichten über Daphnes wunderbare Freundschaft mit ihrer fehlerlosen toten Schwester anhören musste.

Auf der Toilette kippte Amber schließlich ihr volles Glas in den Ausguss, legte sich auf dem Rückweg ins Wohnzimmer einen torkelnden Gang zu und sagte: »Na, dann mach ich mich langsam auf den Weg.«

Daphne schüttelte den Kopf. »Du kannst nicht mehr fahren. Du solltest hier übernachten.«

»Nein, nein. Ich will keine Umstände bereiten.«

»Keine Widerrede. Komm mit. Ich zeige dir das Gästezimmer.«

Amber hakte sich bei Daphne unter, und gemeinsam stapften sie quer durch das obszön große Haus und dann die lange Treppe hoch in den ersten Stock.

»Ich glaub, ich muss schon wieder zur Toilette«, stieß Amber mit gespielter Dringlichkeit hervor.

»Natürlich.« Daphne öffnete ihr die Tür. Amber schloss ab und hockte sich auf den Toilettensitz. Das Bad war riesig und stilvoll, ausgestattet mit einem Whirlpool und einer Dusche, groß genug, um die ganze britische Königsfamilie zu beherbergen. Ihre gesamte Einzimmerwohnung hätte hier hineingepasst. Als sie wieder herauskam, wartete Daphne auf sie.

»Geht es dir jetzt besser?«, fragte Daphne besorgt.

»Mir ist immer noch ein wenig schwummrig. Könnte ich mich vielleicht kurz irgendwo hinlegen?«

»Aber sicher doch«, sagte Daphne und führte sie den langen Flur hinab zu einem der Gästezimmer. Ambers aufmerksamem Blick entging nichts. Die frischen weißen Tulpen waren perfekt auf die mintgrünen Wände abgestimmt. Wer hatte schon frische Blumen im Gästezimmer, wenn man keinen Besuch erwartete? Der lackierte Dielenboden war zur Hälfte von einem flauschigen weißen Teppich bedeckt, der einen weiteren Hauch von Eleganz und Luxus verströmte. Blütenweiße Gardinen fielen wallend von den hohen Fenstern herab.

Daphne half ihr zum Bett hinüber, wo Amber sich hinsetzte und ihre Hand über die bestickte Tagesdecke gleiten ließ. Daran könnte sie sich gewöhnen. Zuckend senkten sich ihre Lider, und ohne etwas vorspielen zu müssen, überkam sie die benommene Schwere des herannahenden Schlafes. Sie registrierte eine Bewegung, und als sie die Augen aufschlug, sah sie Daphne über sich.

»Ich bestehe darauf, dass du hier übernachtest«, sagte diese, trat zum Kleiderschrank und holte ein Nachthemd und einen Morgenmantel heraus. »Zieh deine Sachen aus und schlüpf in das Nachthemd hier. Ich warte solange draußen.«

Amber zog ihren Pullover aus und warf ihn aufs Bett. Dann schälte sie sich aus ihren Jeans, streifte sich das seidige weiße Nachthemd über und kroch unter die Bettdecke. Anschließend rief sie in Richtung Tür: »Fertig!«

Daphne kam wieder herein und legte ihr eine Hand auf die Stirn. »Du armes Ding. Ruh dich aus.«

Amber spürte, wie das Laken um ihren Körper herum eingesteckt wurde.

»Ich bin in meinem Schlafzimmer, ganz in der Nähe.«

Sie öffnete die Augen und ergriff Daphnes Arm. »Bitte, geh nicht. Würdest du dich zu mir legen, wie du es bei deiner Schwester tun würdest?«

Amber glaubte, ein leichtes Zögern zu erkennen, bevor Daphne zur anderen Seite des Betts ging und sich neben sie legte.

»Aber sicher doch, Liebling. Ich bleibe da, bis du eingeschlafen bist. Ruh dich nur aus. Ich bin hier, wenn du irgendetwas brauchst.«

Amber lächelte. Sie wusste ganz genau, was sie von Daphne brauchte: alles.

6

Amber blätterte in der Vogue, während sie am Telefon einer mauligen Kundin lauschte, die ihr schon seit einer Ewigkeit mit dem Fünf-Millionen-Dollar-Haus in den Ohren lag, das ihr jemand vor der Nase weggeschnappt hatte. Sie hasste Montage, an denen sie in der Mittagspause die Empfangsdame vertreten musste. Immerhin hatte ihr Chef versprochen, sie ab nächstem Monat davon zu entbinden, wenn die neue Mitarbeiterin anfing.

Kurz nachdem sie nach Bishops Harbor gezogen war, hatte sie als Sekretärin bei Rollins Immobilien angefangen und jede Minute davon gehasst. Fast alle Kunden waren verwöhnte Frauen und arrogante Männer mit einer ins Astronomische übersteigerten Anspruchshaltung. Die Art Leute, die mit ihren teuren Autos nie an Kreuzungen anhalten, weil sie glauben, die Vorfahrt gepachtet zu haben. Sie hatte für sie Meetings organisiert, sie ständig auf dem Laufenden gehalten, Besichtigungs- und Bewertungstermine gemacht. Dennoch hatten sie Amber kaum wahrgenommen. Und obwohl ihr bald aufgefallen war, dass die Kunden sich den Maklern gegenüber wenig besser benahmen, brachte die Unhöflichkeit sie noch immer zur Weißglut.

Ihr erstes Jahr in Bishops Harbor hatte sie genutzt, um Abendkurse im Bereich Handelsimmobilien zu belegen. Noch immer lieh sie sich massenweise Bücher zu diesem Thema aus, verbrachte ihre gesamten Wochenenden mit der Lektüre und las zuweilen derart gierig, dass sie darüber Mittag- oder Abendessen vergaß. Als sie sich gut vorbereitet gefühlt hatte, war sie zum Leiter der Gewerbeabteilung, Mark Jansen, marschiert, um mit ihm über die mögliche Umwidmung eines bestimmten Bebauungsgebiets zu sprechen und über die Chancen, die sich für einige ihrer Klienten daraus ergeben würden. Ambers Expertise und profunde Marktkenntnis hatten ihm den Atem verschlagen, und er war immer öfter an ihren Schreibtisch gekommen, um über Fachfragen zu plaudern. Binnen weniger Monate saß sie in seinem Vorzimmer und arbeitete eng mit ihm zusammen. Mit seinem Beistand und mithilfe ihrer Bücher lernte Amber immer mehr. Und zu ihrem Glück erwies Mark sich als großartiger Chef, ein grundsolider Familienvater, der ihr stets mit Respekt und Liebenswürdigkeit begegnete. Sie war genau dort, wo sie von Anfang an hingewollt hatte. Es hatte sie nur etwas Zeit und Entschlossenheit gekostet – aber daran hatte es ihr nie gemangelt.

Als sie aufblickte, sah sie Jenna, die Empfangsdame, zur Tür hereinkommen, eine zerknitterte McDonald’s-Tüte und einen Softdrink in der Hand. Kein Wunder, dass die so fett ist, dachte Amber angewidert. Wie konnte man nur so wenig Selbstbeherrschung haben?

»Hey, Kleine, danke fürs Einspringen. Hat denn alles geklappt?« Wenn sie lächelte, sah Jenna noch mondgesichtiger aus als sonst.

Amber kochte vor Wut. Kleine? »Nur so eine Idiotin, die sich aufregt, weil jemand anders ihr Haus gekauft hat.«

»Ach, das war sicher Mrs. Worth. Sie ist so enttäuscht. Sie tut mir wirklich leid.«

»Spar dir die Tränen. Jetzt kann sie ihren Mann volljammern und bekommt dafür das Acht-Millionen-Dollar-Haus.«

»O Amber. Du bist zum Schießen.«

Amber schüttelte nur entgeistert den Kopf und ließ sie stehen.

Am selben Abend lag sie entspannt in der Badewanne und ließ die vergangenen zwei Jahre Revue passieren. Sie hatte ihr früheres Leben hinter sich gelassen – die Reinigungschemikalien, die ihr in Augen und Nase brannten, den Schmutz verdreckter Kleidung an ihren Fingern und den genialen Plan, der leider schiefgelaufen war. Gerade, als sie glaubte, endlich das große Los gezogen zu haben, war ihr alles um die Ohren geflogen. Sie hatte sich schleunigst aus dem Staub machen müssen und nach ihrem Abgang dafür gesorgt, dass niemand auch nur die geringste Spur von ihr finden konnte.

Das Wasser wurde immer kühler. Amber stand auf und warf sich, während sie aus der Wanne stieg, ihren dünnen Frotteebademantel über. Die alte Schulfreundin, der sie nach Connecticut gefolgt war, hatte es nie gegeben. Wenige Tage nach ihrer Ankunft in Bishops Harbor hatte sie allein das winzige möblierte Apartment gemietet. Die einst weißen Wände waren jetzt speckig-beige, und auf dem Boden lag ein altmodischer erbsengrüner Zottelteppich, der wahrscheinlich noch aus den Achtzigern stammte. Das einzige Sitzmöbel war ein labbriges Zweiersofa mit abgewetzten Armlehnen und durchgesessenen Polstern. Davor stand ein öder Plastiktisch. Nicht einmal eine Stehlampe gab es hier – als einzige Lichtquelle diente, spärlich von einem fransigen Schirm bedeckt, eine Glühbirne, die einsam von der niedrigen Decke herabbaumelte. Es war kaum mehr als ein Ort zum Schlafen und um ihre Habseligkeiten zu verstauen, aber schließlich diente das Apartment ja auch nur als Übergangslösung, bis ihr Plan aufgegangen war. Am Ende würde sich alles auszahlen.

Rasch trocknete Amber sich ab, schlüpfte in ihre Pyjamahosen, streifte sich ein Sweatshirt über und setzte sich an den kleinen Schreibtisch vor dem einzigen Fenster der Wohnung. Dann zog sie ihre Unterlagen über Nebraska hervor und ging noch einmal alles durch. Bislang hatte Daphne zwar nur wenig über ihre Kindheit in Nebraska wissen wollen, aber es konnte nie schaden, ihre Kenntnisse aufzufrischen. Nebraska war ihre erste Station gewesen, nachdem sie ihre Heimatstadt in Missouri verlassen hatte, und der Ort, an dem sich ihr Schicksal allmählich zum Guten gewendet hatte. Jede Wette, dass sie mehr über Eustis, Nebraska und den dort festlich begangenen »Wursttag« wusste als selbst der älteste lebende Stadtbewohner. Sie überflog die Seiten, legte dann die Mappe zur Seite und nahm das Buch über den internationalen Immobilienmarkt zur Hand, das sie auf dem Heimweg aus der Bibliothek ausgeliehen hatte. Es war dick genug, um einen guten Türstopper abzugeben, und sie wusste, sie würde so manchen langen Abend und eine Menge Geduld brauchen, um sich hindurchzukämpfen.

Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Ja, es war klein und eng hier. Doch wie oft hatte sie nachts wachgelegen und von einem eigenen Zimmer geträumt, damals, als sie mit ihren drei Schwestern dicht gedrängt auf dem Dachboden hausen musste, den ihr Vater zu einer Art Schlafbaracke ausgebaut hatte. Wie sehr sie sich auch bemüht hatte, das Zimmer war stets in heillosem Chaos versunken – überall lagen die Kleidungsstücke, Schuhe und Bücher ihrer Schwestern verstreut. Es hatte sie wahnsinnig gemacht. Amber brauchte Ordnung – Disziplin, Struktur und Ordnung. Und jetzt, endlich, war sie Herrin ihrer Welt. Und ihres Schicksals.

7

Am nächsten Sonntag begegnete sie in der Stadtbibliothek zufällig Daphne und ihren Töchtern. Sie blieben kurz stehen, um ein wenig zu plaudern, und Daphne stellte sie Tallulah und Bella vor. Die beiden waren verblüffend unterschiedlich: Tallulah – groß, dürr, bebrillt und wenig attraktiv – machte einen stillen und zurückgezogenen Eindruck. Bella hingegen war ein goldblonder kleiner Wirbelwind, der mit hüpfenden Locken unbändig um die Regale herumtollte. Beide Mädchen begrüßten sie höflich, wenn auch wenig interessiert, blätterten dann aber weiter in ihren Büchern, während die Frauen sich unterhielten. Daphne wirkte seltsam bedrückt.

»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte Amber sich und legte ihr sanft die Hand auf den Arm.

Daphne stiegen Tränen in die Augen. »Nur ein paar Erinnerungen, die ich heute einfach nicht loswerde. Das ist alles.«

Amber horchte auf. »Erinnerungen?«

»Morgen ist Julies Geburtstag. Ich muss einfach immerzu an sie denken.« Daphne ließ ihre Finger durch Bellas Locken gleiten, und das Kind sah lächelnd zu ihr auf.

»Morgen? Am einundzwanzigsten?«, erwiderte Amber.

»Ja, morgen.«

»Nicht zu fassen. Morgen ist auch Charlenes Geburtstag!« Im Stillen haderte sie bereits mit sich, fürchtete, es nun endgültig übertrieben zu haben, doch ein Blick in Daphnes Gesicht verriet ihr, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

»O mein Gott, Amber. Das ist ja unglaublich. Langsam glaube ich wirklich, der Himmel hat uns zusammengeführt.«

»Es scheint tatsächlich, als wären wir füreinander bestimmt!«, sagte Amber und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Wir sollten morgen gemeinsam etwas unternehmen, um unsere Schwestern zu feiern, uns an all das Gute zu erinnern und uns ja nicht von der Trauer unterkriegen zu lassen. Wie wär’s, wenn ich uns ein paar Sandwiches einpacke und wir bei mir im Büro zu Mittag essen? Neben dem Haus, in der Nähe des Bachs, gibt es einen kleinen Picknickplatz mit einer Bank.«

»Tolle Idee.« Daphnes Miene hellte sich auf. »Aber du musst dir wirklich nicht die Mühe machen und Brote schmieren. Ich hol dich einfach im Büro ab, und wir gehen zum Lunch in den Country Club. Hättest du Lust?«

Das war genau der Vorschlag, auf den Amber gehofft hatte, aber sie durfte nicht zu begierig erscheinen. »Bist du sicher? Es macht mir wirklich keine Umstände. Ich mache mir jeden Tag ein paar Sandwiches.«

»Aber natürlich bin ich sicher. Wann soll ich dich denn abholen?«

»Normalerweise komme ich so gegen halb eins raus.«

»Perfekt. Bis dann«, sagte Daphne und packte den Bücherstapel auf ihrem Arm noch fester. »Wir machen eine fröhliche Feier draus.«

Am Montagmorgen kleidete Amber sich mit Bedacht. Sie musterte sich ein letztes Mal im Spiegel – ein weißes T-Shirt mit U-Bootausschnitt und ihre einzige dunkelblaue Hose. Erst hatte sie ihre klobigen Sandalen anziehen wollen, sich dann aber für weiße Keds-Slipper entschieden. An den Ohren trug sie unechte Perlenstecker und an der rechten Hand einen dezenten, mit einem kleinen Saphir versehenen Goldring. Ihr Haar war mit ihrem üblichen Stirnreif zurückgesteckt, ihr einziges Make-up ein leicht getönter Lippenbalsam. Zufrieden mit ihrem demütigen, aber dennoch nicht allzu altbackenen Aussehen schnappte sie sich ihre Schlüssel und fuhr zur Arbeit.

Bis zehn hatte Amber mindestens schon fünfzig Mal auf die Uhr gesehen. Die Minuten zogen sich wie Kaugummi, als sie versuchte, sich auf den Vertrag für das neue Einkaufszentrum zu konzentrieren, der vor ihr auf dem Tisch lag. Sie ging die letzten vier Seiten noch einmal durch und machte sich penibel Notizen. Seit sie einmal einen Fehler entdeckt hatte, der der Firma eine ganze Stange Geld gekostet hätte, unterschrieb ihr Boss Mark nichts mehr, ohne dass Amber es gegengelesen hatte.

Eigentlich wäre Amber heute mit Telefondienst an der Reihe, doch Jenna hatte sich bereit erklärt, dazubleiben, damit sie Pause machen konnte.

»Mit wem gehst du denn essen?«, erkundigte Jenna sich.

»Du kennst sie bestimmt nicht. Daphne Parrish«, antwortete Amber wichtigtuerisch.

»Oh, Mrs. Parrish. Ich bin ihr mal begegnet. Vor ein paar Jahren, mit ihrer Mutter. Sie sind zusammen hier aufgekreuzt, weil ihre Mutter herziehen wollte, um näher bei ihrer Tochter zu sein, und haben sich jede Menge Häuser angesehen. Aber dann ist sie doch in New Hampshire geblieben. War ’ne echt nette Dame.«

Amber spitzte die Ohren. »Ach, wirklich? Wie hieß sie denn? Kannst du dich noch erinnern?«

»Lass mich überlegen.« Jennas Blick wanderte zur Decke. »Ich hab’s. Ihr Name war Ruth Bennett. Sie ist Witwe.«

»Lebt sie allein?«, wollte Amber wissen.

»Mehr oder weniger. Sie hat eine Pension in New Hampshire, also ist sie eigentlich nicht allein, oder? Andererseits sind die Leute ja Fremde, was bedeuten würde, dass sie doch irgendwie allein lebt. Vielleicht könnte man sagen, sie lebt halb allein, oder eben nur abends, wenn sie alleine schlafen geht«, plapperte Jenna vor sich hin. »Vor ihrer Abreise hat sie noch ’nen riesigen Geschenkkorb mit Süßigkeiten vorbeigebracht, um mir dafür zu danken, dass ich so freundlich war. War echt nett von ihr. Aber auch irgendwie traurig. Ich hatte den Eindruck, sie wäre wirklich gern hergezogen.«

»Und wieso hat sie es nicht getan?«

»Keine Ahnung. Vielleicht wollte Mrs. Parrish sie nicht in der Nähe haben.«

»Hat sie das denn gesagt?«, bohrte Amber nach.

»Nicht direkt. Sie schien nur nicht sonderlich begeistert davon, ihre Mutter so nah bei sich zu haben. Ich glaube, sie braucht ihre Mutter einfach nicht. Du weißt ja, sie hat ihre ganzen Kindermädchen und so. Als ihre ältere Tochter noch ein Baby war, hat eine meiner Freundinnen bei ihr als Nanny gearbeitet.«

Amber hatte das Gefühl, auf eine Goldgrube gestoßen zu sein. »Wirklich? Wie lange war sie denn bei ihnen?«

»Ein paar Jahre, glaube ich.«

»Seid ihr gut befreundet?«

»Sally und ich? Klar, wir kennen uns schon ewig.«

»Na, da hat sie ja bestimmt einiges zu erzählen«, kommentierte Amber.

»Was meinst du damit?«

Das ist doch wohl nicht dein Ernst, Mädel? »Na, du weißt schon, Geschichten über die Familie, wie die so sind, was sie zu Hause machen – all so was.«

»Klar, kann schon sein. Aber mich hat das nie interessiert. Wir haben immer über andere Sachen geredet.«

»Vielleicht können wir drei ja mal was essen gehen?«

»Ja, das wäre sicher lustig.«

»Wieso fragst du sie nicht einfach? Wie hieß sie noch mal?«, erkundigte sich Amber.

»Sally. Sally McAteer.«

»Und sie wohnt in Bishops Harbor?«

»Ja, gleich bei mir nebenan, ich sehe sie andauernd. Wir sind zusammen großgeworden. Ich frag sie wegen des Essens. Wird bestimmt ein Riesenspaß. Wir drei – wie die drei Musketiere.« Dann stapfte Jenna zurück an ihren Schreibtisch, und Amber machte sich wieder an die Arbeit.

Sie nahm den Vertrag und legte ihn in Marks leerem Büro auf den Tisch, damit sie die strittigen Punkte heute Nachmittag besprechen könnten, wenn er von seinem Termin in Norwalk zurück war. Dann linste sie auf die Uhr und sah, dass sie noch zwanzig Minuten hatte, um ihre restlichen Aufgaben zu erledigen und sich etwas frisch zu machen, bevor Daphne eintreffen würde. Sie rief zwei Kunden zurück, heftete einige lose Unterlagen ab und ging dann auf die Toilette, um sich das Haar zu machen. Zufrieden marschierte sie in die Lobby, um Ausschau nach Daphnes Range Rover zu halten.

Der Wagen fuhr auf die Minute genau vor. Amber wusste Pünktlichkeit zu schätzen. Als sie die Glastür aufstieß und herauslief, ließ Daphne die Scheibe herunter und trällerte ihr ein gut gelauntes »Hallo« entgegen. Amber lief zur Beifahrerseite hinüber, öffnete die Tür und glitt ins kühle Innere des Wagens.

»Wie schön, dich zu sehen«, sagte sie mit gespielter Begeisterung.

Daphne sah lächelnd zu ihr hinüber, bevor sie den ersten Gang einlegte. »Hierauf habe ich mich schon den ganzen Morgen gefreut. Ich konnte es kaum erwarten, von meiner Gartenclub-Versammlung wegzukommen. Das wird mir unglaublich helfen, den Tag zu überstehen.«

»Hoffentlich«, sagte Amber mit matter Stimme.

Schweigend fuhren sie die nächsten paar Häuserblocks entlang, und Amber lehnte sich in die weichen Ledersitze. Dann wandte sie den Kopf leicht in Daphnes Richtung und musterte ihre Garderobe – eine weiße Leinenhose, dazu ein ärmelloses weißes Leinentop mit einem breiten dunkelblauen Streifen am unteren Bund. An den Ohren hatte sie kleine goldene Kreolen und am Arm, gleich neben ihrer Uhr, ein schlichtes Goldarmband. Und ihren Ring, natürlich, diesen Eisberg von Diamanten, an dem selbst die Titanic zerschellt wäre. Schlanke, dezent gebräunte Arme. Alles an ihr strahlte Fitness und Gesundheit aus – und Reichtum, selbstverständlich.

Als sie in die Einfahrt des Tidewater Country Club bogen, sog Amber die Umgebung begierig in sich auf: die sanft gewundene Straße, den millimetergenau gestutzten Rasen auf beiden Seiten – kein Unkraut weit und breit –, die blendend weiße Kleidung der Spieler auf den Tennisplätzen, die Swimmingpools in der Ferne und das imposante Gebäude, das nun majestätisch vor ihnen aufragte. Es war sogar noch prächtiger, als sie erwartet hatte. Über eine kreisförmige Auffahrt gelangten sie zum Haupteingang, wo sie von einem jungen Burschen in dunklen Khakihosen und grünem Polohemd, einer Art zwanglosen Uniform, begrüßt wurden. Auf dem Kopf trug er ein weißes Sonnenvisier mit dem in Grün geprägten Tidewater-Emblem.

»Guten Tag, Mrs. Parrish«, sagte er, während er ihr galant die Tür öffnete.

»Hallo, Danny«, erwiderte Daphne und reichte ihm den Autoschlüssel. »Wir bleiben nur zum Lunch.«

Danny trat um den Wagen herum, um auch Amber die Tür aufzumachen, doch da war sie bereits ausgestiegen.

»Guten Appetit«, wünschte er und stieg auf der Fahrerseite ein.

»So ein netter junger Mann«, sagte Daphne, als sie und Amber die breite Treppe des Hauptgebäudes hochgingen. »Seine Mutter hat früher für Jackson gearbeitet, ist aber leider schwer erkrankt. Danny kümmert sich um sie und verdient hier noch sein Geld fürs College.«

Amber hätte gern gewusst, was Danny wohl davon hielt, wenn in diesem Club mit Geld nur so um sich geworfen wurde, während er seine kranke Mutter pflegen und hier schuften musste, um über die Runden zu kommen. Aber sie biss sich auf die Zunge.

Daphne schlug vor, auf der Terrasse zu essen, und als der Oberkellner sie zu ihrem Tisch führte, sog Amber die frische Seeluft ein, die sie so sehr liebte. Sie bekamen einen Tisch mit Blick auf den Jachthafen, wo Sportboote jedweder Bauart und Größe an drei langen Piers in den Wellen auf und nieder dümpelten.

»Wow, es ist wunderschön hier«, schwärmte Amber.

»Ja, das ist es. Ein passendes Ambiente, um uns an all die wunderbaren Dinge zu erinnern, die wir mit Charlene und Julie erlebt haben.«

»Meine Schwester hätte diesen Ort geliebt«, sagte Amber, und das war nicht einmal gelogen. Keine ihrer kerngesunden Schwestern hätte sich einen Ort wie diesen auch nur vorstellen können. Sie riss ihren Blick vom Wasser los und wandte sich an Daphne. »Du kommst mit deiner Familie sicher oft hierher.«

»Klar. Jackson verschwindet natürlich immer gleich auf den Golfplatz. Und Tallulah und Bella nehmen Unterricht in allem Möglichen – Segeln, Schwimmen, Tennis. Die beiden sind richtige kleine Sportskanonen.«

Amber fragte sich, wie es wohl war, in dieser Welt aufzuwachsen – einer Welt, in der es von klein auf selbstverständlich war, alles zu besitzen oder zu bekommen, was das Leben an Gutem und Schönem zu bieten hatte. Wo man praktisch von Geburt an mit den richtigen Leuten befreundet war und die besten Schulen besuchte. Eine Welt, die Außenstehende mit aller Macht fernhielt. Eine Mischung aus Kummer und Neid ergriff sie.

Der Kellner brachte ihnen zwei hohe Gläser Eistee und nahm ihre Bestellung entgegen – einen kleinen Salat für Daphne und Gelbflossen-Thunfisch für Amber.

»Und jetzt«, sagte Daphne, während sie auf ihr Essen warteten, »erzähl mir eine schöne Erinnerung an deine Schwester.«

»Nun, als sie erst ein paar Monate alt war, gingen meine Mutter und ich mit ihr spazieren. Ich muss zehn gewesen sein. Es war ein wunderschöner sonniger Tag, und meine Mutter ließ mich den Kinderwagen schieben. Natürlich lief sie genau neben mir, für den Fall, dass etwas passierte.« Amber fand sich allmählich in die Geschichte ein und schmückte sie beim Erzählen immer weiter aus. »Aber ich weiß noch, wie erwachsen ich mich fühlte und wie stolz, diese neue kleine Schwester zu haben. Sie war so bezaubernd mit ihren blauen Augen und blonden Löckchen. Einfach bildhübsch. Und von diesem Tag an hatte ich irgendwie das Gefühl, dass sie auch mein kleines Mädchen war.«

»Das ist ja so reizend, Amber.«

»Und was ist mit dir? Woran denkst du gerne?«

»Julie und ich waren nur zwei Jahre auseinander, weshalb ich mich kaum an die Zeit erinnern kann, als sie noch ein Baby war. Aber später dann, da war sie so mutig. Trug stets ein Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. Beschwerte sich nie. Sie hat immer gesagt, dass, wenn schon jemand Mukoviszidose habe musste, sie froh sei, dass es sie getroffen habe, weil dann wenigstens kein anderes Kind leiden müsse.« Daphne hielt inne und blickte hinaus aufs Wasser. »Sie hatte nicht einen einzigen Funken Bosheit in sich. Julie war der beste Mensch, den ich je gekannt habe.«

Amber rutschte unruhig auf dem Stuhl herum. Ein seltsames Unbehagen überkam sie, ein Gefühl, das sie nicht richtig einordnen konnte.

Daphne fuhr fort. »Woran ich nur ungern zurückdenke, sind die ganzen Medikamente, die sie nehmen musste. Furchtbar, was sie durchgemacht hat.« Sie schüttelte den Kopf. »Jeden Morgen sind wir zusammen aufgestanden, und ich habe mit ihr geredet, während sie ihre Weste trug.«

»Das Vibrationsgerät.« Amber erinnerte sich, etwas über eine Weste gelesen zu haben, die vibrierte, um den Schleim aus der Lunge zu lösen.

»All diese Dinge wurden Teil unseres Alltags – die Weste, der Vernebler, der Inhalator. Sie verbrachte über zwei Stunden täglich damit, gegen die Symptome der Krankheit anzukämpfen. Julie hat wirklich geglaubt, sie würde eines Tages aufs College gehen, heiraten, Kinder bekommen. Sie sagte immer, dass sie sich so sehr mit ihren Therapien und Übungen abmühe, weil ihr das eine Zukunft bescheren würde. Bis ganz zum Schluss hat sie daran geglaubt«, sagte Daphne, während ihr eine einsame Träne die Wange hinabrann. »Ich würde alles dafür geben, sie zurückzubekommen.«

»Ich weiß«, flüsterte Amber. »Vielleicht haben uns die Seelen unserer Schwestern ja irgendwie zusammengebracht. Man könnte fast meinen, sie wären hier bei uns.«

Daphne blinzelte, um die Tränen in Schach zu halten. »Das gefällt mir.«

Während des gesamten Essens schwelgten sie in Erinnerungen – Daphnes wahren und Ambers erfundenen –, und als der Kellner ihre Teller abräumte, kam Amber ein genialer Gedanke. »Wir feiern heute zwei Geburtstage. Würden Sie uns bitte ein Stück Schokoladenkuchen mit zwei Gabeln bringen?«

Er kam mit einem mit zwei Kerzen verzierten Kuchen zurück und verkündete in feierlichem Tonfall: »Alles Gute zum Geburtstag Ihnen beiden.«

Daphne warf Amber einen liebevollen Blick zu, einen Blick voller Wärme und Dankbarkeit.

Ihr Lunch dauerte etwas über eine Stunde, aber Amber hatte keine Eile – Mark würde nicht vor drei zurück im Büro sein, und sie hatte Jenna gesagt, dass sie sich vielleicht etwas verspäten würde.

»Nun«, sagte Daphne, als sie mit dem Kaffee fertig waren. »Dann bringe ich dich besser rasch zurück zur Arbeit. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen Ärger mit deinem Boss bekommst.«

Amber sah sich nach dem Kellner um. »Sollten wir nicht noch bezahlen?«

»Keine Sorge«, winkte Daphne ab. »Sie setzen es einfach auf unsere Rechnung.«

Aber gewiss doch, ging es Amber durch den Kopf. Je mehr Geld man besaß, desto weniger musste man sich an dem schnöden Zeug die Hände dreckig machen.

Am Maklerbüro angekommen, legte Daphne den Leerlauf ein und wandte sich an Amber. »Ich habe das heute wirklich genossen. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie es ist, mit jemandem zu reden, der einen wirklich versteht.«

»Ich fand es auch toll, Daphne. Das hat mir sehr geholfen.«

»Falls du Freitagabend noch nichts vorhast, hättest du vielleicht Lust, bei uns zu Abend zu essen?«

»Klar, sehr gerne sogar.« Amber konnte kaum fassen, wie rasch Daphne Vertrauen zu ihr fasste.

»Wunderbar«, gab Daphne zurück. »Bis Freitag dann. So gegen sechs?«

»Perfekt. Bis dann. Und danke noch mal für alles.« Als Amber dem Wagen hinterhersah, fühlte sie sich, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen.

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