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Dem Feuer so nah: Ein Baby für uns zwei

1. KAPITEL

Sam stupste Chandra mit der feuchten Nase ins Gesicht, jaulte und schleckte ihr übers Kinn.

„Lass das“, murmelte Chandra und kuschelte sich in die Decke. Hoffentlich verstand der Retriever das. Aber er blieb hartnäckig und bellte nun so laut, dass möglicherweise die Nachbarn davon aufwachten, die zehn Meilen entfernt die Straße hinunter wohnten.

Auf Chandras Weigerung, ihn zu beachten, tapste Sam die Treppe hinunter und begann erneut laut zu bellen.

Offensichtlich musste er hinaus. „Daran hättest du früher denken sollen.“ Langsam setzte sich Chandra im Bett auf. Als der Hund noch lauter bellte, überlegte sie, ihn für den Rest der Nacht auf die Veranda zu lassen. Aber da der Altweibersommer bereits in den Herbst überging, brachten die Nächte in den Vorbergen der Rocky Mountains hin und wieder Frosttemperaturen. „Aber es geschähe dir recht.“ Ungnädig warf sie einen Blick auf den Wecker auf ihrem Nachttisch. Ein Uhr dreiundvierzig. Zeit genug, noch einmal einzuschlafen, bevor der Wecker läuten würde.

Dennoch beugte sie sich hinunter und tastete unter dem Bett nach ihren Stiefeln. Da hörte sie es: Das Weinen, das bis in ihre Träume vorgedrungen war, dieses entfernte Wimmern, das sie an das hungrige Weinen eines Babys oder an das Schreien einer Siamkatze in Not erinnerte. Eine Gänsehaut überlief sie.

Du bildest dir das nur ein, sagte sie sich. Immerhin wohnte sie meilenweit von jeder Zivilisation entfernt.

Erneut unterbrach das Schweigen die Stille der Nacht. Chandra saß aufrecht in ihrem Bett. Ihr Herz schlug schneller. Rasch schwang sie die Beine aus dem Bett und ging über die abgetretenen Holzplanken zum Geländer, von wo aus sie das Erdgeschoss ihrer Hütte überblicken konnte.

Mondschein erleuchtete den Raum. Chandra konnte Sam kaum erkennen. Sein rauchfarbenes Fell vermischte sich mit den Schatten, während er winselnd und jaulend vor der Tür hin und her lief.

„Du denkst wohl, du bist Lassie, wie?“, meinte Chandra, „und willst mir mitteilen, dass draußen etwas nicht in Ordnung ist.“ Als Antwort jaulte der Hund laut auf.

„Unsinn, Sam.“ Chandras Haut prickelte. Da hörte sie es wieder, dieses Schreien, das ihre Haare zu Berge stehen ließ. Schrie da ein Baby? Unmöglich. Nicht hier in den Bergen. Ihre Fantasie täuschte sie. Sicher befand sich ein wildes Tier in Not, war verwundet – eine streunende Katze, ein Bärenjunges, das von seiner Mutter getrennt worden war …

Knurrend sprang Sam ihr die Treppe hinauf entgegen. „Ruhig, Sam, ruhig!“ Sie schlüpfte in ihre Jeans, stopfte das Nachthemd in den Hosenbund und zog wollene Socken und Stiefel an. Die alte 22er-Winchester stand in einem Winkel ihres Kleiderschranks. Sie streifte die Daunenjacke über und schloss die rechte Hand um den Stutzen der Waffe. Lieber sichergehen als es später bereuen.

Als sie endlich vor der Haustür standen, war der Retriever außer sich vor Aufregung. Er bellte und jaulte, als wollte er die ganze Welt vergraulen. „Ruhig!“, befahl Chandra. „Keine Dummheiten!“

Kalter Wind blies ihr von den Bergen entgegen. Während Chandra über den geschotterten Hof zum Pferdestall eilte, hörte sie das von Husten und Schluckauf unterbrochene Schreien immer lauter. Es schien von einem menschlichen Wesen zu kommen. Seit Jahren hatte sie kein Baby mehr weinen hören, und doch …

Leise schob sie den Riegel beiseite, öffnete die Stalltür und folgte Sam. Ein Pferd wieherte. Der Geruch nach Staub und Heu stieg ihr in die Nase. Während sie mit einer Hand das Licht einschaltete, umklammerte sie mit der anderen das Gewehr.

Das Schreien wurde lauter und eindringlicher.

Den Finger am Abzug schlich Chandra zur letzten Box am Ende des Stalles, die als einzige leer stand. „Was, zum Teufel …“ Plötzlich sah sie das schwarze Fell, nein, den dunklen Haarschopf, nein, das weiche, flaumige Haar eines Babys. Ihr Herz drohte stehen zu bleiben. Schnellstens wurde Chandra aktiv, legte die Waffe aus der Hand und kniete neben dem kleinen Bündel.

Das Neugeborene war in ein gelbes Leinentuch und eine abgetragene Armeejacke gehüllt. „Himmel“, flüsterte Chandra und hob das Bündel vom Boden. Doch das Schreien wurde nur noch schriller. Schwarzblaue Augen blinzelten Chandra an. Das vom Weinen gerötete Gesicht des Säuglings wirkte vollkommen verkrampft.

„Liebling, weine nicht“, versuchte Chandra das Kind zu beruhigen und drückte es behutsam an sich. Suchend blickte sie sich nach der Mutter um. „Ist da jemand? Bitte, so antworten Sie!“

Aber nur das Schnauben der Pferde, das Weinen des Babys, Sams Aufheulen und ihr eigenes Herzklopfen antworteten ihr. „Pst, pst!“, flüsterte sie, als könnte das Baby sie verstehen. „Wir regeln das schon.“

Überwältigt von mütterlichen Gefühlen küsste sie die Stirn des Babys, während sie die Frau verwünschte, die dieses zauberhafte Kind allein gelassen hatte. „Wer bist du? Wo ist deine Mama?“

Liebevoll hüllte sie das Bündel in ihre Daunenjacke und schaute noch einmal in jeden staubigen Winkel des Stalles, um vielleicht doch ein Zeichen von der Mutter zu finden. Sam bellte aufgeregt und sprang an ihr hoch, schien aber auch kein weiteres menschliches Wesen aufzuspüren. „Hören Sie!“, rief Chandra, „kommen Sie mit ins Haus! Keine Angst, wir reden einfach, okay?“

Erneut keine Antwort. Nun, vorrangiges Problem war die Versorgung des Säuglings. Alles andere konnte warten. Beruhigend wiegte sie das Kind im Arm, ging zum Haus zurück und legte Holzscheite aufs Feuer im Holzofen. Dann telefonierte sie.

„Hier ist Chandra Hill.“ Nachdem sich der Notdienst gemeldet hatte, rasselte Chandra ihre Adresse herunter. „Ich habe in meinem Stall ein neugeborenes Kind gefunden. Möglicherweise leidet es an Durst, sicher an Hunger. Kann sein, dass es ausgesetzt wurde. Ich weiß nicht, wem es gehört oder warum man es hierher gebracht hat.“

„Wir können die Ambulanz zu Ihnen schicken.“

„Ich wohne zwanzig Meilen von der Stadt entfernt. Sicher geht es schneller, wenn ich mich mit der Ambulanz am Alders Corner treffe, wo der Highway auf die Flaming Moss Road führt.“

„In Ordnung. Die Ambulanz wird dort sein.“

„Hören Sie, verständigen Sie bitte sofort die Notaufnahme der Klinik.“ Automatisch begann sie zu denken, wie sie es seit Jahren nicht mehr getan hatte. Sie legte das Neugeborene auf die Couch und wickelte es vorsichtig aus den Windeln. Wütend und hungrig schrie und strampelte das Baby. „Es ist ein Junge, wahrscheinlich zwei oder drei Tage alt“, berichtete sie dem Notdienst, während sie den Stummel der Nabelschnur begutachtete. Hunderte von Säuglingen hatte sie während ihrer kurzen Karriere als Kinderärztin untersucht. Aber sie weigerte sich, ihre Gedanken mit diesem verbotenen Thema zu beschäftigen und konzentrierte sich auf das Baby. „Keine besonderen Merkmale.“ Geschickt strichen ihre Hände über die weiche Haut des Neugeborenen, prüften die Muskeln und Knochen, die kleinen Finger und Zehen, die Beine, den Hals, die Wirbelsäule, die Hüften und den Kopf …

„Warten Sie …“ Nachdem Chandra eine hellere Lampe eingeschaltet hatte, bemerkte sie die gelbe Färbung der Augäpfel. „Er scheint Gelbsucht zu haben und –“, sie tastete noch einmal sorgfältig über den Haarflaum des Kindes – „und außerdem fühle ich eine Schwellung an seinem Hinterkopf. Wahrscheinlich ein Gehirnhämatom. Ja, da ist eine leichte Blutung der Kopfhaut, offensichtlich nur an der rechten Kopfseite. Nichts Ernstes, denke ich. Es ist nicht groß, Sie sollten jedoch einen Kinderarzt benachrichtigen, der das Baby sofort untersucht. Sonst kann ich nichts finden, jedenfalls nicht ohne medizinische Ausrüstung. Haben Sie alles?“

„Jedes Wort, Ihre Mitteilung wurde auf Band mitgeschnitten.“

„Gut. Benachrichtigen Sie das Sheriffbüro. Offensichtlich handelt es sich um ein Findelkind.“

„Sie kennen die Mutter nicht?“

„Ich habe keine Ahnung, wohin der Junge gehört. Der Sheriff sollte mit seinen Leuten meinen Pferdestall und den Wald in der Umgebung absuchen. Sie kann nicht weit sein. Meine Adresse kennen Sie ja.“

Chandra wartete die Antwort nicht ab und legte den Hörer auf. Sie holte ein Laken aus dem Schrank und wickelte das Baby. Wie schön es ist, dachte sie. Dieser weiche schwärze Haarflaum und die Stimme, so durchdringend. Aber warum wurde es verlassen? War die Mutter wohnungslos und überließ den Kleinen dem relativ warmen Schutz des Stalles, während sie etwas zu essen suchte? Es hätte doch unbemerkt bleiben und sterben können. Chandra schüttelte sich bei dem Gedanken. Warum hatte sie nicht an Chandras Haus geklopft? Jede verantwortungsvolle Mutter hätte an die Tür geklopft und niemals ihr Kind im Stich gelassen. „Komm, Kleines“, flüsterte Chandra. „Es gibt eine Menge zu tun. Du kannst hier nicht herumliegen und schreien.“

Sie holte weitere Laken, legte das Kind in einen Wäschekorb und brachte ihn zu ihrem Wagen. Dort sicherte sie den Korb sorgsam auf dem Rücksitz und stellte den Motor an. Noch immer wartete sie, eine Frau aus dem Schatten des Waldes treten zu sehen, aber es erschien niemand, und Chandra trat auf das Gaspedal.

„Dr. O’Rourke! Dr. Dallas O’Rourke! Bitte rufen Sie in der Notaufnahme an!“

Dallas O’Rourke notierte einige Instruktionen für einen Patienten im dritten Stock, als die Durchsage erfolgte. Mit finsterer Miene trat er zum nächsten Haustelefon und wählte die Nummer der Zentrale der Riverbend-Klinik. Ein Blick auf die Uhr vor dem Schwesternaufenthaltsraum machte ihm bewusst, dass er zweiundzwanzig Stunden im Dienst war. Der Rücken schmerzte, und er fühlte sich ausgelaugt von dem Mangel an Schlaf. Sicherlich sehe ich noch schlimmer aus, als ich mich fühle, dachte er, nahm den Telefonhörer auf und strich mit der Hand über die Bartstoppeln.

„Hier Dr. O’Rourke. Man sucht mich.“

„Richtig. Verbinde mit der Notaufnahme.“

Es klickte, eine vertraute Stimme war zu hören. „Schwester Pratt. Beeilen Sie sich und kommen Sie zur Notaufnahme! Wir sind total überfüllt. Gleich kommt noch ein Findelkind.“

„Komme sofort.“

Was würde er nicht für eine heiße Dusche, eine heiße Tasse Kaffee und zehn Stunden in seiner Koje geben?

Um nicht auf den Lift zu warten, nahm er die Treppe zum ersten Stock und schob die Tür auf. Helles Licht und Hektik in der Notaufnahme. Mehrere Ärzte versorgten die Patienten. Auch im Warteraum saßen noch einige Leute.

Shannon Pratt war nach O’Rourkes Meinung von allen die kompetenteste Schwester. Sie lächelte O’Rourke nur kurz zu. „Sie sind schon unterwegs. Scheint, dass die Informationen aus dem ersten Anruf von dem Sanitäter im Krankenwagen bestätigt werden konnten.“ Sie wiederholte Chandras Angaben.

„Okay. Sorgen Sie für einen Bilirubintest, und legen Sie das Kind unter U.V., sobald ich mit der Untersuchung fertig bin! Zudem wünsche ich Informationen über die Mutter, besonders ihren RH-Faktor. Wenn sie ihn nicht kennt, nehmen wir ihr Blut ab …“

„Einen Moment, Doktor.“ Schwester Pratt berührte behutsam seinen Arm. „Die Mutter steht nicht zur Verfügung.“

„Wie, zum Teufel …“

Shannon Pratt hob eine Hand. „Die Frau, die das Kind fand …“

„… die das Kind fand?“ Dallas wiederholte Pratts Worte, als sie die Rezeption passierten, wo Schwester Alma Lindquist wie ein gestrenger Feldwebel residierte.

„Die Frau, die das Kind herbringt, ist nicht die Mutter. Es handelt sich um ein Findelkind, jedenfalls sagt das die Anruferin, Chandra Hill. Sie entdeckte den Säugling in ihrem Pferdestall. Die Polizei ist benachrichtigt, und jemand verständigte bereits einen Richter, der die Verzichtserklärung unterschreiben muss, damit das Kind als Baby John Doe geführt werden kann.“

„Fabelhaft“, stöhnte Dallas. Bei seinem Glück würde die Kindesmutter sicher bald auftauchen, die Vormundschaft fordern und das Krankenhaus anzeigen. Oder noch schlimmer: Die Mutter tauchte überhaupt nicht auf, und das Kind musste vom Staat erzogen werden. „Wirklich fabelhaft.“

In diesem Moment näherte sich Sirenengeheul. Das grelle Blinken des Blaulichts war durch die große Glastür auszumachen. Rasch schoben die Sanitäter die Hintertür der Notaufnahme auf, zogen eine kleine Liege heraus und eilten damit zu dem Krankenwagen, der gerade vorgefahren war.

Behutsam legten der Sanitäter und der Fahrer des Krankenwagens das Kind auf den Untersuchungstisch. Dallas hielt bereits Stethoskop und Taschenlampe bereit. Vorsichtig betastete er das Kind. Die rechte Kopfseite war an einer Stelle geschwollen, es gab jedoch keinen Hinweis auf eine innere Blutung. Ein gutes Zeichen. Die Haut des kleinen Jungen war gelblich, aber wiederum nicht bedrohlich. Die Frau, die das Kind gefunden hatte, verstand offensichtlich einiges von Medizin.

Dallas sah den Sanitäter an. „Ich möchte mit der Anruferin, Mrs Hill, sprechen. Haben Sie Ihre Telefonnummer?“

„Nicht nötig. Sie hat uns begleitet.“

Dallas zweifelte, ob sie nicht doch die Mutter war. Möglich, dass sie versuchte, ohne Bezahlung medizinische Betreuung für ihr Kind zu erhalten. Aber wieso war sie in der Lage, den Zustand des Kindes so genau zu diagnostizieren? Entweder hatte sie die Diagnose selbst gestellt oder ein anderer, der sich in der Kinderheilkunde auskannte. Während er die dunklen Augen des Babys untersuchte, sagte er noch einmal zu Schwester Pratt: „Sobald sie kommt, möchte ich sie sehen.“

Chandra verlor beinahe die Beherrschung, als sie von der gewichtigen Schwester an der Rezeption vor dem Notaufnahmeraum hingehalten wurde. „Ich muss das Kind sehen. Schließlich habe ich es gefunden“, sagte sie so ungeduldig, wie es ihr nur möglich war.

Alma Lindquist, wie auf dem Namensschild der Schwester zu lesen stand, blieb ungerührt. Aber Chandra weigerte sich, sich von Schwester Lindquist so ohne Weiteres abspeisen zu lassen, Sie hatte in ihrem Leben – besonders im Arztberuf – öfter als ihr lieb war mit autoritären Menschen dieser Art zu tun gehabt. Eine mehr konnte Chandra nicht aufhalten.

„Wenn Sie nicht die leibliche Mutter oder ein nahestehender Verwandter sind, kann ich Ihnen nicht gestatten …“

„Ich bin die verantwortliche Person.“ Chandra lehnte sich über den Tresen. „Ich fand den Jungen. Ich glaube, ich kann helfen.“

„Wieso das?“, schnaubte die schwergewichtige Krankenschwester, offensichtlich nicht überzeugt, dass die Belegschaft Chandras Hilfe benötigte. „Dr. O’Rourke wird Sie über die Situation des Kindes unterrichten, sobald er die Untersuchung abgeschlossen hat. Wenn Sie sich jetzt bitte ins Wartezimmer begeben möchten.“

Chandra war nur bestrebt, dass alles Menschenmögliche für das Baby getan wurde. „Gestatten Sie, wenn ich selber nachsehe.“ Selbstbewusst hob sie das Kinn. Mit der erkennbar autoritären Ausstrahlung passierte sie die Abgrenzung, die die Untersuchungsräume von den Warteräumen trennte, wie sie es schon hundertmal getan hatte.

„Hey, da können Sie nicht hinein“, versuchte Schwester Lindquist Chandra aufzuhalten. Sie mochte nicht glauben, dass jemand ihre Anweisungen nicht beachtete. Als Chandra nicht stehen blieb, rief sie ihr nach: „Haltet die Frau auf!“

Aber Chandra hatte sich oft in Räumen der Notaufnahme aufgehalten und keine Mühe, sich zu orientieren. Sie eilte den gefliesten Flur entlang in die Richtung, aus der die Schreie eines Babys kamen. Sie nahm auch noch eine weitere Stimme wahr, einen tiefen Basston, der zu dem rothaarigen Sanitäter gehörte, der das Baby in den Krankenwagen verfrachtet hatte.

Beinahe wäre sie mit den Sanitätern zusammengestoßen, die gerade aus dem Untersuchungsraum kamen. „Ist er okay?“, fragte sie besorgt. „Ich meine das Baby.“

„Kein Problem, der wird schon wieder. Bei Doktor O’Rourke ist er in den besten Händen.“

Chandra sorgte sich dennoch. Zwar war ihr das Kind fremd, dennoch fühlte sie sich verantwortlich. Sie hatte es gefunden, und aus diesem Grund war es jedenfalls für eine Zeit zu einem Teil ihres Lebens geworden.

Das Weinen des Babys kam aus einer spaltbreit offenstehenden Tür. Chandra schlüpfte in den Raum. Ein ungepflegt wirkender Arzt beugte sich über einen Tisch, auf dem ein Säugling lag.

Der Arzt war groß und schlank und trug einen zerknitterten Kittel. Chandra schätzte sein Alter auf fünfunddreißig. Das lange schwarze Haar sah aus, als hätte es lange keinen Kamm gesehen.

Das ist der Arzt, dem ich vertrauen soll? Er kann sich ja kaum mehr auf den Beinen halten, dachte Chandra wütend, überwältigt von mütterlichen Gefühlen. Doch er geht sehr behutsam mit dem Baby um.

Sie trat näher, als er die Schwester aufforderte, einen Kinderarzt zu rufen. „Wir wissen nicht viel über ihn. Versuchen Sie, ihm Wasser aus einer Flasche einzuflößen. Aber beachten Sie seine Atmung. Ich brauche eine Blut- und Urinanalyse.“

„Soll ich einen Katheter anlegen?“, fragte Schwester Pratt.

„Oh nein!“, stieß Chandra angstvoll hervor, obwohl sie die Überlegung der Schwester nachvollziehen konnte. Irgendwie schien es Chandra grausam, dieses unerwünschte menschliche Wesen der Technologie des Zwanzigsten Jahrhunderts auszusetzen.

Aber hatte sie ihn nicht hergebracht, damit er die bestmögliche medizinische Zuwendung erhielt?

Als Dr. Dallas O’Rourkes Blick sie traf, hatte sie das Gefühl, in eine Falle gegangen zu sein. Nur mühsam verdrängte sie das ungewohnte Bedürfnis, mit trockenem Hals zu schlucken.

Sein Blick wirkte eindringlich und kühl, ein aufblitzendes Blau unter schwarzen, buschig gewölbten Brauen. Seine Haut war sonnengebräunt und spannte sich über starken Wangenknochen und einer leicht gebogenen Nase. Ein dunkler Ire, dachte Chandra.

„Sie sind …“

„Chandra Hill.“ Sie reckte das Kinn und straffte die Schultern.

„Soso. Die Frau, die das Kind gefunden hat. Ich bin froh, dass Sie hier sind. Ich möchte mit Ihnen reden …“

Doch bevor er den Satz beenden konnte, flog die Tür zum Untersuchungsraum auf und prallte geräuschvoll gegen die Wand. Chandra zuckte zusammen, das Baby kreischte, der Arzt fluchte.

„Ich wusste es“, sagte Schwester Lindquist anklagend zu dem Arzt. „Tut mir leid, aber diese Frau weigerte sich, mir zu gehorchen, obgleich ich ihr versicherte, Sie würden nach der Untersuchung mit ihr reden.“

„Ich wollte mich vergewissern, dass sich das Baby in guten Händen befindet.“ Chandra blickte O’Rourke an. „Wie ich der Schwester sagte, habe ich eine medizinische Ausbildung und dachte, ich könnte helfen.“

„Sind Sie Ärztin mit einer Lizenz in Colorado?“

„Nein, aber ich arbeitete bei …“

„Es ist schon gut, Alma“, beruhigte O’Rourke die aufgeregte Schwester. „Ich werde mit Miss Hill schon fertig. Zuerst kümmere ich mich jedoch um meinen Patienten.“

Schwester Lindquist warf Chandra einen wütenden Blick zu und verließ steif den Raum.

Zu Chandras Überraschung schickte O’Rourke sie nicht fort. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Baby zu und schloss die Untersuchung ab. Chandra wartete nicht. Sie nahm das Baby auf, wiegte es sanft und beruhigte es, so gut sie vermochte.

„Zeigen wir ihn dem Kinderarzt“, forderte O’Rourke Schwester Pratt auf.

„Ich bringe ihn zu ihm.“ Die Schwester nahm Chandra das Kind aus den Armen und eilte aus dem Untersuchungszimmer.

Als sie allein waren, lehnte sich der Arzt an den Untersuchungstisch, schloss kurz die Augen und rieb sich die Schläfen. „Warum sagen Sie mir nicht alles, was Sie über das Baby wissen?“

„Das tat ich bereits. Ich fand es in meinem Stall.“

„Allein?“

„Ich war allein. Das Baby war offensichtlich ausgesetzt worden.“

Er zeigte einen Hauch von Lächeln. „Kommen Sie, gehen wir in die Cafeteria. Ich spendiere Ihnen einen Kaffee. Der Himmel weiß, dass ich einen gebrauchen kann.“

Chandra war verblüfft. Obwohl seine Stimme freundlich klang, wirkte sein Blick noch immer streng und abschätzend. „Warum?“

„Warum was?“

„Der Kaffee. Ich glaube nicht …“

„Tun Sie mir den Gefallen. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen.“

Chandra zuckte die Schultern. Für sie bedeutete dieser Arzt die Verbindung zu dem Baby. Höflich hielt er ihr die Tür auf. „Die Kinderstation befindet sich auf dem anderen Flügel in der Nähe des Kreißsaals.“ Vor dem Lift kreuzte er die Arme vor der Brust und lehnte die Schultern gegen die Wand. Etwas freundlicher sagte er: „Gehen wir noch einmal zu dem Baby. Sie wissen nicht, wem es gehört, oder?“

„Nein.“

„Sind Sie sicher, dass es nicht von einer Verwandten oder Freundin von Ihnen ausgesetzt wurde, von jemandem, der nicht interessiert ist, es zu behalten?“

„Absolut.“ Chandra fühlte, wie sich ihre Wangen röteten. „Doktor, ich habe Ihnen gesagt, was ich weiß. Meine Sorge gilt allein dem Kind, und ich möchte so lange wie möglich bei ihm bleiben.“

„Warum?“ Tausende Fragen standen in seinen Augen. Ein attraktiver Mann, stellte Chandra fest und war erstaunt, dass ihr das aufgefallen war. „Sie haben Ihrer Pflicht genügt …“

„Es geht um mehr als Pflicht, okay?“, schnitt Chandra ihm das Wort ab. Sie konnte nicht einfach nach Hause fahren und das kleine Findelkind zurücklassen. Nicht, bis feststand, dass für ihn gesorgt wurde. Dr. O’Rourke hielt die Tür des Lifts auf.

„Dr. O’Rourke! Dr. Dallas O’Rourke …“ Als der Arzt hörte, wie sein Name ausgerufen wurde, seufzte er schwer. „Ich fürchte, wir müssen den Kaffee verschieben.“

Er schien enttäuscht, aber das war selbstverständlich nur Chandras Meinung.

Chandra war erleichtert, nicht noch länger mit ihm verhandeln zu müssen. Sie fand ihn irgendwie beunruhigend. Die Nacht war aufregend genug gewesen. Nachdem er den Lift verlassen hatte, war sie froh, seinem eindringlichen Blick entkommen zu sein.

„Da ist sie! Halten Sie den Lift an!“

Chandras Mut sank, als sie den anklagenden Ton von Schwester Lindquist vernahm. Sie hatte offensichtlich die Wache gerufen und war im Begriff, Chandra aus der Klinik zu verjagen. In Begleitung zweier Polizisten eilte die gewichtige Schwester auf Chandra zu.

„Chandra Hill?“, fragte einer der beiden Uniformierten mit gestrenger Miene.

„Ja bitte?“

„Ich bin Deputy Bodine, und dies ist Deputy White.“ Er deutete mit dem Kopf auf den Kollegen. „Wenn Sie gestatten, möchten wir Ihnen einige Fragen zu dem Kind stellen, das Sie auf Ihrem Besitz gefunden haben“, sagte er in amtlichem Ton.

2. KAPITEL

„Also folgte ich dem Notarztwagen hierher“, beendete Chandra ihren Bericht. Die Polizisten tauschten abwechselnd vielsagende Blicke und nippten an ihrem Kaffee, während Chandra erklärte, wie sie das Findelkind gefunden hatte.

Auf die Frage, ob sie wüsste, wer die Mutter sei, blickte sie den Polizisten gerade in die Augen. „Warum sollte ich lügen?“

„Wir behaupteten nicht …“

„Okay, aber ich sehe Ihnen an, dass Sie mir nicht glauben.“

„Niemand sagte, dass wir Ihnen nicht glauben. Aber es ist eine ziemlich seltsame Geschichte, finden Sie nicht?“

„Es ist die Wahrheit.“

„Wir kennen viele Fälle, in denen jemand die Tatsachen ein wenig zum Schutz eines anderen veränderte.“

„Ich schütze niemanden.“ Chandra riss allmählich der Geduldsfaden. „Überprüfen Sie gern all meine Bekannten und Verwandten. Einzige Hinweise auf seine Herkunft könnten das Leinentuch und die alte Uniformjacke sein, in die er gehüllt war.“

„Wo ist die Jacke?“

„Zu Hause“

„Wir werden sie am Morgen abholen. Und verändern Sie nichts in der Box, in der Sie das Kind gefunden haben.“

Chandra hatte das Gefühl, dass die Beamten gehen wollten. Aber als der eine seinen Stuhl zurückschob, betrat O’Rourke den Raum. Offensichtlich war seine Schicht beendet, denn er hatte den Kittel abgelegt. Stattdessen trug er abgetragene Jeans, ein helles Flanellhemd und eine Schaffelljacke.

„Der Mann, den wir sprechen wollten“, sagte Bodine und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Chandra wünschte, das Interview wäre endlich vorüber.

Der Arzt regelte einige formelle Fragen bezüglich Baby Doe mit den Polizisten und erklärte ihnen, außer einer Gelbsucht und einer Schwellung am Hinterkopf – möglicherweise aufgrund einer schwierigen Geburt – sei das Kind gesund. „Es wird jedoch weiter von den anderen Kindern isoliert, bis alle Tests durchgeführt sind. Aber es trinkt und macht den Schwestern das Leben schwer.“

Chandra lächelte insgeheim. O’Rourke schien wenigstens ein bisschen Humor zu haben.

Der Arzt fuhr fort: „Nachdem der Kinderarzt das Baby gesehen hat, geben wir Ihnen einen vollständigen Bericht.“

„Noch etwas?“ White machte Notizen auf seinem Block.

„Nur eines. Die Nabelschnur war nicht ordentlich durchtrennt, ein Hinweis, dass das Kind ohne ärztliche Hilfe auf die Welt kam. Was meinen Sie?“ Tiefblaue Augen sahen Chandra eindringlich an.

„Ich weiß es nicht. Ich habe mir den Nabel nicht näher angesehen. Habe nur überprüft, ob er blutete.“ Warum fragte O’Rourke sie nach ihrer Meinung?

„Aber Sie untersuchten das Kind, nicht wahr?“

„Richtig.“ Chandra biss sich auf die Zunge. Dr. O’Rourke weiß nichts über mich, überlegte sie, und er kennt auch nicht meine Vergangenheit. Daran sollte sich auch nichts ändern. Sie war in diesen Teil des Landes gekommen, um ihre Vergangenheit zu begraben. Keinesfalls wollte sie die nun wieder ausgraben.

„Sie hatten mit Ihrer Diagnose recht, Miss Hill.“

Es gab keinen Grund, Erklärungen abzugeben, nicht hier. Nicht in dieser Nacht. Der Sheriff und Dr. O’Rourke – sowie der Rest der Welt – mochten alles über sie herausfinden, nur nicht in dieser Nacht. „Ich besitze eine medizinische Ausbildung“, erklärte sie, „und arbeite als Führerin von Wildwassertouren. Man erwartet von uns Kenntnisse über Erste Hilfe, und ich denke, je mehr ich weiß, um so besser meistere ich jede Situation.“

O’Rourke schien zufrieden. Er blickte Chandra weniger argwöhnisch an, und die blaue Farbe seiner Augen wirkte weniger kalt.

Bodine stand auf. „Nun, selbst wenn Sie annehmen, dass das Kind nicht in einem Krankenhaus auf die Welt kam, schadet es nicht, wenn wir uns erkundigen, ob irgendwo ein Baby vermisst wird.“

„Sie denken an ein Krankenhaus?“, fragte Chandra.

O’Rourke hob eine dunkle Augenbraue. „Gibt es einen besseren Platz, ein Baby zu stehlen?“

„Stehlen?“, wiederholte sie ungläubig.

Bodine setzte den Hut auf. „Das Babygeschäft auf dem schwarzen Markt boomt momentan geradezu.“

„Sie meinen, jemand stahl das Kind und ließ es in meinem Pferdestall? Das kann doch nicht wahr sein.“

Bodine lächelte. „Klingt weit hergeholt, gebe ich zu, aber wir müssen jede Überlegung in Betracht ziehen. Könnte doch sein, dass jemand Baby Doe in Ihrer Scheune für die Nacht abgelegt hatte, um es später abzuholen. Dann ist ihm etwas dazwischengekommen …“

„Vielleicht haben Sie ihn verjagt.“ Deputy White wandte sich Chandra zu. „Morgen gehen wir allen Theorien nach. Danke, Doktor. Danke, Miss Hill.“

Die Polizisten gingen. Erst da merkte Chandra, wie angespannt ...

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