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Dem Feuer zu nah

Prolog

Die Wälder hallten wider vom Kriegsgeschrei. Zwischen den feindlichen Truppen war eine blutige Schlacht entbrannt, und in den Feldern hinter den Bäumen schlugen hin und wieder Geschosse ein, die den Lärm der Waffen und das Geschrei der Verwundeten übertönten. Der Kampf hatte bereits viele Opfer gefordert, und die Überlebenden dürsteten nach Rache.

Das Laub, noch dicht und grün am Ende des Sommers, bildete ein Dach, durch das der Sonnenschein in dünnen, staubigen Strahlen drang. Die Luft war schwül und schwer und roch nach frischer Erde und wilden Tieren.

Es gab keinen Ort, an dem Jared MacKade glücklicher war als in den unheimlichen Wäldern.

Er war Offizier der Union, ein Captain. Er war Captain geworden, weil er mit zwölf Jahren der Älteste war und dieser Rang ihm daher zustand. Seine Truppen bestanden aus Devin, der sich als Zehnjähriger mit dem Rang eines Korporals zufriedengeben musste. Ihr Auftrag war klar. Vernichtet die Rebellen.

Da der Krieg eine ernste Sache war, hatte Jared eine Strategie entwickelt. Er hatte Devin als seinen Soldaten gewählt, weil Devin Befehle befolgte. Außerdem war Devin ein kluger Kopf. Und Devin war ein erfahrener Nahkämpfer und machte nie Gefangene.

Rafe und Shane, die anderen MacKade-Brüder, waren ebenfalls hervorragende Kämpfer, aber, wie Jared wusste, oft viel zu ungestüm. Auch jetzt rannten sie wieder laut schreiend durch den Wald, während Jared geduldig im Hinterhalt auf sie wartete.

„Sie werden sich trennen, du wirst sehen“, flüsterte Jared, als er und Devin sich im Unterholz versteckten. „Rafe will uns herauslocken und erledigen.“ Jared spuckte verächtlich aus, denn er war zwölf, und Spucken war cool. „Er hat keinen militärischen Verstand.“

„Shane hat überhaupt keinen Verstand“, erwiderte Devin, der wie alle Brüder nicht sehr viel von seinem Bruder hielt.

Die beiden grinsten, zwei Jungs mit zerzaustem schwarzem Haar und unbeschwerten Gesichtern, auf denen der Schweiß sich mit dem Schmutz vermischte. Jared sah sich um. Er kannte jeden Stein, jeden Baum, jeden ausgetretenen Pfad. Oft kam er allein her, um zu wandern oder einfach nur dazusitzen. Und um zu lauschen. Dem Wind in den Bäumen, dem Geraschel der Eichhörnchen und Hasen. Dem Murmeln der Gespenster.

Er wusste, dass andere hier gekämpft hatten und gestorben waren, und es faszinierte ihn. Er war auf dem Bürgerkriegsschlachtfeld von Antietam, Maryland, aufgewachsen, und wie jeder Junge seines Alters wusste er, was für Triumphe und Tragödien sich an diesem Schicksalstag im September 1862 abgespielt hatten.

Eine Schlacht, die als der blutigste Tag in die Geschichte des Bürgerkriegs eingegangen war, musste die Fantasie eines Jungen anregen. Mit seinen Brüdern hatte er jeden Fußbreit des Schlachtfelds durchkämmt und war durch die Kornfelder gerannt, auf denen damals der Pulverqualm die Ähren schwarz gefärbt hatte.

So manche Nacht hatte er daran gedacht, dass einst Bruder gegen Bruder gekämpft hatte … in Wirklichkeit, nicht nur als Spiel. Und er hatte sich immer wieder gefragt, wie es ihm ergangen wäre, wenn er in jener dramatischen Zeit geboren worden wäre.

Doch am meisten faszinierte ihn, dass Männer ihr Leben für eine Idee hingegeben hatten. Oft, wenn er allein im Wald saß, träumte er davon, für eine Idee zu kämpfen und stolz zu sterben.

Seine Mutter erklärte ihm häufig, dass ein Mann Ziele und Überzeugungen brauche und stolz darauf sein könne, wenn er für sie eintrat. Dann lachte sie, strich ihm übers Haar und sagte ihm, dass es ihm an Stolz gewiss niemals mangeln werde. Er besaß bereits jetzt zu viel davon.

Er wollte der Beste, der Schnellste, der Stärkste, der Klügste sein. Das war keine leichte Aufgabe, denn seine drei Brüder wollten genau dasselbe. Also quälte er sich. Er lernte mehr, kämpfte entschlossener und arbeitete härter. Verlieren kam für Jared MacKade einfach nicht infrage.

„Sie kommen“, flüsterte Jared.

Devin nickte. Er hatte auf das Knacken von Zweigen und das Rascheln von Blättern geachtet und gewartet. „Rafe ist dort vorn. Shane will uns von hinten überraschen.“

Jared vertraute Devin. Sein Bruder besaß den Instinkt einer Raubkatze. „Ich übernehme Rafe. Du bleibst hier, bis wir kämpfen. Sobald Shane angerannt kommt, schnappst du ihn dir.“

Jareds Augen leuchteten. Die Brüder gaben sich kurz die Hand. „Sieg oder Tod.“

Etwas Hellblaues huschte von Baum zu Baum. Das verblichene Jeans-Shirt des Feindes. Jared wartete. Dann sprang er mit einem markerschütternden Schrei aus der Deckung. Er stürzte sich auf Rafe, warf ihn um, und zusammen landeten sie inmitten der wilden Brombeeren.

Es war ein gelungener Überraschungsangriff gewesen, aber Jared wusste, dass er noch lange nicht gewonnen hatte. Rafe war ein zäher Gegner, das konnte jeder seiner Mitschüler an der Grundschule von Antietam bezeugen. Er kämpfte mit einer Begeisterung, die Jared gut nachempfinden konnte.

Es gab nichts Herrlicheres, als sich an einem heißen Sommertag, wenn das Ende der Schulferien näher rückte und die morgendlichen Pflichten hinter einem lagen, mit jemandem zu rangeln.

Dornen bohrten sich in die Kleidung und zerkratzten die Haut. Die beiden Jungs kehrten kämpfend auf den Pfad zurück. Fäuste flogen, und Schuhe gruben sich Halt suchend in den Erdboden. Ganz in der Nähe fand eine zweite Schlacht statt. Auch sie war geprägt von Flüchen, Stöhnen und dem dumpfen Aufprall der Fäuste auf den schwitzenden Körpern.

Die MacKade-Brüder fühlten sich wie im Paradies.

„Du bist tot, elender Rebell!“, rief Jared, als es ihm gelang, Rafe am Haar zu packen.

„Aber dich nehme ich mit, Blaurock!“, schrie Rafe zurück.

Doch keiner war dem anderen überlegen, und so endete der Kampf schließlich unentschieden. Verdreckt, atemlos und lachend lösten sie sich voneinander.

Jared wischte sich das Blut von der aufgeplatzten Lippe und beobachtete, wie die beiden anderen Brüder miteinander kämpften. Devin würde ein blaues Auge davontragen, und Shane hatte in seiner Jeans einen Riss, der ihnen allen eine Menge Ärger einbringen würde.

Er stieß einen langen, zufriedenen Seufzer aus und blinzelte in den Sonnenschein.

„Sollen wir aufhören?“, fragte Rafe.

„Nein. Die beiden sind gleich fertig.“

„Ich gehe in die Stadt.“ Rafe sprang auf und klopfte sich den Staub von der Hose. „Ich will bei Ed’s etwas trinken.“

Devin ließ Shane los. „Hast du Geld?“

Lächelnd klimperte Rafe mit den Münzen in seiner Tasche. „Vielleicht.“ Dann strich er sich das Haar aus den Augen und rannte los.

Die Hoffnung, von ihrem Bruder etwas spendiert zu bekommen, war genug, um Devin und Shane sofort Frieden schließen zu lassen. Sie brachen den Kampf ab und jagten hinter ihm her.

„Komm schon, Jared“, rief Shane über die Schulter. „Auf zu Ed’s.“

„Lauft vor. Ich komme nach.“

Aber Jared blieb auf dem Rücken liegen und sah zum Himmel hinauf, der zwischen den Baumkronen zu erkennen war. Als die hämmernden Füße seiner Brüder verklungen waren, glaubte er, den alten Schlachtenlärm hören zu können. Das Getöse der Kanonen, die Schreie der Verwundeten. Dann das angstvolle Keuchen der zwischen den feindlichen Linien herumirrenden Soldaten.

Er schloss die Augen. Die Gespenster der Vergangenheit waren ihm viel zu vertraut, um sich vor ihnen zu fürchten. Er wünschte, er hätte die Männer gekannt, hätte sie fragen können, wie es war, sein Leben, seine Seele aufs Spiel zu setzen. Ein Ideal, eine Lebensweise so sehr zu lieben, dass man alles, was man war und besaß, dafür opfern würde.

Er war überzeugt, dass er es für seine Familie, seine Eltern, seine Brüder tun würde. Doch das war irgendwie anders.

Eines Tages, so nahm er sich vor, würde er ein Zeichen setzen. Die Leute würden ihn sehen und wissen, dass er Jared MacKade war, ein Mann, der für etwas einstand. Ein Mann, der tat, was getan werden musste, und keinen Kampf scheute.

1. Kapitel

Jared wollte ein kühles Bier. Er konnte ihn schon schmecken, den ersten kräftigen Schluck, der den üblen Nachgeschmack fortspülen würde. Den Nachgeschmack eines harten Tages im Gericht, eines idiotischen Richters und einer Mandantin, die ihn langsam, aber sicher um den Verstand brachte.

Dass sie in die Einbruchsserie im Westen von Hagerstown verwickelt und alles andere als ein Unschuldslamm war, störte ihn nicht. Schuldige zu verteidigen war schließlich sein Beruf. Aber er war es leid, sich von seiner Mandantin wie Freiwild behandeln zu lassen.

Die Frau hatte eine ziemlich verquere Ansicht von der Beziehung zwischen Anwalt und Mandant. Wenn sie ihm noch einmal an den Hintern fasste, konnte sie sich einen neuen Verteidiger suchen. Unter anderen Umständen hätte er die ganze Sache vielleicht sogar amüsant gefunden. Aber im Moment hatte er für solche Spielchen zu viel im Kopf und im Terminkalender.

Mit einer gereizten Handbewegung schob er eine Klassik-CD in die Stereoanlage seines Wagens und ließ sich auf der Fahrt nach Hause von Mozart besänftigen.

Nur noch dieser Abstecher, sagte er sich. Ein kurzer Abstecher, dann nach Hause und ein kühles Bier.

Und dieser Abstecher wäre ihm auch erspart geblieben, hätte diese Savannah Morningstar sich die Mühe gemacht, seine Anrufe zu erwidern.

Er ließ die Schultern kreisen, um die Anspannung zu lindern, und trat in einer Kurve aufs Gaspedal, um sich den Reiz einer kleinen Geschwindigkeitsüberschreitung zu gönnen. In hohem Tempo fuhr er die vertraute Landstraße entlang, ohne auf die ersten Anzeichen des nahenden Frühlings zu achten.

Er bremste, um einem Kaninchen auszuweichen, und überholte einen Pick-up, der nach Antietam unterwegs war. Hoffentlich hat Shane das Abendessen fertig, dachte er, bis ihm plötzlich einfiel, dass er heute mit dem Kochen an der Reihe war.

Das Stirnrunzeln passte zu seinem Gesicht, das mit den harten Konturen, der zweimal gebrochenen Nase und dem energischen Kinn äußerst markant wirkte. Hinter der Sonnenbrille, unter den geschwungenen schwarzen Brauen blickten die grünen Augen kühl. Der Mund war vor Verärgerung schmal, aber noch immer attraktiv.

Frauen starrten oft auf seine Lippen und fragten sich, wie … Wenn Jared lächelte und das Grübchen am Mundwinkel erschien, seufzten sie zumeist und begriffen nicht, warum seine Ehefrau ihn jemals hatte gehen lassen.

Im Gerichtssaal wirkte er höchst beeindruckend. Die breiten Schultern, die schmale Taille, die athletische, langgliedrige Gestalt erschienen durch den Maßanzug ein wenig gezähmt, aber die elegante Fassade verbarg nicht, welche Kraft in seinem Körper steckte.

Das schwarze Haar war wellig genug, um sich über dem Kragen der stets strahlend weißen Hemden auf attraktive Weise zu kräuseln.

Im Gerichtssaal war er nicht Jared MacKade, einer der MacKade-Brüder, die seit dem Tag ihrer Geburt den Süden des Landes unsicher gemacht hatten. Dort war Jared MacKade Anwalt des Rechts.

Er sah zu dem Haus hinauf, das auf dem Hügel am Stadtrand lag. Es hatte früher einmal den Barlows gehört, lange bevor sein Bruder Rafe heimgekehrt war, um es zu kaufen. Jared bemerkte Rafes Wagen am Ende der steilen Zufahrt und zögerte.

Er war versucht, den letzten Termin dieses Arbeitstages zu vergessen und sich mit Rafe das ersehnte Bier zu gönnen. Aber wenn sein Bruder nicht gerade hämmerte, sägte oder einen Teil des Hauses strich, das im Herbst als Hotel eröffnet werden sollte, wartete er darauf, dass seine ihm frisch angetraute Ehefrau nach Hause kam.

Dass ausgerechnet der Schlimmste der schlimmen MacKades ein verheirateter Mann war, erstaunte Jared noch immer. Also fuhr er vorbei und nahm an der Gabelung die Straße nach links, die sich um die Farm der MacKades und das kleine Stück Land, das an sie grenzte, schlängelte.

Soweit er wusste, hatte Savannah Morningstar das Haus am Waldrand erst vor zwei Monaten gekauft. Dort wohnte sie mit ihrem Sohn und lebte, da die Gerüchteküche über sie nur wenig vermeldete, offenbar sehr zurückgezogen.

Jared vermutete, dass die Frau entweder dumm oder unhöflich war. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass die meisten Leute den Anruf eines Anwalts meistens sofort erwiderten. Obwohl die Stimme auf ihrem Anrufbeantworter sanft, dunkel und unglaublich erotisch geklungen hatte, freute er sich nicht auf die Begegnung. Im Gegenteil. Er war nur hier, um einem Kollegen einen Gefallen zu tun.

Zwischen den Bäumen tauchte das kleine Haus auf. Eigentlich war es eher eine Blockhütte, obwohl vor mehreren Jahren ein Obergeschoss angebaut worden war. Am Morningstar-Briefkasten bog Jared in den schmalen Weg ein und bremste scharf, um die zahlreichen Schlaglöcher und Querrinnen bewältigen zu können. Beim Näherkommen betrachtete er das Haus.

Aus dicken Baumstämmen errichtet, hatte es ursprünglich einem Arzt aus der Stadt als Wochenendhaus gedient. Aber nicht sehr lange. Städter fanden das Leben auf dem Land oft nur so lange romantisch, wie sie es nicht führen mussten.

Der steile Hang davor war steinig und im Sommer meist von hohem Unkraut überwuchert. Offenbar hatte jemand daran gearbeitet, denn der Boden war umgegraben und die wenigen verbliebenen Steine dienten als gestalterische Elemente inmitten der neu angepflanzten Blumen.

Erst jetzt sah Jared, dass jemand in dem kleinen Naturgarten arbeitete. Er hielt am Ende der Zufahrt, neben dem alten Kleinwagen. Dann nahm er den Aktenkoffer vom Sitz, stieg aus und ging über den frisch gemähten Rasen. Als Savannah Morningstar sich aufrichtete, war er froh, dass er eine dunkle Brille trug.

Sie hatte inmitten der Pflanzen und Gartengeräte gekniet, und als sie aufstand, sah Jared nicht nur, wie groß sie war, sondern auch, auf welch atemberaubende Weise sie das verblichene gelbe T-Shirt und die zerschlissenen Jeans ausfüllte. Ihre Beine waren endlos.

Sie war barfuß, die Hände waren schmutzig. Die Sonne ließ das schwarze Haar schimmern. Sie trug es zu einem langen, lockeren Zopf geflochten. Auch ihre Augen waren hinter einer Sonnenbrille verborgen. Aber was er von ihrem Gesicht erkennen konnte, war faszinierend. Wenn ein Mann es erst einmal schafft, diesen wahrhaft tollen Körper zu ignorieren, kann er sich ausgiebig dem Gesicht widmen, dachte Jared.

Die leicht gebräunte Gesichtshaut straffte sich über den hohen Wangenknochen. Der Mund war voll, die Nase gerade und anmutig, das Kinn ein wenig spitz.

„Savannah Morningstar?“

„Ja, die bin ich.“

Er erkannte die Stimme wieder. Noch nie hatte er es erlebt, dass eine Stimme so perfekt zu einem Körper passte. „Ich bin Jared MacKade.“

Sie legte den Kopf schief, und ihre Brillengläser glänzten in der Sonne. „Nun ja, Sie sehen aus wie ein Anwalt. Ich habe nichts verbrochen und brauche keinen Anwalt.“

„Ich werbe keine Mandanten an der Haustür. Ich habe Ihnen bereits mehrere Nachrichten auf Band gesprochen.“

„Ich weiß.“ Sie kniete sich wieder hin, um den Rest des dunkelroten Phlox einzupflanzen. „Das Praktische an solchen Geräten ist, dass man nicht mit Leuten reden muss, mit denen man nicht reden will.“ Vorsichtig drückte sie Erde um die zarten Wurzeln fest. „Und mit Ihnen wollte ich nicht reden, Mr. MacKade.“

„Sie sind also nicht dumm, sondern einfach nur unhöflich.“

Belustigt hob sie den Kopf. „Stimmt, das bin ich. Aber nun, da Sie schon einmal hier sind, können Sie mir sagen, was Sie von mir wollen.“

„Ein Kollege aus Oklahoma hat mich angerufen, nachdem er Ihre Adresse herausgefunden hatte.“

Das mulmige Gefühl in Savannahs Bauch kam und verschwand sofort wieder. Ohne Hast nahm sie ein weiteres Büschel Phlox und grub mit der Hand ein Loch. „Ich bin seit fast zehn Jahren nicht mehr in Oklahoma gewesen. Und ich kann mich nicht erinnern, dort gegen irgendein Gesetz verstoßen zu haben.“

„Ihr Vater hat meinen Kollegen beauftragt, Sie aufzuspüren.“

„Pa interessiert mich nicht.“ Sie hatte plötzlich keine Lust mehr, Blumen zu pflanzen. Weil sie die unschuldigen Gewächse nicht mit dem Gift infizieren wollte, das sie in sich spürte, erhob sie sich und wischte die Hände an der Jeans ab. „Sagen Sie Ihrem Kollegen, er soll meinem Vater ausrichten, dass ich nicht interessiert sei.“

„Ihr Vater ist tot.“

Jared hatte nicht geplant, es ihr auf diese Weise mitzuteilen. Bisher hatte er weder ihren Vater noch dessen Tod erwähnt, weil er es herzlos fand, solche Nachrichten einem Anrufbeantworter anzuvertrauen. Jared konnte sich gut an den Schmerz erinnern, den der Tod seines Vaters in ihm ausgelöst hatte. Und der seiner Mutter.

Sie schwankte nicht, schrie nicht auf und begann auch nicht zu schluchzen. Savannah stand aufrecht da, während sie den Schock verarbeitete und sich gegen die Trauer wehrte. Einst hatte sie Liebe empfunden. Das Bedürfnis nach Nähe. Jetzt, dachte sie, fühle ich gar nichts mehr. „Wann?“

„Vor sieben Monaten. Sie zu finden dauerte eine Weile. Es tut mir leid …“

„Wie ist er gestorben?“, unterbrach sie ihn.

„Ein Sturz. Soweit ich weiß, arbeitete er beim Rodeo, stürzte vom Pferd und prallte mit dem Kopf auf. Er blieb nicht lange bewusstlos und weigerte sich, sich röntgen zu lassen. Aber er rief meinen Kollegen an und erteilte ihm einen Auftrag. Eine Woche später brach Ihr Vater zusammen. Eine Embolie.“

Stumm hörte sie zu und sah den Mann, den sie einst geliebt hatte, vor ihrem geistigen Auge … auf dem Rücken eines wild ausschlagenden Mustangs, mit einer Hand nach den Sternen greifend.

Sie sah ihn vor sich, lachend, betrunken. Sie hörte, wie er einer alten Stute Koseworte ins Ohr flüsterte und wie er vor Zorn und Scham rot anlief, als er seine Tochter, sein einziges Kind, verstieß.

Nur tot konnte sie ihn sich nicht vorstellen.

„Nun, jetzt haben Sie es mir erzählt“, sagte sie und ging zum Haus.

„Miss Morningstar.“ Hätte er Trauer in ihrer Stimme gehört, hätte er sie in Ruhe gelassen. Aber ihre Stimme war vollkommen ausdruckslos gewesen.

„Ich habe Durst.“ Sie eilte den Pfad entlang, stieg die Stufen zur Veranda hinauf und ließ die Fliegengittertür hinter sich zufallen.

Jared war wütend. Durstig war er auch. Und er würde das hier hinter sich bringen und sich endlich ein kühles Bier gönnen. Ohne anzuklopfen, betrat er das Haus.

Das kleine Wohnzimmer enthielt bequeme Möbel, alte Sessel, stabile Tische, auf die man die Füße legen konnte. Das Braun der Wände passte zum Pinienholz des Dielenbodens. Farbkleckse setzten auffallende Akzente – Bilder, Kissen, auf den hellen Teppichen verstreute Spielsachen, die ihn daran erinnerten, dass sie ein Kind hatte.

Er folgte ihr in eine Küche mit strahlend weißen Schränken und demselben glänzenden Pinienboden wie im Wohnzimmer. Sie stand an der Spüle und wusch sich die Erde von den Händen. Sie sagte nichts, sondern trocknete sie ab, bevor sie einen Krug mit Limonade aus dem Kühlschrank nahm.

„Ich möchte das hier ebenso schnell hinter mich bringen wie Sie“, sagte Jared.

Savannah atmete tief durch, nahm die Sonnenbrille ab und warf sie auf die Arbeitsplatte. Es ist nicht seine Schuld, sagte sie sich. Jedenfalls nicht ganz. Im Grunde war niemand schuld.

„Sie sehen erhitzt aus.“ Sie goss Limonade in ein hohes Glas und reichte es ihm. Dabei warf sie ihm einen kurzen Blick aus schokoladenbraunen Mandelaugen zu und wandte sich ab, um ein zweites Glas herauszunehmen.

„Danke.“

„Wollen Sie mir etwa sagen, dass er Schulden hatte, die ich jetzt begleichen muss? Falls ja, so kann ich Ihnen darauf sofort antworten, dass ich gar nicht daran denke.“ Sie lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. „Was ich besitze, habe ich mir selbst erarbeitet, und ich werde es behalten.“

„Ihr Vater hat Ihnen siebentausendachthundertfünfundzwanzig Dollar und ein paar Cents hinterlassen.“

Jared sah, wie sie das Glas vom Mund nahm, zögerte, es dann wieder an die Lippen hob und langsam, nachdenklich trank. „Woher hatte er siebentausend Dollar?“

„Ich habe keine Ahnung. Aber das Geld liegt auf einem Sparbuch in Tulsa.“ Jared stellte den Aktenkoffer auf den Tisch und öffnete ihn. „Sie brauchen sich nur auszuweisen und diese Papiere zu unterschreiben, dann wird das Erbe umgehend an Sie überwiesen.“

„Ich will es nicht.“ Der Knall, mit dem sie das Glas abstellte, war die erste Gefühlsregung, die sie sich anmerken ließ. „Ich will sein Geld nicht.“

Jared legte die Papiere auf den Tisch. „Es ist Ihr Geld.“

„Ich sagte, ich will es nicht.“

Er nahm die Brille ab und steckte sie in die Brusttasche. „Wenn ich recht verstehe, standen Sie und Ihr Vater sich nicht sehr nah.“

„Sie verstehen überhaupt nichts“, entgegnete sie. „Alles, was Sie wissen müssen, ist, dass ich das verdammte Geld nicht will. Also stecken Sie bitte Ihre Unterlagen wieder in Ihren schicken Aktenkoffer und verschwinden Sie.“

Jared war Widerspruch gewöhnt und blieb ruhig. „Das Testament Ihres Vaters sieht vor, dass das Geld an Ihr Kind geht, wenn Sie selbst es nicht wollen.“

Ihre Augen blitzten. „Lassen Sie meinen Sohn aus dem Spiel.“

„Die Vorschriften …“

„Ihre Vorschriften sind mir egal. Er ist mein Sohn. Und es ist meine Entscheidung. Wir wollen das Geld nicht, wir brauchen es nicht.“

„Miss Morningstar, Sie können die Annahme des Erbes verweigern, aber das würde bedeuten, dass die Gerichte damit befasst werden und aus einer eigentlich ganz einfachen Sache ein sehr komplizierter Vorgang wird. Tun Sie sich einen Gefallen, ja? Nehmen Sie das Geld, verbraten Sie es an einem Wochenende in Reno, spenden Sie es für einen wohltätigen Zweck oder vergraben Sie es in einer Blechdose im Garten.“

„Die Sache ist ganz einfach“, erwiderte sie gelassen. „Ich nehme sein Geld nicht an.“ Sie starrte über Jareds Schulter, als die Haustür laut ins Schloss fiel. „Mein Sohn“, sagte sie und warf ihrem Besucher einen warnenden Blick zu. „Kein Wort zu ihm, ist das klar?“

„He, Mom! Connor und ich …“ Wie angewurzelt blieb er stehen. Er war ein großer, sehr schlanker Junge, der die Augen seiner Mutter besaß und auf dem zerzausten schwarzen Haar eine Baseball-Kappe mit dem Schirm nach hinten trug. Mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier musterte er Jared. „Wer ist das?“

Ganz die Mutter, dachte Jared. Genau die gleichen schlechten Manieren. „Ich bin Jared MacKade, ein Nachbar.“

„Sie sind Shanes Bruder.“ Der Junge trat an den Tisch, nahm das Glas seiner Mutter und leerte es geräuschvoll. „Er ist cool. Wir waren bei ihm, ich und Connor“, berichtete er. „Drüben auf der MacKade-Farm. Die große orangefarbene Katze hat Junge bekommen.“

„Schon wieder?“, murmelte Jared. „Diesmal bringe ich sie persönlich zum Tierarzt und lasse sie sterilisieren. Du warst mit Connor dort, ja? Connor Dolin?“

„Ja.“ Der Junge betrachtete ihn über das Glas hinweg.

„Seine Mutter ist eine Freundin von mir“, erklärte Jared.

Savannahs Hand lag locker auf der Schulter ihres Sohns. „Bryan, geh nach oben und wasch dir die Hände. Ich mache gleich Essen.“

„Okay.“

„Freut mich, dich kennenzulernen, Bryan.“

Der Junge warf dem Besucher einen erstaunten Blick zu, dann lächelte er. „Ja, cool. Bis dann.“

„Er sieht Ihnen ähnlich“, bemerkte Jared.

„Ja, das tut er.“ Ihr Gesichtsausdruck wurde ein wenig sanfter, als sie ihren Sohn die Treppe hinaufrennen hörte. „Ich überlege, ob ich einen Schallschutz installieren lasse.“

„Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie er und Connor miteinander auskommen.“

Ihr eben noch belustigter Blick wurde abweisend. „Und das fällt Ihnen schwer?“

„Ich versuche es mir vorzustellen“, wiederholte Jared. „Ein solcher Wildfang und der ruhige, schüchterne Connor Dolin. So selbstbewusste Kinder wie Ihr Sohn suchen sich meistens andere Freunde.“

„Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden. Bryan hat bisher kaum die Chance gehabt, Freundschaften zu schließen. Wir sind oft umgezogen. Das soll sich ändern.“

„Was hat Sie hergebracht?“

„Ich war …“ Sie verstummte und verzog den Mund. „Jetzt spielen Sie den freundlichen Nachbarn, damit ich nachgebe und Ihnen Ihr Problem abnehme, was? Vergessen Sie es.“ Sie nahm ein Paket mit Hähnchenbrust aus dem Kühlschrank.

„Siebentausend Dollar sind eine Menge Geld. Wenn Sie es gut anlegen, könnte es Ihrem Sohn den Start auf dem College erleichtern“, schlug er vor.

„Wenn und falls Bryan aufs College geht, werde ich es selbst finanzieren.“

„Ich habe großes Verständnis für Ihren Stolz, Miss Morningstar. Deshalb sehe ich auch, wenn er fehl am Platz ist.“

Sie kehrte ihm den Rücken zu und warf den Zopf über die Schulter. „Ihre Geduld und Höflichkeit sind vorbildlich, Mr. MacKade.“

„Sie kommen nicht oft in die Stadt, nicht wahr?“, murmelte Jared. „Da würde man Ihnen etwas anderes über mich erzählen. Erkundigen Sie sich gelegentlich bei Connors Mutter über die MacKades, Miss Morningstar. Ich lasse die Papiere hier.“ Er setzte die Sonnenbrille wieder auf. „Überlegen Sie es sich und rufen Sie mich an. Ich stehe im Telefonbuch.“

Sie blieb, wo sie war, mit finsterem Gesichtsausdruck und dem gefrorenen Hähnchenfleisch in der Hand. Sie stand noch da, als sie hörte, wie er den Wagen startete und ihr Sohn die Treppe herunterkam.

Hastig nahm sie die Unterlagen vom Tisch und steckte sie in eine Schublade.

„Was wollte er?“, fragte Bryan. „Wieso hatte er denn einen Anzug an?“

„Viele Männer tragen Anzüge.“ Sie wich seiner Frage aus, aber sie würde Bryan nicht anlügen. „Und bleib vom Kühlschrank weg. Es gibt gleich Essen.“

Bryan hatte die Hand bereits am Türgriff und verdrehte die Augen. „Ich bin am Verhungern.“

Savannah nahm einen Apfel aus der Obstschale, warf ihn über die Schulter und lächelte zufrieden, als Bryan ihn auffing.

„Shane meint, es ist okay, wenn ich morgen nach der Schule noch mal vorbeikomme und mir die Kätzchen ansehe. Die Farm ist richtig cool, Mom. Du solltest sie sehen.“

„Ich habe schon einmal eine Farm gesehen.“

„Ja, aber die hier ist stark. Er hat sogar zwei Hunde. Fred und Ethel.“

„Fred und …“ Sie musste lachen. „Die sollte ich mir ansehen.“

„Und vom Heuboden aus kann man bis in die Stadt sehen. Connor hat mir erzählt, dass ein Teil der Schlacht auf den Feldern ausgetragen wurde. Bestimmt liegen überall tote Soldaten herum.“

„Also das klingt wirklich verlockend.“

„Und ich dachte mir“, Bryan biss in den Apfel, „ich dachte mir, du würdest dir vielleicht auch die Kätzchen ansehen wollen.“

„Würde ich das?“

„Ja, klar. Connor meint, vielleicht will Shane welche weggeben, wenn sie stubenrein sind. Vielleicht möchtest du ja eins.“

Savannah deckte den Topf mit dem Hähnchenfleisch zu. „So?“

„Warum nicht? Ich meine, dann hättest du Gesellschaft, wenn ich in der Schule bin.“ Er strahlte sie an. „Damit du nicht mehr so einsam bist.“

Savannah lächelte. „Sehr geschickt, Bry. Wirklich raffiniert.“

„Also kriege ich eins?“, fragte er hoffnungsvoll.

Sie hätte ihm alles gegeben, nicht nur ein kleines Haustier. „Natürlich.“ Sie lachte glücklich, als er sich ihr in die Arme warf und sie drückte.

Nachdem sie gegessen, abgewaschen, auch die gefürchteten Hausaufgaben erledigt hatten und das Kind, das Savannahs Ein und Alles war, im Bett lag, setzte sie sich in die Hollywoodschaukel auf der vorderen Veranda und sah zum Wald hinüber.

Sie fand es schön, wie die Dunkelheit dort stets zuerst hereinbrach, als hätte der Wald das Recht, früher als der Rest der Natur schlafen zu gehen. Später hörte sie dann den Ruf einer Eule oder das leise Muhen von Shane MacKades Kühen. Manchmal, wenn der Abend sehr still war oder es geregnet hatte, drang das Plätschern des Bachs herüber.

Der Frühling war noch zu jung für das Aufflackern der Leuchtkäfer. Savannah freute sich auf sie und hoffte, dass Bryan nicht zu alt war, um ihnen nachzujagen. Sie wollte sehen, wie ihr Sohn durch seinen eigenen Garten rannte. In einer warmen Sommernacht, unter dem Sternenhimmel, wenn die Blumen blühten, die Luft nach ihnen duftete und der Wald sie wie ein dichter Vorhang von allem und jedem trennte.

Sie wollte, dass Bryan ein Kätzchen zum Spielen, gute Freunde und eine Kindheit voller schöner Erinnerungen hatte. Eine Kindheit, die all das war, was ihre nie gewesen war.

Sie stieß sich mit den Füßen ab, schaukelte sacht und lehnte sich zurück, um die vollkommene Stille des Abends zu genießen.

Sie hatte zehn lange, harte Jahre gebraucht, um hierher zu gelangen, auf diese Schaukel, auf diese Veranda, in dieses Haus. Sie bereute keinen Moment dieser zehn Jahre, nicht die Opfer und Schmerzen, nicht die Sorgen und Wagnisse. Denn würde sie etwas davon bereuen, so würde sie alles bereuen. Etwas davon zu bereuen hieße zu bereuen, dass sie Bryan bekommen hatte. Und das war undenkbar.

Sie hatte genau das erreicht, wonach sie gestrebt hatte, und sie hatte es sich verdient, gegen alle Widerstände. Sie befand sich genau dort, wo sie hatte sein wollen. Sie war die Frau, die sie sein wollte, und kein Gespenst aus der Vergangenheit würde ihr Glück trüben.

Wie konnte er es wagen, ihr sein Geld anzubieten, wenn sie doch nie etwas anderes als seine Liebe gewollt hatte?

Jim Morningstar war also tot. Ihr Vater hatte sein letztes Wildpferd geritten und seinen letzten Stier mit dem Lasso gefangen. Jetzt müsste sie eigentlich um ihn trauern und dankbar dafür sein, dass er am Ende seines Lebens an sie gedacht hatte. Und an das Enkelkind, das er nie gewollt und nicht einmal gesehen hatte.

Er hatte sich für seinen Stolz entschieden, gegen seine Tochter und das neue Leben, das in ihr heranwuchs. Und dann, nach all der Zeit, hatte er geglaubt, es mit siebentausend Dollar wieder gutmachen zu können.

Zur Hölle mit ihm, dachte Savannah müde und schloss die Augen. Selbst sieben Millionen hätten sie nicht vergessen lassen, und ihre Vergebung konnte er damit erst recht nicht erkaufen. Und kein noch so redegewandter Anwalt in einem eleganten Anzug würde sie jemals dazu bringen, ihre Meinung zu ändern. Jared MacKade konnte gemeinsam mit Jim Morningstar zur Hölle fahren.

Er hatte kein Recht, ihr Land zu betreten, als wäre er darauf zu Hause, in ihrer Küche Limonade zu trinken, von Bryans College-Studium zu reden und ihren Jungen anzulächeln, als wäre er sein Freund. Vor allem hatte er kein Recht, sie so anzusehen, wie er es getan hatte, und damit all die Empfindungen zu wecken, die sie bewusst verdrängt hatte.

Also ist mein Verlangen doch noch nicht abgestorben, dachte sie wehmütig. Manche Männer schienen förmlich dazu geschaffen zu sein, es in einer Frau hervorzurufen.

Sie wollte nicht an diesem schönen Frühlingsabend auf ihrer Veranda sitzen und daran denken, wie lange es her war, dass sie in den Armen eines Mannes gelegen hatte. Eigentlich wollte sie gar nicht mehr denken, aber er war einfach über den Rasen geschlendert und hatte ihre so mühsam errichtete Welt in den Grundfesten erschüttert.

Ihr Vater war tot, und sie selbst war sehr lebendig. An diesen beiden Tatsachen hatte der Rechtsanwalt MacKade bei seinem kurzen Besuch keinen Zweifel gelassen.

So gern sie auch die Augen davor verschlossen hätte, beides war nicht zu ändern, und sie musste sich damit abfinden. Irgendwann würde sie mit Jared reden müssen. Wenn sie nicht zu ihm ging, würde er wiederkommen, davon war sie überzeugt. Er war zäh und hartnäckig, das hatte sie gespürt, trotz des Maßanzuges und der Krawatte.

Sie musste sich entscheiden, was sie jetzt tun wollte. Und sie musste es Bryan erzählen. Er hatte ein Recht zu erfahren, dass sein Großvater tot war. Er hatte ein Recht, von dem Erbe zu erfahren. Aber heute Abend, nur heute Abend, wollte sie nicht mehr nachdenken, sich keine Sorgen mehr machen und keine Fragen mehr stellen.

Erst nach einer ganzen Weile wurde ihr bewusst, dass ihre Wangen feucht waren, dass ihre Schultern zitterten und ein Schluchzen in ihr aufstieg. Sie kauerte sich zusammen und legte den Kopf auf die Knie. „Oh, Daddy …“

2. Kapitel

Jared hatte nichts gegen Farmarbeit. Er hatte keine Lust, sich damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber er scheute sich nicht, hin und wieder ein paar Stunden mitzuarbeiten. Seit er sein Haus in der Stadt zum Verkauf angeboten hatte und wieder auf die Farm gezogen war, sprang er ein, wann immer seine Zeit es erlaubte. Es waren Tätigkeiten, die man nie verlernte und mühelos wieder aufnahm, wenn auch mit Muskelkater. Das Melken, das Füttern, das Pflügen, das Aussäen.

Mit einem verschwitzten T-Shirt und alten Jeans bekleidet, versorgte Jared das Milchvieh mit Heu. Die schwarzbunten Kühe drängten sich um den Futterplatz. Ihre runden Flanken rieben sich aneinander, während sie mit wedelnden Schwänzen die Fliegen verjagten. Ihr Geruch erinnerte Jared an seine Jugend, vor allem an seinen Vater.

Buck MacKade hatte sich stets gut um sein Vieh gekümmert und seinen Söhnen beigebracht, in den Tieren nicht nur eine Einnahmequelle zu sehen, sondern sich auch für sie verantwortlich zu fühlen. Für ihn war die Farm sein Leben gewesen, und Jared wusste, dass auch Shane mit Leib und Seele Farmer war. Er fragte sich, was sein Vater wohl davon gehalten hätte, dass sein ältester Sohn sich für den Beruf des Rechtsanwalts entschieden hatte.

Wahrscheinlich hätte es ihn erstaunt, dass sein Junge jetzt Anzüge und Krawatten trug, Schriftsätze verfertigte, einen Terminkalender führte und vor Gericht auftrat. Aber Jared hoffte, dass Buck MacKade stolz gewesen wäre. Nach einer langen Woche am Schreibtisch und im Gerichtssaal ist dies keine schlechte Art, den Samstag zu verbringen, dachte er.

Shane pfiff eine Melodie vor sich hin und trieb die Nachzügler von der Weide zum Futterplatz. Jared ging plötzlich auf, dass sein Bruder so aussah, wie ihr Vater ausgesehen hatte. Staubige Jeans, staubiges Hemd, locker an einem Körper, der Jahre harter Arbeit erkennen ließ, und Haare, denen ein Besuch beim Friseur nicht schaden würde.

„Was hältst du von unserer neuen Nachbarin?“, rief Jared.

„Wie?“

„Die neue Nachbarin – wie findest du sie?“, wiederholte Jared und zeigte mit dem Daumen auf das Morningstar-Land.

„Ach, du meinst die schönste Frau der Welt.“ Mit verträumtem Blick ging Shane zum Zaun. „Ich brauche einen Moment der Stille“, murmelte er und faltete die Hände auf dem Herzen.

Belustigt fuhr Jared sich mit den Fingern durchs Haar. „Sie ist eindrucksvoll.“

„Sie ist … Mir fehlen die Worte.“ Shane verpasste einer Kuh einen liebevollen Klaps auf die Flanke. „Ich habe sie erst einmal gesehen. Bin ihr und ihrem Jungen auf dem Weg zum Markt begegnet. Ich habe mich etwa zwei Minuten mit ihr unterhalten, und seitdem träume ich von ihr.“

„Wie findest du sie?“

„Absolut hinreißend.“

„Könntest du mal für eine Minute zur Vernunft kommen, Bruder?“

„Ich kann es versuchen.“ Shane half ihm, die Heuballen zu zerteilen. „Sie ist eine Frau, die allein zurechtkommt und nicht nach einem Mann sucht. Sie kann gut mit ihrem Sohn umgehen, das habe ich sofort bemerkt.“

„Ja, ich auch.“

„Wann?“, fragte Shane neugierig.

„Vor ein paar Tagen. Ich musste in einer rechtlichen Angelegenheit zu ihr.“

„So?“ Shane grinste. „Und jetzt bist du zur Verschwiegenheit verpflichtet, habe ich recht?“

„Ja.“ Jared holte den nächsten Ballen und zerschnitt das Band. „Was redet man so über sie?“

„Nicht viel. Wie ich gehört habe, war sie in der Gegend von Frederick und sah in der dortigen Zeitung die Anzeige für das Blockhaus. Kurz darauf kam sie hier an, kaufte das Land, meldete ihren Sohn in der Schule an und zog sich auf ihren Hügel zurück. Mrs. Metz platzt vor Neugier.“

„Das kann ich mir vorstellen. Wenn Mrs. Metz, die Superklatschtante, schon nichts über sie weiß, weiß niemand etwas.“

„Wenn du für sie etwas Rechtliches erledigst, müsstest du doch eigentlich etwas über sie erfahren können“, sagte Shane.

„Sie ist keine Mandantin“, erwiderte Jared und beließ es dabei. „Kommt der Junge oft her?“

„Hin und wieder. Zusammen mit Connor.“

„Erstaunlich, nicht wahr?“

„Ich freue mich, dass die beiden sich so gut verstehen. Bry redet unaufhörlich, fragt mir ...

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