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Der Abenteurer und die Lady

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1. KAPITEL

Blackwood Hall, 1816

Es galt als eine Art ungeschriebenes Gesetz: Wenn eine junge Dame zweiundzwanzig wurde, ohne dass ein einziger Gentleman auch nur die Möglichkeit in Erwägung gezogen hatte, sie zu heiraten, würde sie mit Sicherheit als alte Jungfer enden. Wenn sie allerdings erst einmal als alte Jungfer galt, dann gab es keine Rettung mehr. Sie wurde Gesellschafterin bei einer klapprigen Witwe und musste die restlichen Tage ihres Lebens zusammen mit dieser auf dem Land vertrödeln.

Die vornehme Gesellschaft betrachtete eine junge Dame, die mit zweiundzwanzig noch keine Aussichten hatte, mit größtem Misstrauen. Mit ihr konnte einfach etwas nicht stimmen. Wie hätte es sonst wohl sein können, dass eine junge Frau, die man bei Hofe und in der Gesellschaft ordentlich vorgestellt hatte, die zudem eine Mitgift erwarten konnte und auch über einigermaßen annehmbare Verbindungen verfügte, es nicht geschafft hatte, einen Gentleman für sich zu interessieren? Für so etwas gab es nur drei mögliche Erklärungen.

Sie sah unerträglich gewöhnlich aus.

Sie litt an einer schrecklichen Krankheit.

Oder ihre Aussichten waren von den skandalösen Machenschaften ihrer älteren Schwestern einige Jahre zuvor ruiniert worden. In diesem Fall war sie unwiederbringlich und völlig unten durch.

Miss Prudence Cabot vertrat diese dritte Möglichkeit in einem Gespräch, das nur wenige Tage nach ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag stattfand. Ihre skandalträchtigen älteren Schwestern, Mrs. Honor Easton und Grace Lady Merryton wiesen solche Vorwürfe jedoch entschieden zurück. Sie brachten lautstark Gegenargumente vor, wenn sie nicht gerade die Augen verdrehten oder sich sogar ganz weigerten, über dieses Thema zu sprechen. Die Stimmen der beiden wurden dabei so schrill, und sie veranstalteten ein solches Spektakel, dass Mercy, die jüngste der vier Cabot-Schwestern, sich gezwungen sah, nach ihnen zu pfeifen, als wären sie die unerzogenen Welpen, die sich um Lord Merrytons Stiefel balgten.

Aber ihre Schwestern konnten so lange auf sie einreden, wie sie wollten; Prudence war der festen Überzeugung, dass sie recht hatte. Seit dem Tag vor vier Jahren, als ihr Stiefvater gestorben war, hatten sich ihre Schwestern in ihrem zweifelhaften Verhalten gegenseitig überboten. Honor hatte in aller Öffentlichkeit und noch dazu in einem Spielsalon um die Hand eines stadtbekannten Draufgängers angehalten, der außerdem der Spross einer außerehelichen Verbindung eines Dukes war. Prudence verehrte George, aber das konnte den unweigerlich folgenden Skandal nicht verhindern, und der hatte dem guten Ruf der Cabots einen ersten empfindlichen Schlag versetzt.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte Grace als Nächstes versucht, einem reichen Erben eine Falle zu stellen, damit er sie heiraten musste und mit seinem Vermögen die Familie vor dem Ruin retten würde. Doch sie hatte es geschafft, den falschen Mann in die Falle zu locken. In ganz London war monatelang von nichts anderem geredet worden. Auch wenn Grace’ Ehemann, Lord Merryton, nicht so kalt war, wie Prudence immer von ihm hatte sagen hören, hatte die Tatsache, dass er jetzt zur Familie gehörte, Prudence’ Aussichten nicht unbedingt verbessert.

Hinzu kam, dass ihre jüngste Schwester Mercy von lebhaftem Charakter war und eine respektlose Art hatte, sodass die Familie ernsthaft darüber nachdachte, sie in ein Internat für höhere Töchter zu schicken, um den Wildfang in ihr zu zähmen.

Prudence hatte in diesem ganzen Schlamassel zwischen allen Stühlen gesessen, gefangen zwischen den Skandalen und dem ungebührlichen Verhalten ihrer drei Schwestern. Es war ermüdend, sie fühlte sich vernachlässigt und ausgenutzt, weil sie alles in allem wie unsichtbar zwischen ihren anderen Schwestern stand – und so ging das bereits ihr ganzes Leben lang.

Das ist nun also der Lohn, sagte sich Prudence, den ich von meinen guten Manieren habe. Sie versuchte, die vernünftige in diesem Rudel unvernünftiger Schwestern zu sein. Stets war sie sich ihrer Verantwortung bewusst, sie hatte ihren Musikunterricht ernst genommen und sich aufopfernd um ihre Mutter und ihren Stiefvater gekümmert, während ihre Schwestern die Gesellschaft unsicher gemacht hatten. Sie hatte alles genau so gehandhabt, wie man es von Debütantinnen erwartete; sie hatte nicht das kleinste bisschen Ärger erregt, und zum Dank dafür war sie jetzt diejenige, die keiner heiraten wollte!

Nun ja, Mercy war wahrscheinlich genauso unvermittelbar, aber das schien sie nicht besonders zu kümmern.

„Unvermittelbar ist in diesem Zusammenhang nicht das richtige Wort“, stellte Mercy fest und rückte ihre Brille zurecht, damit sie Prudence einen tadelnden Blick über deren Rand hinweg zuwerfen konnte.

„Außerdem ist es vollkommener Unsinn“, meinte Grace gereizt. „Warum sagst du so etwas überhaupt, Pru? Bist du wirklich so unglücklich hier in Blackwood Hall? Hat dir denn der Jahrmarkt, den wir für die Pächter veranstaltet haben, gar keinen Spaß gemacht?“

Ein Jahrmarkt! Als ob ein alberner Jahrmarkt ihr in ihrem verzweifelten Zustand helfen würde! Auf diese Bemerkung hin schlug Prudence so heftig in die Tasten des Klaviers, an dem sie gerade saß, dass der dreibeinige Hund, den Grace gerettet und zu sich genommen hatte, vor Schreck einen Sprung machte und auf die Seite purzelte. Prudence fing an, sehr laut das nächste Stück zu spielen, und das tat sie so geschickt, dass die Musik alles übertönte, was Grace oder Mercy noch hätten sagen können.

Nichts, was eine der beiden hinzuzufügen hatte, konnte ihre Meinung jetzt noch ändern.

Später in derselben Woche kam Honor, Prudence’ älteste Schwester, mit ihren drei Kindern und George, ihrem eleganten Ehemann, aus London. Als Honor von den Unstimmigkeiten zwischen den Schwestern hörte, versuchte sie, Prudence davon zu überzeugen, dass noch nicht alles verloren war, auch wenn ihr bisher niemand einen Heiratsantrag gemacht hatte. Vor allem bestand Honor mit großer Entschiedenheit und Überzeugung darauf, dass ihr Verhalten und das ihrer Schwester nicht das Geringste mit Prudence’ Situation zu tun hatte. Dann erinnerte Honor sie auch noch daran, dass Mercy entgegen allen Erwartungen an der berühmten Lisson Grove Kunstakademie aufgenommen worden war, um dort die Alten Meister zu studieren.

„Aber natürlich haben sie mich aufgenommen. Ich bin ziemlich begabt“, stellte Mercy selbstbewusst fest.

„Lord Merryton musste dafür eine ganz hübsche Summe hinblättern, nicht wahr?“ Prudence rümpfte die Nase über den Hochmut ihrer Schwester.

„Nun ja“, musste Grace zugeben. „Aber wenn wir wirklich alle einen so skandalösen Ruf hätten, wie du behauptest, hätten sie sie trotzdem abgelehnt.“

„Sie hätten sich geweigert, Geld von Merryton zu nehmen?“ Prudence lachte spöttisch auf. „Um Gottes willen, es soll sie ja niemand heiraten.“

„Ich muss doch sehr bitten! Willst du etwa damit sagen, dass mein Talent überhaupt keine Rolle gespielt hat?“, wollte Mercy wissen.

„Schluss jetzt!“, befahlen Grace und Prudence wie aus einem Mund. Gekränkt schob Mercy die Brille auf ihrer Nase hoch und stapfte zur Tür hinaus. Ihr über und über mit Farbklecksen übersäter Kittel wehte hinter ihr her.

Doch Grace und Honor achteten kaum auf sie.

Dieser Streit setzte sich noch mehrere Tage lang fort, Prudence war schließlich ganz verzweifelt. „Liebes, du musst einfach daran glauben, dass du einen Antrag bekommst, und wenn es erst so weit ist, dann wunderst du dich nur noch über dich selbst und darüber, dass du wegen irgendwelcher Hirngespinste einen solchen Aufstand gemacht hast“, meinte Honor ein wenig herablassend, als die Schwestern ein paar Tage später beim Frühstück saßen.

„Honor?“, fragte Prudence in ausgesprochen höflichem Ton. „Ich bitte dich inständig – nein, Verzeihung: Ich flehe dich an, jetzt kein Wort mehr zu sagen.“

Honor schnappte nach Luft. Dann stand sie abrupt auf und stürmte derartig erregt und mit solcher Hast an ihr vorbei, dass sie etwas unsanft an Prudence’ Schulter stieß.

„Autsch“, machte Prudence.

„Honor meint es doch nur gut, Pru“, mahnte Grace. „Sie will dir helfen.“

„Ich will wesentlich mehr als das“, sagte Honor streng, die sich jetzt umgedreht hatte und zum Angriff überging. Es sah ihr absolut nicht ähnlich, klein beigebend das Schlachtfeld zu verlassen, wenn ein Streit im Gange war. „Ich bestehe darauf, dass du endlich aufhörst, Trübsal zu blasen, Pru! Es schickt sich nicht und ist außerdem mehr als lästig.“

„Ich blase kein Trübsal“, wehrte sich Prudence.

„Doch, das tust du! Du bist ständig schlecht gelaunt“, maulte Mercy.

„Und launisch“, fügte Grace hinzu.

„Ich sage dir das nur, weil ich deine Schwester bin und dich liebe, Schatz.“ Honor stützte sich auf den Tisch, damit sie Prudence in die Augen sehen konnte. „Du bist wirklich eine Plage!“ Doch sie lächelte dabei und richtete sich sofort wieder auf. „Zufällig habe ich einen Brief von Mrs. Bulworth bekommen; sie fragt, ob du sie besuchen und ihr Baby sehen möchtest. Fahr zu ihr! Sie wird ganz aus dem Häuschen sein vor Freude, und ich glaube, dass die Landluft dir auch nicht gerade schadet.“

Anstelle einer Antwort schnaubte Prudence nur verächtlich angesichts dieses lächerlichen Vorschlags. „Und weshalb, bitte schön, sollte mir Landluft guttun, wenn ich mich bereits auf dem Land befinde?“

„Im Norden ist die Luft doch ganz anders“, versuchte Honor die Sache zu retten. Grace und Mercy nickten mit eiserner Entschlossenheit, um der Schwester recht zu geben.

Prudence hätte ihnen nur zu gern erklärt, dass es das Letzte war, was sie tun wollte: ihre Freundin Cassandra Bulworth zu besuchen, die gerade ihr erstes Kind bekommen hatte. Wenn sie mit ansehen musste, wie glücklich ihre Freundin war, würde Prudence über ihre eigene Lage nur noch unglücklicher sein. „Warum schickt ihr nicht Mercy hin?“

„Mich?“, rief Mercy. „Das geht nicht! Ich habe nur noch ganz wenig Zeit, um mich auf das Studium vorzubereiten. Ich muss mein Stillleben noch fertig malen, das weißt du doch genau. Jeder Schüler an der Akademie muss eine vollständige Mappe haben, und ich habe noch immer kein Stillleben.“

„Und was ist mit Mama?“, wollte Prudence wissen, ohne auf Mercys Widerstand einzugehen. Es war wohl nicht von der Hand zu weisen, dass die Krankheit ihrer Mutter ständige Aufsicht erforderlich machte.

„Ihre Zofe Hannah kümmert sich um sie, und dann haben wir auch noch Mrs. Pettigrew aus dem Dorf“, erinnerte Grace. „Und Mercy ist auch noch da.“

„Ich! Ausgerechnet ich!“, rief Mercy erbost aus. „Ich habe doch gerade gesagt …“

„Ja, ja, wir wissen alles über die Vorbereitungen für die Akademie, an der du unbedingt studieren willst, Mercy. Ganz im Ernst, du führst dich auf, als wärst du der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der jemals eine Akademie besucht. Aber bis du anfängst, hast du noch über einen Monat Zeit; warum solltest du also nicht zumindest ein kleines bisschen Verantwortung für die Familie übernehmen?“, mahnte Grace. Dann wandte sie sich mit einem warmen Lächeln an Prudence. „Pru, wir wollen doch nur dein Bestes. Das ist dir doch wohl hoffentlich klar, oder nicht?“

„Ich glaube dir kein Wort!“, schnappte Prudence. „Und zufällig finde ich euch alle sehr lästig.“

Honor verschränkte erfreut die Hände vor der Brust. „Soll das heißen, dass du fährst?“

„Vielleicht mache ich das wirklich“, schnaubte Prudence. „Wenn ich noch länger in Blackwood Hall bleibe, werde ich vermutlich genauso verrückt wie Mama.“

„Oh, das sind ja fabelhafte Neuigkeiten!“, freute sich Grace.

„Du brauchst jetzt nicht gleich in überschäumende Begeisterung auszubrechen“, sagte Prudence geziert.

„Aber wir freuen uns doch so darüber!“, quietschte Honor. „Ich meine, wir freuen uns doch so für dich“, verbesserte sie sich schnell und eilte um den Tisch herum, um Prudence an sich zu drücken. „Ich glaube, deine Laune wird sich schlagartig verbessern, wenn du endlich hinaus in die Welt gehst, Liebes.“

Das konnte Prudence sich beim besten Willen nicht vorstellen. Hinaus in die Welt, das klang unheilverkündend. Glückliche Menschen, glückliche Freundinnen, alle dabei, ein neues Leben zu beginnen, wie Prudence es sich immer für sich selbst auch vorgestellt hatte. Bei diesem Gedanken wurde sie ganz traurig. Neid stieg in ihr auf, und sie konnte ihn nicht unterdrücken, ganz gleich, wie gern sie das getan hätte und wie viel Mühe sie sich gab. Und was noch viel schlimmer war, was sie als zutiefst demütigend empfand, war, dass ihre Eifersucht auf jeden, der glücklich zu sein schien, derart offensichtlich war. In letzter Zeit kam es ihr so vor, als ob sogar der Sonnenschein keinen anderen Zweck hatte, als sie zu verspotten, indem er sie an ihre verzweifelte Lage erinnerte.

Gerade als Mercy ansetzen wollte, sich darüber zu beschweren, dass sich alle um Prudence kümmerten, wo sie selbst doch ihre Zuwendung und Fürsorge viel dringender brauchte, beschloss Prudence, dass sie auf Besuch zu Mrs. Bulworth fahren würde. Zumindest musste sie dann nicht mehr Tag für Tag das fröhliche Geplapper ihrer Schwestern ertragen.

Grace kümmerte sich um die Reisevorbereitungen, und eines Nachmittags kündigte sie in großem Stil an, dass Prudence zusammen mit Dr. Linford und seiner Frau Richtung Norden aufbrechen würde, wenn diese sich auf den Weg machten, um Dr. Linfords Mutter zu besuchen. Die Linfords würden Prudence dann in dem kleinen Städtchen Himple absetzen, und Mr. Bulworth würde seinen Kammerdiener schicken, um sie abzuholen und sie auf das gerade fertiggestellte Anwesen der Familie zu bringen. Dort würde Cassandra Bulworth mit dem Baby auf sie warten. Sie war im gleichen Jahr wie Prudence in die Gesellschaft eingeführt worden, doch anders als sie hatte sie noch während ihrer ersten Saison mehrere Heiratsanträge erhalten.

„Aber Linfords Kutsche ist doch viel zu klein“, wandte Mercy ein und runzelte die Stirn, sodass ihre Brille auf ihrer Nase nach unten rutschte. Sie saß vor ihrer neuen Staffelei und skizzierte eine Obstschale für ihr Gemälde. Sie hatte den anderen vorher erklärt, dass die Alten Meister genauso vorgegangen waren. Zuerst machten sie Skizzen, und danach fingen sie mit dem eigentlichen Gemälde an. „Prudence wird dazu gezwungen sein, stundenlang Konversation zu betreiben“, sagte sie geistesabwesend, während sie ihre Skizze betrachtete.

„Und was ist so schlimm an einer Unterhaltung?“, wollte Honor wissen, die gerade dabei war, ihrer Tochter Edith Zöpfe zu flechten.

„Gar nichts, wenn du dich sehr für das Wetter interessierst, denn Dr. Linford redet über nichts anderes. ‚Es ist ein schöner Tag‘ und so weiter und so weiter. Aber Pru interessiert sich kein bisschen für das Wetter, oder, Pru?“

Prudence zuckte mit den Schultern. Sie interessierte sich generell nicht für besonders viel.

Am Tag ihrer Abreise brachte man ihren großen Koffer und ihre Reisetasche zur Kutsche hinunter, die sie nach Ashton Down bringen würde, wo Prudence um ein Uhr die Linfords treffen sollte. Sie hatte nur das Nötigste in ihre Reisetasche gepackt: ein paar Haarbänder, ein seidenes Unterhemd, das Honor ihr aus London von der Schneiderin mitgebracht hatte, von der sie ununterbrochen schwärmte, ein paar hübsche Schuhe und Kleider zum Wechseln. Sie verabschiedete sich von ihren ungewöhnlich fröhlichen Schwestern und machte sich um Viertel vor zwölf auf den Weg.

Der Kutscher von Blackwood Hall war zuverlässig wie immer, und so erreichte sie Ashton Down um zehn nach zwölf.

„Sie müssen nicht mit mir zusammen hier warten, James“, sagte Prudence, die jetzt schon erschöpft war. „Die Linfords werden sicher gleich hier sein.“

Der Kutscher zögerte. „Lord Merryton hat etwas dagegen, dass die Damen allein warten müssen, Miss.“

Aus irgendeinem Grund ereiferte sich Prudence über diese Bemerkung. „Sie können Seiner Lordschaft ja ausrichten, dass ich darauf bestanden habe“, zischte sie. „Wenn Sie bitte meine Sachen gleich hier abstellen würden“, fügte sie noch hinzu und zeigte, ohne genau hinzusehen, auf den Bürgersteig neben der High Street. Sie schenkte James ein Lächeln, rückte ihre Haube zurecht und machte sich auf den Weg die Straße hinauf zu einem Lebensmittel- und Gemischtwarenladen, um sich mit Süßigkeiten für die Reise einzudecken. Nachdem sie ihre Einkäufe erledigt hatte, verließ sie das Geschäft. Sie sah, dass ihr Gepäck wie verlangt auf dem Bürgersteig stand und die Kutsche von Blackwood Hall verschwunden war. Endlich!

Prudence hielt das Gesicht in die Sonne. Es war ein warmer, schöner Spätsommertag, deshalb beschloss sie, in dem kleinen Park gleich gegenüber von der Stelle zu warten, an der ihr Gepäck abgeladen worden war. Sie ließ sich auf einer Bank nieder, faltete die Hände über dem Päckchen mit den Süßigkeiten und betrachtete gedankenverloren die Blüten einiger Pflanzen in einem Kübel, der direkt neben ihr stand. Sie waren dabei, zu verblühen … Genau wie sie.

Prudence seufzte laut.

Als sie hörte, dass sich eine Kutsche näherte, erhob sie sich. Sie richtete sich auf, strich ihre Röcke glatt und steckte sich das Päckchen unter den Arm, dann sah sie die Straße hinunter in die Richtung, aus der sie die Kutsche der Linfords erwartete.

Aber es waren noch nicht die Linfords, sondern eine der beiden Postkutschen, die täglich nach Asthon Down kamen, die eine mittags und die andere später am Nachmittag.

Prudence ließ sich wieder auf die Bank fallen.

Auf der Straße vor ihr kam die Kutsche zum Stehen. Zwei Männer sprangen vom hinteren Tritt; einer von ihnen öffnete den Schlag. Ein junges Pärchen trat auf die Straße, die Frau hielt ein Kleinkind im Arm. Direkt hinter ihnen stieg ein Mann aus, der so breitschultrig war, dass er sich zur Seite drehen musste, um durch die Türöffnung zu passen. Er machte einen Satz ins Freie, landete sicher auf beiden Füßen und rückte dann seinen Hut zurecht. Er sah aus, als ob er gerade von den Ausgrabungsarbeiten an einer griechischen Ruine zurückgekehrt wäre; er trug Wildlederhosen, ein offenes Hemd und einen dunklen Mantel, der ihm bis zum Knie reichte. Sein Hut war offensichtlich von guter Qualität, wirkte allerdings etwas abgenutzt. Seine Stiefel machten den Anschein, als hätte sie seit Ewigkeiten keiner geputzt. Auf seinem markanten Kinn zeichnete sich deutlich ein Bartschatten ab.

Der Fremde sah sich langsam auf der Straße um, ohne auf die beiden jungen Männer zu achten, die sich beeilten, die Pferde zu wechseln und das Gepäck auszuladen. Der Passagier hatte offensichtlich etwas entdeckt, das ihn veranlasste, ans vordere Ende der Droschke zu treten und einen lautstarken Streit mit dem Kutscher anzufangen.

Prudence blinzelte verwirrt. Das war ja höchst interessant! Sie reckte sich und sah sich um, dabei fragte sie sich, was den Gentleman wohl so verärgert haben konnte. Weder in dem kleinen Park noch auf der High Street war irgendetwas Ungewöhnliches zu entdecken. Neugierig erhob sie sich so unauffällig wie möglich und schlenderte scheinbar ziellos auf die Postkutsche zu, während sie so tat, als würde sie die Blüten in den Beeten neben der Straße genauer betrachten. Sie wollte unbedingt hören, worüber sich der Fremde beschwerte.

„Wie ich bereits gesagt habe, Sir, Wesleigh befindet sich gleich diese Straße hinauf, es ist ein Fußweg von höchstens einer halben Stunde.“

„Aber Sie wollen nicht verstehen, worum es mir geht, guter Mann“, beschwerte sich der Gentleman, und sein Akzent verriet, dass er nicht aus England stammen konnte. „Wesleigh ist ein Haus. Keine Ortschaft. Man hat mir gesagt, dass man mich zu einem Anwesen bringen wird. Ein Anwesen! Das ist ein großes Haus mit Nebengebäuden und Leuten, die herumlaufen und das tun, was immer man in England eben so tut“, rief er aus und zeichnete dabei mit den Händen die Umrisse eines Hauses in die Luft.

Der Kutscher zuckte mit den Schultern. „Ich fahre so weit, wie man mich bezahlt, und ich habe kein Geld dafür erhalten, um nach Wesleigh zu fahren. Außerdem gibt’s da weit und breit kein vornehmes Haus.“

„Das ist unmöglich!“, tobte der Gentleman jetzt. „Ich habe genug dafür bezahlt, dass man mich verdammt noch mal an den richtigen Ort bringt!“

Der Kutscher antwortete nicht.

Der Fremde riss sich den Hut vom Kopf und warf ihn schwungvoll auf den Boden. Ein voller brauner Haarschopf kam zum Vorschein. Der Hut rollte ein Stück weiter und landete direkt vor Prudence’ Füßen. Der Mann sah sich nach seinem Hut um, und als er Prudence erblickte, kam er mit großen Schritten auf sie zu und hielt ihr ein Blatt Papier hin.

Prudence bekam es mit der Angst zu tun. Sie sah sich nach einem Fluchtweg um, aber er kam ihr zuvor. „Nein, nein, bleiben Sie bitte stehen, ich flehe Sie an!“, bat er. „Jemand muss an meiner Stelle mit diesem Kutscher reden und ihm erklären, dass er mich in Wesleigh abzuliefern hat!“

„Wesleigh?“, fragte Prudence. „Nicht vielleicht Weslay?“

Der Mann hielt mitten in der Bewegung inne. Er starrte sie an. Seine Augen hatten die Farbe von Goldtopas, und plötzlich verengte sich sein Blick, so als ob er den Verdacht hätte, dass sie ihn hereinlegen wollte. Zögernd machte er einen Schritt auf sie zu, das Blatt Papier trug er dabei immer noch in Händen. „Wenn Sie wohl so freundlich wären?“, fragte er mit zusammengebissenen Zähnen und hielt ihr das Papier vor die Nase.

Prudence nahm ihm das Blatt vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger ab. Jemand hatte darauf geschrieben oder eher gekritzelt, in lang gezogenen, ausladenden Buchstaben: West Lee, Penfors.

„Hmm“, machte sie und betrachtete das Gekrakel mit zusammengezogenen Brauen. „Ich möchte annehmen, dass damit Viscount Penfors gemeint ist.“ Sie sah zu dem Fremden auf, der sie finster anschaute. Sie konnte förmlich spüren, welche Macht von seinem Blick ausging und sich in ihren Adern verströmte. „Der Landsitz von Lord Penfors ist Howston Hall und liegt direkt außerhalb von Weslay.“

„Ja, genau das habe ich doch aufgeschrieben.“ Er zeigte auf das Blatt Papier.

„Aber hier steht West Lee.“

„Genau wie Sie gesagt haben.“

„Verzeihung, Sir, aber ich sagte Weslay. Von West Lee habe ich noch nie etwas gehört“, verbesserte sie ihn und versuchte dabei, durch eine besonders sorgfältige Aussprache die Unterschiede zwischen den Ortsbezeichnungen deutlich zu machen. „Und es hat ganz den Anschein, als seien Sie irrtümlicherweise in Wesleigh angekommen.“

Die Miene des Fremden verfinsterte sich noch mehr, und Prudence konnte es sich nicht verkneifen, sich vorzustellen, wie er gleich explodieren und in kleinen Stücken durch die Luft geschleudert werden würde. „Ich bitte vielmals um Verzeihung, Miss, aber was Sie sagen, ergibt keinen Sinn“, erwiderte er angespannt. Er griff genau wie sie eben mit Daumen und Zeigefinger nach dem Blatt Papier. „Sie haben jetzt dreimal hintereinander West Lee gesagt, und ich will gar nicht wissen, ob Sie sich einen Scherz mit mir erlauben oder ob Sie etwas ganz anderes vorhaben.“

„Ich versuche keineswegs, mir einen Scherz mit Ihnen zu erlauben“, entgegnete sie; allein der Gedanke erschreckte sie schon.

„Dann muss wohl etwas anderes dahinterstecken.“

„Etwas anderes?“ Was meinte er damit bloß? Prudence konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich versichere Ihnen, dass ich zu keiner Verschwörung gehöre, die Sie von Weslay fernhalten will, Sir.“

Seine Stirnfalten vertieften sich. „Ich freue mich, wenn ich zu Ihrer Unterhaltung beitragen konnte, Miss, aber wären Sie jetzt wohl so gut, mir zu zeigen, in welcher Richtung ich zumindest eins dieser West Lees erreichen kann und, wenn es geht, auch diesen verfluchten Penfors; ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar dafür.“

„Oh.“ Sie zuckte zusammen.

„Oh?“, wiederholte er und beugte sich vor. „Was soll denn ‚Oh‘ in diesem Zusammenhang bedeuten? Warum sehen Sie mich an, als wäre Ihnen einer meiner Hunde ausgebüxt?“

„Sie sind in die falsche Richtung gefahren.“

„Das habe ich auch schon festgestellt“, brummte er.

„Wesleigh liegt direkt hier die Straße hinunter, es ist ein kleines Dorf mit vielleicht fünf Höfen. Weslay jedoch liegt im Norden.“ Sie zeigte in die Richtung, aus der die Postkutsche gerade gekommen war.

Sein Gesicht verfinsterte sich erneut. „Und wie weit ist es von hier aus?“, brachte er hervor, dabei wurde seine Stimme gefährlich leise.

„Ich weiß es nicht ganz genau, aber ich schätze … etwa zwei Tagesreisen?“

Der fremde Gentleman biss die Zähne zusammen. Er war groß und stark, und Prudence überlegte kurz, dass die Erde unter ihm beben dürfte, wenn er richtig wütend wurde. „Aber dort finden Sie wirklich diesen verfluchten Penfors“, fügte sie hastig hinzu und versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. Es war wirklich zu absurd, einen Viscount als verflucht zu bezeichnen!

„Nach Norden?“, brüllte er und breitete dabei die Arme aus.

Prudence machte sicherheitshalber einen Schritt zurück und nickte.

Der Mann stemmte die Hände in die Seiten und starrte sie zornig an. Doch dann drehte er sich plötzlich um. Sie ging davon aus, dass er sich abwenden wollte, aber er drehte sich weiter um, bis er sich einmal um die eigene Achse gedreht hatte und sie wieder direkt ansehen konnte. Jetzt presste er die Lippen noch fester zusammen. „Wenn ich fragen darf“, seine Stimme klang wieder sehr angespannt, „haben Sie eine Ahnung, wie ich dieses West Lee erreichen kann, das zwei Tagesreisen von hier entfernt liegen soll?“

„Es heißt nicht West …“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie könnten die Postkutsche Richtung Norden nehmen. Sie fährt zweimal am Tag in Ashton Down vorbei. Die erste ist sicher gleich hier.“

„Ich verstehe“, meinte er, aber es war offensichtlich, dass er nicht ein einziges Wort verstanden hatte.

„Sie können auch eine Fahrt mit der Königlichen Postkutsche buchen, doch das ist etwas teurer. Und sie fährt nur einmal am Tag.“

Er sah sie misstrauisch an. „Und mit jeder Kutsche dauert die Reise zwei Tage?“

Prudence nickte, dann lächelte sie ihn mitfühlend an. Sie konnte sich auch etwas Schöneres vorstellen, als zwei Tage in einer engen Postkutsche zu verbringen. „Ich fürchte, ja.“

Er fuhr sich mit den Fingern durch die dunklen Haare und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, auf das sie sich keinen Reim machen konnte, aber es klang so, als ob sie es auch lieber nicht hören wollte.

„Und wo kann ich die Fahrt buchen?“, fragte er barsch.

Sie sah an ihm vorbei – das heißt, sie lehnte sich nach rechts, um an seiner breiten Brust vorbeispähen zu können – zur Postkutschenstation hinüber. „Ich zeige es Ihnen, wenn Sie wollen.“

„Das“, sagte er mit fester Stimme, „wäre wirklich sehr hilfreich.“ Er bückte sich, hob seinen Hut auf und klopfte an seinem Knie den Staub ab, dann setzte er ihn wieder auf den Kopf. Er musterte Prudence von oben bis unten, ehe er sie mit einer ausholenden Armbewegung bat voranzugehen.

Prudence überquerte die Straße und hielt einen Augenblick inne, während der Gentleman den Kutscher anwies, seinen großen Koffer und den Rest seines Gepäcks zu den anderen Gepäckstücken zu stellen, die darauf warteten, in die Kutsche in Richtung Norden verladen zu werden. Wehmütig sah er der Kutsche hinterher, als sie in Richtung Süden abfuhr, dann drehte er sich zu Prudence um und folgte ihr in den Innenhof des Gasthauses. Sie ging durch eine Doppeltür, die aus der Schankstube in ein kleines Büro führte. Es war sehr eng hier, und man musste den Kopf einziehen, wenn man hineinwollte. Die Decke war unangenehm niedrig, und in der Luft hing der Gestank von Pferdemist, denn das Büro lag direkt zwischen den Ställen und der Schankstube.

Der Fremde war bestimmt einen Meter neunzig groß und musste sich tief bücken, um einzutreten. Als er sich im Raum aufrichtete, stieß er beinahe mit dem Kopf an die Deckenbalken. Er wischte ein paar Spinnweben beiseite und grummelte unzufrieden vor sich hin.

„Ja bitte, Sir?“, erkundigte sich der Angestellte, der hinter dem niedrigen Tresen stand.

Der Gentleman machte einen Schritt auf ihn zu. „Ich würde gern eine Fahrt nach West Lee buchen“, erwiderte er.

„Weslay“, murmelte Prudence.

Der Gentleman seufzte hörbar. „Wie sie gesagt hat.“

„Macht drei Pfund“, meinte der Angestellte.

Der Gentleman holte seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und öffnete ihn. Er suchte in den Münzen herum und sah sich jede einzeln an, bevor er sie hervorholte. Prudence ging auf ihn zu, beugte sich vor und zeigte auf drei Münzen.

„Ach ja.“ Er händigte sie dem Angestellten aus, der ihm im Gegenzug eine Fahrkarte übergab.

„Der Kutscher bekommt eine Crown und die Wache eine halbe“, erklärte der Angestellte.

„Wie bitte?“, fragte der Gentleman. „Ich habe Ihnen doch eben drei Pfund gegeben.“

Der Angestellte steckte die Münzen in eine Tasche in seiner Schürze. „Das ist für die Fahrt. Der Kutscher und die Wache werden von den Passagieren bezahlt.“

„Das scheint mir ein mieses Geschäft zu sein.“

Der Angestellte zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie lieber nicht nach Weslay fahren möchten …“

„Schon gut, schon gut“, wiegelte der Gentleman ab. Er sah sich sein Ticket an und seufzte noch einmal. Er forderte Prudence mit einer Handbewegung auf, ihm voraus nach draußen zu gehen, ehe er sich selbst durch die Tür und in die Schankstube schob und sie schließlich in den Innenhof traten.

Dort blieben sie stehen. Zum ersten Mal, seit Prudence ihn gesehen hatte, lächelte er. Dabei blitzte ein kleiner Funken Verlangen in ihr auf. Er wirkte jetzt wesentlich weniger beunruhigt, und wenn sie ehrlich war, war er ein ausgesprochen erfreulicher Anblick, sobald er lächelte. Es war ein offenes Lächeln. Es lag kein Falsch darin. Es war ein aufrichtiges, glühendes Lächeln …

„Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe, Miss …?“

„Cabot“, antwortete sie. „Miss Prudence Cabot.“

„Miss Cabot“, wiederholte er und neigte leicht den Kopf. „Mr. Roan Matheson“, fügte er hinzu und streckte die Hand aus.

Prudence blickte unsicher auf seine Hand.

So wie er. „Was ist los? Habe ich Schmutz an meinem Handschuh? Bestimmt, ich bitte vielmals um Verzeihung, aber ich habe eine sehr lange Reise hinter mir, und es hat mich niemand begleitet, der meine Wäsche gepflegt hätte.“

„Nein, das ist es nicht“, erwiderte sie und schüttelte den Kopf, auch wenn sich ihre Gedanken überschlugen, woher er warum gekommen sein mochte.

„Ach so, jetzt verstehe ich.“ Er streifte den Handschuh ab und streckte ihr wieder die Hand hin. Er hatte auffallend große und starke Hände. Seine Finger waren lang und kräftig, und seine Knöchel waren voller kleiner Narben. Diese Hände scheuten nicht die harte Arbeit. „Meine Hand ist nun wirklich sauber“, meinte er ungeduldig.

„Wie bitte? Ach, es ist nur so, dass es eher ungewöhnlich ist.“

„Meine Hand?“, fragte er neugierig und hielt sie sich vor das Gesicht, um sie genauer zu betrachten.

„Nein, nein.“ Sie verhielt sich ihm gegenüber ziemlich unhöflich. Prudence sah zu ihm auf in seine außergewöhnlichen topasfarbenen Augen. Dann fiel ihr Blick auf sein dunkelbraunes Haar, in dem hellere Strähnen in der Sonne aufleuchteten. Es war länger, als es im Augenblick Mode war, und er hatte es nachlässig hinter die Ohren gestrichen. Es wirkte faszinierend und fremdartig zugleich. Er wirkte faszinierend und fremdartig und … sehr maskulin. Ja, das traf es genau. Er sah aus, als könne er Berge versetzen, wenn ihm danach war. Prudence bemerkte, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug. „Es ist ungewöhnlich, dass Sie mir Ihre Hand anbieten, um sie …“, sie schwieg einen Augenblick lang unsicher, „zu schütteln?“

„Natürlich habe ich meine Hand ausgestreckt, damit Sie sie schütteln“, sagte er in einem Tonfall, als ob er das Ganze lächerlich fände. „Warum sonst sollte man wohl jemandem die Hand hinhalten, Miss Cabot? Um Hände zu schütteln. Als Geste der Freundlichkeit oder zur Begrüßung …“

Sie gab sich einen Ruck und griff nach seiner Hand, dabei fiel ihr auf, wie klein ihre Hände im Vergleich zu seinen waren.

Er legte den Kopf schief. „Haben Sie etwa Angst vor mir?“

„Was? Nein!“, rief sie, sie war ganz verwirrt. Vielleicht hatte sie wirklich ein winziges bisschen Angst vor ihm. Oder vielmehr vor den kleinen Lichtblitzen, die sie zu durchzucken schienen, wenn er sie ansah – so wie jetzt. Sie legte ihre Finger in seine. Sein Händedruck verstärkte sich. „Oh“, machte sie.

„Zu fest?“, fragte er.

„Nein, ganz und gar nicht“, reagierte sie schnell. Ihr gefiel es, wie sich seine Hand anfühlte, wenn sie sich um ihre schloss, und für einen Augenblick stellte sie sich vor, wie es sich wohl anfühlen mochte, wenn er seine Hand um eine ganz andere Stelle ihres Körpers legte. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung, aber diese Sitte ist mir fremd. Bei uns schütteln Herren anderen Herren die Hand, aber nicht den Damen.“

„Aha“, unsicher zog er seine Hand zurück. Dabei blickte er sie verwirrt an. „Aber … was für eine Begrüßung wird denn erwartet, wenn man eine Frau trifft?“

„Die Herren verneigen sich“, erklärte Prudence und machte es ihm vor. „Und die Damen knicksen.“ Sie knickste, um ihm klarzumachen, was sie meinte.

Er stöhnte, während er seine Handschuhe wieder überstreifte. „Darf ich aufrichtig Ihnen gegenüber sein, Miss Cabot?“

„Bitte.“

„Ich bin in einer dringenden Angelegenheit von Amerika nach England gekommen – ich muss meine Schwester, die hier die berühmte Gastfreundschaft genießt, abholen und nach Hause begleiten. Aber ich finde dieses Land sehr verwirrend. Ich hoffe inständig …“ Plötzlich drehte er den Kopf, das Rumpeln einer ins Dorf einfahrenden Droschke lenkte ihn ab. Es war die Postkutsche in Richtung Norden, und sie kam direkt vor dem Innenhof zum Stehen. Zwei auf dem Dach der Kutsche sitzende Männer sprangen herab; zwei weitere junge Männer kletterten vom Kutschbock. Ein anderer Mann stand auf dem Fußgängerweg und fing die Gepäckstücke auf, die einer der Kutscherburschen ihm zuwarf.

Das Gefährt schien schon ziemlich voll zu sein, und Prudence fühlte Mitleid mit Mr. Matheson in sich aufkeimen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie dieser stattliche Mann in einer solchen Enge zurechtkommen sollte.

„Nun gut, dann geht es jetzt also los“, stellte er fest und ging, ohne zu zögern, auf die Kutsche zu. Nach wenigen Schritten blieb er stehen und sah über die Schulter hinweg zu Prudence. „Kommen Sie nicht mit?“

Prudence war verwirrt. Dann wurde ihr klar, dass er geglaubt haben musste, dass sie ebenfalls auf die Postkutsche wartete. Sie öffnete den Mund und wollte ihm gerade erklären, dass sie in einer privaten Kutsche reisen würde, aber noch ehe sie es ausgesprochen hatte, überkam sie ein warmer, wohliger Schauer. Es fühlte sich samtig an und dunkel und gefährlich und unwiderstehlich … so unwiderstehlich.

Das konnte sie nicht tun. Auf keinen Fall.

Aber warum eigentlich nicht? Sie stellte sich vor, wie sie in einer Kutsche mit den Linfords saß und dabei über nichts anderes als das Wetter reden würde. Dann malte sie sich aus, wie sie in der Postkutsche reiste – was sie noch nie getan hatte. Und dazu noch zusammen mit Mr. Matheson. Irgendetwas an diesem Gedanken reizte sie ungeheuer, und so aufgeregt wie jetzt war sie schon seit langer, langer Zeit nicht mehr gewesen. Er war so maskulin, und ihr Herz klopfte wie wild, wenn sie daran dachte, ein paar Stunden gemeinsam auf engem Raum mit ihm zu verbringen. „Ach …“ Sie blickte zurück zum Gasthaus, während sie innerlich hin und her überlegte. Es wäre völlig verrückt, wenn sie es täte, wenn sie mit ihm einfach in eine Postkutsche steigen würde! Aber war genau das nicht so viel interessanter, als sich mit den Linfords zu langweilen? Sie hatte genug Geld in der Tasche, und sie hatte ihr Gepäck bei sich. Sie wusste, wie sie zu Cassandra Bulworth kommen würde. Was also sollte sie daran hindern? Die Regeln des Anstands? Um Himmels willen! Genau diese Anstandsregeln hatten sie all die Jahre eingeengt und verdammten sie letztlich dazu, sich auf ein Leben als alte Jungfer gefasst machen zu müssen.

Sie warf Mr. Matheson einen Blick zu. Oh ja, er war sehr attraktiv, wenn auch auf eine wilde, amerikanische Art. Sie hatte zwar noch nie einen Amerikaner kennengelernt, aber sie hatte sie sich immer genau so vorgestellt: rebellisch und stark genug, um sich durchzusetzen, ohne sich dabei um die Regeln der Gesellschaft zu scheren. Dieser Mann war so anders als alle, die sie bisher kennengelernt hatte. Er war erfrischend. Außerdem war er unglaublich gut aussehend – und so schrecklich verloren! Fast schaffte sie es, sich einzureden, dass sie nur ein gutes Werk tat, wenn sie ihn ein Stück des Weges begleitete.

Mr. Matheson hatte ihren Gesichtsausdruck offensichtlich missverstanden, denn er wurde ein wenig rot und meinte: „Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht zur Eile drängen.“

Prudence lächelte breit – er nahm wohl an, dass sie noch ein gewisses stilles Örtchen aufsuchen musste.

Ihr Lächeln schien ihn noch mehr zu verwirren. Er räusperte sich und sah zur Kutsche hinüber. „Ich … Wir sehen uns in der Kutsche.“

„In Ordnung“, erwiderte sie mit mehr Zuversicht, als es eigentlich schicklich gewesen wäre. „Wir sehen uns gleich.“

Er bedachte sie mit einem merkwürdigen Blick, doch dann nickte er nur und ging mit langen Schritten auf die Kutsche zu; kurz blieb er stehen, um mit einer Hand eine der Taschen aufzuheben und sie dem Jungen zuzuwerfen, der das Gepäck verstaute.

Es war keine Zeit mehr, lange zu überlegen. Prudence drehte sich auf dem Absatz um und eilte in das Büro zurück, dabei klopfte ihr das Herz vor Aufregung und Furcht bis zum Hals. Als sie durch die Tür trat, klingelte ein Glöckchen.

Der Angestellte drehte sich um und sah sie neugierig an. „Miss?“

„Eine Fahrt nach Himple, bitte“, sagte sie und öffnete ihr Retikül.

„Nach Himple?“, wiederholte er misstrauisch und musterte sie streng.

„Ja, bitte. Und haben Sie vielleicht einen Briefbogen für mich? Ich muss eben noch eine Nachricht schreiben.“

„Zwei Pfund.“ Er wühlte in seinem Schreibtisch, bis er ein Blatt Büttenpapier für sie gefunden hatte.

Dann reichte er ihr einen Bleistift, und Prudence schrieb eine Nachricht an Dr. Linford auf das Papier. Sie würde die Gepäckträger darum bitten, sie ihm zu überbringen. Mit den üblichen Floskeln fing sie an, mit ihren guten Wünschen für die Linfords und die baldige Genesung seiner Mutter. Schließlich erklärte sie ihre plötzliche Planänderung.

Ich bedaure es außerordentlich, falls Sie meinetwegen Unannehmlichkeiten hatten, aber wie der Zufall so spielt, war in der Kutsche einer Freundin der Familie noch ein Platz frei. Sie ist ebenfalls auf dem Weg nach Himple, und so war es überhaupt kein Problem für sie, mich mitzunehmen. Bitte verzeihen Sie noch einmal, dass ich Sie nicht früher in Kenntnis gesetzt habe, aber die Gelegenheit hat sich gerade erst ergeben. Ich bedanke mich in aller Form für Ihre Bereitschaft, mich zu meinen Freunden zu bringen, und versichere Ihnen, dass ich in guten Händen bin.

Bei dem Gedanken an die Hände des Gentlemans überlief sie ein Schauer.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise und Ihrer Mutter eine gute Besserung.

P. C.

Dann faltete sie den Brief zusammen, lächelte dem Angestellten zu, der sie mit gerunzelter Stirn ansah, und griff nach ihrer Fahrkarte. „Vielen Dank“, sagte sie und wäre beinahe gehüpft auf dem Weg nach draußen.

Ihr Herz raste – sie konnte gar nicht glauben, dass sie tatsächlich eine so waghalsige und kühne Entscheidung getroffen hatte! Was konnte unterwegs nicht alles geschehen! Das alles sah ihr so gar nicht ähnlich! Aber zum ersten Mal seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren, hatte Prudence das Gefühl, dass sich in ihrem Leben etwas Außergewöhnliches ereignen würde. Ob es gut ausging oder nicht, spielte keine Rolle – wichtig war nur, dass sich überhaupt etwas in ihrem Leben änderte. Prudence war ganz zittrig vor lauter Aufregung.

2. KAPITEL

Der Innenraum der Kutsche war für vier Passagiere gedacht, außerdem gab es extra Sitzgelegenheiten auf dem Dach, doch diese waren bereits belegt. So musste Roan sich hineinzwängen; er quetschte sich in die äußerste Ecke auf eine unglaublich harte Bank, dabei berührten seine Knie die knochigen Beine seines Gegenübers – ein alter Mann, der ihn unverhohlen musterte. Neben dem alten Mann saß ein Junge, der vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein mochte. Er hatte die Mütze so tief in die Stirn gezogen, dass Roan nichts weiter von ihm sehen konnte als eine scharf geschnittene Nase und ein schmales Kinn. Auf den Knien hatte der Bursche einen kleinen zerschlissenen Koffer, den er mit beiden Armen an sich drückte.

Neben dem Jungen saß eine von zwei stämmigen Frauen, deren Spitzenhäubchen etwas zu knapp auf ihren Köpfen saßen, wo sich dichte kleine Löckchen um die Ohren kringelten. Zwillinge schienen sie nicht zu sein, aber sie sahen einander so ähnlich, dass Roan sie für Schwestern hielt. Sie trugen identische Kleider aus grauem Musselin, und über ihre breit gewölbte Brust spannte sich eine solche Menge an Spitze, dass man auf den ersten Blick an Zierüberwürfe dachte.

Das Auffälligste an den beiden Frauen war ihre Fähigkeit, ohne Pause zu reden. Sie saßen einander gegenüber, und keine schien auch nur einmal Luft holen zu müssen – sie erzählten und erzählten, seit Roan in die Kutsche gestiegen war, und fielen sich gegenseitig ins Wort. Außerdem sprachen sie sehr schnell und mit so starkem Akzent, dass er kein Wort verstand.

Als die frischen Pferde eingespannt wurden, ruckte die Kutsche. Es gelang Roan dennoch, seine Taschenuhr hervorzuholen, ohne jemandem seinen Ellenbogen ins Auge zu stoßen. Es war gerade halb eins vorbei. Sie würden bald abfahren, doch die hübsche junge Frau mit den glänzenden haselnussbraunen Augen, die ihm geholfen hatte, war nirgendwo zu sehen.

Sie war seine Rettung gewesen an einem ansonsten schrecklichen Tag, das Einzige, was die ganze Anstrengung irgendwie weniger ermüdend gemacht hatte. Es war zumindest für ihn eine Überraschung, wie hübsch Miss Cabot war, wahrscheinlich sogar hübscher als alle Mädchen, die er vor seiner Abreise aus New York gesehen hatte, und ganz sicher hübscher als alle, denen er bisher in England begegnet war. Vielleicht war das nicht so ungewöhnlich, schließlich war er in Liverpool angekommen, und der Hafen dort galt ganz sicher nicht als der schönste Ort der Welt. Ihre wohlgeformte Figur gefiel ihm außerordentlich, ihr Mund war groß und ihre Lippen voll und rot, außerdem hatte sie dunkle Wimpern, die ihre schönen mandelförmigen Augen umrahmten, die ihn eher an den Sommer als an den Winter erinnerten. Er hatte sich nicht dagegen wehren können, dass seine Männlichkeit aufgewacht war, als er sie in diesem kleinen Dorf zum ersten Mal gesehen hatte.

Die ältere Frau neben ihm setzte sich zurecht und rückte von der Außenwand ab, sodass sie fast den ganzen noch freien Platz auf der Sitzbank einnahm; zwischen ihnen gab es höchstens noch zehn Zentimeter Luft, das reichte nicht einmal für eine so zierliche Person wie Miss Cabot. Hatte sie sich etwa einen Platz auf dem Dach suchen müssen?

Wie als Antwort auf diese Frage öffnete sich in diesem Moment der Schlag, und Miss Cabots Haube war zu sehen. „Oje“, meinte sie, als sie einen Blick ins Innere der Kutsche warf. „Mir scheint, hier ist kein Platz mehr.“

„Unsinn, natürlich ist hier noch Platz“, erwiderte eine der redseligen Frauen. „Wenn der Gentleman ein wenig zur Seite rückt, können wir Sie hier sehr gut unterbringen. Es wird vielleicht ein wenig eng, aber wir werden schon zurechtkommen.“

Roan erkannte, dass die Frau mit dem winzigen Spitzenhäubchen ihn gemeint hatte. Er warf einen Blick auf die Wand der Kutsche, an die er sich drücken sollte, und sah dann die Frau an, die mehr Platz auf der Bank eingenommen hatte, als ihr eigentlich zustand. „Ich bitte um Verzeihung, aber ich bin bereits so weit zur Seite gerückt, wie es irgend geht.“

„Nur ein kleines Stückchen“, forderte die Frau und wedelte mit den Händen, machte jedoch keinerlei Anstalten, ihrerseits Platz zu schaffen.

„Vielen Dank.“ Miss Cabot stieg zögernd ein. Dabei streifte sie die Knie von Roan und auch die des alten Mannes. „Entschuldigung“, sagte sie, während sie sich den Weg bis in die Mitte der Kutsche bahnte. Dabei hinterließ sie einen Hauch ihres Parfüms.

Sie zuckte zusammen, als sie das schmale Stück Bank sah, das man ihr zugedacht hatte.

„Man kann nicht gerade von einem Sitz sprechen, nicht wahr?“, stellte eine der Frauen fest. „Aber Sie sind doch so ein schmales Persönchen. Sie werden schon hineinpassen.“

„Ähem …“ Miss Cabot lächelte Roan unsicher zu, und wie durch ein Wunder gelang es ihr tatsächlich, sich anmutig umzudrehen, ohne in der Enge jemanden zu berühren außer mit dem Saum ihres Kleides. Sie setzte sich vorsichtig auf die Kante der Bank, dabei hielt sie ihren schmalen Rücken sehr gerade. Roan bemerkte, dass sie mit den Knien die Knie des Jungen berührte, und man konnte dem Burschen an den Wangen ablesen, dass ihm das ebenfalls nicht entgangen war. Roan war in diesem Alter genauso gewesen – er hatte sich so schrecklich vor allen weiblichen Wesen gefürchtet, wie er verzweifelt versucht hatte, sich unauffällig in ihrer Nähe aufzuhalten.

„Sie können doch da nicht die ganze Zeit wie ein Vogel auf der Stange hocken. Das halten Sie nicht durch“, sagte Roan. „Bitte machen Sie es sich doch bequem.“

Miss Cabot drehte vorsichtig den Kopf, und obwohl Roan nichts von ihr sehen konnte außer ihrem Kinn und dem großen ausdrucksvollen Mund, spürte er, dass sie skeptisch war. Sie rutschte mit dem Hinterteil ein wenig hin und her und setzte sich ein paar Zentimeter weiter nach hinten. Die Frau rückte ein wenig zur Seite. Miss Cabot wand sich noch einmal, und Roan fühlte die Anspannung, die ihn erfasste, während sie sich mit dem Hinterteil in die schmale Lücke zwischen ihnen zwängte. Als sie es schließlich geschafft hatte – ihr zerbrechlicher Leib war gegen seinen harten Körper gepresst –, konnte er nicht anders, er musste an makellos weiße Hinterteile denken. Besonders ihres. Er stellte sich ihren Po glatt und herzförmig vor. Dann stellte er sich vor, wie er spielerisch in ihr festes Fleisch beißen würde …

Hör schon auf damit! Das war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, lüsterne Gedanken an eine Frau, die vielleicht gerade so alt war wie seine kleine Schwester.

Roan biss die Zähne zusammen und versuchte, seinen Arm wegzuziehen, doch es war ihm mit jeder Faser bewusst, dass er ihre zarte Gestalt an seinem harten Leib spüren konnte. Innerlich stritt er mit sich selbst, ob das daran lag, dass er ein Draufgänger und Halunke war, oder daran, dass er auf der langen Überfahrt über den Atlantik nichts als Männer gesehen hatte und anschließend nur auf holprigen englischen Straßen wie dieser hier unterwegs gewesen war. Er hatte seit Wochen keine Frau mehr angefasst.

Im Grunde genommen stimmte beides. Er mochte wirklich ein Halunke sein. Aber seit der Ankunft von Miss Susannah Pratt in New York hatte er auch keine lustvolle weibliche Gesellschaft mehr genossen.

„Also dann!“, sagte Miss Cabot, die gute Miene zum bösen Spiel zu machen versuchte und noch einen Anlauf unternahm, sich etwas bequemer hinzusetzen. Sie faltete ihre Hände im Schoß über dem kleinen Päckchen, das sie dabeihatte. „Wenn die Straßen so schlecht sind, wie man immer behauptet, werde ich wie ein Korken aus der Flasche schießen.“

Niemand entgegnete etwas, zweifellos befürchteten alle, dass sie recht behalten würde. Der Junge ihr gegenüber sank in seinem Sitz zusammen und versteckte sich in seinem Mantel. Der Alte starrte Roan noch immer aus seinen schwarzen Knopfaugen so unverhohlen an, dass Roan sich fragte, ob ihm seine erotischen Fantasien anzusehen waren.

„Alles in allem ist es aber ein guter Tag für eine Reise, nicht wahr?“, meinte Miss Cabot fröhlich.

Roan hoffte inständig, dass sie nicht zu denjenigen Frauen gehörte, die in allem das Gute sehen wollten und dies auch bei jeder Gelegenheit verkünden mussten. Er zog es vor, in Gesellschaft von Leuten zu reisen, die das Reisen ebenso mürrisch machte wie ihn selbst und die sich dabei genauso unwohl fühlten.

„Ein schöner Tag“, entgegnete eine der Frauen und fing so schnell und mit so viel Nachdruck an zu erzählen, dass Roan ihr nicht mehr folgen konnte.

Also nutzte er die Gelegenheit, Miss Cabot verstohlen zu mustern. Ihre Kleidung wirkte kostspielig. Er kannte sich auf diesem Gebiet aus, seitdem es zu seinen Aufgaben gehörte, die Schneiderrechnungen für seine Schwester Aurora zu bezahlen; er wusste, was Seide, Musselin, Brokat und feiner Wollstoff kosteten. Miss Cabot hatte feingliedrige Hände, wahrscheinlich machte sie die zartesten Stickereien damit. Er bemerkte, dass eine Strähne ihres Haars sich gelöst hatte und ihr über die Schulter hing – es hatte die Farbe von reifem Weizen.

Ob es sehr verwerflich war, wenn er sich eingestand, dass Miss Cabot genauso aussah, wie er sich Susannah Pratt immer vorgestellt hatte, bevor er sie schließlich kennenlernte? Goldblond und sehr elegant, mit einem Gesicht und einer Erscheinung, die in einem Mann die heftigsten Sehnsüchte auslöste? Susannah hingegen war dunkel, breit und unförmig. Roan hielt sich nicht für oberflächlich, er bewertete eine Frau nicht allein nach ihrem Aussehen, aber dass Miss Pratt außerdem auch nicht viel zu sagen wusste, war wenig hilfreich. Als sie aus Philadelphia gekommen war und am Arm ihres Vaters auf das Haus seiner Familie zuging, wollte er nicht mehr wahrhaben, dass er mit seinem und ihrem Vater übereingekommen war, dass eine Heirat zwischen ihren beiden Familien eine gute Sache sei.

Plötzlich machte die Kutsche einen Satz nach vorn, sodass Miss Cabot in seine Arme geschleudert wurde. Sie wandte ihm den Kopf zu, so weit es eben ging, und lächelte entschuldigend. „Verzeihung. Es ist wirklich eng hier drinnen, nicht wahr?“ Sie setzte sich wieder zurück; dabei hielt sie den Rücken absolut gerade und faltete die Hände im Schoß.

Doch es war aussichtslos, wenn sie versuchte, auf diese Weise ihre Würde zu wahren. Bei jedem Schlagloch und jedem Satz, den die Kutsche machte, wurde sie an ihn gedrückt – einmal musste sie sich sogar mit ihrer zarten Hand auf seinem Schenkel abstützen –, und jede Meile, die sie hinter sich brachten, ließ Roan spüren, wie zart und sanft sich ihr Körper anfühlte. Sie kam ihm fast unwirklich vor und doch gleichzeitig merkwürdig stark. Er sah zum Fenster hinaus und versuchte, nicht daran zu denken, wie sie wohl aussah, wenn sie nackt auf weichen weißen Laken lag, mit ausgebreitetem goldenen Haar und nach vorn gereckten Brüsten. Jedes Mal, wenn seine Gedanken sich in diese Richtung aufmachten, starrte er den alten Mann an.

Sie waren erst eine fürchterliche Stunde lang unterwegs, als eine der Frauen endlich ihren Redestrom unterbrach, einmal tief Luft holte und behauptete: „Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Lady Merryton!“

Alle Augen, auch die von Roan, richteten sich sofort auf Miss Cabot.

„Aber nein!“, rief Prudence aus.

„Nein?“ Die Frauen wirkten nicht überzeugt.

„Nein! Ich versichere Ihnen, wenn ich Lady Merryton wäre, würde ich in meiner eigenen Kutsche fahren.“ Miss Cabot lächelte.

„Das stimmt wahrscheinlich“, pflichtete die Frau, die zuerst gesprochen hatte, ihr bei, sie wirkte enttäuscht.

Was sollte das? Glaubte diese alte Krähe etwa allen Ernstes, dass ein Mitglied des Hochadels sich in einer Postkutsche durchs Land karren lassen würde? Selbst Roan wusste es besser. Er kannte sich bei den Prinzen und Königinnen und was sie sonst noch hier in England hatten zwar nicht aus, aber er war sich ziemlich sicher, dass die Anrede „Lady“ sich an jemanden mit einem Adelstitel richtete. Als seine Tante und sein Onkel im letzten Sommer aus London zurückkehrten – ohne Aurora, die den beiden von Roans Familie im Vertrauen auf deren Zuverlässigkeit anvertraut worden war –, hatten sie ständig von diesem Earl und jenem Viscount gesprochen. Aurora war zum Abendessen bei Lady Soundso gewesen, hatte mit Lord Soundso getanzt. Roan hatte kaum hingehört, was er jetzt bedauerte, denn er hatte keine Ahnung, was hinter all diesen Titeln steckte. Er hatte lediglich den Eindruck, dass ganz England voller Adliger sein musste.

„Aber natürlich kenne ich Lady Merryton“, fügte Miss Cabot beiläufig hinzu.

Roan legte den Kopf schief und versuchte, ihr Gesicht zu erkennen. Sie kannte Lady Merryton? War sie eine Countess oder etwas Ähnliches? Musste sie dann nicht die Tochter von irgendeinem König oder einer Königin sein? Und bedeutete das im Umkehrschluss, dass sie auch mit dem Königshaus gut bekannt war?

„Besser für Sie, wenn Sie es nicht sind, möchte ich sagen. Was war das für ein Aufruhr um diese Ehe, nicht wahr?“ Die größere der beiden Frauen schnaubte und schüttelte den Kopf.

„Einfach skandalös“, stimmte die kleinere ihr zu.

Roan konnte sehen, dass Miss Cabot rot wurde. Er hatte keine Ahnung, worauf sie anspielten, aber dass die beiden Frauen, die er für Schwestern hielt, sich in ihrem Urteil so einig zu sein schienen, machte ihn neugierig.

Die Frauen sahen aus, als wollten sie weitere Fragen stellen, aber dann verlangsamte die Kutsche ihre Fahrt. Roan beugte sich vor und konnte draußen eine Reihe von weißgetünchten Häuschen mit Blumenkästen erkennen, aus denen rote und violette Blüten quollen. Sie befanden sich in einem der Dörfer, die er früher am Tag schon gesehen hatte, und wenn er sich nicht täuschte, passierte hier nichts, außer dass die Pferde gewechselt wurden. Dennoch wünschte er sich sehnlichst, diese Kutsche endlich verlassen zu können.

Sie rollten die Dorfstraße entlang, und die Kutsche schlingerte, als die Wache heruntersprang, um den Schlag zu öffnen und die Trittleiter herabzulassen. Normalerweise war Roan ein Gentleman, doch heute konnte er nicht anders, er musste als Erster nach draußen, und er machte schnell ein paar lange Schritte, während er tief Luft in seine Lungen pumpte. Er hoffte, dass er auch Miss Cabots unmittelbare körperliche Nähe abschütteln konnte. Als er sich wieder umdrehte, hatte der Kutscher bereits den anderen Passagieren beim Aussteigen geholfen; der Junge stützte den alten Mann und half ihm, sich auf eine Bank zu setzen. Die beiden Frauen standen exakt in identischer Haltung da, die Hände ins Kreuz gestützt und nach hinten gebeugt, um den Rücken zu strecken … Und sie redeten doch tatsächlich immer noch.

Miss Cabot hielt sich ein paar Meter von den anderen entfernt und hatte ihr kleines, in Papier eingewickeltes Päckchen in den Händen. Sie sah erstaunlich frisch aus und erinnerte ihn in ihrem hellblauen Reisekleid an eine Glockenblume.

Die Haltung des Kutschers war trotz beschmutzter Hose, abgelaufener Schuhe und einer Weste, die ihm mindestens zwei Nummern zu klein war, würdevoll. „Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, Ladys und Gentlemen“, tönte er feierlich, „wir werden unsere Fahrt um Viertel nach zwei fortsetzen.“

Roan blickte sich um. Er sah ein kleines Wirtshaus und eine Schmiede, aber das war auch schon alles, was dieses Dorf zu bieten hatte. Er hätte diesen Vormittag gern mit einem Bier oder auch zweien hinuntergespült, stattdessen ging er die Straße hinab, die aus dem Dorf hinausführte; er wollte sich die Beine vertreten und das irritierende Gefühl abschütteln, das in ihm aufgekeimt war, weil eine wunderschöne junge Dame eineinhalb Stunden lang quasi auf seinem Schoß gesessen hatte. Es konnte auch nicht schaden, wenn er die letzten Reste seiner Geduld wiederfand. Er blieb stehen und versuchte, sich zu beruhigen. Sehr erfolgreich war er nicht.

Im Grunde seines Wesens war Roan kein ungeduldiger Mensch. Ganz im Gegenteil – er glaubte sogar, dass er normalerweise derjenige war, der im Eifer des Gefechts die Nerven behielt. Aber im Moment war er vollkommen außer sich – seit zwei Tagen war er in England, und es war ihm immer noch, als ob Schiffsplanken unter seinen Füßen schwankten, wie dies während der vierwöchigen Überfahrt der Fall gewesen war. Die Burschen, die er in Liverpool getroffen hatte, hatten ihn ganz durcheinandergebracht. Selbst nachdem er begriffen hatte, dass sie die ganze Zeit Englisch mit ihm sprachen, verstand er kein einziges Wort. Sie hatten ihn in die Irre geschickt; nur ihretwegen war er nach Süden unterwegs, obwohl er eigentlich nach Norden hätte fahren müssen.

Außerdem war Roan von zu Hause bessere Kutschen und Pferde gewöhnt. Diese Postkutschen und die heruntergekommenen Straßen hier setzten ihm zu, besonders wenn er zwischen einer schmuddeligen Rückenlehne und einer Frau eingequetscht war, deren Haut sich so weich wie Samt anfühlte.

Nachdem er das Dorf hinter sich gelassen hatte, blieb er mitten auf der Straße plötzlich stehen und atmete tief die warme Luft ein. Der kurze Spaziergang hatte seine Laune nicht sehr verbessert, obwohl er dies gehofft hatte. Er sah auf zum blauen Himmel und brüllte seinen ganzen Ärger über die vertane Zeit für die Reise in den Süden im Besonderen und über seine Schwester und die ganze Welt im Allgemeinen hinaus.

Jetzt ging es ihm besser!

Roan drehte sich um und ging in das kleine Dorf zurück.

Das Erste, was er sah, war Miss Cabot, die auf einem dicken Zaunpfahl hockte. Das Päckchen, das sie die ganze Zeit an sich gedrückt hatte, hatte sie geöffnet und schien etwas daraus zu essen. Dicht neben dem Zaun saßen die beiden Schwestern nebeneinander auf einem großen Koffer, jede von ihnen hatte eine Schüssel auf dem Schoß. Auch sie hatten sich über ihren Reiseproviant hergemacht.

Roan schlenderte zu Miss Cabot hinüber. Er versuchte, nicht zu auffällig in ihr Päckchen zu starren, aber er konnte nicht widerstehen, denn er selbst hatte, wie ihm gerade auffiel, seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen.

Miss Cabot blickte zu ihm auf, dabei drehte sie den Kopf so, dass er ihr in die haselnussbraunen Augen unter der breiten Krempe ihrer Haube sehen konnte. „Mr. Matheson, da sind Sie ja wieder.“

„Miss Cabot.“

Sie hielt ihm das braune Pergamentpapier mit einer Auswahl an kleinen Gebäckstücken hin. „Darf ich Ihnen etwas Süßes anbieten?“

Er betrachtete den Inhalt des Päckchens genauer. Das Gebäck erinnerte ihn an die frittierten kleinen Kuchen, die Nella, die Köchin, die schon lange im Dienst seiner Familie stand, häufig buk. „Nein, vielen Dank.“ So schlecht ging es ihm nicht, dass er ihr ihren Proviant wegfuttern würde.

„Nein?“ Sie nahm einen der Teigkringel und steckte ihn sich in den Mund. „Hmm“, machte sie und schloss kurz die Augen. „Köstlich.“

Zu seiner großen Bestürzung knurrte sein Magen unüberhörbar.

Miss Cabot lächelte und hielt ihm noch einmal das Päckchen hin. „Sie müssen zumindest probieren.“

„Und es macht Ihnen ganz sicher nichts aus?“, fragte er und hatte im selben Augenblick schon zugegriffen.

Sie sah ihm genau zu, als er das winzige Teil in den Mund steckte. Großer Gott, sie hatte recht – es war köstlich!

„Nehmen Sie noch eins. Nehmen Sie, so viel Sie möchten.“

„Eins vielleicht noch“, sagte Roan dankbar und griff nach dem Gebäck. Als er die Hand öffnete, stellte er fest, dass er gleich drei Stückchen genommen hatte statt nur eines, wie er vorgehabt hatte.

Miss Cabot lachte, ihr Lachen war kristallklar und hell. „Man könnte meinen, Sie hätten den ganzen Tag noch nichts gegessen, Mr. Matheson.“

„Ich habe seit gestern Morgen nichts mehr gegessen.“

„Wie bitte? Aber warum das denn?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich war unterwegs, und da ergibt es sich nicht immer. Auch war ich davon ausgegangen, dass ich längst an meinem Bestimmungsort angekommen wäre.“

Miss Cabot sprang von dem Zaunpfahl und hockte sich neben die kleine Tasche, die zu ihren Füßen stand. Sie öffnete sie und wühlte ein wenig darin herum, dann holte sie ein weiteres in Pergamentpapier eingewickeltes Päckchen hervor. Sie überreichte es ihm.

Roan wickelte es aus. Es war Brot.

„Ich habe auch Käse.“

„Nein, ich …“

„Ich muss darauf bestehen, Mr. Matheson! Meine kleine Schwester hat mir diesen Proviant eingepackt.“ Sie lächelte, als sie zu ihm aufsah, ihre Augen funkelten im Sonnenschein wie Edelsteine. „Sie hat gemeint, dass ich für alle Fälle gerüstet sein müsse. Sie hofft sehnlichst, dass wir von Wegelagerern überfallen werden und dann in den Wäldern hausen müssen.“

„Sie hofft darauf?“

„Sie hat eine Vorliebe für Dramen. Bitte bedienen Sie sich. Das ist noch lange nicht alles, was sie mir mitgegeben hat.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar“, sagte er und riss ein Stück Brot vom Laib ab. Er verschlang es schneller, als er gewollt hatte, während Miss Cabot wieder auf den Zaunpfahl kletterte. Dann griff er nach einem Stück Käse; sein plötzlicher Heißhunger überraschte ihn.

„Juuu-huuu!“

Die beiden Schwestern drohten Miss Cabot mit dem Zeigefinger. „Wir haben des Rätsels Lösung gefunden!“, rief eine von ihnen mit lauter Stimme.

„Das haben wir allerdings! Es war eine ganz schön harte Nuss …“

„Ziemlich hart“, bestätigte die Stämmigere von den beiden.

„Welches Rätsel?“, fragte Miss Cabot.

„Na, Sie, meine Liebe. Aber jetzt haben wir unsere Schlüsse gezogen. Sie sind Lady Altringham!“, behauptete die Frau voller Stolz.

„Oh, du liebe Zeit, nicht doch!“, lachte Miss Cabot. „Sie ist doch mindestens zwanzig Jahre älter als ich.“

„Ach so“, die Frau schien wieder sehr enttäuscht zu sein.

„Aber ich kenne sie“, meinte Miss Cabot. „Ihre Tochter und ich wurden zusammen bei Hofe vorgestellt.“

„Oh!“, quietschte die Kleinere der beiden, ihre Augen strahlten vor Vergnügen.

„Bei Hofe vorgestellt?“, fragte Roan verwirrt.

„Dem König, Sir!“, trumpfte eine der Frauen auf; sie schien sich zu wundern, dass er das nicht wusste.

Neugierig blickte Roan zu Miss Cabot auf. „Aber warum? Haben Sie irgendetwas Besonderes vollbracht?“

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