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Der Blutzeichner

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Über die Reihe
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  13. 7.
  14. 8.
  15. 9.
  16. 10.
  17. 11.
  18. 12.
  19. 13.
  20. 14.
  21. 15.
  22. 16.
  23. 17.
  24. 18.
  25. 19.
  26. 20.

Über dieses Buch

Eine Serie von Kindermorden erschüttert Europa. Die Leichen sind mit Folterspuren übersät, die Köpfe kahlgeschoren und mit okkulten Zeichen versehen. Die Polizei tappt vollkommen im Dunkeln. Der Psychiater Norman Meyer glaubt nicht an ein sadistisches, sexuell geprägtes Tatmotiv – anders als der Rest des Ermittlerteams.

Meyer versucht, dem Täter auf eigene Faust auf die Spur zu kommen. Dabei trifft er auf Sandra Jürgens, die Mutter eines der ermordeten Kinder. Auch sie will den Kindermörder zur Strecke bringen. Doch sie will mehr. Sie will Rache. Und um ihr Ziel zu erreichen, ist sie bereit, alle Grenzen zu überschreiten.

Über den Autor

Alfred Bekker war und ist Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X, Ren Dhark und Cotton Reloaded. Außerdem schreibt er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen.

Bisher sind in der Reihe »Hochspannung« folgende weitere Titel erschienen:

Vincent Voss: Tödlicher Gruß

R.S. Parker: Raus kommst du nie

Christian Endres: Killer’s Creek – Stadt der Mörder

Linda Budinger: Im Keller des Killers

Andreas Schmidt: Dein Leben gehört mir

Uwe Voehl: Schwesternschmerz

Jens Schumacher: Die Tote im Görlitzer Park

Timothy Stahl: Haus der stillen Schreie

Vincent Voss: Du darfst mich nicht finden

Christine Drews: Dunkeltraum

1.

Ein Jahr ist es jetzt her, überlegte Sandra Jürgens. Ein ganzes Leben. Nein, mehr als das. Eine Ewigkeit. Denn es wird nie vorbeigehen. Niemals.

Sandras Leben war seit damals nicht mehr das gleiche. Es gab ein Davor und ein Danach. Vielleicht sollte ich das endlich akzeptieren, dachte sie. Vielleicht …

Doch alles in ihr sträubte sich dagegen.

Ein Jahr.

Und die Zeit in dieser Hölle auf Erden würde so schnell nicht zu Ende gehen.

Es war in dem einen Jahr kein Tag vergangen, an dem Sandra nicht an Tim, ihren Sohn, gedacht hatte. Vor allem hatte sie von ihm geträumt. Jede Nacht. Auch jetzt noch. Zehn Jahre alt war er geworden, dann war er ihr genommen worden.

Aber es war kein unabänderliches Schicksal gewesen. Keine unheilbare Krankheit. Kein Unfall, den niemand vorhersehen konnte. Tim war einem Verbrechen zum Opfer gefallen, so furchtbar, so unaussprechlich, dass Sandra noch immer Albträume davon hatte.

Nach nur einem Jahr erinnerte sie sich noch genau an jede Minute des schicksalhaften Tages, an dem ihre Welt zerbrochen war. Tim war verschwunden. Sie hatten ihn gesucht, hatten jeden angerufen, der irgendwie mit ihm zu tun hatte, und schließlich die Polizei verständigt, voller Bangen und Hoffen.

Sandra und Marc, ihr Mann. Besorgte Eltern, die sich nichts sehnlicher wünschten, als dass alles schnell vorüber war und ihr Leben danach weiterging wie zuvor. Man hatte sie zu beruhigen versucht. Wenn ein Kind verschwand, sagte man ihnen, müsse das nicht unbedingt heißen, dass ihm etwas passiert sei.

In Sandras Kopf wiederholte sich immer und immer wieder der Augenblick, als die Kripobeamten zu ihnen nach Hause gekommen waren. Als sie gefragt hatten, ob sie hereinkommen dürften, weil sie nicht gleich mit ihrem Anliegen herausrücken wollten.

Diese Sekunden waren die schlimmsten gewesen. Die aufkeimende Ahnung, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.

Eine Ahnung, die dann zur Gewissheit wurde.

Sie hatten Tim gefunden.

Sein Kopf war mit eigenartigen Zeichen bemalt, sein Körper geschunden, gequält. Eine Kinderleiche in einer stillgelegten Lagerhalle.

Sandra Jürgens zitterte immer noch, ein Jahr danach, wenn sie nur daran dachte. Sie konnte nichts dagegen tun. Jedes Mal überkam sie das gleiche lähmende Entsetzen wie damals, und sie spürte, wie ihr Körper kalt wurde. Kalt wie Eis. Kalt, wie ihre Seele seitdem geworden war. Erfroren.

In dem Moment, als damals der Kripobeamte zu sprechen begonnen hatte, hatte Marc ihre Hand gehalten. Sie hatten sich nicht angeschaut, weil keiner von beiden das namenlose Entsetzen im Gesicht des anderen hätte ertragen können. Nur durch ihre Hände waren sie miteinander verbunden gewesen.

Wenige Augenblicke später jedoch nicht mehr. Sandra wusste nicht mehr, wie es geschehen war und ob sie oder Marc die Hand zurückgezogen hatte. Aber darauf kam es gar nicht an. Tatsache war, dass in diesem schrecklichen Augenblick der Gewissheit die Verbindung zwischen ihnen abgerissen war, und dass sie es danach nie wieder geschafft hatten, den Kontakt wiederherzustellen. Zumindest nicht so, wie er bis zu diesem Augenblick gewesen war.

Abgerissen, dachte Sandra nun. Die Verbindung zwischen ihnen war abgerissen. Dieses Wort beschrieb am besten, was damals geschehen war.

Sie hatten sich nicht getrennt. Sie wohnten immer noch in dem Einfamilienhaus, das als Familiennest konzipiert gewesen war. Rein äußerlich war vieles so weitergegangen wie zuvor. Aber das meiste war nur Schein. Auch wenn sie beide noch immer in diesem Bungalow wohnten, waren sie in Wahrheit innerlich weiter voneinander entfernt als je zuvor.

Viel weiter.

Sandra ging in die Küche, löste eine Tablette in Wasser auf und wartete, bis das Sprudeln im Glas aufhörte, sodass sie das Medikament nehmen konnte.

Sie trank das Glas leer.

Seit dem schrecklichen Erlebnis damals litt sie unter Spannungskopfschmerzen. Und nichts half, außer Schmerzmitteln.

Es sei denn, man könnte die Zeit zurückspulen und das Geschehene ungeschehen machen, dachte sie voller Trauer. Aber das ist nur in der Fantasie möglich. In der Wirklichkeit muss man sich damit abfinden, dass Dinge, die geschehen sind, sich niemals ändern lassen.

Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich etwas anderes zu wünschen, konnte aber nichts daran ändern, dass dieser Wunsch bestehen blieb. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um Tim. Um das, was mit ihm geschehen war. Um die Frage, weshalb man den oder die Täter nicht hatte ermitteln und fassen können.

Natürlich dachte sie auch ständig daran, ob sie selbst irgendetwas hätte tun können, um die Katastrophe zu verhindern. Nächtelang hatte sie deswegen wach gelegen. Immer wieder hatte sie sich die Frage gestellt, ob es vielleicht ihr Fehler gewesen war, dass Tim dieses grausame Schicksal hatte erleiden müssen.

Gequält. Gedemütigt. Getötet.

Schlimmer konnte ein Leben nicht enden.

Es war für Sandra unfassbar, dass es Menschen gab, die so etwas taten. Aber dass es bisher nicht möglich gewesen war, diesen Mord aufzuklären, war noch unfassbarer für sie.

Auch das unterschied Sandra von Marc, ihrem Mann. Der hatte irgendwann mit der Sache abschließen können. Zumindest hatte Sandra den Eindruck. Sie selbst hatte es nie gekonnt und würde es wohl auch nie können.

Du wirst immer in meinem Herzen sein, mein Sohn, dachte sie. Immer.

Sandra hatte es nicht geschafft, ihren Jungen zu beschützen. Sie wusste, dass dieser Gedanke absurd war; trotzdem gelang es ihr nicht, ihn zu verscheuchen. Sie hatte ihren Jungen nicht beschützen können, obwohl es die Aufgabe einer Mutter war. Und wenn sie ihn jetzt aus ihren Gedanken verbannte, kam es ihr wie ein schändlicher Verrat vor. Das war schier unverzeihlich.

Bei Marc war es anders. Er hatte sich in seinen Job gestürzt und lebte sein Leben weiter. Sandra hatte manchmal den Eindruck, dass er gar nicht mehr daran erinnert werden wollte, einen Sohn gehabt zu haben. Sie konnte das nicht nachvollziehen. Es war Verrat. Es war unverzeihlich. Vielleicht war das der Grund dafür, weshalb sie im eigentlichen Sinne kein Paar mehr waren.

Sandra stellte das Glas auf den Küchentisch.

Das Geräusch war laut wie ein Schuss. Man konnte hören, wie irgendetwas barst.

Sandra sah den Sprung im Glas.

Genauso ist mein Leben, dachte sie voller Bitterkeit. Noch nicht völlig in Scherben, aber kurz davor.

Sie warf das Glas in den Mülleimer.

So könnte ich eigentlich auch mein Leben wegwerfen.

2.

Es klingelte an der Tür.

Aus irgendeinem Grund schaute Sandra zur Uhr. Halb drei nachmittags. Marc konnte es noch nicht sein. Er war Studienrat an einem Gymnasium im Osnabrücker Umland. Sandra selbst war Grundschullehrerin.

Gewesen.

Es war ihr nach der Katastrophe mit Tim nicht mehr möglich gewesen, die Kinder anderer Leute zu unterrichten. Jedes Mal, wenn sie Jungen in Tims Alter sah – auf dem Schulhof, in der Klasse, wo auch immer –, wurde sie daran erinnert, dass ihr Sohn tot war. Es ging einfach nicht mehr mit dem Unterrichten. Deshalb war ihr schon damals klar gewesen, dass sie ihren Lehrerberuf nie wieder ausüben konnte.

Auch die Therapiestunden bei verschiedenen Psychologen hatten daran nichts geändert. Noch viel weniger die Beruhigungstabletten, Stimmungsaufheller und was sie sonst noch alles an pharmazeutischen Hilfen versucht hatte.

Marc hingegen schien in dieser Hinsicht keine Probleme gehabt zu haben. Er hatte sich in seinen Job gestürzt. Nach dem Schulunterricht leitete er Arbeitsgemeinschaften, engagierte sich für das Schulleben, war Vertrauenslehrer und betätigte sich schulpolitisch. Schüler und Eltern fanden stets offene Ohren bei ihm.

Sandra hatte schon lange das Gefühl, nicht mehr zu Marc durchzudringen. Wie schaffte er das alles? Wie konnte er die Kinder anderer Leute unterrichten, ohne daran denken zu müssen, dass Tim niemals das Alter seiner Schüler erreichen würde, weil ein perverser Mörder ihn getötet hatte?

Sie lebten im selben Haus und trotzdem in verschiedenen Welten, seit Tim tot war. Eine Scheidung hätte diese Trennung nur besiegelt.

Es klingelte ein weiteres Mal.

Wer kann das sein?, fragte Sandra sich kurz, versank aber gleich darauf wieder in Erinnerungen.

Sie dachte an den Tag, als die Kripobeamten gekommen waren. Da hatte sie auch erst nicht aufgemacht. Starr vor Angst war sie gewesen. Angst vor der Wahrheit, die sie aber schon erahnt hatte. Marc war es genauso ergangen.

Als sie beide sich kurz angeschaut hatten an jenem schrecklichen Tag, gab es einen Moment der Gemeinsamkeit zwischen ihnen: die Angst um ihren Sohn. Und die aufdämmernde Erkenntnis, dass jede Hoffnung vergeblich war …

Es klingelte ein drittes Mal.

Damals, erinnerte Sandra sich, hatte es auch dreimal geklingelt, ehe Marc zur Tür gegangen war. Sie hätte das nicht geschafft. Sie war wie eingefroren gewesen, starr, wie tot. So hatte sie es bis heute in Erinnerung.

Marc war schon damals schneller mit den Umständen fertig geworden als sie. Er hatte einfach gehandelt, hatte weiter funktioniert wie eine Maschine. Egal, ob es darum ging, Kripobeamten die Tür zu öffnen, die vermutlich eine schlechte Nachricht zu überbringen hatten, oder darum, seinen Job als Lehrer weiterzumachen, obwohl der Umgang mit Kindern und Jugendlichen auch ihn eigentlich jeden Tag an den Tod des eigenen Kindes erinnern musste. An all die Jahre, die dieses Kind niemals haben würde, weil es einem Wahn zum Opfer gefallen war.

Marc schien das alles halbwegs überwunden zu haben.

Sandra nicht. Damals nicht und heute nicht.

Sie gab sich einen Ruck und ging zur Haustür.

Es war selten geworden, dass Besucher den Weg zu ihrem Haus fanden. Die Trauer um ein verlorenes Kind konnte auf andere wie eine ansteckende Krankheit wirken. Jeder hatte Mitleid, aber niemand wollte etwas damit zu tun haben. Deshalb hielten alle so viel Abstand, wie sie nur konnten.

Sandra öffnete die Tür.

Und erschrak.

Das Gesicht kam ihr bekannt vor. Die tief liegenden Augen, die vollen Wangen, der harte Zug um die Mundwinkel, der Entschlossenheit verriet – das alles gehörte zu den Merkmalen, die sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten.

»Guten Tag, Frau Jürgens. Erinnern Sie sich an mich?«

Sandra starrte den Besucher an, für den Moment sprachlos.

»Ich weiß, dass es für Sie eine Zumutung sein muss, aber ich würde gerne noch einmal mit Ihnen sprechen. Wenn Sie es nicht wünschen, hätte ich Verständnis dafür, aber ich habe den Fall nie zu den Akten gelegt. Er beschäftigt mich immer noch. Ich werde nicht eher ruhen, bis dieser Fall aufgeklärt ist.«

Sandra konnte es immer noch nicht fassen. Vor ihr stand Norman Meyer, Mitte vierzig, Psychiater und Spezialist für Täterprofile. Er hatte eine Ausbildung beim FBI in Quantico absolviert, hatte Lehraufträge an mehreren Universitäten und wurde bei besonderen Fällen von der Polizei als Berater hinzugezogen. Insbesondere, wenn es um Taten ging, die einem Serienmörder zugeschrieben wurden oder bei denen es eine Verbindung zu einer Mordserie gab. Es gab im deutschsprachigen Raum, vielleicht in ganz Europa, wohl keinen angeseheneren Experten auf diesem Gebiet als Norman Meyer. In der kriminalistischen Wissenschaft war er so etwas wie das Maß aller Dinge.

Aber auch er hatte Tim nicht retten können. Vielleicht, weil es von Anfang an aussichtslos gewesen war. Zumindest konnte man Meyer nicht zum Vorwurf machen, dass er nicht alles versucht hätte. Sein Einsatz war bewundernswert gewesen, das hatte Sandra damals schon so empfunden. Er war ein Mann, der nicht lockerließ und auch dann noch einer Spur folgte, wenn andere schon aufgegeben hatten. Und er scheute sich nicht, auch eine Minderheitenposition vehement zu vertreten, was ihn nicht überall beliebt machte. Aber Norman Meyer war ein Mann, dem es nicht wichtig war, ob man ihn mochte oder nicht.

»Darf ich hereinkommen?«, fragte er.

Wie könntest du ihm das abschlagen, nach allem, was er für dich getan hat, dachte Sandra. Für dich, für Tim und dafür, dass für diese abscheuliche Tat vielleicht doch noch jemand zur Rechenschaft gezogen wird.

»Natürlich«, sagte sie.

»Ist Ihr Mann auch zu Hause?«

»Nein. Er ist noch in der Schule.«

»Ich habe gehört, Sie sind nicht mehr im Dienst.«

»So ist es.«

»Beurlaubt oder krank geschrieben?«

Sandra hatte ihren unerwarteten Besuch inzwischen ins Wohnzimmer geführt. »Es gibt da ein paar beamtenrechtliche Tricks, um sich erworbene Rechte noch eine Weile zu sichern und die Tür nicht gleich endgültig zuzuschlagen«, sagte sie. »Mein Mann hatte mir dazu geraten, und er hat sicher recht damit gehabt. Allerdings ändert das nichts an den Tatsachen.«

»Und die wären?«

Sandra schaute Meyer an, begegnete dem direkten, festen Blick, der es einem schwermachte, etwas zu verbergen. Woran das letztlich lag, hatte Sandra schon damals, vor einem Jahr, nicht zu erklären vermocht. Irgendwie war dieser Blick so etwas wie Meyers persönliches Markenzeichen.

»Ich werde nie wieder eine Schule betreten«, sagte sie.

»Vielleicht nicht als Lehrerin«, sagte Meyer, »aber …«

»Als Mutter?«

»Sie sind noch jung genug, dass es zumindest nicht ausgeschlossen ist.«

»Doch, ist es«, widersprach Sandra heftiger als beabsichtigt.

Er macht das sehr geschickt, ging es ihr durch den Kopf. Ein paar dieser unverschämt direkten Fragen, die niemand anders mit solcher Hemmungslosigkeit zu stellen wagt, und er weiß das Wichtigste über mich und meinen Zustand. Er weiß jetzt schon, wo ich stehe und wie weit ich damit gekommen bin, Tims Tod zu verarbeiten.

Wie weit sie damit gekommen war?

Beinahe hätte Sandra bitter aufgelacht. Sie stand damit noch ganz am Anfang, das wusste sie – und jetzt auch Meyer. Sie sah es in seinem Gesicht.

»Was halten Sie davon, wenn wir uns setzen?«, sagte sie.

»Gute Idee.« Meyer versuchte, eine entspannter Miene aufzusetzen, nachdem er auf der Couch Platz genommen hatte. Aber es blieb bei dem Versuch. Ein Versuch, der obendrein nicht einmal gelungen war.

Meyer war einfach nicht der Typ, dem man einen entspannten Gesichtsausdruck abnahm. Der angestrengte, entschlossene Zug in seiner Miene schien zu seiner Persönlichkeit zu gehören. Ein Mann wie er, der sich täglich in die schlimmsten Gewaltverbrecher hineinversetzte, der die schrecklichsten Taten in seiner Vorstellung bis ins Detail nachvollzog, um dem Täter auf diese Weise auf die Spur zu kommen – ein solcher Mann konnte nicht lächeln.

Sandra hatte nur einmal in einen dieser düsteren Abgründe blicken müssen, und auch ihr war das Lächeln vergangen. Sie konnte verstehen, dass dies sehr viel mehr für jemanden wie Norman Meyer galt.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Meyer.

Sandra zuckte mit den Schultern und rieb die Handflächen aneinander. Sie hatte sich noch immer nicht gesetzt, schien vielmehr von einer plötzlichen inneren Unruhe erfüllt zu sein, die sie davon abhielt. »Es geht so.« Sie seufzte und fügte eine Bemerkung hinzu, die eigentlich alles, was es zu diesem Thema zu sagen gab, auf den Punkt brachte: »Ich lebe noch.«

»Wie geht es Ihrem Mann?«

»Der hat seinen Job und ist nicht viel zu Hause.« Sandra zuckte abermals mit den Schultern und setzte sich schließlich doch. »Irgendwie kann ich sogar verstehen, dass er so wenig Zeit wie möglich hier verbringt. Was erwartet ihn denn auch? Eine trübsinnige Frau, die einfach nicht vergessen kann, dass sie mal ein Kind hatte. Ein Kind, das ermordet wurde.«

»Es ist kein Wunder, dass die damaligen Ereignisse und alles, was im weiteren Sinn damit zu tun hat, zu Problemen in Ihrer Partnerschaft geführt haben«, sagte Meyer. »Sind Sie in guten therapeutischen Händen?«

Sandra schüttelte den Kopf. »Ich brauche keine Therapie. Und ich werde diese Art von Hilfe auch nicht mehr in Anspruch nehmen.«

»Was bringt Sie zu dieser negativen Einschätzung? Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich Ihnen damals einen Kollegen empfohlen, der sich besonders mit traumatisierten …«

»Ich bin nicht krank. Deswegen brauche ich keine Therapie«, erklärte Sandra, doch ihre Stimme vibrierte leicht, was erkennen ließ, wie es um ihre Psyche bestellt war. »Mein Kind wurde ermordet, und ich bin seitdem nie mehr glücklich gewesen, nicht einmal fröhlich gewesen. Aber ich finde nicht, dass das eine behandlungswürdige Krankheit ist.«

»Das habe ich nie so gesagt, Frau Jürgens.«

»Was ich brauche, ist etwas anderes.«

»Und was?«

»Ein Ende dieser Sache. Einen Abschluss. Die Gewissheit, dass der kranke Wahnsinnige, der meinen Sohn getötet hat, nicht weitere Menschen ins Verderben stürzt. Und eine Antwort auf die Frage, ob ich damals etwas hätte tun können. Etwas, um dieses furchtbare Leid zu verhindern, das über mein Kind gekommen ist.«

»Die letzte Frage kann ich Ihnen eindeutig beantworten, Frau Jürgens: Die Antwort lautet nein. Sie hätten nichts tun können, und Sie haben alles versucht.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das ist mir kein Trost, verstehen Sie?«

»Das verstehe ich sogar sehr gut. Und in einem Punkt empfinden wir vermutlich ähnlich: Es ist unerträglich, dass dieser Mord nicht gesühnt werden konnte. Und es ist noch unerträglicher, dass demselben krankhaften Wahn weitere Kinder zum Opfer fallen werden.«

Sandra erschrak heftig. »Hat der Täter wieder zugeschlagen?«

Sie hatte kurz gezögert, ehe sie diese Frage stellte. Aber dann waren ihr die Worte doch über die Lippen gekommen, beinahe ganz von selbst, als wäre ihre Neugier stärker als die Angst. Sie mied das Internet, mied die Fernsehnachrichten, sogar den Gang zum Kiosk, damit ihr Blick nicht zufällig auf die reißerischen Schlagzeilen der Boulevardpresse fiel, die sich möglicherweise mit einem ähnlichen Fall beschäftigten.

Das alles waren unmittelbare Folgen der Ereignisse von vor einem Jahr. Wann und ob sich jemals etwas daran ändern würde, stand in den Sternen. Möglicherweise wurden diese Erscheinungsformen ihrer Traumatisierung mit den Jahren schwächer. Aber eine Garantie gab es nicht.

Ein Therapeut hatte posttraumatische Belastungsstörungen bei ihr diagnostiziert. Der Auslöser könne etwas ganz Harmloses sein. Irgendetwas, das mit der Ermordung ihres Sohnes zu tun habe. Eine Stimme, das Klingeln einer Tür, ein Geruch, ein Ort …

Inzwischen kannte Sandra einige dieser Auslöser, die solche Flashbacks bei ihr verursachten, und mied sie wie der Teufel das Weihwasser. Die Therapie hatte sie abgebrochen. Sie hatte nicht das Gefühl gehabt, dass es ihr wirklich helfen konnte. Vielleicht musste sie ihren eigenen Weg finden, um mit den Geschehnissen fertig zu werden.

Marc hatte das geschafft. Auf seine Weise. Sandra billigte das nicht, vielleicht war sie aber nur neidisch auf ihren Mann, denn er hatte immerhin ein Leben. Natürlich nicht dasselbe wie vor Tims Tod. Vielleicht war auch für Marc alles nicht mehr so leicht, ausgelassen und fröhlich. Aber verglichen mit ihrer Situation ging es ihm gut. Auf jeden Fall, soweit sie es beurteilen konnte. Denn ehrlicherweise musste sie zugeben, sich seit einem Jahr nicht mehr allzu sehr für die Befindlichkeiten anderer Menschen zu interessieren. Ihr Mann machte da keine Ausnahme.

»Sie haben wieder zugeschlagen”, fuhr Norman Meyer fort.

Im ersten Moment glaubte Sandra, sich verhört zu haben. »Sie?«

»Ja. Es sind zwei. Und es betrifft ein Kind in Malmö, Schweden.«

Sandra sah auf.

Es war erste Mal seit damals, dass es eine Neuigkeit gab. Leider bedeutete diese Neuigkeit auch, dass es weitere Fälle gab …

»Wissen Sie das genau?«, fragte sie. »Ich meine, dass es zwei Täter waren?«

»Ja. Das hält die Kripo für gesichert. Also, Sandra, ich möchte Sie zunächst einmal fragen, ob Sie wirklich mehr darüber erfahren möchten. Es könnte nämlich sein, dass …« Meyer sprach nicht weiter. Auf seiner glatten Stirn bildete sich die typische V-förmige Furche.

»Sie meinen, es könnte alte Wunden aufreißen?«

»Ja.«

»Die sind ohnehin nicht verheilt. Also brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, was das angeht.«

»Wenn Sie es sagen.«

»Bitte, erzählen Sie. Es scheint Neuigkeiten zu geben. Und ich dachte schon, dass es kaum noch Hoffnung gibt, überhaupt etwas Neues zu erfahren.«

»Also gut. Ihr Sohn wurde damals in einem stillgelegten Lagerhaus in Osnabrück-Hafen gefunden.«

»Ja.«

»Und man hat die DNA des mutmaßlichen Täters sichergestellt.«

»Ja.«

»Dadurch konnte man die Ermordung Ihres Sohnes eindeutig mit einer Serie anderer, ähnlich gelagerter Fälle in Verbindung bringen. Fälle in verschiedenen Staaten, was die Sache nicht gerade erleichtert.«

»Ja, ja, das alles ist richtig.« Sandra verlor die Geduld. »Aber was hat sich jetzt an neuen Erkenntnissen ergeben?«

»Die DNA-Spur, die man damals gesichert hat, stammte eindeutig von der Person, die Ihren Sohn umgebracht hat. Ich will jetzt nicht noch einmal in die Einzelheiten gehen, weil ich nicht weiß, wie ich es Ihnen sagen soll.«

»Sprechen Sie es einfach aus«, sagt Sandra. Ihre Stimme klang überraschend klar und fest.

Was habe ich noch zu verlieren, außer meinem Verstand? Vielleicht ist es das Beste, wenn ich mich endlich den Dingen stelle, die mich bis in den Schlaf verfolgen. Ich kann diesen Dämonen ohnehin nicht entfliehen …

Möglicherweise war Meyer genau zum richtigen Zeitpunkt bei ihr aufgetaucht, auch wenn Sandra noch immer nicht wusste, was genau er eigentlich von ihr wollte. Aber damit würde er schon noch herausrücken.

Meyer machte eine Geste, die Sandra schon damals aufgefallen war, bei ihren ersten Begegnungen während der Ermittlungen. Es war eine Bewegung, als würde er mit beiden Händen nach etwas greifen, es umfassen, festhalten, im wahrsten Sinn des Wortes begreifen. Dabei spannten sich die Muskeln unter dem eng sitzenden Jackett. Meyer war kräftig, mit leichtem Übergewicht, breiten Schultern und kurzem Hals, was den untersetzten Eindruck noch verstärkte. Auch Arme und Beine waren kurz, aber sehr kräftig. Ein Mann, von dem man eher geglaubt hätte, dass er Schmied ist, oder Maurer, aber kein forensischer Psychologe. Und bei seinen Wurstfingern konnte man sich schon gar nicht vorstellen, dass sie sich zu feinmotorisch anspruchsvoller Tatortarbeit eigneten. Aber Sandra wusste, dass genau dies der Fall war. Denn Meyer verstand nicht nur etwas von der menschlichen Seele und psychischen Abgründen, hatte sich nicht nur mit den wahnhaften Motiven von Serientätern beschäftigt, sondern kannte sich genauso gut mit der Arbeit an einem Tatort aus. Und das war die Basis der Ermittlungen. Denn aus dem, was er dort feststellte, zog Meyer seine Rückschlüsse auf das Verhalten und die Absichten des Täters. Oder die Täter, wie in diesem Fall.

»Ich fange am besten ganz von vorne an«, sagte er nun. »Wenn man an einem Tatort ist, und es wird eine DNA-Spur gefunden, ist ja noch nicht gesagt, dass sie mit dem Tatgeschehen zu tun hat. Bei der Spur, die am Körper Ihres Sohnes sichergestellt wurde, war das allerdings naheliegend, zumal diese DNA auch in ähnlichen Mordfällen eine Rolle gespielt hatte. Aber an fast jedem Tatort gibt es darüber hinaus noch viele andere DNA-Spuren, die nichts mit dem Fall zu tun haben. Hautschuppen, Haare, Speichel, Blut – was auch immer. Und die stillgelegte Halle, in der die Tat an Ihrem Sohn verübt wurde, war lange Zeit der Arbeitsplatz vieler Menschen. Es wäre unwahrscheinlich gewesen, hätte man dort nur Spuren des Täters gefunden. Die Schwierigkeit ist natürlich immer, die relevanten Spuren von denen zu trennen, die nichts mit der Tat zu tun haben …«

»Und was hat sich jetzt an Neuem ergeben?«, hakte Sandra nach.

»Am Tatort dieses neuen Falles aus Malmö wurden am Körper des Opfers zwei DNA-Spuren gefunden, die relevant sind. Es handelt sich um die DNA eines Mannes und einer Frau. Die DNA des Mannes entspricht dem genetischen Profil der Person, die wir bisher schon als Serientäter identifiziert hatten. Sie war bei allen zur Serie gehörenden Verbrechen zu finden. Die DNA der Frau ist neu. Aber des DNA-Profil passt zu einer Spur, die in der Lagerhalle, in der man damals Ihren Sohn gefunden hat, sichergestellt und später analysiert worden ist.«

»Das heißt, diese zweite Spur ist vorher als nicht relevant aussortiert worden?«

»Richtig. Wir gingen davon aus, dass sie nicht mit der Tat in Verbindung stand. Aber die Übereinstimmung mit den Spuren in Malmö kann kein Zufall sein.«

Sandra atmete tief durch. »Zwei Täter, ein Mann und eine Frau«, flüsterte sie. »Sie sagten, die in Malmö sichergestellte Spur stand zweifelsfrei mit dem Verbrechen in Verbindung …«

»Ja.«

»Blutspuren?«

»Ja.«

»Die Zeichen?«

Meyer nickte. »Ja.«

Unwillkürlich erschienen Bilder vor Sandras innerem Auge. Ihr Sohn, kahl geschoren, der Schädel mit seltsamen, verschnörkelten Zeichen versehen. Einige mit schwarzem Filzstift aufgetragen, andere eingebrannt. So hatte man Tim gefunden. Sandra erinnerte sich an jedes diese schrecklichen Details, nicht aber an den toten Tim, der zusätzlich Würgemale am Hals gehabt hatte.

Nein, ihr standen andere Bilder vor Augen.

Die Videos, die damals im Netz verbreitet worden waren und die man selbst heute noch dort in irgendwelchen dubiosen Foren finden konnte, wenn man es darauf anlegte. Videosequenzen, die das von Panik verzerrte, schreiende Gesicht eines gequälten Kindes in Todesangst zeigten. Auf diesen Videos war der Schädel bereits rasiert und mit Zeichen versehen gewesen.

Diese verdammten Zeichen!

Niemand wusste, was sie bedeuteten. Es sei einfach nicht herauszufinden gewesen, hatte man Sandra gesagt. Der zuständige Staatsanwalt hatte ihr gegenüber sogar behauptet, es handele sich gar nicht um Zeichen, sondern um sinnlose Krakeleien mit Blut und Filzstift, manche davon ins Fleisch gebrannt mit einem heißen Gegenstand, vermutlich aus Metall, wie damals ermittelt worden war.

Nur Meyer war anderer Meinung gewesen. Nicht nur in diesem Punkt. Für ihn waren es Symbole gewesen. Dass man die Zeichen nicht entschlüsseln konnte, hieß für ihn nicht, dass sie keine Bedeutung hatten.

Manche der verschnörkelten Formen hatten sich regelrecht in Sandras Gedächtnis eingebrannt. Sie erinnerten an Ornamente, an kalligraphisch verschlungene Schriften, nur dass man ihnen keinen Sinn entnehmen konnte.

»Es gab bei diesem Kind in Malmö also auch Zeichen, die mit Blut auf den Kopf geschrieben wurden?«, fragte Sandra.

»So ist es«, bestätigte Meyer.

»Und die DNA der Frau war …«

»In den Blutspuren. Sowohl ihre DNA wie auch die des Mannes. Wir haben es also mit einem Killer-Paar zu tun.«

Eine Pause entstand. Meyer wirkte seltsam verlegen. Sandra bemerkte, dass er ihrem Blick auswich. Sie hatte eine Ahnung, weshalb das so war.

»Sie brauchen keine Rücksicht auf mich zu nehmen, Herr Meyer. Ich habe Sie nicht eingeladen. Sie sind zu mir gekommen. Ich hatte ein Jahr lang niemanden, mit dem ich über den Fall sprechen konnte.«

»Aber Sie hatten doch einen Therapeuten …«

»Ich hatte sogar mehrere. Aber mit denen wollte ich nicht reden, als ich erkannt habe, dass die mir ohnehin nicht helfen können.«

»Und das Gespräch, das wir jetzt führen …«

»Ist für mich weit weniger unangenehm, als Sie glauben. Auch weniger unangenehm, als ich selbst noch vor Kurzem angenommen hätte. Nein, das ist eigentlich zu schwach formuliert. Es ist … eine Befreiung. Ja, das trifft es ganz gut. Ich fühle mich befreit.« Sandra saß jetzt aufrecht und sehr gerade. Und sie sah die Überraschung in Norman Meyers Gesicht.

Sollte es möglich sein, dass du mein Verhalten nicht vorhersehen konntest?, ging es ihr nicht ohne ein gewisses Gefühl des Triumphs durch den Kopf.

»Ich will jetzt die Gemeinsamkeit zwischen uns nicht überstrapazieren, Frau Jürgens«, sagte Meyer, »aber in gewisser Weise ging es mir ähnlich wie Ihnen. Dass dieser Fall Sie nicht losgelassen hat, ist verständlich. Schließlich sind Sie Tims Mutter. Aber wie gesagt, mir erging es ähnlich. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn so eine Sache nicht restlos aufgeklärt wird. Und in diesem Fall ist es noch viel schlimmer. Es gibt weitere Opfer – und das nur, weil es mir nicht gelungen ist, Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Immer wieder habe ich mich gefragt, wo der Fehler ist, den ich gemacht haben muss.«

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