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Der Duke mit dem versteinerten Herzen

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1. KAPITEL

Immer und überall ist Weihnachten die Zeit der Wunder und Überraschungen

Blackhaven Castle, Essex,
19. Dezember 1812

Lady Seraphina Moreton erreichte Blackhaven Castle, als gerade das seit Menschengedenken schlimmste Unwetter über Essex hereinbrach. Hagelkörner, groß wie Taubeneier, prasselten auf das Kutschendach, und der Schnee häufte sich rechts und links an der sich dahinwindenden Landstraße.

„Das ist kein böses Omen, nein, nein“, flüsterte sie wieder und wieder vor sich hin, während der Wagen schlingernd dahinholperte, ehe er endlich anhielt. Vor ihr ragte mit hohen, dunklen Mauern das Schloss auf. Eine einzige Lampe, gehalten von einer einsamen Gestalt, erhellte den großen Säulenvorbau.

Blackhaven. Der Name passte. Das Bauwerk wirkte abschreckend und unzugänglich. Seraphina atmete tief ein. Sie durfte sich nicht als kritisch erweisen. Sie musste ein Lächeln aufsetzen und stets Heiterkeit ausstrahlen. Hatte ihr das nicht Mrs Jennings von der Stellenvermittlung eindringlich anempfohlen? „Kein trübes Gesicht in diesem Beruf, Miss! Der Arbeitgeber hat immer recht, und Bettler können nicht wählerisch sein.“ Bettler wie sie. Es gelang ihr, eine gefasste Miene aufzusetzen. Doch sie konnte die Herzensangst nur schwer unterdrücken. Am liebsten wäre sie ausgerissen, weit fort von diesem Ort, von einer Welt, die sie immer weniger verstand.

Trey Linton Stanford, der sechste Duke of Blackhaven, wandte sich vom Fenster seiner Bibliothek ab und betrachtete die Frau, die sein Butler ins Zimmer führte. Er hatte gesehen, wie sie aus der Kutsche stieg, mit einer Auriole hell schimmernden Haares, das die Farbe polierten Goldes hatte – wie die Flügel der Engel in den Buntglasfenstern seiner Hauskapelle. Er hoffte stark, dass sie nicht schön war, nicht jung und nicht eine der Gouvernanten, die ein falsches Lächeln wie eingefroren auf dem Gesicht trugen.

Als sie jedoch näher kam und ihre himmelblauen Augen auf ihn richtete, wusste er, dass er in allen Punkten betrüblich enttäuscht wurde. Lautlos fluchte er vor sich hin.

„Willkommen in Essex.“ Er hörte selbst, dass er wenig freundlich klang, beließ es aber dabei. Sechs Gouvernanten in drei Jahren, und diese hier sah aus, als sei sie noch hasenherziger als die vorherigen. Seine Söhne würden sie bei lebendigem Leibe verspeisen – in einem Tag. „Ich bin Blackhaven.“

„Ich danke Ihnen dafür, mir freundlicherweise eine Stellung hier anzubieten. Mein Name ist Miss Sarah Moorland, und ich komme aus London.“ Sie knickste anmutig, und ihr Tonfall deutete auf vornehme Erziehung hin, als sie fortfuhr: „Ich werde mich natürlich außerordentlich bemühen, Ihre Kinder so zu erziehen, wie Sie es erwarten, Euer Gnaden, da diese Stellung mir zu einem sehr gelegenen Zeitpunkt angeboten wurde.“

Das brachte Trey beinahe zum Lächeln. Beinahe. In ihren Augen las er Verzweiflung. „Also sind Sie eine erfahrene Gouvernante?“

Die jähe Röte, die ihr in die Wangen stieg, sagte ihm das Gegenteil; der Gerechtigkeit halber musste er allerdings zugeben, dass sie sich zu erläutern bemühte. „Ich habe mich oft der Kinder von Freunden angenommen, Sir, und empfand es als sehr dankbare Aufgabe.“

„In der Tat.“

Darauf trat Schweigen ein, obwohl er, als er in den hellen Lichtkreis seiner Schreibtischlampe trat, sah, dass Miss Moorland kaum merklich die glatte Stirn runzelte. Verdammt, er vergaß immer wieder, wie er auf Fremde wirkte, bis er es an ihren Mienen ablesen konnte.

„Ich entschuldige mich für den Schrecken, den mein Anblick hervorrufen mag. Ich wurde bei La Coruña verwundet.“ Diese Erklärung, deren Worte wie auswendig gelernt über seine Zunge flossen, bekam jeder, der ihn anschaute wie sie jetzt gerade.

„Oh, Euer Gnaden, die Betroffenheit galt nicht Ihrem Gesicht! Doch mein Bruder fiel in demselben Feldzug, und Ihre Verwundung erinnert mich daran. Sie hatten Glück, überhaupt wieder heimkommen zu können.“

Eine Überraschung. Selten genug für ihn. Und glücklich genannt zu werden war eine ganz neue Erfahrung. Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte er. Es klang eingerostet und gebrochen.

„Sie sagten, diese Stellung komme gerade zur rechten Zeit. Warum das?“

„Mein Vater verschied vor Kurzem, und mein noch lebender Bruder fand, er habe nicht den Platz, mich aufzunehmen.“

„Dann wäre eine Heirat keine Alternative?“

Sie errötete zutiefst, und in ihren blauen Augen stand Furcht. Er entschied sich, das Thema vorerst nicht weiter zu verfolgen, und erklärte stattdessen: „Meine drei Jungen sind neun, sieben und fünf Jahre alt. Sie brauchen straffe Zügel, feste Regeln und Disziplin. Sie werden früh um sechs geweckt und gehen am Abend um acht schlafen. Wenn Sie sie in Literatur, Mathematik und Naturwissenschaften unterrichten können, wäre ich sehr zufrieden.“

Ihr unsicheres Nicken ließ ihn glauben, dass diese Themen ihr ein ebensolches Mysterium waren wie seinen Kindern. Allerdings konnte er unter den momentanen Bedingungen kaum sehr anspruchsvoll sein. Jemanden, der das Chaos eindämmte, mehr konnte er nicht verlangen. Der Rest musste später im Internat bewältigt werden. „Ihr Zimmer befindet sich im gleichen Stockwerk wie die der Kinder. In den Abendstunden und der Nacht werden die von einer Nurse betreut. Das Frühstück wird unten im kleinen Salon serviert, jeweils um sieben. Die Schulstunden sollten ab neun Uhr bis in den Nachmittag hinein stattfinden. Ab Samstagmittag steht Ihnen das Wochenende zur freien Verfügung. Falls Sie das Dorf aufsuchen möchten, können Sie um eine Kutsche bitten. Haben Sie noch Fragen?“

Während Miss Moorland offensichtlich all diese Anweisungen überdachte, beobachtete er sie scharf und war überrascht, als sie nickte. Bisher hatte keine der Gouvernanten, die sich vorgestellt hatten, je nachgefragt.

„Reisen Sie häufig nach London, Sir?“

„Nie.“

Er hatte Missmut erwartet, fand jedoch Erleichterung. Unruhig nestelte sie am Verschluss ihres Umhangs.

Sein Bein schmerzte vom langen Stehen, er sehnte sich nach einem Stuhl. Er wollte nur noch Ruhe und einen kräftigen Brandy, doch sie sah nicht aus, als wäre das alles.

„Ich möchte Sie bitten, mir zu gestatten, einen kleinen Hund in ihr Haus mitzubringen, Mylord. Sehen Sie, er hat kein anderes Heim, und …“

„Wie klein?“

Sie schob den Umhang zur Seite, und zwischen den Falten des abgeschabten Samtstoffes kam der fuchsfarbene Kopf eines Hündchens unbestimmter Abkunft zum Vorschein.

„Mir scheint, es ist schon im Haus, Miss Moorland.“

„Ich weiß, und ich entschuldige mich dafür, Sir.“ Vor Angst wirkte ihr Gesicht blass, und sie schaute ihn mit großen Augen flehend an. „Aber ich verspreche, dass man es gar nicht bemerken wird – das ruhigste Hündchen der Welt – und es liebt Kinder.“

„Also ein ganzes Tugendbündel.“ Die aus den Fugen geratene Welt seines Hauses würde noch chaotischer werden. Miss Moorland verkrampfte ihre zitternden, unbehandschuhten Hände, bis die Knöchel weiß hervortraten. Außer ihr die Bitte zu erfüllen, blieb ihm nicht viel übrig, wenn er nicht das Tierchen hinaus in die Kälte werfen wollte. Herrgott, das Hündchen schaute ebenso ängstlich drein wie seine Herrin. Er selbst hatte nie einen Hund besessen außer dem von seinem Vater zurückgebliebenen alten Mastiff, eine stets missgelaunte, gefährliche Kreatur. Generell hatte er für Hunde nichts übrig. Hatte nichts übrig für Überraschungen, und vor allem hatte er nichts für gezwungene Jovialität übrig, für zu erwartendes größeres Chaos in seinem Haus.

Dennoch lag der neuen Gouvernante anscheinend noch etwas auf dem Herzen. „Sir, gäbe es wohl die Möglichkeit, einige Speisereste aus der Küche zu bekommen, für Melusine? Ich weiß, es ist spät, doch sie ist hungrig nach dieser langen Reise.“

Zwei Dinge fielen Trey an ihrer Bitte besonders auf. Sie musste ebenso hungrig wie ihr Hündchen sein, erbat jedoch trotzdem nichts für sich – und sie kannte die düstere Geschichte über die Familie de Lusignan.

Melusine de Lusignan, eine Fürstentochter, tags eine schöne Frau, in der Nacht eine Schlange. Schön und geheimnisvoll. Und das Gleiche könnte man vielleicht auch über Miss Sarah Moorland sagen.

„Ihnen beiden wird in Kürze ein Imbiss gereicht werden, und morgen sollen Ihre Pflichten nicht zu schwer werden, sodass Sie sich von der Reise erholen können.“

Um Gottes willen, wie war er dazu gekommen, das zu sagen? Durch ihre hübsche, vorwitzige Nase oder die Grübchen in ihren Wangen, die sich jedes Mal vertieften, wenn er ihr nur einen Hauch Güte zeigte? Wie gesponnenes Gold schimmerte ihr Haar, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten und ihr fast bis zur Taille fielen. Kurz fragte er sich, wie seine Gattin mit ihr umgegangen wäre, ließ den Gedanken aber sofort wieder fallen. Catherine Stanford hatte so gut wie immer nur an sich gedacht, und ihr Tod war ein Spiegel ihres selbstsüchtigen Lebens.

Sie war an einer Lungenentzündung gestorben. Nach einer Abendgesellschaft war sie spät in der Nacht mit dem auf dem benachbarten Landsitz lebenden Earl heimgeritten, in einer spinnwebdünnen Robe, die besser in ein Londoner Hurenhaus gepasst hätte. Drei Tage danach kehrte er selbst aus dem Krieg nach Hause zurück, versehrt, mit entzündeten Gesichtswunden und unter den Nachwirkungen der Stürme leidend, die in der Biskaya über das britische Schiff hereingebrochen waren.

Er würde seine Gemahlin wohl für ihr ungehöriges Betragen zur Rechenschaft gezogen haben – hätte sie denn die folgende Woche überlebt. Doch dem war nicht so, und die Gerüchte über ihre Untreue verstummten nicht einmal während ihrer Beisetzung, da der bewusste Earl, völlig untröstlich, im vordersten Kirchstuhl daran teilnahm.

Und das war am Tag vor der Weihnachtswoche gewesen. Seitdem war Trey die Weihnachtszeit verhasst.

Seraphina wandte sich von ihm ab, bemüht, sich zu fassen. Nicht weinen, befahl sie sich, Männer hassen Frauentränen, und dieser hier wird keine Ausnahme sein. Doch sie war erschöpft und hungrig und verängstigt, und die verzweifelte Tapferkeit, die sie wie einen Schild vor sich hertrug, begann rapide zu bröckeln. Das Hündchen in ihrem Arm zitterte, vermutlich vor Furcht und Hunger. Falls es sich auf den kostbaren Aubusson-Teppich unter ihren Füßen übergäbe, würden sie bestimmt beide sofort aus dem Haus geworfen werden. Unter dem durchdringenden Blick des Dukes musste Seraphina bei diesem Gedanken hart schlucken.

Der Duke – er war schön, fand sie, obwohl ihm die Narbe auf seiner Wange einen Anflug von latenter Gefährlichkeit verlieh. Offensichtlich war es keine geringfügige Wunde gewesen und hatte sicherlich langer Genesung bedurft. Die Frau in der Stellenvermittlung hatte ihr sehr eindringlich erklärt, dass seine Gemahlin vor genau drei Jahren gestorben war; also würde diese Jahreszeit von traurigen Erinnerungen überschattet sein.

Nun, immerhin hatte er sie nicht hinausgewiesen, trotz des Hundes, und hatte sogar eine Mahlzeit zugesagt. Wieder schluckte sie, begann jedoch ein Fünkchen Hoffnung zu schöpfen. Er reiste nie nach London, und einsam genug lag dieses Anwesen auch. Vielleicht wäre sie hier eine Weile in Sicherheit, bis sie sich einen besseren Plan überlegen und England endgültig den Rücken zukehren konnte.

Nein, sie war nicht imstande, darüber nachzudenken, ehe sie nicht etwas gegessen hatte, denn das Schwindelgefühl war zurückgekehrt, und ihr drehte sich alles. Außerdem war gerade die Tür ein Stück aufgedrückt worden, und drei Kinder lugten ins Zimmer, mit Augen so dunkel wie die des Hausherrn.

Seraphina griff Halt suchend nach der Sofalehne, doch ihre Finger kamen ihr seltsam taub vor und wollten nicht zugreifen, und dann versank der Raum um sie in einem Wirbel, und sie fiel und fiel und fiel.

Trey fing sie auf, wobei er stirnrunzelnd feststellte, dass sie kaum mehr wog als sein ältester Sohn. Ihr fadenscheiniger Samtumhang klaffte auseinander, und ihr Hündchen machte, um sich in Sicherheit zu bringen, einen verzweifelten Satz und versuchte in einem Winkel der Bibliothek zu verschwinden.

„Ein Hund?“ Gareth, sein jüngster Sohn, lief hin, hockte sich vor das Tierchen und streckte ihm behutsam eine Hand entgegen, während sein Bruder David einige Kissen vom Sofa schubste, um für den unerwarteten Besuch ein Lager zu schaffen. Terence, das mittlere der Kinder, stand unbewegt da und starrte nur, und Treys Herz schmerzte beim Anblick dieser Teilnahmslosigkeit.

Mittlerweile kam Miss Moorland wieder zu sich, doch ihre Wangen, von denen die langen, dunklen Wimpern sich abhoben, waren sehr bleich, und kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie wirkte plötzlich viel jünger und schrecklich verletzlich. Als Trey ihren Umhang löste, um ihr mehr Luft zu verschaffen, bemerkte er, dass ihr das weiße Kleid, das sie trug, um gut zwei Nummern zu weit war. Irgendwie passte das alles nicht zusammen, denn ihre Stiefelchen bestanden aus feinem Leder und waren offenbar ebenso fein genäht. Und genauso fein und vornehm klang ihre Stimme und wirkte die einzelne Perle, die sie an einer silbernen Kette um den Hals trug.

„War ich ohnmächtig?“, fragte sie nun sichtlich entsetzt, während sie sich aufzurichten versuchte.

„An Ihrer Stelle würde ich einen Augenblick liegen bleiben.“

Ohne auf den Rat zu achten, fragte sie: „Melusine?“

„Sitzt in einer Ecke und wirkt mindestens so erschrocken wie Sie. Mein Sohn tröstet sie.“

„Danke.“

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