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Der Highlander und die widerspenstige Zofe

1. KAPITEL

1750 in den schottischen Highlands

Er stand ganz am Rand der Klippe, sodass die Spitzen seiner Stiefel über die zerklüftete Kante ragten. Unter seinen Füßen war nichts weiter außer dem Abgrund. Der Weg bis nach unten war lang – vermutlich hätte es nicht mehr gebraucht als einen einzigen starken Windstoß.

Er fragte sich, wie es sich wohl anfühlte, wenn man fiel. Würde sein Körper schweben wie die Seevögel, die sich von der Spitze der Felsen abstießen, um über der Wasseroberfläche zu gleiten? Oder würde er fallen wie ein Stein, der sich von der Klippe gelöst hatte? Ob er noch am Leben wäre, wenn er das Wasser berührte? Oder würde sein Herz ihn lange vorher schon im Stich lassen?

Aber ganz gleich, wie es sein würde, Rabbie Mackenzie war klar, dass er in dem Augenblick sterben musste, in dem er die Wasseroberfläche erreichte und auf den spitzen Felsen aufgespießt wurde, die direkt unter dem Schaum der Wellen lauerten. Wahrscheinlich würde er gar nichts spüren. Wenn die Ebbe kam, würde das Meer seinen leblosen Körper mitnehmen wie irgendein beliebiges Stück Treibgut.

Er sah zu, wie die Wellen sich an der Wand der Klippe brachen, während die Flut auflief. Die Gewalt des Wassers fesselte ihn. Er wünschte sich tatsächlich den Tod, aber er brachte andererseits nicht den Mut auf, sich wirklich das Leben zu nehmen. Es war der Gipfel der Ironie – was er sich wünschte, wonach er sich sehnte, waren die Highlands seiner Kindheit, als Highlander noch keine Angst vor dem Tod kannten.

Doch hier stand er nun und fürchtete sich vor dem Sterben.

Rabbie sehnte sich nach dem Reichtum der Jahre vor der Schlacht zwischen den Schotten und Engländern im Moor von Culloden. Er sehnte sich nach dem Tartan und den Waffen eines mächtigen Clans, die jetzt allesamt verboten waren. Er sehnte sich nach einem Fest wie der feill, bei dem er sich im Kräftemessen behaupten konnte und bei dem einem hübsche Mädchen Ale brachten, mit dem Männer ihren Durst stillen konnten. Doch diese Highlands gab es nicht mehr. Jetzt war alles nur noch eine Einöde, ganze Dörfer waren von den Engländern niedergebrannt worden, die Leute waren entweder gehenkt oder in Länder jenseits des Meeres vertrieben worden. Äcker und Weiden lagen brach. Kühe und Schafe hatten sie zusammengetrieben und verkauft. Das Land war verwahrlost und öde.

Nicht einmal Balhaire, das seit Jahrhunderten Familiensitz der Mackenzies war, hatten sie verschont. Dabei hatten sie sich nie mit den Jakobiten eingelassen, den Rebellen, die Charlie Stuart zurück auf den Thron bringen wollten. Die Mackenzies hatten allen Highlandern klargemacht, dass sie mit dieser Rebellion nichts zu tun haben wollten. Aber nachdem so viele Clans aus den Highlands dabei hatten zusehen müssen, wie ihre Leute von den englischen Truppen abgeschlachtet wurden, war die Hälfte des Mackenzie-Clans trotzdem geflohen, einige vor Furcht und einige, um falschen Anschuldigungen zu entgehen. Rabbie selbst hatte auch fliehen müssen. Er hatte sich über zwei Jahre lang in Norwegen versteckt wie so ein verdammter Feigling.

Aye, er hatte Sympathien für die Sache der Rebellen, aber er hatte nicht zu den Waffen gegriffen. Er liebte die Engländer nicht gerade, auch wenn seine Mutter eine Ausländerin, eine Sassenach, war und die Frau seines Bruders eine englische Viscountess. Rabbie war sich mit Seonas Familie immer einig gewesen – Schottland erstickte unter dem Gewicht von Steuern und Abgaben, so lange wie König George sie regierte.

Er stimmte ihnen zu, aber er hatte sich nie öffentlich gegen die Krone ausgesprochen. Sie waren trotzdem hinter ihm her gewesen und sie hatten das halbe Dorf um Balhaire niedergebrannt, ehe die Flammen gelöscht werden konnten, hatten sich das Vieh unter den Nagel gerissen und die Höfe verwüstet.

Aye, Rabbie sehnte sich nach den Tagen seiner Kindheit.

Er sehnte sich außerdem danach, zu erfahren, was aus Seona geworden war. War sie noch am Leben? War es irgendwie möglich, dass sie das alles überlebt hatte? Er würde es wohl nie erfahren.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich an der Mündung der Bucht etwas bewegte. Der Bug eines Schiffes tauchte auf, hob und senkte sich mit den Wellen, während der Kapitän versuchte, die Klippen zu umschiffen und sicher durch die felsige Einfahrt zu ihrem kleinen Versteck zu manövrieren.

Das musste sein Bruder Aulay sein, der gerade aus England zurückgekommen war.

Rabbie blickte noch einmal auf das Wasser hinunter und wünschte sich, dass ein Windstoß ihm die Entscheidung abnehmen würde. Er sah einem Bündel Seetang nach, das sich von den Felsen gelöst hatte und in die Mitte der Bucht getragen wurde, ehe es dann in der nächsten Welle verschwand.

Er trat vom Rand der Klippe weg. Heute würde er nicht springen. Heute würde er seine zukünftige Braut treffen.

Rabbie schlich erschöpft die Hauptstraße entlang, die nach Balhaire führte. Früher war das Dorf am Fuß der Festung geschäftig und voller Leben gewesen. Jetzt waren viele Geschäfte verbarrikadiert und abgesehen von der Schmiede und einem Gasthaus, das auch Haushaltswaren verkaufte, gab es überhaupt gar keinen Handel mehr.

Er betrat den Burghof durch das massive Haupttor der alten Burg von Balhaire. Außer ein paar Männern war niemand zu sehen. Sogar die meisten Hunde, die früher im Burghof herumgestreunt waren, waren verschwunden und niemand wusste, wohin. Er setzte seinen Weg fort in die alte Burg hinein, an deren Wänden nicht mehr länger die historischen Waffen hingen. Er hatte nur wenige davon in Sicherheit bringen und verstecken können.

Das Geräusch seiner Stiefel hallte auf dem Steinboden wider, als er zum Arbeitszimmer ging, wo er seinen Vater, den Lord, treffen würde. Er war das Oberhaupt von dem, was vom Clan der Mackenzies übrig geblieben war. Wie Rabbie erwartet hatte, war er bereits an der Arbeit. Er studierte mit gerunzelter Stirn das Rechnungsbuch, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Sein Haar war über die Sorgen der letzten Jahre grau geworden.

Sein Vater bemerkte ihn nicht gleich, als er in der offenen Tür stand. „Feasgar math, Vater. Wie geht es dir?“, sagte Rabbie zur Begrüßung.

„Rabbie, mein Junge, komm herein“, antwortete sein Vater und winkte ihn zu sich heran. „Mir geht es gut, sehr gut.“ Er nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. „Wir haben dich heute Morgen beim Frühstück vermisst.“ Er setzte die Brille wieder auf und sah seinen jüngsten Sohn an. „Wo bist du denn schon so früh gewesen?“

Rabbie zuckte mit den Schultern. „Herumgelaufen.“

Sein Vater sah aus, als ob er noch etwas sagen wollte, aber er schwieg. Rabbie wusste genau, dass seine Familie sich Sorgen um seine geistige Verfassung machte. Er machte sich ja selbst Sorgen. Er versuchte, vor ihnen zu verbergen, wie unruhig er war, aber das hatte kaum einen Sinn – welcher Mann konnte schon einfach so guter Dinge sein?

Er ging zur Anrichte hinüber und goss sich einen Whisky ein, den er in einem Zug austrank, ehe er das Glas mit fragender Miene seinem Vater hinhielt. Sein Vater schüttelte den Kopf. Er ließ den Blick auf dem Glas ruhen, offensichtlich wartete er darauf, dass Rabbie es abstellte.

Doch Rabbie stellte es nicht ab – er schenkte noch einmal nach. „Das Schiff ist hier“, sagte er. Es war nicht nötig, genauer zu sagen, welches Schiff er meinte – sie hatten das eine ihrer beiden Schiffe an die Engländer verloren und mussten jetzt mit dem älteren Schiff zurechtkommen. Sie warteten seit ein oder zwei Tagen auf Aulay.

„Gut“, meinte sein Vater. „Es gefällt mir genauso wenig, wenn mein zweitältester Sohn in England ist wie mein Ältester.“

Damit meinte er Cailean, der mit Lady Chatwick verheiratet war. Sie lebten im Norden von England auf dem Landsitz Chatwick Hall, weit weg von allen politischen Auseinandersetzungen und sonstigem Ärger … auch wenn ein Schotte in England natürlich nie weit weg von irgendwelchem Ärger war.

Sein Vater erwähnte die Reisegesellschaft von Rabbies Braut mit keinem Wort. Rabbie trank, sein zweites Glas Whisky und spürte, wie die Wärme des Alkohols den Kloß in seinem Hals ein wenig löste. Wie viel er trank war in der letzten Zeit immer wieder ein Streitpunkt zwischen ihm und seiner Mutter gewesen und das aus gutem Grund. Rabbie hatte nicht nur mit düsteren Gedanken zu kämpfen, er trank auch zu viel. Er kam aber weder gegen das eine noch gegen das andere an.

Er ging zum Fenster hinüber, um nicht der Versuchung zu unterliegen, seine Sorgen im Whisky zu ertränken, und starrte auf den leeren Burghof hinab. „Es ist also beschlossene Sache?“

„Was ist beschlossene Sache?“, fragte sein Vater.

Sein Vater wusste ganz genau, was er meinte, und nur wenige Augenblicke später seufzte er, so als ob er es satthätte, sich mit Rabbie darüber zu streiten. „Ich habe es schon einmal gesagt, Junge, und ich sage es dir wieder: Die Entscheidung liegt bei dir – ich kann dir in dieser Sache doch keine Vorschriften machen, aye?“

Aber hatte er nicht schon für ihn entschieden? War die Entscheidung nicht schon längst gefallen, als sein Vater und seine Mutter das Thema zum ersten Mal angesprochen hatten?

„Hast du deine Meinung denn in der Zwischenzeit geändert?“, fragte sein Vater.

Rabbie lachte voller Hohn. „Meine Meinung geändert? Soll ich Balhaire vielleicht einfach seinem Schicksal überlassen? Soll ich vielleicht zulassen, dass sie herkommen und es ganz und gar auseinandernehmen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, Vater, ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich werde tun, was ich tun muss, da kannst du dir sicher sein.“

„Ideal ist das alles nicht, was?“, fragte sein Vater.

Eine geradezu absurde Untertreibung.

„Cailean hat gesagt, sie ist hübsch“, sagte sein Vater vorsichtig. „Das macht es vielleicht ein bisschen einfacher für dich, aye?“

Nein, das schmerzte Rabbie nur noch viel mehr. Keine andere Frau konnte für ihn so hübsch sein, wie Seona MacBee es gewesen war, mit ihrem kupferroten Haar und den dunkelbraunen Augen. A Diah, wieso hatte er Seona nicht einfach vor dem Krieg geheiratet? Wenn er das getan hätte, wäre sie mit ihm nach Norwegen gekommen und wäre noch am Leben.

Er spürte einen stechenden Schmerz in der Stirn und schloss die Augen. „Aber darauf kommt es doch jetzt auch nicht mehr an“, murmelte er.

„Rabbie“, sagte sein Vater. Rabbie konnte hören, wie er aufstand und sein schlimmes Bein hinter sich herzog, während er mithilfe seines Krückstocks auf ihn zukam. Er legte eine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Das Mädchen ist noch jung. Sie wird sich deinem Willen beugen, mit Sicherheit. Sie kann alles werden, was du haben willst.“

Was Rabbie wollte, war, dass sie Seona wurde und das war eben unmöglich.

„Pass auf“, sagte sein Vater leise. „Heirate das Mädchen. Vollzieh die Ehe mit ihr und dann kannst du dir immer noch eine Mätresse suchen.“

Überrascht drehte Rabbie sich um und sah seinen Vater an.

„Du kannst doch deine Zeit auf Balhaire verbringen oder du schickst sie für lange Sommer nach England. Du brauchst dich doch nicht auf Arrandale mit ihr einzusperren.“ Als er sah, wie entgeistert Rabbie ihn ansah, zuckte Arran Mackenzie nur mit den Schultern. „Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Maßnahmen, oder nicht? Deine Mutter und ich hätten uns auch etwas anderes für dich gewünscht. Aber leider liegt eine solche Entscheidung nicht mehr in unserer Macht. Wenn es einen Engländer gäbe, der sich eine Frau aus den Highlands wünscht …“

Rabbie schüttelte sofort den Kopf. Es war eine Sache, wenn er in eine englische Familie einheiratete, aber er hätte niemals zugelassen, dass seine freigeistige kleine Schwester Catriona dieses Schicksal auf sich nehmen musste. „Nein“, sagte er mit fester Stimme. „Ich muss es tun, aye?“

„Nicht, wenn du es nicht tun willst.“

„Ich will es nicht tun“, erklärte Rabbie, „aber ich lasse auch nicht zu, dass es für Balhaire keine Hoffnung mehr gibt.“

Sein Vater lächelte betrübt, klopfte Rabbie auf die Schulter und ging dann auf die Tür zu. Dabei stützte er sich schwer auf seinen Krückstock. „Dann besiegeln wir heute Abend die Verlobung.“ Er unterbrach seinen Weg durch das Arbeitszimmer und blickte sich um. „Es sei denn, du sagst ein Wort, Junge. Du brauchst es nur zu sagen.“

Es gab nichts, was Rabbie hätte sagen können – er saß in der Falle wie eine Maus in einem Zimmer, vor dessen Tür eine Katze lauert. Er hatte keinen anderen Ausweg als den Tod. Wenn er diese Frau nicht heiratete, würde ihr Vater die ganzen Ländereien um Balhaire herum aufkaufen. Er hatte Killeaven bereits von der Krone gekauft, nachdem die Somerleds es verlassen hatten, und er würde alles andere auch noch an sich reißen, was von den Mackenzies verlassen worden war, als sie geflohen waren. Seine Familie konnte es sich nicht leisten, der Krone dieses Land abzukaufen, nachdem ihr Seehandel sich halbiert hatte und die Schmuggelei durch den Krieg unmöglich geworden war, abgesehen davon, dass es hier niemanden mehr gab, der ihnen ihre Waren abgenommen hätte.

Wenn die Äcker um Balhaire herum verkauft und von Schafherden beweidet wurden, gab es nicht mehr genügend Land, um die verbliebenen Mackenzies zu ernähren. Kein Land für den Ackerbau und keine Weiden. Sie taten sich schon schwer genug damit, alles wieder aufzubauen, was während der Rebellion zerstört worden war, und es war überall in den Highlands das Gleiche. Wenn Rabbie jetzt diese Sassenach heiratete und Killeaven ihm gehörte, hatten die Mackenzies wenigstens noch eine Chance, ihre Lebensgrundlage zu erhalten.

Er hatte wirklich keine andere Wahl.

Die Reisegesellschaft der Braut traf mit riesengroßem Aufruhr ein. Es waren sechzehn Personen, sagte Frang, der Butler – Dienstboten, die Eltern des Mädchens und ein Onkel, vermutete er. Und eine Gouvernante.

„Eine Gouvernante“, wiederholte Rabbie spöttisch. „Ich dachte, das Mädchen ist siebzehn Jahre alt. Wozu braucht sie dann noch eine Gouvernante?“

„Sie ist nicht im eigentlichen Sinn ihre Gouvernante“, sagte seine Mutter und klopfte ihm auf den Arm. „Ich würde sagen, sie war Gouvernante und ist jetzt Zofe geworden, weil sie keine andere Beschäftigung gefunden hat.“

„Was soll das heißen? Muss ich die jetzt etwa auch durchfüttern?“

Seine Mutter runzelte die Stirn und sah dabei trotzdem noch immer elegant aus. Er hatte noch keine andere Frau kennengelernt, der dieses Kunststück gelungen wäre.

Rabbie und seine Eltern saßen in der großen Halle. Sie hatten ihre Plätze auf der alten Empore über den langen Tafeln für den Clan eingenommen, wo die Lords der Mackenzies und ihre Familien schon seit zwei Jahrhunderten saßen. Sie hörten, wie die Sassenachs ankamen, ein fröhliches Stimmengewirr vor der Eingangstür. Schweigend sahen sie zu, wie Aulay die englische Delegation in die Halle führte.

An der Spitze der Gruppe der Engländer kam ein groß gewachsener, schlanker Mann herein, dessen Gesicht schneeweiß gepudert war. Nach seiner Kleidung zu urteilen, musste das der Baron Kent sein. Er blieb stehen, um sich umzuschauen. In seinem Blick lag Verwunderung, so als hätte er noch nie zuvor eine Burg von innen gesehen. Vor einigen Monaten, als Cailean und seine Frau Daisy zum ersten Mal von ihren Gesprächen mit Baron Kent erzählt hatten, hatte Daisy berichtet, dass Bothing, der Stammsitz der Familie Kent, ein ziemlich vornehmes Haus war. „Drei Stockwerke und lang gestreckte Seitenflügel“, hatte sie gesagt. „Vornehmer noch als Chatwick Hall.“

Rabbie war noch nie in Chatwick Hall gewesen, aber ihm war aufgefallen, wie Daisy bei diesen Worten die Augen aufgerissen hatte und daraus hatte er geschlossen, dass dieses Bothing ziemlich elegant sein musste. Vielleicht war Balhaire rustikaler, als Kent gedacht hatte. Er fragte sich, was der Baron wohl von Killeaven erwartete, immerhin hatte er das Anwesen mit seinen Ländereien ungesehen gekauft.

Aulay ging mit schnellen Schritten der Gruppe voran auf die Empore zu. Sein blondes Haar war zu lang geworden, und sein Gesicht war nach so vielen Tagen auf See tief von der Sonne gebräunt. Er wirkte schlanker als das letzte Mal, als Rabbie ihn gesehen hatte. Schwungvoll nahm er den Hut ab und verneigte sich vor seinen Eltern, dann begrüßte er zunächst die beiden und dann Rabbie auf Gälisch.

„Also dann“, entgegnete sein Vater ebenfalls auf Gälisch. „Wie ist es dir mit ihnen ergangen?“

„Keine Schwierigkeiten“, sagte Aulay mit einem Achselzucken und sah dann Rabbie an. „Das Mädchen ist ganz bescheiden.“

Rabbie antwortete nicht. Er wollte kein bescheidenes Mädchen. Wenn er das alles schon tun musste, dann wollte er eine richtige Frau. Er sah die Gruppe an, über die sie geredet hatten, um einen Blick auf das Mädchen zu werfen, aber die einzige Frau, die er zwischen den ganzen Sassenachs erkennen konnte, stand ein wenig von den anderen entfernt, wo sie unbekümmert an der Wand lehnte. Sie war groß, dunkelhaarig und sehr schlicht gekleidet. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ließ den Hund nicht aus den Augen, der den Saum ihres Kleides beschnüffelte. Sie wirkte ein wenig, als wäre ihr die ganze Sache nicht geheuer, was ihm etwas merkwürdig vorkam. Wenn hier irgendjemandem etwas nicht geheuer sein sollte, dann war das ganz bestimmt nicht sie.

Rabbies Vater erhob sich. „Mylord, Ceud mile failte – herzlich willkommen auf Balhaire.“

„Ein außergewöhnliches Haus haben Sie hier“, sagte der Mann, der wie ein Gespenst aussah, während er auf ihn zuging. Direkt hinter ihm kam ein zweiter Mann, der watschelte wie ein Mastschwein. Sie trugen beide lächerliche Perücken. „Sehr freundlich von Ihnen, uns zu empfangen. Soweit ich weiß, ist es noch ein ganzes Stück von hier bis nach Killeaven?“

„Vier Meilen durch die Berge“, erwiderte Arran Mackenzie. Er hob seinen Krückstock auf und wollte die Empore heruntersteigen. Auch wenn er inzwischen einen Stock zum Gehen brauchte, war Rabbies Vater noch immer eine eindrucksvolle Erscheinung, und neben ihm wirkte Lord Kent klein wie ein Zwerg. „Sie und Ihre Familie sind uns in unserem Heim für die Nacht sehr willkommen, aye? Ruhen Sie sich bei uns aus, ehe Sie nach Killeaven weiterfahren.“ Er drehte sich ein wenig zur Seite, als Rabbies Mutter sich zu ihnen gesellte. „Meine Frau, Lady Mackenzie.“

Seine Mutter machte einen Knicks und begrüßte die Gäste. Kent wandte sich leutselig an Rabbies Mutter, wahrscheinlich gefielen ihm ihr englischer Akzent und ihre Schönheit. Er stellte den Mann, der neben ihm stand, als seinen Bruder Lord Ramsey vor.

„Darf ich Sie mit unserem Sohn bekannt machen?“, fragte seine Mutter freundlich und zeigte dabei auf Rabbie.

Kent wandte blitzschnell den Kopf in seine Richtung und musterte Rabbie mit zusammengekniffenen Augen, während Rabbie sich erhob und sich daranmachte, von der Empore hinabzusteigen. „Also dann, Sie sind ja ein Prachtexemplar, nicht wahr? Körperlich genauso kräftig wie Ihr Vater und Ihr Bruder, wenn ich das sagen darf. Schau dir das an, Avaline, das hier ist dein zukünftiger Ehemann“, sagte er und sah sich nach seinen Leuten um.

Irgendjemand schob das arme Mädchen nach vorn. Sie stolperte ein wenig, fand dann aber ihr Gleichgewicht und machte einen Knicks. Ihr Haar hatte die Farbe von Gerstenähren, sie hatte grüne Augen und ihre Wangen waren tiefrot geworden wie zwei Pflaumen. Sie war winzig klein, und alles, woran Rabbie denken konnte, war, dass er sie wahrscheinlich in der Hochzeitsnacht zerquetschen würde. Diese Jungfrau musste er oben sitzen lassen.

Er ging auf die Gruppe zu. Das Mädchen wagte es nicht, ihn anzusehen. „Mylord“, sagte er zu ihrem Vater und verneigte sich. Dann sah er wieder das Mädchen an, das ihm noch immer nicht in die Augen sehen konnte.

„Ein starker junger Mann“, sagte Kent, während er Rabbie von oben bis unten ansah und zufrieden nickte, als wäre Rabbie eine preisgekrönte Kuh. „Sie werden mir einen Erben schenken, davon gehe ich aus. Darf ich Ihnen meine Tochter vorstellen, Miss Avaline Kent“, sagte er und nahm seine Tochter am Arm, um sie nach vorn zu zerren. „Sie ist hübsch, finden Sie nicht?“

Rabbie betrachtete ihre helle Haut. Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Ihre Hände waren so klein, dass sie mit Sicherheit zu nichts Sinnvollem zu gebrauchen waren, soweit er das beurteilen konnte. „Hübsch genug, würde ich sagen, aye“, sagte er.

Abgesehen von einem erschrockenen Hüsteln von der Frau, die an der Wand lehnte, brachte eine Weile niemand einen Ton hervor.

Doch dann fing Baron Kent lauthals zu lachen an. „Gut genug!“, stimmte er fröhlich zu.

Es gelang Rabbies Mutter, ihm einen Tritt gegen den Knöchel zu verpassen. Er trat ein paar Schritte vor, damit sie das nicht noch einmal machen konnte und streckte die geöffnete Hand aus, um Miss Kents winzig kleine Hand zu fassen. „Wie geht es Ihnen, Miss Kent?“

„Mylord – Sir“, sagte sie und knickste noch einmal, als hätte sie seine Hand überhaupt nicht bemerkt. Und als sie in diesen zweiten Knicks sank, konnte Rabbie einen Blick auf die Frau hinten an der Wand werfen. Sie hatte dunkles Haar, ziemlich dunkel, wie Rabbies Schwester Vivienne. Dazu hatte sie haselnussbraune Augen. Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an, aber bei Weitem nicht so elegant wie seine Mutter. Doch dann wandte sie den Blick ab, als ob sie sich über ihn geärgert hätte.

Rabbie war ein wenig erschrocken. Wer war sie denn, dass sie glaubte, über ihn urteilen zu können? Und was zur Hölle hatte sie denn erwartet?

„Miss Kent, kommen Sie und setzen Sie sich doch. Sie sind bestimmt ganz erschöpft“, sagte Rabbies Mutter und nahm Miss Kent bei der Hand, um sie hinter sich herzuziehen und ihr einen Arm um die Schultern zu legen.

„Meine Frau. Wo ist meine Frau?“, fragte Lord Kent, als hätte er sie irgendwo abgelegt und vergessen, wo. Aus der Gruppe der dicht zusammenstehenden Engländer löste sich noch eine weitere Frau. Sie war ebenfalls klein und bescheiden, sie schlug die Augen nieder, während sie Rabbies Mutter schüchtern begrüßte.

Um Schottlands willen, so würde seine Braut auch eines Tages aussehen.

Rabbie schickte einen Seufzer zum Himmel, während die Engländer sich setzten und sah sich über seine Schulter hinweg nach der geheimnisvollen Frau um, die ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen gemustert hatte, als wäre er ein ungezogenes Kind.

Aber sie war nirgendwo mehr zu sehen. Sie war einfach … verschwunden.

„Rabbie, Liebling, möchtest du dich vielleicht neben Miss Kent setzen? Und sorg doch bitte dafür, dass sie sich wohlfühlt“, sagte seine Mutter und ihrem fröhlichen Ton war nicht anzumerken, mit was für einem mörderischen Blick sie ihn dabei bedachte.

„Aye“, entgegnete er und ging zögernd zum Tisch hinüber, wo man der schmächtigen Person einen Platz angeboten hatte. Er konnte nicht anders – er sah sich noch einmal über die Schulter hinweg um.

Die Frau mit dem dunklen Haar und den durchdringenden haselnussbraunen Augen war und blieb verschwunden.

2. KAPITEL

Bernadette Holly sah sich in der muffigen Kammer um, die man ihr zugewiesen hatte. Oder vielmehr in der Kammer, die man Avaline zugewiesen hatte. Bernadette hatte den kleinen Vorraum dieser Kammer bekommen, wo sie auf einem Strohsack schlafen sollte, sodass sie ihrer Herrin behilflich sein konnte, falls das Mädchen mitten in der Nacht vergeblich nach dem Nachttopf suchte.

Wenn Bernadette so etwas jemals laut ausgesprochen hätte, hätte man sie für undankbar für ihre Stellung und herablassend Avaline gegenüber gehalten. Das war aber keineswegs wahr – sie war dankbar, und sie empfand nicht das kleinste bisschen Herablassung Avaline gegenüber. Aber sie war sich nicht ganz sicher, ob das Mädchen wirklich vollkommen bei Trost war.

Die Kammer wirkte überaus rustikal, wenn nicht mittelalterlich und ziemlich zugig – Bernadette konnte die Windböen spüren, die durch die Fenster hereinkamen. Sie fröstelte und trat zum Fenster, schob den schweren Brokatvorhang beiseite und musste niesen vom Staub, den sie dabei aus seinen Falten aufwirbelte. Das Fenster klapperte schon im nächsten eiskalten Luftzug, der durch die Ritzen der alten Rahmen drang.

Bernadette beugte sich über die breite Fensterbank und sah hinaus. Die Sonne senkte sich gerade hinter den Bergen und tauchte dabei die Hügel in ihr rotes Licht. Lange grüne Schatten fielen auf die leuchtend gelben Rapsfelder.

Die Umgebung kam ihr nackt und leblos vor, aber sie war doch merkwürdig schön. In England gab es ebenfalls hübsche Landstriche, aber Bernadette hatte dort noch nichts mit einem so schwermütigen Charme gesehen wie die Landschaft hier oben.

Avaline hingegen fühlte sich von diesem Land eingeschüchtert. Sie hatte an einem Knoten in einem Band an ihrer Taille herumgefummelt, während sie neben Bernadette am Bug des Schiffes gestanden hatte, mit dem sie vorhin in den Hafen hineingeglitten waren. „Es sieht so aus, als ob hier niemand ist. Es wirkt alles so … trostlos“, hatte sie mutlos gesagt.

Hinter Bernadette wurde plötzlich die Tür der Kammer aufgerissen. Sie zuckte zusammen. Sie ließ den Vorhang fallen und drehte sich um, sodass sie sehen konnte, wie Avaline rückwärts ins Zimmer kam und sich wortreich bedankte bei wem auch immer, der sie hergebracht hatte. Sie war längst über die Grenze höflicher Dankbarkeit hinaus und dieser jemand versuchte, im dunklen Korridor zu verschwinden, doch Avaline beugte sich vor und reckte den Hals um den Türrahmen herum. „Gute Nacht!“, rief sie, dann schloss sie die Tür so leise wie möglich, als fürchtete sie, dass sie jemanden stören könnte und drehte sich zu Bernadette um.

„Und?“, fragte Bernadette fröhlich. „Wie findest du ihn?“

Avaline sah so aus, als würde sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Doch diesen Eindruck erweckte sie durchaus öfter. „Er ist so riesig“, sagte sie mit einer Stimme, die kaum mehr war als ein Flüstern.

Das war er allerdings. Ein großer, kräftig gebauter Mann mit sehr dunklen, kühlen Augen.

„Oh, Bernadette.“ Avaline stöhnte und stolperte dann zum Bett hinüber, wo sie niedersank. „Ich weiß nicht, wie ich das jemals aushalten soll.“

„Schon gut, schon gut, sei nicht so mutlos“, meinte Bernadette und setzte sich neben das Mädchen, das man ihr anvertraut hatte. „Das ist doch bloß der erste Eindruck. Alle sind aufgeregt. Mr. Mackenzie war zweifellos genauso unsicher wie du“, sagte sie beruhigend, auch wenn der Mann ihrer eigenen Beobachtung nach vollkommen ungerührt gewesen zu sein schien. Auf sie hatte er vollkommen sorglos gewirkt, übermäßig selbstbewusst, und offensichtlich war er sich absolut sicher, dass er dem Mädchen überlegen war, das er heiraten sollte. Mit einem Wort ein Gockel, wenn man denn einen Begriff für sein Benehmen finden wollte.

„Glaubst du wirklich?“, fragte Avaline.

„Ja, natürlich glaube ich das.“ Das war eine ausgesprochene Lüge – sie glaubte es überhaupt nicht.

Avaline glaubte es genauso wenig. Sie ließ sich auf die Seite fallen und wirkte völlig verstört. „Sie wollen jetzt über die Einzelheiten unserer Verlobung verhandeln. Mein Vater und – und er natürlich und sein Vater und sein Bruder. Er ist so abweisend und kommt mir so gefühllos vor, aber sein Bruder war doch immer freundlich zu uns, oder nicht?“, fragte sie ängstlich, während sie sich wieder aufrichtete. „Denkst du nicht, dass der Kapitän ein netter Mensch ist? Das habe ich auch zu meiner Mutter gesagt, aber sie hat gesagt, dass ich nicht weiter über ihn nachdenken soll. Ich habe auch nicht über ihn nachgedacht. Ich habe nur festgestellt, dass er netter ist als sein Bruder.“

„Und wo ist deine Mutter?“, fragte Bernadette neugierig. Sie verlor Lady Kent regelmäßig aus den Augen, ruhig und unaufdringlich, wie sie war, wie eine Maus. Avaline war im Vergleich geradezu laut und ausgelassen.

„Sie ist bei Lady Mackenzie, irgendwo in diesem riesigen, fürchterlichen Haus“, erwiderte Avaline verdrießlich und zeigte vage auf die Wände, die sie umgaben. „Lady Mackenzie hat mich eingeladen, sie zu begleiten, aber ich habe mich entschuldigt und gesagt, dass ich furchtbar müde von der Reise bin, aber mal im Ernst, Bernadette“, fuhr sie fort. „Im Ernst, ich dachte, ich breche gleich in Tränen aus, wenn ich noch länger dableibe.“

„Dann ist es ja gut, dass du stattdessen hergekommen bist.“ Bernadette legte Avaline einen Arm um die Schultern.

Plötzlich brach Avaline tatsächlich in Tränen aus und barg das Gesicht an Bernadettes Schulter. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich ihn heiraten soll!“, heulte sie.

Bernadette ging es im Grunde genommen nicht anders, aber so war das Leben nun einmal für ein Mädchen in Avalines gesellschaftlicher Stellung. Sie mussten einen Mann heiraten, der gut für die Verbindungen der Familie war und sie auf diese Weise alle reicher machte. „Männer kommen einem immer viel grimmiger vor, wenn man sie nicht kennt“, sagte sie und klopfte Avaline dabei beruhigend auf den Rücken. „Das ist ganz natürlich, dass man so einen Eindruck von ihnen hat.“

„Wirklich?“

Nein, daran war gar nichts natürlich. Hatte das Mädchen überhaupt irgendetwas gelernt in den letzten sechs Jahren, die sie zusammen verbracht hatten? „Ja, so ist das eben. Sie müssen sich immer brüsten und beweisen, was sie für wilde Kerle sind, um eine Partnerin für sich zu gewinnen. Genau wie die Gockel.“

„Wie die Gockel“, wiederholte Avaline und klang dabei schon viel weniger hoffnungslos. Sie setzte sich wieder auf und faltete die Hände sittsam im Schoß.

„Avaline …“ Bernadette erhob sich vom Bett und kniete sich vor ihr hin, damit sie ihr in die Augen sehen konnte. „Du darfst dir kein voreiliges Urteil über ihn bilden. In einer solchen Situation wie dieser hier, ist das erste Treffen immer das schlimmste. Aber wenn du erst einmal mit ihm allein bist …“

„Allein?!“

„Nicht ganz allein. Du weißt doch, dass ich immer in der Nähe bleibe“, meinte Bernadette beschwichtigend. „Aber wenn er dich zum Beispiel zu einem Spaziergang einlädt, dann kannst du das als Gelegenheit nutzen, um dich mit ihm zu unterhalten und ihm Fragen stellen, um herauszufinden, dass er nicht so ein …“ Bauerntölpel. Barbar. Wilder? „Dass er nicht so abweisend ist, wie es dir jetzt vorgekommen ist“, sagte sie und lächelte. „Männer reden nur zu gerne über sich selbst, dazu muss man sie nur ein winzig kleines bisschen ermutigen. Ich bin mir sicher, dass er ein wunderbarer Partner für dich ist, wenn er sich ganz auf sich selbst konzentrieren kann.“

Avaline wirkte nicht sehr überzeugt. Bernadette musste wohl noch an ihrer Überredungskraft arbeiten, aber ausgerechnet in diesem Augenblick rumorte es in ihrem Magen vor Hunger – und zwar ziemlich laut. Sie hatte seit dem frühen Morgen nichts mehr gegessen.

Avaline blickte auf Bernadettes Bauch hinab. „Oh je! Du hast ja noch gar nichts zu essen bekommen!“

Nein, sie hatte nichts zu essen bekommen, denn dieser alte Bastard von Butler mit dem zerfurchten Gesicht hatte ihr befohlen, mitzukommen und die Schlafkammer für Mylady herzurichten. Zum Ersten war Avaline keine Lady. Und zum zweiten war Bernadette verdammt noch mal kein Stubenmädchen. Zugegeben, sie stand gerade einmal eine Stufe darüber, aber sie hatte auch ihren Stolz. Sie war immerhin die Tochter eines angesehenen Ritters, Sir Whitman Holly, und seiner Frau, ihrer Mutter, Lady Esme Holly.

„Wie nachlässig von uns“, sagte Avaline.

„Es ist gar nicht der Rede wert“, erwiderte Bernadette. Sie hatte noch die ganze Nacht Zeit, sich damit zu befassen, genug für sie beide.

„Nein, ich werde sofort jemanden kommen lassen und ihnen sagen …“

„Ich habe eine Idee“, unterbrach Bernadette sie. „Wie wäre es, wenn ich dir helfe, dich zum Schlafengehen zurechtzumachen, und dann gehe ich los und mache mich auf die Suche nach der Küche. Dann brauche ich niemanden zu stören – bestimmt sind gerade alle damit beschäftigt, das ganze Haus für die Nacht vorzubereiten.“

„Ich weiß nicht …“, sagte Avaline unsicher und kaute dabei schon wieder auf ihrer Unterlippe herum. Bernadette zeigte mit dem Finger auf ihren eigenen Mund, und Avaline hörte sofort mit dem Kauen auf. Das war wirklich eine schreckliche Angewohnheit für ein Mädchen, und sie hatte schon häufiger so ausgesehen, als hätte sie einen schweren Schlag auf die Lippe bekommen.

„Komm her“, meinte Bernadette. „Ich bürste dir die Haare.“

Nachdem sie Avalines Haar gebürstet und geflochten und sie mit einem Buch ins Bett gesteckt hatte, das sie nicht lesen würde, wünschte Bernadette ihr eine gute Nacht und machte sich auf die Suche nach der Küche. Sie war nicht daran gewöhnt, das Abendessen ausfallen zu lassen, und es gefiel ihr überhaupt nicht. Sie hoffte nur, dass es noch nicht zu spät war.

Die Burg war ein verwirrender Irrgarten verschlungener Korridore, von denen einige nur spärlich beleuchtet waren, doch Bernadette hatte einen ausgezeichneten Orientierungssinn und fand den Weg in die große Halle ohne besondere Schwierigkeiten. Abgesehen von vier Hunden, die es sich vor dem riesigen Kamin mit seiner wärmenden Glut bequem gemacht hatten, war niemand hier. Sie hoben kaum die Köpfe, als sie stehen blieb, um einen Blick hineinzuwerfen.

Sie setzte ihren Weg fort und bog in einen der heller erleuchteten Korridore ein. Sie hörte Stimmen und sah, dass eine der Türen offen stand. Sie ging darauf zu. Es waren die Stimmen von Männern und sie verharrte direkt vor der Tür, um zu hören, was besprochen wurde. Sie konnte jedoch kaum etwas verstehen, und wenn sie ehrlich war, war es ihr auch vollkommen gleichgültig, was sie zu sagen hatten – sie wollte sich nur unbemerkt an ihnen vorbeischleichen. Sie huschte an der offenen Tür vorbei, doch dabei entdeckte sie zu spät, dass sich gleich neben der offenen Tür eine weitere Tür befand, vor welcher der Gang endete. „Ach nein, nicht auch das noch!“, flüsterte sie und drückte auf die Klinke, doch die Tür war verschlossen.

Bernadette drehte sich um, bereit, gleich noch einmal an der offenen Tür vorbeizuhuschen, doch sie musste zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie aus dem Raum, in dem sich die Männer versammelt hatten, deutlich zu sehen war und sie die Männer ebenfalls sehen konnte. Und dort, mit dem Gesicht zur Tür, saß Avalines Zukünftiger. Ob er jetzt schon offiziell ihr Verlobter war? Was auch immer er war, jedenfalls starrte er Bernadette an. Sein Gesichtsausdruck war unergründlich … außer wenn man ihm in die Augen sah.

Sie hatte keine Ahnung, welche Farbe seine Augen hatten, aber von hier wirkten sie schwarz und hart wie Obsidian. Sein Blick wanderte an ihr herab, langsam und bedächtig, als ob sie seinen Ansprüchen nicht genügte. Seine beiläufige Musterung fühlte sich an, als ob er sie versengte, sie hinterließ eine kribbelnde Spur ihre Brust hinab bis zu ihrem Unterleib. Er war ein Tier! Ein unzivilisiertes Tier.

Bernadette erwiderte seinen Blick. Männer jagten ihr im Gegensatz zu Avaline keine Angst ein. Ganz im Gegenteil.

Sie hob den Kopf und ging weiter, dabei wusste sie genau, dass sein Blick ihr folgen würde, solange sie im Rahmen dieser offenen Tür zu sehen war.

„Madam?“

Bernadette hatte sich so darauf konzentriert, diesem fürchterlichen Kerl zu beweisen, dass er sie nicht im Mindesten einschüchtern konnte, dass sie nicht gesehen hatte, wie Kapitän Mackenzie den Korridor entlang auf sie zukam. Sie wäre beinahe aus der Haut gefahren vor Schreck.

Er lächelte über ihre offensichtliche Überraschung. In einer Hand hielt er eine Flasche.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Kapitän“, sagte sie, als er vor ihr stand. „Ich habe mich ein wenig verlaufen. Hätten Sie wohl die Güte, mir zu sagen, wo ich die Küche finde?“

„Die Küche?“

„Ich, äh … ich war zur Essenszeit mit Miss Kents Gepäck beschäftigt“, erklärte sie und wand sich dabei innerlich, weil sie sich entschuldigen musste.

„Ach so, dann kommen Sie doch bitte mit mir“, meinte er und lächelte freundlich. „Ich glaube, Sie verlaufen sich nur noch mehr, wenn Sie versuchen, alleine dorthin zu finden. Praktische Erwägungen waren nicht gerade das Erste, woran unsere Vorfahren gedacht haben, als sie diese Festung gebaut haben.“ Er winkte ihr, dass sie mitkommen sollte.

Er hatte so ein gewinnendes Lächeln und wunderbar hellblaue Augen. Er war von dem Augenblick an, da sie an Bord seines Schiffes gekommen waren, immer freundlich zu ihnen allen gewesen, und Bernadette musste nun selbst lächeln, so froh war sie, dass er sie gerettet hatte.

„Geht es Miss Kent denn gut?“, erkundigte er sich höflich, während sie um die nächste Kurve in einen weiteren Korridor abbogen.

„Ziemlich. Sie ist ein wenig matt nach der langen Reise, aber es geht ihr gut, danke der Nachfrage.“

„Aye. Hier sind wir schon“, sagte er und öffnete eine Tür, um Bernadette den Vortritt zu lassen. In der Mitte der Küche stand ein langer Holztisch. An einer Wand hingen die vielen Töpfe, die zum Kochen gebraucht wurden. An einer anderen Wand standen Gläser mit Gewürzen. Vom Duft eines Lammbratens knurrte ihr schon wieder der Magen, und sie lächelte ihren Begleiter entschuldigend an.

Kapitän Mackenzie ging zum Klingelzug hinüber und zog daran. Nur einen Augenblick später tauchte eine Frau auf. Sie trug das graue Haar in einem Knoten am Hinterkopf, und ihre Schürze war von der Brust abwärts ganz feucht, als wäre sie mit Abwaschen beschäftigt gewesen.

Kapitän Mackenzie sagte etwas auf Gälisch zu ihr. Sie antwortete in der gleichen Sprache und verschwand durch die Tür, durch die sie auch hereingekommen war. Der Kapitän drehte sich zu Bernadette um und verneigte sich. „Barabel wird Ihnen etwas zu essen machen, aye?“

„Das ist sehr freundlich“, erwiderte sie dankbar.

„Finden Sie dann allein zurück in Ihre Kammer? Sonst kann ich Frang Bescheid sagen, dass er kommt und …“

„Nicht nötig, vielen Dank, ich bin sicher, dass ich mich schon zurechtfinde.“ Sie war sich alles andere als sicher, aber sie wollte lieber die ganze Nacht herumirren, als Frang noch einmal zu sehen.

„Aye, also gut. Oidhche mhath, Miss Holly“, sagte er und verließ mit seiner Flasche in der Hand die Küche.

Bernadette sah ihm nach und staunte im Stillen über die verschlungenen Wege der Natur. Wie um Himmels willen war es möglich, dass zwei Brüder so verschieden waren, sowohl dem Aussehen nach als auch im Benehmen?

Barabel kam mit einem Teller zurück, auf dem sie braunes Brot, Käse und Fleisch brachte. Ohne weitere Umstände knallte sie ihn in die Mitte des Tisches. Dabei sah sie Bernadette vielsagend an.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten“, sagte Bernadette und lächelte.

Barabel erwiderte ihr Lächeln nicht.

„Sprechen Sie Englisch?“

Barabel beantwortete die Frage, indem sie sich umdrehte und aus der Küche eilte. Einen Augenblick später hörte Bernadette Porzellan klirren und Wasser plätschern.

Sie ging vorsichtig zum Tisch hinüber und sah sich nach einem Stuhl um. Es gab keinen. Es gab auch kein Besteck. Aber das konnte sie nicht aufhalten, nicht wenn sie so hungrig war. Sie stemmte sich hoch auf den Tisch und stellte sich den Teller auf den Schoß. Sie aß mit den Fingern und hörte dabei dem Stöhnen und Heulen des Windes in allen Ecken dieses Steinhaufens zu. Sie seufzte erleichtert über das Essen.

Sie hatte gerade erst ein Stück Brot, etwas Hühnchen und ein bisschen Käse gegessen, als sie hörte, dass Schritte den Korridor hinab auf die Küche zukamen. Sie rechnete damit, dass es der Kapitän sein würde und hob mit einem verlegenen Lächeln den Blick.

Es kam jedoch ganz und gar nicht Kapitän Mackenzie herein, sondern sein dunkler, schroffer, wütender Bruder. Er blieb im Türrahmen stehen und fixierte sie mit seinem Blick. Sein Gesichtsausdruck war hart und unnachgiebig. Er erinnerte sie an die Profile der Felsen, die sie im Granit der umliegenden Berge gesehen hatte – wahrscheinlich konnte er nicht einmal lächeln, wenn er sich Mühe gab.

Bernadette brauchte einen Augenblick, um die Fassung wiederzugewinnen. Wenn sie seinen Gesichtsausdruck betrachtete, war sie sich nicht sicher, ob er vorhatte, sie zu beschimpfen oder sie aufzuhängen. Oder … also über irgendwelche anderen Absichten wollte sie lieber nicht nachdenken. Weil sie keine Serviette hatte, leckte sie sich das Fett von den Fingern, schob vorsichtig den Teller von ihrem Schoß und stellte ihn auf den Tisch, ehe sie heruntersprang. Jetzt, da er direkt vor ihr stand, fiel ihr auf, dass er noch größer war, als es vom anderen Ende der großen Halle aus den Anschein gehabt hatte. Er hatte ziemlich breite Schultern und wirkte sehr kräftig. Wellen der Empörung gingen von ihm aus und überspülten sie.

Kein Wunder, dass Avaline so verunsichert war.

Er sagte kein Wort, sondern starrte sie weiter an, und sie konnte fühlen, wie sein Blick sie einfach durchdrang. Bernadette erwiderte seinen Blick. Wollte er ihr etwas sagen? Dann sollte er den Mund aufmachen. Wollte er irgendetwas von ihr? Frag doch einfach. Oder war er vielleicht einfach nur überrascht, sie hier anzutreffen? Vielleicht stampfte er auch immer nur durch die Gegend und sah dabei so verärgert und verbiestert aus.

Barabel kam zurück in die Küche, machte einen schnellen Knicks vor ihm und sagte dann etwas in der Sprache der Schotten. Er antwortete mit wenigen Worten und in einem Ton, der so tief und sanft war, dass Bernadette zu ihrer Überraschung ein kleiner Schauer über den Rücken lief. Barabel verschwand erneut, und er trat zum Tisch hinüber und starrte ihren Teller an. Er nahm ein Stück Hühnchen und aß es.

Also gut. Kein echter Gentleman kam mit auf die lange Liste der Gründe, warum sie ihn nicht ausstehen konnte.

„Sind Sie schon satt?“

Das Tier konnte also doch sprechen. Nein, sie war noch nicht satt, ja, sie hatte noch immer Hunger. Aber sie unterdrückte den Drang, ihr Essen sehnsüchtig anzuschauen. „Ja, vielen Dank.“

Er aß noch einen Bissen, dann verschränkte er die Arme vor der Brust und wandte sich für einen Moment von ihr ab. Doch er drehte sich sofort wieder zu ihr um und betrachtete sie wieder mit einem durchdringenden Blick aus seinen dunklen Augen. „Ist es in England üblich, dass die Dienstboten in die Küche eines fremden Mannes eindringen?“

Eindringen? So wie er das sagte, klang es so, als wäre sie mit einer Armee eingefallen und hätte Brot gefordert. „Ganz und gar nicht. Unglücklicherweise habe ich es verpasst …“

„Aye, das hat mein Bruder mir bereits erzählt.“

Aber warum, bitte sehr, fragte er sie denn dann? „Ich bitte um Verzeihung“, sagte sie und wollte gerade an ihm vorbeigehen. Doch er machte einen kleinen Schritt und stellte sich ihr in den Weg. Bernadette sah ihn an – sie entdeckte in seinen Augen nichts anderes als Härte, und von ihm ging kein anderes Gefühl aus als Kälte. Er hatte etwas so Düsteres an sich, dass Bernadette sich sicher war, dass er vollkommen unfähig zur Freundlichkeit war. Sie musste an Avaline denken, daran, wie sanft und jung und naiv sie war. Und sie sollte diesen Mann hier heiraten? Sie konnte jedoch nichts dagegen tun – abermals überlief sie ein Schauer.

Er hatte es bemerkt. „Ist die schottische Nacht zu fuar für Ihr dünnes englisches Blut?“

„Ich weiß zwar nicht, was das bedeuten soll, aber ich muss zugeben, dass mein dünnes englisches Blut sich nicht besonders gut mit Ungehobeltheit verträgt.“

Ihre Bemerkung hatte ihn überrascht, das war offensichtlich – sie sah etwas in seinen Augen aufblitzen, und er hob langsam eine Augenbraue. „Sie sind verdammt unverschämt für ein Dienstmädchen“, meinte er und sah sie dabei von oben bis unten an. Er betrachtete ihren Körper so genau und mit einer solchen Unverfrorenheit, dass sie spürte, wie ihre Haut unter seinen Blicken warm wurde.

„Und Sie sind verdammt unhöflich für einen Gentleman“, erwiderte sie. Sie versuchte, an ihm vorbeizuschlüpfen, aber er ließ sie nicht durch, sodass sie mit dem Arm seinen Brustkorb streifte, während sie sich an ihm vorbeidrängte. Als sie es endlich geschafft hatte, wäre sie gern losgelaufen, aber sie zwang sich dazu, es nicht zu tun. Sie entfernte sich in aller Ruhe von ihm, auch wenn ihr das Herz in der Brust raste. Sie richtete ihren Rücken kerzengerade auf und reckte das Kinn. Sie konnte seinen Blick im Rücken fühlen, sie spürte geradezu, wie er zwischen ihren Schulterblättern hindurch einschnitt und sie durchbohrte.

Es war schon ein großes Wunder, dass Bernadette den Weg zurück in den kleinen Vorraum fand. Sie machte sich für das Bett fertig und ließ sich dann auf den Strohsack fallen. Ihr Herz klopfte noch immer heftiger, als ihr lieb war. Sie gab sich große Mühe, so schnell wie möglich einzuschlafen, aber sie sah die ganze Zeit seine dunklen Augen vor sich, die die Farbe der stürmischen See hatten und mit denen er sie durchbohrte.

3. KAPITEL

Die Bedingungen der tochradh, der Mitgift, wurden am nächsten Morgen ausgehandelt, während Bernadette beim Frühstück war, das sie auf keinen Fall verpassen wollte.

Sie bemerkte, dass alle anderen, die mit ihnen in der großen Halle aßen, versuchten, sich so weit wie möglich von der Familie Kent fernzuhalten, sie warfen ihnen allenfalls verstohlene Blicke zu, falls sie sie überhaupt beachteten. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie in so einer ungastlichen Umgebung aufgehalten, und sie war sehr erleichtert, als es endlich Zeit war, ihre und Avalines Sachen einzupacken und diese düstere Burg zu verlassen.

Die Familie Kent, Bernadette eingeschlossen, würde mit einer alten Postkutsche nach Killeaven weiterfahren. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo Seine Lordschaft die aufgetrieben hatte, aber sie wirkte uralt. Die Farbe war verblasst, und die Räder waren beinahe ganz verrostet. Der Rest der Reisegesellschaft, eingeschlossen Avalines Onkel und die Dienstboten, würden ihnen zu Fuß folgen. Die Möbel, die sie mitgebracht hatten, sollten in einer anderen Fuhre vom Schiff herauftransportiert werden.

Lady Mackenzie hatte ihnen Niall MacDonald vorgestellt, der sie zu Pferd begleiten sollte. Sie hatte erklärt, dass Mr. MacDonald von Balhaire geschickt wurde, um ihnen dabei zu helfen, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. Er wirkte jünger als Bernadette mit ihren neunundzwanzig Jahren, und irgendetwas war mit seinem einen Auge nicht in Ordnung, das unkontrolliert herumwanderte, während er einen mit dem anderen direkt ansah.

Avalines ungehobelter Verlobter ließ sich nicht blicken, um sich von ihnen zu verabschieden, was Bernadette für den bisherigen Höhepunkt seines unhöflichen Benehmens hielt. Seine Mutter jedoch war da und hatte nichts als warmes Lächeln und gute Wünsche für sie. „Die Aussicht von der Straße nach Killeaven aus ist an einigen Stellen ganz besonders schön“, versicherte sie ihnen. „Das Tal ist zu dieser Jahreszeit über und über grün.“ Sie nahm Avalines Hand in ihre. „Miss Kent, bitte verzeihen Sie, dass mein Sohn heute Morgen nicht hier sein kann. Er hatte etwas auf Arrandale zu erledigen, das ist unser kleineres Haus, wo er im Augenblick wohnt. Er musste sich sofort darum kümmern, und er bedauert es zutiefst, dass er so früh aufbrechen musste.“

Bernadette wandte den Blick ab, sodass niemand sehen konnte, wie sie die Augen verdrehte.

„Oh. Ich verstehe“, sagte Avaline. Aber sie verstand ganz eindeutig überhaupt nicht, denn ihre Wangen waren ganz rot, so verunsichert war sie.

Lady Mackenzie hatte es auch bemerkt und sagte schnell: „Aber er wird Sie sofort besuchen kommen, sobald Sie sich häuslich eingerichtet haben.“ Sie lächelte beruhigend.

Bernadette hatte den Eindruck, dass im Lächeln der Dame irgendetwas fehlte, Überzeugung zum Beispiel.

Lord Kent stieg als Erster in die Postkutsche, so wie er es gewohnt war. Das Gefährt war nicht gut gefedert und schwankte bedenklich, als sie einer nach dem anderen hineinkletterten. Bernadette setzte sich neben Avaline, ihren Eltern gegenüber, als sie sich auf die vier Meilen Fahrt nach Killeaven machten. Mehrere bewaffnete Männer begleiteten sie.

„Warum tragen die denn Waffen?“, fragte Avaline, während sie aus dem Fenster sah.

„Hm?“, entgegnete ihr Vater abwesend. Er hatte heute Morgen schon eine gute Flasche geöffnet. „Die hat Mackenzie geschickt.“ Er zuckte mit den Schultern, unterdrückte einen Rülpser und sagte dann: „Also gut, Mädchen, in drei Wochen heiratest du Mackenzie.“

Avaline schnappte nach Luft und sah ihre Mutter an, die wie üblich schwieg. „So bald schon?“

„Ja, so bald“, sagte er spöttisch. „Deine Mutter und ich können doch nicht ewig hierbleiben.“

Avaline schnappte noch einmal nach Luft. „Ihr wollt mich hier ganz allein lassen?“

„Avaline, um Himmels willen“, rief Lord Kent verärgert und wandte sich dann an seine Frau: „Ich glaube, du hast einen Einfaltspinsel großgezogen. Hast du denn überhaupt nichts dazu zu sagen?“

Lady Kent wollte sich offensichtlich wirklich nicht äußern, aber dann ergriff sie doch zögerlich das Wort: „Das – das hat dein Vater so …“

„Etwas Hilfreiches bitte!“, sagte Lord Kent scharf und nahm nun Bernadette ins Visier.

„Äh … du hast doch deinen eigenen Haushalt, wenn du verheiratet bist“, sagte Bernadette schnell. „Es wäre doch mehr als seltsam, wenn du die ersten Wochen oder vielleicht sogar Monate deiner Ehe bei deinen Eltern verbringst, meinst du nicht?“ Sie warf Lady Kent einen Seitenblick zu in der Hoffnung, dass sie ihr zu Hilfe kommen würde, doch Lady Kent hielt den Blick auf ihren Schoß gerichtet. Ihr Selbstvertrauen war schon Jahre vor Bernadettes Eintreffen in ihrem Haushalt vollkommen zerstört worden.

„Schon besser“, sagte Lord Kent. „Und jetzt hör auf zu heulen, Avaline“, fuhr er fort und klang dabei so, als hätte er bereits aufgegeben. Mit einem lauten Seufzen sank er auf seinem Platz zusammen und legte einen Fuß auf die Sitzbank neben Bernadette. Dann schloss er die Augen.

Bernadette legte Avaline eine Hand aufs Knie und drückte es fest. Sie wusste nach sechs Jahren im Dienst dieser Familie genau, dass Avalines gnadenloser Vater nichts mehr verachtete als Tränen.

Avaline hörte nicht auf zu schluchzen, aber es gelang ihr, das lautlos zu tun.

Bernadette wandte ihre Aufmerksamkeit nun auch dem Fenster und der Aussicht zu, denn sie hatte keine Lust, mit einem ihrer Mitreisenden auch nur ein unnötiges Wort zu wechseln. Während sie die langsam vorbeiziehende Landschaft betrachtete, fielen ihr drei Reiter ins Auge. Sie waren noch ein ganzes Stück entfernt, doch sie hatten angehalten und beobachteten die Kutsche. Als die Kutsche mit dem Straßenverlauf nach Osten abbog, ritten die Männer ihnen in einigem Abstand für mindestens eine halbe Stunde hinterher. Dann verschwanden sie jedoch in einem Waldstück.

Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt, und sie folgten den weiten Kurven der Straße einen Hügel hinab und ins Tal hinunter. Bernadette konnte das Haus am Ufer des Flusses erkennen. Es stand direkt am Abhang eines Berges. Sie zählte zwölf Schornsteine – klein war das Haus nicht gerade. Es erinnerte sie an Highfield, das Haus ihrer Familie, wo sie aufgewachsen war und eine glückliche Kindheit verlebt hatte. Leider war Highfield inzwischen kein glücklicher Ort mehr für sie.

„Siehst du, Avaline?“, flüsterte Bernadette und beugte sich zu ihrem Schützling, um es ihr zu zeigen. „Das wird dein Haus sein.“

„Was?“, fragte Lord Kent, der gerade aufgewacht war. Er rieb sich das Gesicht und setzte sich auf.

„Das ist doch Killeaven, oder nicht?“, fragte Avaline. Sie hatte längst aufgehört zu weinen, aber ihr Gesicht war fleckig und geschwollen.

„Das ist es“, sagte Bernadette.

Sie ratterten den kurvenreichen Weg weiter hinunter ins Tal und bis zur Einfahrt, die ganz zugewachsen war. Um die Sträucher und Bäume hatte sich lange niemand mehr gekümmert. „Steht es etwa leer?“, fragte Avaline.

„Natürlich tut es das“, meinte ihr Vater ungeduldig. „Glaubst du vielleicht, wir hätten die ganzen Möbel dabei, wenn wir in ein bewohntes Haus kommen würden? Die Somerleds haben sich in angenehmere Gefilde begeben.“ Er lachte verhalten. „Man hat sie weggejagt wie die Verräter, die sie waren, habe ich gehört“, fügte er hinzu, während die Kutsche langsam zum Stehen kam. „Also, dann wollen wir mal sehen, was ich da gekauft habe.“ Er öffnete die Tür der Kutsche und sprang auf den Boden. Er machte sich nicht die Mühe, irgendjemandem beim Aussteigen zu helfen, das überließ er dem Kutscher. Doch der Kutscher war offensichtlich so wenig mit seinen Pflichten vertraut, dass er sie geradezu aus der Kutsche hinausschleuderte.

Als sie in der Einfahrt standen, hakte sich Lady Kent bei Avaline unter und zog sie eng an sich – Bernadette hätte nicht sagen können, ob sie das zu ihrer eigenen Beruhigung tat oder Avaline zuliebe. Sie folgten Lord Kent, als dieser auf die Tür zumarschierte, sie aufriss und im Haus verschwand. Niall MacDonald war inzwischen auch eingetroffen.

Bernadette blieb stehen, während die Kents hineingingen und sah an der Fassade hinauf. Sie bemerkte einige kleine Löcher im Mauerwerk. Die Fenster sahen ziemlich neu aus, soweit sie das beurteilen konnte, aber die Tür war verwittert und die Hecken waren verwildert. Es war eine seltsame Mischung aus vernachlässigt und neu. Sie trat auf die Tür zu und betrachtete dabei die Gegend um das Haus herum. Sie erschrak, als sie die drei Reiter wiedersah. Sie standen auf einem Hügel und beobachteten, was auf Killeaven vor sich ging.

Sie beeilte sich, den anderen ins Haus zu folgen.

Als sie hereinkam, standen alle in der Eingangshalle und sahen sich um. Der Eingangsbereich war großzügig und elegant, zwei Stockwerke hoch mit einer doppelten Treppe, die sich nach oben wand wie die beiden Hälften eines menschlichen Herzens. Oben mündeten sie in einem breiten Korridor. Am Fuß der Treppen befanden sich Marmorfliesen, die einige ausgesprochen merkwürdige Macken und Sprünge hatten. Die Mauern waren hier ebenfalls aus Stein, und Bernadette sah, dass sie die gleichen kleinen Löcher hatten wie außen an der Fassade.

Mr. MacDonald hatte seine Hände hinter dem Rücken verschränkt, während Lord Kent herummarschierte, Türen öffnete und wieder zuknallte.

„Was sind denn das für Löcher?“, fragte Bernadette neugierig, während sie eine der Unebenheiten mit den Fingern berührte.

Mr. MacDonald richtete seinen Blick auf die Wand. „Die müssen wohl vom Musketenfeuer übrig geblieben sein.“

„Musketen!“, wiederholte Bernadette, ganz sicher, dass er etwas anderes gemeint haben musste.

Er sah sie mit seinem guten Auge an und sagte: „Es gab einen schweren Kampf um Killeaven, das muss man wohl sagen.“

Einen Kampf? Bernadette sah sich noch einmal um, bemerkte, dass die Löcher wirklich überall in der großen Eingangshalle zu sehen waren und versuchte, sich vorzustellen, wie Männer in einem so vornehmen Haus aufeinander geschossen hatten.

„Miss Holly!“, rief Lord Kent aus einem der Räume im Inneren des Hauses.

Bernadette folgte seiner Stimme und trat zu ihm, seiner Frau und seiner Tochter in einen Raum, den sie für das Speisezimmer hielt. „Wir brauchen einen Baumeister, der sich um so etwas kümmert“, sagte er und zeigte dabei auf den Stuck über seinem Kopf, der in einer Ecke abbröckelte.

Ihr war nicht ganz klar, warum er ihr das sagte, und sie sah ihn fragend an.

Er zog seine grauen Augenbrauen hoch. „Was? Notieren Sie das, notieren Sie!“, befahl er und setzte seinen Weg fort.

Doch sie hatte nichts, worauf sie irgendetwas hätte notieren können.

Sie folgte Seiner Lordschaft, und im nächsten Raum wies er sie auf einige Dinge hin, die sie wahrscheinlich auch hätte aufschreiben sollen, wobei es ihm gleichgültig war, dass sie nichts zu schreiben hatte und deshalb allein auf ihr Gedächtnis angewiesen war.

Als er seinen Rundgang durch das Haus abgeschlossen hatte, sagte er: „MacDonald hat mir versichert, dass unsere Möbel heute Nachmittag noch ankommen. Gehen Sie, gehen Sie, und ihr auch, macht euch nützlich“, sagte er und winkte den drei Frauen mit einer großen Geste. „Wo ist mein Bruder? Ist der zweite Wagen noch nicht hier?“ Er stapfte hinaus.

Bernadette wartete, bis sie sicher sein konnte, dass er verschwunden war, dann sah sie sich nach Lady Kent und Avaline um. „So viel Arbeit“, stellte sie mit einem kleinen Lächeln fest. „Zumindest wird uns so schnell nicht langweilig werden.“

Keine der beiden Kents wirkte sehr überzeugt.

Die Möbel kamen tatsächlich am Nachmittag an, mit einer ganzen Karawane von Karren und Wagen. Die Dienstboten, die das Pech hatten, mit nach Schottland verfrachtet worden zu sein, liefen herum, während Renard, der Butler der Kents, Anweisungen gab, was wohin gehörte. Es wurde jedoch schnell klar, dass sie trotz allem, was sie mitgebracht hatten, und obwohl der Laderaum des Schiffes der Mackenzies mit Betten, Schränken und Polstermöbeln gefüllt gewesen war, nicht genügend Möbel hatte, um dieses große Haus auszustatten. Drei Schlafzimmer blieben leer, genau wie zwei der Salons.

Am Abend, kurz bevor ein kaltes Abendessen serviert werden sollte, rief Lord Kent Bernadette zu sich in die Bibliothek. Auf den Regalen standen noch einige Bücher der früheren Eigentümer. In diesem Zimmer gab es keine Anzeichen von Musketenfeuer.

„Machen Sie eine Liste von allem, was wir brauchen, und schicken Sie sie nach Balhaire“, sagte er ohne ein Wort der Begrüßung.

„Sehr wohl, Mylord. An einen bestimmten Adressaten?“

„Natürlich an jemand bestimmten. Den Lord da.“ Er setzte sich mit einer Gesäßhälfte auf den Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Jetzt hören Sie mir mal zu, Bernadette. Sie müssen das Denken für Avaline übernehmen.“

„Wie bitte? Ich kann doch nicht …“

„Sie ist noch ein Kind“, sagte er brüsk. „Sie kann keinen so großen Haushalt führen, und ihre Mutter ist so gut wie überhaupt nicht dazu in der Lage, ihr irgendetwas beizubringen.“ Er beugte sich vor, streckte die Hand nach einer Flasche aus und füllte ein Glas mit Brandy. „Es ist Ihre Aufgabe, sie auf diese Ehe vorzubereiten.“

Bernadette schwankte und trat einen Schritt zurück. „Ich kann doch nicht den Platz ihrer Mutter einnehmen.“

„Das haben Sie doch in den letzten Jahren auch getan“, sagte er. „Und Sie haben mittlerweile Erfahrung mit dieser … Unerfahrenheit“, fügte er hinzu und machte dabei eine abschätzige Handbewegung. „Ich bezweifle sehr, dass ihre Mutter sich noch an irgendetwas aus ihrer Hochzeitsnacht erinnern kann.“

Bernadette spürte, wie sie rot wurde. Es war ihr überhaupt nicht recht, welche Richtung diese Unterhaltung gerade nahm.

„Kommen Sie schon, ich sage das nicht, um Sie zu beleidigen“, meinte er ungeduldig und sah sie prüfend an, wie um herauszufinden, was sie gerade dachte. „Ich sage das deshalb, weil Sie mehr wissen, als Sie glauben. Bringen Sie ihr bei, wie man mit einem Ehemann umgehen muss. Bringen Sie ihr bei, wie man einem Mann gefällt.“ Er trank den Brandy in einem Zug aus.

„Aber Mylord!“, protestierte Bernadette.

„Jetzt tun Sie mal nicht so prüde“, sagte er scharf. „Sie muss ihm gefallen, Bernadette. Haben Sie verstanden? Auch wenn ich es hasse, das zuzugeben, ich brauche diese verdammten Mackenzies, um mich um den Besitz hier zu kümmern. Ich will mein Vermögen vergrößern, und ich will Zugang zum Meer. Warum soll ich denen den ganzen Seehandel überlassen? Wenn es mir nicht gelingt, seine Familie mit an Bord zu holen, dann kann ich diese Gewinne nicht auf freundschaftliche Art und Weise machen, verstehen Sie das? Ich verlasse mich darauf, dass das kleine Lamm weiß, wie sie die Beine breit machen und ihre Pflicht tun muss.“

Bernadette blieb die Luft weg.

Er sah sie an und schnalzte mit der Zunge. „Jetzt spielen Sie hier mal nicht die zarte Jungfer. Sie sind doch nicht ohne Ihr eigenes Zutun in diese Lage geraten, nicht wahr? Sie hatten große Vorteile davon, dass ich Sie in meinen Dienst genommen habe, als es sonst niemand getan hätte und allein dafür schulden Sie mir schon Loyalität und Gehorsam. Muss ich sonst noch etwas sagen?“

Bernadette brachte kein einziges Wort heraus. Sie hatte gedacht, dass nichts, was sich im Haushalt der Familie Kent abspielte, sie noch beeindrucken konnte, aber jetzt war sie entsetzt.

„Gut. Also gehen Sie und sorgen Sie dafür, dass ihre Mutter sie nicht halb zu Tode erschreckt. Und schicken Sie Renard herein – wir müssen doch ein paar Flaschen ordentlichen Wein mitgebracht haben.“

Bernadette nickte noch einmal, weil sie Angst hatte, dass sie etwas sagen würde, das ihre Lage nur noch mehr verschlimmerte, wenn sie jetzt den Mund aufmachte. Sie bebte vor Empörung, als sie die Bibliothek verließ.

Es war acht Jahre her, dass sie versucht hatte, mit Albert Whitman durchzubrennen, aber manchmal kam es ihr so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Sie war so schrecklich verliebt gewesen, so entschlossen, sich nicht an die Regeln ihres Vaters zu halten. Ihre glückliche Zweisamkeit hatte beinahe eine Woche gedauert, sie waren bis nach Gretna Green gekommen, wo sie auch geheiratet hatten und waren gerade auf dem Weg zum Haus seiner Eltern, als die Männer ihres Vaters sie gefunden und sie beide zurück nach Highfield geschleift hatten.

Bernadette hatte fälschlicherweise angenommen, dass es jetzt, nachdem sie vor dem Gesetz verheiratet waren und die Nacht als Mann und Frau verbracht hatten, nichts mehr gab, was ihr Vater dagegen tun konnte. Oh, wie sie ihn unterschätzt hatte – die Ehe wurde schnellstens annulliert und Albert fand sich umgehend auf einem Handelsschiff wieder. Es gab keine Hoffnung für ihn – er war kein Seemann und wurde, ob Unfall oder Absicht, einige Monate später auf See vermisst.

Sie hatte eine bittere, herzzerreißende Lektion gelernt – ein Vater konnte alles tun, was in seiner Macht stand, um eine Entscheidung rückgängig zu machen, die seine Tochter gegen seinen ausdrücklichen Willen getroffen hatte. Man konnte einen Pfarrer durch Drohungen oder Bestechung dazu bringen, dass er eine Ehe für ungültig erklärte. Man konnte Männer dafür bezahlen, dass sie einen jungen Mann in der Blüte seiner Jahre auf einem Schiff in Dienst nahmen, das auf dem Weg nach Indien war. Eine Frau musste hilflos zusehen, wie ihr Ruf und ihr guter Name durch ihr Handeln vollkommen zerstört wurden und sich die unsichtbaren Ketten ihres Vaters nur noch enger um sie legten.

Nach ihrem aufsehenerregenden Sündenfall wusste jeder in und um Highfield herum, was geschehen war. Auf der Straße wollte niemand sie mehr ansehen. Ihre Freunde ließen sie im Stich und selbst ihre Schwester distanzierte sich von ihr, weil sie sich davor fürchtete, dass ihr eigener Ruf unter ihrer Schuld leiden könnte.

Allerdings schien niemand etwas von dem Baby zu wissen, das sie verloren hatte. Nein, das blieb das Geheimnis ihrer Familie. Ihr Vater wäre eher gestorben, als jemals zuzugeben, dass seine Tochter aus dieser Verbindung ein Kind bekommen hatte.

„Bernadette! Da bist du ja.“

Sie hatte Avaline gar nicht gesehen. Sie war ganz plötzlich aufgetaucht und nahm ihre Hand.

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