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Der Medicus des Kaisers

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Teil I Alexandria
  7. Teil II Pergamon
  8. Teil III Rom
  9. Teil IV Antiochia
  10. Teil V Germanien
  11. Teil VI Colonia Commodiana
  12. Glossar

Über dieses Buch

Die Zukunft des römischen Weltreiches liegt in seinen Händen

Rom, 180 n. Chr. In der Nacht, in der der Kaiser Marc Aurel ermordet werden soll, zieht Claudios Galenos Bilanz. Er ist einer der berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit, Leibarzt der Kaiser ebenso wie der Medicus der Gladiatoren und Sklaven. Blutige Kämpfe und tödliche Intrigen am Hof bestimmten sein Leben. Drei Frauen entfachten seine Leidenschaft. Doch keine vermochte ihn so zu bezaubern wie Lucilla, die Tochter des Kaisers Marc Aurel, die jetzt eine Entscheidung von ihm verlangt, von der die Zukunft des römischen Weltreichs abhängt …

Tessa Korbers epischer Roman über das gefährliche und wechselvolle Leben eines Medicus zwischen Intrigen und Wissenschaft in der furchtbaren und großartigen Welt des römischen Reiches.

Über die Autorin

Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin“ hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.

Teil I
Alexandria

Pergamon muss man an einem Herbsttag sehen, wenn der Himmel dunkelblau ist und die weißen Wolkenbänke so schnell über den Pindasos heranziehen, dass Licht und Schatten auf dem Marmor der Treppen und Terrassen ohne Unterlass wechseln. So schnell streift Hell auf Dunkel die Dächer und Säulen, dass man meinen könnte, es wären die Wolken, die stillstehen, und Pergamon auf seinem Berg würde sich bewegen, vom Wind vorangetrieben wie ein Schiff mit blendenden Segeln.

So kommt es einem vor, vor allem dann, wenn man sich auf die Brüstung der Theater-Terrasse geschwungen hat, die Füße in den Abgrund baumeln lässt und weit über den glitzernden Selinus und das grüne Tal dahinter blickt, denselben lachenden Wind um die Stirn, der drunten das Laub der Olivenbäume in silbernem Flirren bewegt und die Eichenwälder rauschen lässt.

Als Junge balancierte ich oft dort herum, gleich hinter dem Dionysos-Tempel, und sah hinunter auf die Stützmauern mit ihren Streben, die einen in die Tiefe zu saugen schienen. Hier und da kam der raue Fels zwischen dem glatten Mauerwerk hervor, löste es ab und unterbrach es, kleine, klammernde Pinienschösslinge auf seinen Buckeln tragend. An denen hielt sich mein Blick fest, wenn ich meinte zu schwindeln und zu fallen und zwei Terrassen tiefer blutig zwischen den Marmorstatuen aufzuschlagen. Trotzdem habe ich die Mutprobe meinen Freunden immer wieder vorgeführt, freihändig, johlend, Claudios, das verrückte Wunderkind.

Später dann schlenderte ich abends manchmal mit einem Mädchen hier vorbei und zog die gleiche Nummer ab, damit es heiße Wangen und einen fliegenden Atem bekäme und sich dann von mir küssen ließe. Doch, doch, das klappte erstaunlich oft. Aber die Momente davor allein auf der Brüstung, im Angesicht der zitternden Sterne und der dunklen Gebirgszüge im Mondlicht, schwarz vor der tieferen Schwärze der Nacht, sie waren wie Rausch und Flug, oft besser als alles, was danach kam.

Heute würde ich nicht mehr dort sitzen wollen. Nicht weil ich den Tod nicht herausfordern wollte, das habe ich als Arzt mein Leben lang getan, das ist mein Beruf. Nein, ich habe nur zu viele gesehen in den Arenen, die so mit ihm getändelt haben: lachend, wie ich, mit strömenden Pulsen, berauscht von seiner Nähe, und die er mitnahm, trotz ihres Lachens, ihrer Jugend, ihres Mutes und ihrer strotzenden Lebenskraft, genauso beiläufig und umstandslos wie jeden beliebigen anderen auch. Aus prächtigen Helden in Purpurroben wurden sie zu schmutzigen Fleischklumpen, und sie haben nichts zum Ausgleich dafür bekommen.

Auch Lucilla wird, als die Mörder kamen, mit demselben wütenden Mut ihrem Schicksal entgegengesehen haben, mit dem sie ihr ganzes Leben betrachtete. Und was bewirkte es? Nichts als dass wir uns nie wieder in den Armen liegen werden. Sie hing erdrosselt, wie man mir sagte, zwischen den Säulen einer Terrasse über dem Meer, dessen Brandung an diesem Tag ungewöhnlich friedlich gewesen sein soll, türkisfarbene Teiche, die Buchten unter dem Thymianduft der Hügel, und ihr stolzer Trotz, der Welt ihr Glück abzuverlangen, war Vergessenheit.

Und der Kaiser, dem ich nicht helfen konnte? Er spuckte Blut, verzieh selbst dem Wetter, starb wie ein echter Philosoph und war doch hinterher – nichts als tot.

Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, als jetzt, alter Narr, der ich bin, noch einmal das große Spiel zu wagen. Ave Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich! Tritt in die Arena, du hast es doch zu Lebzeiten so gerne getan, und miss dich mit meiner Hinterlist! Falls ich verliere ... nun, ich werde sie klopfen hören, die Prätorianer, und der Becher steht hier neben mir bereit. »Schau, ohne festhalten, ohne festhalten?« So rief ich damals und wedelte mit den Händen. Ihr Götter, war der Himmel über Pergamon weit!

Nein, das Mädchen, das mir damals als Lohn für mein Kunststück statt der erwarteten Umarmung eine Ohrfeige gab, die meine Wange brennen ließ, hatte schon recht gehabt. Dennoch kann ich mich einfach nicht an ihren Namen erinnern.

Dabei sollte mir dieser Name unvergesslich sein; es war nämlich die letzte Nacht in meiner Heimat, als ich sie ausführte. Meine Ausbildung als Arzt war beendet, meine Lehrer lobten mich als seltene Begabung: Die Nachbarsburschen, die mir, dem Stubenhocker und Gelehrten, die Kindheit sauer gemacht hatten, sie waren jetzt schlichte Handwerker und Familienväter und verbeugten sich ehrerbietig, wenn ich ihre Läden betrat und etwa spezielle Messer für meine Operationen bei ihnen bestellte. Für sie, dachte ich manchmal, wenn ich sie sah, war das Beste bereits vorbei, ihre Jugend, in der sie die Könige der Straße gewesen waren. Für mich, da war ich sicher, sollte das Beste noch kommen. Und beinahe schämte ich mich dafür, dass es so war, und ich fragte mich, ob sie es auch so empfänden wie ich und ob ihre Demut mir und ihrem eigenen Leben gegenüber mit Wehmut oder gar Bitterkeit gemischt war. Hatten sie damals, als sie mich johlend über die steilen Treppen der Unterstadt hetzten, schon gewusst, dass ich unweigerlich der Herr sein würde und sie die Knechte? Dass der Spaß nur kurz währen würde?

Nun, mein Spaß sollte damals gerade erst beginnen! Morgen würde mich ein Wagenzug voller Pergament, dessen Herstellung meine Heimatstadt ihren Namen verdankte, an die Küste nach Elaia bringen, und von dort würden die Häute und ich uns ein Schiff nach Alexandria teilen, wo der berühmte Arzt Numisian lehrte. Ich hatte ihn in Korinth nicht angetroffen, aber in Ägypten würde ich ihn finden, sein Meisterschüler werden und seinen und meinen Ruhm in alle Welt tragen, dazu war ich fest entschlossen, auch wenn weder er noch die Welt etwas von ihrem kommenden Glück ahnten.

Mein Vater hieß meine Wahl gut; ein Arzt, der von sich sagen konnte, in Alexandria studiert zu haben, dem standen die Türen der vornehmen Welt offen. Noch einmal wiederholte er seine Mahnung, mich nicht zum Anhänger einer Schule zu machen, sondern kritisch meinen Geist zu bemühen allen Schulmeinungen gegenüber, woher sie auch kämen. Ich versprach ihm das mit völlig ruhigem Gewissen, hatte ich doch erst wenige Wochen vorher dem wandernden Arzt, der in der Säulenhalle des großen Gymnasions einen Vortrag hielt, kräftig und vor allen Leuten die Meinung gesagt. Allein die Bildtafeln, die er zur Demonstration über die Natur des Uterus dabeihatte, bewiesen, dass der Kerl noch nie mit eigenen Augen einen präparierten Unterleib gesehen hatte! Eine einzige Sektion hätte ihm verraten, dass die linke und die rechte Hälfte nicht unterschiedlich stark durchblutet waren und es also unsinnig war, aus der Platzierung des Fötus – er hielt die auf der stärker durchbluteten Seite für durchweg männlich – auf sein künftiges Geschlecht zu schließen. Die hinführenden Arterien nämlich ... aber ich will nicht abschweifen. Ich sprang also auf das Rednerpodium, drehte eine der Tafeln um und skizzierte mit wenigen Strichen, wie sich die Sache eigentlich verhielt. Der Mann ist noch am selben Tage abgereist.

Ich dagegen schrieb rasch ein Buch über das Thema und widmete es – obwohl sie nicht lesen konnte – meiner Amme Alkestis, ehe ich es später unserer berühmten Bibliothek übergeben ließ. Alkestis weinte Tränen über dieses Geschenk, die ich damals für Freudentränen hielt. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher.

Alkestis war die Amme unseres Stadtviertels. Und obwohl sie seine Sklavin war, ließ mein Vater sie frei schalten und erlaubte ihr auch, einen Teil des so verdienten Geldes für ihren Freikauf zu behalten. Obwohl ich mir nie vorstellen konnte, dass Alkestis uns freiwillig verlassen würde, sie war doch einzig für mich auf der Welt! Selbst als Mutter noch lebte, hielt ich mich lieber bei ihr in der Küche auf und folgte ihr überallhin auf ihren Geschäftsgängen in die Häuser der Frauen. Dort saß ich dann in den Vorzimmern der Gebärenden, im Kreis all der Nachbarinnen, die zu dem Anlass zusammengekommen waren, und lauschte ihren leisen Unterhaltungen über Frauenleiden und die Affären der Abwesenden, über Liebestränke und Erntezauber, um den sie Alkestis baten. Denn auch darauf verstand sich meine Amme. Wenn Vater stolz darauf war, dass seine Dienerin stets in blütenweißen Gewändern herumlief und so seinen eigenen Sinn für Reinlichkeit und Ordnung nach draußen trug, so hätte ich ihn leicht eines Besseren belehren können. Alkestis trug Weiß, wie alle Zauberinnen, nur weißes Leinen, weil Tieropfer wie Wolle oder Leder ihr nicht erlaubt waren. Sie übte ihr Amt barfuß aus, wie es sein musste, und ohne irgendeinen Knoten in Gewand oder Haar, der ihren Zauber hätte binden können. Und ich war ihr kleiner Gehilfe.

»Hast du das Messer, Claudios?«, fragte sie, und ich nickte und gab ihr die Klinge, die der Gebärenden unters Bett gelegt wurde, um den Schmerz abzuschneiden.

»Und jetzt sing, mein Kleiner«, gebot sie dann, und ich sang, während sie die Zeichen vollführte, die Litanei der Beschimpfungen, die Seth fernhalten sollten, Silvanus und Charon, den Fährmann, all die bösen Götter und Geister, die das Kindbett bedrohten.

»Zieht euch zurück von dieser Frau«, so sang ich mit sechs Jahren und warf eine Handvoll trockener Kräuter ins Feuer, »sonst spreche ich laut von all euren Sünden, verrate eure Namen und gebe sie den Dämonen zu fressen.«

»Iiiiieehh«, stieß Alkestis ihren Tierschrei aus, die Rauchwolken stiegen auf, und die Gebärende stöhnte. Nur gut, dass Vater uns nicht sah. Nur gut, dass meine vornehmen römischen Patienten nicht wissen, wie meine Ausbildung als Arzt begann. Obwohl – manchen von ihnen, diesen sternguckenden, abergläubischen Narren, wäre es wohl gerade recht, wenn ich ihnen Eidechsenblut auf die Stirn tröpfelte und iranische Götter anriefe, statt sie zu einer Diät, kalten Bädern und Gymnastik zu verdonnern. Wie dumm ist doch die Welt!

Das dachte ich auch damals, später, als ich Alkestis schon lange nicht mehr begleitete, sondern längst mit meinen Philosophielehrern in den Säulenhallen wandelte oder mit meinem Mentor Satyros über ein kunstvoll seziertes Schwein gebeugt stand und den Verlauf der Nervenbahnen diskutierte. Wenn Alkestis in der Küche eine ihrer Besucherinnen empfing, die mit verweinten Augen über die Untreue eines Liebsten klagte und verstohlen eine Locke seines Haares hervornestelte, damit Alkestis ihr ein Püppchen daraus bastelte und es bände, dann lächelte ich, wenn sie für ihr verstohlenes Ritual ins Nebenzimmer gingen, und schaute gar nicht von meinen Büchern auf dabei. Ich lächelte auch, als ich ihr das Werkchen überreichte, das meine neue Kunst gegen ihre stellte. Und Alkestis weinte.

Mein Vater war ein großzügiger Herr und überließ seine Sklavin ohne Scheltworte ihren Tränen. Mir klopfte er auf die Schulter, nickte abwesend und war in Gedanken schon wieder bei den Magazingebäuden, die er gerade auf dem unteren Markt errichten ließ, Architekt mit Leib und Seele, der er war. Ich nickte zurück und wandte mich ab, die Karren rückten an. Claudios Galenos, der jüngste Arzt Kleinasiens, rollte auf knarrenden Rädern seiner Vollendung entgegen! Das Kaikostal weitete sich vor mir, die Ruine von Teuthrania grüßte mich Singenden zum Abschied von ihrem Berg herab, und an der Mündung wartete vor Elaia mit knarzenden Masten mein Schiff, das wiegende Meer und dahinter – Alexandria. Alexandria! Sogar die weißen Schreie der Möwen riefen diesen Namen.

* * *

»Was?«, rief ich und wollte meinen Ohren nicht trauen. »Zweihundert Tetradrachmen für dieses lumpige Loch? Man wird den Lärm von den Schiffswerften Tag und Nacht hören!« Der Hauswirt, ein dicker Ägypter, der zwischen dem fremd riechenden Vielerlei der Waren stand, die er im Erdgeschoss seines Mietshauses vertrieb, zuckte nur mit den schweißglänzenden Schultern und lächelte geduldig. Ich sah, dass seine schillernden Augen mit Khol ummalt waren, der in der Hitze langsam in den Falten unter seinen Tränensäcken verlief.

»Mein Haus liegt direkt an der Via Kanopus, Herr«, entgegnete er mit selbstsicherem Stolz. Und da hatte er recht. Das andere Zimmer, das ich mir vorher angesehen hatte, bot zwar einen wunderbaren Blick auf die grünen Gärten der westlichen Nekropole, aber ich hätte mich durch ganz Rhakotis schlagen müssen, um zur Agora oder zur Bibliothek zu kommen, wo ich meine Studien betreiben wollte. Straßen um Straßen mit den kubischen, abweisenden Häusern der Ägypter, die nur schmale Fensteröffnungen nach draußen schickten, hätten sich zwischen mir und der griechischen Zivilisation erstreckt. Außerdem lag es im vierten Stock eines Mietshauses. Die einzige Möglichkeit, seine Notdurft zu verrichten, war ein Nachttopf oder, vier Stockwerke tiefer, das Urinbecken an der Treppe, das ein Gerber dort für seine Zwecke aufgestellt hatte; kein sehr verlockender Gedanke.

Nein, es schien mir weit besser, über diesem gemischten Warenlager zu hausen, nahe den Wandelhallen der Philosophen, wo ich schon bald zwischen blauen Papyrusbündelsäulen sitzen und meinen Blick über die vergoldeten Kassettendecken schweifen lassen wollte, während ich den Lehren der großen Männer lauschte. Und nahe dem Inselchen Pharos, wo das letzte Ziel meiner Wünsche lag.

Ich sog die Luft im Laden Manethos – so hieß mein künftiger Vermieter – tief ein, kostete die Mischung aus Seife, Leder, Gemüse und alten Stoffen, die mir in den nächsten Monaten so vertraut werden sollte, griff in meinen Beutel und zählte die gewünschte Anzahl Tetradrachmen auf die Theke. Es war das Monatseinkommen eines Handwerkers, aber was sollte es: Ich besaß ja genug davon – wofür hat man einen reichen Vater?

Misstrauisch sah ich zu, wie Manetho hinter Mehlsäcken, Fläschchen mit Haarfärbemittel, Körben mit Mandelgebäck und üppig dekoriertem Tongeschirr zu wühlen begann und eine verstaubte Flasche hervorholte, um das Geschäft mit einem Trunk zu besiegeln. Zitronenlikör, erklärte er mir triumphierend, den seine Mutter selbst zu machen pflegte. Ich wollte höflich ablehnen, doch er stellte unnachgiebig zwei Glasbecher aus seinem Angebot auf die Theke und goss die leuchtend gelbe Flüssigkeit ein, die den dämmrigen Laden mit einem Mal zu erhellen schien und ihn bis in den letzten Winkel mit dem duftenden Aroma eines rauschenden Zitrushaines erfüllte. Obwohl ich nur sehr vorsichtig an der streng und seifig schmeckenden Kostbarkeit nippte, schwebte schon nach wenigen Schlucken mein Kopf. Mein Vermieter nickte, lachte und schenkte mir nach, während er ins Plaudern geriet. Mit Mühe folgte ich der Geschichte seiner Familie, die durch die Jahrhunderte zurückreichte bis zu der Ahnin, die im Schilf des Mareotis-Sees von Pharao Ptolemaios geschwängert worden war. Er erzähle mir dies nur im Vertrauen, damit ich wüsste, in welch ehrenwertem Haus ich lebe. Und Kochen auf den Zimmern sei verboten.

Pharaonen, Liköre, Tetradrachmen und Traditionen – erschöpft trat ich nach diesem Einstand am Spätnachmittag aus dem kühlen Halbdunkel des Magazins auf die noch unbekannten Straßen. Die Hitze presste mir den Atem aus den Lungen. Doch ich musste unbedingt heute, am Ankunftstag, noch hin, ich musste! Wenigstens von Weitem wollte ich es sehen, das Haus, das ich in Alexandria vor allen anderen aufzusuchen gedachte: dasjenige des Numisian auf Pharos. Es konnte ja nicht weit sein; der Hafenlärm war nicht zu überhören. Ich folgte dem Knarzen der Lastkräne, den Rufen der Schauerleute und dem Flug der Möwen und Kormorane bis zur nahen Mole und stand bald auf einem belebten Handelskai vor dem großen Damm, der die Insel mit dem Festland verband, dem Heptastadion. Er strebte straßenbreit, schnurgerade und gleißend in die grüne See, wie der blendende Pfad des Helios. Und irgendwo dort vorne, in der Nähe des berühmten Leuchtturms, dem ich kaum einen Blick gönnte, da brannte die Fackel des Geistes, deren Licht mich angelockt hatte.

Erregt tat ich den ersten Schritt auf den leuchtenden Pfad hinaus. Und schwankte. Heptastadion, Möwenschreie, Turm und Wogen schwappten mit einem Male in grünem Zitronenlicht sacht hin und her, hin und her. Unsicher trat ich von dem wankenden Damm zurück und spürte, wie die gnadenlose Sonne mich auf den Steinen zerdrückte. Numisian musste warten. Ich schloss die Augen und sah Glutkristalle. Es war ein Fehler gewesen, dachte ich, im August nach Alexandria zu kommen.

* * *

Es war ein Fehler gewesen, überhaupt nach Ägypten zu kommen. Das wurde mir wenige Monate später klar. Und das lag nicht nur am Klima. Jedem Arzt, der auch nur eine Ahnung von dessen grundsätzlicher Bedeutung besaß, musste einfach klar sein, wie schädlich das viel zu heiße, trockene Klima des Landes für die Gesundheit war! Auch das Essen war nicht der Grund, obwohl es meine tiefe Abneigung gegen Ägypten begründen half.

»Bohnen, Bohnen, Bohnen«, stöhnte ich täglich, wenn Manethos Mutter mir das vereinbarte Abendessen aufs Zimmer stellte. »Und wenn es keine Bohnen gibt, dann eben Erbsen. Oder Linsen.« Aber die Ägypter waren unbelehrbar. Ich dozierte oft an den Imbissständen, wo Esels- und Kamelfleisch, in kleine Stücke geschnitten und mit tödlich scharfen Gewürzen geröstet, die Gesundheit jedes anständigen Griechen tagtäglich bedrohten. Vergebens! Sogar Wiesel zählten diese Menschen zu den Nahrungsmitteln und – mich schaudert noch heute, wenn ich daran denke: Schlangen. Selbst Vipern und andere giftige Arten lagen, die schlaffen Leiber über die Holztische der Marktbuden baumelnd, zum Verkauf für den Liebhaber aus. Die glänzenden Schuppen, tiefschwarz wie Obsidian oder bunt gemustert, verführten Kinder und junge Frauen zu schaudernden Berührungen. Ich blieb stehen. Ob sie denn nicht wüssten, was sie ihrer Konstitution, Leib und Leben damit antäten, rief ich voller Abscheu. Aber sie gaben nur zurück, dass keinerlei Gefahr bestünde, wenn das Fleisch frisch genossen würde.

»Wenn du ganz sichergehen willst«, rieten mir die Wohlmeinenden, »so geh zu Merenptah hinter dem Gymnasion. Der verkauft sie lebend.« Ich sagte ihnen, was ich als griechischer Arzt und Hippokrates-Kenner von derlei Dummheiten hielt, und es gab einen Auflauf, der mich rasch das Weite suchen ließ. Mein Genosse Philition tröstete mich in seiner neuesten Entdeckung, einer Taverne, die echten kretischen Rotwein anbot, und sprach mir Mut zu. Aber ich brauchte keinen Trost. Was tat es, dachte ich trotzig, wenn die Ägypter mich nicht liebten; ich liebte sie ja auch nicht!

»Weißt du, Philition«, sagte ich nach dem dritten Becher, »es war ein Fehler, nach Alexandria zu kommen.« Er nickte nur. Ich fürchte, er kannte den Satz bereits.

Philition war mein Gefährte geworden in dem Stockwerk über Manethos kühlem Laden. Er bewohnte seit einem halben Jahr das Zimmer nach Westen hinaus, wirtschaftete, so gut er konnte, mit dem kleinen Guthaben, das sein Vater, ein Steinmetz aus Smyrna, ihm zukommen ließ, und suchte wie ich, die hohen Weihen der alexandrinischen Medizin zu erlangen. Wenn ich seinen letzten Briefen glauben darf, ist er ein glücklicher und zufriedener Gemeindearzt seiner Heimatstadt geworden, Asklepios schenke ihm Gesundheit und Wohlstand!

Philition beklagte sich nicht wie ich über die ägyptischen Bohnen, er war genügsam, auch in geistiger Hinsicht, und deshalb konnte er sich leichter mit dem Umstand abfinden, der Alexandria erst wirklich zu einer Enttäuschung machte: dem unglaublich schwachen Niveau der hiesigen ärztlichen Ausbildung, die dem guten, ja legendären Ruf der Stadt gänzlich zuwiderlief. Was dem Bildungssuchenden hier geboten wurde, war empörend: ein Nichts, Scharlatanerie, hinter den Fassaden großer Namen versteckt. Ihr Götter, wie konnte so viel Schwachsinn von den Lippen so weniger Männer tropfen? Noch heute packt mich die Wut, wenn ich daran denke! Und wie schafften sie es, dafür solche Honorare einzuheimsen?

»Sag mir, Philition«, klagte ich, als wir eines Tages vor einer kleinen Halle neben der Bibliothek des Serapis-Tempels saßen, wo der berühmte Julianus die Sektion eines Bauches vorführte. »Sag mir, ist das hier wirklich Alexandria, der Nabel der medizinischen Welt?« Ich ließ mich auf die Stufen sinken und schaute melancholisch einer Gruppe kahlköpfiger Priester nach, die in Formation über den Hof zog. »Ich glaube es einfach nicht, Philition.«

In den kühlen Raum hinter mir, dessen rotgrundige Wände bunte Friese mit Gartenbildern zierten, auf denen zarte Bäume ihre Äste reckten und Enten aus blühendem Schilf aufflogen, war vor Kurzem der tote Körper auf einer Bahre hereingetragen worden, gefolgt von einer Schar eifriger Adepten des Asklepios, darunter wir beide, Philition und ich. Gesicht, Oberkörper und Beine bedeckt von fast leuchtend weißen Leintüchern, harrte der bloß liegende, unter dem Nabel leicht behaarte, speckige Bauch dazwischen schutzlos der Künste des Meisters. Zwei Assistenten reichten ihm die Skalpelle zu und zogen die kaum mehr blutenden Schnittränder mit Wundhaken vorsichtig beiseite, sodass die Bauchhöhle bald offen vor uns lag. Das schillernd weißliche Geschling der Därme wurde entfernt, und wir beugten uns in unseren Tuniken vor. Julianus präparierte unter ständigem Dozieren die wichtigsten inneren Organe heraus, und fassungslos musste ich zusehen, während die anderen eifrig auf ihre mitgebrachten Wachstäfelchen kritzelten, wie Julianus seelenruhig Nerv um Nerv, Arterie um Arterie achtlos durchtrennte. Der große Erasistratos, auf den er sich dabei fortwährend berief, hätte sich im Grabe umgedreht bei dieser Metzelei. »Dies ist der Magen«, erläuterte Julianus gerade, »den die Nahrung passiert, um verdaut zu werden.«

»Ja, aber wie?«, warf ich ein, »wie verdaut er?« Unruhiges Gemurmel stieg auf und hallte unter der hohen Decke. Zwischenfragen waren anscheinend nicht üblich, die Assistenten blickten drohend, und der Meister sah mit herabgezogenen Mundwinkeln nicht auf mich, sondern auf das tote Fleisch vor sich, um fortzufahren.

»Hier sieht man die Stelle des Austritts für den Dünndarm, wo ein Teil der Nahrung zunächst als Brei passiert, um dann ...« »Aber wie wird die Nahrung denn nun zu Brei?«, insistierte ich unzufrieden und reckte das Kinn, als die anderen Schüler geschlossen einen Schritt zurücktraten und mich allein dem mutmaßlichen Zorn Julianus’ überließen. Der schob die Mundwinkel noch ein wenig tiefer.

»Durch Zerreiben und Peristaltik«, antwortete er, knapp und lauernd, wie jemand, der sich fragte, was der Gegner als Nächstes vorhatte.

»Und wie das?«, fragte ich. »Ich meine, wie kann man etwas über die Bewegungen des Magens erfahren, wenn man das gesamte System der ihn versorgenden Nerven und Adern sorglos zerstört?« Julianus warf einen raschen Blick auf den von ihm zerfledderten Leib und fixierte mich dann finster.

»Es geht hier«, presste er zwischen den fast geschlossenen Lippen hervor, »um eine Demonstration der Organe nach den Lehren des großen Erasistratos. Wir«, sagte er betont gravitätisch, holte tief Luft und blähte seinen Brustkorb auf, »wir beschäftigen uns hier nicht mit Fragen, die der große Anatom nicht gestellt hat.« Damit, so meinte er, sollte das geklärt sein. Das »Wir« hinter mir atmete kollektiv aus.

»Erasistratos war wahrhaftig ein großer Anatom«, gab ich zu, »und von Nervenbahnen verstand er eine Menge. Außerdem«, trumpfte ich auf, »sollen Fragen, die er nicht gestellt hat, für immer ungestellt bleiben? Ich meine, er ist doch immerhin seit fast vierhundert Jahren tot.« Das »Wir« atmete kollektiv wieder ein und hielt die Luft an. Aber ich war zu sehr in Fahrt gekommen, um mich davon noch abhalten zu lassen. »Außerdem war auch Erasistratos nicht frei von Fehlern. Um zunächst beim Magen zu bleiben«, fuhr ich Julianus über den Mund, der eben dazu angesetzt hatte, etwas zu sagen, »um beim Magen zu bleiben, so hat er sehr wohl verlangt, dass die Art, wie Speisen verdaut werden, erforscht werde. Aber warum hat er nicht auch untersucht, welches die ursprüngliche und führende Ursache davon ist? Bei den Venen und beim Blut hat er sogar auf die Frage nach dem Wie verzichtet. Aber der göttliche Hippokrates hat nicht darauf verzichtet«, dozierte ich atemlos.

Julianus brachte etwas wie ein trockenes »So« hervor, aber ich ging nicht darauf ein, sondern erläuterte eifrig die hippokratische Viersäftelehre, die Erasistratos sträflich und unsinnigerweise vernachlässigt hatte, hätte sie ihm doch den Schlüssel zu allen Körperfunktionen in die Hand gegeben. Da waren der warme und feuchte Saft, das Blut, der warme und trockene Saft, also die gelbe Galle, so erklärte ich, der kalte und feuchte Saft, vertreten im Schleim, und ...

»Trocken«, höhnte da Julianus, »ein Saft!« Und erstmals schenkte er seiner Schülerschar seine kostbare Aufmerksamkeit. Er gab ihr mit einem abschätzigen Lächeln die Erlaubnis, mich zu verhöhnen.

»Allerdings!«, rief ich. »Denn nach unserer Auffassung unterscheidet sich das dem bloßen Erscheinen nach Feuchte von dem der Potenz nach Feuchten. Wer wüsste nicht, dass Salzlake und Meerwasser, so feucht sie scheinen, das Fleisch trocknen und konservieren, während alles andere Wasser es unverzüglich zersetzt und faulen lässt?« Triumphierend sah ich in die verwirrten Gesichter um mich herum. Da schwiegen sie! »Und der vierte Saft«, nutzte ich die Stille und fuhr nun ungestört fort, »ist die kalte und trockene schwarze Galle, von der Erasistratos ebenfalls keine Ahnung hatte, obwohl Hippokrates von ihr lehrte: ›Wenn Dysenterie von der schwarzen Galle herkommt, ist sie tödlich.‹ Gerne hätte ich Erasistratos gefragt, ob die kunstvoll wirkende Natur denn kein Organ geschaffen hat, welches einen solchen Saft ausscheidet, wie es die Niere mit dem Harn und ein weiteres mit der gelben Galle tut?« Und ich wies auf die Milz, die das bekanntlich tat, die Julianus aber, ebenso wie sein Vorbild Erasistratos, nicht beachtet, in ihre schleimigen Häute eingehüllt und vom Messer noch unberührt an ihrem Platze vergessen hatte. »Oder vielleicht könnt Ihr mir den Zweck dieses Organes benennen?«

»Dieses Organ«, knurrte Julianus, ganz der Schüler seines toten Herrn, »ist funktions- und nutzlos. Genau wie Ihr.« Damit winkte er seinen Assistenten, die die Wundhaken sorgsam beiseitelegten, sich die schleimverschmierten Finger an den Schürzen abwischten und auf mich zukamen. Alles war in Aufruhr, nur der Tote lag ruhig auf seiner Bahre.

»Nutzlos?«, rief ich, »wie kann ein Teil dieses so kunstvoll gebauten Wunderwerkes nutzlos sein?« Ich rief es über die Schulter, denn sie hatten mich unter den Achseln gepackt, hochgehoben und trugen mich hinaus.

»Säfte«, spuckte einer, als sie mich unsanft auf den Treppenstufen absetzten.

»Potenz der Feuchte«, höhnte der andere. Dann war ich allein. Philition trat hinter mich, legte mir begütigend die Hand auf die Schulter und seufzte.

»Unfähige Scharlatane«, murrte ich, »vor lauter Theorie unfähig zu sehen, was vor ihren Augen liegt.«

»Hhm«, brummte Philition, und sein Magen knurrte.

»Und wenn sie es dann sehen, fehlen ihnen das Abstraktionsvermögen und die Logik, um es zu verstehen.« Die Priesterschar war inzwischen in ihrem Heiligtum verschwunden. Der Hof gehörte uns. »Jede Tetradrachme war für diesen Müll vergeudet«, brummelte ich immer noch, und laut, dass sie es drinnen hörten: »Ich verlange mein Geld zurück.« Philition klopfte mir noch immer begütigend auf die Schultern.

»Dafür bist du ein Arzt und diese dort nichts weiter als eine Gefahr für ihre künftigen Patienten. Hast mit sechzehn schon drei Bücher geschrieben, und ...«

»Schon gut.« Ich ließ mich beruhigen. »Gehen wir ein paar Bohnen essen und versuchen wir unser Glück dann am Nachmittag mit diesem berühmten Hippokrates-Exegeten. Wie heißt er noch?«

Wie sich herausstellte, lohnte es sich nicht, den Namen zu behalten, und ich habe auch darauf verzichtet, ihn für dieses Manuskript nachzuschlagen; er hatte es wahrlich nicht verdient, der Nachwelt erhalten zu werden. Erklärte er doch im Peristyl der stattlichen Villa, die ihm seine wissenschaftliche Arbeit eingebracht hatte, einer andächtigen Schar von Schülern, dass Hippokrates in seiner Fallbeschreibung des Patienten Silenus diesen nicht deshalb als »schlaflos, viel redend, lachend und singend« beschrieben hatte, weil das zu seinem Krankheitsbild gehörte, sondern vielmehr, weil es sich bei dem Kranken eben um einen Silen, einen Satyr also, handelte. Und diese pferdefüßigen und -ohrigen, rossgeschweiften Gesellen mit den runden Augen und den aufgeworfenen Nasen, wie wir sie von den Vasenbildern kennen, ja, ja, die feierten, sangen und redeten nun einmal gerne. So jedenfalls erklärte es uns der freundliche, rundgesichtige alte Mann, der selbst einem Silen verblüffend ähnlich sah und sicher ein wunderbarer Großvater seiner Enkel und Trinkgenosse bei frohen Gelagen war, den ich aber jederzeit mit Flüchen von meinem Krankenbett vertrieben hätte, so das Schicksal mich je in seiner Nähe darauf niederwürfe. Bei allen Göttern! Dieser Sophist ging mit Hippokrates’ Text um wie ein Betrunkener mit einem Waisenkind!

Als er uns nach seinem Vortrag mit launiger Jovialität begrüßte und uns vorschlug, unsere Zeit doch damit zu verbringen, die in der Forschung noch ungeklärte Frage zu beantworten, ob dieser Silen nun in der Stadt Platanon oder Plotanon gelebt hätte, da genügte ein Blick der Verständigung zwischen Philition und mir, und wir verabschiedeten uns. Wir lachten noch, als wir wieder in unserer kretischen Taverne saßen.

* * *

Alexandria ließ mich damals an der ärztlichen Kunst, vor allem aber an der menschlichen Vernunft verzweifeln. Und ich frage mich bis heute, wie es kommen konnte, dass ich vier Jahre dort blieb. Vier Jahre, die, wenn ich es recht überlege, zu den wunderbarsten meines Lebens zählten. Es wird Zeit, dass ich von Neferure berichte.

Das Porträt, das sie mir schickte, ist arg verblasst, viel von dem Gold blieb an meinen Fingerspitzen, wenn ich darüberstrich, es betrachtete und versuchte, in den langsam in der Zeit versinkenden Zügen mich selbst wiederzufinden. Auch jetzt ist es mir wieder nah, es steht neben dem Silberbecher im Lampenlicht, wie ein Fenster ins Jenseits. Ja, es wird Zeit, dass ich von Neferure erzähle. Das begann so:

Ich war, wie gesagt, verzweifelt, und dass ich nicht nach einem Jahr wieder abreiste, lag zunächst nur an dem Teufelskreis, in den Numisian mich verstrickte, genauer, sein Sohn Herakleianos, denn Numisian, der große Meister, war gestorben, wie ich schließlich in der Bibliothek erfuhr, tot und begraben, noch ehe ich in Alexandria angekommen war. Als ich eines Abends endlich wieder am Ursprung des Heptastadions stand, bereit, seinen breiten Rücken mit dem Aquädukt darunter zu betreten, und diesmal endlich mit der lang ersehnten schriftlichen Einladung in Numisians Haus in der Hand, da gab es für meinen Ehrgeiz – ja, ich gebe zu, ich war ehrgeizig – nur noch den Nachlass des berühmten Anatomen als Ziel. Aber sollte das nicht genügen?

Numisians Hinterlassenschaft umfasste, so hieß es in den geschwätzigen Buchläden um das Museion, über fünfzig Bände handschriftlicher Notizen, dazu die Lektionen für seinen Schüler Pelops in Smyrna und die Bildtafeln zu der großen griechischen Vortragsreise, die damals in Athen ihren glorreichen Abschluss gefunden hatte. Allein diese Bildtafeln sollten wahre Wunderwerke sein, die jeden Muskel und Nerv des Körpers zeigten. Manche munkelten sogar von einem Skelett, das eine Mechanik so bewegte, dass das Spiel der darauf angebrachten künstlichen Muskeln studiert werden konnte, als hätte man einen lebenden Menschen ohne Haut vor sich. Dieses Letztere allerdings hielt ich für ein Gerücht, eine gelehrte Fama, wie sie unsere allzu literarischen Historiker gerne ausstreuen, denen mehr an der Rhetorik und ihren schönen Effekten als an der Logik liegt und die ihre Finger von der Wissenschaft lassen sollten. Aber auch ohne das: Numisians Erbe war fabelhaft und schien mir jede Anstrengung wert.

Herakleianos empfing mich höflich, geradezu herzlich. Er versicherte, schon von dem Ruf gehört zu haben, den ich mir als Arzt in Alexandria erworben hatte, bat mich herein und befragte mich bei einem ausgezeichneten Essen zu meinen beruflichen Erfahrungen. Tatsächlich hatte alles mit der Mutter Manethos begonnen, an deren Krankenbett mich der besorgte Gemischtwarenhändler rief, als ein Quartanfieber die Greisin schüttelte, dem die einheimischen Mediziner mit ihren Rezepten aus zerstoßenen Eidechsenschwänzen nicht mehr beikamen. Ich entfernte unter dem Zischeln der Nachbarschaft einen mit Schlangenblut beschrifteten Papyrusstreifen voller Zauberzeichen von der schweißverklebten Stirn der Alten und legte ihr feuchte Tücher auf. Dann schickte ich Manetho mit einer Liste zum nächsten Kräuterladen und ging, meine Schröpfköpfe zu holen. Von all den misstrauischen Blicken schier in die Ecke gedrückt, nahm ich neben meiner ersten Patientin Platz, und obwohl sie so klein und verhutzelt war, dass man gut und gerne meinen könnte, sie selbst sei es gewesen, die damals den Pharao im Schilf beglückte, so überlebte sie nach Aderlass und Kräutertee doch ihr Fieber, lachte mich am Morgen des vierten Tages mit zahnlosem Mund an, krakeelte etwas auf Ägyptisch, was ich nicht verstand, und hatte mir damit nicht nur meine Miete vom Hals geschafft, sondern auch eine wachsende Zahl von Patienten in Rhakotis beschert.

Allerdings, so berichtete ich Herakleianos lachend, während er mich zur Entspannung nach dem Mahl in das im abendlichen Dämmer liegende Peristyl begleitete, worein von Zeit zu Zeit das Licht des nahen Leuchtturms fiel, allerdings war Manetho wenige Zeit danach zu mir gekommen, um zu erklären, dass er mir zwar die Zimmermiete erlassen hätte, nicht jedoch die Miete für die Arztpraxis, die ich ja nun hier betriebe. Wir einigten uns, wen wundert es, auf zweihundert Tetradrachmen. Herakleianos lachte, die Sklaven brachten Wein und geröstete Mandeln, und wir tranken, knabberten süße Kerne und plauderten zum Plätschern des Springbrunnens. Alles lief bestens, Herakleianos schmeichelte mir so, dass ich völlig vergaß, wie viele Wochen es mich gekostet hatte, diese Einladung zu erhalten. Wir waren über das Vorgehen bei Oberarmsektionen ganz und gar einer Meinung, und als ich glaubte, nun im besten Licht dazustehen, und das Gespräch auf das Erbe seines Vaters brachte, da geschah, was mir heute rückblickend noch die Schamröte ins Gesicht treibt, als wäre das nicht alles schon fast vierzig Jahre her. Wie hatte ich nicht durchschauen können, was doch so durchsichtig war? War ich tatsächlich so jugendlich-dumm gewesen? Aber wer kann sich solche Fragen schon ehrlich selbst beantworten? Ich schweife ab, von Herakleianos wollte ich berichten, wie er mich umgarnte, und Herakleianos tat dieses so:

Tja, das Erbe, setzte er an, sicherlich, jaja. Ob ich nicht noch ein paar Mandeln wolle. Nein? Das Erbe also. Er drehte das Weinglas in seiner Hand. O ja, es sei da, doch, doch. Allerdings, kurz und gut, er müsse es selbst erst sichten, das müsse ich verstehen. Ich verstand, versicherte ich natürlich eifrig, ich verstand. Dabei verstand ich erst viel später. Als ich an diesem Abend ganz plötzlich hinauskomplimentiert unter den Laternen des Heptastadions stand, da begriff ich noch lange nicht. Auch nicht, als er mir das nächste Mal versicherte, er müsse die Unterlagen nun zunächst sortieren. Ein paar Wochen darauf – denn so lange dauerte es jeweils, bis ich wieder einmal vorgelassen wurde, dann aber immer so herzlich, dass sich jede Frage nach der langen Wartezeit von selbst verbot –, ein paar Wochen darauf also ließ er mich wissen, er wolle Fehler aus den Schriften tilgen, um das Andenken des Toten nicht zu schädigen. Dann hieß es, er könne jetzt nichts herausgeben, da er alles für eine Edition systematisiere. Schließlich hatte er die Unterlagen angeblich der alexandrinischen Bibliothek zur Abschrift geschickt. Und dort war alles zunächst verschwunden zum Katalogisieren. Und das, ich wusste es aus Erfahrung, konnte Monate dauern.

»Verdammt«, beklagte ich mich, nicht bei Herakleianos, sondern bei Philition. Und ich wartete. Wie gesagt, ich hing am Haken meiner Hoffnungen. Da mir auf diese Weise viel Zeit übrig blieb, suchte ich mir einen leidlichen Lehrer, Marinus, dessen Skelettdemonstrationen recht anregend waren, behandelte meine ägyptischen Patienten, trieb ein wenig Studien über die Landesnatur und Astronomie und entwickelte meine Pläne für die wunderbare Zukunft, wenn mein Numisian-Kommentar mich berühmt gemacht haben würde in der ganzen zivilisierten Welt.

»Philition?«, verkündete ich, »eines habe ich von den Alexandrinern gelernt.« Er hob fragend die Augenbrauen und schälte weiter seine Bohnen. Ich drehte mich auf meiner Liege auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Wie man erfolgreich wird. Darauf verstehen sie sich hier wirklich. Es genügt nicht, dass du die Natur studierst, die Fakten beobachtest und dann daraus nach den Regeln der Logik deine Schlüsse ziehst, nein!« Ich hob einen Finger. Philition kippte den beim Putzen der Bohnen angefallenen Abfall aus dem Fenster.

»Nein?«

»Nein! Du musst außerdem eine Autorität zitieren, die alles bestätigt, was du herausgefunden hast, hinter der du dich verschanzen kannst, wenn die Literaten, Sophisten und Halbgebildeten gegen dich aufmarschieren. Einen hervorragenden Arzt, einmalig in Praxis wie in Theorie, von philosophischem Scharfsinn und möglichst schon lange tot.« Philition wässerte seine Bohnen.

»Erasistratos?«

»Hippokrates!«, beschloss ich. »Er ist ideal. Plato persönlich hat ihn als philosophischen Denker gelobt. Praktisch hat er ja Platos Seelenlehre vorweggenommen und medizinisch bestätigt ...« Erregt spann ich den Gedanken weiter. Philition fachte ein Feuer an. Das Herdchen, das er zum Kochen in seinem Zimmer improvisiert hatte, war ein vor Manetho streng gehütetes Geheimnis.

»Also ich weiß nicht«, meinte mein Gefährte und pustete sacht in die Glut, »ob man Hippokrates wirklich als Vorläufer Platos sehen kann. Er hat das mit dem Herz als Sitz der Seele schon etwas anders gemeint als ... Was war das?« Schritte auf der Treppe ließen uns beide aufspringen. Hektisch traten wir das Feuer aus, wedelten den Rauch aus dem Fenster und beförderten mit einem Fußtritt den Bohnentopf unter die Liege, auf die ich mich schwer atmend wieder warf, in einer Karikatur meiner vorigen entspannten Pose. Doch die Schritte gingen knarzend vorüber.

»Papperlapapp«, nahm ich den Gesprächsfaden umgehend wieder auf. »Wer weiß das schon so genau? Glaubst du, auch nur einer von diesen Kretins hat Hippokrates wirklich gelesen? Oder gar Plato? Und sie auch noch verstanden?« Philition sah bedauernd auf die verschütteten Bohnen, dann lächelte er.

»Ich sehe dich schon wie einen Krieger, mit Plato als Schild und Hippokrates als Schwert, wie du die Reihen der Scharlatane gnadenlos lichtest.«

»Jaaaa«, stieß ich die Luft aus und lehnte mich zurück, »ich gedenke als Nächstes ein Buch über Logik zu schreiben.«

»Dein sechstes dann, seit du hier bist. Wie soll ein einfacher Medicus wie ich da mithalten?« Er tat, als dächte er nach. »Lad mich zum Essen ein«, beschied er schließlich, »und dann ...«

»... dann gehe ich zu Chaeremon«, unterbrach ich meinen unternehmungslustigen Freund, »tut mir leid, aber ich habe heute Abend schon eine Verabredung.« Als Philition mich fragend ansah, erklärte ich: »Ein weitläufiger Verwandter Manethos. Er hat mir den Kontakt vermittelt. Du weißt doch, dass ich in meiner Freizeit auf den Spuren Herodots wandele und ...«

»Ach, willst du reisen? Ist er ein Fremdenführer?«

»Nein, äh, ein Mumienmeister.«

»Ah.«

* * *

Ich hatte, wie gesagt, damals Zeit, und meine Interessen waren vielgestaltig. Das Treffen mit Chaeremon, dem Einbalsamierer, war lange vorbereitet worden, damit auch etwas da wäre, woran er mir seine heilige Kunst demonstrieren konnte. Vor vier Tagen nun hatte er mir über Manetho Nachricht bringen lassen, dass die Verwandten einer vornehmen Ägypterin vorstellig geworden waren und sich unter seinen hölzernen Mumienmodellen dasjenige als Vorbild für die Behandlung ihrer Toten ausgesucht hatten, das den meisten technischen Aufwand und damit für mich den meisten Gewinn versprach. Nach Ablauf der üblichen Frist, also heute, sollte die Leiche in feierlicher Prozession zu ihm gebracht werden. Vier Tage, so hatte mir Manetho verschämt erklärt, seien üblich, damit sich die Gehilfen des Balsamierers nicht vielleicht an der noch allzu lebensnahen Frauenleiche vergriffen. Nicht dass so etwas in seiner Werkstatt jemals vorgekommen wäre, aber die Vorschriften ... Ich nickte, das hatte bereits in meinem Herodot gestanden. Und auch im Übrigen behielt der große Historiker recht.

Als ich gerade angekommen war und Chaeremon, mit geschorenem, glänzend braunem Schädel und einem bronzenen Stirnreifen – schließlich erwartete er Kunden –, mich herumführte, wurde gerade eine weitere Leiche aus dem Natronbecken gezogen, wo sie die vorschriftsmäßige Zeit verbracht hatte. Mit langen Hakenstangen hievten die Gehilfen sie auf den Tisch und entfernten den Stöpsel in ihrem After, um ablaufen zu lassen, was der siebzig Tage zuvor dort eingeführte Zedernsaft zersetzt und zerfressen hatte. Unwillkürlich drückte ich mir meine mitgebrachte Herodot-Rolle an Mund und Nase. Ich roch das beruhigende Aroma von altem Papier und metallischer Tinte, während ich meine Augen über die Gerätschaften an den Wänden wandern ließ. Die Hakenstangen in ihren Wandhalterungen, die Steinmesser zum Öffnen des Bauches, die unzähligen Haken und Schaber, nach Größe sortiert und zu glänzenden Fächern ausgebreitet, Wandschmuck und Werkzeug zugleich, die hölzernen Statuen des Anubis rechts und links der Tür. Inzwischen hatten die Helfer die eklige Brühe aufgewischt und der Duft von Spezereien erfüllte den Raum. Ich wagte wieder hinzusehen und entdeckte, dass, was wie ein verschrumpelter Greis ausgesehen hatte, die vom Natron zu Haut und Knochen ausgezehrte Leiche eines Knaben war. Chaeremons Geselle brachte sie nun nach nebenan zum Binden. Offenbar war diesem Jungen die billigere Form der Balsamierung zuteilgeworden. Seine Eingeweide landeten auf dem Mist hinterm Haus, statt ordentlich in vier Kanopenkrügen, bewacht von tierköpfigen Gottheiten, seiner Wiedergeburt zu harren. Was war er in diesem kurzen Leben wohl gewesen, der Sohn eines Handwerkers, ein Soldatenkind?

Vor dem Haus wurde der Lärm von Sistren hörbar, monotoner Gesang kam dumpf näher. Chaeremon entschuldigte sich und bat mich, hier in den hinteren Räumen zu warten.

»Wir Ägypter sind sehr empfindsam, was unsere religiösen Riten betrifft. Wenn es einige meiner griechischen Kunden wären, könntest du mich gerne begleiten.« Damit eilte er hinaus und überließ mich der Erkenntnis, dass durchaus auch die griechische Mittelschicht den ägyptischen Grabbräuchen huldigte. Glaubten sie wirklich, mit der Sonnenscheibe durch die Unterwelt zu wandeln und wiederzuerstehen, oder wie die Ägypter sich das vorstellten? Ich zog der Schakalfratze des Anubis mit den vergoldeten Augenrändern eine nachdenkliche Grimasse. Die Musik wurde leiser. Es verging nicht viel Zeit, bis Chaeremon wiederkam mit seinem, wie er es nannte, »Gast«. Und was dann kam, hat Herodot bereits geschildert. Die Stelle war in meinem Papyrus angestrichen und vielfach kommentiert:

Zuerst ziehen sie mit einem Eisenhaken das Gehirn durch die Nasenlöcher heraus, doch entfernen sie nur einen Teil auf diese Weise, den anderen durch Essenzen, die sie eingießen.

Welche, das wollte mir Chaeremon bei diesem ersten Besuch partout nicht verraten. Er gab sich ganz in die zugehörigen Gebete vertieft, und ich sah weiter zu, in die aufsteigenden Weihrauchdämpfe eingehüllt.

Darauf machen sie mit einem scharfen äthiopischen Stein einen Schnitt längs der Weiche und holen nun Stück um Stück alle Eingeweide aus dem Inneren heraus, und haben sie das Innere gereinigt und mit Palmwein ausgewaschen, wischen sie es noch einmal mit zerstoßenen Spezereien aus. Darauf füllen sie die Höhlung mit gereinigter, zerstoßener Myrrhe und Kasia und den anderen Spezereien, mit Ausnahme von Weihrauch – der stieg mir dafür üppig in die Nase –, und nähen sie wieder zu. Sind sie damit fertig, legen sie die Leiche in Natron ein.

Das war es eigentlich. Nichts davon war mir allzu fremd. Ich sagte mir im Geiste die Namen der Organe und Gewebeteile auf, die ich kannte und die zum Vorschein kamen, hier so ungewohnt unsystematisch zerteilt. Die Frau hatte, stellte ich seltsam gerührt fest, bemalte Fußnägel gehabt und wunderhübsche Knie, wie aus Alabaster gedrechselt. Als der Gehilfe sie herumdrehte, um den Haken im Genick ansetzen zu können, sah man die bösen schwarzen Flecken auf Gesäß und Rücken, wo das Blut sich beim Liegen gestaut hatte und geronnen war, Leichenflecken. Das Gesicht, mit den schon etwas eingefallenen Augen, sah angespannt aus, als sie in der Natronlauge tiefer glitt und auf den Grund gelangte. Ihr langes schwarzes Haar schwebte hinterher und fächerte sich als zärtlicher Schleier über ihr bleiches Profil.

»Da bleibt sie nun siebzig Tage«, erklärte Chaeremon mir. Ich nickte nur. Auch das stand bei Herodot. Doch das, was danach kam, nicht. Chaeremon umrundete die Bronzebecken mit den Innereien der Frau, ignorierte einige sandfarbene Katzen, die hungrig hereinstreiften und natürlich – unnötig, dass ich fragte – heilig waren, und stellte mich seiner Familie vor.

»Das ist Kija, meine Frau.« Eine strahlende Matrone erhob sich vom Webstuhl, wo sie mit einer ganzen Schar Dienerinnen beschäftigt war, und begrüßte mich. »Sie webt die Binden für die Mumifizierung. Ein feineres Leinen als ihres findest du im ganzen Delta nicht. Spinnen könnten es gewebt haben.« Kijas Lächeln wurde unter dem Lob ihres Mannes noch breiter. Ich prüfte nach freundlichem Drängen die Qualität des Stoffes auf dem Rahmen und pries sie in den höchsten Tönen. Es fiel mir leichter, als wenn ich ihre Kochkunst hätte loben müssen. Der Weihrauch aus dem Balsamierungsraum nebenan drang bis hierher.

»Das sind Mertit, Uto und Nitokris, sie lernen bei ihrer Mutter. Dies ist mein Sohn Ramses Apollodorus, der die Rohstoffe für uns einkauft ...« Ich beschloss sofort, mich später mit dem jungen Mann über seine Quellen für Arzneikräuter zu unterhalten. »... Meine Schwägerin Senet, die Binden perfekt zu besticken versteht. Meinen Bruder hast du ja drinnen schon kennengelernt.« Der Obergeselle war also der Bruder gewesen. »Und das ist Chons, der in der Nähe eine Sargschreinerei betreibt, und das hier – Neferure, wir haben Besuch! – ist meine älteste Tochter Neferure.«

Endlich! Ich dachte tatsächlich so etwas Ähnliches wie: endlich! Noch heute weitet sich mir die Brust, wenn ich daran denke, wie ich Neferure das erste Mal sah, und in mir breitete sich so ein Gefühl aus wie, ja wie, ich weiß nicht, vielleicht wie das, nach Hause zu kommen. Noch heute sehe ich im Gegenlicht ihr Profil, die hohe gewölbte Stirn, die in einem einzigen weichen Schwung in die königliche Nase überging, unter der große, aufgeworfene Lippen erblühten. Die hohen Wangenknochen, die geschwungenen Brauen und die länglichen, pharaonischen Augen erahnte ich, bevor ich sie sah. Sie hatten mich schon von so vielen Friesen herab angesehen, aber noch nie in dieser Vollendung der Linien.

»Sei gegrüßt.« Ich trat näher zu dem Mädchen hin, das an einem Tisch vor dem Fenster saß, den Pinsel in der Hand und über eine Malerei gebeugt. Über ihre Schulter vorgeneigt sah ich, wie von dem Bild unter ihren Fingern der Blick einer jungen Frau mich traf. Das Licht schimmerte auf ihrer Haut, als wäre sie lebendig, und unwillkürlich streckte ich die Hand aus, die Holztafel zu berühren, stockte aber in der Luft. Die Frau sah mich aus müden Augen an, ein dunkler Turm von Löckchen, wie sie in Alexandria gerade als Perücke in Mode waren, krönte ihre Stirn. Löckchen, die Neferure nicht nötig hatte. Ihr wie geölt glänzendes Haar war so fein und regelmäßig gekringelt, wie ich das von den Bildern kretischer Tänzerinnen kannte. Sie verschlangen sich am Hinterkopf, den sie mir immer noch zuwandte, zu einem schweren Knoten, aus dem ein dezenter Duft nach Sandelholz aufstieg.

»Wunderschön«, sagte ich. »Ich meine das … das Bild.« Meine Verwirrung war echt, und ich glaube, sie spürte das, sonst hätte sie sich wohl nicht umgedreht und mich angelächelt. Mit billigen Komplimenten, das sollte ich in den nächsten Monaten lernen, entlockte man Neferure kein Lächeln. Als sie mir nun ins Gesicht schaute, schien es mir, dass eines ihrer Augen mich nicht fixieren wollte, oder doch? Je länger ich hinsah, desto sicherer war ich, dass die bezaubernde Neferure, wie ich sie im Geiste bei mir nannte, einen kleinen Silberblick hatte, nur einen kleinen, kaum der Rede wert. Ich entspannte mich und erwiderte das Lächeln. Wahrscheinlich hatte sie das kurze unmerkliche Zögern gar nicht wahrgenommen. Neferure lächelte wieder und beugte sich zurück zu ihrer Arbeit.

»Ich wollte sie in dem Moment malen, in dem sie sich ganz als der Mensch bewusst ist, der sie war«, erklärte sie mir. »Den Tod, aber auch das Leben vor Augen und wissend, dass beides ihr Schicksal ist.« Ich nickte stumm, bevor ich etwas Dummes sagte, und wiederholte nur:

»Wunderschön.« Ich hörte einen ihrer Ohrringe leise klingeln, als sie sich neben mir bewegte.

»Neferure ist eine der gesuchtesten Mumienporträtmalerinnen der Stadt«, zerstörte Chaeremon den Augenblick. »Sie arbeitet nicht nur für unsere Werkstatt, sondern hat Aufträge bis Naukratis, Sakkara und das Fayum.« Ich nickte, und diesmal glaubte ich dem stolzen Familienoberhaupt jedes einzelne Wort. Die Einladung zum Abendessen, die er danach aussprach, nahm ich mit klopfendem Herzen an.

Im Kreise der Familie und des Kunsttischlers Chons saß ich da, lobte das Essen und den Wein überschwänglich, kostete sogar vom ägyptischen Bier und sah Neferure in die schwarz umrandeten Augen, die mich vermutlich bis auf den Grund durchschauten. Ich prahlte kräftig mit meiner ärztlichen Kunst, zählte die Namen aller meiner prominenteren ägyptischen Patienten auf, behauptete Wunderdinge von meiner großen Zukunft in Rom, wo ich dereinst die Kaiser behandeln würde – ich konnte ja nicht ahnen, dass jedes Wort davon wahr werden würde. Ich redete mich fast um Kopf und Kragen und hatte am Ende den Vater tatsächlich so weit, dass er mit mir darin übereinstimmte, dass seine Tochter die einzig geeignete sei, mir die Sehenswürdigkeiten seiner Heimatstadt zu zeigen. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Zufrieden, betrunken und schweißgebadet lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück, nahm einen letzten Schluck Bier und lächelte in die Runde. Chaeremon, der nach diesem Verbrüderungsgelage ebenfalls nicht mehr ganz nüchtern war, sah ein wenig unsicher aus, so als bereute er die Verabredung bereits, was mich nicht wunderte. Was mich dagegen erstaunte, war, dass Neferure der Sache zustimmte. Für Anfang des nächsten Monats, wenn sie ihr Porträt fertig habe, hieß sie mich sie abzuholen. Was für eine Stimme sie hatte, wie eine kühle Hand auf meiner vom Eifer überhitzten Stirn. Im Lampenlicht sah sie aus wie eines ihrer goldüberhauchten Bilder. Ich hätte vor ihr in die Knie gehen mögen. Und ich fürchte, bevor der Abend zu Ende war, tat ich das auch.

* * *

»Claudios?« Warum musste Philition nur immer so brüllen? Ich zog mir die Decke über die Ohren und drehte mich zur Wand. »Alles in Ordnung?«, fuhr mein besorgter Mitbewohner unbarmherzig fort. »Du bist gestern Abend bewusstlos von ein paar obskuren Ägyptern hereingetragen worden, hoffnungslos betrunken.« Ich stöhnte. Dann fiel mir etwas ein. Neferure! Ich setzte mich auf.

»Philition!«, rief ich. »Ich habe gestern Abend die Göttin gesehen!«

»Welche Göttin?«

»Na sie, die einzige, die schönste. Verdammt!« Ich sprang auf. »Schon am nächsten Ersten sehe ich sie wieder und ...« Der Kopfschmerz warf mich aufs Bett zurück. »Wo sind meine Kleider? Ich muss ...«

»Lass dir Zeit«, entgegnete Philition, der Unerleuchtete. »Bis dahin sind es noch sechzehn ganze Tage.«

»Sechzehn Tage? Was mache ich nur bis dahin?«, jammerte ich.

»Zunächst einmal wirst du dich übergeben ...«

»Werde ich nicht.«

»Wirst du doch. Die Erfrischung, die ich dir eben gereicht habe, war ein Brechmittel. Du wirst es mir noch danken. Dann gehen wir zum Unterricht bei Marinus, anschließend etwas essen ...«

An diesem Punkt wurde seine Prophezeiung wahr; er hielt mir eine Schüssel hin und fuhr fort: »... und danach besuchen wir das Amphitheater. Du kannst ein wenig Abwechslung vertragen.« Philition reichte mir ein feuchtes Tuch, und ich tat in meinem Elend alles, wie er es mir auftrug.

Vor dem Amphitheater herrschte ein unglaubliches Gedränge. Neben den üblichen Tierhatzen waren heute auch zwei Hinrichtungen angesagt und lockten die Menschen in Scharen in die Arena. Philition erstand gerade noch zwei Karten und schimpfte mit mir, weil ich unbedingt noch in der Bibliothek hatte vorbeischauen müssen, um zu erfahren, ob die Numisian-Bände denn nun schon in den Regalen lägen. Ich erfuhr, dass einige Restaurierungsarbeiten an den Originalen notwendig geworden waren und ich nicht vor der Nilschwemme wieder nachzufragen bräuchte.

»Warten, warten«, beschwerte ich mich. »Wann fängt das denn hier an?« Es begann mit einer Gazellen- und Straußenjagd. Die Tiere stoben in die Arena, dass der Sand flog, anmutig die afrikanischen Rehe, stelzend und wiegend zugleich die großen Vögel, deren weiches Federkleid wippte. Verfolgt wurden sie von seltsamen schwarzen Gnomen, kleinwüchsigen Afrikanern in bloßen Schurzen und mit Knochen in den Ohren, die ihre Bogen mit den aufgelegten Pfeilen quer vor sich hielten, bis sie zum Schuss kamen. Sie waren eine fast noch größere Attraktion als das Wild selbst. Der Präfectus Ägypti, der oberste Vertreter Roms, war in seiner Toga mit dem Purpurstreifen ein weißer Farbfleck in einer weit entfernten Loge. Er erlegte von seinem Platz aus höchstpersönlich das größte der Huftiere mit einem Speer, der zitternd in der Seite des Opfers stecken blieb. Applaus donnerte ihm entgegen. Dann kamen die Löwen.

Als der blutige Sand wieder geharkt war und unsere Nachbarn auf ihre Plätze zurückkehrten, die Hände voller Pistazien und Getränke, ertönte Musik von unsichtbaren Musikern, die alles schlagartig verstummen ließ. Eine Flöte klagte, gefolgt von zischenden Zimbeln, eine Wasserorgel ertönte, und alles endete schlagartig in einem einzigen, dröhnenden Gong, mit dem, als wäre er aus dem Boden gewachsen, ein Priester in leuchtend bunter Robe in der Arena erschien. Die Musik begann von Neuem und übertönte die Geräusche der Mechanik, die ihn Stück für Stück aus den Gewölben unter dem Theaterboden hinaufschraubte ans Licht. Die Menschen erschraken. Der weiße Umhang des Priesters flatterte. In seinen seitlich ausgestreckten Händen, das sah man nun, trug er zwei sich windende Schlangen. Neben mir stieß jemand einen kleinen unwillkürlichen Schrei aus. Zum ersten Mal bemerkte ich die Blondine mit dem dicken, fast silberfarbenen Kraushaar. Sie griff sich an die Brust. »Jetzt kommt der Verurteilte«, flüsterte Philition erregt und stieß mich in die Seite. Es war ein Hirte im einfachen Schurz, die Hände mit einem Strick auf den Rücken gebunden, der da hereingeführt wurde. Er riss an den Fesseln und versuchte, seinen Bewachern davonzulaufen, doch sie zerrten ihn bis vor den reglos wartenden Priester, eine Statue, an der einzig die schwarzen Schlangen sich in zappelnden Windungen bewegten. Auch der Gefangene erstarrte nun. Er sah seinem Henker in die Augen und schien ruhig zu werden. Fast taumelte er mit einem Mal vor Schlaffheit, da traten seine Wächter zurück, nahmen ihm den Strick ab und ließen ihn so entblößt dastehen. Der Hirte wehrte sich nicht, er bewegte sich nicht. Die Zimbeln zischten auf, da sank er ergeben in die Knie. Ein kollektiver Aufschrei ging durch die Menge. Nun trat der Priester vor, nahm eine der Schlangen und hielt sie dem Verurteilten an die Brust wie ein Milchkind, das trinken will. Das Zucken, mit dem sie ihre Zähne in seine Brustwarze schlug, war kaum zu bemerken. Der Mann sank ohne eine weitere Regung um und war tot. Alles seufzte unter den Sonnensegeln, die ein aufkommender Wind nun leicht zum Knattern brachte. Die Gespräche setzten wieder ein. Der Hirte wurde an den Füßen aus der Arena gezogen.

»Kennen wir uns nicht?« Ich traute meinen Ohren nicht. Da hatte Philition sich doch tatsächlich vorgebeugt, um über meine Knie hinweg die Blondine anzusprechen. Und das auch noch mit dem ältesten Spruch, den es gab. Die passende Antwort erhielt er prompt.

»Das ist nun wirklich der dümmste Spruch, den man sich vorstellen kann«, ließ ihn die Kleine hochmütig wissen und steckte ihr spitzes Näschen vor. Ich setzte mein wölfischstes Grinsen auf. »Gebt nichts auf ihn, unterhaltet Euch lieber mit mir«, warf ich ein, »ich bin origineller.«

Erstaunt riss sie die hellen Augen auf, porzellanblaue Augen, die fast zu groß für ihr Gesicht schienen.

»Ganz schön arrogant«, stellte sie fest. Aber es war mehr Verblüffung als Kritik darin. Ich nickte und lachte.

»Das habe ich nie geleugnet, aber ich kann nichts Schlechtes daran finden.« Jetzt musste sie kichern. Ich stieß Philition den Ellenbogen in die Seite, und in der Folge sorgten wir dafür, dass sie aus dem Lachen nicht mehr herauskam. Das war bei dem naiven Mädchen nicht weiter schwer; tatsächlich geriet sie über jeden noch so dummen Witz fast aus der Fassung. Wir spielten uns unter ihren bewundernden Blicken die rhetorischen Bälle zu, und ihr blieb es überlassen, sich vor Lachen auszuschütten. Ich will nicht alle Albernheiten aufzählen, die wir damals produzierten. Ich gebe zu, das Spielchen war nicht ganz unerprobt und die Kleine ein perfektes Opfer. Während ich mich noch in dem Glauben wiegte, dass ich sie für meinen Freund aufrisse, hatte ich sie auch schon an meinem eigenen Arm hängen.

Wir hatten das Theater verlassen, um nach ihrer älteren Schwester Ausschau zu halten, die sie begleitet hatte, dann aber von einer plötzlichen Übelkeit von ihrem Platz vertrieben worden war. Natürlich hatten sich die beiden Ärzte angeboten zu helfen, nur zu gerne doch. Aber von der Schwester war nichts zu sehen, und auf dem Weg nach Hause machten die beiden netten Begleiter dann in einer ehrbaren Taverne halt, später in einer weiteren, nicht mehr ganz so ehrbaren. Philition gab sich alle Mühe, doch irgendwann war er nicht mehr da, und ehe der Abend um war, hatte ich das immer noch kichernde Mädchen in meinem Bett, vierundzwanzig Stunden, nachdem ich anbetend vor Neferure niedergesunken war. Ich weiß, es ist schwer, das zu erklären.

* * *

Als ich zwei Wochen später vor Neferures Haus stand, ließ das schlechte Gewissen meine Wangen dunkelrot werden. Aber die Aufregung darüber, wieder in ihrer Nähe zu sein, verdrängte alles andere, und bald war ich in ihrer Gegenwart wieder derselbe fiebernde, sein manisches Glücksgefühl mühsam unterdrückende, zappelnde und plappernde Idiot, in den sie mich schon bei unserem ersten Treffen verwandelt hatte. Sie ist etwas Besonderes, ermahnte ich mich immer wieder, eine Göttin, ein Bild, eine Kostbarkeit, wie du sie noch nie besessen hast. Und ich machte verzweifelt respektvolle Konversation. Ungefähr ein Jahr lang.

Sorgsam achtete ich darauf, meine weitläufige Bildung zur Geltung zu bringen, meine eindrucksvolle Familiengeschichte und meine glorreiche Zukunft. Erleichtert registrierte ich, wenn eine geistreiche Bemerkung oder eine Anekdote von mir ihr ein leises Lächeln entlockte, und dieses Nicken, das ihre Ohrringe mit dem schon so vertrauten Laut klingen ließ. Dann schlug mein Herz noch schneller, ich war einen Moment lang versucht, den Arm um sie zu legen, doch schon kam die Angst wieder, ihr nicht genug zu bieten, und ich redete fort und fort. Um keine Fehler zu machen, sprach ich nur über Dinge, von denen ich etwas verstand: über mich.

Neferure hörte mir meist schweigend zu, schön und still wie ein Bild. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, dass ich sie eines Tages heiraten könnte – wenn die Sache mit der kleinen Blondine bereinigt wäre –, und vergaß fast, dass ich ihr gegenüber dieses Thema noch nicht einmal angedeutet, geschweige denn sie um ihre Meinung gefragt hatte.

Eines Tages, wir schlenderten auf Besichtigungstour durch das alexandrinische Palastviertel, führte sie mich plötzlich mit sanftem Druck vorbei an den alten Prunkbauten der Ptolemäer und schließlich, nach einem Schwenk zurück auf die Via Kanopus, durch das östliche Tor hinaus in die Gärten der Nekropole. Hochgewachsene Palmen säumten hier die Promenaden; ihre Wedel warfen gestreiftes Schattenlicht auf die Sandwege. Persische Zypressen standen würdevolle Wache vor manchen Grabeingängen, silberbelaubte Ölbäume, in deren knorrigen Stämmen Baumnymphen zu wohnen schienen, bildeten sonnenversponnene Haine, hochgewachsene Zedern dienten als Wegweiser, Feigenbäume ließen ihr duftendes Laub leuchten, und die Mandelbäume trugen reife Last, die ich für meine Begleiterin männlich mit der Hand zu knacken suchte, während wir über die stillen, lavendelgesäumten Pfade schritten. Alle Bienen Ägyptens summten in den blühenden Gebüschen.

Hier und da begegnete uns eine Familie in feiner Kleidung, mit Lampen und Räucherwerk auf dem Weg zu einer verehrten Grablege, Trüppchen von Sklaven mit Putzzeug und Gärtnergerät waren unterwegs, die Familiengruft ihres Herrn zu reinigen. Wir sprachen jetzt wenig; ich gab vor, mich eifrig umzusehen.

»Was steht auf der Marmortafel dort über dem Grabeingang?«, fragte ich bildungshungrig und wies auf ein Schild mit demotischer Aufschrift, die ich nicht lesen konnte.

»Schlag dein Wasser gefälligst woanders ab«, übersetzte Neferure und weidete sich vermutlich an meiner Verlegenheit.

»Und die Hieroglyphen da an den Seiten?«, versuchte ich abzulenken.

»Die können heute nur noch ganz wenige Priester lesen.«

»Dann ist es also tatsächlich eine richtige Schrift?« Neferure sah mich mit ihren schwarzen Augen an.

»Natürlich. Komm, da müssen wir entlang.« Das Grabmal, in das sie mich wenig später führte, hatte eine überkuppelte Eingangshalle, hinter der sich ein wahres Labyrinth von Gängen und Kammern auftat. Als wir minutenlang durch fackelerleuchtete, reich mit Fresken verzierte Korridore gestolpert waren, stöhnte ich:

»Das sind ja die reinsten Katakomben. Ich brauche eine Pause.« Vor dem farbenprächtigen Bild einer Mumie auf ihrer Liege, flankiert von brennenden Kandelabern, blieb ich stehen. Verwirrt betrachtete ich die zahllosen Zeichen und Szenen, betende Affen, Legionen von sitzenden Menschen mit Widderköpfen, eine Katze, die einer Schlange mit dem Messer den Kopf abschlug. Ich schüttelte den Kopf, ich verstand nichts von alldem.

»Sieh mal, der Tote hat einen Vogel«, scherzte ich und wies auf eine Art Sperber über der Mumie, der ihr so etwas wie eine Brezel unter die Nase hielt.

»Das ist der Ba des Toten, seine Seele«, erwiderte Neferure ruhig, »er hält in seinen Klauen das Anch-Zeichen des Lebens.« Sie stand ganz gerade da und sah mich an. Verlegen wandte ich mich wieder den Fresken zu.

»Na, ob die Seele so aussieht«, sagte ich zweifelnd.

»Wie stellst du sie dir denn vor?«, fragte Neferure. »Irgendetwas musst du deinen sterbenden Patienten doch sagen?«

»Du meinst, da sollte ich ihnen vom Jenseits vorschwärmen?« Energisch schüttelte ich den Kopf. »Ich habe schon zu viele Leichen in den Seziersälen gesehen: Haut, Knochen, Fleisch, Nägel. Und irgendwann stinkt und verfault es.«

»Klingt genau wie das, was ich auf dem Sterbebett hören wollte.«

»Was sollte ich ihnen deiner Meinung nach denn sagen?«, erkundigte ich mich.

»Nun, vielleicht, dass du nicht weißt, was kommt, auch wenn es wenig gibt«, fügte sie mit leiser Ironie hinzu, »was du nicht weißt? Und dass sie sich auf diesen Übergang vorbereiten sollen. Vielleicht hilft es ihnen auch einfach zu wissen, dass sie alles geordnet hinter sich lassen, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Angelegenheiten noch zu regeln?«

Ich schwieg beschämt. Was Neferure da gesagt hatte, erschien mir so klug, dass ich es ihr beinahe übel nahm. »Glaubst du eigentlich daran?« Mit einer vagen Geste deutete ich auf die Fresken insgesamt.

»Das sind sehr alte Vorstellungen ...«, fing Neferure an.

»Weil dein Vater doch Einbalsamierer ist«, unterbrach ich sie. Neferure überlegte.

»Ich kann nichts Schlimmes dabei finden. Dieser Körper«, sie strich mit beiden Händen über ihre Hüften und ahnte nicht, was sie damit bei mir auslöste. »Er ist vielleicht alles, was wir haben. Das und das Wissen um uns selbst. Und das versuche ich in meinen Bildern zum Ausdruck zu bringen.«

»Ja, du sagtest so etwas.«

»Meine Kunden«, erklärte sie, »erwarten natürlich, dass ich ihren Status wiedergebe: den teuersten Schmuck, die neueste Mode, der ideale Typ Gesicht, den sie im Leben nie besessen haben. Aber ich möchte mehr. Ich versuche auch, den idealen Menschen darzustellen, der um sich selbst, seinen Geist und seine Sterblichkeit weiß.«

Ich bemühte mich, meiner Erektion Herr zu werden, und kramte in meinem Gedächtnis nach einem angemessenen Plato-Zitat. Neferure enthob mich der doppelten Mühe, indem sie weiterging. Was sie gesagt hatte, das sollte mich erst viel später beschäftigen.

Ein roh herausgehauener Gang durch Felsgestein verriet, dass wir nun durch einen nachträglich angelegten Durchgang unterirdisch von einer Grablege in eine andere wechselten. Die Fresken veränderten sich, wurden plastischer, zeigten Perspektive und den Einfluss der griechischen Malerei; dies musste eine Katakombe aus ptolemäischer Zeit sein. Wir schienen eine Ewigkeit so zu wandern, wir mussten nach meinen Berechnungen fast schon unter der Stadt sein. Uringeruch stieg mir in die Nase und erinnerte mich an das Schild vom Eingang, eindeutige Laute aus einer Kammer wiesen mich darauf hin, dass die vielen Fackeln in ihren Halterungen nicht nur Touristen und Trauernden ihren Weg zeigen sollten. Einige Nebenräume mit breiten Steinbetten und gefälligen Puttenmalereien ließen langsam in mir die Idee keimen, dass Neferure mich vielleicht nicht nur um der Kunstgeschichte willen hier hergebracht haben könnte. Ich musterte ihren Rücken, das Gesäß, das sich sanft unter dem gefältelten Leinenstoff abzeichnete, der, fiel mir eben auf, so dünn war, dass er selbst hier im Halbdunkel ihr Unterkleid durchscheinen ließ. Wie weich ihre schmalen Hüften schwangen. Vielleicht war ihre Unnahbarkeit ja doch nur eine Täuschung gewesen, eine Tagesmaske, die sie hier im unterirdischen Dunkel für mich ablegen würde? Ich dachte an Neferures langfingrige braune Hände, wie sie über ihre Lenden gewandert waren. War das etwa Absicht gewesen? Sollte unsere Reise in einem dieser lauschigen Kämmerchen enden? Wieder stieg klopfende Erregung in mir auf.

Wir bogen ab, und der Weg endete vor einer eisenbeschlagenen Holzpforte. Ein Sklave, der hier Wächterdienste versah, rappelte sich vom Boden auf und bekam von Neferure ein bescheidenes Trinkgeld in die Hand gedrückt, damit er aufschloss. Ah, meine geheimnisvolle Geliebte bevorzugte also Separées. Ich trat so nah an sie heran, dass ich sie fast berührte. Feuchte Hitze stand wie eine Wolke über ihrer Haut und versengte mich. Da öffnete sich die Tür. Die gleißende Helle, die hereinquoll, ließ mich die Augen schließen; ich fühlte, wie Neferure meine Hand nahm und mich zog.

»Neferure?« Meine Stimme fand ein vielfaches Echo an den Wänden. Es dauerte eine Weile, bis ich die Augen wieder aufschlug und in einem offenen Rund hoch oben in der steinernen Kassettendecke der Kuppel den Himmel über mir stehen sah, so blau, dass man hätte weinen mögen. Kristalllampen hingen von der Decke des kreisrunden Säulenumgangs und schaukelten in der Brise, die von oben hereindrang. Nach allen vier Himmelsrichtungen gingen schwere Bronzetüren ab. Zu einer davon, die ein vergittertes Guckloch hatte, zog Neferure mich hin. Aufgestört schwirrte ein Schwarm Tauben durch die Kuppel ins Freie. In meinen Adern schwirrte es ebenfalls. Neferure, meine Neferure. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände, schob es zu dem Fensterchen und zwang mich hindurchzusehen.

»Ist es nicht wunderschön?«, hauchte sie. Ich schaute, blinzelte und schaute wieder. Ein goldener Sarkophag stand dort, dessen durchsichtiger Bergkristalldeckel verschwommen die Gestalt eines darin liegenden Toten sehen ließ, als schliefe er in Eis.

»Alexander«, flüsterte Neferure andächtig. »Der Haupteingang liegt heute unter dem augusteischen Königspalast verborgen. Es ist ein großes Geheimnis. Siehst du sein Gesicht?«

Ich weiß nicht, was sie dort sah, von einem Gesicht konnte ich nicht viel erkennen, der Kristall lag wie ein lichter Dunst darüber, der vielleicht entfernt mit den gold- und silberfarbenen Lichtschleiern auf ihren Bildern zu tun haben mochte. Doch gehorsam schaute ich. Und während ich auf das für viele schon verschollen geglaubte Grabmal des größten Griechen aller Zeiten blickte, bemühte ich mich, meinen Phallus wieder in die Kleider zurückzudrängen. Die zitternde Gier in mir verwandelte sich allmählich in dumpfe Frustration und schließlich in Scham.

Neferure legte mir die Hand auf den Arm. Ihr glückliches Lächeln heischte Lob und Begeisterung. Ich bemühte mich, mir meinerseits ein Lächeln abzuringen. Sie hatte mir ihren Schatz gezeigt. Wie hatte ich nur annehmen können, sie wollte mich zu einem Liebesnest führen? So eine war sie nicht, sie war ... die Wärme ihrer Finger drang durch den Stoff meiner Tunika. Ihr Götter, sie war einfach anbetungswürdig schön.

»Alexander, der Große«, sagte ich und schluckte, »tatsächlich.« Und meine steifen Mundwinkel dehnten sich vorsichtig nach oben.

* * *

Marcellina bestreitet bis heute, dass sie bereits am ersten Abend nach der Hinrichtung mit mir ins Bett gegangen sei. »Das ist typisch für deine Arroganz«, schimpfte sie, wann immer ich es in unseren Debatten erwähnte, und gab mir einen Klaps mit ihrem Staubtuch, »sie färbt sogar deine Erinnerungen.«

»Marcellina!«, entgegnete ich streng, »ich werde mich nicht schon wieder mit dir streiten.«

Sie amüsierte mit ihrer Dickschädligkeit selbst Commodus, den Kaiser, der sie einmal sah und mit seiner Kebse Marcia verglich.

»Ich habe eine Marcia und du eine Marcellina«, kicherte er.

»Seid still, Hoheit, ich muss Eure Lungen abhören«, verschanzte ich mich hinter der Würde meines Amtes und hieß ihn, sich im Bett aufzusetzen und die Tunika hochzuziehen, damit ich mein Ohr auf seinen feisten Rücken legen konnte. Dabei richtete ich meine ganze Kraft darauf, nicht zu zittern, während ich dem Menschen nahe kam, der andere tötete, wie er Ameisen zertrat. Ich hatte nicht über seinen kleinen Scherz gelacht; es waren Männer, die ich gekannt und geschätzt hatte, schon aus viel nichtigeren Gründen in diesen Gemächern gestorben. Doch er ließ mich leben, unberechenbar wie immer, und ich ging. Der Mensch, der dort zurückblieb, widerte mich an. Warum, nach all den Erlebnissen in der Arena, nach all den Ermahnungen Marcellinas, musste er es sein, der mir schließlich den ganzen Wert des menschlichen Lebens klarmachte, er, der es so missachtete? Er tat dies durch ebendiese beiläufige Gleichgültigkeit. Commodus war, nein, er ist für mich das personifizierte Böse. Dennoch ging mir sein Scherzwort nicht aus dem Kopf. War es das, was wir gemeinsam hatten: eine männliche Schwäche, die zuließ, dass energische Matronen unser Leben regierten? Ich hatte nie mehr an Marcellina als an das junge Mädchen in Alexandria gedacht, mit dem ich damals am Mareotis-See lag.

Die Ameisen legten eine Straße durch den mitgebrachten Imbisskorb, die Ibisse stakten anmutig durch das seichte Wasser, und wir verschlangen uns nackt in der heißen Luft, gut versteckt im Schilf des Ufers. Wie stets war Marcellina am Beginn unserer Begegnung schüchtern und zögerlich gewesen. Um es direkt zu sagen: Sie zierte sich jedes Mal wieder wie eine Jungfrau, ehe sie sich dann doch – und das mit einiger Hemmungslosigkeit – mir hingab. Es kostete mich einige Mühe und Zärtlichkeiten, sie jeweils zu öffnen und zu erobern, was aber, vor allem in Anbetracht ihrer anschließenden Wildheit, durchaus meinem Geschmack entsprach, ja vielleicht erst den Reiz der ganzen Sache ausmachte. Welchem Mann schmeichelt es nicht, wenn eine Frau mit Prinzipien sich für ihn völlig vergisst?

Schweißbedeckt und träge lag ich schließlich da und schaute mit zusammengekniffenen Augen über das Wasser, das milchig und jadegrün durch das Röhricht schimmerte, sah die zarten Wedel des Schilfgrases leuchtend vor dem Himmel stehen, roch seinen durchsonnten Geruch, hörte das Knistern der Insekten darin und das Glucksen des Sees dahinter. Es war ein vollkommener Augenblick.

»Was denkst du?«

»Hm? Nichts Besonderes.« Ich wehrte den Grashalm ab, mit dem sie versuchte, mich an der Nase zu kitzeln.

»Wenn jetzt ein Krokodil käme«, versuchte sie es erneut, »dann würden wir gemeinsam sterben.« Offenbar erwartete sie dazu eine Stellungnahme von mir.

»Na, mir wäre es lieber, wir würden leben«, erwiderte ich, etwas unwirsch. Doch offenbar gefiel es ihr.

»Ja, das finde ich auch«, antwortete sie und drückte sich an mich. Mit den Fingern fuhr sie die Konturen meiner Brustmuskeln nach. »Du bist so schön, weißt du.«

»Wusstest du«, sinnierte ich dagegen nach einer ganzen Weile des Schweigens, angeregt vom Plätschern des Sees, »dass die Nilschwemme nicht von einer Abkühlung der Luft in Nubien herrührt, wie die meisten Gelehrten glauben, sondern von einem Zusammenpressen der Wolken an den hohen Gebirgen dort? Wie soll der Regen durch Abkühlen entstehen, wenn es dort immer heiß ist? Nein, meine Theorie ist, dass die Wolken durch die Berge aneinandergedrückt werden und deshalb ihre Wasserlast abgeben.« Im Geiste formulierte ich die These weiter für mein neues Buch.

»Claudios?«, hörte ich sie schließlich.

»Mh?« Ihre Stimme drang erst nach einer Weile zu mir durch. Ehrlich gesagt hatte ich nichts von dem mitbekommen, was sie seither gesagt haben mochte. Ihr Gesicht war wieder so sittsam errötet, wie ich es von den Anfängen unserer Treffen her kannte. »Was ist denn?«

»Findest du nicht auch?«, insistierte sie mit der Ungeduld von jemandem, der schon mehrmals gefragt hatte. Ich rettete mich in ein vieldeutiges Brummen.

»Claudios?«

»Was denn noch?«

»Liebst du mich?« Warum neigten Mädchen nur immer zu dieser Frage, die doch der Albtraum eines jeden Mannes war! Ich legte den Arm um sie, drückte sie fest an mich, vergrub meine Nase in ihrem Haar und hoffte, dass mich das einer Antwort enthöbe. Aber sie begnügte sich nicht damit:

»Liebst du mich?«

»Natürlich«, murmelte ich schließlich, so leise ich konnte. Dieses friedliche Ufer war doch wahrhaft kein Ort, einen Streit vom Zaun zu brechen. Marcellina entspannte sich und kuschelte sich eifrig in meine schlaffen Arme.

»Ich dich auch, weißt du?«, sagte sie. Ich war froh, die Klippe umschifft zu haben, und befahl meinen Geist wieder den Problemen der ägyptischen Meteorologie.

* * *

»Ah, Claudios, wie schön.« Es war nicht das erste Mal, dass ich eingeladen war, im Kreise von Neferures Familie zu speisen, und Chaeremon begrüßte mich inzwischen wie einen alten Freund. »Wir haben heute Abend einen weiteren Gast, Isidoros.« Er winkte einen Mann im typischen weißen Leinengewand des Priesters heran, den ich aufgrund seines bronzenen Stirnreifs mit dem Stern in der Mitte für einen Serapis-Bruder hielt. »Isidoros, dies ist Claudios Galenos, ein hochberühmter Arzt aus Pergamon.« Ich wehrte die weiteren Komplimente mit einem Blick auf Neferure errötend ab und begrüßte Isidoros, der tatsächlich ein Priester des Serapis war. Allerdings lebte er nicht in Alexandria selbst, sondern in einem kleinen Dorf westlich, als, wie er sagte, »der arme Hirte einer noch ärmeren Schar Rinderhirten«, die dort angeblich verfolgt von den römischen Steuereintreibern ihr Dasein fristeten. Mit ironischer Geste wies er dabei auf seine verschlissene, brüchig gewordene Kleidung und die nackten Füße.

Doch ich merkte bald, dass er seine Lumpen in Wahrheit für ein Ehrenkleid hielt. Die römische Unterdrückung, überhaupt jede Art von Unterdrückung der wahren Ägypter, wie er das Landvolk nannte, war sein unerschöpfliches Lieblingsthema. Nun, dass er seine Landsleute lobte, schien mir im Rahmen seines engen Horizontes verständlich. Aber wir hatten wenig gemeinsame Themen, und unsere Konversation an diesem Abend verlief doch eher schleppend.

»Habt Ihr vor, in Ägypten zu bleiben?«, erkundigte er sich im Laufe des Gesprächs bei mir.

»Was, etwa zum Leben?«, platzte ich mit einem unwillkürlichen Lachen heraus und bemerkte zu spät, dass ich meine Gastgeber damit beleidigen könnte. Rasch murmelte ich etwas von Familienverpflichtungen, die in Pergamon auf mich warten würden. Zum Glück war gerade nur Neferure im Raum und schenkte mir einen ihrer langen, ruhigen, nachdenklichen Blicke. Mir fiel nicht im Traum ein, dass sie sich über diese Aussage Gedanken machen könnte.

»So sind sie alle«, kommentierte Isidoros, »sie kommen, nehmen sich von diesem Land, was sie brauchen, und verschwinden dann wieder.« Ich hob die Hände, um den sich abzeichnenden Diskurs begütigend im Keim zu ersticken.

»Ich bin Grieche, kein Römer, und Arzt. Ich verstehe nicht das mindeste von Politik.«

Ach, hätte ich es doch bei dieser weisen Zurückhaltung belassen. Aber so viel Gelassenheit war mir damals nicht gegeben, und wenn ich das auch akzeptieren muss, so trifft mich doch noch heute die Scham über das, wozu ich mich hinreißen ließ. Oh, ich habe nichts gesagt, was gegen die Normen der Kreise verstieß, aus denen ich stammte, falls mich das entschuldigt. Vermutlich würde es noch heute kaum einer meiner Kollegen anstößig finden. Aber ich habe zu viel gelernt in meinem Leben, um mich mit diesen Entschuldigungen abzufinden. Ich weiß heute mit aller Gewissheit, dass falsch war, was ich sagte, egal, wie die anderen dazu stehen, egal, wie sicher ich es seinerzeit vorbrachte. Und mein Herz klopft laut, wenn ich daran denke.

So geht es mir manchmal: Die Erinnerung an eine vergangene Niederlage, eine Demütigung, eine Beschämung durchschlägt die Zeiten mühelos wie ein von Götterhand geschossener Pfeil und trifft meine schutzlose Brust, dass ich ächzen muss. Der Schmerz flammt auf, als wäre es eben geschehen, alles, alles schließt sich zu engen Kreisen und verwirrt mich. Mit Lucilla und der Erinnerung an sie ist es manchmal ebenso, dann setze ich mich im Bett auf und vergieße Tränen, als wäre es gestern gewesen, dass sie mich verfluchte. Dabei bin ich doch weit fort, in Ägypten, nein, in Rom, ich bin in Rom, dieser armen, gequälten, von Pest und Wahnsinn heimgesuchten Stadt, allein im Kreis meines Lampenlichts, aufgetaucht aus der Flut meiner Erinnerungen. Wenn der Tod das ist, was einen aus diesen Zirkeln des Erlebens und Wiedererlebens erlöst, dann werde ich ihn begrüßen und mich nicht lange sträuben.

Ich rufe nach Marcellina um ein wenig Wein, meine Beklemmung zu lösen, doch sie ist fort, und ihr Name verhallt in den leeren Räumen, in der Dunkelheit jenseits meiner Lampe. Schlurfend gehe ich zur Anrichte hinüber und taste über die glatte Fläche. Hier muss doch noch eine Kanne des kretischen Roten sein? Ah, da erspüre ich ihren kühlen, glasierten Bauch. Er schmeckt wie damals, ihr Götter, und es hilft nichts: Aus dem Schein meiner Lampe dort drüben auf dem kleinen Tischchen erwächst der Schimmer von Chaeremons lichterhelltem Abendmahl. Dort stand ich, jung und selbstbewusst, dort war der Priester, der den Gimpel auf den Zweig lockte, und Neferure, die dem Unglück schweigend zusah. Si tacuisses ... Hätte ich sie nicht verloren, wenn ich damals geschwiegen hätte?

Isidoros wies mit dem Kinn auf meine für den Anlass sorgfältig gewählte Kleidung. »Die Goldborten an Eurer Tunika habt Ihr Euch also nicht hier verdient?«

Ich strich mit den Fingern über den feinen Stoff und lächelte herablassend. »Ich habe sie mir verdient, weil ich gebildet, begabt und fleißig bin. Was davon habe ich Eurer Ansicht nach zu bereuen?«

Die Rückkehr Chaeremons und seiner Bediensteten aus dem Weinkeller enthob den Priester für den Moment einer Antwort. Auch der Rest der Familie strömte herein, wir gingen zu Tisch, und ich nahm freudig meinen Platz neben Neferure ein. Aber Isidoros war so schnell nicht zu beruhigen. Missmutig kostete er von den eingelegten Bohnen und verkündete dann, dass alle Fremden das einfache ägyptische Volk leiden ließen, die Ärzte aus Griechenland eingeschlossen. Ich dachte an meine dankbaren Patienten aus Rhakotis, die ich zum Teil für bloße Almosen behandelte und stets nur nach ihrem Vermögen bezahlen ließ. Nicht ohne Gereiztheit fragte ich nach, was mein Stand seinen Hirten denn so Schlimmes angetan hätte. Alle Augen richteten sich auf den Priester, der die Chance ergriff, die ich ihm da so leichtsinnig zugespielt hatte.

Er starrte uns reihum in die Augen, zog die Tischlampe näher zu sich, dass sie sein Gesicht von unten beleuchtete, und hob die Hände. Alles an ihm verriet schon damals den großen Demagogen, zu dem er einmal werden sollte. Ich lehnte mich mit verschränkten Armen zurück, um anzudeuten, was ich von derlei Hokuspokus hielt.

»Als der Arzt Erasistratos zu Pharao Ptolemaios kam«, hob Isidoros dramatisch an.

»Auch ein Grieche, dieser Pharao«, warf ich ein und erntete dafür einen bösen Blick des Tischlers Chons. Noch ein Patriot offenbar. Ich zuckte die Schultern und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

»Als der Arzt Erasistratos zum Pharao kam, da forderte er: ›Gib mir Menschen, damit ich sie aufschneiden kann.‹ Und der Pharao nickte und gab ihm die Verurteilten, die gestohlen hatten, damit sie ihren Kindern Essen bringen konnten. Und der Nil wurde rot wie Blut.« Hier machte er eine Pause und starrte in seinen Wein. »Die Armen aber in ihren Fesseln, sie traten ruhig hinein zu dem Arzt, wussten sie doch nicht, was dort auf sie wartete. Alles schien ihnen besser als der Henker, und so kostbare Räume wie die, in denen Erasistratos, der Grieche«, fügte er mit unnötiger Betonung hinzu, »lebte, hatten sie noch nie gesehen. Ihre nackten Füße tappten über Mosaike aus Halbedelsteinen, die Fackeln ihrer Wärter ließen Gold an den Säulen aufblitzen, bunte Gemälde zogen an ihnen vorbei, so echt, dass sie glaubten, sie wären schon tot und wandelten bereits zwischen Nymphen und Göttern. Und die Möbel an den Wänden waren aus Ebenholz und Elfenbein, so zierlich, dass sie sich fürchteten, daran zu stoßen mit ihren ungeschlachten Gliedern und sie zu beschädigen. Sie waren einfache Hirten und folgten den Wächtern wie Kälber. Bis sie auf dem Marmortisch lagen und die Stricke sie fest auf die kalte Unterlage schnürten.« Jemand seufzte.

»Dann sahen sie den Mann über sich gebeugt mit dem Messer in der Hand, und sie lächelten ihn vielleicht an, denn sie verstanden nicht. Da aber kam der Schnitt. Mit roten, klaffenden Zähnen wühlte sich der Schmerz in ihren Leib und zerrte daran. Entsetzt sahen die Gepeinigten ihre Eingeweide aus der offenen Bauchhöhle quellen und öffneten den Mund in markerschütterndem Schreien. Doch es wurde ihnen etwas hineingestopft, dem Arzt die Ruhe bei der Arbeit zu verschaffen, die er brauchte, ihnen bei lebendigem Leibe das Fleisch herauszuschneiden. Und während er ruhig das Herz der Hirten in seiner Höhlung betrachtete, wie es vor ihm rötlich zuckte, bäumten diese sich gegen die Stricke und rollten die Augen zurück in Entsetzen und Pein, dass nur das Weiße noch da war, wie bei einem Kalb auf der Schlachtbank, und sie die goldenen Wände nicht mehr sahen und die hohe Decke mit den Gemälden nicht mehr, nur roten Schrei und Schmerz, während er ihnen die weißen Knochen blank schabte.«

Chons hatte die Finger über seinem Magen verkrampft, Ramses verzog angeekelt das Gesicht, und sein Vater schaute betreten auf seinen Teller. Mutter Kija und die Mädchen hingen offenen Mundes an Isidoros’ Lippen, drehten aber, seinem impertinenten Blick folgend, der mich nicht loslassen wollte, die Köpfe nacheinander zu mir herum. Wütend fixierte ich meinerseits die von den harten Schatten der Öllampe dämonisch verzerrten Züge meines Gegenübers. Das war doch einfach lächerlich! Ich wollte gerade zu einer Entgegnung ansetzen und die Bedeutung der Sektion, auch der Vivisektion, für den Fortschritt der Wissenschaft klarlegen, da fühlte ich Neferures schlanke Finger, warm und begütigend, wie sie sich um die meinen schlossen. Ich hielt sie fest und hob unsere innig verschränkten Hände für alle sichtbar auf den Tisch. Triumphgefühl durchströmte mich. Und während ich versuchte, ihre Rechte so geschwisterlich wie möglich zu drücken, damit sie sich nicht erschreckt von mir zurückzog, begegnete ich mit vorgerecktem Kinn den funkelnden Blicken von Isidoros und – Chons.

»Eine nette Geschichte ...«, setzte ich an, »auch wenn niemand im Ernst annehmen kann, Erasistratos habe diese Sektionen ohne eine starke Betäubung mit Mohnsaft durchgeführt.«

»Ändert das etwas an dem, was er tat?« Erstaunt sah ich Neferure, die Fragerin, an.

»Es waren verurteilte Verbrecher ...«, setzte ich an.

»Aus Not, aus Hunger«, warf Isidoros dramatisch ein.

»Tatsächlich?« Ich hob zweifelnd die Augenbrauen. »Und selbst wenn«, fuhr ich fort, »hatte ihn das nicht zu kümmern. Er war Arzt, kein Richter, und er hatte eine Aufgabe. Was Erasistratos dort auf diesem Tisch vor Jahrhunderten herausfand, davon zehrt die Wissenschaft noch heute. Diese paar Verbrecher waren ihr ganzes Leben lang nicht so nützlich wie in diesem ihrem Sterben.«

»Hah!«, unterbrach mich Isidoros, zitternd vor Empörung, »das zeigt Eure ganze Verachtung der Armen.«

»Jedenfalls«, gab ich zurück, »halte ich es nicht für eine besondere Auszeichnung, ungebildet und kriminell zu sein.« Die Damen des Hauses wisperten aufgeregt im Hintergrund.

»Und den Nutzen«, das war wieder Neferures ruhige Stimme, »den stellst du also über das Leben?« Vielleicht war es an dieser Stelle, dass sie mir ihre Hand entzog; ich bemerkte es im Eifer der Diskussion gar nicht.

Ich wandte mich ihr wieder zu. »Das Leben steht jedenfalls nicht über allem. Es hat seinen messbaren Wert ...«

»Und wie hoch Ihr den für Ägypter ansetzt«, fauchte Isidoros dazwischen, »habt Ihr ja zur Genüge deutlich gemacht.«

»Nicht für Ägypter, für Verbrecher ...« Ich verzichtete indigniert darauf, meinen Satz zu Ende zu führen.

»Wer bestimmt, wann? Wer bestimmt, wie?«, hetzte Isidoros weiter. »Wer bestimmt, wozu? Die Götter oder die Ärzte?« Ich ignorierte ihn.

»Was ist der Tod für dich?«, fragte Neferure.

»Das Ende von allem?«, sagte ich, versuchsweise lächelnd, und griff nach meinem Wein. »Prost.« Doch sie ging nicht darauf ein. »Und was ist dann das Leben?«

»Ein exklusives Privileg für hübsche, reiche, verwöhnte Griechensöhnchen«, höhnte Isidoros.

»Dem Klugen sicher mehr als dem Idioten«, zischte ich zurück. Doch ihr Blick ruhte immer noch auf mir, sanft, aber nachdrücklich. Ich hielt ihm nicht stand.

»Nun«, unterbrach uns Chaeremon und räusperte sich laut, »möchte noch jemand einen Nachtisch?« Wir löffelten ihn schweigend, höflich wurde ich an die Tür gebracht. Nach diesem Abend erreichte mich keine weitere Einladung mehr ins Haus von Chaeremon, dem Balsamierer.

* * *

Ich hatte nun Zeit, und ich nutzte sie zu einer wahren Belagerung der Bibliothek von Alexandria, hitzig auf der Jagd nach den Manuskripten Numisians. Bis zu dem Tag, an dem einer der zahllosen kleinen ägyptischen Bibliothekare auf mich zukam, um mir mitzuteilen, das von mir gewünschte Werk sei derzeit verliehen, und zwar an einen Herrn namens – es war im Grunde nicht schwer zu erraten – Herakleianos. Fassungslos stand ich vor den Wandregalen voller Papyrusrollen und betrachtete meine leeren Hände. Die Apollo-Statue in ihrer Wandnische gegenüber schien mich anzugrinsen.

Glaubst du auch, was ich glaube? fragte Apollo. Genau, knurrte ich in Gedanken. Das hatte der Kerl von Anfang an geplant. »Ihr steckt doch alle unter einer Decke!« In wahrhaft göttlichem Zorn stapfte ich hinaus, stürmte an der Palästra, dem Dionysostheater, am Arsinoeion und am Caesareion vorbei, die Hafenkais entlang, um die Kräne herum, über das schattenlose Heptastadion, durch das pharische Villenviertel, die Treppen hinauf und bis vor das Tor von Herakleianos’ Haus. Dort schlug ich den Bronzedelfin wenig sanft gegen die Pforte und zeigte dem Cave-Canem-Schild entschlossen die Zähne. Der Bedienstete, der das Tor einen Spaltbreit öffnete, beschied mich knapp, der Herr sei derzeit verreist.

»Ja, aber ...«

Die Tür fiel ins Schloss.

Meine Wut, die kein Ziel fand, ließ mich den Rückweg in der sengenden Sonne ohne Pause zurücklegen. Keuchend stieg ich die Stufen über Manethos Laden hinauf und öffnete meine Zimmertür mit einem Tritt.

Erschrocken schaute Marcellina auf. Marcellina! Ich hatte unsere Verabredung ganz vergessen. Sollte sie mir nur ja keine Vorwürfe machen, Vorwürfe waren das Letzte, was ich jetzt brauchte! Ich war mit meiner Wut noch lange nicht am Ende an diesem Tag, und ohne groß auf ihre Einwände zu achten, entledigte ich mich meiner verschwitzten Tunika, überwand kurz entschlossen ihr altvertrautes Zaudern und nahm sie heftig, ohne die üblichen Zärtlichkeiten. Danach fühlte ich mich besser.

Entspannt genug sogar, um so etwas wie leise Gewissensbisse aufkommen zu lassen. Und um mein Ungestüm wiedergutzumachen, nahm ich Marcellina in den Arm, sogar bereit, mir ein wenig Schelte anzuhören. Aber schon ihr erster Satz brachte mich wieder auf.

»Sünde? Was soll das heißen, ›Sünde‹? Was ist das für ein Unfug? Wer hat hier irgendetwas von Sünde gesagt?«

Da erklärte sie es mir. So erfuhr ich nach all der Zeit ganz nebenbei, dass meine kleine Marcellina eine Christin war. Mir sträubten sich die Haare: eine Sektiererin! Nichts von dem, was ich da hörte, besserte meine Laune. Dass sie die ganze Zeit mit sich gerungen hätte, dass sie sich schäme, dass sie mich liebe, aber so nicht länger leben könne. Ich vermied die Frage, wie sie sich das Leben denn sonst vorstelle. Stattdessen ging ich in die Offensive.

»Warum hast du mir denn von alldem nie etwas gesagt?«, fragte ich im Tone tiefsten Vorwurfes. Die Tränen liefen ihr herunter, als sie mich groß ansah. Dann hätte ich ihr also, fragte sie fassungslos, nie, nie, niemals richtig zugehört? Eine peinliche Pause entstand.

Und obwohl es mich wenig interessierte, musste ich mir jetzt, ausgerechnet jetzt, anhören, wovon Marcellina immer geplaudert hatte. Von ihrer kleinen Gemeinschaft, die etwas Besonderes sei, vom Prediger Amphibion und von seinen Ideen über die Gleichheit aller Menschen, auch der Sklaven. Das schien genauso ein Verrückter wie dieser Isidoros zu sein, was ihn mir wenig sympathisch machte. Ich musste lachen, und Marcellinas Unterlippe zitterte. Doch dann schaute sie wieder hoffnungsvoll und ergriff meinen Arm.

»Du hast sie doch von innen gesehen, Claudios«, bettelte sie. »Du hast in ihre Schädel und in ihre Herzen geschaut. Du kannst den Menschen sagen, dass wir uns in nichts voneinander unterscheiden. Du und ich, Claudios, wir könnten ...« Ich schaute auf das verweinte Mädchen, das da in seiner Beschränktheit so permanent und ohne Skrupel das Wort »wir« in den Mund nahm. Eine Christin, da hatte ich ja schön hingelangt. Und außerdem wollte sie auch noch die Sklaven befreien! Das Kind brauchte allerdings einen Arzt, nur: Ich würde es nicht sein. Mit einer entschiedenen Bewegung schüttelte ich sie ab. »Dieser ganze Mist ist doch nicht in deinem hübschen Köpfchen entstanden?«, fragte ich gönnerhaft.

»Aber Claudios ...«

»Mein Kind«, beschied ich sie, »ich habe auch schon eine Menge Schweine aufgeschnitten, und was ich da sah, das war dem Menschen auch nicht so unähnlich.« Ich schaute sie nicht an, während ich mich anzog. Mag sein, dass ich ein wenig errötete unter dem lastenden Schweigen, das nur vom Geraschel meiner Kleider unterbrochen wurde. In mir war nichts als gerechter Zorn. Die Welt hatte mich an diesem Tag bereits zweimal übel hintergangen, und ich hatte, so sah ich es, allen Grund, ihr dafür zu grollen. Ein Klopfen an der Tür ersparte es mir, über die Logik dieser Argumentation nachzudenken.

»Claudios Galenos?« Es dauerte ein paar Momente, bis ich in dem Mann, der soeben eingetreten war, Herakleianos’ Haushofmeister erkannte. Ich war mehr als erstaunt. Als er mir dann noch mitteilte, dass sein Herr mich zu einem Kranken seines Haushalts bäte, dringend bäte, griff ich nach meinem Instrumentenkoffer und folgte ihm auf dem Fuße, brennend vor Neugierde. Ich glaube nicht, dass ich mich von Marcellina verabschiedete, die sich weinend die Decke bis ans Kinn zog.

Zum dritten Mal für heute zwischen Seetangduft und Salzwind über das Heptastadion ausschreitend, ordnete ich hastig meine Gedanken. Die Brise vom Meer her tat mir gut, und der Abendhimmel verfärbte sich über einem violetten Horizont langsam zu glühendem Aprikosengelb, als hätte die junge Flamme des Leuchtfeuers von Pharos ihn entzündet.

Herakleianos, sinnierte ich, war also gar nicht verreist, er war vielmehr zu Hause und hatte sich vorhin nur vor mir verleugnen lassen! Nun, diesmal würde ich ihn darauf ansprechen, darauf und auf das seltsame Verschwinden der Manuskripte aus der Bibliothek, sobald es ihm gut genug ging! Denn wer, wenn nicht er selbst, konnte der geheimnisvolle Kranke schon sein, zu dem er mich rief? Immerhin hatte er so viel Verstand bewiesen, den fähigsten Arzt in der Stadt zu holen.

Wenig später stand ich verdutzt in einem Nebenraum der Küche, vor dem Bett eines uralten Sklaven, der sich fiebernd und unruhig in seinen schmutzigen Kissen wälzte. Dass es nicht gut für ihn aussah, hätte auch ein schlechterer Arzt auf den ersten Blick erkannt. Ich schlug die Decke zurück und nahm eine gründliche Untersuchung vor. Runzelige, glühende Haut, die stehen blieb, wenn man sie mit den Fingern zu einer Falte zusammenzog, ein harter, schneller unruhiger Puls, trübe, gelblich verfärbte Augen und übel riechender Atem, rasselnde Geräusche in der Brust sowie ein gänzlich verhärteter Unterbauch. Ich schaute unter dem Bett nach und fand den Nachttopf. Der Urin des Kranken war in Farbe und Geruch bedenklich. Ich schob den Topf zurück.

»Der Mann wird diese Nacht sterben«, verkündete ich. »Sag deinem Herrn, eine ärztliche Kur wäre vergebens und würde den Wert des Alten vermutlich um ein Vielfaches übersteigen. Am besten sage ich ihm das selbst; wo ist Herakleianos?« Ich stand auf und wischte mir die Hände an einem mitgebrachten Tuch ab. Doch mein Gegenüber ignorierte meine Absichten.

»Mein Herr wünscht, dass Ihr ihm die denkbar beste Behandlung zukommen lasst«, wiederholte er nur. »Gebt den Dienern alle Anweisungen, die Ihr für nötig haltet.« Damit ging er hinaus und ließ mich allein. Ich setzte mich verblüfft wieder und schaute auf den Alten hinunter, der mühsam pfeifend die Luft einsog. Seine Augen lagen wie die eines Toten tief in den Höhlen. Ich streichelte ihm mechanisch über den Arm. Wer war er, dass Herakleianos sich solche Mühe mit ihm gab?

* * *

Tief in der Nacht, als ich mich mit schmerzendem Rücken aufrichtete, war ich der Antwort noch keinen Schritt näher gekommen. Ich hatte meinem Patienten ein fieberstillendes Mittel verabreicht und ein Klistier angewandt, um die Verstopfung in seinem Darm zu beseitigen und ein ...

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