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Der Mephisto-Club

Der Schulbasar

oder warum Tannenzapfen mit Glitter
perfekte Weihnachtsgeschenke sind

Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nur der Beobachter meines eigenen Lebens. Als wäre ich nicht ich selbst, sondern jemand, der eher zufällig in meiner Nähe steht und mich beobachtet. Manchmal ist es auch so, als würde ich über mein Leben lesen, über das ein anderer bereits vor langer Zeit geschrieben hat:

Jan langweilt sich sehr. Jan fragt sich, warum ausgerechnet er und sein Freund Karim für diesen Standdienst eingeteilt wurden. Er fragt sich außerdem, wo Karim so lange bleibt, und ob er vielleicht seinen Dienst schwänzen wird.

Ich meine, klar, jetzt gerade erzähle ich wirklich über mich.

Warum ich das mache? Keine Ahnung. Vielleicht will ich diesem Mysterium Jan Branner (das bin ich) etwas näherkommen – oder zumindest der Frage, warum ich mich nicht rechtzeitig in den Arbeitsplan des Basars eingetragen habe. Hätte ich mir doch ausrechnen können, dass ich sonst am uncoolsten Stand unserer Schule lande.

Wahrscheinlich werde ich kein einziges dieser Bastel-Dinge loswerden, die die Fünft- und Sechstklässler produziert haben.

Das ist natürlich der Moment, in dem meine Mutter die Bühne betritt: Sie hat ihren Geldbeutel bereits gezückt, bestimmt mit dem festen Vorsatz, mindestens zwanzig Euro auszugeben. Allerdings gerät sogar sie ins Schleudern, als sie sieht, was wir verkaufen.

„Was ist das?“ Sie deutet auf den Stapel Briefpapier, das Karla und Franzi aus der 6b gebastelt haben. Sie haben dafür Bilder aus Zeitschriften ihrer Eltern ausgeschnitten und auf weiße Papierbögen geklebt.

„Sieht interessant aus“, sagt mein Vater und greift nach einem Bogen, der mit dem Bild einer Schauspielerin im gelben Badeanzug beklebt ist.

Gut, dass meine Mutter sich bereits weggedreht hat. Sie beugt sich über den Pappkarton, in dem die Tannenzapfen liegen, die mit bunten Glittersternen beklebt sind.

„Wie viel kosten die?“

„Drei Euro das Stück.“ Ich muss mich anstrengen, ernst zu bleiben. Eigentlich soll ich die hässlichen Zapfen für dreißig Cent verkaufen oder vier Stück für einen Euro. Aber wenn ich die Preise so niedrig ansetze, müsste meine Mutter den ganzen Stand leerkaufen, um ihre zwanzig Euro auszugeben.

Mein Vater schiebt seine Brille auf der Nase nach vorne, um einen Tannenzapfen genauer zu betrachten. „Ganz schön viel Klebstoff“, stellt er fest.

„Das soll Schnee sein“, sage ich schnell. „Ein schneeüberzogener Weihnachtsbaum.“

„Er ist perfekt“, entscheidet meine Mutter. „Ich nehme drei Stück davon für Tante Constanze.“

Mein Vater verdreht die Augen.

„Drei Stück kosten zehn Euro“, sage ich. „Dann gibt es ein Blatt Briefpapier gratis dazu“.

Ich wickle den Papierbogen mit dem gelben Badeanzugmodel um die drei Tannenzapfen und überreiche das Päckchen meiner Mutter. Sie guckt mich ein bisschen irritiert an, hält dann aber den Zwanzigeuroschein über den Tisch, während sie mit der anderen Hand das Papier-Tannenzapfen-Knäuel in ihre Handtasche stopft.

„Stimmt so“, sagt sie laut. „Behalte die zwanzig Euro. Ist ja für einen guten Zweck.“

Man muss meiner Mutter lassen, dass sie eine Begabung für den richtigen Moment hat. Denn genau in diesem Augenblick ist unser Rektor, Herr Obertheim, genannt der Oberst, an den Stand getreten.

„Bravo“, sagt er zu meiner Mutter. „Andere Eltern sollten sich ein Beispiel an Ihnen nehmen.“

Was für ein Beispiel, denkt er, sind Mütter, die ihren Schwägerinnen potthässliche Tannenzapfen mit Glitter schenken?

„Ach, das ist doch nicht der Rede wert.“ Meine Mutter lächelt bescheiden. „Wir müssen schließlich die jungen Basteltalente unterstützen.“

Mein Vater hüstelt, was verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klingt.

„Ich glaube, Pape* muss etwas trinken“, sage ich. „Im Erdgeschoss verkauft die 12b Glühwein.“

„Doch nicht etwa mit Alkohol?“ Meine Mutter wirft dem Rektor einen schockierten Blick zu, und ich könnte schwören, dass er gerade um zwei Zentimeter geschrumpft ist.

„Der Glühwein wird natürlich nur an Eltern verkauft“, sagt er.

„Und unter Vorlage eines Lichtbildausweises“, ergänzt Karim. Ich habe gar nicht gemerkt, dass er an unseren Stand getreten ist. Er hat eine Tasse in der Hand.

„Für uns gibt es alkoholfreien Punsch. Das schmeckt ganz ausgezeichnet. Möchten Sie probieren?“ Karim hält meiner Mutter die dampfende Tasse hin.

„Ach, du netter Junge“, sagt meine Mutter und winkt ab. „Komm, Hans-Jürgen, lass uns den Punsch-Stand suchen.“ Sie zieht meinen Vater am Mantelärmel, und der lässt sich bereitwillig abführen. Seit ich das Wort Glühwein erwähnt habe, ist sein Blick nämlich weniger finster als zuvor.

Auch die Miene des Rektors hellt sich auf, nachdem meine Mutter verschwunden ist. Er kehrt unserem Stand schnell den Rücken zu, wahrscheinlich um nicht selbst in Verlegenheit zu kommen, zerrupfte Papiersterne oder Krippenfiguren aus Salzteig kaufen zu müssen.

„Ach, auch hier?“, frage ich, als Karim sich zu mir hinter die Tischreihe zwängt. „Ich dachte schon, du wirst den Standdienst schwänzen.“

„Ich lasse doch meinen Kumpel nicht im Stich.“ Karim zwinkert mir zu. „Außerdem ist der Glühwein echt gut.“ Er schiebt mir die Tasse zu.

„Igitt, was ist das?“ Der stechende Geruch hält mich gerade noch rechtzeitig davon ab, an der Tasse zu nippen.

„Feuerzangenbowle“, sagt Karim und nimmt einen kräftigen Schluck. „Ich muss mir Mut antrinken.“

„So schlimm ist der Standdienst auch wieder nicht.“

„Hast du die Neuigkeiten noch gar nicht gehört?“ Karim macht eine vielsagende Kopfbewegung zum Stand schräg gegenüber. Dort, neben dem Treppenabgang, hat sich die Mathe-AG postiert; drei Tische, die in Hufeisenform aufgestellt sind.

„Häh“, ist alles, was mir dazu einfällt.

„Mensch, Jan. Jetzt schau doch mal genau hin“, sagt Karim.

Aber ich entdecke nichts Auffälliges. Hinter den Hufeisentischen stehen drei Mädchen aus der Oberstufe und verteilen ihr Mathequiz an alle, die vorbeigehen. Immer wieder bleibt einer der älteren Jungs am Stand stehen und versucht sich an den Aufgaben. Wobei die Jungs definitiv weniger durch die Preise motiviert werden, die es für richtig gelöste Aufgaben zu gewinnen gibt (ausgemusterte Mathebücher). Der einzige Grund, warum überhaupt jemand den Stand der Mathe-AG beachtet, ist vermutlich, dass sie alle heimlich in Pawlowka verknallt sind, die gerade ihren Kopf in den Nacken wirft und ihre langen Superhaare schüttelt, während sie laut auflacht. Den beiden Jungs, die sich eigentlich auf ihre Matheaufgaben konzentrieren sollten, fallen dabei fast die Stifte aus der Hand oder die Augen aus dem Kopf oder so.

„Echt peinlich, wie die sich an Pawlowka ranschmeißen“, sage ich zu Karim. „Sie hat doch einen Freund. Und seit wann sind ihre Haare eigentlich pink?“

„Du hast wieder mal überhaupt nichts mitbekommen.“

„Hat sie die Haare denn schon länger gefärbt?“

„Ich meine das mit Benny. Pawlowka hat mit ihm Schluss gemacht.“

„Bravo“, imitiere ich die Stimme unseres Rektors. „Andere Mädchen sollten sich ein Beispiel an Pawlowka nehmen.“ Karim und ich sind uns nämlich darin einig, dass Benny der größte Kotzbrocken aller Zeiten ist. Am Schulkiosk drängt er sich immer nach vorne. Als Karim sich einmal darüber beschwert hat, hat Benny ihm den Ellbogen noch fester gegen die Schulter gerammt und ihn als kleinen Hosenscheißer bezeichnet.

Wie gesagt, Benny ist ein Arsch. Leider sehen das viele an unserer Schule anders, besonders die Mädchen. Er ist eben ein besonders hübscher Arsch, wie Karim immer sagt. Und außerdem spielt er Fußball in der Kreisliga, und seine Noten sind auch ziemlich gut.

Ich finde das beängstigend.

„Was meinst du, soll ich mein Glück versuchen?“, fragt Karim und nickt wieder in Richtung des Mathe-Standes.

„Ich dachte, du stehst wegen Mathe auf der Kippe.“

„Du kannst ja die Aufgaben für mich lösen“, schlägt Karim vor. Mathe ist nämlich das einzige Fach, in dem ich immerhin auf einer Zwei stehe.

„Beim Wettbewerb haben doch nur Leute aus der Oberstufe eine Chance“, sage ich. „Und außerdem will ich kein altes Mathebuch gewinnen.“

„Ich auch nicht. Aber irgendwie muss ich an Pawlowka rankommen.“ Karim legt seine flache Hand auf die Brust und starrt den Mathe-Stand an.

„Echt jetzt?“, frage ich. „Sie ist doch viel zu alt für dich.“

„Du verkennst meine geistige Reife.“ Karim klingt gekränkt. Seine Hand tastet schon wieder nach der Glühweintasse.

Ich ziehe die Tasse außer Reichweite und greife nach dem Papierkorb, der unter dem Tisch steht (wahrscheinlich, um nach dem Basar die Bastelsachen entsorgen zu können). Kurz entschlossen kippe ich die Feuerzangenbowle in den Eimer.

„Was soll das?“, protestiert Karim.

„Jemand mit deiner geistigen Reife muss sich keinen Mut antrinken. Und außerdem solltest du an deine Vorbildfunktion denken.“

„Häh?“

„Immerhin sind wir so etwas wie Vorbilder für die Jüngeren. Sagt meine Mutter immer.“

„Seit wann glaubst du an den pädagogischen Quatsch, den deine Mutter erzählt?“

„Auf jeden Fall glaube ich, dass Pawlowka nicht auf kleine Jungs steht, die sie mit Alkoholfahne anhauchen.“

„Wie groß bist du noch mal?“

Vielleicht bin ich wirklich nur zwei Zentimeter größer als er. In den letzten Wochen hat er einen ganz schönen Wachstumsschub hingelegt.

„Wobei du auch ohne Alkohol keine Chance bei ihr hast“, sage ich schnell.

Ich bin mir nicht sicher, ob er meine letzte Bemerkung noch mitbekommen hat. Karim winkt Djamal zu, der den Korridor entlangkommt. Obwohl die beiden verwandt sind, sieht Djamal aus wie das genaue Gegenteil des pummeligen Karim, der sich in zu weiten Jeans und Kapuzenpullis am wohlsten fühlt. Djamal ist ein Riese, bestimmt zwei Meter groß. Er trägt jeden Tag ein blütenweißes Hemd; sogar jetzt lugt der Hemdkragen unter dem dunkelblauen Pulli hervor.

Karim und er geben sich ein High five, und es folgt ein Wortschwall, von dem ich genau gar nichts verstehe.

„Er ist doch schon seit drei Monaten hier“, beschwere ich mich. Und soweit ich weiß, ist Djamal nur deshalb bei Karims Familie, weil er in Rastatt einen Deutschkurs besucht. Trotzdem ist ihm bisher kein einziges deutsches Wort über die Lippen gekommen. Zumindest nicht in meiner Anwesenheit. Wie will er sich in Berlin verständigen, wenn er nächstes Jahr zum Studium dorthin zieht?

„Er ist halt schüchtern“, verteidigt Karim seinen Cousin.

„Auf Arabisch klingt er überhaupt nicht schüchtern.“

„Auf jeden Fall will er erst Deutsch reden, wenn er es richtig kann.“

„Das kann ja dann nur noch ein paar Jahre dauern.“

Djamal schaut mich an, und ich frage mich, ob er verstanden hat, was ich gesagt habe. Karim murmelt etwas, wobei ein Wort sich seltsamerweise anhört wie Pawlowka. Seit Karims Geständnis spukt mir ihr Name im Kopf herum. Jedenfalls greift er jetzt nach den hässlichen Papierbögen und hält Djamal einen davon unter die Nase. Soweit ich sehe, ist das Papier mit rosa Herzchen und ebenso rosafarbenen Buchstaben beklebt.

„Du glaubst doch nicht, dass dein Cousin uns etwas abkauft?“

Karim redet weiter auf Djamal ein. Und der greift tatsächlich in seine Hosentasche und zieht ein Zwanzigcentstück hervor, das er mir über den Tisch zuschiebt. Karim faltet den Briefpapierbogen ordentlich zusammen und klopft seinem Cousin auf die Schulter. Djamal steckt das Papier in seine Jackentasche und wird etwas rot im Gesicht, als ihm Karim zum Abschied etwas zuruft. Wieder klingt eines der Worte nach Pawlowka. Arabisch ist eine merkwürdige Sprache. Völlig unverständlich. Fast so schlimm wie Französisch, wo alle Wörter klingen, als hätte man sie in Rotwein ertränkt.

„Ich bin ein echtes Verkaufsgenie.“ Karim grinst mich an. Allerdings erstarrt das Grinsen in seinem Gesicht, als plötzlich wieder meine Eltern vor unserem Stand auftauchen. Ich freue mich mindestens genauso sehr wie er, sie zu sehen. Jetzt werde ich vermutlich nie erfahren, wie Karim seinen Cousin dazu gebracht hat, dieses hässliche beklebte Papier zu kaufen.

„Es ist ja so vorbildlich, wie sich die Kinder für einen guten Zweck einsetzen“, erklärt meine Mutter gerade einer Frau, in der ich mit Schrecken meine ehemalige Erdkundelehrerin erkenne.

„Fragt sich nur, ob sie überhaupt wissen, für welchen Zweck wir hier Geld sammeln“, erwidert Frau Dalmann in deutlich nüchternerem Tonfall.

Karim und ich schauen uns an. Karim zuckt genauso mit den Schultern wie ich.

In Frau Dalmanns Augen liegt ein triumphierendes Funkeln.

„Das Waisenhaus in Afrika“, fällt mir gerade rechtzeitig wieder ein. Natürlich, im Foyer sind seit einer halben Stunde Schülerinnen und Schüler der Fünften damit beschäftigt, Weihnachtsgeschenke für die Waisenkinder zu verpacken. Die Fünftklässler werden jedes Jahr dazu verpflichtet. Ich weiß noch, wie ich selbst damals eine Stunde lang versucht habe, ein halbwegs ordentlich aussehendes Päckchen zustande zu bringen. Dieses fiese dünne Papier ist immer an den Knickkanten gerissen. Geschenkeeinpacken wird bestimmt nie meine Kernkompetenz.

„Afrika?“ Frau Dalmann zieht eine Augenbraue nach oben, was kein gutes Zeichen bei ihr ist. Sie seufzt. „Diese Idee, man könne sein Gewissen beruhigen, wenn man an irgendwen in Afrika Weihnachtsgeschenke schickt und Geld spendet. Man weiß noch nicht mal, für welches Land. Und den Ländern geht es genauso schlecht wie zuvor … Oder wisst ihr wenigstens, für welches Land es ist?“ Sie sieht mich erwartungsvoll an.

„Uganda?“, fragt Karim. Und ich befürchte schon, dass Frau Dalmann als nächstes wissen will, wo in Afrika Uganda liegt. Aber glücklicherweise wechselt meine Mutter das Thema.

„Ich habe euch etwas mitgebracht“, sagt sie und hüstelt leise. Ich mache jede Wette, dass sie auch nicht weiß, wo Uganda liegt.

Meine Mutter zieht eine Tüte aus ihrer Handtasche. Ich wundere mich immer wieder neu darüber, was alles in ihrer Handtasche Platz findet.

„Die habe ich bei der Latein-AG gekauft“, erklärt sie. „Nach einem original römischen Rezept gebacken.“

Sie stellt die Tüte vor uns auf den Tisch.

„Kekse?“, fragt Karim.

„Ich dachte, ihr könntet eine kleine Stärkung gebrauchen.“

„Vielen Dank, Frau Branner.“ Karim lächelt meine Mutter an. „Die sehen köstlich aus.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob man das Lorbeerblatt mitessen soll“, bemerkt mein Vater, gerade noch rechtzeitig, bevor Karim sich das Plätzchen in den Mund stecken kann.

„Oh!“ Karim zieht das Grünzeug ab, das unter dem Keks klebt. „Na ja, was nicht tötet, härtet ab.“ Tapfer steckt er sich das Plätzchen in den Mund.

„Gut, oder?“, fragt meine Mutter. Karim reckt beide Daumen in die Höhe, während er noch kaut.

„Ah, da sind ja die von Sterrenbergs“, flötet meine Mutter. Und schon zieht sie meinen Vater wieder am Mantelärmel. Sobald die beiden sich umgedreht haben, greift Karim nach dem Papierkorb und spuckt den Keks aus. Oder zumindest die graue Masse, die davon übrig ist.

„Widerlich“, keucht er, und sieht erschrocken auf, als die Mädchen am Stand der Mathe-AG gegenüber lauthals auflachen.

„Ich glaube, Pawlowka ist endlich auf dich aufmerksam geworden“, bemerke ich.

„Was du nicht sagst“, zischt Karim. „Dann bleibt mir jetzt nichts anderes übrig, als sie mit meinem Charme von mir zu überzeugen.“ Er streicht sich die Haare aus der Stirn und steht auf.

„Was hast du vor?“

Karim schlendert bereits mit betont lässigem Gang auf den Stand der Mathe-AG zu. Wie ein todesmutiger Cowboy in einem alten Western. Wenn man weiß, welches Verhältnis er sonst zur Mathematik hat, ist dieser Vergleich durchaus angebracht.

Ich kann ihn unmöglich im Stich lassen. Kurzentschlossen verlasse ich ebenfalls meinen Posten. Doch ich komme nicht weit. Plötzlich greift jemand nach meinem Arm. Es ist meine Mutter.

„Nanu“, sagt sie. „Euer Standdienst ist doch noch nicht zu Ende.“

„Äh“, ist alles, was ich hervorbringe.

„Wir wollen nur kurz zum Stand der Mathe-AG.“ Karim taucht neben mir auf. „Können Sie uns vielleicht fünf Minuten am Bastelstand vertreten? Das wäre super wichtig für uns.“ Er legt seine Hand auf meine Schulter, und ich stammle etwas von dem Mathequiz.

„Er ist zu bescheiden“, sagt Karim. „Unser kleines Mathe-Ass wird die Aufgaben bestimmt mit links lösen. Also, mit der linken Gehirnhälfte.“

„Du hast aber auch einen guten Einfluss auf Jan“, flötet meine Mutter. „Natürlich vertreten wir euch gern, wenn ihr bei diesem Mathematikwettbewerb mitmachen wollt.“ Sie wirft den von Sterrenbergs einen triumphierenden Blick zu.

„Ähm ja“, verabschiedet sich mein Vater von ihnen und folgt meiner Mutter zum Bastelstand.

„Das Mathetalent hat Jan von dir“, höre ich meine Mutter zu ihm sagen, gerade laut genug, dass es auch die von Sterrenbergs gehört haben müssen.

„Na, wenn sie da nicht mal zu viel versprochen hat“, flüstere ich Karim zu. Aber er streckt schon die Hand aus, um von Pawlowka persönlich die Aufgabenblätter entgegenzunehmen. Mir bleibt gerade noch genug Zeit, mich darüber zu wundern, warum Karim ausgerechnet hier den Kontakt zu ihr suchen muss. Immerhin wohnt sie im Haus neben ihm. Er könnte ihr auch einfach über den Gartenzaun etwas zurufen oder so. Wobei irgendjemand erzählt hat, dass sie momentan bei ihren Großeltern ist. Ihre Eltern machen eine Kreuzfahrt. Oder eine Busfahrt. Irgendetwas Langweiliges, was eben alte Leute so machen, wenn sie in Rente sind und sechs Kinder haben, von denen fünf endlich aus dem Haus sind.

Und schon liegen die Matheaufgaben vor mir.

„Mein Freund hier ist ein echtes Mathe-Genie“, erklärt Karim. „Ich bin ja mehr so sprachbegabt.“

Pawlowka hebt die Hand zum Mund und gähnt.

Karim plappert trotzdem weiter.

„Ich konnte schon alle achtundzwanzig Buchstaben schreiben, bevor ich in die Schule gekommen bin.“

„Sechsundzwanzig“, sagt das Mädchen in dem Pulli mit Weihnachtsgirlandenmuster, das neben Pawlowka steht.

„Sechsundzwanzig? Ist das ein Tipp für die Matheaufgabe?“

„Es sind sechsundzwanzig Buchstaben.“

„Im Arabischen sind es aber achtundzwanzig.“

Jetzt sieht Pawlowka ihn tatsächlich an.

„Hör zu, Karim“, sagt sie, bevor er weiteren Unsinn von sich geben kann. „Du brauchst nicht versuchen, mich zu beeindrucken. Beeindruckt hätte mich vielleicht, wenn ihr bei der Vorbereitung des Basars geholfen hättet.“

„So toll ist dieser Basar auch wieder nicht. Du müsstest mal auf einen richtigen Basar …“

„Du kapierst auch gar nichts“, unterbricht ihn Pawlowka. „Weißt du was? Du und dein Freund, ihr seid die uninteressantesten Jungs, die ich kenne. Schaut euch doch mal um. Alle anderen hier haben sich engagiert und Dinge für unsere Weihnachtsaktion vorbereitet. Aber euch ist das alles egal. Und jetzt schwänzt ihr auch noch euren Standdienst.“

Das hat gesessen.

„Ich bin total engagiert“, protestiert Karim trotzdem.

Pawlowka verdreht die Augen.

„Willst du jetzt das Quiz machen oder nicht?“ Das Weihnachtsgirlandenmädchen wedelt mit dem Aufgabenbogen vor seinem Gesicht herum. „Wenn nicht, dann mach Platz für andere, die sich wirklich dafür interessieren.“

„Hah“, macht Karim.

Er glaubt genauso wenig wie ich daran, dass sich hier irgendjemand für etwas anderes interessiert als für Pawlowka.

„Und was ist mit dir?“ Pawlowka verschränkt ihre Arme vor der Brust und sieht mich herausfordernd an. „Willst du mich auch anmachen?“

„Nee, ich bin nur wegen der Matheaufgaben hier“, behaupte ich und schiebe ihr meinen Aufgabenbogen über den Tisch zu. „Fertig.“ Das stimmt zwar nicht ganz, denn ich habe eher wild einige Zahlen in die Kästchen eingetragen. Besonders die Lösung dieser komischen Aufgabe mit Fischen in einem Teich habe ich komplett geraten. Aber der Ausdruck auf dem Gesicht des Girlandenmädchens, nachdem ihr die Kinnlade nach unten geklappt ist, ist diese kleine Lüge wert.

„Komm, Karim, wir müssen zu unserem wichtigen Dienst am Bastelstand zurück.“

Karim klatscht meine Hand ab, als wir weitergehen.

„Ich schwöre, sie mag mich“, raunt er mir zu. „Sie kennt sogar meinen Namen.“

„Sie ist deine Nachbarin, Mann. Und zwar schon seit deiner Geburt.“

„Na und?“

„Wohin gehen wir eigentlich?“ Erst jetzt wird mir klar, dass wir in die falsche Richtung gehen. Karim eilt unbeirrt die Treppe nach unten, und steuert schon auf den Glühweinstand zu.

„Hey, warte“, rufe ich noch. Vor dem Stand herrscht ein unglaublicher Andrang. Jetzt weiß ich, warum es bei uns im ersten Stock so leer ist. Die ganze Schule scheint sich hier unten versammelt zu haben. In der Aula stimmt gerade das Schulorchester die Instrumente. Das denke ich zumindest im ersten Moment. Dann kommt mir die Tonfolge verdächtig bekannt vor. Stille Nacht, ziemlich schräg. Wahrscheinlich kann man es nur mit Feuerzangenbowle hier unten aushalten. Das erklärt auch, warum unser neuer Erdkundelehrer und Frau Dalmann so rote Nasen haben, als sie plötzlich vor mir auftauchen.

„Ah, Branner“, sagt die Dalmann, „ich wollte dich noch etwas fragen.“

„Ich hab’s leider eilig.“ Ich werfe mich der Glühweinstandmenge entgegen, bevor sie mich wieder nach der Lage von Uganda fragen kann oder so. „Sie finden mich später am Bastelstand“, rufe ich ihr noch über die Schulter zu. Bestimmt traut sie sich nicht, noch einmal dort vorbeizukommen. Und wenn doch, wird meine Mutter sie dazu überreden, einen Glitzertannenzapfen zu kaufen. Hah!

Und aua. Noch bevor ich aufsehe, weiß ich, wer mir gerade den Ellbogen in die Schulter gerammt hat.

„Pass auf, wo du hinläufst, Hosenscheißer“, raunt Benny mir bedrohlich zu, bevor er sich weiter durch die Menge boxt.

„Das war ein echter Kampf, dieses Zeug zu bekommen“, verkündet Karim, der vor mir auftaucht.

„Kinderpunsch?“, frage ich mit einem Blick auf die zwei dampfenden Tassen, die er in der Hand hält.

„Klaro“, behauptet Karim.

Ich nehme ihm die Tassen ab und drehe mich um. Irgendwie gelingt es mir, mich durch die Menge zur Treppe zurück zu schlängeln, ohne allzu viel von der Feuerzangenbowle zu verschütten. Das Zeug riecht wirklich abartig.

„Du hast es aber eilig“, ruft Karim mir nach. „He, was hast du vor?“

Und dann stehe ich auch schon vor dem Bastelstand und knalle die beiden Tassen vor meinen Eltern auf den Tisch. Ein Schwall roter Flüssigkeit schwappt über die Papierbögen (ist ja auch egal).

Meine Mutter, die gerade Frau von Sterrenberg ein dickes Salzteigjesuskind verkauft hat, dreht sich irritiert zu uns um.

„Danke für die Vertretung“, sage ich und dränge mich hinter den Stand zurück. „Die Schule hat euch zum Dank zwei Tassen Kinderpunsch spendiert.“

„Oh, das ist ja nett.“ Meine Mutter lächelt. „Wirklich alles sehr nett hier.“ Sie reicht meinem Vater eine der beiden Tassen, und als er daran riecht, lächelt er ebenfalls. Somit wären alle zufrieden. Außer Karim, der aus Protest nach der Plätzchentüte greift und sich einen der lateinischen Kekse in den Mund steckt, um zehn Sekunden später, immer noch kauend, auf dem Klo zu verschwinden.

Während meine Mutter weiter den Standdienst schmeißt, suche ich auf meinem Smartphone nach Uganda. Sicher ist sicher, falls die Dalmann doch noch einmal hier auftaucht.

In den nächsten fünf Minuten werde ich zum Uganda-Experten. Oder wusstet ihr, dass es dort schneebedeckte Berge gibt? Und dass Berggorillas in Uganda leben? Diese Menschenaffen sind vom Aussterben bedroht, wobei sie nicht nur durch Wilderer gefährdet sind, sondern auch durch Touristen, die fiese Infektionskrankheiten einschleppen.

Schließlich finde ich noch einen Artikel der Frauenzeitschrift Monalena, der davon handelt, dass der Bundespräsident kurz vor Weihnachten ein Waisenhaus in Uganda besuchen wird. Sein Flug geht am Abend des zweiundzwanzigsten. Ein privater Besuch, wie der Artikel betont. Unsere Schule kann sich jedenfalls etwas darauf einbilden, in welch berühmter Gesellschaft sie mit ihrem Spendenprojekt ist.

Dank meiner Mutter hat der Bastelstand die Rekordsumme von dreiunddreißig Euro und zwanzig Cent eingebracht. Und ich bin heilfroh, als mein Standdienst vorbei ist (verlängert um zwei Stunden, die ich mit Karim in der Schulaula abhängen musste, weil Pawlowka dort die Modenschau moderierte. Immerhin weiß ich jetzt, dass Pullover mit Weihnachtsgirlandenmuster in der Oberstufe der Renner sind). Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien wäre damit auch überstanden. Noch viermal schlafen bis Heiligabend. Zwei Tage, bis Tante Constanze uns besucht. Mein Gott, Jan, bist du groß geworden. Bald kommt der Weihnachtsmann. Warst du auch schön artig?

Wenn ich daran denke, wäre Schule vielleicht doch die bessere Alternative.

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