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Der Millionär und die geheimnisvolle Schöne

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1. KAPITEL

Anfang Dezember, Chelsea, London

„Moment! Stop! Oh, nein …“ Keuchend blieb Sophie Bradshaw stehen und sah den Bus an sich vorbeifahren, während der Fahrer ihren ausgestreckten Arm ignorierte. „Einfach großartig“, murmelte sie, zog ihre dünne Strickjacke enger um sich und versuchte verzweifelt, auf dem eisglatten Bürgersteig nicht auszurutschen. In der Hoffnung, der nächste Bus würde nicht allzu lange auf sich warten lassen, studierte sie den Fahrplan an der Haltestelle.

Enttäuscht stieß sie einen Seufzer aus. Noch zwanzig Minuten. Als wäre das nicht genug, hatte sich der leichte Schneefall – der Chelseas pompöse Einkaufsstraßen in eine Bilderbuchlandschaft verwandelt hatte – in ein regelrechtes Schneegestöber verwandelt, das von eisigem Wind durch die Straßen gefegt wurde.

Voller Sehnsucht sah sie zum Taxistand hinüber. Wäre es zu unvernünftig … nur dieses eine Mal? Ihr letzter Kontoauszug war nicht gerade ermutigend gewesen. Gerade einmal vierzig Pfund. Es dauerte noch eine Woche, bis sie ihren nächsten Gehaltsscheck erhielt, und sie hatte noch kein einziges Weihnachtsgeschenk gekauft.

Nein, ein Taxi war einfach nicht drin. Sie würde einfach abwarten und darauf hoffen müssen, dass ihre beste Freundin und Arbeitskollegin Ashleigh zu ihr kam, sodass sie mit ihr den neuesten Klatsch über die Veranstaltung austauschen und darüber ihre erfrorenen Hände und ihre wunden Füße einfach vergessen konnte.

Während der drei Stunden, in denen sie ein voll beladenes Tablett zwischen teuer gekleideten Partygästen umhergetragen hatte, war keiner von ihnen auf die Idee gekommen, auch nur einmal Danke zu sagen. Dafür war sie ständig angerempelt worden, zwei Gäste hatten ihr versehentlich auf die Zehen getreten, und einer hatte ihr sogar an den Po gefasst. Zum Glück hatte sie gerade keine Hand freigehabt, um ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Was ihrer Karriere vermutlich nachhaltig geschadet hätte.

Fröstelnd sah sie sich um. Noch immer keine Spur von Ashleigh, und Sophies Handy-Akku hatte einmal wieder seinen Geist aufgegeben. Die schneebedeckten Straßen waren inzwischen menschenleer, und sie fühlte sich mutterseelenallein auf der Welt. Hastig blinzelte sie die heißen Tränen fort, die ihr in die Augen stiegen.

Es waren nicht nur die Kälte und die Müdigkeit, die sie fertigmachten. Sie fühlte sich praktisch unsichtbar. Nicht wie ein menschliches Wesen, sondern so belanglos wie die Cocktails, die sie namenlosen Leuten servierte.

Sie schluckte und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Benimm dich nicht wie ein Baby! sagte sie sich im Stillen. Dann war ihre Arbeit eben auch mal hart und unerfreulich. Zumindest hatte sie einen Job – und außerdem wahnsinnig liebe Kolleginnen. Und ihre Wohnung war zwar winzig – zu klein, als dass sie Ashleigh bei sich aufnehmen konnte, die gerade einen Unterschlupf suchte –, aber wenigstens hatte sie ein bezahlbares Dach über dem Kopf, und noch dazu hier in Chelsea. Nicht in der besseren Gegend des Stadtteils, aber immerhin.

Und dass sie sich einsam fühlte? Das machte nichts. Es war besser, als sich in Gesellschaft eines anderen Menschen einsam zu fühlen. Denn das kannte sie schon zur Genüge.

Also straffte sie die Schultern, hob ihr Kinn und verdrängte die düsteren Gedanken. Doch in ihrer Brust brannte immer noch die Sehnsucht nach etwas Größerem als diesem recht überschaubaren Leben, das sie seit eineinhalb Jahren in London führte … seit sie hierhergezogen war.

Auch schon lange davor hatte sie sich mit einem unspektakulären Dasein zufriedengegeben. Wie fühlte es sich wohl an, zu einer dieser pompösen Veranstaltungen eingeladen zu sein, bei denen sie regelmäßig bediente? Sich einmal toll anziehen und herausputzen zu dürfen, anstatt sich ständig nur unauffällig in Schwarzweiß zu kleiden?

Seufzend blickte sie sich noch einmal um in der Hoffnung, das fröhliche Lächeln ihrer alten Freundin würde sie aus ihrer plötzlichen und unerwünschten Melancholie reißen. Aber der Schnee um sie herum fiel um einiges dichter, und noch immer war von Ashleigh weit und breit nichts zu sehen. Genauso wenig wie vom nächsten Bus.

Sophie blies heißen Atem in ihre Hände und dachte an die warme Hotellobby, die sich nur wenige Meter von ihr entfernt befand. Sie gehörte zum Personal, zwar nur vorübergehend, aber dennoch hatte sie dort stundenlang undankbare Ignoranten bedient. Bestimmt hätte niemand etwas dagegen, wenn sie sich eine Weile im Eingangsbereich aufwärmte. Nur für ein paar Minuten. Ein Schneesturm war schließlich ein gutes Argument, die Regeln der Etikette vorübergehend aufzulösen. Außerdem konnte sie von da aus besser nach Ashleigh Ausschau halten, ohne dass ihr Schneeflocken in die Augen flogen.

Entschlossen verließ sie den Unterstand an der Bushaltestelle und überquerte den verschneiten Gehweg. Ihre Füße sanken tief in den Schnee ein, während sie auf das Hotel zueilte. Sie senkte den Kopf, um sich gegen die Kälte zu schützen, und kurz vor der Tür beschleunigte sie ihre Schritte.

Die Wärme der Eingangshalle war schon so nahe, da prallte sie gegen eine hochgewachsene Person und rutschte gleichzeitig mit einem Fuß aus. Kreischend riss Sophie die Arme hoch, um die Balance zu halten, und erwartete den harten Aufprall auf dem Boden jede Sekunde …

Doch dann wurde sie von zwei starken Armen gehalten und in die Höhe gestemmt. Erschrocken sah Sophie hoch und starrte in das dunkelste Paar brauner Augen, das sie jemals gesehen hatte.

„Vorsicht! Es schneit wie verrückt. Sie könnten jemanden verletzen – oder sich selbst, wenn Sie nicht aufpassen.“

Ein Italiener, dachte sie fasziniert. Sie war von einem Italiener mit wunderschönen Augen und langen schwarzen Wimpern gerettet worden. Dann brachte sie sein scharfer Tonfall wieder zu Sinnen, und sie befreite sich hektisch aus seinem festen Griff.

„Ach, es schneit?“, sagte sie sarkastisch. „Darum also all das weiße Zeug hier. Danke für die Erklärung!“ Sie brach ab. Ihr Ärger verflog genauso schnell, wie er gekommen war, als sie den Schock und anschließend den Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht entdeckte.

„Entschuldigung, natürlich haben Sie recht“, fügte sie eilig hinzu. „Ich habe nicht aufgepasst, weil ich so schnell wie möglich ins Warme wollte. Mir ist gerade der Bus vor der Nase weggefahren, und es sieht so aus, als müsste ich nach Hause laufen.“ Dabei warf sie einen Blick auf ihre schwarzen Pumps, in denen sie zwar gut kellnern konnte, die aber ganz sicher nicht dazu geeignet waren, sich auf Londons Bürgersteigen durch den Schnee zu kämpfen.

„Typisch London“, bemerkte er abfällig. „Da fallen ein paar Flocken, und schon sind alle Taxis verschwunden.“

Darin wollte Sophie ihm nicht widersprechen, obwohl es hier um weit mehr als nur ein paar Flocken ging. „Ja, immer dasselbe, wenn es schneit“, entgegnete sie gelassen, als wäre sie eine echte Londonerin, ruinierte diesen coolen Auftritt jedoch sofort, indem sie heftig zitterte.

„Sie sind ja auch gar nicht richtig angezogen.“ Seine Stimme klang missbilligend, und ehe Sophie reagieren konnte, zog er schon seinen sündhaft teuer aussehenden Mantel aus und legte ihn ihr um die Schultern. „Sie holen sich noch eine Lungenentzündung.“

Ihr Stolz hatte keine Chance gegen ihren Wunsch, endlich Wärme zu spüren. „Ich danke Ihnen“, sagte sie. „Es hatte noch nicht geschneit vorhin, als ich aus dem Haus gegangen bin.“ Wohlig kuschelte sie sich in den Mantel ein. Er roch nach frischem Rasierwasser, sehr maskulin, genau wie der Mann im Anzug, der vor ihr stand. Sie streckte die Hand aus, bis sie aus dem etwas zu großen Ärmel ragte. „Sophie Bradshaw.“

„Marco Santoro.“ Er schüttelte ihre Hand, und seine Berührung schickte einen Schauer über Sophies Arm.

Sie schluckte, erschrocken über diesen seltsamen Effekt. Es war sehr lange her, dass sie etwas Derartiges verspürt hatte, und das irritierte sie.

Trotzdem konnte sie nicht bestreiten, dass es sich unheimlich aufregend anfühlte. Übermütig strahlte sie ihn an, und in ihren Augen flammte echtes Interesse auf.

„Bestimmt halte ich Sie auf“, begann sie und suchte fieberhaft nach etwas, womit sie weiter mit diesem Mann sprechen könnte. „Ich sollte Ihnen Ihren Mantel zurückgeben, damit Sie Ihren Weg fortsetzen können.“ Allerdings wollte sie ihm den Mantel nicht wirklich zurückgeben. Er war einfach viel zu kuschelig und warm! Sie betrachtete den Fremden noch etwas genauer. Sein markantes Gesicht war extrem attraktiv, und ihr fiel auf, wie kräftig und muskulös sein Körper sich durch den maßgeschneiderten Anzug abzeichnete. Sophie gefielen Männer, die wussten, wie man sich kleidete …

Sie hatte ihm die perfekte Vorlage geliefert, um diese Situation aufzulösen. Sein Auftritt als Kavalier hätte ihm einen ganzen Abend mit dieser scharfzüngigen Frau einbringen können. Aber jetzt konnte er sich einfach bedanken, seinen Mantel nehmen und seines Weges ziehen.

Doch Marco zögerte. Irgendetwas an diesem süßen, energischen Kinn und den herausfordernden blauen Augen fesselte ihn. Es war eine willkommene Abwechslung zu dem langweiligen Abend, den er hinter sich hatte.

„Nehmen Sie sich ruhig Zeit, sich aufzuwärmen“, sagte er gelassen. „Ich habe es nicht eilig. Ich brauche selbst etwas frische Luft, nachdem ich dort drinnen war.“ Mit einer Kopfbewegung wies er zum The Chelsea Grant. „Zu viele Menschen, zu viel Party.“

„Fand ich auch!“, stimmte sie zu. „War das nicht echt schrecklich?“

„Unerträglich. Zu schade, dass ich Sie dort drinnen nicht getroffen habe. Es hätte mir einen faden Abend extrem versüßt. Niemand interessiert sich für Export-Allianzen, aber man muss wohl guten Willen zeigen, oder?“

Ihre Lider flatterten. „Aber ja. Hoffentlich ist Ihnen das nicht allzu schwer gefallen?“

Darauf antwortete er bewusst nicht sofort, sondern nahm sich Zeit, die junge Frau vor sich etwas näher anzuschauen. Sie war nicht gerade groß, und ihr langes blondes Haar hatte sie zu einem losen Knoten zusammengebunden. Knallblaue Augen, dazu ein sinnlich voller Mund. Sie wirkte nicht so selbstsicher wie die Frauen, die er sonst kannte. Andererseits langweilten diese ihn häufig. Darum hatte er sich auch gerade sechs Monate Dating-Abstinenz verordnet. Doch vielleicht hatte das Schicksal sie beide heute zusammengeführt. Und wer legte sich schon gern mit dem Schicksal an?

Er lächelte sie an. „Tja, bis gerade eben habe ich mir nicht viel von diesem Abend versprochen.“

Interessiert beobachtete er, wie sie seine Worte aufnahm.

Auf ihren Wangen zeigten sich rosarote Flecken.

„Nun, es war sehr nett, Sie kennenzulernen, Mr. Santoro.“ Zögernd trat sie einen Schritt zurück. „Aber jetzt sollte ich mich wirklich auf den Weg machen, bevor mir nur noch Schlittenhunde bleiben, um nach Hause zu kommen. Vielen Dank dafür, dass Sie mir Ihren Mantel geliehen haben. Aber mir ist inzwischen warm genug.“

„Oder wir warten in der gemütlichen Bar darauf, dass der Schneesturm vorüberzieht“, schlug er vor.

Insgeheim hoffte er, sie würde nicht auf sein Angebot eingehen.

Sophie öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen. Marco konnte buchstäblich beobachten, was für Argumente ihr durch den Kopf schwirrten. Schließlich kannte sie ihn nicht. Es schneite wie verrückt, und sie kam nicht nach Hause. Was konnte da ein gemeinsamer Drink schaden? Spürte sie nicht auch diese einzigartige Chemie in der Luft?

Sophie seufzte, und es klang wie eine kleine, süße Kapitulation.

„Danke, ein Drink an der Bar wäre echt toll!“

Bene, aber wir müssen nicht hier im Hotel bleiben. Kommen Sie mit!“ Damit hakte er sie unter, und Sophie ließ ihn gewähren.

Bereitwillig ließ sie sich von ihm weg vom Hotel und die King’s Road hinunterführen. Keiner von beiden sprach. Worte schienen in diesem Winterwunderland plötzlich überflüssig zu sein.

Die Bar, die er im Sinn hatte, war bloß wenige Schritte entfernt. Die Räume verfügten über eine moderne Einrichtung mit hellem Holz und langen Tischen, an denen größere Gruppen Platz nehmen konnten. Dazu gab es gemütliche Nischen für Pärchen.

Marco schob Sophie zu einem der abgelegenen Tische und bestellte im Vorbeigehen beim Barmann eine Flasche Prosecco.

„Entschuldigen Sie mich bitte“, sagte sie mit dünner Stimme. „Ich will mich bloß kurz frischmachen.“

„Natürlich“, erwiderte er und hob lächelnd sein Glas. Schlagartig war dieser Abend erfüllt von ungeahnten Möglichkeiten. Und das gefiel ihm sehr!

Was habe ich mir bloß gedacht? Was mache ich eigentlich hier?

Ein Blick in die Getränkekarte genügte Sophie, um zu wissen, dass sie in dieser Liga nichts zu suchen hatte. Jeder einzelne Drink kostete vermutlich mehr als jedes Möbelstück, das sie besaß. Und man musste kein Gedankenleser sein, um zu erkennen, weshalb sich Marco Santoro für einen versteckten Ecktisch entschieden hatte.

Er war der geborene Verführer!

Normalerweise gehörte sie nicht zu den Frauen, die auf gutaussehende Männer in maßgeschneiderten Anzügen hereinfielen. Andererseits … wie wäre es, es ein einziges Mal darauf ankommen zu lassen? Nur dieses eine Mal?

Die Waschräume waren genauso strahlend modern wie die Bar selbst, und an den Wänden hingen ringsum riesige, silbergerahmte Spiegel. Sophie stellte ihre Handtasche auf die Ablage und hängte Marcos Mantel und ihre dünne Strickjacke an einen Garderobenhaken.

Kritisch überprüfte sie ihr Outfit. Schwarzes Kleid, beigefarbene Nylonstrumpfhose, schwarze Schuhe, ein kleiner, von Silberfäden durchwirkter Umhang, kaum Make-up. Ja, sie konnte heute definitiv noch einen schönen Abend haben, sie musste nur ein paar Kleinigkeiten ändern.

Schnell löste sie ihre Frisur und bürstete das Haar mit den Fingern durch. Das war das Tolle an ihrer blonden Mähne: Sie kam ihr zwar manchmal langweilig vor, dafür fielen ihre langen Haare immer problemlos und locker um Sophies Schultern, ohne dass sie Stylingprodukte brauchte.

In der Handtasche fand sie einen Lippenstift mit einem dunklen Beerenfarbton, den sie auch dazu benutzte, um sich etwas Farbe auf die blassen Wangen zu zaubern. Anschließend verlieh üppige Mascara ihren Augen den gewissen Ausdruck. Noch etwas Puder, und sie sah aus wie verwandelt.

Allerdings sah ihr Arbeitskleid von den Maids in Chelsea viel zu brav und bieder für eine schicke Bar dieser Sorte aus. Kurz entschlossen holte Sophie das breite, weiße Satinband aus ihrer Tasche, das sie eigentlich für Geschenkverpackungen gekauft hatte, und schlang es sich um die Taille. Dann band sie eine schicke Schleife und zupfte ihr Werk zurecht. Sofort hatte ihr Outfit Pepp. Hinzu kamen noch silberne Kreolen und eine passende Kette – und sie war zu allen Schandtaten bereit!

Nein, es ging ja bloß um einen Drink. Um ein oder zwei Stunden in der Gesellschaft eines Mannes, der sie mit offenem Interesse angesehen hatte. Trotzdem eine aufregende Erfahrung! Heute durfte sie mal jemand anderes sein. Ein ganz normales Mädel aus Chelsea, das in Bars ging und mit gut aussehenden Männern flirtete. Und keines, das mit einem Tablett in den Händen abseits des Geschehens herumstand …

Sophie schämte sich nicht für das, womit sie ihr Geld verdiente. Sie arbeitete hart und stand finanziell auf eigenen Beinen. Das konnten die Damen der höheren Gesellschaft, denen sie regelmäßig zur Hand ging, in den seltensten Fällen von sich behaupten.

Maids in Chelsea war von der Agenturchefin Clio aus dem Nichts zu einem erfolgreichen Unternehmen aufgebaut worden. Sophie und ihre Kolleginnen waren sehr stolz auf den guten Ruf der Agentur, auch wenn die Firma nicht gerade glamourös wirkte.

Und im Augenblick wünschte sich Sophie ein paar glamouröse Momente! Wenigstens für kurze Zeit wollte sie zu der Welt gehören, in der sie eigentlich nur bediente. Wie Cinderella wollte sie den großen Ball genießen, ehe die Uhr Mitternacht schlug und sich ihr schönes Kleid wieder in einen Lumpen verwandelte.

Hatte sie das nicht verdient? Schließlich war doch Weihnachten …

2. KAPITEL

Silvester

„Das ist doch großartig, Grace. Nein, natürlich bin ich nicht sauer. Ich freue mich für dich. Also, wann lerne ich ihn denn mal kennen? Heute Abend? Er begleitet dich zum Snowflake-Ball? Das ist … Das ist ja super! Ich kann es kaum erwarten. Ja, wir sehen uns irgendwann dort. Okay. Bis dann. Hab dich lieb.“

Sophie legte das Telefon beiseite und starrte quer durch den Raum. Wäre auf dem Fußboden Platz gewesen, hätte sie sich vermutlich einem dramatischen Ohnmachtsanfall hingegeben. Aber da jeder Quadratmeter von unterschiedlichsten Stoffbergen verdeckt war, blieb ihr nur, sich gegen die Wand zu lehnen und trocken zu schlucken.

Genau wie sie jetzt hatte sich wohl auch Cinderella gefühlt, als sie allein gelassen worden war, während alle anderen zum Ball gingen. Ach, genug davon! Sie steigerte sich viel zu sehr in ihre Märchenfantasie hinein. Außerdem stimmte das Bild nicht ganz. Schließlich hatte Cinderella nicht auf dem Ball arbeiten müssen, während ihre Stiefschwestern sich auf der Tanzfläche mit den schönen adeligen Herren amüsierten.

Außerdem freute Sophie sich aufrichtig für ihre Freundinnen. Sie hatten alle wunderbare Männer kennengelernt und verdienten ihr Glück. Es war bloß ein bisschen schwer zu verkraften, dass sie alle zur selben Zeit die große Liebe gefunden hatten. Und das so kurz vor dem berühmten Snowflake-Ball.

Sie seufzte tief. Letztes Jahr hatte es riesigen Spaß gemacht, bei diesem pompösen Event zusammen mit Emma und Grace zu arbeiten. Der Saal war immer herrlich geschmückt, die Veranstalter gönnten dem Personal regelmäßige Pausen, und das Trinkgeld fiel ausgesprochen großzügig aus.

Im Anschluss fand eine kleine, interne Feier mit Champagner und einem köstlichen Buffet statt. Um ehrlich zu sein, war das vergangene Silvester mit Abstand das beste in Sophies Leben gewesen.

Dieses Jahr sah das schon ganz anders aus. Zuerst war ihre Freundin Emma zufällig auf ihren verschollenen – und heimlichen – Ehemann getroffen, und nach ein paar nervenaufreibenden Wochen hatten die beiden sich miteinander versöhnt. Danach war Ashleigh, die süße Australierin, die erst seit ein paar Wochen in London war, einem hinreißenden griechischen Geschäftsmann verfallen, für den sie den Haushalt erledigt hatte. Inzwischen waren die beiden verlobt, und Sophie hatte ihre Freundin noch nie so ausgelassen und fröhlich erlebt.

Wenigstens war Grace, die Vierte im Bunde, bis vor wenigen Tagen noch Single gewesen, genau wie Sophie. Doch nun hatte auch sie ihr Herz verloren – an den attraktiven Hotelier Finlay Armstrong. Während Sophie ihre Weihnachtstage damit verbracht hatte, sich in Manchester der gewohnten Missbilligung ihrer Familie auszusetzen.

Auch Grace würde heute Abend beim Ball sein. Allerdings nicht mehr als bezahlte Hilfskraft, sondern wie ihre Freundinnen Emma und Ashleigh als Gast.

„Du bist wirklich eine schreckliche Person, Sophie Bradshaw“, sagte Sophie laut. „Vor allem Grace verdient jedes Glück auf dieser Erde!“

Und ich nicht? meldete sich eine kleine, eifersüchtige Stimme in ihrem Kopf.

Kraftlos stieß sie sich von der Wand ab und bahnte sich einen Weg durch die Stoffberge bis zum Sofa. Auch sie selbst verdiente ein bisschen Freude, kein Zweifel. Ihr Exfreund Harry hatte ihr buchstäblich jeden Funken Selbstvertrauen geraubt. Seitdem suchte sie sich ihr persönliches Glück nicht in den Armen eines Mannes – ganz gleich, wie gut aussehend oder reich er war – sondern in ihrer Fantasie und ihren Träumen. Und in ihren Entwürfen.

Heute Abend würde sie gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie würde lächeln und sich für ihre Freundinnen und ehemaligen Kolleginnen freuen, auch wenn sie fortan durch eine unsichtbare Wand voneinander getrennt waren.

Hatte Harry vielleicht recht gehabt? Stimmte irgendetwas nicht mit ihr?

Immerhin hatte sie dieses Weihnachten ihr eigenes kleines romantisches Abenteuer gehabt, auch wenn es abrupt geendet hatte. Nicht um zwölf Uhr Mitternacht, aber um fünf Uhr morgens. Genau zu diesem Zeitpunkt war sie lautlos aus dem Hotelzimmer geschlichen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Und erst recht keinen gläsernen Schuh!

Die Männer ihrer Freundinnen – Jack, Lucas und Finlay – hätten bestimmt jeden Stein umgedreht auf der Suche nach der Dame ihres Herzens. Sophies Herz setzte jedes Mal einen Schlag aus, wenn sie in der Menge einen dunklen Haarschopf über einem teuren Maßanzug entdeckte, was in Chelsea ziemlich oft vorkam. Doch das Letzte, was sie von Marco Santoro gesehen hatte, war sein hinreißender nackter Oberkörper in der weißen Hotelbettwäsche gewesen, während sie selbst leise ihre Kleidungsstücke zusammensucht hatte.

Zugegeben, sie selbst hatte auch nicht versucht, ihn ausfindig zu machen. Nicht einmal, nachdem sie ihren Freundinnen vor ein paar Tagen von ihrem verwegenen One-Night-Stand berichtet hatte. Einerseits spielte sie nicht in der Liga ihres Liebhabers, andererseits hatte sie auch zugelassen, dass ihr Urteilsvermögen durch Verzweiflung getrübt war. Daher gab es keinen Grund, Lust und Leidenschaft mit etwas Bedeutenderem zu verwechseln.

Obwohl es in der Tat eine denkwürdige Nacht gewesen war …

Der Türsummer unterbrach ihre Gedanken, gerade als sie sich wieder den Anblick von Marcos sinnlichen Lippen ins Gedächtnis gerufen hatte.

Seufzend ging sie zur Gegensprechanlage. „Ja, bitte?“

„Sophie? Ich bin es, Ashleigh.“

Der schwere australische Akzent ihrer ältesten Freundin zauberte sofort ein Lächeln auf Sophies Lippen. Dann heirateten ihre Freundinnen eben plötzlich alle einen Traummann. Na und? Das änderte nichts. Zumindest nicht an den wesentlichen Dingen.

„Komm rauf!“ Sie drückte auf den Türknopf und schaute sich hektisch im Raum um. Konnte man in zwanzig Sekunden ein ganzes Zimmer in Ordnung bringen? Sie schaffte es gerade eben, ein paar Stoffe beiseite zu räumen, ehe es an der Tür klopfte.

Zu ihrer Überraschung stand nicht nur Ashleigh auf der Schwelle, sondern auch Emma und Grace. In den Händen hielten sie Champagnerflaschen und einen dicken, weißen Umschlag.

„Überraschung!“, riefen die drei Frauen wie aus einem Munde und rauschten in die Wohnung, gefolgt von einer Duftwolke aus Parfum und dem Klang klappernder Absätze.

Der Dresscode für den Snowflake-Ball lautete: weiß oder silbern. Doch die blonde, hochgewachsene Emma hatte sich dazu ein Paar knallrote High Heels gegönnt. Grace trug tatsächlich ein silbernes Kleid, und Ashleigh hatte sich für eine rückenfreie, elfenbeinfarbene Robe entschieden, die ihr rötliches Haar und ihre grünen Augen betonte.

Sie alle drei sahen hinreißend aus. Automatisch vermied Sophie den Blick zur Schranktür, wo ihr schwarzes, frisch gebügeltes Kellnerinnen-Outfit hing.

„Wie hübsch ihre alle seid“, schwärmte sie und wandte sich an Grace. „Du musst mich angerufen haben, als ihr gerade unten an der Ecke gestanden habt.“

„Ich habe aus dem Taxi angerufen“, gestand Grace lachend.

„Nochmals herzlichen Glückwunsch. Finlay kann sich glücklich schätzen, dich zu haben. Und genau das werde ich ihm auch sagen, wenn ich ihn mal kennenlerne. Ich würde dich jetzt umarmen, aber ich will dein schönes Kleid nicht zerknittern.“

„Wo sind die Gläser?“, erkundigte sich Emma und sah sich in der winzigen Küchenzeile um. „Aha!“ Triumphierend zog sie eine Schranktür auf und riss dann die Folie vom Flaschenhals.

Sophie bemerkte, dass es sich um einen teuren Champagner handelte. Um eine Marke, die ...

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