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Der Tag, an dem Schmetterlinge tanzten

Christine Dähn

Der Tag, an dem Schmetterlinge tanzten

Ein Roman über die bittersüße

und zärtliche Macht der Liebe

Es ist die ungewöhnliche und brisante Liebesgeschichte von Isabelle und Marcel. Er ist Architekt und Franzose. In Berlin landet er nach einer schrecklichen Partynacht an seinem 40. Geburtstag. Er flieht nach diesem zerstörerischen Ereignis aus Paris nach Berlin. Isabelle ist eine junge Witwe und der Zufall macht sie zu Nachbarn. Sie treffen sich das erste Mal auf der Treppe. An einem kalten, winterlichen Tag folgt er ihrer Einladung. Das Essen, die Musik und eine große Sehnsucht verbindet sie.

Ihre Liebe wird empfindlich gestört.

Ein Elefant tobt durch ihr gemeinsames Leben und Mordgedanken trommeln in einem verwirrten Kopf.

Ein Hausbewohner alarmiert die Polizei und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Die Liebe verlor die Süße des Glücks.

Aber einer großen Liebe kann niemand entfliehen.

Allerdings: Wäre Familie Luni nicht aus ihrer Wohnung ausgezogen, hätte ich diese Geschichte vielleicht nie erfahren.

Ich bin Autorin, allerdings mit einem sehr komischen Namen: Annetrud Mann. Was mir erzählt wurde, fand ich nicht nur spannend, sondern auch anrührend. Meine Empathie für Isabelle und Marcel, ihr Leid und Glück brachten mich zum Schreiben. So entstand „Der Tag, an dem Schmetterlinge tanzten“.

Thomas Natschinski ist nicht nur einer der bekanntesten deutschen Rockmusiker und Komponisten. Er hat den schönsten deutschen Liebessong „Berührung“ komponiert. Ohne Liebe, Umarmungen, Gutes zu tun und zu kochen, wäre für ihn kein schönes Leben. Aus seiner Küche kommen wunderbare Kreationen, die er gern seinen Musikerkollegen auf einer Gartenparty serviert. T.N. hat Rezepte aus dem Tempel der Köstlichkeiten zusammengestellt. Damit Sie als Leser/innen und Koch/Köchinnen aus allen Rezeptvorschlägen ein Menü entwickeln können.

Sie finden sie ab Seite 248

Es war der Tag, an dem Schmetterlinge die Frau umtanzten. Sie badeten ihre bunt glänzenden Flügel in der wohligen, sonnigen Wärme. Sie wussten nichts von ihrer Bitterkeit und quälenden Herzensnot. Sie kreuzten nur ihren Weg.

Ich ahnte es noch nicht einmal, obwohl ich sie sah. Ich wusste, wo die Frau wohnt und was sie tun wird. Und sie tat es: Der Topf stand wieder auf dem Terrassentisch.

Abend für Abend eilte die Frau mit dem Topf zu der Gartenwohnung in unserem Wohnkaree. Den ganzen Weg entlang hinterließ der Topf ein Aroma, das keiner der Anwohner ignorieren konnte. Manche öffneten die Fenster, damit der Duft auch in ihre Wohnung einzog. Aber keiner der Nachbarn rief dieser Frau ein fröhliches Hallo zu oder fragte, was haben Sie heute Schönes gekocht. Sie war für uns die Unbekannte.

Wir staunten nur über ihre Energie, für einen Menschen zu kochen, der nie zu sehen war. Für sie und uns nicht. Wahrscheinlich hörte sie nie ein danke, kein Winken empfing sie. Er öffnete ihr auch nicht die Terrassentür und bat sie herein. Nichts von dem, was wir alle für selbstverständlich hielten, ereignete sich. Sie sah vielleicht darüber hinweg, weil sie ein sanftes, weiches Wesen war. Vielleicht. Manchmal reicht ja auch die Kunst, ein Revier hartnäckig zu verteidigen. Einfach nicht aufgeben, um aus dem gewohnten Leben nicht wegzurutschen wie auf nassem Asphalt. Hoffnung musste diesen Menschen tragen. Oder eine sehr große Liebe. Die Frau sprach mit niemand, hatte nie Gäste, ging nicht joggen, sprach niemand von uns an, klingelte nie bei einem Nachbarn und borgte sich ein Ei oder ein Tässchen Olivenöl. Sie blieb ein Rätsel wie unser neuer Mitbewohner, der Unbekannte in der Gartenwohnung mit dem riesigen Tisch auf der Terrasse, auf dem sie jeden Abend ein leckeres Essen in einem Topf absetzte.

Es war ein runder, unverwüstlicher Bangkirai-Tisch, um den vier Stühle standen. Einfach so. Wie sie die Fabrik verlassen hatten. Niemand hatte sie von der Kunststofffolie befreit, niemand hatte sich bisher auf die Stühle gesetzt. Es schien keinen Grund und keinen Menschen in dieser Gartenwohnung zu geben, der das wollte. Nicht die Lunis, die hier ehemals wohnten. Ich auch nicht. Zwar wohnte ich fast über dem Tisch, aber ich wurde nie eingeladen. Von wem auch. Der neue Mieter war unsichtbar.

Hätte meine Reiki-Lehrerin mir nicht die Hintergründe dieses ungewöhnlichen Mieters erzählt, wäre seine Geschichte vielleicht nie ans Tageslicht gekommen.

Marcel lebte im Zentrum von Paris. Kein großer Berg, auch kein kleiner waren in der Nähe seiner Wohnung zu sehen. Aber nahe dem Loft seiner Freundin Marin schon. An einem Abend wurde Marcel von einer Lawine mitgerissen. Sie rollte unaufhaltsam auf ihn zu. Die kapriziöse Marin setzte sie in Gang. Eigentlich sollte es ein besonders schöner Abend werden. Die Abendsonne legte sich ins Zeug, flirrte und leuchtete golden. Wie verabredet mischte sich dazu himmlischer Klang von der schönen weißen Kirche Sacre Coeur, die unweit des Lofts auf dem kleinen Berg seit vielen Jahren steht.

Mit vielen Freunden und Champagner, Kaviar und edlen Weinen wollte Marcel es krachen lassen, denn er hatte etwas nicht Alltägliches zu feiern. Er wurde vierzig. Die Party fand über den Dächern von Paris statt in der Wohnung seiner schönen Freundin Marin, einer auffälligen naturblonden Schönheit. An ihr stimmte alles, die Größe, das schöne Gesicht. Auf der Waage bewegte sich kaum der Zeiger, aber trotzdem fehlten an ihr nicht weibliche Rundungen.

Fröhlich sollte die Party werden und so war es: Es wurde viel gelacht, geredet, getrunken, getanzt unter dem rot-schwarzen Himmel von Paris. Die Musik donnerte aus den Lautsprechern und zauberte eine sehr coole Atmosphäre. Genau richtig für diesen Abend, der Marcel in das neue Dezennium begleiten sollte. Champagner und Wein waren sehr begehrt. Eine gelöste Stimmung breitete sich in den Gesprächen aus. Aber sie war trügerisch. Bei dem einen oder anderen Gast könnte diese Lockerheit gefährlich umschlagen. Nasti, die Maskenbildnerin, lachte schon durchdringend schrill und laut. Jeremias, Architekt wie Marcel, nestelte schon ziemlich lange an dem tief ausgeschnittenen Rückenteil des Kleides von Francoise, der festen Freundin von Pierre, dem eigentlich sanften, geduldigen Hardwareentwickler aus St. Tropez. Nur wenn es um seine Liebste ging, verlor er die Geduld. Jeder kannte die gelegentlichen lautstarken Eifersuchtsgefechte von Pierre. Manchmal schwang der Bluesmusiker auch seine Fäuste und bearbeitete gründlich einen Verehrer, schenkte ihm blaue Augen oder beulte sein Gesicht aus. Alles für den Frechling, der sich seiner Francoise zu sehr näherte.

Kurz vor Mitternacht drehte Marin Marcel den Rücken zu, löste seinen Arm von ihrer Schulter und gab ihm einen kleinen Schubs. Dann zog sie die Augenbrauen hoch. Marcel wusste sofort, dass nun etwas Schreckliches passieren würde. Eine Sekunde noch, dann würde sie explodieren. Aber warum…? Da nahte schon dieser Augenblick. Sie schaute Marcel an und holte tief Luft. Dann grinste sie hämisch.

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Die unbekannte Frau wohnte nun schon fast ein Jahr in unserem Viertel. Ohne dass sie etwas merkte, hatten wir sie getauft. Sie wurde für uns ‚Die Frau hinter der Wand aus Glas’.

Denn der Tisch auf der Terrasse stand vor einer großen Fensterwand, die von Jalousien verdeckt war. Wenige Male im Jahr wurden die Sonnenblenden hochgezogen und die Wand aus Glas durfte an die Luft. Nur ein paar Vögelchen aus blau schillerndem Papier mit weit gespreizten Flügeln schimmerten dann im Tageslicht. Ein Vogelfreund unter den unterschiedlichen Wohnungsmietern musste sie angeklebt haben. „Vorsicht, kein Durchgang für Euch“, hieß das für pfeilschnell fliegendes Vogelgetier. Richtung Zimmer hing ein dichtes, graues Gewölk von Gardinen.

Sommer und Winter huschte die Unbekannte mit dem Topf eifrig wie ein Eichhörnchen über den dürren Rasen des Gartens. Jeden warmen Abend in milder, langsam vergehender Sonne und im Winter in vor Kälte klirrendem weißen Abendlicht.

Die Gartenwohnung mit Terrasse umschloss kein Zaun, und auch keine noch so brüchige Tür versperrte den Eingang. Nur ein Gestrüpp verriegelte den kleinen Garten und ein alter Rosenstock wehrte Fremde ab. Im Juli verbrannte die Sonne den Rasen und im Winter deckte der Schnee behutsam eine weiße Decke über ihn.

Die Frau mit dem Topf war nicht mehr ganz jung. Sie schlängelte über die 35. Schimmerndes seidiges Lockengewirr umrahmte ihr makelloses Gesicht und ihre Augen versprühten das tiefe, sinnliche taubenblau, das Männer leicht verwirrte. Hier in unserem grünen Kiezgürtel verwirrte uns nur der Topf.

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Ein Dutzendgesicht war diese Frau nicht. Man vergaß sie nicht so schnell. Uns beschäftigte sie sogar täglich.

Aber jede Stadt hat dutzende Gesichter. Weiße, schwarze, braun gebrannte, schöne, ebene, hässliche. Oft auch Gesichter mit roten hektischen Flecken. Sie zeichneten die, die mit dem Tempo unseres digitalisierten Lebens nicht im Mittelfeld, sondern vorn an der Spitze mithalten wollten.

Manche männlichen Grauen Panther, die gut gefüllte Aktentaschen durch die Straßen schleppten, fielen darunter und Mittdreißiger im dunkelblauen Anzug, die Schiss hatten, die letzten Treppchen auf dem steilen Weg der Karriere zu vermasseln. ‚Die Frau hinter der Wand aus Glas’ tat wenig Sichtbares, dafür besonders Auffälliges. Immer in der 19. Stunde.

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Ich, Annetrud, war eine begeisterte Reiki-Schülerin und irgendwann erfuhr ich, dass meine Lehrerin nicht immer nur in anderen Sphären lebte. Sie nahm auch an dem Guten und Bösen teil, die das Leben uns Menschen zuteilt und manchem vor die Füße wirft.

Eines Tages fragte sie nach meiner Stunde, ob ich für sie ein wenig Zeit hätte. Für ein Gespräch. Ich hatte nichts vor und sie war froh darüber.

„Ich muss Ihnen etwas mitteilen, was nicht für viele Ohren bestimmt ist. Ich kann es einfach nicht für mich behalten und ich weiß, sie verbreiten nichts. Sie sind keine Schwatzdrossel wie…“ Sie verharrte. Das war mein Spätzchen, meine Lehrerin, mit den Händen, die Blockaden lösen konnten, egal, wo sie sich gerade hin geflüchtet hatten.

Dann wandte sich das Spätzchen mir voll zu. Ihre Augen waren weit geöffnet und ihrem Mund entflogen Zwitschertöne, die mich als empörte Wörter erreichten: „Unglaublich, unerhört. Ich mute Ihnen jetzt etwas zu. Ich habe eine Bedingung. Bitte antworten Sie auf keine meiner Fragen. Ich stelle sie Ihnen nicht ernsthaft, nur rhetorisch. Es kommen doch einige Damen zu mir, um ihr Wohlbefinden zu verbessern, eine vitalisierende Kopfbehandlung zu erhalten oder Energie zu tanken. All das kann Reiki, aber was rede ich. Das wissen Sie ja selbst.“

Sie kicherte zaghaft über ihren wahnsinnigen Witz, den sie gerade losgelassen hatte. Natürlich wusste ich, was Reiki kann. Dann fuhr sie fort:

„Meine Klientel ist ja sehr unterschiedlich in Charakter, Aussehen, Bildung, Anlehnungsbedürfnis, Mitteilungsdrang. Eine erzählte mir von einer tatsächlich geschehenen Geschichte, na eigentlich zwei wahre. Und die hängen wie Pech und Schwefel zusammen, spielen in Paris und hier. Sie betonte: Wirklich hier vor uns arglosen, freundlichen deutschen Bürgern, wohnend in Berlin-Köpenick. Fast im…“, sie zögerte: „Spreche ich jetzt das beleidigende Wort aus oder nicht? Doch, Sie können diese Prise Häme vertragen. Wohnend im Umland würden herzlose Besserwisser unsere Oase hier nennen. Zu Unrecht, denn Köpenick gehört nicht zu Brandenburg, sondern ist ein schöner Teil von Berlin. Na, wie auch immer.“

„Oh, so nah vor unserer Haustür, wie klingt denn das?“

„Ich glaube, spannend.“

Spätzchen war sich sicher, dass allein die Nähe des Ereignisses meine Neugier treffen musste.

„Kurz- oder Langfassung von Marcel, der Hauptperson, Mieter unter Ihnen? Ich meine, ich will ihm nichts abschneiden. Was rede ich, ich bin ja völlig durcheinander, ich will ihm nicht persönlich etwas abschneiden, das wäre vielleicht sehr, sehr schade. Nein, das tue ich nicht, ich bin ein Menschenfreund. Ich raspele nur an seiner Geschichte. Es ist eine Story, die sein Leben veränderte. Sie, Annetrud, könnten daraus ein Buch machen.“

Ich hatte Zeit und entschied mich schnell für die Langfassung. Und ich sollte es nicht bereuen. Ich musste mich nicht langweilen, denn Gwendi hatte eine nahezu literarische Art zu erzählen. Gänsehaut, erotisches Stöhnen, Entsetzen. Alles konnte sie bei mir erzeugen. Vielleicht sprach das für und gegen mich?

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Alles begann mit dieser Party. Der letzte Rest wohliger Bettwärme lag noch auf der Haut von Marcel. Er schwang seine langen Beine aus dem Bett und schaute sich einen Moment sehr erstaunt um. Da hing ein Fernseher über dem Kamin, eine alte Truhe stand am Fußende und an der Wand ein weißes schönes Sideboard. Das war doch nicht Marins Schlafsalon, das war sein Schlafzimmer und sein Bett. Wieso das denn, wunderte er sich und schon schüttete sich das schreckliche Ereignis seiner Geburtstagsparty über den friedlichen Morgen. Nein, er wollte nicht dieses grauenvolle hautnahe Erlebnis wieder in der Morgensonne hochkochen. Schlimm genug war schon das Dabeisein gewesen. Er schaltete das Radio an und versuchte dieser Erinnerung zu entkommen.

Er erwischte einen freundlichen Empfang: „Einen schönen Guten Morgen an diesem schönen Morgen“ sagten gerade die Moderatoren der Morgensendung und spielten „Don’t Let Me Down“. Das passte gut, sie ließen Marcel nicht im Stich. Aber die Ereignisse ließen sich nicht wegwischen. Sie waren da und hingen fest in seinen Gedanken. Er blickte auf die Uhr. Oh ja, die Nacht war kurz gewesen und dieser bösartige Moment vielleicht nur ein paar Minuten. In Marcels Erinnerung lang wie ein ganzer Abend an einem kalten Ort.

Inmitten aller Gäste seiner Geburtstagsparty packte Marin den schönen Jean an seinem Schlips und zog ihn an sich. Lange und heftig presste sie ihre Lippen auf seine, als wollte sie ihn wie ein Lachshäppchen von der Geburtstagstafel runterschlucken. Marcel stand nur wenige Zentimeter von Marin entfernt und sah aus nächster Nähe das unappetitliche Schauspiel, das auf sein Ziel steuerte. Sie drückte diesen Jean fest an sich und strich demonstrativ über eine tiefe Stelle in seiner Hose, bis sie sich wölbte.

Frau Spatz atmete tief durch: „Ich will das nicht weiter ausführen. Mir ist das peinlich und Sie wissen schon, was ich meine. Oder sind Sie noch Jungfrau und ich muss das erklären?“, pirschte sie sich unerschrocken an mein Privatleben heran.

„Stellen Sie sich diese Situation vor. Ich habe nichts dazu gedichtet, so hat man es mir erzählt. Es war verrückt.“

Dann schob diese Marin ihre langen Finger siegessicher in die Höhe, streckte nur den kleinen aus und hakte Jean ein. Marcel wurde leichenblass. Er sah den gekrümmten kleinen Finger und tiefe Schamröte schoss in sein Gesicht über dieses infame Spiel. Aber das war kein Spiel. Marin zog den großen kräftigen Mann vor allen Gästen in Richtung Schlafzimmer. Er lächelte unsicher in die Partyrunde, schließlich gehörte er zum engsten Freundeskreis von Marcel. Aber es war, als hätte sie jede Regung, jeden kleinen Zipfel seines Willens gebrochen. Er machte nicht die kleinste Andeutung des Widerstandes, er war gierig auf diesen schönen weiblichen Körper.

Marin zog am Reißverschluss seiner Hose. Er zuckte auch dabei nicht zurück, schaute nur völlig entrückt in die Runde, seine Augen hatten einen gewissen verblödeten Ausdruck. Als müsste diese schöne, ungezügelte Frau ihm helfen, die ganze Pracht endlich auspacken zu können. In einer Sekunde vergaß er die dicke Männerfreundschaft, die ihn mit Marcel seit dem Buddelkasten verband. Den Höhepunkt des Flirts beendete das Paar abrupt. Sie blieben mitten im Loft stehen. Wie ineinander verhakt und verknotet.

Marin streckte ihre Arme in die Luft und fächelte sich Luft zu. Dann löste sie ihre Haare, die sich wie ein goldener Vorhang auf ihrem Rücken ausbreiteten. Sie machte ein, zwei Tanzschritte zur Seite, nestelte an den Knöpfen ihrer Bluse und warf sie in die Menge. Keiner der Jungs fing sie auf. Wie ein kleiner erschöpfter Vogel fiel das seidige Etwas ermattet in sich zusammen. Niemand hob es auf. Der schöne Jean griff nach Marin, riss sie an sich und drehte sie mehrfach wie eine Porzellanpuppe, bis sie wieder mit ihrem Rücken vor ihm stand. Er fuhr mit den Fingern ihre Wirbelsäule entlang und öffnete ihren BH. Sie juchzte schrill und unkontrolliert, als hätte irgendetwas ihren Geist und jeden kleinen Rest normalen Verhaltens weggeschwemmt. In ihrem Gesicht blitzte nicht ein Funken Scham oder Mitleid auf und löschte diese impertinenten Boshaftigkeiten aus. Dann segelten beide eng umschlungen in den Schlafsalon der Dachwohnung.

Die Tür gab ein knirschendes Geräusch von sich. Die ausgelassene Partystimmung flog in den Keller. Eine Mauer des Schweigens legte sich über die Gesellschaft.

Nur eine Amsel jubelte ihr Abendlied gen Himmel. Sie setzte sich auf die Balustrade der Terrasse. Die Abendsonne kroch über ihr schwarzglänzendes Federkleid. Unbekümmert sang sie ihr Lied. Die kranke, trümmerhafte Welt überließ sie den stummen Menschen, die den kleinen Vogel beobachteten.

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Niemand unterhielt sich. Sogar die Musik verstummte. Die CD war zu Ende, die Fröhlichkeit geschrumpft und eingefroren. Die Gäste erfasste eine Starrheit, als wäre gerade ein wilder Eisregen niedergestürzt und hätte die Feiernden mit Blitzeis überzogen. Das fatale war, keiner konnte sich verstecken und so tun, als wäre er blind. Auch Marcel nicht. Es gab keinen Mann mit einem weißen Stock und einer schwarzen Sonnenbrille in diesem Raum. Nur Paul hatte diesen letzten finsteren Partymoment nicht mitbekommen. Er hatte sich wie immer vom Trubel entfernt und war im Nebenzimmer in die Welt eines Romans geflüchtet. Paul war der Belesenste unter den Freunden. Er hatte seine Leidenschaft klugerweise mit einem adäquaten Beruf verbunden. Er war Lektor in einem großen Verlag.

Paul hatte eine sehr schöne tiefe Stimme. Die konnte Vorlesungsräume erschüttern, sagten seine Mitstudenten der Germanistik. So war es, als er die Geburtstagsparty wieder betrat. Sein festes Hallo zerriss die gewittergeladene Luft:

„Hey, Ihr geliebten Monster, ich bin kaum eine halbe Sekunde weg, da geht Euch schon die gute Laune aus? Das ehrt mich. Aber was für eine müde Stimmung hat sich in diesem schönen Zuhause von Marcel und Marin versteckt und ist hervorgekrochen? Ich bin doch wieder da. Wir feiern übrigens nicht den 90. von Marcel. Los trinken wir auf Marcel und Marin, die haben noch was vor im Leben. Tanzt, singt, liebt euch, sagen die Dichter. Haltet Euch daran und werft die Stöcke, die gerade in Eurem Allerwertesten stecken, aus dem Fenster.“

Keiner rührte sich.

„Schlaft Ihr schon oder kann mir jemand sagen, ob etwas passiert ist, wenn in meiner Abwesenheit etwas passiert ist?

Pauls Sätze fanden nicht zu den Anderen. Ein tiefes Schweigen zersägte sie: „Warum sagt denn keiner etwas? Könnt oder wollt ihr nicht? Ist die Welt untergegangen? Na gut, dann ist jetzt auf der glanzvollen Festivität Wortlosigkeit angesagt.“

Er wusste nicht, wie nah er der Wahrheit war.

„Gut, auch ich halte gleich den Mund. Aber noch eines: Wo ist der Champagner? Frischen wir das Leben wieder auf! Marcel, Hausherr, wo bist du?“

Marcel’s Gesicht war weiß wie die Wand des Apartments, an der er lehnte. Gut versteckt hinter seinem riesigen, 2,05m großen Basketballfreund James. Er zitterte.

Paul warf leichthin in die Party: „Na, wenn nichts mehr mit Euch schlappen Gesellen los ist, dann hole ich jetzt meine Jacke und seile mich ab.“ Schnurstracks ging Paul auf das Schlafzimmer zu. Niemand wagte, ihn zu warnen. Er öffnete die Tür und prallte zurück. Ihm fiel nur der Name Marcel ein.

In das Zimmer rief er hinein: „Nichts für ungut, das kommt in vielen Romanen vor, aber ich habe nichts gesehen.“

Paul war ein sauschlechter Schauspieler. Er spielte den fröhlichen Gaukler, weil er begriff: Da war geschehen, was man coram publico nie tun sollte. Außer man wollte jemand gezielt verletzen und beschädigen. Paul hatte Mann und Frau in eindeutigen, liebeswütigen Posen erkannt. Ihm kamen die Tränen. Das hatte Marcel, dieser aufrichtige Mann, nicht verdient. So behandelte man nicht seinen ärgsten Feind, dachte er und verabschiedete sich rasend schnell.

„Marcel, mein guter Freund und ihr alle, macht‘s gut.“ Das brachte er noch heraus, umarmte Marcel und verließ dann entmutigt und fluchtartig die Party, die so schön begonnen hatte und nicht so schmählich enden sollte.

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„Wer kennt sich musikalisch am besten aus und legt eine neue CD ein?“, fragte der pragmatische Physiker Alan: „Roger, Du kennst doch alle Rocker. Ok. Was wollt Ihr hören: Blues, Rock ’n Roll, Jazz, Tanzmusik?“ Er spielte irgendwas und langsam tauten die Freunde auf.

Sie begannen zu tuscheln. Warum, wieso? Es rauschte im Partywald. Marin kam nicht gut dabei weg. Körbe bissiger Bemerkungen überschütteten das Model: Sie ist eiskalt, ohne Einfühlungsvermögen, perfide, gemein.

Alle Gäste der Party kannten sich ziemlich gut. Von der Schule, der Uni, der Arbeit. Keiner in dieser Runde war prüde, aber das war zuviel, was sie Marcel zugemutet hatte.

Bis vor wenigen Minuten dachten alle Anwesenden, natürlich sind Marin und Marcel ein ideales Paar. Sie badeten doch fast auf jeder Party vor allen Freunden in ihren Gefühlen. Klar, dass das manchen Neid aufrief.

Alle wussten, dass Marin und Marcel seit langem zusammen waren. Einige Freunde ahnten sogar, dass die beiden „M“s, so wurden sie genannt, demnächst heiraten wollten. Marin hatte ihrem Freund dieses Fest zum Geburtstag geschenkt und zum Schluss wollten sie gemeinsam allen die Einladung zu ihrer Hochzeit übergeben.

Aber das war nun auf dem Platz für Irrtümer gelandet. Schluss aus, das Leben war durchtränkt von Liebesbeschwörungen und Kränkungen. Ende: Marin hatte den Mann, den sie eigentlich heiraten wollte, schmählich vorgeführt und seine Liebe missbraucht. Die Neider genossen es still wie einen samtigen Rotwein und die Pragmatiker lösten die Misere mit einem: „Na, wie immer: Es wird nicht die letzte Hochzeit sein, die wie eine Seifenblase platzt und es war nicht die erste.“

Marcel kämpfte sich hinter dem Rücken von James hervor. Er schob die Hand von Marie fort, die sein Gesicht streichelte wie eine Mutter, die ihren weinenden Sohn tröstet.

„Entschuldigung, sorry liebe Freunde, begann Marcel. Sein Herz hämmerte und eine wehtuende Leere machte sich in ihm breit. „Ich bin…, ich kann nicht…, ich weiß nichts mehr…, ich muss los.“ Sein Blick schwebte in die Ferne und die Gäste sahen ihn atemlos an, als warteten sie darauf, wieder tief durchzuatmen.

Marcel räusperte sich: „Liebe Freunde lasst die gute Laune nicht verkommen, das ist der Anlass nicht wert. Jeder muss tun, was er möchte. Das gilt auch für Marin. Sie hat sich wohl in mir geirrt und ich mich in ihr. Feiert fröhlich weiter. Ich brauche frische Luft. Das Leben ist manchmal Mer…“ Er kaute auf dem Schimpfwort Schei… ziemlich lange herum und betrachtete wie zum letzten Mal die Gesichter seiner Freunde, Arbeits- und Studienkollegen. Dann straffte er seine 184 Zentimeter, ging entschlossen zur Penthouse Tür und zog sie leise hinter sich zu.

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Vielleicht war ich, Annetrud Mann, ein von Natur aus schnell zu begeisternder Mensch oder ein gieriger Nimmersatt, der immer für ein Histörchen zugänglich war. Ich war euphorisiert vom Anfang der Erzählung. Autoren oder sogar Schriftsteller nennt man diese Gemeinschaft, die Erlebnisse anderer annektiert, in einen Topf wirft, schmackhafte Ingredienzien wie ein rauschendes Gift dazu mischt, rührt und rührt und ein Verführerli auf den Tisch stellt, das alle Geschmacksröschen der Konsumenten mobilisiert und zwingt, mehr zu fordern.

Das ist der Beginn einer Suchtgemeinschaft nach dem Autor und seinen Büchern. Oder irre ich mich? Bei mir war das so. Am liebsten hätte ich Spätzchen auf eine Wiese gezerrt, damit sie mir die ganze Geschichte auf einen Ritt erzählt. Aber sie unterbrach mich und hielt mir ein Tellerchen mit leckerem Schinken mit Gürkchen hin. Es sah verlockend aus, aber mein Magen war noch komplett zu, obwohl es sich gelohnt hätte zu kosten.

So schnell wie Spätzchen diese Kleinigkeiten zubereitet hatte und auf den Teller legte, verschwanden sie auch gleich. Sie bearbeitete sich danach mit einer Riesenserviette und die Geschichte ging weiter:

„Gleich geht’s los. Ich merke schon, Ihr Hunger bezieht sich nur auf diese Geschichte. Kann ich gut verstehen. Das ist aber auch eine dramatisch geladene Episode, die ich selber nie erleben wollte.“

Schnell deckte sie noch den kleinen Tisch in ihrem Unterrichtsraum um. Die Kasse und das Unterrichtsbuch verschwanden in einem leeren Schubfach eines schönen alten Schränkchens. Aus einem Dreiseitenschrank der Biedermeierzeit nahm sie wertvolle, alte Meißner Tassen und kochte einen Tee, den sie von einer Studienreise durch Japan mitgebracht hatte. Das Wasser brodelte bald im Kocher. Sie goss den Tee nicht nur einfach auf. Sie weihte mich in eine asiatische Teezeremonie ein. Sozusagen ein Warmup wie vor TV-Shows. Sie brachte mir aber nicht bei, an welcher Position ich klatschen sollte. Bei Spätzchen hatte es etwas Entrücktes, vom Alltag weit Entferntes.

Sie spülte die Kanne mit heißem Wasser aus, dann nahm sie in Zeitlupentempo behutsam Blättchen für Blättchen Tee aus der Tüte. Mit schmerzhaft verzogenem Gesicht legte sie diese in die traditionelle, schwere, kleine, bauchige, schwarze Kanne so langsam, als zögerte sie noch ein bisschen voll von Mitleid, ehe sie ihnen das heiße Wasser herzlos auf den Kopf schütten musste.

Ebenso im Zeitlupentempo nahm sie die wertvollen Teetassen und stellte sie in ein dampfendes Wasserbad. Der Tee hatte indessen Muße, sein Aroma zu entfalten. Dann wurde er mit hohem Schwung in die Tassen geleert. Er duftete köstlich.

Zwei, drei Minuten starrte ich auf den grünen Tee, der tatsächlich grün war. Eine japanische Spezialität. Wir genossen sie still. Ich hatte ja keinen Spiegel vor mir, aber ich glaube, dass auch meine Gesichtszüge verrieten, ich trug den Schmerz der Teeblättchen mit.

Mein Spätzchen, die so gern lachte, alles ver- oder zerkicherte, setzte eine Entschuldigung hinzu: „Mein Mund ist vom Erzählen ganz ausgedörrt und meine Lippen flattern so komisch. Noch ein Schlückchen Tee erst einmal?“

Ich nahm gern eine weitere Tasse dieses beruhigenden Tees. Die Geschichte war bisher spannend und schon ein wenig delikat.

„Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie das weiter geht.“

„Sehr ungewöhnlich, das werden Sie hören.“

„Ist Marcel der Mann, der hinter den geschlossenen Glasscheiben wohnt und Marin die Frau, die den Topf bringt?“

Mit einem kurzen: „Falsch“ beendete Spätzchen meine Frage. „Aber Sie haben Recht, es geht um ihn. Verurteilen Sie ihn nicht voreilig. Er ist eher das Schaf und nicht der Wolf.“

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Im Chaos unserer Millionenstadt war unser Viertel nur ein winziges Pünktchen auf der Landkarte. Da verlor sich die Frau mit dem Topf, die nur drei Aufgänge von mir entfernt gemietet hatte, und ging unter. Aber hier, wo wir wohnten, war sie am Tag unauffällig und in der 19. Stunde entwickelte sie sich zu der geheimnisvollen Person. Bevor sie das üppige Grün der Hecke durchbrach, stellte sie eine Tasche ab und entnahm ihr einen winzigen Lippenstift, dessen Ende schon lange besiegelt war. Dann suchte sie nach einem kleinen Pinsel, mit dem sie die Reste der roten Farbe auf ihre Lippen tupfte. War sie fertig, bog sie die Sträucher auseinander und schlüpfte durch. Meist erhob sich aus dem Dickicht lauter Protest von ganzen Spatzenfamilien mit Oma- und Opa-Spatz, die hier eingezogen waren. Die Frau in ihrem quietschgelben Pullover war wie eine Erkennungsmarke und der einzige helle Punkt in diesem so verlassen aussehenden Garten. Sie trug ihn jeden Abend, wenn sie diese ausgebeulte dunkle Tasche bei sich hatte. Bei jedem Schritt strömte aus dem Topf aromatischer Duft. Heute roch es nach geschmortem, sehr würzigem Kohl, gemischt mit durchgedrehtem Fleisch, in der Ofenröhre kross gebacken und wahrscheinlich mit Salzkartoffeln. Für wen sie das machte, verlor sich im Dickicht ihres unbekannten Lebens. Für einen Unsichtbaren hatte sie geschnippelt, geschmort, gesalzen, gepfeffert und schmackhaftes Kraut gezaubert. Das war keine große Arbeit, aber eine liebevolle.

Zielsicher lief sie, mehr als sie ging, den überwucherten Weg auf die Terrasse zu. Sie schien es wieder eilig zu haben. Gestern streifte sie mit ihrem verwaschenen Rock die prächtigen Rosen mit den harten Dornen. Es war, als würde sich zornige Gewalt entfalten zwischen dem mürben Stoff, der sich unter ihren schnellen Schritten gebauscht hatte und den roten duftenden Rosen, die hier zuhause waren. Das Geräusch eines Risses pflügte durch die Stille, die um unsere Häuser zog. Er sprengte den Saum ihres knielangen Rocks. Nur flüchtig schaute sie auf. Ihren Blick heftete die Frau mit ganzer Kraft auf die dunkle Tasche. Als wäre sie ein Tresor, der Goldbarren enthielt. Dann wurschtelte sie mit ihren Händen im dunklen Tascheninneren und entnahm ihn: Diesen Topf. Sie stellte ihn vorsichtig auf den Bangkirai-Tisch. Die Frau setzte sich nicht, schob sich keinen Stuhl zurecht. Sie schaute sich nicht um, nicht zu den Nachbarn oder auf die große Terrassentür oder eine lauernde männliche Gestalt. Nichts. Sie schüttelte die halblangen Haare und warf sie nach hinten. Ein wenig trotzig war diese schwungvolle Geste. Es wirkte, als ob sie wusste, da steht niemand und wartet auf sie oder wenigstens auf den würzigen Kohl. Der Duft war das einzige, der es vielleicht schaffte, hinter die stabile Terrassentür aus festem Sicherheitsglas zu kriechen, obwohl sie sich keinen Millimeter bewegte. Dann entfernte sich die Frau so wie sie gekommen war, durch die Büsche, an den Rosen vorbei, nestelte ein Taschentuch aus der Tasche ihres zerrissenen Rocks, wischte sich die blassroten Lippen ab

…und ging.

So leise wie sie gekommen war, aber jetzt hatten sich Spuren von Trauer und Hoffnungslosigkeit in ihrem Gesicht festgesetzt. Ihre Zunge schmeckte sicher noch nach Kohl mit Chili, ein paar Prisen Salz und geröstetem Fleisch. Und es berührte möglicherweise die tiefen Narben einer vergangenen Liebe oder eines amourösen Abenteuers? Oder führte diese ‚Frau hinter der Wand aus Glas’ das Leben einer alten furchtsamen Schildkröte, als wäre es ein Käfig? Hätte ihr ein Häppchen fremde Welt gutgetan? War sie die Person, durch deren Leben ein Elefant getobt hatte?

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Wer mitten in Berlin zuhause und ein Naturfreund war jubelte, wenn er unsere kleine Idylle entdeckte. Das musste auch unsere Unbekannte angezogen haben. Hier grünte es so grün. Grüner ging es kaum, nicht ein Haus verdeckte den Himmel und vor unserer Haustür, nur ein paar Meter entfernt, floss die Spree und führte ein harmonisches Zusammenleben mit der Dahme, die sich ein ‚h’ in ihrem Namen leistete. Ob sie ein Liebespaar waren oder nicht, weiß keiner. Aber keine Überflutungen, keine wesentlichen Strudel, keine großen Erregungen und Wellenturbulenzen schürten die Angst der Segler oder erschütterten die an Parks, Badewiesen und Gärten vorbeiziehenden Segelboote. Fast träge floss die Spree dahin. Transportschiffe glitten im Konvoi und Hausboote zogen sicher ihre Bahn, wenn ihre feierlustigen Kapitäne und Partygäste nicht zu tief ins Glas geschaut hatten.

Wir wohnten in einem Karee. Parterre-Wohnung mit Gärtchen, 1. Stock, 2. Stock, Keller, großer Garten zwischen allen Häusern. Mittendrin die Frau mit dem Topf.

Etwa sechzig Parteien teilten sich die Oase. Die Wohnungen waren groß und klein, so wie man sie brauchte, die Mieter jung und alt. Die meisten gingen ihrer Wege oder machten ab und zu einen kurzen Schwatz mit der Nachbarin von Balkon zu Balkon oder im Hausflur. Man half sich, ja, wenn es notwendig war. Die meisten arbeiteten und hatten keine Zeit, Zeit zu vergeuden.

Eines Tages löste sich das unbeteiligt sein am Leben der Anderen auf. In einem April begann der alte Mann, der unter mir wohnte, seine Wohnung auszuräumen. Seine Frau schaukelte im Stuhl auf der Terrasse im ersten warmen Sonnenlicht und sah ihm zu. Er machte Häufchen für Krempel zum Wegwerfen, Verkauf oder Container für noch Brauchbares. Zum Beispiel unliebsame Geschenke, die einst das Familienleben erschüttert und trotzdem begleitet hatten, später mit Verachtung gestraft wurden. Dann fristeten sie in einer dunklen Ecke ihr Dasein. Aber sie waren sichtbar, wenn sich Frieda, die Tante mit dem schlechten Geschmack, für einen Besuch anmeldete und wie ein Spürhund nach den alten Geschenken suchte. Sie streichelte die Glas- und Porzellan-Missgeburten, die bei Lunis keine Freude ausgelöst hatten. Aber sie waren wenigstens für Tante Frieda da: „Ach, dass ihr die immer noch habt. Das ist schön und freut mich sehr.“

Für die Couch fand ein Nachbar Verwendung, die Blumenkübel übernahm ein Hobbygärtner, die Teppiche rollte der alte Luni zusammen und übergab sie der Straße. Ein Mann in einem schmutzigen Parker, einem ebenso grauschimmligen Bart mit einer zerdrückten aus anderen Haushalten gefüllten Tüte in der Hand und tief ins Gesicht gezogener Kapuze nahm sie mit. Ihm war es egal, dass die alten Brücken die Farben verloren hatten und abgewetzt waren.

Die Lunis hatten die kräftigen Farben niedergewalzt. Sie waren ehemals deutsche Meister im Rock ’n Roll gewesen. Elvis Presley hatte ihr Leben vor Langeweile bewahrt. Sie liebten auch Quickstepp und Salsa. Nur den deutschen Walzer fanden sie langweilig. Der kam bei ihnen nicht auf der Bühne und auch nicht zuhause vor. Sie tanzten oft Rock ’n Roll auf diesen Teppichen, die an einem Webstuhl in Vietnam geknüpft worden waren. Herr Luni holte Schwung, wenn er seine zarte Elise zum Überschlag aufforderte, dass ihr weißes Unterkleid aus Charmeuse Seide fast wegflog und der mit Zuckerwasser gestärkte Petticoat sich aufbäumte. Wie eine Feder fing er sie an den Händen wieder auf und sie rutschte durch seine Beine als wäre sie auf Seifenschaum gelandet. Hart auf dem Boden landete Frau Luni nie.

Die Könige und Erfinder der Rock ’n Roll-Musik waren auch in meinem Wohnzimmer oft zu Gast. Der alte Herr Luni warf am Tag seiner Abreise nur noch einen kurzen Blick in die abgewohnte Bleibe. Er half seiner Frau, die vom Stuhl gerutscht war, vom nackten Fußboden aufzustehen, nahm einen kleinen Koffer auf, hakte seine demente Elise unter und schob sie aus der Tür.

„Das war’s liebes, glückliches Leben zu zweit, schade“, sagte er zu mir, als ich ihm die Haustür aufhielt.

„Sie haben so viel großzügig auf die Straße gestellt. Haben Sie nichts Wichtiges vergessen?“, fragte ich. Seine Bassstimme war nicht so fest wie sonst, als er antwortete: „Nein, nichts. Das Wertvollste ist im Koffer. Unsere Tanzschuhe. Und das ist für Sie. Das letzte Mal.“ Ich roch schon den Duft und ahnte, dass es die großartigen Bouletten waren, die die Beiden meist für das ganze Haus brieten. Jeder bekam eine ab.

„Verraten Sie mir noch, womit sie das Fleisch würzen? Ich würde gern das Rezept als Erinnerung behalten.“

„Kein Problem, denn ich habe ja immer kneten und nochmals kneten müssen.“

„Herr Luni, das war ein großes Geschenk für mich. Schade, dass Sie weggehen. Ich werde Sie vermissen. Sie haben mir die Liebe zum Rock ’n Roll geschenkt und zu den Berliner Bouletten. Da, wo ich herkomme, nennt man Bouletten Fleischpflanzerl und nicht eine hat so gut geschmeckt wie Ihre. Das werde ich nicht meiner Mutter sagen, aber danke dafür.“

„Ich danke Ihnen. Das war ein schönes Abschiedsgeschenk.“ Dann kämpfte er mit einem Anflug von Schwermut und schluckte eine kleine Träne tapfer herunter. Mit einem schüchternen Lächeln besiegte er seine Traurigkeit. Er war ein alter, aber ein starker Mann. „Tschüs dann. Wir bringen jetzt Leben in die Bude unseres Sohnes.“ Das war sein Abschied. Und für uns, die blieben, der Beginn des Lebens mit dem unsichtbaren Mann und der Frau mit dem Topf.

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An einem Sonntagmorgen, einige Monate, später fiel ich fast aus dem Bett. Schlaftrunken registrierte ich: Rock ’n Roll. Ich lauschte, wo der Schall herkam. Unglaublich, die Musik klang aus der Wohnung unter mir. Elvis feuerte seinen „Jailhouse Rock“ zu mir und Bill Haley unerschrocken sein „Rock around the Clock.“ Das war Musik, die die Lunis und ich durch die Lunis liebten.

„Jetzt sind sie wieder da!“, jubelte ich und drehte mich zufrieden auf die andere Seite. Sie sind zurück zu uns gekommen, wo sie ein Leben verbracht haben. Aber dann begann es zu kratzen, zu schaben und lautes Männergeschrei drang zu mir:

„Nun mach schon. Vorwärts, die Farbe wartet nicht. Alles klar, erst du und dann ich.“ Dann wurde die Terrassentür mit einem Ruck geöffnet und knallte. „Bist du wahnsinnig, das wird teuer, wenn die Scheiben herausfliegen“, brüllte ein Dritter von der Terrasse in die Wohnung. „Ach was, diese Tür ist eingerostet und freut sich, dass sie nachgeben konnte und nicht vorher gestorben ist. Die hat selten jemand geöffnet.“

„Na gut, Mann.“ Dann schimpfte er wieder: „Was sehen hier meine blinden Augen? Müll über Müll. Der muss weg, sonst kann ich Wände und Decken nicht übernehmen.“

„Stell alles erst einmal auf den Rasen“, tönte es aus dem bisher nie oder selten geöffneten Terrassenzimmer. Das war leider auch nicht die Stimme von Herrn Luni, das waren Handwerker. Also war die Wohnung neu vermietet. Nach einer Woche roch es im ganzen Haus nicht nach leckeren Törtchen und Kuchen, die Frau Luni oft gebacken hatte, auch nicht nach schmackhaften Bouletten. Es roch durchdringend nach Farbe. Die großen Fenster zur Terrasse standen offen. Mein Telefon klingelte: „Schauen Sie mal aus dem Fenster, mein Gott, sehen Sie sich das an, liebe Frau Mann. Da ist nichts mehr wie es einst war. Im Wohnzimmer ist eine Leere, die mehr als leer ist. Was für ein ungewöhnlicher Anblick. Sehen Sie das?“

„Nein, ich sehe es nicht, Frau Lisner. Aber wenn Sie es sagen…“

„Eine Verlassenheit haust da jetzt, da kommen mir ja die Tränen.“

Frau Lisner schluchzte ein bisschen und bekam einen Schluckauf: „Entschuldigung, ich muss jetzt auflegen und erst mal zur Beruhigung ein Schlückchen trinken. Die Armen, sage ich nur.“

„Danke für Ihren Hinweis, Frau Lisner, ein Glas Wasser wird Ihnen jetzt gut tun.“

„Nee, nee, das wirft mich ja um Jahre zurück“, antwortete sie schlagfertig. Frau Lisner, es ist erst neun Uhr morgens, wollte ich noch sagen, tränken Sie den Tag nicht mit scharfen Sachen, aber da lag der Hörer schon auf der Gabel.

Ich konnte mir die Leere gut vorstellen. Sie war auffällig. Lunis hatten jedes kleinste Fleckchen auf der Terrasse und im Terrassenzimmer mit Andenken von ihren Tanzreisen verziert. Schrecklich, aber das war ihre Referenz an die unbeschwerte Zeit auf den Bühnen der Welt, die sie dem Rock ’n Roll verdankten. Ich war gerührt und habe sie verstanden. Aber jeder, der verreist, kennt den Markt der Scheußlichkeiten. Die Püppchen, Äffchen, Löwen in schreienden Neonfarben rosa, blau, grün, hockten bei ihnen auf den Terrassenstühlen, Regalen, Leitern. Bestickte Deckchen über Deckchen lagen auf dem großen Bangkirai- und den kleineren und winzigen Beistelltischen. Weniger oder gar nichts wäre besser gewesen. Aber dann wären vielleicht auch alle schönen Erinnerungen verloren gegangen.

Nur ein Topf stand nie auf diesen Tischen und Tischchen. Den hatte die unbekannte Frau für den neuen Mieter, Wohnungsbesitzer, Ehemann, Einbrecher, Knacki oder wer weiß schon, wer er war, eingeführt. Lunis stellten nie einen Teller oder eine Schüssel auf den Bangkirai-Tisch. Wenn es so gewesen wäre, hätten sie sicher wenigstens zwei Stühle ausgepackt. Denn auf Kunststoff zu sitzen ist nicht das reine Vergnügen. Nach einiger Zeit hätte das Sitzfleisch der Lunis wie dieser Topf gedampft.

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Wieder Wochen später, an einem schönen, etwas kühlen Mai-Abend sprühte Licht durch die Jalousien. Ich wurde neugierig, ging in mein Arbeitszimmer und lehnte mich aus dem Seitenfenster, soweit ich konnte. Ein Wunder war geschehen.

Jetzt waren die Lunis wirklich ausgezogen. Der ganze Krimskrams mit Tischchen, Regalen und Seitenstores auf Terrasse und Rasen waren verschwunden. Nur der große Holztisch stand in der Mitte. Um ihn herum: Erstaunliches. Vier gut verpackte Stühle.

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Am nächsten Morgen erwachte ich mit der Gewissheit, heute wird die Couch mein Lieblingsmöbel. Vielleicht machte es auch die blonde neue Mieterin.

Annetrud, du wirst herum liegen und nicht an sie denken. Waschmaschine, Geschirrspüler, gesunde Lebensweise und veganen Kram ebenfalls vergessen. Dafür chillen, in zerbeulten Jeans und XXL T-Shirt ein paar Freunde anrufen, die dich nur in High Heels und strengem Kostüm kennen. Durch den Kopf ging mir eine Ansage für Florence Annetrud Theresa Mann, das war ich: Heute wirst du dir Konfekt in den Mund stopfen, keinen grünen Tee trinken, dafür ein Gläschen Champagner. Du wirst auch nicht vegan kochen, sondern Dir ein köstliches Schnitzel in die Pfanne hauen.

Genau das tat ich. Zuerst ließ ich mir ein Bad ein und genoss die Wärme und den gut duftenden Schaum. Nach kurzen, fast besinnungslosen, glücklichen zehn Minuten, weit weg von dieser Welt, klingelte es. Das war mein Telefon. Es zerriss diesen so wunderbaren Moment.

Ich verließ das warme Wasser. Tropfnass stapfte ich zum Telefon. Auf meinem Körper wuchs eine Gänsehaut, es war kalt in der Wohnung wie in einem Kühlschrank. Kein Wunder, ich schlief bei offenen Fenstern.

‚Warum hast du nicht wenigstens ein Handtuch gegriffen?’

Aber nun gut, es war zu spät, unter mir bildete sich ein kleiner See.

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