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Der Teufel von Blackwood Hall

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Prolog

Herbst 1810

Jedes Jahr am Ende der Jagdsaison, kurz bevor der Winter begann, gab der Earl of Clarendon eine Abendgesellschaft, zu der nur die wichtigsten Londoner Familien eingeladen wurden, die dann für gewöhnlich von ihren Sommerresidenzen in die Stadt zurückkehrten. Die begehrten Einladungen ergingen ausschließlich an seine engsten Freunde, die natürlich alle Adelstitel innehatten und deren gesellschaftliche Verbindungen über jeden Zweifel erhaben waren.

Zum erlesenen Kreis der Eingeladenen gehörten auch der Earl of Beckington und dessen Frau, ebenso sein Sohn, Lord Sommerfield, Augustus Devereaux, und seine beiden ältesten Stieftöchter – Miss Honor Cabot und Miss Grace Cabot. Die beiden jüngeren Stieftöchter, Miss Prudence Cabot und Miss Mercy Cabot, vergossen bittere Tränen, weil sie keine Einladungen bekommen hatten, was den ganzen Haushalt im Londoner Domizil der Familie in Aufruhr versetzte. Die jüngste, Mercy Cabot, drohte sogar damit, auszureißen, während die anderen sich amüsierten. Sie hatte angekündigt, dass sie an Bord eines Frachtschiffes so weit von London wegsegeln würde, wie es nur irgend möglich war.

Miss Prudence Cabot, drei Jahre älter als Mercy und gerade sechzehn geworden, stellte fest, sie für ihren Teil würde zwar keinen Fuß auf ein Frachtschiff setzen, aber wenn sie es nicht wert war, dass man sie einlud, würde sie eben so lange in Covent Garden herumlaufen, bis ihr jemand eine Guinee für Körper und Seele geboten hatte.

„Wie bitte?“, rief die zwanzigjährige Grace, als Prudence unverhohlen verkündet hatte, was sie vorhatte. „Prudence, Liebes, hast du denn ganz und gar den Verstand verloren? Du willst dich für nur eine Guinee verkaufen?“

„Allerdings“, erwiderte Prudence gereizt und schob trotzig das Kinn vor; ihr Blick verriet, dass man sich gerade besser nicht mit ihr anlegen sollte.

„Solltest du nicht zumindest eine Crown verlangen, Liebes? Ist dir denn der Ruf unserer Familie gar nichts wert? Eine Guinee ist nun wirklich zu billig für deinen Körper und dann auch noch deine Seele.“

„Mama!“, rief Prudence. „Warum darf sie mich immer so ärgern?“ Da Lady Beckington bei den Kabbeleien ihrer Töchter stets gelassen blieb, stürmte Prudence gekränkt hinaus und knallte zornig eine Tür nach der anderen mit großer Wucht zu.

Doch die Mädchen der Familie Cabot standen sich so nahe, wie es unter Schwestern nur möglich ist; Streitereien dauerten nie lange an und so hielt auch ihre verletzte Eitelkeit Prudence nicht davon ab, den beiden älteren Schwestern am Abend voller Aufregung dabei zuzusehen, wie sie sich umzogen. Honor und Grace galten als ausgesprochen modebewusst – ihr Stiefvater war ein großzügiger Mann und ließ sie nach Herzenslust ihre Vorliebe für feinste Stoffe und geschickte Schneiderinnen ausleben.

Während der Vorbereitungen am Abend des Fests wurde ein Kleid nach dem anderen anprobiert und wieder verworfen als zu schlicht, zu alt oder weil es schlecht saß. Am Ende entschied sich Honor, mit ihren einundzwanzig Jahren die Älteste des Quartetts, für eine hellblaue Robe, die ihr schwarzes Haar und ihre blauen Augen gut zur Geltung brachte. Grace wählte ein dunkles, goldfarbenes Kleid mit eingewebten Silberfäden, das bei jeder Bewegung funkelte. Honor fand, es war die perfekte Wahl, um Graces blondes Haar und ihre haselnussbraunen Augen zum Leuchten zu bringen.

Als sie die Treppe herunterkamen, sah ihr Stiefbruder Augustus sie prüfend an. Er würde die beiden begleiten, da sowohl der Earl als auch seine Frau die Einladung dankend abgelehnt hatten, weil der Earl an einer Lungenentzündung litt. Dann erhob sich Augustus, stellte sich auf die Zehen und sagte mit dramatischer Stimme: „Wollt ihr etwa so aus dem Haus gehen?“

„Wie meinst du das?“, fragte Honor.

Er blies die Wangen auf, wie er es immer tat, wenn er empört war. „Na, in diesem Aufzug“, erklärte er und vermied es dabei sorgfältig, ihnen auf die Brust zu schauen.

„Sprichst du von unseren Frisuren?“, fragte Honor herausfordernd.

„Nein.“

„Gefällt dir mein Rouge etwa nicht?“

„Nein. Ich spreche ganz gewiss nicht von deinem Rouge.“

„Dann muss es an unseren Perlen liegen“, meinte Grace und zwinkerte ihrer Schwester dabei verschwörerisch zu.

Augustus war ganz rot geworden. „Ihr wisst ganz genau, was ich meine! Eure Kleider sind viel zu tief ausgeschnitten! Also bitte, ich habe es gesagt.“

„Aber das ist die neueste Mode aus Paris“, klärte Grace ihn auf, während sie den Umhang nahm, den ihr ein Lakai reichte.

„Mir scheint, dass in ganz Paris bald keine Mode mehr zu finden sein wird, wenn alles hier im Obergeschoss dieses Hauses gehortet wird. Ich frage mich nur, woher ihr wisst, was in Paris Mode ist, wo England sich doch im Krieg mit Frankreich befindet.“

„Die Männer führen Krieg, Augustus, nicht die Frauen“, erwiderte Grace und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange. „Was hast du denn dagegen, dass wir mit der Mode gehen?“

„Eigentlich nichts, aber …“

„Gut, dann wäre das ja geklärt“, stellte Honor fröhlich fest und hakte sich bei ihrem Stiefbruder unter. „Wollen wir gehen?“

Wie so oft wurde Augustus von seinen Stiefschwestern einfach überrumpelt. Er zupfte seine Weste zurecht, die über seinem etwas aus der Form geratenen Bauch spannte. Dabei murmelte er, dass ihre Kleider trotzdem zu tief ausgeschnitten waren, aber er ließ sich ohne weiteren Widerstand von ihnen aus dem Haus führen.

Der große Salon von Clarendon House war so überfüllt, dass man sich kaum bewegen konnte, und dennoch richteten sich bei ihrem Eintreffen alle Blicke auf die Cabot-Schwestern.

„Es ist immer dasselbe“, sagte Graces Freundin, Miss Tamryn Collins, „die Herren stehen alle unter dem Bann der Cabots.“

„Das ist doch Unsinn!“, gab Grace zurück. „Wenn du mich fragst, ist der einzige Bann, der hier herrscht, der ihrer Familien, die die jungen Herren auf die Suche nach einer Debütantin geschickt haben, die eine schöne Mitgift zu erwarten hat.“

„Ich glaube, du unterschätzt wie immer die Macht eines schönen Dekolletés“, erwiderte Tamryn trocken.

Grace musste lachen, aber Tamryn hatte womöglich recht. Honor und Grace waren vor über einem Jahr in die Gesellschaft eingeführt worden. Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätten sie beide mittlerweile einen Heiratsantrag bekommen und angenommen haben müssen. Das war immerhin der Zweck des ganzen Aufwands. Doch Honor und Grace waren beide bildhübsche junge Damen, und sie hatten schnell festgestellt, dass die Jagd ihnen viel zu viel Vergnügen bereitete, als dass sie sie so schnell schon zugunsten einer Ehe aufgegeben hätten – nicht das Jagen war gemeint, um genau zu sein, sondern gejagt zu werden.

Und es waren in der Tat einige der jungen Gentlemen hinter ihnen her.

Es war kein Geheimnis, dass die Cabot-Schwestern eine sehr gute Partie waren – sie waren äußerlich und geistig mehr als ansprechend und hatten zudem den Reichtum des Earl of Beckington im Rücken.

„Oh nein!“, keuchte Honor und hielt Grace am Arm fest. „Grace, du musst ihn unbedingt aufhalten!“

„Wen?“, fragte Tamryn, die neben Grace stand und die Menge neugierig musterte.

„Mr. Jett“, flüsterte Honor hörbar. „Er kommt direkt auf uns zu.“

„Auf dich, um genau zu sein“, stellte Grace fest und nahm Tamryns Hand. „Lass uns verschwinden, Tamryn, sonst müssen wir uns für den Rest des Abends todlangweiliges Geplauder anhören. Viel Spaß, Honor.“

„Grace!“, rief Honor ihr hinterher, aber Grace und Tamryn waren bereits kichernd geflohen, sodass Honor ganz allein in den Genuss von Mr. Jetts ungeteilter Aufmerksamkeit kam.

Kurz darauf entschuldigte sich Tamryn, weil sie ein paar Worte mit einer anderen Freundin wechseln wollte, und so schlenderte Grace wenig später ganz allein durch den Ballsaal.

Grace hatte schon einige Male getanzt, an Partnern mangelte es ihr nie. Doch nun schenkte ihr der abscheuliche Mr. Redmond sein schmieriges Lächeln und kam auf sie zu. Zum Glück tauchte plötzlich Lord Amherst vor ihr auf und verbeugte sich tief.

„Kommen Sie schnell!“, sagte er und bot ihr seinen Arm an. „Ich werde Sie vor Redmond retten.“

„Mein Held!“, gab Grace lachend zurück und nahm seine Hand, um sich von ihm auf die Tanzfläche führen zu lassen.

Grace mochte Lord Amherst. Er war einer der Favoriten der meisten Debütantinnen. Er war gut aussehend und stets zu Scherzen aufgelegt. Er war immer charmant, genau wie es seinem Ruf entsprach; er nahm jede Frau, die er traf, mit unverfrorenem Flirten und vielsagenden Zweideutigkeiten für sich ein. Deswegen mochte auch Grace ihn ganz besonders – sie hatte eine Schwäche für Flirts und vielsagende Zweideutigkeiten.

Als die Musik zu spielen begann, verneigte er sich vor ihr: „Ich habe schon den ganzen Abend lang versucht, zu Ihnen durchzukommen, Sie werden ja geradezu belagert.“

„Wie bitte? Wollen Sie damit etwa andeuten, dass es für Sie keine anderen Tanzpartnerinnen gab?“

„Miss Cabot, Sie sind grausam. Sie wissen doch genau, dass es in diesem Saal keine einzige Frau gibt, die es mit Ihnen aufnehmen könnte.“

„Nicht einmal eine einzige?“, fragte sie, während sie sich auf die Zehen erhob und eine Drehung vollführte, ehe sie ihn wieder direkt ansehen konnte.

„Absolut keine“, meinte er mit einem Augenzwinkern.

„Mylord, Sie sind ohne Frage der König der Komplimente.“

„Wollen Sie mir das etwa zum Vorwurf machen? Eine Frau, die so schön und so geistreich ist wie Sie, muss doch ständig umschmeichelt werden. Ich habe mein Herz schon fast an Sie verloren.“

Grace musste über seine Albernheit kichern. „Geben Sie es ruhig zu – das haben Sie heute Abend schon zu jedem einzelnen Mädchen hier im Saal gesagt.“

„Sie tun mir unrecht, Miss Cabot. Das habe ich natürlich nicht jedem Mädchen hier gesagt, nur den hübschen.“

Grace musste lachen. Sie drehten sich nach rechts und dann wieder aufeinander zu, während sie sich an der Reihe der Tanzenden entlang bewegten.

„Mein Gott“, murmelte Amherst plötzlich. Er fixierte irgendetwas hinter Grace. Als Grace sich umsah, erblickte sie Amhersts Bruder, Lord Merryton. Es war allerdings eine Überraschung, ihn gerade hier zu sehen. Es gab bestimmt keine zwei Brüder auf Gottes Erdboden, die verschiedener waren als diese beiden. Amherst traf man immer in Gesellschaft, Merryton hingegen kam fast nie in die Stadt. Amherst war ausgesprochen unterhaltsam, sein Bruder hingegen war grüblerisch und unwirsch. So wie jetzt gerade, als er sich an die Wand lehnte und die Hände hinter dem Rücken verschränkte. Er trug sein dunkles lockiges Haar kurz und sein Gesicht wirkte grimmig.

Grace drehte sich wieder zu Amherst um. „Ihr Bruder scheint den Abend nicht unbedingt zu genießen.“

„Allerdings nicht“, knurrte er. „Im Gegensatz zu mir fühlt er sich in Gesellschaft nicht besonders wohl.“

„Er mag keine Gesellschaft?“, fragte Grace und musste lachen. „Aber ich bitte Sie, was bleibt einem denn sonst, wenn es tagelang in Strömen regnet so wie in letzter Zeit?“

„Nun ja, er macht sich ganz allgemein nicht sehr viel aus Vergnügungen. Besonders Bälle findet er nutzlos.“

Grace konnte es nicht fassen. Sie verstand es so wenig, dass jemand Bälle nicht ausstehen konnte, dass sie sich voller Verwunderung umdrehte, um den seltsamen Earl of Merryton noch einmal anzusehen.

Amherst lachte. „Sie werden dort keine Lösung für dieses Rätsel finden, Miss Cabot. Wenn er eines kann, dann seine wahren Gefühle verbergen. Um jeden Preis die Fassade wahren, Sie wissen schon.“

Grace lächelte ihrem Tanzpartner zu. „Was man von Ihnen nicht gerade behaupten kann, Mylord.“

„Wahrscheinlich nicht. Außerdem möchte ich, dass die ganze Welt von meinen wahren Gefühlen für die schönste der Cabot-Schwestern erfährt. Vielleicht sollte ich es allgemein bekannt machen. Seien Sie darauf gefasst, dass es zu einer offiziellen Erklärung meiner großen Wertschätzung kommt, wenn wir wieder ganz vorn in der Reihe angekommen sind.“

Grace musste über seine Schlagfertigkeit lachen. Sie hatte Merryton nach diesem Tanz schon wieder vergessen. Schließlich gab es so viele Gentlemen, so viele Tänze und so viele Gelegenheiten zum Flirten.

Sie vergaß ihn völlig, bis sie etwa achtzehn Monate später, nachdem sich das Blatt ihres Schicksals gewendet hatte, jäh wieder daran erinnert wurde, wie unangenehm Lord Merryton sein konnte.

1. KAPITEL

Frühling 1812

Die Franklin-Schwestern – die eine war verwitwet, die andere war unverheiratet geblieben – führten ein kleines Teehaus in Bath an einem Platz in der Nähe des Kurbads und der Abtei. Es machte ihnen große Freude, den Bewohnern und auch den Besuchern ihres schönen Städtchens Tee und frisches Gebäck zu servieren. Sie kannten beinahe jeden beim Namen, zudem wohnten sie direkt über ihrem Laden und hatten ausnahmslos jeden Tag des Jahres geöffnet.

Da sie so nah bei der Abtei lebten, hatten sie es sich zur Gewohnheit gemacht, nicht nur formlos und für sich daheim zu beten. Stattdessen schlossen sie jeden Abend pünktlich um sechs Uhr die Tür zu ihrem Teehaus und gingen zur Abtei hinüber. Ihre Nachbarn wussten, dass sie so pünktlich waren, dass der Küster der Abtei tatsächlich die Kirchturmuhr nach ihnen stellte.

Wenn sie ihr tägliches Gebet beendet hatten, kehrten die Schwestern in ihren Laden zurück, zündeten zwei Kerzen an und tauschten sich bei einer Tasse Tee oder einer Suppe über die Geschehnisse des Tages aus. An besonderen Tagen, etwa wenn in der Abtei ein Choral gesungen wurde, begleitete Reverend Cumberhill die beiden zurück in ihr Geschäft und der Tee wurde ihm zu Ehren mit einem Schuss Brandy verfeinert.

Auch Grace Cabot musste sich nun auf die Pünktlichkeit der beiden Schwestern verlassen. Sie war sicher, dass der vornehmen Gesellschaft von Bath diese Routine verborgen blieb, weil kaum ein Mitglied jemals den Abendgottesdienst besuchte. Das wusste sie deshalb so genau, weil sie in diesem Frühling selbst dazugehörte und wie alle anderen ihre Abende bei den Festivitäten verbrachte, zu denen sie sich untereinander einluden.

Hätte sie nicht eines Tages zufällig ihre alte Freundin Diana Mortimer besucht, die in der Nähe der Abtei lebte, hätte auch Grace nie von den Gewohnheiten der Schwestern erfahren. Während ihres Besuches hatte Diana eine beiläufige Bemerkung darüber fallen lassen.

Diana Mortimer hatte ihr außerdem vom Auftritt einer berühmten russischen Sopranistin erzählt, der in der Abtei stattfinden sollte. „Der Prince of Wales hat sie zu seiner Favoritin erklärt“, sagte Diana. „Und du kannst dir ganz sicher sein, dass nicht ein einziger Platz frei bleiben wird, wenn der Prince of Wales sie so sehr mag.“

In diesem Moment war Grace auf die Idee gekommen, wie sie Lord Amherst endlich in die Falle locken könnte.

Sie setzte am Abend, an dem die russische Sopranistin auftrat, alles auf eine Karte. Ihr Plan fußte darauf, dass die Franklin-Schwestern pünktlich auf die Sekunde und in einem höchst ungünstigen Moment auftauchen würden.

Grace bildete sich eigentlich nicht viel auf ihre Fähigkeiten ein, aber sie hatte alles sorgfältigst geplant, sodass sie an genau diesem Abend mit Lord Amherst „zufällig“ zusammentreffen konnte. Sie war seit einem Monat in Bath, seitdem sie erfahren hatte, dass seine Lordschaft hier eine Trinkkur machte. Der einzige Zweck ihrer Reise war, ihn davon zu überzeugen, dass es ihr mit ihrem Interesse für ihn durchaus ernst war, ohne dabei allzu bedürftig zu wirken. Doch Grace war mit achtzehn in die Gesellschaft eingeführt worden und in den drei Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte sie in den feinsten Salons von London gelernt, wie man einen Gentleman für sich gewinnen konnte, besonders einen wie Amherst.

Aber Amherst hatte sie sehr überrascht. Ganz entgegen seinem Ruf als draufgängerischer und wilder Lebemann und obwohl er mehr als einmal gesagt hatte, wie sehr er sie schätzte, hatte er sich nicht zu einem Treffen mit Grace unter vier Augen bewegen lassen.

Mit dieser Zurückhaltung hatte sie nicht gerechnet, als sie ihren Plan geschmiedet hatte. Immer wenn sie sich in London gesehen hatten, war Amherst sehr aufmerksam gewesen – man hätte ihn beinahe als eifrig bezeichnen können –, er war ihr stets zu Gefallen und sehr charmant. Er hatte seine Wertschätzung geradezu lautstark verkündet, und Grace war sich sicher gewesen, dass seine Zuneigung zumindest so weit ging, dass er sich diskret mit ihr treffen würde. Noch auf dem Fest der Wickers, kurz nachdem Grace in Bath angekommen war und während sie ihre Begrüßungsrunde durch die Salons der Familien mit Einfluss absolvierte, hatte er ihr Zweideutigkeiten ins Ohr geflüstert. Er war nur allzu bereitwillig im Park bei der Royal Crescent mit ihr spazieren gegangen und hatte seine Hände währenddessen kaum bei sich behalten können.

Doch er hatte es rundheraus abgelehnt, sich allein mit ihr zu treffen, als sie eine entsprechende Andeutung gemacht hatte.

Sie fragte sich, ob er sie und ihre Absichten wohl durchschaut hatte, aber das konnte sie sich kaum vorstellen, dazu war sie viel zu vorsichtig und klug vorgegangen. Sie war mit drei Schwestern und einem Stiefbruder aufgewachsen, deshalb wusste sie genau, wie man seine wahren Absichten verschleierte. Doch vielleicht hatte sie es einfach nicht klug genug angestellt. Sie saß allein in dem Raum, den sie bei Beatrice, einer Cousine ihrer Mutter, bewohnte und dachte darüber nach, was als Nächstes zu tun war.

Eines Abends war ihr ein Gedanke gekommen: Niemand konnte der Anziehungskraft eines Geheimnisses widerstehen. Nicht einmal Amherst. Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihm etwas Wichtiges mitzuteilen hätte, etwas, das kein anderer jemals erfahren durfte. Ihr Plan war aufgegangen – Amherst hatte tatsächlich nicht widerstehen können und war bereit, sich mit ihr zu treffen.

Es sah vielleicht so aus, als ginge es Grace vor allem um ihr persönliches Vergnügen, wenn sie versuchte, Amherst zu verführen, aber das Gegenteil war der Fall. Sie war gezwungen, zu diesem Mittel zu greifen, denn kürzlich war ihr Stiefvater, der Earl of Beckington, verstorben. Und Grace war genau wie ihre Mutter und ihre Schwestern Honor, Prudence und Mercy vollständig von ihm abhängig gewesen. Und zwar wirklich vollständig, denn sie besaßen keinerlei eigenes Vermögen. Nach dem Tod seines Vaters war ihr Stiefbruder Augustus zum Earl avanciert, und mit jedem Tag, den sie unter seinem Dach verbrachten, wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass jemand das schreckliche Geheimnis ihrer Mutter entdecken würde: Lady Beckington verlor langsam, aber sicher den Verstand.

Wenn sich diese Nachricht verbreitete, würde das den Ruin der Cabot-Schwestern bedeuten. Wenn sich in der vornehmen Gesellschaft herumsprach, dass Lady Beckington verrückt war und ihre vier unverheirateten Töchter nur noch bescheidene Mitgiften zu erwarten hatten statt eines großen Vermögens, würde sie niemand mehr heiraten wollen. Wirklich niemand. Es gab nicht einen einzigen Gentleman in ganz London, der das Risiko eingehen würde, Geisteskrankheit in seine Erblinie zu holen, schon gar nicht, wenn er dafür nicht mit Reichtümern belohnt wurde. Ein weiteres Problem war, dass die beiden jüngsten Schwestern noch gar nicht heiraten konnten, weil sie noch nicht in die Gesellschaft eingeführt worden waren. Sie hätten dann überhaupt keine Chance mehr auf eine gute Partie.

Honor und sie hatten das Problem seit Wochen hin und her gewälzt, ohne einer Lösung auch nur einen Schritt näher zu kommen. Es gefiel Grace überhaupt nicht, dass sie in einer Lage war, die von ihr verlangte, eine Intrige zu spinnen, um damit ein Ziel zu erreichen, das außerdem moralisch ausgesprochen fragwürdig erschien. Aber sie hatte einfach keine andere Wahl. Sie musste Amherst dazu bringen, sie zu heiraten, ehe jemand ihr Familiengeheimnis enthüllen konnte.

Sie hatte alles sorgfältig vorbereitet und es schien auch genau nach Plan zu laufen. Die Franklin-Schwestern hatten die Tür des kleinen Teehauses auf der anderen Seite der Kreuzung gegenüber der Abtei wie gewöhnlich um sechs Uhr zugezogen. In der Kirche selbst hatte sich eine beachtliche Menschenmenge versammelt, um die russische Sopranistin singen zu hören. Grace wusste, dass die Franklin-Schwestern nach dem Singen des Chorals in Begleitung von Reverend Cumberhill in ihr Geschäft zurückkehren würden. Sie hatte sogar bis sechs Uhr auf der anderen Straßenseite gewartet, um mit eigenen Augen zu sehen, dass die Franklin-Schwestern sich auf den Weg zur Abtei machten, und sie hatte dann versuchsweise die Türklinke betätigt. Die Tür war offen. Sie wurde nie abgeschlossen – die Abtei war schließlich nur wenige Schritte vom Teehaus entfernt.

Heute Abend würde sich Graces Leben für immer verändern. Sie würde im Mittelpunkt eines großen Skandals stehen, und zweifellos würde man sie aus der feinen Gesellschaft ausschließen. Doch darauf war sie gefasst – und zumindest ihre beiden jüngeren Schwestern würden bekommen, was nötig war, um ein gesellschaftlich angemessenes Leben führen zu können.

Während des Chorals fing sie einen Blick von Amherst auf, der ihr zuzwinkerte. Wie verabredet erhob sie sich, noch ehe der Gesang vorbei war, und verließ mit schnellen Schritten die Kirche. Sie wusste, dass Amherst ihr gleich darauf folgen würde, völlig ahnungslos, dass ihm selbst wenig später die Franklin-Schwestern und der Reverend folgen würden.

Mit Sorge bemerkte Grace, dass es zu regnen begonnen hatte. Wenn ihr Plan nicht auf die Sekunde perfekt funktionierte, wäre alles umsonst. Sie zog sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf und lief schnell vom Klosterhof zum Teehaus hinüber. Es verschlug ihr für einen Augenblick den Atem, als ihr bewusst wurde, wie tief sie in diesem Moment gesunken war – bis jetzt war dies alles nichts anderes als ein Plan gewesen. Doch mit dem Mut der Verzweiflung schöpfte sie wieder Atem; sie war weiß Gott in ihrem ganzen Leben noch niemals so verzweifelt gewesen wie eben jetzt.

Als sie an der Tür zum Teehaus angekommen war, nahm sie ihre Kapuze ab und sah sich um. Dann öffnete sie die Tür einen Spaltbreit. Es war niemand da. Alle waren noch in der Abtei und lauschten den letzten Strophen des Chorals.

Grace versuchte, die Tür weiter zu öffnen. Sie geriet für einen Moment in Panik, weil sie nicht nachgeben wollte – aber als sie sich mit der Schulter dagegenstemmte, sprang die Tür schließlich auf. Dabei knarrte sie so laut, dass Grace sich nicht gewundert hätte, wenn ganz Bath es gehört hätte und die Leute aus ihren Häusern gekommen wären, um sie des Diebstahls zu bezichtigen. Grace schlüpfte hinein und ließ die Tür hinter sich einen Spalt offen stehen, damit Amherst sehen konnte, dass sie da war und ihr folgen würde. Sie hielt inne und lauschte, ob jemand sie und ihr Tun bemerkt hatte.

Sie konnte nichts hören außer ihrem Herzen, das ihr bis zum Hals klopfte.

Es war ganz dunkel im Raum; das Feuer im Ofen war so weit heruntergebrannt, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Plötzlich wurde Grace von Panik ergriffen – mit der Dunkelheit hier hatte sie nicht gerechnet. Wie sollte Amherst sie überhaupt finden? Sie hatte zu viel Angst, um etwas zu sagen, wenn er kam. Sie musste sich in Türnähe positionieren, und wenn er hereinkam, würde sie ihn einfach mit der Hand berühren.

Grace tastete nach den Möbeln. Sie war schon oft in diesem winzigen Teehaus gewesen, deshalb wusste sie, dass direkt neben der Tür zwei kleine Tischchen standen, rechts von ihr musste demnach ein Pult sein. Sie tastete sich vorsichtig mit den Händen voran und stieß dabei an die Rückenlehne des Stuhls, der zu dem Pult gehörte.

Gut, nun wusste sie, wo sie sich befand und in welcher Richtung sie nach der Tür suchen musste.

Grace nahm ihren Umhang ab und ließ ihn fallen, dann strich sie sich nervös das Haar glatt. Ihre Hände zitterten, deshalb verschränkte sie sie fest ineinander, während sie wartete. Irgendwo tickte eine Uhr, mit jeder Sekunde, die verging, schlug ihr Herz lauter und wilder.

Endlich hörte sie draußen Amhersts Schritte. Er kam vom Klosterhof und ging schnell, so als hätte er ein Ziel fest vor Augen, und für einen Augenblick machte dieser Gedanke Grace völlig atemlos. Sie schnappte nach Luft und versuchte zu erlauschen, was draußen weiter passierte. Sie hörte, wie Amherst direkt vor der Tür stehen blieb und musste einen kleinen Schrei der Aufregung unterdrücken. Es klang so, als ginge er ein paar Schritte auf und ab, und Grace befürchtete, dass er es sich vielleicht anders überlegt hatte. Dann entfernte er sich von der Tür. Sie seufzte leise vor Enttäuschung.

Doch er kam umgehend wieder zurück.

Jetzt war es einen Augenblick lang still, und Grace konnte nicht verhindern, dass sie zu zittern anfing. Warum kam er denn nicht herein? Schließlich stieß er die Tür so heftig auf, dass Grace ein Schwall kalte, feuchte Luft ins Gesicht wehte. Sie atmete flach, fast glaubte sie, in Ohnmacht fallen zu müssen; sie merkte nicht einmal, dass sie ihre Fingernägel in ihre Haut grub.

Vorsichtig kam Amherst herein. Er wirkte größer als sonst, wahrscheinlich lag das an dem Licht, das hinter ihm von draußen hereinfiel, sodass sie nur seine dunkle Silhouette in der Tür sehen konnte. Er drehte den Kopf zur Seite, so als versuche er, sie über sein Gehör aufzuspüren.

Sie kam fast um vor Aufregung. „Hier bin ich“, flüsterte sie schließlich.

Beim Klang ihrer Stimme fuhr er herum, und in ihrer Panik warf Grace sich ihm an den Hals. Sie hatte erwartet, dass er etwas sagen würde, aber er erstarrte, als hätte sie ihn erschreckt. Sie umschlang ihn mit den Armen; leise stöhnend umfasste er ihre Taille und machte einen Schritt rückwärts, damit sie nicht zusammen umkippten. Irgendwie fand Grace im Dunkeln seinen Mund. Er war weicher, als sie gedacht hatte. Er war üppig, feucht, warm und …

Und plötzlich schien er ihre Lippen verschlingen zu wollen. Wie ausgehungert. Grace war auf einen so stürmischen Kuss nicht gefasst gewesen. Sie wusste auch nicht genau, was sie eigentlich erwartet hatte, aber das hier ganz sicher nicht. Ihr Blut strömte heiß durch die Adern und rauschte in ihren Ohren. Ihr war, als würde sie innerlich verbrennen, doch es gefiel ihr. Er schob seine Zunge in ihren Mund und löste damit Empfindungen in ihr aus, die sie erschütterten. Sie fühlte sich frei und unbefangen, so als sei sie in der Dunkelheit nicht sie selbst. Zumindest nicht, als sei sie eine Debütantin mit irgendeinem Sinn für Anstand. Die Art, wie er sie küsste, erregte sie seltsam, und ohne noch einen weiteren Gedanken an ihren guten Ruf zu verschwenden, schmiegte sie sich an ihn, dabei fühlte sie, wie hart er geworden war …

Plötzlich umfasste er ihre Taille und hob sie hoch. Dabei stieß Grace vor Überraschung einen kleinen Schrei aus, ohne dabei den Mund von seinem zu lösen. Er stieß in der Dunkelheit gegen den Stuhl am Pult und sie hörte, wie er auf die Bodendielen fiel. Er hob sie auf das Pult, dabei drückte sich etwas Hartes in ihren Rücken, doch das war Grace vollkommen gleichgültig – mit seiner Zunge streichelte er ihren Mund, das machte sie ganz verrückt. Er zupfte mit den Zähnen an ihren Lippen und saugte an ihnen, und Grace wurde mit einem Mal klar, wie Amherst zu seinem Ruf als Draufgänger gekommen war, denn sein Kuss war das Aufregendste, was ihr je passiert war.

Sie bewegte sich auf einem sehr sinnlichen Pfad. Sie fühlte sich zu feucht, zu warm in ihrem Kleid, jede Bewegung seiner Zunge in ihrem Mund, jeder spielerische Biss auf ihre Lippen trieb sie näher an den Rand des Wahnsinns.

Plötzlich hörte er auf und ließ stattdessen seinen Mund zu ihrem Dekolleté wandern, dabei grub er die Finger in den Stoff ihres Kleides. Grace wusste, dass sie ihn stoppen musste, ehe dieses Spiel zu weit ging, aber er hatte eine Hand auf ihr Bein gelegt und sie unter ihre Röcke geschoben! Seine Finger hinterließen eine feurige Spur auf ihrem Oberschenkel.

Hör auf! Hör sofort auf! Sie wollte, dass man sie in einer leidenschaftlichen Umarmung vorfand, nicht beim Liebesakt. Wo um Himmels willen waren die verdammten Franklin-Schwestern? Grace konnte nicht sprechen – oder vielleicht wollte sie nicht sprechen können. Sie wollte lieber die Augen schließen und sich den unerwarteten Gefühlen hingeben. Sie legte den Kopf zurück und gestattete sich, diese Lust mit allen Sinnen zu genießen. Er umfasste ihre Oberschenkel, und sie seufzte vor Erregung beim Gefühl der Hand eines Mannes zwischen ihren Beinen. Sie wühlte die Finger in sein Haar, als er mit den Lippen durch den Stoff ihres Kleides hindurch die Spitze ihrer linken Brust berührte. Sie konnte gar nicht glauben, dass sie es geschafft hatte! Sie würde sehr glücklich sein mit ihm, wenn es das war, was sie von ihm zu erwarten hatte.

Mit einem Ruck befreite er ihre Brüste vom Stoff ihres Kleides. Er nahm sie nacheinander in den Mund, saugte an der Spitze, und dieses Gefühl war so überraschend, so aufreizend, dass sich ihr ganzer Unterleib zusammenzog.

Amherst stieß ein animalisches Knurren aus, ohne den Mund von ihrer Brust zu lösen, und Graces Körper hallte bei diesem Geräusch wider. Als er seine Hand weiter zwischen ihre Schenkel schob, hob Grace bereitwillig ein Bein. Er ließ seine Finger über ihren feuchten Schoß gleiten. Sie schnappte nach Luft und fühlte sich, als würde sie über dem Pult schweben. Sie wusste kaum noch, wer sie war!

„Ich war nicht sicher, ob du kommen würdest“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Sie meinte, ein kurzes Zögern zu bemerken, aber er sagte kein Wort, während er sich ihrer anderen Brust zuwandte, und als er sie an sich drückte, fühlte sie, wie hart er war. Sie war gleichzeitig ängstlich und erregt. Sie hatte die Lust eines Mannes noch nie so unmittelbar erlebt, sie noch nie gesehen. Seine Härte an ihrem Schenkel fühlte sich seltsam an, und vor ihrem inneren Auge versuchte sie sich vorzustellen, wie er wohl in sie hineinpassen würde, während ihr ein Schauer der Lust über den Rücken lief. Es war überwältigend und kribbelte überall auf ihrer Haut.

Alles andere wurde bedeutungslos. Grace vergaß ihren Plan und sogar, wo sie sich befanden. Sie vergaß alles um sich herum und war ganz erfüllt von den Empfindungen, die er in ihr auslöste, wie ihr Körper reagierte, der mehr wollte, mehr brauchte. Als plötzlich ein Lichtschein in den Raum fiel, war sie verwirrt und schrie auf.

Amherst fuhr herum und breitete seinen Umhang aus, um Grace zu verbergen, während sie selbst vergeblich versuchte, ihre Blöße zu bedecken.

„Mylord!“, rief Reverend Cumberhill voller Entsetzen und Abscheu. „Gott im Himmel, was haben Sie nur getan?“

Grace versuchte fieberhaft, sich zu erinnern, welche Rolle sie in diesem Aufruhr spielte. „Bitte“, sagte sie. Bitte was eigentlich? Sie sah an sich hinunter und bemerkte, dass Amherst das Mieder ihres Kleides zerrissen hatte. Sie versuchte, den Stoff mit den Händen zusammenzuhalten und suchte überall nach ihrem Umhang.

„Mylord, das ist ganz und gar ungeheuerlich!“, rief der Reverend. „Sie haben dieses Mädchen auf grausame Weise ausgenutzt!“

„Sind Sie verletzt, junge Dame?“, fragte eine der Schwestern und plötzlich fiel der Lichtschein auch auf Grace. Sie hörte, wie die Franklin-Schwestern wie aus einem Mund vor Schreck aufschrien, als sie sie in ihrem Zustand erblickten. Endlich fand Grace ihren Umhang und bückte sich, um ihn aufzuheben.

„Miss Cabot!“, rief die andere der Schwestern. „Kommen Sie, Liebes, ich helfe Ihnen“, fuhr sie fort, und Grace fühlte Hände auf ihren Schultern und dass ihr der Umhang umgelegt wurde.

„Du lieber Himmel, Merryton, ich hätte nie gedacht, dass Sie zu einer Vergewaltigung fähig sind! Ich werde die Behörden informieren!“

Vergewaltigung! Merryton?

Grace war, als ob ihr Herz aufhörte zu schlagen. Mit einem schmerzhaften Ruck setzte es wieder ein. Nein, nein, nein, nein – Merryton? Wie hatte sie nur einen so schrecklichen, fürchterlichen Fehler machen können? Das durfte nicht wahr sein! Grace fuhr herum, um dem Mann ins Gesicht zu sehen, der dieses wilde Verlangen in ihr geweckt hatte.

Verzweiflung erfüllte sie.

Sie fühlte sich schwach und konnte förmlich spüren, wie ihr das Blut aus den Adern wich, sie würde bestimmt gleich ohnmächtig werden. Sie hatte nicht den liebenswürdigen und attraktiven Lord Amherst in eine kompromittierende Situation gelockt, wie sie es geplant hatte. Sie hatte sich seinem Bruder, Lord Merryton, in die Arme geworfen, dem abscheulichsten Mann in ganz England.

Sie musste versuchen, zu retten, was noch zu retten war. „Er hat mir nicht wehgetan!“, rief sie voller Furcht. Sie musste vielleicht Opfer bringen, um ihre Schwestern zu retten, aber es gab einen Unterschied zwischen einem freiwillig dargebrachten Opfer und reinem Entsetzen – und das hier war reines Entsetzen. Es hätte niemals passieren dürfen! Es durfte nicht passieren! Wo um Himmels willen war Amherst?

„Miss, sagen Sie lieber nichts“, riet der Reverend. „Ich werde nicht zulassen, dass er sie einschüchtert.“

Der eiskalte Blick aus Merrytons grünen Augen schien Grace durchbohren zu wollen. Er machte ein finsteres Gesicht und wirkte wütend. Grace erschauerte bis ins Mark.

„Ich übernehme die volle Verantwortung“, sagte er brüsk.

„Das ist wohl das Mindeste!“, erwiderte der Reverend scharf. Dann machte er einen Schritt auf sie zu und hob die Laterne, um Grace ins Gesicht sehen zu können. Schnell zog Grace ihr Mieder noch fester zusammen, dabei bemerkte sie erst, dass eine dicke Haarsträhne sich gelöst hatte und ihr über die Schulter hing.

„Du lieber Gott!“, die Stimme des Reverends klang bedrückt. Aufrichtiges Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er wandte sich Merryton zu. „Ich werde diese Sache nicht auf sich beruhen lassen! Sie haben diese junge Dame entehrt, unwiederbringlich entehrt, und Sie werden den Preis dafür bezahlen! Bitte, meine Damen, bringen Sie sich in Sicherheit“, gebot er energisch. „Bringen Sie sie fort von hier und schicken Sie so schnell es geht Mr. Botham zu mir“, fügte er hinzu. Grace wusste, dass das der Amtsrichter für Bath war.

Eine der Schwestern zog ihr die Kapuze ihres Umhangs hoch, sodass sie Graces Gesicht verdeckte.

„Es war kein Verbrechen“, versuchte sie es erneut. „Es war meine Idee …“

„Ruhe!“, dröhnte der Reverend. Die Schwestern schoben sie vor sich her, eine auf jeder Seite, um sie schnell zur Tür zu bringen.

Grace stolperte, sie konnte nur kurz und flach atmen. Was für ein fürchterlicher, fürchterlicher Fehler! Sie hatte etwas Unaussprechliches getan. Schlimmer als das! Ihr war, als müsse sie sich gleich übergeben, und um das zu verhindern, krümmte sie sich. Sie fragte sich flüchtig, ob Amherst wohl auch so hilflos gewesen wäre wie sie, wenn er wie geplant gekommen wäre, wenn ihre Intrige aufgegangen wäre.

„Ach, du liebe Zeit! Seien Sie stark, Miss Cabot. Der Reverend wird schon dafür sorgen, dass dieser Mann seiner gerechten Strafe nicht entgeht.“

„Aber er hat doch gar kein Verbrechen begangen!“, rief Grace hilflos aus. „Ich war es doch, die ihn da hineingezogen hat! Ich habe ihn verführt!“

„Liebes, es ist ganz natürlich, dass Sie die Verantwortung für diese Sache übernehmen wollen, aber das dürfen Sie nicht“, tröstete eine der beiden alten Damen. „Er hat Sie missbraucht!“

Nichts von dem, was sie sagten, ergab für Grace irgendeinen Sinn, aber sie zogen sie hinter sich her zur Tür hinaus und auf den Klosterhof, wo die Menschen gerade zu Dutzenden die Abtei verließen. Einige drehten sich nach Grace um – schließlich sah man nicht jeden Tag zwei Frauen, die eine dritte hinter sich herzogen. Stimmengewirr erhob sich.

„Komm schnell, Agnes!“, zischte eine der Schwestern, und Grace stolperte hinter ihnen her, als sie versuchte Schritt zu halten.

Sie konnte sich später nicht mehr daran erinnern, auf welchem Weg sie zurück zum Haus von Cousine Beatrice am Royal Crescent gelangt war. Auch als später einige Herren eintrafen, um sie zu verhören und zu ermitteln, was in dem dunklen Teehaus vorgefallen war, konnte sie sich kaum auf das Geschehen konzentrieren. Verzweifelt versuchte Grace, zu erklären, dass sie an allem schuld war, aber als man sie danach fragte, warum sie so etwas Abscheuliches getan hatte, konnte sie die Frage nicht ehrlich beantworten.

Deshalb kamen die Gentlemen zu dem Schluss, dass jemand, der keinen triftigen Grund für so eine Untat angeben konnte, wohl kaum die Wahrheit sagte. Sie bemühten sich, ihr zu erklären, dass sie sich zum Lügen gezwungen fühlte, weil sie Angst vor Merryton hatte.

Grace hatte tatsächlich Angst vor Merryton. Sie hatte noch nie irgendjemanden ein freundliches Wort über ihn sagen hören. Es war allgemein bekannt, dass er unwirsch und unnahbar und voller Verachtung war.

Aber er hatte nicht verdient, was sie ihm angetan hatte.

2. KAPITEL

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht.

Vom Frühstücksraum bis zum Arbeitszimmer ging es genau acht Stufen hinauf und an der Wand klebten exakt acht Bahnen Tapete. Jeffrey wusste es ganz genau; er zählte sie jeden Tag, den er in seinem Stadthaus in Bath verbrachte, manchmal sogar mehrmals. Doch seit einem spektakulären Sturz konnte er sich vor allem früh am Morgen der Anzahl der Stufen nicht mehr wirklich sicher sein. Und so ging er hinauf ins Arbeitszimmer und wieder hinab in den Frühstücksraum und zählte dabei die Stufen.

Er konnte nicht anders. Er musste so lange zählen, bis er sich absolut sicher war. Es war das einzige Mittel, die Erinnerung aus seinem Kopf zu vertreiben, wie er über diese junge Frau hergefallen war.

Solche Bilder waren neu für ihn und hatten sich gegen seinen Willen, vollkommen überraschend und ganz sicher moralisch falsch, in sein Gehirn eingegraben. Normalerweise beschränkten sich die unanständigen und lüsternen Gedanken, die ihn Tag für Tag plagten, auf zwei Frauen, die sich gegenseitig mit Zungen und Fingern befriedigten. Er war sich nicht sicher, woher es gekommen war, aber diese Bilder hatten ihn nicht mehr losgelassen, seitdem er siebzehn geworden war. Mit einundzwanzig hatte er angefangen, seine Fantasie auszuleben, indem er sich Gespielinnen suchte, die bereit waren, seine Ideen für ihn und auch mit ihm zu verwirklichen. Doch Jeffrey hatte gelernt, diese verwerflichen Bilder tief in den entlegensten Winkeln seines Gehirns zu verstecken, wenn er in Gesellschaft war. Er war immer anständig, immer ein Modell der Tugendhaftigkeit, ganz so, wie sein Vater es von ihm verlangt hatte. Wenn Jeffrey sich zusammennahm und ernsthaft versuchte, seine Fantasien zu verdrängen, gelang es ihm in der Regel. Jetzt kamen sie nur noch zum Vorschein, wenn er sehr müde war oder wenn ihm die Verantwortung, die mit seinem Titel einherging, zur Last wurde.

Er trug den Titel Earl of Merryton zusammen mit noch zwei weiteren, weniger bedeutenden Titeln. Sie kamen ihm vor wie eine Fessel an seinem Bein. Er war das Oberhaupt einer großen Familie, die ausgedehnte Ländereien besaß. Er hieß mit vollem Namen Jeffrey Donovan, ein Mann ohne Skandale und immun gegen moralisch kompromittierendes Verhalten, genau wie schon sein Vater vor ihm.

Aber in Wahrheit stand Jeffrey alles andere als über den Dingen. Er hatte lediglich Mittel und Wege gefunden, um in jeder Lage damit umzugehen.

Zumindest bis gestern Abend.

Jetzt hatte sich ein neues, unerhörtes Bild in sein Gehirn eingebrannt, und er wurde es nicht wieder los. Zur Hölle, er wusste noch nicht einmal, wie sie hieß! Miss Cabot hatte Mrs. Franklin zu ihr gesagt. Aber Jeffrey kannte keine Cabots. Er wusste überhaupt nichts über sie, außer dass ihre Haut süß wie Honig schmeckte und sich wie Seide anfühlte.

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht.

Acht. Acht. Acht.

Diese Geschichte, diese teuflische Besessenheit von der Zahl Acht, hatte vor so langer Zeit von Jeffrey Besitz ergriffen, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie und warum. Als er gerade sechzehn wurde, war sein Vater gestorben. Jeffrey war zum Earl avanciert und musste die Verantwortung für den Namen der Familie und ihre makellose Reputation übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch die Zahl Acht sein Herz und seinen Verstand mit Beschlag belegt. Er verstand es genauso wenig wie die lüsternen Bilder, die er so schwer kontrollieren konnte. Er hielt sich selbst für verrückt, vor allem weil die Zahl Acht ihn gleichzeitig beherrschte und quälte.

Die besondere Bedeutung der Acht war ihm bewusst geworden, als er zum ersten Mal mit einer Frau zusammen gewesen war. Wie alt war er da gewesen? Achtzehn? Er war – sehr bereitwillig – von einer älteren Frau verführt worden. Sie hatte ihm mit ihren Händen und ihrem Mund gezeigt, was sein Körper brauchte, an so etwas hatte er vorher nie gedacht, hätte es sich nicht einmal vorstellen können. Es passte vor allem nicht zum Bild eines Earls, der er doch sein musste. Deswegen hatte er Schuldgefühle, die nur das Zählen zum Schweigen bringen konnte.

Doch dann waren diese gefährlichen und erregenden Bilder in seinem Kopf aufgetaucht, die weiter gingen als alles, was er sich bis dahin hatte vorstellen können. Die dämonische Zahl Acht hatte ihn am Hals gepackt und ihn beinahe erwürgt, sie zwang ihn, auf Messers Schneide zu balancieren – zu schmutzigen Fantasien, die sich nur mit der Zahl Acht vertreiben ließen. Jetzt war er dreißig Jahre alt und Jeffrey war klar, dass er nicht das Gleichgewicht verlieren durfte. Wenn er einmal ins Straucheln kam, würde er in ein Chaos von erotischen Fantasien, der Besessenheit von weiblichen Körpern und sexuellen Eroberungen abrutschen, begleitet von der Zahl Acht.

Er hatte mit der Zeit gelernt, sich zu beherrschen, sich nichts anmerken zu lassen. Er machte selten einen Fehler.

Selten.

Und dennoch hatte er gestern Abend einen Fehler von kolossalem Ausmaß begangen.

Daran war nur sein verdammter Bruder schuld! John Donovan, Viscount Amherst, war der Stachel in seinem Fleisch. Manchmal kam es ihm so vor, als legte es sein Bruder darauf an, alle Fehler zu machen, die ein einzelner Mann nur begehen konnte. Er war in einen Skandal nach dem anderen verwickelt und schien sich daran nicht im Mindesten zu stören. Seitdem er volljährig war, hatte er Spielschulden angehäuft, die er nicht zurückzahlen konnte, sodass Jeffrey ihm mit dem Familienvermögen aushelfen musste. Er dachte gar nicht daran, sich für eine Frau zu entscheiden und ihr einen Antrag zu machen. Stattdessen hatte er Techtelmechtel mit allen Debütantinnen, die er traf, und löste damit in London eine Kette von Skandalen aus, in die sogar die besten Familien involviert waren.

Auch jetzt war Jeffrey nur wegen John in Bath. Er hatte erfahren, dass John hier war, und er musste unbedingt mit ihm sprechen. Denn er hatte über seine Schwester Sylvia von noch ganz anderen Gerüchten gehört. Sylvia lebte mit ihren zwei Kindern in der Nähe der Grenze zu Schottland. Die Kinder waren noch zu klein, um zu reisen, deshalb hatte Jeffrey seine Schwester seit einiger Zeit nicht gesehen, aber sie hatten durch Briefe miteinander Kontakt gehalten. In einem ihrer letzten Schreiben hatte sie berichtet, dass ihr zu Ohren gekommen sei, John habe mehr Spielschulden als jeder andere Gentleman in London, einen für seine Leichtlebigkeit bekannten Viscount eingeschlossen.

Diese Nachricht hatte Jeffrey wütend gemacht. Er hatte John mehr als einmal inständig gebeten, sich eine Beschäftigung zu suchen, sich irgendetwas zu suchen, das den Ärger vermied und ihn davon abhalten konnte, sich selbst in den Ruin zu treiben. Ihm wäre es am liebsten gewesen, wenn John bei der Marine ein Kapitänspatent erworben hätte. Es wäre gar kein Problem, das in die Wege zu leiten. Er musste John nur von den Vorteilen überzeugen, die es mit sich brachte, wenn er England mit all seinen Versuchungen verließ und sein Leben ordnete. Dann konnte er sich endlich für eine Frau entscheiden, die ihm Erben schenken würde, und er konnte vor allem um Himmels willen diese Erben zeugen.

Doch gestern Abend, nachdem Jeffrey sich von seinem Freund Dr. Linford dazu hatte überreden lassen, ihn und seine Ehefrau zum Konzert dieser russischen Sopranistin zu begleiten, war ihm aufgefallen, dass eine junge Dame mit goldblondem Haar die Abtei verließ, noch ehe das Konzert zu Ende war. Er hatte beobachtet, wie John ihr nur wenige Augenblicke später gefolgt war, daraufhin hatte ihn eine ohnmächtige Wut ergriffen. Da ging sein Bruder, lief vor aller Augen einer Frau hinterher und machte sich damit zum Gespött.

Jeffrey war auf den Klosterhof hinausgetreten und hatte sich nach seinem Bruder umgesehen. Er konnte ihn nirgends entdecken und wollte schon wieder umkehren, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, nichts weiter als ein Farbstreifen im dunklen Fenster eines Teehauses.

Gleich darauf bemerkte er, dass die Tür einen Spaltbreit offen stand.

Jeffrey hatte die acht Stufen, die zur Tür hinaufführten, gezählt. Im Inneren des Teehauses war es dunkel und es war kein Laut zu hören. Wenn er sich auf dem Platz umsah, konnte er sich jedoch nicht vorstellen, wohin sein Bruder sonst verschwunden sein konnte. Er war darauf gefasst, ihn in einer eindeutigen Situation mit einer Frau anzutreffen, und in seiner Vorstellung hatten sich bereits die entsprechenden Bilder breitgemacht. Er konnte ihre weit gespreizten Beine sehen, konnte sehen, wie sein Bruder immer wieder in sie eindrang. Er klopfte sich selbst achtmal auf den Oberschenkel, um diese Vorstellung zu vertreiben, aber es war aussichtslos. Als er den Raum betrat und ihren Mund auf seinem fühlte, war es schon zu spät.

Was hatte er dieser jungen Frau nur angetan!

Jeffrey schloss die Augen und versuchte, sich von dieser Vorstellung zu lösen – er sah ihr zerrissenes Mieder noch immer vor sich, ihr zerwühltes und aufgelöstes goldblondes Haar und wie sie ihre haselnussbraunen Augen vor Schreck aufgerissen hatte –, aber es gelang ihm nicht. Er hatte es getan. Er hatte seinen Dämon auf diese junge Frau losgelassen. Sie hatte so süß geschmeckt, ihre Haut hatte geduftet, und er hatte einfach nicht an sich halten können. Er war so grob zu ihr gewesen und hatte ihr unaussprechliches Leid zugefügt.

Mit einem tiefen Seufzen presste er die Fäuste fest gegen seine Schläfen. Er traute sich selbst so einiges zu, aber er hatte nicht für möglich gehalten, dass er einer Frau derartigen Schaden zufügen konnte, ganz gleich unter welchen Umständen. Wenn ihn seine schmutzigen Fantasien quälten, hielt er sich von der Gesellschaft fern und zog sich nach Blackwood Hall in sein Landhaus zurück.

Jetzt wusste er nicht mehr, wohin er noch fliehen sollte, um den Gedanken zu entkommen, die ihn quälten.

„Mylord.“

Jeffrey zuckte zusammen, als Tobias, sein Butler, ihn ansprach. „Ja?“

„Mr. Botham, Reverend Cumberhill, Mr. David und Dr. Linford sind hier und möchten Sie sprechen.“

Jeffrey holte tief Luft. Vielleicht konnten sie ihn erlösen. Vielleicht würden sie ihn endlich in irgendein Gefängnis stecken. „Führen Sie sie herein“, sagte er und stellte sich in der Mitte seines Arbeitszimmers auf, schweigend klopfte er achtmal auf seinen Oberschenkel. Und noch einmal. Und noch einmal.

Reverend Cumberhill konnte ihm noch nicht einmal in die Augen sehen, als er eintrat; Jeffrey wollte ihm daraus auch keinen Vorwurf machen. Mr. Botham, der Amtsrichter, wirkte lediglich erstaunt. Mr. Davis, der Bürgermeister des Städtchens, sah ihn ganz genau an, so als gäbe es in Jeffreys Gesicht eine Narbe, die er begutachten müsste.

In Dr. Linfords Blick lag hingegen ein wenig Mitgefühl. Er war der einzige Mensch auf der Welt, dem Jeffrey sich mit seinen gefährlichen Fantasien anvertraut hatte.

„Gentlemen“, begrüßte er sie und lud mit einer Geste ein, sich zu setzen. „Tobias, bringen Sie uns Tee, bitte.“

„Ich denke, das wird nicht nötig sein, Mylord“, fing Mr. Botham an. „Ich möchte diese unerfreuliche Geschichte so schnell wie möglich hinter mich bringen. Wir haben Miss Cabot bereits aufgesucht und sie eingehend befragt. Sie sagt kein einziges schlechtes Wort über Sie und besteht darauf, dass die ganze Sache allein ihr zuzuschreiben ist.“

Jeffrey fragte sich, ob das wohl ein Versuch sein konnte, John zu schützen. Oder war sie nur dumm genug, einfach die Wahrheit zu sagen?

„Wie dem auch sei. Sie stimmt mit uns darin überein, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, die Sache aus der Welt zu schaffen. Sie könnten wegen Vergewaltigung angeklagt werden …“

Jeffrey drehte sich der Magen um. Er war zwar ein einflussreiches Mitglied der adligen Gesellschaft, aber einer solchen Anklage konnte selbst er sich kaum entziehen.

„… oder“, fuhr Mr. Botham fort und sah dabei auf seine Schuhspitzen, „Sie beide werden verheiratet, um den Skandal zu vermeiden, der sonst für jeden von Ihnen die Folge wäre.“

Jeffrey musste schlucken. Er zählte die Knöpfe an Mr. Bothams Weste ab. Es waren nur sechs. Sechs.

„Wir haben sie eindringlich davor gewarnt, denn wenn sie ein Scheusal heiratet, geht sie damit die Verpflichtung ein, ihr Leben lang ein Scheusal zu ertragen“, meinte Reverend Cumberhill brüsk.

Jeffrey sagte kein Wort. Er sah plötzlich ihren Körper vor sich, ihre geöffneten Schenkel und wie er in sie eindrang.

„Wir haben sie in der Tat gewarnt“, bestätigte Mr. Botham und warf dem Reverend einen Seitenblick zu, „aber sie besteht darauf, lieber dieses Risiko einzugehen, als Ihren Namen oder den ihrer eigenen Familie zu besudeln.“

Jeffrey wollte sie verdammt noch mal nicht heiraten! Er wollte nichts mit ihr zu tun haben! Aber er hatte keine andere Wahl. „Wer … wer ist denn ihre Familie?“

Er sah, dass sich die anwesenden Herren einen entsetzten Blick zuwarfen, weil er noch nicht einmal wusste, wen er ruiniert hatte. „Sie ist die Stiefschwester des Earl of Beckington.“

Du lieber Himmel! Jeffrey versuchte sich an Beckington zu erinnern, jedoch vergeblich. Aber eigentlich kam es darauf auch nicht an. Der Mann war ein Earl. Wenn Jeffrey seine Schwester nicht zur Frau nahm, würde Beckington mit Sicherheit dafür sorgen, dass er für die Vergewaltigung gehängt wurde; Jeffrey würde genauso handeln, wenn er in seiner Lage wäre. Er hob den Kopf. „Ich bin ein Earl“, sagte er mit gepresster Stimme, „und ich habe eine Verpflichtung meiner Familie gegenüber, ich muss mich um den Titel kümmern, um das Vermögen und um den Fortbestand der Familie durch einen legitimen Erben.“ Er sah Dr. Linford an. „Haben Sie sie gesehen?“

„Ich habe sie auf Verletzungen hin untersucht“, erwiderte der. „Sie schien unverletzt zu sein.“

Das war es nicht, was Jeffrey gemeint hatte. „Ich wollte damit sagen: Ist sie noch Jungfrau?“, fragte er geradeheraus.

Der Reverend stieß einen Laut der Verzweiflung oder des Entsetzens aus und Davis wirkte verstört.

„Wir sprechen hier von Miss Grace Cabot“, stellte Mr. Davis fest. „Sie ist die Stieftochter des verstorbenen Earl of Beckington, der uns erst vor Kurzem verlassen hat, die Stiefschwester des neuen Earl. Sie kommt aus einer sehr guten Familie, Mylord.“

Jeffrey ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder, achtmal. „Das ist ja alles gut und schön, aber es ist Ihnen doch bestimmt nicht entgangen, dass eine edle Abstammung allein nicht die Röcke eines Mädchens unten hält.“

Dr. Linford und Mr. Botham sahen vor sich auf den Boden; der Reverend vergrub das Gesicht in den Händen. Sie mochten entsetzt sein von dem, was Jeffrey sagte, aber nicht einer von ihnen hatte ihm widersprochen.

„Sie hat mir versichert, dass sie … unversehrt ist“, murmelte Linford schließlich.

Mr. Davis räusperte sich. „Dürfen wir also annehmen, dass eine Hochzeit stattfinden wird?“

Jeffrey zögerte. Er musste an Mary Gastineau denken, die Tochter des Earl of Wicking, seines Cousins zweiten Grades. Mary war die zweitälteste Tochter des zweiten Lord Wicking, und sie war die zweite Frau, die er mit ernsten Absichten umworben hatte. Er war zwei Jahre lang hinter Miss Gastineau her gewesen, hatte versucht, sie auf seine Lebensweise und auf seinen Sinn für absolute Perfektion vorzubereiten. Obwohl Mary Gastineau ihn nicht im Geringsten reizte, hielt er sie für genau die Sorte Ehefrau, die er brauchte. Er war noch nie versucht gewesen, sie sich nackt vorzustellen, dachte nicht daran, wie ihre Körper sich vereinigen würden. Diese Frau machte niemals Fehler und war deshalb genau die richtige, um den Balanceakt, der sein Leben war, mit ihm gemeinsam zu meistern.

Und doch hatte er den Moment, ihr einen Antrag zu machen, so lange wie möglich hinausgezögert. Der Gleichmäßigkeit zuliebe, hatte er sich eingeredet. Aus Angst hatte sein Gewissen ihm zugerufen. Nichtsdestotrotz hatte Jeffrey sich fest vorgenommen, diese Saison endlich um ihre Hand anzuhalten.

„Mylord“, sagte Mr. Botham und riss Jeffrey mit seiner leisen Stimme aus seinen Gedanken, „wenn Sie nicht einwilligen, wird Ihnen der Prozess wegen Vergewaltigung gemacht. Wir werden nicht auf sich beruhen lassen, was Sie dieser armen jungen unschuldigen Frau angetan haben.“

Unschuldig. Unerfahren vielleicht, aber ganz bestimmt nicht unschuldig. Jeffrey hob den Kopf und sah die Umstehenden an. Alle vier erwiderten seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hatten sich ihre Meinung gebildet – sie würden dafür sorgen, dass er vor Gericht kam, wenn er das Problem nicht aus der Welt schaffte. „Ja, ich werde sie heiraten.“

Zunächst sagte niemand ein Wort; die drei anderen Männer sahen den Reverend an, den das Geschehen am meisten mitgenommen hatte. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und wirkte neben Jeffrey immer noch deutlich kleiner. Er machte ein wütendes Gesicht, denn er schien mit der Entwicklung nicht glücklich zu sein. Aber Reverend Cumberhill war ein kluger Mann. Er wusste, dass es nichts nützen würde, sich gegen den einflussreichen Earl of Merryton zu stellen. Also biss er die Zähne zusammen und sah Jeffrey direkt an. „Sie werden diese Hochzeit sofort in die Wege leiten?“

„Nicht nur das, ich werde mich auch umgehend mit dieser Frau nach Blackwood Hall zurückziehen.“

„Dann sind wir uns also einig“, sagte der Reverend nur.

Cousine Beatrice hatte sich ihre spitzengesäumte Haube nicht mehr ordentlich aufgesetzt, seitdem die Franklin-Schwestern mit der vollkommen aufgelösten Grace zu ihr gekommen waren. Wie alle anderen nahm Beatrice an, dass Grace ein schweres Trauma erlitten hatte. Während sie Grace beim Auskleiden geholfen hatte, hatte sie die ganze Zeit geweint. „Deine Mutter wird mir niemals vergeben!“, hatte sie geschluchzt.

Wenn ihre Mutter noch ganz bei Trost gewesen wäre, hätte sie eher ihrer Tochter niemals vergeben, was sie getan hatte. Grace würde sich selbst niemals vergeben. Sie war mit Sicherheit traumatisiert, aber nicht in der Art, wie alle anderen es vermuteten. Ihr Trauma bestand darin, den falschen Mann in einen Skandal verwickelt zu haben. Vor allem erkannte Grace erst im Nachhinein, wie schwer ihr Handeln eigentlich wog. Würde sich daran etwas ändern, wenn es wirklich Amherst gewesen wäre? Oder hätte der sie mit der gleichen Verachtung angesehen wie Merryton? Wie hatte sie nur annehmen können, dass dieser schreckliche, verwerfliche Plan funktionieren würde?

Honor hatte vollkommen recht gehabt. Als Grace sich ihr vor ihrer Abreise nach Bath anvertraut hatte, hatte sie gesagt, ihr Plan sei lächerlich und würde mit Sicherheit scheitern. Warum nur hatte Honor ausgerechnet jetzt recht behalten? Hätte sie nicht recht haben können, als sie gesagt hatte, dass es absolut standesgemäß für zwei junge Damen sei, auf ihren Pferden die Rotten Row hinunterzujagen? Hätte sie nicht recht haben können, als sie gesagt hatte, dass die korallenrote Seide, die Grace so gut gefallen hatte, die beste Farbe für sie war? Nein, sie musste ausrechnet jetzt recht behalten.

Cousine Beatrice ging vor Grace im Raum auf und ab und rang die Hände. Grace hatte noch nie gesehen, dass Beatrice die Hände gerungen hätte, aber wahrscheinlich kam es auch nicht oft vor, dass Beatrice auf den Earl of Merryton und die Honoratioren von Bath warten musste. Sie sollten um acht Uhr eintreffen, bis dahin waren es nur noch wenige Minuten. Es war alles beschlossen und es gab kein Zurück mehr. Die Einzelheiten waren ausgehandelt worden, jetzt musste Grace ihn also wirklich heiraten.

Was hätte sie auch sonst tun sollen? Sie war für immer entehrt, daran war nichts mehr zu ändern. Sie war wütend und enttäuscht und fürchtete sich vor dem, was ihr nun bevorstand. Sie hatte sich die wunderbare Rettung ihrer Familie so großartig vorgestellt, aber sie war gescheitert. Von wegen aufopfernde Heldin, die ihre Schwestern vor dem gesellschaftlichen Ruin bewahrt! Ihre Lage hatte sich nicht im Mindesten verändert. Neu war ausschließlich, dass Grace sich nicht in der angenehmen Gesellschaft von Lord Amherst zur Außenseiterin gemacht hatte, sondern die Zukunft ganz allein mit dem unangenehmen und gefühlskalten Lord Merryton verbringen würde.

„Deine liebe Mutter wird schrecklich enttäuscht sein“, jammerte Beatrice. „Von dir, von mir – Grace, es ist einfach unerträglich! Warum hast du mich nicht zumindest eine Nachricht schicken lassen? Warum hast du nicht zugelassen, dass wir deinen Stiefbruder in diesen schweren Zeiten um Hilfe bitten?“

Grace konnte es Beatrice einfach nicht erklären.

„Sie hätten deinen Brief doch ohnehin niemals rechtzeitig bekommen, und wie ich schon gesagt habe, kann ich nicht zulassen, dass Augustusʼ Hochzeit auch noch in Mitleidenschaft gezogen wird. Er hat so lange darauf gewartet! Und mein Stiefvater ist noch nicht einmal seit einem Monat unter der Erde! Wie könnte ich meiner Familie denn jetzt auch noch diese Schande zumuten nach allem, was sie durchmachen mussten? Denk doch nur an meine kleinen Schwestern, sie sind noch nicht einmal in die Gesellschaft eingeführt worden. Nein, Beatrice, ich muss die Verantwortung für mein schändliches Verhalten ganz allein übernehmen, genau so, wie Mr. Brumley es verlangt hat.“

„Ach, Mr. Brumley!“, rief Beatrice aus, die ihren Mann stets bei seinem Familiennamen nannte. „Der hat doch nicht die geringste Ahnung von solchen Dingen, Grace. Diese Männer haben dich in die Enge getrieben, weil sie wussten, dass du ihnen ausgeliefert bist.“

Natürlich musste Beatrice so denken, sie konnte ja nicht wissen, warum Grace tun musste, was sie getan hatte. Aber Beatrice hatte Lady Beckington seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, weil sie den Winter in Bath verbrachte und nicht für die Ballsaison in die Stadt gekommen war. Beatrice wusste nicht, dass ihre Cousine den Verstand verloren hatte und an manchen Tagen nicht einmal ihre eigenen Töchter erkannte.

Beatrice diese wichtige Neuigkeit vorzuenthalten, konnte Grace direkt mit in die Liste ihrer Untaten aufnehmen. Die schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Aber so lange nicht entweder sie oder ihre Schwester Honor geheiratet hatten und es damit einen Ort gab, an dem ihre Mutter und ihre Schwestern leben konnten, durfte sie niemandem davon erzählen.

Zeit war ein entscheidender Faktor gewesen, als sie diese grässliche Falle geplant hatte, um sich einen Ehemann zu sichern. Noch ehe der Monat vorbei war, würde ihr Stiefbruder, Augustus Devereaux, der neue Earl of Beckington, Monica Hargrove heiraten. Monica war Honors Erzfeindin, und sie war neben den Schwestern die Einzige, die von den schwindenden Geisteskräften ihrer Mutter wusste. Es war die Rede von einem Landgut in Wales, auf dem die Cabot-Schwestern künftig leben sollten.

Ausgerechnet Wales! Monica konnte sie kaum weiter entfernt von der Londoner Gesellschaft unterbringen. Und eben auch kaum weiter entfernt von möglichen Heiratskandidaten für Graces kleine Schwestern Prudence und Mercy. Schon die Vorstellung war unerträglich. Aber Honors ebenso alberner Plan, einen Gentleman dazu zu bringen, Monica zu verführen und sie Augustus auszuspannen, war ebenfalls fehlgeschlagen, und so hatte Grace das Gefühl, dass sie in die Bresche springen musste.

Nur deshalb war sie überhaupt nach Bath gekommen – um den charmanten Lord Amherst zu verführen. Er war ein legendärer Schürzenjäger, das stimmte, aber er war außerdem auch freundlich und man konnte eine Menge Spaß mit ihm haben. Grace hatte gedacht, wenn sie es schon tun müsste, warum dann nicht mit Lord Amherst? Sie hatte sich ausgemalt, dass sie glücklich zusammenleben könnten, wenn der Aufruhr und der Skandal nur erst ausgestanden waren.

Ich bin nichts weiter als ein dummes Kind, dachte sie, während sie Beatrice dabei zusah, wie diese auf und ab ging und lamentierte. Honor und sie bedauerten es schon seit Langem, dass sie allein auf ihre Schönheit und ihre Klugheit angewiesen waren, wenn sie ihr Leben in die Hand nehmen wollten. Zwei junge Damen ohne nennenswertes eigenes Vermögen, mit dem sie ihre immer größer werdenden Probleme hätten lösen können. Allerdings schwante ihr langsam, dass sie nicht gerade mit Klugheit vorgegangen waren. Ihre Pläne waren einfach nur … lächerlich gewesen.

Das hatte sie inzwischen eingesehen. Grace war bewusst geworden, dass sie sich einfältig und wie ein Dummkopf benommen hatte.

Eine Frage allerdings brannte ihr auf der Seele und hatte ihr in den letzten Tagen den Schlaf geraubt: Warum hatte Amherst sich nicht blicken lassen?

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