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Der dritte Mord

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Über die Reihe
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. Erster Teil
  9. // 1 //
  10. // 2 //
  11. // 3 //
  12. // 4 //
  13. // 5 //
  14. // 6 //
  15. // 7 //
  16. // 8 //
  17. // 9 //
  18. // 10 //
  19. // 11 //
  20. // 12 //
  21. // 13 //
  22. // 14 //
  23. Zweiter Teil
  24. // 1 //
  25. // 2 //
  26. // 3 //
  27. // 4 //
  28. // 5 //
  29. // 6 //
  30. // 7 //
  31. // 8 //
  32. // 9 //
  33. // 10 //
  34. // 11 //
  35. // 12 //
  36. // 13 //
  37. // 14 //
  38. // 15 //
  39. // 16 //
  40. // 17 //
  41. // 18 //
  42. // 19 //
  43. // 20 //
  44. // 21 //
  45. Dritter Teil
  46. // 1 //
  47. // 2 //
  48. // 3 //
  49. // 4 //
  50. // 5 //
  51. // 6 //
  52. // 7 //
  53. // 8 //
  54. // 9 //
  55. // 10 //
  56. // 11 //
  57. // 12 //
  58. // 13 //
  59. // 14 //
  60. // 15 //
  61. // 16 //
  62. // 17 //
  63. // 18 //
  64. // 19 //
  65. // 20 //
  66. // 21 //
  67. // 22 //
  68. // 23 //
  69. // 24 //
  70. // 25 //
  71. // 26 //
  72. Epilog

Über dieses Buch

Tina ist jung, hübsch und chronisch pleite. Und nach ihrem ersten Tag als Hure ist sie tot. Ermordet. Zurück bleibt ihre verzweifelte Freundin Lale, die nicht weiß, wie sie ohne Tina weiterleben soll. Als Kommissar Birk die junge Deutschtürkin zum Tod der Freundin befragt, kommen sich beide näher. Doch dann werden weitere Menschen auf ganz ähnliche Weise ermordet – allerdings handelt es sich bei den neuen Opfern um Männer. Während Birk nicht weiß, ob er es mit einem oder zwei Serienkillern zu tun hat, verbringt Lale immer mehr Zeit mit Tinas Ex-Freund Jannis. Die junge Frau ahnt nicht, in welch tödlicher Gefahr sie schwebt …

Über den Autor

Oliver Becker stammt aus Blumberg im Schwarzwald und lebt mit seiner Familie in Frankfurt am Main. Er schreibt Historische Romane und Kriminalromane. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählt die Trilogie um die »Krähentochter«.

Bisher sind in der Reihe »Hochspannung« u.a. folgende weitere Titel erschienen:

Jens Schumacher: Die Tote im Görlitzer Park

Timothy Stahl: Haus der stillen Schreie

Vincent Voss: Du darfst mich nicht finden

Christine Drews: Dunkeltraum

Alfred Bekker: Der Blutzeichner

Robert C. Marley: Wald der Toten

Jacob Nomus: Aroma des Todes

Lothar Berg: Killercode

Michael Theißen: Leons Erbe

Alle Romane sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Prolog

Höchstens noch eine halbe Stunde. Sie fühlte erneut eine Welle der Panik über sich hinwegschwappen. Cool bleiben, Tina, versuchte sie sich zu beruhigen. Allerdings ziemlich erfolglos.

Ihre Fingerkuppen waren kalt, auf ihrer Stirn stand Schweiß. Erneut verspürte sie ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Zum dritten Mal in kurzer Zeit ging sie zur Toilette, aber es war falscher Alarm. Sie musste sich nicht übergeben; wenigstens das blieb ihr erspart. Nachdem sie noch ein bisschen Rouge aufgelegt hatte, um ihre bleich gewordenen Wangen zu kaschieren, schleppte sie sich zu dem kleinen Zweiersofa zurück.

Cool bleiben, Tina. Sie drückte auf die Play-Taste der TV-Fernbedienung und war dankbar, sofort wieder mitten im Geschehen der DVD zu sein. Der Leichenwagen hatte gerade die lang gezogene Kurve erreicht. Gleich würde der Kommentator erklären, dass er beim Anblick der großen Menschenmenge zu beiden Seiten der Straße und der ergriffenen Gesichter eine Gänsehaut bekäme.

Tina spähte kurz auf die Wanduhr. Himmel, bloß noch zwanzig Minuten bis zur verabredeten Zeit. Und selbst wenn der Mann nicht sonderlich pünktlich wäre, konnte es nicht mehr lange dauern, bis er klingeln würde. Auf die Dokumentation achtete sie kaum noch.

Wie gut es doch wäre, wenn sie jetzt Lale an ihrer Seite hätte. Auch wenn ihre Freundin sich lustig darüber machen würde, dass sie schon wieder diese viele Jahre alte DVD eingelegt hatte. Lale verstand einfach nicht, dass Tina so beeindruckt von Prinzessin Diana sein konnte. Immer wieder musste Lale sie wegen dieser Bewunderung für eine Tote necken und nannte sie daher oft »die Prinzessin von Bottrop«.

Eine Stichelei, die total nett gemeint war. Sie waren wirklich beste Freundinnen. Freundinnen für immer. Sogar den Spitznamen, so lächerlich er auch war, mochte Tina irgendwie – was sie allerdings vor Lale lieber nicht zugab.

Während der letzten Tage hatte Tina noch die Starke markiert. Wie immer. Sie hatte über diesen Abend gelacht, ihn mit einem Schulterzucken abgetan, wenn sie beide darüber sprachen. »Was ist denn schon dabei?«, hatte sie zu Lale gesagt, geradezu herausfordernd, und deren einzige Antwort war ein banger Blick gewesen.

Ach herrje, nur noch zehn Minuten!

Wieder eilte sie zum Spiegel im Badezimmer und prüfte, wie sie aussah. Hastig kämmte sie sich, zog den Lippenstift nach. Was wird das wohl für ein Typ sein?, fragte sie sich zum tausendsten Mal. Sie hatte lediglich einmal kurz mit ihm gesprochen – per Handy, und das auch noch bei ziemlich schlechtem Empfang. Unmöglich, ihn aufgrund der Stimme irgendwie einzuordnen.

Er wiederum kannte sie nur von dem Foto, auf dem sie diese roten Strapse aus dem Sonderangebot trug. Wie würde er auf sie reagieren? Er hatte ja nicht den leisesten Schimmer, dass er ihr erster Kunde war.

Wahnsinn, wie nervös sie jetzt war. Und dass sie unter ihrem Hausmantel aus hellblauer Kunstseide praktisch nackt war, machte alles nur noch schlimmer. Ihre Hände zitterten. Himmel, Tina.

Je vehementer sich Lale gegen Tinas Plan ausgesprochen hatte, desto dickköpfiger hatte sie sich darauf versteift. Schließlich war es Lale, die nachgegeben und dann sogar eigenhändig das Foto von Tina geschossen hatte. Wenn auch höchst widerwillig.

Bedrückt erinnerte Tina sich daran, dass Lale angeboten hatte, sich die ganze Zeit über im Nebenzimmer zu verstecken. Einfach nur so, hatte Lale gesagt. Sie wollte Tina eine gewisse Sicherheit geben. Man wisse schließlich nie, hatte Lale hinzugefügt, was für abartige Vögel bei einem klingeln könnten.

Warum nur hatte sie Lales Vorschlag abgelehnt?

Weil sie selbstständig sein wollte? Stark? Mutig? Außergewöhnlich?

Tina, die das Bad wieder verlassen hatte, stand jetzt mitten im Wohnzimmer und starrte auf den Fernsehbildschirm mit den unzähligen trauernden Menschen. Sie würde es schon hinter sich bringen, irgendwie würde es vorübergehen. Im Leben war ja alles mal zu Ende, oder? Und wenn sie diesen Abend erst überstanden hätte, dann könnte sie die folgenden bestimmt leichter angehen.

Noch einmal tief, ganz tief durchatmen. Und danach folgte der unvermeidliche Blick zur Uhr. Bloß noch eine Minute bis zur vereinbarten Zeit. Bestimmt würde er nicht pünktlich kommen, eher ein paar Minuten später. Vielleicht, schoss es ihr kurz und flehend durch den Kopf, wird er ja gar nicht kommen.

Genau in diesem Moment ertönte ihre Klingel.

Herrjemine, überpünktlich war der Mann.

Sie war so erschrocken, dass sie nicht augenblicklich zur Tür ging, sondern noch einige Male tief durchatmete, um sich zu beruhigen.

Erneut der unbarmherzige Lärm der Klingel.

Die Prinzessin von Bottrop warf einen letzten Blick auf die gigantische Trauerfeier im Fernsehen, bevor sie den Apparat ausschaltete. Dann verließ sie das Wohnzimmer, machte die Tür hinter sich zu und fuhr sich durchs Haar. Sie näherte sich langsam ihrer Wohnungstür. Bis hinunter in die Zehenspitzen spürte sie das Trommeln ihres Herzens.

Sie öffnete.

Sie hatte im Vorhinein lange darüber nachgedacht, was sie zur Begrüßung sagen sollte, und schließlich einen kleinen Text festgelegt, den sie nun Wort für Wort wiedergeben wollte. Doch schon die erste Silbe blieb ihr im Hals stecken.

Völlig verblüfft starrte sie den Besucher an.

Er lächelte.

»Du?«, kam es ihr nach einigen Momenten über die Lippen. »Äh … aber?«

Keine Antwort – nur sein Lächeln.

»Aber …«, wiederholte sie, und langsam wurde ihr klar, dass es kein merkwürdiges Missverständnis und er auch nicht zufällig genau zu diesem Zeitpunkt hier aufgekreuzt war. Er war ihre Verabredung. Er war der Mann, der sich mit einem raschen Anruf bei ihr angekündigt hatte. Mit verstellter Stimme, einem falschen Namen und der Zusicherung, den geforderten Preis zu bezahlen.

»Ich bin total überrascht.« Sie versuchte, die Fassung wiederzugewinnen.

»Das dachte ich mir«, erwiderte er leise.

Unsicher trat sie beiseite, um ihn hereinzulassen.

Er ging an ihr vorbei, blieb dann abwartend stehen und sah sie auffordernd an.

Sie zögerte kurz, dann führte sie ihn mit langsamen Schritten in ihr Schlafzimmer. Dort standen sie einander gegenüber.

Tina schluckte. Es wäre auch bei einem völlig Fremden nicht einfach gewesen, aber so … Sie fühlte sich irgendwie hintergangen, hereingelegt, ausgetrickst.

Und weiterhin lächelte er.

Widerstrebend streifte sie den Bademantel aus Seidenimitat ab.

Er betrachtete sie eingehend: den knappen Slip, die Brüste, die sich unter dem rosafarbenen BH wölbten, die nackten Beine, auf denen sich eine Gänsehaut bildete.

Tina senkte den Blick.

Er hob die Hand – ein fast beiläufiger Griff in die Innentasche der Jacke. Als die Hand wieder zum Vorschein kam, verwandelte sich Tinas Verblüffung in Entsetzen.

Lächelnd richtete er eine Pistole auf sie. »Die Überraschungen hören nicht auf, stimmt’s, Tina?«

Sie wollte etwas sagen, etwas fragen – sie wollte kreischen. Aber in ihr war alles tot, ihre Kehle rau und trocken.

»Knie dich hin«, befahl er. Ganz ruhig. Aber diese Ruhe wirkte beängstigender, als wenn er geschrien hätte.

Wie gelähmt stand sie da. Wie so oft in den letzten Stunden, ehe er erschienen war, spürte sie ihren Herzschlag, intensiver, stärker als jemals zuvor in ihrem Leben.

Der Mann versetzte ihr mit der freien Hand eine Ohrfeige. Das klatschende Geräusch erfüllte beinahe unnatürlich laut die Stille der Wohnung.

»Auf die Knie!«

Ihre Beine gehorchten seinen Worten, ihr Kopf jedoch war leer. Leer und vollgestopft zugleich. Ihre Gedanken rasten, doch sie konnte keinen davon richtig fassen. Sie verstand nicht, was gerade geschah. Das Einzige, was sie wirklich wahrnahm, war die nackte Furcht, die sich ihrer bemächtigt hatte – die an ihrer Wirbelsäule hinaufkroch, wie aus kaltem Stahl.

Die Mündung der Waffe glotzte sie an: ein unheilvolles schwarzes Loch, klein und doch riesig. Wie ein Abgrund.

In der Hand, die Tina eben noch geschlagen hatte, blitzte etwas auf.

Ein Messer.

Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass er es gezogen hatte.

Er warf es vor sie auf den Boden. »Heb es auf.«

Tina starrte zu ihm empor, fühlte das Beben auf ihren Lippen, verspürte den Drang, etwas sagen zu müssen. Aber wiederum brachte sie keinen Ton hervor.

»Nimm das Messer.«

Ihre Finger gehorchten zitternd. Der Messergriff lag fremd und hart in ihrer Hand.

»Noch eine Überraschung, was?«

Ihr lauter Herzschlag, ihre zitternden Lippen, die Tränen, die plötzlich auf ihren Wangen waren …

Der Mann lächelte.

»Bitte«, hörte sich Tina wimmern. »Bitte …«

Und der Mann lächelte und lächelte.

Erster Teil

Freundinnen

// 1 //

Was für ein grauenhafter Tag!

Lale Erdem war genervt. Verdammt genervt. Sie vermied den Blick in den Spiegel, während sie rasch Stringtanga, durchsichtigen BH, halterlose Strümpfe und High Heels anzog.

Sie hasste es, sich so zu sehen.

Anschließend trug sie Schminke auf und vergewisserte sich, dass mit dem Computer alles in Ordnung und seine Kamera aktiviert war. Wie immer beschlich sie ein Gefühl der Scham und Abscheu, als sie das tat. Unwillkürlich musste sie an die gesichtslosen Widerlinge denken, denen sie sich gleich präsentieren würde.

Keine Frage – ein absolut grauenhafter Tag.

Angefangen hatte er mit einem Vollidioten, der ihr die Vorfahrt genommen und den vorderen rechten Kotflügel stark eingebeult hatte. Dummerweise war der Kerl blitzschnell abgehauen, und sie selbst hatte vor lauter Aufregung nicht auf dessen Nummernschild geachtet. Und zu allem Unglück gehörte das Auto auch noch nicht mal ihr selbst, sondern ihrer Freundin Tina, von der sie es nur geliehen hatte. Da würde sie einiges zu erklären haben, ganz zu schweigen von der Wiedergutmachung …

Kurz darauf hatte sie eine zufällige Begegnung mit ihrer Mutter gehabt. Es war wieder einmal eine dieser äußerst peinlichen Begegnungen gewesen, bei denen ihre Stimmung stets unter den Gefrierpunkt sank. Dann war ihr noch dieses Missgeschick in dem Bistro passiert, in dem sie bediente: Ihr war ein Tablett mit zwei Tellern Chili con Carne heruntergeknallt, weswegen sie einigen Ärger bekommen hatte. Außerdem hatte sie länger arbeiten müssen und anschließend eine Ewigkeit gebraucht, um mit der wieder einmal hoffnungslos verspäteten U-Bahn zurück nach Düsseldorf-Eller zu kommen.

Ihr war noch nicht einmal möglich gewesen, ein paar Worte mit Tina zu wechseln. Mindestens zehn Mal hatte sie im Laufe des Tages bei ihr angerufen – ohne mehr zu hören als dieses nervtötende »Piep-Piep«. Vermutlich hatte Tina vor Aufregung die ganze Nacht über nicht geschlafen, und das holte sie tagsüber nach.

Das Klingeln an der Tür ließ Lale zusammenzucken.

Jetzt?

Sie erwartete niemanden, wer mochte das … Natürlich. Tina. Wer sonst?

Ganz bestimmt musste Tina loswerden, wie der gestrige Abend verlaufen war.

Lale schnappte sich den flauschigen Bademantel und eilte den Gang entlang. Das Klingeln war von der Wohnungstür gekommen, nicht von unten; denn die Schelle vom Hauseingang klang anders. Also musste die Haustür wieder einmal offen stehen: ein ärgerlicher Umstand, das jedoch keine Seltenheit war.

Sie band den Gürtel zusammen, allerdings nur sehr nachlässig; schließlich gab es vor Tina nichts zu verbergen. Ohne durch den Spion zu spähen, öffnete Lale die Tür.

Und im nächsten Moment war sie noch überraschter als zuvor beim Läuten der Klingel.

Ein Mann.

Er starrte sie verblüfft an, ohne ein Wort zu sagen; ganz bestimmt hatte er nicht erwartet, von einer nur leicht bekleideten Frau empfangen zu werden.

Verdattert raffte sie den Bademantel enger vor der Brust zusammen. Es war jedoch zu spät: Sie hatte dem Fremden bereits einen tiefen Einblick gewährt.

»Sind Sie Lale Erdem?«, wollte der Mann wissen und beendete so die für Lale unbehaglich langen Augenblicke des Schweigens.

Ein Bulle, schoss es ihr durch den Kopf. Der blöde Autounfall? Dummes Zeug, der andere war doch schuldig gewesen und hatte gewiss nicht im Nachhinein die Polizei über den Vorfall informiert. Sie war so verwirrt, dass sie seine Frage nur mit einem stummen Nicken beantwortete.

»Mein Name ist Birk.« Er machte eine Pause. »Hauptkommissar Birk. Von der Kriminalpolizei.«

Und da wusste sie es. Sie wusste es einfach. Dass etwas Schlimmes vorgefallen sein musste. Etwas Entsetzliches. Sie war so geschockt, dass sie dem Mann gegenüber immer noch nichts sagen konnte.

»Sie kennen Tina Stuppke?«

»M-mein … Gott«, brachte sie in einem ungewollten Stammeln hervor. Sie war sich sicher, ganz sicher. Etwas wirklich Grauenhaftes musste geschehen sein.

»Kennen Sie sie?«

Lale musste schlucken. Sie nickte erneut.

»Darf ich hereinkommen?«

»Was ist mit Tina?«

»Eine Freundin von Ihnen?«

»Was ist mit ihr?«

»Bitte, lassen Sie uns das drinnen besprechen.«

Lale trat zur Seite, und ein paar Sekunden später standen sie sich im Wohnzimmer gegenüber. In knappen, nüchternen Sätzen schilderte der Mann, dass Tina Stuppke in ihrer Mietwohnung in der Ludwigshafener Straße tot aufgefunden worden war. Ermordet.

Lale war jemand, der sich normalerweise gut im Griff hatte, der nicht leicht aus der Fassung geriet. In diesen Sekunden allerdings war ihr, als würde sich der Boden unter ihren Füßen öffnen. Auf einmal waren die Geschehnisse am heutigen Tag mit all den eben noch so wichtigen Unannehmlichkeiten überhaupt nicht mehr wichtig, während es ihr schien, als würde sie in ein schwarzes, tosendes Nichts hinabblicken.

Alles in der letzten Zeit Erlebte war nichts angesichts dessen, was der Mann ihr gerade berichtet hatte. Seine Worte spürte Lale immer noch wie Schläge in ihren Magen. Ihre Gedanken überschlugen sich, waren einfach nicht zu bändigen. Tina!

Sicher, Lale hatte sich Sorgen gemacht. Schon von dem Tag an, als Tina mit diesem bescheuerten Plan bei ihr aufgekreuzt war. Und wie sie sich gesorgt hatte! Aber wer würde denn wirklich das Schlimmste erwarten, das Unvorstellbare?

Unter dem Blick des Mannes verließ sie abrupt das Wohnzimmer – kommentarlos –, und auch er sagte jetzt nichts mehr. Sie ging in den Nebenraum und schaltete den Computer wieder aus. Wahrscheinlich nur, um irgendetwas zu tun, um nicht mehr so hilflos dazustehen. Auch wenn sie dann doch wieder zurück ins Wohnzimmer musste, wo sie sich völlig erschüttert in einen Sessel plumpsen ließ.

»Möchten Sie, dass ich morgen noch einmal vorbeikomme, um mit Ihnen zu sprechen?«

In ihrer Verzweiflung empfand sie seinen unverändert auf ihr ruhenden Blick als bohrend.

»Wenn Sie schon da sind, können wir’s auch jetzt durchziehen«, antwortete sie lapidar.

Sie bot ihm nicht an, Platz zu nehmen. Es war ihr bewusst, dass sie sich nicht sonderlich höflich und gar freundlich verhielt, aber sie konnte im Moment einfach nicht anders. Gerade fiel ihr ein, dass er ihr nicht einmal einen Ausweis oder eine Dienstmarke gezeigt hatte. Doch das spielte keine Rolle, denn man sah ihm den Bullen auf zehn Kilometer Entfernung an.

»Wie lange«, fragte er, »hat Tina Stuppke in ihrer Wohnung, nun ja, ihre Dienste angeboten?«

Wenn du wüsstest, dachte Lale erschüttert, welche Tragik sich hinter dieser Frage verbirgt. Besser gesagt hinter der Antwort.

»Frau Erdem?«, hakte er nach, nachdem sie einige Sekunden lang stumm in die Ferne geblickt hatte, ohne eine Antwort zu geben.

»Seit gestern«, erwiderte sie schließlich und warf ihm einen vernichtenden Blick aus ihren dunklen Augen zu. Plötzlich hasste sie ihn. Ohne vernünftigen Grund. Einfach nur, weil er der Einzige war, der hier war – der Einzige, den sie hassen konnte.

Emotionslos nahm er ihre Antwort auf, ließ aber ein paar Sekunden verstreichen. »Hat sie vorher schon mal als Prostituierte gearbeitet?«

Lales Blick war unverändert. »Nein, nie. Toller Einstieg in diesen Traumjob, stimmt’s?«

Wiederum keinerlei Reaktion bei ihm. Wahrscheinlich hätte Lale singen und tanzen können, ohne dass er auch nur ein kleines bisschen überrascht gewesen wäre.

»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Jetzt fragen Sie mich wohl gleich, ob sie Feinde hatte?«

»Zunächst frage ich Sie, wann Sie sie zuletzt gesehen haben.«

Lale wandte den Blick ab. »Vorgestern. Abends.«

»Wie hat sie da auf Sie gewirkt?«

Lale machte ein abfälliges »Tz«. »Ein bisschen nervös, ein bisschen angespannt. Und, wie immer, sehr liebenswert. Falls Sie’s wirklich wissen wollen.« Sie konnte sich einfach nicht dagegen wehren, so zu sein, wie sie gerade war. Zynisch, bissig.

»Hatte Tina einen Freund?«

»Nein.«

»Nein?«

»Doch. Sie hatte zwei.«

»Zwei?«

Lale strich sich mit den Fingerspitzen durch ihr glattes, langes schwarzes Haar. »Mein Gott«, stöhnte sie auf und fühlte sich auf einmal todmüde, wie erschlagen. »Haben Sie eine Zigarette für mich?«

Lässig griff er in die Innentasche seiner abgewetzten Drillichjacke, die einem Parka ähnelte, und hielt ihr dann ein Päckchen Kaugummi hin. »Hab mit dem Rauchen aufgehört.«

Sie hob nur resigniert die Schultern, stand auf und kramte aus einer Schublade eine Schachtel Zigaretten hervor. Nachdem sie sich eine angezündet hatte, nahm sie wieder Platz.

»Eigentlich«, erklärte sie, »sind es zwei Exfreunde. Nur dass sie nicht gleichzeitig mit ihnen zusammen gewesen war.«

»Sie kennen die beiden, nehme ich an.«

»Nein.«

»Sie waren doch ihre Freundin«, bemerkte er.

»Ja, aber wir waren nie zu dritt unterwegs oder so was. Wenn ich mit Tina zusammen war, dann war da niemand dabei, jedenfalls kein Typ. Sie hat mir nur von den beiden erzählt. Allerdings nicht viel. War auch nicht nötig. Ich war nie scharf darauf, einen von denen zu treffen.«

»Warum?«

»Weil es Komplett-Versager waren.«

»Woher wissen Sie das, wenn Sie sie nicht kennen?«

»Tina musste nur ein paar Halbsätze über sie verlieren, und mir war alles klar. Aber das passte zu Tina. Sie kam kaum mit dem eigenen Leben klar und musste trotzdem noch Mami spielen.«

»Haben Sie sie darauf gebracht, als Prostituierte zu arbeiten?«

Jetzt funkelte ihn Lale mit offener Feindseligkeit an. »Nein.« Sie sprach das Wort mit eisigem Nachdruck aus.

»Und als was arbeiten Sie?« Sein Blick glitt unmerklich – jedenfalls beinahe unmerklich – über ihren Körper, dessen Formen von der leichten Bekleidung kaum verdeckt wurden.

»Wieso? Bin ich ermordet worden?«

Ausdruckslos hielt er ihren wütenden Blicken stand. Ohne etwas zu äußern.

»Ich arbeite als Bedienung. In der Innenstadt.«

»Und Sie tragen gern Reizwäsche?«

»Mann, was geht Sie das an?«

»Können Sie mir jemanden nennen, mit dem Tina Stuppke befreundet war, Kontakt hatte? Eltern, Freundinnen?«

»Wie sind Sie überhaupt auf mich gekommen?«

»Ihr Vorname und die Straße und Hausnummer stehen auf einem Zettel, den wir in der Wohnung gefunden haben.«

»Ich bin gerade erst hier eingezogen, und Tina hat sich die neue Adresse notiert. Aber …« – sie sah ihn erstaunt an – »haben Sie denn nicht ihr rotes Notizbuch entdeckt? Und im Handy müssten noch andere Nummern gespeichert sein. Auch die ihrer Eltern in Bottrop.«

»Wo haben Sie vorher gewohnt?«

»Ich? Was soll daran so wichtig sein?« Sie rollte mit den Augen. »Drüben in Flingern. Also?«

»Nein, wir haben weder ihr Notizbuch noch ihr Handy in der Wohnung gefunden. Und übrigens auch sonst kein Telefon dort.«

»Tina hatte keinen Festanschluss. Um Geld zu sparen. Sie hat nur ihr Handy benutzt. Das müssen Sie doch gefunden haben.«

»Wo bewahrte sie solche Sachen auf? Also das Notizbuch, das Handy?«

»In der Wohnung lagen sie meistens griffbereit herum. Und wenn Tina unterwegs war, dann hatte sie sie in ihrer Handtasche.«

Er schüttelte den Kopf. »Die Spurensuche vor Ort ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber da war keine einzige Handtasche. In einer Wohnung, in der eine Frau lebt, stößt man normalerweise sofort auf die Tasche, die sie am häufigsten benutzt. Es besteht also die Möglichkeit, dass der Mörder sie mitgenommen hat.«

»Warum sollte er das wohl tun? Tina hatte doch wirklich keine Reichtümer.«

»Wie gesagt, wir sind noch dabei, die Wohnung zu untersuchen.«

»Soso, sind Sie also«, meinte sie bloß.

»Sie sind Türkin?«

Lale hatte schon gemerkt, dass er ganz gern übergangslos von einem Thema zum nächsten sprang. »Ich bin Deutsche«, entgegnete sie nach einer Weile.

»Wie lange kannten Sie Tina Stuppke?«

»Seit etlichen Jahren. Wir haben uns auf der Hauswirtschaftsschule kennengelernt.« Die Prinzessin von Bottrop, dachte Lale insgeheim, und das zarte Lächeln, das ihr unwillkürlich gekommen war, gefror auf ihren Lippen.

»Können Sie sich jemanden vorstellen, der infrage kommt? Ich meine, der sie möglicherweise umgebracht hat?«

»Ja«, sagte sie tonlos. »Irgendein dreckiges Schwein. Und damit fast jeder auf diesem Planeten.«

»Also niemanden?«

»Keine Ahnung.«

Zum ersten Mal musterte Lale ihn eingehender. Über vierzig war er, hatte grau meliertes, kurz geschnittenes Haar. Zu diesem Soldatenhaarschnitt passte sein schmales Gesicht mit den harten Wangenknochen und ebenfalls grau schimmernden Bartstoppeln. Er wirkte sportlich, war aber wohl keiner dieser Muckibuden-Typen.

»Dann werde ich Sie jetzt wieder in Ruhe lassen«, sagte er. »Es kann aber sein, dass ich mich demnächst noch mal mit Ihnen unterhalten muss.«

»Wie hat man sie gefunden?« Lale runzelte die Stirn. »Und wer?«

»Der Hausmeister. Er hatte ihr versprochen, eine seiner Kommoden, die er eigentlich ausrangieren wollte, in ihre Wohnung zu bringen. Das Möbelstück hatte Ihrer Freundin wohl gefallen. Als er klingelte und niemand aufmachte, schloss er mit seinem Schlüssel auf, um die Kommode im Flur abzustellen. Und dann sah er sie durch die offene Zimmertür auf dem Boden liegen.«

»Ist Tina vorher vergewaltigt worden?« Diese Frage stellte Lale, ohne ihn anzusehen. »Oder nachher?«

»Das werden wir noch feststellen. Aber ich glaube es nicht.«

Sie drückte die Zigarette in einem ziemlich vollen Aschenbecher aus. Und dann richtete sie ihre Augen wieder direkt auf ihn. »Wieso glauben Sie das nicht?«

Anstatt ihr eine Antwort zu geben, beschied er ihr: »Ich muss jetzt los.« Er legte eine Visitenkarte neben den Aschenbecher. »Hier stehen meine Büro- und Handynummer drauf.«

Lale rührte sich nicht von der Stelle, als er zu der Tür ging, die zum Flur führte. Er hielt noch einmal inne. »Sagen Sie … diese beiden Freunde. Oder Exfreunde. Wie sind die Freundschaften zu Ende gegangen?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine – wer hat sie beendet?«

»Tina.«

»In beiden Fällen?«

»Ja.«

»Sie hat also Schluss gemacht? Beide Male?«

»Ja, hat sie.«

»Wissen Sie, ob es deshalb Ärger gegeben hat?«

»Ärger?«

Er stand immer noch an der Tür. »Na ja, ob die beiden Männer das einfach so hingenommen haben?«

»Wer nimmt das schon einfach so hin?« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber dass die deswegen … Also, nein. Keine Streitereien, keine Gewalt. Das wüsste ich.«

»Und Sie kennen wirklich nicht die Namen?«

»Der Erste hieß Fischchen.«

»Wohl ein Spitzname.«

»Hoffen wir’s für ihn.«

»Wie kam er zu der Ehre?«

Ein flüchtiges Zucken ihrer Achseln. »Ich glaube, sie hat mal gesagt, er redet in etwa so viel wie ein Goldfisch.«

»Und der Zweite?«

Lale lächelte freudlos. »Ob Sie’s mir glauben oder nicht: Tina nannte ihn Puschel.«

»Mehr wissen Sie nicht?«

»Fischchen und Puschel.«

Er ging ohne ein weiteres Wort – ohne sich zu verabschieden.

Sie fühlte sich innerlich vollkommen leer und lauschte eine Weile der Stille in ihrem Kopf. Erst als sie ans Fenster trat, fühlte sie die erste Träne. Sie betrachtete die beleuchtete Straße. Nicht viel los an diesem frühen Abend: wenige Autos, kaum Fußgänger. Das Kopfsteinpflaster schimmerte nass, die Luft wirkte, als wäre sie mit grauer Farbe getränkt. Ein Bild wie im trübsten Herbst. Genau so, wie es in Lale aussah.

Unwillkürlich kam ihr Tinas Spitzname wieder in den Sinn. Und die zahlreichen halb ernsten, halb scherzhaften Wortgefechte, die sie wegen Lady Di geführt hatten. Je mehr Tina für sie geschwärmt hatte, desto stärker hatte Lale sie abgelehnt und kritisiert.

»Und ihr Einsatz für Hungernde, für Arme, für Kranke? Was ist denn damit?«, pflegte Tina ihr jedes Mal entgegenzuhalten.

»Was hätte Diana sonst schon den lieben langen Tag machen sollen, Tina?« Lale verdrehte dann immer die Augen. »Die hatte doch sonst nichts zu tun. Das wird denen vom Königshaus doch eingeimpft. Sonst hätten die ja keine Aufgabe. Außer in Kutschen vorzufahren, fein zu speisen und das Geld zu verprassen, das sie von den Steuerzahlern kriegen, ohne dafür einen Finger krumm machen zu müssen.«

Wie seltsam es war, sich jetzt daran zu erinnern. Traurig, unerträglich. An das und alles andere, was sie beide verbunden hatte.

Lale drehte sich vom Fenster weg. Sie starrte in ihr Wohnzimmer. In aller Stille, ohne sich zu rühren, stand sie da und weinte.

// 2 //

Anfangs hatten sich die beiden überhaupt nicht leiden können. Damals, als alles begann.

In der Schule beachteten sie sich zunächst kaum. Lale Erdem ertappte sich jedoch gelegentlich dabei, wie ihre Augen an Tina Stuppke hinauf- und wieder hinabglitten, mehr oder weniger unbewusst, mit einer Mischung aus Verachtung und Neugier. Spöttisch taxierte sie die Klassenkameradin, die sich mit ihren langen, gepflegten, pink oder gelb oder tiefrot leuchtenden Fingernägeln beim Kartoffelschälen oder Zwiebelschneiden abmühte. Doch die Dickköpfigkeit, mit der Tina die Ermahnungen der Lehrerin, sie befänden sich auf einer Hauswirtschafts- und nicht auf einer Modeschule, an sich abprallen ließ, konnte sogar Lale gewissen Respekt abringen.

Lale, die mit ihren Kopftüchern, langen Röcken und Umhängen ebenfalls auffiel, sprach selten mit den übrigen Mädchen der Klasse. Abends, wenn die anderen ausgingen, war Lale zu Hause, um ihrer Mutter im Haushalt zu helfen oder den immer gleichen, abgestumpft klingenden Wutkanonaden ihres Vaters zuzuhören. Er schimpfte auf alles: den Job in der Eisenfabrik, deutsche Behörden, das Fernsehprogramm, die respektlosen Jugendlichen.

Im Laufe der Zeit wurde Tina Stuppkes Aufmachung zusehends gewagter: durch die immer kürzeren Röcke, die knappen Tops, die den Ansatz der Brust zeigten, die gefährlich hochhackigen Schuhe mit den Bleistiftabsätzen, auf denen die Blondine über die tristen grauen Fliesen der Schulflure stakste.

Wie konnte sie sich bloß so anziehen? Oder, in Lales Augen, so ausziehen? In ihren Augen bedeuteten damals Stöckelschuhe und Minirock, sich zum Objekt fragwürdiger Männerfantasien zu erniedrigen. Sie konnte nicht verstehen, dass man sich freiwillig so zeigte. Doch wie Lale selbst auf andere Menschen wirkte – in ihrer konservativen türkischen Kleidung, die der Tradition verhaftet war –, darüber dachte sie nicht nach. Zumindest noch nicht.

Dann kam der Tag, der etwas Bedeutsames ins Rollen brachte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sich Lale dazu durchgerungen, einen Pfuschzettel zu schreiben. Eine kleine Hilfe, um die Klausur in Ernährungswissenschaft leichter zu überstehen. Es war das einzige Fach, das ihr erhebliche Probleme bereitete, was vor allem an diesen chemischen Begriffen lag, die im Unterricht über ihrem Kopf ausgeschüttet wurden wie Kübel mit Wasser. Außerdem fiel es ihr schwer, komplizierte deutsche Formulierungen im Gedächtnis zu behalten. Bei den Erdems wurde fast ausschließlich Türkisch gesprochen. Lale war zwar in Düsseldorf geboren, hatte jedoch ihre ersten zwölf Lebensjahre in der Türkei verbracht, während von der gesamten Familie allein ihr Vater in Deutschland wohnte. Daher war ihr Deutsch nicht perfekt.

Mit schweißnassen Händen wühlte Lale während der Klausur das Zettelchen mit den Stichworten, Formulierungen und hingekritzelten chemischen Zusammensetzungen unter ihrem Pullover hervor – und ließ es natürlich fallen. Es fiel in den Mittelgang zwischen zwei Stuhl- und Tischreihen und lag da, unscheinbar und auffällig in einem.

Lale war schweißgebadet, und ihr stockte der Atem. In ihrem Kopf drehte sich alles, die Aufgabentexte verschwammen. Warum bist du nur so dumm gewesen?, fragte sie sich in ohnmächtiger Hilflosigkeit. Ihr war klar, dass jetzt etwas passieren würde, das niemals passieren durfte.

Genau in dem Moment erspähte die Lehrerin, Frau Jakobs, die so gern Tina Stuppke aufs Korn nahm, den zusammengeknüllten Zettel. Lale sah zur Seite und verfolgte trotzdem aus den Augenwinkeln, wie die Jakobs aufstand, den Gang hinabmarschierte und den Zettel aufhob.

Was würde ihr Vater tun, wenn herauskam, dass sie eine Betrügerin war, dass sie sich nicht so benommen hatte, wie es von ihr erwartet wurde? Der Schweiß brannte auf ihrer Haut.

»Wer hat das verloren?« Die Frage kam mit diesem sarkastisch-freundlichen Unterton, der unheilverkündender kaum sein konnte.

Lale wagte es nicht, darauf zu antworten. Um sie herum war eine Stille, die mehr als nur lautlos war.

»Wenn sich diejenige, der das hier gehört, nicht meldet, dann hat die ganze Klasse ein gewaltiges Problem.«

Erneut diese entsetzliche, beklemmende Stille.

»Die allerletzte Chance«, betonte Jakobs. »Wem gehört das?«

In der Reihe neben Lale reckte sich ein nackter weißer Arm nach oben.

»Das gehört mir«, sagte Tina Stuppke gleichmütig.

Die Lehrerin fixierte Tina, als wüsste sie genau, dass irgendetwas faul war – nur eben nicht, was. »Dann ist dir ja klar, Stuppke, was für eine Note du dir heute verdient hast.«

»Wenn das der Fall ist«, antwortete Tina, »brauche ich mir ja gar nicht erst die Mühe zu machen und weiterschreiben.«

Sie stand auf und ließ ihre Klausur-Unterlagen einfach auf dem Tisch liegen. Mit den Hüften wackelnd, stöckelte sie an Lales Platz und einer versteinerten Frau Jakobs vorbei und verschwand nach draußen auf den Flur.

Hilflos saß Lale da. Alles in ihr bebte. Sie schloss die Augen und fragte sich ein paar Sekunden lang, ob das alles gerade eben tatsächlich passiert war. Musste wohl, denn als sie die Augen wieder öffnete, war Tina Stuppkes Platz immer noch unbesetzt.

In den nächsten Tagen konnte sich Lale einfach nicht überwinden, Tina wegen des Vorfalls anzusprechen. Sie war es nicht gewöhnt, auf andere zuzugehen. Überdies hasste sie es, bei anderen in der Schuld zu stehen. Und doch wusste sie, dass sie sich bedanken musste.

Morgen, nahm sie sich dann eines Abends ganz fest vor. Morgen früh werde ich sie ansprechen.

Doch am folgenden Tag tauchte Tina nicht im Unterricht auf. Auch nicht am nächsten. Vielleicht war sie ja krank geworden. Eine ganze Woche verging, ohne dass sie sich blicken ließ. Ausgerechnet Frau Jakobs ließ es sich dann nicht nehmen, die Klasse darüber zu informieren, dass Tina Stuppke nie mehr hier erscheinen würde. Sie war von der Schule geflogen! Die Jakobs drückte dies natürlich etwas anders aus. Tina Stuppkes letzter ungeheuerlicher Betrugsversuch bei der Klausur, erklärte die Lehrerin, habe das Fass zum Überlaufen gebracht.

Die Nachricht ließ Lale erstarren. Nie zuvor war jemand durch ihre Schuld zu Schaden gekommen – und jetzt hatte Tina ihren Platz in der Hauswirtschaftsschule verloren. Wegen Lale. Wegen ihres dummen Pfuschzettels. Das durfte nicht wahr sein. Tinas Chancen auf eine gute Lehrstelle waren damit endgültig dahin. Ihnen allen wurde ja unentwegt eingebläut, wie wichtig ein guter Abschluss für ihre Zukunft wäre. Nein, das durfte einfach nicht wahr sein.

Unablässig musste Lale an Tina denken. Sie verfluchte sich, weil sie an jenem verhängnisvollen Vormittag nicht den Mumm besessen hatte, aufzustehen und der Jakobs zu sagen, von wem der Pfuschzettel in Wirklichkeit stammte.

Lale musste einfach mit Tina reden, musste ihr sagen, wie unglaublich leid ihr das alles tat. Andernfalls würde sie noch an ihrem schlechten Gewissen ersticken.

Also nahm sie es eines Nachmittags auf sich, ins Flip-Flop zu gehen, einer Kneipe, von der sie wusste, dass viele Schülerinnen – und auch Tina Stuppke – dort häufig ihre freie Zeit verbrachten. Um einen solchen Ort aufzusuchen, brauchte Lale ihren ganzen Mut. Einsam saß sie an einem winzigen Ecktisch. Sie wagte es kaum, der Bedienung in die Augen zu sehen, als sie sich einen Tee bestellte.

Dann wartete sie. Doch von Tina war nichts zu sehen.

Lale fühlte sich immer unbehaglicher. Zwei Männer, die am Tresen saßen, machten sich lustig über sie, nannten sie »Schleiereule« und zwinkerten ihr frech zu.

Lale war drauf und dran, einfach aufzuspringen und davonzurennen. Sie war bedrückt, ihr schlechtes Gewissen lastete auf ihr. Ich werde Tina Stuppke nie wiedersehen, dachte sie. Und meine Schuld ewig mit mir herumschleppen müssen.

// 3 //

Es war wie immer. Diese Ruhe. Vollkommene Lautlosigkeit. Und dieses schwer zu bestimmende Gefühl – so als würde die Zeit stillstehen.

Birk konzentrierte sich auf seine innere Stimme, seine Sinne, seinen Instinkt.

Schon seit Jahren hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, den Ort eines Verbrechens erneut aufzusuchen, wenn alle Kollegen – die Spurensicherung, die Streifenbeamten – weggegangen waren. Allein, ungestört. Um alles noch einmal auf sich einwirken zu lassen. Die Atmosphäre eines Tatorts, ob es sich um eine riesige leere Fabrikhalle oder eben eine kleine, vollgestellte Durchschnittswohnung wie diese hier handelte, war wichtig für ihn.

Er erwartete dabei nicht, eine Fährte aufzunehmen oder etwas Entscheidendes zu entdecken. Es ging nicht um kriminalistischen Verstand, sondern eher um Bauchgefühl. Einfach darum, hier zu sein und das eigene Gespür zu schärfen. Das war alles.

Die Untersuchungen waren abgeschlossen, die Wohnung strahlte bereits ein Stück Vergangenheit aus.

Zuvor war Birk eine Weile den Straßenstrich im Hafengebiet abgefahren. Weniger Frauen als sonst hatte er dort gesehen. Wohl kein Wunder nach dem, was passiert war.

Die Gegend um die Fährstraße bot immer einen irgendwie trostlosen Anblick, auch früher schon. Inzwischen hatte sich dieser Eindruck sogar noch verstärkt. Es war eine merkwürdige Ironie des Schicksals gewesen, dass die Stadt vor einigen Jahren durch ihre Bemühungen, den illegalen Straßenstrich aus der Innenstadt zu verbannen, keine Verbesserung der Situation erreicht, sondern lediglich ein zweites Problemgebiet geschaffen hatte. Statt den Straßenstrich an einen Ort zu versetzen, wo man ihn leichter hätte unter Kontrolle halten können, hatte man ihn gewissermaßen verdoppelt.

Eine ungewollte Art der »Zellteilung«, die zur Folge hatte, dass sich im Hafengebiet nun praktisch ausschließlich die professionellen Prostituierten aufhielten, während die drogenabhängigen Frauen immer noch rund um den Hauptbahnhof, vor allem in der Charlottenstraße, und in der dortigen Drogenszene auf Freierjagd gingen. Und dass sich die Polizei seitdem mit zwei Problemgebieten herumschlagen musste.

Unablässig hatte Birk eine Runde nach der anderen gedreht, zunächst auf der Fährstraße und in deren unmittelbarer Nähe, dann in der Charlottenstraße und den angrenzenden Straßen. Allerdings ohne noch einmal eine der Frauen zu befragen, die ihren Körper dort feilboten. Es hätte sowieso nichts gebracht, da war er sich sicher. Zumal Melanie Krusewitz, eine wichtige Zeugin in einem weiteren Mordfall, nicht an ihrer üblichen Ecke auf der Fährstraße stand und er sie auch sonst nirgendwo entdecken konnte. Aber früher oder später würde er noch einmal mit ihr sprechen müssen. Eher früher natürlich.

Anschließend hatte er an einem Imbissstand eine Currywurst gegessen, um sich dann wieder in den Feierabendverkehr einzuordnen. Allerdings schlug er nicht den Heimweg ein. Er fuhr die vollgestopften, sich scheinbar endlos dahinziehenden Straßen entlang, die ihn nach Eller brachten.

Nachdem er die Niederlassungen der verschiedenen Autohersteller in Düsseldorf-Lierenfeld hinter sich gelassen hatte, wurden die Häuser ein wenig grauer, die Kneipen schäbiger und die Geschäfte billiger. Hier fing Eller an, und im Grunde war man sofort mittendrin in diesem Stadtteil, der sich vor nur ein paar Jahren noch um einiges ansehnlicher präsentiert hatte.

In einer Seitengasse der Gumbertstraße parkte er den Wagen, um noch eine Strecke zu Fuß gehen und so seine innere Ruhe finden zu können, bevor er sich ein weiteres Mal an den Tatort begab. Und jetzt stand er also mitten in der kleinen Wohnung in der Ludwigshafener Straße, in der es nach Tod roch.

Das alles war ein einziges Rätsel. Erst die beiden toten Huren vom Straßenstrich und jetzt die junge Frau in Eller, deren Internet-Kontaktanzeige mit dem aufreizenden Foto er sich heute im Büro noch einmal genau angesehen hatte. Vor vier Wochen das erste Mordopfer: eine erfahrene Hure von knapp vierzig Jahren, mit er früher bei der einen oder anderen Verhaftung flüchtig zu tun gehabt hatte. Ein Mord in der Nacht, ohne dass es Zeugen gegeben, ohne dass jemand auch nur etwas gehört hatte. Und ohne dass es vorher offenbar zu sexuellen Handlungen mit dem Täter gekommen war.

Zwei Wochen später die zweite Tote: eine junge Hure, gerade zwanzig Jahre alt, heroinabhängig. Dieser Mord war mitten in der Stadt passiert, und erneut hatte es weder Zeugen noch brauchbare Spuren gegeben. Wiederum zwei Wochen darauf Tina Stuppke. Sollte das nun so weitergehen? Seine Gedanken verdüsterten sich. Zwei Wochen konnten so verflucht schnell vorüber sein.

Jede der drei Frauen hatte ein großes, sternförmiges Loch in der Schläfe gehabt. Das bedeutete, sie waren regelrecht hingerichtet worden. Die heißen Gase, die beim Abfeuern einer Waffe entstanden, erzeugten solche Verletzungen, wenn man die Mündung direkt auf die Haut des Opfers presste. Hinzu kamen die in solchen Fällen unvermeidlichen Hautverbrennungen und Schmauchspuren. Es waren tatsächlich Hinrichtungen gewesen.

Völlig ungewöhnlich für Prostituiertenmorde, jedenfalls wenn er an die zurückdachte, mit denen er im Laufe seiner Dienstjahre in Berührung gekommen war. Meistens war es dabei zu Vergewaltigungen, sogar zu Folterungen gekommen. Huren stellten ein leichtes Opfer dar für Sadisten und Perverse aller Art. Deshalb ja Birks Irritation. Denn so zynisch es auch klingen mochte, aber eine Prostituierte auf diese »saubere« Art zu liquidieren, schien keinen nachvollziehbaren Hintergrund zu haben, von einem Motiv ganz zu schweigen. Zumindest sah er nichts dergleichen.

Ebenso rätselhaft war die Tatsache, dass erst eine der Hafenhuren, dann eines der Drogenmädchen und jetzt eine Hure, die in der eigenen Wohnung arbeitete und im Internet annoncierte, sterben musste. Birk hätte nicht sagen können, was daran so seltsam auf ihn wirkte, er wusste nur, dass es ihm höchst merkwürdig vorkam.

Zudem ging der Killer äußerst sorgfältig vor. Nicht nur, dass es keine Zeugen gab. Sie hatten weder Fingerabdrücke noch DNA-, noch sonstige Spuren entdeckt, die auch nur den leisesten Rückschluss auf seine Person zuließen. Den einzigen Hinweis auf den Täter hatten bislang die Ballistiker geliefert: Es gab keinen Zweifel, dass die beiden ersten Frauen mit ein und derselben Waffe erschossen worden waren, einer Glock 17, einer sehr leichten Pistole, die zu 70 % aus Kunststoff bestand und in Österreich hergestellt wurde.

Zwar lag Birk noch kein Ergebnis der Obduktion von Tina Stuppkes Leichnam vor, ebenso wenig wie das der Ballistiker über die Kugel, die sie tötete, aber das klaffende Loch in ihrer Schläfe und ihre Reizwäsche, die wie neu wirkte und an keiner Stelle zerrissen gewesen war, hatten ihm genug gesagt. Sie war die Nummer drei einer Serie.

Birk starrte auf den Boden, genau auf die Stelle, wo die Leiche gelegen hatte. Eine hübsche junge Frau. Erst in diesem Moment fiel ihm auf, dass sie keine Ohrringe getragen hatte. Ungewöhnlich. Prostituierte trugen in der Regel auffälligen Schmuck. Auf dem Foto im Internet konnte man einen großen Ohrring mit einem roten Stein an Tina Stuppkes linkem Ohr leuchten sehen. Hatte der Täter möglicherweise die Ohrringe mitgenommen? Als eine Art Souvenir? Bei den anderen beiden Leichen hatte allem Anschein nach nichts gefehlt.

Heute früh war es noch verhältnismäßig still geblieben im Blätterwald, aber die Einzelheiten des dritten Mordes müssten im Laufe des Tages durchgesickert sein. Spätestens ab morgen würde der Druck der Öffentlichkeit auf die Polizei unbarmherzig sein.

Er trat ans Fenster und sah nach draußen auf die Ludwigshafener Straße, die vor dem Haus, in dem Tina Stuppke gelebt hatte, in einer Sackgasse endete. Eine tragische Symbolik, dachte er. Arme Tina Stuppke, was für ein Mensch du auch immer gewesen sein magst.

Sein Handy klingelte. Das Display zeigte eine ihm unbekannte Nummer an. »Ja, Birk.«

»Hier ist Lale Erdem.« Sofort setzte sie hinzu: »Mir ist doch noch etwas eingefallen.«

Ihre Stimme war faszinierend. Tief, melodisch. Und von einer Leidenschaft, die seltsam beherrscht wirkte.

»Und was, Frau Erdem?«

»Wegen Fischchen und Puschel. Sie erinnern sich?«

»Natürlich.«

»Also, ich bin mir nicht sicher, um welchen es ging, aber mit einem von beiden hat sich Tina oft an denselben Orten getroffen.«

»Welche Orte waren das?«

»Ich glaube, am Unterbacher See und beim Schloss Eller. Das hat sie mal erwähnt, und irgendwie ist es bei mir hängen geblieben. Wissen Sie, wo das ist?«

»Ja, selbstverständlich.« Er räusperte sich. »Eine Sache möchte ich Sie unbedingt noch einmal fragen.«

»Okay.«

»Sie waren doch sehr gut mit Frau Stuppke befreundet. Wieso wissen Sie dann nur so extrem wenig über ihre Freunde. Das verstehe ich einfach nicht.«

»Sie hat mir keinen ihrer Freunde vorgestellt. Schon seit Langem nicht mehr. Tina hat gesagt, ich hätte ja doch nur an jedem Einzelnen was rumzumeckern. Und dass sie sich deshalb lieber mit mir allein treffen würde. Sie erzählte dann auch immer weniger von ihnen.«

»Hatte sie recht?«

»Womit?«

In Gedanken konnte er ihren wachsamen Blick, ihre dunklen argwöhnischen Augen vor sich sehen. »Mit dem Meckern. Haben Sie so viel rumgemeckert?«

Sie lachte leise, auf eine traurige Art, und sie tat ihm unwillkürlich leid. »Wahrscheinlich habe ich wirklich ein bisschen viel an Tinas Auswahl von Männern auszusetzen gehabt.«

»Übrigens: Haben Sie momentan einen Freund?«

»Wie bitte?«

Ihr Argwohn ihm gegenüber war sofort wieder geweckt worden, er merkte das deutlich.

»Leben Sie momentan in einer festen Beziehung?«

Es war eine Frage, die sie förmlich in die Flucht trieb, wie er feststellen musste.

»Also, vergessen Sie’s nicht …«, sagte sie unvermittelt, ohne ihm eine Antwort zu geben, »Unterbacher See und Schloss Eller.« Damit beendete sie die Verbindung.

Er lauschte kurz dem Summen in seinem Telefon, dann steckte er es weg. Eine eigenartige junge Frau, dachte er.

Nachdem er sich noch einmal jedes Zimmer der kleinen Wohnung ausgiebig angesehen und gerade den Entschluss gefasst hatte, den Tatort wieder zu verlassen, ertönte erneut sein Handy.

Er nahm den Anruf entgegen, ohne auf das Display zu achten, denn er hatte irgendwie das absolut sichere Gefühl, dass es erneut Lale Erdem war.

»Ja?«

»Bist du es, Birk?«

Verblüfft stellte er eine gewisse Enttäuschung darüber fest, dass er sich geirrt hatte. Der Anrufer war Leopold Fraenkel. Für die einen gehörte Fraenkel in die Kategorie »verrückter Professor«, die anderen hingegen hielten ihn für den besten Rechtsmediziner von ganz Nordrhein-Westfalen. Birk gehörte zu Letzteren.

»Gibt’s irgendwas Neues, Doc?«, fragte er.

»Könnte man durchaus so sagen.«

Fraenkel machte es gern spannend.

»Und was, Doc?«

»Also, zunächst einmal verhält es sich bei Nummer drei genau so wie bei eins und zwei.«

»Zunächst einmal?«, wiederholte Birk gespannt.

»Keine Fingerabdrücke des Täters. Keine Faserspuren, keine Haare, kein Sperma, kein ›Sonstwas‹ – nicht einmal eine einzige verdammte Hautschuppe. Kein sexueller Kontakt, das steht fest.«

»Und weiter?«

Fraenkel lachte, es klang wie das Meckern eines Ziegenbocks. »Keine Gewalteinwirkung außer der tödlichen Kugel. Sprich, kein Schlag, keine Druckstellen auf den Oberarmen von einem festen Griff oder etwas in der Richtung. Kein ›Sonstwas‹ eben.«

»L

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