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Der kosmische Hammer: Jo Zybell's Apokalyptos Band 1

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Inhaltsverzeichnis

  • Der kosmische Hammer: Jo Zybell's Apokalyptos Band 1
  • Copyright
  • Prolog
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12

Der kosmische Hammer: Jo Zybell's Apokalyptos Band 1


Roman von Jo Zybell

bearbeitet von Mia Zorn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 141 Taschenbuchseiten.


Nach einer globalen Katastrophe müssen die Menschen um ihr Überleben kämpfen. Wie es zu dem verhängnisvollen Ereignis kam, ist längst in Vergessenheit geraten.

Eve Barkley bricht in das unwirtliche Gebiet auf, das früher mal unter dem Namen Deutschland bekannt war und findet Aufzeichnungen, die Aufschluss darüber geben, was in den Tagen des Weltuntergangs geschah...


Prolog

Anfang Juni, 2522

Ein Fehler auszusteigen. Ein Fehler, ein Fehler, ein Fehler …

Er wusste es, die anderen wussten es, seine innere Stimme beharrte im Rhythmus seines Herzschlages darauf, und die monotone Kunststimme des Schleusenbutlers gab ihm Recht: „Das Bordhirn meldet Alarmstufe Rot, Ma’am, das Verlassen des Dragons kann nicht empfohlen werden. Alarmstufe Rot, das Verlassen des Dragons kann nicht empfohlen werden …“

Die Kommandantin hatte sich entschieden. Es gab keinen Weg zurück. Er schloss seinen Helm, und sie legte erneut ihre Handfläche an den Sensor. Ein Träumer, wer etwas anderes erwartet hatte. Er jedenfalls hatte nichts anderes erwartet, er kannte sie gut genug inzwischen, die Kommandantin. Und jetzt öffnete sich die Außenluke.

„Das Bordhirn meldet feindliche Individuen in unmittelbarer Umgebung des Landesplatzes“, schnarrte der Schleusenbutler. „Vom Verlassen der Schleuse wird dringend abgeraten …“

Grauer Himmel über Qualm, Flammen, Grasland und Kanonendonner. Nur noch ein Schritt trennte ihn von der Welt, in der seinesgleichen ohne Schutzanzug nicht überleben konnte. Die Kommandantin ging als erste. Und jetzt er. Raus! Er sprang. Hinter der Kommandantin landete er im hohen Gras.

Feuer, wohin er blickte; und zwischen Qualm, Flammen und Büschen Gestalten in erdfarbenen Lederharnischen. Sie brüllten, sie schwangen Äxte, sie schüttelten Schwerter.

Neben ihm ging der Navigator in die Knie und legte das LP-Gewehr an. Kein Gesicht in seinem schwarzen Kugelhelm, nur die Reflexe der Flammen und der gleißenden Strahlen aus dem kurzen Waffenlauf. Auch die Kommandantin schoss. Keine fünfzig Schritte entfernt blähte eine Glutkuppel sich auf, daneben wälzten sie sich brennend im Gras, die Gnadenlosen. „Sauhunde, verdammte!“, hörte er Bogoto im Helmfunk fluchen.

Er blickte nach rechts – die anderen drei kletterten eben aus dem Tank, einer aus dem Mittelsegment, zwei aus der großen Heckluke. Er blickte in die Richtung, in der man eigentlich den zweiten Dragon hätte sehen müssen, doch Feuer und Rauch verdeckten die Sicht.

Die Kommandantin rannte los. „Sturmlinie bilden!“ Ihre Stimme im Helmfunk klang kühl, klang wie immer. „Wir laufen durch den Rauch! Legen Sie eine Feuerbresche zwischen Dragon II und die Angreifer! Bogoto, Sie bleiben hier und sichern unseren Rückweg!“ Das war das letzte, was er von ihr hörte.

Wie aus dem Nichts sprangen sie vor ihr aus dem Gras – sechs, sieben oder acht dieser Kerle in ihren erdfarbenen Anzügen. Sie brachen aus dem Gestrüpp, sie sprangen aus dem Qualm, sie schwangen Äxte und Schwerter. Unbegreiflich, die Mordlust dieser Kreaturen, unbegreiflich die Todesverachtung, mit der sie auch an diesem Tag wieder angriffen. Gleich drei warfen sich auf die Kommandantin und rissen sie ins Gras herab. Er konnte nicht schießen, er hätte die Kommandantin getroffen.

„Sauhunde! Mörderpack!“ Bogotos Stimme brüllte im Helmfunk. Überall zischten nadelfeine Strahlen ins Gras, in Büsche, in Qualmwolken, in erdfarbene Leiber.

„Es hat keinen Sinn!“, schrie er, rannte trotzdem in den Qualm hinein, schoss überall dorthin, wo eine Klinge das Feuer reflektierte, wo eine erdfarbene Gestalt sich zeigte. Bis einer direkt vor ihm aus dem Gestrüpp aufstand. Sein Helm zersplitterte unter der Wucht eines Axthiebs, der zweite Hieb traf ihn an der rechten Flanke. Er stürzte ins Gras, verlor das Bewusstsein, verlor das LP-Gewehr.

Länger als ein paar Sekunden konnte er nicht ohnmächtig gewesen sein, denn um sich herum hörte er noch immer das Kampfgeschrei der verfluchten Mörderbande. Aus dem Helmfunk stöhnte eine Männerstimme – der Navigator? – seine rechte Niere brannte wie Feuer, er spürte, wie das Blut warm über seinen Schädel strömte; und überall Rauch, überall Flammen.

Vorbei; es war vorbei.

Trotzdem kroch er los, er wusste selbst nicht, warum. Er kroch durchs hohe Gras, kroch am Dragon vorbei, dachte an den laufenden Countdown der Autoeliminierung, kroch schneller, kroch, bis er aufs Neue das Bewusstsein verlor.

Er kam zu sich, weil jemand zu ihm sprach. Das Geschrei der verfluchten Mörderbande klang jetzt wie von fern, ja, wirklich, der zu ihm sprach aber, der klang ganz nah. Er blinzelte, da schwebte ein verschwommenes Gesicht über ihm – ein Barbar? Er blinzelte noch einmal, das Gesicht nahm kantige Konturen an, er sah kurzes Blondhaar. Ein sonnengebräunter Mann ohne sichtbare Mutationen im Gesichtsschädel. „Weg … Sie … Sie müssen … weg … die Dragons …“, flüsterte er.

Lächerlich in dieser Wildnis Mitteleuropas einen Mann auf Englisch anzusprechen, nur weil er eine gesunde Hautfarbe, normale Ohren, und eine gesunde Nase statt Hautlappen im Gesicht trug. Was war das überhaupt für ein Kleidungsstück, in dem der Mann da steckte? O Gott! Der Autoeleminierungs-Countdown! Es musste doch bald soweit sein!

„Weg … Sie müssen … sich … in Sicherheit …“ Wie viel Atem für wie viele Worte würde ihm noch bleiben?

Der Fremde schnitt eine erschrockene Miene. Hatte er ihn am Ende doch noch verstanden? Er schob die kräftigen Hände unter seinen Körper, hob ihn hoch, trug ihn davon. Eine Schmerzwelle durchwogte ihn, ihm wurde schlecht, er wollte schreien, brachte nur ein Röcheln zustande, versank wieder in schwarzem, gnädigem Nichts.

Grelles Licht weckte ihn das nächste Mal. Die Erde zitterte, der Detonationslärm erfüllte den Wald. Neben ihm im Unterholz lag der Blonde. Er keuchte und fluchte; er fluchte auf Englisch. Ein Orkan raste durch den Wald, die Druckwelle – die Dragons waren explodiert. Es kam ihm vor wie ein Witz, dass er noch lebte. Jetzt waren alle tot. Alle? Die Kommandantin! Hatten die Barbaren sie getötet? Oder hatten sie sie verschleppt, um …

Dann wieder die kräftigen Hände des Blonden, wieder die Schmerzwelle, wieder schwarzes Nichts.

Als er die Augen zum vorletzten Mal öffnete, schleiften sie ihn von einem Floß, eine Flussböschung hinauf und durch Gras; der Blonde und eine Frau. Seltsam – der Schmerz pochte nur noch dumpf im Hintergrund seines Bewusstseins. Wie ein Räuber, der für einen Augenblick von seiner Beute abließ; weil er sich ihrer sicher war; und kurz bevor er sie verschlang. Das Gras war kühl, wunderbar kühl. Er wünschte, diese Kühle würde in seinen Körper kriechen, ihn ganz ausfüllen und endgültig ins Nichts begleiten.

Sie legten ihn ins Gras. Die Frau war halbnackt und hatte langes, verfilztes Haar, blauschwarz. Eine Barbarin. Dennoch: Eine schöne Frau. Er schloss die Augen. Das Bild der Frau füllte sein Bewusstsein aus; die schöne Frau und die wohltuende Kühle. Mehr wollte er nicht mehr sehen, nicht mehr fühlen. Bald war es geschafft, bald, bald …

Neben sich hörte er den Blonden keuchen und stöhnen. Der Mann schien am Ende seiner Kraft zu sein. Irgendwann spürte er dessen Finger an seiner Brust und seinem Hals. Der Fremde löste den zerbrochenen Helm vom Schutzanzug, zog ihn behutsam über den Kopf und untersuchte seine Wunden.

Er öffnete die Augen zum letzten Mal und betrachtete seinen Retter. In dessen Miene spiegelten sich Sorge, Schrecken und Neugier. Warum trug der Mann eigentlich keinen Schutzanzug? Und wo hatte er diese Art von olivgrüner Kombination schon einmal gesehen? Über der Brusttasche stand ein Name, er versuchte ihn zu entziffern. Der Blonde untersuchte die Wunde in seiner rechten Nierengegend. Seine Miene versteinerte sich.

„Danke …“ Das Atmen fiel ihm so unglaublich schwer. „… aber … es … ist … sinnlos …“ Die paar Worte kosteten ihn seine letzte Kraft; es war, als würde seine Stimme noch vor ihm sterben.

„Wer sind Sie?“ Das Englisch des Blonden klang fremdartig, antik irgendwie. Wo nur hatte er schon einen derartigen Dialekt gehört? In irgendeiner Datenbank zur Geschichte des Vereinigten Königreichs vor dem Weltuntergang vielleicht?

Er schnappte nach Luft, um dem Mann zu sagen, wer er war, doch mehr als ein Röcheln brachte er nicht zustande. Der Blonde beugte sich über ihn und legte zwei Finger an seinen Kehlkopf. Jetzt konnte er seinen Namen lesen: Commander Thomas Cadman. Diese Greifenschwingen, diese blau gerahmten weißen und roten Streifen – wo nur hatte er dieses Emblem schon gesehen? Der Mann namens Cadman beugte sein Ohr über seinen nach Atem schnappenden Mund. „Wer sind Sie?“, rief er.

Er nannte seinen Rang, seinen Namen und seine Heimat-Society; jedenfalls dachte er seinen Rang, seinen Namen und seine Society; er wusste anschließend nicht genau, ob seine Zunge und Lippen die Worte wirklich geformt hatten. Irgendwie war es ihm auch gleichgültig.

Das Gesicht des Blonden verschwamm wieder. Der Name seiner Society füllte aber sein Bewusstsein aus, hallte durch die Windungen seines Hirns, wie ein Orgelakkord durch ein Labyrinth: London, London, London … O herrlicher Ort! O süße Heimat! Nie wieder, nie wieder!

Auf einmal rotierte sein Bewusstsein in einem kühlen, schwarzen Strudel. „Was sagen Sie?“ Von weit weg rief jemand. „London? Was ist in London?“ Jemand sprach mit ihm, jemand aus einer anderen Welt. Der Blonde wahrscheinlich, dieser Cadman. Egal.

„Was ist das für eine Society?“ Ein Rufender in einem steigenden Ballon; sollte er doch fliegen, wohin er wollte. „Gibt es noch Zivilisation in London?“ Der schwarze, kühle Strudel zog ihn weg von der vagen Stimme, von seinen Schmerzen; zog ihn weg aus der Welt, zog ihn tiefer und tiefer hinab ins Nichts …



1

Die Kommandantin

Ende Dezember, 2521

Über ihnen funkelten Sterne. Am Horizont strahlte eine Galaxis in Gelb und Rot und Orange. Eine Violine zauberte Wehmut und Sehnsucht unter den Sternenhimmel. Die nackten Körper ineinander verschränkt lagen sie auf einem mit weißer Kunstseide überzogenem Bett. David schlief. Eve streichelte seine Hand auf ihrer Brust. Ihre Gedanken schwammen noch auf den Wogen des Glücks und der Leichtigkeit, die einen gestillten Körper durchpulsen, der gerade geliebt hat. Sie lauschte der Musik – der Partitur eines gewissen Mr. Bachs – sie verlor sich im Anblick des Spiralnebels: Andromeda.

Manchmal in solchen Augenblicken fragte sie sich, wie weit die Menschheit gekommen wäre, wenn die Entwicklung ihrer Zivilisation ungestört verlaufen wäre, ohne die Katastrophe. Hätte sie die mehr als zwei Millionen Lichtjahre zum Andromedanebel bereits übersprungen? Oder wäre sie erst bis zum Rand der eigenen Milchstraße vorgestoßen? Oder gar nur zu den benachbarten Sonnensystemen? Zu Sirius etwa, oder zu Alpha Centauri?

Wie weit auch immer – Eve Barkley wäre dabei gewesen.

Sie sprach nicht über derartige Träumereien, mit niemandem. Um so lieber gab sie sich ihnen hin, heimlich, wenn sie allein war oder glücklich. Ja, in solchen Momenten hegte sie nicht den geringsten Zweifel: Ohne die Katastrophe vor einem halben Jahrtausend würde sie jetzt ein Raumschiff kommandieren. Ohne „Apokalyptos“ flöge sie jetzt zwischen diesen Sternen herum; ohne den verdammten Asteroiden könnte sie jetzt tun, was die Sehnsucht ihr zu tun gebot, seit sie ein kleines Mädchen war: aufbrechen, weggehen, Neues entdecken, wegfliegen, weit, weit weg.

Behutsam löste sie sich aus Davids Umarmung. Er knurrte behaglich, drehte sich auf den Rücken, streckte die Glieder von sich, und schlief weiter. Sie schob sich von der Matratze, stand auf und blickte auf den Geliebten hinunter. Sie hatte sich vorgenommen, heute mit ihm zu sprechen. Gleich nach seiner Ankunft hatte sie es tun wollen. Doch die ersten beiden Stunden waren sie nicht allein gewesen. Und als dann die Luke ihrer Privatkuppel sich hinter ihnen schloss, landeten sie schneller im Bett, als Eve denken konnte. Es war immer das Gleiche, wenn sie einander besuchten. Nachher aber, wenn er wach war, dann würde sie das Thema ansprechen. Sie versuchte sich vorzustellen, was er antworten würde. Ihr Herz schlug schneller.

Sie beugte sich zu ihm hinunter und hauchte einen Kuss auf seinen Bauch. Das Weiß der Seidendecke war nur um eine Nuance heller als Davids Haut. Violette Adern schlängelten sich unter ihr – an den Leisten, unter den Schlüsselbeinen, am Hals, an den Schläfen, an den Hand- und Fußrücken, an den Innenseiten der Schenkel und Oberarme. Breit die Schultern, schmal die Hüften, kantig das Gesicht, mit vollen, blutroten Lippen, hoher Stirn und hervorspringenden Wangenknochen. Ein Adonis; ein bleicher, haarloser Adonis.

Sicher – auch deswegen begehrte Eve diesen Mann. Abzüglich aller Orden, Ränge und Erfolge war auch sie nur eine Frau. Wofür sie ihn aber liebte – und das sah man dem Schlafenden nicht unbedingt an – war seine schier grenzenlose Zuversicht, die Entschlossenheit, mit der er die Dinge anpackte, die zu tun waren, und die Energie, mit der die Projekte der Societies vorantrieb. Wer unter David Emerson arbeitete, zweifelte nicht daran, dass man eines Tages wieder ohne Schutzanzug die unterirdischen Bunkerstädte verlassen würde; wer zum großen Freundeskreis David Emersons zählte, glaubte sogar an die verrückten Pläne William des Fünften, des Prinzen von Kent und des Königs der Society London.

William V. beabsichtigte eine Kunstglaskuppel über dem Zentrum der Ruinen Londons zu errichten und die City darunter gemäß den in den Datenbanken überlieferten Originalbauplänen zu restaurieren.

Mochte Eve Barkley sich von Zeit zu Zeit auch gern ihren Träumen hingeben, und war sie auch seit gut einem Jahr bis über beide Ohren verliebt, so blieb sie dennoch eine ziemlich nüchterne Person: Willensstark, extrem belastbar, kühlen Verstandes; so konnte man es in ihrem Personaldossier nachlesen. Eve stand den königlichen Plänen skeptisch gegenüber. Sie glaubte nicht, dass ihre Generation noch ein Leben an der Erdoberfläche ohne Schutzanzüge erleben würde. Die übernächste vielleicht, ihre noch ungeborenen Kinder; ja, vielleicht. Dafür jedenfalls arbeitete sie.

Seufzend wandte sie sich vom Bett ab, ihr nackter Fuß berührte etwas Weiches. Eine grauhaarige Perücke aus unzähligen Zöpfchen. Davids Perücke. In London stand man auf solchen Schnickschnack. In Salisbury trugen nur ein paar exaltierte Frauen Kunsthaar; und der eine oder andere Mann, der sich für einen Künstler hielt. Sie bückte sich nach der Zopfperücke und legte sie auf den Bettrand.

„Die Dusche, Celinda.“ Eve ging auf die Sterne zu, eine hochgewachsene, schlanke Frau mit schneeweißer Haut und schmalem, vollkommen haarlosem Kopf.

Auf der Fläche eines Quadrats von etwa zwei Metern Seitenlänge verblassten die Sterne in der Kuppelwand. Auf einmal stand da eine Lady mittleren Alters in schwarzem Rock, schwarzer Bluse und weißem Schürzchen. In ihrem grauen Haar trug sie ein weißes Spitzenhäubchen. „Sehr wohl, Ma’am.“ Sie warf einen Blick auf den nackten Mann in Eves Bett. „Sie sollten ihn zudecken, Ma’am. Die Temperatur in ihrer Wohnkuppel beträgt unter zwanzig Grad. Nicht, dass er sich eine Erkältung holt.“

„David ist genauso unempfindlich gegen Kälte wie ich, Celinda. Nett von Dir, dass du daran denkst, aber mach dir keine Sorgen.“

„Wie Sie meinen, Ma’am.“ Das Bild verblasste, in der Kuppelwand tat sich eine Luke auf, aus ihr fiel violettes Licht in den Kuppelraum. Eve betrat die helle Grotte und in ihr eine muschelförmige Nische. Im selben Augenblick regnete es warm auf sie herab.

Später, vor der geöffneten Kleidermulde, ging sie nachdenklich auf und ab, holte diesen Anzug heraus, legte jenes Kleid an ihren Körper, schlüpfte in den einen oder anderen Umhang, prüfte sich vor einem großen, runden Spiegel neben der Kleidermulde, und entschied sich schließlich für ein pinkfarbenes Faltenkleid und eine silberfarbene Stola; ein Geschenk Davids.

Persönlich bevorzugte sie eher den schlichten militärisch angehauchten Stil, wie er in Salisbury seit Menschengedenken üblich war: einen Freizeitoverall, einen einteiligen Hosenanzug oder eine Freizeituniform. Doch die Londoner liebten antike oder barocke Mode; und Eve wollte David gefallen.

Sie sah zum Bett, während sie die Stola kunstvoll über ihre Schultern warf. Er schlief noch immer. Zeit zum Aufstehen, fand Eve. „Einen Morgen an der Küste bitte, Celinda. Und Musik für David.“

„Sehr wohl, Ma’am.“ Am Sternenhimmel erschien wieder das Monitorquadrat und in ihm die Zofe. Sie hob die Brauen und musterte Eves Garderobe. „Wie interessant, Ma’am! Hat denn der Prime heute Geburtstag?“ Der Geburtstag James Edinburghers war einer der wenigen Anlässe im Jahr, zu denen man sich auch in Salisbury in Festgarderobe hüllte.

„Nein, Celinda, es wird auch kein neues Regierungsmitglied in sein Amt eingeführt, der König von London heiratet kein zweites Mal, und gestorben ist auch niemand.“ Vor den skeptischen Augen der E-Zofe drehte sie sich einmal um sich selbst. „Ich hatte einfach Lust dazu. Es gefällt dir also?“

„Doch, ja …“ Celindas Blicke flogen zwischen dem schlafenden Adonis und der Frau in Faltenkleid und Toga hin und her. „Der Morgen an der Küste also. Und Major Emersons Lieblingsmusik. Wie Sie wünschen, Ma’am. “ Der Monitor erlosch, Sterne funkelten an seiner Stelle.

Eve ging zu einer Konsole, die auf der anderen Seite des etwa fünfundzwanzig Meter durchmessenden Kuppelraumes aus der Wand ragte. Hinter ihr schloss sich die Kleidermulde, über ihr verblassten die Sterne, und Andromeda verwandelte sich in einen rötlichen Fleck knapp über dem Boden und unter einem schwarzblauen Himmel. Statt der Violine ertönten Piano, Saxophon und Kontrabass.

Auf der blauen Kunstglaskonsole wölbte sich hinter einer schmalen Tastatur eine Halbkugel von etwa zwanzig Zentimetern Durchmesser. Sie war durchsichtig, und in ihr schwebte eine Spirale in einer leicht gelblichen, aber dennoch klaren Flüssigkeit: Eves persönliches Rechen-Terminal. Über diese Schnittstelle des zentralen DNS-Rechners – die übrigens jedem Offizier und Octoyan zustand – hatte sie jederzeit Zugriff auf das Zentralhirn.

An der rechten Kuppelwand, an der Stelle, wo Sekunden zuvor noch Andromeda glitzerte, hatte sich inzwischen die Sonne zwei Handbreit weit aus dem Meereshorizont geschoben. Darüber loderte in prächtigem Farbenspiel das Morgenrot, und nur ein paar Schritte von Eves Computerkonsole entfernt warf sich die Brandung auf einen Sandstrand. In ihr Rauschen mischte sich das Geschrei von Möwen. An der linken Wand, hinter dem Bett mit dem schlafenden David, erhoben sich Dünen. Ein Schimmel stand auf einem der Hügel, mit gespitzten Ohren schien er den Schlafenden zu beäugen. Allmählich wurde es hell über seinem Bett. Dünengras bog sich in einer Morgenbrise.

Eve beobachtete, wie David sich räkelte und streckte. Was für ein herrlicher Mann! Ein warmer Schauer durchfuhr sie von den Haarwurzeln bis in die Zehenspitzen – Glück.

Sie lächelte, tastete nach dem Energieschalter am Rundfuß der Konsole und drückte ihn. Die Spirale glühte auf, die Flüssigkeit, in der sie schwamm, begann zu leuchten. „Die Johanna-Dateien, bitte.“ Hinter der Konsole erschien in Augenhöhe eine etwa achtzig Zentimeter hohe Vertikale. Diese verbreiterte sich rasch – erst zu einem Balken, dann zu einem Quadrat, schließlich zu einem Rechteck.

Ein paar Sekunden lang sah man weiter nichts als endloses Meer und einen dicht über den Wellen segelnden Albatros auf dem Monitor – Eves persönlicher Bildschirmhintergrund. Dann erschien das Deckblatt der uralten Datei – das Foto einer blonden Frau. Ihr Mund war breit, ihre Lippen schmal, die blauen Augen blickten ernst. Ein skeptischer Zug lag auf dem schönen Gesicht.

Seit Eve im schier unendlichen Datenuniversum der Zentralhelix auf dieses Dokument gestoßen war, erkannte sie Mund und Augen und vor allem den skeptischen Zug in ihrem eigenen Gesicht wieder, wenn sie in den Spiegel sah.

Tagebuch 2009 bis 2054, war über dem Foto zu lesen, und darunter: Johanna Barkley, 1968 – 2055. Hinter sich hörte Eve Schritte.

„Danke für den Jazz, meine Sonne“ Von hinten schlang David seine Arme um ihre Schultern. „Wer ist diese Frau? Sie sieht dir ähnlich. Probiere einmal eine blonde Kurzhaarperücke an, dann wirst du es auch finden …“

Eve drehte sich um und küsste ihn. „Ich finde es auch ohne Perücke. Und es ist kein Wunder.“ Sie drehte sich nach dem Foto auf dem Monitor um. „Ich bin mit ihr verwandt. Willst du duschen?“

„Ich werde doch deinen Duft nicht von meiner Haut spülen!“ Er machte sich von Eve los und betrachtete das Bild im Morgenhimmel. „Johanna Barkley“, las er. „Neunzehnhundertachtundsechzig bis … du betreibst Ahnenforschung?“

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