Logo weiterlesen.de
Der magische Blumenladen 5: Die verzauberte Hochzeit

Bauchschmerzen

„Ich frage mich, ob Miss Hedgehog ein langes weißes Kleid anziehen wird“, sagte Violet verträumt. „Ich habe sie noch nie in einem Kleid gesehen. Das kann man sich gar nicht vorstellen.“

„Das will ich mir auch gar nicht vorstellen“, sagte Jack und schüttelte sich. „Miss Hedgehog ist doch viel zu cool für ein Brautkleid.“

„Aber wenn man heiratet, muss man ein Brautkleid anziehen“, warf ihr Bruder Zack ein. „Und Mr Bachelor fände es bestimmt nicht gut, wenn Miss Hedgehog ihn im Trainingsanzug heiratet.“

Violet und ihre Freunde Jack und Zack Dumpling saßen auf der großen Kätzchenweide am Bach und ließen die Füße baumeln. Es war erst April, aber so sonnig und warm, dass Violet zum ersten Mal in diesem Jahr ihren geblümten grünen Rock und Kniestrümpfe trug.

„Eine Hochzeit im Trainingsanzug“, sagte Jack, „das wär der Hammer!“

In ihrer Klasse gab es zurzeit kein anderes Gesprächsthema als die anstehende Heirat ihrer Sportlehrerin Miss Hedgehog mit dem Mathelehrer Mr Bachelor. Die ganze Schule fieberte darauf hin. Violet, Jack und Zack waren besonders aufgeregt. Sie hatten nämlich vor einem Jahr mit ein bisschen Blumenmagie nachgeholfen, dass aus den beiden Lehrern ein Paar geworden war.

„So ein langes weißes Kleid mit Rüschen und Schleppe ist auch nicht schlecht“, fand Violet. „Und ein Schleier im Haar.“

Jack verzog das Gesicht. „Wenn ich mal heirate, dann nur im Frack.“

Violet lachte. Jack hieß eigentlich Jacqueline, aber so nannten sie nicht mal die Lehrer in der Schule. Ein Mädchenname passte einfach nicht zu ihr. Sie kleidete sich wie ein Junge, liebte Fußball und hasste alles, was glitzerte oder rosa war.

Ihr Zwillingsbruder Zack war das genaue Gegenteil. Er fand es total bescheuert, stundenlang hinter einem Ball herzurennen. Da saß er lieber zu Hause und malte oder dachte sich lustige Abenteuergeschichten aus oder klebte Sticker in ein Album.

Violet spielte gerne draußen mit Jack und drinnen mit Zack, aber am allerliebsten machte sie etwas mit beiden gemeinsam. Wie jetzt gerade.

„Olli und die anderen Jungs vom Fußball bauen oben am Bach einen Staudamm“, wechselte Jack das Thema. „Sollen wir mal gucken, wie weit sie gekommen sind?“

„Wir sehen doch schon von hier aus, dass sie nicht weit gekommen sind“, sagte Zack. „Wenn der Staudamm fertig wäre, würde ja kein Wasser mehr fließen.“ Er zeigte auf den funkelnden Bach, der unter ihnen dahinplätscherte.

„Sie haben ja vorhin erst angefangen“, entgegnete Jack.

„Ich muss gleich nach Hause.“ Violet seufzte. „Tante June und Onkel Nick wollen mit mir reden.“

„Ach du Schreck!“, entfuhr es Jack. „Hast du was angestellt?“

Violet schüttelte den Kopf. „Glaub nicht.“

„Es ist nie gut, wenn die Erwachsenen mit einem reden wollen“, erklärte Zack. „Wann musst du denn zu Hause sein?“

„Um fünf. Tante June wartet bestimmt schon. Sie war heute nicht bei der Arbeit.“

„Ist sie krank?“, fragte Jack.

Violet zuckte mit den Schultern. „Sie hat gesagt, dass sie zu Hause bleibt, weil sie Bauchschmerzen hat. Aber ich glaube, es ist wegen Mr Whittle.“ Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern, obwohl niemand außer ihren Freunden in der Nähe war. „Er ist immer so gemein zu ihr.“

„Aber das ist doch nichts Neues“, meinte Zack. „Mr Whittle ist zu allen Leuten gemein. Sogar zu seinen Kunden.“

„Ich glaube, in letzter Zeit ist er noch gemeiner geworden als früher“, sagte Violet. „Tante June hat immer richtig schlechte Laune, wenn sie von der Arbeit in der Bank nach Hause kommt.“ Sie verdrehte die Augen. „Ich geh dann mal lieber.“

„Hoffentlich wird es nicht zu schlimm“, sagte Jack.

June und Nick Berry waren Violets Pflegeeltern. Ihre echte Mama starb bei einem Verkehrsunfall, als Violet ein Jahr alt war. Danach hatten Tante June und Onkel Nick Violet bei sich aufgenommen. Und gleich vom ersten Tag an hatten sie Violet geliebt wie ihr eigenes Kind.

Seit Violet denken konnte, arbeitete Tante June in der Bank von Mr Whittle und Onkel Nick war Lastwagenfahrer. Meistens war er die ganze Woche unterwegs in England und Schottland und manchmal sogar in Frankreich, aber hin und wieder nahm er sich eine Auszeit und blieb zu Hause. Dann machte er für alle Frühstück und Abendessen, wusch die Wäsche, staubsaugte, ölte quietschende Türen, wechselte Glühbirnen, spielte auf seinem Akkordeon, sang Seemannslieder und veranstaltete Blödsinn mit Violet.

Gerade war mal wieder so eine Auszeit. Normalerweise waren das Violets Lieblingswochen, weil es dann immer so gemütlich und lustig war. Aber in letzter Zeit war es weder gemütlich noch lustig bei ihnen gewesen. Tante June war mit schlechter Laune aus der Bank gekommen und zu Hause wollte sie ihre Ruhe haben. Bloß keine Seemannslieder, bloß kein lautes Gelächter, bloß keinen Blödsinn hören.

Vorgestern hatte sie Violet sogar angeschrien, nur weil sie ihr Saftglas aus Versehen umgeschmissen hatte. Danach hatte sich Tante June bei ihr entschuldigt, aber als Violet abends im Bett war, hatte sie mitbekommen, wie sich ihre Pflegeeltern stritten. Das taten sie sonst nie.

Vielleicht wollten sich Tante June und Onkel Nick ja scheiden lassen. Dieser Gedanke tauchte plötzlich in Violet auf, als sie in die Straße einbog, in der die Berrys wohnten. Sie versuchte, ihn zu verdrängen, weil das natürlich totaler Blödsinn war. Tante June und Onkel Nick liebten sich doch. Oder etwa nicht?

Sie musste an Keira aus ihrer Klasse denken. Ihre Eltern hatten sich vor ein paar Monaten scheiden lassen und Keira war aus allen Wolken gefallen, als sie ihr diese Entscheidung mitgeteilt hatten. Vielleicht würde Violet auch gleich aus allen Wolken fallen.

Als sie in die Küche trat, wo Onkel Nick gerade Tee kochte und Tante June die Topfpflanzen goss, war sie so nervös, dass ihre Knie zitterten. Sie setzte sich schnell auf die blaue Küchenbank, damit es nicht auffiel.