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Der magische Blumenladen 10 - Ein Brief voller Geheimnisse

Plitsch!

„Plitsch!“, trällerte Lady Madonna. „Platsch, pling, plotsch!“

„Du machst mich ganz verrückt!“, schimpfte Violet. „Wenn du jetzt nicht endlich damit aufhörst, bring ich dich nach unten in den Laden und steck dich wieder in den Käfig.“

„Du, du, du, du, du!“ Der türkisfarbene Wellensittich breitete seine Flügel aus und flatterte zur Sicherheit auf die Vorhangstange, wo Violet ihn nicht erreichen konnte. Mit schief gelegtem Kopf blinzelte er zu ihr hinunter. „Platsch!“

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Violet hielt sich die Ohren zu.

Sie ärgerte sich, dass sie Lady Madonna mit nach oben in Tante Abigails Wohnung genommen hatte. Hier konnte der Wellensittich frei herumfliegen, während Violet ihre Hausaufgaben machte. Aber leider konnte Violet ihre Hausaufgaben nicht machen, weil sie sich nämlich kein Stück konzentrieren konnte.

Draußen regnete es in Strömen und Lady Madonna imitierte das Geräusch der Tropfen, die gegen die Fensterscheibe der Küche klatschten.

„Plitschi-plitschi-plotsch!“, zwitscherte sie. „Plotsch!“

Lord Nelson, Tante Abigails honigfarbener Kater, hatte ebenfalls genug davon.

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Mit einem leisen Fauchen sprang er von der Fensterbank, auf der er gelegen hatte, und verzog sich in Richtung Wohnzimmer.

„Bye-bye!“, rief ihm Lady Madonna nach.

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Für einen Wellensittich konnte sie super sprechen. Allerdings tat sie das auch ohne Unterlass.

Tante Abigail bereute es inzwischen zutiefst, dass sie ihr das Sprechen beigebracht hatte, weil Madonna mit ihren ständigen Kommentaren allen auf die Nerven ging.

Aber heute war Tante Abigail beim Friseur und bekam das Gezwitscher nicht mit. In einer halben Stunde würde sie mit einer hübschen Frisur und Duft in den Haaren zurückkommen – und wäre überhaupt nicht begeistert, wenn sie feststellen müsste, dass Violet in der Zwischenzeit so gut wie gar nichts geschafft hatte.

Die Hausaufgaben, die sie machte, waren nämlich nicht für die Schule, sondern für Tante Abigails Geheimunterricht.

Kaum jemand in Rivenhoe wusste, dass Tante Abigail eine Blumenzauberin war und dass in dem kleinen Garten hinter dem Haus magische Pflanzen wuchsen, mit denen sie viele wundersame Dinge vollbringen konnte.

Violet selbst hatte auch nur zufällig davon erfahren und danach hatte sie ihre Tante angefleht, dass sie ihr das Blumenzaubern beibrachte.

Irgendwann hatte Abigail nachgegeben und seitdem bekam Violet zweimal in der Woche magischen Unterricht bei ihr.

Das Ganze war jedoch nicht halb so lustig, wie Violet sich das vorgestellt hatte. Die Namen der Zauberblumen waren furchtbar kompliziert, genauso wie die magischen Rezepte, die in Tante Abigails zitronengelbem Blumenbuch standen. Und wenn man sich auch nur ein klitzekleines bisschen vertat, hatte das schwerwiegende Folgen.

Ein Tropfen Bitterampferöl auf einen Esslöffel Stechapfelsaft half zum Beispiel gegen Sodbrennen. Zwei Tropfen sorgten dagegen für schreckliche Blähungen. Manchmal begann Violets Kopf beim Lernen fast zu rauchen.

„Tropf, klopf, plopf!“, sang Lady Madonna. „Regen bringt Segen.“

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„Ruhe!“ Violet schleuderte ihren Radiergummi nach ihr. Aber weil sie so schlecht im Werfen war, prallte er meterweit neben dem Wellensittich an die Decke, bevor er zu Boden plumpste.

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„Hoppla!“, zwitscherte Lady Madonna und sah ihm verwundert nach.

„Halt den Schnabel!“, zischte Violet. „Bis Tante Abigail zurück ist, muss ich sämtliche Mitglieder der Knallerbsenfamilie auswendig können. Und die ist echt groß.“

„Guten Appetit!“, erklärte Lady Madonna. „Plitsch, platsch, plotsch!“

„Weißt du was?“ Violet schnappte sich ihr Heft und stand so plötzlich auf, dass ihr Stuhl nach hinten kippte und zu Boden knallte. „Ich hab genug von der Plitscherei. Ich geh jetzt zu Nelson ins Wohnzimmer, da hab ich wenigstens meine Ruhe.“

„Plitsch?“ Lady Madonna schlug aufgeregt mit den Flügeln. Allein wollte sie auch nicht in der Küche bleiben. Aber Violet hatte den Raum bereits verlassen und zog die Tür fest hinter sich zu.

Puh! Endlich Stille. Sie atmete erleichtert auf.

„Schade, schade, jammerschade!“, hörte sie Madonnas betrübte Stimme hinter der geschlossenen Tür.

„So schade nun auch wieder nicht“, sagte Violet.

Lord Nelson lag auf dem Sofa und schnarchte. Schlafen war ja auch das Beste, was man an einem Tag wie diesem tun konnte.

Seit dem frühen Morgen schüttete es wie aus Kübeln. Violet war schon dreimal nass geworden: als sie zur Schule gegangen war, auf dem Nachhauseweg und dann noch mal auf dem Weg zum Blumenladen.

Dabei war es Ende Mai!

Sie ließ sich neben dem Kater aufs Sofa fallen, schlug ihr Heft wieder auf und starrte auf die Seite, auf der sie sich die elf Knallerbsensorten notiert hatte. Unter jedem Namen standen die besonderen Merkmale und Wirkungsweisen der verschiedenen Erbsen. All das sollte sie auswendig lernen und bis jetzt konnte sie noch gar nichts.

Seufzend blickte sie auf den ersten Eintrag:

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„Plitsch!“, drang Lady Madonnas Stimme aus der Küche.

Mist, sie war auch hier im Wohnzimmer zu hören!

Violet steckte sich die Finger in die Ohren und wandte sich dem nächsten Eintrag zu.

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Violet gähnte. Am liebsten hätte sie sich wie Lord Nelson in die kunterbunten Kissen gekuschelt, die auf dem Sofa lagen, und ebenfalls ein bisschen geschlummert.

Wenn sie in der Schule so durchhingen, machte Mrs Bachelor immer ein paar Turnübungen mit ihnen, damit sie wieder in Schwung kamen. Vielleicht sollte Violet das jetzt auch mal probieren.

Sie legte das Heft wieder weg und stand auf.

„Plotsch! Klatsch! Tripf! Tripf!“ Lady Madonna hatte immer noch nicht aufgegeben.

Violet erhob sich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme zur Decke. Dann zog sie das rechte Bein nach oben wie eine Ballerina. Mrs Bachelor hatte sie in der letzten Stunde sehr dafür gelobt, wie hoch sie das Bein heben konnte.

Ich könnte zum Ballett gehen, dachte Violet und stellte sich vor, wie sie im Scheinwerferlicht auf einer Bühne stand und vor ihr tobte und jubelte das Publikum. Ohne das Bein zu senken, warf Violet ein Kusshändchen in den Saal, und das war ein Fehler. Sie fiel nämlich um.

Aber wenn man etwas in Tante Abigails Wohnzimmer nicht tun durfte, dann war es umfallen. Das Zimmer war unglaublich vollgestopft. Neben dem Sofa stand eine Stehlampe und davor war ein Tischchen, auf dem sich Bücher, eine Vase mit Frühlingsblumen, vier Bilderrahmen, ein Kaktus und ein Teller mit Kuchenkrümeln befanden. Links davon war das Regal, das ebenfalls bis zum Bersten gefüllt war. Genau wie das Fensterbrett, die Ablage über dem Kamin und der Schrank neben der Tür.

Violet plumpste haarscharf an der Stehlampe vorbei und versuchte, sich am Regal festzuhalten. Sie bekam aber nur eine mit Veilchen bedruckte Schachtel zu fassen, die prompt vom Brett rutschte und zu Boden fiel, genau wie Violet.

Da lag sie nun, inmitten von Briefen, Bildern, Zeichnungen und Fotos.

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Von dem Knall und dem Geraschel war Lord Nelson aufgewacht. Mürrisch öffnete er eines seiner türkisfarbenen Augen und sah Violet an.

„Sorry“, sagte sie.

„Mau“, machte der Kater.

„Hilfst du mir beim Aufräumen?“, fragte Violet.

Da machte Nelson das Auge schnell wieder zu. Na super.

„Plitsch!“, rief Lady Madonna von nebenan. „Bitte schön? Danke schön?“

Wahrscheinlich hätte der Wellensittich liebend gerne mit aufgeräumt, wenn Violet ihn nur aus der Küche befreit hätte. Nein danke, dann machte Violet es lieber allein.

Sie sammelte die Blätter ein, die sich über Tante Abigails himmelblauen Teppichboden verteilt hatten. Da war ein Foto von Violet und ihrem kleinen Bruder Rudy, kurz nachdem er auf die Welt gekommen war. Sein Köpfchen war genauso rot wie Violets Haare. Und eine Speisekarte aus dem Fish-and-Chips-Laden*. Violet lief sofort das Wasser im Mund zusammen.

* Fish and Chips: panierter Fisch mit Pommes. Typisch englisch und Violets Lieblingsessen!

Sie griff nach den nächsten Zetteln. Eine Einladung zu einer Hochzeit, die vor zehn Jahren stattgefunden hatte. Eine Eintrittskarte ins Kino. Stürme der Leidenschaft.

Wenn sie so weitermachte und jedes Blatt begutachtete, bevor sie es zurück in die Kiste legte, wäre sie bis Mitternacht mit Aufräumen beschäftigt. Dabei musste sie doch die Knallerbsensorten auswendig lernen.

Entschlossen raffte sie einen ganzen Stapel Papier zusammen und wollte ihn soeben in die Veilchenschachtel verfrachten, als ihr Blick auf die oberste Seite fiel. Es war ein Brief.

Liebste Lilly, stand da in einer schönen, schwungvollen Handschrift.

Violet spürte, wie ihr Herz schneller zu klopfen begann. Lilly – das war Tante Abigails Schwester und Violets leibliche Mama, die Violet allerdings nie kennengelernt hatte. Als sie gerade mal ein Jahr alt gewesen war, war ihre Mama bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Deshalb hatten Tante June und Onkel Nick Violet zu sich genommen und aufgezogen. Das war ein Riesenglück, man konnte sich nämlich keine besseren Eltern vorstellen als die Berrys. Tante June und Onkel Nick liebten Violet genauso wie Rudy, den Tante June selbst geboren hatte. Und Violet liebte ihre Adoptiveltern ebenfalls sehr, auch wenn es ein bisschen öfter Fish and Chips geben könnte.

Über ihre richtige Mama wusste sie nur wenig.

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