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Der magische Blumenladen 6: Eine himmelblaue Überraschung

Meeresluft und Kokosnüsse

Das hellblaue Kuvert wurde durch den Briefschlitz in der Ladentür geschoben. Es segelte einen Moment lang durch die Luft und landete mitten im Blumenladen, direkt vor Violets Füßen.

„Hoppla!“ Sie bückte sich, um den Brief aufzuheben. „Was kommt denn da angeflogen?“

An Miss Abigail, stand in schwungvoller Schrift auf dem Umschlag. Persönlich! Und daneben stand in goldenen Buchstaben das Wort Hauptgewinn.

Violets Herz begann schneller zu schlagen. Was Tante Abigail wohl gewonnen hatte? Am liebsten hätte Violet den Brief sofort aufgerissen, aber er war ja leider nicht für sie.

„Schau doch mal!“, zwitscherte Lady Madonna, Tante Abigails türkisgrüner Wellensittich, im Käfig über der Ladenkasse. „Bitte schön! Danke schön!“

Seit Tante Abigail dem Vogel das Sprechen beigebracht hatte, plapperte und plauderte er den lieben langen Tag und ging allen damit mächtig auf die Nerven.

Violet hielt das edle Kuvert an die Nase und schnupperte daran. Der Brief duftete nach salziger Meeresluft und Kokosnüssen. Ein wunderbarer, rätselhafter Geruch.

„Hoffentlich kommt Tante Abigail schnell zurück“, sagte Violet, „sonst platze ich noch vor Neugier.“

Ihre Tante war in die Konditorei von Mrs Blue gegangen, um Marzipanhörnchen zu kaufen. Violet sollte in der Zwischenzeit auf den Laden aufpassen und Blumen verkaufen, falls Kundschaft kam.

„Lass dir ruhig Zeit!“, hatte sie ihrer Tante noch hinterhergerufen.

Denn heute war Mittwoch, da hatte Violet nach der Schule Spezialunterricht im Blumenladen. Ihre Tante bildete sie nämlich heimlich zur Blumenzauberin aus, obwohl Violet eigentlich noch viel zu jung dafür war. Als Tante Abigail ihr eröffnet hatte, dass sie schon jetzt mit der Ausbildung beginnen dürfe, hatte Violet vor Freude gejubelt. Aber inzwischen wusste sie, dass Blumenmagie mindestens genauso schwer zu lernen war wie Klavierspielen oder Seiltanzen. Vor allem, wenn man Abigail als Lehrerin hatte.

So nett und großzügig Violets Tante normalerweise war, so streng war sie in den Unterrichtsstunden. Wenn Violet einer der schwierigen Blumennamen nicht auf Anhieb einfiel, wenn sie bei den Mengenangaben der magischen Rezepte einen klitzekleinen Fehler machte oder bei ihren Hausaufgaben ein winziges bisschen schluderte, dann musste sie noch mal von vorn anfangen.

Manchmal begann ihr Kopf vor Anstrengung fast zu rauchen – und deshalb war sie froh um jede Pause. Wie heute zum Beispiel, als Tante Abigail eingefallen war, dass es bei Mrs Blue frische Marzipanhörnchen gab. Und weil die meistens im Handumdrehen ausverkauft waren, war sie gleich losgelaufen, um ein paar zu holen.

Violet drehte den Brief um und las den Absender auf der Rückseite.

Königliche Lotterie von England, stand da. Buckingham Palace, London. Darunter war eine goldene Krone abgedruckt.

Nun war sie noch gespannter als vorher. Eine Gewinnbenachrichtigung, die nach Meeresluft und Kokosnüssen duftete und von der Königin persönlich kam. Oder zumindest aus ihrem Palast. So etwas bekam man nicht alle Tage.

Oben an der linken Ecke war der Briefumschlag leicht eingerissen, sodass man hineinschauen konnte.

Violet linste angestrengt durch den Riss, aber außer zartblauem Briefpapier war leider nichts zu erkennen.

„Herzlichen Glückwunsch!“, flötete Lady Madonna, die in ihrem Käfig ebenfalls den Hals reckte, um zu sehen, was Violet in den Händen hielt.

Dann fuhren sie beide zusammen, weil die Glocke über der Tür laut zu bimmeln begann. Jemand musste die Ladentür voller Schwung aufgestoßen haben.

„Ach du Schreck!“, zwitscherte Lady Madonna. „Ist das ein Überfall?“

„Genau! Geld oder Leben!“, schrie Jack, die jetzt in den Laden stürmte. Sie formte ihre rechte Hand zu einer Pistole und zielte damit auf den Vogelkäfig.