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Der magische Blumenladen 7: Das verhexte Turnier

Olé, olé, olé, olé!

„Noch ein Brötchen, Jack?“, fragte Violet ungläubig. „Du hattest doch schon zwei.“

„Ich würde mich an deiner Stelle vor dem Spiel nicht so vollstopfen“, sagte Zack.

„Es dauert doch noch über zwei Stunden, bis wir endlich loslegen.“ Jack griff nach dem Honigglas. „Bis dahin ist mein Magen längst wieder leer.“

„Bist du denn nicht nervös?“ Violet schenkte sich eine Tasse Kakao ein. „Ich würde sterben vor Aufregung.“

Sie war gleich nach dem Aufstehen zum Haus der Dumplings gerannt, um mit ihren Freunden Jack und Zack zu frühstücken. Danach würde Jack mit ihrer Fußballmannschaft gegen das Team der Nachbarstadt Walton antreten. Es war das Halbfinale im Turnier der Städte, das jedes Jahr im Frühling stattfand. Zack und Violet spielten nicht mit, aber sie wollten das Rivenhoe-Team natürlich anfeuern.

„Ach Quatsch!“ Jack träufelte Honig auf ihr Brötchen. „Warum sollte ich aufgeregt sein? Wir gewinnen sowieso.“

„Eure Chancen stehen nicht schlecht“, gab Zack zu. „Beim letzten Mal habt ihr die Waltons sieben zu null besiegt.“

„Heute schießen wir noch mehr Tore. Olli hat die Waltons im Training gesehen. Das sind totale Luschen.“ Jack biss mit großem Genuss in ihr Brötchen.

Sie hatte allen Grund zur Zufriedenheit. Bis jetzt hatte ihre Mannschaft noch kein Spiel verloren und das lag vor allem an ihr. Jack war nämlich eine unglaubliche Stürmerin. Seit sie für Rivenhoe spielte, war das Team im ganzen Land gefürchtet.

„Und was ist mit den Blauen?“, fragte Zack. „Die sollen echt gefährlich sein, hab ich neulich gehört.“

Die Blauen waren die Fußballmannschaft aus der Nachbarstadt Bluestedt. Auch sie standen im Halbfinale, und wenn sowohl Rivenhoe als auch Bluestedt gewannen, würden sie am nächsten Sonntag gegeneinander spielen.

„Hm.“ Jack zuckte mit den Schultern. „Die werden wir auch vom Platz fegen. Klaromat.“ Aber nun klang sie nicht mehr ganz so siegessicher.

„Hast du die Blauen schon einmal spielen sehen?“, fragte Violet. „Olli hat erzählt, dass die immer gewinnen – wie ihr.“

„Nee, keiner von uns hat sie bisher gesehen. Die Spiele finden ja gleichzeitig statt und das Training der Blauen ist megageheim.“ Jack runzelte die Stirn.

Genau wie ihr Bruder Zack auf der anderen Seite des Tisches.

Die Zwillinge glichen sich wie ein Ei dem anderen. Beide waren schlaksig und hatten kurze blonde Strubbelhaare.

Abgesehen von ihrem Aussehen waren sie aber vollkommen unterschiedlich. Jack, die in Wirklichkeit Jacqueline hieß, liebte Fußball und war die totale Sportskanone. Zack dagegen bastelte viel, machte Geduldsspiele oder löste knifflige Rätsel.

Violet kickte gerne mit Jack und puzzelte mit Zack, aber am liebsten spielte sie mit beiden Geschwistern zusammen. Die Zwillinge waren nämlich ihre besten Freunde.

„Ich hab eine Idee“, sagte Zack jetzt. „Vielleicht schauen wir euch heute lieber nicht zu.“

„Was?“ Jack sah ihn entgeistert an. „Aber warum denn nicht?“

„Die Blauen spielen um elf auf dem Schulsportplatz“, meinte Zack. „Wie wär’s, wenn wir da hingehen? Dann können wir euch sagen, wie die so drauf sind.“

Jack verdrückte den Rest ihres Brötchens.

„Das ist gar nicht so doof“, erklärte sie mit vollem Mund. „Guckt mal, wer von denen gefährlich ist, wie die Verteidigung aufgebaut ist und all so was.“

„Wir filmen das Ganze einfach, dann kannst du es dir nachher ansehen!“, rief Violet. „Ich frage Onkel Nick, ob ich unsere Videokamera mitnehmen darf. Die ist nämlich total super, viel besser als jedes Handy.“

„Das wäre spitze.“ Jack nickte begeistert. Danach ließ sie ihren Blick über den Frühstückstisch schweifen. „Ich glaub, ich ess lieber noch ein Brötchen. Und ein Ei. Nicht dass ich während dem Spiel vor Hunger zusammenklappe.“

Nach dem Frühstück musste Jack zum Fußballplatz und Zack und Violet machten sich auf den Weg zu den Berrys, um die Videokamera zu holen.

„Am Samstag haben Jack und ich Geburtstag“, sagte Zack.

„Ich weiß“, sagte Violet. „Und? Feiert ihr?“

Zack nickte. „Wir machen eine Fußballparty. Jack hat die ganze Mannschaft eingeladen.“

„Super. Und wen lädst du ein?“

„Dich“, sagte Zack. „Kommst du?“

„Na klar“, sagte Violet. „Ich habe auch schon eine Idee, was ich euch schenke. Eine Riesenportion von Onkel Nicks Superspezialglückspunsch. Der ist total lecker!“

„Klingt super“, fand Zack. „Glück kann man immer brauchen. Und Mum backt Pizza.“

„Das passt prima zu dem Glückspunsch“, sagte Violet.

Tante June öffnete ihnen die Tür. Sie sah aus, als ob sie sich einen Fußball unters Kleid gestopft hätte, sie war nämlich schwanger und würde bald ein Baby bekommen.

„Klar könnt ihr die ausleihen“, sagte sie, als Violet sie nach der Kamera fragte. „Wir schauen uns das Spiel natürlich auch an. Wir können ja gleich zusammen los.“

„Nee, wir gehen heute zur Konkurrenz“, erklärte Zack. „Wir müssen spionieren.“

„Dann passt bloß auf, dass ihr alles richtig filmt“, sagte Tante June. „Wir wollen doch, dass unsere Jungs Champions werden.“

„Das werden sie auch ohne Video.“ Onkel Nick trat aus dem Wohnzimmer. Er trug einen grün-pink-gestreiften Schal, denn Grün und Pink waren die Farben von Jacks Team.

„Hallo, Violet und Zack.“ Hinter ihm kam Tante Abigail in den Flur. Sie hatte eine grün-pinke Mütze auf, die auf ihren knallroten Haaren nur so leuchtete.

Violets Haare hatten genau die gleiche Farbe. Und genau wie bei Tante Abigail kringelten sich auch ihre roten Locken in alle Richtungen und waren nicht zu bändigen.

Als Tante Abigail vor einiger Zeit plötzlich in Rivenhoe aufgetaucht war, um hier ihren Blumenladen zu eröffnen, hatte sie keine Geburtsurkunde gebraucht, um zu beweisen, dass sie mit Violet verwandt war. Man sah es auf den ersten Blick. An den Haaren, aber auch an den zahllosen Sommersprossen, die den beiden auf der Nase, auf den Wangen, auf den Armen, Beinen und sogar auf den Zehen herumtanzten.

„Hallihallo!“ Violet gab Tante Abigail einen Kuss. „Kommst du auch mit zum Spiel? Und wer passt in der Zwischenzeit auf den Blumenladen auf?“

„Den hab ich geschlossen. Heute kauft eh keiner Blumen, die ganze Stadt guckt doch Fußball.“ Tante Abigail seufzte leise. „Lady Madonna war supersauer, weil sie nicht mitdurfte. Sie ist schon seit Tagen im Fußballfieber.“

„Warum hast du sie denn nicht mitgenommen?“, fragte Zack. „Sie hätte doch keinen gestört.“

„Doch. Mich. Ich krieg die Krise, wenn sie mir während des gesamten Spiels die Ohren vollzwitschert. Bin froh, wenn ich mal ein paar Stunden meine Ruhe habe.“

Lady Madonna war Tante Abigails türkisfarbener Wellensittich, dem sie das Sprechen beigebracht hatte. Leider plapperte der Vogel nun pausenlos und ging Tante Abigail fürchterlich auf die Nerven.

„Sie kann mit uns kommen“, sagte Violet. „Also, wenn du nichts dagegen hast.“

„Nein, natürlich nicht. Aber wollt ihr euch das wirklich antun?“

„Na klar“, antworteten Violet und Zack wie aus einem Munde.

„Lass dir von Onkel Nick die Kamera erklären“, sagte Violet dann zu Zack. „Ich flitze zum Blumenladen und hole Lady Madonna. Die wird jubeln!“

Das tat Lady Madonna wirklich. Und zwar ohne Unterlass.

Nachdem sie eine halbe Stunde ununterbrochen „Olé, olé, olé, olé!“ geflötet hatte, klingelten Violet und Zack die Ohren. Und die Leute, die neben ihnen auf der Zuschauerbank saßen, wurden sauer.

„Könnt ihr euren Vogel mal ruhigstellen?“, schimpfte der Mann neben Violet – ganz offensichtlich ein Bluestedt-Fan, denn er war von Kopf bis Fuß blau angezogen.

„Natürlich.“ Violet lächelte ihn entschuldigend an. Dann zischte sie Lady Madonna zu: „Jetzt halt endlich mal den Schnabel, sonst bring ich dich zurück in den Laden!“

„Einer geht noch, einer geht noch rein“, zwitscherte Madonna, allerdings merklich leiser.

Violet war froh, dass sie die Videokamera mitgenommen hatten. Es war schwer, sich bei Lady Madonnas Geplapper und dem Gebrüll der Fans auf das Spiel zu konzentrieren.

Gerade wechselten die Blauen einen Stürmer aus. Ein großer dunkelhaariger Junge mit der Spielernummer zehn kam auf den Platz.

„Boah, der spielt aber gut“, sagte Zack, als der Junge einem Gegner sofort den Ball abnahm.

„Aber auch ziemlich brutal“, meinte Violet, ohne den Blick vom Kameradisplay zu heben. Soeben hatte der Stürmer einen Verteidigungsspieler der gegnerischen Mannschaft angerempelt, der daraufhin der Länge nach hinfiel. Während sich der Verteidiger vor Schmerzen krümmte, rannte die Nummer zehn einfach weiter.

„Ich versteh nicht, warum der Schiedsrichter nicht pfeift!“, rief Zack. „Das war doch …“

Der Rest des Satzes ging in lautem Jubel unter. Die Nummer zehn hatte ein Tor geschossen.

„Nach zwei Minuten – nicht schlecht“, sagte Violet.

„Foul bleibt Foul“, erklärte Zack.

„Olé, olé, olé, olé!“, jubelte Lady Madonna, die grundsätzlich jedes Tor bejubelte. „Schalalalala, schalalalala!“

Violet verdrehte die Augen, aber diesmal wies sie den Wellensittich nicht zurecht. Die Fans der Blauen brüllten schließlich noch viel, viel lauter als Madonna.