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Des Lebens bittere Süße

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Teil Das Tal 1968
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
  8. 2. Teil Der Abgrund 1904-1905
    1. 5
    2. 6
    3. 7
    4. 8
    5. 9
    6. 10
    7. 11
    8. 12
    9. 13
    10. 14
    11. 15
    12. 16
    13. 17
    14. 18
  9. 3. Teil Der Abhang 1905-1910
    1. 19
    2. 20
    3. 21
    4. 22
    5. 23
    6. 24
    7. 25
    8. 26
  10. 4. Teil Die Hochebene 1914-1917
    1. 27
    2. 28
    3. 29
    4. 30
    5. 31
    6. 32
    7. 33
  11. 5. Teil Der Gipfel 1918-1950
    1. 34
    2. 35
    3. 36
    4. 37
    5. 38
    6. 39
    7. 40
    8. 41
    9. 42
    10. 43
    11. 44
    12. 45
    13. 46
    14. 47
    15. 48
    16. 49
  12. 6. Teil Das Tal 1968
    1. 50
    2. 51
  13. Mein Dank

Über dieses Buch

Die Versuchung der Macht

Die junge Emma Harte arbeitet bei den blaublütigen Farleys als Dienstmädchen. Unaufhaltbar verfällt sie einem der Söhne der Familie. Als sie ein Kind erwartet, sieht sie sich der Verachtung der aristokratischen Familie ausgesetzt. Um der Schmach zu entgehen, flieht sie in die Nachbarstadt und gibt ihrem Leben eine neue Wendung: Sie schwört sich, nie wieder von der Gunst eines Gönners abhängig zu sein. Sie will Reichtum – und Rache für die erlittenen Demütigungen.

Über die Autorin

Barbara Taylor Bradford verbrachte ihre Kindheit und Jugend in England. Sie arbeitete als Journalistin, bevor sie im Alter von achtzehn Jahren begann, Kinderbücher zu schreiben. Schon bald folgten Romane, der Durchbruch gelang ihr mit »Des Lebens bittere Süße«. Seitdem hat sie fünfundzwanzig Bücher geschrieben, die allesamt Bestseller wurden. Sie widmet alle Werke ihrem Mann, mit dem sie in New York lebt.

Barbara Taylor Bradford

Des Lebens bittere Süße

Aus dem Englischen von Frank Weyrich und Juscha Zoeller

Der Wert des Lebens liegt nicht in der Länge der Zeit, sondern darin, wie wir sie nutzen. Ein Mensch mag lange leben und doch wenig erfahren. Es hängt nicht von der Zahl der Jahre ab, ob er im Leben Befriedigung findet, sondern allein von seinem Willen.

Montaigne, Essays

Ich habe das Herz eines Mannes, nicht das einer Frau. Und ich fürchte mich nie ...

Elizabeth I., Königin von England

1. Teil
Das Tal
1968

Er wandelt im Tal und erfreut sich seiner Kraft;
Er geht weiter,
um den Männern in Waffen entgegenzutreten.

Hiob

1

Emma Harte beugte sich vor und schaute aus dem Fenster. Der Lear Jet, Privateigentum der Sitex Oil Corporation von Amerika, war jetzt über der dunstigen Wolkendecke und raste nun durch einen blauen Himmel, dessen Helligkeit schmerzhaft in die Augen stach. Geblendet lehnte sich Emma zurück und schloss die Lider. Sekundenlang blieb die Bläue des Himmels hinter ihren Augenlidern gefangen. Plötzlich überfiel sie ein so starkes und unerwartetes Gefühl bittersüßer Sehnsucht, dass sie überrascht den Atem anhielt. Das ist der Himmel auf dem Gemälde von Turner, welches über dem Kamin im Wohnzimmer von Pennistone Royal hängt, dachte sie. Der Himmel von Yorkshire an einem Frühlingstag, wenn der Wind die Nebel über dem Moor vertrieben hat.

Ein feines Lächeln spielte um ihren schmalen Mund und verlieh ihren entschlossenen Zügen eine ungewohnte Sanftheit, als sie an Pennistone Royal dachte. Dieses große Haus über der rauen, öden Moorlandschaft erschien ihr immer wie eine Naturgewalt, erbaut von einem allmächtigen Architekten und nicht von einem Sterblichen. Es war der einzige Platz auf diesem von Gewalt beherrschten Planeten, wo sie Frieden gefunden hatte, unendlichen Frieden, der stets ihr Gemüt besänftigte und ihr neue Kraft gab. Ihr Heim. Diesmal war sie viel zu lange weg gewesen, fast sechs Wochen. Für Emma war das in der Tat sehr lange. Aber in der nächsten Woche würde sie nach London zurückkehren und Ende des Monats nach Norden reisen, nach Pennistone, zu Frieden und Ruhe, ihren Gärten und ihren Enkeln.

Dieser Gedanke erfüllte sie mit grenzenloser Freude, und sie machte es sich in ihrem Sitz bequem. Die Spannung, die sie in den letzten Tagen erfüllt hatte, wich allmählich von ihr. Sie seufzte leise, teils aus Schwäche, teils vor Erleichterung. Sie war wie gerädert von den üblen Kämpfen, die sie in den letzten Tagen während der Vorstandssitzungen der Sitex Corporation hatte durchstehen müssen. Darum war sie jetzt so erleichtert, dass sie Texas verlassen konnte und in die Ruhe ihres eigenen New Yorker Büros zurückkehren durfte. Nicht, dass sie Texas nicht gemocht hätte. Im Gegenteil, sie hatte immer eine starke Zuneigung zu diesem großen Staat gehabt, denn sie sah in seiner rauen Kraft eine gewisse Verwandtschaft zu ihrem heimatlichen Yorkshire. Aber diese letzte Reise hatte sie erschöpft. Ich werde zu alt, um dauernd mit dem Flugzeug in der Welt herumzureisen, dachte sie wehmütig. Dann aber verwarf sie diesen Gedanken, denn er war nicht ehrlich, und Emma Harte war niemals unehrlich zu sich selbst. In Wahrheit fühlte sie sich nicht alt. Sie war nur manchmal etwas müde, besonders dann, wenn sie sich über Narren ärgern musste. Harry Marriott, der Präsident der Sitex, war ein solcher Narr, und er war gefährlich wie alle Narren.

Emma öffnete die Augen und setzte sich ungeduldig auf. Ihre Gedanken kehrten zu den Geschäften zurück. Sie war unermüdlich und besessen, wenn sie an ihre weit verzweigten Unternehmungen dachte, und das tat sie fast immer. Sie schlug die Beine übereinander. Emma Harte hatte etwas Beherrschtes und Königliches an sich. Ihre grünen Augen waren kalt wie Stahl und strahlten eine enorme Kraft aus. Sie hob ihre schmale, kräftige Hand und strich sich mit einer automatischen Bewegung über das gepflegte, silberne Haar. Ebenso untadelig wie ihre Frisur war ihr schlichtes elegantes dunkelgraues Kleid aus Kammgarn, dessen Strenge durch den milchigen Glanz unvergleichlich schöner Perlen und durch die Smaragdnadel an ihrer Schulter gemildert wurde.

Sie blickte zu ihrer Enkelin, die ihr gegenüber saß und sorgfältig Notizen über die Termine in New York machte. Sie sieht erschöpft aus heute morgen, dachte sie. Ich belaste sie zu stark. Sie verspürte ein ungewohntes Schuldgefühl, aber sie schob diesen Gedanken ungeduldig zur Seite. Paula ist jung, sie hält das aus, und es ist das beste Training, das sie haben kann. Emma beruhigte sich und sagte: »Würdest du diesen netten, jungen Steward – John heißt er, nicht wahr? – bitten, mir eine Tasse Kaffee zu machen, Paula? Ich habe ihn heute Morgen dringend nötig.«

Das Mädchen schaute auf. Obwohl sie im eigentlichen Sinne des Wortes nicht schön war, war sie so lebensprühend und fesselnd, dass man sofort von ihr beeindruckt war. Ihr glattes Haar war pechschwarz mit einem auffälligen, dreieckigen Ansatz in der Mitte der Stirn. Das Gesicht war so klar und strahlend, als sei es aus einem geschliffenen Marmorstein gemeißelt. Dieses ovale Gesicht mit den ausgeprägt hohen Wangenknochen und den langen, geschwungenen Augenbrauen war offen und ausdrucksvoll. Das Kinn zeigte eine Andeutung von Emmas Energie. Das schönste aber waren die Augen. Sie waren groß, intelligent und so kornblumenblau, dass sie fast ins Violette hinüberspielten.

Sie lächelte ihre Großmutter hilfsbereit an und sagte: »Natürlich, Omi. Auch ich möchte gerne eine Tasse.« Sie stand auf. Ihr großer, schlanker Körper bewegte sich sehr anmutig. Sie ist so dünn, sagte Emma zu sich selbst, zu dünn für meinen Geschmack. Aber so war sie immer schon gewesen. Ich nehme an, sie ist so geschaffen. Als Kind war sie ein langbeiniges Fohlen, und nun ist sie ein rassiges Rennpferd. Eine Mischung aus Liebe und Stolz ließ Emmas Gesicht erstrahlen, und ihre Augen waren plötzlich voller Wärme, als sie dem Mädchen nachblickte. Sie war ihr Liebling, die Tochter ihrer Lieblingstochter Daisy.

Viele Träume und Hoffnungen Emmas konzentrierten sich auf Paula. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich zu ihrer Großmutter hingezogen gefühlt und auffallende Wissbegierde für die Familiengeschäfte gezeigt. Ihr größtes Vergnügen war es gewesen, mit Emma in ihr Büro zu gehen und bei ihr zu sitzen, wenn sie arbeitete. Als sie noch ein Teenager war, hatte sie ein derart treffsicheres Verständnis für verwickelte Zusammenhänge im Wirtschaftsbereich gezeigt, dass Emma immer wieder erstaunt war, denn keines ihrer eigenen Kinder hatte jemals eine ähnliche Begabung für geschäftliche Angelegenheiten bewiesen. Emma war insgeheim entzückt darüber, aber sie hatte ihre Enkelin stets mit einer gewissen Angst beobachtet und abgewartet, denn sie fürchtete, dass der jugendliche Enthusiasmus eines Tages nachlassen würde. Aber das geschah nicht, im Gegenteil, er wurde stärker. Mit sechzehn Jahren wies Paula den Vorschlag zurück, die Schulausbildung in der Schweiz zu beenden, und begann, für ihre Großmutter zu arbeiten. In den nächsten Jahren trieb Emma Paula schonungslos an. Sie behandelte sie härter und strenger als jeden anderen ihrer Angestellten und führte sie mit großer Ausdauer in alle Bereiche der Harteschen Unternehmungen ein. Jetzt war Paula dreiundzwanzig Jahre alt, und sie war so klug, so fähig und so viel reifer als die meisten Mädchen ihres Alters, dass Emma ihr kürzlich eine bedeutende Stellung in der Harte Organisation übertragen hatte. Sie machte Paula zu ihrer persönlichen Mitarbeiterin – sehr zur Bestürzung und zum Ärger ihres ältesten Sohnes Kit, der ebenfalls für ihre Organisation arbeitete. Als rechte Hand ihrer Großmutter war Paula mit den meisten organisatorischen und privaten Geschäften Emmas vertraut, und als sie es für richtig hielt, wurde Paula auch ihre rechte Hand in Dingen, welche die Familie betrafen, eine Situation, die Kit unerträglich fand.

Das Mädchen kehrte lachend aus der Bordküche zurück. Als sie in ihren Sitz glitt, sagte sie: »Er hatte schon Tee für dich gekocht, Omi. Ich nehme an, er glaubt wie alle anderen, dass die Engländer nur Tee trinken. Ich habe ihm aber gesagt, dass wir lieber Kaffee möchten. Das willst du doch, nicht wahr?«

Emma nickte gedankenverloren. »Gewiss, Liebling.« Sie griff nach ihrer Aktentasche, die auf dem Nebensitz lag, und nahm ihre Brille und einen Stapel Akten heraus, von dem sie Paula eine gab. »Bitte schau dir die Zahlen an. Sie betreffen das New Yorker Warenhaus. Es würde mich interessieren, was du davon hältst. Ich glaube, wir sind dabei, einen großen Schritt weiterzukommen. Wir machen Gewinn.«

Paula schaute sie aus klugen Augen an. »Das ging schneller, als du dachtest, nicht wahr? Du hast aber auch alles sehr gründlich umorganisiert. Das sollte sich jetzt auszahlen.« Sie öffnete interessiert die Akte und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Zahlenkolonnen. Sie hatte Emmas Begabung, eine Bilanz rasch zu lesen und dabei, fast mit einem Blick, ihre Stärken und Schwächen zu erkennen. Sie hatte den Scharfsinn für geschäftliche Dinge von ihrer Großmutter geerbt.

Emma setzte ihre Hornbrille auf und nahm eine große blaue Akte, die Sitex Oil betraf. Als sie die Seiten rasch durchblätterte, huschte der Schatten eines grimmigen Lächelns über ihr Gesicht, und ihre Augen leuchteten zufrieden. Sie hatte gesiegt. Endlich, nach drei Jahren erbärmlicher Streitereien und Intrigen, wie sie sie noch nie erlebt hatte, war Harry Marriott seines Postens als Präsident der Sitex enthoben und in den Aufsichtsrat abgeschoben. Harry war draußen. Der neue Mann, ihr Mann, war nun an seiner Stelle, und die Sitex Oil war sicher. Aber ihr Sieg erfüllte sie nicht mit Freude, denn Emma freute sich nicht über den Sturz eines Menschen, und sie war nicht rachsüchtig.

Zufrieden darüber, dass die Papiere in Ordnung waren, steckte Emma Akte und Brille wieder in die Tasche, lehnte sich in den Sitz zurück und trank ihren Kaffee in kleinen Schlucken. Später nahm sie sich die Unterlagen ihres Pariser Warenhauses vor. Sie begann schon über die Änderungen nachzudenken, die dort vorzunehmen waren. Emma wusste, dass das Warenhaus dabei war, in Schwierigkeiten zu geraten, und ihr Mund zog sich erbittert zusammen, als sie sich auf die verdammten Zahlen konzentrierte.

Paula goss sich eine neue Tasse Kaffee ein und trank langsam, während sie ihre Großmutter aufmerksam betrachtete. Das ist das Gesicht, das ich mein Leben lang gesehen und geliebt habe, dachte sie. Ein Gefühl von Zärtlichkeit überkam sie. Man sieht ihr das Alter wahrhaftig nicht an, auch wenn sie anders darüber denkt.

Sie könnte leicht für eine Frau in den frühen Sechzigern gehalten werden. Paula wusste, dass das Leben ihrer Großmutter hart und häufig qualvoll gewesen war. Aber es war erstaunlich, wie frisch ihr Gesicht immer noch war. Als sie Emma anschaute, wurde Paula klar, dass es vor allem an der edlen Form ihres Kopfes lag. Sie bemerkte die zahlreichen Fältchen um Augen und Mund ihrer Großmutter, und auch die beiden tiefen Linien, die sich von den Nasenflügeln zum Kinn zogen. Aber sie sah auch, dass die Haut der Wangen noch fest war, und die grünen Augen, die so unerbittlich schauen konnten, waren nicht die wässrigen, zittrigen Augen einer alten Frau. Sie waren wach und wissend. Und doch spiegelt sich etwas von ihrem schweren Leben in diesem Gesicht wider, dachte sie, als sie den entschlossenen Mund und die Linien ihres Kinns ansah, die Freude am Kampf verrieten. Paula erkannte, dass ihre Großmutter sehr hart war und unnachgiebige Augen hatte, wie ein Basilisk. Und doch war ihr klar, dass dieses selbstherrliche Aussehen oft gemildert wurde durch verführerischen Charme, Sinn für Humor und frische Natürlichkeit. Und jetzt, da ihre Selbstdisziplin nachließ, sah sie ein verwundbares Gesicht, offen, zart und voller Weisheit.

Paula wusste, dass selbst diejenigen, die ihre Großmutter fürchteten, es kaum ableugnen konnten, dass sie eine Frau von großer Ausstrahlung war, und wenige konnten sich dem Zauber ihrer Persönlichkeit entziehen. Paula hatte ihre Großmutter nie gefürchtet, aber sie wusste, dass die meisten Mitglieder der Familie Angst vor ihr hatten, besonders ihr Onkel Kit. Paula erinnerte sich, wie entzückt sie damals war, als Onkel Kit sie mit Emma verglichen hatte. »Du bist genauso schlecht wie Großmutter«, hatte er gesagt, als sie sechs oder sieben Jahre alt war. Sie hatte nicht ganz verstanden, was er meinte, oder warum er das gesagt hatte, aber aus seinem Gesichtsausdruck hatte sie geschlossen, dass es ein Tadel war. Es war großartig, als so »schlecht wie Großmutter« bezeichnet zu werden, denn das bedeutete sicher, dass auch sie etwas Besonderes wie Großmutter war, und jeder sie fürchtete, so wie jeder ihre Großmutter fürchtete.

Emma schaute von ihren Papieren auf und unterbrach Paulas Gedanken. »Würdest du nach Paris fliegen, wenn wir New York verlassen, Paula? Ich glaube wirklich, ich muss einige Änderungen in der Verwaltung vornehmen, nachdem ich die Bilanzen durchgesehen habe.«

»Ich werde nach Paris fliegen, wenn du es willst, aber ich sage dir die Wahrheit. Ich hatte nämlich vor, einige Zeit in Yorkshire zu verbringen, Omi. Ich wollte dir vorschlagen, dass ich in den Warenhäusern im Norden nach dem Rechten sehe«, sagte Paula mit leichter, ungezwungener Stimme.

Emma war wie vom Donner gerührt und versuchte nicht, ihr Erstaunen zu verbergen. Sie nahm langsam die Brille ab und betrachtete ihre Enkelin interessiert. Das Mädchen wurde unter dem forschenden Blick verwirrt, und ihr blasses, elfenbeinfarbiges Gesicht errötete. Sie schaute zur Seite, senkte die Lider und murmelte: »Nun, du weißt, ich gehe dahin, wo ich am meisten gebraucht werde. Offensichtlich ist es Paris.« Sie saß sehr still und spürte, wie sehr sie ihre Großmutter mit ihrem Plan überrascht hatte.

»Warum bist du so plötzlich an Yorkshire interessiert?«, fragte Emma. »Es kommt mir vor, als ob da oben etwas von unheilvoller Faszination sei! Jim Fairley, nehme ich an«, fügte sie hinzu, womit sie andeutete, dass Paulas rasche Annahme ihres Vorschlags sie nicht hatte täuschen können.

Paula bewegte sich unruhig in ihrem Sitz und vermied den forschenden Blick ihrer Großmutter. Sie lächelte zögernd, errötete noch tiefer, und sagte abwehrend: »Lächerlich. Ich habe nur gedacht, es sei notwendig, in den nördlichen Warenhäusern Inventur zu machen.«

Emma dachte: Ich kann die Gedanken von Paula lesen wie ein Buch. Natürlich ist es Fairley. Laut sagte sie: »Ich weiß, dass du ihn siehst, Paula.«

»Nicht mehr!«, flüsterte Paula. Ihre Augen blitzten, und ihre Lippen bebten. »Ich habe schon vor Monaten aufgehört, mich mit ihm zu treffen!« Noch während sie sprach, bemerkte sie ihren Fehler. Ihre Großmutter hatte ihr eine Falle gestellt, und sie hatte etwas zugegeben, was sie sich geschworen hatte, niemals auszusprechen.

Emma lächelte, aber ihr Blick war stählern. »Sei nicht so aufgeregt. Ich bin nicht verärgert. In Wirklichkeit war ich es nie. Ich habe mich nur gewundert, warum du es mir nie erzählt hast. Du verheimlichst mir doch sonst nie etwas.«

»Erstens habe ich nichts gesagt, weil ich weiß, was du für die Fairleys empfindest. Rache! Und ich wollte dich nicht aus der Fassung bringen. Gott weiß, dass du genug Ärger in deinem Leben hattest, ohne dass ich dir noch mehr bereiten muss. Als ich aufhörte, mich mit ihm zu treffen, gab es keinen Grund mehr, die Sache zu erwähnen. Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen, das war alles.«

»Die Fairleys bringen mich nicht aus der Fassung«, zischte Emma. »Und falls du es vergessen haben solltest, Jim Fairley ist bei mir angestellt, meine Liebe. Ich hätte ihm kaum die Yorkshire Consolidatet Newspaper Company unterstellt, wenn ich kein Vertrauen in ihn gesetzt hätte.« Emma schaute Paula prüfend an und fragte neugierig: »Warum triffst du dich nicht mehr mit ihm?«

»Weil ich ... wir ... er ... weil«, fing Paula an und zögerte dann. Sie fragte sich, ob sie es wagen durfte fortzufahren. Sie wollte ihre Großmutter nicht verletzen. Aber in ihrer listigen Art hat sie die ganze Zeit von unserer Beziehung gewusst, dachte Paula. Das Mädchen holte tief Atem, und da sie wusste, dass sie in der Falle saß, sagte sie: »Ich habe ihn nicht mehr gesehen, weil ich fand, dass ich in Schwierigkeiten kommen würde. Falls ich ihn weiterhin getroffen hätte, hätte es mir schließlich nur Kummer gebracht und ihm auch, ebenso wie dir.« Sie schwieg und schaute zur Seite. Dann fuhr sie mit ruhiger Stimme fort: »Du weißt, dass du nie einen Fairley in der Familie geduldet hättest, Großmutter.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, sagte Emma sehr leise. So war das also, dachte sie. Plötzlich fühlte sie sich unaussprechlich schwach. Ihre Wangen schmerzten, und ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Sie sehnte sich danach, diese dumme und sinnlose Diskussion zu beenden. Emma versuchte Paula zuzulächeln, aber ihr Mund war trocken, und ihre Lippen wollten sich nicht bewegen. Ihr Herz zog sich zusammen, und sie war von einer schmerzenden Traurigkeit erfüllt, von der sie dachte, sie sei schon seit Jahren aus ihrem Herzen gewichen. Dann war die Erinnerung an ihn da, so klar, dass sie sich wie Säure in ihr Hirn einfraß, und ihr Gesicht veränderte sich so jäh, dass ihre Haut sich über den Wangenknochen spannte. Emma sah Edwin Fairley so lebendig, als ob er vor ihr stünde. Und in seinem Schatten stand Jim Fairley, sein Ebenbild. Edwin Fairley, sonst in ihrer Erinnerung kaum fassbar, war nun für immer eingefangen und festgehalten. All die Qual, die er ihr zugefügt hatte, war da, spürbar. Sie war so aufgewühlt, dass sie nicht sprechen konnte.

Paula beobachtete ihre Großmutter aufmerksam, und sie hatte Angst um sie, als sie den traurigen Ausdruck in diesem ernsten Gesicht sah. Emmas Augen blickten leer in den Raum, und ihre Lippen waren zu einer harten, bitteren Linie zusammengepresst. Alle Fairleys sollen verdammt sein, fluchte sie. Sie lehnte sich vor und nahm besorgt die Hand ihrer Großmutter. »Es ist vorbei, Omi. Es war nichts von Bedeutung. Ehrlich. Ich mache mir nichts daraus. Ich will nach Paris fliegen, Omi! Oh, Omi, meine Liebe, schau bitte nicht so. Ich kann das nicht ertragen.« Paula lächelte unsicher, betroffen, ängstlich und versöhnlich. Wut stieg in ihr auf, weil sie zugelassen hatte, dass ihre Großmutter in diese lächerliche Konversation verwickelt wurde, ein Gespräch, das sie monatelang vermieden hatte.

Nach einer Weile schwand der gequälte Ausdruck aus Emmas Gesicht. Sie gewann wieder Kontrolle über sich, indem sie ihren beachtlichen eisernen Willen zu Hilfe nahm, der die Wurzel ihrer Macht und Stärke war. »Jim Fairley ist ein guter Mann. Er ist anders als die übrigen ...«, begann sie. Sie wollte fortfahren und Paula sagen, dass sie ihre Freundschaft mit Jim Fairley fortsetzen könne. Aber es war ihr unmöglich. Sie konnte es nicht. Gestern war heute. Die Vergangenheit war unveränderlich.

»Sprechen wir nicht über die Fairleys. Ich sagte, dass ich nach Paris fliegen will«, beharrte Paula, indem sie die Hand der Großmutter fest drückte. »Du weißt es am besten, und vielleicht sollte ich in jedem Fall das Warenhaus überprüfen.«

»Ich denke, du musst hinüber, Paula, um zu sehen, was los ist.«

»Ich fliege, sobald wir nach London zurückkehren«, sagte Paula rasch.

»Ja, das ist eine gute Idee«, stimmte Emma zu. Sie war glücklich, dass Paula das Gesprächsthema gewechselt hatte, aber sie stand auch instinktiv unter Zeitdruck, wie immer in ihrem Leben. Zeit war für Emma eine kostbare Ware. Zeit hatte sie immer mit Geld gleichgesetzt, und sie wollte sie nun nicht verschwenden, indem sie in der Vergangenheit verweilte und schmerzvolle Ereignisse heraufbeschwor, die vor mehr als sechzig Jahren stattgefunden hatten.

Emma war immer in Eile, um vorwärtszukommen, und sagte nun: »Ich glaube, ich muss direkt ins Büro gehen, wenn wir in New York ankommen. Charles kann das Gepäck in die Wohnung bringen, wenn er uns abgesetzt hat. Ich bin besorgt wegen Gaye, verstehst du. Hast du etwas Besonderes bemerkt, als du mit ihr telefoniert hast?«

Paula saß zurückgelehnt in ihrem Sitz. Sie war wieder entspannt und ruhig, erleichtert darüber, dass das Thema Jim Fairley so rasch abgeschlossen war. »Nein, mir ist nichts aufgefallen. Was meinst du?«

»Ich könnte nichts Genaues sagen«, fuhr Emma gedankenvoll fort, »aber ich spüre instinktiv, dass etwas nicht stimmt. Sie klang während aller Gespräche so beunruhigt. Ich merkte es an dem Tag, als sie von London kam und mich bei der Sitex anrief. Ihre Stimme klang verändert, fandest du das nicht auch?«

»Nein. Allerdings hat sie auch meistens mit dir gesprochen, Großmutter. Ich glaube nicht, dass es mit den Geschäften in London Ärger gibt, nicht wahr?«, fragte Paula beunruhigt.

»Ich hoffe wirklich, dass dies nicht der Fall ist«, antwortete Emma. Es war ihr nicht möglich, die Besorgnis in ihrer Stimme zu verbergen. »Das hätte mir nach der Geschichte mit Sitex gerade noch gefehlt.« Sie trommelte mit den Fingern einen Augenblick lang auf den Tisch und sah dann aus dem Fenster. Ihre Gedanken waren wohl bei ihren Geschäften und ihrer Sekretärin, Gaye Sloane.

Mit ihrem scharfen, berechnenden Verstand erwog sie alles, was in London schiefgelaufen sein könnte, gab es dann aber auf. Alles Mögliche konnte geschehen sein, und es war sinnlos, Vermutungen anzustellen. Auch das war Zeitverschwendung.

Sie wandte sich an Paula und verzog das Gesicht. »Wir werden es früh genug erfahren, meine Liebe. Wir landen in Kürze.«

2

Die amerikanischen Büros der Harte Enterprises lagen über sechs Stockwerke verteilt in einem modernen Bürohaus in der Park Avenue. Wenn die englische Warenhauskette, die Emma vor Jahren gegründet hatte, das sichtbare Symbol ihres Erfolges war, so waren die Harte Enterprises der Kern. Es war eine gewaltige Organisation, die ihre Zweige über die halbe Welt ausstreckte. Sie kontrollierte Kleiderfabriken, Walkmühlen, Grundbesitz, eine Einzelhandelsgesellschaft in England und riesige Anteile an anderen wichtigen englischen Gesellschaften.

Als ursprüngliche Gründerin dieser Gesellschaft besaß Emma immer noch 100 Prozent der Anteile an den Harte Enterprises, und sie standen allein unter ihrer Kontrolle, ebenso wie die Warenhauskette, die ihren Namen trug. Es gab Filialen in Nordengland, London, Paris und New York. Harte Stores war eine Aktiengesellschaft. Emma besaß die Aktienmehrheit und war Verwaltungsratsvorsitzende. Zu dem vielfältigen Besitz der Harte Enterprises gehörten Grundstücke, Kleiderfabriken und Aktienanteile an anderen Industrien in Amerika.

Obwohl Harte Stores und Harte Enterprises ein Millionenvermögen darstellten, waren sie nur ein Teil ihres Besitzes. Neben einem Anteil von 40 Prozent der Aktien der Sitex Oil Corporation of America besaß sie in Australien Grundstücke, Erz- und Kohlengruben und die größte Schafzucht von New South Wales. In London kontrollierte sie eine kleine, aber sehr reiche Gesellschaft, die E. H. Incorporated, ihr privates Kapital und ihren Grundbesitz.

Es war Emma zur Gewohnheit geworden, mehrmals im Jahr nach New York zu reisen. Sie befasste sich aktiv mit allen Bereichen ihres Wirtschaftsimperiums, und obwohl sie ihren höchsten Angestellten kein eigentliches Misstrauen entgegenbrachte – denn sie vertraute auf ihr gesundes Urteilsvermögen, wenn sie jemanden auswählte –, so besaß sie doch die typische, misstrauische Wachsamkeit der Leute von Yorkshire. Es war ihr angeboren, nichts dem Zufall zu überlassen, und sie glaubte auch, es sei sehr wichtig, dass man sie von Zeit zu Zeit in New York wusste.

Jetzt, als der Cadillac, welcher sie am Kennedy Airport abgeholt hatte, vor dem Wolkenkratzer hielt, der die Büros ihrer Gesellschaft beherbergte, kehrten Emmas Gedanken zu Gaye Sloane zurück. Emma hatte Gayes Nervosität schon beim ersten Telefongespräch bemerkt, als sie von London angekommen war. Zunächst hatte sie geglaubt, sie sei auf den anstrengenden Transatlantikflug zurückzuführen, aber Gayes Unruhe hatte sich in den letzten Tagen eher verstärkt. Emma hatte das Zittern in Gayes Stimme bemerkt, ihre knappe Art und ihren offensichtlichen Drang, die Telefonate so schnell wie möglich zu beenden. Das verblüffte Emma nicht nur, sondern beunruhigte sie ernsthaft. Gaye verhielt sich völlig ungewöhnlich. Emma erwog die Möglichkeit, dass ihre Sekretärin persönliche Probleme habe. Aber sie verwarf diesen Gedanken wieder, da sie Gaye zu gut kannte. Instinktiv wusste Emma, dass sie ein geschäftliches Problem hatte, etwas, was von großer Bedeutung war und was sie aufs äußerste bewegte. Sie beschloss, das Gespräch mit Gaye an die erste Stelle ihrer Tagestermine zu setzen.

Emma fröstelte, als sie den Wagen verließen. Es war ein rauer Januartag, und obwohl die Sonne schien, blies ein scharfer Wind vom Atlantik. Sie konnte sich kaum an eine Zeit erinnern, in der sie nicht diese Eiseskälte im ganzen Körper gespürt hatte. Es war, als ob der Frost von ihr Besitz ergriffen hätte und ihr Blut gefroren war. Diese starre, quälende Kälte war während ihrer Kindheit in ihren Körper eingedrungen und hatte sie seitdem kaum verlassen – weder unter tropischer Sonne noch vor einem heißen Kaminfeuer, nicht einmal in den zentralgeheizten Räumen in New York, die sie gewöhnlich erstickend fand. Sie hustete, denn sie hatte sich vor der Abreise nach Texas erkältet, und diese Erkältung hatte sich in ihrer Brust festgesetzt, quälte sie mit einem trockenen Husten, der ständig wieder auftrat. Als sie in das Haus kamen, war Emma ausnahmsweise einmal dankbar für die Backofenhitze in ihren Büros. Sie fuhren mit dem Aufzug in das 30. Stockwerk, wo ihre eigenen Räume lagen. »Ich glaube, es ist besser, wenn ich sofort mit Gaye spreche, allein«, sagte Emma, als sie den Aufzug verließen. »Du kannst inzwischen mit Johnston die Bilanzen des New Yorker Warenhauses prüfen«, schlug sie vor.

Paula nickte. »Gut. Ruf mich, wenn du mich brauchst, Großmutter. Ich hoffe, es ist alles in Ordnung.« Paula wandte sich nach links, als Emma zu ihrem eigenen Büro schritt.

Emma lächelte die Empfangsdame an und tauschte einige freundliche Grüße mit ihr, bevor sie die Doppeltür durchschritt, die in ihre persönliche Domäne führte. Sie schloss die Tür fest hinter sich, denn sie schätzte den amerikanischen Brauch nicht, die Türen der Arbeitszimmer offenzulassen. Sie empfand es störend, denn sie liebte die völlige Zurückgezogenheit. Sie warf ihren Tweedmantel und ihre Handtasche achtlos auf eines der Sofas und ging, immer noch die Aktentasche in der Hand, zu ihrem Schreibtisch. Er bestand aus einer riesigen Glasplatte auf einfachen, glatten Stahlfüßen und bildete den dramatischen Mittelpunkt in dem prachtvollen Büro. Von hier aus blickte sie in den weitläufigen, freundlichen Raum und zu einem riesigen Fenster, das sich über die ganze Wandbreite erstreckte und bis zur Decke reichte. Es gewährte einen Blick über die Skyline der Stadt. Emma hielt diesen Ausblick immer für ein lebendiges Gemälde von enormer Macht und Reichtum, für das Herz der amerikanischen Industrie.

Sie liebte ihr New Yorker Büro, obwohl es sich sehr von ihren Arbeitsräumen im Londoner Warenhaus unterschied, welches mit heiteren Antiquitäten aus der georgianischen Zeit gefüllt war, die sie seit langem bevorzugte. Hier war die Atmosphäre sachlich und modern, denn Emma hatte ein gutes Stilgefühl und war der Meinung, dass trotz ihrer Vorliebe für Möbel aus vergangenen Epochen, hier in dieser nüchternen Architektur aus Beton, Stahl und Glas ein solches Mobiliar nicht angebracht war. So hatte sie das Beste ausgesucht, was an modernem Design zu haben war. Stühle von Mies van der Rohe neben breiten, eleganten italienischen Sofas, alle mit dunklem Leder gepolstert, das sanft und geschmeidig wie Seide war. Es gab große Bücherschränke aus Stahl und Glas, und kleine Schränke aus glatt poliertem Rosenholz. Tischplatten aus italienischem Marmor waren auf Chromfüße gesetzt. Aber trotz dieser modernen Einrichtung war das Büro nicht streng oder kalt. Es hatte klassische Eleganz und war ein Zeugnis erlesenen Geschmacks. Es besaß in der Tat eine ruhige Schönheit, eine Sanftheit, die von den verschwommenen Farbtönen aus sich mischenden Blau- und Grautönen herrührte, welche sich über den Boden und die Wände ausbreiteten. Diese gedämpften Töne wurden hier und da durch leuchtendere Farben von Kissen und Sofas belebt. Unbezahlbare Gemälde französischer Impressionisten schmückten die Wände. Emmas Kunstverständnis bewies sich auch in Skulpturen von Henry Moore und Brancusi, und in den Tempelköpfen von Angkor Wat, die auf schwarzen Marmorsockeln im Raume standen. Das riesige Fenster war von hauchdünnen, blaugrauen Vorhängen bedeckt, die wie Nebelschwaden von der Decke fielen, und wenn sie, so wie jetzt, zurückgezogen waren, schien der Raum ein Teil des Himmels zu sein. Es war, als hinge er über den emporragenden Betonmonolithen von Manhattan.

Emma lächelte, als sie sich an den Schreibtisch setzte, denn Gayes Arbeit war klar erkennbar. Die große Glasplatte war ordentlich aufgeräumt, genauso, wie sie es liebte. Auf dem Schreibtisch befanden sich nur die Telefone, der silberne Halter für das Schreibgerät, der gelbe Block, den sie für Notizen benutzte und die praktische, metallene Schwenklampe, die den Tisch mit hellem Licht überflutete. Ihre Korrespondenz, Büronotizen und eine große Anzahl von Fernschreiben waren gesondert aufgestapelt. Die wichtigsten Notizen lagen zusammengeheftet neben den Telefonen. Sie nahm ihre Brille, las die Notizen und Fernschreiben, schrieb einige Bemerkungen darauf und läutete dann nach Gaye.

Im Augenblick, als sie eintrat, wusste Emma, dass ihre Befürchtungen nicht unbegründet waren. Gaye war verstört und hatte tiefe Ringe unter den Augen. Sie schien vor innerer Spannung zu zittern. Gaye Sloane war achtunddreißig Jahre alt und seit sechs Jahren Emmas erste Sekretärin, angestellt war sie bei ihr allerdings schon seit zwölf Jahren. Sie war ein Muster an Sorgfalt und Tüchtigkeit und Emma sehr ergeben. Sie bewunderte ihre Chefin nicht nur, sondern empfand auch starke Zuneigung für sie. Die große, gut gewachsene, attraktive junge Frau war stets zurückhaltend und ruhig und hatte sich gewöhnlich gut unter Kontrolle.

Aber als sie durch den Raum ging, bemerkte Emma, dass Gaye ihre Nervosität kaum verbergen konnte. Sie tauschten einige freundliche Worte, und Gaye setzte sich Emma gegenüber, ihren Notizblock hielt sie in der Hand.

Emma lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Sie nahm bewusst eine entspannte Haltung ein, um Gaye ein möglichst großes Gefühl der Ruhe zu vermitteln. Sie sah ihre Sekretärin freundlich an und fragte ruhig: »Was stimmt nicht, Gaye?«

Gaye zögerte etwas und sagte dann ziemlich rasch, bemüht, ihre Überraschung zu verbergen: »Warum? Nichts, Mrs. Harte. Wirklich, ich bin nur müde. Die Zeitverschiebung, denke ich.«

»Vergessen wir die Zeitverschiebung, Gaye. Ich glaube, Sie sind äußerst nervös, und das waren Sie, seit Sie in New York ankamen. Nun, kommen Sie, meine Liebe, erzählen Sie, was Sie bekümmert. Ist hier etwas, oder gibt es ein geschäftliches Problem in London?«

»Nein. Natürlich nicht!«, rief Gaye, aber sie erbleichte und schaute zur Seite, um Emmas ruhigem Blick auszuweichen.

Emma bemerkte es sofort. Sie straffte sich und lehnte sich vor. Ihre Arme lagen auf dem Schreibtisch, und ihre Augen glitzerten hinter der Brille. Sie spürte die unterdrückte Erregung der jungen Frau immer stärker und fühlte, dass Gaye etwas sehr Ernstes beunruhigte. Als sie sie weiter beobachtete, dachte sie, dass Gaye einem Zusammenbruch nahe war.

»Sind Sie krank, Gaye?«

»Nein, Mrs. Harte. Mir geht es sehr gut, danke.«

»Ist es etwas in Ihrem Privatleben, was Sie beunruhigt?« Emma fragte nun so geduldig, wie sie konnte. Sie war entschlossen, der Sache auf den Grund zu kommen.

»Nein, Mrs. Harte.« Gaye flüsterte nur noch.

Emma setzte die Brille ab und schaute Gaye lange und durchdringend an. Dann sagte sie lebhaft: »Los, los, meine Liebe! Ich kenne Sie zu gut. Irgendetwas bedrückt Sie, und ich verstehe nicht, warum Sie’s mir nicht sagen wollen. Haben Sie einen Fehler gemacht und fürchten Sie jetzt eine Erklärung? Sicher nicht nach all den Jahren. Niemand ist unfehlbar, und ich bin nicht das Ungeheuer, für das man mich hält. Vor allem Sie sollten das inzwischen wissen.«

»Oh, das weiß ich, Mrs. Harte ...« Die Stimme erstickte. Sie war den Tränen nahe. Ihr Herz klopfte immer heftiger, und sie glaubte, es würde zerspringen.

Die Frau, die Gaye gegenüber saß, hatte sich völlig in der Gewalt. Und sie war kein Schwächling. Gaye wusste das nur zu gut. Sie war widerstandsfähig und elastisch. Eine unbeugsame Frau, die ihren ungeheuren Erfolg allein durch ihren hervorragenden Charakter und ihre Willensstärke errungen hatte. Außerdem war sie in geschäftlichen Dingen einfallsreich und scharfsinnig. Für Gaye war Emma so unverwüstlich wie Stahl, der nicht zerbrochen werden kann. Aber ich bin dabei, sie zu zerbrechen, dachte sie, und wieder wurde sie von Panik ergriffen.

Emma hatte Gaye sorgfältig beobachtet und mit ihrem Scharfblick die Empfindungen bemerkt, die sich im Gesicht ihrer Sekretärin widerspiegelten. Sie hatte mit Unruhe das Zucken der Muskeln und die Furcht in ihren Augen gesehen. Emma stand entschlossen auf und ging zum Barschrank, goss Kognak in ein Glas und brachte es Gaye.

»Trinken Sie das, meine Liebe. Dann fühlen Sie sich besser«, sagte sie und streichelte teilnahmsvoll Gayes Arm.

Gaye traten Tränen in die Augen, und ihre Kehle schmerzte. Der Kognak war stark und brannte in ihrem Hals, aber sie war dankbar dafür. Sie trank in kleinen Schlucken und erinnerte sich daran, wie freundlich Emma in all den Jahren zu ihr gewesen war. In diesem Augenblick wünschte sie sich sehnlichst, dass nicht sie es sein müsste, die diese Neuigkeiten mitzuteilen hatte. Gaye war klar, dass es Leute gab, die Emma als unbeugsamen Gegner kannten, die sie für zynisch, raffgierig, listig und skrupellos hielten. Andererseits wusste Gaye, dass sie mit ihrer Zeit und ihrem Geld großzügig umging und ein mitfühlendes Herz hatte. So wie sie jetzt voller Verständnis war. Vielleicht war Emma willensstark und herrisch, sogar machtbesessen. Aber sicher hatte das Leben sie so geformt. Gaye hatte zu Emmas Kritikern immer ehrlich gesagt, dass unter allen Wirtschaftsbossen ihrer Größe Emma Harte die einzige war, die Mitleid hatte, die gerecht, mild und unendlich freundlich war.

Schließlich merkte Gaye, dass ihr Schweigen schon zu lange dauerte und dass Emma sie fest anschaute. Sie stellte das Glas auf den Schreibtisch und lächelte Emma schwach an. »Danke, Mrs. Harte. Ich fühle mich besser.«

»Gut. Nun, Gaye, warum vertrauen Sie mir nicht? So schlimm kann es doch gar nicht sein.«

Gaye war wie gelähmt, unfähig zu sprechen.

Emma lehnte sich vor. »Schauen Sie mich an, hat es etwas mit mir zu tun?« Ihre Stimme war ruhig und fest.

Diese Ruhe gab Gaye anscheinend etwas mehr Vertrauen. Sie nickte mit dem Kopf und wollte schon sprechen, aber als sie den Blick in Emmas Augen sah, verließ sie erneut der Mut. Sie schlug die Hände vors Gesicht und schrie unwillkürlich: »O Gott! Wie kann ich Ihnen das sagen!«

»Heraus damit, Gaye!«, sagte Emma fest. »Wenn Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen, beginnen Sie einfach in der Mitte. Aber reden Sie. Es ist oft der beste Weg, über unangenehme Dinge zu sprechen, und ich vermute, dass es etwas Unangenehmes ist.«

Gaye nickte und begann zögernd, bemüht, die Tränen zurückzuhalten, in abgehackten Sätzen zu sprechen. Ihre Hände zitterten nervös, und ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie sprach stoßweise, jetzt wollte sie alles sagen und so rasch wie möglich mit ihrer Erzählung fertig werden. Es würde eine Erleichterung sein, denn schon seit Tagen quälte sie sich.

»Es war die Tür ... Ich erinnerte mich ... Ich ging zurück ... Ich hörte sie sprechen ... Nein schreien ... Sie waren wütend ... stritten sich ... Sie sagten ...«

»Einen Moment, Gaye.« Emma hob die Hand, um ihre zusammenhanglose Wortflut zu stoppen. »Ich möchte Sie nicht unterbrechen, aber können Sie vielleicht versuchen, etwas deutlicher zu sein. Ich weiß, Sie sind aufgeregt. Aber reden Sie langsamer und beruhigen Sie sich. Welche Tür?«

»Entschuldigung.« Gaye holte tief Atem. »In London. Die Tür des Aktenzimmers, die in den Sitzungssaal führt. Ich hatte letzten Freitagabend vergessen, sie zu schließen. Ich verließ gerade das Büro, als mir einfiel, dass ich das Tonbandgerät nicht abgeschaltet hatte. Dabei erinnerte ich mich an die Tür. Ich ging zu meinem Büro zurück, denn ich wollte am Samstagabend nach New York fliegen. Ich öffnete die Tür auf meiner Seite und ging durch das Aktenzimmer, um die Tür am anderen Ende zu schließen.«

Während Gaye sprach, sah Emma vor ihrem geistigen Auge das Aktenzimmer in dem Stockwerk des Londoner Warenhauses, wo die Büros der leitenden Angestellten lagen. Es war ein langer, enger Raum, in dem auf beiden Seiten Aktenschränke bis zur Decke standen. Vor einem Jahr hatte Emma einen Durchbruch zum Sitzungssaal machen lassen. Auf diese Weise war es leichter, während der Sitzungen an notwendige Dokumente heranzukommen. Außerdem verband nun das Aktenzimmer den Sitzungssaal direkt mit den Büros der leitenden Angestellten, und man konnte auf diese Weise viel Zeit sparen.

Eine böse Ahnung schnürte Emma die Kehle zu. Gaye hatte offensichtlich eine äußerst wichtige Unterredung gehört, sonst hätte sie nicht so erschrocken reagiert. Unzählige Fragen beschäftigten Emmas Gedanken, aber sie drängte sie zurück. Sie nickte ihrer Sekretärin zu und bat sie fortzufahren.

»Ich weiß, dass Sie besonders darauf achten, dass diese Tür geschlossen ist, Mrs. Harte. Als ich von meinem Büro aus durch das Aktenzimmer ging, bemerkte ich, dass die Türe nicht nur unverschlossen, sondern auch geöffnet war ... angelehnt. Da hörte ich sie ... durch die Türspalte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fürchtete, sie würden mich hören, wenn ich die Türe schließen und absperren würde. Ich wollte nicht, dass jemand dachte, ich hätte gelauscht. So blieb ich einen Moment stehen und machte das Licht aus. Dann würde niemand wissen, dass ich im Aktenzimmer war. Mrs. Harte, ich ...« Gaye hielt inne und schluckte.

»Weiter, Gaye. Es ist schon in Ordnung.«

»Ich habe nicht gelauscht, wirklich nicht, Mrs. Harte. Sie wissen, dass ich nicht so bin. Es war reiner Zufall ..., dass ich sie gehört habe, meine ich. Ich hörte, wie sie sagten ... sagten ...«

Gaye hielt wieder inne. Sie zitterte am ganzen Körper, und ihr Mund fühlte sich plötzlich trocken an. Sie sah Emma an, die kerzengerade in ihrem Stuhl saß. Ihr Gesicht war eine undurchdringliche Maske.

»Ich hörte sie sagen, nein, einen von ihnen sagen, dass Sie zu alt sind, um die Geschäfte zu führen. Dass es schwierig werden würde, zu beweisen, Sie seien senil und unfähig, aber dass Sie mit einem Rücktritt einverstanden sein würden, um einen Skandal zu vermeiden und eine Katastrophe mit den Harte-Aktien an der Londoner Börse zu verhindern. Darüber disputierten sie. Dann sagte der, der am meisten redete, dass die Warenhäuser verkauft werden müssten, und das sei nicht schwierig, da einige Gesellschaften an einer Übernahme interessiert seien. Er sagte weiter, dass Harte Enterprises stückweise verkauft werden können ...« Gaye zögerte und schaute Emma an, um ihre Reaktion festzustellen. Aber Emmas Gesicht war immer noch unergründlich.

Die Sonne kam hinter grauen Wolken hervor und schien in das Zimmer. Sie warf eine Flut von hellem Licht in den Raum, das hart und unerbittlich war. Sie ließ Stahl, Glas und Marmor mit so gewaltiger Kraft aufleuchten, dass der Raum auf Emma plötzlich fremd, unrealistisch und erschreckend wirkte. Das brennende Licht schien in Emmas Hirn einzudringen. Sie blinzelte und schützte die Augen mit der Hand.

»Würden Sie bitte den Vorhang schließen, Gaye«, murmelte sie heiser.

Gaye eilte durch den Raum und drückte einen Knopf. Die Vorhänge schlossen sich mit leisem Rascheln, und die durchdringende Helligkeit wurde sanft gemildert. Sie kehrte zu ihrem Stuhl zurück und schaute Emma an. Dann fragte sie teilnehmend: »Geht es Ihnen auch gut, Mrs. Harte?«

Emma hatte auf ihren Schreibtisch gestarrt. Langsam hob sie den Kopf und schaute mit leeren Augen zu Gaye hinüber. »Ja. Bitte, fahren Sie fort. Ich möchte alles wissen. Und ich bin vollkommen sicher, dass es noch mehr zu wissen gibt.«

»Ja, das stimmt. Der andere sagte, es sei nutzlos, jetzt mit Ihnen zu kämpfen, sei es persönlich oder per Gesetz. Sie könnten nicht mehr viel länger leben, Sie seien alt, sehr alt, fast achtzig Jahre. Und der andere meinte, Sie seien so zäh, dass man Sie am Ende erschießen müsse.« Gaye hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Tränen traten ihr in die Augen. »Oh, Mrs. Harte. Es tut mir so entsetzlich leid.«

Emma saß so still, als wäre sie aus Stein gemeißelt. Ihre Augen waren plötzlich kalt und berechnend. »Sagen Sie mir, wer diese beiden Herren waren? Wohlgemerkt, diese Bezeichnung bedeutet nichts«, fügte sie mit bitterem Sarkasmus hinzu. Bevor Gaye eine Möglichkeit hatte, Emmas Frage zu beantworten, wusste Emma tief in ihrem Innern genau, wen Gaye verdammen würde, wenn sie den Mund auftat. Und doch glaubte sie irgendwie noch nicht daran, hoffte immer noch. Sie musste es aus Gayes Mund hören, um es wirklich glauben zu können, um ihren eigenen, vernichtenden Verdacht als Tatsache hinnehmen zu können.

»O Gott, Mrs. Harte! Ich wollte, ich müsste Ihnen das nicht sagen!« Sie holte tief Atem. »Es waren Mr. Ainsley und Mr. Lowther. Sie begannen wieder zu streiten, und Mr. Lowther meinte, man müsse die Mädchen auf der Seite haben. Mr. Ainsley sagte, die Mädchen seien auf ihrer Seite und er habe bereits mit ihnen gesprochen. Aber er habe nicht mit Mrs. Amory gesprochen, da sie niemals zustimmen würde. Er sagte, man dürfe unter keinen Umständen mit ihr reden, denn sie würde Ihnen sofort alles berichten. Mr. Lowther meinte erneut, man könne die Geschäfte nicht übernehmen, solange Sie am Leben seien. Er sagte Mr. Ainsley, dass ihnen das nie gelingen würde, weil sie nicht die Macht dazu hätten. Auch besäßen sie zusammen nicht genug Aktien, um die Kontrolle zu übernehmen. Er sagte, man müsse warten, bis Sie tot seien. In diesem Punkt war er unnachgiebig. Außerdem sagte er zu Mr. Ainsley, dass er selbst ein Anrecht auf die Hauptanteile der Harte-Kette habe und dass er sicher sei, Sie würden ihm diese Aktien vererben. Er informierte Mr. Ainsley darüber, dass er beabsichtige, die Harte-Kette zu führen, und er niemals einem Verkauf der Warenhäuser zustimmen würde. Mr. Ainsley war wütend, fast hysterisch, und begann, Mr. Lowther furchtbar anzuschreien. Aber Mr. Lowther konnte ihn schließlich beruhigen, indem er sagte, er stimme dem Verkauf der Harte Enterprises zu. Das würde Mr. Ainsley all die Millionen einbringen, die er haben wollte. Dann fragte Mr. Ainsley, ob Mr. Lowther wisse, was in Ihrem Testament steht. Mr. Lowther verneinte dies, aber er war der Meinung, Sie würden zu allen fair sein. Er drückte seine Besorgnis wegen Paula aus, weil sie mit Ihnen so vertraut ist. Er sagte, er ahne nicht, was sie Ihnen bereits abschwatzen konnte. Das regte Mr. Ainsley wieder auf, und er sagte, man müsse einen Aktionsplan aufstellen, einen der nach Ihrem Tod sofort wirkungsvoll angewendet werden könne in dem Fall, dass Ihr Testament sie nicht begünstigen würde.«

Gaye hielt atemlos inne. Sie saß auf dem Rand ihres Stuhles und fühlte sich krank, obwohl jetzt, da sie ihre Geschichte erzählte, das grässliche Zittern plötzlich aufgehört hatte. Sie war vollkommen ruhig. Aber sie fühlte sich erschöpft und leer, als sie Emma erwartungsvoll ansah.

Emma war unfähig zu sprechen, sich zu bewegen oder zu denken, so niedergeschmettert und erschüttert war sie. Der Raum, vor wenigen Augenblicken noch in gedämpftes Sonnenlicht gehüllt, hatte sich während Gayes Erzählung verdunkelt, und die warme Luft, diese erstickende Luft, war kalt geworden wie in der Arktis. Als sie über Gayes Worte nachsann, stieg ihr das Blut in den Kopf, und Mattigkeit überfiel sie. Sie war vernichtet, ohne Bindung, und fühlte in ihrem Körper eine bleierne, betäubende Müdigkeit.

Ihr Herz, ihr müdes Herz, klopfte unruhig, und es schien Emma, dass es in diesem Augenblick zu einem kalten, harten Stein wurde. Eine ungeheure Qual überwältigte sie. Es war die Qual der Verzweiflung, die Qual über den Verrat. Ihre beiden Söhne intrigierten gegen sie. Robin und Kit. Halbbrüder, die sich nie vertragen hatten, waren nun im Verrat Partner geworden. Sie konnte es nicht glauben und war entsetzt, als sie dachte: Allmächtiger Gott! Das ist nicht möglich. Das kann nicht möglich sein. Nicht Kit. Nicht Robin. Sie könnten nie so korrupt und raffgierig sein. Niemals. Nicht meine Jungen! Aber irgendwo im tiefsten Innern ihrer Seele und ihrer Gedanken wusste sie, dass es wahr war. Und diese Qualen in ihrem Herzen, ihrer Seele und ihrem Körper wurden von einer so eiskalten Wut abgelöst, dass ihr Verstand wieder glasklar wurde. Sie sprang auf. Schwach, fern, hörte sie Gayes Stimme, als käme sie aus einer tiefen Höhle.

»Mrs. Harte! Mrs. Harte! Sind Sie krank?!«

Emma lehnte sich über den Schreibtisch. Ihre Finger krallten sich um die Tischplatte, und ihr Gesicht war verzerrt. Ihre Stimme war leise, fast nur ein Zischen, als sie fragte: »Sind Sie Ihrer Sache ganz sicher, Gaye? Ich zweifle nicht an Ihren Worten, aber sind Sie sicher, dass Sie alles richtig gehört haben? Sie wissen, wie ernst das ist, was Sie erzählt haben! Darum denken Sie sorgfältig nach.«

»Mrs. Harte, ich bin absolut sicher über alles, was ich gesagt habe«, antwortete Gaye ruhig. »Außerdem habe ich nichts hinzugefügt oder weggelassen. Ich habe auch nicht übertrieben.«

»War das alles?«

»Nein, es gibt noch mehr.« Gaye nahm ihre Handtasche. Sie öffnete sie und nahm ein Tonband heraus, das sie vor Emma auf den Tisch legte.

Emma betrachtete das Band mit schmalen Augen. »Was ist das?«

»Es ist eine Aufnahme von allem, was gesprochen wurde, Mrs. Harte. Was gesprochen wurde, bevor ich das Aktenzimmer betrat und die ersten Sätze, die ich hörte, fehlen.«

Emma schaute sie verständnislos an. Ihre Augenbrauen waren hochgezogen, und zahlreiche Fragen lagen ihr auf der Zunge. Aber bevor sie fragen konnte, gab Gaye eine genauere Erklärung ab.

»Mrs. Harte, das Tonbandgerät war eingeschaltet. Darum bin ich doch in mein Büro zurückgegangen. Als ich in das Aktenzimmer ging und sie sprechen hörte, war ich einen Augenblick lang verwirrt. Ich machte das Licht aus, damit sie nicht hereinkamen und mich entdeckten. Da sah ich das rote Licht an dem Gerät blinken, und ich ging hin, um es abzuschalten. Aber plötzlich kam mir der Gedanke, das Gespräch aufzunehmen, da ich die allgemeine Tendenz erkannte und mir die ganze Bedeutung klar wurde. Ich drückte also den Aufnahmeknopf. Alles, was von diesem Augenblick an gesagt wurde, ist auf dem Band festgehalten.«

Emma hatte das unwiderstehliche Bedürfnis, laut loszulachen, ein bitteres, hohles Lachen. Sie widerstand diesem Impuls, damit Gaye sie nicht für verrückt oder hysterisch hielt. Diese Narren, diese Obernarren!, dachte sie. Welche Ironie des Schicksals! Sie hatten ihren eigenen Sitzungssaal benutzt, um gegen sie zu intrigieren. Das war ihr erster und entscheidender Fehler. Ein Fehler, der nicht mehr gutzumachen war. Kit und Robin waren zwar Direktoren der Harte Enterprises, aber nicht im Vorstand der Warenhaus-Kette. Sie kamen nicht zu den Vorstandssitzungen und wussten daher auch nicht, dass sie kürzlich Geräte hatte aufstellen lassen, um die Protokolle aufzunehmen. Sie dienten der Zeitersparnis und machten Gaye frei für andere Aufgaben. Sie brauchte nur noch, wenn es notwendig war, die Protokolle abzuschreiben. Die Mikrophone befanden sich unter dem Tisch des Sitzungssaales. Sie waren aus ästhetischen Gründen versteckt, nicht aus Geheimniskrämerei, denn sie hätten nicht zu dem eleganten Raum gepasst mit seinen georgianischen Antiquitäten und den kostbaren Gemälden. Emma schaute auf das Band, das auf dem gläsernen Tisch lag. Für sie war es etwas Böses, es lag da wie eine zusammengerollte, giftige Schlange. Sie schauderte und setzte sich hinter den Tisch. Sie ließ dieses kleine, heimtückische Band nicht aus den Augen, denn es war das Instrument der Vernichtung, des Ruins ihrer Söhne.

»Ich nehme an, Sie haben das Band abgehört, Gaye?«

»Ja, Mrs. Harte. Ich wartete, bis sie gegangen waren, und dann habe ich es abgespielt. Ich nahm es am Freitag mit zu mir nach Hause, und ich habe es seitdem nicht mehr aus den Augen gelassen.«

»Ist noch mehr darauf? Mehr als Sie bereits berichtet haben?«

»Etwa zehn Minuten. Sie sprachen über ...«

Emma hob die Hand, aufs äußerste erschöpft, unfähig, noch mehr von diesem entsetzlichen Gespräch zu hören. »Es ist gut, Gaye. Ich höre es mir später an. Ich weiß schon genug!«

Sie stand auf und ging durch den Raum zum Fenster, aufrecht und gefasst, obwohl ihre Schritte langsam und schleppend waren. Sie schob die Vorhänge etwas auseinander, presste den schmerzenden Kopf gegen das Fenster und schloss die Augen. Sie dachte an ihre beiden Söhne, an alle ihre Kinder, aber am meisten an ihren geliebten Robin. Robin, der ihr Feind geworden war, nachdem sie vor ein paar Jahren wegen eines Anliegens wegen der Übernahme der Warenhäuser in Streit geraten waren. Es war ein Anliegen, das wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam und das sie nicht diskutieren wollte, geschweige denn in Erwägung ziehen. Als sie sich weigerte, mit dem betreffenden Konzern zu verhandeln, hatte er sie furchtbar angeschrien und ihr Verhalten missbilligt. Er brüllte wütend, dass sie nicht verkaufen wolle, weil sie nichts von ihrer Macht abtreten wolle. Er hatte seinem Groll ihr gegenüber mit solch heftigen Worten Luft gemacht, dass sie zunächst ungläubig zuhörte und dann wirklich zornig wurde. Welche Frechheit, welche Bosheit, hatte sie damals gedacht, dass er es wagt, mir Vorschriften über geschäftliche Dinge zu machen. Dinge, an denen er nicht das geringste Interesse hatte, außer natürlich an dem Geld, das er erhalten würde. Robin der Hübsche, der Elegante, das geistreiche Mitglied des Parlaments. Robin mit seiner sanftmütigen Frau, seinen Mätressen, seinen ziemlich fragwürdigen Freunden und seinem Gefallen am flotten Leben. Ja, Robin war der Anstifter dieses kleinen, tödlichen Komplotts, dessen war sie ganz sicher.

Kit, ihr ältester Sohn, hatte nicht die Fantasie oder die Nerven, um so einen ruchlosen Plan auszuhecken. Aber was ihm an Fantasie fehlte, machte er wett durch plumpen Eifer und Hartnäckigkeit. Außerdem war er ungewöhnlich geduldig. Kit konnte auf alles, was er wirklich begehrte, Jahre warten, und sie hatte immer gewusst, dass er die Warenhäuser haben wollte. Aber er hatte nie eine Begabung für Handel gehabt, und vor langer Zeit, als er noch jung war, hatte sie ihn in die Harte Enterprises manövriert. Ja, Kit konnte immer manövriert werden, und ohne Zweifel war Robin dazu in der Lage.

Sie dachte über ihre drei Töchter nach, und um ihren Mund spielte ein grimmiges Lächeln, als ihr Edwina einfiel, die Älteste, die als erste von allen Kindern geboren war. Für Edwina hatte sie wie ein Packesel gearbeitet und wie eine Tigerin gekämpft, als sie selbst noch ein junges Mädchen war, denn sie hatte Edwina von ganzem Herzen geliebt. Und doch wusste sie schon seit langem, dass Edwina ihr niemals die gleichen Gefühle entgegenbrachte. Als kleines Mädchen war sie seltsam kühl, in ihrer Jugend dann zurückhaltend, und diese Zurückhaltung war in späteren Jahren fast zu Hass geworden. Edwina hatte sich mit Robin verbündet, als es um den Verkauf der Warenhäuser ging, und ihn voll unterstützt. Ohne Zweifel war sie nun seine beste Verbündete in diesem, seinem perfiden Plan. Sie konnte es kaum glauben, dass Elizabeth, Robins Zwillingsschwester, zu ihm hielte, doch vielleicht würde sie es tun. Schön, wild und unbezähmbar, hatte Elizabeth einen betörenden Charme und eine Neigung zu reichen Ehemännern, teuren Kleidern und kostspieligen Reisen. Sie konnte nie genug Geld haben, und sie brauchte es ständig und dringend, so wie Robin.

Daisy war die einzige, derer sie sich sicher war, denn sie wusste, dass von allen ihren Kindern Daisy sie wirklich liebte. Daisy war nicht in dieses Komplott verwickelt, denn sie würde nie bei einer Verschwörung ihrer Geschwister mitmachen, die die Aufteilung von Emmas Besitz zum Ziel hatte. Neben ihrer Liebe und Treue hatte Daisy äußersten Respekt vor ihr und vertraute ihrem Urteil. Daisy stellte nie ihre Beweggründe oder Entscheidungen in Frage, denn sie wusste, dass sie einem Sinn für Fairness entsprangen und ganz und gar auf vernünftiger Planung beruhten.

Daisy war ihr jüngstes Kind, und im Aussehen und Charakter unterschied sie sich ebenso wie die andern von Emma. Aber sie hing an ihrer Mutter, und sie sorgten mit einer tiefen, kraftvollen Liebe, die schon an Verehrung grenzt, füreinander. Daisy war liebenswürdig und sanft, hübsch, ehrenhaft und gut. Früher hatte Emma über Daisys innerliche Reinheit und Rechtschaffenheit nachgedacht und sich deswegen Sorgen gemacht. Sie glaubte, sie sei zu offen und zu sanft, um selbstsicher zu sein. Emma hatte gefürchtet, dass ihre Güte sie gefährlich verwundbar machen könne. Aber schließlich begann sie zu begreifen, dass in Daisy eine tiefe innere Kraft steckte, die zäh und unnachgiebig jedem Druck widerstand. Auf ihre Weise konnte sie genauso unbeugsam sein wie Emma, und sie war unerschütterlich in ihren Meinungen, mutig in ihren Taten und beständig in ihrer Treue. Emma hatte schließlich erkannt, dass es Daisys echte Güte war, die sie schützte. Sie umgab sie wie ein glänzender, undurchdringlicher Kettenpanzer und machte sie unbestechlich und unverletzbar.

Und die anderen wissen das, dachte Emma, als sie auf die Skyline von Manhattan schaute. Ihr Geist war in Aufruhr und ihr Herz voller Verzweiflung. Sie war immer noch erschüttert. Jedoch allmählich verschwand das niederschmetternde Gefühl, das ihre Seele und ihren Körper so gequält hatte. In Wirklichkeit empfand sie jetzt eigentlich nicht einmal Überraschung über Gayes Geschichte. Es war zwar nicht so, dass sie von ihren Kindern jemals so etwas erwartet hätte, nein, gewiss nicht! Aber es gab nur weniges, was Emma überraschen konnte, und in ihrer Klugheit, ihrem Verständnis und ihrer Erfahrung wusste sie, dass Verrat in einer Familie nichts Ungewöhnliches war.

Emma hatte eigentlich schon seit langem vermutet, dass die Bande des Blutes weder Treue noch Liebe garantieren. Es ist nicht wahr, dass Blut dicker ist als Wasser, dachte sie. Daisy ist eine Ausnahme. Sie ist wirklich ein Teil von mir. Sie erinnerte sich an ein Gespräch, das sie einmal mit ihrem Bankier Henry Rossiter führte. Es war schon Jahre her, aber sie erinnerte sich ganz genau, als ob es gestern gewesen wäre. Er hatte grimmig gesagt, Daisy sei wie eine Taube, die in ein Schlangennest geraten ist. Emma hatte bei diesem entsetzlichen und bösen Vergleich geschaudert. Um das hässliche Bild zu verbannen, sagte sie ihm, er sei melodramatisch veranlagt und habe zuviel Fantasie. Sie hatte gelacht, damit er ihre wahre Reaktion nicht erkennen konnte. Jetzt, an diesem Januartag, in ihrem neunundsiebzigsten Lebensjahr, erinnerte sie sich an Henrys Worte, die so unheilvoll gewesen waren, jetzt, als sie über ihre vier ersten Kinder nachdachte, die sie geboren und großgezogen hatte, und die sich nun gegen sie wendeten. Wirklich ein Schlangennest, dachte sie. Abrupt wandte sie sich vom Fenster ab und ging zu ihrem Schreibtisch zurück. Sie setzte sich, und ihre Augen ruhten einen Augenblick auf diesem abscheulichen Tonband. Dann nahm sie ihre Aktentasche, öffnete sie und legte das Band hinein.

Gaye hatte sie mit einiger Bestürzung beobachtet. Ihr Gesicht war ernst. Sie war über Emmas Aussehen beunruhigt. Ihre Miene war versteinert, und sie sah verstört und mitgenommen aus. Die Wangenknochen traten hart hervor, und ihr blasses Gesicht war aschgrau. Ihre Lippen waren bläulich unter dem Lippenstift, und ihre grünen Augen, sonst so klar und leuchtend, waren nun trübe vor Schmerz, Enttäuschung und der vollen Erkenntnis des Verrats. Für Gaye hatte ihr Gesicht das Aussehen einer Totenmaske angenommen, und sie wusste, dass diese jähe und drastische Änderung in Emmas Aussehen durch die bösartigen Gedanken ihrer Kinder und den geplanten abscheulichen Verrat verursacht war.

Gaye dachte daran, wie zerbrechlich und verletzlich Emma in diesem Moment wirkte, und wie alt sie aussah. Sie hatte das Bedürfnis aufzustehen und ihre Arme um sie zu legen. Aber sie hielt sich zurück. Sie fürchtete, Emma würde eine solche Geste als Zudringlichkeit ansehen, denn sie wusste, dass Emma von Natur aus festes Selbstvertrauen und tiefen Stolz besaß. Außerdem hatte sie einen angeborenen Sinn für Zurückhaltung, was ihre persönlichen Angelegenheiten betraf.

Stattdessen suchte Gaye nach tröstenden Worten, um ihr tiefes Mitgefühl und ihre Ergebenheit auszudrücken. Aber sie fand keine, um das volle Ausmaß ihrer Sympathie und ihrer Betroffenheit zu artikulieren, so verstört war sie durch Emmas Aussehen. Stattdessen fragte sie mit ruhiger Zärtlichkeit in der Stimme: »Fühlen Sie sich unwohl, Mrs. Harte? Kann ich etwas für Sie tun?«

»Ich bin gleich wieder in Ordnung, Gaye.« Emma versuchte zu lächeln. Sie beugte den Kopf und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten. Schließlich schaute sie auf und sagte: »Ich glaube, ich möchte nun für eine Weile allein sein, Gaye. Um nachzudenken. Würden Sie mir eine Tasse Tee zubereiten und in etwa zehn Minuten hereinbringen, bitte?«

»Natürlich, Mrs. Harte. Wenn Sie sicher sind, dass Sie alleine zurechtkommen.« Sie stand auf und ging zur Tür, dann zögerte sie.

Emma lächelte. »Es geht schon, Gaye. Machen Sie sich keine Sorgen.« Gaye verließ den Raum. Emma lehnte sich im Stuhl zurück, schloss die Augen und entspannte sich. Zuerst Sitex und dann das hier, dachte sie müde. Dann ist da noch Paula mit ihrem immer noch lebendigen Interesse an Jim Fairley. Immer kommt die Vergangenheit zurück, um mich zu quälen, überlegte sie traurig, obwohl sie in ihrem tiefsten Innern wusste, dass niemand vor seiner Vergangenheit davonlaufen konnte. Sie war die Last der Gegenwart und der Zukunft, und man trug sie immer mit sich herum. War das alles ihr Fehler? Musste man ihr Vorwürfe machen? Und was sollte sie tun? Sie suchte nach Antworten, als sie wieder über ihre Kinder nachdachte.

Vor Jahren, als Emma eine junge Frau war und sah, wie sich in ihren Kindern Charakterzüge entwickelten, die sie in Sorge versetzten, hatte sie gedacht: Es ist meine Schuld. Ich habe sie zu dem gemacht, was sie sind. Einige habe ich vernachlässigt, andere zu sehr geliebt, allen habe ich nachgegeben und sie zu sehr verwöhnt. Aber als sie älter und klüger wurde, schwächte sich auch ihr Schuldgefühl ab, und sie rang sich zu der Erkenntnis durch, dass jeder Mensch für seinen Charakter selbst verantwortlich ist. Schließlich war sie fähig, sich selbst zuzugestehen, dass, falls der Charakter das Schicksal eines Menschen bestimme, jeder Mann und jede Frau sich seinen eigenen Himmel oder seine eigene Hölle schuf. Damals verstand sie erst richtig, was Paul McGill gemeint hatte, als er einmal zu ihr sagte: »Jeder einzelne von uns baut sich sein Leben selbst, Emma. Wir leben in dem, was wir geschaffen haben. Es gibt keinen Weg, Schuld abzuschieben, und niemand anders kann Ehrungen in Empfang nehmen.«

Von diesem Zeitpunkt an bekam sie ihre gemischten und manchmal wirren Gefühle zu ihren Kindern in den Griff. Sie hatte aufgehört, sich ihretwegen zu quälen und sich Vorwürfe über ihre Schwächen und Fehler zu machen. Sie waren allein verantwortlich für das, was sie aus ihrem Leben machten, und sie selbst war endlich in der Lage, die Schuldgefühle abzuschütteln.

All dies fiel ihr wieder ein, als sie sich an Pauls Worte erinnerte. Sie dachte: Nein, ich bin nicht schuldig. Sie werden getrieben von ihrer eigenen Gier, ihrer eigenen Großmannssucht und ihrem falschen Ehrgeiz. Sie erhob sich wieder und ging zum Fenster. Ihre Schritte waren fester, der entschlossene Ausdruck kehrte in ihr Gesicht zurück. Abwesend schaute sie hinaus. Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens ging sie wieder zum Schreibtisch zurück. Jetzt wusste sie, welchen Kurs sie einschlagen musste. Sie läutete nach Gaye, die sofort mit einem Tablett hereinkam. Sie stellte es auf den Tisch und setzte sich Emma gegenüber. Sie ist unerschrocken, sagte Gaye zu sich, als sie Emma anschaute und den ruhigen Ausdruck in ihren Augen, die feste Hand bemerkte, mit der sie sich den Tee eingoss.

Nach einer Weile lächelte Emma sie an. »Ich fühle mich besser, Gaye. Ich halte es für richtig, wenn Sie für den nächsten Flug nach London drei Plätze reservieren lassen. Ich weiß, dass verschiedene Linien am frühen Abend fliegen. Mir ist es gleichgültig, welche Sie buchen, besorgen Sie nur rasch die Tickets.«

»Ja, Mrs. Harte. Ich werde sofort anrufen.« Sie wollte gehen.

»Übrigens, liebe Gaye, ich bin ziemlich sicher, dass Paula sich wundern wird, warum wir früher als erwartet nach London zurückkommen. Ich werde ihr sagen, dass dringende Geschäfte meine Anwesenheit erfordern. Ich möchte nicht, dass sie etwas erfährt ... von diesem ...« Sie machte eine Pause und suchte nach einem geeigneten Wort. Dann lachte sie bitter. »Diesem Komplott. Ich glaube, so sollten wir es nennen.«

»Ich würde nicht einmal im Traum daran denken, zu Paula oder irgendjemand anderem darüber zu sprechen!«, rief Gaye heftig.

»Und Gaye ...«

»Ja, Mrs. Harte?«

»Sie haben das Richtige getan. Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

»Oh, Mrs. Harte, bitte ... was hätte ich anders tun sollen? Ich fürchtete mich nur davor, es Ihnen zu sagen, weil ich wusste, wie sehr es Sie betrüben würde.«

Emma lächelte. »Ich weiß, meine Liebe. Nun, schauen Sie, ob Sie eine Maschine bekommen.«

Gaye nickte und verließ den Raum. Emma trank langsam ihren Tee. Ihr Kopf war voller Gedanken an ihre Geschäfte, ihre Kinder und ihre Enkel. Sie dachte an die Familie, die sie gegründet, und die Dynastie, die sie geschaffen hatte. Sie wusste, was sie tun musste, um das alles zu erhalten. Aber würde sie es schaffen? Ihr Herz bebte. Sie zitterte, als sie an die Tage dachte, die vor ihr lagen. Aber das Gefühl ging bald vorüber. Sie wusste, dass sie die Kraft irgendwie finden würde.

Ihr fiel ein, wie ironisch das Leben manchmal war. Ihre Söhne hatten einen nicht gutzumachenden Fehler begangen, als sie das Komplott in ihrem eigenen Sitzungssaal planten. Zugegeben, sie hatten ihrer Meinung nach eine günstige Zeit ausgesucht – der frühe Freitagabend, wenn alle gegangen waren. Trotzdem war sie entsetzt über ihre große Dummheit. Es war noch ein Fehler in ihrem Plan, und dieser Fehler war verhängnisvoll. Sie hatten sie unterschätzt. Und schließlich war sie durch eine Laune des Zufalls über den Verrat vorgewarnt worden. Jetzt, da sie vorbereitet war, konnte sie wirkungsvoll handeln, ihre nächsten Schritte voraussehen und vereiteln. Sie lächelte grimmig in sich hinein. Bei ihren Geschäften war sie immer auch so etwas wie eine Spielerin gewesen, genauso wie im Leben. Wieder einmal hatte sie einen Straight Flush in der Hand. Ihr Glück ließ sie nicht im Stich. Sie hoffte, dass es ihr noch lange genug erhalten bliebe.

3

Henry Rossiter presste den Telefonhörer noch fester an sein Ohr, als ob er die Stimme der Frau besser verstehen wolle. Er musste sich angestrengt auf ihre Worte konzentrieren, denn obwohl Emma Hartes Stimme wie immer wohlklingend war, so sprach sie doch leiser als gewöhnlich.

»Und darum, Henry, wäre ich dankbar, wenn Sie heute morgen zum Warenhaus hinüberkommen könnten. Gegen 11 Uhr 30. Ich denke, wir können dann etwa eine Stunde lang miteinander sprechen und später im Sitzungssaal zusammen essen. Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben.«

Er zögerte fast unmerklich, aber er spürte, dass Emma es bemerkt hatte, und sagte rasch: »Das geht in Ordnung, meine Liebe. Ich komme gerne.«

»Haben Sie eine andere Verabredung, Henry? Ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten.«

Ja, er war bereits zu einem Essen verabredet. Aber er konnte kaum seine wichtigste Kundin zurückweisen, die außerdem noch die reichste Frau von ganz England war, vielleicht sogar der ganzen Welt, denn es war fast unmöglich, ihren Reichtum genau zu schätzen. Er wusste, sie war scharfsinnig genug, um zu merken, dass er eine Verabredung hatte, und darum zog er es vor, die Wahrheit zu sagen. »Ja, das habe ich. Aber es ist leicht für mich abzusagen, wenn Sie mich sprechen wollen, meine Liebe.«

»Gut. Ich weiß das zu schätzen, Henry. Ich sehe Sie also um 11 Uhr 30. Auf Wiedersehen, Henry.«

»Auf Wiedersehen, Emma«, murmelte er, aber sie hatte schon aufgelegt.

Henry kannte Emma schon seit fast vierzig Jahren, lange genug, um sicher zu sein, dass stets eine herrische Aufforderung hinter ihren sanft ausgesprochenen Bitten stand. Es waren echte Befehle, die in den wohlklingendsten Tönen und auf unwiderstehlich charmante Art vorgetragen wurden. Dieser angeborene Charme hatte sie weit gebracht. Henry war der Erste, der das zugab.

Er starrte auf das Tintenfass aus Onyx und dachte über ihre Worte nach. Sie hatte nichts Ungewöhnliches gesagt, und er hatte keine Zwischentöne von Unruhe oder Ärger in ihrer Stimme bemerken können. Und doch war eine gewisse Vorahnung über ihn gekommen, als sie vorhin miteinander sprachen. Henry war klug und scharfblickend. Er war Bankier mit Leib und Seele und stets sorgfältig darauf bedacht, mit seinen Kunden in gutem Einvernehmen zu sein. Er kannte ihre Grundeigenschaften genau, ihre Eigenarten und ihre Schwächen. So musste es auch sein, denn er hatte ihr Geld zu verwalten und gewöhnlich auch einen großen Teil ihrer Geschäfte abzuwickeln. Schon vor langer Zeit war ihm klar geworden, dass die sehr Reichen auch sehr schwierig sein konnten, vor allem, wenn es um ihr Geld ging.

Plötzlich wurde ihm klar, dass Emmas unerwartete Einladung zum Essen ihm Kopfzerbrechen bereitete. Das war noch nie vorgekommen, und darum beunruhigte es ihn. Emma, das wusste er nur zu gut, war eine Frau mit festen Gewohnheiten. Sie hatte selten Verabredungen zum Essen, und wenn, dann wurden sie schon sorgfältig Tage vorher geplant. Dieses Abweichen von der üblichen Routine war seltsam, und je mehr er darüber nachgrübelte, desto mehr war er davon überzeugt, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Und doch hatte er schon dreimal mit ihr gesprochen, seit sie von New York zurück war, und in dieser Woche war sie wie immer gewesen, frisch, an ihren Geschäften interessiert und offenbar ohne Probleme.

Er setzte seine Brille ab und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er fragte sich, ob sie mit der Art unzufrieden war, wie die Bank ihre Geschäfte verwaltete. Henry war immer auf Probleme vorbereitet, vor allem was die Bank betraf. »Vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung für diese Einladung. Ich bilde mir nur ein, dass etwas nicht stimmt«, murmelte er leicht verärgert. Trotzdem drückte er auf einen Knopf am Telefon, der die Hausverbindung vermittelte, und bat seine Sekretärin, Osborne zu ihm zu schicken.

Tony Osborne überwachte mit zwei anderen Angestellten der privaten Bank Emma Hartes geschäftliche Angelegenheiten in England. Alle waren ihm verantwortlich, und er überprüfte zwei- bis dreimal wöchentlich ihre Angelegenheiten. Osborne tadelte ihn oft wegen des großen Personalaufwandes und betonte ständig, es sei besser, mit Computern zu arbeiten, um den Harte-Besitz zu überwachen. Aber Henry traute den Computern nicht, denn er war konservativ, ja sogar altmodisch. Außerdem war er der Meinung, dass die Überwachung eines Vermögens von etwa dreihundert Millionen Pfund jeden Personalaufwand wert war, den die Bank sich leisten konnte. Emma war anspruchsvoll und scharfsinnig, wahrscheinlich mehr, als jeder Bankier, den er kannte, sich selbst eingeschlossen. Henry musste absolut sicher sein, dass er jederzeit jede Frage beantworten konnte, und darum wurden die Geschäftsbücher täglich überprüft. Henry wollte, dass sämtliche wichtigen Informationen zur Hand waren – sogar bei Nacht, wenn es notwendig war.

Osborne riss ihn aus seinen Gedanken, als er an die Tür klopfte und den Raum betrat. Er ist ein eingebildeter Jüngling, selbstgefällig und viel zu ehrgeizig, dachte Henry, als er auf den tadellos gekleideten jungen Mann blickte, der vor ihm stand. Aber was kann man schon von einem Eton-Schüler erwarten.

»Guten Morgen, Henry.«

»Morgen, Osborne.«

»Heute ist wirklich ein schöner Tag, nicht wahr? Ich glaube, dieses Jahr kommt der Frühling sehr früh. Meinen Sie nicht?«

»Ich bin kein Wetterprophet«, murmelte Henry.

Osborne bemerkte diese Abfuhr nicht, oder hatte beschlossen, sie zu ignorieren. Allerdings wurde sein Betragen nun etwas geschäftsmäßiger und seine Haltung kühler. »Ich möchte mit Ihnen über die Konten von Rowe ...«, begann Tony.

Henry hob die Hand und schüttelte den Kopf. »Nicht jetzt, Osborne. Ich habe Sie gerufen, weil ich eben mit Mrs. Harte gesprochen habe. Sie bat mich, nachher in das Warenhaus zu kommen. Ist alles in Ordnung? Keine Probleme?«

»Absolut nicht!« Osborne war offensichtlich überrascht. »Wir haben alles unter Kontrolle.«

»Ich nehme an, Sie haben auch die Auslandsgeschäfte im Auge behalten. Sie haben doch gestern alles geprüft?« Henry spielte mit seinem Federhalter. Er war immer noch besorgt.

»Das tun wir montags immer. Wir haben die amerikanischen und australischen Anteile überprüft. Alles ist unverändert. Die Geschäfte von Sitex laufen gut. Ist etwas nicht in Ordnung, Henry? Was ist los?«, fragte er beunruhigt.

Henry schüttelte den Kopf. »Ich weiß nichts Genaues, Osborne. Aber ich möchte vollständig informiert sein, bevor ich Mrs. Harte sehe. Ich werde mit Ihnen die Konten prüfen. Gehen wir in Ihr Büro.«

Nach eineinhalb Stunden konzentrierter Arbeit war Henry völlig zufrieden. Osborne und seine Mitarbeiter hatten ihre Arbeit exakt und sorgfältig ausgeführt. Punkt elf Uhr zog Henry seinen schwarzen Mantel an, nahm Melone und Schirm und verließ das Büro. Auf der Treppe zum Bankgebäude blieb er einen Augenblick stehen und atmete die Luft ein. Es war ein frischer, sonniger Tag. Osborne hatte Recht. In diesem Januartag war bereits etwas Frühling zu spüren. Rasch ging er die Straße hinunter und schwang munter seinen Schirm. Er war ein großer, gut aussehender Mann von Anfang sechzig, dessen ernstes, würdiges Verhalten nichts von seinem Humor und seiner Neigung zum Flirten ahnen ließ.

Henry Rossiter besaß einen kühlen, subtilen Verstand, und er war äußerst geistreich. Er war ein gebildeter Mann mit Kunstverständnis, sammelte seltene Erstausgaben und liebte das Theater und die Musik. Er ritt und schoss ausgezeichnet, und in seinem Heimatort galt er als der beste Jäger. Als Spross einer reichen und alten Familie aus englischem Landadel gehörte er jetzt zu den oberen Kreisen, er war konservativ und weltoffen zugleich. Er war zweimal verheiratet gewesen, und im Augenblick geschieden, was ihn zu einem der begehrtesten Junggesellen Londons machte, denn er war unterhaltsam, charmant und erfahren, ein Lebemann. Kurz, er war attraktiv und gefährlich, erfolgreich in geschäftlichen Dingen und im gesellschaftlichen Leben.

An der Straßenecke hielt Henry ein Taxi an und stieg ein. Er beugte sich vor und sagte zu dem Fahrer: »Zu Harte, bitte.« Dann lehnte er sich zurück und ruhte sich aus. Er war sicher, dass Emma über die Bank nicht zu klagen hatte. Er konnte zwar immer noch nicht erraten, was der Grund für ihre plötzliche Einladung war, aber er hatte seine ursprünglichen Sorgen abgelegt. Frauen, dachte er mit zärtlicher Verzweiflung, sind unberechenbare Wesen. Er glaubte ernsthaft, alle Frauen seien unmöglich, war er doch sein ganzes Leben lang von ihnen verwirrt, verblüfft und behext worden. Aber was Emma Harte betraf, war er gezwungen, seine Gedanken zu korrigieren. Von ihr konnte er wirklich nicht sagen, sie sei unberechenbar oder gar unmöglich. Ja, sie war eigensinnig und manchmal sogar dickköpfig bis zur Unnachgiebigkeit, aber meist war sie klug und vernünftig. Ihre Umsicht war eine grundlegende Charaktereigenschaft. Nein, ›unberechenbar‹ war ein Wort, das er mit Emma nie in Verbindung bringen konnte.

Während das Taxi sich in Richtung Knightsbridge durch den dichten Verkehr wand, weilten Henrys Gedanken bei Emma Harte. Sie waren seit vielen Jahren Freunde und Geschäftspartner, und diese Beziehung war harmonisch und für beide von Vorteil. Er hatte es immer leicht gefunden, mit Emma zu arbeiten, denn sie besaß einen logischen und klaren Verstand. Sie dachte nicht so konfus wie andere Frauen, noch beschäftigte sie sich mit dem üblichen Weiberkram. Er lächelte in sich hinein. Einmal hatte er ihr gesagt, dass sie nicht den Verstand einer Frau, sondern den eines Mannes hätte. »Oh, gibt es da einen Unterschied?«, hatte sie schlagfertig gekontert und dabei amüsiert gelächelt. Damals war er ein wenig verletzt gewesen, denn er war der Meinung, ihr ein großes Kompliment gemacht zu haben.

Vom ersten Tag ihrer Begegnung an war er von Emma entzückt gewesen. Er hatte gedacht, sie sei die faszinierendste Frau, der er jemals begegnet war, und das dachte er auch jetzt noch. Einmal, vor langer Zeit, hatte er sogar geglaubt, dass er sie liebe, obwohl sie seine Gefühle niemals bemerkte. Damals war er vierundzwanzig und sie neununddreißig Jahre alt gewesen und das begehrenswerteste aller Geschöpfe: die erfahrene, ältere Frau. Sie war eine bemerkenswerte Erscheinung mit ihrem üppigen Haar, dessen Ansatz in der Stirnmitte spitz zulief und ihren großen, lebhaft leuchtenden, grünen Augen. Sie war energiegeladen und besaß eine Lebenskraft, die mitreißend war. Ihre Lebhaftigkeit und ihr unglaublicher Optimismus gaben ihm immer wieder Auftrieb. Sie unterschied sich erfrischend von den faden und steifen Frauen, die ihn sein Leben lang umgeben hatten. Emma besaß die Fähigkeit, über sich selbst und ihre Fehler zu lachen, und eine Fröhlichkeit, gepaart mit Lebenslust, die Henry bemerkenswert fand. Bis heute war er überwältigt von ihrer sprühenden Intelligenz, ihrem Weitblick und ihrer unbezwingbaren Entschlusskraft. Und er war immer von ihrem natürlichen Charme beeindruckt gewesen, einem Charme, der, wie Henry wusste, über die Jahre hinweg bewusst gepflegt worden war, und den sie mit vollendeter Geschicklichkeit einzusetzen gelernt hatte, dessen Wirkung sie sorgfältig nutzte, um größtmögliche Vorteile zu erzielen.

Seit fast dreißig Jahren war er ihr Finanzberater. Sie hörte immer genau auf ihn und schätzte seine Vorschläge. In dieser Zeit hatten sie nie Auseinandersetzungen gehabt. In einer besonderen Art von Besitzerstolz war er maßlos eingenommen von Emma und dem, was sie geworden war: eine große Dame. Ein unvergleichlicher, geschäftlicher Erfolg. Es war eine feststehende Tatsache, dass Emma Hartes Londoner Warenhaus jedes andere in der Welt übertraf, nicht nur in seiner Größe, sondern auch in Qualität und der Vielfalt der Waren. Nicht ohne Grund war sie bekannt als eine der großen Warenhausfürstinnen, obwohl wenige wussten – im Gegensatz zu Henry –, welchen gewaltigen und furchtbaren Preis sie für ihren Erfolg hatte zahlen müssen. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass ihr gewaltiges Handelsimperium sich auf ihrer Selbstaufopferung und zähen Willenskraft gründete. Hinzu kamen kaufmännisches Talent, ein angeborenes Wissen um die Launen des Publikums, ein untrügerischer Blick für künftige Entwicklungen und starke Nerven, um etwas zu riskieren, falls es notwendig war. Er hatte einmal zu Tony Osborne gesagt, dass die Steine und der Mörtel des Warenhauses aus ihrem Weitblick, ihrer finanziellen Geschicklichkeit und ihrer unheimlichen Fähigkeit gemacht seien, sich selbst aus den unmöglichsten Situationen mit Triumph emporzuschwingen. Und er hatte es so gemeint. Soweit es Henry betraf, hatte sie das alles alleine geschafft. Das Londoner Warenhaus war allen anderen weit überlegen, ein Zeugnis ihrer unüberwindlichen Stärke.

»Wir sind da, mein Herr«, sagte der Taxifahrer freundlich. Henry stieg aus, zahlte und eilte zum Seiteneingang für die Angestellten. Der Aufzug brachte ihn zum obersten Stockwerk, wo Emmas Büros lagen.

Gaye Sloane sprach eben mit einer der Sekretärinnen im Empfangszimmer, als Henry eintrat. Sie begrüßte ihn herzlich. »Mrs. Harte erwartet Sie bereits«, sagte sie, als sie die Tür zu Emmas Büro öffnete und ihn hineinführte.

Emma saß an ihrem Schreibtisch, der mit Papieren übersät war. Sie sieht seltsam zerbrechlich aus, dachte er. Sie schaute bei seinem Eintreten auf, nahm die Brille ab und erhob sich. Er bemerkte, dass der Eindruck von Zerbrechlichkeit nur eine Täuschung gewesen war, weil sie hinter dem riesigen, schweren Schreibtisch so zart wirkte, denn sie ging lächelnd auf ihn zu, mit leichten Schritten, voller Vitalität. Sie war elegant in einem flaschengrünen Samtkleid. Etwas Weißes, Seidiges wurde am Hals mit einer Smaragdnadel zusammengehalten, und Smaragde glitzerten auch an ihren Ohrringen.

»Henry, mein Lieber, wie schön, Sie zu sehen«, sagte sie und nahm ihn herzlich am Arm. Er lächelte und beugte sich nieder, um sie auf die Wange zu küssen. Er dachte: Sie scheint selbstbeherrscht und guter Dinge zu sein. Aber dann bemerkte er die traurigen Augen, und sie war auch bleicher als gewöhnlich.

»Lassen Sie sich anschauen, liebe Emma«, sagte er und hielt sie von sich ab, damit er sie genauer betrachten konnte. Er lachte und schüttelte in gespielter Verblüffung den Kopf. »Sie müssen mir Ihr Geheimnis verraten, meine Liebe. Ich weiß nicht, wie Sie es fertig bringen, aber Sie schauen wirklich blendend aus.«

Emma lächelte, jetzt waren ihre Augen froh. »Harte Arbeit, ein geregeltes Leben und ein klarer Verstand. Aber Sie sollten sich nicht beklagen, Henry. Auch Sie schauen fabelhaft aus. Kommen Sie, mein Lieber, nehmen wir einen Sherry und plaudern ein bisschen.« Sie führte ihn zum Kamin, wo ein loderndes Feuer prasselte. Sie setzten sich. Emma nahm eine Karaffe und goss Sherry in zwei Kristallgläser.

»Ein Wohl auf den großen Mann mit Namen Emma«, sagte er, indem er sein Glas hob und mit ihr anstieß, bevor er einen Schluck des trockenen Sherry trank.

Emma warf ihm einen kurzen überraschten Blick zu und lachte fröhlich. »Aber Henry!« Sie lachte wieder und sagte dann belustigt: »Bei allem Respekt, ich bin nicht Katharina die Große und Sie nicht Voltaire. Aber ich danke Ihnen jedenfalls. Ich nehme an, das sollte ein Kompliment sein.«

Henry lächelte breit, ein wenig überrascht über ihre rasche Antwort, aber er war wieder einmal entzückt von ihr. »Gibt es eigentlich etwas, was Sie nicht wissen, meine Liebe? Ja, natürlich, das war als Kompliment gedacht.«

Emma lachte immer noch. »Es gibt vieles, was ich nicht weiß, Henry. Aber einer meiner galanten Enkel ist Ihnen zuvorgekommen. Er sagte mir gestern das gleiche. Und als ich ihm ein Kompliment für sein Kompliment zurückgab, war er so gnädig, mir die Quelle zu nennen. Sie kommen einen Tag zu spät, mein Lieber!«

Henry kicherte mit ihr. »Nun, wir denken offensichtlich das Gleiche. Welcher Enkel war es denn?«, fragte er, immer neugierig, was Emmas große, unkonventionelle Familie betraf.

»Ich habe einige, nicht wahr?«, meinte Emma mit einem liebevollen Lächeln. »Das muss verwirrend sein. Es war Alexander, der Sohn von Elizabeth. Er war gestern Nachmittag hier. Er kam von Yorkshire und war wirklich erregt über seinen Onkel Kit, der sich äußerst hartnäckig weigert, in eine der Mühlen neue Maschinen zu installieren. Es ist eine kostspielige Änderung, aber es wird uns später eine Menge Geld sparen und die Produktion erhöhen. Alexander war im Recht, und ich konnte die Dinge schließlich klären, ohne ein allzu großes Blutbad anzurichten.«

»Er ist ein gescheiter Junge und verehrt Sie, Emma. Da wir gerade von Christopher sprechen ...« Er machte eine Pause und lächelte. »Entschuldigen Sie, Emma, ich kann ihn einfach nicht Kit nennen. Wie dem auch sei, ich habe Christopher zufällig vor einigen Wochen getroffen, und ich war etwas überrascht, ihn mit Edwina und Robin zu sehen. Sie dinierten im Savoy.«

Bisher war Emma entspannt gewesen und hatte Henry mit Zuneigung betrachtet, amüsiert von seiner galanten Art. Jetzt spannte sie sich, aber ihr Gesicht blieb offen und höflich. »O wirklich. Ich freue mich zu hören, dass meine Kinder sich nun doch vertragen«, sagte sie leichthin, während diese Information sich sorgfältig in ihr Gedächtnis eingrub.

Henry zündete sich eine Zigarette an und fuhr fort: »Ich war überrascht, denn ich wusste nicht, dass Christopher den beiden anderen freundlich gesonnen ist. Und offen gesagt, ich wusste auch nichts von der dicken Freundschaft zwischen Robin und Edwina. Ich dachte, dies wäre nur kurz der Fall gewesen, als vor einigen Jahren die Sache mit dem Verkauf der Warenhäuser war. Wirklich, ich verstand diese Verbindung nie, Emma. Ich habe immer gedacht, die beiden verabscheuten einander, bis sie so dicke Freunde wurden. Offensichtlich hat die Freundschaft gehalten.«

Emma lächelte dünn. »Sie sagen, Sie verstehen ihre Freundschaft nicht, Henry, doch ich habe schon lange herausgefunden, dass dunkle und schlimme Komplotte ganz besondere Kumpaneien hervorbringen. Sie haben Recht. Natürlich hatten sie eine starke Abneigung gegeneinander, aber seit diesem Ärger mit der Gesellschaft hielten sie zusammen.«

»Hmm. Das war ein hübsches Geschäftchen, nicht wahr. Aber Gott sei Dank wurde nichts daraus. Nun, wie ich sagte, ich fand es recht seltsam, die drei zusammen zu sehen«, schloss er und trank einen Schluck Sherry. Er wusste nichts von den beunruhigenden Gedanken, die er in Emma aufgewühlt hatte.

Sie beobachtete ihn mit wachem Blick. Dann sagte sie gleichgültig: »Ich denke nicht, dass das so seltsam ist, Henry. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich habe Familiengerüchte gehört, dass die drei eine Zusammenkunft der ganzen Sippe anlässlich meines Geburtstages planen«, log sie glatt. »Ich nehme an, sie trafen sich, um die Einzelheiten zu besprechen.«

»Ich dachte, Ihr Geburtstag ist Ende April.«

»Das stimmt, aber das sind doch nur noch ein paar Monate.«

»Ich hoffe, ich bekomme eine Einladung«, sagte er. »Schließlich brauchen Sie einen Begleiter, und ich war Ihr ständiger Verehrer – seit beinahe vierzig Jahren.«

»Sicher, mein Lieber«, antwortete Emma, erleichtert, dass das gefährliche Thema so leicht überbrückt worden war. »Aber ich habe Sie nicht hergebeten, um über meine Nachkommen zu plaudern. Ich wollte mit Ihnen über einige Dinge ...«

Das Telefon läutete, und Emma stand jäh auf. »Entschuldigen Sie mich, Henry. Das muss Paula sein, die aus Paris anruft. Das ist der einzige Anruf, den Gaye zu mir durchstellen soll.«

»Natürlich, meine Liebe«, sagte er und erhob sich ebenfalls. Sie durchquerte den Raum, ging zu ihrem Schreibtisch, und er setzte sich wieder. Er machte es sich vor dem Feuer bequem und genoss seinen Sherry und die Zigarette. Er war beruhigt. Emma schaute müde aus, aber er konnte keine äußeren Zeichen dafür entdecken, dass sie Sorgen hatte. Sie schien wirklich gut gelaunt zu sein. Während sie telefonierte, schaute er sich in dem Raum um. Er beneidete Emma um dieses Büro, das eher einer Bibliothek in einem prächtigen Haus glich, als einem Ort, wo gearbeitet wurde. Mit den getäfelten Wänden, den hohen Bücherregalen, den herrlichen Gemälden englischer Maler und den schönen georgianischen Antiquitäten war es ein angenehmer Zufluchtsort, den man gern selber hätte, um darin zu arbeiten.

Emma beendete ihr Gespräch und kehrte wieder zu ihm am Kamin zurück. Sie hatte einen Umschlag mit Papieren in der Hand, was Henry nicht unbemerkt bleiben konnte. Sie legte ihn auf den Tisch und setzte sich. Henry lehnte sich zurück und zündete sich eine Zigarette an.

»Paula lässt herzlich grüßen, Henry. Sie ist in Paris und erledigt einige Dinge wegen des Warenhauses für mich.«

»Ein reizendes Mädchen«, entgegnete Henry. In seiner Stimme lag Bewunderung. »Sie ist wie Daisy, süß, ehrlich und unkompliziert. Wann kommt sie zurück?«

Emma war keineswegs der Meinung, Paula sei unkompliziert, aber sie ersparte sich jeden Kommentar über ihre Enkelin. »Am Donnerstag. Noch einen Sherry, Henry?«, fragte sie, während sie bereits einschenkte.

»Ja, danke, meine Liebe. Bevor Paulas Anruf kam, sagten Sie, Sie möchten mit mir über einige Dinge sprechen«, bemerkte er leichthin. Er wollte zum Geschäft kommen. »Etwas Ernstes?«, fragte er und sah neugierig auf den Umschlag.

»Nein, überhaupt nicht. Ich möchte einen Teil meines persönlichen Besitzes liquidieren, und ich dachte, Sie könnten das für mich tun.« Emmas Stimme war ruhig und ihre Miene gelöst. Sie trank langsam und wartete, dabei beobachtete sie Henry gespannt. Sie wusste, wie er reagieren würde.

Trotz seiner früheren Besorgnis war er doch überrascht. Das hatte er nicht erwartet. Er setzte sein Glas ab und lehnte sich vor. Seine Augen waren ernst, und eine Sorgenfalte zeigte sich auf seiner Stirn. »Haben Sie Schwierigkeiten, Emma?«, fragte er ruhig und sah sie durchdringend und fragend an.

Emma entgegnete seinem Blick ruhig und sagte fest: »Nein, Henry. Ich habe gesagt, dass ich einen Teil meines persönlichen Besitzes liquidieren will. Aus persönlichen Gründen. Es gibt keine Probleme. Das sollten Sie wissen, mein Lieber. Schließlich erledigen Sie doch die meisten meiner Bankgeschäfte.«

Henry überlegte einen Augenblick. Die Zahlen, die er heute Morgen gesehen hatte, tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Hatte er nachlässig etwas von wichtiger Bedeutung übersehen? Nein, das war nicht möglich. Er atmete wieder leichter und räusperte sich. »Nun, das ist richtig«, meinte er nachdenklich. »Wirklich, ich habe alle Ihre Konten überprüft, bevor ich herkam. Alles ist in bester Ordnung. Die Dinge standen tatsächlich nie besser«, schloss er mit voller Offenheit.

»Ich brauche etwas Bargeld, Henry. Aus persönlichen Gründen, wie ich schon sagte. Ich dachte darum, es sei besser, sich von einigen Grundstücken, Juwelen und Kunstgegenständen zu trennen, als Aktien zu verkaufen.«

Henry war so verblüfft, dass er einen Augenblick lang sprachlos war. Bevor er wieder etwas sagen konnte, gab sie ihm den Umschlag. Er nahm seine Brille, setzte sie auf und schaute sich die Listen an, bestürzt und besorgt. Als sein Blick über die Zeilen eilte, erinnerte er sich an seine Vorahnung von heute morgen. Vielleicht hatte sein Instinkt nicht getrogen.

»Emma! Das alles stellt doch nicht ›etwas Bargeld‹ dar, wie Sie es so gleichmütig bezeichnen. Dieser Besitz hat den Gegenwert von einigen Millionen Pfund!«

»Oh, ich weiß. Ich rechnete so mit sieben oder acht Millionen Pfund. Was denken Sie, lieber Henry?«, fragte sie ruhig.

»Großer Gott! Emma! Warum brauchen Sie plötzlich sieben oder acht Millionen Pfund? Was ich denke, fragen Sie mich. Ich denke, dass irgendetwas nicht stimmt, und dass Sie es mir nicht sagen. Sie müssen Probleme haben, über die ich nichts wissen kann!« Seine grauen Augen blitzten, und er versuchte, seinen Ärger unter Kontrolle zu bringen. Er war sicher, dass sie ihm etwas verheimlichte, und das ärgerte ihn.

»Oh, kommen Sie, Henry.« Emma lachte leise in sich hinein. »Seien Sie nicht so aufgeregt. Es ist alles in Ordnung. Wirklich. Ich brauche lediglich sechs Millionen für mein ... sagen wir, persönliches Vorhaben. Ich möchte diese Dinge verkaufen, weil ich sie nicht mehr brauche. Die Juwelen trage ich nie. Sie wissen, dass ich mir nicht besonders viel aus Diamanten mache. Und selbst nach dem Verkauf habe ich noch mehr als genug, und bestimmt so viel, wie es sich für eine Frau meines Alters gehört. Der Grundbesitz ist lästig. Ich möchte auch ihn nicht mehr, und ich habe das Gefühl, jetzt ist genau die richtige Zeit, um zu verkaufen und Gewinn zu machen. Ich bin wirklich sehr geschäftstüchtig«, schloss sie, und in ihrer Stimme klang Eigenlob mit, als sie Henry freundlich anlächelte.

Er blickte sie erstaunt an. Sie wusste es glänzend so zu drehen, dass alle ihre Handlungen bewundernswert pragmatisch aussahen, und das machte ihn verrückt.

»Aber die Kunstsammlung, Emma! Meine Liebe, Sie haben soviel Liebe, Zeit und Sorgfalt investiert, um alle diese ... diese Meisterwerke zu sammeln. Sind Sie absolut sicher, dass Sie sie loswerden wollen?« Seine Stimme war traurig und wehmütig geworden. Er schaute auf das Papier in seiner Hand. »Schauen Sie doch, was Sie hier aufgelistet haben. Gemälde von Sisley, Chagall, Monet, Manet, Dali, Renoir, Pisarro und Degas. Es ist eine fantastische Sammlung.«

»Die ich mit Ihrer großzügigen Hilfe im Laufe der Jahre angelegt habe, mit Ihren Kontakten zu Kunsthändlern in aller Welt. Ich bin Ihnen dafür sehr dankbar, Henry. Mehr als Sie jemals wissen werden. Aber ich möchte verkaufen! Es ist, wie Sie sagten, eine fantastische Sammlung, und sie sollte auch einen fantastischen Preis erzielen«, sagte sie entschieden und warf ihm so geschickt den Ball wieder zu.

»Oh, sicher wird sie das!«, stimmte Henry zu. Plötzlich erwachte in ihm der Bankier. »Wenn Sie ganz sicher sind, dass Sie die Sammlung verkaufen wollen, dann kann ich das mit Leichtigkeit für Sie tun.« Seine Stimme wurde enthusiastisch.

»Im Augenblick habe ich einen Kunden in New York, der liebend gern diese Gemälde erstehen wird. Und er wird auch den richtigen Preis zahlen, meine Liebe. Aber, Emma, wirklich! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es scheint mir eine solche Schande ...« Seine Stimme erstarb, denn er erkannte plötzlich, dass sie ihn ziemlich geschickt überrumpelt hatte, indem sie seine Aufmerksamkeit auf das Geschäftliche gelenkt hatte.

»Gut«, sagte Emma rasch und ergriff die Gelegenheit, um Henrys Begeisterung und seine Bankiersinstinkte weiter zu steigern. »Was ist mit den Grundstücken in Leeds und London? Ich denke, die Wohnblocks in Hampstead und der Fabrikbesitz in East End werden einen guten Preis erzielen.«

»Ja. Ebenso das Bürohaus in West End. Sie haben natürlich Recht, es ist eine gute Zeit zu verkaufen.« Er konzentrierte sich auf die verschiedenen Listen, machte rasche Überschlagsrechnungen. Sie hatte den Gesamtwert unterschätzt. Die Gemälde, der Grundbesitz und die Juwelen würden etwa neun Millionen Pfund einbringen. Er legte den Umschlag zurück und zündete sich wieder eine Zigarette an. Seine Unruhe wuchs.

»Emma, meine Liebe. Sie müssen es mir sagen, wenn Sie Probleme haben. Wer, außer mir, kann Ihnen helfen?« Er lächelte sie an, langte zu ihr hinüber und tätschelte liebevoll ihren Arm. Er hatte sich noch nie lange über sie ärgern können.

»Henry, lieber Henry. Ich habe keine Probleme«, antwortete Emma äußerst versöhnlich und beruhigend. »Sie wissen das. Sie haben selbst gesagt, dass die Dinge nie besser standen.« Sie setzte sich neben ihn auf das Sofa und nahm seine Hand. »Hören Sie, Henry, ich brauche dieses Geld aus einem persönlichen Grund. Es hat nichts mit Problemen zu tun. Ich gebe Ihnen mein Wort. Bitte glauben Sie mir, Henry, ich würde es Ihnen sagen. Wir sind so lange Jahre Freunde gewesen, und ich habe Ihnen immer vertraut, nicht wahr?« Sie lächelte zu ihm auf und setzte ihren ganzen Charme ein. In ihren Augen las er nur warme Zuneigung.

Er erwiderte ihr Lächeln und drückte ihr fest die Hand. »Ja. Wir haben uns immer gegenseitig vertraut, wirklich. Als Ihr Bankier weiß ich, dass Sie keine geschäftlichen oder finanziellen Probleme haben, Emma. Aber ich kann einfach nicht verstehen, warum Sie sechs Millionen Pfund brauchen, und warum Sie mir nicht sagen, wofür. Können Sie es nicht, meine Liebe?«

Ihre Miene wurde sofort undurchschaubar. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann es nicht sagen. Werden Sie den Verkauf des Besitzes für mich übernehmen?«, fragte sie fest und geschäftsmäßig.

Henry seufzte. »Natürlich, Emma. Darüber bestand doch nie ein Zweifel, nicht wahr?«

Sie lächelte. »Danke, Henry. Wie lange wird der Verkauf dauern?«

Er zuckte die Schultern. »Das weiß ich wirklich nicht. Vielleicht sechs Wochen. Ich bin sicher, ich kann die Kunstsammlung innerhalb der nächsten Woche verkaufen. Ich glaube auch, dass ich einen Kunden habe, der die Juwelen privat kaufen wird. So können wir einen öffentlichen Verkauf vermeiden. Auch der Grundbesitz sollte ziemlich leicht loszuschlagen sein. Ja, ich würde sagen, höchstens einen Monat.«

»Ausgezeichnet!«, rief Emma. Sie sprang auf und ging zum Kamin. Sie stellte sich mit dem Rücken zum Feuer und betrachtete Henry mit einem amüsierten Glitzern in den Augen. »Schauen Sie nicht so betrübt, mein Lieber. Auch die Bank wird daran Geld verdienen, wie Sie wissen. Und die Regierung an all den Steuern, die ich werde zahlen müssen!«

Er lachte. »Manchmal denke ich, Sie sind unverbesserlich, Emma Harte.«

»Das bin ich! Ich bin die unverbesserlichste Frau, die ich kenne. Gehen wir nun in den Sitzungssaal zum Essen. Dann können Sie mir über Ihre jüngsten Frauenbekanntschaften erzählen und die aufregenden Partys, an denen Sie teilgenommen haben, während ich in New York war.«

»Eine ausgezeichnete Idee«, sagte er heiter, obwohl er noch immer besorgt war, als er ihr folgte.

Am nächsten Tag begann Emma sich unwohl zu fühlen. Der Husten, den sie sich in New York geholt hatte, belästigte sie immer noch, und in ihrer Brust spürte sie einen beklemmenden Druck. Aber es dauerte noch eine ganze Woche, bevor sie zusammenbrach, und während dieser Woche weigerte sie sich, zuzugeben, dass etwas mit ihrer Gesundheit nicht in Ordnung war. Gebieterisch wischte sie alle besorgten Einwände Gaye Sloanes und ihrer Tochter Daisy fort. Sie weigerte sich, von ihrem üblichen Arbeitsplan abzuweichen. Gewissenhaft ging sie jeden Morgen um halb acht ins Büro und kehrte am Abend um sieben Uhr in ihr Haus am Belgrave Square zurück. Da sie es gewohnt war, bis halb neun oder gar neun Uhr abends in ihrem Büro zu arbeiten, fand sie, dass ihre relativ frühe Heimkehr ein großes Zugeständnis war. Aber es war auch ihr einziges.

Manchmal, am Ende eines Arbeitstages, wenn sie vor den riesigen Aktenbergen saß, war sie von dem Husten so zermartert und erschöpft, dass sie eine Zeitlang völlig geschwächt und ermattet in ihrem Sessel blieb. Für Emma war dieser quälende Husten unheilvoll. Trotzdem arbeitete sie weiter, getrieben von einem Gefühl äußerster Dringlichkeit. Nicht die Routinegeschäfte beunruhigten sie, denn die erledigte sie rasch und exakt, mit dem ihr eigenen Scharfsinn. Ernste Sorge bereiteten ihr die Stapel von Rechtsdokumenten, die ihre Anwälte auf ihre Bitte hin vorbereitet hatten. Sie lagen jetzt ausgebreitet vor ihr auf dem riesigen Tisch, beleuchtet von der abgeschirmten Lampe, und manchmal erschrak sie vor der gewaltigen Arbeit, die sie noch zu leisten hatte. Dann dachte sie: Ich werde es nicht schaffen! Es ist nicht mehr genug Zeit! In solchen Augenblicken erfasste sie für kurze Zeit Panik. Aber diese lähmenden Gedanken gingen vorüber, und dann arbeitete sie weiter, rasch, sorgfältig und klug. Dabei machte sie immer wieder Notizen für ihre Anwälte. Während sie arbeitete, war sie nur von einem einzigen Gedanken erfüllt: Die Dokumente müssen unabänderlich und unwiderruflich sein! Sie müssen unantastbar sein. Ich muss sicher sein, absolut sicher, dass sie vor keinem Gericht jemals angefochten werden können.

Oft wurden die Schmerzen in ihrer Brust so schlimm, dass sie fast unerträglich waren. Dann musste sie ihre Arbeit für eine Weile unterbrechen. Sie stand auf und ging gebeugt durch das elegant eingerichtete Büro, so von Schmerz gequält, dass sie manchmal die zeitlose Schönheit des Raumes nicht mehr bemerkte. Sie hatte diese Schönheit mit Geduld geschaffen, und sie erfüllte sie sonst immer mit großer Zufriedenheit. An der Bar goss sie sich mit zitternden Händen einen Brandy ein und ruhte sich dann eine Zeitlang auf dem Sofa vor dem Kamin aus. Sie mochte den Geschmack von Brandy nicht besonders, aber da er sie wärmte und für kurze Zeit den Schmerz zu unterdrücken schien, wählte sie ihn als das kleinere von zwei Übeln. Und was noch wichtiger war, er befähigte sie, zu ihrem Schreibtisch zurückzugehen und mit der Arbeit an den Dokumenten fortzufahren. Wenn sie sich so mit den unerträglichen Schmerzen abquälte, kochte sie innerlich vor Wut und verfluchte die Treulosigkeit ihres Körpers, der sie in einer so entscheidenden Phase im Stich ließ.

Eines Abends am Ende der Woche, als sie fieberhaft an ihrem Schreibtisch arbeitete, hatte sie plötzlich das unwiderstehliche Verlangen, in die Räume des Warenhauses hinunterzugehen. Zunächst unterdrückte sie den Gedanken als den dummen Wunsch einer alten Frau, die sich krank fühlte. Aber das Verlangen wurde so stark und zwingend, dass sie nicht widerstehen konnte. Sie musste durch die großen, menschenleeren Hallen gehen, als handele es sich darum, sich die eigene Existenz zu bestätigen. Sie erhob sich langsam. Ihr Körper war vom Fieber geplagt, und der Schmerz in ihrer Brust allgegenwärtig. Nachdem sie mit dem Lift hinuntergefahren war und mit dem Nachtwächter gesprochen hatte, ging sie durch die Halle, die zu den Abteilungen im Erdgeschoß führte. Sie betrachtete die ruhige, geisterhafte Szene, die sich vor ihren Augen auftat. Bei Tag erstrahlte alles im Glanz riesiger Kristallleuchter, aber jetzt, in den Schatten und der Stille des Abends, erschien ihr der Raum wie ein versteinerter Wald, verloren in Zeit und Raum, seelenlos, gefroren und ohne Leben. Die gewölbte Decke, in ihren Ausmaßen fast wie die einer Kathedrale, war übersät mit bläulichen Gittermustern, unheimlich und geheimnisvoll, während die getäfelten Wände von den Wandleuchten in ein tief purpurn glänzendes, sanftes und diffuses Licht getaucht wurden. Sie bewegte sich geräuschlos über den dicken Teppichboden und erreichte die Lebensmittelabteilung, die aus einer Reihe von riesigen Räumen bestand, verbunden durch hohe Torbögen, die ein wenig an die Architektur mittelalterlicher Klöster erinnerten.

Für Emma würde die Lebensmittelabteilung immer der Mittelpunkt des Warenhauses bilden, denn hier hatte in Wirklichkeit alles begonnen. Sie war die winzige Saat, aus der die Warenhauskette hervorgewachsen war, erblühte und zu dem mächtigen Imperium wurde, welches sie heute darstellte.

»Wer hätte je gedacht, dass es sich so entwickeln würde?«, fragte Emma sich laut, und ihre Stimme hallte in der Stille der leeren Halle von den Wänden zurück. »Wo nahm ich die Energie her?« Sie war einen Augenblick lang verwirrt. Sie hatte viele Jahre lang nicht an das gedacht, was sie erreicht hatte, immer mit ihren Geschäften zu sehr beschäftigt, um ihre Zeit mit Grübelei über ihren Erfolg zu vergeuden. Diese Aufgabe hatte sie vor langem ihren Konkurrenten und Gegnern überlassen. Denn auf Grund ihrer eigenen Falschheit und Skrupellosigkeit würden sie niemals fähig sein zu begreifen, dass die Warenhauskette von Emma Harte auf so grundlegenden Dingen wie Rechtschaffenheit, beseeltem Mut, Geduld und Opferbereitschaft aufgebaut worden war.

Opferbereitschaft. Dieses Wort war in ihrem Geist gefangen wie eine Fliege in Bernstein. Sie hatte in der Tat ungeheure Opfer gebracht, um zu ihrem unvergleichlichen Erfolg zu gelangen, ihrem großen Reichtum und ihrer nicht zu bestreitenden Macht in der internationalen Geschäftswelt. Sie hatte ihre Jugend geopfert, ihre Familie, ihr Familienleben, einen großen Teil ihres persönlichen Glücks, ihre Freizeit und andere zahllose kleine, oberflächliche Vergnügungen, an denen die meisten Frauen Gefallen finden. Mit tiefer Einsicht erkannte sie die Größe ihres Verlustes in ihrem Leben als Frau, Gattin und Mutter. Emma ließ ihre Tränen ungehindert fließen, und ein Teil ihrer Schmerzen wurde dadurch gelindert.

Langsam versiegten die Tränen, und ihr quälender Husten klang ab. Als sie ihre verwirrten Gedanken sammelte, um sich zu beruhigen, kam es Emma nicht in den Sinn, dass sie willentlich alle diese Dinge aufgegeben hatte, um die sie sich jetzt grämte, durch ihren brennenden Ehrgeiz und ihren sich über alles hinwegsetzenden Wunsch nach Sicherheit. Eine Sicherheit, die sich immer außer ihrer Reichweite zu befinden schien, gleichgültig wie reich sie wurde. Es war ihr nie gelungen, mit der Zwiespältigkeit ihres Charakters fertigzuwerden. Aber solche Gedanken kamen ihr an diesem Abend nicht, als sie mit ungewöhnlicher Trauer über die persönlichen Verluste, mit den Gefühlen der Verlassenheit und Verzweiflung und Reue kämpfte.

Innerhalb kurzer Zeit hatte sie sich wieder völlig in der Gewalt, und sie war verärgert, dass sie sich negativen Gefühlen überlassen hatte, solchem Selbstmitleid. Sie verachtete Schwäche bei anderen, und es war eine Gefühlsregung, die bei ihr nicht üblich war. Sie dachte ärgerlich: Ich habe mein Leben alleine geschaffen. Ich kann jetzt nichts mehr ändern. Ich muss einfach bis zum Ende weitergehen.

Sie riss sich zusammen, aufrecht und stolz. Zuviel von mir ist in all dem hier, dachte sie. Ich werde es nicht in die falschen Hände geraten lassen, unwürdige, achtlose Hände, die vorsätzlich alles in Stücke reißen werden. Ich bin bereit, zu intrigieren, Pläne auszuhecken und zu manipulieren. Nicht nur für die Vergangenheit und für das, was es mich gekostet hat, sondern für die Zukunft und für alle, die hier arbeiten, und die ebenso stolz auf das Warenhaus sind wie ich. Ihre Schwäche wurde wieder durch eiskalte Entschlossenheit ersetzt.

Emma verließ die Lebensmittelabteilung. Ihre Schritte hallten dumpf, als sie durch die mit Fliesen belegten Flure schritt und in ihr Büro zurückkehrte.

Die Ereignisse der letzten paar Wochen hatten ihr bewiesen, dass innerhalb ihrer Familie nach ihrem Tod großer Streit über die Kontrolle der Geschäfte und die Verteilung ihres Reichtums ausbrechen würde, wenn sie nicht gewisse Familienmitglieder überlistete, bevor sie starb. Nun würde sie das letzte der Dokumente ausfertigen, das, welches die Auflösung dieses Warenhauses und ihres großen Handelsimperiums verhindern würde. Es waren sorgfältig verfasste Dokumente, die alles unveränderlich bewahren würden und dafür sorgten, dass es in die richtigen Hände kam, in Hände ihrer Wahl.

Am Montag darauf waren die Schmerzen in ihrer Brust so stark, und ihr Zustand hatte sich so verschlechtert, dass Emma ihr Bett nicht mehr verlassen konnte. Nun erlaubte sie Paula, Dr. Rogers zu rufen, ihren Londoner Arzt. Am Wochenende waren die meisten Dokumente unterschrieben worden, beglaubigt und versiegelt. Und jetzt fühlte Emma, dass sie sich erlauben durfte, krank zu sein. Nachdem Dr. Rogers sie untersucht hatte, steckten er und Paula in einer Ecke des Schlafzimmers die Köpfe zusammen und sprachen flüsternd miteinander. Sie verstand zwar ein paar Worte, aber sie brauchte nicht zu lauschen. Schon während der letzten Tage hatte sie vermutet, dass es Lungenentzündung war. Was sie hörte, bestätigte ihre Diagnose.

Später am Morgen wurde sie mit einem Krankenwagen in die Londoner Klinik gebracht, allerdings erst nachdem sie Paula das Versprechen abgenommen hatte, noch am selben Tag Henry Rossiter zu ihr zu bringen. Henry kam schon am Nachmittag. Er war entsetzt, sie in einem Sauerstoffzelt vorzufinden, umgeben von allen möglichen Apparaten, geschäftigen, in gestärkte, antiseptische Gewänder gehüllte Krankenschwestern und besorgten Ärzten. Sie lächelte innerlich, als sie Henrys bleiches Gesicht und seine besorgten Augen sah, denn sie wusste um Henrys Anhänglichkeit. Er ergriff fest ihre Hand und meinte, sie würde bald wieder auf den Beinen sein. Sie versuchte, seinen Händedruck zu erwidern, aber sie fühlte sich so schwach, dass sich ihre Hand kaum in der seinen bewegte. Mit gewaltiger Anstrengung gelang es ihr flüsternd zu fragen, ob alles in Ordnung gehen würde. Aber er missverstand sie und glaubte, sie würde diese Frage auf sich selbst beziehen. Dabei erkundigte sie sich doch nach dem Verkauf ihres Besitzes, den er für sie übernommen hatte. Er sprach weiterhin beruhigend auf sie ein und versicherte ihr so lange, sie würde bald zu Hause sein, bis sie schließlich ungehalten wurde und vor ohnmächtiger Wut kochte.

Genau in diesem Moment wurde Emma klar, dass sie völlig alleine war, so wie es immer gewesen war, wenn schlimme Dinge auf sie zukamen. In allen Wechselfällen des Lebens, wann immer sie vor den schwersten Problemen, die man sich vorstellen kann, stand, war sie völlig allein und immer gezwungen, sich selbst zu helfen. Und sie wusste, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen konnte, um die wenigen verbleibenden Aufgaben zu erledigen, die ihr Imperium und ihre Dynastie erhalten würden. Darum musste sie leben! Sie beschloss, dieser lächerlichen Krankheit, die ihren schwachen, alten Körper befallen hatte, nicht zu unterliegen. Sie würde leben, und wenn es ihre ganze Kraft kostete. Ihre gesamte Willenskraft wollte sie aufbieten. Es würde ohne jeden Zweifel die größte Kraftanstrengung werden, die sie jemals aufgewendet hatte, aber sie würde sich selbst zwingen zu leben.

Jetzt war sie müde, unendlich müde. Wie von weiter Ferne hörte sie noch, wie die Schwestern Henry Rossiter baten zu gehen. Sie bekam einige Medikamente, und dann wurde das Sauerstoffzelt wieder geschlossen. Sie schlief ein und fühlte, wie sie immer jünger und jünger wurde. Sie war wieder ein junges Mädchen, gerade sechzehn, in Yorkshire. Sie lief durch ihr geliebtes Moor hoch über Fairley Village, zum Gipfel der Welt. Heidekraut und Farn schlugen gegen ihre Beine. Der Wind fing sich in ihrem langen Kleid und blähte es auf. Ihr Haar war ein Strom von Seidenfäden, die hinter ihr flatterten, als sie lief. Der Himmel war strahlend blau, und die Lerchen sangen und flogen hoch, der Sonne entgegen. Jetzt konnte sie Edwin Fairley sehen. Er stand bei den großen Felsen, direkt im Schatten der Klippen über dem Ramsden Ghyll. Als er sie sah, winkte er und begann zu der Felsbank hinaufzuklettern, wo sie immer, geschützt vorm Wind, saßen und die Welt unter sich betrachteten. Er schaute nicht zurück, sondern kletterte weiter. »Edwin! Edwin! Warte auf mich!«, rief sie, aber ihre Stimme wurde vom Wind davongetragen und er hörte sie nicht. Als sie die Ramsden Crags erreichte, rang sie nach Luft, und ihr blasses Gesicht war von der Anstrengung gerötet. »Ich bin so schnell gelaufen, dass ich dachte, ich müsste sterben«, keuchte sie, als er sie auf die Felsbank zog. Er lächelte. »Du wirst niemals sterben, Emma. Wir werden beide für immer und alle Zeiten leben, hier auf dem Gipfel der Welt.« Der Traum zerfiel in Hunderte winziger Teilchen und löste sich allmählich auf, als sie in tiefen Schlaf fiel.

4

Emma lebte. Jeder sagte, es sei ein Wunder, dass eine Frau von achtundsiebzig Jahren eine Lungenentzündung und die damit verbundenen, weiteren Komplikationen überleben konnte. Man drückte auch Erstaunen über ihre unglaubliche Fähigkeit aus, sich so rasch zu erholen, dass sie schon nach drei Wochen die Londoner Klinik verlassen konnte. Emma sagte nichts, als sie davon hörte. Sie lächelte nur rätselhaft und dachte: Ah, aber sie alle wissen nicht, dass der Wille zu leben die stärkste Kraft auf der Welt ist.

Nach zwei Tagen der Ruhe, die man ihr auferlegt hatte, verließ sie ungeduldig ihr Bett. Sie missachtete die Anweisungen ihrer Ärzte und ging zum Warenhaus. Das war keine unsinnige Trotzreaktion, wie es bei oberflächlicher Betrachtung hätte scheinen können, denn obwohl sie gefühlsmäßig handeln konnte, war sie doch nicht leichtsinnig, und sie kannte ihren Körper ganz genau. Sie konnte ihre Kräfte genau einschätzen, und jetzt wusste sie, dass sie sich vollkommen erholt hatte. Emma wurde von ihren Angestellten herzlich begrüßt, denn bei den meisten war sie sehr beliebt. Man nahm ihre plötzliche Rückkehr wie selbstverständlich hin. Nur Paula tanzte nervös um sie herum, verhätschelte sie, war beunruhigt und besorgt.

»Ich wünschte, du würdest mit diesem Theater aufhören, Liebling«, sagte Emma brüsk, als Paula ihr ins Büro folgte und dabei etwas von Gefahr für die Gesundheit murmelte. Emma zog ihren pelzgefütterten Tweedmantel aus und hing ihn in den Schrank. Einige Augenblicke stand sie am Kamin, wärmte ihre Hände und ging dann mit ihren energischen Schritten durch den Raum. Sie hielt sich vollkommen aufrecht und war selbstbeherrscht wie immer. Emma war sicher und fühlte sich völlig wohl.

Die dunklen Wolken des Schreckens und der Verzweiflung, die sie seit den Enthüllungen Gayes über das Komplott ihrer Kinder umgeben hatten, waren verschwunden, zwar langsam und quälend, aber sie waren verschwunden. Die unheilvollen Dinge, die sie diesem verfluchten Gespräch auf dem Tonband entnehmen konnte, und die Erkenntnis, dass man sie verriet, hatten nur dazu gedient, ihren Sinn zu härten. Sie sah die Dinge mit kalter, klarer Objektivität, ohne sinnlose Gefühle. Während ihrer Krankheit, als sie sich auf ihren eisernen Willen stützte, rücksichtslos um ihr Leben kämpfte, war sie mit sich selbst ins Reine gekommen. Wie eine Flut warmen, hellen Lichts hatte sie tiefer Friede erfüllt. Er gab ihr Trost und innere Stärke. Es war, als ob ihr Kampf mit dem Tod ihrem Geist neue Kräfte verliehen und ihren unerschrockenen Mut gestärkt hätte. Ihre Lebenskraft war zurückgekehrt, aber jetzt gepaart mit einer großen Ruhe, die sie wie ein Schutzwall umgab.

Sie nahm hinter ihrem riesigen Schreibtisch Platz, wieder bereit, ihr Reich zu regieren. Dann lächelte sie Paula liebevoll an. »Ich habe mich völlig erholt, weißt du«, sagte sie strahlend und zuversichtlich. Und sie schaute in der Tat so aus, obwohl es teilweise auf die Illusion zurückzuführen war, die sie heute früh geschickt verwirklicht hatte. Als sie beim Anziehen ihre Blässe und die müden Linien um ihre Augen und ihren Mund gesehen hatte, hatte sie die dunklen Farben, die sie sonst liebte, vermieden und stattdessen ein leuchtendes, korallenfarbenes Kleid gewählt. Es war aus feiner Wolle, sanft geschnitten, mit einem gefalteten Kapuzenkragen, der sich in weichen Linien um ihren Hals schmiegte. Es war ihr genau bewusst, dass die warme Farbe und die sanfte Nackenlinie ihr schmeichelten, und mit einigen sorgfältig angewandten Kosmetika hatte sie diese Wirkung vervollständigt.

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