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Die Arznei der Könige

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat 1
  7. Zitat 2
  8. Personenverzeichnis
  9. Prolog
  10. 1
  11. 2
  12. 3
  13. 4
  14. 5
  15. 6
  16. 7
  17. 8
  18. 9
  19. 10
  20. 11
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  43. 34
  44. 35
  45. Epilog
  46. Karte
  47. Glossar
  48. Anmerkung und Dank

Über das Buch

Ein stimmungsvoller, spannender Historischer Roman, inspiriert vom Leben der historischen Medica Jakoba die Glückliche

Lüneburg im 14. Jh. Nach dem Tod ihrer Familie hat die junge Adlige Jakoba in einem Kloster ihre Bestimmung als Krankenpflegerin gefunden. Doch ihr Bruder zwingt sie in eine neue Ehe, und als ihr brutaler Mann einem Unfall zum Opfer fällt, muss Jakoba fliehen. Nur der Hilfe Arnolds, eines Theriak-Krämers, hat sie es zu verdanken, dass sie sich nach Paris durchschlagen und als Heilerin einen Namen machen kann. Rasch ist sie so erfolgreich, dass sogar der sieche König nach ihr ruft und nach der »Arznei der Könige« verlangt. Doch damit macht sie sich gefährliche Feinde …

Über die Autorin

Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitet nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Historischen Roman, der zu einem großen Erfolg wurde und dem viele weitere folgten. Im Sommer 2017 erschien ihr erster Kriminalroman Schwarze Brandung. Unabhängig davon, ob sie gerade einen Krimi oder einen Historischen Roman schreibt: Sabine Weiß liebt es, im Camper auf den Spuren ihrer Figuren zu reisen und direkt an den Schauplätzen zu recherchieren. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nordheide bei Hamburg.

Sabine Weiß

Die Arznei der Könige

HISTORISCHER ROMAN

Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht,
und wie der Tau, der auf die Gräser träufelt,
und wie die Regenluft, die wachsen macht.

Genauso ströme der Mensch
sein Wohlwollen aus auf alle,
die da Sehnsucht tragen.

Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft,
ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet,
und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet
und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde:
indem er ihnen seine Seele hingibt.

Hildegard von Bingen (1098–1179)

Vernimm die starke Gewalt des vielfältig zusammengesetzten Antidotes,
O Kaiser, du Spender sicherer Freiheit.
Vernimm es, Nero; preisend nennt man sie die heitere, sonnige Galene,
Die sich um dunkle Häfen nicht kümmert.

Galen (ca. 129–200) über den Theriak des älteren Andromachus

Personenverzeichnis

KLOSTER EBBEKESTORPE

Jakoba von Dahlenburg, Adelige, Novizin, Heilerin(*)

Walburga, Nonne und Infirmaria

Konegundis, Novizin

Make, Knecht

DAHLENBURG

Anno von Dahlenburg, Jakobas Bruder

Immeke, Annos Frau

Wulf, Annos Hofmeister und Vertrauter

Tönnies, Knecht

Paul von Krakau, junger Streuner

LÜNEBURG

Gevehard Reppenstede, Patrizier und Vertreter des herzoglichen Vogts

Herzog Otto von Braunschweig, genannt der Strenge*

Lene, Magd

BRAUNSCHWEIG UND UMGEBUNG

Elmbert von Dahlenburg, Jakobas Großvater

Cyeke von Dahlenburg, Jakobas Großmutter

Meister Arnold, Theriak-Krämer

Maimona, genannt Mona, Arnolds Frau

Otto von Braunschweig, Meister des Hauses des Tempels von Jerusalem und der Komtur von Süpplingenburg*

VENEDIG UND UMGEBUNG

Ser Maffio, Pfandleiher

Ser Filipo, Spezereienhändler und Theriak-Krämer

Baldino, sein Sohn

Portia, seine Frau

Ser Zanzio, Geleitsführer

Vidal, Schutzreiter

Eljakim Lämmlin, Kaufmann aus Augsburg

PARIS

Roger d’Aval, Ritter im Dienste von Louis de Bourbon,
Comte de Clermont

Comtesse d’Obazine, Adelige

Thierry d’Obazine, Ritter

Violante d’Obazine, Adelige

Agnes, ihre Magd

Gaspard, Apotheker

Celie, Frau des Apothekers

Marsilius, Priester

König Philipp der Lange*

König Karl der Schöne*

Jean de Padua*, Magister der Medizin und Ritter

Johannes de Bethunia*, Gelehrter

* Historisch belegte Persönlichkeiten

Prolog

April 1317

Das Sonnenlicht brach sich im Geäst wie in einem Kristall. Gleißend splitterte es über altrosa Blüten, runzelige Baumrinde und den Morgendunst, der über dem Fluss waberte, flüchtig wie eine schwindende Erinnerung. Der Himmel spannte sich tiefblau, und die Sonne ließ schon den Duft früher Wildblumen ausströmen. Willekin stakste durch das Gras und ließ giggelnd die Halmspitzen seine Handflächen kitzeln.

»Da! Godesperdeken!«, rief der Zweijährige begeistert. »Will fangen!«

Er streckte die pummeligen Hände aus und hob die nackten Beine höher, um die blaugrün schillernde Libelle einzuholen. Rasant durchmaß das Insekt die Flussaue. An dieser Stelle war die Neetze tief und hatte eine starke Strömung. Jakoba ließ den Ledereimer fallen und lief ihrem Sohn nach. Kurz bevor er das Ufer erreicht hatte, umfasste sie seine Hüfte und hob ihn hoch. Willekin protestierte lautstark. »Büschen noch! Hab Godesperdeken fast! Düst so!«

Jakoba schwang ihn um sich. »Du bist auch so ein düsendes Gottespferdchen!«, neckte sie ihn. Sie drehte sich mit dem juchzenden Kleinkind, bis ihr taumelig wurde. Lachend und außer Atem ließen sie sich fallen. Aneinandergekuschelt lagen sie dann im taufeuchten Gras und sahen in den Himmel. Es würde ein wunderbarer Tag werden.

1

Ebbekestorpe, Anfang März, Anno Domini 1318

Als Jakoba erwachte, war ihr schwindelig vor Hunger. Hart presste sie ihre Faust in den Magen. Der Hunger quälte sie weniger als die Trauer, dieses grausame Nagen in ihrem Herzen. Entschlossen schob sie die Beine von der Pritsche – nur nicht mehr darüber nachdenken. Auf den frostigen Steinplatten des Dormitoriums zogen sich ihre Fußsohlen stechend zusammen. Das Läuten der Glocken verklang – spät dran, wieder einmal. Jakobas Augen waren verquollen, die Glieder schwer. Es war drei Uhr in der Nacht, und auch nach einem knappen Jahr im Kloster hatte sie sich noch nicht an die Aufstehzeit gewöhnt. Vermutlich würde sie bei der Matutin wieder gegen den Schlaf ankämpfen müssen und bei den wunderschönen, aber komplizierten Chorälen vor lauter Müdigkeit den Faden verlieren.

Sie durchschlug das Eis auf der Waschschüssel, spritzte sich Wasser ins Gesicht und fuhr mit dem Lappen über ihre Haut. Dann spülte sie ihren Mund aus und verbarg die kurzen rotblonden Haare unter dem Schleier. Offenbar verzichteten die anderen Schwestern auf Körperpflege, diesen eitlen Luxus. Bei der Kälte war ihr Verhalten beinahe verständlich.

Jakoba zog das Novizenhabit der Benediktinerinnen an. Ihre Finger waren steif von der Kälte. Die Schwäche ihrer Glieder machte sie langsam, als wäre sie nicht achtzehn Jahre alt, sondern achtundfünfzig. Erst am Nachmittag würde es etwas zu essen geben – die einzige Mahlzeit des Tages, und auch die würde nicht gerade üppig ausfallen. Im Gegensatz zu anderen Nonnen, die glaubten, durch das Fasten Heiligkeit erlangen zu können, hatte sie einfach nur einen Bärenhunger.

Gerade wollte Jakoba zu den anderen in den Chor eilen, als sie hinter sich ein Husten hörte. Also hatte noch jemand verschlafen. Sie drehte sich um und sah, wie eine schmale Gestalt zwischen den Schlafmatten zusammenbrach – Konegundis! Jakoba eilte zu ihr und nahm die Hand der Dreizehnjährigen, um ihr aufzuhelfen. Der schmale Körper strahlte eine gewaltige Hitze aus, die Augen waren rot unterlaufen. Hatte die Bettnachbarin denn nicht bemerkt, wie krank das Mädchen war?

»Muss gestolpert sein … die Matutin … nicht zu spät kommen.« Konegundis versuchte, sich hochzustemmen, konnte jedoch nicht einmal die Ellbogen aufsetzen. Sie musste in den Krankensaal, und zwar so schnell wie möglich! Entschlossen hob Jakoba sie hoch – ein Federgewicht. Der Körper des Mädchens war ein einziger Widerspruch: trotz der Kälte schweißnass, ihr Leib war heiß und zitterte doch vor Schüttelfrost.

»Was … tust du, Schwester? Wir dürfen uns doch nicht … verspäten.«

Jakoba teilte die Besorgnis des Mädchens, lief aber trotzdem los. Sicher schlugen die anderen Nonnen schon das kleine Kreuz über den Lippen und beteten: »Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.« Wenn Jakoba wieder zu spät zur Matutin käme, würde die Priorissa sie erneut rügen und möglicherweise sogar ihre Aufnahme in den Orden infrage stellen. Das wollte sie keinesfalls riskieren!

Jakoba hatte das Noviziat beinahe hinter sich, am Sonntag würde sie das Gelübde ablegen. Eigentlich war sie nicht für das Kloster gemacht, zu sehr liebte sie das Leben. Ihr fehlte im Kloster so viel: einen Sommertag auf der Blumenwiese vertrödeln, nach einem glühend heißen Tag in den Fluss springen, mit Freundinnen ratschen und lachen, sich fein herausputzen, tanzen, bis sich alles um einen drehte, der Duft eines geliebten Mannes, der Genuss guten Essens und noch besseren Weins. Als sie aber vor elf Monaten zwischen Irrsinn und Todessehnsucht geschwankt hatte, da hatte ihr Vater sie ins Kloster geschickt. Den hochwohlgeborenen Herrn Zacharias, Reichsritter und Gebieter über die Dahlenburg samt dazugehöriger Ländereien, hatte im Alter, nach einem Leben voller Fehden und Feldzüge, die Angst um sein Seelenheil gepackt. Im Kloster, so sein Plan, sollte Jakoba seine ganz persönliche Fürsprecherin vor Gott sein. Es war eine der wenigen Taten, für die sie ihrem Vater dankbar sein musste, denn erst im Kloster hatte Jakoba ihren Frieden wiedergefunden.

Ein Hustenanfall schüttelte Konegundis. »Darf die ehrwürdige Mutter nicht verärgern. Am Sonntag werden wir doch mit … dem Herrn Jesus vermählt.« Die Andeutung eines Lächelns zeichnete sich in ihrem blassen Gesicht ab.

»Bis dahin bist du längst wieder gesund!«, versicherte Jakoba, obgleich der Atem des Mädchens schnell und rasselnd ging. Jakoba fürchtete, dass sie nur wenig für die Kleine würde tun können. Dass es zu spät war, wieder einmal. Dabei war Konegundis noch so jung! Mädchen gab es viele in Ebbekestorpe, Schülerinnen, die in Latein, Chorgesängen und Weißstickereien unterrichtet wurden. Kinder das Gelübde ablegen zu lassen erschien Jakoba hart, wussten sie doch nicht, auf was sie verzichteten. Aber nach drei apokalyptischen Jahren, in denen sich kaum die Sonne am Himmel gezeigt hatte, nach monatelangem Dauerregen, der in grausame Fröste übergegangen war und diese wieder in endlose Regenfälle und erneute Schneefälle, nach Ernteausfällen, Hungersnot und Viehpest musste selbst dieses reiche Kloster sehen, wo es blieb. In dem kalten und harten letzten Winter waren etliche Nonnen von Seuchen dahingerafft worden, und jede Profess brachte Geld in die Klosterkasse.

Konegundis’ Lider flatterten. »Die Brautkrone … der goldene Ring …«

»Du wirst eine wunderschöne Braut sein.« Jakoba keuchte leicht. Sie war robust, ja zäh – »Wechselbalg eines Bauern« schimpfte sie ihr Vater manchmal –, aber auch sie hatte in den letzten Monaten viel Kraft und Gewicht verloren. Durch die Last schwerfällig, schleppte sie sich den Kreuzgang entlang. Sie musste bei jedem Schritt achtgeben. Es war stockfinster, zudem waren viele Bodenziegel rutschig. Das backsteinrote Kloster lag zwar idyllisch im Schwienautal, der Untergrund war aber sumpfig, und insbesondere wenn es viel regnete, stieg die Feuchtigkeit in die Klostermauern auf.

Ihre Gedanken wanderten zur Jungfrauenweihe, dem Ritus, den alle Novizinnen herbeisehnten. Erst einmal hatte Jakoba diese Zeremonie miterlebt. Es war ein besonders feierlicher Moment, wenn die Novizinnen das ewige Gelübde ablegten. Im Kapitelsaal des Klosters wurden sie durch den Propst und die Priorissa ein letztes Mal befragt, bevor sie Gehorsam gelobten. Etwas später wurde die Professfeier im Nonnenchor vollzogen, bei der die Jungfrauen in unbefleckter Keuschheit dem Herrn Jesus vermählt wurden und den goldenen Ring angesteckt bekamen. Anschließend wurde ihnen der geweihte Schleier überreicht, auf den die Jungfrauenkrone gesetzt wurde. Wie Königinnen sahen sie dann aus, heilig und erhaben. Für Jakoba jedoch war der Gedanke an die Profess mit Zweifeln verbunden, denn sie hatte noch immer nicht erfahren, wie das Aufnahmeritual bei ihr aussehen würde. Schließlich war sie anders als die anderen Novizinnen: Sie war schon lange keine Jungfrau mehr, hatte trotz ihres geringen Alters ein Kind geboren und verloren, war verwitwet.

Stöhnen und Weinen in der Nachtschwärze verrieten ihr, dass sie das Infirmarium beinahe erreicht hatte. Ursprünglich war der Krankensaal nur für die Versorgung der etwa vierzig Nonnen des Klosters gedacht gewesen, aber seit Hunger und Seuchen grassierten und immer mehr kranke Pilger bei ihnen strandeten, hatte der Propst gestattet, dass die Siechenmeisterin auch weltlichen Kranken half. Mit einer hölzernen Wand hatte die Mutter Oberin einen Teil des Infirmariums abtrennen lassen, um die Klausur der Nonnen nicht zu stören. Allerdings herrschte in Ebbekestorpe ohnehin kein strenges Klosterregiment, vor allem das Armuts- und das Schweigegelübde wurden oft gebrochen. Manche Nonnen besaßen Zierrat, Kleinodien und eigene Psalter, tätigten Geschäfte oder hielten sich Dienerinnen. Seit der letzten Oberin mangelnde Disziplin vorgeworfen worden war, versuchten Propst Nikolas und Priorissa Elisabeth, die Regula Benedicti wieder strenger durchzusetzen.

Nur das ewige Licht brannte vor dem Altar des Krankensaals. Jakoba überfiel Trauer, als ihr die leeren Lager ins Auge fielen. Viel zu viele Menschen hatte sie in den vergangenen Monaten in den Tod begleitet, und sie hoffte, dass jeder Einzelne von ihnen Frieden bei Gott gefunden hatte. Andererseits hatte sie auch viele heilen können.

»Ora et labora et lege« war das Motto der Benediktiner in Ebbekestorpe – »Bete und arbeite und lies« –, aber Jakoba hatte darum gebeten, dass sie weder den Buchmalerinnen noch den Weißstickerinnen zugeteilt wurde, sondern dem Infirmarium. Für das Kopieren von Büchern und die kostbaren Stickereien, für die die Klöster im Fürstentum Lüneburg berühmt waren, fehlte ihr die Geduld. Sie wollte mit Menschen zu tun haben, ihnen helfen. Durch ihre drei Brüder, die sich ständig in den Ritterkünsten geübt hatten, hatte Jakoba notgedrungen einiges über Wundpflege gelernt. Später hatte sie oft mit dem Leibarzt ihres Vaters zu tun gehabt – zu oft. Das Herz wurde ihr bei der Erinnerung schwer. Würde sie jemals so viel Gleichmut erlangen, dass die Vergangenheit sie nicht mehr quälte?

Im Kloster kamen ihr ihre Fertigkeiten zugute. Sie war zu Schwester Walburga geschickt worden, der Infirmaria, einer gutmütigen und rüstigen älteren Nonne. Walburga kannte unzählige Rezepte für Salben und Tränke, ob gegen Seuchen, Steinleiden oder Schmerzen bei der Monatsblutung. Sie wusste schnell, von welchem Temperament ein Kranker war, welche Körpersäfte in ihm unausgewogen waren und wie sie wieder ins Gleichgewicht gebracht werden konnten. Soviel Jakoba auch schon von der Infirmaria gelernt hatte, sie würde noch Jahre brauchen, bis sie das Wissen der alten Frau erlangt hatte.

Die Magd, die die Nachtwache innehatte, schreckte aus ihrem Nickerchen und stürzte Jakoba entgegen, um ihr mit Konegundis zu helfen. »Schwester Jakoba, warum seid Ihr nicht bei der Matutin? Ihr wisst doch, wie sehr die ehrwürdige Mutter auf die Einhaltung der Gebetszeiten achtet!«

»Keine Sorge, ich gehe gleich. Ich habe Konegundis gefunden – sie fiebert stark. Hol mir schnell die Kräuter und Decken«, bat Jakoba. Sie sah sich nach einem sauberen Lager um und bettete Konegondis darauf. Das Mädchen hustete heftig, schaumiger Auswurf quoll aus ihrem Mund; kaum schien sie wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Jakoba eilte zum Arzneimittelschrank. Sie schabte etwas trockenes Ahornholz und die doppelte Menge gedörrter Weide in einen Becher Wasser. Anschließend fügte sie ebenso viel getrockneten Odermennig wie Weide hinzu. Sie versuchte, Konegundis die Flüssigkeit einzuflößen, doch ein Großteil rann an Mundwinkeln und Kinn des Mädchens hinab. Die Medizin würde hoffentlich gegen das Fieber helfen, was aber sollte sie Konegundis gegen den Schaumhusten geben? War Lungenkraut hier das Richtige? Oder Nesselsamen? Sie würde Schwester Walburga befragen, sobald das Stundengebet vorüber war.

»Gibt es Brot oder Fleisch für die Kranken?«, fragte Jakoba. In Krankheitsfällen wurde nach der Regula Benedicit das Fastengebot etwas gelockert.

»Noch nicht. Ihr solltet nun aber wirklich in die Kirche eilen! Ich werde mit der Kranken beten«, mahnte die Magd. »O du truwe nodhelper bescerme unde beware dine Kindere«, begann sie ein Stoßgebet an einen der vierzehn Schutzpatrone.

Nur mühsam riss Jakoba sich los. Sie wandte sich dem Ausgang zu. Im Vorbeigehen an den Krankenlagern griff eine Hand nach ihr. Eine Greisin krallte sich in Jakobas Gewand, ihre tief liegenden Augen wirkten im Dämmer wie Kohlestücke, der zahnlose Mund wie ein Abgrund.

»So helppe my, Suster! God erbarmet, geve my bröd.«

Jakoba löste die knotigen Finger. »Ich habe selbst nichts, aber später werden wir das Mahl teilen. Bete einstweilen«, sagte sie sanft.

»Ik bün so hungerich! Der Rosenkranz macht nicht satt!«

Trotz allem Verständnis erbosten diese Worte Jakoba. »Wenn du die Zuflucht des Klosters nicht mehr in Anspruch nehmen willst …«, sagte sie und schämte sich sogleich für ihre Härte. Sie war wirklich dünnhäutig geworden.

Verschreckt sah die Greisin sie an und begann sogleich zu beten: »O moder Christi Maria, moder der mildicheyt unde barmharticheyt …«

»Ich bringe dir nachher deine Portion und teile auch mein Brot mit dir, ich verspreche es«, sagte Jakoba, um die Alte zu beruhigen.

Im Weitergehen passierte Jakoba einen Mann, der krampfhaft sein Haupt umklammerte und die Fingernägel in die Kopfhaut grub. Niemand wusste so recht, woran er litt, aber seine Qualen schienen gewaltig zu sein. Jakoba gab ihm einen kleinen Schluck von dem kostbaren Mohnsaft und legte sanft die Hände auf seine Schläfen, bis die Anspannung in seinem Gesicht nachließ.

»Gott schütze Euch, Schwester«, sagte er matt und küsste ihre Hand. Sie ließ es geschehen, wohl wissend, dass Walburga sie für den Verbrauch des Mohnsaftes schelten würde. Heilkräuter und Arzneihonig waren knapp. Wegen der feuchten und kalten Sommer war die Blütezeit kurz gewesen, zudem waren viele der geernteten Gräser und Kräuter verschimmelt, bevor man sie hätte trocknen können. Und teure Heilmittel waren schon lange nicht mehr gekauft worden.

Die Magd bog um die Ecke, einen Ledereimer mit Wasser zu einem Kranken schleppend, der sich besudelt hatte. »Ihr seid ja immer noch hier … das wird der Priorissa gar nicht gefallen!«, sagte sie vorwurfsvoll.

Jakoba eilte weiter. So viel wäre hier zu tun, so vielen Menschen musste geholfen werden. Aber sie durfte ihre Profess nicht gefährden, indem sie sich der Oberin gegenüber ungehorsam zeigte. Wenn Priorissa Elisabeth sich weigerte, sie in die Klostergemeinschaft aufzunehmen, müsste sie zu ihrer Familie zurück – und das wollte sie auf keinen Fall.

Als Jakoba die Tür erreicht hatte, schrillte eine Frauenstimme durch den Saal: »Gott hat den dritten Reiter der Apokalypse ausgesandt. Der Weltuntergang ist nah!« Wegen ihrer Wahnvorstellungen und Zuckungen hatten sie die Frau vor dem Abbild des heiligen Antonius ans Bett binden müssen. Jakoba bekreuzigte sich. Die Kranke hatte etwas ausgesprochen, was auch viele Nonnen dachten: Gott hatte die Hungersnot geschickt, um die Gläubigen zu strafen. Seit der Papst nicht mehr in der heiligen Stadt Rom residierte, sondern vom französischen König ins Exil nach Avignon gezwungen worden war, zürnte Gott ihnen.

Ihre sorgenvolle Stimmung verflog, als sie die Stimmen der anderen Nonnen hörte. Überirdisch schön war der Vorgesang der Cantrix. Die Musik streichelte ihr aufgewühltes Gemüt. Oft begleiteten sich die Nonnen auch selbst auf der Harfe, der Einhandflöte oder dem Glockenbaum. Leise versuchte sie, durch die Kirchentür zu schlüpfen und sich unauffällig in die letzte Reihe zu knien, die für die Nachlässigen vorgesehen war, doch der missbilligende Ausdruck im Gesicht der Priorissa entging ihr nicht. Weiß stieg Jakobas Atem auf, als sie in den Gesang einstimmte. Wenn ihr Latein nur besser wäre! Aber durch die viele Arbeit im Infirmarium vernachlässigte sie den Unterricht, der von allen Nonnen in Ebbekestorpe erwartet wurde, damit sie die lateinischen Texte verstanden.

Ihre Schienbeine und Füße wurden auf dem Boden schnell taub, und die Kälte kroch ihren Körper hoch. Inbrünstig und voller Kummer betete Jakoba für ihren Sohn. Die Erinnerung war wie ein Splitter in ihrem Herzen. Wäre sie nur statt seiner gestorben! Tatsächlich fiel ihr das Mitsingen schwer – ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Am Schluss des Gottesdienstes musste Jakoba öffentlich Buße tun für ihr Zuspätkommen.

Die Glocken schlugen zur achten Stunde des Morgens, und die Nonnen nahmen ihre Arbeit auf. Jakoba schloss sich Schwester Walburga an. Die alte Nonne tapste vorsichtig über die unebenen Steinplatten.

»Du bist zu spät gewesen, wieder einmal«, rügte Walburga sie leise. »Die Regularien des heiligen Benedikt verlangen, dass man alles sofort aus der Hand legt und in größter Eile herbeikommt, wenn man das Zeichen zum Gottesdienst hört.«

Jakoba senkte den Blick. »Das ist mir bekannt, Schwester.«

Die Alte stolperte, und Jakoba packte sie, damit sie nicht hinfiel. Dankbar drückte Walburga ihre Finger. »Warum handelst du dann nicht danach? Du darfst deine Aufnahme ins Kloster nicht gefährden. Ich brauche dich im Infirmarium. Noch nie habe ich eine so kundige Helferin gehabt«, wisperte sie.

Ihre Worte freuten Jakoba sehr. Sie hatte nicht viel Lob in ihrem Leben erhalten. »Und ich hatte noch nie eine so gütige Lehrmeisterin.« Eigentlich war es ihnen bis auf wenige Minuten des Tages verboten zu sprechen, aber jetzt skizzierte sie knapp Konegundis’ Zustand.

Sie hatten das Infirmarium erreicht und Schwester Walburga schaute sich selbst Konegundis an. Die Atemzüge der Kranken waren kurz und flach, Reste erneuten Auswurfs bedeckten das Laken. Jakoba hatte den Eindruck, dass die Arme und Beine des Mädchens bläulich schimmerten.

»Hast du eine Harnschau vorgenommen?«, wollte Schwester Walburga wissen.

»Dafür war keine Zeit.«

»Mit dem Lungenkraut hättest du nichts falsch gemacht. Wir werden noch etwas Nesselsamen und getrocknete und zerstoßene Fuchslunge hinzufügen«, beschloss Walburga. Jakoba setzte den Kräutertrank an und verabreichte ihn der Novizin.

Von außen drangen die Rufe der Wartenden zu ihnen. In kurzer Zeit würde die Armenspeisung beginnen, und danach würde das Getöse in Schimpfen umschlagen, denn die Vorräte des Klosters waren streng rationiert worden. Jakoba und Schwester Walburga versorgten die Wunden der Kranken, wuschen sie und beteten mit ihnen. Jakoba tröstete die Kranken. Oft weinte sie mit ihnen, aber wann immer es ging, versuchte sie, sie aufzuheitern, erzählte ihnen Geschichten, lachte und scherzte mit ihnen. Sie war überzeugt davon, dass ein heiteres Gemüt zur Heilung beitrug.

Schließlich gab Schwester Walburga den Famuli das Zeichen, dass sie den Eingang öffnen sollten. Mit einem Stoßgebet wappnete Jakoba sich dafür, dass gleich die Hölle losbrechen würde.

Von der Feuchtigkeit verzogen, schrammten die Türen über den Boden. Ein eisiger Windstoß züngelte herein und brachte ihre Umhänge zum Flattern. Knochige Hände streckten sich durch den Spalt, magere Körper drängten herein, tief liegende Augen suchten ihre Blicke, flehten um Hilfe, um Erlösung. Es waren dreißig, vierzig Männer, Frauen und Kinder. Vermutlich lagen draußen noch mehr, denen bereits die Kraft zum Aufstehen fehlte. Viele arbeiteten als Bauern auf den Besitztümern des Ordens, andere stammten aus den umliegenden Dörfern oder waren Pilger, die am Grab der Ebbekestorper Märtyrer – sächsischer Kämpfer, die hier von heidnischen Normannen getötet worden waren – beten wollten. Husten, Auswurf und Fieber waren noch das Geringste ihrer Übel. Schlimmer waren die Erfrierungen, die blauroten Beulen und Knoten an Fingern, Zehen und im Gesicht. Grausam die Folgen des Hungers, die die Nonnen kaum zu lindern vermochten.

Jakoba erschrak über den Anblick eines Jungen, der mit seinem aufgeblähten Bauch, den hervortretenden Knochen und seinem faltigen Gesicht aussah, als wäre er ein Greis. Etliche Hilfesuchende waren so ausgezehrt, dass sie nichts mehr bei sich behalten konnten und nach ihren Ausscheidungen stanken.

Ein Mann schob sich nach vorn. Sein Gesicht war von Qualen verzerrt, den linken Arm hielt er umklammert, die Hand war schwarz und abgestorben, ein Bein zog er hinterher. Die Knechte halfen ihm zum Bild des heiligen Antonius, dessen Hilfe er erflehen sollte. Jakoba eilte zum Arzneischrank und holte den Balsam, den sie eigens für die an der Kribbelkrankheit Erkrankten angemischt hatte. Lattich, Wegerich, Holunderblätter und Brennnessel würden die Wunden und die Schmerzen des Mannes zwar lindern, das Absterben des Fleisches konnten sie aber nicht aufhalten. Da es der Siechenmeisterin verboten war, in die Haut der Kranken zu schneiden, mussten sie warten, bis der Bader zum vierteljährlichen Aderlass vorbeikam oder die abgestorbenen Gliedmaßen von selbst abfielen.

Brennendes Mitleid plagte Jakoba. War das wirklich alles, was sie gegen das Heilige Feuer tun konnten? Es musste doch eine andere Möglichkeit geben, diesen Kranken zu helfen!

Der Mann war auf die Knie gesunken und betete, wobei seine Stimme immer wieder brach. Neben ihm wand sich die ans Bett gefesselte Kranke in ihren Zuckungen und stieß unverständliche Laute aus. Solche Krämpfe waren oft tödlich, das wusste Jakoba. Eigentlich müssten sie Männer und Frauen ja trennen, aber bei der derzeitigen Enge ging es im Infirmarium nicht anders.

»Bitte helft mir! Dieses Feuer – ich verbrenne!«, flehte der Mann.

Jakoba sah, dass auch seine Nase, seine Finger und seine Unterschenkel bereits brandig waren. Sie öffnete den Tiegel und strich, ihren Ekel zurückdrängend, das verfaulte Fleisch mit dem heilkräftigen Schweineschmalz ein. Nie hätte sie in ihrer Kindheit, als ihr Vater zu aufwendigen Turnieren lud und seine Sprösslinge aufs Feinste herausputzte, damit gerechnet, dass sie eines Tages den Ärmsten oder gar Aussätzigen helfen würde. Aber sagte Jesus nicht: »Was ihr getan habt für einen meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan«?

Das Schrammen von Holz auf Stein. Weinen. Aus dem Krankensaal war ein Kreischen zu hören: »Bitte nicht! Haltet ein!«

Was war da los? Eilig verabreichte Jakoba der Frau mit den Krämpfen einen Löffel des gefährlichen Nachtschattentrunks, dann lief sie los. Im Saal herrschte Aufruhr. Menschen rannten durcheinander, suchten etwas, kämpften miteinander. Furcht packte Jakoba. Anscheinend wollten sich die Notleidenden nicht mit den Almosen zufriedengeben.

»Rückt das Brot raus – aber sofort!«, brüllte ein Mann.

Einige zerrten an den Truhen und Schränken, andere wühlten nach Essbarem und nahmen mit, was ihnen in die Finger kam. Wieder andere versuchten, die Diebe aufzuhalten, was zu Handgemengen führte.

Nonnen und Mägde hoben hilflos die Stimmen. »In Gottes Namen, haltet ein!«

Einer der Klosterknechte versuchte, die Eingangspforte zu schließen, ein anderer schleifte einen Dieb hinaus. Über alldem lagen die verzweifelten Rufe nach Brot. Eine Frau hatte den Schrank erreicht, in dem die Nonnen ihre Heilkräuter verwahrten, und riss wahllos Tontöpfe, Holzschachteln und Lederbeutel heraus. Die kostbaren Kräuter landeten im Dreck – und niemand hielt die Frau auf. Instinktiv warf Jakoba sich zwischen die Frau und den Schrank.

»Halt! Lasst das!«, rief sie, doch die Frau war derart in Rage, dass sie Jakoba an den Schultern packte und wegstieß.

Jakoba stürzte auf die Fliesen, rappelte sich aber sofort wieder auf. Die Knechte waren noch in Handgemenge verwickelt. Was sollte sie nur tun? Kurzerhand packte Jakoba den Arm der Plünderin und drehte ihn auf den Rücken, wie sie es bei ihren Brüdern beobachtet hatte. »Jetzt ist es aber genug!«

Die Frau heulte auf, aber Jakoba ließ sich nicht beirren, sondern schob sie zur Pforte hinaus. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Nonnen sie anstarrten. Röte schoss ihr in die Wangen. Beschämt fing sie an, Kräuter und Salben zu bergen und wieder sicher zu verstauen. Was hatte sie getan? Dieses Benehmen würde die Priorissa ganz sicher nicht gutheißen!

Es dauerte lange, bis endlich alle Aufrührer aus dem Krankensaal befördert und die Türen geschlossen waren. Wütend hämmerten die Menschen gegen das Holz. »Gebt uns Brot! Gebt uns Brot!«

Die Schreie ängstigten die Nonnen zutiefst. Gerüchte über Klosterplünderungen hatten bereits die Runde gemacht. Jedermann wusste: Das Kloster Ebbekestorpe war reich, auch weil ihm durch Almosen und Stiftungen Anteile an den Lüneburger Salzpfannen vermacht worden waren. Würden die Aufrührer beim nächsten Mal bewaffnet angreifen? Und wer wäre dann da, um die Nonnen zu schützen?

Jakoba verband Make. Der Knechte war beim Verteidigen der Klosterfrauen verletzt worden. Als sie gerade nach Konegundis sehen wollte, trat die Subpriorissa ein. Sie betrachtete missbilligend das Durcheinander und befahl Jakoba mitzukommen.

Jakoba ließ die Schultern hängen und rechnete mit dem Schlimmsten. Hatte eine der Nonnen sich bereits über ihr handfestes Eingreifen gegen die Aufrührer beschwert? Oder wollte die Priorissa sie erneut für ihr Zuspätkommen rügen? Hatte ihre öffentliche Buße noch nicht ausgereicht? Sie warf einen Blick auf Konegundis, die im Fieberwahn zuckte, prüfte rasch den Zustand ihrer Novizentracht und folgte der Subpriorissa hinaus.

Die Priorissa nahm in ihrer Kammer die neuesten Kopien und Illuminationen aus dem Scriptorium in Augenschein; es waren herrliche Arbeiten. Wie viele Schwestern dieses Klosters stammte Elisabeth aus altem Adel. Sie strahlte Hoheit aus, wenn sie auch sehr matt wirkte. »Wenn aller Sand, der im Meer ist, Pergament wäre, und alle Grashalme Schreibfedern und alle Gewässer schwarze Tinte, man könnte die geringste Freude, die in dem Himmel ist, damit nicht aufschreiben«, murmelte die Priorissa. Als sie Jakoba bemerkte, presste sie die Zeigefinger auf die Nasenwurzel.

»Seid Ihr nicht wohl? Kann ich etwas für Euch tun?«, erkundigte sich Jakoba besorgt.

»Silentium!« Die Stimme der Priorissa war schneidend. »Schweig! Du hast genug getan, mehr als genug.« Mit einer Geste gab sie Jakoba zu verstehen, dass sie auf die Knie sinken sollte.

Jakoba gehorchte. »Ich musste Kranke versorgen. Eine Novizin, Konegundis …«, wollte Jakoba sich verteidigen.

»Ich sagte dir, schweig still! Immer wieder durchbrichst du das Schweigegebot! Die Ordensregel ist strikt, und ich werde dafür sorgen, dass sie auch in Ebbekstorpe wieder eingehalten wird! Und wenn ich das Infirmarium schließen muss, damit hier wieder Ruhe einkehrt, werde ich es tun.«

Jakoba war schockiert. »Aber ich … die Kranken brauchen mich. Sagte der heilige Benedikt nicht, die Sorge für die Kranken müsse über allem stehen?«

Die Priorissa rümpfte die Nase. »Diese Art Eitelkeit meine ich, wenn ich deine Eignung fürs Klosterleben anzweifle. Ruft uns nicht die Heilige Schrift zu: ›Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden‹? Denke daran: Die Seele wird durch die Krankheit des Geistes geprüft und geläutert. Krankheit ist immer auch eine Folge der Sünde. Christus ist der wahre Heiler, weitere Medizin brauchen wir nicht. Du wirst dich unseren Regeln freudig unterordnen. Wenn du das nicht kannst, bist du hier fehl am Platze.«

Auf keinen Fall wollte Jakoba zu ihrem Vater zurück. Er würde sie nur wieder an den Meistbietenden verheiraten, und noch eine lieblose Ehe würde sie nicht ertragen …

Sie senkte ihr Haupt. »Ich werde mich fügen, ehrwürdige Mutter.«

»Ein Tor lässt sich durch Worte nicht bessern, deshalb werde ich dich zu Fasten und Rutenschlägen verurteilen«, entschied die Priorissa.

Jakoba wollte erneut protestieren, biss sich jedoch auf die Lippen. So durchdringend musterte die Priorissa sie, dass Jakoba schon fürchtete, tatsächlich heimgeschickt zu werden.

»Am Sonntag sollst du die Profess ablegen«, sagte Elisabeth schließlich. »Ich bin nicht die Einzige, die an deiner Eignung zweifelt. Auch andere Schwestern sind der Ansicht, dass du die Ordensregeln zu wenig respektierst. Aber du hast in Schwester Walburga eine überzeugende Fürsprecherin gefunden, deren Wort Gehör findet. Bist du von der Wahl des geistlichen Wegs nach wie vor überzeugt?«

»Ja, ehrwürdige Mutter.«

Die Priorissa stemmte sich in ihrem Stuhl hoch. »Dann teile das auch deinem Bruder mit, der im Besuchszimmer auf dich wartet.«

Jakobas Blut stockte. Anno! Was machte er hier? Ihre Knie waren auf einmal so weich, dass sie zu stürzen fürchtete. Unsicher folgte sie der Priorissa in den kleinen, düsteren Besuchsraum und spähte durch das vergitterte Sprechfenster. Er war es, tatsächlich! Die schmale Gestalt hoch aufgerichtet, die Hand am Schwert und, wie stets, standesbewusst gekleidet: Panzerhemd und wappengeschmückter Gambeson, darüber ein Pelzumhang. Anno war zehn Jahre älter als Jakoba, ebenfalls rotblond, wirkte aber im Gegensatz zu ihr blass und anämisch. Als er sie durch das Gitter musterte, wanderte seine Oberlippe missbilligend nach oben.

»Ich werde mich nie an diesen Anblick gewöhnen – aber das muss ich wohl auch nicht. Pack deine Sachen – du reist ab!«, sagte Anno schroff.

Überrumpelt starrte Jakoba die Priorissa an.

»Schwester Jakoba kann Euch nicht begleiten. Sie wird am Sonntag ihre Profess ablegen, wie wir es mit Eurem Vater vereinbart hatten«, sagte die Priorissa in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Annos Finger krallten sich ins Metallgitter. Instinktiv wollte Jakoba zurückweichen, zwang sich aber, ruhig zu bleiben. »Vaters Wille zählt nicht mehr. Du wirst mir gehorchen«, zischte er. »Unsere Eltern sind gestorben, dahingerafft von einer Seuche, wir mussten sie bereits begraben.« Etwas sanfter setzte er hinzu: »Jakoba, deine Familie braucht dich jetzt. Du hast Nichten und Neffen, die dich vermissen. Denk dir, mein kleiner Lüder hat neulich seinen Vetter im Ringkampf besiegt und in einen Schlammpfuhl geworfen. Du hättest Dietrichs Gesicht sehen sollen.« Ihr Bruder grinste. Dietrich war sein Schwager und stellte gerne seinen höheren Stand heraus, was Anno in seinem Stolz traf.

Jakobas Hals schnürte sich zusammen. Sie konnte nicht fassen, dass Anno ihr so beiläufig vom Tod ihrer Eltern berichtete. Trauer breitete sich in ihr aus, obgleich sie gerade ihren Vater zu Lebzeiten beinahe gehasst hatte. Zu viel hatte er ihr angetan … Die Kälte, mit der ihr Bruder gesprochen hatte, schockierte sie. Aber Mitgefühl war Anno schon immer fremd gewesen.

Sie sammelte sich, so schwer es ihr auch fiel. »Ich habe meine Pflicht an meiner Familie getan, deshalb hat Vater mir gestattet, ins Kloster zu gehen.« Jakoba spürte ein angstvolles Pochen in ihrem Hals. »Ich werde den geweihten Schleier nehmen. Gerade wenn unsere Eltern gestorben sind, benötigen ihre Seelen meine Fürbitten.« Sie neigte das Haupt vor der Priorissa und wandte sich der Tür zu.

Anno rüttelte am Sprechgitter. »Du wirst jetzt nicht gehen! Du gehorchst! Du lässt mich hier nicht so stehen – Jakoba!«

Erst als sie die Protestschreie ihres Bruders nicht mehr hörte, atmete Jakoba auf. Doch dann erinnerte die Priorissa sie an die Bußstrafe.

Später, im Nonnenchor, liefen ihr die Tränen hinunter. Eigentlich war dieser Kirchenraum nur für die gemeinsamen Gebete gedacht, aber ihr half die feierliche Atmosphäre, zur Ruhe zu kommen, weshalb sie sich manchmal auch außerhalb der Stundengebete hierherstahl. Außerdem mochte sie die große Weltkarte, die die Hauptwand bedeckte. Das einzigartige Stück diente der Andacht und der Lehre. Das Erdenrund war darauf zu sehen, mit der heiligen Stadt Jerusalem im Zentrum. Könige waren abgebildet, Menschen fremder Erdteile und Monstervölker. Die Orte, an denen sich biblische Begebenheiten zugetragen hatten, aber auch Schauplätze des Lebens von Alexander dem Großen. Städte wie Paris, Rom oder Lüneburg. An den Rändern waren das Haupt Christi sowie seine Hände und Füße zu sehen – er hielt ihre Welt zusammen, die Heiligen wie die Sünder, und gleichzeitig schützte er sie. Angesichts der Schönheit des Kosmos wurde Jakoba bewusst, dass sie nur Staub und Asche waren und wieder zu Asche werden würden.

Jakobas Rücken brannte von den Bußschlägen, vor lauter Hunger war ihr übel, und ihr Körper bebte derart, dass sie die Hände kaum heben konnte. Sie fixierte das Abbild des heiligen Mauritius, des Schutzheiligen des Klosters und der Kreuzfahrer, und betete für die Seelen ihrer Eltern. Insgeheim fürchtete sie allerdings, dass auf ihre Eltern eher das Höllenfeuer als die himmlischen Freuden wartete. Ihre Mutter hatte der Völlerei gefrönt, ihr Vater war hartherzig und gewalttätig gewesen. Dennoch trauerte Jakoba. Von ihren engsten Verwandten waren jetzt nur noch ihr Bruder Anno und ihre Großeltern am Leben, alle anderen waren an Seuchen oder Unfällen gestorben. Die Großeltern waren weit weg, sie lebten im fernen Braunschweig.

Gewissensbisse quälten sie. Durfte sie Anno wirklich mit der drückenden Verantwortung für die Familie allein lassen? Durfte sie sich weigern, ihm zu helfen, wenn er sie doch bat? Gleichzeitig hatte die Todesnachricht auch ihre Verzweiflung neu entfacht, die sie seit dem Tod ihres Sohnes beherrschte. Nie würde sie damit fertigwerden, dass Willeken gestorben war. Wie hatte sie sich gewünscht, dass ihre Seele im Kloster Frieden finden würde! Und dann Konegundis, die nach wie vor im Fieber delirierte. Ein Schluchzen stieg in Jakoba auf, das sie nicht zurückhalten konnte.

Sie hörte ein Schlurfen, und wenig später ließ sich Schwester Walburga neben ihr auf die Knie sinken. Ihre Ellbogen lagen aneinander, eine kleine Berührung nur, die Jakoba jedoch tröstete. Wenn jemand vorbeikommen würde, würde er denken, sie beteten Seite an Seite. »Was quält dich so?«, fragte die alte Nonne leise.

Jakoba war erleichtert, ihren Kummer teilen zu können. »Noch immer geht es Konegundis so schlecht. Der Trank hilft einfach nicht! Ich habe Angst, dass sie stirbt. Sie ist noch so jung«, schloss sie kummervoll.

»Du hast getan, was du konntest. Vergiss nicht, dass Christus der wahre Heiler ist. Konegundis’ Leben liegt in seiner Hand«, sagte Walburga voller Gottvertrauen. Als würden diese Worte nicht ausreichen, legte die Infirmaria die Hand auf Jakobas Arm und setzte hinzu: »Es gab einst einen Papst, der Medicus war. Meine frühere Lehrmeisterin kannte einige seiner Schriften. Er sagte: Leben ist lebenslanges Sterben. Unser Lebensfutter wird zeitlebens ausgedörrt und vernichtet. Aber erst wenn die Seele den Körper verlässt, geht dieser zugrunde und zerfällt.«

Jakoba hatte oft beobachtet, wie sich der Anblick von Sterbenden mit dem letzten Atemzug veränderte, wie ihr Gesicht wächsern und kalt wurde. »Ich weiß, dass manche Krankheiten von den Organen wie Leber oder Nieren kommen, aber wo hat die Seele ihren Sitz? Wie können wir sie stärken?«

»Das Herz ist die Wohnstätte der Seele, so wie die Sinneskräfte im Gehirn zu Hause sind. Es ist der Lebensgeist, der vom Gehirn in die Nerven strömt und diese durchstrahlt, wie das Licht der Sonne einen Kristall.«

Das poetische Bild baute Jakoba auf. »Woher weißt du das alles?«

Schwester Walburgas Blick wanderte für einige Atemzüge zur Weltkarte von Ebbekestorpe. »Mein Leben war lang. Ich war nicht immer hier im Kloster. Manches lässt sich lernen, wenn man in die Welt hinausgeht. Aber Frieden finden wir nur in uns.« Sie stützte sich auf Jakoba und kam mühevoll auf die Füße. »Komm jetzt, die Kranken brauchen uns.«

Im Infirmarium bereiteten sie alles für die heilige Messe vor. Jakoba half dabei, die Kranken aufzusetzen, stützte sie oder schob ihnen Kissen in den Rücken, bis jeder den Altar sehen konnte. Nur Konegundis ließ sich nicht aus ihrer Bewusstlosigkeit wecken. Wie heiß sie noch immer war, wie schnell ihr Puls ging und wie stockend die Atemzüge! Noch einmal gab Jakoba ihr von dem Kräutertrunk und wechselte das schweißnasse Laken.

Der Priester vollzog die Messe und ging anschließend die Bettenreihe ab, um die Sakramente zu spenden. Auch bei Konegundis machte er halt. Jakobas Brust war eng, als der Priester die Letzte Ölung vornahm.

»O here Ihesu Christi ik byn de armeste den du gheschapen hest van dyner vaderliken kraft«, rezitierte er.

Aber noch war Konegundis nicht tot, und Jakoba nahm sich vor, alles zu tun, damit das Mädchen sich von der Krankheit erholte.

Ihre Lider waren schwer, so schwer. Sie musste wach bleiben! Wie die Abdrücke von Hühnerfüßen tanzten die Buchstaben auf dem Manuskript. Die dritte Nacht in Folge wachte sie schon an Konegundis’ Bett. Jakoba starrte erneut auf das Pergament. »Gegen Unterschenkelgeschwüre an den Schienbeinen«, las sie. »Sie heilen schnell, selbst wenn schon die Knochen herausschauen. Man reibt Schimmel von trockenem Käse und etwas weicherem Schafdung zu gleichen Teilen und gibt ein klein wenig Honig hinzu: Es heilt innerhalb von zwanzig Tagen.« Vor Aufregung wurde sie wacher. Vielleicht würde der Auszug aus dem alten Klosterhandbuch gegen das Heilige Feuer helfen! Sie würde die Celleraria gleich morgen um die Zutaten bitten.

Das nächste Rezept brachte sie jedoch erneut zum Gähnen: Wenn einen das kalte Fieber überkam, sollte man Wasser lassen und Roggen in den Urin werfen. Aus dem Teig solle man kleine Kugeln formen und diese an Fische verfüttern. Davon vergehe das Fieber, »duth js vor socht«, versicherte der Schreiber die Erprobtheit der Arznei.

Jakoba hingegen zweifelte an der Wirksamkeit. Ihre Augen brannten. Wenn es nur nicht so dunkel im Siechensaal wäre! Immerhin war die Arbeit weniger geworden – seit dem Angriff war die Pforte zum Infirmarium geschlossen geblieben. Die Sicherheit der Nonnen ging vor. Alle schliefen, nur sie nicht. Jakoba bohrte die Fingernägel in die Handballen, doch auch das half nicht mehr gegen die Erschöpfung. Jetzt eine kleine Stärkung … etwas Hirsebrei oder Mandelmilch … ein Krapfen oder frisch gebackener Brotfladen mit Obstmus. Das Wasser lief ihr bei dem Gedanken im Munde zusammen. Es wurde Zeit, dass sie endlich etwas zu essen bekam. Sie befühlte den Umschlag um Konegundis’ Brust. Noch musste er nicht gewechselt werden. Um die Müdigkeit abzuschütteln, lief sie eine Runde durch den Krankensaal.

Der Wind pfiff um die Mauern und zerrte an den Fensterläden. An die Wand gelehnt, schnarchte die Magd laut. Aus den Betten drang leises Seufzen und Wehklagen. Jakoba hörte ein Rascheln und Knarren aus Richtung der Pforte und drehte sich um. Nur einen kleinen Kreis erhellte das Licht. In der Finsternis schienen die Schemen zu tanzen. Waren das die Geister der Verstorbenen? Die Seelen, die noch im Zwischenreich ausharren mussten? Oder nur eine Ratte? Eigentlich war dieses Ungeziefer seit dem Ausbruch der Hungersnot verschwunden. Es gab nicht mehr genug Futter für Mäuse und Ratten, stattdessen wurden diese von Notleidenden selbst am Spieß gebraten oder in den Eintopf geschnitten. Jakoba wagte nicht nachzusehen, was das Geräusch verursacht hatte. Die Augen starr in die Dunkelheit gerichtet, tastete sie sich zu ihrem Schemel zurück. Wieder knarrte es. Machte sich jemand an der Tür zu schaffen? Kamen die Plünderer? Sollte sie die Knechte wecken?

Jakoba fiel vor Schreck beinahe vom Schemel, als der Fensterladen neben der Pforte aufflog und laut im Wind klapperte. Die ersten Kranken jammerten unruhig. Die Magd zuckte im Schlaf.

Nur der Wind, beruhigte sich Jakoba und hatte trotzdem Herzrasen, als sie zum offenen Fenster ging. Ängstlich streckte sie die Hand nach dem Griff aus. Eisregen schlug ihr entgegen und verschlang die Sterne am Firmament. Da hatte sie den Griff. Sie zog gegen den Widerstand des Windes an, verschloss das Fenster und legte sorgfältig den Riegel vor.

Im gleichen Augenblick hörte sie ein Krachen. Die Pforte neben ihr sprang auf, und ein Schatten schoss auf sie zu. Der Statur nach zu urteilen, war es ein Mann, das Gesicht halb unter einem Tuch verborgen. Das Kloster wurde überfallen! Bevor Jakoba weglaufen konnte, hatte er sie schon im Schwitzgriff.

Jakoba versuchte, sich zu wehren, kam aber nicht gegen ihn an und wurde hinausgezerrt. Bitterkalt war der Sturm, der sie vor den Klostermauern umfing. Ein Mann wartete dort mit zwei Rössern. Sein Gesicht lag im Dunkeln. Der Wind riss an seinem Umhang. Unwillkürlich kam ihr der apokalyptische Reiter in den Sinn.

Verzweifelt schrie Jakoba um Hilfe.

2

Dahlenburg

Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Kopf dröhnte. Die Striemen auf ihrem Rücken brannten, und Jakoba war übel vor Hunger. Die Erinnerung war sofort wieder da. Bevor ihr jemand hatte zu Hilfe kommen können, hatte ihr Angreifer sie niedergeschlagen, und Jakoba hatte das Bewusstsein verloren. Wohin hatte man sie gebracht? Vor Kopfschmerzen blinzelnd, sah sie sich um. Dicke Feldsteinmauern, die fadenscheinigen Vorhänge des Himmelbetts, die altertümliche Einbaumtruhe – sie war in ihrer alten Kammer in der elterlichen Burg. Ihr Blick verschwamm. Nur das nicht! Anno war es also gewesen, der sie aus dem Kloster entführt hatte! Sie hätte es voraussehen und die Priorissa warnen müssen!

Mühsam stemmte sie sich hoch. Es dauerte lange, bis das Schwindelgefühl nachließ. An den Rundmauern entlang tastete sie sich zum Fenster. Vorsichtig löste sie die Ziegenhaut, die die Öffnung verschloss. Das Panorama ihrer Kindheit und Jugend tat sich vor ihr auf: Wälder und Weiden, eine bescheidene Ansammlung Häuser, eine Straße, ein Fluss. Früher war Dahlenburg ein Bollwerk gegen die Slawen gewesen, die hier einfielen, Kirchen zerstörten und Dörfer verheerten. Noch ihr Vater hatte die Heiden im eigenen Land bekämpft. Heute bestand die wichtigste Bedeutung des Fleckens Dahlenburg darin, dass hier der Zoll an der Handelsstraße von Lüneburg nach Magdeburg kassiert wurde.

Im Vorhof der Sattelburg übten sich trotz des Schneegriesels Anno und seine Söhne im Ringkampf. Leo und Lüder waren sechs und sieben und in dem einen Jahr, in dem Jakoba sie nicht gesehen hatte, kräftig in die Höhe geschossen. Bald würden sie in die Obhut eines Ritters gegeben werden und als Pagen ihre Ausbildung antreten. Jetzt glühten die Wangen der Jungen, und sie bewegten sich langsam, als bereite jeder Schritt ihnen Mühe. Anno trieb sie an und fuhr ihnen mit einem langen Stock in die Beine, wenn sie nicht flink genug waren.

Ein Knecht brachte die Jagdhunde. Ihr Bruder liebte die Jagd. Er hielt Sauhunde, Hetzhunde und Lochhunde in seinem Zwinger und ließ sie besser versorgen als sein Gesinde. Annos Blick wanderte zum Bergfried. Jakoba ließ den Fellvorhang sofort fallen – er musste nicht wissen, dass sie wach war. Noch immer konnte sie nicht fassen, dass ihr Bruder es gewagt hatte, sie aus dem Kloster zu entführen. Instinktiv wusste sie: Was Anno auch vorhatte, er hatte nicht ihr Wohl im Sinn. Irgendwie musste sie es schaffen, ins Kloster zurückzukommen.

Sie widerstand der Versuchung, ihrer Erschöpfung nachzugeben und sich ins Bett zu verkriechen. Allerdings war sie im Leibhemd, ihre Novizentracht war verschwunden. Sie musste sich auf die Suche nach einem Kleid und einem Umhang machen, und dann nichts wie zum Stall. Vielleicht hatte Anno ja ihr altes Pferd noch. Vorsichtig öffnete sie die Tür – und wäre beinahe über jemanden gestolpert. Das etwa fünfjährige Mädchen, das im Türrahmen gesessen hatte, starrte sie überrumpelt an.

»Trude? Du bist aber groß …«, wollte Jakoba sie aufhalten, aber es war zu spät, das Mädchen war schon aufgesprungen.

»Vater, Vater – die Tante ist wach!«, rief Trude und lief die Holztreppe hinab.

Hilflosigkeit und Schwäche übermannten Jakoba jetzt vollends. Sie tastete sich zum Bett zurück. Ungesehen zu fliehen war ja ohnehin unmöglich.

Wenige Augenblicke später war sie von Getöse umgeben. Drei Hunde sprangen herein, wolfsähnlich und geifernd. Mit ihren schweren Häuptern, den hochgezogenen Lefzen und den nadelspitzen Zähnen jagten die Bracken Jakoba eine Heidenangst ein. Anno kam hinterher. Nase und Wangen waren rot gefroren. Er tätschelte seine Hunde, während eine Magd eine Schale auf das Tischchen stellte und das Feuer schürte. Hirsebrei – er duftete so köstlich, dass Jakobas Magen sich zusammenkrampfte.

Ihr Bruder setzte sich auf einen Faltstuhl und streckte die langen Beine zum Kamin hin aus. Die Hunde legten sich zu seinen Füßen. Wohlwollend ließ er seinen Blick auf Jakoba ruhen. »Es ist schön, dass du wieder hier bist, bei uns, wo du hingehörst. Meine Gattin und die Jungen werden ebenfalls erleichtert sein, dich zu sehen.«

Jakoba sog aufgrund seines selbstzufriedenen Tonfalls die Luft ein. Sie wusste nicht, wie sie die Ungeheuerlichkeit seiner Tat ansprechen sollte. »Du hast mich geraubt! Du hast das Kloster quasi überfallen! Wie konntest du es wagen … wie konntest du … mir das antun?«, stammelte sie.

Er zauste seinen Hunden das struppig graue Fell. »Da du nicht freiwillig mitkommen wolltest, musste ich andere Maßnahmen ergreifen.«

»Woher wusstest du, dass ich im Krankensaal sein würde?«

»Ein Knecht hat geplaudert. Wenn du nicht dort gewesen wärst, hätte Wulf eben weitersuchen müssen.«

Wulf war es also gewesen, der in das Kloster eingebrochen war. Sie hatte den Hofmeister nicht erkannt. Andererseits wunderte sie es nicht: Wulf war schon immer Annos willfähriger Diener gewesen.

Ihr Bruder wies neben sich auf das Tischchen. »Iss etwas, dann wirst du dich besser fühlen. Du bist ja ganz abgemagert. Und deine Haare, wo sind nur die schönen langen Haare hin? Diese grausamen Nonnen! Da wird sich Immeke etwas einfallen lassen müssen.«

Was war mit Anno los – warum war er so freundlich? Wie konnte er sie erst aus dem Kloster entführen und dann so besorgt tun? Der Geruch des Essens überwältigte Jakoba beinahe und machte ihr den Mund wässrig. Am liebsten hätte sie sich auf den Brei gestürzt, aber sie beherrschte sich. »Wie lange war ich ohnmächtig? Was für ein Tag ist heute?« Jakoba schluckte schwer. »Bring mich sofort zum Kloster zurück, bitte! Ich will die Jungfrauenkrönung nicht verpassen!«

Anno schüttelte den Kopf, nachsichtig, als spräche er zu einem Kind. »Glaubst du wirklich, ich hätte diesen Aufwand betrieben, nur um dich einfach so ins Kloster zurückzubringen? Immerhin riskiere ich einen Streit mit dem Propst!«

»Wie kannst du Vaters Willen derart missachten?«, fragte Jakoba ungläubig. »Er schickte mich ins Kloster und stellte mir die Mitgift zur Verfügung.«

»Die wir hier weitaus dringender benötigen. Deinen Narreteien hast du lange genug gefrönt, jetzt musst du dich den Gegebenheiten stellen«, sagte Anno kalt.

»Es ist keine Narretei. Ich will den Schleier nehmen, das habe ich dir doch schon gesagt.«

Er sprang auf. Leise klirrten seine Stachelsporen auf dem Boden, als er vor den Kamin schritt. »Der Familienbesitz ist in Gefahr. Missernten haben uns getroffen. Kaum ein Bauer konnte seinen Zehnt liefern. Ich habe bereits einen Teil des Waldes roden und das Holz verkaufen müssen, einen anderen Teil musste ich verpfänden. Die Rinderseuche hat drei Viertel unserer Ochsen dahingerafft, und ein Gutteil haben sich Viehdiebe unter den Nagel gerissen. Im letzten Herbststurm wurde das Dach unseres Bergfrieds halb abgetragen. Wir haben es teilweise wiederherstellen können, aber den nächsten Sturm wird es kaum überstehen. Wenn es so weitergeht, werde ich noch mehr Ländereien verkaufen müssen.« Er wandte sich um. »Glaubst du wirklich, dass das im Sinne unseres Vaters wäre? Und überhaupt: Was bist du nur für eine Tochter? Willst du denn gar nicht wissen, wie Vater und Mutter gestorben sind?«

Jakoba senkte den Blick. Ihr Bruder war ein Meister darin, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. »Ich habe bereits für die Seelen unserer Eltern gebetet. Bitte, berichte es mir.«

»Es war der Blutscheiß. Keine zwei Tage hat es gedauert, da waren sie beide tot. Kein schöner Anblick, kann ich dir sagen.«

Sie schlug ein Kreuz vor der Brust und sprach ein stilles Gebet. »Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen. Ich werde gleich nachher an ihr Grab gehen.« Was für ein grausamer Tod! Während sie noch darüber nachsann, drängte sich das Kloster in ihre Gedanken. Wie viel wirksamer könnte sie in Ebbekestorpe für ihre Eltern beten! Vermisste man sie im Kloster? Hatte die Priorissa jemanden ausgesandt, um sie zu suchen? Wurde die Jungfrauenweihe schon vorbereitet? Wie ging es wohl Konegundis und den anderen Kranken? »Vater hat mich für das Kloster freigegeben«, rief sie ihrem Bruder erneut ins Gedächtnis.

»Aber jetzt bin ich dein Vormund, und ich entscheide anders.«

Gab es niemanden sonst, der über ihr Schicksal bestimmen konnte? »Großvater …«

»Elmbert hat der Schlag getroffen, im Frühjahr. Er ist nicht mehr Manns genug für diese Verantwortung.«

Was für ein Unglücksjahr! Ihr Mut sank. »Das wusste ich nicht.«

Anno kräuselte die Lippen. »Elmbert ist ein Greis«, sagte er kalt. »Seine Zeit ist gekommen.«

Dennoch würde sie versuchen, zu ihrem Großvater zu reisen, um ihm beizustehen. Wegen derartiger Krankheitsfälle in der Familie durften die Nonnen das Kloster kurzzeitig verlassen. »Was ist mit der Familie meines verstorbenen Mannes?«

»Hat nichts zu sagen, da ich ihren Rang bei Weitem übertreffe. Mit dem Tod deines Mannes und unseres Vaters ist die Vormundschaft an mich gefallen.«

Jakoba überlegte fieberhaft. Ging es Anno nur ums Geld? Ohne ihre Mitgift konnte sie nicht ins Kloster aufgenommen werden. Zwar war es den Benediktinern verboten, eine Aussteuer für den Eintritt in den Konvent zu fordern, doch wurden üppige Almosen für die Einkleidung der zukünftigen Nonne erwartet – was auf das Gleiche hinauslief. »Sicher kannst du mit der Priorissa verhandeln. Ihr jetzt einen Teil und den Rest meines Erbteils später zahlen«, schlug sie vor.

Mit spitzen Fingern reichte Anno ihr die Breischale. Schnüffelnd kam ein Jagdhund hinterher und bekam von seinem Herrn einen kräftigen Klaps auf die Nase. Wieder wurde Jakobas Mund wässerig.

»Unsere letzte Hirse – genieße sie«, sagte Anno bitter. »Weder Fleischzehnt noch Gänsezins hat das faule Pack geliefert, das unsere Äcker bestellt. Weißt du, worauf ich die letzten Monate mit meinem Habicht gejagt habe? Auf Amseln, Meisen, sogar Zaunkönige! Hunderte haben wir verspeist, um überhaupt Fleisch auf den Tisch zu bekommen! Und dazu gesottenen Igel!« Er schüttelte sich angewidert.

Bebend vor Hunger nahm Jakoba die Schale. Wie honigsüß der Brei roch! Jakoba konnte nicht widerstehen und nahm den ersten Löffel. Sogleich schloss sie genussvoll die Augen – köstlich!

Anno grinste. »Schau dich doch an – du bist nicht für das Klosterleben gemacht, sondern findest deine Bestimmung in der Hingabe.« Ernst setzte er hinzu: »Das war immer so, und das wird auch immer so sein. Ohne diese Fleischeslust hättest du unsere Familie damals nicht in diese unmögliche Lage gebracht. Wenn du dich nicht derart erniedrigt hättest, hätte Vater dich besser verheiraten können.«

Der Brei blieb ihr im Halse stecken. Sie verschluckte sich und musste husten. Ja, sie hatte sich vom Leibarzt ihres Vaters verführen lassen, aber sie hatte weiß Gott dafür gebüßt. Damit die Schande nicht ans Licht kam, hatte ihr Vater sie mit einem greisen Adeligen verheiratet, der glücklich war, auf diesem Wege noch einmal eine junge Frau in sein Bett zu bekommen. Ihre Notlage hatte ihr Gatte weidlich ausgenutzt. Jakoba grauste noch jetzt, wenn sie an seine Berührungen dachte. Ihr Sohn war ihr einziger Trost gewesen. Drei Jahre wäre Willekin jetzt alt. Ihr Blick verschwamm.

»Flenn nicht, Schwester. Du bist jung und eine wohlgestalte fruchtbare Frau, das hast du bewiesen. Trauere nicht mehr um deinen Sohn, sondern strebe danach, weitere Kinder in die Welt zu setzen. Glaube mir, du bist zufriedener hier im Kreise deiner Familie. Bald wirst du in der Fülle leben.«

Jakoba schluckte schwer. Sie drängte die Erinnerung an ihren Sohn zurück. »Wie meinst du das?«

»Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich eine angemessene Ehe für dich arrangiert habe.«

»Aber ich will nicht noch einmal heiraten!«

»Dein Wille ist nicht maßgeblich. Einzig das Wohl der Familie zählt.«

»Du kannst mich nicht zwingen«, beharrte Jakoba.

Ungeduld und Zorn blitzten in Annos Augen auf. Unvermittelt riss er ihr die Schale weg und schleuderte sie auf den Boden, wo sich die Hunde daran gütlich taten.

»Ich kann dich nicht zwingen? Oh doch, das kann ich. Willst du es wirklich darauf anlegen?«, fragte er drohend.

Ehe Jakoba etwas sagen konnte, klopfte es. Wulf bat seinen Herrn hinaus. Als sie die Umrisse des Hofmeisters im Türrahmen sah, kantig und muskulös, fragte sie sich, warum sie ihn im Kloster nicht gleich erkannt hatte. Jakoba hörte aus dem Gespräch etwas über herumziehende Bettlerhorden und die Fischteiche heraus. Ohne noch einmal das Wort an sie zu richten, verließen die Männer die Kammer.

Jakoba wartete, bis Annos Schritte verklungen waren, dann stieg sie aus dem Bett. Ihr Schritt war wackelig. Es waren nur zwei Löffel Hirsebrei gewesen, und doch lagen sie wie Steine in ihrem Magen. Noch stand ihre Mitgifttruhe im Kloster, noch konnte sie zurück. Vielleicht hatte die Priorissa ja auch schon Knechte ausgeschickt, um Jakoba zurückzuholen. Ihnen würde sie entgegenreiten. Auf der Dahlenburg bleiben wollte sie keinesfalls. Sie wusste, was Anno zuzutrauen war.

Leise öffnete Jakoba die Tür und schlich hinaus. Die Holzbohlen knarrten unter ihren Schritten. Nicht nur das Dach des Bergfrieds war baufällig, viele Holzbalken waren es ebenfalls. Die Zeiten, als ihre Vorfahren so reich und mächtig gewesen waren, dass sie Herzog Heinrich den Löwen in das Heilige Land begleiten durften, waren lange vorbei. Seit Jahrzehnten regierte Düsternis auf der Dahlenburg. Jeder Winkel dieses Gemäuers jagte ihr Angst ein. In der Kemenate der Eltern hatte sie Strafpredigten und Rutenschläge ertragen müssen. Ihre Brüder hatten oft gedroht, sie vom Wehrgang zu stoßen. Und im niedrigen Lagerkeller war sie mehr als einmal eingesperrt und von Wulf und anderen Kerlen unziemlich bedrängt worden. Vorsichtig tastete sie sich die Treppe hinunter. Sie musste an dem vorbei, was ihr Vater großspurig den Herrensaal genannt hatte.

Füße trampelten auf den Fliesen, lautes Stimmengewirr war zu hören. In diesem Haus gingen ständig Menschen aus und ein: Verbündete, Verwandte auf Besuch, Pfründner, Gesinde. Schnell zog sie sich in einen Winkel zurück – niemand durfte sie sehen. Als die Geräusche verklangen, atmete sie auf. Die Tür der Kemenate stand offen. Holzscheite glommen im Kamin. Unter dem Wandleuchter stand eine feine Stickarbeit in einem Rahmen, aber niemand war zu sehen. Hatte Immeke, Annos Frau, hier gearbeitet? Jakoba suchte den Raum nach einem Umhang ab. In einer eisenbeschlagenen Truhe entdeckte sie eines ihrer alten Kleider, das sie beim Einzug ins Kloster zurückgelassen hatte, sowie einen zerschlissenen Umhang. Sie schlüpfte in das Kleid. Die ziegelrote Cotta erschien ihr sehr weit. Dennoch genoss sie die Saye auf ihrer Haut und strich über den Samt, der sich an ihre Kurven schmiegte. Kurz überfiel sie Reue – diese Freude an der Schönheit, was für eine Sünde! Aber immerhin hatte sie nun etwas, das sie dem Beichtvater des Klosters würde gestehen können. Jakoba drapierte die restlichen Näharbeiten so, dass das Fehlen des Kleids nicht gleich auffallen würde, und schlich zu den Ställen hinunter.

Aus der Vorburg hörte sie Gebell und Annos Schimpfen. Vorsichtig spähte sie über den Wehrgang. Das Tor in der Holzpalisade stand offen. Die Knechte hielten die Jagdpferde im Zaum. Inmitten des Schneematsches standen zwei Handvoll Menschen in zerlumpten Kleidern – Bettler. Aus Furcht vor den geifernden Jagdhunden und dem Gesinde ihres Bruders drängten sie sich aneinander. Seinen Streitkolben in der Hand, verhörte Anno ihren Wortführer, einen mageren Mann mit dunklen Locken. Wulf spannte schon mit dem Fuß die Armbrust und richtete sie auf die Streuner. An den Ställen wachten Knechte, weit genug entfernt, um nicht in die Auseinandersetzung hineingezogen zu werden, und doch nah genug, um mitzubekommen, was geschah. Auch Annos Söhne beobachteten alles genau.

»… Gesindel … gekommen, um zu stehlen und Seuchen einzuschleppen. Wo habt ihr eure Beute versteckt? Sagt schon!«

Mit einem gezielten Schlag hieb Anno den Streitkolben auf den Arm des Mannes. Die andere Hand auf die Wunde reißend, heulte der Mann auf und taumelte zurück. Ein Halbwüchsiger stürzte zu ihm, ebenso lockig, die nassen Kleider klebten ihm am mageren Leib. Jakoba wusste, dass sie fliehen musste, dass sie die Gelegenheit nutzen sollte, solange ihr Bruder abgelenkt war, aber sie konnte die Augen nicht abwenden.

Der Streuner fiel auf die Knie. »Bitte, Herr! Wir haben nichts gestohlen!«

»Und das soll ich dir glauben? Mein Knecht hat euch auf frischer Tat ertappt! Ihr habt ein Loch in die vereiste Teichoberfläche geschlagen und mich bestohlen. Eure Angelstecken schwammen noch im Teich! Vielleicht sollte ich mir deinen Jungen vornehmen, damit du endlich gestehst!« Anno hob den Streitkolben gegen den halb verhungerten Jüngling. Brennend schämte sich Jakoba für ihren Bruder, genauso wie sie sich für ihren Vater geschämt hatte. Sie wünschte, sie wäre nicht von ihrem Blut.

Plötzlich nahm der Mann seinen Sohn an die Hand und rannte mit ihm Richtung Tor. Die anderen Streuner versuchten ebenfalls zu fliehen.

Das Knallen der Armbrust war zu hören, doch der Bolzen verfehlte sein Ziel und prallte funkensprühend gegen die Wand. Auf Befehl ihres Bruders setzten die Jagdhunde den Menschen nach. Nach wenigen Sprüngen hatten die Bestien sich in die Arme und Beine des Mannes verbissen und ihn in den Dreck geworfen. Der Junge wollte seinem Vater aufhelfen, doch eine der Bracken warf sich auf ihn und verbiss sich in seiner Schulter. Die Schreie des Heranwachsenden schrillten in Jakobas Ohren. Sie riss die Hände hoch, doch das Hämmern ihres Herzens und das Rauschen ihres Blutes konnten das Kreischen nicht übertönen. Jemand hätte Anno Einhalt gebieten müssen, aber niemand wagte es. Ihre Neffen lachten über das Schauspiel und feuerten die Hunde an. Jeder Bettler, der sich dazwischenwerfen wollte, wurde ebenfalls von den Kötern angefallen. Jakoba wusste, dass es ihre Lage nur noch verschlimmern würde, wenn sie sich in Annos Angelegenheiten mischte. Und doch musste sie es tun.

»Ruf die Hunde zurück, Anno!«, hallte ihre Stimme über den Hof.

»Halt’s Maul, sonst stopft Wulf es dir!«, brüllte ihr Bruder.

Jakoba taumelte zurück. Erst als die Bettler fortgejagt waren, als Anno mit seinen Hunden in der Burg verschwunden war und nur noch die Körper des Streuners und seines Sohnes im blutbefleckten Schneematsch lagen, machte sie sich auf den Weg.

Tönnies, ein alter Knecht, der schon ihrem Großvater gedient hatte, hatte es als Einziger gewagt, sich den Verwundeten zu nähern. Der erwachsene Bettler lag reglos in seinem Blut; an seinem Hals klaffte ein tiefer Riss. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Sein Sohn war ohne Bewusstsein und atmete schwer. Er musste vierzehn oder fünfzehn sein; das Alter war schwer zu schätzen, so verhärmt wirkte er. Sein Blut floss reichlich. Das Ohr war zerfetzt, und die Bisswunden in seinen Armen und Beinen waren tief. Jakoba war übel, noch nie hatte sie so schwere Wunden versorgt. Sie blinzelte heftig, doch dieses Mal waren es Tränen der Wut.

»Wir bringen sie in den Stall. Ich brauche Wasser und Werg«, sagte Jakoba.

Der Knecht starrte sie überrascht an, dann senkte er das Haupt. »Domina Jakoba – dem Herrn sei gedankt, dass Ihr wieder hier seid. Jetzt wird alles besser.«

»Das kann ich dir nicht versprechen.« Sie umfasste die Fußknöchel des Jungen.

Tönnies kam auf die Füße. »Lasst mich das machen, Herrin!« Er hob den Jungen hoch und trug ihn in den Stall. Neugierig wurden sie von den anderen Knechten beäugt. »Nun helft schon!«, forderte der Alte sie auf, doch niemand reagierte.

Jakoba zupfte die Stofffetzen von den Bisswunden des Halbwüchsigen. Die Ohrmuschel war ausgefranst, das Ohrläppchen abgerissen. Die Reißzähne der Hunde waren so tief in das Fleisch eingedrungen, dass am rechten Arm der Knochen durchschimmerte. Sie hatte weder Johanniskrautöl noch Spitzwegerich zur Hand, um die Wunden zu reinigen.

»Ich brauche ein wenig Wein und etwas Honig!«, rief sie.

Jakoba holte eines der Pferdeseile und wickelte es straff um den Arm des Jungen, damit die Blutung versiegte. In diesem Augenblick kam Tönnies mit einer Schale Wein und einem Löffel Honig zurück – wenig, aber das musste reichen. Sie spülte die Bisswunden aus und strich den Honig hinein. Dann riss sie einen Streifen von dem ohnehin fadenscheinigen Hemd des Jungen und band es fest um Kopf und Ohr. Der Jüngling stöhnte bei der kleinsten Berührung.

So konzentriert war sie, dass sie erst mitbekam, dass jemand in den Stall eingetreten war, als Tönnies zurückwich.

»Hast du denn wirklich jeden Standesstolz verloren? Musst du dich jetzt auch noch gegen meinen Willen stellen und dich mit diesem Abschaum gemein machen?« Die Stimme ihres Bruders klang wie splitterndes Eis.

Zornsteif wandte Jakoba sich um. »Du hast den Mann getötet! Auch dieser Jüngling ist dem Tode nahe!«

Auf der Stirn ihres Bruders schwoll eine Ader an, als er brüllte: »Junge? Beinahe ein Mann ist er! Ein Dieb wie sein Vater! Die Hunde hatten Hunger, da sind sie nicht zu halten. Diese Diebe haben es nicht anders verdient. Sie haben gewildert. Allein das Korn, das sie mir gestohlen haben, ist mehr wert als ihre erbärmlichen Leben, von den Fischen ganz zu schweigen!«

Wut erfüllte Jakobas Körper wie ein einziger, dröhnender Herzschlag. »Was maßt du dir an! Du bist nicht Herr über Leben und Tod!«

»Ich handle nur, wie es mir zusteht. Und das solltest du auch tun.«

Dass er jetzt wieder mit den Schuldzuweisungen anfangen musste! »Ich werde in diese Heirat nicht einwilligen!«, schleuderte sie ihm entgegen.

Eine Ader pulsierte auf seiner Stirn, als er sie anfunkelte. »Tatsächlich?«, zischte Anno. »Nun, das werden wir ja sehen. Ich werde dich schon zur Besinnung bringen.« Er gab Wulf einen Wink. Der Knecht packte Jakoba, riss sie hoch und zerrte sie quer über die Vorburg. Panik ergriff Jakoba, als sie verstand, wohin sie gebracht wurde.

3

Seit Stunden kauerte Jakoba auf dem wurmstichigen Schrank. Sie fror erbärmlich. Das Holzgestell knarrte beunruhigend unter ihrem Gewicht, wenn sie nur zuckte. Es war der einzige Einrichtungsgegenstand in diesem Stall, ein ausrangiertes Stück mit kaputten Zapfen und Türen, in dem Hundenäpfe, Halsbänder und Leinen lagen. Auf dem verdreckten Stroh fläzten sich die wolfsgrauen Bestien und katzengroße, wieselflinke Hunde. Sobald Jakoba sich auch nur ein wenig bewegte, sprang einer der Köter auf und kläffte sie an, was die anderen wiederum in Rage versetzte. Ein paarmal hatte es heftige Rangkämpfe unter den Bracken gegeben. Es stank nach Kot und feuchtem Fell. Oft scharrten die Hunde fordernd an der Tür, schon konnte man die Krallenfurchen im Holz sehen, aber niemand warf ihnen Knochen herein. Jakoba konnte nur hoffen, dass Anno seine Tiere demnächst füttern ließ, ansonsten konnte es für sie lebensgefährlich werden.

Durch ein schmales Fenster sah sie die Dämmerung aufziehen. Von Ebbekestorpe zur Dahlenburg war es ein Ritt von wenigen Stunden. Hatten die Boten der Priorissa bereits bei Anno vorgesprochen? Würde sie vielleicht schon bald aus diesem Zwinger gerettet? Oder würden die Hunde sie vorher zerreißen?

Jakoba kämpfte ihre Angst nieder. Sie begann zu beten, doch immer wieder wanderten ihre Gedanken zu den Bettlern zurück. Wo waren sie hergekommen? Hatten sie Anno tatsächlich bestohlen? Ob sich jemand um den Jüngling kümmerte? Würde er überleben? Aber was für ein Leben wartete schon auf ihn, jetzt, wo sein Vater tot war? Hatte sie seine Wunden richtig behandelt? Oft hatte sie beobachtet, dass Wunden eiterten, wenn man sie mit Honig bestrich, aber sie auszubrennen oder in kochendes Öl zu tauchen war unmöglich gewesen. Wenn sie nur die nötigsten Salben immer dabeihätte! Sie zählte die wichtigsten Heilkräuter auf und stellte die dazugehörigen Rezepte in Gedanken zusammen. Arnika, Baldrian, Johanniskraut …

Jakoba zuckte und fiel – sie konnte sich gerade noch an der Kante des Schrankes festhalten, bevor sie das Gleichgewicht verlor. Herrje – sie musste eingeschlafen sein! Die Hunde sprangen am Schrank hoch, bellend und nach ihr schnappend. Blitzende Augen, funkelnde Zähne, dumpfes Grollen. Panisch zog sie die Knie an. Dennoch spürte sie die feuchten Lefzen an ihren Waden.

Es war Nacht. Durch einen Spalt in der Bretterwand blitzten die Sterne. Kein Knecht hatte sich sehen lassen, sonst wäre sie früher aufgewacht. Eine Bracke warf sich mit voller Wucht gegen das Holz. Der Schrank wankte. Jakobas Herz setzte einen Schlag aus. Da stolperten die Hunde übereinander und verbissen sich prompt wieder, einer im Nacken des anderen, so lange ringend, bis der Unterlegene winselnd den Schwanz einzog.

Gott sei dank war der Schrank nicht zusammengekracht! Jakobas Zähne schlugen aufeinander, und Hungerkrämpfe schüttelten sie. Noch immer sträubte sich alles in ihr gegen den Gedanken, klein beizugeben und erneut in den Stand der Ehe zu treten. Ihr Wille war stark. Aber lange würde sie in diesem Stall nicht überleben. Sie wollte noch nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier.

In die Dunkelheit starrend, rekapitulierte sie das nächste Rezept für einen Heiltrank. Sosehr sie sich auch dagegen wehrte, sie dämmerte wieder weg. Bilder zogen vor ihrem inneren Auge vorbei. Sie sah ihren Sohn auf sich zurennen, mit ausgestreckten Armen, hörte sein helles Lachen, spürte die kleinen Finger auf ihrer Wange. Die Erinnerung war so lebendig, dass sie ihr den Atem nahm. Wie gerne wäre sie wieder mit ihm vereint! Wäre der Tod wirklich so furchtbar, wenn Willekin sie im Himmel erwartete? Aber war ihre Todesstunde schon gekommen?

Dieses Mal fiel sie wirklich. Hart schlug sie auf die Erde auf. Zähne stachen messerscharf in ihre Wade, in ihren Arm. Was für Schmerzen! Jakoba schrie und trat nach den Hunden, was diese nur noch wilder machte. Sie spürte die heißen Zungen, musste ihren Gestank einatmen. Voller Angst krabbelte sie rückwärts, versuchte aufzustehen, doch da war die Mauer. Die Hunde warfen sich über sie. Schon schnappte einer nach ihrem Hals. Sie versuchte, ihm die Finger in die Augen zu bohren. Aber da gruben sich seine Fangzähne bereits in ihr Handgelenk. Sie hatte Todesangst.

»Sunte Mauricis, du eddele ridder, beschütze mich!« Ihr Gebet ähnelte mehr einem Schrei. Sie wollte noch nicht sterben, um keinen Preis.

Die Tür wurde aufgestoßen. Knechte drängten mit Knüppeln die Hunde weg. Angstvoll betastete Jakoba ihre Wunden. Anno schritt herein, erhaben, als beträte er einen Thronsaal. Jakoba war so dankbar für sein Erscheinen, dass sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.

Mit einem Wink gab Anno den Knechten zu verstehen, dass sie die Hunde hinausbringen sollten. Als sie allein waren, verschränkte er die Arme vor der Brust und sah auf sie herab. »So schwer es mir auch fallen würde, aber ich würde dich lieber sterben sehen, als hinzunehmen, dass du unser Haus in den Abgrund treibst.«

Antwortfetzen schossen durch ihren Kopf. Wieso trieb sie …? Hätte ihr Vater nicht damals ihr Vermögen zusammenhalten sollen? Hätte Anno selbst nicht besser wirtschaften müssen?

Anno hockte sich neben sie und legte seine Fingerspitzen auf ihre Wange. Jakoba erinnerte sich an die wenigen Momente, in denen sie sich Anno nah gefühlt hatte, in denen er ihr großer Bruder im besten Sinne gewesen war, und ließ seine Berührung zu. »Schau dich doch an. Eine so liebreizende Frau – und so unglücklich! Ich tue es zu deinem Besten, das musst du doch verstehen«, sagte er einschmeichelnd. »Willst du denn nicht, dass ich dir helfe?«

Sie weinte jetzt, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte. »Doch.«

»Wirst du der Entscheidung deines Vormunds jetzt folgen, wie es sich für ein gehorsames Weib gehört? Oder möchtest du weiterhin meinen Lieblingen Gesellschaft leisten?«

Das Grauen flammte von Neuem in ihr auf. »Bitte nicht! Bitte … nur das nicht.« Gequält setzte sie hinzu: »Ich … füge mich dir, Bruder.«

Zufrieden wischte Anno ihre Tränen ab. »Brav. Harre aus, Schwester, nur kurz noch.« Er rief einen Befehl und ging hinaus.

Ihre Schwägerin trat statt seiner ein. Immeke war trotz der Hungersnot noch dicker geworden; ihr abgewetztes Kleid spannte. Dazu trug sie ihre Kette mit dem Goldkreuz, ihren ganzen Stolz. Erst jetzt ging Jakoba auf, dass es Tag war. Wo war die Zeit geblieben? Anno war nicht mehr zu sehen, dafür war Wulf gekommen und vergewisserte sich, dass die Jagdhunde unversehrt waren; er liebte die Tiere anscheinend ebenso sehr wie sein Herr.

Immeke neigte sich zu ihr, und ihre üppigen Brüste traten in dem tiefen Ausschnitt gefährlich hervor. »Was machst du denn nur für einen Unsinn? Komm hier schnell heraus! Wir wollen dich waschen und verpflegen und deine Wunden versorgen.«

Wie fürsorglich sie klang! Tränen des Schmerzes und der Dankbarkeit liefen über Jakobas Gesicht. Sie wollte aufstehen, doch sie war zu schwach und auch zu schwer verletzt, um sich auf den Beinen zu halten, also musste sie es hinnehmen, dass Wulf sie hochhob und zum Bergfried trug. Er brachte sie geradewegs in ihre Kammer, die nun mit Kienspänen und einem prasselnden Kaminfeuer heimelig hergerichtet war.

Als er sie hinlegte, ließ er wie beiläufig seine Hand in Jakobas Ausschnitt wandern. Grob umfassten seine Finger ihre Brust. Er hatte noch nie seine Finger bei sich behalten können, wenn sie alleine waren, weshalb Jakoba dem zwanzig Jahre älteren Mann stets aus dem Weg gegangen war. Aber jetzt …

Jakoba zuckte zurück. »Lass das, Wulf!«

Der Hofmeister grinste nur, und sie sah einen Zahnstummel, den er früher noch nicht gehabt hatte. »Im Kloster geht’s doch versaut her, das weiß jeder. Ein Hahn und so viele Hennen! Aber hier bist du unter richtigen Männern!« Sie versuchte, seine Hand wegzuschlagen, war aber zu schwach. Er lachte. »Ein Goldstück bist du. Und so nützlich!«

In diesem Augenblick kam Immeke in die Kammer und trieb den Hofmeister hinaus. Immeke ließ von ihren Töchtern Wasser, Wein, Honig und Linnen herbeischaffen. Vor allem die zwölfjährige Ute schien ein geschicktes Mädchen zu sein, das schon eifrig im Haushalt half. Sie begannen, die Bisswunden zu reinigen. Die Wunden pochten und stachen, als steckten die Zähne noch darin – kaum konnte Jakoba die Berührungen ertragen. Hoffentlich bekam sie nicht die Hundswut, dann wäre ihr Leben dahin.

Als Immeke ihr den Rücken waschen wollte und die Rutenstriemen entdeckte, stockte sie. »Waren das die Nonnen?«

»Eine Bußstrafe«, gab Jakoba zu.

Sanft tupfte Immeke die Striemen ab. »Gut, dass du jetzt hier bist.«

Jakoba wurde in ein neues Unterhemd gehüllt. Ihr Bett war mit frischem Leinen bezogen und durch eine Bettpfanne vorgewärmt. Immeke reichte ihr eine große Schale Haferbrei. Langsam löffelte Jakoba. Nie war ihr eine Mahlzeit köstlicher vorgekommen. Übelkeit und Schwäche rangen in ihr so sehr, dass sie kaum die Augen offen halten konnte. Sie wollte etwas sagen, sich wenigstens bei Immeke bedanken, doch da fiel sie schon in einen tiefen Schlaf.

Als sie erwachte, saß eine Magd neben ihrem Bett und spann. Durch den Spalt der Fensterläden funkelte die untergehende Sonne. Jakobas Wunden ziepten und pochten, die Verbände waren braun von getrocknetem Blut. Ihr verletztes Handgelenk war so geschwollen, dass sie es kaum beugen konnte. Die Magd half ihr, das Linnen zu wechseln, und holte Brei, Dünnbier und Brot. Jakoba langte zu. Es ist von Vorteil, eine Bauernnatur zu haben, dachte sie. Je eher sie wieder bei Kräften war, desto eher würde ihr etwas einfallen, um Anno zu überzeugen, dass er sie doch ins Kloster zurückließ.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und etwas Großes wurde hereingetragen. Ihr Hals wurde eng, als Jakoba erkannte, was es war. Immeke zeigte den Knechten, wohin sie die Stollentruhe stellen sollten. Jakoba musste nicht nachsehen, um herauszufinden, dass die Mitgifttruhe leer war – sonst hätte Anno sie ihr wohl kaum zurückgegeben. Ihre Hoffnung auf den Eintritt ins Kloster war dahin. Nun war sie ganz in der Hand ihres Bruders.

»Die Priorissa hat dir die Truhe nachgeschickt. Sie wünscht dir alles Gute, das hat sie dir zumindest geschrieben.« Immeke reichte ihr einen Brief. Das Siegel war erbrochen, obgleich der Brief an Jakoba gerichtet war. Jakoba hatte das Klostersiegel mit der Standfigur, dem Schild und dem Jerusalemskreuz sofort erkannt.

»… bedaure deinen Entschluss sehr … wärst ein nützliches Mitglied unserer Gemeinschaft geworden …«

Jakobas Blick trübte sich. Die Priorissa hatte nicht geschrieben, wie es Konegundis und den anderen Kranken ging.

Immeke setzte sich ans Bett. Die vielen Schwangerschaften hatten ihren Körper weich gemacht, und sie wirkte so ausgelaugt, als wäre sie nicht erst Anfang zwanzig. Erwartungsvoll sah sie Jakoba an. Diese schluckte ihre Erbitterung herunter.

»Ich muss dir danken«, sagte Jakoba mit brüchiger Stimme.

»Ich will Frieden in meinem Haus haben.«

Jakoba hätte beinahe aufgelacht. Anno drangsalierte seine Knechte, tötete Streuner und sperrte seine Schwester in den Hundezwinger – und das nannte Immeke friedlich?

»Immerhin hat mein Gemahl Wachen vor dem Zwinger postiert«, sagte Immeke, als hätte sie Jakobas Gedanken erraten. Unvermittelt setzte sie hinzu: »Die Heirat wird dir guttun. Er ist ein guter Mann. Eine gute Partie. Reich. Es wird dir gut gehen bei ihm.«

Gut – Immeke wiederholte das Wort so oft, als sei es eine Beschwörung. Jakoba glaubte ihr trotzdem nicht. Aber wenn sie nicht noch einmal ihr Leben aufs Spiel setzen wollte, musste sie sich wohl oder übel in ihr Schicksal fügen. Mit einer schroffen Bewegung wischte sie die Tränen ab. »Wer ist er?«, fragte sie gefasst.

»Gevehard Reppenstede. Feinstes Lüneburger Patriziat. Stellvertreter des herzoglichen Vogts und bald Ratsmitglied, davon ist Anno überzeugt.«

»Ein Bürgerlicher?«, fragte Jakoba verdattert. Ihr Bruder war doch sonst immer so auf ihren Stand bedacht! »Warum sollte Anno in diese Ehe einwilligen? Das verstehe ich nicht«, sagte sie und bemühte sich um einen neutralen Ton.

Immeke kratzte sich unter ihrem Gebende. »Das habe ich auch erst nicht begriffen. Aber Meister Gevehard hat sich bereit erklärt, Geld für den Ausbau des Familiensitzes und der Ländereien zur Verfügung zu stellen. Außerdem will der Lüneburger Rat Ritter zur Stadtverteidigung anwerben. Das wäre für Anno eine schöne Aufgabe. Er ist ein ausgezeichneter Stratege«, plapperte Immeke. Dann kniff sie die Lippen zusammen, als hätte sie schon zu viel gesagt.

»Wie kann Meister Reppenstede Vertreter des herzoglichen Vogts sein? Ist das nicht immer einer der Burgmannen?«

Immeke war überfragt. »Jedes Amt ist käuflich, sagt Anno.«

»Woher kennen sie sich?«

»Du weißt ja, Anno muss regelmäßig zum Herzog auf den Kalkberg. Und wenn er schon mal in Lüneburg ist, bleibt er auch gerne ein paar Tage in der Stadt. Um Geschäfte zu erledigen, einzukaufen. Da haben sie sich kennengelernt.«

»Aber was hat Meister Reppenstede von der Heirat? Er darf weder unseren Titel noch unser Wappen tragen.«

»Aber du. Anno sagt, Reppenstede würden sich durch die Nähe zum alten Adel neue Möglichkeiten eröffnen. Je mehr dein Zukünftiger sich von den anderen Bürgern absetzt und umso bessere Verbindungen er hat, desto eher kann er höhere Posten erringen und in den Stadtadel aufsteigen. Außerdem möchte er einige unserer Ländereien nutzen, pachten oder so.«

»Ist er es, dem Anno unser Holz verkauft und unseren Wald verpfändet hat?« Für die Lüneburger war Holz ein gefragtes Gut, nicht nur zum Hausbau, sondern vor allem zum Betrieb der Salzpfannen in der Saline sowie zum Herstellen der Salzfässer.

»Kann gut sein«, sagte Immeke und zupfte ihren Kettenanhänger aus dem Spalt zwischen ihren Brüsten.

Daher wehte also der Wind. Es ist ein Tauschhandel, und ich bin das Tauschgut, dachte Jakoba ernüchtert. Wie hilflos, wie nutzlos sie sich fühlte! Aber nein, nutzlos war sie nicht …

»Wie geht es dem Verletzten?«, wollte Jakoba wissen.

»Der Streuner fiebert. Seine Wunden sind rot und geschwollen. Er wird wohl sterben.«

Jakoba stemmte sich hoch. Die Bisswunde in ihrer Wade schmerzte derart, dass sie kaum auftreten konnte. »Lass mir bitte ein Kleid bringen. Ich will ihn sehen.«

»Ich glaube kaum, dass mein Gatte das …«

»Wenn Anno will, dass ich seinen Heiratsplänen zustimme, wird er mir schon etwas entgegenkommen müssen.« Entschlossen humpelte Jakoba los.

Im Stall trietzten Immekes Söhne den Streuner mit langen Stöcken. Der Jüngling zuckte bei jeder Berührung zusammen.

Heiße Wut überfiel Jakoba. »Ihr Teufelsbraten – lasst ihr ihn wohl in Ruhe!«, fuhr sie ihre Neffen an. Kurz schreckten die Brüder auf, aber dann grinsten sie frech. Erst als sie ihre Mutter erblickten, machten sie sich davon.

Immeke schüttelte über Jakobas Erregung den Kopf. »Die Kleinen haben doch gar nichts getan!«

»Sie haben einen Verletzten gepiesackt!«

Ihre Schwägerin schwenkte den Zeigefinger, als spräche sie zu einem Kind. »Der ihnen vorher das Brot vom Teller gestohlen hat! Du solltest zu deiner Familie halten, nicht zu einem Dieb!«

Jakoba kniete sich neben den Jungen. Dunkle Locken klebten auf seiner rot glühenden Haut.

Tönnies kam heran. Er warf seiner Herrin einen verlegenen Blick zu, sagte aber: »Hab immer mal nach Paul gesehen. Und für ihn gebetet.«

Der Verband klebte am Blutschorf, und als Jakoba stärker zupfte, stöhnte der Junge auf. »Alles in Ordnung, Paul. Ich will nur den Verband lösen, um die Wunden zu reinigen. Ganz ruhig«, sagte sie sanft. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass ihre Schwägerin kopfschüttelnd den Stall verließ. Nun, ihr sollte es recht sein.

Paul umklammerte Jakobas Hand. »Meine Schuld … alles meine Schuld … Vater!«, stieß er hervor. Tränen rannen von seinen Augenwinkeln die Schläfen hinab.

Jakoba hatte den Kopfverband jetzt gelöst. Was vom Ohr übrig war, war dunkel vom Blut und geschwollen, die Haut darunter war blau. »Ruhig! Gar nichts ist deine Schuld!«

Tönnies stellte einen Eimer Wasser neben sie. Mit dem sauberen Zipfel des Verbands tupfte Jakoba die Blutkrusten an Hals und Kopfhaut ab, bis die schwarzen Punkte der Bissstellen auftauchten.

Pauls Griff war fester, als sie es in seinem Zustand erwartet hätte. Seine Augen wanderten wirr umher, dann hielten sie sich an ihren fest. Er riss den Kopf hoch und öffnete den Mund, aber kein Laut war zu hören. War das ein erstes Zeichen der Hundswut? »Wäre ich nicht … in den See gefallen … aber die Fische … dieser Hunger«, stöhnte Paul schließlich.

Er ist ins Eis eingebrochen, deshalb also die nasse Kleidung, dachte Jakoba.

Immer heftiger strömten Pauls Tränen. »Vater …«

Jakoba streichelte seine Hand, bis er sich beruhigt hatte. »Wollen wir für deinen Vater beten?« Paul nickte. Auch Tönnies kniete sich neben sie.

Das Gebet schien Paul zu beruhigen. »Bist du … ein Engel?«, fragte er Jakoba anschließend im Halbdämmer.

Nun hob Tönnies die Stimme: »Das ist doch die Domina Jakoba, die Schwester des Burgherrn.«

Der Junge zuckte zurück, sein Gesicht war plötzlich verzerrt vor Wut. »Dann hat auch sie … Vater … auf dem Gewissen«, stieß er erregt hervor.

Dachte er, dass Jakoba gemeinsame Sache mit Anno gemacht hatte? »Es war nicht richtig, die Hunde auf euch zu hetzen!«, versicherte Jakoba ihm schnell. »Ich hatte damit nichts zu tun!« Finster starrte er sie an, doch dann übermannte die Erschöpfung ihn erneut. »Hat ihm jemand etwas zu essen gegeben?«, wollte Jakoba von Tönnies wissen.

»Beim Schweinefüttern hab ich was für ihn abgezweigt. Der Herr meint, er verdiene nichts Besseres.«

Jakoba zwang sich trotz ihrer Erbitterung ein Lächeln ab. »Das war sehr mutig von dir.« Sie bat den Knecht, den Verband zu waschen und auszuwringen; ihre Wunden an Händen und Armen schmerzten schon jetzt beinahe unerträglich. Als sie Paul versorgt hatte, konnte sie sich selbst kaum noch auf den Beinen halten. Sie schleppte sich aus dem Stall und sah, wie die Köpfe ihrer Neffen hinter dem Hundezwinger verschwanden. Jakoba stützte sich an der Stallwand ab und straffte sich noch einmal. »Lüder, Leo! Lasst ihn in Ruhe, hört ihr?« Doch sie ahnte, dass ihre Mahnung ins Leere ging.

4

Ende März

Jakobas Finger flatterten, als sie Immeke half, die engen Ärmel des Surkots zu knöpfen. Das Gewand war aus feinstem Samt und besaß tief ausgeschnittene Armlöcher – Teufelsfenster, wie die Nonnen geschimpft hätten. Ihr Bräutigam hatte ihr eigens einen Schneider gesandt, um es anzufertigen, wie er so vieles für die Hochzeit geschickt hatte. Ihren Zukünftigen hingegen hatte Jakoba in den knapp vier Wochen, in denen sie wieder auf der Dahlenburg war, noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Ehevereinbarung hatten Anno und er allein ausgehandelt.

Es fiel Jakoba schwer, es sich einzugestehen, aber sie war in ihrer Eitelkeit getroffen. Meister Reppenstedes Desinteresse verletzte sie sehr. Deutlicher konnte er ihr nicht zeigen, dass ihm nur der Stand etwas bedeutete, mit dem er sich schmücken wollte. Sie war ihm vollkommen gleichgültig. Oder war er so hässlich, dass er deshalb ihr Zusammentreffen scheute? Wie auch immer: Zunehmend verstörte es sie, dass sie nicht wusste, was sie erwartete. Als Jakoba die unziemliche Eile beklagt hatte, mit der die Hochzeitsvorbereitungen betrieben wurden – schließlich waren ihre Eltern erst seit wenigen Wochen tot –, hatte Anno sie barsch zum Schweigen gebracht; offenbar brauchte er das Geld ihres Zukünftigen dringender, als er zugeben wollte.

Er hatte ihr auch untersagt, an das Kloster zu schreiben. Unbedingt wollte sie wissen, wie es Konegundis ging. Aber Anno hatte allen Ernstes behauptet, er hätte kein Pergament im Haus und könne keinen Boten erübrigen.

Beim Zuknöpfen der engen Ärmel wanderte ihr Blick aus den offenen Fensterläden. Noch immer goss es ohne Unterlass. Dabei beteten sie alle inständig dafür, dass die Zeit der Plagen und des Darbens ein Ende nahm. Es gab keine Stunde, in der sie sich nicht an das Klosterleben erinnerte. Immer wieder stimmte sie innerlich Gebete und Gesänge an. Was für eine Ironie, dass sie nun tatsächlich eine Brautkrone tragen würde – wenn auch eine ganz und gar weltliche.

Sie konnte nicht fassen, dass es schon beinahe einen Monat her war, seit sie aus dem Kloster entführt worden war. Wie schnell die Zeit vergangen war! Erst einmal war sie wieder zu Kräften gekommen. Ihre Wunden hatte sie versorgt, und sie war erleichtert gewesen, dass sich keine entzündet hatte. Auch Paul hatte sie gepflegt, und sie hatte darauf bestanden, dass er gut behandelt wurde. Es war nicht leicht gewesen, ihn zum Reden zu bringen, aber im Laufe der Zeit hatte sie mehr über seine Herkunft erfahren: Paul und sein Vater waren aus dem fernen Krakau westwärts geflohen, getrieben von Hunger, Seuchen und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Er war älter, als sie gedacht hatte, schon sechzehn, aber der Hunger hatte ihn klein gehalten. Nun stand der Halbwüchsige allein da, von Trauer und Hass gemartert, und Jakoba bemühte sich, den Verlust, den ihr Bruder verursacht hatte, ein wenig wiedergutzumachen. Sie konnte jedoch nicht verhindern, dass sich ihre Neffen damit vergnügten, Paul mit den Zwingerhunden zu erschrecken. Verständlicherweise konnte er den Anblick der Tiere nicht ertragen.

Und sonst? Jakoba hatte am Grab ihrer Eltern gebetet, das sich neben der Burgkapelle befand. Sie hatte sich im Haushalt nützlich gemacht und sich mit ihren Nichten beschäftigt. Eher widerwillig hatte sie Decken umsäumt, die sie mit in ihr neues Zuhause nehmen sollte. Seit dem entsetzlichen Tag, an dem ihr erster Ehemann und ihr Sohn in den Flammen umgekommen waren, besaß sie keinen Hausrat mehr. Arm wie eine Bettlerin würde sie in einen neuen Hausstand eintreten.

Paul kam ins Turmzimmer gehumpelt. Ein schwacher Geruch nach Mist umgab ihn. Sein Blick war matt, die Lippen hatte er fest zusammengepresst, und sogar seine Locken hingen schlaff herunter. Rot und geschwollen leuchteten die Narben auf seinem Körper. Sein verstümmeltes Ohr würde ihn für immer zeichnen. Vor allem aber behinderte ihn die Beinwunde.

»Hier sind die Bänder, die Ihr gewünscht habt, Herrin«, sagte er und hielt Immeke den glänzenden Stoff hin. Die ganze Zeit hatte Immeke schon geklagt, dass es unmöglich sei, aus Jakobas kurzen Haaren eine anständige Frisur zu formen.

»Na, endlich! Das hat ja gedauert. Was müffelt denn hier so? Hast dich wieder bei den Pferden herumgetrieben, was?«, schalt Immeke den Jungen.

»Der Herr wollte, dass ich helfe, die Pferde der Gäste zu versorgen.«

»Ach ja?«

»Und als ich sagte, dass ich Bänder für Euch holen soll, hat er mir eine Backpfeife verpasst«, sagte Paul und mied Jakobas Blick; seinem natürlichen Stolz lief es zuwider, sich schikanieren zu lassen, das hatte sie längst gemerkt.

Immeke hatte kein Mitleid mit ihm. »Da trifft es ja keinen Falschen! Und nun ab in den Stall mit dir – nicht trödeln!«

Jakobas Finger hatten sich bei dem Wortwechsel in ihr Kleid gekrallt. Unauffällig strich sie die Falten wieder glatt. Sie verabscheute Annos Verhalten mehr denn je.

Der Wind trug das Wiehern von Pferden, Flötenklänge und Rufe zu ihr. Verführerisch roch es nach dem Ochsen, der sich schon seit dem Morgengrauen über dem Feuer drehte. Nach einem kargen Fastenbrechen am Ostersonntag schienen sich alle besonders auf das Festmahl zu freuen. Das Gerücht über eine Hochzeit, der Warenverkehr sowie der Duft von Spießbraten und anderen Köstlichkeiten, für die ihr Bräutigam gesorgt hatte, hatten unzählige Bettler angelockt, die von eigens angeheuerten Bewaffneten in Schach gehalten werden mussten. Allein das Festmahl musste ein Vermögen gekostet haben. Hoffentlich durfte sie später Almosen verteilen, um die Not der Armen ein wenig zu lindern.

Jakoba dachte an ihre erste Hochzeit zurück. Damals hatte ihr Vater sie in aller Stille vermählt, aus Sorge, jemand könnte erkennen, dass sie schon guter Hoffnung war. Obgleich die Wiederheirat einer Witwe eigentlich gar nicht gefeiert werden durfte, war es heute eine aufwendige Hochzeit, der etliche Verwandte und sogar Angehörige des Lüneburger Rates beiwohnen würden. Anno und ihr Bräutigam waren sich offenbar einig gewesen, dass es gerade zu Notzeiten beeindrucken würde, wenn man an nichts sparte.

Gerade als Immeke mit der Haartracht zufrieden war und den Seidenschleier darauf befestigte, trat Anno ein. Ungeniert ließ er seine Augen über Jakobas Körper wandern.

»So gefällst du mir besser, Süsken«, befand er. Als »Schwesterchen« hatte er sie seit Jahren nicht bezeichnet. »Ich habe deinem Zukünftigen nicht zu viel versprochen.« Er hielt ihr seinen Arm hin, damit sie sich bei ihm einhängte. »Die Gäste warten.«

Im Rittersaal stürzten die Eindrücke auf Jakoba ein. Essensschwaden und betäubende Duftwässer, laute Musik und wild durcheinandergehende Gespräche, aufdringliche Blicke und Ablehnung. Kein Freund in Sicht, kein Verbündeter. Alle ihre Freundinnen waren längst in der Ferne verheiratet. Unwillen und bange Erwartung machten ihren Schritt zögerlich. Dabei luden die reich gedeckten Tafeln zum Schmausen ein. Kerzenleuchter brachten die Edelsteine und Goldfäden auf der Kleidung der Festgesellschaft zum Funkeln. Sie sah silbernes Geschirr und filigranes Waldglas. Die Gäste bildeten ein Spalier, durch das Anno sie zur Hauskapelle führte. Patrizier in schlichten Wämsern und Beinlingen standen auf der einen Seite, die Adeligen in kräftigen Farben und außergewöhnlichen Schnitten auf der anderen. Besonders auffällig war, wie stets, Immekes Bruder Dietrich. Seine Schecke war beschämend kurz, aber wappengeschmückt, die Beinlinge trug er eng, ein Pfauenhut saß schräg auf seinem Schopf. Neben ihm standen seine drei Söhne, die kostbaren Schappel der Jünglinge glänzten im Kerzenschein. Gespannte Erwartung lag in der Luft. Auch Jakobas Herz schlug bis zum Hals.

Jetzt verlangsamte sie ihren Schritt. Vor der Burgkapelle wartete, in dunklen Samt und Zobelpelz gehüllt, ihr Zukünftiger. Er war ein Mann wie ein Berg, so einschüchternd massig, dass sie voller Furcht ans Brautbett dachte. Dazu war er alt; er hatte die vierzig längst überschritten. In seinem Gesicht schien alles zu groß zu sein: Die wässrigen Augen wurden von den markanten Brauen dominiert, die Stirn war hoch, Nase und Lippen fleischig. Unwillkürlich fragte sie sich, welches der vier Temperamente bei ihm überwog – Schwester Walburga hätte es vermutlich sofort gewusst. Sein Blick huschte über die Hochzeitsgesellschaft. Jakoba starrte zu Boden. Am liebsten wäre sie davongelaufen.

Sie traten in die Familienkapelle ein, die so klein war, dass nur die wichtigsten Verwandten darin Platz fanden. Eigentlich war es nicht üblich, dass zweite Ehen eingesegnet wurden, aber für Meister Reppenstede wurde dank einer üppigen Spende eine Ausnahme gemacht, hatte ihr Bruder zufrieden berichtet. Jakobas Gedanken rasten. Sie konnte nur hoffen, dass das Äußere ihres Zukünftigen täuschte.

Unvermittelt stieß der Priester sie an. Blut schoss ihr in den Kopf. Gedankenverloren hatte sie einen Teil der Trauzeremonie verpasst! Jakoba kannte jedoch den wichtigsten Satz, den sie zu sagen hatte: »Was mein Bruder will, das soll mein Wille sein.« Dünn erklang ihre Stimme in der Kapelle.

Der Priester streifte ihnen die Ringe über und legte ihre Hände ineinander. »Also gebe ich euch zusammen, Gevehard und Jakoba, in den Stand der heiligen Ehe, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.«

Als die Gebete und Gesänge vorbei waren, hakte sie sich zaghaft bei ihrem Angetrauten ein. Sie gingen der Festgesellschaft voraus in den Saal. Schon stimmte Anno den Vorgesang zu einem Reigen an und nahm Immeke an die Hand, um den Tanz anzuführen. Gemessen bewegten sie sich durch den Saal. Jakoba fiel auf, dass beide in neue Gewänder gehüllt waren; hatte der Schneider auch ihnen einen Besuch abgestattet? Gevehard reihte sich mit ihr ein. Er schien den Schreittanz kaum zu kennen, wusste nicht, wann er mit den Füßen über den Boden schleifen und wann er in die Höhe springen musste. Die spöttischen Mienen der Adeligen waren nicht zu übersehen. Als andere Patrizier ebenfalls mittanzen wollten, gab es Rangeleien mit den Rittern, die der Ansicht waren, dass dieser Tanz einzig dem Adel gebührte. Anno, der Streitigkeiten vermeiden wollte, rief zum Essen, und die Streithähne trennten sich. Jakoba wurde zum Tisch geführt.

Zum ersten Mal richtete Gevehard das Wort an sie. »Es erschien mir wie eine Fügung, dass du das Kloster verlassen wolltest, um erneut in den Stand der Ehe zu treten. So wird unsere Verbindung von Anfang an unter dem Schutz des Herrn stehen«, sagte er und mied dabei weiterhin Jakobas Blick. Sie hätte ihn für einen schüchternen Junggesellen halten können, hätte sie nicht gewusst, dass auch er bereits verheiratet gewesen war.

Dass sie das Kloster verlassen wollte? Da war er über den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse aber nicht im Bilde! Kein Thema für den Augenblick, beschloss Jakoba. »So Gott will«, sagte sie leise.

»Segne das Mahl für uns«, bat Gevehard sie.

Als die Speisen aufgetragen waren, sprach Jakoba das Gebet. Die Gäste langten sogleich zu, und Jakoba hatte den Verdacht, dass viele nur gekommen waren, um endlich mal wieder eine ordentliche Mahlzeit zu sich zu nehmen. Auch Gevehard aß und trank reichlich. Zu Annos Freude beschwor ein Spielmann zum Lautenklang die bedeutende Vergangenheit der Familie und besang vor allem die Jerusalemfahrt mit Herzog Heinrich. Dann wurde wieder ein Reigen getanzt, aber ihr Ehemann machte keine Anstalten mehr aufzustehen, also musste auch Jakoba sitzen bleiben.

Ständig erhob Anno das Glas, das ihr Vorfahr aus dem Orient mitgebracht hatte, und stieß mit ihrem Ehemann an. Schnell waren die ersten Weinhumpen geleert. Die Gäste lachten und scherzten laut, rangelten über Tisch und Bänke. Ihr Bruder war betrunken. Ungeniert küsste und liebkoste Anno seine Frau. Er tanzte sogar mit seinen kleinen Töchtern, was Jakoba beinahe rührend fand. Die Familie kam für ihn tatsächlich an erster Stelle, und sosehr sie seinen Charakter ablehnte, musste sie das doch anerkennen.

Immer wieder unterbrach der Spielmann nun seine Gesangsdarbietung durch schlüpfrige Geschichten und Rätsel, die sehr zur Erheiterung der Gäste beitrugen.

»Etwas Seltsames hängt dem Mann zwischen den Beinen unter seiner Kleidung«, kündigte er gerade wieder ein Ratespiel an. Sofort grölten die Ersten etwas dazwischen. Grinsend lud der Spielmann sie zu weiteren Vorschlägen ein und untermalte seine weiteren Worte mit Gesten. »Es ist vorn gespalten, ist steif und hart, hat einen guten, festen Platz, wenn der Mann die Kleidung aufmacht. Es wünscht, das bekannte Loch zu besuchen, das es, wenn es hineinpasst, schon oft vorher gefüllt hat.«

Die Gäste überschlugen sich mit deftigen Ausdrücken für das männliche Geschlecht. »Wollen wir die Braut fragen, die damit bald Bekanntschaft machen wird?« Jakoba war knallrot geworden. »Ihr wisst es nicht?« Der Spielmann neigte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

»Sag es uns auch! Sag es!«, riefen nun alle.

Jakoba kannte derartige Spielchen von den Festivitäten ihres Vaters und wusste, dass es am besten war, sie schnell hinter sich zu bringen. »Der Schlüssel ist es«, verkündete sie.

Auflachen mischte sich in enttäuschtes Stöhnen. Der Spielmann stimmte ein neues Lied an. Jakoba sah, wie Wulf sich zu ihrer Nichte Ute beugte und ihr etwas zuflüsterte. Das Mädchen wurde mohnrot; unwillkürlich grauste es Jakoba.

Anno schwankte lachend heran und ließ sich neben sie fallen. »Ich bin froh, dass du dich besonnen hast«, sagte er mit schwerer Zunge. »Glaube mir, Süsken, es hat mir gar nicht gefallen, dich zu strafen. Aber die Ehre und das Fortkommen der Familie gehen mir nun mal über alles. Wir dürfen nie vergessen, auf was für eine ruhmreiche Geschichte wir zurückblicken. Alles, was wir tun, tun wir für unsere Familie. Auch deine Kinder werden eines Tages davon profitieren.« Er zwinkerte ihrem Ehemann zu. »Eure Kinder.«

Gevehard reagierte nicht, denn seine Aufmerksamkeit war auf seinen Schwippschwager Dietrich gerichtet, der lauthals über seine Ländereien prahlte. Jakoba wollte Anno gerade antworten, als sie Gevehards Stimme vernahm: »In der Tat, ein schönes Stück Land besitzt du da, Dietrich. Wenn ich du wäre …«, sprach er den Ritter an.

Dietrich hieb so heftig mit der Faust auf den Tisch, dass die Becher hochflogen. »Haben wir schon mal zusammen Schweine gehütet, oder was duzt er mich?«, fragte er entrüstet.

Jakoba zuckte bei der Beleidigung zusammen. Sie spürte, wie ihr Mann neben ihr erstarrte. Dietrichs Söhne lachten, und auch andere Gäste stimmten ein.

Gevehard öffnete den Mund, um auf diese Frechheit zu reagieren, als Anno sagte: »Da Meister Reppenstede nun ja zur Familie gehört …«

Rüde unterbrach Dietrich auch ihn. »Mit deiner Schwester hat er nicht gerade den feinsten Zweig der Familie erwischt. Daraus Rechte abzuleiten …«

Gleichzeitig sprangen nun Anno und Gevehard auf. Jakobas frischgebackener Mann wollte wutentbrannt auf Dietrich losgehen, doch ihr Bruder packte ihn. Es fiel ihm sichtlich schwer, Gevehard zurückzuhalten. »Es ist mein Haus, ich regle das«, zischte Anno. Scharf wandte er sich an Dietrich: »Willst du riskieren, dass ich dich fordere?«

Dietrich grinste weinselig. »Fordere mich ruhig – mit dir zu kämpfen ist mir stets ein Vergnügen. Ich überlasse dir die Wahl der Waffen, schließlich bist du ja der Gastgeber.«

Schon rief Anno nach seinem Schwert. Er schwankte um die Tafel herum. Die Hochzeitsgäste waren begeistert – endlich war etwas Handfestes los! Eilig fegte eine Magd die Knochen und sonstigen Abfall zusammen, den die Gäste auf den Boden geschmissen hatten.

Gevehard wollte Anno aufhalten. »Ich kann selbst für meine Ehre eintreten.«

Anno winkte ab. »In dem Stande bist du nun wahrlich nicht, Schwager.«

Jakoba sah, dass Gevehards Hände sich zusammenkrampften – ihm war die neuerliche Beleidigung also auch nicht entgangen. Dietrich und Anno waren jedoch in gleichem Maße betrunken. Immer wieder taumelten sie, rissen mit ihren Schwertern Krüge und Teller vom Tisch und schrammten mit den Eisen über den Boden. Dietrich war der bessere Kämpfer, aber er rutschte auf einem Fleck aus, den der glitschige Abfall hinterlassen hatte, und so gelang es ihrem Bruder, ihn zu entwaffnen. Immerhin hatten die Zuschauer etwas zu lachen. Auch Dietrich wirkte, als wäre alle Wut durch den Kampf verpufft. Gleich darauf lagen die Männer sich in den Armen und leerten einen weiteren Humpen. Die Musiker spielten wieder auf, alle lachten und scherzten, als wäre nichts gewesen.

Nur Gevehard starrte in seinen Kelch. War es nicht ihre vornehmste Aufgabe als Ehefrau, ihren Gatten aufzuheitern? Höfisch ist, was anderen gefällt. Sei immer heiter, immer froh, hatte ihre Mutter ihr eingebläut.

»Dietrich hat sich mit seinem losen Mundwerk und seinem Stolz schon viele Feinde gemacht. Einmal …«, begann Jakoba und wollte eine Anekdote erzählen, aber Gevehard fiel ihr ins Wort: »Misch dich nie mehr in meine Angelegenheiten. Ich kann mich selbst verteidigen, dafür brauche ich kein Weib«, sagte er harsch.

Brüskiert schwieg Jakoba. Schon vorhin hatte sie gefürchtet, dass es ein Fehler gewesen war einzugreifen. Aber dass Gevehard es ihr derart übelnahm … hoffentlich war er nicht nachtragend.

»Wo sind eigentlich deine Großeltern, die so ausgezeichnete Verbindungen zum Herzoghaus haben sollen?«, wollte er unvermittelt wissen.

»Mein Großvater ist Anfang des Jahres erkrankt. Herr Elmbert und Domina Cyeke reisen nicht mehr gern.«

»Du wirst sie zu uns einladen. Ich werde ihnen den Kobelwagen schicken, dann reisen sie bequem«, sagte Gevehard, als wäre es eine beschlossene Sache. Er wandte sich ab und begann, wieder etwas leutseliger, ein Gespräch mit den Männern auf seiner anderen Seite. Jakoba versuchte, seine offenkundige Gleichgültigkeit unbewegt hinzunehmen, und lauschte ihrer Tischnachbarin Immeke, die gerade die Ritterlichkeit ihres Gatten lobte. Jakoba hatte sich kaum je so unwohl gefühlt wie heute, bei ihrer eigenen Hochzeit.

Schließlich kam die Stunde, die Jakoba von Anfang an gefürchtet hatte. Unter Führung von Anno und Immeke wurden sie in das Gemach geführt, das für das Brautpaar hergerichtet worden war. Musik und zotige Sprüche begleiteten sie.

»Erstürme ihre kleine Burg mit deinem Speer!«, rief Immeke aufgekratzt.

»Richte deine Lanze auf, und greife an!«, feuerte ein Hochzeitsgast Gevehard an.

Darauf ein empörter Zwischenruf: »Lanze – er ist doch kein Ritter!«

Unbehagliche Stille. »Dann wirf sie nieder, und reite sie mit den Sporen!« Lachen und Schulterklopfen.

»Oder pflüge ihren Acker nach allen Regeln der Kunst!«, rief Anno. »Das werde ich bei meinem Liebchen auch gleich tun!« Immeke lachte kreischend, als ihr Ehemann sich von hinten an sie presste und ihre Brüste knetete.

Gevehard stützte sich weinselig grinsend auf Anno, als dieser die Tür öffnete. Kurz hoffte Jakoba, dass in dieser Nacht gar nichts geschehen würde – und vielleicht auch in zukünftigen Nächten nicht. Wie es von ihr erwartet wurde, legte sie sich angezogen ins Bett. Nun sollte ihr Mann sich zu ihr gesellen. Symbolisch sollte die Decke über sie geschlagen werden, bevor die Hochzeitsgäste sich zurückzogen.

Was tatsächlich geschah, war ein Schock für sie. Noch während die anderen um sie herumstanden, schob ihr Mann ihren Rock hoch, nestelte an seinen Beinlingen und nahm sie umstandslos.

Nun jubelte niemand mehr. Jedem war bewusst, dass dieses Verhalten die gesellschaftlichen Regeln verletzte. Jakoba wusste nicht, wohin vor Scham, Ekel und Schmerz.

Niemals würde sie ihrem Mann diese Untat vergeben.

5

Langsam ließ Jakoba den Dupsing durch ihre Finger gleiten. In die silbernen Kettenglieder des Gürtels waren Gevehards Initialen hineingestanzt, die Schnalle war mit Edelsteinen besetzt. Ihre Morgengabe war ein kostbares Stück; dennoch hätte sie mit Freuden darauf verzichtet. Nachdem Gevehard über ihr erzittert war und sie danach allein im Brautbett zurückgelassen hatte, um sich wieder den Feiernden anzuschließen, hatte sie den Gürtel, ein perlengeschmücktes rotes Kleid und einen neuen Pelzumhang am Fußende ihres Bettes vorgefunden. Sie hatte ihre Morgengabe angeekelt von sich geworfen und haltlos geweint – wie eine Dirne hatte sie sich gefühlt. Erst als sie Stunden später seine schweren Schritte gehört hatte, hatte sie hastig die Geschenke wieder auf den Bettrand gelegt. Sie wollte nicht noch einmal seinen Unmut erregen. Gevehard war zu ihr aufs Bett gefallen und sogleich laut schnarchend eingeschlafen. Jakoba hatte in die Dunkelheit gestarrt und überlegt, wie weit sie wohl käme, wenn sie jetzt fliehen würde.

Doch sie hatte den Gedanken schnell wieder verworfen. Wohin sollte sie gehen? Ins Kloster konnte sie nicht zurück. Ob ihre Großeltern Verständnis für sie haben würden, war fraglich. Nein, es gab keinen Ausweg: Jakoba war an diesen Mann gebunden und würde mit ihm auskommen müssen.

Vielleicht wäre es nur halb so schlimm gewesen, hätte sie nicht gewusst, dass es auch anders ging. Hätte sie nicht gewusst, dass man den fleischlichen Umgang durchaus genießen konnte. Tidemann, der Leibarzt ihres Vaters, war ein zärtlicher Geliebter gewesen. Ausdauernd hatte der gebildete Mann sie umworben. Wie sie sich über seine kleinen Geschenke – ein feines Band, eine Blüte – gefreut hatte! Über die beiläufigen Berührungen im Vorbeigehen in der Kirche. Die verstohlenen Treffen hinter der Burgkapelle. Und schließlich ihre Stelldichein im Sommer, unter den langen Zweigen einer Weide. Das Erschauern ihres Körpers, das Beben und Sehnen – jung war sie gewesen und unschuldig, in jeglicher Hinsicht. Deshalb hatte sie auch nicht begriffen, dass er, kaum dass er errungen hatte, was er wollte, das Interesse an ihr verloren hatte. Vergeblich hatte sie auf ihn gewartet, ihm vergebens Zeichen hinterlassen. Seine Leidenschaft war die Jagd gewesen, nicht die Treue und schon gar nicht die Ehe.

Sie war am Boden zerstört gewesen. Hatte gebetet, dass ihr Beisammensein ohne Folgen geblieben war – und war enttäuscht worden. Voller Scham hatte sie ihrem Vater den Fehltritt beichten müssen. Wie zornig war ihr Vater gewesen! Halbtot hatte er den Medicus geschlagen und ihn dann eingesperrt, aber irgendwie hatte Tidemann fliehen können.

Ihre Zwangsehe war eine Qual gewesen – würde diese Ehe es ebenfalls sein? Hoffentlich war Gevehards gestriges Verhalten einzig dem Wein zuzuschreiben. Am Morgen hatte er sie, schweigend und ohne sie eines Blickes zu würdigen, allein gelassen. Ihre Mitgifttruhe – leer, bis auf die Decke und das alte Kleid – war bereits in den Kobelwagen gebracht worden.

Jakoba legte den Gürtel an, kniete sich hin und betete inbrünstig um ein gnädiges Schicksal. Danach schloss sie den Umhang mit einer filigranen Fürspan vor der Brust – auch daran hatte Gevehard nicht gespart – und sah sich ein letztes Mal in ihrer Kammer um. Was auch geschähe, hierher würde sie nie wieder zurückkehren. Sie würde sich nicht noch einmal von ihrem Bruder erniedrigen und zu etwas zwingen lassen, das schwor sie sich. Erhobenen Hauptes schritt sie durch die Tür.

In der Vorburg warteten Gevehard, Anno und die Patrizier bereits auf ihren Pferden. Das Schlachtross ihres Bruders wirkte trotz der bestickten Schabracke wie eine Schindmähre neben dem Pferd ihres Mannes, offenbar ein edles Tier im besten Alter. Immeke saß in dem tonnenartigen Reisewagen, Wulf hielt das Packpferd. Der Spielmann würde sie ebenfalls begleiten.

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