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Die Eiswolf-Saga. Brudermord (Teil 1)

Für Gabriele

ANNO 949 – SVEAPROLOG

ANNO 956 – SIGRUN

ANNO 956 – BRANDOLFS KAMPF

ANNO 956 – FAOLÁNS ANKUNFT

ANNO 956 – DROGOS ANKUNFT

ANNO 956 – FREUNDSCHAFTEN

ANNO 957 – INGELINHEIM

ANNO 957 – SVEAS ENTSCHEIDUNG

ANNO 962 – ZERWÜRFNISSE

ANNO 962 – NEUSTATT

ANNO 962 – NEUE GEDANKEN

ANNO 963 – NACH DEM WINTER

ANNO 963 – DER SÜNDENFALL

ANNO 949 – SVEA

PROLOG

Die Sonne brannte unbarmherzig auf die spröde, rissige Erde der Lichtung und keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Alveradis wusste allerdings, dass dies nicht eines der gefürchteten Dürrejahre werden würde, welches die gesamte Ernte zunichte machen könnte. Obwohl der letzte ausgiebige Regen bereits einige Wochen zurücklag, wiesen die Blätter der angrenzenden Bäume noch immer ein sattes Grün auf. Sie vermochten diese Trockenheit zu überdauern, doch nicht alle Pflanzen konnten diese Hitze in gleichem Maße überstehen. Aus diesem Grunde lockerte Alveradis die Erde ihrer Kräuterbeete mit einem angespitzten Stab auf und bewässerte sie. Etwas außer Atem strich sie eine graue, lockige Strähne aus dem Gesicht und stützte sich auf den Stab. Obwohl sie schon viele Winter gesehen hatte, fühlte sie sich noch immer jung und kraftvoll. Mit einer schützenden Hand über den Augen blinzelte Alveradis in den strahlend blauen Mittagshimmel. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, denn sie konnte den herannahenden Regen bereits fühlen. Sie spürte es stets, wenn Niederschlag im Anzug war, selbst wenn sich noch keine Wolken am Himmel zeigten. Lange würde es jetzt nicht mehr dauern.

Alveradis’ Mutter hatte früh erkannt, dass ihre Tochter, ebenso wie sie, das Gesicht besaß. Eine Gabe, Dinge zu sehen, die einst waren, sind und vielleicht eines Tages sein werden. Unter der Führung ihrer Mutter hatte Alveradis schon als Kind begonnen, mit dieser besonderen Fähigkeit zu leben, statt sich davor zu fürchten, das sehen zu können, was den meisten Menschen auf immer verborgen bleiben sollte.

Furcht war einer der Gründe, warum Alveradis lieber allein im Wald lebte. Nicht ihre eigene, sondern die der anderen. Denn wer das Gesicht besaß, wurde oft gefürchtet und konnte allzu schnell das Misstrauen und den Hass der anderen auf sich ziehen. Ihre Mutter hatte früh den Kontakt zu anderen Menschen gemieden, wurde jedoch von ihnen aufgesucht, wenn sie ihre Hilfe benötigten. Ja, obwohl man sie argwöhnisch betrachtete, war Alveradis weithin als weise Frau bekannt, und wenn der Klerus bei Krankheiten keinen Rat wusste, so wandten sich die Menschen an sie.

Mit geschlossenen Augen holte Alveradis tief Luft und genoss die heißen Son-nenstrahlen. Sie mochte den Duft des Waldes, doch im Herbst liebte sie ihn ganz besonders. Dann vermischte sich eine Vielzahl von Gerüchen, die es nur zu dieser Jahreszeit gab, auf ganz eigene Weise. Tod und Vergänglichkeit lagen darin, doch das störte Alveradis nicht. Sterblichkeit gehörte für sie ebenso zum ewigen Kreislauf des Lebens wie die Geburt eines jeden Wesens, sei es Mensch, Tier oder Pflanze.

Mit dem Sommerduft in der Nase, aber dem Geruch des Herbstes in Erinnerung, ließ sie sich auf ihrem Lieblingsplatz nieder: einem alten Baumstamm, der vor langer Zeit entwurzelt worden war. Äste und Rinde waren längst verschwunden. Das einst braune Holz des Stammes hatte eine felsengleiche, graue Farbe angenommen und nur noch die dicksten Wurzelansätze ragten bizarr in alle Richtungen. Der Stamm lag im Schatten der Bäume und bot ein willkommenes, kühles Plätzchen.

Alveradis genoss die Ruhe und ihr Blick schweifte über die Lichtung. Neben dem kleinen Kräutergarten befand sich ihre windschiefe Hütte. Sie stand schon lange hier und zwei große Eiben in ihrer Nähe hatten bereits begonnen, sie mit ihren Ästen zu vereinnahmen.

Die Hütte bot gerade ausreichend Platz, um eine Schlafstätte, eine Feuerstelle und einen winzigen Tisch mit einer kleinen Bank zu beherbergen. Entlang der Wände befanden sich einige grob gezimmerte Regale. Allerlei Behältnisse und Kleinutensilien mit Heilmitteln standen dort neben Symbolen der alten Gottheiten in scheinbarer Unordnung.

Ihr Blick zog weiter über die kleine Wiese hinweg, bis zu den drei großen, flachen Felsen aus dunklem Gestein. Sie waren alt und gewaltig. Sie mochten Alveradis nahezu um das Zweifache überragen, stünden sie noch aufrecht an ihrem Platz. Doch sie lagen eigenartig auf dem Erdboden, als seien sie vor langer Zeit gestürzt worden. Seltsamerweise waren sie weder von Moos noch von Buschwerk überwu-chert, sondern lagen frei wie eben erst in das Gras gebettet. Alveradis fragte sich oft, ob sie einst von Menschen- oder Götterhand an diese Stätte gebracht worden waren.

Wind und Regen hatten die Felsen mit der Zeit gratlos blank geschliffen, dass sie in der Mittagssonne glänzten. Vermutlich standen sie einst gerade nebeneinander und mochten in früheren Tagen einmal Teil eines Steinkreises der alten Götter gewesen sein.

Alveradis konnte die Energie spüren, die von dem Gestein ausging. Eine Kraft, die sie als so überwältigend empfand, dass sie es nie wagte, sie auch nur mit den Händen zu berühren. Sie respektierte ihre Existenz und die Kraft dieser Felsen und fühlte sich in ihrer Gegenwart sogar wohl, hielt jedoch stets einen gebührenden Abstand zu ihnen.

Alveradis lehnte sich zurück, schloss die Augen und ließ sich von dem sanften Rauschen der Blätter treiben. Plötzlich brach ein kleiner Junge mit lautem Rascheln durch das Blattwerk des Unterholzes und trat am gegenüberliegenden Ende auf die Lichtung. Unsicher, ob er hier wohl richtig war, zögerte er kurz. Es schien, als habe er nicht erwartet hier auf eine Behausung zu stoßen, obwohl sie doch sein Ziel war. Erst als er Alveradis erblickte, erhellte sich sein Gesicht, und er machte ein paar vorsichtige Schritte auf sie zu.

„Alva“, rief er zaghaft ihren Namen, wofür der kleine Brun all seinen Mut aufbringen musste. Angespannt stand er da und wusste nicht, ob er einen weiteren Schritt auf sie zu wagen sollte.

„Komm ruhig näher“, sprach Alveradis mit freundlicher Stimme und streckte ihm eine Hand entgegen. „Ich beiße nicht!“ Ihr Lächeln überzeugte den Knaben schließlich und er lief mit seinen nackten Füßen zu ihr.

„Alva“, wiederholte er, diesmal mit deutlich festerer Stimme. „Ja, mein junger Brun, was führt dich hierher?“

„Vater sagt, es ist soweit.“

Ein strahlendes Lächeln überzog das Gesicht des Knaben. Er war sichtlich erleichtert, seinen Auftrag ohne Fehl ausgeführt zu haben. Mit großen, erwartungsvollen Augen starrte er Alveradis an.

„Und was sagt deine Mutter?“

Die Frage überraschte Brun. Er hatte sich eine klare Anweisung erhofft und sein Lächeln verschwand wieder. Verstört richtete er seinen Blick zu Boden und überlegte. Alveradis wartete geduldig auf eine Antwort und kurz darauf hob der Junge erneut seinen Kopf und schaute sie mit traurigen Augen an. Seine Stimme war belegt, als er sprach.

„Mutter sagt gar nichts mehr.“

Alveradis nahm die kleinen Hände in die ihren und zog ihn besorgt näher. „Wie geht es ihr?“

„Sie stöhnt viel und hält sich den Bauch. Vater meint, das Feuer brenne in ihr.“ „Gut“, kommentierte Alveradis. Es war zwar ganz und gar nicht gut, was sie soeben gehört hatte, doch sie wollte den Jungen jetzt nicht noch weiter verängstigen, indem sie ihre Sorge aussprach.

„Lauf jetzt rasch zurück und berichte, dass ich mich sogleich auf den Weg machen werde.“

Statt kehrtzumachen, blieb Brun einfach stehen. In seinen Augen zeigte sich plötzlich eine ungekannte Furcht und er blickte schnell wieder zu Boden. Seine Füße begannen unruhig hin und her zu scharren, als fühle er sich in die Enge getrieben.

„Du musst mit mir kommen!“, murmelte er schließlich. „Wenn ich ohne dich nach Hause komme, setzt es wieder was.“

Alveradis verstand nur zu gut, was Brun damit meinte. Ulf, das Oberhaupt der Familie, griff bei Ungehorsam zu Gewalt. Seine drei Söhne kannten das zur Genüge. Sie konnten seine Launen gut einschätzen und wussten sich notfalls von ihm fernzuhalten. Doch beim Überbringen einer schlechten Nachricht dürfte das schwierig werden.

Anders stand es diesbezüglich um Freya, Ulfs schwangere Frau. Sie musste seine Übellaunigkeit stets erdulden, ohne dagegen etwas ausrichten zu können. Einfach aus dem Haus zu laufen wie ihre drei Sprösslinge, bis sich das Gemüt ihres Gemahls wieder abgekühlt hatte, das durfte sie als sein Eheweib nicht. Sie hatte im Haus zu bleiben, ganz gleich wie ihr Gatte gelaunt war. Immerhin schlug Ulf sie nicht mehr, seit sie das Kind in sich trug. Dazu war er viel zu gottesfürchtig und das Schlagen einer Frau mit der Frucht im Leibe war eine Sünde. Aber das hieß noch lange nicht, dass er Freya in den kommenden Stunden eine Hilfe sein würde, schon gar nicht, wenn Ulf übel gelaunt war.

Um Brun die Angst zu nehmen, die ihm noch immer im Gesicht stand, drückte Alveradis sachte seine Hände. „Warte hier auf mich, ich muss nur rasch noch einige Sachen zusammenpacken, bevor wir losgehen.“

Der Knabe nickte erleichtert, und das Lächeln kehrte auf seine Lippen zurück. Alveradis erhob sich und verschwand in ihrer Hütte. Einige Augenblicke später trat sie mit einem prall gefüllten Lederbeutel und einem langen Wanderstab wieder auf die Lichtung. „Komm“, rief sie dem Jungen zu, „lass uns eilen!“

Zu zweit bahnten sie sich ihren Weg durch den Wald, bis sie nach einer Weile eine alte Straße kreuzten, die auf direktem Wege ins Dorf führte. Alveradis schritt nun weiter aus und Brun hatte Mühe mitzuhalten. Doch er beschwerte sich nicht, denn er begriff, dass sie jetzt nicht trödeln durften.

Sie folgten der Straße und schon bald tauchten die grauen, strohbedeckten Dächer der Siedlung in der Ferne auf, sanft in die hügelige Landschaft eingebettet. Ulfs kleiner Hof lag in der Nähe des einzigen Tores, direkt hinter dem Palisadenwall, und das war Alveradis ganz recht. So musste sie nicht auch noch das ganze Dorf durchqueren und sich den neugierigen Blicken aussetzen, die sie ernten würde. Die Dorfbewohner nahmen Alveradis’ heilende Fähigkeiten bei Bedarf zwar in Anspruch, gerne gesehen war sie deshalb in guten Tagen aber noch lange nicht. Schließlich war sie weithin als wilde Frau bekannt, die allein an einem gottlosen Ort lebte, den kein guter Christ jemals freiwillig betreten würde.

Vor der schäbigen Tür eines maroden Hauses angekommen, klopfte Alveradis mit ihrem Stab an und verkündete laut ihren Namen. Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern öffnete die Tür und betrat einen engen, stickigen Raum, der im Winter sowohl Mensch als auch Tier beherbergte.

In der Mitte befand sich eine Feuerstelle mit kalter Asche. Die Sonnenstrahlen, die durch den offenen Rauchabzug im First des Daches eindrangen, erhellten das Dunkel des Raumes ein wenig. Staubkörner tanzten wirbelnd in dem schwachen Licht zum Dach empor.

Neben einem einfachen Tisch mit zwei Holzbänken befand sich das mit altem, schmutzigem Stroh aufgefüllte Lager, auf dem sich die schwangere Freya befand. Sie lag mit geschlossenen Augen, tief atmend und mit beiden Händen ihren prallen, runden Bauch haltend, als befürchte sie, er könnte jeden Augenblick bersten. Ihr Haar war schweißnass und das einfache Leinenkleid klebte an ihrem Körper.

Alveradis näherte sich dem Lager und ignorierte Ulf, der aufgebracht von der Bank gesprungen war. Die Kräuterkundige legte Tasche und Stab beiseite, kniete auf den gestampften Erdboden neben dem Lager nieder und betrachtete Freya mit prüfenden Augen. Mit Schrecken erkannte sie den Zustand der Frau. Ihr vorwurfsvoller Blick traf den Bauern, doch der reagierte nicht. Ulf stand nur mit halboffenem Mund da und glotzte wie eines seiner wenigen tumben Schafe.

„Freya“, flüsterte Alveradis leise. Keine Reaktion. Nur das gleichmäßige, tiefe Atmen. „Freya! Ich bin es, Alveradis.“

Die Schwangere öffnete ihre glasigen Augen und versuchte mit Mühe, sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Schließlich erkannte sie die Besucherin. Erleichterung zeigte sich auf ihrem erschöpften Gesicht und ihre Worte kamen geflüstert über die spröden Lippen. „Alveradis! Dem Herrn sei gedankt, du bist gekommen. Das Kind ist früh dran.“

„Ich weiß, Freya. Doch nicht zu früh. Es wird mit Sicherheit gesund und kräftig sein.“

Die Worte wirkten beruhigend und während Alveradis Freya beim Trinken aus einer Schale half, wies sie Ulf an, Wasser abzukochen, ein paar Gefäße bereitzustellen und frisches Stroh für das Lager zu bringen. Sie würdigte ihn dabei nicht eines Blickes und Ulf gab keinen Laut von sich. Entweder war er verblüfft, wie diese Frau mit ihm umsprang, oder froh darüber, in dieser Situation klare Anweisungen zu erhalten. Alveradis war nur wichtig, dass er gehorchte, und er tat es wortlos.

Die Heilerin beobachtete Freya während ihrer unregelmäßigen Wehen genau und Ulf kam seinen Aufgaben nach. Wasser wurde in einem verbeulten Kessel über einem frisch entfachten Feuer erhitzt und in Becher und Schalen gegossen. Anschließend verließ der Bauer fluchtartig das Haus, als befürchtete er, noch weiter in das Geschehen mit einbezogen zu werden.

Alveradis ließ ihn ziehen. In einige Schalen streute sie ausgewählte Kräuter, um verschiedenes Gebräu herzustellen. Der aufsteigende Wasserdampf wandelte die trockene Hitze des Tages in eine unerträgliche, bleierne Schwüle. Der starke Duft der Kräuter hingegen befreite den Geist und schärfte sämtliche Sinne.

Freyas Zustand blieb unverändert. Die Wehen kehrten nach wie vor in unregel-mäßigen Abständen wieder und trugen nicht dazu bei, die Geburt voranzutreiben. Alveradis tastete den Bauch sanft ab.

„Was spürst du?“, fragte sie Freya.

„Etwas stimmt nicht“, antwortete sie mit zitternder Stimme. Alveradis nickte kurz und schloss die Augen, um sich ganz auf das Kind zu konzentrieren. Erneut tastete sie den Bauch ab.

Sie fühlte, wie das Ungeborene ihren forschenden Händen auszuweichen versuchte, doch es hatte nicht mehr viel Platz.

Brun, der seit Ulfs Verschwinden stumm in einer Ecke gesessen hatte, hielt in der nahezu unerträglichen Stille des stickigen Raumes den Atem an. Erst als Alveradis wieder den Kopf hob, hörte man ihn leise nach Luft schnappen. Die Blicke der beiden Frauen fanden sich.

„Es liegt falsch!“

Freya nickte stumm. Sie hatte es befürchtet. Angst zeichnete sich in ihren Augen ab, doch Alveradis sanfte Worte und Lächeln beruhigten sie wieder. „Nicht so falsch, dass wir es nicht ausrichten könnten! Wir müssen dem Kind helfen, eine bessere Lage zu finden.“

Die Gesichtszüge der Bäuerin entspannten sich mit einem Seufzen. Freya wusste nach sieben Niederkünften genau, was es bedeutete, wenn ein Kind nicht richtig im Mutterleib lag. Sie hatte bereits drei Kinder durch Tot- oder Fehlgeburten verloren, ein viertes Kind war während eines harten Winters gestorben.

Bisher hatte Freya ausnahmslos Knaben zur Welt gebracht. Ulf war mächtig stolz darauf, auch wenn er zu den Geburten nicht das Geringste beigetragen hatte. Diesmal hoffte Freya auf ein Mädchen, doch diesen Wunsch hegte sie schon seit Jahren. Wahrscheinlich würde es wieder ein Junge werden. Im ganzen Dorf rechnete man schon damit, war es doch bekannt, dass Ulf nur Knaben in seinem Haus duldete. Ein Mädchen wäre ihm ein Dorn im Auge und bedeutete nur, ein weiteres Maul zu stopfen.

„Brun, lauf und hole deinen Vater!“ Der Junge sprang sofort auf und lief aus dem Haus. Alveradis widmete sich wieder der Schwangeren. „Hier, trinke von diesem Gebräu. Es wird dir bei den nächsten Wehen helfen.“

Freya folgte der Kräuterfrau ebenso willig wie ihr jüngster Sprössling. Sie leerte die Schale mit dem würzigen Trank in einem Zug. Kurz darauf betrat Ulf zögerlich das Haus. Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut und blieb an der Tür stehen. Alveradis verlor keine Zeit. „Ulf, komm her und hilf mir. Wir müssen das Kind drehen!“

Ulf regte sich keinen Fingerbreit. Alveradis ging davon aus, dass er ihre Worte verstanden hatte, doch auf seinem Gesicht zeigte sich erneut dieser schafsähnliche Ausdruck. Statt wie gefordert herzukommen, schüttelte Ulf nur zögernd den Kopf. In diesem Augenblick begriff Alveradis, dass der kräftige Mann Angst vor der Geburt hatte. Es verwunderte sie nicht, denn eine Geburt war etwas, was nur die wenigsten Männer begriffen und mit dem die meisten von ihnen auch nichts zu tun haben wollten. Jetzt allerdings benötigte sie eine starke Hand. Sie hatte weder die Zeit noch verspürte sie die Lust dazu, mit Ulf darüber zu diskutieren und so traf Alveradis eine Entscheidung.

„Dann schicke mir Georg, deinen Ältesten. Aber beeil dich!“

Erleichtert von dieser Aufgabe entbunden zu sein, stolperte Ulf aus der Tür. Kurz darauf betrat ein muskulöser, groß gewachsener Jüngling in staubiger Kleidung das Haus.

Schnell eilte Georg an das Lager seiner Mutter, kniete neben ihr nieder und streichelte voll Zuneigung die heißen Wangen. Alveradis gönnte ihnen einen kurzen Augenblick, unterbrach sie dann aber und sprach mit ruhigem Ton auf Georg ein.

„Wir müssen dem Kind helfen und es im Bauch drehen.“

Die Kräuterfrau erklärte Georg ihr Vorhaben. Seine Augenbrauen zogen sich dabei angestrengt zusammen, doch Alveradis war davon überzeugt, dass er ihre Anweisung begriff. Zur Bestätigung nickte er mit dem Kopf und raffte sich sofort auf. Georg war schon immer wortkarg gewesen und Worte waren jetzt auch nicht gefragt.

Bevor sich die nächste Wehe anbahnte, brachten sich die beiden in Position. Alveradis gab ein kurzes Zeichen, als sich Freyas Atem beschleunigte und ihr Bauch sich verhärtete. Georg tat, was die Heilerin von ihm erwartete, und sie begannen zu zweit, das Becken der Schwangeren zu heben und hin und her zu bewegen. Mit zunehmender Intensität der Wehe verstärkten sie auch das Schaukeln, bis sie schließlich den Unterleib regelrecht durchschüttelten. Erst als Freya sich entspannte, ließen beide Helfer wieder von ihr ab.

Diese Prozedur wiederholten sie mehrere Male, danach erhob sich Alveradis erschöpft und dankte Georg, dem vor Anstrengung ebenfalls der Schweiß auf der Stirn stand. Seine Hilfe wurde im Augenblick nicht mehr benötigt und Alveradis stellte ihm frei, zu bleiben oder zu gehen. Georg versprach seiner Mutter, so schnell wie möglich zurückzukehren und ging hinaus, um sein Tagewerk zu beenden. Brun hatte alles stumm und angespannt beobachtet. Abwechselnd blickte er seine Mutter und Alveradis an.

„Keine Sorge, mein Junge. Mit den nächsten Wehen wird sich das Kind seinen Weg neu bahnen“, erklärte Alveradis.

Kurz darauf kündigte sich schon die nächste Wehe an. Zu dritt ließen sie einige mit geduldigem Schweigen verstreichen. Danach tastete Alveradis erneut gründlich den Bauch ab. Schließlich nahm sie ihre Hände wieder zu sich und lächelte. „Sehr gut, jetzt liegt es richtig.“

Erleichtert entspannte sich Freya auf dem Strohlager. Von nun an nahm alles einen geregelten Verlauf. Die Abstände der Wehen wurden gleichmäßiger. Um das Ungeborene machte sich Alveradis inzwischen kaum noch Sorgen. Was sie unter der Bauchdecke ertastet hatte, schien ein kräftiges und gesundes Kind zu sein. Vielmehr bereitete ihr Freyas Zustand Kummer. Fieber glühte heiß in ihr und die lange Zeit der Wehen hatte die Schwangere sichtlich geschwächt. Die eigentliche Geburt und die damit verbundenen Phasen voll schmerzhafter Wehen würden ihr noch einiges an Kraft abverlangen.

Alveradis bezweifelte, ob Freya diese am Ende noch würde aufbringen können.

Zur Stärkung wollte die Kräuterfrau ihr ein süßliches Gebräu einflößen, doch selbst das strengte Freya derart an, dass sie nur wenig zu sich nehmen konnte. So verstrich die Zeit, unterbrochen von den regelmäßigen Wehen und dem rhythmisch wechselnden Atem der Gebärenden.

Am frühen Abend kündigte ein fernes, dumpfes Grollen den lang ersehnten Redie langsam nahende, gen an. Die offene Haustür gewährte einen Blick auf die langsam nahende, schwarze Wolkenfront, die den westlichen Horizont bereits verdunkelte. Die tief stehende Sonne verschwand allmählich dahinter, und der späte Tag wurde merklich düste-rer. Eines der kostbaren Talglichter wurde entzündet, um Alveradis etwas mehr Licht zu spenden. Wind erwachte zum Leben und blies frische Luft in das schäbige Haus, deren Kühlung alle Anwesenden dankbar annahmen.

Plötzlich verkrampfte sich Freya stärker als jemals zuvor. Die Wehen des Über-gangs, auf die Alveradis schon lange wartete, setzten endlich ein.

In diesem Augenblick betraten Georg und Thorben, der zweitälteste Sohn, das Haus. Sie spürten die Anspannung, setzten sich stumm neben ihren jüngsten Bruder auf die Bank und beobachteten mit sorgenvollen Blicken die Anstrengungen ihrer Mutter.

Eine Kontraktion jagte die nächste in so kurzen Abständen, dass sich Freya in den Pausen kaum erholen konnte. Ihre Hände umklammerten die Unterarme der Heilerin, ihre Fingernägel bohrten sich tief in die Haut. Alveradis’ Gesichtsausdruck verriet nicht, ob sie es überhaupt wahrnahm. Sie konzentrierte sich ganz auf Freya. Alles verlief gut, und wie erwartet, folgte bald darauf die erste Anstrengung des Pressens.

Bei jeder neuen Verkrampfung des Bauches hielt Freya den Atem an und versuchte mit aller Kraft, das Kind aus dem Leib zu drücken. Schweiß rann ihr über Gesicht und Hals, und Alveradis war überrascht, welche Kräfte die Gebärende noch aufbrachte.

„Ich kann den Kopf schon sehen“, rief Alveradis plötzlich aufmunternd. Freya hörte es nicht. Sie war erschöpft und hatte kaum noch Kraft, die Augen offen zu halten, geschweige die nächste Wehe zu meistern. Alveradis versuchte, sie zu ermutigen. „Nur noch wenige Male, dann hast du es geschafft.“

„Ich kann nicht mehr“, hauchte Freya nahezu tonlos.

„Doch, du kannst. Du musst! Es ist fast da.“

„Keine Kraft, keine Kraft!“ Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern. Alveradis reagierte sofort.

„Brun, lege Holz nach! Thorben, sorge für ein paar möglichst saubere Leintücher und warmes Wasser.“ Beide Jungen sprangen sofort auf und erledigten, was von ihnen verlangte wurde.

Kaum hatte Alveradis Freya ein wenig Wasser eingeflößt, kam bereits die nächste Wehe. Doch die verlief anders als die vorherigen, denn Freya presste nicht mehr. Sie hatte alle Reserven aufgebraucht. Alveradis rief laut nach Ulf, der sich irgendwo vor dem Haus herumtrieb. Als er trotz wiederholten Rufens nicht erschien, erhob sich Georg und bot seine Hilfe an.

Auf Anweisung der Heilerin kniete er sich hinter seine Mutter und stützte sie in einer aufrechteren Haltung. Während Alveradis ihm tief in die Augen blickte, legte sie die Hände des Jünglings vorsichtig auf den prallen Bauch. „Bei den nächsten Wehen musst du von oben her immer wieder fest über den Bauch streichen und das Kind dadurch voranschieben. Wenn sie enden, nimmst du deine Hände wieder weg. Drücke nicht zu fest und nicht zu schnell, doch mit Bestimmtheit und Gefühl, etwa so.“ Alveradis übte einen sanften, aber deutlichen Druck auf Georgs Unterarme aus. „Traust du dir das zu?“

„Ich … ich denke schon.“

Kaum hatte Georg die Worte ausgesprochen, da brach auch schon die nächste Wehe über Freya herein. Sie stöhnte nur noch leise, apathisch und kraftlos. „Der Kopf ist frei“, verkündete Alveradis mit leisem Flüstern, als die Wehe abklang, und das Strahlen in ihren Augen gab Georg Mut und Zuversicht.

„Brun, lass die Flammen jetzt richtig auflodern, damit es hier drinnen schön heiß wird. Das Kind wird sonst frieren, wenn es auf die Welt kommt, selbst bei dieser Sommerhitze. Der Wind ist tückisch und pfeift durch die Ritzen.“

Der Junge lief sofort los und holte Holz, in Sorge um das Neugeborene. Da erhellte ein gleißender Blitz für einen Augenblick das Innere des Hauses, tauchte es in grelles Weiß und belebte es mit dämonischen Schatten, die den Anwesenden vor Schreck den Atem raubten. Ein gewaltiger, schmetternder Donnerschlag folgte. Das Gewitter war direkt über dem Dorf und der Sturm brach mit aller Macht los. Der Wind jagte in das kleine Haus und ließ die Tür auf- und zuschlagen, drückte die Flammen nieder, als wollte er sie zunichte machen. Doch Brun hatte rechtzeitig Scheite nachgelegt und die Flammen waren kräftig genug, um gegen die Böen zu bestehen.

Niemand kümmerte sich um die offene Tür, denn die nächste Wehe kündigte sich an. Alveradis nahm den Kopf des Kindes sanft in ihre Hände und zog ganz sachte, während Georg drückte und schob. Das leise Stöhnen Freyas und der tobende Sturm begleiteten ihre Mühen. Die Tür schlug in einem merkwürdigen Rhythmus immer wieder auf und zu. Die Welt schien zusammenzuschrumpfen; es existierten nur noch die drei schweißgebadeten Menschen auf dem kleinen Strohlager.

Donner und Türschlag, begleitet von Blitz und Feuer.

Eine Schulter hatte sich bereits ihren Weg in die Welt gebahnt, als die Wehe verebbte und beide Helfer ablassen mussten. Die Flammen des Feuers loderten wild. Draußen hämmerten schwere Regentropfen laut gegen Dach und Wände; auf dem staubtrockenen Erdboden bildeten sich in kürzester Zeit Pfützen. Die Bäume krümmten sich unter der Last des Sturmes. Trotz des tosenden Unwetters und des prasselnden Feuers herrschte eine verschworene Stille unter den Dreien auf dem Lager.

Die nächste Wehe brach los. Alveradis zog erneut an dem kleinen Kopf des Kindes, stärker, als sie es vorgehabt hatte. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Das Kind musste jetzt kommen. Freya lag bewusstlos da. Georg verspürte die gleiche Dringlichkeit wie Alveradis. Sein Drücken wurde stärker als es ihm die Heilerin gezeigt hatte und die schweißnassen Hände drohten auf dem nackten, prallen Bauch abzurutschen. Die Wehe ließ bereits nach und zu Alveradis Schrecken war die zweite Schulter des Kindes noch immer nicht zu sehen.

„Weiter!“, rief Alveradis. „Noch ein Stückchen. Die Schulter ist beinahe frei.“

Kaum hatte sie es ausgesprochen, kam bereits die nächste Wehe. Sie schoben und zogen und plötzlich löste sich die zweite Schulter mit einem kleinen Ruck, dass Alveradis beinahe hinten über fiel. Sofort griff sie nach dem kleinen Oberkörper des Kindes und nutzte die abklingende Wehe, um noch einmal kräftig zu ziehen. Wie auf ein Signal hin erlangte Freya plötzlich wieder das Bewusstsein und begann noch einmal mit allen Kräften zu pressen.

Mit einem Schrei der Erleichterung aus Freyas Munde kam das Kind frei und glitt auf das bereitliegende Leintuch. Schnell wickelte Alveradis es darin ein, um den nassen Körper gegen den Wind zu schützen.

Georg ließ seine Mutter sachte auf das Stroh sinken, stand auf und schloss die Tür. Das Brüllen des Sturmes war ausgesperrt und der enge Raum wandelte sich in einen Ort der Stille. Die Flammen beruhigten sich und züngelten friedlich an den Holzscheiten.

Alveradis hielt das eingehüllte Kind auf dem Arm, nahm ein angefeuchtetes Tuch und säuberte den kleinen Kopf mit dem zierlichen Gesicht und dem roten Haar. Da öffneten sich die kleinen Augen und in diesem Augenblick schien die Welt den Atem anzuhalten. Der Sturm war fern, das Feuer glimmte nur noch. Es war nichts zu hören. Weder Sorgen noch Nöte, einzig das kleine, unschuldige Kind zählte. Alle Blicke waren auf das Neugeborene gerichtet. Die jungen, strahlend blauen Augen schauten sich neugierig um, als wollten sie die Welt mit den ersten Blicken verstehen. Kein Laut erklang aus dem kleinen Mund.

Während Alveradis wartete, dass das Pulsieren der Nabelschnur nachließ, legte sie das Kind auf den Bauch der erschöpften Mutter. Tränen der Freude und der Erleichterung liefen über Freyas Wangen. Sie war noch zu schwach, um das Kind mit all ihrer Wärme zu empfangen, und so half ihr Alveradis. Der Kontakt mit der Mutter gefiel dem Kind und es suchte instinktiv nach der Brust.

Nach einer Weile überließ Alveradis das Halten des Säuglings Georg, schaute sich um und sah Ulf an der Tür stehen. Der unerbittliche Regen hatte ihn in das Haus zurückgetrieben. Er hielt es offensichtlich nicht für nötig, das Neugeborene in Augenschein zu nehmen, geschweige in den Armen zu halten.

Ruhig kam Alveradis auf den Bauern zu. Ulf vermied es, ihr in die Augen zu blicken und starrte nur auf sein Weib. Der Kräuterkundigen warf er lediglich ein kurzes, aber forderndes „Und?“ an den Kopf.

„Deiner Frau geht es nicht gut!“ Als keine Reaktion von Ulf kam, fuhr Alveradis verärgert fort. „Das Fieber brennt heiß in ihr, als ginge sie durch die Gluten der Hölle. Du musst sie jetzt gut pflegen. Sie ist schwach und benötigt deine Hilfe.“

Ulfs Gesichtszüge verrieten nicht, wie er darüber dachte. „Was ist mit dem Kind?“

Alveradis wurde wütend. Freya hatte soeben unter schwierigsten Umständen sein Kind zur Welt gebracht und ihn interessierte es offensichtlich nicht im Geringsten, wie es um sie stand.

„Was soll schon damit sein?“, erwiderte Alveradis gereizt.

„Was ist es?“

„Was es ist?“, wiederholte die Heilerin, obwohl sie genau wusste, was Ulf eigentlich hören wollte. Doch so ohne Weiteres wollte sie ihm die Antwort nicht geben. „Es ist ein Menschenkind, mit Armen, Beinen und einem Kopf. Es hat Augen und Mund, Nase und Ohren. Der Heiligen Schrift nach ist es die Krönung der Schöp-fung und …“ Alveradis hielt kurz inne und beugte sich Ulf entgegen, um ihm mit einem zufriedenen Lächeln zuzuflüstern. „… es ist ein Mädchen!“

Ulf war entsetzt, seine Augen weiteten sich. Enttäuschung und Zorn waren ihm unverhohlen anzusehen. Mit verbitterter Miene wandte er sich langsam ab und ging mit gesenktem Haupt hinaus in den peitschenden Regen. Wahrscheinlich würde er jetzt die Dorfschenke aufsuchen, um sein Leid zu beklagen und die Enttäuschung zu ertränken. Vielleicht würde er Mitleid bei anderen Männern finden.

‚Welch bedauernswerte Geschöpfe sie doch manchmal sein konnten, diese Män-ner’, dachte Alveradis, als sie kopfschüttelnd dem davonstapfenden Ulf nachschaute.

Sie schloss die Tür und ging zu Georg, um leise mit ihm zu sprechen. „Du musst dich jetzt um deine Mutter kümmern. Das Fieber wütet in ihr und verzehrt sie. Ich weiß, sie ist stark, sonst hätte sie die Geburt nicht überstanden. Doch im Augenblick ist sie sehr geschwächt. Ich werde sie nicht allein lassen, doch in der nächsten Zeit musst du ihr ebenfalls zur Hand gehen.“

Anders als sein Vater war Georg um Freya sehr besorgt und Alveradis wusste, dass er sie nicht im Stich lassen würde, trotz der vielen Arbeit auf Hof und Feld vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang.

Georg stellte nur eine knappe Frage: „Wie steht es um sie?“

„Ich weiß es nicht“, gestand Alveradis. „Das Fieber bereitet mir Sorge. Es raubt Freya die letzten Kräfte. Ich muss die Nachgeburt abwarten, bevor ich mehr sagen kann.“

Ihr Blick schweifte kurz zu Freya, an deren Seite die beiden jüngeren Söhne knieten. Sie kümmerten sich um die Mutter und um ihre neue Schwester. Mit gedämpfter Stimme sprach Alveradis weiter. „Ich möchte keine falsche Hoffnung wecken und spreche offen zu dir. Es kann sich zwar alles zum Guten wenden, doch es könnte auch sein, dass sie es nicht überlebt. Wenn sich die Nachgeburt nicht richtig löst und deine Mutter zu viel Blut verliert, dann kann auch ich nichts ausrichten.“

In Georgs Augen zeigte sich Schrecken. Schnell packte Alveradis ihn am Oberarm, zog ihn näher zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Behalte es für dich. Weihe deine Brüder noch nicht ein, auch wenn es Freya sichtlich schlechter gehen sollte. Sie hängen noch zu sehr an ihrer Mutter. Ich werde euch zur Seite stehen, soweit es mir möglich ist. Wir werden unser Bestes versuchen, um es zum Guten zu wenden. Doch manches liegt nicht in unserer Hand und wird von höheren Mächten entschieden.“

Die Kräuterfrau blickte Georg noch einmal tief in die Augen und sah darin Verwirrung, Angst und Hoffnung zugleich. Er war ein starker, junger Mann und er würde alles unternehmen, um seine Mutter zu retten. Alveradis gab sich einen befreienden Ruck, dankte Georg noch einmal für seine Hilfe und begab sich wieder an das Lager. Ihre Arbeit war noch nicht getan. Die Nabelschnur pulsierte noch, wenn auch schwach. Zu Alveradis Schrecken war das Stroh um Freyas Unterleib jetzt blutiger als unmittelbar nach der Geburt. Das war kein gutes Zeichen!

Sie wollte gerade etwas dagegen unternehmen, da bemerkte sie, wie sie von dem winzigen, rothaarigen Menschenkind genau betrachtet wurde. Alveradis spürte, wie das Kind in diesem Moment einen Platz in ihrem Herz beanspruchte. Zärtlich strich sie dem Kind über das feuchte Haupt.

„Welchen Namen soll sie bekommen?“, fragte sie die Mutter.

„Sie soll Svea heißen.“

„Svea …“, wiederholte Alveradis und ließ den Namen im Raum klingen. „Ein schöner Name.“ Mit einem Lächeln wandte sich Alveradis an das Kind. „Ja, ein wirklich besonderer Name, Svea! Willkommen in dieser Welt.“

Das Blut sickerte weiter in das Stroh, und Alveradis wusste noch nicht, wie der heutige Tag enden würde.

ANNO 956 – SIGRUN

Die Pferde wurden unruhig, als der plötzlich aufkommende Wind die Blätter des nächtlichen Waldes in Bewegung setzte. Das ein oder andere Tier schnaubte laut und begann, nervös mit den Hufen im weichen Waldboden zu scharren. Ihre Reiter, mehrere Dutzend an der Zahl, konnten sie mit besänftigenden Worten wieder beruhigen. Sie waren in Rüstungen gekleidet und mit Langschwertern, Äxten und Schilden bewaffnet. Für sie galt es jetzt unbedingt, im Verborgenen zu bleiben.

Die vorderen Reihen der Bewaffneten, etwa die Hälfte, standen nahe am Waldesrand. Diese Reiter unterschieden sich in ihrer Erscheinung von den hinteren durch ihre Kleidung und Waffen, die in diesem Landstrich nicht üblich waren. Ein erfahrenes Auge konnte sofort erkennen, dass ihre seltsam bemalten Rundschilde, eigenartig kurzen Schwerter und Wurfäxte der Art des rauen Nordens entsprachen. Es waren die Waffen und Rüstungen der gefürchteten Nordmänner, der gnadenlos raubenden und mordenden Wölfe aus den kalten Landen jenseits der nördlichen Meere, die mit dem Auftauchen ihrer schlanken, schnellen Boote überall Angst und Schrecken verbreiteten.

Hier allerdings saßen sie völlig ruhig zu Pferd, als wären sie zuhause. Ein ungewöhnlicher Anblick, denn ein befahrbarer Fluss war etwa einen Tagesmarsch entfernt und es war bisher nicht überliefert, dass die Eiswölfe, wie sie im Volksmund auch genannt wurden, zu Pferd derart tief in fremdes Gebiet vordrangen, um Beute zu machen.

Umso seltsamer muteten die hinteren Reihen der Bewaffneten an. Selbst ein hiesiger Bauer hätte sie sofort als Landsleute erkannt. Ihre Rüstungen und Waffen entsprachen denen eines jeden Kriegers in der Grafschaft. Verwunderlich war, dass die beiden ungleichen, sonst feindlich gesinnten Gruppen, beinahe regungslos und friedlich miteinander warteten und die nahe, auf einer Felsenkuppe trutzende Burg jenseits des Waldes beobachteten.

Die Nacht war sternenklar. Das Mondlicht tauchte die Wiesen zwischen dem Wald und der Burg in ein fahles Licht. Es schien eine ungünstige Nacht für das Vorhaben zu sein, doch ein fernes Grollen aus dem Westen kündete einen heraufziehenden Sturm an. Erste Wolken verdunkelten bereits den Horizont. Bald würden sie den gesamten Himmel bedecken und das verräterische Licht des Mondes verbergen.

Bisher galt die Burg des Grafen als uneinnehmbar. Die Festung, mit einem starken Tor geschützt und von dicken Mauern umgeben, strahlte Macht und Sicherheit aus, als wolle sie die Wartenden verspotten. Stark prangte sie auf dem Felsen und wurde ihrem Namen gerecht, der landläufig die Greifburg lautete. Wie der Horst eines Raubvogels war auch diese Feste für Angreifer unerreichbar.

Die Anhöhe stieg vom Westen her steil an und bildete im Nordosten ein hoch aufragendes Felsmassiv, das in einem fast senkrechten Abgrund endete und unmöglich zu erklimmen war. Dieser zerklüftete Abschnitt des Felsens bildete einen Teil des Außenwalls der Burg. Die übrigen Mauern der Wehranlage bestanden aus festem, solidem Stein. Die meisten Burgen in den Landen besaßen nicht mehr als einen Palisadenwall mit einem Wehrgang und einem Bergfried zur Verteidigung, doch die Burg des Grafen war anders. Mit mehreren Türmen, überdachten Wehr-gängen, schützenden Zinnen und einem mächtigen Burgtor war die Feste gegen einen direkten Ansturm gut gewappnet und sie würde einem solchen standhalten können, ohne größeren Schaden davonzutragen. Eingeteilt in Vor- und Hauptburg, befanden sich alle wichtigen Gebäude innerhalb der Feste, um als eine eigenständi-ge Siedlung im Falle einer Belagerung bestehen zu können. Das Wichtigste, die Versorgung mit Wasser, wurde durch ein Brunnenhaus mit einer großen Zisterne gesichert. Zudem hatte der einstige Bauherr zahlreiche Vorratsstollen im Fels anlegen lassen, die meist gut gefüllt waren. Die Burgbesatzung mittels einer Belagerung auszuhungern, wäre ein langes Unterfangen.

Den einzigen Zugang zur Burg gewährte ein schmaler, sich links am steilen Hang anschmiegender Pfad. Er war gerade breit genug für einen Karren oder zwei Pferde nebeneinander. Jedem, der die Absicht hatte die Burg zu erstürmen, blieb nur dieser Weg und er war gezwungen, den Schild zum Schutz in die rechte Hand zu nehmen und das Schwert im Futteral zu belassen. Andernfalls wäre er den Bogenschützen der Verteidiger schutzlos ausgeliefert. Sollte trotz aller Wehranlagen das Tor dennoch einmal fallen, so müsste der Feind noch gegen zahlreiche innere Verteidigungsanlagen bestehen, bevor er endlich zum Innenhof der Hauptburg und dem Bergfried gelangen konnte. Mit bloßer Gewalt war die Greifburg nicht einzunehmen. Wer es dennoch wagte, musste mit immensen Verlusten rechnen. „Die Gefallenen wären so zahlreich, dass man auf ihnen wie auf einer Stiege die Mauern mühelos erklimmen könnte“, hatte es einst ein Hauptmann geschildert, als man nach seiner Einschätzung, die Burg zu erstürmen, gefragt hatte.

Die wartenden Männer im Walde waren nicht für eine Belagerung ausgerüstet. Ihr Vorhaben musste schnell vonstatten gehen und ihr Erfolg hing nicht von ihrer Zahl, Überlegenheit und Kampfkraft ab, sondern von ihrer List, Schnelligkeit und Stille. So verharrten sie weiter geduldig, wenn auch angespannt in ihrem Versteck und beobachteten die Burg. Sie hofften auf das Zeichen für den baldigen Angriff.

Die Pferde traten nervös auf der Stelle. Es lag am Geruch der Leichen, die quer auf den Rücken einiger Rösser lagen. Immer wieder blähten sie ihre Nüstern auf, als wollten sie mit einem heftigen Schnauben den abstoßenden Gestank der Verwesung vertreiben.

Ein Blitz erhellte den Himmel kurz und grell.

Einige Pferde scheuten, als der Donner, unerwartet nahe, laut grollend zuschlug. Für einen kurzen Augenblick wurden die Gesichter der Männer erhellt. Manche zuckten ängstlich zusammen und einige Lippen sandten wohl Stoßgebete gen Himmel, dass der gerechte Herr ihnen nicht zürnen möge. Manche unter ihnen hielten sicherlich noch an dem fast vergessenen, heidnischen Glauben fest und riefen alte Gottheiten an. Welche Macht sie auch immer anflehen mochten, sie baten um deren Gunst und Beistand.

Nur das Gesicht eines Mannes war gänzlich unerschrocken. Er blickte ruhig auf die Burg, wirkte dabei entspannt, aber sehr bestimmt. Auf seltsame Weise strahlte dieser Mann sogar Zufriedenheit aus. Er hatte sein Pferd gut im Griff. Im Gegensatz zu vielen seiner Artgenossen regte sich das Tier nicht ein einziges Mal während des Donners. Dies war kein gewöhnliches Pferd, sondern ein gewaltiges, edles Schlachtross. Ein solches Tier war nicht so leicht zu erschrecken, waren ihm doch lärmende Kämpfe, Gewalt, Blut und der Geruch des Todes vertraut. Das Pferd passte aufgrund seiner großen und muskulösen Statur ausgesprochen gut zu seinem Herrn, denn dieser überragte die meisten Männer um nahezu eine Haupteslänge. Er war ein Fels von einem Krieger, groß, spröde und hart.

Auch die Gewandung des Mannes hob sich von jener der übrigen Krieger deutlich ab, war von weitaus feinerer Qualität. Beinkleider, Wams, Schulterschutz und Armschienen bestanden aus bestem Leder. Oberhalb des Kragens schimmerte schwach die eiserne Brünne des unter dem Leder getragenen Kettenhemdes hervor, die den gesamten Hals bis unter das Kinn schützte. In einem fein gearbeiteten Lederfutteral zu seiner Linken befand sich ein Langschwert und ein runder, mit Metall beschlagener Schild hing rechts an seinem Sattel.

Ohne Zweifel oblag diesem Krieger die Befehlsgewalt über die merkwürdige Reiterschar. Das war nicht nur daran erkennbar, dass die Männer einen respektvollen Abstand zu ihm hielten oder weil er feinere Gewandung trug. Nein, seine gesamte Erscheinung war es, die Autorität ausstrahlte.

Plötzlich löste sich einer der Reiter aus dem Dunkel der hinteren Baumreihen, statt wie befohlen an seinem Platz zu warten, und hielt auf den großen Krieger zu. Auch dieser Mann war anders gekleidet. Trotz der sommerlichen Schwüle hüllte er sich in einen schwarzen Mantel, unter dem er weder Waffen noch Rüstung trug. Eine Kapuze verbarg sein Gesicht völlig, doch sein Blick war unverkennbar ebenfalls starr auf die Burg gerichtet. Nach einem kurzen Zögern wandte er sich dem Anführer zu und seine raunende, eindringliche Stimme brach das Schweigen. „Die Männer und die Pferde werden langsam unruhig.“

Der Kommandant reagierte nicht. Unsicher wandte sich der Verhüllte wieder der Burg zu und schwieg für eine Weile. Der Krieger erkannte an den unruhigen Händen die Nervosität des Mannes und so wunderte er sich nicht, dass dieser das befohlene Schweigen bald erneut brach: „Wo bleibt das vereinbarte Zeichen? Es ist längst überfällig! Wer weiß, ob Eure Spießgesellen nicht volltrunken bei einer Dirne liegen, statt ihren Auftrag auszuführen.“

Einzig eine hochgezogene Augenbraue deutete darauf hin, dass der Krieger die Worte vernommen hatte. Trotz des soeben geäußerten Zweifels an seinem Durch-setzungsvermögen und der Loyalität seiner Verbündeten blieb seine Stimme ruhig, als er zum Gegenzug ansetzte. „Ich kann mich auf meine Männer verlassen. Es sind einfache Handgriffe, die ich von ihnen erwarte, und glaubt mir, sie führen diese nicht zum ersten Mal aus. Im Glauben seid Ihr doch stark, nicht wahr?“

Der Seitenhieb saß und die verhüllte Gestalt schwieg für einige Augenblicke, schluckte die Enttäuschung und die eigene Angst herunter. Doch lange konnte sie die Stille nicht bewahren: „Die Männer können sich und ihre Tiere kaum noch zurückhalten. Seht Ihr denn nicht, wie angespannt sie sind? Ein Wiehern oder ein Husten kann uns verraten. Der aufkommende Wind trägt die Geräusche heute Nacht weit und es würde mich nicht wundern, wenn er den Gestank der Leichen bereits bis zur Feste getragen hat.“

„Habt Ihr schon einmal eine Schlacht erlebt? Ward Ihr schon einmal bei der Erstürmung einer Burg dabei? Oder vielleicht bei dem galoppierenden Ritt der Vorhut auf das feindliche Heer zu? Habt Ihr schon einmal das bebende Zittern der Erwartung kurz vor dem Zusammentreffen von Lanze mit Schild, Rüstung und Fleisch gespürt?“

Wäre das verhüllte Gesicht unter der Kapuze zu sehen gewesen, so hätte der Krieger Abscheu erkannt. So war allerdings nur die Stimme zu vernehmen, die nicht viel mehr als eine gezügelte Entrüstung preisgab. „Was denkt Ihr? Natürlich nicht! Schließlich bin ich ein Diener des Herrn und kein Krieger!“

„Dann tut das Eurige, um die Männer zu beruhigen und erteilt die Absolution!“

Der Befehlshaber duldete keine Widerrede. Obwohl der Kleriker kein Getreuer des Kriegers war, fügte er sich dennoch, wenn auch zögerlich. Als er sein Pferd bereits gewendet hatte, hielt er noch einmal inne, um dem Kommandanten erneut die Stirn zu bieten. „Vergesst nicht, ich riskiere viel mit meiner Anwesenheit.“

„Wer in seinem Leben nichts wagt, der wird auch nichts gewinnen. Und gewinnen ist doch genau das, was Ihr am meisten wollt, und zwar noch im Diesseits, nicht wahr? Wenn ich Euch richtig einschätze, so haltet Ihr es nicht ganz so streng mit den Worten, die von den Kanzeln der Kirchen gepredigt werden. Ihr vertraut doch nicht nur auf eine nicht greifbare Belohnung im Jenseits. Oder täusche ich mich?“

Der Priester suchte nach einer passenden Antwort, entschied sich jedoch zu schweigen und bewegte seinen Gaul schließlich zu den wartenden Reitern, um seinen Beitrag zum Gelingen des nächtlichen Vorhabens zu leisten.

Erst jetzt richtete der Kommandant seinen Blick für einen kurzen Moment auf den Kleriker, als wollte er sich vergewissern, nicht weiter durch unnötiges Gerede gestört zu werden. Dann wandte er sich wieder der Burg zu. Gerade noch rechtzeitig, um ein kleines, flackerndes Licht zu bemerken, das in einem der oberen Fenster des Bergfrieds unerwartet aufleuchtete.

Das war ein ganz und gar schlechtes Zeichen, denn es bedeutete, dass entweder der Graf oder dessen Gemahlin erwacht war. Das könnte den Plan des Kriegers vereiteln. Umso mehr war jetzt Schnelligkeit gefragt. Wo blieb nur das verabredete Zeichen?

Er war so nahe daran, endlich das zu erlangen, wonach er sein Leben lang gestrebt hatte. Durch nichts würde er es sich heute Nacht nehmen lassen!

noindent

Sigrun entzündete weitere Kerzen im dunklen Schlafgemach, hoch oben im Bergfried. Sie ging dabei sehr vorsichtig und geschickt vor und ließ keinen einzigen Tropfen des kostbaren Wachses fallen. Auf dem Arm trug sie ihren einzigen Sohn, Rogar, der weinend mitten in der Nacht aufgewacht war. Er hatte sich sofort wieder beruhigt, als er die Wärme und Nähe seiner Mutter spürte. Jetzt schmiegte er sich an sie und beobachtete, wie sie die Lichter entzündete.

Sigrun wusste, dass ihr Junge nach einem solchen Nachtschrecken etwas Helligkeit benötigte, um die Schatten aus den Ecken des Raumes zu vertreiben. Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen wegen der Kerzen, denn sie waren ein teures Gut, das sich nur wenige leisten konnten. Dann aber besann sie sich, dass sie das Licht für ihren kleinen Jungen in Anspruch nahm und für ihn war ihr nichts zu kostbar.

Obwohl Sigrun zierlich von Gestalt war, empfand sie das Gewicht des beinahe siebenjährigen Kindes keineswegs als Last. Im Gegenteil, sie trug den Jungen gerne. Vielleicht lag es daran, dass er für sein Alter recht zart gebaut war. Doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass vielmehr ihre Liebe zu ihm ihr die Kraft gab, ihn mit Freude zu tragen. Vor allem während seiner schweren Krankheit hatte ihr diese Liebe immer wieder die erforderliche Stärke gegeben, ihn über Stunden hinweg tragen zu können.

Trotz der nächtlichen Unruhe durch das Weinen des Kindes und das flackernde Kerzenlicht war Sigruns Gemahl Farold nicht erwacht. Dem leisen Schnarchen nach zu urteilen, schlummerte er noch tief und fest. Als sie ihn so friedlich auf dem Bett liegen sah, erinnerte sie sich an den Tag ihres Kennenlernens, was ein liebevolles Schmunzeln bei ihr hervorrief.

Damals war sie ein unwissendes Mädchen gewesen, dessen Vater einen völlig fremden und viel zu alten Mann als ihren Gemahl auserwählt hatte. Es war eine arrangierte Hochzeit aus politischen Gründen gewesen, deren einziges Ziel es war, Macht zu erlangen und Verbündete zu finden. Liebe spielte dabei keine Rolle.

Sigrun bekam ihren zukünftigen Ehegatten erst wenige Tage vor der Vermäh-lung zum ersten Mal zu Gesicht und war, gelinde ausgedrückt, fassungslos gewesen. Nicht nur wegen seines Anblicks, sondern vor allem wegen seines Alters. Man hatte ihr damals zwar mitgeteilt, dass er bereits nahezu dreißig Jahre zählte und Sigrun hatte daher auch keinen Jüngling erwartet. Als er dann jedoch leibhaftig vor ihr stand, zerbrachen all ihre Vorstellungen in tausend Scherben.

Aufgrund der blumigen Erzählungen ihrer Mutter über die Stattlichkeit des Grafen hatte Sigrun ihn sich immer als einen hoch gewachsenen, edlen und fein gekleideten Herrn vorgestellt, der nur so vor Kraft strotzte. Als einen Mann, der allein schon durch seine Anwesenheit jede Frage von Autorität beantwortete. Als Sigrun schließlich das erste Mal vor Farold stand, konnte sie nicht glauben, dass er der Graf sein sollte. Hätte man ihn ihr nicht mit Namen und Stand vorgestellt, wäre sie an ihm wie an einem getreuen Krieger ihres Vaters vorbeigeschritten, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Weder war er hoch gewachsen, noch trug er besonders feine Kleidung. Im Gegenteil! Seine Gewandung bestand zwar aus gutem, aber auch sehr einfachem Leder. Was seine Größe betraf, so überragte sie ihn sogar um knapp zwei Fingerbreit. Seine Statur war kräftig, wirkte leicht untersetzt und entbehrte jeglicher Eleganz des Mannes ihrer mädchenhaften, naiven Träume.

Ihre Enttäuschung und Ernüchterung hätte sie vielleicht mit einem Wimpernschlag verbergen können. Doch was ihr sichtlich den Atem verschlug, war sein unglaublicher Bart! Es war nicht etwa ein kleiner, gestutzter, zierlicher Bart. Nein, es handelte sich dabei um einen kräftigen, dichten Vollbart aus dunklem, krausem Haar in einem kaum zu erkennenden Gesicht, das sie in Zukunft lieben, ehren und sogar küssen sollte! Diese Behaarung traf sie wie ein Schlag. Ihr zukünftiger Gatte wirkte bedrohlich auf sie und hatte etwas Animalisches an sich, fern jeder Anmut.

Sigrun hatte damals all ihre Willensstärke aufbringen müssen, um nicht einen Schritt zurück zu machen. Ihr kurzes Zögern wurde jedoch von allen Anwesenden bemerkt. Eine betretene Stille erfüllte den zuvor noch so heiter gestimmten Raum. In diesem Moment zeigte sich Farolds exzellente Beobachtungsgabe und sein Feingefühl in schwierigen Situationen, die ihn als Grafen auszeichneten. Und genau diese Eigenschaften waren es auch, die Sigrun als Erstes an ihm kennen und lieben lernte. Mit einer humorigen Bemerkung auf seine Kosten und einem kurzen, herzhaften Lachen kam der Graf auf sie zu und die Spannung im Raum löste sich auf. Dieser herzhafte, von Grund auf ehrliche Humor war das nächste, was Sigrun an Farold lieben lernte. Die eigentliche Liebe kam allerdings erst sehr viel später, lange nachdem sie verheiratet waren.

Zum Zeitpunkt der Trauung war Sigrun noch so unbedarft, dass sie nicht wusste, welches Leben sie an der Seite dieses Mannes erwartete. Geistig abwesend hatte sie ihm in der kleinen Kapelle der Greifburg das Eheversprechen gegeben. Auch ihre jüngeren Schwestern konnten ihr damals keinen Trost spenden, denn wovor sich die junge Braut am meisten fürchtete, war die bevorstehende Nacht mit ihrem Gemahl.

Sigrun war unter den fürsorglichen Augen ihrer Mutter aufgewachsen und unschuldig geblieben, hatte ihre so kostbar gehandelte Jungfräulichkeit für diesen Tag aufbewahrt. Aus Erzählungen und Kommentaren der Bediensteten konnte sich Sigrun immerhin eine vage Vorstellung von dem machen, was sie in dieser ersten Nacht der Ehe erwarten würde. Diese Ahnung ließ sie vor Furcht erstarren.

Das Betten der Frau in der Hochzeitsnacht kam einem Pflichtakt gleich. Der Beweis für den Vollzug der Ehe war das blutige Leintuch des Nachtlagers, das am nächsten Morgen von den Mägden entfernt wurde. Über all das wurde zwar niemals offen gesprochen, doch vom Wechseln der Linnen bis hin zum weit verbreiteten Gerücht würde es nicht einmal bis zum Abend dauern, und alle Anwesenden auf der Burg würden Kenntnis davon besitzen, ob das Tuch befleckt war oder nicht.

Aus Furcht vor dieser Nacht zog Sigrun es in Erwägung, sich ihrem Gemahl zu entziehen. Wenn er sie nicht mit Gewalt gefügig machen würde, könnte sie diese Erfahrung noch einige Zeit von sich fernhalten.

Ein unbeflecktes Bettleinen konnte allerdings zwei mögliche Gerüchte am nächsten Morgen zur Folge haben. Eines davon würde der Wahrheit entsprechen und lauten, dass in der Nacht nichts geschehen war. Es würde den frisch vermähl-ten Grafen allerdings schwach erscheinen lassen, unfähig, sein Recht im Bett einzufordern. Ein fatales Gerücht für Farolds Machtstellung, denn diese Geschichte würde sich auch jenseits der Burgmauern wie ein Lauffeuer ausbreiten. Nicht nur Bauern würden diesen Worten lauschen, sondern auch Vasallen, Gleichgestellte und Mächtigere von höherem Stande.

Das andere mögliche Gerücht hätte Sigruns Unberührtheit in Frage gestellt, sollte sich ihr Gatte trotz fehlenden Blutes auf dem Linnen damit brüsten, seine Gemahlin ganz nach seinem Willen genommen zu haben. In diesem Zwiespalt gefangen verstrich der Tag der Vermählung viel zu schnell. Sigruns Gedanken weilten immer wieder bei der bevorstehenden Nacht und sie war wohl die einzige auf dem Fest, die keine Freude verspürte.

Als schließlich der gefürchtete Augenblick gekommen war, wurde das Paar von zwei Mägden zum Gemach begleitet und dann sich selbst überlassen.

In der Kammer war alles vorbereitet worden, um die Nacht so angenehm wie möglich zu gestalten. Blüten lagen verstreut auf Bett und Boden, ein Krug mit Wasser und eine Schale mit Früchten sorgten für Erfrischung. Eine Vielzahl von flackernden Kerzen versuchte den kalten Mauern ein bisschen Romantik abzutrotzen.

Vermählt und sich doch völlig fremd standen sich beide Eheleute mit respektvollem Abstand wortlos gegenüber. Keiner von ihnen rührte sich. Sigrun hatte sich im Verlauf des Abends vorgenommen, ihrem Gatten keinen Widerstand entgegenzubringen, doch den ersten Schritt wollte sie auch nicht machen.

Nach einer kleinen Ewigkeit des Schweigens zeigte sich langsam ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen des Grafen. Als habe er Sigruns Gedanken erraten, nickte er nur ein einziges Mal. Und dann ging alles ganz schnell.

Mit zwei großen Schritten stand Farold urplötzlich dicht bei ihr. Kräftig ergriff er Sigruns Handgelenke und zog sie zum Bett. Ihr Puls raste und das Blut rauschte in den Ohren. Sie hatte geglaubt, auf alles gefasst zu sein, doch was dann geschah, hatte sie sich selbst in ihren wildesten Vorstellungen nicht ausgemalt.

Farold wies seine junge Gemahlin mit ruhiger Stimme an, sich auf die Mitte des Bettes zu knien, während er seinen Dolch aus dem Futteral zog. Sigruns Augen weiteten sich in grenzenloser Furcht und sie vergaß für einen Moment seiner Aufforderung Folge zu leisten. Mit entblößter Klinge wartete der Graf geduldig, bis sie die Bettmitte eingenommen hatte. Sigrun konnte die flinke, mit sicherer Hand geführte Schneide kaum sehen, als der Graf ihr Kleid an einigen Stellen auftrennte und es ihr vom Leib riss.

Mit Entsetzen haftete Sigruns Blick auf den Fetzen des eigens für die Trauung angefertigten Gewandes, so dass sie den Dolch nur aus den Augenwinkeln wahrnahm. Ein scharfer Schmerz und ihr kurzer Aufschrei erschreckten sie so sehr, dass sie den Atem anhielt. Angsterfüllt sah sie Blut aus einem feinen Schnitt am ihrem linken Oberarm laufen. Ohne ein einziges Wort zu verlieren stand der Graf vom Lager auf und holte den Krug. Er goss ein Rinnsal Wasser über die Wunde, das seinen Weg auf das Leintuch über den Ellenbogen fand. Die Tropfen zerplatzten dort in hellem, zartem Rosa und wurden von den Fasern des Linnens gierig aufgesogen. Sigrun glaubte, die Zeit bliebe stehen, als sie ihren Lebenssaft im Tuch versickern sah.

Wie aus einem Albtraum brachte ihr Gemahl sie wieder zur Besinnung, indem er die Wunde mit einem Tuch sanft abtupfte. Er presste damit so lange auf den Schnitt, bis kein Blut mehr hervortrat. Für diesen Augenblick waren sie sich so nahe, dass Sigrun den Atem ihres Gatten auf ihrer nackten Haut spürte. Sein Blick durchdrang sie bis ins Mark und ein Schauer durchlief ihren Körper. Mit einem Mal begriff sie, was all das zu bedeuten hatte.

Die Nähe der beiden war nur von kurzer Dauer. Der Graf nahm das Tuch von der Wunde, rieb es anschließend über die blutige Stelle auf dem Leintuch und verteilte so das helle Rot zu einem ungleichmäßigen Fleck. Danach erhob er sich vom Bett und setzte sich in einen hohen Stuhl neben einem der kleinen Fenster, mit dem Rücken zu seiner jungen, hübschen Gemahlin.

Sigrun glitt aus ihrer knienden Haltung und starrte Farold ungläubig an. Was er soeben vollbracht hatte, war eine ebenso liebevolle wie einfache Lösung, um aus einer für beide schwierigen Situation zu gelangen. Die junge Gräfin wusste, dass Farold sie heute Nacht zu nichts zwingen würde. Nicht in dieser Nacht und auch nicht in den nächsten. Erst viel später wurde ihr bewusst, dass er mit dieser Tat den Grundstein für das Fundament gelegt hatte, das später einmal die starke Feste ihrer unerschütterlichen Liebe tragen würde.

Ihre Liebe benötigte Zeit und sie entwickelte sich langsam. Je besser sie sich kennen lernten, umso näher kamen sie sich. Als der Tag schließlich gekommen war, an dem sie ihn ebenso begehrte wie er sie, war es weder Nacht noch befanden sie sich in ihrem Schlafgemach. Es war lichter Tag und ihr Lager war ein Felsen im nahe gelegenen Wald. Sigruns Verlangen war so groß, dass der kurze, reißende Schmerz in ihrem Unterleib sehr schnell einem unbekannten, viel angenehmeren Gefühl wich, als er sie mit seiner Männlichkeit ausfüllte. Es war in jeder Beziehung anders, als sie es sich aufgrund der grausigen Erzählungen vorgestellt hatte. Und nachdem sie einmal von dieser süßen Frucht der Leidenschaft gekostet hatte, hatte Farold alle Hände voll zu tun, sie zu sättigen.

Diese schönen Erinnerungen an vergangene Tage zauberten ein Lächeln auf Sigruns Lippen und sie spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Dabei gab es nichts, wofür sie sich hätte schämen müssen, schon gar nicht ob der Liebe zu ihrem Gatten. Aus dieser Liebe war so viel entsprungen.

Rogar war nicht ihr erstes Kind gewesen, doch er war das einzige, das ihnen geblieben war. Sigrun hatte vor ihm bereits zwei Geburten bewältigt, doch beide Kinder, ein Mädchen und ein Junge, wurden nur ein, beziehungsweise drei Jahre alt. Sie starben beide an einer unbekannten Krankheit, gegen die man kein Heilmittel kannte. Weder Mönchsärzte noch sonstige Heiler vermochten die Kinder zu retten. Am Ende blieben nur die Worte der Kleriker, welche die Krankheiten als Prüfung Gottes deuteten und vom Jenseits und Sühne sprachen. Worte, die weder halfen, noch Trost spendeten.

Auch Rogar erkrankte in seinem vierten Lebensjahr so schwer, dass alle Heilkundigen erneut ratlos um sein Krankenlager standen und es als weitere Prüfung Gottes deuteten. Sigrun war verzweifelt und befürchtete, auch ihr drittes Kind zu verlieren. Als dann die Pusteln aufbrachen und eitriger Sud ausfloss, wollte niemand außer ihr und Farold noch an eine Heilung glauben.

Sigrun pflegte den schwachen Rogar unermüdlich weiter, hielt die offenen Pusteln sauber und hoffte, dass ein Wunder geschehen möge.

Es war in einer jener Nächte des endlosen Bangens und Hoffens am Krankenlager des Jungen, als eine merkwürdige Frau die Kammer betrat. Ihre Erscheinung spottete jeder Beschreibung. Sie trug weder die Gewandung einer Magd, noch war sie als Bäuerin zu beschreiben. Ihr Rock war ein einziges Flickwerk. Das lockige Haar war lang und grau. Sigrun glaubte, eine jener wilden Frauen vor sich zu sehen, die allein im Wald hausten.

Noch bevor sie fragen konnte, wie diese Frau Zutritt erhalten hatte, ging die Fremde zielstrebig auf das Krankenlager zu. Aus einem unerklärlichen Grund ließ Sigrun die Alte gewähren, statt sich ihr in den Weg zu stellen.

Der beleibte Geistliche, der für die Notwendigkeit der letzten Ölung Tag und Nacht in der Kammer zugegen war, schreckte beim Aufschlagen der Tür aus dem Schlaf und fiel beinahe von der kleinen Bank. Er versuchte sich aufzurichten, doch sein massiger Körper wollte nicht gehorchen. So kämpfte der Mönch noch um Haltung, während die wilde Frau bereits das Leintuch vom Jungen nahm und ihn genau betrachtete.

Die Fremde stellte ein paar Fragen über den Verlauf der Krankheit. Wann die Pusteln aufgetreten waren, seit wann das Fieber wütete und was man dagegen schon alles unternommen hatte. Im Gegensatz zu den übrigen Heilern zuvor wollte die Frau einfach alles wissen. Sigrun antwortete bereitwillig.

In der Zwischenzeit hatte sich der Mönch erfolgreich von der Bank erhoben und kam schwer schnaufend auf die beiden Frauen zu. Er versuchte, die in Lumpen gekleidete Wilde mit lauten und garstigen Worten vom Lager zu vertreiben, hielt dabei aber einen sicheren Abstand ein, um ihr nicht zu nahe zu kommen oder sie gar zu berühren. Sein Geschrei veranlasste sie dazu, ihn mit harschen Worten beten zu schicken, damit er wenigstens das Seine für das Wohl des Kindes täte und sie in Ruhe wirken könne. Selbst in diesem Augenblick, in dem die Alte die kirchliche Autorität lächerlich machte, dachte Sigrun nicht daran, die Fremde von der Seite ihres Jungen zu stoßen.

Die Wilde kramte in einem großen Beutel und entnahm ihm etliche kleinere Bündel und Päckchen. Sie griff sich eine hölzerne Schale, forderte Sigrun auf, gut zuzusehen und begann verschiedene Kräuter zu zerreiben und mit Fett zu einer dicken Paste zu verrühren. Die Gräfin würde diese noch öfter anrühren müssen, wenn sie ihren Jungen je wieder gesund sehen wolle, lautete die Anweisung der Fremden.

Mit dem fertigen Brei bestrich sie sorgfältig die Pusteln und offenen Wunden. Dem Mönch, der bislang alldem fassungslos beigewohnt hatte, weiteten sich die Augen. Entsetzt vor sich hin schimpfend entfloh er schließlich dem heidnischen Treiben und schlug die Kammertür laut krachend hinter sich zu.

Als der Junge wieder in ein sauberes Leintuch eingewickelt war, gab die wilde Frau Sigrun noch ein paar Anweisungen, packte dann ihren Beutel und verschwand ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war. Wenige Zeit später platzte Farold mit dem Mönch und einigen Bewaffneten in die Schlafkammer.

Sigrun ließ dem Mönch keine Gelegenheit, die Heilmittel der Kräuterkundigen in Frage zu stellen. Schnell raffte sie die zurückgelassenen Heilmittel zusammen, warf sie in Farolds große Truhe und setzte sich auf den schweren Deckel. So sehr der Gottesmann die Mittel auch schlecht reden mochte, Sigrun gab sie nicht frei. Stattdessen forderte sie ihn auf, sie mit ihrem Sohn endlich in Frieden zu lassen. Der Mönch zog gekränkt davon und verließ bereits im Morgengrauen die Burg. Die Gräfin verzichtete nur zu gerne auf den Geistlichen, dessen dürftiger Beistand bisher ohnehin nichts bewirkt hatte. Auf die beschwichtigenden Worte ihres Gatten wollte sie ebenfalls nicht hören. Sigrun war es gleich, ob sie einen Mann Gottes oder einen Scharlatan fortschicken musste. Wenn sie nichts für den Jungen tun konnten, so hatte keiner von ihnen etwas an Rogars Lager zu suchen.

Die Krankheit blieb eine lange und harte Prüfung für Sigrun. Geduldig befolgte sie die Anweisungen der wilden Frau und erst nach drei Wochen besserte sich die Lage des Jungen. Das Fieber und die Pusteln gingen über Nacht zurück, gerade zu dem Zeitpunkt, als sich der Vorrat an Kräutern dem Ende neigte. Von da an mussten allein Sigruns pflegende Hände es schaffen, Rogar wieder auf die Beine zu bringen. Und tatsächlich kehrten seine Kräfte langsam wieder zurück. Das Gesinde behauptete sogar, dass allein die Liebe der Mutter den Jungen gerettet habe.

Die Krankheit war an Rogar nicht spurlos vorüber gegangen. Diese harte und lange Pein hatte ihn verändert. Mit dem Fieber schien ihm allerdings eine Reife eingebrannt worden zu sein, die für einen Jungen seines Alters ungewöhnlich war. Er war schweigsam geworden, doch dafür legte er eine Neugierde an den Tag, die er vorher nicht besessen hatte.

Einige Burgbewohner waren davon überzeugt, dass Rogar sein zehntes Jahr nicht erleben würde, so geschwächt war er dem Krankenlager entstiegen. Doch Sigrun glaubte fest an ihren Jungen und an das, was sie sah: Einen durch die Krankheit zwar erschöpften, aber gereiften Jungen, der auch zäher und robuster geworden zu sein schien. Tatsächlich erkrankte Rogar im darauffolgenden Winter nicht ein einziges Mal.

Das alles war lange her und Sigrun riss sich aus ihren Erinnerungen. Sie fühlte sich unwohl, was vielleicht am heraufziehenden Unwetter liegen mochte. Sigrun konnte ihre Empfindung nicht in Worte fassen und wusste nicht, woher sie rührte, doch es herrschte eine seltsame Stimmung. Eine ungreifbare Falschheit lag in der Luft. Die Sommernacht war schwül und drückend. Bis vor Kurzem hatte sich noch kein Lüftchen geregt, doch jetzt kam ein Wind auf. Vom Fenster aus konnte Sigrun erkennen, wie sich die Baumwipfel des nahe gelegenen Waldes träge wiegten.

Es war beinahe genauso wie zu Rogars Geburt. Damals war es eine entsetzliche Nacht. In jenem Sommer herrschte eine über Wochen anhaltende Dürre, die in der Nacht seiner Geburt mit einem mächtigen Gewitter ihr Ende fand.

‚Eine Nacht, in der Helden gezeugt werden‘, wie einige Männer der Burg überheblich hinausposaunten.

‚Nein, eine Nacht, in der Helden geboren wurden‘, wie Sigrun es stattdessen lieber sagte. Allein aus diesem Grunde war sie schon immer fest davon überzeugt gewesen, dass Rogar sowohl die Krankheit wie auch das zehnte Lebensjahr überleben würde. Es war seine Bestimmung zu überleben, dessen war sie sich sicher. Eines Tages würde er alt genug sein, um als würdiger Nachfolger die Grafschaft zu übernehmen.

In diesem Augenblick erhellte ein greller Blitz den Horizont, den nahen Wald und die Wiesen vor der Burg. Das kurze Schattenspiel warf groteske Figuren auf die Wände der Festung. Das Unwetter konnte jeden Augenblick losbrechen.

Sigrun drehte sich um und setzte sich, mit Rogar auf ihrem Schoß, neben ihren Gemahl. In seinem Bart, der einige Narben alter Kämpfe verbarg, zeigte sich an manchen Stellen das Grau des Alters. Sein Gesicht wirkte dadurch jedoch nicht betagt, sondern erhielt vielmehr besonders edle Züge. Es strahlte Gutmütigkeit und Härte sowie Gerechtigkeit und Gnade zugleich aus. Rogar hatte einige dieser markanten Gesichtszüge geerbt und wenn Sigrun ihren Sohn ansah, glaubte sie, ihren Gemahl als kleinen Jungen wieder zu erkennen. Zärtlich strich sie über den gepflegten Bart, woraufhin Farolds Augenlider aufsprangen. Sein Blick war hellwach.

„Was ist?“ fragte er mit belegter Stimme.

„Nichts, schlaf ruhig weiter.“

„Was ist los?“

Farold versuchte sich aufzurichten und mit den Ellbogen abzustützen, bereute es aber sofort. Mit geschlossenen Augen sank er stöhnend wieder zurück auf das Lager und hielt sich mit beiden Händen den hämmernden Schädel.

Der Schmerz rührte vom übermäßigen Weingenuss am Nachmittag. Sonst trank der Graf wenig Alkohol, Dünnbier oder stark verwässerten Wein. Heute war es aber anders gekommen. Am Nachmittag waren zwei Männer auf der Burg eingetroffen und hatten Kunde von Farolds jüngerem Bruder übermittelt. Sigrun wusste noch nicht, worum es sich bei den Neuigkeiten handelte, doch sie waren offenbar von so schlechter Art, dass Farold kurz darauf begann, Wein zu trinken. Viel Wein, und zwar unverdünnt.

Missbilligend und besorgt hatte Sigrun ihm dabei lange zugesehen. Als sie glaubte, er habe endgültig genug getrunken, schritt sie ein und ließ ihn in die Kammer bringen, wo er seinen Rausch würde ausschlafen können. Das alles war noch vor Sonnenuntergang geschehen.

Inzwischen hatte Farold geraume Zeit geschlafen und war wieder bei klarem Verstand, doch auf dem Höhepunkt körperlicher Kräfte befand er sich noch nicht. Seine angespannten Gesichtszüge berichteten von dem Schmerz, der unerbittlich in seinem Schädel hämmerte.

Farold öffnete erneut die Augen, bemerkte erstmals Rogar auf dem Schoß seiner Gemahlin und wiederholte besorgt seine Frage. „Was ist los?“

„Nichts. Beruhige dich. Rogar geht es gut. Es ist wahrscheinlich das aufkommende Unwetter. Oder er konnte den Morgen nicht abwarten. Schließlich hast du ihm versprochen, ihn an seinem siebten Jahrestag mit auf die Jagd zu nehmen, auf seinem eigenen Pony.“

„Richtig“, bemerkte Farold etwas verbittert. „Wenn mein Bruder morgen rechtzeitig eintrifft, können wir auf die Jagd gehen.“

Sigrun verstand den scharfen Unterton nicht. Vorsichtig fragte sie weiter. „Die beiden Männer waren seine Gesandten?“

„Ja.“

Natürlich hatte Sigrun die Besucher an den Wappen der Schilde erkannt und sich schon gefragt, warum zwei der Männer aus dem Gefolge ihres Schwagers einen Tag früher auf der Burg eintrafen als der Rest. Farolds knappe Antwort signalisierte ihr aber, dass es jetzt kein Gespräch darüber geben würde. Sigrun akzeptierte es zunächst und so blieb ihr nichts weiter übrig, als zu mutmaßen, um was es sich bei den Neuigkeiten handelte. Allerdings erwartete sie nichts Gutes. Die guten Nachrichten teilte Farold ihr meist sobald wie möglich mit. Nur über die Schlechten musste er immer erst eine Weile brüten, bevor er sie seiner Gemahlin offenbarte. Wahrscheinlich würde sich mit dem morgigen Tag ohnehin alles aufklären, wenn sein Bruder auf der Burg eintraf.

Rurik, der jüngere Sohn des alten Grafen, lebte auf einem großen Gutshof, etwa zwei schnelle Tagesritte von der Greifburg entfernt. Der Hof selbst war mehr als nur ein Gutshof. Großräumig angelegt und von einem Wall umgeben konnte man ihn wegen seiner Palisadenumwehrung, dem starken Tor und zwei Schutztürmen auch als kleine Burg bezeichnen. Für einen jüngeren Nachkommen durchaus ein stattliches Erbe. Die Ländereien des Guts waren überaus ertragreich und sicherten selbst in schlechten Jahren dem Besitzer ein Auskommen. Doch es war im Vergleich zu Farolds Burg und der Regentschaft über die Grafschaft sowie die Nähe zum König als dessen direkter Vasall von keiner Bedeutung für die Geschicke des Reiches.

Sigrun wusste, dass der Jüngere seinen Bruder schon immer mit Neid und Missgunst betrachtet hatte. Rurik wäre allzu gerne selbst Graf geworden und seine Frau wahrscheinlich noch lieber Gräfin. Bei den jährlichen Besuchen der beiden auf der Burg wurde Sigruns Vermutung jedes Mal durch die spitzen Bemerkungen und die kleinen Wortgefechte der beiden Brüder bestätigt. Farold hingegen sah das Ganze nicht so, obwohl er die Sticheleien seiner Gäste ebenfalls wahrnahm. Er sah darin lediglich einen gesunden, brüderlichen Wettstreit, den die beiden seit ihrer Kindheit austrugen. Nicht zuletzt verdankten sie dieser Tatsache ihren Ehrgeiz und ihr Durchsetzungsvermögen.

Als Neider oder gar Konkurrenten sah Farold seinen Bruder nicht. Aus diesem Grunde legte er auch sehr großen Wert darauf, dass die gesamte Familie des Bruders einmal im Jahr für ein paar Tage seine Gastfreundschaft in Anspruch nahm. Sigrun hielt nicht viel von diesen Besuchen. In ihren Augen waren Rurik und seine Frau nur machthungrig. Sie hatte bemerkt, dass beide mit jedem Jahr ein immer neidischeres Auge auf die Grafschaft warfen und hätte schwören können, dass beide erst dann zufrieden wären, wenn sie die Greifburg ihr Eigen nennen könnten.

Rurik und seine Gemahlin hatten ebenfalls Nachwuchs. Ihr einziger Sohn, Drogo, war ein Jahr früher geboren als Rogar, wirkte im direkten Vergleich jedoch wesentlich älter. Er war von deutlich größerer und kräftigerer Statur, schien jedoch tumb und ohne einen geistigen Funken zu sein. Nicht, dass es ihm an Intelligenz mangelte. Er bewies äußerstes Geschick und Kreativität darin, neue Wege und Mittel zu finden, um eine Katze oder ein anderes hilfloses Tier zu quälen. Das galt für Drogo als Kurzweil und ein Tag war in seinen Augen erst erfolgreich, wenn er mindestens eines seiner Opfer zur Strecke gebracht hatte! Er war schlichtweg grob und ohne jegliches Feingefühl.

Diesen Eindruck hatte zumindest Sigrun von dem Jungen. Vielleicht lag sie mit ihren Annahmen auch falsch und tat den Betroffenen Unrecht, wie ihr Gemahl sie immer wieder zu überzeugen versuchte. Doch sie konnte ihre Eindrücke ebenso wenig leugnen wie ihren eigenen Schatten: Rurik und seine Gattin waren neidisch, ihr Sohn ein gefühlloser Trampel. Dennoch nahm Sigrun sich bei jeder neuen Zusammenkunft der beiden Familien vor, ihren Gästen ohne Vorurteile gegenüber-zutreten. Sie bemühte sich auch sehr dies einzuhalten, doch jedes Mal wurden ihre früheren Eindrücke mit Worten und Taten bestätigt. Eines dieser Treffen stand nun unmittelbar bevor und Sigrun sehnte schon den Tag der Abreise herbei.

Die Gräfin holte sich aus diesem bedrückenden Gedankenstrom heraus, der ihre gute Stimmung umzukehren drohte. Sie schaute Farold an und das Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück. Noch einmal strich sie ihm durch das dunkle, mit Grau durchsetzte Haupthaar. Farold hatte die Augen geschlossen, doch er schlief nicht. Er genoss ihre liebevollen Berührungen, die seinem hämmernden Schädel gut taten.

Eine heftige Windböe löschte plötzlich einige der Kerzen und Sigrun trat mit Rogar auf dem Arm an eines der schmalen Fenster. Ihren Blick hielt sie nach oben gerichtet, um die bedrohlich nahe Gewitterfront zu beobachten.

Hätte sie nach unten gesehen, so wären ihr vielleicht die beiden Schatten aufgefallen, die den Burghof flink überquerten und dabei immer wieder das Dunkel zwischen den Gebäuden aufsuchten. Doch Sigrun sah sie nicht. Ihre Augen waren auf den Sturm des Himmels gerichtet.

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Wie zwei flüchtige Schatten bewegten sich die beiden Männer im Burghof. Trotz der Schwüle der Nacht trugen sie dunkle Umhänge mit hochgeschlagenen Kapuzen. Ihre lautlosen Schritte führten sie nicht etwa auf direktem Wege über den Hof, sondern dicht entlang der Häuser. In deren Schutz eilten sie vorbei an Schmiede, Waffenkammer, Kapelle und Stallhaus, bis sie sich schließlich in der Vorburg vor der Holztür der Wachstube am Haupttor befanden.

Dort legten sie flink ihre Umhänge ab, rollten sie zusammen und verbargen sie hinter einem Fass. Beide Männer waren bewaffnet und trugen unter den Mänteln Lederrüstungen mit groben Eisenringen. Mit einem kurzen Blick über den nächtlichen Burghof und die dunklen Wehranlagen vergewisserten sie sich, dass sie unbemerkt geblieben waren, öffneten dann rasch die Tür zum Wachhaus und betraten es.

Die Wachstube bestand aus einem großen Raum, der von ein paar Lampen erhellt wurde. Die kleinen Flammen flackerten beim Öffnen der Tür im Luftzug und warfen tanzende Schatten an die Wände. Eine steile Stiege führte hinauf in die nächste Ebene, über die man auf den Wehrgang der äußeren Burgmauern gelangen konnte.

In der Mitte des Raumes befand sich eine einfache, große Tafel aus Holz, um die mehrere Bänke standen. Zwei Wachen saßen dort und erhoben sich sofort, als die beiden gerüsteten Männer zu so später Stunde die Stube betraten. Der Wachhabende griff nach seinem Schwert und war bereit es zu ziehen. Er erkannte die beiden als Ruriks Männer und wusste, dass sie Gäste seines Herrn waren, doch er blieb auf der Hut. Es behagte ihm nicht, zwei Fremde in seiner Wachstube zu sehen. Noch bevor er eine Erklärung forderte, kam einer der Eindringlinge auf ihn zu und begann in beiläufigem Tonfall zu plaudern.

„Seltsame Nacht heute, was?“

„Wie meint Ihr das?“, gab der Hauptmann die Frage zurück.

„Es ist alles so ruhig auf dieser Burg.“

„Nun, was habt Ihr erwartet? Es ist mitten in der Nacht“, kam die abfällige Antwort. „Solltet Ihr zu dieser Zeit fahrende Gaukler und ein Trinkgelage erhofft haben, so muss ich Euch enttäuschen und für verrückt erklären. Ihr befindet Euch auf der Burg des Grafen Farold, nicht in einer Dorfschenke.“

Die rüden Worte rangen dem Angesprochenen nur ein geringschätziges Lächeln ab. Gelassen ging er weiter auf die Wachen zu. Es galt ihr Vertrauen zu gewinnen. „Nein, Ihr habt Recht. Fahrende Gaukler wären wohl zu viel des Guten gewesen und das Trinkgelage hat bereits heute Nachmittag stattgefunden, zumindest für Euren Herrn.“ Diese Bemerkung rief ein leises, gurgelndes Lachen bei dem zweiten Fremden hervor.

„Selbst die Mädchen bei Euch sind so prüde, dass man glauben könnte, ihre Punzen seien selbst im Hochsommer zugefroren, so kaltschnäuzig sind sie. Es ist nicht der geringste Spaß mit ihnen zu haben. Die einzige Brust, die ich zu Gesicht bekam, war die des Schmiedes. Um ehrlich zu sein, befanden sich für meinen Geschmack zu viele Haare darauf. Anscheinend schläft die ganze Burg und wir hatten daher auf ein kleines Spielchen in der Wachstube gehofft.“

Mit diesen Worten zog der Fremde ein paar Würfel aus einem kleinen Lederbeutel und ließ sie auf den Tisch fallen, dass sie tanzten. Seine andere Hand spielte dabei scheinbar nebensächlich an einer Geldkatze am Gürtel, was das leise, aber eindeutige Klirren von Münzen hervorrief.

Ein Glänzen trat in die Augen des Hauptmannes. Seine Zunge befeuchtete die trockenen Lippen und die Hand löste sich vom Schwertknauf.

„Wenn Ihr nichts dagegen habt, würde ich meine Würfel vorziehen“, erklärte er aufgeregt.

„Wie Ihr wünscht“, ging der Fremde nur allzu bereitwillig darauf ein. „Ich nehme an, Ihr seid ein Ehrenmann und Eure Würfel sind nicht falsch.“

Auf einen Wink kam nun auch der zweite Fremde näher und ließ sich auf einer Bank nieder. Die Würfel wurden geworfen und der unverdünnte Inhalt eines mitgebrachten Weinschlauches in tönerne Becher gegossen. Das Spiel war lebhaft und mit jedem gelungenen Wurf stiegen Laune und Übermut der Burgmänner, die dem Wein durstig zusprachen.

Nach einiger Zeit war die einst voll klingende Geldkatze des Fremden nahezu leer und ihr Inhalt befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches, in den Händen der Wachen. Zu deren Schadenfreude hielt das Verlieren selbst dann an, als die Würfel gegen das Paar der Fremden ausgetauscht wurden.

Schließlich waren alle Münzen verspielt und die Geselligkeit endete abrupt. Prächtig gelaunt erhob sich der Wachhabende und fragte übermütig: „Nun denn, habt Ihr genug oder gibt es noch etwas zu ...

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