Logo weiterlesen.de
Die Eiswolf-Saga. Teil 1-3: Brudermord / Irrwege / Wolfsbrüder. Drei historische Romane in einem Bundle

Weinbach, Holger: Die Eiswolf-Saga. Teil 1-3: Brudermord / Irrwege / Wolfsbrüder. Drei historische Romane in einem Bundle. Hamburg, acabus Verlag 2020

Originalausgabe

ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-771-8

Print: ISBN 978-3-86282-659-9

Lektorat: Daniela Sechtig, acabus Verlag

Covermotiv: nach einem Runenstein von Erik dem Roten, mit freundlicher Genehmigung des Ribe VikingeCenter, Lustrupholm, Lustrupvej 4, DK-6760 Ribe

Umschlagsgestaltung: Anja Kaiser (www.anja-kaiser.com)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

_______________________________

© acabus Verlag, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

https://www.acabus-verlag.de

cover

Holger Weinbach



Die Eiswolf-Saga

Brudermord



Teil 1






epub_logo



Für Gabriele

Anno 949 – Svea – Prolog

Die Sonne brannte unbarmherzig auf die spröde, rissige Erde der Lichtung und keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Alveradis wusste allerdings, dass dies nicht eines der gefürchteten Dürrejahre werden würde, welches die gesamte Ernte zunichte machen könnte. Obwohl der letzte ausgiebige Regen bereits einige Wochen zurücklag, wiesen die Blätter der angrenzenden Bäume noch immer ein sattes Grün auf. Sie vermochten diese Trockenheit zu überdauern, doch nicht alle Pflanzen konnten diese Hitze in gleichem Maße überstehen. Aus diesem Grunde lockerte Alveradis die Erde ihrer Kräuterbeete mit einem angespitzten Stab auf und bewässerte sie. Etwas außer Atem strich sie eine graue, lockige Strähne aus dem Gesicht und stützte sich auf den Stab. Obwohl sie schon viele Winter gesehen hatte, fühlte sie sich noch immer jung und kraftvoll. Mit einer schützenden Hand über den Augen blinzelte Alveradis in den strahlend blauen Mittagshimmel. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, denn sie konnte den herannahenden Regen bereits fühlen. Sie spürte es stets, wenn Niederschlag im Anzug war, selbst wenn sich noch keine Wolken am Himmel zeigten. Lange würde es jetzt nicht mehr dauern.

Alveradis’ Mutter hatte früh erkannt, dass ihre Tochter, ebenso wie sie, das Gesicht besaß. Eine Gabe, Dinge zu sehen, die einst waren, sind und vielleicht eines Tages sein werden. Unter der Führung ihrer Mutter hatte Alveradis schon als Kind begonnen, mit dieser besonderen Fähigkeit zu leben, statt sich davor zu fürchten, das sehen zu können, was den meisten Menschen auf immer verborgen bleiben sollte.

Furcht war einer der Gründe, warum Alveradis lieber allein im Wald lebte. Nicht ihre eigene, sondern die der anderen. Denn wer das Gesicht besaß, wurde oft gefürchtet und konnte allzu schnell das Misstrauen und den Hass der anderen auf sich ziehen. Ihre Mutter hatte früh den Kontakt zu anderen Menschen gemieden, wurde jedoch von ihnen aufgesucht, wenn sie ihre Hilfe benötigten. Ja, obwohl man sie argwöhnisch betrachtete, war Alveradis weithin als weise Frau bekannt, und wenn der Klerus bei Krankheiten keinen Rat wusste, so wandten sich die Menschen an sie.

Mit geschlossenen Augen holte Alveradis tief Luft und genoss die heißen Sonnenstrahlen. Sie mochte den Duft des Waldes, doch im Herbst liebte sie ihn ganz besonders. Dann vermischte sich eine Vielzahl von Gerüchen, die es nur zu dieser Jahreszeit gab, auf ganz eigene Weise. Tod und Vergänglichkeit lagen darin, doch das störte Alveradis nicht. Sterblichkeit gehörte für sie ebenso zum ewigen Kreislauf des Lebens wie die Geburt eines jeden Wesens, sei es Mensch, Tier oder Pflanze.

Mit dem Sommerduft in der Nase, aber dem Geruch des Herbstes in Erinnerung, ließ sie sich auf ihrem Lieblingsplatz nieder: einem alten Baumstamm, der vor langer Zeit entwurzelt worden war. Äste und Rinde waren längst verschwunden. Das einst braune Holz des Stammes hatte eine felsengleiche, graue Farbe angenommen und nur noch die dicksten Wurzelansätze ragten bizarr in alle Richtungen. Der Stamm lag im Schatten der Bäume und bot ein willkommenes, kühles Plätzchen.

Alveradis genoss die Ruhe und ihr Blick schweifte über die Lichtung. Neben dem kleinen Kräutergarten befand sich ihre windschiefe Hütte. Sie stand schon lange hier und zwei große Eiben in ihrer Nähe hatten bereits begonnen, sie mit ihren Ästen zu vereinnahmen.

Die Hütte bot gerade ausreichend Platz, um eine Schlafstätte, eine Feuerstelle und einen winzigen Tisch mit einer kleinen Bank zu beherbergen. Entlang der Wände befanden sich einige grob gezimmerte Regale. Allerlei Behältnisse und Kleinutensilien mit Heilmitteln standen dort neben Symbolen der alten Gottheiten in scheinbarer Unordnung.

Ihr Blick zog weiter über die kleine Wiese hinweg, bis zu den drei großen, flachen Felsen aus dunklem Gestein. Sie waren alt und gewaltig. Sie mochten Alveradis nahezu um das Zweifache überragen, stünden sie noch aufrecht an ihrem Platz. Doch sie lagen eigenartig auf dem Erdboden, als seien sie vor langer Zeit gestürzt worden. Seltsamerweise waren sie weder von Moos noch von Buschwerk überwuchert, sondern lagen frei wie eben erst in das Gras gebettet. Alveradis fragte sich oft, ob sie einst von Menschen- oder Götterhand an diese Stätte gebracht worden waren.

Wind und Regen hatten die Felsen mit der Zeit gratlos blank geschliffen, dass sie in der Mittagssonne glänzten. Vermutlich standen sie einst gerade nebeneinander und mochten in früheren Tagen einmal Teil eines Steinkreises der alten Götter gewesen sein.

Alveradis konnte die Energie spüren, die von dem Gestein ausging. Eine Kraft, die sie als so überwältigend empfand, dass sie es nie wagte, sie auch nur mit den Händen zu berühren. Sie respektierte ihre Existenz und die Kraft dieser Felsen und fühlte sich in ihrer Gegenwart sogar wohl, hielt jedoch stets einen gebührenden Abstand zu ihnen.

Alveradis lehnte sich zurück, schloss die Augen und ließ sich von dem sanften Rauschen der Blätter treiben. Plötzlich brach ein kleiner Junge mit lautem Rascheln durch das Blattwerk des Unterholzes und trat am gegenüberliegenden Ende auf die Lichtung. Unsicher, ob er hier wohl richtig war, zögerte er kurz. Es schien, als habe er nicht erwartet hier auf eine Behausung zu stoßen, obwohl sie doch sein Ziel war. Erst als er Alveradis erblickte, erhellte sich sein Gesicht, und er machte ein paar vorsichtige Schritte auf sie zu.

„Alva“, rief er zaghaft ihren Namen, wofür der kleine Brun all seinen Mut aufbringen musste. Angespannt stand er da und wusste nicht, ob er einen weiteren Schritt auf sie zu wagen sollte.

„Komm ruhig näher“, sprach Alveradis mit freundlicher Stimme und streckte ihm eine Hand entgegen. „Ich beiße nicht!“ Ihr Lächeln überzeugte den Knaben schließlich und er lief mit seinen nackten Füßen zu ihr.

„Alva“, wiederholte er, diesmal mit deutlich festerer Stimme. „Ja, mein junger Brun, was führt dich hierher?“

„Vater sagt, es ist soweit.“

Ein strahlendes Lächeln überzog das Gesicht des Knaben. Er war sichtlich erleichtert, seinen Auftrag ohne Fehl ausgeführt zu haben. Mit großen, erwartungsvollen Augen starrte er Alveradis an.

„Und was sagt deine Mutter?“

Die Frage überraschte Brun. Er hatte sich eine klare Anweisung erhofft und sein Lächeln verschwand wieder. Verstört richtete er seinen Blick zu Boden und überlegte. Alveradis wartete geduldig auf eine Antwort und kurz darauf hob der Junge erneut seinen Kopf und schaute sie mit traurigen Augen an. Seine Stimme war belegt, als er sprach.

„Mutter sagt gar nichts mehr.“

Alveradis nahm die kleinen Hände in die ihren und zog ihn besorgt näher. „Wie geht es ihr?“

„Sie stöhnt viel und hält sich den Bauch. Vater meint, das Feuer brenne in ihr.“ „Gut“, kommentierte Alveradis. Es war zwar ganz und gar nicht gut, was sie soeben gehört hatte, doch sie wollte den Jungen jetzt nicht noch weiter verängstigen, indem sie ihre Sorge aussprach.

„Lauf jetzt rasch zurück und berichte, dass ich mich sogleich auf den Weg machen werde.“

Statt kehrtzumachen, blieb Brun einfach stehen. In seinen Augen zeigte sich plötzlich eine ungekannte Furcht und er blickte schnell wieder zu Boden. Seine Füße begannen unruhig hin und her zu scharren, als fühle er sich in die Enge getrieben.

„Du musst mit mir kommen!“, murmelte er schließlich. „Wenn ich ohne dich nach Hause komme, setzt es wieder was.“

Alveradis verstand nur zu gut, was Brun damit meinte. Ulf, das Oberhaupt der Familie, griff bei Ungehorsam zu Gewalt. Seine drei Söhne kannten das zur Genüge. Sie konnten seine Launen gut einschätzen und wussten sich notfalls von ihm fernzuhalten. Doch beim Überbringen einer schlechten Nachricht dürfte das schwierig werden.

Anders stand es diesbezüglich um Freya, Ulfs schwangere Frau. Sie musste seine Übellaunigkeit stets erdulden, ohne dagegen etwas ausrichten zu können. Einfach aus dem Haus zu laufen wie ihre drei Sprösslinge, bis sich das Gemüt ihres Gemahls wieder abgekühlt hatte, das durfte sie als sein Eheweib nicht. Sie hatte im Haus zu bleiben, ganz gleich wie ihr Gatte gelaunt war. Immerhin schlug Ulf sie nicht mehr, seit sie das Kind in sich trug. Dazu war er viel zu gottesfürchtig und das Schlagen einer Frau mit der Frucht im Leibe war eine Sünde. Aber das hieß noch lange nicht, dass er Freya in den kommenden Stunden eine Hilfe sein würde, schon gar nicht, wenn Ulf übel gelaunt war.

Um Brun die Angst zu nehmen, die ihm noch immer im Gesicht stand, drückte Alveradis sachte seine Hände. „Warte hier auf mich, ich muss nur rasch noch einige Sachen zusammenpacken, bevor wir losgehen.“

Der Knabe nickte erleichtert, und das Lächeln kehrte auf seine Lippen zurück. Alveradis erhob sich und verschwand in ihrer Hütte. Einige Augenblicke später trat sie mit einem prall gefüllten Lederbeutel und einem langen Wanderstab wieder auf die Lichtung. „Komm“, rief sie dem Jungen zu, „lass uns eilen!“

Zu zweit bahnten sie sich ihren Weg durch den Wald, bis sie nach einer Weile eine alte Straße kreuzten, die auf direktem Wege ins Dorf führte. Alveradis schritt nun weiter aus und Brun hatte Mühe mitzuhalten. Doch er beschwerte sich nicht, denn er begriff, dass sie jetzt nicht trödeln durften.

Sie folgten der Straße und schon bald tauchten die grauen, strohbedeckten Dächer der Siedlung in der Ferne auf, sanft in die hügelige Landschaft eingebettet. Ulfs kleiner Hof lag in der Nähe des einzigen Tores, direkt hinter dem Palisadenwall, und das war Alveradis ganz recht. So musste sie nicht auch noch das ganze Dorf durchqueren und sich den neugierigen Blicken aussetzen, die sie ernten würde. Die Dorfbewohner nahmen Alveradis’ heilende Fähigkeiten bei Bedarf zwar in Anspruch, gerne gesehen war sie deshalb in guten Tagen aber noch lange nicht. Schließlich war sie weithin als wilde Frau bekannt, die allein an einem gottlosen Ort lebte, den kein guter Christ jemals freiwillig betreten würde.

Vor der schäbigen Tür eines maroden Hauses angekommen, klopfte Alveradis mit ihrem Stab an und verkündete laut ihren Namen. Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern öffnete die Tür und betrat einen engen, stickigen Raum, der im Winter sowohl Mensch als auch Tier beherbergte.

In der Mitte befand sich eine Feuerstelle mit kalter Asche. Die Sonnenstrahlen, die durch den offenen Rauchabzug im First des Daches eindrangen, erhellten das Dunkel des Raumes ein wenig. Staubkörner tanzten wirbelnd in dem schwachen Licht zum Dach empor.

Neben einem einfachen Tisch mit zwei Holzbänken befand sich das mit altem, schmutzigem Stroh aufgefüllte Lager, auf dem sich die schwangere Freya befand. Sie lag mit geschlossenen Augen, tief atmend und mit beiden Händen ihren prallen, runden Bauch haltend, als befürchte sie, er könnte jeden Augenblick bersten. Ihr Haar war schweißnass und das einfache Leinenkleid klebte an ihrem Körper.

Alveradis näherte sich dem Lager und ignorierte Ulf, der aufgebracht von der Bank gesprungen war. Die Kräuterkundige legte Tasche und Stab beiseite, kniete auf den gestampften Erdboden neben dem Lager nieder und betrachtete Freya mit prüfenden Augen. Mit Schrecken erkannte sie den Zustand der Frau. Ihr vorwurfsvoller Blick traf den Bauern, doch der reagierte nicht. Ulf stand nur mit halboffenem Mund da und glotzte wie eines seiner wenigen tumben Schafe.

„Freya“, flüsterte Alveradis leise. Keine Reaktion. Nur das gleichmäßige, tiefe Atmen. „Freya! Ich bin es, Alveradis.“

Die Schwangere öffnete ihre glasigen Augen und versuchte mit Mühe, sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Schließlich erkannte sie die Besucherin. Erleichterung zeigte sich auf ihrem erschöpften Gesicht und ihre Worte kamen geflüstert über die spröden Lippen. „Alveradis! Dem Herrn sei gedankt, du bist gekommen. Das Kind ist früh dran.“

„Ich weiß, Freya. Doch nicht zu früh. Es wird mit Sicherheit gesund und kräftig sein.“

Die Worte wirkten beruhigend und während Alveradis Freya beim Trinken aus einer Schale half, wies sie Ulf an, Wasser abzukochen, ein paar Gefäße bereitzustellen und frisches Stroh für das Lager zu bringen. Sie würdigte ihn dabei nicht eines Blickes und Ulf gab keinen Laut von sich. Entweder war er verblüfft, wie diese Frau mit ihm umsprang, oder froh darüber, in dieser Situation klare Anweisungen zu erhalten. Alveradis war nur wichtig, dass er gehorchte, und er tat es wortlos.

Die Heilerin beobachtete Freya während ihrer unregelmäßigen Wehen genau und Ulf kam seinen Aufgaben nach. Wasser wurde in einem verbeulten Kessel über einem frisch entfachten Feuer erhitzt und in Becher und Schalen gegossen. Anschließend verließ der Bauer fluchtartig das Haus, als befürchtete er, noch weiter in das Geschehen mit einbezogen zu werden.

Alveradis ließ ihn ziehen. In einige Schalen streute sie ausgewählte Kräuter, um verschiedenes Gebräu herzustellen. Der aufsteigende Wasserdampf wandelte die trockene Hitze des Tages in eine unerträgliche, bleierne Schwüle. Der starke Duft der Kräuter hingegen befreite den Geist und schärfte sämtliche Sinne.

Freyas Zustand blieb unverändert. Die Wehen kehrten nach wie vor in unregelmäßigen Abständen wieder und trugen nicht dazu bei, die Geburt voranzutreiben. Alveradis tastete den Bauch sanft ab.

„Was spürst du?“, fragte sie Freya.

„Etwas stimmt nicht“, antwortete sie mit zitternder Stimme. Alveradis nickte kurz und schloss die Augen, um sich ganz auf das Kind zu konzentrieren. Erneut tastete sie den Bauch ab.

Sie fühlte, wie das Ungeborene ihren forschenden Händen auszuweichen versuchte, doch es hatte nicht mehr viel Platz.

Brun, der seit Ulfs Verschwinden stumm in einer Ecke gesessen hatte, hielt in der nahezu unerträglichen Stille des stickigen Raumes den Atem an. Erst als Alveradis wieder den Kopf hob, hörte man ihn leise nach Luft schnappen. Die Blicke der beiden Frauen fanden sich.

„Es liegt falsch!“

Freya nickte stumm. Sie hatte es befürchtet. Angst zeichnete sich in ihren Augen ab, doch Alveradis sanfte Worte und Lächeln beruhigten sie wieder. „Nicht so falsch, dass wir es nicht ausrichten könnten! Wir müssen dem Kind helfen, eine bessere Lage zu finden.“

Die Gesichtszüge der Bäuerin entspannten sich mit einem Seufzen. Freya wusste nach sieben Niederkünften genau, was es bedeutete, wenn ein Kind nicht richtig im Mutterleib lag. Sie hatte bereits drei Kinder durch Tot- oder Fehlgeburten verloren, ein viertes Kind war während eines harten Winters gestorben.

Bisher hatte Freya ausnahmslos Knaben zur Welt gebracht. Ulf war mächtig stolz darauf, auch wenn er zu den Geburten nicht das Geringste beigetragen hatte. Diesmal hoffte Freya auf ein Mädchen, doch diesen Wunsch hegte sie schon seit Jahren. Wahrscheinlich würde es wieder ein Junge werden. Im ganzen Dorf rechnete man schon damit, war es doch bekannt, dass Ulf nur Knaben in seinem Haus duldete. Ein Mädchen wäre ihm ein Dorn im Auge und bedeutete nur, ein weiteres Maul zu stopfen.

„Brun, lauf und hole deinen Vater!“ Der Junge sprang sofort auf und lief aus dem Haus. Alveradis widmete sich wieder der Schwangeren. „Hier, trinke von diesem Gebräu. Es wird dir bei den nächsten Wehen helfen.“

Freya folgte der Kräuterfrau ebenso willig wie ihr jüngster Sprössling. Sie leerte die Schale mit dem würzigen Trank in einem Zug. Kurz darauf betrat Ulf zögerlich das Haus. Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut und blieb an der Tür stehen. Alveradis verlor keine Zeit. „Ulf, komm her und hilf mir. Wir müssen das Kind drehen!“

Ulf regte sich keinen Fingerbreit. Alveradis ging davon aus, dass er ihre Worte verstanden hatte, doch auf seinem Gesicht zeigte sich erneut dieser schafsähnliche Ausdruck. Statt wie gefordert herzukommen, schüttelte Ulf nur zögernd den Kopf. In diesem Augenblick begriff Alveradis, dass der kräftige Mann Angst vor der Geburt hatte. Es verwunderte sie nicht, denn eine Geburt war etwas, was nur die wenigsten Männer begriffen und mit dem die meisten von ihnen auch nichts zu tun haben wollten. Jetzt allerdings benötigte sie eine starke Hand. Sie hatte weder die Zeit noch verspürte sie die Lust dazu, mit Ulf darüber zu diskutieren und so traf Alveradis eine Entscheidung.

„Dann schicke mir Georg, deinen Ältesten. Aber beeil dich!“

Erleichtert von dieser Aufgabe entbunden zu sein, stolperte Ulf aus der Tür. Kurz darauf betrat ein muskulöser, groß gewachsener Jüngling in staubiger Kleidung das Haus.

Schnell eilte Georg an das Lager seiner Mutter, kniete neben ihr nieder und streichelte voll Zuneigung die heißen Wangen. Alveradis gönnte ihnen einen kurzen Augenblick, unterbrach sie dann aber und sprach mit ruhigem Ton auf Georg ein.

„Wir müssen dem Kind helfen und es im Bauch drehen.“

Die Kräuterfrau erklärte Georg ihr Vorhaben. Seine Augenbrauen zogen sich dabei angestrengt zusammen, doch Alveradis war davon überzeugt, dass er ihre Anweisung begriff. Zur Bestätigung nickte er mit dem Kopf und raffte sich sofort auf. Georg war schon immer wortkarg gewesen und Worte waren jetzt auch nicht gefragt.

Bevor sich die nächste Wehe anbahnte, brachten sich die beiden in Position. Alveradis gab ein kurzes Zeichen, als sich Freyas Atem beschleunigte und ihr Bauch sich verhärtete. Georg tat, was die Heilerin von ihm erwartete, und sie begannen zu zweit, das Becken der Schwangeren zu heben und hin und her zu bewegen. Mit zunehmender Intensität der Wehe verstärkten sie auch das Schaukeln, bis sie schließlich den Unterleib regelrecht durchschüttelten. Erst als Freya sich entspannte, ließen beide Helfer wieder von ihr ab.

Diese Prozedur wiederholten sie mehrere Male, danach erhob sich Alveradis erschöpft und dankte Georg, dem vor Anstrengung ebenfalls der Schweiß auf der Stirn stand. Seine Hilfe wurde im Augenblick nicht mehr benötigt und Alveradis stellte ihm frei, zu bleiben oder zu gehen. Georg versprach seiner Mutter, so schnell wie möglich zurückzukehren und ging hinaus, um sein Tagewerk zu beenden. Brun hatte alles stumm und angespannt beobachtet. Abwechselnd blickte er seine Mutter und Alveradis an.

„Keine Sorge, mein Junge. Mit den nächsten Wehen wird sich das Kind seinen Weg neu bahnen“, erklärte Alveradis.

Kurz darauf kündigte sich schon die nächste Wehe an. Zu dritt ließen sie einige mit geduldigem Schweigen verstreichen. Danach tastete Alveradis erneut gründlich den Bauch ab. Schließlich nahm sie ihre Hände wieder zu sich und lächelte. „Sehr gut, jetzt liegt es richtig.“

Erleichtert entspannte sich Freya auf dem Strohlager. Von nun an nahm alles einen geregelten Verlauf. Die Abstände der Wehen wurden gleichmäßiger. Um das Ungeborene machte sich Alveradis inzwischen kaum noch Sorgen. Was sie unter der Bauchdecke ertastet hatte, schien ein kräftiges und gesundes Kind zu sein. Vielmehr bereitete ihr Freyas Zustand Kummer. Fieber glühte heiß in ihr und die lange Zeit der Wehen hatte die Schwangere sichtlich geschwächt. Die eigentliche Geburt und die damit verbundenen Phasen voll schmerzhafter Wehen würden ihr noch einiges an Kraft abverlangen.

Alveradis bezweifelte, ob Freya diese am Ende noch würde aufbringen können.

Zur Stärkung wollte die Kräuterfrau ihr ein süßliches Gebräu einflößen, doch selbst das strengte Freya derart an, dass sie nur wenig zu sich nehmen konnte. So verstrich die Zeit, unterbrochen von den regelmäßigen Wehen und dem rhythmisch wechselnden Atem der Gebärenden.

Am frühen Abend kündigte ein fernes, dumpfes Grollen den lang ersehnten Redie langsam nahende, gen an. Die offene Haustür gewährte einen Blick auf die langsam nahende, schwarze Wolkenfront, die den westlichen Horizont bereits verdunkelte. Die tief stehende Sonne verschwand allmählich dahinter, und der späte Tag wurde merklich düsterer. Eines der kostbaren Talglichter wurde entzündet, um Alveradis etwas mehr Licht zu spenden. Wind erwachte zum Leben und blies frische Luft in das schäbige Haus, deren Kühlung alle Anwesenden dankbar annahmen.

Plötzlich verkrampfte sich Freya stärker als jemals zuvor. Die Wehen des Übergangs, auf die Alveradis schon lange wartete, setzten endlich ein.

In diesem Augenblick betraten Georg und Thorben, der zweitälteste Sohn, das Haus. Sie spürten die Anspannung, setzten sich stumm neben ihren jüngsten Bruder auf die Bank und beobachteten mit sorgenvollen Blicken die Anstrengungen ihrer Mutter.

Eine Kontraktion jagte die nächste in so kurzen Abständen, dass sich Freya in den Pausen kaum erholen konnte. Ihre Hände umklammerten die Unterarme der Heilerin, ihre Fingernägel bohrten sich tief in die Haut. Alveradis’ Gesichtsausdruck verriet nicht, ob sie es überhaupt wahrnahm. Sie konzentrierte sich ganz auf Freya. Alles verlief gut, und wie erwartet, folgte bald darauf die erste Anstrengung des Pressens.

Bei jeder neuen Verkrampfung des Bauches hielt Freya den Atem an und versuchte mit aller Kraft, das Kind aus dem Leib zu drücken. Schweiß rann ihr über Gesicht und Hals, und Alveradis war überrascht, welche Kräfte die Gebärende noch aufbrachte.

„Ich kann den Kopf schon sehen“, rief Alveradis plötzlich aufmunternd. Freya hörte es nicht. Sie war erschöpft und hatte kaum noch Kraft, die Augen offen zu halten, geschweige die nächste Wehe zu meistern. Alveradis versuchte, sie zu ermutigen. „Nur noch wenige Male, dann hast du es geschafft.“

„Ich kann nicht mehr“, hauchte Freya nahezu tonlos.

„Doch, du kannst. Du musst! Es ist fast da.“

„Keine Kraft, keine Kraft!“ Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern. Alveradis reagierte sofort.

„Brun, lege Holz nach! Thorben, sorge für ein paar möglichst saubere Leintücher und warmes Wasser.“ Beide Jungen sprangen sofort auf und erledigten, was von ihnen verlangte wurde.

Kaum hatte Alveradis Freya ein wenig Wasser eingeflößt, kam bereits die nächste Wehe. Doch die verlief anders als die vorherigen, denn Freya presste nicht mehr. Sie hatte alle Reserven aufgebraucht. Alveradis rief laut nach Ulf, der sich irgendwo vor dem Haus herumtrieb. Als er trotz wiederholten Rufens nicht erschien, erhob sich Georg und bot seine Hilfe an.

Auf Anweisung der Heilerin kniete er sich hinter seine Mutter und stützte sie in einer aufrechteren Haltung. Während Alveradis ihm tief in die Augen blickte, legte sie die Hände des Jünglings vorsichtig auf den prallen Bauch. „Bei den nächsten Wehen musst du von oben her immer wieder fest über den Bauch streichen und das Kind dadurch voranschieben. Wenn sie enden, nimmst du deine Hände wieder weg. Drücke nicht zu fest und nicht zu schnell, doch mit Bestimmtheit und Gefühl, etwa so.“ Alveradis übte einen sanften, aber deutlichen Druck auf Georgs Unterarme aus. „Traust du dir das zu?“

„Ich … ich denke schon.“

Kaum hatte Georg die Worte ausgesprochen, da brach auch schon die nächste Wehe über Freya herein. Sie stöhnte nur noch leise, apathisch und kraftlos. „Der Kopf ist frei“, verkündete Alveradis mit leisem Flüstern, als die Wehe abklang, und das Strahlen in ihren Augen gab Georg Mut und Zuversicht.

„Brun, lass die Flammen jetzt richtig auflodern, damit es hier drinnen schön heiß wird. Das Kind wird sonst frieren, wenn es auf die Welt kommt, selbst bei dieser Sommerhitze. Der Wind ist tückisch und pfeift durch die Ritzen.“

Der Junge lief sofort los und holte Holz, in Sorge um das Neugeborene. Da erhellte ein gleißender Blitz für einen Augenblick das Innere des Hauses, tauchte es in grelles Weiß und belebte es mit dämonischen Schatten, die den Anwesenden vor Schreck den Atem raubten. Ein gewaltiger, schmetternder Donnerschlag folgte. Das Gewitter war direkt über dem Dorf und der Sturm brach mit aller Macht los. Der Wind jagte in das kleine Haus und ließ die Tür auf- und zuschlagen, drückte die Flammen nieder, als wollte er sie zunichte machen. Doch Brun hatte rechtzeitig Scheite nachgelegt und die Flammen waren kräftig genug, um gegen die Böen zu bestehen.

Niemand kümmerte sich um die offene Tür, denn die nächste Wehe kündigte sich an. Alveradis nahm den Kopf des Kindes sanft in ihre Hände und zog ganz sachte, während Georg drückte und schob. Das leise Stöhnen Freyas und der tobende Sturm begleiteten ihre Mühen. Die Tür schlug in einem merkwürdigen Rhythmus immer wieder auf und zu. Die Welt schien zusammenzuschrumpfen; es existierten nur noch die drei schweißgebadeten Menschen auf dem kleinen Strohlager.

Donner und Türschlag, begleitet von Blitz und Feuer.

Eine Schulter hatte sich bereits ihren Weg in die Welt gebahnt, als die Wehe verebbte und beide Helfer ablassen mussten. Die Flammen des Feuers loderten wild. Draußen hämmerten schwere Regentropfen laut gegen Dach und Wände; auf dem staubtrockenen Erdboden bildeten sich in kürzester Zeit Pfützen. Die Bäume krümmten sich unter der Last des Sturmes. Trotz des tosenden Unwetters und des prasselnden Feuers herrschte eine verschworene Stille unter den Dreien auf dem Lager.

Die nächste Wehe brach los. Alveradis zog erneut an dem kleinen Kopf des Kindes, stärker, als sie es vorgehabt hatte. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Das Kind musste jetzt kommen. Freya lag bewusstlos da. Georg verspürte die gleiche Dringlichkeit wie Alveradis. Sein Drücken wurde stärker als es ihm die Heilerin gezeigt hatte und die schweißnassen Hände drohten auf dem nackten, prallen Bauch abzurutschen. Die Wehe ließ bereits nach und zu Alveradis Schrecken war die zweite Schulter des Kindes noch immer nicht zu sehen.

„Weiter!“, rief Alveradis. „Noch ein Stückchen. Die Schulter ist beinahe frei.“

Kaum hatte sie es ausgesprochen, kam bereits die nächste Wehe. Sie schoben und zogen und plötzlich löste sich die zweite Schulter mit einem kleinen Ruck, dass Alveradis beinahe hinten über fiel. Sofort griff sie nach dem kleinen Oberkörper des Kindes und nutzte die abklingende Wehe, um noch einmal kräftig zu ziehen. Wie auf ein Signal hin erlangte Freya plötzlich wieder das Bewusstsein und begann noch einmal mit allen Kräften zu pressen.

Mit einem Schrei der Erleichterung aus Freyas Munde kam das Kind frei und glitt auf das bereitliegende Leintuch. Schnell wickelte Alveradis es darin ein, um den nassen Körper gegen den Wind zu schützen.

Georg ließ seine Mutter sachte auf das Stroh sinken, stand auf und schloss die Tür. Das Brüllen des Sturmes war ausgesperrt und der enge Raum wandelte sich in einen Ort der Stille. Die Flammen beruhigten sich und züngelten friedlich an den Holzscheiten.

Alveradis hielt das eingehüllte Kind auf dem Arm, nahm ein angefeuchtetes Tuch und säuberte den kleinen Kopf mit dem zierlichen Gesicht und dem roten Haar. Da öffneten sich die kleinen Augen und in diesem Augenblick schien die Welt den Atem anzuhalten. Der Sturm war fern, das Feuer glimmte nur noch. Es war nichts zu hören. Weder Sorgen noch Nöte, einzig das kleine, unschuldige Kind zählte. Alle Blicke waren auf das Neugeborene gerichtet. Die jungen, strahlend blauen Augen schauten sich neugierig um, als wollten sie die Welt mit den ersten Blicken verstehen. Kein Laut erklang aus dem kleinen Mund.

Während Alveradis wartete, dass das Pulsieren der Nabelschnur nachließ, legte sie das Kind auf den Bauch der erschöpften Mutter. Tränen der Freude und der Erleichterung liefen über Freyas Wangen. Sie war noch zu schwach, um das Kind mit all ihrer Wärme zu empfangen, und so half ihr Alveradis. Der Kontakt mit der Mutter gefiel dem Kind und es suchte instinktiv nach der Brust.

Nach einer Weile überließ Alveradis das Halten des Säuglings Georg, schaute sich um und sah Ulf an der Tür stehen. Der unerbittliche Regen hatte ihn in das Haus zurückgetrieben. Er hielt es offensichtlich nicht für nötig, das Neugeborene in Augenschein zu nehmen, geschweige in den Armen zu halten.

Ruhig kam Alveradis auf den Bauern zu. Ulf vermied es, ihr in die Augen zu blicken und starrte nur auf sein Weib. Der Kräuterkundigen warf er lediglich ein kurzes, aber forderndes „Und?“ an den Kopf.

„Deiner Frau geht es nicht gut!“ Als keine Reaktion von Ulf kam, fuhr Alveradis verärgert fort. „Das Fieber brennt heiß in ihr, als ginge sie durch die Gluten der Hölle. Du musst sie jetzt gut pflegen. Sie ist schwach und benötigt deine Hilfe.“

Ulfs Gesichtszüge verrieten nicht, wie er darüber dachte. „Was ist mit dem Kind?“

Alveradis wurde wütend. Freya hatte soeben unter schwierigsten Umständen sein Kind zur Welt gebracht und ihn interessierte es offensichtlich nicht im Geringsten, wie es um sie stand.

„Was soll schon damit sein?“, erwiderte Alveradis gereizt.

„Was ist es?“

„Was es ist?“, wiederholte die Heilerin, obwohl sie genau wusste, was Ulf eigentlich hören wollte. Doch so ohne Weiteres wollte sie ihm die Antwort nicht geben. „Es ist ein Menschenkind, mit Armen, Beinen und einem Kopf. Es hat Augen und Mund, Nase und Ohren. Der Heiligen Schrift nach ist es die Krönung der Schöpfung und …“ Alveradis hielt kurz inne und beugte sich Ulf entgegen, um ihm mit einem zufriedenen Lächeln zuzuflüstern. „… es ist ein Mädchen!“

Ulf war entsetzt, seine Augen weiteten sich. Enttäuschung und Zorn waren ihm unverhohlen anzusehen. Mit verbitterter Miene wandte er sich langsam ab und ging mit gesenktem Haupt hinaus in den peitschenden Regen. Wahrscheinlich würde er jetzt die Dorfschenke aufsuchen, um sein Leid zu beklagen und die Enttäuschung zu ertränken. Vielleicht würde er Mitleid bei anderen Männern finden.

‚Welch bedauernswerte Geschöpfe sie doch manchmal sein konnten, diese Männer’, dachte Alveradis, als sie kopfschüttelnd dem davonstapfenden Ulf nachschaute.

Sie schloss die Tür und ging zu Georg, um leise mit ihm zu sprechen. „Du musst dich jetzt um deine Mutter kümmern. Das Fieber wütet in ihr und verzehrt sie. Ich weiß, sie ist stark, sonst hätte sie die Geburt nicht überstanden. Doch im Augenblick ist sie sehr geschwächt. Ich werde sie nicht allein lassen, doch in der nächsten Zeit musst du ihr ebenfalls zur Hand gehen.“

Anders als sein Vater war Georg um Freya sehr besorgt und Alveradis wusste, dass er sie nicht im Stich lassen würde, trotz der vielen Arbeit auf Hof und Feld vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang.

Georg stellte nur eine knappe Frage: „Wie steht es um sie?“

„Ich weiß es nicht“, gestand Alveradis. „Das Fieber bereitet mir Sorge. Es raubt Freya die letzten Kräfte. Ich muss die Nachgeburt abwarten, bevor ich mehr sagen kann.“

Ihr Blick schweifte kurz zu Freya, an deren Seite die beiden jüngeren Söhne knieten. Sie kümmerten sich um die Mutter und um ihre neue Schwester. Mit gedämpfter Stimme sprach Alveradis weiter. „Ich möchte keine falsche Hoffnung wecken und spreche offen zu dir. Es kann sich zwar alles zum Guten wenden, doch es könnte auch sein, dass sie es nicht überlebt. Wenn sich die Nachgeburt nicht richtig löst und deine Mutter zu viel Blut verliert, dann kann auch ich nichts ausrichten.“

In Georgs Augen zeigte sich Schrecken. Schnell packte Alveradis ihn am Oberarm, zog ihn näher zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Behalte es für dich. Weihe deine Brüder noch nicht ein, auch wenn es Freya sichtlich schlechter gehen sollte. Sie hängen noch zu sehr an ihrer Mutter. Ich werde euch zur Seite stehen, soweit es mir möglich ist. Wir werden unser Bestes versuchen, um es zum Guten zu wenden. Doch manches liegt nicht in unserer Hand und wird von höheren Mächten entschieden.“

Die Kräuterfrau blickte Georg noch einmal tief in die Augen und sah darin Verwirrung, Angst und Hoffnung zugleich. Er war ein starker, junger Mann und er würde alles unternehmen, um seine Mutter zu retten. Alveradis gab sich einen befreienden Ruck, dankte Georg noch einmal für seine Hilfe und begab sich wieder an das Lager. Ihre Arbeit war noch nicht getan. Die Nabelschnur pulsierte noch, wenn auch schwach. Zu Alveradis Schrecken war das Stroh um Freyas Unterleib jetzt blutiger als unmittelbar nach der Geburt. Das war kein gutes Zeichen!

Sie wollte gerade etwas dagegen unternehmen, da bemerkte sie, wie sie von dem winzigen, rothaarigen Menschenkind genau betrachtet wurde. Alveradis spürte, wie das Kind in diesem Moment einen Platz in ihrem Herz beanspruchte. Zärtlich strich sie dem Kind über das feuchte Haupt.

„Welchen Namen soll sie bekommen?“, fragte sie die Mutter.

„Sie soll Svea heißen.“

„Svea …“, wiederholte Alveradis und ließ den Namen im Raum klingen. „Ein schöner Name.“ Mit einem Lächeln wandte sich Alveradis an das Kind. „Ja, ein wirklich besonderer Name, Svea! Willkommen in dieser Welt.“

Das Blut sickerte weiter in das Stroh, und Alveradis wusste noch nicht, wie der heutige Tag enden würde.

Anno 956 – Sigrun

Die Pferde wurden unruhig, als der plötzlich aufkommende Wind die Blätter des nächtlichen Waldes in Bewegung setzte. Das ein oder andere Tier schnaubte laut und begann, nervös mit den Hufen im weichen Waldboden zu scharren. Ihre Reiter, mehrere Dutzend an der Zahl, konnten sie mit besänftigenden Worten wieder beruhigen. Sie waren in Rüstungen gekleidet und mit Langschwertern, Äxten und Schilden bewaffnet. Für sie galt es jetzt unbedingt, im Verborgenen zu bleiben.

Die vorderen Reihen der Bewaffneten, etwa die Hälfte, standen nahe am Waldesrand. Diese Reiter unterschieden sich in ihrer Erscheinung von den hinteren durch ihre Kleidung und Waffen, die in diesem Landstrich nicht üblich waren. Ein erfahrenes Auge konnte sofort erkennen, dass ihre seltsam bemalten Rundschilde, eigenartig kurzen Schwerter und Wurfäxte der Art des rauen Nordens entsprachen. Es waren die Waffen und Rüstungen der gefürchteten Nordmänner, der gnadenlos raubenden und mordenden Wölfe aus den kalten Landen jenseits der nördlichen Meere, die mit dem Auftauchen ihrer schlanken, schnellen Boote überall Angst und Schrecken verbreiteten.

Hier allerdings saßen sie völlig ruhig zu Pferd, als wären sie zuhause. Ein ungewöhnlicher Anblick, denn ein befahrbarer Fluss war etwa einen Tagesmarsch entfernt und es war bisher nicht überliefert, dass die Eiswölfe, wie sie im Volksmund auch genannt wurden, zu Pferd derart tief in fremdes Gebiet vordrangen, um Beute zu machen.

Umso seltsamer muteten die hinteren Reihen der Bewaffneten an. Selbst ein hiesiger Bauer hätte sie sofort als Landsleute erkannt. Ihre Rüstungen und Waffen entsprachen denen eines jeden Kriegers in der Grafschaft. Verwunderlich war, dass die beiden ungleichen, sonst feindlich gesinnten Gruppen, beinahe regungslos und friedlich miteinander warteten und die nahe, auf einer Felsenkuppe trutzende Burg jenseits des Waldes beobachteten.

Die Nacht war sternenklar. Das Mondlicht tauchte die Wiesen zwischen dem Wald und der Burg in ein fahles Licht. Es schien eine ungünstige Nacht für das Vorhaben zu sein, doch ein fernes Grollen aus dem Westen kündete einen heraufziehenden Sturm an. Erste Wolken verdunkelten bereits den Horizont. Bald würden sie den gesamten Himmel bedecken und das verräterische Licht des Mondes verbergen.

Bisher galt die Burg des Grafen als uneinnehmbar. Die Festung, mit einem starken Tor geschützt und von dicken Mauern umgeben, strahlte Macht und Sicherheit aus, als wolle sie die Wartenden verspotten. Stark prangte sie auf dem Felsen und wurde ihrem Namen gerecht, der landläufig die Greifburg lautete. Wie der Horst eines Raubvogels war auch diese Feste für Angreifer unerreichbar.

Die Anhöhe stieg vom Westen her steil an und bildete im Nordosten ein hoch aufragendes Felsmassiv, das in einem fast senkrechten Abgrund endete und unmöglich zu erklimmen war. Dieser zerklüftete Abschnitt des Felsens bildete einen Teil des Außenwalls der Burg. Die übrigen Mauern der Wehranlage bestanden aus festem, solidem Stein. Die meisten Burgen in den Landen besaßen nicht mehr als einen Palisadenwall mit einem Wehrgang und einem Bergfried zur Verteidigung, doch die Burg des Grafen war anders. Mit mehreren Türmen, überdachten Wehrgängen, schützenden Zinnen und einem mächtigen Burgtor war die Feste gegen einen direkten Ansturm gut gewappnet und sie würde einem solchen standhalten können, ohne größeren Schaden davonzutragen. Eingeteilt in Vor- und Hauptburg, befanden sich alle wichtigen Gebäude innerhalb der Feste, um als eine eigenständige Siedlung im Falle einer Belagerung bestehen zu können. Das Wichtigste, die Versorgung mit Wasser, wurde durch ein Brunnenhaus mit einer großen Zisterne gesichert. Zudem hatte der einstige Bauherr zahlreiche Vorratsstollen im Fels anlegen lassen, die meist gut gefüllt waren. Die Burgbesatzung mittels einer Belagerung auszuhungern, wäre ein langes Unterfangen.

Den einzigen Zugang zur Burg gewährte ein schmaler, sich links am steilen Hang anschmiegender Pfad. Er war gerade breit genug für einen Karren oder zwei Pferde nebeneinander. Jedem, der die Absicht hatte die Burg zu erstürmen, blieb nur dieser Weg und er war gezwungen, den Schild zum Schutz in die rechte Hand zu nehmen und das Schwert im Futteral zu belassen. Andernfalls wäre er den Bogenschützen der Verteidiger schutzlos ausgeliefert. Sollte trotz aller Wehranlagen das Tor dennoch einmal fallen, so müsste der Feind noch gegen zahlreiche innere Verteidigungsanlagen bestehen, bevor er endlich zum Innenhof der Hauptburg und dem Bergfried gelangen konnte. Mit bloßer Gewalt war die Greifburg nicht einzunehmen. Wer es dennoch wagte, musste mit immensen Verlusten rechnen. „Die Gefallenen wären so zahlreich, dass man auf ihnen wie auf einer Stiege die Mauern mühelos erklimmen könnte“, hatte es einst ein Hauptmann geschildert, als man nach seiner Einschätzung, die Burg zu erstürmen, gefragt hatte.

Die wartenden Männer im Walde waren nicht für eine Belagerung ausgerüstet. Ihr Vorhaben musste schnell vonstatten gehen und ihr Erfolg hing nicht von ihrer Zahl, Überlegenheit und Kampfkraft ab, sondern von ihrer List, Schnelligkeit und Stille. So verharrten sie weiter geduldig, wenn auch angespannt in ihrem Versteck und beobachteten die Burg. Sie hofften auf das Zeichen für den baldigen Angriff.

Die Pferde traten nervös auf der Stelle. Es lag am Geruch der Leichen, die quer auf den Rücken einiger Rösser lagen. Immer wieder blähten sie ihre Nüstern auf, als wollten sie mit einem heftigen Schnauben den abstoßenden Gestank der Verwesung vertreiben.

Ein Blitz erhellte den Himmel kurz und grell.

Einige Pferde scheuten, als der Donner, unerwartet nahe, laut grollend zuschlug. Für einen kurzen Augenblick wurden die Gesichter der Männer erhellt. Manche zuckten ängstlich zusammen und einige Lippen sandten wohl Stoßgebete gen Himmel, dass der gerechte Herr ihnen nicht zürnen möge. Manche unter ihnen hielten sicherlich noch an dem fast vergessenen, heidnischen Glauben fest und riefen alte Gottheiten an. Welche Macht sie auch immer anflehen mochten, sie baten um deren Gunst und Beistand.

Nur das Gesicht eines Mannes war gänzlich unerschrocken. Er blickte ruhig auf die Burg, wirkte dabei entspannt, aber sehr bestimmt. Auf seltsame Weise strahlte dieser Mann sogar Zufriedenheit aus. Er hatte sein Pferd gut im Griff. Im Gegensatz zu vielen seiner Artgenossen regte sich das Tier nicht ein einziges Mal während des Donners. Dies war kein gewöhnliches Pferd, sondern ein gewaltiges, edles Schlachtross. Ein solches Tier war nicht so leicht zu erschrecken, waren ihm doch lärmende Kämpfe, Gewalt, Blut und der Geruch des Todes vertraut. Das Pferd passte aufgrund seiner großen und muskulösen Statur ausgesprochen gut zu seinem Herrn, denn dieser überragte die meisten Männer um nahezu eine Haupteslänge. Er war ein Fels von einem Krieger, groß, spröde und hart.

Auch die Gewandung des Mannes hob sich von jener der übrigen Krieger deutlich ab, war von weitaus feinerer Qualität. Beinkleider, Wams, Schulterschutz und Armschienen bestanden aus bestem Leder. Oberhalb des Kragens schimmerte schwach die eiserne Brünne des unter dem Leder getragenen Kettenhemdes hervor, die den gesamten Hals bis unter das Kinn schützte. In einem fein gearbeiteten Lederfutteral zu seiner Linken befand sich ein Langschwert und ein runder, mit Metall beschlagener Schild hing rechts an seinem Sattel.

Ohne Zweifel oblag diesem Krieger die Befehlsgewalt über die merkwürdige Reiterschar. Das war nicht nur daran erkennbar, dass die Männer einen respektvollen Abstand zu ihm hielten oder weil er feinere Gewandung trug. Nein, seine gesamte Erscheinung war es, die Autorität ausstrahlte.

Plötzlich löste sich einer der Reiter aus dem Dunkel der hinteren Baumreihen, statt wie befohlen an seinem Platz zu warten, und hielt auf den großen Krieger zu. Auch dieser Mann war anders gekleidet. Trotz der sommerlichen Schwüle hüllte er sich in einen schwarzen Mantel, unter dem er weder Waffen noch Rüstung trug. Eine Kapuze verbarg sein Gesicht völlig, doch sein Blick war unverkennbar ebenfalls starr auf die Burg gerichtet. Nach einem kurzen Zögern wandte er sich dem Anführer zu und seine raunende, eindringliche Stimme brach das Schweigen. „Die Männer und die Pferde werden langsam unruhig.“

Der Kommandant reagierte nicht. Unsicher wandte sich der Verhüllte wieder der Burg zu und schwieg für eine Weile. Der Krieger erkannte an den unruhigen Händen die Nervosität des Mannes und so wunderte er sich nicht, dass dieser das befohlene Schweigen bald erneut brach: „Wo bleibt das vereinbarte Zeichen? Es ist längst überfällig! Wer weiß, ob Eure Spießgesellen nicht volltrunken bei einer Dirne liegen, statt ihren Auftrag auszuführen.“

Einzig eine hochgezogene Augenbraue deutete darauf hin, dass der Krieger die Worte vernommen hatte. Trotz des soeben geäußerten Zweifels an seinem Durchsetzungsvermögen und der Loyalität seiner Verbündeten blieb seine Stimme ruhig, als er zum Gegenzug ansetzte. „Ich kann mich auf meine Männer verlassen. Es sind einfache Handgriffe, die ich von ihnen erwarte, und glaubt mir, sie führen diese nicht zum ersten Mal aus. Im Glauben seid Ihr doch stark, nicht wahr?“

Der Seitenhieb saß und die verhüllte Gestalt schwieg für einige Augenblicke, schluckte die Enttäuschung und die eigene Angst herunter. Doch lange konnte sie die Stille nicht bewahren: „Die Männer können sich und ihre Tiere kaum noch zurückhalten. Seht Ihr denn nicht, wie angespannt sie sind? Ein Wiehern oder ein Husten kann uns verraten. Der aufkommende Wind trägt die Geräusche heute Nacht weit und es würde mich nicht wundern, wenn er den Gestank der Leichen bereits bis zur Feste getragen hat.“

„Habt Ihr schon einmal eine Schlacht erlebt? Ward Ihr schon einmal bei der Erstürmung einer Burg dabei? Oder vielleicht bei dem galoppierenden Ritt der Vorhut auf das feindliche Heer zu? Habt Ihr schon einmal das bebende Zittern der Erwartung kurz vor dem Zusammentreffen von Lanze mit Schild, Rüstung und Fleisch gespürt?“

Wäre das verhüllte Gesicht unter der Kapuze zu sehen gewesen, so hätte der Krieger Abscheu erkannt. So war allerdings nur die Stimme zu vernehmen, die nicht viel mehr als eine gezügelte Entrüstung preisgab. „Was denkt Ihr? Natürlich nicht! Schließlich bin ich ein Diener des Herrn und kein Krieger!“

„Dann tut das Eurige, um die Männer zu beruhigen und erteilt die Absolution!“

Der Befehlshaber duldete keine Widerrede. Obwohl der Kleriker kein Getreuer des Kriegers war, fügte er sich dennoch, wenn auch zögerlich. Als er sein Pferd bereits gewendet hatte, hielt er noch einmal inne, um dem Kommandanten erneut die Stirn zu bieten. „Vergesst nicht, ich riskiere viel mit meiner Anwesenheit.“

„Wer in seinem Leben nichts wagt, der wird auch nichts gewinnen. Und gewinnen ist doch genau das, was Ihr am meisten wollt, und zwar noch im Diesseits, nicht wahr? Wenn ich Euch richtig einschätze, so haltet Ihr es nicht ganz so streng mit den Worten, die von den Kanzeln der Kirchen gepredigt werden. Ihr vertraut doch nicht nur auf eine nicht greifbare Belohnung im Jenseits. Oder täusche ich mich?“

Der Priester suchte nach einer passenden Antwort, entschied sich jedoch zu schweigen und bewegte seinen Gaul schließlich zu den wartenden Reitern, um seinen Beitrag zum Gelingen des nächtlichen Vorhabens zu leisten.

Erst jetzt richtete der Kommandant seinen Blick für einen kurzen Moment auf den Kleriker, als wollte er sich vergewissern, nicht weiter durch unnötiges Gerede gestört zu werden. Dann wandte er sich wieder der Burg zu. Gerade noch rechtzeitig, um ein kleines, flackerndes Licht zu bemerken, das in einem der oberen Fenster des Bergfrieds unerwartet aufleuchtete.

Das war ein ganz und gar schlechtes Zeichen, denn es bedeutete, dass entweder der Graf oder dessen Gemahlin erwacht war. Das könnte den Plan des Kriegers vereiteln. Umso mehr war jetzt Schnelligkeit gefragt. Wo blieb nur das verabredete Zeichen?

Er war so nahe daran, endlich das zu erlangen, wonach er sein Leben lang gestrebt hatte. Durch nichts würde er es sich heute Nacht nehmen lassen!

* * *

Sigrun entzündete weitere Kerzen im dunklen Schlafgemach, hoch oben im Bergfried. Sie ging dabei sehr vorsichtig und geschickt vor und ließ keinen einzigen Tropfen des kostbaren Wachses fallen. Auf dem Arm trug sie ihren einzigen Sohn, Rogar, der weinend mitten in der Nacht aufgewacht war. Er hatte sich sofort wieder beruhigt, als er die Wärme und Nähe seiner Mutter spürte. Jetzt schmiegte er sich an sie und beobachtete, wie sie die Lichter entzündete.

Sigrun wusste, dass ihr Junge nach einem solchen Nachtschrecken etwas Helligkeit benötigte, um die Schatten aus den Ecken des Raumes zu vertreiben. Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen wegen der Kerzen, denn sie waren ein teures Gut, das sich nur wenige leisten konnten. Dann aber besann sie sich, dass sie das Licht für ihren kleinen Jungen in Anspruch nahm und für ihn war ihr nichts zu kostbar.

Obwohl Sigrun zierlich von Gestalt war, empfand sie das Gewicht des beinahe siebenjährigen Kindes keineswegs als Last. Im Gegenteil, sie trug den Jungen gerne. Vielleicht lag es daran, dass er für sein Alter recht zart gebaut war. Doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass vielmehr ihre Liebe zu ihm ihr die Kraft gab, ihn mit Freude zu tragen. Vor allem während seiner schweren Krankheit hatte ihr diese Liebe immer wieder die erforderliche Stärke gegeben, ihn über Stunden hinweg tragen zu können.

Trotz der nächtlichen Unruhe durch das Weinen des Kindes und das flackernde Kerzenlicht war Sigruns Gemahl Farold nicht erwacht. Dem leisen Schnarchen nach zu urteilen, schlummerte er noch tief und fest. Als sie ihn so friedlich auf dem Bett liegen sah, erinnerte sie sich an den Tag ihres Kennenlernens, was ein liebevolles Schmunzeln bei ihr hervorrief.

Damals war sie ein unwissendes Mädchen gewesen, dessen Vater einen völlig fremden und viel zu alten Mann als ihren Gemahl auserwählt hatte. Es war eine arrangierte Hochzeit aus politischen Gründen gewesen, deren einziges Ziel es war, Macht zu erlangen und Verbündete zu finden. Liebe spielte dabei keine Rolle.

Sigrun bekam ihren zukünftigen Ehegatten erst wenige Tage vor der Vermählung zum ersten Mal zu Gesicht und war, gelinde ausgedrückt, fassungslos gewesen. Nicht nur wegen seines Anblicks, sondern vor allem wegen seines Alters. Man hatte ihr damals zwar mitgeteilt, dass er bereits nahezu dreißig Jahre zählte und Sigrun hatte daher auch keinen Jüngling erwartet. Als er dann jedoch leibhaftig vor ihr stand, zerbrachen all ihre Vorstellungen in tausend Scherben.

Aufgrund der blumigen Erzählungen ihrer Mutter über die Stattlichkeit des Grafen hatte Sigrun ihn sich immer als einen hoch gewachsenen, edlen und fein gekleideten Herrn vorgestellt, der nur so vor Kraft strotzte. Als einen Mann, der allein schon durch seine Anwesenheit jede Frage von Autorität beantwortete. Als Sigrun schließlich das erste Mal vor Farold stand, konnte sie nicht glauben, dass er der Graf sein sollte. Hätte man ihn ihr nicht mit Namen und Stand vorgestellt, wäre sie an ihm wie an einem getreuen Krieger ihres Vaters vorbeigeschritten, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Weder war er hoch gewachsen, noch trug er besonders feine Kleidung. Im Gegenteil! Seine Gewandung bestand zwar aus gutem, aber auch sehr einfachem Leder. Was seine Größe betraf, so überragte sie ihn sogar um knapp zwei Fingerbreit. Seine Statur war kräftig, wirkte leicht untersetzt und entbehrte jeglicher Eleganz des Mannes ihrer mädchenhaften, naiven Träume.

Ihre Enttäuschung und Ernüchterung hätte sie vielleicht mit einem Wimpernschlag verbergen können. Doch was ihr sichtlich den Atem verschlug, war sein unglaublicher Bart! Es war nicht etwa ein kleiner, gestutzter, zierlicher Bart. Nein, es handelte sich dabei um einen kräftigen, dichten Vollbart aus dunklem, krausem Haar in einem kaum zu erkennenden Gesicht, das sie in Zukunft lieben, ehren und sogar küssen sollte! Diese Behaarung traf sie wie ein Schlag. Ihr zukünftiger Gatte wirkte bedrohlich auf sie und hatte etwas Animalisches an sich, fern jeder Anmut.

Sigrun hatte damals all ihre Willensstärke aufbringen müssen, um nicht einen Schritt zurück zu machen. Ihr kurzes Zögern wurde jedoch von allen Anwesenden bemerkt. Eine betretene Stille erfüllte den zuvor noch so heiter gestimmten Raum. In diesem Moment zeigte sich Farolds exzellente Beobachtungsgabe und sein Feingefühl in schwierigen Situationen, die ihn als Grafen auszeichneten. Und genau diese Eigenschaften waren es auch, die Sigrun als Erstes an ihm kennen und lieben lernte. Mit einer humorigen Bemerkung auf seine Kosten und einem kurzen, herzhaften Lachen kam der Graf auf sie zu und die Spannung im Raum löste sich auf. Dieser herzhafte, von Grund auf ehrliche Humor war das nächste, was Sigrun an Farold lieben lernte. Die eigentliche Liebe kam allerdings erst sehr viel später, lange nachdem sie verheiratet waren.

Zum Zeitpunkt der Trauung war Sigrun noch so unbedarft, dass sie nicht wusste, welches Leben sie an der Seite dieses Mannes erwartete. Geistig abwesend hatte sie ihm in der kleinen Kapelle der Greifburg das Eheversprechen gegeben. Auch ihre jüngeren Schwestern konnten ihr damals keinen Trost spenden, denn wovor sich die junge Braut am meisten fürchtete, war die bevorstehende Nacht mit ihrem Gemahl.

Sigrun war unter den fürsorglichen Augen ihrer Mutter aufgewachsen und unschuldig geblieben, hatte ihre so kostbar gehandelte Jungfräulichkeit für diesen Tag aufbewahrt. Aus Erzählungen und Kommentaren der Bediensteten konnte sich Sigrun immerhin eine vage Vorstellung von dem machen, was sie in dieser ersten Nacht der Ehe erwarten würde. Diese Ahnung ließ sie vor Furcht erstarren.

Das Betten der Frau in der Hochzeitsnacht kam einem Pflichtakt gleich. Der Beweis für den Vollzug der Ehe war das blutige Leintuch des Nachtlagers, das am nächsten Morgen von den Mägden entfernt wurde. Über all das wurde zwar niemals offen gesprochen, doch vom Wechseln der Linnen bis hin zum weit verbreiteten Gerücht würde es nicht einmal bis zum Abend dauern, und alle Anwesenden auf der Burg würden Kenntnis davon besitzen, ob das Tuch befleckt war oder nicht.

Aus Furcht vor dieser Nacht zog Sigrun es in Erwägung, sich ihrem Gemahl zu entziehen. Wenn er sie nicht mit Gewalt gefügig machen würde, könnte sie diese Erfahrung noch einige Zeit von sich fernhalten.

Ein unbeflecktes Bettleinen konnte allerdings zwei mögliche Gerüchte am nächsten Morgen zur Folge haben. Eines davon würde der Wahrheit entsprechen und lauten, dass in der Nacht nichts geschehen war. Es würde den frisch vermählten Grafen allerdings schwach erscheinen lassen, unfähig, sein Recht im Bett einzufordern. Ein fatales Gerücht für Farolds Machtstellung, denn diese Geschichte würde sich auch jenseits der Burgmauern wie ein Lauffeuer ausbreiten. Nicht nur Bauern würden diesen Worten lauschen, sondern auch Vasallen, Gleichgestellte und Mächtigere von höherem Stande.

Das andere mögliche Gerücht hätte Sigruns Unberührtheit in Frage gestellt, sollte sich ihr Gatte trotz fehlenden Blutes auf dem Linnen damit brüsten, seine Gemahlin ganz nach seinem Willen genommen zu haben. In diesem Zwiespalt gefangen verstrich der Tag der Vermählung viel zu schnell. Sigruns Gedanken weilten immer wieder bei der bevorstehenden Nacht und sie war wohl die einzige auf dem Fest, die keine Freude verspürte.

Als schließlich der gefürchtete Augenblick gekommen war, wurde das Paar von zwei Mägden zum Gemach begleitet und dann sich selbst überlassen.

In der Kammer war alles vorbereitet worden, um die Nacht so angenehm wie möglich zu gestalten. Blüten lagen verstreut auf Bett und Boden, ein Krug mit Wasser und eine Schale mit Früchten sorgten für Erfrischung. Eine Vielzahl von flackernden Kerzen versuchte den kalten Mauern ein bisschen Romantik abzutrotzen.

Vermählt und sich doch völlig fremd standen sich beide Eheleute mit respektvollem Abstand wortlos gegenüber. Keiner von ihnen rührte sich. Sigrun hatte sich im Verlauf des Abends vorgenommen, ihrem Gatten keinen Widerstand entgegenzubringen, doch den ersten Schritt wollte sie auch nicht machen.

Nach einer kleinen Ewigkeit des Schweigens zeigte sich langsam ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen des Grafen. Als habe er Sigruns Gedanken erraten, nickte er nur ein einziges Mal. Und dann ging alles ganz schnell.

Mit zwei großen Schritten stand Farold urplötzlich dicht bei ihr. Kräftig ergriff er Sigruns Handgelenke und zog sie zum Bett. Ihr Puls raste und das Blut rauschte in den Ohren. Sie hatte geglaubt, auf alles gefasst zu sein, doch was dann geschah, hatte sie sich selbst in ihren wildesten Vorstellungen nicht ausgemalt.

Farold wies seine junge Gemahlin mit ruhiger Stimme an, sich auf die Mitte des Bettes zu knien, während er seinen Dolch aus dem Futteral zog. Sigruns Augen weiteten sich in grenzenloser Furcht und sie vergaß für einen Moment seiner Aufforderung Folge zu leisten. Mit entblößter Klinge wartete der Graf geduldig, bis sie die Bettmitte eingenommen hatte. Sigrun konnte die flinke, mit sicherer Hand geführte Schneide kaum sehen, als der Graf ihr Kleid an einigen Stellen auftrennte und es ihr vom Leib riss.

Mit Entsetzen haftete Sigruns Blick auf den Fetzen des eigens für die Trauung angefertigten Gewandes, so dass sie den Dolch nur aus den Augenwinkeln wahrnahm. Ein scharfer Schmerz und ihr kurzer Aufschrei erschreckten sie so sehr, dass sie den Atem anhielt. Angsterfüllt sah sie Blut aus einem feinen Schnitt am ihrem linken Oberarm laufen. Ohne ein einziges Wort zu verlieren stand der Graf vom Lager auf und holte den Krug. Er goss ein Rinnsal Wasser über die Wunde, das seinen Weg auf das Leintuch über den Ellenbogen fand. Die Tropfen zerplatzten dort in hellem, zartem Rosa und wurden von den Fasern des Linnens gierig aufgesogen. Sigrun glaubte, die Zeit bliebe stehen, als sie ihren Lebenssaft im Tuch versickern sah.

Wie aus einem Albtraum brachte ihr Gemahl sie wieder zur Besinnung, indem er die Wunde mit einem Tuch sanft abtupfte. Er presste damit so lange auf den Schnitt, bis kein Blut mehr hervortrat. Für diesen Augenblick waren sie sich so nahe, dass Sigrun den Atem ihres Gatten auf ihrer nackten Haut spürte. Sein Blick durchdrang sie bis ins Mark und ein Schauer durchlief ihren Körper. Mit einem Mal begriff sie, was all das zu bedeuten hatte.

Die Nähe der beiden war nur von kurzer Dauer. Der Graf nahm das Tuch von der Wunde, rieb es anschließend über die blutige Stelle auf dem Leintuch und verteilte so das helle Rot zu einem ungleichmäßigen Fleck. Danach erhob er sich vom Bett und setzte sich in einen hohen Stuhl neben einem der kleinen Fenster, mit dem Rücken zu seiner jungen, hübschen Gemahlin.

Sigrun glitt aus ihrer knienden Haltung und starrte Farold ungläubig an. Was er soeben vollbracht hatte, war eine ebenso liebevolle wie einfache Lösung, um aus einer für beide schwierigen Situation zu gelangen. Die junge Gräfin wusste, dass Farold sie heute Nacht zu nichts zwingen würde. Nicht in dieser Nacht und auch nicht in den nächsten. Erst viel später wurde ihr bewusst, dass er mit dieser Tat den Grundstein für das Fundament gelegt hatte, das später einmal die starke Feste ihrer unerschütterlichen Liebe tragen würde.

Ihre Liebe benötigte Zeit und sie entwickelte sich langsam. Je besser sie sich kennen lernten, umso näher kamen sie sich. Als der Tag schließlich gekommen war, an dem sie ihn ebenso begehrte wie er sie, war es weder Nacht noch befanden sie sich in ihrem Schlafgemach. Es war lichter Tag und ihr Lager war ein Felsen im nahe gelegenen Wald. Sigruns Verlangen war so groß, dass der kurze, reißende Schmerz in ihrem Unterleib sehr schnell einem unbekannten, viel angenehmeren Gefühl wich, als er sie mit seiner Männlichkeit ausfüllte. Es war in jeder Beziehung anders, als sie es sich aufgrund der grausigen Erzählungen vorgestellt hatte. Und nachdem sie einmal von dieser süßen Frucht der Leidenschaft gekostet hatte, hatte Farold alle Hände voll zu tun, sie zu sättigen.

Diese schönen Erinnerungen an vergangene Tage zauberten ein Lächeln auf Sigruns Lippen und sie spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Dabei gab es nichts, wofür sie sich hätte schämen müssen, schon gar nicht ob der Liebe zu ihrem Gatten. Aus dieser Liebe war so viel entsprungen.

Rogar war nicht ihr erstes Kind gewesen, doch er war das einzige, das ihnen geblieben war. Sigrun hatte vor ihm bereits zwei Geburten bewältigt, doch beide Kinder, ein Mädchen und ein Junge, wurden nur ein, beziehungsweise drei Jahre alt. Sie starben beide an einer unbekannten Krankheit, gegen die man kein Heilmittel kannte. Weder Mönchsärzte noch sonstige Heiler vermochten die Kinder zu retten. Am Ende blieben nur die Worte der Kleriker, welche die Krankheiten als Prüfung Gottes deuteten und vom Jenseits und Sühne sprachen. Worte, die weder halfen, noch Trost spendeten.

Auch Rogar erkrankte in seinem vierten Lebensjahr so schwer, dass alle Heilkundigen erneut ratlos um sein Krankenlager standen und es als weitere Prüfung Gottes deuteten. Sigrun war verzweifelt und befürchtete, auch ihr drittes Kind zu verlieren. Als dann die Pusteln aufbrachen und eitriger Sud ausfloss, wollte niemand außer ihr und Farold noch an eine Heilung glauben.

Sigrun pflegte den schwachen Rogar unermüdlich weiter, hielt die offenen Pusteln sauber und hoffte, dass ein Wunder geschehen möge.

Es war in einer jener Nächte des endlosen Bangens und Hoffens am Krankenlager des Jungen, als eine merkwürdige Frau die Kammer betrat. Ihre Erscheinung spottete jeder Beschreibung. Sie trug weder die Gewandung einer Magd, noch war sie als Bäuerin zu beschreiben. Ihr Rock war ein einziges Flickwerk. Das lockige Haar war lang und grau. Sigrun glaubte, eine jener wilden Frauen vor sich zu sehen, die allein im Wald hausten.

Noch bevor sie fragen konnte, wie diese Frau Zutritt erhalten hatte, ging die Fremde zielstrebig auf das Krankenlager zu. Aus einem unerklärlichen Grund ließ Sigrun die Alte gewähren, statt sich ihr in den Weg zu stellen.

Der beleibte Geistliche, der für die Notwendigkeit der letzten Ölung Tag und Nacht in der Kammer zugegen war, schreckte beim Aufschlagen der Tür aus dem Schlaf und fiel beinahe von der kleinen Bank. Er versuchte sich aufzurichten, doch sein massiger Körper wollte nicht gehorchen. So kämpfte der Mönch noch um Haltung, während die wilde Frau bereits das Leintuch vom Jungen nahm und ihn genau betrachtete.

Die Fremde stellte ein paar Fragen über den Verlauf der Krankheit. Wann die Pusteln aufgetreten waren, seit wann das Fieber wütete und was man dagegen schon alles unternommen hatte. Im Gegensatz zu den übrigen Heilern zuvor wollte die Frau einfach alles wissen. Sigrun antwortete bereitwillig.

In der Zwischenzeit hatte sich der Mönch erfolgreich von der Bank erhoben und kam schwer schnaufend auf die beiden Frauen zu. Er versuchte, die in Lumpen gekleidete Wilde mit lauten und garstigen Worten vom Lager zu vertreiben, hielt dabei aber einen sicheren Abstand ein, um ihr nicht zu nahe zu kommen oder sie gar zu berühren. Sein Geschrei veranlasste sie dazu, ihn mit harschen Worten beten zu schicken, damit er wenigstens das Seine für das Wohl des Kindes täte und sie in Ruhe wirken könne. Selbst in diesem Augenblick, in dem die Alte die kirchliche Autorität lächerlich machte, dachte Sigrun nicht daran, die Fremde von der Seite ihres Jungen zu stoßen.

Die Wilde kramte in einem großen Beutel und entnahm ihm etliche kleinere Bündel und Päckchen. Sie griff sich eine hölzerne Schale, forderte Sigrun auf, gut zuzusehen und begann verschiedene Kräuter zu zerreiben und mit Fett zu einer dicken Paste zu verrühren. Die Gräfin würde diese noch öfter anrühren müssen, wenn sie ihren Jungen je wieder gesund sehen wolle, lautete die Anweisung der Fremden.

Mit dem fertigen Brei bestrich sie sorgfältig die Pusteln und offenen Wunden. Dem Mönch, der bislang alldem fassungslos beigewohnt hatte, weiteten sich die Augen. Entsetzt vor sich hin schimpfend entfloh er schließlich dem heidnischen Treiben und schlug die Kammertür laut krachend hinter sich zu.

Als der Junge wieder in ein sauberes Leintuch eingewickelt war, gab die wilde Frau Sigrun noch ein paar Anweisungen, packte dann ihren Beutel und verschwand ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war. Wenige Zeit später platzte Farold mit dem Mönch und einigen Bewaffneten in die Schlafkammer.

Sigrun ließ dem Mönch keine Gelegenheit, die Heilmittel der Kräuterkundigen in Frage zu stellen. Schnell raffte sie die zurückgelassenen Heilmittel zusammen, warf sie in Farolds große Truhe und setzte sich auf den schweren Deckel. So sehr der Gottesmann die Mittel auch schlecht reden mochte, Sigrun gab sie nicht frei. Stattdessen forderte sie ihn auf, sie mit ihrem Sohn endlich in Frieden zu lassen. Der Mönch zog gekränkt davon und verließ bereits im Morgengrauen die Burg. Die Gräfin verzichtete nur zu gerne auf den Geistlichen, dessen dürftiger Beistand bisher ohnehin nichts bewirkt hatte. Auf die beschwichtigenden Worte ihres Gatten wollte sie ebenfalls nicht hören. Sigrun war es gleich, ob sie einen Mann Gottes oder einen Scharlatan fortschicken musste. Wenn sie nichts für den Jungen tun konnten, so hatte keiner von ihnen etwas an Rogars Lager zu suchen.

Die Krankheit blieb eine lange und harte Prüfung für Sigrun. Geduldig befolgte sie die Anweisungen der wilden Frau und erst nach drei Wochen besserte sich die Lage des Jungen. Das Fieber und die Pusteln gingen über Nacht zurück, gerade zu dem Zeitpunkt, als sich der Vorrat an Kräutern dem Ende neigte. Von da an mussten allein Sigruns pflegende Hände es schaffen, Rogar wieder auf die Beine zu bringen. Und tatsächlich kehrten seine Kräfte langsam wieder zurück. Das Gesinde behauptete sogar, dass allein die Liebe der Mutter den Jungen gerettet habe.

Die Krankheit war an Rogar nicht spurlos vorüber gegangen. Diese harte und lange Pein hatte ihn verändert. Mit dem Fieber schien ihm allerdings eine Reife eingebrannt worden zu sein, die für einen Jungen seines Alters ungewöhnlich war. Er war schweigsam geworden, doch dafür legte er eine Neugierde an den Tag, die er vorher nicht besessen hatte.

Einige Burgbewohner waren davon überzeugt, dass Rogar sein zehntes Jahr nicht erleben würde, so geschwächt war er dem Krankenlager entstiegen. Doch Sigrun glaubte fest an ihren Jungen und an das, was sie sah: Einen durch die Krankheit zwar erschöpften, aber gereiften Jungen, der auch zäher und robuster geworden zu sein schien. Tatsächlich erkrankte Rogar im darauffolgenden Winter nicht ein einziges Mal.

Das alles war lange her und Sigrun riss sich aus ihren Erinnerungen. Sie fühlte sich unwohl, was vielleicht am heraufziehenden Unwetter liegen mochte. Sigrun konnte ihre Empfindung nicht in Worte fassen und wusste nicht, woher sie rührte, doch es herrschte eine seltsame Stimmung. Eine ungreifbare Falschheit lag in der Luft. Die Sommernacht war schwül und drückend. Bis vor Kurzem hatte sich noch kein Lüftchen geregt, doch jetzt kam ein Wind auf. Vom Fenster aus konnte Sigrun erkennen, wie sich die Baumwipfel des nahe gelegenen Waldes träge wiegten.

Es war beinahe genauso wie zu Rogars Geburt. Damals war es eine entsetzliche Nacht. In jenem Sommer herrschte eine über Wochen anhaltende Dürre, die in der Nacht seiner Geburt mit einem mächtigen Gewitter ihr Ende fand.

‚Eine Nacht, in der Helden gezeugt werden‘, wie einige Männer der Burg überheblich hinausposaunten.

‚Nein, eine Nacht, in der Helden geboren wurden‘, wie Sigrun es stattdessen lieber sagte. Allein aus diesem Grunde war sie schon immer fest davon überzeugt gewesen, dass Rogar sowohl die Krankheit wie auch das zehnte Lebensjahr überleben würde. Es war seine Bestimmung zu überleben, dessen war sie sich sicher. Eines Tages würde er alt genug sein, um als würdiger Nachfolger die Grafschaft zu übernehmen.

In diesem Augenblick erhellte ein greller Blitz den Horizont, den nahen Wald und die Wiesen vor der Burg. Das kurze Schattenspiel warf groteske Figuren auf die Wände der Festung. Das Unwetter konnte jeden Augenblick losbrechen.

Sigrun drehte sich um und setzte sich, mit Rogar auf ihrem Schoß, neben ihren Gemahl. In seinem Bart, der einige Narben alter Kämpfe verbarg, zeigte sich an manchen Stellen das Grau des Alters. Sein Gesicht wirkte dadurch jedoch nicht betagt, sondern erhielt vielmehr besonders edle Züge. Es strahlte Gutmütigkeit und Härte sowie Gerechtigkeit und Gnade zugleich aus. Rogar hatte einige dieser markanten Gesichtszüge geerbt und wenn Sigrun ihren Sohn ansah, glaubte sie, ihren Gemahl als kleinen Jungen wieder zu erkennen. Zärtlich strich sie über den gepflegten Bart, woraufhin Farolds Augenlider aufsprangen. Sein Blick war hellwach.

„Was ist?“ fragte er mit belegter Stimme.

„Nichts, schlaf ruhig weiter.“

„Was ist los?“

Farold versuchte sich aufzurichten und mit den Ellbogen abzustützen, bereute es aber sofort. Mit geschlossenen Augen sank er stöhnend wieder zurück auf das Lager und hielt sich mit beiden Händen den hämmernden Schädel.

Der Schmerz rührte vom übermäßigen Weingenuss am Nachmittag. Sonst trank der Graf wenig Alkohol, Dünnbier oder stark verwässerten Wein. Heute war es aber anders gekommen. Am Nachmittag waren zwei Männer auf der Burg eingetroffen und hatten Kunde von Farolds jüngerem Bruder übermittelt. Sigrun wusste noch nicht, worum es sich bei den Neuigkeiten handelte, doch sie waren offenbar von so schlechter Art, dass Farold kurz darauf begann, Wein zu trinken. Viel Wein, und zwar unverdünnt.

Missbilligend und besorgt hatte Sigrun ihm dabei lange zugesehen. Als sie glaubte, er habe endgültig genug getrunken, schritt sie ein und ließ ihn in die Kammer bringen, wo er seinen Rausch würde ausschlafen können. Das alles war noch vor Sonnenuntergang geschehen.

Inzwischen hatte Farold geraume Zeit geschlafen und war wieder bei klarem Verstand, doch auf dem Höhepunkt körperlicher Kräfte befand er sich noch nicht. Seine angespannten Gesichtszüge berichteten von dem Schmerz, der unerbittlich in seinem Schädel hämmerte.

Farold öffnete erneut die Augen, bemerkte erstmals Rogar auf dem Schoß seiner Gemahlin und wiederholte besorgt seine Frage. „Was ist los?“

„Nichts. Beruhige dich. Rogar geht es gut. Es ist wahrscheinlich das aufkommende Unwetter. Oder er konnte den Morgen nicht abwarten. Schließlich hast du ihm versprochen, ihn an seinem siebten Jahrestag mit auf die Jagd zu nehmen, auf seinem eigenen Pony.“

„Richtig“, bemerkte Farold etwas verbittert. „Wenn mein Bruder morgen rechtzeitig eintrifft, können wir auf die Jagd gehen.“

Sigrun verstand den scharfen Unterton nicht. Vorsichtig fragte sie weiter. „Die beiden Männer waren seine Gesandten?“

„Ja.“

Natürlich hatte Sigrun die Besucher an den Wappen der Schilde erkannt und sich schon gefragt, warum zwei der Männer aus dem Gefolge ihres Schwagers einen Tag früher auf der Burg eintrafen als der Rest. Farolds knappe Antwort signalisierte ihr aber, dass es jetzt kein Gespräch darüber geben würde. Sigrun akzeptierte es zunächst und so blieb ihr nichts weiter übrig, als zu mutmaßen, um was es sich bei den Neuigkeiten handelte. Allerdings erwartete sie nichts Gutes. Die guten Nachrichten teilte Farold ihr meist sobald wie möglich mit. Nur über die Schlechten musste er immer erst eine Weile brüten, bevor er sie seiner Gemahlin offenbarte. Wahrscheinlich würde sich mit dem morgigen Tag ohnehin alles aufklären, wenn sein Bruder auf der Burg eintraf.

Rurik, der jüngere Sohn des alten Grafen, lebte auf einem großen Gutshof, etwa zwei schnelle Tagesritte von der Greifburg entfernt. Der Hof selbst war mehr als nur ein Gutshof. Großräumig angelegt und von einem Wall umgeben konnte man ihn wegen seiner Palisadenumwehrung, dem starken Tor und zwei Schutztürmen auch als kleine Burg bezeichnen. Für einen jüngeren Nachkommen durchaus ein stattliches Erbe. Die Ländereien des Guts waren überaus ertragreich und sicherten selbst in schlechten Jahren dem Besitzer ein Auskommen. Doch es war im Vergleich zu Farolds Burg und der Regentschaft über die Grafschaft sowie die Nähe zum König als dessen direkter Vasall von keiner Bedeutung für die Geschicke des Reiches.

Sigrun wusste, dass der Jüngere seinen Bruder schon immer mit Neid und Missgunst betrachtet hatte. Rurik wäre allzu gerne selbst Graf geworden und seine Frau wahrscheinlich noch lieber Gräfin. Bei den jährlichen Besuchen der beiden auf der Burg wurde Sigruns Vermutung jedes Mal durch die spitzen Bemerkungen und die kleinen Wortgefechte der beiden Brüder bestätigt. Farold hingegen sah das Ganze nicht so, obwohl er die Sticheleien seiner Gäste ebenfalls wahrnahm. Er sah darin lediglich einen gesunden, brüderlichen Wettstreit, den die beiden seit ihrer Kindheit austrugen. Nicht zuletzt verdankten sie dieser Tatsache ihren Ehrgeiz und ihr Durchsetzungsvermögen.

Als Neider oder gar Konkurrenten sah Farold seinen Bruder nicht. Aus diesem Grunde legte er auch sehr großen Wert darauf, dass die gesamte Familie des Bruders einmal im Jahr für ein paar Tage seine Gastfreundschaft in Anspruch nahm. Sigrun hielt nicht viel von diesen Besuchen. In ihren Augen waren Rurik und seine Frau nur machthungrig. Sie hatte bemerkt, dass beide mit jedem Jahr ein immer neidischeres Auge auf die Grafschaft warfen und hätte schwören können, dass beide erst dann zufrieden wären, wenn sie die Greifburg ihr Eigen nennen könnten.

Rurik und seine Gemahlin hatten ebenfalls Nachwuchs. Ihr einziger Sohn, Drogo, war ein Jahr früher geboren als Rogar, wirkte im direkten Vergleich jedoch wesentlich älter. Er war von deutlich größerer und kräftigerer Statur, schien jedoch tumb und ohne einen geistigen Funken zu sein. Nicht, dass es ihm an Intelligenz mangelte. Er bewies äußerstes Geschick und Kreativität darin, neue Wege und Mittel zu finden, um eine Katze oder ein anderes hilfloses Tier zu quälen. Das galt für Drogo als Kurzweil und ein Tag war in seinen Augen erst erfolgreich, wenn er mindestens eines seiner Opfer zur Strecke gebracht hatte! Er war schlichtweg grob und ohne jegliches Feingefühl.

Diesen Eindruck hatte zumindest Sigrun von dem Jungen. Vielleicht lag sie mit ihren Annahmen auch falsch und tat den Betroffenen Unrecht, wie ihr Gemahl sie immer wieder zu überzeugen versuchte. Doch sie konnte ihre Eindrücke ebenso wenig leugnen wie ihren eigenen Schatten: Rurik und seine Gattin waren neidisch, ihr Sohn ein gefühlloser Trampel. Dennoch nahm Sigrun sich bei jeder neuen Zusammenkunft der beiden Familien vor, ihren Gästen ohne Vorurteile gegenüberzutreten. Sie bemühte sich auch sehr dies einzuhalten, doch jedes Mal wurden ihre früheren Eindrücke mit Worten und Taten bestätigt. Eines dieser Treffen stand nun unmittelbar bevor und Sigrun sehnte schon den Tag der Abreise herbei.

Die Gräfin holte sich aus diesem bedrückenden Gedankenstrom heraus, der ihre gute Stimmung umzukehren drohte. Sie schaute Farold an und das Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück. Noch einmal strich sie ihm durch das dunkle, mit Grau durchsetzte Haupthaar. Farold hatte die Augen geschlossen, doch er schlief nicht. Er genoss ihre liebevollen Berührungen, die seinem hämmernden Schädel gut taten.

Eine heftige Windböe löschte plötzlich einige der Kerzen und Sigrun trat mit Rogar auf dem Arm an eines der schmalen Fenster. Ihren Blick hielt sie nach oben gerichtet, um die bedrohlich nahe Gewitterfront zu beobachten.

Hätte sie nach unten gesehen, so wären ihr vielleicht die beiden Schatten aufgefallen, die den Burghof flink überquerten und dabei immer wieder das Dunkel zwischen den Gebäuden aufsuchten. Doch Sigrun sah sie nicht. Ihre Augen waren auf den Sturm des Himmels gerichtet.

* * *

Wie zwei flüchtige Schatten bewegten sich die beiden Männer im Burghof. Trotz der Schwüle der Nacht trugen sie dunkle Umhänge mit hochgeschlagenen Kapuzen. Ihre lautlosen Schritte führten sie nicht etwa auf direktem Wege über den Hof, sondern dicht entlang der Häuser. In deren Schutz eilten sie vorbei an Schmiede, Waffenkammer, Kapelle und Stallhaus, bis sie sich schließlich in der Vorburg vor der Holztür der Wachstube am Haupttor befanden.

Dort legten sie flink ihre Umhänge ab, rollten sie zusammen und verbargen sie hinter einem Fass. Beide Männer waren bewaffnet und trugen unter den Mänteln Lederrüstungen mit groben Eisenringen. Mit einem kurzen Blick über den nächtlichen Burghof und die dunklen Wehranlagen vergewisserten sie sich, dass sie unbemerkt geblieben waren, öffneten dann rasch die Tür zum Wachhaus und betraten es.

Die Wachstube bestand aus einem großen Raum, der von ein paar Lampen erhellt wurde. Die kleinen Flammen flackerten beim Öffnen der Tür im Luftzug und warfen tanzende Schatten an die Wände. Eine steile Stiege führte hinauf in die nächste Ebene, über die man auf den Wehrgang der äußeren Burgmauern gelangen konnte.

In der Mitte des Raumes befand sich eine einfache, große Tafel aus Holz, um die mehrere Bänke standen. Zwei Wachen saßen dort und erhoben sich sofort, als die beiden gerüsteten Männer zu so später Stunde die Stube betraten. Der Wachhabende griff nach seinem Schwert und war bereit es zu ziehen. Er erkannte die beiden als Ruriks Männer und wusste, dass sie Gäste seines Herrn waren, doch er blieb auf der Hut. Es behagte ihm nicht, zwei Fremde in seiner Wachstube zu sehen. Noch bevor er eine Erklärung forderte, kam einer der Eindringlinge auf ihn zu und begann in beiläufigem Tonfall zu plaudern.

„Seltsame Nacht heute, was?“

„Wie meint Ihr das?“, gab der Hauptmann die Frage zurück.

„Es ist alles so ruhig auf dieser Burg.“

„Nun, was habt Ihr erwartet? Es ist mitten in der Nacht“, kam die abfällige Antwort. „Solltet Ihr zu dieser Zeit fahrende Gaukler und ein Trinkgelage erhofft haben, so muss ich Euch enttäuschen und für verrückt erklären. Ihr befindet Euch auf der Burg des Grafen Farold, nicht in einer Dorfschenke.“

Die rüden Worte rangen dem Angesprochenen nur ein geringschätziges Lächeln ab. Gelassen ging er weiter auf die Wachen zu. Es galt ihr Vertrauen zu gewinnen. „Nein, Ihr habt Recht. Fahrende Gaukler wären wohl zu viel des Guten gewesen und das Trinkgelage hat bereits heute Nachmittag stattgefunden, zumindest für Euren Herrn.“ Diese Bemerkung rief ein leises, gurgelndes Lachen bei dem zweiten Fremden hervor.

„Selbst die Mädchen bei Euch sind so prüde, dass man glauben könnte, ihre Punzen seien selbst im Hochsommer zugefroren, so kaltschnäuzig sind sie. Es ist nicht der geringste Spaß mit ihnen zu haben. Die einzige Brust, die ich zu Gesicht bekam, war die des Schmiedes. Um ehrlich zu sein, befanden sich für meinen Geschmack zu viele Haare darauf. Anscheinend schläft die ganze Burg und wir hatten daher auf ein kleines Spielchen in der Wachstube gehofft.“

Mit diesen Worten zog der Fremde ein paar Würfel aus einem kleinen Lederbeutel und ließ sie auf den Tisch fallen, dass sie tanzten. Seine andere Hand spielte dabei scheinbar nebensächlich an einer Geldkatze am Gürtel, was das leise, aber eindeutige Klirren von Münzen hervorrief.

Ein Glänzen trat in die Augen des Hauptmannes. Seine Zunge befeuchtete die trockenen Lippen und die Hand löste sich vom Schwertknauf.

„Wenn Ihr nichts dagegen habt, würde ich meine Würfel vorziehen“, erklärte er aufgeregt.

„Wie Ihr wünscht“, ging der Fremde nur allzu bereitwillig darauf ein. „Ich nehme an, Ihr seid ein Ehrenmann und Eure Würfel sind nicht falsch.“

Auf einen Wink kam nun auch der zweite Fremde näher und ließ sich auf einer Bank nieder. Die Würfel wurden geworfen und der unverdünnte Inhalt eines mitgebrachten Weinschlauches in tönerne Becher gegossen. Das Spiel war lebhaft und mit jedem gelungenen Wurf stiegen Laune und Übermut der Burgmänner, die dem Wein durstig zusprachen.

Nach einiger Zeit war die einst voll klingende Geldkatze des Fremden nahezu leer und ihr Inhalt befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches, in den Händen der Wachen. Zu deren Schadenfreude hielt das Verlieren selbst dann an, als die Würfel gegen das Paar der Fremden ausgetauscht wurden.

Schließlich waren alle Münzen verspielt und die Geselligkeit endete abrupt. Prächtig gelaunt erhob sich der Wachhabende und fragte übermütig: „Nun denn, habt Ihr genug oder gibt es noch etwas zu verlieren?“

Das Lachen der zweiten Wache bezeugte die herrschende Ausgelassenheit. Die beiden Verlierer ließen sich dadurch nicht provozieren, sondern nahmen es mit ungewöhnlicher, beinahe gefährlich wirkender Gelassenheit hin.

Der Angesprochene schenkte noch einmal Wein nach, den die Gewinner im Rausche des Glücks beinahe allein geleert hatten und trank genüsslich einen Schluck. Er dachte kurz nach, dann setzte er den Becher wieder ab.

„Wenn Ihr Münzen meint, so ist meine Börse restlos leer. Selten habe ich jemanden mit so viel Glück an einem Abend angetroffen wie Euch. Ihr habt ganze Arbeit geleistet.“

Der Fremde legte erneut eine nachdenkliche Pause ein, dann lehnte er sich etwas nach vorne und fuhr leise fort. „Doch da wäre noch etwas, um das wir spielen könnten.“

Erwartungsvolle Ruhe kehrte ein und das gierige Leuchten kehrte in die Augen des Wachmannes zurück. „Was ist es?“, fragte er ungeduldig.

„Es ist von großem Wert!“, gab der Fremde preis. „Eine Beute aus meiner härtesten Schlacht. Ich setze sie nur ungern aufs Spiel, doch jene Münzen, die ich an Euch verloren habe, waren nicht meine eigenen. Es müsste ein Wurf um Alles oder Nichts sein!“

Die Wachen waren neugierig und tauschten fragende Blicke aus. Schließlich hielt es der Wachhabende nicht mehr aus. „Zeigt schon her, was Ihr zu bieten habt!“

Vorsichtig löste der Fremde zwei Dolche von seinem Gürtel und legte sie bedächtig, ja nahezu liebevoll auf den Tisch. Die Klingen befanden sich in reich verzierten und mit kleinen Steinen besetzten Futteralen. Ihre Griffe waren aus kostbarem Elfenbein gefertigt und ebenfalls mit fremdländischen Ornamenten kunstvoll verziert. Die Wachen erkannten, dass sie der Art der weithin gefürchteten Nordmänner entsprachen.

Der Fremde zog langsam eine der Klingen aus dem Futteral. Die Schneide war scharf und wohl gepflegt, dass der Schein der Lampen sich in ihr spiegelte. Ohne Zweifel waren es meisterlich gefertigte Waffen. In den Augen der Wachmänner konnte man das Verlangen nach diesen Klingen regelrecht aufflammen sehen.

Doch das Risiko war hoch. Die volle Geldbörse war schon ein ungewöhnlich hoher Gewinn. Jetzt alles aufs Spiel zu setzen wäre möglicherweise eine Dummheit. Der Wachhabende strich sich mit der Hand über das unrasierte Kinn. „Alles oder Nichts?“

„Alles oder Nichts!ȁ, antwortete der Fremde.

„Ich weiß nicht recht … warum sollte ich dieses Risiko eingehen?“

Der Wachhabende war noch nicht überzeugt und so kam der Fremde mit der Klinge einen Schritt näher.

„Das sind die Klingen eines angesehenen Seekönigs aus dem fernen Norden. Er war wild und mächtig wie ein Wolf, ein wahrer Krieger des Eises und zu Recht ein König seines Volkes. Es war ein schwerer Kampf, bis ich ihn besiegt hatte. Beachtet die perfekte Schneide. Der Stahl ist von so hoher Qualität, dass er selten nachgeschliffen werden muss und niemals stumpf wird, von Rost ganz zu schweigen. Gebt Acht, dass Ihr Euch nicht daran verletzt!“

„Was soll das Geschwätz? Ich weiß eine gute Klinge von einer schlechten zu unterscheiden! Oder wollt Ihr mir meine Ehre und Kenntnisse als erfahrener Krieger in Abrede stellen?“

„Ich sagte, gebt Acht, sonst könntet Ihr Euch noch daran schneiden.“ „Keine Sorge, ich werde schon keine Zwiebeln damit schälen.“

Der Fremde war während des Wortwechsels langsam näher gekommen und stand jetzt direkt vor dem Hauptmann. Nahezu beiläufig stand er da, ohne den alten Haudegen eines Blickes zu würdigen. „Fürwahr, zum Zwiebelschälen sind diese Klingen nicht bestimmt. Doch eines wollte ich noch erwähnen …“

Ungeduldig wartete der Wachhabende. Die Nähe des Fremden schien ihm unangenehm zu sein, doch er blieb standhaft. Die Lust auf ein weiteres Spiel war ihm vergangen und er wollte die beiden Unbekannten nur noch aus seiner Wachstube haben. Schließlich verlor er die Geduld.

„Euer Weg endet hier. Ihr hattet Pech im Spiel. Ein Wurf wird Euch nicht alles zurückbringen. Geht jetzt und lasst Euch hier nie wieder blicken!“

Die Drohung war unmissverständlich, doch der Fremde zeigte sich weder beeindruckt noch eingeschüchtert. Sein Blick ruhte nach wie vor auf der Klinge und er fuhr im Plauderton fort: „Ich verrate Euch ein kleines Geheimnis: Weder glaube ich an das Glück im Spiel noch an ein unabwendbares Schicksal. Doch scheint Ihr daran zu glauben. Blickt mir also in die Augen und begegnet Eurem Schicksal!“

Noch bevor der Wachhabende die Worte begriff, zog der Fremde mit einer schnellen Handbewegung die Klinge quer über die Kehle seines Gegenübers. Von starker Hand geführt schnitt sie sicher und tief. Die Augen des alten Kämpfers weiteten sich in grauenhafter Erkenntnis. Nur noch ein Gurgeln entwich seiner Kehle, dann quoll das Blut hervor, ehe er sterbend auf dem Boden zusammensackte.

Seinem Waffengefährten erging es ähnlich. Auch er wurde überrascht. In seinem Hals steckte der zweite, aus nächster Nähe geworfene Dolch. Ohne einen Laut von sich zu geben, fiel er vornüber auf den Tisch und blieb dort tot liegen. Dann herrschte Stille in der kleinen Wachstube. Rote Lachen breiteten sich auf dem Tisch und dem festgetretenen Erdboden aus.

Flink begannen die beiden Meuchler, ihre Opfer zu inspizieren und vergewisserten sich ihres Todes. Ihre eben noch vorhandene Gelassenheit war wie weggeblasen. Rasch wurden die blutigen Klingen an der Gewandung der Gefallenen gesäubert und in die Futterale gesteckt. Im Vorbeigehen schnappte sich der Anführer noch die vor wenigen Augenblicken von den Wachen gewonnen geglaubte Geldbörse aus der schlaffen Hand des Hauptmanns.

„Elender Narr!“, raunte er dabei und spuckte verächtlich aus.

Sicheren Schrittes eilten die Männer die Stiege in die zweite Ebene hinauf. Von dort führte eine Tür zum Wehrgang. Die Eindringlinge wussten genau, dass noch zwei weitere Wachmänner auf ihrem Rundgang unterwegs waren und bald zurückkehren würden.

Der schweigsamere der beiden Schergen begutachtete die mit Waffen bestückte Wand und nahm sich einen Bogen und zwei Pfeile. Sein Kumpan betätigte derweil sachte und lautlos die Verriegelung der Tür zum Wehrgang und öffnete sie einen winzigen Spalt, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Die beiden Burgmänner befanden sich mit ihren Fackeln bereits in der Nähe der Tür. Sie bemerkten nicht, dass sie beobachtet wurden.

Im Inneren des Wachhauses zeigte der Anführer dem Bogenschützen mit ein paar Handzeichen an, wo sich die Männer befanden, und kniete selbst direkt hinter der Tür mit entblößtem Schwert nieder. Der Bogenschütze ging zur gegenüberliegenden Wand und hielt die beiden Pfeile parat, einen davon zum Schuss angelegt. Stumm lauschten sie den näherkommenden, schweren Schritten. Die Wache stoppte vor der Tür.

Die Fremden waren bereit!

Als sich die Tür nach innen bewegte, riss der Auflauernde sie mit aller Kraft auf, dass der erste Wachmann sein Gleichgewicht verlor und in die emporgereckte Klinge stürzte. Mit einem dumpfen Stöhnen sackte er tot auf den Steinboden. Im selben Moment zischten in kurzem Abstand zwei Pfeile durch die Öffnung und trafen den zweiten Wächter in Hals und Brust. Auch er ging, bis auf das leichte Klappern seiner Rüstung und Waffen, nahezu lautlos zu Boden.

Sofort sprangen die Fremden zu den Toten und zerrten sie hastig in das Wachhaus. Danach machte sich der Bogenschütze auf den Weg hinunter zum Haupttor, während der Anführer die Fackeln der Gefallenen ergriff und auf den Wehrgang hinaus trat. Oberhalb des großen Burgtores blieb er stehen, hob beide Fackeln und schwenkte sie genau drei Mal in großen Bögen auf und nieder.

Im selben Augenblick löste sich eine dunkle Reiterschar aus den schwarzen Baumreihen des Waldes und überquerte im Galopp die Wiesen vor der Burg. Es dauerte nicht lange und die ersten Pferde hatten den schmalen Pfad hinauf zur Feste erreicht. Das Burgtor öffnete sich langsam und wurde zu einem großen, schwarzen Maul, das bereit war, dem Verderben Einlass zu gewähren.

Es hatte begonnen!

* * *

Sigrun blickte erneut in die windige Nacht hinaus. Das Unwetter näherte sich. Viel konnte sie draußen nicht erkennen, doch irgendetwas beunruhigte sie. Noch einmal überkam sie ein merkwürdiges, bedrohliches Gefühl, das sie näher an das Fenster treten und ihr Haupt über die Brüstung hinausrecken ließ.

Die Gewitterwolken hatten den Nachthimmel erobert und verbargen den hellen Mond. Das bizarre Wetterleuchten war jetzt nahe und erweckte die Schatten der Nacht zum Leben. Der Donner rollte in schaurigem Rhythmus dazu. In der Dunkelheit der Nacht bemerkte Sigrun ein Licht auf dem fernen Wehrgang am Haupttor. Ein Wachmann rannte mit zwei Fackeln in das Innere des Wachturmes. Diese Eile machte Sigrun stutzig. Ihr Blick schweifte weiter zum Haupttor und mit Verwunderung beobachtete sie, wie sich erst der eine, dann der zweite Flügel des Portals langsam öffnete. Sie verstand nicht, was dort vor sich ging. Doch als sie wenige Augenblicke später eine Reiterschar über die Wiesen vor der Burg preschen sah, begriff sie: Gefahr! Flink rannte sie zurück zum Lager, ließ Rogar darauf nieder und schüttelte Farold.

„Wach auf, schnell! Ein Überfall. Das Tor steht offen!“

Farold öffnete die Augen. Als er die Furcht in Sigruns Gesicht sah, wusste er, dass es sich nicht um einen derben Scherz handelte, um ihn aus dem Schlaf zu reißen. Er setzte sich rasch auf, bereute es allerdings sofort. Doch diesmal ertrug er den hämmernden Schmerz und widerstand dem Verlangen, auf das Lager zurückzusinken. Mit einem Mal begriff er, was vor sich ging.

„Dieser Verräter! Eine List. Nichts weiter als eine hinterhältige List!“

Mit Schwung wollte er dem Bett entsteigen, doch der Wein forderte noch immer seinen Tribut. Farolds Bewegungen waren viel zu unkontrolliert. Statt auf den Füßen landete er auf den Knien. Sigrun half ihm auf.

„Du hattest Recht, Sigrun, die ganze Zeit schon. All die Jahre hattest du Recht gehabt und ich war ein blinder Narr!“

„Wovon sprichst du?“

Verwirrung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, doch Farold konnte jetzt nicht die Zeit aufbringen, um ihr seine Erkenntnis zu erläutern. Stattdessen versuchte er, seine Gemahlin zur Flucht zu bewegen. „Schnell, geh‘ und bring‘ euch beide in Sicherheit. Ich werde die Männer alarmieren.“

Sigrun zögerte, denn sie verstand nicht. Als sie trotz seines Drängens nicht gehen wollte, schob er sie sachte von sich. Seine Stimme wurden leise und dadurch noch eindringlicher: „Geht jetzt, schnell! Nehmt die Pferde und versteckt euch im Wald an unserem Platz. Jetzt geh‘ schon, euch bleibt nur noch wenig Zeit.“

Die Beharrlichkeit seiner Worte flößte Sigrun Furcht ein, doch sie vertraute ihrem Gatten. Sofort stand sie vom Lager auf und ergriff die Hand des Jungen, der sich mit fragendem Blick vom Bett erhob. Farold hatte Recht, sie durfte nicht zu lange warten. Sie musste handeln und zwar jetzt.

Mit schnellen Schritten eilte Sigrun zur Tür. Bevor sie entschwand, hielt sie kurz inne und schaute sich nach ihrem Gatten um. Der saß noch immer auf dem Bett und rang mit seinem schmerzenden Kopf. Noch einmal kam Sigrun zu Farold zurück, gab ihm einen innigen, verzweifelten Kuss und wollte wieder zur Kammertür laufen. Doch diesmal hielt Farold sie zurück und zog sie mitsamt des Jungen zu sich auf das Bettgestell.

Für einen unendlich langen Moment trafen sich ihre Blicke, die ganz ohne Worte so viel sagten. Schließlich brach Farold die Starre. Er zog eine goldene Kette von seinem Hals, nahm dann seinen Siegelring vom Finger und fädelte ihn auf die Kette. Anschließend streifte er das Schmuckstück über den Kopf seines Sohnes. Rogar verstand nicht, was dieses Geschenk zu bedeuten hatte. Er schaute überrascht auf die Kette und wunderte sich, dass sie so schwer war.

Sigrun sah ihren Gatten entsetzt an. „Was hat das zu be…?“

Farold unterbrach sie mit einer sanften Berührung. Seine Worte waren ruhig und besonnen. Er wusste genau, was er tat.

„Wir beide sind uns sicher, dass Rogar ihn eines Tages tragen wird.“

„Aber …?“

„Still jetzt! Lauft lieber. Die Zeit drängt. Ich komme schon zurecht, mit Gottes Hilfe.“

Sigrun wusste, dass jetzt keine Zeit für einen langen Disput war. Noch ein flüchtiger Kuss, dann eilte sie mit Rogar auf dem Arm zur Tür. Dort drehte sie sich ein letztes Mal um.

Sie sah, wie Farold auf der Bettkante sitzend versuchte, zuerst seine Kleidung und dann die Rüstung anzulegen. Er hatte sichtlich Schwierigkeiten bei dieser einfachen Aufgabe. Er bemerkte das Zögern seiner Gemahlin und schaute auf. Sigruns Gefühl, dass dies ein Abschied auf ewig sein sollte, wurde immer stärker. Sie blickte ihren geliebten Gatten lange an, als wolle sie sich sein Bild für immer einprägen.

„Ich liebe dich“, flüsterte sie ihm zu.

„Ich weiß!“

Mehr musste Farold nicht sagen. Erneut sprachen ihre Blicke mehr, als Worte es je vermocht hätten. In diesem Moment schien es niemanden sonst auf der Welt zu geben. Für diesen kurzen Augenblick waren sie eins. Dann entschwand Sigrun durch die Tür.

Flink lief sie mit Rogar die steinernen Stufen der gewundenen Treppe hinunter, bis sie endlich das erste Stockwerk erreichten. Dort befand sich der einzige Übergang zwischen Bergfried und dem Hauptgebäude der Burg, der großen Halle. Sie öffnete die Tür des Turmes und betrat den einfachen hölzernen Steg, der sich ohne Geländer oder Halt etwa drei Mann hoch über dem Burghof befand.

Sie war auf diesem Steg schon unzählige Male gegangen, bei Tag und Nacht, bei Sonnenschein, Regen und Schneefall. Selbst mit Rogar auf ihrem Arm war sie stets sicher auf der schmalen Brücke gewesen. Doch noch niemals zuvor war sie dabei in solcher Eile gewesen, noch nie hatte sie ihn mit Furcht überqueren müssen.

Im Falle der größten Bedrängnis konnte der Steg mit wenigen Handgriffen abgebrochen und die kleine Tür des Turmes verriegelt werden. Auf diese Weise konnte der Bergfried zu einer eigenen, schwer einzunehmenden Festung innerhalb der Burg werden. Doch nur dann, wenn sich eine starke Besatzung darin befand, die ihn auch zu verteidigen wusste. Das war heute Nacht allerdings nicht der Fall, denn mit einem Angriff hatte man in der herrschenden Friedenszeit nicht gerechnet. Ein Teil von Farolds Kriegern weilte bei König Otto, der nach dem Feldzug gegen die ungarischen Horden im vergangenen Jahr noch immer ihre Unterstützung benötigte.

Als Sigrun das Ende des Steges erreichte, schaute sie zum Tor und sah mit Schrecken die ersten Feinde zu Pferd in den Hof eindringen. Ohne jegliche Gegenwehr nahmen sie den inneren Burghof ein. Rasch öffnete Sigrun die Verriegelung der Tür zur großen Halle und verschwand im Dunkel des Saales. Über eine steile Treppe gelangte sie nach unten. Dort, wo abends alle Burgbewohner versammelt eine Mahlzeit zu sich nahmen, Beratungen und Zusammenkünfte abgehalten wurden und des Nachts der Großteil der Mägde, Knechte und Waffengetreuen zu schlafen pflegte, herrschte jetzt Stille, die lediglich von vereinzeltem Schnarchen unterbrochen wurde.

All diese Menschen würden dem Angriff hilflos ausgesetzt sein, sollten sie keine Warnung erhalten, dachte Sigrun. Die Gräfin konnte sie nicht einfach so zurücklassen. Schnell fand Sigrun eine Magd, die sie schon viele Jahre kannte, ließ Rogar zu Boden und weckte sie. Die schlaftrunkene Frau erkannte ihre Herrin nicht sofort und blickte verstört auf. Als sie jedoch die Sorge im Gesicht der Gräfin bemerkte, war sie hellwach. Besonnen erklärte Sigrun ihr die Lage. Die Magd schlug erschrocken die Hände vor den Mund, Sigrun ließ ihr jedoch keine Zeit für Verzweiflung und fuhr fort:

„Die Angreifer sind bereits im Hof. Leistet keine Gegenwehr! Verhaltet euch ruhig. Nur dann wird man euch verschonen. Macht nichts Unüberlegtes und schützt die Kinder! Gebt den Eindringlingen alles, wonach sie verlangen, sonst bezahlt ihr womöglich mit eurem Leben.“

Mehr gab es nicht zu sagen. Sigrun vergewisserte sich, dass die Magd sie auch verstanden hatte. Sofort schritt die alte Frau zur Tat und weckte ihre Nachbarin. Sigrun wusste, dass sie für diese Aufgabe niemand Besseren hätte auswählen können. Mit dieser Gewissheit raffte sie sich wieder auf, um sich und ihren Jungen endlich in Sicherheit zu bringen.

Am gegenüberliegenden Ende der Halle trat sie mit Rogar an der Hand durch eine kleine Tür, die auf den Burghof führte. Die Eindringlinge erstürmten bereits die Gebäude und vereinzelt hörte man schnell verstummende Schreie. Sigrun wusste, dass sie vorsichtig und flink zugleich sein musste. Sie durfte nicht lange im Schatten des Hauptgebäudes auf einen geeigneten Augenblick warten. Geschwind huschte sie mit ihrem Jungen über einen Teil der freien Hoffläche und verschwand im abgelegenen Kochhaus. Hastig durchquerten die beiden den kleinen Bau. Im Vorbeigehen griff Sigrun nach einem Laib Brot und stopfte ihn Rogar in den Hemdausschnitt. Dann hatten sie schon die nächste Tür erreicht und es galt noch einmal auf den unsicheren Hof hinauszugehen. Vorsichtig öffnete Sigrun die Tür einen Spalt und spähte hinaus.

Die Stallungen der Herrschaft waren ihr nächstes Ziel, doch sie lagen aufgrund der Brandgefahr des Kochhauses recht weit entfernt. Ohne zu zögern rannte sie zu dem großen Gebäude hinüber, so schnell es ihr mit Rogar möglich war. Wenige Augenblicke später schlüpfte sie unversehrt durch das Tor in das Dunkel zu den Pferden und hoffte, dass niemand sie bemerkt hatte.

Die Tiere waren nervös. Ihnen war die Unruhe in der Burg nicht entgangen und sie witterten den Tod, der mit dem Angriff Einzug gehalten hatte. Sigrun lief zu ihrer grauen Stute. Das Pferd war ein sanftes und ruhiges Tier, das selbst bei dem herrschenden Chaos die Nerven behielt. Mit besänftigenden Worten führte Sigrun das Pferd zu dem Holzgestell, auf dem sich ihr Sattel befand. Rogar blieb ruhig stehen und schaute seiner Mutter zu. Dabei umklammerte er den Laib Brot unter seinem Hemd, als gäbe er ihm einen sicheren Halt. In seinen Augen konnte Sigrun seine innere Unruhe und Fragen erkennen, die ihn quälten, doch er ließ nichts davon nach außen dringen, kein einziges Wort. ‚Wie sein Vater, dachte sie liebevoll und ein gewisser Stolz erfüllte sie. Dann ergriff sie den Sattel, zog ihn vom Gestell und legte ihn auf den Rücken der Stute.

Noch bevor Sigrun die ledernen Riemen schnüren konnte, wurde eine Nebentür des Stalles mit Wucht aufgestoßen. Zwei grobschlächtige Männer mit blutigen Schwertern betraten den Stall. In ihren Augen glühten der Irrsinn des Kampfes und der Rausch des Tötens.

Sigrun erkannte sofort die Unberechenbarkeit dieser Männer. Schnell warf sie den hölzernen Sattel zu Boden, ergriff Rogar mit beiden Händen und hob ihn auf den Rücken des Pferdes. Im Gesicht des Jungen zeichnete sich jetzt offene Furcht ab. Sigrun blickte in die Augen ihres Kindes. Tränen bahnten sich auf beiden Gesichtern ihren Weg, als sie begriffen, was jetzt geschehen musste. Rogar versuchte das Unvermeidliche mit einem Kopfschütteln zu verneinen, doch Sigrun wusste keinen anderen Ausweg. Sie löste ihren Umhang mit einer Hand, während sie mit der anderen ihren Jungen auf dem Pferd hielt. Das schwere Leinen warf sie um Rogar und hüllte ihn darin ein.

Die beiden Barbaren stießen plötzlich ein wildes Gebrüll aus, als sie Mutter und Sohn entdeckten. Jetzt blieb keine Zeit mehr. Sigrun führte das Pferd an der Mähne die letzten Schritte durch das Tor des Stalles. Das dumpfe Stampfen der herbeieilenden Stiefel dröhnte in ihren Ohren, doch sie versuchte es zu verdrängen. Sie dachte nur noch an Rogar und Farold, die Männer ihrer Liebe. Noch einmal nahm Sigrun die Hand ihres Kindes fest in die ihre, drückte und küsste sie.

Der Junge wollte immer noch nicht glauben, was soeben geschah. Seine fragende Stimme klang tränenerstickt. „Mutter …?“

„In den Wald, hörst du? Verstecke dich dort!“ Sigrun hatte Mühe zu sprechen und ihrer Kehle entkam nicht viel mehr als ein Flüstern.

„Mutter …!“

„Schnell, bring dich in Sicherheit.“

Auf dem Burghof herrschte Chaos. Herrenlose Pferde liefen umher, wild aussehende Männer verschafften sich Zutritt zu Gebäuden oder waren auf der Suche nach einem Kampf. Rogar versuchte, vom Rücken der Stute zu steigen, doch die starke Hand seiner Mutter hielt ihn oben. Erst als sein Widerstand größer wurde, schrie sie in Verzweiflung ihren Jungen an. „ROGAR, bleib oben und halte dich fest!“

Rogar erstarrte augenblicklich und seine Mutter sprach mit normaler Stimme weiter.

„Fürchte dich nicht, mein Junge. Ich werde immer bei dir sein. Meine und deines Vaters Liebe werden dich stets begleiten, ganz gleich wo du sein magst.“

Mehr Zeit blieb ihnen nicht. Mit einem Schlag auf die Flanke des Tieres versetzte Sigrun das Pferd so abrupt in Bewegung, dass Rogar sich nur mit Mühe festhalten konnte. Das Tier preschte in vollem Galopp über den Hof, bahnte sich seinen Weg wie ein Pfeil durch das Getümmel. Mit ausgestrecktem Arm versuchte Rogar noch einmal, nach seiner Mutter zu greifen, doch es war zu spät. Es gab kein Zurück mehr.

„MUTTER …!“

Die Stallungen im Rücken sah Sigrun ihrem Sohn nach und obwohl sie wusste, dass es kein Zurück mehr gab, streckte auch sie die Hand nach ihm aus. Sie behielt Rogar so lange im Auge, bis er das Haupttor passiert hatte. Dann erst kehrte Ruhe in ihr ein.

Sigrun bewahrte das Bild ihres entschwindenden Sohnes im Herzen und schloss die Augen. Die polternden Stiefel der Barbaren waren jetzt unmittelbar hinter ihr und sie glaubte, den faulen Atem des Verderbens bereits riechen zu können.

Wie durch einen Nebel vernahm sie noch den lauten Aufschrei eines Mannes, der das nahende Unheil mit einem lauten „NEEEIIIN…!“ zu stoppen versuchte. Doch es half ihr nicht. Die Welt um sie herum zerriss mit einem Mal.

Ein kurzer, schneidender Schmerz in ihrer Brust war alles, was sie noch verspürte. Sie war schon nicht mehr von dieser Welt, als ihr Körper auf den harten, trockenen Erdboden sank, der ihr Blut gierig aufsog.

Anno 956 – Brandolfs Kampf

Brandolf erwachte, als sich eine merkwürdige Unruhe in der großen Halle ausbreitete. Als Gast auf der Burg des Grafen verbrachte auch er die Nacht hier, wie die meisten Bewohner. In dieser Feste schliefen deutlich mehr Menschen als auf der kleinen Burg seines Vaters und die Nachtruhe wurde oft unterbrochen, sei es von einem weinenden Kind oder von dem Schnarchen der Männer. Jetzt allerdings regten sich auf einmal viele Menschen. Brandolf wurde neugierig und erhob sich von seinem Lager.

Aus den Augenwinkeln sah der Krieger, wie eine seitliche Tür geöffnet wurde. Er glaubte, die Silhouette einer Frau mit einem Kind an der Hand zu erkennen, die das Gebäude verließen. In diesem Augenblick ertönte vom Hof lautes Poltern von Hufen. ‚Reiter!’, ging es Brandolf durch den Kopf, doch er konnte sich nicht vorstellen, weshalb der Graf, der Dienstherr seines Vaters, die Burgbesatzung mitten in der Nacht mobilisierte.

Er trug bereits seine Stiefel und wollte nach dem Rechten sehen, als Brandolfs Augenmerk abgelenkt wurde. Die Menschen in der Halle richteten gleichzeitig ihre Blicke auf die schmalen Fensteröffnungen, durch die plötzlich flackerndes Licht zu sehen war. Diabolisch tanzende Schatten wurden an die Wände der Halle geworfen. Es war unmissverständlich: Eines der Hofgebäude stand in Flammen. War das der Grund, weshalb solch ein Trubel auf dem Burghof herrschte?

Einige der Männer in der Halle begannen, sich zu organisieren und wollten den Brand bekämpfen. Als sie jedoch die Hauptpforte öffneten, drang Kampfeslärm in den Saal. Ein Lärm, der Brandolf wohl vertraut war. Stahl klang auf Stahl, Schreie des Schmerzes, der Wut, der Erregung und der Todesangst erfüllten seine Ohren. Dort draußen loderte kein gewöhnliches Feuer, was schon bedrohlich genug für die Burg gewesen wäre. Nein, die Ursache des Brandes war die tatsächliche Bedrohung: Die Greifburg wurde angegriffen!

Plötzlich befand sich der ganze Saal in Aufruhr. Selbst der einfachste Mann begriff, was sich auf dem Burghof abspielte. Die eben noch zielstrebigen Männer waren plötzlich nicht mehr so entschlossen, den Brand zu löschen und schlossen die Türflügel wieder.

Nervosität stieg auf und Furcht lag in der Luft. Die Wenigen mit klarem Verstand hatten Mühe, die Besorgten zu beruhigen und sie daran zu hindern, kopflos aus der Halle in ihr Verderben zu stürzen. Einige rafften ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und verbargen sich in den Tiefen des Raumes. Mütter nahmen sich ihrer weinenden Kinder an und stellten sich schützend vor sie. Zwei alte Frauen begannen, murmelnd vor sich hin zu beten und den Herrn um Gnade anzuflehen. Mehr konnten sie im Augenblick ohnehin nicht tun.

Brandolf hingegen wusste, was darüber hinaus zu tun war. Hastig gürtete er sein Schwert und überlegte kurz, ob er sich das eisenbeschlagene Lederwams noch überziehen sollte. Als er jedoch sah, wie zwei weitere Kämpfer damit rangen, ihre Rüstung anzulegen, entschied er sich dagegen und spurtete auf den Burghof hinaus. Noch bevor er durch die Tür trat, hielt er bereits das gezogene Langschwert in der Hand. Die Waffe lag so selbstverständlich in seiner Rechten, als sei sie mit seiner Hand verschmolzen.

Schnell verschaffte sich Brandolf einen Überblick. Einer der Schweinekoben neben den Stallungen hatte Feuer gefangen, und die Flammen erhellten das Szenario auf erschreckende Weise. Menschen wie Tiere schrien in Todesangst. Doch der brennende Koben war nicht von Bedeutung, denn die Schweine würden nach Brandolfs Einschätzung in dieser Nacht sicher die geringsten Opfer sein.

Er beobachtete weiter, während er langsam und wachsam über den Hof schritt. Er sah merkwürdig gekleidete Männer, die mit zum Teil grausam bemalten Gesichtern und blutigen Waffen durch die Burganlage rannten. Sie erstürmten jede Tür, die sich ihnen darbot und metzelten jeden nieder, der sich ihnen in den Weg stellte. Anhand ihrer seltsamen Kleidung und der merkwürdigen Bemalung glaubte Brandolf jene gefürchteten Krieger des Nordens vor sich zu sehen, die für ihre brutalen Übergriffe berüchtigt waren.

Gerade als er sich einem der Feinde näherte, sah er, wie das Tor des Pferdestalles von innen geöffnet wurde. Eine Frau trat auf den Hof und führte ein ungesatteltes Pferd mit sich. Was um Gottes willen hatte ein Weib in dieser Blutnacht hier draußen verloren? Auf dem Rücken des Pferdes erkannte Brandolf eine kleine, verhüllte Gestalt.

Der junge Krieger konnte die Frau nicht erkennen, da der Hals des Tieres ihren Kopf verbarg. Erst als sie dem Tier einen Schlag auf die Flanke gab und es davonpreschte, erkannte Brandolf ihr Gesicht. Es war Sigrun, seine Herrin! Die kleine Gestalt auf dem Pferd musste Rogar sein. Brandolf konnte nicht begreifen, weshalb eine Mutter ihr einziges Kind in einer solchen Nacht allein davonschickte. Warum zog die Gräfin die Flucht ihres Kindes dem Schutz des Bergfriedes vor? Und wo war ihr eigenes Pferd?

Nur einen Herzschlag später wurde Brandolf alles klar. Hinter Sigrun rannten zwei der Barbaren mit gezogenen Klingen auf sie zu.

‚Ein Opfer, schoss es Brandolf durch den Kopf. Ein Opfer, zu dem nur eine liebende Mutter fähig sein konnte. War die Verteidigung der Feste bereits so aussichtslos, dass nur noch Flucht die Familie retten konnte?

Die Waffen zum Todesstoß bereit, waren die Angreifer schon nahe bei der Gräfin. Brandolf preschte los, doch sein Versuch, Sigrun zu retten war zum Scheitern verurteilt. Sie war so weit entfernt, dass er sie niemals würde rechtzeitig erreichen und schützen können. Brandolf wollte es dennoch nicht wahrhaben. Lauthals versuchte er, die nackte Wahrheit zu leugnen und das Unabwendbare zu stoppen, als die Angreifer Sigrun mit tödlicher Wucht erreichten.

Sein Schrei zeriss die Nacht: „NEEEIIIN …!“

Machtlos musste Brandolf mit ansehen, wie die tödliche Klinge des Barbaren blutrot aus dem Brustkorb seiner schönen Herrin ragte. Tot sackte sie zu Boden.

Mit der Wucht seines Laufs und einem Schrei der Wut traf Brandolf auf den Nordmann. Er benötigte nur einen Streich, um das Schicksal des Barbaren zu besiegeln, der noch damit beschäftigt war, seine Klinge aus dem leblosen Körper zu befreien, dass er nicht einmal erkennen konnte, wer sein Leben so rasch beendete.

Der zweite Nordmann konnte den in Rage kämpfenden Brandolf zumindest mit erhobener Axt und schützendem Rundschild empfangen, doch auch er war weder der Wut noch der Perfektion von Brandolfs Kampfstil gewachsen. Die unglaubliche Schnelligkeit und Kraft der Hiebe des jungen Kriegers trieben den Barbaren in eine Ecke, wo er ein schnelles Ende fand.

Ohne sich weiter um die beiden Gefallenen zu kümmern, lief Brandolf zu seiner Herrin. Er wusste, dass der erlittene Stoß tödlich gewesen war, doch insgeheim hoffte er auf ein Wunder. Er kniete neben dem Leichnam nieder und verharrte dort kurz, als wartete er auf eine Regung von der jungen Frau.

Sigrun war tot!

Seine Herrin war niedergestreckt worden, weil er zu langsam gewesen war. Ihr Blut wurde vom Erdboden des Burghofes aufgesogen, als zöge er das Leben aus dem jungen Körper. Behutsam zog Brandolf die tödliche Klinge aus ihrem Leichnam, was ihm nahezu leiblichen Schmerz bereitete. Wütend schleuderte er den Stahl fort. Trauer breitete sich in seiner Brust aus und am liebsten hätte er diesem Gefühl nachgegeben, doch er verdrängte es, schluckte es herunter. Dafür war jetzt noch keine Zeit. Brandolf wandelte stattdessen die unsägliche Trauer in Wut, dem einzigen Gefühl, das ihm jetzt noch beistehen konnte.

Im Burghof waren die Pforten der Hölle geöffnet worden und sie empfingen Brandolf mit einem Meer von Flammen, Hitze und Verderben. Das Feuer des Schweinekobens griff auf den Pferdestall über und es schien unmöglich, den Brand zu löschen. Die panischen Schreie der sterbenden Tiere gellten in Brandolfs Ohren. Sie waren jetzt nicht von Bedeutung, obwohl sich sein eigenes Pferd auch im Stall befand. Aus den Augenwinkeln bemerkte er den Stallmeister vorbeirennen, doch auch ihm schenkte er keine Beachtung. Das Feuer war nicht Brandolfs Feind. Nordmänner waren überall und kämpften gegen den verzweifelten, törichten Widerstand einiger Knechte an, die ihnen entgegentraten.

Es war ein ungleicher Kampf.

Ein gewaltiger Donnerschlag, der in seiner Wucht den Leibhaftigen selbst hätte ankündigen können, riss Brandolf aus seiner geistigen Abwesenheit. Abrupt setzte dichter Regen ein, der Brandolfs Gewandung innerhalb weniger Augenblicke durchnässte. Mit festem Schritt überquerte er den Hof. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Langsam beschleunigte Brandolf seinen Gang und rannte schließlich auf das Hauptgebäude zu. Jetzt galt es, den Bergfried als letzte Bastion vor den Eindringlingen zu verteidigen. Die Burg war vielleicht verloren, doch der Bergfried konnte noch gehalten werden.

Viel zu langsam erreichte Brandolf den großen Saal. Es schien, als ob der Sturzregen seine Schritte verzögerte, als ob er mit den Füßen im Morast des Kampfes stecken zu bleiben drohte.

Im Innern der Halle hatten sich Mägde und Knechte, Frauen und Kinder sowie Alte und Junge ängstlich in eine Ecke gedrängt, ohne Widerstand gegen drei Nordmänner zu leisten, die sich gerade ein junges Mädchen gefügig machten. Schluchzen und verzweifelte Hilferufe erfüllten das Gebälk, doch es rührte sich keiner, um dem Mädchen beizustehen. Stattdessen wurde ihr Flehen nur mit dem hämischen Lachen der Schänder beantwortet.

Sie waren derart mit ihrem Opfer beschäftigt, dass sie Brandolf nicht bemerkten. Die Schreie der jungen Frau erreichten ihren kreischenden Höhepunkt, als der erste Vergewaltiger auf ihr und anschließend die beiden anderen Barbaren tot neben ihr zusammensackten. Sie hatten noch nicht einmal ihre Waffen gegen Brandolf erheben können, so schnell besiegelte er ihr Schicksal. Angsterfüllt versuchte die Magd sich des auf ihr liegenden Leichnams zu entledigen. Brandolf half ihr nicht dabei. Allein die Schänder zu töten, hatte schon viel Zeit in Anspruch genommen.

Mit großen Sprüngen nahm der Krieger gleich mehrere Stufen der steilen Holzstiege, eilte nach oben, trat durch die Tür und ließ die große Halle hinter sich. Vor dem rutschigen Steg zum Bergfried hielt er kurz inne. Zu seinem Entsetzen stand die Tür des Turmes weit offen. Brandolf hoffte inständig, dass dies nichts zu bedeuten hatte, doch da sich bereits Nordmänner in der Halle befunden hatten, befürchtete er das Schlimmste. Besorgt rannte er über die Brücke.

Die unterste Ebene des Bergfrieds fand Brandolf menschenleer vor. Es gab keine Anzeichen eines Kampfes. Hoffnung keimte in ihm auf. Das Schwert fest in beiden Händen, spurtete er die steinerne, gewundene Treppe hinauf. Auf der nächsten Ebene sah er die ersten Toten. Die Nordmänner waren also doch schon im Bergfried! Er schaute sich kurz um. Die Toten waren nicht bewaffnet. Wahrscheinlich waren sie aus der großen Halle geflohen und hatten Zuflucht in der letzten Bastion der Burg gesucht. Statt Schutz hatten sie nur den Tod gefunden.

Abscheu über diese sinnlose Metzelei überkam Brandolf. In dieser Nacht schien alles möglich zu sein. Schließlich handelte es sich bei den Angreifern um Barbaren, die in ihrer heidnischen Sprache offensichtlich kein Wort für Gnade kannten. Brandolf musste jetzt vorsichtig sein und durfte trotz seiner Eile nicht in einen Hinterhalt geraten. Er rannte die unübersichtliche, schmale Treppe zur nächsten Ebene hinauf. Plötzlich vernahm er Poltern und Kampfeslärm nur einen Stock darüber.

‚Der Graf, dachte Brandolf alarmiert. Er hatte am vergangenen Nachmittag mit ansehen müssen, wie sein Herr einen Becher Wein nach dem anderen geleert und sich erst nach dem Drängen seiner Gemahlin zurückgezogen hatte. Brandolf hatte sich gefragt, welche schlechte Nachricht Farold dazu veranlasst haben konnte, derart gegen seine Prinzipien zu handeln. Was auch immer der Grund dafür gewesen sein mochte: Mit großer Wahrscheinlichkeit befand er sich jetzt noch lange nicht in der Verfassung, sich seiner Feinde zu erwehren.

Mit langen Schritten stürmte Brandolf die letzten Stufen hinauf und durch die offene Tür in die Kammer des Grafen. Mit einem schnellen Streich fällte er den ersten Nordmann in seinem Weg. Ohne zu zögern eilte er auf zwei weitere Schergen zu. Die waren von dem unerwarteten Ansturm so überrascht, dass Brandolf den Kampf mit beiden gleichzeitig aufzunehmen wagte. Ein paar harte, flinke Schwerthiebe drängten sie bald in eine Ecke des Raumes, wo sie ihr jähes Ende fanden.

Rasend vor Wut wandte sich Brandolf dem letzten Eindringling zu. Der Anblick, der sich ihm bot, traf ihn jedoch wie ein Schlag und drohte ihm seine ganze Kraft zu rauben. Der Graf wurde vor seinen Augen von der Wucht einer Barbarenklinge zu Boden geschmettert. Schwer verwundet und stark blutend hatte Farold den Breitsax zwar ablenken können, doch seine Kräfte waren am Ende. Einem weiteren Streich würde er mit Sicherheit nicht standhalten können!

Dessen war sich auch der Nordmann bewusst. Mit einem feisten Grinsen stand er über Farold und hob seine Waffe genüsslich zum Todesstoß empor. Diese Überheblichkeit nutze Brandolf. Obwohl zu einem weiteren Schwertstreich noch nicht bereit, stürmte er brüllend auf den Nordmann zu und hieb ihm den Schwertknauf mit voller Wucht ins Gesicht. Der Barbar fiel mit einem Schrei nach hinten. Das eben noch triumphierende Gesicht des Nordmannes hatte sich zu einer zahnlosen Fratze gewandelt, aus deren Mundwinkel das Blut tropfte. Er hatte keine Zeit mehr, sich Gedanken darüber zu machen, wie entstellt er sein mochte, denn Brandolfs letzter Schwertstreich trennte den unansehnlichen Kopf vom Rest des Körpers. Schlagartig trat eine unheimliche Stille ein.

Nur noch Herzschlag und Atem dröhnten in Brandolfs Ohren.

Er wandte sich seinem Herrn zu, der regungslos zu seinen Füßen lag. Der junge Krieger sackte auf die Knie, das Schwert entglitt seiner plötzlich kraftlosen Hand. Es kam ihm vor, als durchlebe er das traurige Ende seiner Gräfin erneut. Nur kniete er diesmal neben dem Leichnam ihres Gatten, dem Grafen Farold.

Doch der Herr war noch nicht tot! Er blutete zwar stark, jedoch atmete er noch, wenn auch kaum merklich. Seine Wunden waren zahlreich und tief. Obwohl Brandolf ahnte, dass die Verletzungen tödlich waren, versuchte er dennoch das austretende Blut mit dem Leintuch des Bettes aufzuhalten. Hilflos wie ein kleines Kind zerrte er es vom Lager, wusste jedoch nicht, wo er beginnen sollte. Es waren einfach zu viele Wunden und zu viele Tränen in seinen Augen, als dass er noch hätte klar handeln können. In seiner Verzweiflung presste er das Tuch einfach auf den Körper des sterbenden Grafen. Schon bald zeigte sich das Rot in immer größer werdenden Flecken auf dem hellen Linnen und Brandolf sah, wie das Leben seines Herrn regelrecht verrann.

Plötzlich schaute Farold zu ihm auf und versuchte, etwas zu sagen, doch seine Kräfte ließen ihn bereits im Stich. Er brachte lediglich ein leises Röcheln hervor. Dennoch glaubte der junge Krieger, den Namen „Sigrun“ ganz leise vernommen zu haben. In den letzten Augenblicken seines Lebens wollte der Graf über das Schicksal seiner geliebten Frau Gewissheit haben. Was sollte Brandolf berichten? Er hatte sie sterben sehen, doch das wollte er seinem Herrn so kurz vor dem Tode nicht offenbaren. Ratlos suchte er nach einer tröstenden Antwort.

Wie aus der Ferne hörte sich Brandolf schließlich die Worte sagen: „Ich sah ihr Pferd aus dem Tor galoppieren.“

Fragen zeichneten sich auf dem Gesicht des Sterbenden ab. Ganz leise brachte er ein krächzendes „Rogar“ hervor. Diesmal fiel Brandolf die Antwort leichter.

„Der Junge war auf dem Pferd.“

Das waren wohl die richtigen Worte, denn Farold schloss mit einem erleichterten Lächeln die Lider. Brandolf glaubte ihn bereits tot, als sich die glasigen Augen noch einmal öffneten. Erneut versuchte der Sterbende zu sprechen, diesmal etwas deutlicher und lauter.

„Eine List …“, begann er, musste dann allerdings nach Atem ringen.

Brandolf verstand nicht. Er wartete, bis der Graf erneut genügend Kraft zum Sprechen fand. „Er war es! Er hatte es schon immer darauf …“

Ein starker Husten unterbrach die wenigen klaren Worte und schien Farold die letzte Kraft zu rauben. Er ruhte sich etwas aus, wobei Brandolf glaubte, den Atem seines Herrn immer weniger zu spüren. Dann setzte der Graf noch einmal zum Sprechen an. Seine Worte mussten von größter Bedeutung sein, sonst würde er mit Sicherheit diese Anstrengung nicht auf sich nehmen. Um ihn besser verstehen zu können, beugte sich Brandolf nach vorne.

„Verflucht seien er und dieses Weib!“, hauchte der Graf.

„Wer?“

Eine kurze Pause, dann fuhr der Graf fort: „Er wollte sie schon immer haben, die Burg und die Grafschaft …“

Farolds Blick wurde mit einem Male wieder feurig und klar. Sein ganzer Körper spannte sich noch einmal an und er zog Brandolf mit überraschender Kraft zu sich hinab. Das Flüstern in seinem Ohr erfüllte den Schädel des jungen Kriegers. „Schwöre mir, mein treuer Brandolf, dass du sie finden wirst. Schwöre mir, dass du sie beschützen wirst. Hilf ihnen! Schwöre mir … schwöre mir Rache. Schwöre es, bei Gott … und allem, was dir heilig ist!“

Obwohl Sigrun bereits tot und der Junge verschwunden war, konnte Brandolf nicht anders, als dem letzten Wunsch seines Herrn zu entsprechen. Er nahm Farolds Hand fest in die seine und blickte ihm in die Augen. „Ich schwöre es, mein Herr, bei Gott und allem was mir heilig ist. Ich schwöre es.“

Die Worte erleichterten den Grafen sichtlich und der geschundene Körper entspannte sich wieder. Das schwache Lächeln zeigte sich erneut auf seinen Lippen. Dann versuchte Farold noch einmal zu sprechen, doch Brandolf verstand nur Bruchstücke davon: „… im Wald, dort wo … Felsen mit der Wolfshöhle … werden sie warten.“

Mehr vermochte er nicht zu sagen. Mit großer Anstrengung füllte Farold ein letztes Mal seine Lungen, dann weiteten sich seine Augen in plötzlicher Erlösung. Der Leib des Grafen erschlaffte und sein letzter Atem entwich langsam. Gesenkten Hauptes schloss Brandolf vorsichtig die Lider der leblosen Augen und betrachtete das Antlitz des Toten.

Trotz all des Blutes und der vielen Wunden lag ein merkwürdiger Frieden auf Farolds Gesicht. Eine unbeschreibliche Ruhe, Würde und Macht umgaben den Leichnam und zogen den jungen Krieger in ihren Bann. Brandolf wurde in diesem Augenblick klar, dass er seinem Herrn selbst über den Tod hinaus treu ergeben sein würde. Er musste seinem Eid gerecht werden! Er verharrte noch einen Augenblick bei dem Leichnam, dann erhob sich Brandolf entschlossen und ergriff das Langschwert mit kraftvoller Hand. Mit festen Schritten trat er aus der Kammer. Er wusste, was er zu tun hatte, und er schwor, diesmal nicht zu spät zu kommen.

* * *

Es war ein tödlicher Tanz, den Brandolf vollführte. Er beherrschte ihn mit einer Perfektion wie kein zweiter in dieser Nacht. Trotz des heftigen Regens und des rutschigen, schlammigen Bodens im Burghof tanzte er ihn sicheren Fußes. Er wechselte den Partner, sobald einer den tödlichen Kuss des kalten Stahls empfangen hatte. Und Brandolf tanzte mit jedem, der sich ihm anbot.

Ohne Gefühl für Zeit und Raum kam Brandolf erst wieder zur Besinnung, als sich ihm niemand mehr in den Weg stellte. Mit einem Mal übermannte ihn die Erschöpfung des Kampfes. Er blieb stehen und blickte in den Himmel. Regentropfen stachen wie unzählige Messerspitzen in sein Gesicht. Kraftlos sank er auf die Knie. Sein Körper war durchnässt von Regen, Schweiß und Blut, das aber nicht das seine war. Brandolf hielt sein Gesicht gen Himmel gerichtet und ließ den schwächer werdenden Regen auf sich niedergehen, als wolle er die Nacht und all seine Taten von sich waschen. All den Schmerz und all das Töten. Der Krieger schloss die Augen, um nichts mehr sehen zu müssen. Langsam spülten die Regentropfen das Blut von seiner Klinge und schon bald lag das Schwert wieder nahezu rein und unschuldig in seiner Hand.

Nach einer Weile öffnete Brandolf seine Augen und blinzelte in die anbrechende Dämmerung des Sommermorgens. Der Regen hatte das Feuer des Schweinekobens und der Stallungen gelöscht, doch stiegen noch immer Rauchschwaden der verkohlten Reste empor und lagen über dem Burghof. Während Brandolfs Kampf war eine zweite Reiterschar auf der Burg eingetroffen und hatte in das Kampfgeschehen eingegriffen. Von diesem Augenblick an hatte sich das Geschick der Greifburg gewendet und der junge Krieger war nicht mehr der Einzige gewesen, der sie verteidigte.

Erschöpft schaute sich Brandolf um und sah Bewaffnete, die Verwundete versorgten, Gefallene beiseite trugen, Pferde einfingen und das Chaos der Nacht zu beseitigen versuchten. Einige Leichen ließen sie achtlos liegen und Brandolf erkannte, weshalb: Kleidung und Waffen nach waren es die überwältigten Nordmänner. Um sie würde man sich später kümmern, sie zusammentragen und anschließend verbrennen. Nur so konnte man verhindern, dass sich die Ratten an ihnen nähren würden.

Je länger Brandolf sich umsah, desto merkwürdiger kamen ihm die Leichen der Barbaren vor. Mühsam erhob er sich, packte sein Schwert und ging langsam über den Hof. Er wusste nicht genau, was ihn störte, doch er betrachtete einige der Toten genauer. Schließlich entdeckte er es: Helme, Schilde und Waffen befanden sich beinahe ausnahmslos neben den Toten. Keiner hielt seine Waffe in der Hand oder trug den Helm auf dem Haupt. Es schien, als habe man einfach alles achtlos hingeworfen. Brandolf bezweifelte, dass die Männer im Augenblick des Todes alles von sich geworfen hatten, zumindest hatte er so etwas noch nie erlebt. Vielleicht machte er sich aber auch nur zu viele Gedanken nach dieser furchtbaren Nacht und es hatte nicht das Geringste zu bedeuten.

Brandolf schritt weiter über den Burghof. Aus den verkohlten Überresten des Schweinekobens und des bis zur Hälfte niedergebrannten Pferdestalls stieg ihm der süßlich beißende Gestank von verbranntem Fleisch in die Nase, den selbst der Wind nicht fortzutreiben vermochte.

Da kam Brandolf ein Gedanke: Sigrun! Der Leichnam der Gräfin lag bestimmt noch dort, wo sie der Nordmann niedergestreckt hatte, vor dem Tor der Stallungen. Brandolf eilte dorthin und fand seine tote Herrin. Unbeachtet hatte man sie in Regen und Schlamm liegen lassen. Er kniete neben ihr nieder und wischte den Schmutz und das strähnige Haar aus ihrem blassen, kalten Gesicht. So verweilte er respektvoll an ihrer Seite, gedachte der Toten und haderte mit sich selbst und seinem Unvermögen, sie nicht gerettet zu haben. Dann betrachtete er das Gesicht der toten Gräfin genauer. Wie schon bei Farold erkannte er auch in ihrem Antlitz einen Ausdruck, der eine seltsame Friedlichkeit ausstrahlte. Erhabenheit und Zufriedenheit waren darin zu sehen, als wären die letzten Gedanken ihres Lebens glückliche gewesen.

Brandolf erinnerte sich, wie ihm einst vor vielen Jahren ein alter Recke vor einer Schlacht gesagt hatte, dass man wahren Frieden und Glück allein im Tod finden könne und er sich daher nicht davor zu fürchten brauche. Vielleicht hatte der Alte ja Recht gehabt. Brandolf fühlte sich allerdings alles andere als glücklich. Er war seiner Aufgabe als Ritter und Getreuer nicht gerecht geworden, hatte die Grafenfamilie nicht zu schützen vermocht und der Erbe, um den er sich von jetzt an kümmern sollte, war vor seinen Augen entschwunden. Er musste ihn finden!

Doch bevor er sich dieser neuen Aufgabe widmen konnte, sah es Brandolf als seine Pflicht an, das Grafenpaar ein letztes Mal zu vereinen. Das war er ihnen schuldig. Sanft schob er einen Arm unter Sigruns kalten Körper und hob ihn an. Seine Herrin, selbst im Tod noch so unbeschreiblich schön, wollte er nicht im Schlamm liegen lassen. Vor allem nicht neben der Leiche ihres Meuchlers.

Bei diesem Gedanken bemerkte er, dass der Körper des ersten Mannes, der Sigruns Schicksal besiegelt hatte, nicht mehr dort lag, wo Brandolf ihn niedergestreckt hatte. Sein Blick suchte nach dem zweiten Mann. Dessen Leichnam befand sich ebenfalls nicht mehr dort, wo Brandolf ihm ein Ende bereitet hatte.

Sachte ließ der Krieger die Gräfin wieder zu Boden gleiten und ging auf den zweiten Toten zu. Als er sich dem Leichnam näherte, stieg ihm ein Gestank in die Nase, den selbst der beißende Qualm des erstickten Feuers nicht überdecken konnte. Ein Gestank, den Brandolf von einem alten Schlachtfeld her kannte, auf dem Scharen von Krähen ein wochenlanges Festmahl abhielten. Es war der Gestank der Verwesung und stammte von der Leiche nur wenige Ellen vor ihm.

Ein heftiger Würgreiz versuchte, von Brandolf Besitz zu ergreifen, doch er konnte ihn unterdrücken und trat näher an den Gefallenen heran. Das Gesicht des Toten war bereits von grauer Farbe, die Hände nahezu schwarz, als trüge er Handschuhe. Blut fand Brandolf an der Leiche nicht und erst unterhalb des Stalldaches, etwa drei Ellen weiter, konnte er blutgetränktes Stroh finden. Dort hatte er den zweiten Nordmann niedergestreckt, doch sein Leichnam war nicht in der Nähe. Einem Impuls folgend suchte Brandolf nach der tödlichen Wunde, die er dem zweiten Mann zugefügt hatte, jedoch vergeblich. Stattdessen fand er eine kleine Wunde am Schädel, die von einem Pfeil oder dem spitzen Ende einer Streitaxt stammen mochte. Brandolf hatte sie diesem Mann weder zugefügt, noch konnte sie von dieser Nacht stammen.

Es gab keinen Zweifel mehr: Dies waren nicht die Männer, die er getötet hatte. Irgendjemand musste die Gefallenen ausgetauscht haben! Doch weshalb nur? So sehr er sich den Kopf darüber zermarterte, er konnte keinen Grund finden. Sein Instinkt sagte ihm allerdings, dass dies hier einen üblen Beigeschmack hatte. Ein Beigeschmack aus Vorsatz, Arglist und Hinterhalt, den man am liebsten mit einem kräftigen Schluck Wein hinunter spülen wollte, so wie es Graf Farold am Tage zuvor getan hatte.

Da erinnerte er sich wieder an die letzten Worte seines Herrn: „Eine List … Verflucht seien er und dieses Weib! Er wollte sie schon immer haben, die Burg und die Grafschaft …“. Jetzt erst verstand Brandolf, dass hinter der heutigen Nacht mehrsteckte als nur ein Überfall der gefürchteten Nordmänner. Farold hatte es vor seinem Tode bereits erkannt. Vor allem musste er gewusst haben, wer hinter dem Angriff steckte.

Brandolf hingegen war es noch verborgen, doch er entschloss sich herauszufinden, was hier vor sich ging! Er wandte sich von den stinkenden Leichen ab und begab sich wieder zu seiner toten Herrin. Vorsichtig hob er Sigruns leblosen Körper empor und überquerte unter den erstaunten Blicken der Anwesenden den Innenhof. Mit einem Fuß stieß er einen Torflügel zur großen Halle auf und betrat den Raum. Überrascht traf er dort auf den Großteil der überlebenden Burgbewohner und auf eine stattliche Anzahl unbekannter Krieger. Offensichtlich hatten sie die Burg gerettet.

Zunächst nahm niemand Notiz von Brandolf. Doch nachdem einige den Leichnam in seinen Armen bemerkt hatten, traten sie rasch beiseite. Die Menge öffnete sich für den jungen Krieger. Aus Respekt vor dem Leichnam erstarb das unterschwellige Gemurmel und betroffenes Schweigen breitete sich in der Halle aus. Vereinzelt vernahm Brandolf ein leises Schluchzen. Einige Frauen hielten sich ungläubig die Hand vor den Mund, andere verbargen vor Entsetzen ihre Gesichter. Männer nahmen ihre Kopfbedeckungen ab, senkten ihr Haupt und blickten zu Boden. Es war ehrliche Trauer, die diese Menschen zeigten, denn ihre Herrin war beliebt gewesen und ihr Tod war ein großer Verlust.

Brandolf schritt die Gasse entlang, die sich hinter ihm wieder schloss und blieb schließlich vor einer Gruppe bewaffneter Männer stehen, die sich trotz des allgemeinen Schweigens noch besprachen. Sie standen um den reich verzierten Sitz des Grafen. Wer darauf Platz nahm, war befugt, Recht zu sprechen. Wer darauf saß, war ebenso berechtigt, die Abgaben einzutreiben und die Geschicke der Ländereien zu lenken, wie er im Gegenzug verpflichtet war, dem Volk in Notzeiten beizustehen. Auf diesem Sitz hatte jetzt jemand Platz genommen, den Brandolf noch nicht erkennen konnte.

Erst nach einer Weile bemerkten ihn die debattierenden Krieger und beendeten abrupt ihre Unterredung. Einer nach dem anderen trat beiseite und der Kreis um den Grafensitz öffnete sich. Dort saß ein Mann, der offensichtlich die Befehlsgewalt innehatte. Genervt und grimmig blickte er drein und erhob sich, um zu sehen, weshalb man ihn unterbrochen hatte.

Der Krieger war groß gewachsen und von kräftiger Statur. Seine Gewandung bestand aus gutem Leder, das offensichtlich aufwendig gepflegt wurde. Der Hals wurde durch eine Brünne aus feinen Eisenringen bester Qualität geschützt. Futteral und Heft des Langschwertes zu seiner Linken waren kunstvoll gearbeitet und reich verziert. Dieser Mann war eindeutig von adeligem Stande und Brandolf wusste sofort, wer es war, obwohl er ihn noch niemals zuvor gesehen hatte. Es war Rurik, der jüngere Bruder des verstorbenen Grafen.

Brandolf war zwar bekannt, dass Rurik mitsamt seinem Gefolge heute auf der Burg erwartet wurde, doch dass er noch vor dem Morgengrauen und damit rechtzeitig zur Rettung der Burg eingetroffen war, überraschte ihn sehr. Es war ungewöhnlich, einen solchen Tross durch die Nacht reiten zu lassen, statt ein sicheres Lager aufzuschlagen.

Brandolf und Rurik starrten einander schweigend an. Keiner der Anwesenden regte sich. Nicht einmal ein Husten oder Räuspern war zu vernehmen. Die stummen Blicke der beiden Männer kamen einem Kräftemessen gleich, ausgetragen ohne Waffen. Allein die Willenskraft war hierbei entscheidend. Es war ein ungleiches Ringen, das Brandolf, von den Kämpfen der vergangenen Nacht erschöpft, jedes einzelne Gran mentaler Stärke abverlangte. Doch er hielt stand.

Rurik, beinahe einen Kopf größer als sein Gegenüber, blickte abschätzig auf den durchnässten und verdreckten Krieger herab. Im Gegensatz zu Brandolf machte er nicht den Eindruck, als habe er in dieser Nacht auch nur einmal sein Schwert gezogen. Kein einziger Spritzer Blut haftete an ihm und seine Stiefel waren kaum schlammverkrustet.

Die Stille des Raumes wurde immer schwerer und lastete bleiern auf Brandolf, wie auch die Last in seinen Armen mit einem Mal unerträglich wurde. Als ihm die Machtprobe die letzten Kräfte zu rauben drohte, kniete er schließlich nieder und legte den Leichnam behutsam zu Füßen des großen Mannes ab. Dann richtete er sich wieder auf und blickte Rurik erneut in die kalten Augen.

„Die Gräfin, Eure Schwägerin, ist tot.“ Die Worte hallten im Gebälk des Dachstuhles wider, so still war es in dem Saal.

„Das sehe ich!“, raunte Rurik. Seine Stimme klang kratzig, als käme sie aus einem tiefen, schroffen Brunnen. Weder Haltung noch Mimik ließen eine Gefühlsregung erkennen. Rurik reagierte, als habe man ihm soeben einen erlegten Rehbock zu Füßen gelegt. Vielleicht hätte er diesen noch mit einem Blick gewürdigt, Sigruns Leichnam hingegen ignorierte er gänzlich. Was würde er wohl sagen, wenn er vom Tod seines Bruders erfuhr? Oder wusste er bereits davon und war deshalb so kühl und wortkarg?

Brandolf unterband diesen Gedanken. Ihm lag bereits eine bissige Bemerkung wegen des Grafensitzes auf der Zunge, denn es gefiel ihm nicht, dass Rurik darauf Platz genommen hatte. Er hatte kein Recht, das Kommando zu übernehmen! Wahrscheinlich war er über das Schicksal seines Bruders im Bilde. Brandolfs Gedanken rasten wild durch seinen Schädel und er suchte hastig nach den richtigen Worten, um das bleierne Schweigen zu beenden.

„Sie hatte nicht die geringste Aussicht auf eine Flucht!“ Seine Worte klangen nahezu wie ein Vorwurf. Als sie seine Lippen verließen, begriff er, dass dieser Vorwurf berechtigt und genau dem richtigen Mann gegenüber ausgesprochen worden war. Wieder schossen Brandolf die letzten Worte des Grafen durch den Kopf: ‚Eine List … Verflucht seien er und dieses Weib …

Ruriks Antwort konnte kaum verächtlicher klingen. „Auch das sehe ich, Mann! Denkst du etwa, ich sei mit Blindheit geschlagen? Ich habe bessere Augen im Kopf als manch anderer hier. Befände ich mich sonst dort, wo ich im Augenblick stehe?“

Brandolf war wachsam. Sein Gegenüber war auf eine Konfrontation aus. Diplomatie und Behutsamkeit waren jetzt gefragt.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete er scheinbar beschämt.

„Wer bist du überhaupt, dass du mir derart unter die Augen trittst? Wie lautet dein Name?“

Rurik trat einen Schritt näher und betrachtete Brandolf genauer.

„Ich bin Brandolf, Sohn des Edelherrn Gerold und Vasall des Grafen“, antwortete der Befragte ruhig, obwohl in ihm die Wut brodelte. Am liebsten hätte Brandolf Rurik die Antwort ins Gesicht gespuckt, ganz gleich welche Konsequenzen es haben würde. Doch er hielt sich im Zaum und bewahrte Haltung.

Mit erhobenen Augenbrauen nahm Rurik die Antwort zur Kenntnis. „So, ein Vasall des Grafen … Ist dein Vater das tatsächlich?“

Die Frage klang skeptisch, beinahe hohnvoll, als galt es, diese Behauptung unter Beweis zu stellen. Wollte er am Ende Brandolfs Lehenstreue ins Lächerliche ziehen? Rurik drehte sich einem seiner Männer zu und wechselte ein paar leise Worte, danach schenkte er ihm wieder seine Aufmerksamkeit. „Brandolf, Sohn des Gerold, was wisst … Ihr zu berichten?“

Jede einzelne Faser des jungen Kriegers spannte sich an, als bereite er sich, einer Katze gleich, auf einen fluchtartigen Sprung vor. Ein Instinkt gebot ihm, jetzt mehr denn je Vorsicht walten zu lassen. Er wählte seine Worte behutsam und berichtete von dem Augenblick an, als er durch den Überfall geweckt worden war. Er führte seine Zuhörer durch die Nacht des Kampfes und des Todes bis zu jenem Moment, da sich ihm kein Gegner mehr in den Weg gestellt hatte.

Doch Brandolf berichtete nicht alles. Einige Details ließ er bewusst aus. Weder erwähnte er Rogars Flucht, noch dass die Gräfin vor dem Stalltor ermordet worden war. Diese Information hätte vielleicht Hinweise auf Rogars Verbleib gegeben und Brandolf wollte Rurik dies auf keinen Fall anvertrauen. Ebenso behielt er die letzten Worte seines Herrn und den geleisteten Eid für sich. Wieder war es ein merkwürdiger Instinkt, der ihn zum Schweigen veranlasste, obwohl hier doch der Bruder seines verstorbenen Herrn, der momentane Befehlshaber der Burg, vor ihm stand.

Während des gesamten Rapports behielt Rurik sein Gegenüber stets im Blick. Es schien, als versuche er, Brandolfs Augen zu durchdringen, um das dahinter Verborgene zu ergründen. Er wartete förmlich darauf, einen Widerspruch zu entdecken und Brandolf zur Rede stellen zu können.

Doch der junge Krieger kannte dieses Spiel. Obwohl er einige Begebenheiten der Nacht ausließ, blieb er dennoch bei der Wahrheit und verstrickte sich nicht in Ungereimtheiten. Dies war die einfachste Art, in diesem Spiel zu bestehen und dem Blick dieses Mannes standhalten zu können. Die ganze Zeit über sah er Sigruns Leichnam aus den Augenwinkeln. Ihr Anblick, mit all seiner im Tode vereinten Ungerechtigkeit, gab ihm zusätzliche Stärke, um in diesem Kräftemessen zu bestehen. Nachdem er seinen Bericht abgeschlossen hatte, stand Brandolf aufrechter vor Rurik als zu Beginn. Der vorläufige Burgherr ließ ihm keine Zeit und stellte sofort seine nächste Frage:

„Wo ist der Sohn?“

„Wessen Sohn?“

Zornesröte stieg in Ruriks Gesicht, als er die Gegenfrage vernahm. Seine Stimme klang laut und polternd in der Halle. „Wessen Sohn? Des Hufschmieds Balg! Wollt Ihr mich zum Narren halten? Natürlich der Sohn meines Bruders! Den Erben der Grafschaft, Rogar!“

Der plötzliche Wutausbruch überraschte die anwesenden Burgbewohner derart, dass die vorderste Reihe nahezu einheitlich erschrocken einen Schritt nach hinten trat. Ruriks Frage und seine Wut ließen Hoffnung in Brandolf aufkeimen: Sollte Rogar es in dem Chaos der Nacht tatsächlich gelungen sein, sich Ruriks vielen Händen zu entziehen und unerkannt zu fliehen? Niemand schien zu ahnen, dass Rogar längst nicht mehr in der Burg war. Alle wähnten ihn noch in der Feste, irgendwo versteckt oder gar von den Barbaren erschlagen.

„Es tut mir leid, darüber kann ich Euch keine Auskunft geben.“

„Könnt Ihr oder wollt Ihr es nicht?“

„Ich kann es nicht, denn weder weiß ich etwas über den Verbleib des Jungen, noch kenne ich sein Schicksal nach dieser blutigen Nacht.“

„Ich frage mich, ob Ihr es mir anvertrauen würdet, wenn Ihr Kenntnis über seinen Verbleib hättet?“

Brandolf setzte zu einer Antwort an, doch Rurik gebot ihm Einhalt und fuhr selbst fort. „Spart Euch die Worte. Mir ist durchaus bewusst, dass Ihr nicht so dumm seid, mir eine falsche Antwort zu geben.“

Rurik wandte sich sogleich wieder einem seiner Vertrauten zu und veranlasste, die gesamte Burg noch einmal nach dem Kind zu durchkämmen und auch den kleinsten Winkel dabei nicht auszulassen. In jedem Vorratsstollen und in jedem Abort sei nachzuschauen, selbst wenn dafür Kammern zu leeren wären oder jemand in die Zisterne hinabsteigen müsse. Die Dringlichkeit war unüberhörbar. Die letzte seiner Anweisungen, man solle den Jungen möglichst lebend finden, besaß jedoch einen merkwürdigen Unterton und klang weder überzeugend noch ehrlich.

Schließlich wandte sich Rurik wieder Brandolf zu und nahm ihn weiter ins Verhör. „Nach allem, was mir von meinen Männern und Euch berichtet wurde, habt Ihr … tapfer gekämpft und viele … Feinde erschlagen. Ihr wart von Beginn des Überfalls an dabei und habt alles genau beobachten können.“ Ruriks Blick forschte nach irgendeinem Hinweis in Brandolfs Augen. „Könnt Ihr Euch erklären, woher die Angreifer kamen?“

Brandolf witterte erneut Gefahr. Sorgfältig versuchte er, Ruriks Falle zu umgehen und wählte seine Worte vorsichtig.

„Anscheinend waren es Nordmänner. Allerdings …“

Brandolf machte eine Pause und erst als er sich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher war, fuhr er fort:

„Allerdings muss ich gestehen, dass mir dieser Angriff der Nordmänner recht ungewöhnlich vorkam. Ein befahrbarer Fluss für ihre Langschiffe ist zu weit entfernt, als dass dies einer ihrer schnellen Raubzüge gewesen sein könnte. Tief im Landesinneren eine gut befestigte Burg anzugreifen, das entspricht nicht dem, was ich bisher über ihre Art zu kämpfen gehört habe. Üblicherweise greifen sie Dörfer, kleine Städte und Klöster in Fluss- oder Küstennähe an. Dabei schlagen sie schnell und hart zu, machen sich jedoch ebenso rasch wieder davon, da sie gegen massive Gegenwehr nicht gerüstet sind. Ihr Vorteil ist die Überraschung. Eine Burg wie diese ist für sie zu stark befestigt und die Aussicht auf schnellen Erfolg zu gering.“

Rurik senkte seinen Blick zu Boden, als er die nächsten Worte sprach: „Nun, auf Widerstand sind sie tatsächlich gestoßen, nicht zuletzt durch Euch.“

Dann hob er seinen Blick wieder und schaute Brandolf direkt in die Augen.

„Aber Ihr habt Recht, Brandolf. Es waren tatsächlich Nordmänner. Das ist leicht anhand Gewandung und Bewaffnung der Toten zu erkennen.“

‚Eine Lüge!, dachte Brandolf sofort. „Gibt es denn keine Gefangenen, die man befragen könnte?“

„Nein, es gibt keine überlebenden Angreifer!“

Ruriks Gedanken schienen abzuschweifen und er verweilte einige Augenblicke stumm. Beinahe geistesabwesend blickte er Brandolf wieder an und entließ ihn schließlich mit einer abfälligen Handbewegung und ein paar unverständlich gemurmelten Worten.

Brandolf war von dem plötzlichen Sinneswandel überrascht. Er zweifelte zunächst an der Ernsthaftigkeit dieser Anweisung und erwartete jeden Augenblick eine weitere Frage. Doch als Rurik ihn keines Blickes mehr würdigte, machte sich Brandolf auf, um die Halle zu verlassen. Erneut bildete sich eine Gasse für ihn.

Nach ein paar Schritten hielt er allerdings inne, überlegte einen Moment und machte noch einmal kehrt. Laut richtete er seine Worte an Rurik, der nicht damit gerechnet hatte und sich überrascht umschaute.

„Verzeiht mir, doch eines kommt mir bei all den Ereignissen merkwürdig vor …“, begann Brandolf. Er ließ die Feststellung im Raum klingen, bis Rurik es nicht mehr ertragen konnte.

„Was? Was ist merkwürdig?“, herrschte er den jungen Krieger ungeduldig an.

Brandolf ließ ihn noch kurz warten, dann fuhr er fort.

„Es sind die Leichen der Nordmänner!“

Mehr sagte er nicht. Er wollte erst sehen, ob sich auf Ruriks Gesicht eine Reaktion zeigte. Der würde zwar nicht leichtfertig in eine solch einfache Falle tappen, doch Brandolf hoffte auf diese Weise ein Stück Wahrheit über die vergangene Nacht in Erfahrung zu bringen.

„Was ist mit den Leichen?“, platzte Rurik erneut ungeduldig heraus, nicht gewohnt, dass man ihn warten ließ.

Brandolf genoss diesen Augenblick, dann gab er sich sehr nachdenklich.

„Sie stinken. Und sie befinden sich nicht dort, wo sie getötet wurden.“

Rurik hob die Augenbrauen, als durchschaue er Brandolfs Absicht. Er machte einen Schritt auf ihn zu und gab geradewegs eine Erläuterung für die Umstehenden ab, um Brandolfs merkwürdige Feststellung zu relativieren.

„Es sind sich wohl alle hier darüber einig, dass es sich bei den Nordmännern um ein dreckiges, stinkendes Pack von ungläubigen Heiden handelt.“

Rurik schaute kurz in die Menge und fand nickende Zustimmung. Der mächtige Mann fuhr zufrieden fort.

„Außerdem habe ich gleich nach meiner Ankunft den Befehl erteilt, alle Leichen der Angreifer zu sammeln und zu verbrennen, damit uns ihr Gestank nicht länger belästigen möge. Daher können sich auch keine Leichen mehr dort befinden, wo sie erschlagen wurden.“

Nach dieser Erklärung für die Menge blickte Rurik scharf in Brandolfs Augen und fuhr mit gedämpfter, aber fordernder Stimme fort.

„Gibt es sonst noch etwas, das Ihr vielleicht bemerkt habt und mir mitzuteilen wünscht?“

Mit einem Kopfschütteln verneinte Brandolf die Frage. Er wollte sein Glück nicht überstrapazieren. Ruriks Erklärung genügte ihm vollkommen, um einige Fragen zu beantworten. In scheinbarer Demut senkte er respektvoll sein Haupt, bedankte sich und schritt erneut die Menschengasse entlang, die bis zum Portal führte.

Kurz bevor Brandolf durch die Tür entschwand, drehte er noch einmal kurz den Kopf zur Seite und sah Rurik mit einem seiner Männer sprechen. Dabei bemerkte er, wie Rurik eine achtlose Handbewegung in seine Richtung machte. Das war für Brandolf keine Überraschung. Natürlich würde Rurik ihn beobachten lassen. Würde er es nicht tun, so wäre Brandolf beinahe enttäuscht gewesen. Er musste jetzt sehr vorsichtig sein und alles daran setzen, möglichst schnell aus der Burg zu gelangen.

Ohne weiter zu zögern betrat Brandolf den Burghof. Inzwischen war die Sonne aufgegangen und die ersten Strahlen erhellten die Mauern der Feste. Die düstere Schlacht wurde dadurch wie ein unwirklicher Albtraum weit entrückt. Tatsächlich waren keine Leichen mehr auf dem Hof zu finden. Rurik hatte es sehr eilig, die Spuren des Kampfes zu beseitigen.

Mit großen Schritten ging Brandolf auf den teilweise abgebrannten und eingestürzten Pferdestall zu. Er hoffte, dass sein Pferd den Brand überlebt hatte, denn ohne seine Stute würde er niemals die Feste verlassen können, geschweige heil zur Burg seines Vaters gelangen. Genau das musste ihm jetzt aber unbedingt gelingen.

Unterschiedliche Gedanken rasten durch seinen Kopf. Bilder der Schlacht tauchten vor seinem inneren Auge auf. Immer häufiger kehrte eine bestimmte Situation wieder, bis er schließlich nichts anderes mehr sah: Rogars überstürzte Flucht und Sigruns Tod. Diese Erinnerungen schmerzten sehr. Doch Brandolf hatte inzwischen begriffen, dass Sigrun das einzig Richtige getan hatte. Mit ihrem eigenen Leben hatte sie das ihres Kindes erkauft. Ein hoher Preis, um den Fortbestand der eigenen Familie zu sichern. Ungläubig schüttelte Brandolf den Kopf. Der Graf und seine Gemahlin waren tot und nur Rogar war noch am Leben. Dieses Leben galt es jetzt zu beschützen. Dazu war es allerdings erst einmal notwendig, den Jungen zu finden.

Derart in Gedanken vertieft betrat Brandolf den Stall, wo er zu seiner Erleichterung tatsächlich seine Stute neben einigen anderen Pferden wohlbehalten vorfand. Der junge Krieger war froh, dass Rurik bisher noch nicht so schlau gewesen war, ihm sein Pferd zu nehmen. Die Stute war kein Schlachtross, wie es wohlhabende Ritter von höherem Rang bevorzugten. Das wäre bei weitem zu aufwendig für Brandolfs Vater gewesen. Die Kosten für ständig neue Waffen, Rüstungen und für die Besatzung seiner kleinen Burg verschlangen schon genug Gelder und Abgaben.

Die braune Stute des Kriegers war wesentlich kleiner und zierlicher gebaut als ein Schlachtross. Mit ihrem ruhigen Gemüt war sie im Gefecht allerdings ebenso beherrscht wie ein solches und darüber hinaus sehr viel wendiger als die meisten Pferde. Zudem hatte das Tier eine einzigartige Ausdauer und konnte über lange Strecken im Trab laufen. Darauf kam es jetzt an: eine schnelle Rückreise. Wenn Brandolf sich sputete und er das Pferd bis an seine Grenzen brächte, so könnte er in zwei Tagen schon auf der väterlichen Burg sein.

Doch noch konnte er nicht reiten. Zuvor musste er seine Habseligkeiten aus dem großen Saal holen, die er in der Nacht zurückgelassen hatte. Seine Rüstung war viel zu kostbar, als dass er sie opfern konnte und sie würde auf dem Heimweg bestimmt noch notwendig sein. Allerdings konnte er jetzt unmöglich einfach in die Halle marschieren und seine Habe packen. Damit würde er Rurik seine Absicht verraten.

Zudem ahnte Brandolf, dass er beobachtet wurde, selbst wenn er Ruriks Gefolgsmann nicht sehen konnte. Scheinbar gelangweilt drehte sich der junge Krieger um und ließ seinen Blick über den Hof gleiten. Es schien, als würde niemand Notiz von ihm nehmen, doch die Ruhe war trügerisch. Brandolf vertraute seinem Instinkt, der ihn warnte.

Der Späher musste getäuscht werden. Brandolf gab nicht preis, dass er die heimlichen Blicke im Nacken spürte und rieb sein Pferd mit frischem Stroh ab, als habe er alle Zeit der Welt. Danach begab er sich wieder auf den Burghof und schlenderte gelassen weiter, weg von der Halle. Er musste den Mann soweit beschäftigen, dass er nicht gleich zu seinem Herrn laufen und berichten konnte.

Der innere Burghof bot ein umtriebiges Bild. Überall beseitigte man die Spuren des Kampfes. Tote wurden geborgen und entlang des Außenwalls aufgereiht. Es sah aus, als seien sie die groteske Stückware des Todes, die auf makabere Art und Weise zum Kauf angeboten wurde. Ein hektischer Mönch schritt die Reihe ab und betete für einen jeden Gefallenen, wirkte dabei jedoch so, als benötige er selbst geistlichen Beistand. Mägde liefen über den Hof und versorgten Verwundete, Kinder versuchten freilaufendes Federvieh und Ziegen einzufangen und sie in die Verschläge zu sperren, mit mäßigem Erfolg.

Der Qualm eines neuen Feuers außerhalb der Burgmauern hing in der Luft und trieb den Gestank versenkten Fleisches in den Innenhof. Wie Rurik es angeordnet hatte, wurden die erschlagenen Nordmänner bereits außerhalb der Burgmauern verbrannt. Auch die beiden Kadaver, die Brandolf in der Nähe seiner toten Herrin begutachtet hatte, waren nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich nährten sich bereits die Flammen an den sterblichen Überresten.

Brandolf suchte den Schmied auf, schaute in der Wachstube nach dem Rechten, half die verkohlten Schweinekadaver aus den niedergebrannten Koben zu bergen und ging hier und da zur Hand, wo seine Hilfe benötigt wurde. Den Pferdestall ließ er indes nie ganz aus den Augen. Er wollte sichergehen, dass seine Stute dort ständig zur Abreise bereit stand. Wenn es soweit war, wollte Brandolf nicht in einem leeren Stall stehen und auf ein Wunder hoffen müssen.

Es war nahezu Mittagszeit, als Rurik mit seinem Gefolge das Hauptgebäude verließ. Das war Brandolfs Chance. Er wartete noch kurz, dann betrat er durch eine Seitentür die Halle. Einige der Burgbewohner hielten sich noch immer darin auf, doch die Mehrzahl der Menschen widmete sich bereits wieder ihrer gewohnten Arbeit, die auch an einem solch außergewöhnlichen Tag keinen Aufschub duldete. Brandolf blieb daher völlig unbeobachtet, ein weiterer Mann unter vielen. Flink zog er sich sein Lederwams und die restliche Gewandung über, schnürte sein Bündel und verließ kurz darauf das Gebäude.

Der Burghof war jetzt deutlich belebter. Rurik erwartete seinen Tross und einige Reiter verließen den Hof, um die Ankommenden schon vor der Burg in Empfang zu nehmen. Darunter würden auch seine Gemahlin und sein Sohn sein.

Auf eine solche Ablenkung hatte Brandolf gehofft. Schnell huschte er in Richtung Stall. Als er bereits die Hälfte des Weges hinter sich gebracht hatte, hörte er laut und deutlich seinen Namen. Brandolf reagierte nicht. Sicherlich gab es noch andere Männer auf dieser Burg mit gleichem Namen.

„Brandolf, Sohn des Gerold! Haltet ein!“

Es gab keinen Zweifel mehr, wer gemeint war und Brandolf verfluchte leise sein Pech. Ausgerechnet jetzt! Dennoch ging er weiter. Mit ein paar flinken Blicken schaute er sich um und sah eine junge Magd, die direkt auf ihn zukam. Wenige Schritte später war Brandolf direkt bei der jungen Frau. Während sein Name noch einmal ungeduldig und laut gerufen wurde, drückte er der überraschten Magd sein Bündel in die Arme und raunte ihr seine Bitte zu:

„Bringe dies zu der braunen Stute im Stall. Bitte! Tu es für Gräfin Sigrun.“

Er war nicht stehen geblieben, sondern einfach an der Magd vorbeigeschritten, doch er hoffte, dass die Eindringlichkeit seiner Bitte unmissverständlich war. Ohne ihre Mithilfe war sein ganzes Vorhaben gefährdet. Geistesgegenwärtig hatte die junge Frau das Bündel unauffällig an sich genommen. Brandolf wagte einen kurzen Blick über seine Schulter und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass sie, ebenso wie er, weitergegangen war.

Nur wenige Schritte weiter erklang sein Name erneut, diesmal mit erboster und eindringlicher Stimme dicht hinter ihm. Er hielt inne, drehte sich um und gab mit überraschter Miene vor, seinen Namen soeben zum ersten Mal vernommen zu haben.

„Brandolf, seid Ihr etwa taub?“, herrschte ihn Ruriks Mann an.

„Nein, durchaus nicht.“ Brandolf blieb höflich, spielte weiterhin den Überraschten und zu Unrecht Beschuldigten.

„Warum hört Ihr dann nicht, wenn Ihr von einem Gefolgsmann des Grafen gerufen werdet?“

Brandolf horchte auf und konnte sich eine Frage nicht verkneifen: „Ist es bereits soweit?“

Den Vertrauten schien die Frage zu verwirren, denn er zweifelte nicht an der neuen Position seines Herrn. Das bestätigte Brandolfs Befürchtung zusätzlich: Rurik versuchte, die Grafschaft an sich zu reißen! Das war ein weiteres Indiz dafür, dass Rurik hinter dem Angriff auf die Greifburg steckte. Schließlich fand Ruriks Mann doch noch Worte. „Gebt Acht und werdet nicht vorlaut! Folgt mir jetzt ohne weitere Reden! Ihr sollt unverzüglich vor Graf Rurik erscheinen!“

Ohne Widerstand kam Brandolf der Aufforderung nach und stand schließlich wieder vor Rurik. Der schien nicht gerade glücklich darüber zu sein, sich erneut mit dem jungen Ritter befassen zu müssen. Er machte den Eindruck, als müsse er sich einer lästigen Fliege erwehren, derer er sich schon längst entledigt geglaubt hatte. Doch Brandolf wusste, dass es sich dabei nur um gespielte Oberflächlichkeit handelte. In Wahrheit musste Rurik sehr daran gelegen sein, ihn erneut zu sprechen, sonst hätte er ihn weder beobachten noch zu sich rufen lassen. Brandolf war für ihn gefährlich!

„Sohn des Gerold“, begann Rurik polternd mit rauer Stimme. „Es wurde mir mitgeteilt, dass Euer Vater Ländereien im Westen der Grafschaft besitzt.“

„Ja“, antwortete Brandolf knapp. Er wollte die Unterredung nicht unnötig in die Länge ziehen.

„Ja, mein Herr!“, korrigierte Rurik ihn zornig. „Seid Ihr und Euer Vater getreue Lehensmänner und Vasallen des Grafen?“

„Natürlich, mein Herr.“

„So solltet Ihr wissen, dass ich bis auf Weiteres die Grafschaft im Namen meines Neffen – Rogar – befehligen werde, als Sachwalter und Stellvertreter meines Bruders. Dies wird so lange von Dauer sein, bis der Knabe gefunden ist und alt genug sein wird, das Volk und die Lande selbst zu führen. Habt Ihr all das vernommen und auch verstanden?“

„Ja, mein Herr.“

Rurik war gerissen und sich über seine Lage im Klaren. Zwar konnte er sich noch nicht als Graf bezeichnen, doch er kannte seine Rechte als Bruder des verstorbenen Burgherrn genauestens. Diese Rechte nutzte er jetzt aus, um seine vorläufige Anwesenheit auf der Burg zu begründen.

Was er dann allerdings forderte, traf Brandolf wie ein Schlag: „So kniet nieder und leistet dem Grafen auch im Namen Eures Vaters einen Eid!“

Es kostete Brandolf einige Überwindung, doch nach kurzem Zögern beugte er schließlich das Knie und senkte sein Haupt in scheinbarer Demut. So schnell er es vermochte, leistete er den althergebrachten Schwur, der dem Grafen uneingeschränkte Treue bekundete. Brandolf fühlte sich mit jedem Wort schmutziger und schämte sich in Grund und Boden. Nicht etwa, weil er zu stolz war, um vor Rurik zu knien. Vielmehr war es der Eid selbst, der wie klebriger Morast schwer an Brandolf haften blieb. Mit höchster Konzentration brachte er die gegenüber Rurik so falsch klingenden Worte über die Lippen. Am liebsten hätte er sich danach den Mund ausgespült, um den faden Beigeschmack loszuwerden.

Nachdem die Worte verklungen waren, legte sich eine erwartungsvolle Stille über den Burghof. Viele der Umstehenden hielten in ihrer Tätigkeit inne, um zu sehen, was weiter geschehen würde. Sie hatten mitbekommen, welcher Eid gerade geleistet worden war, und den meisten war auch bewusst, dass dieser nur dann abverlangt wurde, wenn an der Loyalität des Eiderbringers gezweifelt wurde. Mit einem Mal rückte Brandolf in den Augen der Menschen in das Licht eines trügerischen Recken, dessen Ruf fragwürdig sein könnte und vor dem man sich besser in Acht nehmen sollte. Rurik wusste nur zu genau, was er mit diesem Schauspiel bewirken konnte. Er überließ nichts dem Zufall!

Die Blicke richteten sich jetzt auf den neuen Befehlshaber, vor dessen Übermacht ein kleiner Krieger unterwürfig im Schmutz kniete. Rurik kostete seinen Triumph in vollen Zügen aus. Er genoss es, ebenso auf Brandolf herab blicken zu können, wie ihn im Dreck knien zu sehen und das Ganze auch noch in aller Öffentlichkeit stattfinden zu lassen.

Demütig ließ Brandolf all das in der Hoffnung über sich ergehen, bald die erlösenden Worte zu vernehmen und von Rurik entlassen zu werden.

„Erhebt Euch, Brandolf, Sohn des Gerold“, vernahm er schließlich erleichtert und richtete sich wieder auf. „Geht mir jetzt aus den Augen, doch vergesst niemals, welchen Eid Ihr soeben vor Gott und all den Menschen hier geleistet habt. Ihr seid und bleibt ein Mann des Grafen, bis man Euch aus dem Eid entlässt, sei es durch Tod oder Wort. Habt Ihr das begriffen?“

„Ja, mein Herr.“

„Dann verschwindet jetzt!“

Deutlicher hätte Rurik es nicht sagen können. Wahrscheinlich würde Brandolf eher der Tod ereilen, als dass Rurik ihn mit Worten von diesem Schwur entließe. Bevor sich der junge Krieger erhob, blickte er noch einmal in die Augen seines Gegenübers. Er wusste nicht, was er darin suchte, vielleicht eine Regung, ein Funkeln oder einen Hinweis.

Rurik erwiderte den Blick für einen Herzschlag, dann schaute er verächtlich beiseite, als habe er Wichtigeres zu tun. Dieser kurze Augenblick war allerdings ausreichend, um Brandolf all jene Dinge zu offenbaren, welche er schon bei vielen anderen Männern gesehen hatte: Hochmut, Habgier und Machthunger. Rurik glaubte sich am Ziel seiner Bestrebungen oder zumindest in dessen unmittelbarer Nähe. Durch nichts würde er sich jetzt noch von seinem Ziel abbringen lassen. Schon gar nicht von einem Mann wie Brandolf.

Schnell senkte Brandolf sein Haupt, um diese Erkenntnis und seinen aufkeimenden Zorn vor Rurik zu verbergen. Er stand auf und kehrte seinem neuen Lehnsherrn den Rücken, allerdings mit einem unangenehmen Gefühl, da Brandolf nicht wusste, was jetzt alles hinter ihm geschah. Seine Schritte mit der Befürchtung im Nacken, Rurik könnte es sich doch noch einmal anders überlegen, führten ihn über den Hof, zurück zum Stallgebäude. Je größer die Distanz zu Rurik wurde, umso leichter fiel es Brandolf schließlich, durchzuatmen und auszuschreiten.

Erleichtert stellte er fest, dass seine Stute im Stall auf ihn wartete. Jetzt musste er sie nur noch satteln, aufsitzen und losreiten. Aus der Burg zu entkommen, war für ihn wahrscheinlich die größte Bedrohung des Tages und würde nicht so leicht gelingen, wie es sich anhörte. Es könnte Brandolf schneller das Leben kosten als der Kampf in der vergangenen Nacht.

Er ging zu seiner Stute und sah, dass sie gesattelt und sein Bündel mit Lederriemen daran befestigt war. Die junge Magd hatte ihn erhört und nicht nur seiner Bitte entsprochen, sondern auch dafür gesorgt, dass der Stallmeister das Pferd für die Abreise bereit machte. Im Stillen dankte Brandolf ihr, während er eilig die Zügel vom Pfosten löste und sein Tier an den anderen Pferden vorbei durch den Stall führte.

Noch bevor er die Stalltür erreicht hatte, bemerkte er jemanden, der sich von hinten näherte. War es einer von Ruriks Männern, der ihm auflauerte? Wieso hatte Brandolf ihn nicht bemerkt? Er brachte die Stute zum Stehen. Auf alles gefasst, legte Brandolf verdeckt die Hand an das Heft seines Schwertes. Die unbekannte Person schlich über den mit Stroh bedeckten Boden, näherte sich ihm noch immer. Die Bewegungen waren kaum zu vernehmen, nur ein leises Rascheln, doch der junge Krieger war gewappnet. Immer näher kamen die Schritte, dann waren sie dicht hinter ihm.

Blitzschnell drehte sich Brandolf um und zog gleichzeitig sein Schwert. Als er jedoch die hilfsbereite Magd vor sich sah, ließ er die Klinge beinahe fallen. Erschrocken blieb die Frau stehen und die Worte, die sie gerade aussprechen wollte, blieben ihr im Halse stecken. Ein Bündel entglitt beinahe ihrer Hand.

„Gute Frau, schleiche dich niemals von hinten an einen Krieger heran.“ Erleichtert ließ Brandolf die scharfe Klinge im Futteral verschwinden.

Nach dem Schrecken nahm die Magd all ihren Mut zusammen und ging auf Brandolfs Pferd zu. Dort befestigte sie das Bündel am Sattel. Während sie die Riemen schnürte, erklärte sie leise: „Wahrscheinlich habt Ihr einen langen Weg vor Euch. Ein wenig Proviant soll Euch helfen. Besser ist es, wenn Ihr zügig reitet und möglichst selten anhalten müsst. Man weiß nie, ob und wann der neue Herr es sich vielleicht noch einmal anders überlegen wird.“

Brandolf war verwirrt über die offenen Worte der Magd. Auch wenn er sie um Hilfe gebeten hatte, so konnte sie dennoch ein Hinterhalt Ruriks sein. Daher blieb er vorsichtig.

„Ich habe gerade einen Eid vor allen Anwesenden geleistet. Hast du ihn als Einzige etwa nicht vernommen? Ich bin dem Grafen zur Treue verpflichtet und er zu meinem Schutz. Rurik würde es nicht wagen, den Eid von sich aus zu brechen.“

„Das mag sein. Doch was sollte ihn daran hindern, Euch verfolgen zu lassen? Auf Reisen kann viel geschehen! Es gibt zahllose Wegelagerer und Geächtete in den Wäldern. Ihr wäret nicht ihr erstes Opfer, selbst als erfahrener Ritter. Zudem habt Ihr den Eid nicht auf Rurik geleistet …“

Die Magd sprach offen aus, was Brandolf selbst befürchtete. Aus einem fremden Munde klang es allerdings viel plausibler als in seinen Gedanken. Rurik hatte ihn die gesamte Zeit beobachten lassen und es wäre nicht verwunderlich, wenn er für ihn einen Hinterhalt geplant hätte. „Ich danke dir. Selbst deine Herrin Sigrun hätte nicht edler handeln können.“

„Von ihr habe ich es auch gelernt. Ich habe nur eine Bitte an Euch.“ Brandolf gestattete sie mit einem Kopfnicken. „Vergesst Euren Eid nicht, den Ihr soeben geleistet habt. Denkt vor allem daran, wem Ihr ihn geleistet habt!“

Eine merkwürdige Bitte für eine Magd. Brandolf war so verblüfft, dass er nicht zu antworten wusste. Die junge Frau wandte sich zum Gehen und verschwand durch den abgebrannten, offenen Bereich des Stalles, noch bevor er etwas erwidern konnte. In Gedanken versunken führte er sein Pferd aus dem Stall in Richtung Haupttor.

Gerade wollte Brandolf das Tor zur Vorburg passieren, als mehrere Reiter im vollen Galopp über den Platz in den Innenhof der Feste preschten, direkt auf Rurik zu. Es waren seine Gefolgsmänner und sie kündigten die Ankunft des Wagentrosses an.

Brandolf fluchte leise. Wegen des Eintreffens des Gefolges war es jetzt unmöglich, den schmalen Weg hinab in die Auen zu nehmen. Dieser enge Pfad war im Augenblick mit Mann, Tier und Karren derart blockiert, dass ein Vorbeikommen unmöglich war. Brandolf blieb nichts anderes übrig, als etwas abseits am Tor zwischen Vorburg und Innenhof auf eine Gelegenheit zu warten, die Feste endlich zu verlassen.

Das Warten gab ihm aber auch eine Gelegenheit, Ruriks Gemahlin zu Gesicht zu bekommen. Ihm war über dieses Weib schon so manches zu Ohren gekommen und es entsprach nicht gerade dem, wie sich ein Weib zu verhalten hatte.

Wulfhild, so lautete ihr Name, zeigte all jenen das Gegenteil, die glaubten, eine Adelige müsse sich bei einer Reise in einem der hinteren, von Kriegern geschützten Wagen durch die Landschaft fahren lassen, damit sie und ihr Nachwuchs in Sicherheit waren. Weit gefehlt! Sie kam kurz hinter der galoppierenden Vorhut auf einem Pferd ebenso forsch durch das Tor geprescht wie die Reiter zuvor. Es war ein imposantes Schauspiel und da die Vorhut bereits abgesessen war, konnte sie sich als einzige Reiterin im gesamten Hof aller Blicke gewiss sein.

Ruriks Gemahlin war eine große Frau und überragte die meisten Männer, mit Ausnahme ihres Gatten. Entsprechend breit war ihre Statur und unter den Kriegern gab es wenige, die es mit ihren breiten Schultern und den kräftigen Oberarmen hätten aufnehmen können. Mutige Zungen behaupteten, dass an ihr ein Krieger verloren gegangen sei, der seinesgleichen gesucht hätte. Besonders Kühne meinten gar, dass ein jedes Kleid an ihrem Körper eine Verschwendung feinen Stoffes wäre und sie deshalb nahezu ausschließlich die Gewandung von Männern trug. All diese Äußerungen mussten natürlich vorsichtig und hinter vorgehaltener Hand gemacht werden, wenn man sein Leben nicht verwirken wollte.

Soweit Brandolf es einzuschätzen vermochte, beneidete kein einziger Mann Rurik um sein Eheweib. Es hieß aber auch, dass er der einzige Mann sei, der diese Frau zu bändigen wusste und Wulfhild allein von Rurik Anweisungen und Befehle akzeptierte.

Um die hohe Geschwindigkeit des Tieres in dem beengten Innenhof zu verringern, lenkte Wulfhild ihr Tier in mehreren großen Kreisen über den Platz und trieb dadurch die versammelte Menge auseinander. Brandolf glaubte gar zu sehen, dass sie dem Tier sogar noch die Hacken in die Flanken trieb, um es anzuspornen statt zu zügeln. Ein Lächeln auf ihrem breiten Gesicht bekundete, dass ihr dieses Auftreten Vergnügen bereitete.

Rurik schaute sich das Spektakel nicht lange an. Schon nach der zweiten Umrundung seiner Gemahlin begann er lauthals zu drohen, das Pferd dem Schlachter zu überlassen, sollte sie es nicht augenblicklich zum Stehen bringen. Wulfhild ließ das aufgebrachte Pferd immer langsamer seine Kreise um Rurik ziehen und brachte es schließlich vor ihm zum Stillstand. Eine dichte Staubwolke umhüllte ihn und seine Getreuen. Rurik beherrschte sich und blieb ohne eine Regung stehen, während seine Männer zu hüsteln begannen und sich augenreibend abwandten.

Mit Elan sprang Wulfhild vom Pferd und tätschelte zufrieden den muskulösen Hals des Tieres. Erst jetzt konnte man die Fülle dieser Frau zur Gänze erkennen. Direkt vor ihrem Gemahl stehend, blickten sich beide zunächst stumm an. Die Anwesenden im Hof verharrten schweigend und beobachteten, was nun geschah.

Nach wie vor stand Rurik ungerührt da, einem unbeweglichen Felsen gleich. Die Blicke, die er und seine Gemahlin austauschten, erinnerten Brandolf an sein eigenes Ringen mit diesem Mann. Rurik beendete dieses Spielchen und brach das Schweigen mit grollender Stimme.

„Musste das wieder sein? Ich habe dir schon mehrfach angedroht, das Tier wegzunehmen, wenn du es nicht zu beherrschen lernst.“

Die Stille im Burghof war so vollkommen, dass selbst Brandolf am Tor jedes einzelne Wort hören konnte. Wulfhild schien sich daran nicht zu stören. Stämmig und selbstbewusst wie sie war, wich sie keinen Fingerbreit vor ihrem Gatten zurück. Im Gegenteil, sie bot Rurik sogar die Stirn: „Du solltest dich doch noch gut daran erinnern können, dass ich schon ganz andere Dinge zugeritten habe.“

Nach der Bemerkung blickte Wulfhild kurz in die Runde und ihr entging das ein oder andere Grinsen nicht, das rasch hinter einer Hand oder durch ein gesenktes Haupt verborgen wurde. Genau das war es, was sie erreichen wollte: Rurik ein Stück weit lächerlich machen und selbst das Wort führen.

„Und, hast du erreicht, was du wolltest?“

„Ja“, lautete Ruriks knappe Antwort. Es war deutlich, dass er es auf dem Burg hof zu keinem langen Disput kommen lassen wollte, schon gar nicht über dieses Thema. Dennoch fuhr seine Gattin fort.

„Wie viele Tote?“

„Nur wenige. Mein Bruder und seine Frau, Gesinde und ein Teil der Besatzung!“

„Das Kind?“

„Wir suchen es noch. Bisher haben wir es in dieser großen Feste noch nicht ausfindig machen können. Meine Männer durchkämmen im Augenblick jeden noch so kleinen Unterschlupf.“

„Der Junge muss gefunden werden!“

„Ich weiß.“ Rurik wirkte ungeduldig. Er war offensichtlich nicht gewillt, dieses Thema öffentlich weiter auszuführen. Wulfhild bemerkte den aufkommenden Unmut ihres Gatten. Geschickt begann sie, von einer anderen Angelegenheit zu sprechen.

„Du erinnerst dich an unsere Vereinbarung?“

„Natürlich“, gab Rurik entnervt und mit rollenden Augen zurück, als müsse er auch dieses Thema nicht zum ersten Mal mit Wulfhild besprechen. Just in diesem Moment hielt der Rest des Trosses polternd Einzug in die Vorburg und brachte das von Rurik ersehnte Ende des Gesprächs.

Neben den Wagen und der Gefolgschaft war auch ein Pony Teil des Trosses. Darauf saß der von vielen gleichaltrigen oder gar älteren Jungen gefürchtete Sohn Ruriks. Der junge Drogo war ebenso ungestüm wie seine Mutter. Er führte sein Tier in den Innenhof und dann mit kleinen, schnellen Schritten quer über den Platz. Die Menschen, die aufgrund des Gespräches wieder etwas näher an das Paar herangekommen waren, wurden erneut zurückgedrängt. Die Freude des Jungen über den so erzwungenen Gehorsam war unverkennbar und glich der seiner Mutter.

Trotz des Tumults in der Vorburg zog Wulfhild die Aufmerksamkeit ihres Gatten wieder auf sich. Brandolf hatte Mühe, bei dem Lärm die Unterredung weiter mitzuverfolgen und wagte sich ein paar Schritte näher.

„Hast du mit dem Pfaffen gesprochen?“, fragte Wulfhild Rurik fordernd.

„Er ist ein Mönch, kein Pfaffe“, gab Rurik missgelaunt zurück.

„Das tut nichts zur Sache. Ist es beschlossen worden oder nicht?“

„Es wurde alles arrangiert. Und beschlossen war es längst!“

„Wirst du an dem Plan festhalten?“

„Natürlich, Weib!“ Rurik war jetzt sichtlich erbost, dass Wulfhild es wagte, seine Glaubwürdigkeit in aller Öffentlichkeit derart in Frage zu stellen.

„Zweifelst du etwa an meinem Wort und meiner Ehre?“

„Nein, selbstverständlich nicht“, gab Wulfhild etwas gedämpfter von sich, um ihren zornigen Gemahl zu besänftigen.

Sie machte einige Schritte auf das Hauptgebäude zu, hielt jedoch noch einmal inne und wandte sich erneut ihrem Gemahl zu. Ihre Stimme klang laut und deutlich über den Hof.

„Du weißt genau, dass Drogo auch das Wort und nicht nur das Schwert beherrschen muss. So manches Gefecht wird mit dem Federkiel ausgetragen, oft damit entschieden und vor allem damit besiegelt. Eine scharfe Klinge kann zwar manchen Sieg erringen, doch nur das Wort kann ihn auf lange Sicht erhalten und schafft die notwendigen Verbündeten!“

Ohne Rurik die Möglichkeit einer Antwort zu geben, wandte sich Wulfhild ab und ging weiter. Der Klang ihrer Stimme schien noch von den Burgwänden widerzuhallen, als sie die große Halle betrat. Ein derber Fluch kam über Ruriks Lippen. Seine Vertrauten blickten betroffen zu Boden, als ob sie dadurch seinem Unmut entgehen könnten.

Brandolf hatte genug gesehen und gehört. Es war höchste Zeit für ihn aufzubrechen. Möglichst unauffällig führte er sein Pferd durch das Tor in die Vorburg. Wie er gehofft hatte, war der Tross inzwischen nahezu vollständig eingetroffen. Menschen und Tiere drängten sich auf dem kleinen Platz zwischen den Gebäuden, Wagen und Karren.

So schnell wie möglich bahnte sich Brandolf seinen Weg durch das Treiben. Seine Gedanken drehten sich aber noch um das Gespräch zwischen Rurik und Wulfhild. Alle Indizien wiesen darauf hin, dass der Angriff und die plötzliche Rettung der Burg nichts weiter als ihr schmutziges, falsches Spiel gewesen waren. Eine gefährliche Theorie, dessen war sich Brandolf bewusst, doch sie wurde von dem eben vernommenen Disput bekräftigt. Eindeutige Beweise fehlten ihm jedoch.

Kurz bevor Brandolf das Haupttor erreichte, drehte er sich noch einmal instinktiv um und sah Rurik, der ihn beobachtete. Ihre Blicke trafen sich. Es schien, als teilten sie in diesem Moment ein Geheimnis. Brandolf spürte deutlich das Misstrauen, das sich in den Augen des neuen Burgherrn widerspiegelte.

Rurik ahnte es! Er erriet Brandolfs Mutmaßung und Anschuldigung! Schnell löste der junge Krieger seinen Blick, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Er sah gerade noch, wie Rurik zwei seiner Männer anwies, Brandolf zu folgen. Wollte Rurik seine errungene Macht sichern, so musste er Brandolf unbedingt daran hindern, die Burg zu verlassen. Der vor wenigen Augenblicken geleistete Treueschwur war bedeutungslos geworden. Taten würden Rurik mehr Gewissheit geben!

Schnelligkeit würde jetzt Brandolfs bester Verbündeter sein. Ohne sich weiter um seine Verfolger zu kümmern, bestieg er auf dem belebten Hof sein Pferd und trieb es trotz der vielen Menschen lauthals an. Die Leute stoben erschrocken zur Seite und gaben den Weg zum Tor frei. Verwunderte Blicke der Wachen und einige Beschimpfungen begleiteten Brandolf auf dem Weg nach draußen, doch niemand versuchte, ihn aufzuhalten. Die Stute befand sich bereits in vollem Galopp, als sie auf das Plateau vor der Burg preschte.

Auf dem schmalen Pfad hinab zu den Auen befanden sich noch vereinzelt Frauen und Männer, die zum Tross des neuen Sachwalters gehörten. Ein unglaublich großes Gefolge für einen kurzen Familienbesuch, stellte Brandolf fest.

Sicheren Hufes bahnte sich die Stute den Weg auf dem schmalen Pfad nach unten. Sie drängte sich an den Menschen vorbei, die sich gegen die aufgehende Felswand pressten, um von dem ungestümen Tier nicht in die Tiefe gerissen zu werden. Brandolf spornte sein Pferd weiter an, nahm keine Rücksicht auf die arglosen Leute. Mit Schrecken sah er am Beginn des Anstieges einen Ochsenkarren, der kurz davor war, den Weg nach oben anzutreten. Der Karren würde den Weg blockieren. Ein Entkommen wäre dann unmöglich. Der Ochsentreiber würde seinen Karren nicht mehr wenden können und Brandolf säße in der Falle.

Zu seinem Glück bewegte sich der Karren keine Elle weiter, weil er im Morast der Wiese feststeckte. Der Ochsentreiber fluchte aufs Heftigste und versuchte, die beiden Tiere anzutreiben, jedoch ohne Erfolg. Brandolf sah darin eine Gelegenheit.

Er spornte sein Pferd auf dem letzten Abschnitt des Weges noch einmal an. Beim Ochsenkarren angekommen, stoppte der Krieger das Tier abrupt und sprang aus dem Sattel, noch ehe es ganz zum Stehen gekommen war. Sofort machte er sich daran, dem Ochsentreiber zu helfen.

Der Knecht und Brandolf benötigten mehrere Anläufe und eine Unzahl von Flüchen, bevor sich der einachsige Karren mit einem saugenden Geräusch schließlich aus dem Morast löste. Endlich rollte er wieder voran. Sofort begannen die Tiere, ihre Last auf dem schmalen Pfad unaufhaltsam empor zu ziehen.

„Verfluchte Mistviecher, wehe ihr bleibt noch einmal stehen! Danke, Herr.“

Der Ochsentreiber verbeugte sich mit abgenommener Haube ein wenig, dann sprang er seinem Karren hinterher, um sicherzugehen, dass die Ochsen keinen weiteren Fehltritt begingen. Brandolf nickte zufrieden und ließ den schlammverschmierten Mann seiner Arbeit nachgehen. Dessen raue, antreibende Rufe waren ein Wohlklang in Brandolfs Ohren, bedeutete doch jede gefahrene Elle, dass der Weg für seine Verfolger bald versperrt sein würde. Ein Blick nach oben zeigte ihm, dass Ruriks Männer bereits die erste Hälfte des Pfades hinter sich gebracht hatten.

Rasch sprang Brandolf wieder auf seine Stute und galoppierte geradewegs über die Wiesen zum rettenden Waldrand. Als der Forst erreicht war, zügelte der junge Krieger sein Pferd und wandte sich noch einmal der Burg zu. Ein befreiendes Lachen erklang plötzlich aus seiner Kehle, denn seine Verfolger wurden auf dem schmalen Pfad vom Ochsengespann aufgehalten. Gänzlich unbeeindruckt von den Drohungen der Recken trieb der Knecht seine Tiere immer weiter nach oben. Die Pferde der Krieger wurden Schritt für Schritt zurückgedrängt, ganz wie Brandolf es gehofft hatte.

Alles, was er jetzt noch benötigte, war ein ungehinderter Ritt durch die dichten Wälder der Grafschaft. In diesen kannte er sich bestens aus und der notwendige Vorsprung, den er für eine sichere Heimkehr benötigte, war ihm jetzt gewiss. Vielleicht war ihm das Glück auch hold und er würde auf seiner Reise einen Hinweis auf Rogars Verbleib finden. Doch die Suche nach ihm würde wahrscheinlich noch eine Weile warten müssen. Wichtiger war jetzt erst einmal, Ruriks Treiben ein vorzeitiges Ende zu setzen, bevor es richtig beginnen konnte.

Anno 956 – Faoláns Ankunft

Der vor dem Altar Kniende pflegte Bücher in der Regel sorgfältig zu schließen, nachdem er sie benutzt hatte. Sie waren nicht nur von unschätzbarem Wert für ihn, sondern stellten auch für die Gemeinschaft einen unersetzbaren Reichtum an Wissen und Weisheit dar. Ihre Herstellung war aufwendig und nur selten gelangte man an die Abschrift eines Werkes. Sobald er eines nicht mehr benötigte, verschnürte er den meist hölzernen, in seltenen Fällen auch ledernen Einband mit den dafür vorgesehenen Riemen und Laschen und gab sie in die Obhut des Bibliothekars im Skriptorium zurück.

Bei einem Buch machte der Mann allerdings eine Ausnahme. Es widerstrebte ihm regelrecht, dieses besondere Werk zuzuschlagen oder gar zu verschnüren. Er hatte das Gefühl, die Worte auf diesen Pergamentseiten müssten atmen können und benötigten dafür Raum, um sich zu entfalten. Ihr Inhalt und Sinn entsprachen seinem Leben. So blieb das Neue Testament stets offen auf dem kleinen Altar in den privaten Räumlichkeiten des Klosteroberhauptes liegen.

Nachdem er sich bekreuzigt hatte, erhob sich Abt Degenar langsam aus seiner demütigen Haltung. Meist nutzte der Mönch das Gebet, um wieder einen leichten Kopf zu bekommen, der von all den zu prüfenden Zahlen oft schwer wurde. Vertiefte er sich in die Heilige Schrift, so konnte er stets Kraft und neuen Elan für diese lästigen, jedoch notwendigen Aufgaben schöpfen.

Der Mönch blickte sich in dem kleinen, kargen Arbeitszimmer um, welches ihm als Abt des Benediktinerklosters zustand. Selbst nach all den Jahren fühlte er sich noch immer nicht so wohl hier, wie er es mit Fug und Recht tun könnte. Degenar fiel es schwer, sich an das Privileg zu gewöhnen, eigene Räumlichkeiten innezuhaben. Das galt sowohl für das Schlafgemach wie auch für den Vorraum, in dem sich der Altar, ein Schreibpult, ein Tisch und ein paar einfache Holzbänke befanden. Die Exedra war mit raren, teilweise sogar bunten Glasfenstern ausgestattet.

Zu Beginn seiner Amtszeit hätte Degenar am liebsten wieder bei seinen Mitbrüdern im großen Schlafsaal genächtigt, denn so war er es seit seiner Kindheit gewohnt. Dort kehrte zwar niemals absolute Ruhe ein, doch gerade das fehlte ihm in der Anfangszeit in seinen eigenen Gemächern: Er vermisste das Schnarchen, das laute Atmen und die sonstigen Geräusche der Mitbrüder. Allein das Wissen um ihre Nähe barg für Degenar stets eine gewisse Wärme in sich. In seinem eigenen Schlafgemach hingegen war es des Nachts völlig still und er fühlte sich manchmal einsam.

Doch die privaten Kammern eines Abtes besaßen auch Vorzüge. So konnte Degenar in aller Ruhe bis spät in die Nacht seinen zahlreichen Pflichten nachgehen, ohne seine Mitbrüder zu stören oder, was meist wichtiger war, selbst dabei gestört zu werden. Nächtliches Arbeiten war öfter vonnöten, als er es sich jemals hatte vorstellen können, bevor er sich diesem Amt verschrieben hatte.

Eine arbeitsreiche Nacht würde es auch heute werden, sollte er die vielen Zahlen und Kalkulationen seines Freundes Ivo, dem Cellerar, nicht rechtzeitig bis zur Vesperandacht überprüft haben. Zwar konnte er dem Kellermeister vertrauen, vor allem, wenn es um Zahlen ging, denn diesbezüglich war sein Freund überragend, doch Degenar nahm seine Pflichten ernst und so würde er sich auch diesmal erneut durch die Arithmetik mühen. Gut zu wirtschaften war ein wichtiger Grundpfeiler für die Existenz eines Klosters, denn davon hingen Zukunft und Fortbestand der Gemeinschaft ab.

Als Degenar in jungen Jahren von seinen Mitbrüdern zur Abtwahl aufgestellt wurde, hatte er nicht ernsthaft daran geglaubt, diese auch zu gewinnen. Als einfacher Mönch hatte er noch nicht einmal irgendein Amt innegehabt, wie es meist üblich war. Zudem war seine Gegnerschaft mächtig und besaß gewichtige Fürsprecher. Das Ergebnis der Wahl war umso überraschender, denn sie fiel knapp zu Degenars Gunsten aus. Er hatte das Votum angenommen und war seither das Oberhaupt der Abtei. Doch der anfängliche Übermut, den der Sieg mit sich brachte, wich schon wenige Tage später einer kalten Ernüchterung.

Damals, vor über eineinhalb Dekaden, befand sich das Kloster in einem derart desolaten Zustand, dass nur ein grundlegender Richtungswechsel der täglichen Belange einen Erfolg versprach. Trotz der Ländereien im Klosterbesitz waren die Einnahmen zu gering, um die Ausgaben zu decken. Von einer kleinen Summe, die für besondere Zwecke hätte zurückgelegt werden können, wagte Degenar erst gar nicht zu träumen. Durch jahrzehntelange Misswirtschaft stand das Kloster kurz vor dem Ruin.

Bei der Durchsicht der Aufzeichnungen und Bestände war der alte Kellermeister damals keine große Hilfe gewesen. Degenar hatte sogar den Eindruck, als versuche Cellerar Ansgar, die Tatsachen zu beschönigen oder gar zu vertuschen. Daher beschloss Degenar, dieses Amt mit Ivo neu zu besetzen. Sein Freund galt zwar allgemein als zu jung und unerfahren, um das wichtige Amt des Cellerars zu bekleiden, doch er besaß hierfür eindeutig die besten Fähigkeiten. Ivo beherrschte nicht nur die Arithmetik, sondern behielt stets einen Überblick und hatte Verständnis für die notwendigen Zusammenhänge. Meist fand er für alltägliche Probleme schnelle und praktikable Lösungen, die selbst seine Kritiker überzeugten.

Degenars Entschluss rief trotzdem Empörung hervor. Vor allem die älteren Brüder sahen es als respektlos an, den ehrwürdigen Ansgar seines Amtes zu berauben. Um diesen Unmut einzudämmen, ernannte Degenar seinen Freund zunächst zu Ansgars Gehilfen. Somit war es Ivo möglich, sich das Amt des Altmeisters in aller Ruhe und Ausführlichkeit erklären zu lassen und sich einzuarbeiten. Bereits wenige Monate später überließ der betagte Ansgar seinem Gehilfen immer mehr Aufgaben, bis sich der junge Mönch als unentbehrlich erwies. Als der Alte schließlich erkannte, dass Ivo mehr im Amte des Cellerars stand und mehr leistete als er selbst, zog er sich schließlich von selbst zurück. Ansgar behielt zwar offiziell noch immer den Amtstitel, soviel gestand Degenar dem alten Mann aus Respekt zu, doch die Obliegenheiten wurden bis zum Tode des Meisters einzig von Ivo gelenkt.

Natürlich gab es Brüder, die offen behaupteten, Degenar habe dem alten Mönch die Lebensfreude entrissen und ihn auf diese Weise in den Tod getrieben. Mit derartigen Vorwürfen hatte der Abt gerechnet, waren ihm doch inzwischen seine Gegenspieler und deren Taktik bekannt. Anfangs war es sehr belastend, dieser offenen Feindschaft ausgesetzt zu sein. Er selbst hatte nur die ehrenwertesten Ziele im Sinn, doch nicht alle der Brüder schienen diese Ansicht zu teilen.

Urheber dieser Missstimmung war der alte Bruder Lothar, der, wie Degenar auch, seit seiner Kindheit in der Abtei lebte und ebenfalls für das Amt des Abtes zur Wahl angetreten war. Natürlich schmerzte es Lothar noch mehr als seine jüngeren Mitbrüder, den alten Cellerar solcherart deplatziert zu sehen. Zudem waren die Reformen so einschneidend, dass Lothar einige Mitbrüder gegen Degenar aufwiegeln konnte. Der neue Weg des Abtes forderte nämlich Verzicht von allen Mönchen, der auch das leibliche Wohl betraf. Diese Umstände veranlassten Lothar, erneut gegen Degenar anzugehen. Siegessicher verlangte er unverhohlen die Abwahl des Abtes, woraufhin heftige Debatten im Kapitelsaal geführt wurden.

Abermals verfehlte Bruder Lothar sein Ziel. Am Ende waren die Reformgedanken überzeugender gewesen, so dass Degenar in seinem Amt bestätigt wurde. Nach der zweiten Niederlage verspürte Lothar weder Lust noch Kraft, diesen offenen Kampf fortzuführen. Das hinderte jedoch keineswegs andere Brüder daran, ihm nachzueifern.

Um einen dieser Nachfolger war Degenar besonders besorgt, denn er zeigte sich äußerst schlau und tückisch. Es war ein junger Mönch, der ganz bewusst die offenen Auseinandersetzungen scheute. Er agierte lieber im Verborgenen und es war kein geringerer als Bruder Walram, Lothars engster Vertrauter. Er hatte viel von seinem Mentor gelernt und darüber hinaus war er mit seinem Scharfsinn den meisten Mitbrüdern weit überlegen. Mit Leichtigkeit gelang es ihm, eine Gruppe Gleichgesinnter um sich zu scharen. Degenars Hoffnung, nach Lothars Rückzug würde die Zwiespältigkeit der Bruderschaft beendet sein, erwies sich schnell als Trugschluss.

Bruder Walram war sich bewusst, dass Degenar in vielen Bereichen angesehenen war. Deshalb versuchte er nur in ganz kleinen Schritten, die Autorität seines Abtes zu untergraben und wartete geduldig auf seine Gelegenheit. Walram war überzeugt, dass sie eines Tages kommen würde. Der junge und auf seine Art charismatische Mönch hatte mit Hilfe seiner Befürworter binnen weniger Jahre die Position des Priors der Abtei erworben. Er selbst wertete dies als großen Erfolg, denn als Stellvertreter des Abtes genoss er einige Privilegien. Gerade deshalb hielt Degenar stets ein wachsames Auge auf ihn.

Nachdem die anfänglichen Schwierigkeiten überstanden waren und die Gegenstimmen immer leiser wurden, gelang es der Gemeinschaft unter Degenars Führung innerhalb einer Dekade die wirtschaftlichen Probleme zu überwinden. Seit einigen Jahren erzielte das Kloster sogar einen kleinen Gewinn.

Mit einem Kopfschütteln schob Degenar die Vergangenheit beiseite. Er wollte sich jetzt ganz auf die bevorstehende Andacht des Nachmittags konzentrieren, die Non, ohne sich von schlechten Gedanken beeinflussen zu lassen, schon gar nicht von Gedanken um Walram. Deshalb kniete er noch einmal vor dem kleinen Altar nieder, um sich erneut einen klaren Kopf zu verschaffen.

Kaum hatte er das Gebet begonnen, schlug plötzlich die Tür zu seinen Gemächern mit einem lauten Krachen auf. Vor Schreck fuhr Degenar zusammen. Diese Respektlosigkeit, derart ungezügelt in seine Räumlichkeiten einzudringen, war eine unduldsame Dreistigkeit. Noch bevor er sich dem Störenfried zuwandte, setzte der Abt eine finstere Miene auf, um seinen Unmut deutlich zu zeigen. Die strengen, maßregelnden Worte, die Degenar bereits auf der Zunge lagen, blieben jedoch beim Anblick des Eindringlings unausgesprochen. Mit hastigen Schritten betrat Degenars Freund, Cellerar Ivo, den Raum. Er war der Einzige, dem der Abt ein solches Verhalten schnell verzeihen konnte, auch wenn ihm der Schreck noch in den Gliedern saß.

Der Kellermeister schien aufgebracht, murmelte unter schnellen, kurzen Atemzügen vor sich hin und trug einen besorgten Gesichtsausdruck. Es musste einen wichtigen Grund für dieses ungewöhnliche Auftreten geben, denn unter normalen Umständen hätte es selbst Ivo niemals gewagt, derart respektlos einzutreten. Gespannt wartete Degenar auf eine Erklärung, doch die hastig dahingenuschelten, von ständigem Schnaufen unterbrochenen Worte des Cellerars waren beim besten Willen nicht zu verstehen.

Geduldig versuchte Degenar den beleibten Mönch erst einmal zu beruhigen. Er goss Wasser in einen Becher und bot Ivo mit einer einladenden Geste einen Sitzplatz in der Exedra an. Geistesabwesend nahm Bruder Ivo den Becher entgegen, murmelte weiter von Dingen, die Degenar nicht verstand und setzte sich. Erst als Ivo das Gefäß mit einer vor Aufregung zitternden Hand an den Mund führte, erstarb der unverständliche Wortschwall und mit jedem Schluck beruhigte sich der Cellerar zusehends. Schließlich holte er tief Luft und begann mit deutlicher Stimme langsam zu sprechen.

„Ich habe wirklich keine Ahnung, wer er ist oder woher er kommt.“

Bruder Ivo klang hilflos.

Degenar nahm auf einer zweiten Bank gegenüber Platz und schaute seinem Freund in die Augen. Antworten fand er dort jedoch nicht, also stellte er die notwendigen Fragen. „Von wem sprichst du?“

„Na, von dem Jungen natürlich!“ Ivo blickte Degenar ungläubig an, als könne er nicht verstehen, wie man eine solch überflüssige Frage stellen konnte.

„Von welchem Jungen?“

Erst jetzt besann sich der Kellermeister. „Tut mir Leid, ich sollte besser von vorne beginnen …“

„Ja, die Geschichte von Beginn an zu hören, würde es meinem Verstand erheblich erleichtern, deinen Ausführungen Folge zu leisten.“ Degenar konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

„Ja, richtig“, fuhr Ivo fort. „Gut. Also, wo soll ich anfangen? Ach ja, von vorne!“ Der umherwandernde Blick des Cellerars hielt schließlich inne und Ivo begann einen ausführlichen Bericht.

„Ich befand mich gerade auf dem Rückweg von den Feldern, um die Vorbereitungen für das abendliche Mahl zu überwachen. Du weißt, dass ich zurzeit meinen Küchengehilfen verschärft auf die Finger schauen muss …“ Ivo schweifte in Gedanken kurz ab, besann sich aber sogleich wieder auf seinen Bericht. „Ich war allein unterwegs, denn ausnahmsweise hatte sich heute keiner der Brüder beim Prior über Rückenschmerzen beklagt, wie es sonst oft während der Feldarbeit der Fall ist. Guter Dinge befand ich mich im Wald, auf halbem Wege zurück. Plötzlich vernahm ich es: ein Schnauben und Prusten. Zunächst dachte ich an Wegelagerer und beschleunigte meine Schritte. Doch ich wurde nicht verfolgt.“

Der Kellermeister legte eine Pause ein, als durchlebe er die Situation erneut. „Ich hielt inne und vernahm kurz darauf erneut dieses Schnauben. Diesmal konnte ich es eindeutig einem Tier zuordnen. Es befand sich irgendwo im Gehölz hinter mir. Ich wurde neugierig, fasste Mut und bahnte mir einen Weg durch das Unterholz, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nach wenigen Schritten traf ich auf einen schmalen Pfad. Und da stand es, nur ein Dutzend Ellen vor mir: ein Pferd!“

„Ein Pferd?“ Degenar konnte seine Überraschung nicht verbergen. Ein jedes Tier hätte er im Unterholz erwartet, verletztes Wild, ein hilfloses Jungtier oder gar ein entlaufenes Schwein. Ein Pferd allerdings war ungewöhnlich.

„Ja, ein Pferd“, erwiderte Ivo. „Doch es war kein sehniger, geschundener Gaul eines fahrenden Händlers. Nein, es war ein Tier von eindeutig edlerem Geblüt. Eines, wie es sich nur wenige leisten können. Weil es weder gesattelt noch gezäumt war, fand ich keinen Hinweis auf seine Herkunft. Sein Zustand verriet mir allerdings, dass es wohl schon mehrere Tage unterwegs war.

Kurz bevor ich es erreichte, stieß ich mit dem Fuß gegen etwas, das im dichten, hohen Farn verborgen lag und meinen Augen entgangen war. Es war ein großes Bündel, eingeschlagen in feines Leinen. Als ich das Tuch zurückschlug, warf der Inhalt weitere Fragen auf, statt die bisherigen zu beantworten. Eingehüllt in dem Tuch lag ein Junge zu meinen Füßen!“

„Ein Junge?“ Degenar hatte aufmerksam zugehört. Die Nachricht über ein Findelkind ließ ihn mit einem Male unruhig werden. „Hast du ihn mitgebracht? Wo ist er jetzt? Wie alt ist er? Wie lautet sein Name?“

Die vielen Fragen des Abtes überrumpelten den Cellerar, der auf der Bank nach hinten rutschte und wieder zu Wort zu kommen versuchte. Als Degenar schließlich verstummte, versuchte Ivo so viele Antworten wie möglich zu geben.

„Ich habe das Pferd mitsamt dem Kind ins Kloster gebracht. Es schien mir das Beste zu sein, da ich weit und breit niemanden sehen konnte. Die Stute habe ich im Stall untergebracht, den Knaben in einem der Gewölbe. Er schläft tief und fest, so wie ich ihn gefunden habe. Er hat bisher weder ein Wort gesprochen noch die Augen geöffnet. Ich schätze sein Alter auf etwa sechs oder sieben Jahre.“

Mit Gewölbe meinte Ivo vor allem Kellergewölbe und unterirdische Lagerräume. Dort traf man neben dem Kellermeister und seinen Gehilfen selten einen anderen Menschen an. Die Lager und Gewölbe waren einsame und kühle Orte, an denen sich niemand gerne länger aufhielt als es unbedingt notwendig war.

„Hat dich jemand beobachtet?“

Der sorgenvolle Ton verunsicherte Ivo, schließlich war der Junge nicht das erste Findelkind der Abtei. „Soweit ich es beurteilen kann, hat mich niemand gesehen.“

„Gut!“ Der Abt erhob sich und begab sich ohne weitere Fragen zur Tür. Ivo blickte ihm verwirrt nach, wusste nicht, wie er den plötzlichen Aufbruch deuten sollte. Degenar wartete geduldig auf seinen Freund und erst als sich der beleibte Cellerar nicht regte, sprach der Abt mit drängenden Worten.

„Lass uns den Knaben anschauen, bevor ihn jemand anderes zu Gesicht bekommt. Du weißt doch, dass es in unserem Kloster genug Augen und Ohren gibt, die nur allzu gerne von einem Fehltritt des Abtes oder dessen Freund berichten würden.“

Endlich erhob sich Ivo und folgte Degenar. Zügig schritten sie an der zentral gelegenen Klosterkirche vorbei und zwischen mehrere Gebäude hindurch, bis hin zum Vorratskeller unter dem Refektorium. Dort blieb der Cellerar stehen und schaute sich nach allen Seiten um. Sie waren allein. Ivo schob den Riegel einer einfachen Holztür zur Seite und verschaffte sich und seinem Freund Zutritt zu den düsteren Kammern unter der Erde. Am Eingang nahm er eine Lampe von der Wandhalterung und entzündete die darin befindliche Kerze. Mit dem dürftigen Licht kletterte Ivo langsam die Steintreppe hinab.

Der Abt folgte einem spontanen Impuls und schloss die Tür, bevor er seinem Freund nacheilte, um niemandem einen Hinweis darauf zu liefern, dass sich jemand in den dunklen Grundmauern des Refektoriums aufhielt.

In dem Gewölbe herrschte trotz des heißen und trockenen Sommers eine angenehme Temperatur. Für einen kurzen Augenblick empfand Degenar so etwas wie Neid auf seinen Freund wegen der Kühle. Doch sofort machte er sich klar, dass die Arbeit hier unten in den übrigen Jahreszeiten umso widriger sein musste.

Am unteren Ende der Treppe entzündete Ivo eine weitere Kerze und reichte sie Degenar. Die beiden Freunde schritten an unzähligen Regalen mit verschiedensten Gütern vorbei, hinein in die Tiefen des großen Raumes. Der Abt fragte sich, wie sein Freund sich in diesem dunklen Labyrinth nur zurechtfinden konnte. Derart in Gedanken wäre er beinahe gegen Ivo gelaufen, der unerwartet vor einer breiten Tafel am Ende des düsteren Saales innehielt.

Degenar hob Ivos Lampe an, um besser sehen zu können. Auf der Tafel lag ein kleiner Knabe, gänzlich in dunkles Leinen gehüllt, tief und fest schlafend. Sachte schlug Degenar das Tuch etwas beiseite und betrachtete das Gesicht, während Bruder Ivo noch ein paar umstehende Kerzen entzündete, die er allesamt auf die Tafel stellte.

„Er hat kein einziges Wort von sich gegeben?“, versicherte sich Degenar noch einmal.

„Kein einziges. Er kam nicht zu Bewusstsein, selbst als ich ihn im Wald auf das Pferd hievte und später hierher getragen habe. Ein leises Stöhnen war alles, was er von sich gab. Würde er nicht atmen, hätte ich ihn für tot gehalten. Er sieht ausgemergelt aus und nur der Herr weiß, wie lange er schon unterwegs ist.“

Beide Mönche standen still neben dem Jungen und Ivo wartete auf eine Anweisung seines Freundes, doch Degenar dachte lange nach. Schließlich fasste er einen Entschluss und begann, den Jungen zu entkleiden.

Zunächst wickelte er ihn vorsichtig aus dem dunklen Leinenstoff. Es war ein Umhang von feiner Qualität, was in Degenars Augen gut zu dem edlen Pferd passte. Seine Vermutung, der Junge könnte einer adeligen Familie entstammen, behielt er allerdings noch für sich. Der edle Stoff war ein Indiz dafür, was aber nicht ausschloss, dass das Kind auch der Sprössling eines Geächteten sein könnte, welches sich mit dieser Beute auf und davon gemacht hatte. Es gab viele mögliche Erklärungen und am einfachsten wäre es wohl gewesen, wenn der Junge aufwachen und mit ihnen sprechen würde.

‚Die entscheidenden Dinge nehmen niemals den einfachen Lauf, dachte sich Degenar und legte den feinen Umhang zur Seite.

An Unterschenkeln und Füßen war der Junge völlig nackt, lediglich am Leib trug er ein weißes Untergewand aus fein gewobenem Leinen, wie Adelige es auch als Nachtgewand trugen. Gemeinsam mit Ivo streiften sie dem schlafenden Knaben das Linnen behutsam ab. Nackt und unschuldig lag er nun auf dem Tisch.

In diesem Augenblick fiel Degenars Blick auf ein kleines Schmuckstück am Hals des Jungen. Er nahm es in die Hand und hielt es ins Kerzenlicht. Es war handwerklich hervorragend gearbeitet und bestand aus einer feingliedrigen Kette sowie einem merkwürdig geformten Ring, der auf der Oberseite reliefartige Vertiefungen aufwies. Die beiden Mönche schauten sich fragend an.

„Was bedeutet das?“, fragte Ivo neugierig.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Degenar, während er vorsichtig die Kette über das Haupt des Jungen streifte. Als er das Relief des Ringes betrachtete, setzte er es in Gedanken zu einem Bild zusammen, wie es der Ring in Wachs hinterlassen würde. „Das ist ein Siegelring!“

Kurz entschlossen griff Degenar nach einer Kerze, tropfte flüssiges Wachs auf die Holztafel und drückte die Oberseite des Rings hinein. Nach einer Weile zog Degenar den Ring vorsichtig aus dem erstarrten Wachs. Die beiden Mönche beugten sich im fahlen Licht vor und betrachteten den Abdruck: Es war der Kopf eines Wolfes, dem Wappentier des hiesigen Grafen! Es gab keinen Zweifel darüber, was der Abt in Händen hielt und er konnte seine Überraschung vor Ivo nicht mehr verbergen.

„Es ist der Siegelring des Grafen!“, flüsterte er geheimnisvoll.

„Wie kommt der Knabe zu diesem Ring?“, entfuhr es dem Kellermeister voll Empörung. „Glaubst du, er hat ihn gestohlen?“

Degenar blickte seinen Freund streng an. Offensichtlich zog der Cellerar nicht die gleichen Schlussfolgerungen wie er und so ließ Degenar Ivo an seinen Gedanken teilhaben. „Wenn es nur diesen Ring gäbe, könntest du vielleicht Recht haben. Doch da sind noch das Nachtgewand, der feine Umhang und das edle Pferd, die mich stutzig machen. Alles zusammen betrachtet, komme ich zu einem anderen Schluss.“

Ivo konnte seinem Freund nicht folgen und als Degenar nicht weitersprach, entfuhr es ihm ungeduldig. „Sag schon, zu welchem Schluss kommst du?“

„All diese Hinweise könnten bedeuten, dass der Junge ein Mitglied der Grafenfamilie ist. Das ist natürlich noch nicht erwiesen, doch es scheint mir sehr plausibel. Vieles deutet auf eine adlige Herkunft hin und dieser Siegelring zeigt eindeutig das Wappentier des Grafen. Es könnte sich bei dem Knaben um den Sohn des Grafen handeln!“

„Meinst du den Sohn des neuen oder des alten Grafen?“, fragte Ivo verunsichert, der die Theorie seines Freundes offensichtlich als zu gewagt ansah.

„Es gibt nur einen Grafen, das solltest du wohl wissen. Zumindest gab es ihn noch bis vor kurzem. Dessen Bruder ist augenblicklich nur Sachwalter.“

Vor zwei Tagen erst war ein Botschafter im Kloster eingetroffen und hatte dem Abt die Neuigkeiten des Überfalls auf die Grafenburg und des tragischen Todes des Herrn Farold und seiner Gemahlin verkündet. Obwohl sich die Abtei einer höheren Macht verschrieben hatte, so unterlag sie doch stark den irdischen Begebenheiten. Noch am gleichen Abend hatte Degenar die Nachricht seinen Mitbrüdern nach der Vesperandacht mitgeteilt. Jeder Mönch war über die Bluttat entsetzt. Für die meisten war es sogar ein Grund gewesen, das Schweigegebot zu brechen. Einzig Prior Walram hatte verhalten, ja beinahe gelassen, auf diese Neuigkeiten reagiert.

Degenar hatte allerdings nicht die volle Kunde des Botschafters an seine Mitbrüder weitergegeben. Die Suche nach dem jungen Rogar hatte er instinktiv verschwiegen.

Vor zwei Tagen wusste Degenar noch nicht, weshalb er es geheim halten wollte, doch je länger er sich hier unten im Gewölbe bei dem Knaben befand, umso besser verstand er sein Handeln. Schließlich fuhr er fort:

„Farolds Bruder, dieser Rurik, bleibt bis zur Ernennung zum Grafen durch König Otto vorerst Sachwalter der Grafschaft. Diese Ernennung könnte sich jedoch als schwierig herausstellen. Zuvor muss nämlich der Verbleib des verschwundenen Erben, Farolds Sohn Rogar, zweifellos geklärt sein. Entweder wird der Knabe eines Tages gefunden oder sein Tod kann nachgewiesen werden. In jedem Falle aber entscheidet der König allein über die Zukunft der Grafschaft.“

Als Degenars Worte verklungen waren, stutzte Ivo zunächst. Doch dann weiteten sich seine Augen in plötzlicher Erkenntnis. Sein Mund öffnete sich, formte jedoch nur lautlos den Namen Rogar.

„Genau das denke ich!“, half ihm Degenar. „Für den Finder des rechtmäßigen Erben kann dies sowohl Glück als auch Verderben bedeuten. Es kommt ganz darauf an, auf wessen Seite er sich stellt und wem er den Knaben überantworten wird. Wenn er sich als Farolds Anhänger sieht, dann sollte er besser Ruhe bewahren und den Knaben verstecken. Es sieht ganz danach aus, als hättest du Rogar gefunden und zwar lebend, alter Freund. Ein Umstand, den, so glaube ich, mancher gerne ändern würde. Sollten wir anstreben, dass der Erbe weiter am Leben bleibt, dann müssen wir vorerst Stillschweigen bewahren und ihn wie jedes andere Findelkind behandeln.“

„Warum sollte jemand dem Jungen etwas anhaben wollen?“

„Die Kunde des Botschafters war in meinen Augen etwas widersprüchlich und die Art und Weise, wie er Rurik als Sachwalter ankündigte, machte mich stutzig. Ich traue dem Bruder des verstorbenen Grafen nicht. Frage mich nicht, weshalb. Es ist nur so ein Gefühl, dem ich folge. Obwohl ich Rurik noch niemals begegnet bin, so glaube ich, dass er etwas im Schilde führt und der Junge in dessen Obhut seines Lebens nicht sicher sein würde.“

Degenar blickte wieder auf den Knaben nieder. Die herrschende Kälte hatte auf dem Körper des Jungen eine Gänsehaut hervorgerufen.

„Ivo, schnell, ein Novizenhabit von passender Größe, sonst erkältet er sich noch.“

„Natürlich“, antwortete Ivo und wandte sich zum Gehen. Dann hielt er noch einmal inne. „Du weißt, dass ich dir vertraue, doch ich frage mich, wie lange du den Jungen im Kloster verstecken willst?“

„Das weiß ich noch nicht und wir sollten das zu gegebener Zeit klären. Rasch jetzt, geh und hole ein Novizenhabit, damit er nicht weiter frieren muss. Wir haben schon zu viel Zeit mit unserem Gerede vergeudet.“

Ivo lief mit einer Kerze davon, während Degenar den Knaben noch einmal genauer betrachtete. Er hatte den verstorbenen Farold nur einige Male gesehen und er konnte nicht sagen, ob der Junge ihm ähnlich sah.

Degenar atmete tief durch, dann schritt auch er zur Tat. Er nahm den Siegelring mit der Kette und wickelte beides sorgfältig in das weiße Nachtgewand. Dies wiederum schlug er in den dunklen Umhang, bis er ein festes Bündel aus Leinstoff in Händen hielt, das neutral aussah und nichts über seinen wichtigen Inhalt verriet.

Allein mit dem Kind in dem dunklen, kalten Gewölbe stellte Degenar sich die Frage, ob er richtig handelte. Er war sich nicht sicher, ob dieser Knabe Rogar war oder ob seine Vermutungen Rurik betreffend richtig waren. Trotz seiner Zweifel ging er das Risiko ein, den Jungen als gewöhnlichen Novizen aufzunehmen. Ein regelrechtes Lügengebilde würde er um diesen Jungen aufbauen müssen, zumindest für die erste Zeit. Er hoffte inständig, dass er das Richtige tat, und betete, dass ihm der Herr am Tag des Jüngsten Gerichts diese Lügen, die er mit Sicherheit in naher Zukunft aussprechen würde, vergeben möge.

Mit einem Kopfschütteln schob Degenar diese Zweifel beiseite und suchte nach einem Riemen zum Schnüren des Leinenbündels, als Ivo gerade mit einem Arm voller Gewandungen zurückkam. Der sah seinen Freund mit dem Stoff in der Hand und warf ihm ein großes Stück Leder und einige Riemen auf den Tisch.

„Das Leder wird das Bündel vor Feuchtigkeit schützen. Wer weiß, wo wir es lagern müssen, um es vor neugierigen Augen zu verbergen. Schlage es zweimal in das Leder ein und schnüre es fest. Dann werden nicht einmal die Ratten ihre Freude daran haben!“

Degenar befolgte den Rat seines Freundes. Während er ein unauffälliges Päckchen aus Leder band, begann Ivo dem Knaben ein Novizenhabit überzustreifen. Zunächst das Untergewand und darüber die für den Sommer bestimmte dünne Kukulle.

Der Junge lag ruhig da, gekleidet wie einer der vielen Novizen in diesem Kloster, und die beiden Mönche begutachteten still ihren neuen Schützling. Degenar setzte gerade an, mit seinem Freund das weitere Vorgehen zu beratschlagen, als er wachsam aufhorchte. Der Cellerar vernahm ebenfalls Geräusche, die sich wie leise, schleichende Schritte aus dem Dunkel anhörten. Völlig vertieft in ihre Aufgabe hatten sie nicht bemerkt, dass sich jemand Zutritt zum Keller verschafft hatte.

Der unerwartete Besucher war noch nicht zu erkennen. Die beiden Mönche dagegen, im Kerzenschein am Ende des Gewölbes, waren leicht auszumachen. Degenar und Ivo warteten angespannt an der Tafel. Kurze Zeit später zeigten sich die Umrisse eines Mannes, die mit jedem Schritt deutlicher wurden. Nur wenige Augenblicke später trat ein Mönch in den flackernden Lichtschein der Kerzen. Sein Haupt war von einer Kapuze verhüllt.

Einen Moment lang betrachtete er stumm den Knaben auf dem Tisch, trat dabei noch näher an die Tafel heran und streifte schließlich die Kapuze von seinem Haupt. Degenar hielt den Atem an, als er den Prior der Abtei, Bruder Walram, erkannte. Der Abt hätte es sich denken können, dass er ausgerechnet jetzt hier auftauchen würde. Es lag in Walrams Natur, immer zu den ungelegensten Augenblicken zu erscheinen.

Neugierig beobachtete der Prior die beiden Mönche. Noch immer angespannt, wartete Degenar auf Walrams Kommentar zu dem Jungen. Wie immer würden seine Worte in Klang und Inhalt respektvoll erscheinen. Doch wer genauer hinzuhören wusste, würde in Walrams Tonfall ebenso Spott und Verachtung erkennen können. Selbst jetzt, da er noch schwieg, konnte er eine gewisse Arroganz nicht unterdrücken.

Walram war trotz des Kerzenscheins nur undeutlich auszumachen. Das flackernde Licht erzeugte tanzende Schatten auf seinem Gesicht, das aufgrund des dunklen Habits und seines schwarzen Haupthaars immer wieder im Dunkel des Gewölbes zu verschwinden schien. Einzig Walrams funkelnde Augen spiegelten das Licht als zwei kleine, leuchtende Punkte wider.

Der Prior bevorzugte die dunkelste Gewandung. Wenn darauf angesprochen, so begründete er mit unverkennbarer Eitelkeit, dass dies die einzig passende Farbe zu seinem schwarzen Haupthaar und seinen dunklen Augen sei. Eine Eitelkeit, die der Abt schon mehrfach gerügt hatte, leider vergeblich. Walram achtete auch stets auf Sauberkeit und korrekte Gewandung. Dagegen war nichts einzuwenden, doch er war in dieser Hinsicht einzigartig in der Abtei. Während manche Mitbrüder nur wenige Male im Jahr ein Bad nahmen, war er unablässig dabei, sich zu waschen und zu reinigen. Stets trug er ein sauberes Habit. Das kurze Haar mit einer exakten Tonsur, das täglich rasierte Gesicht und die meist gewaschenen Hände ergaben das gepflegte Bild des Priors. Das alles passte jedoch nicht zur Zurückhaltung und Genügsamkeit eines Mönches, die der Abt erwartete und wie es die Regeln des heiligen Benedikt vorschrieben.

Walrams Äußeres mit der auffallenden, habichtgleichen Nase, die durch die tanzenden Kerzenflammen in ihrem Schatten mal zu wachsen, mal zu schrumpfen schien, wurde durch seine Ausdrucksweise zusätzlich betont. Stets war sie klar und deutlich, seine Wortwahl wohl überlegt. Ein jeder konnte ihn gut verstehen, sowohl in der Lautstärke wie auch dem Sinn nach. Auf diese überhebliche und arrogante Weise sprach er jetzt Degenar an.

„Ehrwürdiger Abt.“

„Ehrwürdiger Prior.“ Mehr als diesen vermeintlich respektvollen Gruß gab Degenar nicht von sich. Nach kurzem Zögern und Schweigen auf beiden Seiten gab Walram schließlich nach und begann scheinbar beiläufig ein Gespräch, als sei er rein zufällig in diesem Gewölbe auf die beiden Mönche gestoßen. Degenar wusste es besser, denn Walram überließ nichts dem Zufall!

„Ich hatte nicht erwartet, Euch in diesem dunklen, feuchten Loch, einem der entlegensten Winkel unserer Abtei, anzutreffen.“ Ein geringschätziger Blick fiel auf Ivo. „Aber ich verstehe: Ihr seid unserem ehrwürdigen Cellerar in sein Reich gefolgt.“

„Dennoch scheint es, als hättet Ihr uns hier unten gesucht.“ Degenars Tonfall klang ebenso beiläufig wie Walrams. „Jetzt, da Ihr uns gefunden habt, dürft Ihr uns auch mitteilen, welch wichtige und unaufschiebbare Mission Euch in dieses dunkle, feuchte und entlegene Loch unserer Abtei getrieben hat.“

Walram ignorierte die zynische Betonung, ja ignorierte die Worte überhaupt. Sein Augenmerk blieb auf dem vor ihm liegenden Jungen haften, studierte dessen Gesichtszüge genauestens. Nach einer Weile antwortete er dem Abt schließlich.

„Ursprünglich kam ich her, um einigen Brüdern zur Erfrischung nach der harten Feldarbeit eine Karaffe mit gewässertem Wein zu holen. Doch es scheint, als sei ich gerade rechtzeitig zur Aufnahme eines neuen Novizen eingetroffen.“

Walrams prüfender Blick suchte nach einer Reaktion des Abtes, doch Degenars Gesicht blieb ausdruckslos und so fuhr der Prior fort. „Verwunderlich ist, dass ich über diese Aufnahme nicht unterrichtet wurde und dass der Knabe in diesem Gewölbe in das Noviziat aufgenommen wird, schlafend! Weshalb geschieht dies nicht wie üblich in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten? Gibt es einen besonderen Grund für dieses Versteckspiel? Wer ist der Knabe?“

Walram kam wie immer schnell und ohne Umschweife zur Sache. Trotz seiner vielen Fragen schien der Prior nicht wirklich auf Antworten zu hoffen. Stattdessen nahm er eine der Kerzen vom Tisch und leuchtete dem schlafenden Kind in das verschmutzte Gesicht, als bekäme er auf diese Weise mehr Auskünfte. Als Degenar Walram beobachtete, fiel sein Blick auf das erkaltete Wachs mit dem Abdruck des Siegelrings. Ein Schrecken durchfuhr ihn. Noch hatte der Prior den Abdruck nicht bemerkt, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis er ihm auffallen würde.

Walram starrte noch immer in das Gesicht des Jungen. Es war ihm anzusehen, wie scharf sein Verstand arbeitete. Um dem Prior nicht zu viel Zeit zu geben, versuchte Degenar ihn mit einer halbwegs erfundenen Geschichte abzulenken. Der Abt erinnerte sich an seine jüngsten Gedanken bezüglich all der Lügen, die er noch auftischen würde. Dass er sie allerdings so früh aussprechen musste, hatte er nicht erwartet.

„Wir wissen nichts über ihn, hegen allerdings die Vermutung, dass es sich um das ausgesetzte Kind eines fahrenden Händlers oder Spielmannes handelt. Unser ehrwürdiger Kellermeister, Bruder Ivo, hat ihn bewusstlos und nahezu ohne Kleidung am Wegesrand gefunden. Da er einen Sonnenstich bei dem Jungen vermutete, hat er ihn in das kühle Gewölbe gebracht. Wie Ihr seht, ist es alles andere als ein Versteckspiel. Oder hättet Ihr an des Cellerars Stelle besser zu handeln gewusst?“

Der Prior ging nicht auf die Frage ein. Er wollte sich nicht in Nebensächlichkeiten verstricken, solange es Wichtigeres zu klären galt.

„Wo ist seine Gewandung? Auch wenn er nur wenig bei sich trug, wie Ihr behauptet, so könnte sie dennoch Aufschluss über Herkunft und Stand geben.“

In diesem Moment fiel Walrams Blick auf das geschnürte Lederbündel am Ende der Tafel. Sofort griff Degenar schützend nach dem Packen. Er bekam es gerade noch zu fassen und zog es an sich, bevor Walrams vorschießende Hand es erreichen konnte.

„Darin ist nichts von Bedeutung“, bemerkte Degenar beiläufig, als lohne sich ein weiterer Blick nicht. „Es handelt sich nur um grob gewobenes, schmutziges Leinen von solch schlechter Qualität, wie Ihr es selbst wohl noch nie getragen habt.“

Walram nahm seine Hand langsam wieder zurück und überhörte die Anspielung auf seine Eitelkeit. Geschlagen geben wollte er sich aber noch nicht: „Ihr könnt das Bündel gerne in meine Obhut geben, damit ich es verwahre, wie ich all die Habseligkeiten unserer Novizen verwahre, sobald sie dem Orden beitreten.“

Degenar dachte jedoch nicht daran, das Bündel dem Prior zu überlassen, der hartnäckig blieb.

„Habt keine Angst, ich gedenke beileibe nicht die Gewandung aufzutragen. Der Junge wird sie zurückerhalten, sobald er das Kloster verlässt. Oder sie wird am Tage des Mönchsgelübdes verbrannt, sofern er sich für diesen Weg entscheiden sollte. Ganz so, wie es der Ritus verlangt.“

„Habt Dank für Euer großzügiges Angebot, Bruder Walram“, antwortete Degenar freundlich. „Unser ehrwürdiger Cellerar ist der unumstößlichen Meinung, er müsse die verdreckten Leinen erst einmal reinigen, bevor man sie Euch zur Aufbewahrung überantworten kann. Ganz so, wie es seine Pflicht ist.“

Ohne den Blick vom Prior zu nehmen, warf Degenar seinem Freund das Bündel zu. Das kurze Zucken von Walrams Händen nach dem fliegenden Päckchen entging dem Abt nicht und er empfand eine gewisse Genugtuung dabei. Die glücklosen Hände des Priors ballten sich langsam zu Fäusten, die er hinter seinem Rücken verbarg. Seine Gesichtszüge verhärteten sich dabei und Walrams Unterkiefer mahlte im Zorn. Er rang um Beherrschung. Um ihm dies zu erleichtern, wechselte der Abt das Thema.

„Weshalb seid Ihr überhaupt schon von der Feldarbeit zurück? Bis zur Vesperandacht ist es noch einige Zeit hin und die Arbeit auf den Feldern, wie ich sie für heute vorgesehen hatte, ist mit Sicherheit noch nicht erledigt.“

„Nein, die Arbeit auf den Feldern ist wahrlich noch nicht getan! In Anbetracht der herrschenden Hitze muss ein Teil auf den morgigen Tag verschoben werden. Offensichtlich habt Ihr die Arbeitskraft unserer Mitbrüder unter diesen schweren Bedingungen überschätzt.“

Walrams Kritik an Degenars Führung blieb ohne Reaktion. Der Abt ließ sich nicht provozieren und übte sich in Gleichgültigkeit, so dass Walram fortfuhr: „Für einige der Brüder war die Belastung in der Hitze zu groß oder besser gesagt: die von unserem ehrwürdigen Cellerar in seiner Weitsicht zugeteilte Menge an gewässertem Wein war zu gering. Beinahe wären einige Brüder vor Erschöpfung zusammengebrochen. Und da es der allmächtige Herr in seiner Weisheit und Macht für richtig befunden hat, uns heute einen heißen Tag zu bescheren, habe ich die ausstehenden Arbeiten verschoben. Nur zum Schutz, damit keiner der Brüder die eine oder andere Andacht im Hospital verbringen muss.“

Ganz gezielt versuchte Walram Degenar und Ivo mit dieser Blasphemie zu reizen. Unter normalen Umständen wäre der Abt entschieden dagegen vorgegangen, doch die augenblickliche Situation ließ ihn stumm verharren. Sollte der Prior jedoch glauben, er könne mit dieser Taktik Degenar aus der Fassung bringen, so hatte er sich getäuscht.

„Ehrwürdiger Prior, Ihr habt sicherlich richtig gehandelt, indem Ihr die erschöpften Brüder ins Kloster zurückgeführt habt. Weshalb jedoch keiner von ihnen auf die Idee kam, im Schatten der Bäume am nahen Bachlauf Erholung und Erfrischung zu suchen, statt auf eine Karaffe Wein zu hoffen, ist mir rätselhaft. Wie dem auch sei, natürlich habt Ihr das Problem auf Eure besondere Weise und zu aller Zufriedenheit gelöst.“

Die Augen des Priors blieben starr auf den Abt gerichtet. Lediglich die kleinen Zuckungen der Lider verrieten, dass es Walram größte Anstrengung kostete, den Blick zu halten. Schnell sprach er weiter, als wäre keine Kritik an seinem Handeln geäußert worden.

„Was wird mit ihm geschehen?“

„Ich denke, die betreffenden Brüder sollten viel Wasser zu sich nehmen, sowie Sonne und größere Anstrengungen meiden, damit sie schnell wieder zu Kräften kommen.“

„Ich spreche von dem Jungen, ehrwürdiger Abt!“

„Vielleicht müsst Ihr Eure Fragen in Zukunft präziser formulieren, um solche Missverständnisse zu vermeiden! Was den Jungen betrifft, so gibt es in dieser Hinsicht klare Regeln unseres Ordens. Der Knabe bleibt zunächst als Novize bei uns. Sollten eines Tages Verwandte erscheinen und Anspruch auf ihn erheben, so darf er das Kloster jederzeit verlassen. Diese Verwandten müssten allerdings eindeutig beweisen, dass dies ihr Knabe ist. Ansonsten bleibt er bei uns.“

„Ihr seid Euch Eurer Sache sehr sicher, nicht wahr, ehrwürdiger Abt?“

„Gibt es denn einen Grund dies nicht zu sein, ehrwürdiger Prior? Es ist unser aller Aufgabe, den Bedürftigen und vor allem den Kindern zu helfen und ihnen Gott nahe zu bringen. Daher steht dieser Knabe unter meinem persönlichen Schutz.“

Die Augenbrauen des Priors hoben sich und seine Stirn legte sich in Falten. Was der Abt soeben unmissverständlich ausgesprochen hatte, war eine versteckte Drohung, wie sie selbst Walram nicht besser hätte formulieren können. Der Prior verstand genau, was Degenar damit meinte: ‚Wagt Euch nicht zu nahe an den Knaben heran, er gehört mir!

Walrams Miene versteinerte sich und seine Antwort klang hart und kalt wie das Gestein der Gemäuer: „Wenn Ihr das so seht, ehrwürdiger Abt, so möchte ich Euch nicht länger stören. Es gibt einige Brüder, nach denen ich sehen muss. Ich wünsche Euch viel Erfolg bei der Bewältigung Eurer neuen Aufgabe! Ich hoffe, sie wird sich für Euch nicht als zu dornig erweisen.“

Noch einmal inspizierte Walram den Jungen, als wolle er sich dessen Gesicht genau einprägen. Seine eigene Miene blieb dabei eine starre Maske und bot keinen Aufschluss darüber, was in seinem Kopf vorging.

Ivo war es schließlich, der ihn unterbrach: „Vergesst nicht, eine Karaffe Wein mitzunehmen, wie Ihr es zum Wohle unserer Brüder vorhattet. Schließlich seid Ihr nur deshalb in dieses kalte, dunkle Loch gekommen. Die überhitzten Brüder werden es Euch gewiss danken, ehrwürdiger Prior.“

Ivos Hohn und Sarkasmus waren bewusst gewählt. Im Gegensatz zu den versteckten Seitenhieben zwischen Walram und Degenar, kam es zwischen dem Cellerar und dem Prior oftmals zum offenen und hitzigen Disput.

Doch heute ließ sich der Prior nicht darauf ein. Er sah den Kellermeister nur kurz an und verbeugte sich knapp.

„Habt Dank für die Erinnerung, ehrwürdiger Cellerar, doch sorgt Euch nicht um mich. Ich habe bisher immer einen Weg gefunden, um an das zu gelangen, was ich benötige oder begehre.“

Walram war im Begriff zu gehen. Eine Last schien von Degenars Schultern zu fallen, so erleichtert war er. Noch einmal ließ der Prior seinen Blick über den Tisch schweifen und bemerkte dabei den Abdruck im kalten Wachs. Sein Verstand arbeitete blitzschnell. Eilends beugte er sich vor, um ihn näher zu betrachten.

Der Abt erkannte die Gefahr und wollte mit einer Hand das Siegelzeichen verdecken. Walram neigte bereits den Kopf, um den Abdruck deuten zu können, als sich Degenars Ärmel an einer nahestehenden Kerze verfing und sie zu Fall brachte. Möglicherweise war das eine göttliche Fügung, anders konnte sich der Abt den Vorfall nicht erklären, denn zum einen zog er damit Walrams Aufmerksamkeit auf sich und zum anderen ergoss sich das flüssige Wachs der umgestürzten Kerze genau über den Abdruck des Siegelrings.

Noch bevor der Prior die Bedeutung des Reliefs hatte erkennen können, war es von flüssigem Wachs verdeckt worden.

Die Blicke des Priors und des Abtes trafen sich. In Walrams Augen zeigte sich Misstrauen und Abneigung. Er wusste jetzt, dass Degenar vor ihm etwas verbarg, konnte es jedoch nicht beweisen. Verärgert machte er kehrt und schritt davon.

Die Anspannung in Degenar und Ivo wich erst, als sie wussten, dass der Prior die Treppe emporgestiegen war und die Tür krachend hinter sich geschlossen hatte. Beinahe gleichzeitig atmeten die beiden Freunde erleichtert auf.

Der Cellerar brach zögernd das Schweigen. „Wie soll es jetzt weitergehen? Walram hat bestimmt einen Verdacht die Identität des Jungen betreffend.“

„Sehr wahrscheinlich. Hoffentlich hat er das Siegel nicht erkannt“, erwiderte Degenar nachdenklich. Schließlich hellte sich sein Gesicht wieder auf. „Aber er hat keinen einzigen Beweis, der seine Vermutung untermauern könnte. Wenn er die wahre Herkunft des Jungen erahnen sollte, wird ihm das ohne den Siegelring nicht viel bringen!“

Degenar überlegte kurz, dann fuhr er fort: „Ich schlage daher vor, dass wir genauso vorgehen, wie ich es Walram geschildert habe. Der Junge wird als Novize aufgenommen und untersteht meinem ganz persönlichen Schutz. Unser ehrwürdiger Prior wird es nicht wagen, diese Grenze zu überschreiten. Genauso wenig werde ich es wagen, dem Knaben vorzeitig das Gelübde abzunehmen, um ihn als Mönch ans Kloster zu binden. Darüber soll er selbst entscheiden, wenn er eines Tages das Alter erreicht hat. Ist er tatsächlich der Erbe der Grafschaft, so sollte er die Möglichkeit erhalten, dieses Erbe eines Tages auch anzutreten. Ich werde mein Möglichstes tun, um ihn dabei zu unterstützen. Wie ich dich kenne, mein Freund, so wirst du mir in diesem Bestreben nicht nachstehen.“

Der Cellerar stimmte mit nachdenklichem Nicken zu und der Abt sprach weiter: „Um zu verhindern, dass man die wahre Identität des Knaben herausfindet, müssen alle Hinweise fortgeschafft werden. Das Bündel mit seiner Gewandung und dem Siegelring werde ich aufbewahren. Dann wäre da noch das Pferd: Es muss schnellstens verkauft werden. Jedoch nicht auf dem nächsten Markt. Das könnte Fragen aufwerfen.“

Ivo nickte erneut und es schien, als überlege er bereits, wie er den Verkauf eines so edlen Tieres am besten abwickeln könnte. Degenar unterbrach ihn jedoch: „Hat dich jemand mit dem Pferd beobachtet? Kannst du deinen Gehilfen im Stall vertrauen?“

„Keine Sorge, sie werden nichts preisgeben“, beruhigte ihn der Kellermeister.

„Ich möchte kein unnötiges Risiko eingehen. Verkaufe das Tier sobald wie mög-

lich. Achte darauf, dass du es nicht unter Wert verkaufst. Wenn jemand glaubt, einen Mönch übervorteilt und dadurch ein wertvolles Pferd erstanden zu haben, kann sich diese Kunde wie ein Lauffeuer ausbreiten. Sie könnte Fragen aufwerfen, die gewiss auch unserem ehrwürdigen Prior zu Ohren kämen.“

Ivo verstand nur allzu gut und nickte. „Hast du dir schon einen Namen überlegt?“

Degenar schaute verdutzt. „Das Pferd benötigt doch keinen Namen, wenn wir es in wenigen Tagen verkaufen wollen!“

„Nein, nicht das Pferd. Ich meinte den Jungen. Wir können ihn unmöglich mit seinem richtigen Namen aufnehmen! Novize Rogar – da könnten wir ihn ja gleich Walram an die Hand geben.“

Degenar nickte und wurde nachdenklich. „Du hast Recht. Der Prior hat ohnehin ein ausgesprochen reges Interesse an dem Jungen gezeigt. Ich frage mich, weshalb? Er würde es nicht tun, wenn er keinen eigenen Nutzen davon hätte.“

„Walram ist ein schlauer Kopf und wir dürfen ihn nicht unterschätzen“, gab Ivo zu bedenken. „Außerdem: Er verlässt die Klostermauern öfter als manch anderer der Bruderschaft und trifft sich mit den weltlichen Herren. Wer weiß, was er mit ihnen alles bespricht. Nur selten teilt er anderen die Ergebnisse dieser Zusammenkünfte mit, nicht einmal dir.“

„Ja, Walram hält es nicht für notwendig, mich, seinen Abt, in diese Reisen einzuweihen. Verhindern kann ich sie allerdings nicht. Stets hat er eine passende Erklärung, die vermutlich nie der vollen Wahrheit entspricht. So kann ich nichts dagegen tun und muss ihn stets ziehen lassen.“

„Denkst du, dass er etwas im Schilde führt? Hat er nicht kurz vor dem Überfall eine Reise zur Burg des Grafen unternommen? Soweit ich mich erinnere, hat er sich auch mindestens einmal mit dem Bruder des Grafen getroffen. Könnte Walram mit den jüngsten Ereignissen etwas zu schaffen haben?“

„Auszuschließen ist es nicht.“ Diese Überlegungen versetzten Degenar plötzlich in Schrecken. „Walram ist durchtrieben genug, um sich und die Gemeinschaft mit einem gottlosen Verbrechen wie Verrat zu besudeln. Sollte er tatsächlich daran beteiligt sein, so wird er gewiss genügend Vorkehrungen getroffen haben, damit man ihm nichts nachweisen kann. Er scheut keine Mittel, um seine Ziele zu erreichen!“

„Wir müssen äußerst vorsichtig sein!“

„Deshalb ist es auch ratsam, dem Knaben einen anderen Namen zu geben.“

Sowohl Abt als auch Kellermeister verfielen daraufhin ins Grübeln, um einen passenden Namen für den neuen Novizen zu finden. Während sie so im fahlen Kerzenschein dastanden, bemerkten sie nicht, wie sich die Augenlider des Jungen langsam öffneten.

Er blinzelte kurz, blieb aber weiterhin reglos liegen. Trotz der düsteren Umgebung schien er furchtlos zu sein.

Langsam begannen seine Augen umherzuwandern, bis sie schließlich auf dem nachdenklichen Abt haften blieben.

Rogar lag da und beobachtete den dunkel gekleideten Mann in der düsterkalten Umgebung. Es hatte den Anschein, als wolle der Knabe erst den Blick des Mannes auf sich ziehen, bevor er sich regen oder sprechen würde. Lange Zeit bemerkte Degenar nichts, so tief war er in Gedanken versunken.

Plötzlich hob der Abt ruckartig sein Haupt und schaute direkt in Rogars Augen. Mit einem freundlichen Lächeln griff er nach einem Wasserbecher und bot ihn wortlos dem Knaben an. Ganz langsam richtete sich Rogar nun etwas auf. Der Kellermeister kam ebenfalls zur Besinnung. Er stützte das geschwächte Kind, während der Abt ihm beim zaghaften Trinken half. Degenar lächelte nach wie vor, als er leise zu sprechen begann: „Unser junger Gast ist endlich erwacht. Ich grüße dich im Namen des Herrn. Habe keine Furcht, du befindest dich in einem Benediktinerkloster. Ich bin Degenar, der Abt dieser Gemeinschaft. Das hier ist mein Freund Ivo.“

Der Blick des Jungen blieb starr auf Degenar gerichtet. Man hätte glauben können, der Knabe habe die Worte nicht vernommen. Degenar sprach jedoch ruhig weiter: „Kannst du uns deinen Namen nennen? Weißt du, wie du heißt und woher du kommst? Wer sind deine Eltern?“

Ein leichtes Kopfschütteln war die einzige Antwort des Knaben. Zunächst war der Abt darüber enttäuscht, doch sollte das Kind sich tatsächlich an nichts mehr erinnern, würde das die Angelegenheit erleichtern. Ein Junge ohne dieses Wissen würde sich nicht selbst verraten können. Zuversichtlich sprach der Abt weiter.

„Aber irgendwie müssen wir dich doch ansprechen. Was hältst du von dem Namen Faolán? Gefällt er dir? Er stammt von einer fernen Insel der rauen, nördlichen See und bedeutet ‚kleiner Wolf.“

„Ja, der Name wäre wahrlich passend“, kommentierte Ivo mit einem verschmitzten Lächeln. Trotz dieser Bemerkung schien das Kind den Cellerar noch immer nicht wahrzunehmen. Nach wie vor blieben Rogars Augen einzig auf den Abt gerichtet. Der versuchte herauszufinden, ob sich der Junge vielleicht an sonst etwas erinnerte.

„Kannst du uns erzählen, was geschehen ist? Kannst du dich erinnern, wie du hergekommen bist, auf wessen Pferd du geritten bist? Wo sind deine Eltern?“

Die Fragen prasselten auf den Knaben nieder. Dabei veränderte sich sein Blick. Noch immer hielt er seine Augen auf den Abt gerichtet, schien den Mönch jedoch nicht mehr wahr zu nehmen. Sie wurden glasig und sahen etwas, was sich an einem fernen Ort abzuspielen schien.

Degenar erkannte schnell, dass der Junge in einer Art Erinnerung gefangen war und er ahnte, dass es keine gute war. Rogars Augen wurden feucht und Tränen begannen bald über die schmutzigen Wangen zu laufen. Um ihn wieder in die Gegenwart zu holen, ergriff Degenar sanft eine Hand des Kindes und sprach beruhigend: „Was dich auch bedrücken mag, du musst es uns nicht sagen, wenn du dazu nicht bereit bist. Keiner wird dich dazu zwingen. Doch willst du es eines Tages jemandem anvertrauen, werden Bruder Ivo und ich stets für dich da sein. Das verspreche ich.“

Ivo nickte eifrig, um dieses Angebot auch von seiner Seite zu bekräftigen und zum ersten Mal löste der Junge seine Augen kurz von Degenar, um den Cellerar anzuschauen. Doch nur für einen kurzen Augenblick. Dann richtete Rogar sein Augenmerk wieder auf Degenar. Es schien, als stünden die beiden in einem stillen Dialog.

Erneut ergriff der Abt das Wort. „Wenn es dir gefällt, so kannst du hier in unserem Kloster bleiben. Du kannst diesen neuen Namen, Faolán, annehmen und ein neues Leben beginnen. Als Novize werden wir dich unser Wissen und Können lehren. Solange du es wünschst, stehst du unter dreifachem Schutz: dem des Herrn, dieser Abtei und von uns beiden. Was sagst du zu diesem Angebot?“

Der Junge schwieg noch immer, doch seine Antwort fiel klar und unmissverständlich aus: Seine bisher kraftlose Hand drückte sanft die des Abtes. Degenar lächelte und nickte. Er hatte verstanden und seine Antwort war ebenso deutlich:

„So sei uns willkommen, Novize Faolán!“

Anno 956 – Drogos Ankunft

Abt Degenar hatte gehofft, die Mitbrüder über den bevorstehenden Besuch noch rechtzeitig informieren zu können, doch es war ihm nicht vergönnt. Er selbst hatte erst heute Morgen davon erfahren, nachdem ihn Prior Walram in den Arkaden des Kreuzganges abgefangen hatte. Degenar hatte instinktiv gewusst, dass dies kein gutes Zeichen war. Nahezu beiläufig teilte ihm der Prior dann mit, dass heute ein neuer Novize in der Abtei aufgenommen werde. Alle Abmachungen mit der Herrschaft seien bereits getroffen und die Urkunde besiegelt worden. Einzig der Vollzug stand noch aus.

Degenar hatte damit keine Möglichkeit gehabt, etwas gegen dieses Arrangement zu unternehmen. Die Beigaben zur Aufnahme des neuen Novizen waren derart großzügig, dass man sie nicht ablehnen konnte. Ertragreiche Ländereien und die Nutzungsrechte des Waldes wurden der Abtei zugesprochen. Ressourcen von großem Wert, die nur ein Narr zurückgewiesen hätte.

Der Prior hatte alles so geschickt eingefädelt, dass Degenar noch nicht einmal die Möglichkeit sah, ihn ob seines eigenmächtigen Handelns zu tadeln. Walram wusste sehr wohl um die Überschreitung seiner Zuständigkeit und bat daher übertrieben, ja beinahe spöttisch unterwürfig, um Verzeihung. Er beteuerte dabei, jede gerechte Strafe hierfür reuevoll auf sich zu nehmen. Degenar wusste natürlich, dass diese Reue nur geheuchelt war.

Die Bruderschaft war im Presbyterium der Klosterkirche versammelt und in stiller Andacht vertieft. Einzig Walrams Stimme war zu hören, der murmelnd monoton Psalmen aus der Heiligen Schrift rezitierte.

Dann brach ein Getöse los. Zu Beginn waren Reiter zu hören, die in schnellem Galopp in den Klosterhof einritten. Das Wiehern der Tiere und das respektlose Rufen der Männer war selbst durch die dicken Kirchenmauern so lärmend, dass sich der eine oder andere Kopf der Brüder fragend erhob. Nur der strenge Blick des Abtes brachte die Neugierigen dazu, sich wieder ehrfürchtig dem Gebet zu widmen.

Degenar war klar, dass die Andacht durch diese Störung so gut wie beendet war. Nicht einmal er konnte mit gutem Beispiel vorangehen und sich darauf konzentrieren. Natürlich erachteten einige Mönche diesen Besuch als willkommene Abwechslung vom sonst so eintönigen Tagesablauf, Degenar jedoch nicht!

Jegliche Missachtung oder Unterbrechung eines Gottesdienstes war dem Abt zutiefst zuwider. Die Mitbrüder kannten diese Ansicht ihres Abtes und wussten auch, meist aus eigener Erfahrung, dass Störungen stets bestraft wurden. Daher sprach in der Kirche auch niemand außer dem Prior, der, scheinbar völlig unbeeindruckt, weiterhin die anstehenden Psalmen dahin murmelte. Für einen Augenblick beobachtete der Abt den Prior, der seinen Blick starr auf das Buch gerichtet hielt: Nichts an Walram verriet auch nur die kleinste Erregung oder Anspannung.

Außerhalb der Kirche herrschte Unruhe. Einige Karren und Wagen kamen hinzu und das Knirschen der Räder auf dem steinigen Klosterhof drang gedämpft bis in das Chorgestühl und verhallte dort. Noch immer zeigte Walrams Antlitz keine Regung. Selbst als plötzlich die schweren Flügel des Kirchenportals aufgestoßen wurden und krachend an der Wand anschlugen, blieb der Klang seiner Stimme gleichmäßig und nahezu einschläfernd.

Mehrere Männer mit festen, ledernen Stiefeln marschierten langen Schrittes durch das Hauptschiff bis zum Chorgestühl. Degenar hatte sein Haupt längst wieder gesenkt und da die Mitbrüder seinem Beispiel folgten, gab es für die Störenfriede niemanden, dessen Blick sie auf sich ziehen konnten.

Nachdem Prior Walram den letzten Psalm gelesen und zum Abschluss das schwere Buch überflüssig laut geschlossen hatte, musste Degenar die Andacht beenden. So lange er es vermochte, verharrte er dennoch weiter in demütiger Haltung. Er wollte den Eindringlingen zeigen, dass sie nicht so ohne weiteres den Gottesdienst stören durften.

Als ihn die Neugier allerdings zu quälen begann und jeder weitere Augenblick zu einer kleinen Ewigkeit wurde, hob Degenar schließlich sein Haupt und richtete sein Augenmerk auf die Männer.

Sie waren rau und zum Teil in recht unordentliche und schmutzige Gewandung gekleidet. Die Mehrzahl von ihnen wirkte unsicher. Offensichtlich wussten sie nicht, wie sie sich in dieser ungewohnt großen Kirche verhalten sollten. Sie schauten immer wieder auf einen Mann, der das Sagen unter ihnen zu haben schien und der zwei Schritte näher am Chorgestühl stand als die anderen.

Degenar kannte diesen Mann zwar nicht, doch es gab keinen Zweifel, um wen es sich dabei handelte. Groß und breit gebaut, mit kantigem Gesicht, strengen Augen und einer Selbstsicherheit, die ihresgleichen suchte, konnte dies nur Rurik sein, der neue Sachwalter der Grafschaft.

Fordernd stand der mächtige Krieger vor der andächtigen Bruderschaft. Mit versteinerter Miene und eisernem Blick wartete er darauf, angesprochen zu werden. Degenar erwiderte diesen Blick. Beide Männer beobachteten sich lange und ruhig, ohne auch nur eine Regung zu zeigen.

Schon nach kurzer Zeit ärgerte sich Degenar, sich auf das Spielchen dieses Mannes eingelassen zu haben. Er hatte es nicht nötig, sich mit einem weltlichen Herrn auf diese Weise zu messen. Dennoch weigerte sich der Abt gerade jetzt als erster den Blick zu lösen. Rurik hatte es begonnen, also sollte er es auch zu Ende führen.

Ruriks Männer warteten angespannt im Kirchenschiff. Je länger das Ringen zwischen Degenar und dem Sachwalter andauerte, desto nervöser wurden die Recken. Der Abt genoss die Unsicherheit der Männer, die wie Hühner unruhig mit den Füßen scharrten.

Nach einiger Zeit schritt Rurik zur Tat. Leise vor sich hinfluchend, machte er unerwartet kehrt, um die Kirche zu verlassen. Seine Getreuen folgten ihm unaufgefordert, wenn auch mit fragenden Blicken.

Das war Degenars Gelegenheit! Er griff nach seinem Stab und stieß ihn drei Mal fest auf den Steinboden des Chors. Die Schläge donnerten und hallten lautstark von den Mauern wider. Nicht nur die Köpfe der Mönche hoben sich unversehens, sondern Degenar erhielt auch die Aufmerksamkeit der im Abzug begriffenen Recken. Sie hielten inne, als habe man ihnen den Befehl erteilt, augenblicklich zu erstarren. Einzig Rurik schritt völlig unbeeindruckt weiter.

„Wer wagt es, im Hause und im Angesicht des Herrn auf gotteslästerliche Art zu fluchen und dem Kreuze Christi respektlos den Rücken zu kehren?“

Die zornigen Worte des Abtes galten Rurik und sie brachten ihn tatsächlich zum Stehen. Er verharrte und überlegte kurz, wandte sich schließlich um und ging den Weg zum Presbyterium zurück. Degenar kam ihm sogar ein paar Schritte entgegen, den Stab fest in beiden Händen wie zum Schutz vor seinen Körper haltend.

Rurik baute sich groß vor Degenar auf, wirkte aber trotzdem kleiner als der Abt auf dem leicht erhöhten Podest des Chors. Mit fester und selbstsicherer Stimme antwortete der Krieger: „Ich, Rurik, Sachwalter der Grafschaft und Sprecher über Recht und Ordnung in diesen Ländereien. Ich wage es!“

„Nicht innerhalb dieser Mauern“, wies Degenar ihn sofort zurecht. „Hier seid Ihr nicht der Sprecher über Recht und Ordnung. Dies obliegt einzig dem Herrn, dem wir dienen! Zu Eurem Bedauern muss ich Euch mitteilen, dass Ihr dieser Herr nicht seid. In unserem Kloster seid Ihr als Gast willkommen und als solcher solltet Ihr Euch auch zu benehmen wissen.“

Rurik ließ sich durch die Zurechtweisung nicht einschüchtern. „Ich bin keiner der namenlosen und zahllosen Gäste, denen Ihr schon Obdach und Speisen gewährt habt. Ihr solltet inzwischen wissen, welche Position ich innehabe. Dies ist das Kloster meiner Familie und es befindet sich auf dem Gebiet der Grafschaft. Ich komme nicht als Bittsteller!“

„Ist dem tatsächlich so?“ Degenar blieb äußerlich gelassen, auch wenn er seinen rasenden Herzschlag im Halse spürte. „Und doch steht Ihr hier und wartet, gerade wie ein solcher.“

„Ich warte nicht …“

„Fürwahr nicht“, unterbrach ihn Degenar rasch. Mutig machte er noch einen Schritt auf den Krieger zu und seine Stimme klang eisig und trocken, als er fortfuhr: „Vielmehr betretet Ihr das Haus Gottes, als wolltet Ihr einer Hure beiliegen. Verächtlich und wild, mit ein paar Silbermünzen in Eurer Geldkatze.

Statt Respekt zu zollen und Ehrfurcht zu zeigen, besudelt Ihr diese heilige Stätte mit schändlichem Maul, einem Ochsentreiber gleich. Und das als ein Mann, der für alle Menschen in der Grafschaft ein Vorbild sein sollte und zudem wissen müsste, wie er sich in einem Gotteshaus zu benehmen hat. Was steht Ihr noch da? Kniet endlich nieder und bittet den Herrn um Vergebung!“

Degenar war trotz der deutlichen Worte äußerlich ruhig geblieben. Innerlich jedoch schlug sein Herz vor Aufregung immer schneller. Er vernahm eine leise, innere Stimme, die ihn davor warnte, nicht zu weit zu gehen. Immerhin war die Abtei als Eigenkloster des Grafen von den irdischen Mächten abhängig.

Rurik bewegte sich nicht. Er stand herausfordernd vor dem Presbyterium, als wolle er ein erneutes Kräftemessen beginnen. Degenar wagte sich deshalb noch weiter vor, seine innere Warnung ignorierend. Flüsternd, dass seine Worte einzig von Rurik gehört wurden, sprach er weiter: „Auf die Knie! Oder legt Ihr es etwa darauf an, die Strafe und den Groll des Herrn auf Euch zu ziehen, vor all Euren Männern?“

Zornesröte färbte Ruriks Gesicht dunkel. Degenar erwartete, dass er jeden Moment einen Wutausbruch erleben würde. Einige Augenblicke tat sich nichts, dann rührte sich der Gotteslästerer schließlich. Doch statt auf die Knie zu sinken, befahl er seine Männer allesamt hinaus. Erst als der letzte von ihnen das Portal hinter sich geschlossen hatte, widmete Rurik sich wieder dem Abt.

In diesem Augenblick schien es, als gäbe es nur die beiden Männer in der Kirche. Die Mönche in ihrer dunklen Gewandung schienen gänzlich mit dem dunklen Chorgestühl zu einem bewegungslosen Relief verschmolzen zu sein.

Rurik kam zwei Schritte auf den Abt zu. Demonstrativ legte der Krieger seine Hand auf den Schwertknauf. Er war sich seines Rechts durchaus bewusst, als Adeliger eine Waffe in der Kirche tragen zu dürfen. Degenar hoffte, dass man ihm seine aufkeimende Angst nicht ansehen konnte.

Ruriks gesenkte Stimme polterte los wie das ferne Donnern eines Steinschlages im Gebirge. „Dass Ihr nur nicht zu viel wagt, Mönch.“

Ehrwürdiger Abt!“, korrigierte Degenar ihn sofort.

„Wie meint Ihr?“

Ehrwürdiger Abt heißt es. Oder hat man vergessen, Euch als Knabe die Anreden der Gottesdiener beizubringen?“

Ruriks rotes Gesicht wurde noch dunkler. Seine Worte stießen hart zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Dass Ihr nur nicht zu viel wagt, ehrwürdiger Abt!“

Degenar wusste, dass er eine Grenze überschritten hatte. Doch er konnte nicht mehr umkehren. „Sorgt Euch nicht um mich, sorgt Euch lieber um Euch und Euer Seelenheil! Kniet nieder und bittet um Vergebung!“

Widerwillig kniete der Krieger nieder. Er war es offensichtlich nicht gewohnt, sich vor einem anderen Menschen zu beugen. In demütiger Haltung sprach er den von Degenar vorgegebenen Wortlaut nach und seine Stimme war klar und deutlich im gesamten Chor zu vernehmen.

„Vergebt mir, allmächtiger Herr. Vergebt mir, ehrwürdiger Abt“, lauteten Ruriks letzte Worte und es war nicht zu überhören, dass er Degenars Betitelung mit einem gewissen Spott über die Lippen brachte. Dennoch lösten die Worte in Degenar eine große Erleichterung aus. Er überwand den letzten Schritt zu Rurik und hielt die Hand über dessen Haupt, wobei er hoffte, sie möge nicht zu sehr zittern.

Um die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen, lenkte Degenar ein. Die auferlegte Buße fiel gering aus im Vergleich zu dem, was er einem Mitbruder auferlegt hätte. Zudem glaubte der Abt ohnehin nicht, dass Rurik diese Strafe ernst nehmen würde. Degenar war das gleich, denn es genügte ihm vollkommen, aus diesem Ringen als Sieger hervorgegangen zu sein.

Nach gezeigter Reue erhob sich Rurik wieder, strafte den vor ihm stehenden Abt mit einem finsteren Blick und verließ das Gotteshaus, ohne eine weitere Silbe zu verlieren. Mit ein paar zeremoniellen Worten entließ Degenar seine Mitbrüder aus ihrer andächtigen Starre, die das Presbyterium über eine Nebentür in den Kreuzgang schweigend verließen. Nur der Abt und der Cellerar blieben zurück. Ivo trat an Degenar heran und riss seinen Freund mit einem Raunen aus seinen Gedanken. „Verrate mir nur eines: Welcher Teufel hat dich zu diesem irrsinnigen Wagnis getrieben?“

„Um ehrlich zu sein: Ich weiß es selbst nicht!“ Degenar schien, als würde er aus einem Traum erwachen und blickte Ivo ruhig an. „Doch eines weiß ich ganz gewiss. Wenn Rurik glaubt, in diesen Mauern in gleicher Weise auftreten zu können, wie vor seinen dreckverschmierten Männern in seinem eigenen Verschlag, dann hat er sich mächtig getäuscht.“

„Nun, der Verschlag ist eine gewaltige Burg aus massivem Fels und Stein, mit festen Mauern und hohen Türmen“, gab Ivo zu bedenken. „Und seine Männer mögen vielleicht dreckverschmiert sein, sind aber dennoch kampferprobte Krieger, die schon manche Schlacht geschlagen haben. Rurik ist Sachwalter der Grafschaft und somit untersteht ihm auch unser Kloster. Wir müssen vorsichtig sein, er ist ein gefährlicher, unberechenbarer Mann!“

„Das ist mir klar, Ivo. Und leider stimmt es, dass er als Sachwalter diese Privilegien genießt. Wir werden einige seiner Wünsche erfüllen müssen. Hast du die Unterkünfte vorbereiten lassen?“

Ivo nickte nur kurz und Degenar fuhr fort. „Doch eines geht mir nicht aus dem Kopf: Das von Walram ausgehandelte Abkommen. Am liebsten würde ich es für nichtig erklären. Doch es ist derart zum Vorteil für die Abtei, dass es ohne Einmischung von höherer Stelle nicht abgelehnt werden kann. Auch aus diesem Grunde wollte ich Rurik Grenzen aufzeigen. Er glaubt, sich mit ein paar Münzen erkaufen zu können, was ihm beliebt. Auch mich. Doch da irrt er!“

Ivo griff Walrams Abkommen noch einmal auf. „Was die Aufnahme dieses Drogo angeht, so haben wir tatsächlich keine andere Wahl. Die Abtei benötigt die großzügigen Beigaben dringend. Außer der Art, wie Walram die Vereinbarung in die Wege geleitet hat, spricht nichts gegen die Aufnahme. Solltest du sie dennoch verweigern, könnte Rurik dir das Leben schwer machen und dich in deinem Amte als Abt ins Wanken bringen. Er wäre nicht der erste weltliche Fürst, der hinter dem Sturz eines Kirchenmannes stünde.“

„Ach Ivo, ich weiß ja, dass du Recht hast. Doch es sind auch nicht die Belange des neuen Novizen, die mich bekümmern. Ich sorge mich vielmehr um Faolán. Wenn Rurik und seine Frau ihn zu Gesicht bekommen, könnten sie ihn wiedererkennen. Schließlich ist er ihr Neffe. Und dann sind da noch die Mägde und Knechte der Gefolgschaft, die ebenfalls das Gesicht des Erben kennen. Wir müssen deshalb Faolán unbedingt von ihnen fernhalten!“

„Du hast Recht. Eines ist dabei noch zu bedenken. Faolán wird fortan mit Drogo zusammenleben. Ich frage mich ernsthaft, wie lange das gut gehen kann, ohne dass die Wahrheit zu Tage kommt.“

„Wir werden dieses Risiko eingehen müssen. Zum einen hoffe ich, dass sich Drogo nicht an Rogar erinnern kann. Sie haben sich nicht so häufig gesehen, dass er trotz Ähnlichkeit bei einem Novizen mit anderem Namen auf seinen vermissten Vetter schließen wird. Zum anderen kann sich Faolán noch immer nicht an seine Geschichte erinnern. Ich hoffe, dass es auch in Zukunft so bleiben wird. Es könnte also auch wesentlich einfacher werden, als wir im Augenblick befürchten.“

„Oder schlimmer“, gab Ivo zu bedenken. „Wie auch immer, lass uns jetzt besser gehen. Schließlich musst du als Abt noch eine offizielle Begrüßung aussprechen. Solltest du das unterlassen, würde sich Rurik hart vor den Kopf gestoßen fühlen.“

Degenar rollte entnervt mit den Augen. „Ja, lass uns gehen. Der Herr hat Faolán in unsere Obhut gegeben. Er wird auch dafür sorgen, dass der Junge bei uns seinen Weg sicher gehen wird. Das Vertrauen in Gott ist die größte Kraft auf Erden. Mit seiner Hilfe werden wir es schaffen.“

Ivo pflichtete Degenar mit einem Kopfnicken bei. Rurik würde es nicht zustande bringen, sie mit seinem Auftreten einzuschüchtern oder gar in ihrem Gottvertrauen zu erschüttern.

Abt und Kellermeister verließen das Gotteshaus durch die Seitentür. Sie schritten unter den aus rotem Sandstein gemauerten und mit schlichten Verzierungen versehenen Arkaden des Kreuzganges einher. Über ein Vorgebäude gelangten sie direkt auf den großen Klosterhof. Degenar wurde von dem sich ihm darbietenden Anblick beinahe überwältigt. Noch nie hatte er eine so große Menschenmenge im Hof versammelt gesehen. Mehrere große Wagen und zahlreiche Pferde waren zusammen mit unzähligen Menschen eingetroffen. Das war also Ruriks Gefolge. Darunter befanden sich zahlreiche Mägde und Kammerfrauen, ein Pferdemeister und Knechte, Spielleute und persönliche Berater. Die Menge ordnete sich selbst, und es hatte den Anschein, als würde ein jeder seinen Platz kennen oder wüsste, wo es anzupacken galt.

Bei dem dichten Treiben auf dem Hof war es kaum aufgefallen, dass Abt und Cellerar den Platz betreten hatten und nach Rurik Ausschau hielten. Als sie ihn schließlich erblickten, war es für sie keine große Überraschung, den Prior bei ihm anzutreffen. Walram schien einen vertrauten Umgang mit dem großen Mann zu haben. Stets trat er respektvoll, ja beinahe schon ehrfürchtig einen Schritt zur Seite, sobald sich Rurik bewegte, um ja nicht im Wege zu stehen.

Rurik hingegen hatte offensichtlich Wichtigeres zu tun, als dem Prior seine volle Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Während er sich mit Walram unterhielt, würdigte er ihn keines Blickes. Selbst sein Pferd war ihm wichtiger als der Geistliche, und während er sein Tier tätschelte, hatte Walram anscheinend Mühe, Ruriks Ausführungen zu folgen.

Gerade als Degenar und Ivo unbemerkt in Hörweite gekommen waren, lenkte Rurik sein Augenmerk auf den Prior und sprach ihn an: „Ich brauche Beweise und keine vagen Vermutungen! Was soll ich damit anfangen, wenn Ihr etwas glaubt? Denkt Ihr etwa, ich handele auf reinen Verdacht hin? Ihr solltet mich inzwischen besser kennen und wissen, dass ich nichts dem Zufall überlasse.“

„Aber wenn ich es Euch doch versichere, solch einen Zufall kann es nicht geben. Er muss es sein!“

„Liefert mir einen sicheren Beweis. Nur einen, mehr bedarf es nicht. Mit Eurer Schönrederei allein kann ich beim König nichts bewirken.“

Der Prior hatte darauf nichts zu erwidern und senkte sein Haupt. Er wirkte gedemütigt und besiegt. Er bot einen Anblick, den Degenar, soweit er sich erinnern konnte, noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Als der Prior die Nähe seines Abtes bemerkte, richtete er sich augenblicklich wieder auf und täuschte seine gewohnte Sicherheit vor. Dabei trat er einen Schritt zurück, als wolle er gehen. Degenar hielt ihn jedoch mit einer einladenden Geste auf.

Rurik wandte sich nun ebenfalls den beiden eintreffenden Mönchen zu. Degenar verlor keine Zeit und ergriff sogleich das Wort: „Wie ich sehe, hat sich unser ehrwürdiger Prior um Eure dringlichsten Belange bereits gekümmert. Hoffentlich ganz zu Eurer Zufriedenheit.“

Degenar hielt es für angebracht, freundlich und zuvorkommend aufzutreten. Ein erneuter Konflikt würde die Fronten nur verhärten.

Noch im Kreuzgang hatte er sich Zurückhaltung und Geduld geschworen, denn zusätzliche Spannungen zu all der Unruhe, die der Tross in der Abtei schon verbreitete, wären für ihn unerträglich.

Rurik vernahm Degenars Worte aufmerksam. Hier, unter all seinen Männern, wirkte er gänzlich anders als allein im Gotteshaus. Hier draußen, in seinem gewohnten Umfeld, war er der unangefochtene Führer. Für einen Moment beeindruckte diese Verkörperung von Macht, Führung und Autorität den Abt, jedoch streifte er diese Bewunderung schnell wieder ab und führte das Gespräch fort:

„Seid willkommen in unserem bescheidenen Kloster. Das Gästequartier wurde bereits hergerichtet und ein Mahl zu späterer Stunde ist in Vorbereitung. Es soll Euch während des Aufenthaltes an nichts mangeln. Sollte dies wider Erwarten dennoch der Fall sein, so wendet Euch bitte an unseren ehrwürdigen Kellermeister.“ Dabei wies er auf Ivo, der sich ehrfürchtig verbeugte. „Er steht Euch jederzeit zur Verfügung, es sei denn, er befindet sich gerade im Gebet.“

Rurik war nicht entgangen, dass die Einschränkung in Degenars Angebot eine klare Anspielung auf den jüngsten Vorfall in der Klosterkirche war. Er nickte kurz, doch in seiner höflichen Antwort schwang ein sarkastischer Unterton mit: „Habt aufrichtigen Dank. Doch seid unbesorgt, ehrwürdiger Abt, wir werden die Gastfreundschaft Eurer – bescheidenen – Mauern nicht allzu lange in Anspruch nehmen. Noch vor dem morgigen Mittag werden wir unsere Reise fortsetzen. Sollte nichts Außergewöhnliches in dieser kurzen Zeit vorfallen, so wird Eure Abtei schon bald nicht mehr ganz so bescheiden sein …“

Degenar verstand die Zwischentöne ebenso gut wie Rurik zuvor und er antwortete: „Seid uns für diese kurze Zeit als Gäste willkommen. Wir stehen Euch zu Diensten, ganz wie es unsere Ordensregeln vorschreiben und erlauben. Doch jetzt muss ich mich anderen Aufgaben widmen.“

Nach diesem kurzen Wortwechsel zur Begrüßung gab es nichts mehr zu sagen. Degenar gab Ivo noch einige Anweisungen, bevor er ansetzte, den Hof wieder zu verlassen. Er benötigte jetzt die Abgeschiedenheit seiner Räumlichkeiten, um in Ruhe nachdenken zu können. So lenkte er seine Schritte über den Hof, scheinbar in Gedanken versunken. Tatsächlich aber schaute er sich sorgfältig um, denn insgeheim hoffte er, jenes Kind zu Gesicht zu bekommen, welches er für viele Jahre aufnehmen musste.

Degenar schritt durch die geschäftige Gefolgschaft. Der Abt fühlte sich in dieser Umtriebigkeit in keiner Weise wohl. Die ungewöhnliche Dichte an Bewaffneten, bestätigte Degenars ersten Eindruck: Rurik nutzte den Besuch als Machtdemonstration.

Plötzlich lenkte eine äußerst laute Kinderstimme die Aufmerksamkeit des Abtes auf sich. Das musste Drogo sein! Breitbeinig stand der Junge mit einem gezogenen Holzschwert neben einer Frau, deren Statur der eines kräftigen Mannes gleichkam. Das musste die Mutter des Jungen und Ruriks Gemahlin sein.

Degenar wusste nur Vages über Ruriks Familie. Er hatte bisher nicht so recht glauben können, was man sich hinter vorgehaltener Hand zuraunte: Rurik sei eigentlich mit einem Mann vermählt. Doch bei dem Anblick dieses Weibes verstand Degenar, was mit dieser Behauptung gemeint war. Wulfhild war ein Mannsweib, wie der Abt noch niemals zuvor eines gesehen hatte.

Mutter wie Sohn herrschten die Leute mit beißendem Tonfall an. Das Gesinde vermied es, ihnen in die Augen zu blicken und suchte sich schnellstmöglich Arbeit, bevor ihnen eine zugeteilt wurde. Während Wulfhild ihre Macht durch Auftreten und Worte ausübte, verlieh der Junge seinen Befehlen mit seinem Holzschwert Nachdruck. So manche Magd erhielt von ihm einen Hieb auf das Hinterteil und sie achteten allesamt darauf, möglichst außerhalb Drogos Reichweite zu sein.

Degenar wollte gerade in dieses Geschehen eingreifen und den Jungen maßregeln, als ein kleiner, schmächtiger Mönch mit wild fuchtelnden Armen auf ihn zugeeilt kam. Bereits von Weitem rief der Fremde Degenar immer wieder mit „ehrwürdiger Abt“ an, unterbrochen von schwerem Atmen, als wäre der Bruder den gesamten Weg von der Greifburg bis zum Kloster gelaufen.

„Ehrwürdiger Abt, Ihr könnt Euch nicht im Entferntesten vorstellen, welcher Gottlosigkeit ich Zeuge werden musste!“, begann der Mönch unversehens und heftig schnaufend. „Es war mitten in finsterster Nacht. Nichts und niemand war vor ihnen sicher. Selbst die hohen Mauern und die schweren Tore boten keinen Schutz. Hier muss wahrlich der Leibhaftige seine Finger im Spiel gehabt haben. Eine andere Erklärung gibt es einfach nicht. Was nutzen schon all die scharfen Klingen, wenn das Böse selbst einfällt? Glaubt mir, die schwachen Mauern Eures Klosters sind mir um einiges lieber.“

Milde lächelnd legte Degenar beruhigend seine Hände auf die Schultern des Fremden. „Vielleicht habt Ihr die Güte und helft meinem Verstand auf die Sprünge, indem Ihr mir zunächst Euren Namen mitteilt. Zudem wäre mir sehr geholfen, wenn Ihr über diese Begebenheit von Beginn an berichtet.“

„Natürlich, ehrwürdiger Abt, verzeiht mir. Ich bin Bruder Eberhardt, ein Pilger auf der Reise nach Santiago de Compostela. Vor einigen Tagen fand ich dank des gütigen Herrn Farold Unterkunft in der hiesigen Grafenburg.“ Plötzlich wurde der Blick des Mönches starr, als er sich an Farolds Schicksal erinnerte. „Der Herr möge seiner Seele gnädig sein. Man hat ihn und seine Gemahlin brutal gemeuchelt. Hätte ich nur geahnt, was sich in dieser Nacht zutragen würde, so hätte ich ein anderes Refugium für die Nacht gesucht.“

„Hättet Ihr diesen Überfall erahnt“, erwiderte Degenar beruhigend, „und wäret gegangen, statt ihnen beizustehen, so hättet Ihr eine schwere Sünde begangen. Durch Euer Bleiben hingegen wart Ihr in schwerster Stunde als Gottes Gesandter vor Ort.“

Der Pilger stutzte kurz und überlegte.

„Womöglich habt Ihr Recht.“

Nach einer kurzen Pause wurde er geradezu euphorisch. „Ja, ganz sicher habt Ihr Recht. Doch warum hat mir Gott keine Eingebung gesandt? Weshalb war es mir nicht vergönnt, die Menschen zu warnen und zu retten? Wo bin ich fehlgegangen, dass ich dieses Unheil erleben musste?“

Nur mit Mühe konnte Degenar seine Ungeduld gegenüber dem unsteten Mönch verbergen. Er versuchte noch einmal das Gemüt des Mannes zu beruhigen und sprach beschwichtigend auf ihn ein: „Quält Euch nicht mit solch schweren Gedanken, Bruder Eberhardt. Gottes Wege bleiben uns oftmals verschlossen. Und es wäre eine Sünde, an ihnen zu zweifeln. Doch soweit mir bekannt ist, wurde die Burg letztlich nicht eingenommen, sondern vom Bruder des Grafen gerettet. Der Herr hat also für die Seinen gesorgt. Leider wurde mir bisher über den Hergang der Dinge nichts berichtet. Vielleicht habt Ihr die Güte, mir die Geschehnisse genauer zu erläutern. Wollt Ihr mir nicht Gesellschaft leisten?“

Erneut weiteten sich die Augen des Pilgers, so sehr fühlte er sich geehrt. „Allzu gerne, ehrwürdiger Abt. Wenn Ihr Eure kostbare Zeit für einen einfachen Wallfahrer wie mich opfern könnt, so werde ich Euch gerne alle Einzelheiten schildern.“

Bruder Eberhardt folgte Degenars einladender Geste. Während die beiden der Menge den Rücken kehrten, begann der Pilger augenblicklich mit seinem detailreichen Bericht über den grausamen Einfall der Nordmänner auf der Greifburg.

An vielen Stellen war die Erzählung nach Degenars Geschmack zu ausführlich, denn sie dauerte beinahe bis zur Vesperandacht. Doch der Abt lauschte den Worten geduldig. Er hoffte, einige aufschlussreiche Hinweise zu erhalten. Ärgerlich für Degenar war lediglich, dass ihm jetzt nur noch wenig Zeit vor dem unangenehmsten Teil des Tages blieb: der Speisung der Gäste im Refektorium.

Der Cellerar war wegen dieses Mahls bereits den ganzen Tag beschäftigt gewesen, denn den Sachwalter der Grafschaft mit Gefolge zu verköstigen, war sehr aufwendig. Deshalb hatte der Abt seinen Freund nicht mehr zu Gesicht bekommen, obwohl er ihn von dem Pilgerbericht unbedingt noch vor dem Essen in Kenntnis setzen wollte.

Erst kurz vor dem Mahl, nachdem Degenar es längst aufgegeben hatte, Ivo ausfindig zu machen, stieß er nahe dem Refektorium zufällig auf ihn. Die übrigen Mönche der Gemeinschaft fanden sich bereits im Speisesaal ein. Degenar zog seinen Freund beiseite und ergriff flüsternd das Wort:

„Wenn man den Ausführungen dieses Pilgers Glauben schenken mag, und das tue ich zum größten Teil, dann haben tatsächlich wilde Männer die Burg überfallen. Allerdings gibt es ein paar Unstimmigkeiten und ich hege einige Zweifel, zumindest was die Identität der Angreifer angeht.“

Ivo war überrascht. „Weshalb? Vielleicht denkt sich dieser Eberhardt etwas aus, um sich interessant zu machen. Oder er erhofft dadurch, länger als üblich bei uns beherbergt zu werden.“

„Nein, das denke ich nicht. Richtige Widersprüche gibt es ja nicht. Eher ein paar außergewöhnliche Zufälle, die nicht so ganz in das Bild eines Überfalls passen, zumindest soweit ich es beurteilen kann. Am meisten stört mich die Tatsache, dass Nordmänner so tief im Landesinneren einen Überfall auf eine hochgelegene Burg durchgeführt haben sollen. Das entspricht nicht den Angriffen, die sie üblicherweise durchführen. In der Regel suchen sie sich ein einfaches Ziel in Flussnähe aus, fallen ein, brandschatzen und ziehen sich dann schnell wieder zurück. Aber die Burg des Grafen? Der nächste große Fluss ist zwei Tagesmärsche von der Burg entfernt, und die Feste ist alles andere als leicht einzunehmen. Zudem ist Bruder Eberhardt fest davon überzeugt, dass der Überfall nur durch die Hand des Leibhaftigen hatte ausgeführt werden können.“

„Wie kommt er denn zu dieser Annahme?“, fragte Ivo überrascht.

„Du kennst doch die Burg des Grafen, nicht wahr?“

„Ja, ich habe sie schon einmal gesehen, jedoch nur aus der Ferne.“

„Dennoch, welchen Eindruck hattest du von dieser Festung?“

„Mein Eindruck entsprach dem, was man sich landläufig über diese Burg erzählt. Starke und hohe Mauern mit einem gut befestigten Tor, erbaut auf einem alles überragenden, beinahe uneinnehmbaren Felsen.“

„Dein Eindruck ist richtig. Gerade deshalb wundert es mich, dass eine Handvoll Barbaren es geschafft haben soll, diese Feste zu erstürmen!“

Ivo dachte nach und stellte schließlich die Frage, auf die Degenar hingearbeitet hatte: „Glaubst du an einen Verrat? Eine List, die die Angreifer unterstützt hat?“

Degenar nickte. „Zumindest besteht die Möglichkeit. Allerdings gibt es dafür noch keine Beweise. Doch ebenso verwunderlich wie der Überfall selbst, ist die unverhoffte Errettung der Burg durch Rurik. Bruder Eberhardt hat auch über diese Umstände ausführlich berichtet. Nach meinem Verständnis spielen dabei zu viele glückliche Zufälle eine Rolle. Irgendetwas stimmt hier nicht und dass Rurik in jener Nacht gottgesandt war, wage ich zu bezweifeln!“

Ivo antwortete mit unterdrückter Stimme. „Glaubst du etwa, dass Rurik …?“ Als der Cellerar begriff, welche Vermutung er da aussprach, hielt er vorsichtshalber den Atem an und schaute sich um. Als er sicher war, dass ihn außer Degenar niemand hören konnte, fuhr er flüsternd fort. „Das ist eine gewagte Theorie ohne Beweise. Zudem sind das weltliche Belange, aus denen wir uns besser raushalten sollten. Gäbe es denn für Rurik überhaupt ein Motiv?“

„Du als Cellerar solltest wissen, dass uns die Änderung der irdischen Verhältnisse durchaus betreffen wird. Und ein Motiv gibt es für Rurik auch: Er strebt nach Höherem. Es ist äußerst fraglich, ob er mit dem Gut, welches er als Allod erhalten hat, zufrieden war. Ich kann mir gut vorstellen, dass er seinen älteren Bruder stets mit Neid und Missgunst betrachtet hat. Es wäre nicht der erste Brudermord in der Geschichte der Menschheit …“

Entsetzen zeichnete sich in Ivos Gesicht ab, als er die Tragweite der Überlegung begriff. „Meinst du, wir beherbergen die leibhaftige Kainssünde in unserer Abtei?“

Degenar nickte und sprach weiter. „Umso heikler ist unsere Lage. Bruder Eberhardts Erzählung hat mir vor allem eines klar gemacht: Faolán ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der rechtmäßige Erbe der Grafschaft. Rogar gilt noch immer als verschollen, und Rurik sucht ihn mit allen Mitteln. Ich bezweifle stark, dass er ihm die Grafschaft nach der Schwertleite übergeben würde, sollte er ihn finden. Daher ist es jetzt wichtig, dass uns kein Fehler unterläuft!“

Ivos fragender Blick ließ Degenar fortfahren: „Wir müssen sicherstellen, dass Faolán auf keinen Fall am Mahl teilnimmt. Am besten wäre es, wenn wir ihn bis nach der Abreise unserer Gäste in einer Kammer verwahren.“

Der Cellerar wurde zusehends unruhiger. „Gütiger Herr, steh uns bei. Ich gehe besser sofort, wenn ich Faolán noch abfangen will. Er ist wahrscheinlich schon auf dem Weg hierher.“ Sogleich machte der Cellerar kehrt und eilte in Richtung Noviziat davon. Degenar war angespannt. Hoffentlich konnte Ivo den Jungen rechtzeitig aufhalten.

Kurz darauf erschienen die hohen Gäste, zu deren Ehren das außergewöhnliche Mahl heute gegeben wurde. Allen voran schritt Rurik. Beinahe gleichauf folgte seine Gemahlin, und hinter ihnen, mal rechts oder links ausscherend, lief Drogo einher, ohne Disziplin oder Respekt. Degenars Stirn zog sich in Missfallen zusammen. Schnell rügte sich der Abt im Stillen, rang um mehr Toleranz und Nachsicht gegenüber seinen Gästen und ignorierte schließlich die Ungezogenheit des Knaben. Er würde Jahre haben, um dieses Kind zu disziplinieren.

Im Anschluss an die Adelsfamilie folgten einige der vertrautesten Krieger und engsten Berater. Der Rest des Gefolges wurde im Gästehaus verköstigt. Degenar war nach wie vor angespannt, als die kleine Gruppe vor ihm zum Stehen kam. Noch immer hoffte er auf Ivos Rückkehr mit einer guten Nachricht über Faoláns Verbleib. Der Abt schluckte nervös und fand ein paar einfache Worte, um die Wartenden zum Mahl einzuladen. Rurik nahm die Einladung ebenso förmlich wie herzlos an. Er nahm sich sogar das Recht heraus, das Refektorium noch vor dem Abt zu betreten.

Degenar ließ ihn gewähren. Der Vortritt hatte keine Bedeutung für ihn, und deshalb ließ er sogar das gesamte Gefolge vor ihm einziehen. Gerade als der letzte Bewaffnete den Speisesaal betreten hatte und Degenar sich hinter ihm einreihen wollte, kam Ivo um die Ecke gelaufen. Schwer atmend nickte der seinem Freund kurz zu und bekundete damit, dass alles zum Besten erledigt war.

Erleichtert betrat Degenar nun mit dem Cellerar das Refektorium. Der Saal bot einen ungewohnten Anblick. Statt einer langen Tafel, an der üblicherweise alle Brüder des Klosters gleichermaßen Platz nahmen und einem kleinen Tisch, an dem der Abt mit wechselnden Brüdern saß, waren heute zwei nahezu gleichgroße Tafeln aufgebaut worden.

Der Abt nahm den für ihn bestimmten Platz an der Mitte der vorderen Tafel ein, genau gegenüber von Rurik. Das war Degenar nicht gewohnt und er verspürte einen Anflug von Unsicherheit.

Mit einem aufgesetzten Lächeln versuchte er, Gelassenheit auszustrahlen und hoffte, dass es nicht allzu gezwungen aussehen mochte. Insgeheim sehnte er schon das Ende des Mahls herbei, bedeutete es doch auch das Ende seiner Verpflichtungen gegenüber den Gästen.

Nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, wurden Speisen und Trank von mehreren Mönchen aufgetragen. Statt stark gewässerten Weines gab es heute puren Rebensaft. Auch das Essen war üppiger als sonst. Als Hauptgang wurde zu Ehren der Gäste ein frisch geschlachtetes und seit Stunden bratendes Schwein serviert. Die Mehrzahl der Brüder war über die außergewöhnliche Fülle sichtlich erfreut und sie konnten es nur schwer vor ihrem Abt verbergen. Degenar ließ sie gewähren, waren Fleischspeisen doch ohnehin selten. Er selbst aß lustlos und beteiligte sich lediglich mit kargen Höflichkeiten und Floskeln an den Tischgesprächen.

Dafür beobachtete Degenar aufmerksam, aber unauffällig sein Umfeld. Immer wieder blieb sein Blick auf der massigen Frau am unteren Ende der Tafel haften. Hätte sie ein Messer in der Hand gehabt und kurzes Haar getragen, hätte sie sich mühelos als Mann ausgeben können. Sie benahm sich zwar standesgemäß, jedoch fehlte ihren Bewegungen jegliche Grazie. Ihr Kleid wirkte merkwürdig fehl an ihrem fülligen Körper. Ihre Haltung war alles andere als erhaben, wie man es von einer Dame ihres Standes erwartete. Selbst die Art und Weise, wie sie den Löffel zum Munde führte, erinnerte mehr an einen Bauern als an eine Adelsfrau.

Trotz ihrer fehlenden Eleganz ließ Wulfhild keinen Zweifel daran aufkommen, welche Position sie innehatte. Obwohl nur am Tischende platziert, strahlte sie eine Präsenz aus, die auf besondere Weise den Saal für sich einnahm, trotz der Anwesenheit ihres Mannes.

Als Degenar das erkannte, zollte er Rurik einen gewissen Respekt. Einer derart dominanten Frau täglich gewachsen zu sein, war sicherlich keine leichte Aufgabe. So mancher Mann wäre schon längst an ihr zerbrochen. Diese Erkenntnis brachte ein leichtes Schmunzeln auf Degenars Lippen und es schien, als wolle sich doch noch ein Hauch guter Laune in seinem Herzen ausbreiten.

Just in diesem Augenblick sprach ihn Wulfhild an: „Erheitert Euch die Aussicht, meinen Sohn in Eure Verantwortung zu nehmen – ehrwürdiger Abt? Ich hoffe nicht!“

Die Gespräche der Gefolgschaft verstummten schlagartig und alle Augen richteten sich auf Degenar. Der Abt war sichtlich überrascht, antwortete Wulfhild jedoch nach kurzem Zögern höflich: „Verzeiht mir, Verehrteste, dies ist keineswegs der Fall. Mein Lächeln wurde durch einen fröhlichen, plötzlich auftauchenden anderen Gedanken hervorgerufen, und ich kann Euch versichern, dass er nicht im Zusammenhang mit Eurem Sohn stand.“

„Gut für Euch! Denn solltet Ihr die Euch gestellte Aufgabe nicht mit aller Ernsthaftigkeit annehmen, würde ich mich gezwungen sehen, unsere Übereinkunft wieder rückgängig zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass dies nicht in Eurem Interesse wäre, auch wenn Ihr Euch bevorzugt enthaltsam gebt.“

Degenars Blick richtete sich auf den schweigenden Rurik. Lediglich das Verharren seines Löffels auf dem Weg zum Mund ließ erkennen, dass Wulfhild kurz davor stand, ihre Grenzen zu überschreiten. Dass sie am gleichen Tisch saß wie er, war schon ein Privileg. Dass sie aber darüber hinaus in dieser Weise das Wort ergriff, war eine Unverfrorenheit. Doch statt seiner Gemahlin Einhalt zu gebieten, ließ Rurik sie zunächst gewähren.

Schnell erkannte Degenar den Grund, weshalb Wulfhild ihn angesprochen hatte. Es ging nicht um ihn und seine Ansichten, sondern um das ständige eheliche Kräftemessen, in das er hineingezogen wurde. Seine Erwiderung fiel entsprechend geschickt aus.

„Da es Euch sehr am Herzen zu liegen scheint, kann ich Euch nur versichern, dass es der Bruderschaft an Ernsthaftigkeit in keiner Weise mangelt. Ich persönlich bin der Auffassung, dass jeder Mensch seinen vom Herrn gestellten Lebensaufgaben mit absoluter Ehrfurcht entgegentreten muss. Dies gilt auch für die schwersten Prüfungen. Erst dann, wenn der Mensch an seine Grenzen gelangt und ihm nur noch das Vertrauen in den Herrn bleibt, wird Gott sich ihm offenbaren. Und mit Gottes Hilfe kann jede Aufgabe gemeistert werden. Doch um seiner Aufgabe gewachsen zu sein, gibt es neben dem Gottvertrauen noch eine weitere, wichtige Voraussetzung.“

Degenar legte eine Pause ein, um zu sehen, ob Wulfhild ihm folgen konnte. Doch ihre Geduld war von kurzer Dauer. Leicht genervt fragte sie schließlich nach: „Und welche Voraussetzung sollte das Eurer Ansicht nach sein?“

„Dass die Aufgabe klar gestellt ist. Denn ein Unwissender wird das Wesentliche einer Aufgabe niemals als solches erkennen und schon gar nicht meistern können. Ebenso verhält es sich mit einem Novizen. Wir können ihn viel lehren, doch eines können wir dem Kinde niemals geben: Die Erkenntnis, weshalb er unter uns weilt.“

„Ihr verkennt die Lage, ehrwürdiger Abt. Hier geht es nicht um Erkenntnis!“

Die Worte kamen schnell und hart aus Wulfhilds Mund, als fühle sie sich bedrängt. Degenar hatte diese Aussage erwartet und ging darauf ein: „Möglicherweise verkenne ich tatsächlich die Situation und Ihr müsst einem armen Mönch auf die Sprünge helfen. Um was geht es Euch? Weshalb gebt Ihr Euren einzigen Sohn ausgerechnet in unsere Obhut?“

Wulfhild legte wütend den Löffel beiseite. Der Abt vermochte nicht zu sagen, ob es seine Forschheit oder die Frage selbst war, die sie so in Rage brachte. Es war ihm auch gleich. Ihn interessierte nur der Grund für ihren Entschluss. Sollte Wulfhild klare Pläne mit ihrem Sprössling haben, so zögerte sie jetzt, diese preiszugeben und starrte stattdessen wortlos auf ihren Teller. Endlich schien sie die passenden Worte gefunden zu haben:

„Es gibt mehrere Ziele für die Erziehung meines Kindes, die Euch am Herzen liegen sollten. Wenn Ihr sie beachtet, lauft Ihr keine Gefahr, meine Erwartungen zu enttäuschen. Allem voran sind es Schreiben, Lesen und die Arithmetik. Ihr wisst selbst allzu gut, welche Macht die Schrift ausüben kann. Oder liege ich hier falsch, ehrwürdiger Abt?“

„Gewiss nicht. Doch für die Lehre der Schrift und die Grundzüge der Arithmetik hätte Euch jeder andere Priester ausreichende Dienste leisten können. Er hätte Drogo auf der Burg herangezogen und die Aufwendungen hierfür wären erheblich geringer gewesen als das, was Ihr jetzt aufbringt.“

„Möglicherweise habt Ihr Recht. Doch hier geht es um mehr.“

„Um was geht es Euch denn?“, wollte Degenar sofort wissen.

„Disziplin, Respekt und Ehrfurcht! Und die Fähigkeit, seinen Verstand an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen. Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass er letzteres in seinem bisherigen Umfeld erlernen würde.“

Diese Bemerkung fiel in einem Ton unverkennbarer Verachtung. Rurik blickte seine Gemahlin erzürnt an, und Degenar wurde klar, dass dieser Disput nicht zum ersten Mal geführt wurde. Schnell versuchte er einzuschreiten.

„Für die ersten drei Punkte kann ich Euch versichern, dass gerade dies im Interesse unserer Gemeinschaft liegt. Doch der Einsatz des Verstandes liegt nicht in unserer Hand. Seinen eigenen Verstand einzusetzen bedeutet vor allem, dass man dazu auch bereit ist und, was viel entscheidender ist, dass der Verstand auch vorhanden ist!“

Die Klarstellung hatte ihr Ziel präzise getroffen und Wulfhild errötete vor Zorn. Alle Anwesenden schwiegen, und für einen Augenblick herrschte absolute Stille. Wulfhild brachte offensichtlich all ihre Kräfte auf, um Haltung zu wahren. Es schien ihr zu gelingen, denn trotz ihrer Wut klang ihre Stimme ruhig, wenn auch tonlos und unterkühlt. „Ihr werdet genügend Zeit haben, ehrwürdiger Abt, seine Fähigkeiten zu erkennen, auch über die Zeit in Eurem kleinen Kloster hinaus! Vergesst nicht, wessen Erbe er ist!“

Degenar blickte auf den angehenden Novizen neben seiner Mutter, über den hier so offen debattiert wurde. Offensichtlich schien Drogo nicht zu begreifen, um was oder wen es hier ging. Das war alles andere als ein Zeichen von wachem Verstand. Im Gegenteil, Drogo saß gelangweilt da und spielte lustlos mit seinem Löffel in den Essensresten auf seinem Teller.

Plötzlich verspürte Degenar Mitleid mit dem Knaben. Seine Worte kamen bitter und zynisch über die Lippen. „Ist dem Jungen klar gemacht worden, was ihn hier erwartet? Ist ihm bewusst, dass er über viele Jahre in diesem Kloster leben wird, in Demut, Armut und Enthaltsamkeit?“

An Wulfhilds Mimik konnte Degenar erkennen, dass er einen weiteren Treffer erzielt hatte. Offen bekannte sie: „Ich habe Euch bereits erklärt, dass es hier nicht um Erkenntnisse geht!“

„Um was geht es Euch dann? Wollt Ihr den Knaben nur von Eurer Seite wissen? Oder steckt noch etwas anderes dahinter?“

Rage stand deutlich in Wulfhilds Gesicht geschrieben. Nur mit größter Mühe behielt sie die Kontrolle über ihre Stimme. In ihrem Zorn erhob sie sich und stützte sich mit den Fäusten auf der Tafel ab. „Glaubt Ihr etwa, dass ich noch Zeit für ein Kind haben werde, wenn ich eine Burg und ein Gut mitsamt Gesinde zu leiten habe? Das bedeutet eine Unmenge an Aufgaben, die erledigt werden müssen, Tag für Tag. Wie stellt Ihr Euch das vor? Wie soll man eine Grafschaft verwalten, wenn einem ständig ein Balg am Rockzipfel hängt?“

Wulfhild verstummte schlagartig und es herrschte wieder Stille im Saal. Ob Mönch oder Krieger, die meisten Anwesenden hielten die Köpfe eingezogen. Degenar hielt Wulfhilds Blick stand. Der Satz, der ihm auf der Zunge lag, dass doch für diese Pflichten ihr Gatte zuständig sei, wurde überflüssig. Rurik erhob sich nämlich gerade und sein Blick drückte genau diese Zuständigkeit aus. Beschämt senkte Wulfhild ihr Antlitz und wurde sich ihres Fehlers gewahr. Der mächtige Krieger musste gegen diese Kritik an seiner Person etwas unternehmen, wollte er sein Gesicht wahren! Doch statt laut zu werden und seine Gattin anzufahren, war nur dieser scharfe Blick notwendig, um sie in ihre Grenzen zu verweisen. Wulfhild zeigte sich reumütig und verhielt sich ruhig, doch Degenar bezweifelte, dass diese Haltung ehrlich war. Um Schlimmeres zu verhindern, richtete sie sich auf und verließ mit einer gemurmelten Entschuldigung die Tafel.

Erst jetzt, als seine gewaltige Mutter von seiner Seite wich, bemerkte Drogo, dass etwas Außergewöhnliches im Gange war. Man hätte den Eindruck gewinnen können, der Junge sei diese Art von Auseinandersetzung gewohnt. Mit aufgerissenen Augen sah der Junge seiner Mutter nach.

Dann ließ er den hölzernen Löffel fallen und lief ihr schreiend nach.

Degenar hielt derweil seinen Blick fest auf Rurik gerichtet. Das Gesicht des Kriegers sprach Bände, und es hätte den Abt nicht verwundert, wenn Rurik ein leises Grollen aus seiner Kehle hätte ertönen lassen. Der Verwalter der Grafschaft glich einem Wolf, der soeben sein Revier erfolgreich behauptet, und dessen Rivale, seltsamerweise die eigene Gemahlin, das Feld geräumt hatte.

Es dauerte eine ganze Weile bis die Normalität ins Refektorium zurückkehrte. Als das Klosteroberhaupt wieder zu speisen begann, folgten die Brüder seinem Vorbild und die Lage entspannte sich. Doch der Abend blieb von diesem Zwischenfall geprägt.

Wulfhilds Entgleisung hinterließ bei Degenar einen nachhaltigen Eindruck. Dieser Frau ging es um Macht, um nichts anderes! Im Bemühen, als Gemahlin die vor kurzem erhaltene Macht des Sachwalters zu festigen, war Drogo, ihr eigen Fleisch und Blut, nur noch Ballast. Drogo hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was ihn am morgigen Tage erwartete, geschweige denn, wie sehr sich sein bisheriges Leben ändern sollte.

* * *

In der folgenden Nacht verbreiteten die Gäste Unruhe in dem sonst so streng geregelten Leben der Bruderschaft. Während das ungewöhnlich üppige Mahl manchem Mönch Schlaflosigkeit bereitete, respektierten Ruriks Männer in keiner Weise die Regeln ihrer Gastgeber. Im Gegenteil, nach dem gemeinsamen Mahl begann im Gästehaus ein zügelloses Gelage, als sei der Völlerei nicht schon genug gewesen.

Degenar hatte es bereits befürchtet, denn Bruder Ivo informierte ihn noch im Refektorium darüber, welche Speisen und Getränke er auf Wunsch der Herrschaft ins Gästehaus hatte bringen lassen. Hinzu kam noch all das, was von Ruriks Karren abgeladen worden war. Als in den Nachtstunden die Matutin abgehalten wurde, war die lautstarke Geselligkeit sogar durch die dicken Mauern der Kirche zu hören. Gleiches wiederholte sich zur Laudes. Allein das Wissen um die baldige Abreise des Gefolges half Degenar, all die Ärgernisse durchzustehen. Spätestens zur Mittagsstunde würde wieder Ruhe in der Abtei herrschen.

Eine neue Geschäftigkeit im Klosterhof begann bereits mit dem Morgengrauen, kurz nachdem das letzte Licht im Gästehaus erloschen war. Die Bediensteten hatten der Feier natürlich nicht beigewohnt und begannen früh, die Karren zu beladen.

Trotz des frühen Trubels wurde es später Vormittag, bis die Pferde im Stall gesattelt und auf den Hof geführt wurden. Drogos Pony war ebenfalls dabei. Es war dem Jungen nicht gestattet, das Tier im Kloster zu halten, und für Außenstehende sah es so aus, als würde der Knabe die Abtei ebenfalls verlassen.

Plötzlich stürmte Drogo völlig unbekümmert mit seinem Holzschwert in der Hand aus dem Gästequartier und rannte aufgeregt schreiend zwischen Menschen und Pferden einher. Offensichtlich hatte noch niemand dem Jungen mitgeteilt, dass seine Zukunft im Kloster lag. In Drogos Augen war das Spektakel der Abreise ein großes Spiel und er hegte keinen Zweifel, dass er daran teilhaben durfte.

Ratlos schaute Degenar dem Treiben zu. Er würde dem Kinde bei dem kurz bevorstehenden Eklat nicht helfen können. Ivo und Walram standen zwar hinter ihm, doch auch sie gedachten nicht einzugreifen.

Die Mönche hatten ohnehin noch nicht das Recht, sich um den Jungen zu kümmern. Drogos Aufnahme als Novize war zwar auf Pergament besiegelt, doch die offizielle Handlung, die Übergabe des Kindes in die Obhut des Klosters, verbunden mit der Überreichung der Urkunde, war noch nicht vollzogen worden. Erst ab der Übergabe war es die Aufgabe der Gemeinschaft, sich des Schützlings anzunehmen. So suchte Degenar nach den Personen, die sich noch um den Knaben kümmern mussten. Er fand Rurik in einiger Entfernung, der seinen Männern gerade Befehle erteilte, um die Abreise zu beschleunigen.

Kurz darauf ging er auf seinen Sohn zu, nahm ihn bei den Schultern und führte ihn bis auf wenige Schritte vor die drei Mönche. Fast alle Männer des Gefolges hatten ihre Reittiere oder Karren bestiegen und das Fußvolk stand ebenfalls bereit. Eine merkwürdige Stille trat ein.

Drogo stand zwischen Degenar und Rurik, dessen eine Hand schwer auf der Schulter des Jungen ruhte. In der anderen Hand hielt er ein gefaltetes und mit Wachs versiegeltes Pergament: die Schenkungsurkunde.

Erwartungsvoll blickte Drogo in die Augen des Abtes. Er hatte keine Ahnung, weshalb er hier stand und wirkte unsicher. Dann ergriff Rurik das Wort, über den Kopf des Kindes hinweg, und richtete es an das Klosteroberhaupt: „Ehrwürdiger Abt, es ist an der Zeit, Euch des Jungen anzunehmen, wie es vereinbart und besiegelt wurde.“

„Nichts anderes liegt in meiner Absicht“, bestätigte Degenar mit sanfter Stimme. „Schließlich war dies doch das einzige Bestreben Eures Aufenthaltes.“

Rurik brummte etwas vor sich hin, als überlege er, ob die Antwort des Abtes wieder als Stichelei zu werten war, hielt sich jedoch zurück. Seine Stimme blieb beherrscht und höflich.

„Dann nehmt ihn jetzt in Eure Obhut und sorgt für ihn, wie es Eure Ordensregeln vorschreiben.“

Seine große Hand löste sich von der Schulter des Sohnes und gab ihn mit einem kleinen Schubs nach vorne frei. Rurik folgte ihm, überreichte dem Abt die Urkunde und trat dann einige Schritte zurück. Der Knabe blieb allein vor dem Abt stehen, verstand aber nicht recht, weshalb sein Vater nicht mehr hinter ihm stand. Er hatte Ruriks Worten keine Beachtung geschenkt und schaute nun fragend und hilflos drein.

Sofort schritt Prior Walram ein. Er ging an Degenar vorbei und mit ausgestreckter Hand dem Kind entgegen. Die plötzliche Bewegung des dunkel gekleideten Mönches verwirrte Drogo allerdings und er suchte mit einem verzweifelten Blick über die Schultern nach einer Erklärung im Gesicht seines Vaters. Was er dort sah, gefiel ihm ganz und gar nicht: Ruriks Miene war versteinert und teilnahmslos.

Der Knabe drehte sich deshalb nach seiner Mutter um. Wulfhild, die auf ihrem Pferd saß und in einiger Entfernung auf die Abreise wartete, erwiderte zwar den Blick ihres Sohnes, doch in ihren Augen gab es außer Kälte nichts für ihn zu lesen. Verwirrt suchte Drogo weiter nach einer Antwort und erblickte sein gesatteltes Pony. Langsam fügten sich ihm die Bilder zusammen und sein Gesichtsausdruck wandelte sich allmählich von überrascht zu angsterfüllt. Er hatte begriffen! Langsam begann er den Kopf zu schütteln, als wolle er der Trennung mit Ungläubigkeit und Leugnen begegnen.

Ein Funke Hoffnung blitzte noch einmal in Drogos Gesicht auf, als Rurik dem Prior zuvorkam und sich zu seinem Sohn beugte. Doch statt ihn, wie erhofft, zu sich zu nehmen, entwendeten die mächtigen Vaterhände das Holzschwert des Sohnes. Rurik mied dabei jeglichen Blickkontakt und sah die Tränen des Jungen nicht, die langsam die Wangen herabliefen.

Das erste „Nein“ kam nur geflüstert über Drogos Lippen, von Tränen erstickt. Das zweite „NEIN!“ schrie er mit Protest in den stillen Hof, dass es von den Wänden der Klostergebäude widerhallte. In einem letzten Aufbäumen versuchte Drogo in all seiner Verzweiflung davonzulaufen. Doch sein Vater war darauf vorbereitet. Zwei starke Arme verhinderten jegliches Entkommen, so sehr sich der zukünftige Novize auch dagegen wehrte.

Von diesem Augenblick an ließ Drogo seinen Gefühlen freien Lauf. Sein flehender Blick wanderte von Vater zu Mutter und wieder zurück. Als ihn die Arme seines Vaters dennoch nicht freigeben wollten, begann er noch verzweifelter dagegen anzukämpfen, doch die Hiebe seiner kleinen Fäuste waren für den in Leder gehüllten Krieger ohne Wirkung.

Jetzt trat Prior Walram an den Jungen heran. Er versuchte, eine der wild schlagenden Hände zu fassen, doch sie entwischten ihm immer wieder. Drogo hatte nicht die Absicht, sich freiwillig in die Obhut der Mönche zu begeben. Mit großem Aufwand gelang es Walram schließlich, beide Handgelenke des Jungen zu fassen und festzuhalten. Er hatte sichtlich Mühe, sie nicht wieder zu verlieren. Mit all seiner Kraft richtete Drogo jetzt seine Wut gegen den fremden Ordensbruder.

Für Rurik war die Angelegenheit, sein Kind dem Kloster zu übergeben, damit beendet. Er öffnete seine Arme, ließ den Jungen los und entfernte sich ein paar Schritte. Für Drogo hingegen war noch nichts entschieden. Sein Zorn wurde durch den Rückzug des Vaters zusätzlich geschürt. Er begann, noch wilder zu zerren und zu schreien, versuchte Walram mit Tritten zu traktieren und landete dabei so manchen schmerzhaften Treffer. Der Prior festigte seinen Griff um die Handgelenke nachhaltig, weshalb sich Drogo aus Leibeskräften hin und her zu werfen begann. Er wollte dem Mönch um keinen Preis gehorchen.

Degenar bemerkte, dass er den Anblick des ringenden Priors genoss. Wie sehr sich Walram doch abmühen musste, sein heimliches Abkommen in die Tat umzusetzen.

Drogo erkannte schließlich die Ausweglosigkeit seiner verzweifelten Versuche und ließ sich auf einmal wie ein nasser Sack auf den staubigen Erdboden fallen, schluchzend und flehend. Seine Worte, von Tränen und Rotz erstickt, waren kaum zu verstehen, doch es schien, als verhandle er um sein Leben wie ein Verurteilter.

Degenar wollte nicht länger untätig bleiben. Er drehte sich zur Seite und suchte nach einem Ausweg aus dieser unmöglichen Situation, als er im gleichen Moment einen älteren Novizen mit einem kleinen Jungen an der Hand das entfernte Ende des Hofes betreten sah. Sofort erkannte er, dass der kleine Junge Faolán war.

Dem Abt blieb beinahe das Herz stehen. All die Anstrengungen, den Jungen von Rurik fernzuhalten, wurden durch das leichtfertige Handeln eines Novizen zunichte gemacht. Degenar schalt sich leise einen Narren. Wieso war er nur ein solches Risiko eingegangen und hatte den Jungen nicht bis nach der Abreise Ruriks eingesperrt?

Sein gesamter Körper spannte sich an. Ein leises Aufstöhnen zu seiner Rechten verriet ihm, dass Ivo die Novizen ebenfalls bemerkt hatte. Beide hofften, dass Walram sich weiter mit Drogo beschäftigte, so dass er Faolán nicht bemerken würde. Vielleicht würde der ältere Novize mit Faolán den Platz unbemerkt wieder verlassen. Doch statt eines der nächsten Gebäude zu betreten, schlugen die beiden Novizen genau den Weg quer über den Hof ein, der sie unmittelbar an der kleinen Gruppe um den ringenden Drogo vorbeiführen würde.

Degenar schloss die Augen und richtete ein Stoßgebet gen Himmel. Ihm blieb jetzt nur noch die Hoffnung, dass Rurik den jungen Novizen nicht als seinen Neffen erkennen würde. Seine weitere Sorge galt Walram, der Rurik darauf aufmerksam machen könnte, wer dieser Junge seiner Vermutung nach war.

Degenars Herz schlug rasend bis zum Halse und es wollte ihm beinahe stehen bleiben, als Faolán sogar für einen kurzen Moment direkt in das Gesicht des mächtigen Kriegers schaute. Doch obwohl sich ihre Blicke trafen und Rurik einen Augenblick zögerte, schien er den Sohn seines Bruders nicht zu erkennen. Er widmete sich ohne Regung wieder seinem eigenen Jungen und dessen Ringen mit Prior Walram.

Der Abt konnte sein Glück kaum fassen. Erleichtert dankte er still dem Herrn, dass er den Krieger mit Blindheit geschlagen hatte. Sogleich begann Degenar sich ebenfalls um Drogo zu bemühen, damit seine Untätigkeit und seine Blicke auf Faolán ihn nicht verraten würden.

Als sich die beiden Novizen in unmittelbarer Nähe befanden, nur wenige Ellen von Degenar entfernt, hielt Drogo plötzlich inne. Im Dreck liegend blickte er überrascht zu Faolán auf. Schweigen legte sich über den Platz. Vielleicht hegte Drogo die Hoffnung, der gleichaltrige Junge sei gekommen, um ihm zu helfen.

Faolán blieb tatsächlich auch stehen und betrachtete den Knaben. Der ältere Novize ließ ihn gewähren, wohl weil er nicht sicher war, ober er den jüngeren vor dem Abt mit harschen Worten vorantreiben sollte oder nicht.

Walram gewann wieder an Fassung, richtete sich auf und begann sachte den Staub von seiner Robe zu klopfen. Degenar biss sich beinahe auf die Zunge, um ja nicht den älteren Novizen mit strengen Worten fort zu schicken. Wie lange würde es noch dauern, bis Walram begriff, dass Faolán vor Rurik stand?

Inzwischen hatte Drogo sich aufgerappelt, machte ein paar Schritte auf Faolán zu und blieb vor ihm stehen, staubig von Kopf bis Fuß. Mit verächtlichem Blick musterte er den fremden Jungen.

Prior Walram war noch immer damit beschäftigt, sein Habit wieder in einen einigermaßen sauberen Zustand zu bringen. Erst jetzt, als Drogo direkt vor Faolán stand, begriff er, was sich vor seinen Augen abspielte. Wie vom Blitz getroffen hielt er in seiner Bewegung inne und sein Blick suchte Rurik, als müsse er ihm etwas Dringendes mitteilen. Der Krieger hatte jedoch nur Augen für seinen Sohn.

Obwohl Drogo und Faolán nahezu gleichaltrig waren, unterschieden sie sich gänzlich in ihrer Statur. Wie sein Vater, besaß Drogo deutlich breitere Schultern als sein Gegenüber und überragte Faolán um einen halben Kopf.

Ein zaghaftes Lächeln zeigte sich auf Faoláns Lippen, als freue er sich, diesen Jungen zu sehen.

Degenar blieb beinahe das Herz stehen. Er wusste nicht, ob das Lächeln bedeutete, dass Faolán seinen Vetter erkannt hatte.

Es gab keine Worte des Grußes, die Kinder schauten einander nur an. Drogos Augen wurden schmal. Er schien das Lächeln falsch zu interpretieren. Vielleicht suchte er auch nur einen Grund, um seine Wut an jemanden auslassen zu können. Deshalb klangen seine Worte herausfordernd und verächtlich zugleich: „Lachst du mich aus oder grinst du immer wie ein Dämlack?“

Augenblicklich erstarb Faoláns Lächeln und ein unsicherer, fragender Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit.

„Willst du mir nicht antworten oder bist du zu dumm dazu?“, provozierte Drogo erneut.

Wiederum gab Faolán keine Antwort. Degenar beobachtete ihn genau. Der Junge hatte während seiner wenigen Tage im Kloster noch kein einziges Wort gesprochen! Zu tief saß wohl der Schrecken der jüngsten Geschehnisse in seinem Herzen. Hoffentlich würde Faolán sein Schweigen nicht ausgerechnet jetzt wegen eines simplen Streites mit einem fremden Jungen brechen.

„Wen glaubst du denn vor dir zu haben, du Dämlack?“, reizte Drogo sein Gegenüber weiter. „Warte nur, ich werde dir das Grinsen schon noch austreiben!“

Blitzschnell fuhr Drogos rechte Faust mit voller Wucht in Faoláns Magengrube. Der sackte zusammen und fiel nach Luft ringend zu Boden. Drogo setzte mit dem Fuß nach und traf die gleiche Stelle erneut. Der Schmerz war zu groß, als dass Faolán hätte weinen oder einen Schrei von sich geben können. Lediglich ein leises Stöhnen war zu hören, als er sich schützend zusammenrollte.

„Hat es dir etwa die Sprache verschlagen? Wo ist denn dein dämliches Grinsen?“, höhnte Drogo, der jetzt selbst ein breites Lächeln zeigte.

Die Mönche blickten entsetzt auf die beiden Jungen. Sie waren derartige Handgreiflichkeiten nicht gewohnt. Nach einem Augenblick der Starre reagierte Ivo als Erster. Trotz seiner Massigkeit sprang er behänd nach vorne, ergriff mit einer ihm nicht zuzutrauenden Schnelligkeit Drogos Arm und verhinderte dadurch ein erneutes Zutreten. Kräftig zog er den Jungen zur Seite, der dabei beinahe zu Boden ging. Drogo versuchte zwar erneut auf Faolán loszugehen, doch Bruder Ivo war kräftiger als Prior Walram. Für ihn war es kein Problem, dem wütenden Knaben Einhalt zu gebieten. Der Mönch musste seinen Griff um Drogos Handgelenk lediglich etwas verstärken, um den Jungen zur Besinnung zu bringen. Mit einem Fingerzeig wies er Drogo die Richtung ins Noviziat. Wortlos folgte der Knabe dem Kellermeister. Ohne weiteren Widerstand ergab er sich stillschweigend seinem Schicksal.

Die Unruhe auf dem Hof hatte sich endlich gelegt. Der ältere Novize hatte sich über Faolán gebeugt und kümmerte sich um ihn. Mit Erleichterung stellte Degenar fest, dass der Junge schnell wieder auf die Beine kam und gehen konnte, wenn auch von Schmerzen gekrümmt.

Beruhigt wandte sich der Abt jetzt Rurik zu, der sich inzwischen sein Pferd hatte bringen lassen. Auf seinem Gesicht war Zufriedenheit abzulesen, als sei er mit dem Auftreten seines Sohnes einverstanden.

Entschlossen schritt Degenar auf den Sachwalter zu, bevor das muskulöse Schlachtross davontraben konnte, und hielt es an den lose herabhängenden Zügeln fest. Er wusste, dass er Rurik gegenüber erneut viel zu waghalsig auftrat und einiges riskierte. Doch er konnte ihn unmöglich ohne ein abschließendes Wort davonreiten lassen.

Rurik blickte den Abt streng an, der sein Pferd nicht freigeben wollte. Obwohl Degenar den Krieger ansprach, so waren seine Worte auch an dessen entfernt wartende Gemahlin gerichtet: „Disziplin, Respekt und Ehrfurcht! Ihr könnt Euch sicher sein, dass wir dies Drogo beibringen werden. Doch ob er es jemals begreifen wird, liegt nicht in unserer Hand. Es gibt Dinge im Blut eines Menschen, die sich nicht von außen beeinflussen lassen, so sehr sich einer auch dazu berufen fühlt. In manch anderen Menschen hingegen schlummert eine Wahrheit, die von außen nicht erkennbar ist. Und dann gibt es Tage, da rächt sich das eigene Blut der verwerflichen Taten vergangener Zeiten! Möge der Herr jenen beistehen, die übel gehandelt haben!“

Degenar wusste nicht, was in ihn gefahren war, diese waghalsige Anspielung auszusprechen. Er konnte an Walrams Anspannung spüren, dass der die Bedeutung seiner Worte verstanden hatte. Ruriks Blick hingegen ließ Degenar in völliger Ungewissheit, ob er begriffen hatte. Bevor der Abt noch ein Unheil durch weitere unüberlegte Drohungen anrichten konnte, ließ er die Zügel los, schlug dem Pferd kräftig auf den Hals, dass es seitlich auswich und die ersten Schritte auf das Tor zu machte. Der Sachwalter ließ sein Pferd laufen und ignorierte Degenars Worte. Auf sein Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung und Rurik führte sein Gefolge aus dem Klosterhof.

Mit schwelender Wut schritt Degenar jetzt auf Walram zu, der Rurik entgeistert nachschaute, als wolle er ihm noch etwas Wichtiges mitteilen. Der Abt konnte sich denken, um was es sich handelte. Unter dem Lärm des ausziehenden Gefolges sprach er so zu Walram, dass nur der seine Worte vernehmen konnte.

„Das alles habt allein Ihr zu verantworten, ehrwürdiger Prior. Ihr dürft Euch deshalb ganz besonders um Drogo kümmern. Schließlich wart Ihr doch so darauf aus, dieses Abkommen zu besiegeln. Hoffentlich wurde das Kloster dabei nicht übervorteilt!“ Beinahe verächtlich drückte er Walram die Urkunde in die Hand und fuhr fort: „Ich erwarte, dass dieser Junge sich zu beherrschen lernt. Falls nicht, so wird Drogo das gleiche Strafmaß wie jeder andere Novize erfahren, ganz gleich wessen Sohn er ist. Solltet Ihr dieser Aufgabe nicht gerecht werden, so werde ich auch Euch gegenüber keine Nachsicht walten lassen. Habt Ihr mich verstanden?“

Walram starrte noch immer dem Staub aufwirbelnden Tross nach und wirkte, als habe er den Abt nicht vernommen.

„Habt Ihr mich verstanden, Prior?“ fragte Degenar erneut, aber mit mehr Nachdruck.

Erst jetzt reagierte Walram, wie einem Traum entrissen. „Ja … ja, gewiss doch.“

„Dann wisst Ihr auch, was zu tun ist!“

Degenars letzte Worte klangen, als wolle er dem Prior eine schwere Last vor die Füße werfen, die man ihm selbst auferlegt hatte. Er hatte den grobschlächtigen Jungen nicht in das Kloster aufnehmen wollen. Sollte sich doch Walram darum kümmern, in all seinem Eifer.

Der Abt machte kehrt, um sich in seine Räumlichkeiten zurückzuziehen. Dabei schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, der ihm bis dahin fremd gewesen war: Wenn der Sohn des Sachwalters, des möglicherweise bald neuen Grafen, in seinem Kloster untergebracht war, würde dies sicherlich Ruriks verstärkte Aufmerksamkeit zur Folge haben! Erneut überkam ihn eine Welle der Wut. Um ihren Ausbruch zu verhindern, eilte er in seine Gemächer, um dort die notwendige Ruhe im Gebet zu finden.

Walram befand sich als einziger noch auf dem Hof, nachdem der Tross ihn längst verlassen hatte. Er wirkte verloren und unsicher, als stelle er seine Bestrebungen in Frage, den jungen Drogo als Novizen aufzunehmen. War es tatsächlich so klug gewesen und wird es so vorteilhaft sein, wie er es sich erhoffte? Doch die Zweifel waren nur von kurzer Dauer, dann schüttelte er den Kopf, um einen klaren Verstand zu bekommen. Es gab einiges zu tun, schließlich bedurften zwei neue Novizen seiner ganz besonderen Aufmerksamkeit!

Anno 956 – Freundschaften

Es dauerte nicht lange und der Klosteralltag vereinnahmte Faolán voll und ganz. Zu Beginn hatte er einige Schwierigkeiten, sich an das zeitige Aufstehen und den kurzen, ständig unterbrochenen Schlaf zu gewöhnen. Doch nach einigen Wochen war ihm beides zur Selbstverständlichkeit geworden, wie so vieles in seinem neuen Leben bei den Benediktinern.

Für Faolán war der strikt geordnete Tagesablauf ein willkommener Halt. In der Bruderschaft fand er die Geborgenheit, die er dringend benötigte, auch wenn ihm das selbst nicht bewusst war. Dennoch fühlte er sich manchmal verloren und verlassen. Diese merkwürdige Einsamkeit fühlte sich an, als habe man ihn jemandem entrissen, als befände er sich jetzt in einem anderen, fremden Leben. Doch so sehr er sich auch zu erinnern versuchte, ihm kam kein anderes Leben in den Sinn als das in dieser Abtei.

Die Nächte im Kloster wurden ständig unterbrochen. Nicht nur durch die Andachten, an denen auch die jüngeren Novizen teilnehmen mussten, sondern auch durch Albträume, die ihn heimsuchten. Und ein besonderer Traum kehrte immer wieder.

In diesem Traum war Faolán von hohen Mauern eingekesselt. Hinter sich spürte er eine bedrohliche Hitze. Das hungrige Grollen eines lodernden Brandes dröhnte in seinen Ohren. Stets drehte er sich um und sah dann ein weit geöffnetes Tor in einem großen Gebäude, das von Flammen verzehrt wurde. Trotz des Feuers stand eine Gestalt regungslos in diesem Tor. Faolán wusste nicht, ob er die Person kannte, denn er sah nur ihre Silhouette. Er fürchtete sich vor den Flammen und wäre am liebsten davongelaufen, doch seine Beine weigerten sich, waren bleischwer. Zu seiner Verwunderung versuchte die Gestalt im Tor nie, dem Feuer zu entkommen. Sie blieb stehen und starrte in seine Richtung, als wolle sie ihm etwas mitteilen.

Dann begann sich das brennende Gebäude jedes Mal auf merkwürdige Weise von ihm zu entfernen. Er konnte nichts dagegen tun. Immer schneller verschmolzen Gebäude, Gestalt und Feuer zu einem rotglühenden Punkt, der schließlich im fernen Dunkel verschwand. Er selbst befand sich dann in vollkommener Schwärze und Stille, haltlos und allein.

Stets erwachte Faolán schweißgebadet aus diesem Traum. Tränen liefen dann über sein Gesicht, als könnten sie das bedrohliche Feuer in seiner Erinnerung löschen. In diesen Momenten war er froh, nicht allein zu sein, froh über die vielen Jungen im Schlafsaal des Noviziats, ihren gleichmäßigen Atem und das leise Schnarchen. Dies gab ihm Halt und tröstete ihn.

Wenn er wach lag und über seine schrecklichen Traumbilder nachdachte, sah er immer die schwarze Gestalt inmitten der Flammen. Immer öfter überlegte Faolán, ob es sich bei dem brennenden Tor vielleicht um die Pforte der Hölle handeln könnte. Ob in dem Tor der Leibhaftige selbst stand und auf ihn wartete. Er brauchte nur seine flammende Hand nach ihm auszustrecken, um ihn zu packen und zu sich zu holen. Bei dieser Vorstellung ergriff Faolán eine große Furcht, so dass er erleichtert war, wenn zur nächsten Andacht gerufen wurde.

Die Rituale der Gemeinschaft halfen Faolán, unangenehme Dinge zu verdrängen und unliebsamen Personen aus dem Weg zu gehen. Zu diesen gehörte auch der neue Novize Drogo. Seit ihrer ersten Begegnung auf dem Klosterhof blieb dessen Hass gegen Faolán unverändert.

Inzwischen hatte Faolán es aufgegeben, einen Grund für diese Feindschaft zu finden. Er konnte nur darauf bedacht sein, Drogo keinen Anlass zum Ausbruch seines Hasses zu geben. Er war freundlich und zuvorkommend, doch sogar das reizte Drogo. Der Sohn des Grafen, wie Drogo sich selbst betitelte, schlug die angebotene Freundschaft aus.

In seiner Ratlosigkeit blieb Faolán nur eins: Drogo zu meiden. Da es nicht möglich war, den selbst ernannten Grafensohn zur Vernunft zu bringen, war dies die einzige Möglichkeit, seinen täglich angedrohten Hieben zu entgehen. Faolán zog sich zurück. Er hoffte auf diese Weise sich keine weiteren Feinde zu machen. Freunde schaffte er sich dadurch allerdings auch keine und so wurde er ein Außenseiter, der stets die schützende Nähe eines älteren Novizen oder eines Mönches suchte.

Die Kunst, Drogo aus dem Weg zu gehen, beherrschte Faolán mit der Zeit immer besser. Drogo hingegen verstand es, in seinem neuen Umfeld immer einflussreicher zu werden. Er fand schnell Anhänger, die ihn wie getreue Hunde als ihren Herrn ansahen. Mit ihrer Hilfe begann Drogo Faolán das Leben schwer zu machen. Dem gelang es nicht immer, ihnen zu entkommen. Die Blessuren, die er bei solchen Zwischenfällen davontrug, waren so klein, dass sie von den Mönchen nicht bemerkt wurden. Anfangs konnte Faolán das noch ertragen. Doch schon nach wenigen Monaten hatte Drogo viele Verbündete, die Faolán stets im Auge behielten, ihm auflauerten und bei jeder Gelegenheit traktierten.

Statt sich geschlagen zu geben oder Hilfe bei den Mönchen zu suchen, nahm Faolán die Herausforderung an. Innerhalb kürzester Zeit lernte er die Möglichkeiten des Klosters zu seinem Vorteil zu nutzen. Er entdeckte zahlreiche Schleichwege, Abkürzungen und versteckte Löcher, die sonst nur Katzen und Ratten aufzusuchen schienen. In sie kroch er, wenn Drogos Anhänger nach ihm suchten.

Jedes Entkommen seines Opfers empfand Drogo natürlich als Schmach und persönliche Niederlage, die es bei der nächsten Gelegenheit unbedingt auszugleichen galt. Wie eine Scharte auf einer sonst makellosen Klinge wollte er sie um jeden Preis auswetzen. Entsprechend wurde Faolán malträtiert, wenn er seinen Häschern das nächste Mal in die Hände fiel.

Inzwischen war es Herbst geworden, und Faolán kam mit diesem Katz- und Mausspiel gut zurecht. Es ging ohnehin meist zu seinen Gunsten aus. Die Verfolgungen hatten aber auch Grenzen, denn schließlich mussten die Novizen vielen Pflichten und Aufgaben nachkommen.

Faolán hatte das unsägliche Glück, dem Kellermeister zur Hand gehen zu dürfen. Bruder Ivo zählte zu den liebenswerteren Mönchen der Abtei, und Faolán mochte ihn sehr. Soweit er es zu beurteilen vermochte, beruhte dies auf Gegenseitigkeit. Da Faolán noch immer so gut wie kein Wort sprach, wurde er von vielen der Mönche und älteren Novizen als einfältig und zurückgeblieben angesehen. Nicht so von Bruder Ivo. Der Cellerar wusste ihn zu schätzen und behandelte ihn wie jeden anderen Novizen.

Die Verschwiegenheit des Jungen glich Bruder Ivo mit einer für Mönche ungewöhnlichen Redseligkeit aus, obwohl er damit gegen das Schweigegebot verstieß. Faolán mochte die sonore Stimme des Mannes. Sie beruhigte ihn, ähnlich wie das Lesen der Psalmen oder die Gesänge der Mönche. Nicht zuletzt aus diesem Grund fühlte er sich in der Gegenwart des Cellerars wohl.

Schweigen war im Kloster die meiste Zeit geboten. Nur während des Unterrichts oder wenn gefragt, durften die Novizen sprechen. Dieser Unterricht wurde täglich abgehalten. Die Jungen wurden von den Mönchen zwischen den Andachten in allen Bereichen des Wissens und des Glaubens unterwiesen. Dabei galt es hauptsächlich, den Worten der Älteren zu lauschen und von ihrer Weisheit zu lernen. Nur wenn ein Novize gefragt wurde, durfte er eine möglichst kluge und knappe Antwort geben. Es war verboten, die kostbare Zeit mit ahnungslosem Gestammel zu vergeuden oder mit Dummheit und Unwissen den Lehrenden zu beleidigen. Wer sich erlaubte, mit Scherzen die Aufmerksamkeit und das Gelächter der anderen auf sich zu ziehen, wurde unverzüglich und hart bestraft.

Auf diese Weise wurden die Novizen zu größerer Vorsicht im Umgang mit ihrem Mundwerk erzogen. Prior Walram predigte seinen Schülern immerzu, dass Gott nichts mit größerer Abscheu betrachte, als sinnlose Geschwätzigkeit. Sie wäre eine Vergeudung des Tages. Ein Diener des Herrn solle seine Zeit sinnvoll in Demut und Andacht verbringen. Faolán hatte mit dieser Klosterregel keinerlei Schwierigkeiten, stumm wie er die meiste Zeit war.

Doch gerade aus diesem Grund wurde für ihn der tägliche Unterricht eine schwere Prüfung, denn auch hier hüllte er sich in Schweigen. Er beantwortete nicht einmal die einfachsten Fragen. Obwohl ihm die Antworten meist korrekt auf der Zunge lagen, konnte er sie schlicht nicht aussprechen. Das förderte zusätzlich die Meinung, Faolán sei mit Dummheit geschlagen. Einige der Mönche hielten ihn bereits nach kürzester Zeit für einen hoffnungslosen Fall und ignorierten ihn in ihrem Unterricht.

Der Novize wusste nicht, weshalb er schwieg. Er hatte keinerlei Schwierigkeiten, die Tiefen der Arithmetik, der Sprachen und der Theologie zu begreifen. Und doch öffneten sich seine Lippen nicht, wenn man ihn darauf ansprach. Natürlich nutzte Drogo Faoláns Schweigen jedes Mal, um ihn als Beschränkten lauthals zu verspotten, auch wenn er selbst dafür bestraft wurde.

Das Schweigegebot hatte dazu geführt, dass die Mönche eine andere Form der Verständigung ausübten. Im Laufe vieler Dekaden hatten die Brüder eine ausgeklügelte Zeichensprache entwickelt, die es jedem erlaubte, tägliche Belange zu äußern, ohne auch nur ein Wort zu sprechen.

Auch Faolán erlernte die Zeichen und Gesten schnell, wandte diese Form der Mitteilung aber nicht an. Deshalb trauten die Mönche ihm auch nicht zu, sie auf diese Weise zu verstehen, und bedienten sich gerade deshalb in seiner Gegenwart unverhohlen dieser Art der Mitteilung. So entwickelte Faolán ein geschultes Auge für Hände, die aus den weiten Ärmeln der Habite kurz hervorschauten und ein „Gespräch“ begannen. Sofort suchte er das antwortende Händepaar und wurde auf diese Weise oftmals unbemerkter Zeuge einer stummen Unterredung, bei der er vieles über die Mönche und Novizen erfuhr: Eigenarten und Vorlieben, welche Verhältnisse und Kräfte im Kloster herrschten und dass es auch Rivalitäten gab.

Faolán fühlte sich nur in Gegenwart zweier Mönche wohl: Der eine war der Kellermeister und der andere Abt Degenar selbst. Und in die Nähe des Abtes gelangte der Novize öfter, als er zunächst geglaubt hatte. Das Klosteroberhaupt hatte es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, die Novizen einzeln in seine Räumlichkeiten zu beordern und Gespräche mit ihnen zu führen. Er glaubte, auf diesem Wege die Beschaffenheit ihrer Seelen und ihres Geistes ergründen, sie auf ihre Gläubigkeit prüfen und sie dadurch zu guten Mitgliedern der Gemeinschaft heranziehen zu können. Ein wichtiger Aspekt für Degenar, dessen Novizen zum Großteil einmal das Mönchsgelübde ablegen und weiter in seiner Abtei leben würden.

Viele der jüngeren Novizen hatten großen Respekt oder gar Angst vor diesen Gesprächen. Ältere Novizen nutzten diese Unsicherheit oft und schürten die Angst noch zusätzlich mit den schlimmsten Lügengeschichten darüber, was sich in den Gemächern des Abtes alles zutragen würde.

Faolán hingegen hatte man darüber niemals etwas erzählt. Er galt als zu beschränkt, als dass man sich mit ihm einen Spaß hätte machen können. ‚Wer nicht einmal unter Drogos Pein weint oder bei einem Scherz nicht lacht, dem kann man auch keine Furcht vor dem Abt einflößen, sagten sie sich und ließen Faolán in Ruhe.

Als er dann das erste Mal zum Abt gerufen wurde, begab er sich völlig unbedarft auf den Weg zum Klosteroberhaupt. Er war von diesem ersten Gespräch sehr angetan, denn es war wie ein interessanter Einzelunterricht. Faolán verstand nicht, weshalb die anderen Novizen ein solches Aufsehen um diese Gespräche machten, denn er genoss sie regelrecht.

Jedes Mal, wenn Abt Degenar nach ihm verlangt hatte, wurde Faolán nach einem zaghaften Klopfen an die Türe der Abtsgemächer sogleich hereingebeten. Respektvoll betrat er dann die schlichte Kammer, die Degenar als Schreib- und Lehrstube diente. Geduldig wartete er, angesprochen zu werden. Es kam öfter vor, dass er recht lange warten musste, denn der Abt war immer beschäftigt und blieb in seine Gedanken und Aufgaben vertieft, bis er sie abgeschlossen hatte.

Danach aber widmete sich der Abt ganz seinem Novizen, und es begann ein Gespräch über ein beliebiges Thema. Es war immer ein anderes, und niemals baute eine Lehrstunde auf einer vorherige auf. Das eine Mal sprachen sie über die Heilige Schrift, ein anderes Mal über Viehzucht und ein drittes Mal erkundigte sich der Abt einfach nur nach dem Wohlbefinden des Novizen. Nach jedem dieser Gespräche hatte Faolán das Gefühl, von Abt Degenar in Kürze mehr gelernt zu haben als von jedem anderen Mönch der Abtei. So konnte er es kaum erwarten, bis er wieder zu ihm gerufen wurde, denn all das neue Wissen sog Faolán durstig auf, wie trockene Erde einen Regenguss.

Drogo hingegen war das genaue Gegenteil von Faolán. Er war im Unterricht selten aufmerksam, brach oft das Schweigegebot und zeigte keinen Respekt gegenüber Älteren. Wenn er im Unterricht gefragt wurde, antwortete er entweder falsch oder gar nicht. In dieser Hinsicht war er keine Ausnahme. Die meisten Novizen hatten Schwierigkeiten, das Gelehrte zu behalten oder gar anzuwenden. Auch dabei erwies sich Drogo als eine Art Anführer, denn im Unwissen überbot er alle Novizen um ein gutes Maß. Allein das Lesen einer Bibelstelle war ein Graus für jedermanns Ohren und Geist, so stockend und falsch kam ihm das Griechisch oder Latein über die Lippen. Faolán konnte an Drogos ratloser Miene erkennen, dass der nichts von dem begriff, was er da las.

Die Leichtigkeit, mit der Faolán die Lehren verstand, entging auch Bruder Ivo und Abt Degenar nicht. Aus diesem Grund ernannten sie ihn schon nach kurzer Zeit offiziell zum Gehilfen des Cellerars. Zunächst bedeutete dies jede Menge neuer Pflichten, die alle ein hohes Maß an Konzentration von ihm abverlangten.

Faolán fühlte sich anfangs den neuen Anforderungen des Kellermeisters nicht gewachsen. Die Furcht, den Erwartungen des Mönches nicht gerecht zu werden, bereitete ihm sogar viele unruhige Nächte. Doch nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte er zunehmend Geschick für diese Aufgabe. Bruder Ivo war stets an seiner Seite und erklärte Abläufe mehrfach, wenn Faolán die komplexen Zusammenhänge nicht gleich begriffen hatte.

Nachdem er seine Begabung unter Beweis gestellt, und die Anerkennung des Cellerars hatte, wurde er immer selbstbewusster in seinem Amt. Bruder Ivo registrierte es zufrieden und weitete das Tätigkeitsfeld seines Gehilfen langsam aus. Somit befand Faolán sich viele Stunden am Tag in der Gegenwart des Kellermeisters. Obwohl das für ihn viel Arbeit bedeutete, bot es doch zugleich Sicherheit vor Drogo. Nun begann für Faolán eine Zeit der Ruhe, in der er aufatmen konnte, statt immer um sich schauen zu müssen, ob Drogo ihm auflauerte.

Einzig an den Markttagen war es anders. Faoláns Ansicht nach gab es derer viel zu viele. Das Kloster stellte zwar viele Dinge des täglichen Bedarfs selbst her und die umliegenden Bauern entrichteten regelmäßig ihre Abgaben, dennoch mussten einige Waren außerhalb erworben werden. Das eigentliche Problem an diesen Tagen war natürlich nicht der Markt selbst, sondern vielmehr die Abwesenheit des Cellerars. Sein Gehilfe durfte nicht mit ihm fahren, sondern blieb ohne den Schutz des Meisters im Kloster. An diesen Tagen fand Drogo verstärkt Gelegenheiten, Faolán abzupassen. Der konnte sich dann nicht mehr, wie Drogo es gehässig ausdrückte, unter dem Habit des dicken Mönches verstecken.

Die Markttage schienen für Faolán daher ungewöhnlich lang zu sein und in Drogos derbem Spiel war er weniger erfolgreich als an gewöhnlichen Tagen. Faolán musste ständig auf der Hut und seinen Häschern immer einen oder zwei Schritte voraus sein, um ihnen entgehen zu können.

Es war an einem dieser langen Markttage, als Faolán über das Klostergelände streifte. Die Mönche waren zu einer außerordentlichen Kapitelsitzung einberufen worden und es schien, als hätten sie die Novizen darüber völlig vergessen. Niemand war mit ihrer Beaufsichtigung oder Unterrichtung betraut worden. Niemand hatte ihnen Arbeit auferlegt, weshalb die meisten der Knaben müßig gingen. Da kein Mönch in der Nähe war, musste sich Faolán bis zur nächsten Andacht in Sicherheit bringen und für Drogo unauffindbar sein.

Trotz der unübersichtlichen Größe der Klosteranlage, kannte Faolán sich inzwischen sehr gut aus. Als Neuling lief man Gefahr, sich zu verirren. Er hatte sich allerdings schnell einen Überblick verschaffen können und sich den systematischen Aufbau des Klosters schon nach wenigen Wochen eingeprägt. Die Gebäudeanordnung war ihm klar wie ein gemaltes Bild aus der Sicht eines Vogels.

Das Kloster glich einer kleinen Stadt, die von einer mannshohen Mauer und abgrenzenden Gebäuden umgeben und nur durch ein Tor erreichbar war. Wie eine urbare Insel lag es mitten im dichten Wald. Die Mauer war in dieser Einsamkeit nicht nur ein Schutz gegen räuberische Übergriffe, sondern vor allem gegen die weltlichen Versuchungen außerhalb des heiligen Bezirks.

In der Mitte der Anlage erhob sich das größte Bauwerk, die Klosterkirche, die sogar die Baumwipfel des Waldes überragte. Zugang erhielt man vom Klosterhof durch die sogenannte große Himmelspforte, oder durch eine Seitentür, die vom Kreuzgang aus erreicht werden konnte. Dieser grenzte an die nördliche Fassade, war allerdings den Mönchen vorbehalten. Mit dem Hauptportal im Westen, erstreckte sich die dreischiffige Kirche nach Osten, wo der Altarraum und die Apsis lagen. Der Haupteingang der Kirche wurde von zwei hohen, im Grundriss quadratischen Türmen flankiert, die Erhabenheit und Macht ausstrahlten.

Die Himmelspforte wurde nur an Sonn- und Feiertagen genutzt, wenn zu besonderen Anlässen Prozessionen einen imposanten Einzug erforderlich machten. Sonst verwendete die Gemeinschaft die Tür vom Kreuzgang her. Mit seinen umlaufenden Arkaden und dem Brunnen in der Mitte des kleinen Gartens, war diese offene Halle ein Ort der Stille und der Besinnung.

Vom Kreuzgang aus erschlossen sich viele weitere Bereiche des Klosters, unter anderem das großzügige Refektorium, die Küche der Mönche und das Skriptorium mit der darüber liegenden Bibliothek. Zu der blieb Faolán der Zutritt noch verwehrt, denn die Bücher und alle Schreibmaterialien waren viel zu kostbar, als dass man sie in Kinderhände geben durfte. Es gab noch viele weitere Gebäude im Zentrum des Klosters: der Schlafsaal der Mönche, die Räumlichkeiten des Abtes, das Noviziat mit seinen Lehrräumen und einige Wirtschaftsgebäude.

Über Flure und verwinkelte Gassen zwischen den Bauten konnte man die restlichen Gebäude des Klosters erreichen, die zum Teil frei und fernab der Kirche standen. Lager und Tierställe befanden im Osten, in unmittelbarer Nähe der meisten Wirtschaftsgebäude. Selbst hier kannte Faolán einige Ecken und Löcher, wo er sich vor seinen Widersachern verstecken konnte. Der Gestank in den Ställen war zwar widerlich, doch dafür suchten Drogos Anhänger hier nicht so eifrig nach ihm.

An jenem Markttag lief Faolán am Mönchsfriedhof mit den Obstbäumen vorbei, weiter zu den Gemüsegärten, die sich im Nordosten befanden, in Richtung Kräutergarten, der direkt an das Hospital anschloss. Gedankenversunken folgte er den weniger frequentierten Wegen, um sich vor Drogo zu verstecken.

Ungesehen gelangte er auf einen kleinen Hügel hinter dem Hospital, wo er sich niederließ. Zufrieden schaute er in die herbstlich bunten Kronen der Laubbäume, die sich jenseits der Klostermauer sanft im Wind wiegten. Faolán war allein. Weit und breit war niemand zu sehen. Das Rauschen des Windes trug seine Gedanken davon und er vergaß seine Umgebung. Ohne dass er es bemerkte, nahm er einen dünnen Ast und begann damit Linien in den sandigen Erdboden zu ritzen.

Nach einer Weile registrierte er, was er tat und erblickte ein scheinbar wirres Bild aus unregelmäßigen Strichen. Faolán betrachtete es genauer und erkannte mit Freude ein Abbild der Klosterkirche im sandigen Boden. Erst vor kurzem hatte er seine Begabung für das Zeichnen entdeckt. Nachdem er die Illustratoren in der Schreibstube lange beobachtet hatte, begann er mit seinen ersten Versuchen. Da er weder Pergament noch Feder zur Hand hatte, waren seine ersten Bilder, wie auch jetzt, Zeichnungen im Sand gewesen. Schnell vergänglich und überall möglich. Erstaunt darüber, wie leicht es ihm selbst unbewusst von der Hand ging, wollte Faolán dieses Talent als sein Geheimnis hüten.

Weshalb er das wollte, wusste er nicht. Vielleicht wollte er die besondere Befriedigung, die er bei einem gelungenen Bild empfand, mit niemand teilen. Die Freude darüber war nur seine eigene. Er wollte sie sich von keinem Menschen nehmen lassen, der es womöglich kritisieren könnte.

Gerade als Faolán das Abbild mit ein paar schnellen Bewegungen verwischen wollte, traf ihn etwas mit Wucht an der Stirn. Schmerz durchfuhr seinen Schädel und Flüssigkeit rann ihm in die Augen. Sogleich wischte er die klebrige Nässe weg, um sehen zu können, wer dafür verantwortlich war. Doch das war nicht notwenig, denn unmittelbar nach dem Treffer folgte jenes unverwechselbare, gehässige Lachen, das Faolán wohl vertraut war und nur eines bedeutete: Drogo hatte ihn aufgespürt!

Leise verfluchte Faolán seine Nachlässigkeit und wischte sich die Reste des Geschosses aus dem Gesicht. Es war ein halb verfaulter Apfel, dessen süßer Saft ihm nun im Gesicht und an den Händen klebte. Faolán erhob sich, um sich dem zu stellen, was jetzt folgen würde. Angespannt blieb er an Ort und Stelle stehen, und beobachtete Drogo, der langsam den kleinen Hügel heraufkam. Ein schadenfrohes Grinsen zeigte sich auf dessen Gesicht und Drogos Hände spielten mit einem weiteren Apfel. Es war nur eine Frage der Zeit, wann Faolán auch diesen zu spüren bekäme.

Oben angelangt, baute sich Drogo vor seinem Opfer auf, jederzeit bereit zuzuschlagen. Faolán versuchte die aufsteigende Angst zu unterdrücken. Seine Gedanken kreisten um die Frage, was Drogo als nächstes tun würde. Weit und breit war kein Mönch oder älterer Novize zu sehen, der ihn hätte schützen können. Faolán war verloren!

Angsterfüllt suchte er nach einem Ausweg. Während er langsam zurückwich, erkannte er ein weiteres Unheil: Zwei von Drogos Handlangern! Sie warteten am Fuße des Hügels, versperrten den Abhang und verhinderten so jede Flucht. Nur wenige Schritte hinter Faolán befand sich die Klostermauer. Es gab keine Möglichkeit zu entkommen. Wie in seinem Albtraum war er eingekesselt.

„Die kleine Ratte hat endlich mal eines ihrer Löcher verlassen! Oder hast du etwa geglaubt, ich hätte aufgehört, nach dir Ausschau zu halten? Du bist wohl etwas übermütig geworden, was? Oder warst du einfach nur gutgläubig und dumm, wie immer?“, höhnte Drogo.

Faolán ließ sich zu keiner Antwort hinreißen.

„Willst du mir nicht antworten oder hast du meine Fragen nicht verstanden? Dumm und stumm wie immer, nicht wahr?“

Drogo schaute den Hang hinab, zu seinen Mitläufern, um sich ihrer Zustimmung zu versichern. Wie auf ein vereinbartes Zeichen hin begannen sie kurz und laut aufzulachen. Es war ein einstudiertes Lachen, dem jede Heiterkeit fehlte und nur Drogo zufrieden stellen sollte. Selbstgefällig widmete der sich wieder seinem Opfer: „Du solltest inzwischen wissen, wen du vor dir hast. Wenn ich dich etwas frage, so hast du mir Rede und Antwort zu stehen! Andernfalls muss ich es als Missachtung der Obrigkeit deuten. Du hast zu tun, was ich dir befehle! Schließlich bin ich der Sohn des Grafen.“

„Bist du nicht!“, protestierte Faolán überraschend. Dem selbst ernannten Grafensohn stand der Mund offen. Ungläubig starrte er den schwächlichen Knaben vor sich an. Mit einer Widerrede hatte er nicht gerechnet.

„Was hast du da eben gesagt?“, fragte Drogo wütend, obwohl er und sein Gefolge nur zu gut verstanden hatten. Die beiden Getreuen waren ebenfalls überrascht und wussten nicht, was sie von Faoláns Ausspruch halten sollten.

Drogo berappelte sich schnell wieder. „Das nennt man Aufsässigkeit gegen den Dienstherrn. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Bestrafung!“

Faolán wich einen Schritt zurück, als Drogo auf ihn zukam und dabei mit seinem Fuß auf die Zeichnung im Sand trat. Er entdeckte sie erst jetzt. Schnell hob er sein Bein, als sei er in einen Haufen Dung getreten.

Verwundert beugte er sich nach vorne und starrte auf die Linien, die für ihn keinen Sinn zu ergeben schienen. Erst als er seinen Kopf drehte, erkannte er das Abbild der Klosterkirche. Für einen kurzen Augenblick gab sein Gesichtsausdruck Überraschung und auch Bewunderung preis, doch dann zeigte es wieder Hass und Hohn. „Ich wusste gar nicht, dass wir einen neuen Illustrator in unserer Abtei haben!“

Drogo stimmte ein sicheres Lachen an, als habe er soeben die humorvollste Bemerkung seit Anbeginn des Klosters von sich gegeben. Da seine Anhänger das Abbild im Sand jedoch nicht sehen konnten, wussten sie nicht, was Drogo meinte. Statt johlender Zustimmung erntete Drogo diesmal nur fragende Blicke. Sein eigenes Lachen erstarb daraufhin wieder. Schlagartig zogen sich seine Mundwinkel wütend nach unten.

„Ein Illustrator willst du also sein, ja? Ich muss dich enttäuschen. Daraus wird wohl nichts. Wer will schon einen kleinen, schwächlichen Aufsässigen in kostbare Bücher schmieren lassen? Nein. Dein Platz ist in den Rattenlöchern des Kellers und dort wirst du auch bleiben.“

Dann trat Drogo immer wieder nach der Zeichnung, als würde er den Urheber selbst treten. Sand stob nach allen Seiten, und bald befand sich statt des Abbilds nur noch ein Loch in der weichen Erde.

„Soviel zu deinen Träumen, kleine Ratte!“ Drogo spuckte verächtlich aus und schritt über das Loch hinweg auf Faolán zu. „Und jetzt wieder zu dir!“

Wütend ließ er den zweiten Apfel fallen, ballte seine Fäuste und holte zum Schlag aus. Faolán konnte nicht weiter zurück. Er stand bereits direkt vor der Mauer. Nur noch wenige Herzschläge und er würde die harten Fäuste in seiner Magengrube spüren. Er machte sich auf alles gefasst. Jeder einzelne seiner Muskeln spannte sich an. Seine Arme hatte er schützend vor Brustkorb und Gesicht erhoben, um wenigstens den ersten Schlag abfangen zu können.

Doch bevor Drogo seinen ersten Treffer landen konnte, vernahm Faolán einen merkwürdig dumpfen Laut und ein Stöhnen. Er traute seinen Augen nicht: Drogo lag vor ihm auf der Erde und wälzte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Was war geschehen? Verwirrt blickte Faolán sich um, ob Drogo über eine Wurzel oder einen Stein gestolpert war, doch nichts war zu sehen. Hatte Gott ihn am Ende gar selbst niedergestreckt?

Drogo schüttelte benommen seinen Kopf. Er rieb sich die eine Seite, wo ihn etwas getroffen hatte. Faolán suchte danach, und da bemerkte er einen Apfel, der hüpfend den Hügel hinunterkullerte. Im Vergleich zu Drogos Geschoss war dieser größer und härter. Noch bevor Drogos Wachhunde begriffen, weshalb ihr Anführer zu Boden gegangen war, wurden auch sie zu Zielscheiben. In schneller Abfolge prasselten Äpfel auf sie nieder. Durch Drogos Sturz und die anhaltende Attacke verunsichert, zogen sich die beiden Novizen schnell zurück, statt ihrem Anführer zur Hilfe zu eilen. Feige suchten sie das Weite.

Verblüfft sah Faolán zu. Er konnte es kaum glauben, aber Drogo lag tatsächlich zu seinen Füßen und dessen Hörige wurden in die Flucht geschlagen. Ruriks Sohn war zum ersten Mal auf sich allein gestellt, und Faolán schien zum ersten Mal einen Verbündeten zu haben.

Als Drogos Hunde verschwunden waren, tauchte aus dem Buschwerk zwischen den Apfelbäumen ein unbekannter Novize auf. Der Größe nach zu urteilen, musste er etwa in Faoláns Alter sein. Es war nicht zu erkennen, wer dieser Novize war, denn er trug die Kapuze seiner Kukulle tief ins Gesicht gezogen. Mit festen Schritten erklomm er den Hügel. In einer Hand trug er einen Stab, den er wie einen Wanderstab nutzte. Wäre er nicht ein Knabe gewesen, so hätte man glauben können, ein Pilger käme daher. Der Unbekannte erreichte die Kuppe und blieb dort selbstbewusst stehen, als gehöre ihm dieser Flecken Erde.

Inzwischen war Drogo wieder Herr seiner Sinne und hatte sich erhoben. Es irritierte ihn sichtlich, so einen selbstsicheren Novizen vor sich zu haben. Ihm wurde klar, dass er erst diesem unbekannten Aufsässigen eine Lehre erteilen musste, bevor er sich um Faolán kümmern konnte. Seine Stirn legte sich zornig in Falten und sein ganzer Körper spannte sich an. Er sah aus, als wolle er seine ganze Kraft an diesem Novizen auslassen. Seine Hände ballten sich langsam und sein Atem ging schnell und stoßweise.

Doch das beeindruckte den Fremden nicht im Geringsten. Er hielt sein verhülltes Haupt gesenkt, als wolle er seine Identität nicht preisgeben. Er stützte sich gelangweilt auf seinen Stab, was Drogo als eine Provokation empfand.

„Was glaubst du eigentlich, wer du …“, schrie er los. Weiter kam er nicht. Eine blitzschnelle Bewegung des Fremden hinderte Drogo, seine Frage zu beenden. Mit flinker Hand schwang der unbekannte Novize seinen Stab so schnell, dass Faolán ihm kaum folgen konnte. Überraschung stand auch Drogo ins Gesicht geschrieben, als ihn der erste Hieb in die Magengrube traf und er nach vorne zusammensackte. Der zweite landete auf seinem Rücken. Leise stöhnend krümmte sich Drogo im Sand.

Sein Bezwinger beugte sich zu dem nach Atem ringenden Novizen hinunter und sprach mit leisen, eindringlichen Worten: „Glauben sollten wir in erster Linie an den Herrn! Und ich weiß ganz genau, wer ich bin. Außerdem weiß ich auch, wer du bist, Drogo, Ruriks Sohn. Spare dir also deine überflüssigen Worte über Herkunft, Stand oder angeblichen Einfluss. Es hat keinerlei Bedeutung in diesem Kloster, denn hier bist auch du nur ein kleiner Novize. Wichtiger für dich ist zu wissen, dass ich zwei gute Augen besitze. Eines davon wird in Zukunft auf dich und das andere auf den Novizen gerichtet sein, dem du dich gerade widmen wolltest. Solltest du dich wieder einmal in seiner Nähe befinden, so erinnere dich an das, was dir eben widerfahren ist!“

Mit einer Handbewegung schlug der fremde Novize seine Kapuze zurück und entblößte sein Haupt mit kurzem blonden Haar und einem hageren Gesicht. „Überlege dir also in Zukunft genau, wem du Schläge verabreichen willst. Sollte es dieser Novize hier sein, so rechne stets mit mir! Hast du mich verstanden?“

Immer noch damit beschäftigt, wieder zu Atem zu kommen, gab Drogo keine Antwort. Der fremde Novize gab sich damit nicht zufrieden. Das Stabende drückte auf Drogos Schultern, dass der noch einmal ganz zu Boden gepresst wurde. Der Atem entfuhr ihm und blies Staub und Dreck in seine Augen. Verzweifelt wand sich Drogo unter dem Holz, um sich zu befreien, doch sein Bezwinger war stärker.

„Ob du mich verstanden hast?“, wiederholte der Fremde seine Frage.

Faolán sah Tränen in Drogos Augen, doch er wusste nicht ob sie vom Schmerz, vom Staub oder seiner Wut herrührten. Als der Druck des Stabes noch einmal stärker wurde, war von Drogo ein zaghaftes „Ja“ zu vernehmen. Dabei bekam er auch noch Dreck in den Mund. Um ihn auszuspucken, versuchte er sich etwas vom Boden zu stemmen. Damit war der fremde Novize allerdings nicht einverstanden und drückte ihn wieder nach unten.

„Kannst du nicht etwas lauter sprechen, damit wir dich alle verstehen?“

„Ja“, rief Drogo schließlich wütend die gewünschte Antwort.

„Schön, dann wäre alles geklärt. Du darfst jetzt gehen.“

Drogo wurde freigegeben. Er kniete sich mühselig hin, schnappte nach Luft und rieb sich die Augen. Danach spuckte er den Dreck aus seinem Mund. Er wollte dabei die Füße seines Peinigers treffen, was dieser jedoch mit einem flinken Schritt zur Seite zu verhindern wusste. Sofort brachte der Fremde seinen Stab vor Drogos Gesicht. Das reichte aus um klar zu machen, dass er solche Versuche in Zukunft unterlassen sollte.

Zorn wallte in Drogo auf. In diesem Zustand war der bullige Novize am gefährlichsten und Faoláns innere Stimme ermahnte ihn, endlich davonzulaufen. Doch er blieb. Im Augenblick war Drogo der Unterlegene. Trotzdem ließ der sich nicht davon abhalten, dem Fremden provokant ins Gesicht zu starren, als wolle er ihn zu einer Revanche herausfordern.

Der blonde Junge war nach wie vor unbeeindruckt. „Ich sagte, du darfst jetzt gehen. Muss man dir alles zweimal sagen, bevor du es begreifst? Oder bist du nur zu schwach, um selbst zu gehen? Warte, ich werde dir behilflich sein …“

Unerwartet sanft fuhr der Stab unter eine von Drogos Achselhöhlen und half ihm, sich aufzurichten. Der kräftige Novize sah dabei aus wie eine hilflose Puppe. Als er aufrecht dastand, vollzog der Stab eine kleine Drehung und versetzte ihm einen leichten Stoß. Das brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Mit rudernden Armen versuchte er sich auf den Beinen zu halten, als er den Hügel hinab stolperte.

Von der Kuppe aus schauten die beiden Novizen zu, wie der sonst so aufrechte und selbstbewusste Drogo nur mit Mühe einen Sturz verhindern konnte. Es war ein komischer Anblick und Faolán konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Unten angekommen wischte sich Drogo erst den Staub von Gesicht und Habit, dann richtete er seinen zornigen Blick nach oben. Aus sicherer Entfernung wagte er noch eine Drohung:

„Das werdet ihr noch bereuen! Dafür werde ich euch beide bluten lassen. Das verspreche ich euch!“

Der Fremde rief selbstbewusst seine Antwort. „Gut! Ich werde freudig auf diesen Tag warten. Doch versprich nichts, was du nicht einhalten kannst. Sei ab heute besser auf der Hut, denn wir werden uns in Zukunft öfter begegnen.“

Drogo wagte keine weitere Bemerkung mehr. Er kehrte den beiden Novizen auf dem Hügel den Rücken und zog mit erhobenem Haupt und beschmutztem Habit in gleicher Richtung davon wie schon seine, heute etwas weniger treuen, Hunde zuvor.

Als er nicht mehr zu sehen war, drehte sich der fremde Novize mit einem zufriedenen Grinsen Faolán zu.

„Das ging ja leichter als ich gedacht hatte. Ich bin Konrad und seit heute Novize dieser Abtei.“

Faolán fragte sich, warum einem neuen Novizen erlaubt wurde, frei über das Gelände zu streifen und sogar einen Stab zu tragen, der ihm als Waffe diente. Aber er war froh um diesen Umstand und freudig sah er Konrad in die Augen.

„Ich danke dir für deine Hilfe. Man nennt mich Faolán.“

Konrads Lächeln wurde noch breiter. „Ich hasse Großmäuler wie Drogo. Allein sind sie feige und harmlos. Deshalb schicken sie andere vor, die sich die Hände schmutzig machen. Wahrscheinlich muss er jetzt erst einmal seine Brueche waschen, so wie er davongezogen ist.“

„Da könntest du Recht haben! Wahrscheinlich war sie randvoll!“

Die beiden schauten sich an und brachen gleichzeitig in schallendes Gelächter aus. Faolán spürte, wie seine Anspannung wich. Und er bemerkte noch etwas: Zum ersten Mal konnte er sich eine Freundschaft zu einem anderen Novizen vorstellen.

* * *

Die ersten Blätter fielen von den Bäumen und schwebten auf den Waldboden nieder. Ab und an wirbelte ein Luftzug sie wieder auf, und Svea versuchte, sie fröhlich lachend einzufangen. Sie liebte es, allein durch den Wald zu streifen. Ihr Vater hatte ihr diesen Sommer endlich erlaubt, das Dorf ohne ihre Brüder zu verlassen. Natürlich nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um die beiden Schweine durch den Wald zu treiben. Jetzt, da die Eicheln zuhauf auf der Erde lagen, war es die einfachste Art, die Tiere zu mästen.

Sveas Vater, Ulf, war ein armer Bauer, der selten ausreichend zu essen für seine Kinder im Haus hatte. Stets klagte er über die hohen Abgaben an den Grafen aber auch über die fahrenden Händler auf dem Markt, die ihm mit ihren Preisen den Handel verpatzten. Wenn er im Sommer und Herbst seine Geschäfte abwickelte und seine überschüssigen Erträge getauscht oder verkauft hatte, sahen seine Kinder nicht viel vom Erlös. Weder gab es dann mehr zu essen, noch Schuhwerk oder Kleidung.

Svea bezweifelte allerdings, dass ihr Vater bei seinen Geschäften schlecht davonkam. Sie hatte schon einmal heimlich beobachtet, dass Ulf ein paar Münzen in einem Säckchen bei sich trug, sorgfältig in ein Tuch gewickelt, damit sie beim Gehen nicht klimperten. Svea wusste nicht, was er damit vorhatte. Sie vermutete aber, dass er sie für diese Gertha benötigte, die er umwarb. Wenn auch nicht reich, so war er doch immerhin ein freier Bauer, der sich mit Fug und Recht nach dem Tode seiner Gemahlin ein zweites Eheweib nehmen durfte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Eiswolf-Saga. Teil 1-3: Brudermord / Irrwege / Wolfsbrüder. Drei historische Romane in einem Bundle" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen