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Die Erben Kains

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. Erstes Buch: Der Ruf der Trommeln
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
    14. Kapitel 14
    15. Kapitel 15
    16. Kapitel 16
  9. Zweites Buch: Freunde und Feinde
    1. Kapitel 17
    2. Kapitel 18
    3. Kapitel 19
    4. Kapitel 20
    5. Kapitel 21
    6. Kapitel 22
    7. Kapitel 23
    8. Kapitel 24
    9. Kapitel 25
    10. Kapitel 26
    11. Kapitel 27
    12. Kapitel 28
    13. Kapitel 29
    14. Kapitel 30
    15. Kapitel 31
    16. Kapitel 32
  10. Drittes Buch: »Die Bande, die uns zusammenhalten, zerreißen eins nach dem anderen.«
    1. Kapitel 33
    2. Kapitel 34
    3. Kapitel 35
    4. Kapitel 36
    5. Kapitel 37
    6. Kapitel 38
    7. Kapitel 39
    8. Kapitel 40
    9. Kapitel 41
    10. Kapitel 42
    11. Kapitel 43
    12. Kapitel 44
    13. Kapitel 45
    14. Kapitel 46
    15. Kapitel 47
    16. Kapitel 48
    17. Kapitel 49
    18. Kapitel 50
    19. Kapitel 51
    20. Kapitel 52
    21. Kapitel 53
    22. Kapitel 54
    23. Kapitel 55
    24. Kapitel 56
    25. Kapitel 57
    26. Kapitel 58
  11. Viertes Buch: Der Marsch in die Dunkelheit
    1. Kapitel 59
    2. Kapitel 60
    3. Kapitel 61
    4. Kapitel 62
    5. Kapitel 63
    6. Kapitel 64
    7. Kapitel 65
    8. Kapitel 66
    9. Kapitel 67
    10. Kapitel 68
    11. Kapitel 69
    12. Kapitel 70
  12. Nachwort

Über das Buch

Der erste Teil der Trilogie handelt von der Entstehungsgeschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft. Erzählt wird die Geschichte der Famlie Main, Plantagenbesitzer und Sklavenhalter, und des Industriellenclans der Hazard aus dem Norden. Die Wege der beiden Familien kreuzen sich 1842 in der Offiziersschule West Point, in der Orry Main und George Hazard ihren Dienst antreten. Die beiden Männer werden Freunde, miteinander verbunden wie Brüder, und ahnen nicht, dass bald ein mörderischer Krieg sie zu Todfeinden machen wird … Werden die beiden Familien trotz der grundlegenden Unterschiede, die Amerika unaufhaltsam in einen Bürgerkrieg treiben, an ihrer Freundschaft festhalten können?

Über den Autor

John Jakes wurde 1932 in Chicago geboren und lebt heute in Connecticut und South Carolina. Nach dem Studium der amerikanischen Literatur und langjähriger Tätigkeit in Public-Relations-Agenturen, begann er eine Karriere als Schriftsteller. Weltberühmtheit erlangte er mit seiner großen Trilogie über den Amerikanischen Bürgerkrieg, die unter dem Titel »Fackeln im Sturm« verfilmt wurde.

John Jakes

DIE ERBEN
KAINS

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Odette Brändli

Meine Freunde und Nächsten hast du mir entfremdet, und meine Verwandten hältst du fern von mir.

Psalm 88

Prolog

Zwei Schicksale

1686: Der Köhlerjunge

»Es ist nun wirklich an der Zeit, dass der Junge meinen Namen annimmt«, sagte Windom nach dem Abendbrot. Die Sache verdross ihn. Jedes Mal, wenn er zu viel getrunken hatte, kam er darauf zu sprechen. Die Mutter des Jungen saß neben dem kleinen Feuer und schloss die Bibel, die sie auf den Knien hielt. Bess Windom hatte sich selbst, wie jeden Abend, etwas vorgelesen. Der Junge konnte an ihren Lippenbewegungen erkennen, dass sie nur langsam vorwärtskam. Sie war gerade bei ihrem Lieblingsvers im 5. Kapitel des Matthäusevangeliums angelangt: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich«, als Windom mit seiner Bemerkung herausplatzte.

Der Junge, Joseph Moffat, saß mit dem Rücken zur Kaminecke und schnitzte ein kleines Boot. Er war zwölf, von untersetztem Körperbau wie seine Mutter, mit breiten Schultern, hellbraunem Haar und blassblauen Augen, die manchmal farblos schienen.

Windom warf seinem Stiefsohn einen finsteren Blick zu. Frühlingsregen prasselte auf das Strohdach. Windoms Augen waren von Kohlestaub verschmiert, die abgebrochenen Fingernägel wiesen einen Trauerrand auf. Windom war eine verkrachte Existenz, vierzig Jahre alt. Wenn er nicht gerade betrunken war, hackte er Holz und ließ es während zwei Wochen in zwanzig Fuß hohen Stapeln verschwelen. Er stellte Holzkohle für die kleinen Hochöfen am Fluss her, eine schmutzige, erniedrigende Arbeit. Bezeichnenderweise warnten die Mütter die umherstreunenden Nachbarskinder vor dem Schwarzen Mann.

Joseph sagte nichts und starrte vor sich hin. Windom entging jedoch nicht, dass der Junge nervös mit dem Zeigefinger auf den Messergriff trommelte. Der Junge war temperamentvoll, und manchmal fürchtete sich Windom vor ihm. Aber jetzt nicht. Das hartnäckige Schweigen des Jungen, sein herausfordernder Trotz brachten den Stiefvater in Harnisch.

Schließlich sagte Joseph: »Mein eigener Name gefällt mir«, und widmete sich wieder seinem halb fertig geschnitzten Boot.

»Du unverschämter Kerl«, stieß Windom mit barscher Stimme hervor und stürzte sich auf den Jungen. Sein Stuhl kippte um, Bess warf sich dazwischen. »Lass ihn, Thad, kein wahrer Jünger unseres Herrn würde einem Kind etwas zuleide tun.«

»Fragt sich, wer wem etwas antun will. Sieh ihn dir an!« Joseph stand mit dem Rücken zum Kamin. Er keuchte. Mit starrem Blick hielt er das Messer auf Hüfthöhe, bereit zuzustechen. Langsam öffnete Windom seine geballte Faust, trat linkisch ein paar Schritte zurück und rückte seinen Stuhl zurecht. Wie immer war es Bess, die litt, wenn die Angst und der Groll des Jungen sich gegen ihn richteten. Joseph nahm seine Stellung beim Kamin wieder ein und fragte sich, wie lange er das noch aushalten konnte.

»Ich will nichts mehr von deinem heiligen Herrn hören«, sagte Windom zu seiner Frau. »Du sagst immer, dass er den armen Mann erhöhen werde. Dein erster Mann war ein Idiot, dass er für einen solchen Mist gestorben ist. Wenn dein lieber Jesus sich mal seine Hände an meinen Kohlen schmutzig macht, werde ich an ihn glauben, vorher nicht.« Er langte nach der grünen Ginflasche.

Später in der Nacht, als Joseph regungslos auf seinem Strohsack in der Ecke lag, hörte er, wie Windom seine Mutter hinter dem zerschlissenen Bettvorhang mit Worten und Fäusten misshandelte. Bess schluchzte, und der Junge presste die Zähne zusammen. Dann hörte er Bess stöhnen. Der Streit war wieder mal in der typischen Weise beigelegt worden, dachte er zynisch. Er konnte es seiner Mutter nicht verübeln, dass sie ein bisschen Geborgenheit und Liebe suchte. Sie hatte den falschen Mann geheiratet, das war alles. Lange nachdem das Bett schon nicht mehr quietschte, lag Joseph noch wach und dachte darüber nach, wie er den Köhler töten könnte. Nie würde er den Namen seines Stiefvaters annehmen. Er konnte etwas Besseres werden als Windom. Mit seinem Trotz zeigte er, dass er an ein besseres Leben für sich selbst glaubte. An ein Leben, wie es Andrew Archer führte, der Eisenhüttenbesitzer, zu dem Windom ihn vor zwei Jahren in die Lehre geschickt hatte.

Manchmal jedoch wurde Joseph mutlos, dann nämlich, wenn ihm seine Hoffnungen und sein Glaube an ein besseres Leben wie dumme Tagträume vorkamen. Er war doch keinen Dreck wert. Sein Körper war schmutzig, sein Verstand taugte nichts, und seine Kleider waren dauernd voller Kohlestaub. Obwohl er nicht verstand, welches Verbrechens sein Vater sich in Schottland schuldig gemacht hatte und wofür er gestorben war, konnte er es nicht ungeschehen machen; es haftete wie ein Makel an ihm. »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden …« Kein Wunder war dies der Lieblingsvers seiner Mutter.

Sein Vater, ein hagerer, strenger Bauer, an den er sich nur schemenhaft erinnerte, war ein fanatischer Verfechter des Presbyterianismus in Schottland gewesen. Er war an den Spanischen Stiefeln und der Daumenschraube verblutet. Dies geschah während der »Zeit des Mordens«, wie Bess es nannte, nämlich während der ersten Monate der Amtszeit des Duke of York, der später als Jakob II. den Thron bestieg. Nach einer Zeit heftiger Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche hatte er geschworen, den Presbyterianismus auszurotten und die Episkopalkirche im ganzen Land zu institutionalisieren. Kaum war Robert Moffat im Gefängnis eines blutigen Todes gestorben, eilten Freunde zu seinem Hof, um seiner Frau mitzuteilen, sie solle fliehen. Knapp eine Stunde, bevor der Herzog mit seinen Männern eintraf, hatte sie sich mit ihrem einzigen Sohn auf den Weg gemacht. Ihr ganzer Besitz wurde niedergebrannt. Nach Monaten der Wanderschaft gelangten Mutter und Sohn schließlich zu den Hügeln im südlichen Shropshire. Bess war müde und erschöpft, und so entschloss sie sich dortzubleiben.

Der Severn River schlängelte sich im Süden und im Westen durch das bewaldete Hochland, die Gegend machte einen einigermaßen sicheren und ländlichen Eindruck. Mit dem letzten Geld, das sie aus ihrer Heimat hatte retten können, mietete sie ein Häuschen. Sie arbeitete als Magd, und innerhalb von zwei Jahren begegnete sie schließlich Windom und heiratete ihn. Sie gab sogar vor, der offiziellen Kirche beigetreten zu sein, denn obwohl Robert Moffat ihr einen inbrünstigen Glauben eingeflößt hatte, hatte er ihr nicht den Mut eingeflößt, nach seinem Tod weiterhin den Behörden Widerstand zu leisten. Angesichts des Elends verwandelte sich ihr Glaube zusehends in Resignation. Ein halt- und wertloser Glaube, wie Joseph oft dachte. Das wollte er nicht für sich. Sein Vorbild war der willensstarke Archer, der oberhalb des Flusses am Hügel in einem herrschaftlichen Haus wohnte und der Besitzer der Eisenhütte war. Hatte nicht auch der alte Giles Joseph gesagt, dass er intelligent und willensstark genug sei, um einen ebensolchen Erfolg im Leben zu haben? Und in letzter Zeit hatte er es oft wiederholt. Meistens glaubte Joseph dem Alten. So lange zumindest, bis er wieder einmal den Kohlestaub unter seinen Fingernägeln sah und hörte, wie die anderen Lehrlinge sich über ihn lustig machten: »Dreckiger Joe, schwarz wie ein Neger.« Dann sah er, wie verblendet seine Träume waren, und lachte so lange über seine Blödheit, bis die Scham seine blassblauen Augen mit schier endlosen Tränen füllte.

Der alte Giles Hazard, ein Junggeselle, war einer der drei wichtigsten Männer in Archers Eisenhütte. Ihm war der mit Kohle angefeuerte Frischofen anvertraut, in welchem die vom Schmelzofen kommenden Roheisenbarren wieder eingeschmolzen wurden, damit überschüssiger Kohlenstoff und andere Elemente ausgeschieden wurden; das Gusseisen wäre sonst für die Herstellung von Hufeisen, fassreifen und Pflugscharen zu spröde geworden. Giles Hazard hatte eine raue Stimme, seine Gesellen und Lehrlinge mussten wie Sklaven arbeiten. Sein ganzes Leben lang hatte er in unmittelbarer Nähe des Hochofens gewohnt und schon im Alter von neun Jahren dort zu arbeiten begonnen. Seine untersetzte, behäbige Gestalt strotzte nur so vor Energie. Man hätte ihn für eine ältere Ausgabe von Joseph halten können, und vielleicht behandelte er den Jungen deshalb wie einen Sohn. Aber Joseph lernte auch sehr schnell, und das gefiel Giles. Joseph war Giles im letzten Sommer aufgefallen, als er gerade sein zweites Lehrjahr begann. Der Hochofen-Meister hatte damit geprahlt, wie geschickt Joseph an der Sandrinne arbeitete, von wo aus das glänzende geschmolzene Eisen in weitere kleine Wannen floss. Da Giles in der Eisenhütte der Dienstälteste war, hatte er keinerlei Schwierigkeiten, den Jungen in die Frischerei versetzen zu lassen. Hier musste Joseph nun mit der langen Eisenstange gleichzeitig in drei oder vier Wannen arbeiten, damit das Roheisen einheitlich geschmolzen werden konnte. Joseph erwies sich als sehr geschickt, und bald ertappte Giles sich dabei, wie er ihm ein Kompliment machte.

»Du bist geschickt und hast das für dieses Gewerbe nötige Verständnis. Zudem bist du umgänglich, außer wenn – wie ich festgestellt habe – die anderen dich wegen dem Beruf deines Stiefvaters hänseln. Nimm dir ein Beispiel an Herrn Archer. Zugegeben, er ist ein Dickkopf, aber er weiß auch, dass es manchmal besser ist nachzugeben. Er verkauft seine Erzeugnisse mit einem Lächeln und mit liebenswürdigen Worten und zwingt seinen Kunden nichts auf.«

Im Stillen war der alte Mann davon überzeugt, dass Joseph gar nicht zuhörte. Josephs Leben und Charakter hatten bereits starre Formen angenommen. Ohne Zweifel hatten ihn Lebensumstände und ungebildete Eltern zu einem Leben im Abseits verurteilt. Und doch ermutigte Giles Joseph weiterhin. Vielleicht deshalb, weil er älter wurde und sah, dass es nicht klug von ihm gewesen war, sein Leben lang Junggeselle zu bleiben. Er zeigte Joseph nicht nur, wie man Eisen herstellt, sondern vermittelte ihm auch das dazugehörige Wissen.

»Eisen regiert die Welt, mein Junge. Es bricht Erde auf und verbindet Kontinente – und auch Kriege werden damit gewonnen.« In Archers Öfen wurden Kanonenkugeln für Kriegsschiffe hergestellt. Giles wandte sein großflächiges Gesicht dem Mond zu und sagte: »Eisen kam von irgendwoher auf die Welt, von woher, weiß nur Gott. Schon in den frühesten Tagen der Menschheit kannte man Meteorsteine.«

»Was ist ein Meteor?«, warf der Junge ein.

Giles lächelte. »Eine Sternschnuppe. Sicher hast du schon welche gesehen.« Der Junge nickte nachdenklich. Giles sprach von vielen Dingen, die nach und nach, je mehr Joseph vom Gewerbe erlernte, an Bedeutung gewannen. Giles erzählte die Geschichte der Eisenherstellung. Er sprach vom Stück- und vom Flüssofen, die es seit dem 10. Jahrhundert in Deutschland gab, von den hauts fourneaux, die im 15. Jahrhundert in Frankreich aufkamen, und von den Wallonen, die vor etwa sechzig Jahren in Belgien das Wiedereinschmelzungsverfahren der Schlacken entwickelt hatten. »Doch all das ist bloß ein Ticken der großen Eisenuhr. Vor 700 Jahren hat der heilige Dunstan Eisen bearbeitet. Man sagt, er habe in seinem Schlafzimmer in Glastonbury eine Schmiede gehabt. Die ägyptischen Pharaonen wurden mit eisernen Amuletten und eisernen Dolchklingen begraben, weil das Metall so wertvoll, edel und mächtig war. Ich habe über Dolche aus Babylonien und Mesopotamien gelesen, die es bereits Jahrtausende vor Christus gegeben haben soll.«

»Ich kann nicht gut lesen.«

»Dann sollte es dir jemand beibringen, oder du solltest es selber lernen«, brummte Giles. »Ein Mann kann vieles durch Lesen lernen, Joseph, nicht alles, aber vieles. Ich meine, ein Mann, der nicht unbedingt Köhler werden möchte.« Joseph verstand und nickte ohne eine Spur von Ärger. »Kannst du überhaupt lesen?«, fragte Giles.

»Ja, doch.« Schweigend blickte Joseph Giles an. »Nur ein bisschen«, schränkte er ein. »Meine Mutter versuchte es mir mit der Bibel beizubringen. Ich mag die Heldengeschichten über Samson und David. Aber Windom wollte nicht, dass Mutter mir das Lesen beibrachte, und so hörte sie damit auf.« Giles überlegte. »Wenn du jeden Abend eine halbe Stunde länger bleibst, könnte ich es versuchen.«

»Aber Windom …«

»Du musst eben schwindeln«, unterbrach ihn Giles. »Wenn er fragt, warum du zu spät kommst, dann musst du ihm eben eine Lüge auftischen. Das heißt, wenn du wirklich etwas werden willst. Wenn du nicht Köhler werden möchtest.«

»Glauben Sie, dass ich das kann, Meister Hazard?«

»Und du, glaubst du es?«

»Ja.«

»Dann wirst du’s können. Dem Mutigen gehört die Welt.«

Dieses Gespräch hatte im Sommer stattgefunden. Im Herbst und Winter unterrichtete Giles den Jungen. Und sein Unterricht war gut, so gut, dass Joseph dies seiner Mutter mitteilen musste. Eines Abends, als Windom irgendwo herumpolterte, zeigte er ihr ein Buch, das er heimlich nach Hause genommen hatte. Es war ein sehr umstrittenes Buch mit dem Titel »Metallum Maitis«. Verfasser war der jüngst verstorbene Dud Dudley, ein unehelicher Sohn des fünften Lord Dudley. Dud Dudley nahm für sich in Anspruch, Eisen erfolgreich durch Mineralkohle – oder Steinkohle – eingeschmolzen zu haben, wie Joseph seiner Mutter, zwar mit etlicher Anstrengung, aber doch mit Erfolg, vorlas. Ihre Augen glühten vor Bewunderung, doch dann erlosch der Glanz. »Lernen ist etwas Herrliches, mein Junge, aber es kann zu Hochmut führen. Jesus sollte der Mittelpunkt deines Lebens sein.« Joseph hörte dies nur ungern, aber er sagte nichts. »Es gibt nur zwei Dinge, die im Leben wichtig sind«, fuhr seine Mutter fort, »die Liebe zu Gottes Sohn und die Nächstenliebe. Die Liebe, die ich für dich empfinde«, sagte sie abschließend und drückte ihn plötzlich an sich. Er hörte ihr Weinen und fühlte, wie sie zitterte. Seit der Zeit des Mordens hatte sie resigniert und keine Hoffnungen mehr. Sie hoffte nur noch auf das Jenseits und glaubte nur noch an den Heiland und an ihren Sohn. Joseph hatte seine Zweifel. Er empfand Mitleid mit ihr, aber er musste sein eigenes Leben leben, Bess erzählte Windom nichts von den Unterrichtsstunden. Sie konnte jedoch einen Anflug von Stolz nicht verbergen, was Windom zutiefst ärgerte.

An einem Sommerabend, nicht lange, nachdem der Streit darüber stattgefunden hatte, ob Joseph den Namen seines Stiefvaters annehmen würde, kam Joseph nach Hause und fand seine Mutter blutend, grün und blau geschlagen, beinahe bewusstlos auf dem schmutzigen Boden. Windom war weggegangen. Sie wollte nicht sagen, was geschehen war, und flehte Joseph so lange an, bis er versprach, seine Drohungen nicht wahr zu machen. Doch der Hass auf seinen Stiefvater wuchs in ihm.

Als die Hügel von Shropshire mit dem Nahen des nächsten Herbstes rot und golden leuchteten, hatte Joseph so große Fortschritte gemacht, dass Giles einen weiteren kühnen Schritt wagte.

»Ich werde mich mit Herrn Archer unterhalten und ihn darum bitten, dass er dir eine Stunde pro Woche mit dem Hauslehrer, der im Herrenhaus wohnt, erlaubt. Sicher wird er es gestatten, dass der Lehrer dir ein bisschen Mathematik und vielleicht sogar etwas Latein beibringt.«

»Weshalb sollte er, ich bin doch niemand.«

Der alte Giles lachte und strich Joseph übers Haar, bis es ganz zerzaust aussah. »Er wird sich darüber freuen, zu einem so redlichen Gesellen zu kommen, und dies praktisch ohne Kosten. Das ist mal eins. Zum anderen ist Herr Archer ein anständiger Mensch. Es gibt nur wenige auf dieser Welt.«

Joseph glaubte ihm nicht, bis Giles ihm mitteilte, dass Herr Archer seine Einwilligung gegeben hatte. Als er an jenem Abend nach Hause rannte, vergaß er in seiner Freude und Aufregung seine sonst übliche Vorsicht. Über dem Fluss und den Hügeln lag schwerer Nebel, und er fröstelte, als er die Hütte erreichte. Windom war da, rußig und halb betrunken, Joseph, der sich so darüber freute, dass jemand ihm wohlgesinnt war, reagierte nicht auf die warnenden Blicke seiner Mutter und sprudelte mit der Neuigkeit heraus. Windom war nicht beeindruckt. »Um Himmels willen, weshalb sollte der junge Narr einen Lehrer brauchen!« Er blickte den Jungen voller Spott an, und Joseph hatte das Gefühl, als ob ein Schwert ihn durchbohre. »Er ist unwissend. Genauso unwissend wie ich.« Bess nestelte an ihrer Schürze herum. Sie war verwirrt und wusste nicht, wie sie aus der Falle herauskommen sollte.

Mit raschen Schritten ging sie auf das Feuer zu und warf in ihrer Nervosität den Schürhaken um. Joseph blickte seinem Stiefvater fest in die Augen, als er sagte: »Nicht mehr. Der alte Giles hat mir Unterricht erteilt.«

»Worin?«

»Im Lesen. In Allgemeinbildung.«

Windom grinste und bohrte mit dem kleinen Finger in der Nase. Dann wischte er ihn an seinen Kniehosen ab und lachte. »Welche Verschwendung. Du brauchst doch keine Bücher, um im Frischwerk zu arbeiten.«

»Doch, wenn man so reich werden will wie Meister Archer.«

»Oho, du glaubst also wirklich, dass du eines Tages reich sein wirst.«

Joseph presste die Lippen aufeinander. »Verdammt soll ich sein, wenn ich so arm und dumm bleibe wie du.«

Windom brüllte und stürzte sich auf den Jungen. Bess, die nervös im Schmortopf, der an einer Kette über dem Herd hing, herumgerührt hatte, rannte mit offenen Armen auf ihren Mann los.

»Er hat es nicht so gemeint, Thad. Sei barmherzig, so wie Jesus es uns gelehrt h…«

»Blöde, fromme Hure. Ich tue mit ihm, was ich will«, schrie Windom und schlug sie an die Schläfe. Sie stolperte, prallte mit der Schulter hart auf dem Kaminsims auf und stieß einen Schrei aus. Der Schmerz war stärker als ihre Gottergebenheit. Sie erspähte den Schürhaken, riss ihn hastig an sich und hielt ihn abwehrend hoch. Es sah pathetisch aus, doch Windom empfand es als Bedrohung und fiel über sie her. Voller Angst und Wut fing Joseph an, mit seinem Stiefvater zu ringen, aber Windom schüttelte ihn ab. Voller Entsetzen tastete Bess nach dem verlorenen Schürhaken, war aber nicht in der Lage, ihn fest in den Griff zu bekommen. Windom konnte ihn ihr leicht entreißen und streckte sie mit zwei Schlägen an die Schläfe zu Boden. Ein feiner Blutfaden rann über Bess’ Wangen.

Joseph starrte sie einen Augenblick lang an, dann stürzte er sich in einer unbändigen Wut auf den Schürhaken. Windom warf ihn gegen die Wand. Joseph rannte zum Herd, ergriff die Kette, an der der Topf hing, und goss den heißen Inhalt des Topfes über Windom. Windom schrie und presste die Hände auf seine verbrühten Augen. Joseph hatte Brandwunden an den Händen, aber er spürte sie kaum. Er hob den leeren Topf und ließ ihn auf Windoms Kopf niedersausen. Als Windom wimmernd zu Boden fiel, wickelte Joseph die Kette um den Hals seines Stiefvaters und zog so lange daran, bis sie sich ins Fleisch eingefressen hatte. Windom bewegte sich nicht mehr.

Joseph rannte in den Nebel hinaus und erbrach sich. Seine Handflächen brannten, und es wurde ihm bewusst, was er getan hatte. Er wollte sich gehen lassen und heulen, er wollte wegrennen, aber er tat keines von beidem. Er zwang sich, in die Hütte zurückzugehen. Als er drinnen war, sah er, wie sich seine Mutter schwach bewegte. Sie war also nicht tot! Nach vielen Versuchen gelang es ihm schließlich, sie auf die Füße zu stellen. Sie murmelte zusammenhangloses Zeug und lachte dazwischen. Er hüllte sie in einen Schal und geleitete sie langsam durch den Nebel bis zur Wohnung von Giles Hazard, der etwa zwei Meilen weit weg wohnte. Sie strauchelte mehrmals auf dem Weg, aber auf sein Drängen hin ging sie weiter. Verdrossen öffnete Giles die Tür. Durch den Kerzenschimmer konnte man sein Gesicht sehen. Wenige Augenblicke später half er Bess in sein noch warmes niedriges Bett. Nachdem er sie untersucht hatte, strich er sich nachdenklich übers Kinn.

»Ich werde den Arzt rufen«, sagte Joseph. »Wo finde ich ihn?«

Der alte Giles konnte seine Besorgnis nicht verbergen. »Ein Arzt wird hier nicht mehr viel machen können.«

Joseph war wie betäubt, und endlich kamen die Tränen. »Das darf nicht wahr sein.«

»Sieh sie dir an. Sie atmet kaum noch. Und was den hiesigen Barbier anbelangt, er ist ein Analphabet. Er kann nichts für sie tun und wird bloß Fragen stellen.« Dieser Satz war bereits eine versteckte Frage, denn Joseph hatte Giles nur berichtet, dass Windom seine Mutter geschlagen hatte.

»Jetzt hilft nur warten«, sagte Giles schließlich und rieb sich die Augen.

»Und zu Gott beten«, sagte Joseph verzweifelt.

Giles setzte einen Topf auf den Herd. Joseph sank neben dem Bett auf die Knie, faltete die Hände und betete voller Inbrunst. Es gab keine Anzeichen dafür, dass sein Gebet erhört worden war. Im Gegenteil, Bess atmete leiser und schwächer. Als sich der Nebel über dem Fluss lichtete, berührte Giles behutsam Josephs Schulter, damit er aufwache. »Setz dich ans Feuer«, sagte er und zog eine Bettdecke über das zerschundene und friedliche Gesicht von Bess. »Es ist vorbei. Sie ist unterwegs zu ihrem Jesus, und wir können nichts mehr tun. Aber wie steht es mit dir? Was mit dir geschieht, hängt davon ab, ob man dich erwischt.« Giles atmete tief. »Dein Stiefvater ist tot, nicht wahr?« Der Junge nickte. »Das dachte ich mir. Sonst wärst du nicht hierhergekommen. Er hätte sie gepflegt.«

Josephs ganzer Schmerz verschaffte sich mit einem Schrei Luft: »Ich bin froh, dass ich ihn getötet habe.«

»Das glaube ich dir. Aber damit bist zu zum Mörder geworden. Herr Archer wird keinen Mörder einstellen, und ich kann es ihm nicht verübeln. Aber …« Seine Stimme wurde weicher, die aufgesetzte Strenge verflog. »Ich will nicht, dass man dich hängt oder vierteilt. Was können wir tun?« Er fing an, auf und ab zu schreiten. »Sie werden nach Joseph Moffat suchen, oder nicht? Nun gut, dann wirst du eben nicht mehr so heißen.«

Nach dieser Entscheidung verfertigte Giles ein Schreiben, das besagte, dass der Inhaber, Joseph Hazard, sein Neffe, in Familiengeschäften auf Reisen sei. Nach kurzem Zögern unterschrieb er mit seinem Namen, fügte noch die Worte »Onkel« und »Vormund« hinzu sowie einige Schnörkel; letztere verliehen dem Ganzen ein echt urkundliches Aussehen.

Giles versprach Joseph ein christliches Begräbnis für Bess und bestand darauf, dass der Junge nicht helfen und nicht bleiben konnte. Nachdem er ihm zwei Schilling, ein in ein Halstuch gebundenes Brot und den Rat, keine Hauptstraße zu benützen, gegeben hatte, verabschiedete er sich mit einer väterlichen Umarmung und entließ den verwirrten Joseph in die nebelgrauen Hügel.

Irgendwo auf einer einsamen Straße in Gloucestershire hielt Joseph inne und schaute auf. Die Nacht war sternenklar. Im Osten, über dem Dach eines kleinen Bauernhofs, sah er einen weißen Streifen. Etwas Brennendes, das rasch zu Boden fiel. Eisen. Gott sandte den Menschen Eisen, genau wie Giles gesagt hatte. Der Junge verstand, weshalb Eisenhüttenbesitzer so stolz auf ihren Beruf waren. Es war ein im Himmel geborenes und gesegnetes Gewerbe. Voller Ehrfurcht wartete Joseph, bis der weiße Streifen am Horizont verschwunden war. Er stellte sich einen enormen Meteor vor, der irgendwo in einem frischen Krater schwelte. Es konnte kein mächtigeres Material in der ganzen Schöpfung geben. Kein Wunder wurden damit Kriege gewonnen, Distanzen überwunden. Von diesem Augenblick an zweifelte er nie mehr an seinem Lebensweg.

Joseph marschierte eilends in Richtung des Hafens von Bristol. Er wurde nicht einmal angehalten oder nach dem Schreiben gefragt, das Giles so sorgfältig für ihn aufgesetzt hatte. So sehr vermisste die Welt Thad Windom also nicht! Joseph trauerte um seine Mutter, bedauerte jedoch kaum, seinen Stiefvater erschlagen zu haben. Er hatte getan, was er hatte tun müssen; die Rache hatte sich mit dem Gebot der Stunde verbrüdert.

Unterwegs wurde er von neuartigen Gedanken überrascht, die oft um Religion kreisten. Er hatte sich nie mit dem Glauben seiner Mutter an einen liebenden, vergebenden und offenbar machtlosen Christus anfreunden können, aber er entdeckte seine Sympathie für das Alte Testament. Bess hatte ihm viele Geschichten von starken, tapferen Männern vorgelesen, die keine noch so kühne Tat scheuten. Auf seinem mühseligen Marsch durch Felder und Wälder auf dem Weg nach dem großen Hafen von Westengland fühlte er sich mehr und mehr mit jenen Gestalten und ihrem Gott verwandt.

Nach mehreren Fehlschlägen konnte er endlich einen Kapitän ausfindig machen, der demnächst in die Neue Welt segeln würde; in jenen Teil der Erde, der vielen Engländern eine zweite Heimat bot. Der Kapitän mit dem Holzbein hieß Smollet, sein Schiff Möwe von Portsmouth. Er machte Joseph einen klaren Vorschlag.

»Du unterschreibst ein Dokument, mit dem du dich mir verdingst. Dafür biete ich dir die Überfahrt und die Verpflegung an Bord. Wir werden Bridgetown auf Barbados anlaufen und anschließend die Kolonien in Amerika. Dort braucht man gelernte Arbeiter. Wenn du wirklich so gut mit Eisen umgehen kannst, wie du behauptest, wird es für mich nicht so schwierig sein, dir eine Stelle zu verschaffen.«

Der Kapitän sah Joseph verstohlen über den Rand des Bierkruges an. Der Junge nahm ihm seinen harten Handel nicht übel, er bewunderte ihn sogar dafür. Er sagte sich im Stillen, dass ein Mann, der Erfolg haben wollte, immer wieder schwierige Entscheidungen treffen musste. So war es auch mit den Helden des Alten Testaments gewesen, mit Abraham und mit Moses. Wenn er sich jemanden zum Vorbild nehmen sollte, dann sie.

»Nun, Hazard, wie lautet deine Antwort?«

»Sie haben mir nicht gesagt, wie lange ich Ihnen dienen soll.«

Kapitän Smollet lächelte bewundernd. »Die meisten sind so aufgeregt oder so schuldbeladen« – Josephs Gesicht zeigte keinerlei Regung, er ignorierte den Test –, »dass sie glattweg vergessen, danach zu fragen, bis wir aus der Meeresbucht segeln.« Er blickte in seinen Bierkrug.

»Der Vertrag läuft sieben Jahre.«

Erst wollte Joseph Nein schreien. Aber er unterließ es. Smollet fasste sein Schweigen als Absage auf; mit einem Achselzucken stand er auf und warf einige Münzen auf den schmierigen Tisch. Es würde nicht leicht sein, während sieben Jahren der Sklave eines anderen Mannes zu sein, dachte Joseph. Doch konnte er die Zeit geschickt und klug nutzen. Er konnte sich weiterbilden, wie Giles ihm eindringlich geraten hatte, und er konnte sich noch mehr Fachwissen über sein Gewerbe aneignen. Nach sieben Jahren würde er ein freier Mann in einem neuen Land sein, wo man Eisenhüttenbesitzer brauchte und wo niemals jemand etwas von Thad Windom gehört hatte. Kapitän Smollet blieb an der Kneipentür stehen, als Joseph rief: »Ich werde unterschreiben.«

An jenem Abend, als Joseph über den Kai zur Möwe von Portsmouth eilte, regnete es. Die Fenster am Heck des Schiffes, dort wo der Kapitän wohnte, waren erleuchtet. Es sah sehr einladend aus, und bald würde Joseph in jener Kabine sein Zeichen unter den Verdingungsvertrag setzen. Er lächelte, als er an Smollet dachte; ein Schurke. Er hatte nur einige flüchtige Fragen zu Josephs Vergangenheit gestellt. Joseph, der befürchtet hatte, das Angebot könnte zurückgezogen werden, hatte etwas vorschnell Giles’ Dokument vorgezeigt! Der Kapitän hatte es kritisch betrachtet und mit einem Grinsen zurückgegeben.

»Familiengeschäfte. Bis in die Kolonien! Man stelle sich so was vor.« Ihre Blicke trafen sich. Smollet wusste, dass der Junge auf der Flucht war, aber das kümmerte ihn nicht. Joseph bewunderte die Skrupellosigkeit des Kapitäns. Er mochte ihn mehr denn je. Sieben Jahre würden vorbeigehen; es war gar nicht so lange. Mit diesen Gedanken hielt er an einer Treppe an, die zum Wasser führte. Er kletterte die halbe Treppe hinunter, hielt sich mit der einen Hand am glitschigen Holz fest und tauchte die andere einmal, zweimal, dreimal ins Salzwasser. Sollte noch symbolisches Blut an ihm haften, so fühlte er sich jetzt gereinigt. Er fing ein neues Leben an. Im Lichte der Schiffslaterne betrachtete er seine Finger und lachte laut. Früher hatte er noch Kohlestaub unter den Fingernägeln gehabt. Auch der war jetzt verschwunden.

Pfeifend schlenderte er auf das Fallreep zu und ging mit zunehmend besserer Stimmung an Bord. Obwohl er sich für die nächsten sieben Jahre verpflichtet hatte, betrachtete er das Ganze nun mit einem neuen Gefühl persönlicher Freiheit. Das Leben in der Neuen Welt würde für Joseph Mof... – nein, für Joseph Hazard anders werden. Gott würde schon dafür sorgen. Der Gott, an den er glaubte, und der ihm in dieser Stunde vertrauter wurde, war eine Gottheit, die dem tapferen Mann, der keine harte Arbeit scheute, wohlgesinnt war. In den letzten Tagen waren sich Joseph und sein Gott nähergekommen. Jetzt waren sie Freunde geworden.

1687: Der Aristokrat

Im Frühsommer des darauffolgenden Jahres träumte jenseits des Ozeans, in der königlichen Kolonie Carolina, noch jemand davon, reich zu werden. Sein Ehrgeiz steigerte sich zur Besessenheit. Reichtum, Macht und Sicherheit hatte er bereits erlebt. Doch die Sicherheit hatte sich als Illusion erwiesen; Wohlstand und Macht waren hinweggefegt worden wie der schimmernde Sand am Strand von Charles Town, wenn die Sturmflut kam. Charles de Main war dreißig Jahre alt. Seit zwei Jahren war er mit seiner schönen Frau Jeanne in der Kolonie. Es waren erst siebzehn Jahre her, seitdem die ersten Europäer nach Carolina eingewandert waren und sich dort niedergelassen hatten. Die insgesamt zwei- oder dreitausend weißen Einwohner waren also alle mehr oder weniger Neuankömmlinge.

Unter den Ansiedlern befand sich eine Gruppe von Abenteurern, die ursprünglich von Barbados gekommen waren. Sie hatten sich im Dorf Charles Town niedergelassen und hatten es unter den Lords Proprietors, den englischen Aristokraten, die die Kolonie wie ein Finanzgeschäft gegründet hatten, rasch zu einer gewissen Macht gebracht. Es dauerte nicht lange, bis die Einwanderer aus Barbados ihren Hochmut offen zeigten. Charles war der Meinung, dass sie unpraktische Idioten waren. Sie träumten von einem landwirtschaftlichen Paradies, das sie mit dem Anbau von Seide, Zucker, Tabak und Baumwolle reich machen würde. Charles war realistischer. Das Küstentiefland von Carolina war für die traditionelle Landwirtschaft viel zu feucht. Im Sommer war das Klima fast unerträglich heiß und fieberverseucht, nur die Widerstandsfähigsten überlebten. Im Allgemeinen gründete der gegenwärtige Wohlstand der Kolonie auf drei Einnahmequellen: Pelze, mit denen Charles bereits handelte, Viehzucht und jene Art von Wohlstand, die er sich nun eben mit dem Gewehr aus dem Hinterland zu verschaffen versuchte: Indianer für den Sklavenhandel.

Charles de Main war keineswegs in dieses Land der Küstensümpfe und lichten Wälder gekommen, weil es ihn geografisch oder kommerziell interessiert hätte. Er und Jeanne waren aus dem Loiretal geflohen, wo Charles als der vierzehnte Herzog seiner Dynastie zur Welt gekommen war. Er hatte mit zwanzig geheiratet und die Verwaltung der Weinberge, die seiner Familie gehörten, übernommen. Während einiger Jahre führte das junge Paar ein idyllisches Leben, abgesehen von der traurigen Tatsache, dass Jeanne keine Kinder bekam. Doch dann hatte der sich von Generation auf Generation übertragene Glaube der Familie sie in den Ruin geführt. Als Ludwig XIV. 1685 das Edikt von Nantes aufhob, war es mit dem Waffenstillstand zwischen den französischen Katholiken und Protestanten vorbei. Wie alle anderen stolzen Hugenotten – einige Franzosen ersetzten das Wort stolz durch verräterisch – waren Charles de Main und seine Gemahlin von der nun in Frankreich wütenden Säuberungswelle bedroht. Nachdem der Terror einmal ausgebrochen war, wurde jeder Versuch, das Land zu verlassen, als schwerwiegendes Verbrechen angesehen. Doch genau wie Tausende von anderen Hugenotten schmiedeten auch die de Mains Fluchtpläne. Im Dorf, in der Nähe des Château de Main mit seinen runden Türmen, wohnte ein gewisser Rechtsanwalt namens Emilion, der hinter der Frömmigkeit, die er an den Tag legte, ebenso bigott wie unehrlich war. Er wusste sehr wohl, wie in England aus den samtigen Rotweinen und den fruchtigen Weißweinen des Schlosses Profit zu schlagen war. Es gelüstete ihn sehr nach den Weinbergen der de Mains, und um an sie heranzukommen, bestach er einen Knecht, der ihm Informationen über seinen Herrn und seine Herrin liefern sollte. Emilion schürte den Verdacht, dass die de Mains fliehen wollten, und es dauerte auch nicht lange, bis der Knecht die ersten Anzeichen von Fluchtvorbereitungen beobachten konnte.

Ein Wort an den zuständigen Beamten genügte. In der Nacht, als sich die de Mains auf den Weg machten, wurden sie – erst knapp einen halben Kilometer vom Schloss entfernt – bereits von den Behörden gestellt.

Der junge Adlige und seine Frau mussten siebzehn Tage im Gefängnis verbringen. Sie wurden verhört und mit Messern und glühenden Eisen gefoltert. Doch keiner von beiden wurde schwach, zumindest nicht nach außen hin, obwohl Jeanne gegen das Ende hin nur noch schrie oder weinte. Sie wären im Verlies in Chalonnes gestorben, wenn nicht Charles’ Onkel aus Paris ihnen geholfen hätte. Er war ein kluger Politiker, der es verstand, seinen Glauben so mühelos zu wechseln wie seine Seidenkleider. Er kannte einige wichtige Männer, deren katholische Prinzipien nichts mit ihrer Börse gemein hatten. Bestechungsgelder wurden bezahlt, und eine bestimmte Hintertür wurde offen gelassen. Charles und Jeanne de Main flüchteten im Kielraum eines altersschwachen Bootes, das in den rauen Gewässern des Ärmelkanals beinahe kenterte. In London wurde ihnen von anderen Hugenotten geraten, nach Carolina auszuwandern. Die religiös liberale Kolonie war zum sicheren Hafen für viele Hugenotten geworden. Monate später, nachdem sie den Ozean überquert hatten, fragte sich der durch die Hitze und die in der Kolonie herrschende Arroganz deprimierte junge Adlige, ob die Reise – oder das Leben überhaupt – die Anstrengung überhaupt wert gewesen sei. Charles Town war nicht unbedingt ein Glücksbringer für diejenigen, die Charles hießen. Wenigstens dachte er dies damals.

Er hatte seinen Nachnamen in Main umgewandelt, um zu zeigen, dass er in einem neuen Land ein neues Leben anfing. Seinen Pessimismus hatte er schnell überwunden. In Carolina war er von vielen Regeln befreit, an die er sich hatte halten müssen, solange er seinen Adelstitel trug. Er hatte die Folter überlebt – die Narben an seinen Beinen und auf seiner Brust zeugten davon –, und er würde auch die Armut überleben. Der geldgierige kleine Rechtsanwalt hatte zwar seine Ländereien und sein Schloss gestohlen, aber er würde neues Land besitzen und ein neues großes Haus bauen. Oder seine Nachkommen würden dies tun, vorausgesetzt natürlich, dass Jeanne ihm jemals einen Erben schenken würde.

Arme Jeanne. Ihre grauen Augen waren so klar und schön wie eh und je. Doch eine schmale weiße Strähne in ihrem Haar ließ auf die im Gefängnis erduldeten Schmerzen schließen. Genau wie das liebliche Jungmädchenlächeln und die Art und Weise, wie sie auf jede ernsthafte Frage als Antwort einfach summte oder lachte. Manchmal erkannte sie ihren Gatten, doch glaubte sie immer noch, dass sie in Frankreich lebe. Ihr Geist hatte die Folter nicht so erfolgreich überstanden wie ihr Körper. Der Zusammenbruch ihres Geistes tat ihrer Leidenschaft jedoch keinen Abbruch. Und doch gingen keine Kinder aus ihrem Beisammensein hervor. Zudem war Charles nicht mehr der Jüngste, und so kam es, dass er manch schlaflose Nacht in dieser Sorge verbrachte. Mit dreißig wurde ein Mann langsam alt; mit vierzig konnte er sagen, dass er ein langes Leben geführt hatte.

Im Bemühen, an einer Furt des Cooper River, oberhalb von Charles Town, einen kleinen Handelsposten zu gründen, hatte sich Charles auch körperlich verändert: Er sah nicht mehr aus wie ein Aristokrat. Er war zwar immer noch groß und hatte deswegen eine etwas gebeugte Haltung, doch Armut, Arbeit und Anspannung hatten sein einst gutes Aussehen entstellt. Sein ehemals fröhliches und häufiges Lächeln schien falsch, ja fast grausam und zeigte sich überdies nur noch selten. Seine Haltung hatte jeglichen Stolz eingebüßt. Er saß schlaff auf dem Rücken des kleinen Ponys, das schwer unter seiner Last zu tragen hatte. Er war beinahe zur unmenschlichen Karikatur seiner selbst geworden.

Besonders heute sah er kaum wie ein Weißer aus. Sein braunes Haar hing bis zur Mitte seines Rückens herab und wurde von einem roten Band zusammengehalten. Seine Haut war ebenso braun wie diejenige der acht gefesselten, halb nackten menschlichen Wesen, die in einer Reihe hinter ihm herstolperten. Obwohl es ein äußerst heißer Frühlingsmorgen war, trug Charles lange Wildlederhosen und ein Wams aus altem rissigem Leder. An seinem perlenverzierten Gürtel hingen zwei geladene Pistolen und zwei Messer. Über den Knien hielt er eine Muskete. Ein vorsichtiger Sklavenhändler und ein guter Schütze. Dies war die vierte Expedition, die Charles zu den Siedlungen der Tscherokesen an den Hügeln am Fuße des Berges unternommen hatte. Hätte er nicht ab und zu einige Indianer verkaufen können, wäre er längst ruiniert gewesen. Der kleine Handelsposten am Fluss brachte nicht genug Geld ein, obwohl die Agenten in Charles Town ihm alle Pelze abkauften, die er von jenen Stämmen bezog, deren Dörfer er ab und zu auch überfiel und plünderte.

Die acht Männer und Frauen, die sich alle mühsam in ihren Ketten dahinschleppten, waren nicht älter als dreißig. Es waren schöne dunkelhäutige Menschen mit schlanken Gliedern und dem schönsten schwarzen Haar, das er je gesehen hatte. Besonders das Mädchen war sehr attraktiv, dachte er. Bereits war ihm aufgefallen, dass sie ihn häufig anstarrte. Zweifellos verbarg sich hinter ihren großen, sanften Augen der Wunsch, ihm die Kehle durchzuschneiden. Charles hatte seinen Gefangenen den Rücken zugewandt, denn am Ende der Kolonne ritt ein Helfer, der ebenso schwer bewaffnet war wie er. Es handelte sich um einen bulligen Halbblutindianer, der offensichtlich von einem aus Florida kommenden Spanier gezeugt worden war.

Vor einem Jahr war er zum kleinen Handelsposten gestoßen. Er konnte bereits etwas Französisch. Er behauptete, sein einziger Ehrgeiz sei es, die feindlichen Stämme zu bekämpfen. Offenbar arbeitete er gern für Charles, vielleicht deshalb, weil es in Carolina an die dreißig verschiedene Stämme gab und die meisten Beutezüge gegeneinander unternahmen. Und somit war für das Halbblut, der sich selbst »König Sebastian« nannte, Beruf und Berufung ein und dasselbe. König Sebastian hatte das Gesicht eines Schurken, und wie viele andere Indianer liebte er es, sich wie ein Weißer herauszustaffieren. Heute trug er schmutzige Kniehosen, die früher einmal aus rosa Seide gewesen waren, einen flaschengrünen Brokatmantel, der offen über seine imposante schweißbedeckte Brust fiel, und einen riesigen, schlampigen, mit unechtem Geschmeide geschmückten Turban. König Sebastian fand Gefallen an seiner Arbeit. Immer wieder trieb er sein Pony neben die Gefangenen und stieß einen oder mehrere mit der Muskete ins Gesäß. In den meisten Fällen hatte dies hasserfüllte Blicke zur Folge, worauf das Halbblut giftig lachte und eine Warnung ausstieß, wie eben jetzt: »Aufgepasst, kleiner Bruder, oder ich brauche dieses Feuereisen, um aus dir weniger als einen Mann zu machen.«

»Auch du solltest aufpassen«, sagte Charles auf Französisch, nachdem er sein Pony angehalten hatte und die Kolonne vorbeiziehen ließ. Er stellte fest, dass die ohnehin finsteren Blicke der Gefangenen ungewöhnlich hasserfüllt waren. »Ich möchte meine Beute unversehrt am Auktionstisch abliefern.«

König Sebastian war nicht empfänglich für Kritik und ließ seinen Ärger an einem sich etwas langsam dahinschleppenden Gefangenen aus, dem er seine Reitpeitsche zu kosten gab. Charles ließ es widerwillig geschehen.

Mit dem Auktionstisch war die örtliche Versteigerung gemeint. Es handelte sich um eine geheime Versteigerung auf dem Land oberhalb von Charles Town. Seit mehreren Jahren war der Sklavenhandel mit Indianern in der Kolonie ein zwar illegales, aber ertragreiches und durchaus übliches Geschäft. Attraktiv daran war das relativ geringe Risiko. Charles hatte die Indianer in der Abenddämmerung, als sie auf einem kleinen Stück Land ihre Melonen anbauten, gefangen genommen. Dabei hatte er nur das Gewehr auf sie gerichtet. Die Tscherokesen waren sowohl Krieger als auch Bauern. Wenn man sie auf ihren Feldern am Fuß der Hügel erwischte, war es relativ einfach, sie gefangen zu nehmen. Natürlich war immer eine gewisse Gefahr damit verbunden. Auf der Wanderung zur Küste starben nur wenige Indianer, wohingegen viele von den über Bridgetown aus Afrika gebrachten Schwarzen auf der langen Seereise umkamen. Außerdem konnte man sich kaum am Afrikagewerbe beteiligen, wenn man nicht Schiffe oder wenigstens etwas Kapital besaß. Aber alles, was Charles sein Eigentum nennen konnte, war sein kleiner Handelsposten, sein Pony und seine Gewehre.

Die Hitze nahm zu, und Schwärme von winzigen Insekten überfielen die sich durch sandige Hügel schlängelnde Prozession der Gefangenen. Die Temperatur und die wie Kleckse aussehenden Wälder am Horizont waren für Charles ein Hinweis, dass sie sich dem Küstengebiet näherten. Eine Nacht und einen halben Tag noch, und sie würden seinen Handelsposten erreichen, wo Jeanne wartete. Er fühlte sich jedes Mal ruhelos auf diesen Streifzügen. Heute jedoch war er mehr als nur wachsam, er war gereizt. Es fiel ihm auf, dass das Mädchen ihn wiederum anstarrte. Wartete sie auf einen günstigen Augenblick, in dem sie den Männern ein Zeichen geben konnte, sich davonzumachen? Er zügelte sein Pony und ritt für den Rest des Nachmittags neben König Sebastian einher.

In der Nacht zündeten sie ein Lagerfeuer an, nicht um sich daran zu wärmen, sondern um die Insekten fernzuhalten. König Sebastian übernahm die erste Wache. Charles legte sich ausgestreckt hin; seine Waffen lagen griffbereit auf seiner Brust. Träge und schläfrig begann er darüber nachzudenken, wie er wieder zu Vermögen kommen könnte. Er musste anders vorgehen. Die Tatsache, dass Soll und Haben ausgeglichen waren, brachte kein Geld ein. Abgesehen davon war die Abgeschiedenheit des Postens für Jeanne in ihrem bedauerlichen Geisteszustand nicht bekömmlich. Sie hatte etwas Besseres verdient, und er wollte es ihr geben. Er liebte sie tief. Aber man musste praktisch denken. Auch wenn es ihm gelang, wieder Grundbesitz zu erwerben, stellte sich die Frage, wer ihn erben sollte. Seine arme Frau, der er treu geblieben war – das einzige Positive in seinem Leben –, war nicht nur verrückt, sie war unfruchtbar.

Er war beinahe eingeschlafen, als ein Kettenklirren ihn aufschreckte. Seine Augen öffneten sich genau in dem Augenblick, als König Sebastian einen Warnschrei ausstieß. Auch er war eingeschlafen, wie man aus seiner sitzenden Haltung und der hektischen Art und Weise, mit der er nach der Muskete griff, schließen konnte. Die acht Indianer, die an den Fuß- und Handgelenken aneinandergekettet waren, stürzten in einer Reihe auf ihre Häscher los. Das Mädchen, als Dritte von rechts, wurde mitgeschleppt. Sie musste direkt über das Feuer springen. Voller Entsetzen griff Charles nach einer seiner Pistolen. Gott im Himmel, bitte lass das Pulver nicht von der Nachtluft feucht sein! Die Pistole ging nicht los. Er schnappte die nächste. Der Tscherokese am linken Ende der Reihe war mit einem Stein bewaffnet. Er schleuderte ihn auf König Sebastian, der eben versuchte, sowohl auf die Knie zu kommen als auch mit seiner Muskete zu zielen. Er duckte sich, aber der Stein traf ihn an der rechten Schläfe. Es war nicht schlimm, aber als seine Muskete endlich losging, verpuffte das Pulver sinnlos in der Dunkelheit. Einer der Angreifer wollte Charles eben seinen nackten Fuß auf den Hals setzen, und er hätte ihn erdrosselt, wenn Charles sich nicht blitzartig auf die linke Seite gerollt, seine rechte Hand erhoben und abgedrückt hätte. Die Kugel durchbohrte den Unterkiefer des Indianers und fegte einen Teil seines Schädels weg. Ein fürchterlicher Anblick, der den Mut der Angreifer brach, obwohl der Kampf nicht sofort aufhörte. Charles war gezwungen, einen zweiten Indianer zu erschießen, und König Sebastian tötete einen weiteren mit seiner Muskete, bevor die vier anderen das Mädchen und die Toten zurückzogen. Das Haar des einen Leichnams streifte die glühenden Kohlen und fing Feuer.

Charles zitterte. Er war schwarz von Dreck und Pulver und vom Blut und Hirn des ersten Indianers bespritzt. Zum Abendessen hatte er stark gesalzenes Wildfleisch gekaut, das ihm jetzt Magenprobleme bereitete. Als er wieder hinter dem Gebüsch hervortrat, fand er einen offensichtlich erschütterten König Sebastian vor, der die noch lebenden Indianer auspeitschte. Er hatte die drei Toten von den Ketten befreit, jedoch ohne lange nach den Schlüsseln für die Handschellen zu suchen, er hatte einfach zum Messer gegriffen. Irgendwo im Dunkeln machten sich bereits Geier über die Körper her. Das Halbblut riss den Kopf des Mädchens an den Haaren hoch. »Ich denke, die Hure hat auch eine Strafe verdient.«

Einen Augenblick lang konnte Charles hinter dem verrutschten Mieder des Fellkleides die dunklen Brüste des Mädchens sehen. Der Anblick rührte ihn. Ihre Brüste waren voll und kräftig. Lauernd sah sie König Sebastian an und änderte ihre Haltung, sodass das Kleid wieder saß und ihren Körper bedeckte. Charles packte seinen Helfer am Handgelenk, als dieser eben zugreifen wollte. Im Schein des Feuers sah sein blutverschmiertes Gesicht wie dasjenige eines Tscherokesen in voller Kriegsbemalung aus.

»Du bist derjenige, der bestraft werden sollte«, sagte Charles. »Du bist auf der Wache eingeschlafen.«

König Sebastian sah aus, als ob er jeden Augenblick über seinen Arbeitgeber herfallen würde. Charles sah ihn unverwandt an.

Obwohl das Mädchen das Französisch des großen Mannes nicht verstehen konnte, verstand sie den Sinn seiner Worte. Sie wagte nicht zu lächeln, aber ihre Augen leuchteten kurz vor Dankbarkeit auf. Eine Minute verging. Dann eine weitere. Das Halbblut verscheuchte eine Mücke, die auf seinem Hals saß, und blickte weg. Und damit war die Sache erledigt.

Aber nicht für Charles. Die ganze Angelegenheit hatte ihn tief erschüttert. König Sebastian löste ihn wieder mit der Wache ab, doch Charles konnte nicht einschlafen. Die Berührung mit dem Tod hatte ihn an seine Kinderlosigkeit erinnert. Drei Brüder waren als Kinder gestorben. Eine Schwester war zu Beginn der Unruhen in Frankreich über die Pyrenäen geflohen. Er war der letzte Mann seines Geschlechts. Als er schließlich doch in Schlaf sank, hatte er merkwürdige Träume von den fruchtbaren Feldern der Tscherokesen und den Brüsten der Indianerin.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages gelangten sie zur Handelsstation am Cooper, einem der beiden nach Anthony Ashley Cooper benannten Flüsse. Cooper, Graf von Shaftesbury, war einer der ersten Grundbesitzer in Carolina gewesen.

Jeanne ging es gut. Sie und Charles gingen eine halbe Stunde am Flussufer spazieren. Er hatte den Arm um sie gelegt. Sie plauderte wie ein Kind, und sie beobachteten einen Silberreiher, der im seichten Gewässer auf einem Bein balancierte. Jeanne hatte Besseres verdient – ein Haus und beschützende Dienstboten.

Am nächsten Morgen traf er die Vorbereitungen für die Reise zur Küste. Er wollte um die Mittagszeit mit den Indianern und einigen Fellen, die er für diesen Zweck aufbewahrt hatte, aufbrechen. Wie immer auf seinen Reisen zu der geheimen Auktion würde er die Hauptstraßen meiden, wo man ihn und seine Schmugglerware sehen könnte. Eine halbe Stunde vor seiner Abreise kam Jeanne aufgeregt und schreiend zu ihm gelaufen. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, doch bald kam auch König Sebastian. Er sah verängstigt aus und suchte verzweifelt nach den richtigen französischen Ausdrücken. »Wer kommt?«, unterbrach ihn Charles. »Herren? Provinzgouverneure? Ist es das, was du sagen willst?« Das erschrockene Halbblut nickte und zeigte fünf ausgestreckte Finger. »Viele.«

Die Nachricht schlug Charles auf den Magen. Blitzartig brachten sie die Gefangenen in den aus Palmettobaumstämmen und Zypressenbrettern gebauten Schuppen. Voller Panik kettete Charles die vier Männer und das Mädchen in einem der Ponyställe an, und König Sebastian knebelte sie. Wenn die Gefangenen auch nur einen Ton von sich gäben, würde der ganze Sklavenhandel auffliegen, und Charles wäre verloren. Die wilden Blicke der Gefangenen ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass dies ihre ganze Hoffnung war. Auf Befehl von Charles überprüfte das Halbblut die Knebel ein zweites Mal. Zu allem Übel war der wichtigste Gast ein Mitglied des Regierungsrats der Kolonie, ein eleganter Engländer namens Moore. Er bereiste – wie er es nannte – das »verdammte widerliche Hinterland« mit vier schwarzen Dienern. Der eine von ihnen schien alles aufs Genaueste zu beobachten, Moore war auf der Suche nach einem Stück Land für eine Sommerresidenz, fernab der fieberverseuchten Küste. Er blieb drei Stunden. Die ganze Zeit über konnte Charles seine Nervosität kaum verbergen. Einmal hörte er dumpfes Stampfen und Kettenrasseln aus dem Schuppen, aber Moore, der eben etwas erzählte, schien es nicht zu hören. Mit der den Engländern eigenen Arroganz erging er sich in einem Schwall von Kritik am Wetter, dem primitiven Landleben und an der Neuen Welt im Allgemeinen. Gegen vier Uhr, als die Hitze etwas nachgelassen hatte, machte er sich mit seinen Dienern wieder auf den Weg.

Charles schenkte sich einen großzügigen Gin ein, kippte ihn in zwei Schlucken, küsste Jeanne und eilte zum Schuppen. König Sebastian hielt vor der Tür Wache. Als er eintrat, sah er, wie die vier Männer dem Mädchen wütende Blicke zuwarfen. Ihr Knebel war heruntergerutscht. Sie hätte schreien können.

Sie starrte Charles wieder mit der ihr eigenen Intensität an, und endlich verstand er. Vielleicht hatte er sie bereits die ganze Zeit über verstanden, dies aber aus Schuldgefühlen und Rücksichtnahme auf Jeanne nicht wahrhaben wollen. Abrupt wandte er sich um und rannte in die gleißende Sonne hinaus. Der Sklavenhandel mit Indianern wurde langsam zu gefährlich. Auch am nächsten Morgen, als er verspätet zu seiner Reise aufbrach, hing er diesem Gedanken nach, der ihn auch auf den sumpfigen Pfaden bis zum Küstengebiet nicht losließ – als würde ein Kobold auf seinen Schultern mitreiten.

Die Verkaufsstelle befand sich in der Nähe der Palisade, die Charles Town umzäunte. Der Platz war sorgfältig ausgewählt worden, nicht so nah, dass man ihn leicht hätte entdecken können, und nicht so weit abseits, dass es in der Dunkelheit gefährlich gewesen wäre hinzugehen. Man konnte ihn in einem Zehnminutenritt entlang des Cooper erreichen. Ein halbes Dutzend Männer hatte sich bereits eingefunden, alles »snobistische Anglikaner«, wie Charles sie insgeheim nannte. Es waren Plantagenbesitzer aus dem Distrikt, die alle auf eine reiche Ernte hofften, um damit die Träume aus ihrer Einwanderungszeit zu verwirklichen. Doch bis dahin waren ihre Anstrengungen erfolglos geblieben. Die ganze Kolonie war ein misslungenes Unterfangen. Trotzdem behaupteten sie nach wie vor, dass das Leben in Carolina in mancher Hinsicht ideal sei. Sie nahmen den neuesten Stadtklatsch durch. Sie beglückwünschten Charles zu seinem Angebot, hielten sich aber nicht zu nahe bei ihm auf. Sein Geruch und seine Herkunft waren für sie eine Beleidigung.

Der aus Palmettoscheiten gezimmerte Verkaufstisch war von Fackeln umsäumt, die ein rauchiges Licht abgaben. Die Versteigerung wurde von einem dieser ehrwürdigen Herren durchgeführt, dafür erhielt er einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtverkaufssumme. Charles hatte gehört, wie sich der Mann in der Stadt über die Übel des Indianerhandels ausgelassen hatte. Solches Gerede war üblich. Die meisten der Anwesenden hatten mindestens schon einen Indianer besessen. Sie verurteilten die Versklavung von Menschen nicht, sie befürchteten höchstens eine mögliche Beeinträchtigung des Indianerhandels für den Fall, dass sich die verschiedenen Stämme einmal einmütig zur Wehr setzten. Sie hatten Angst vor einem Indianeraufstand, aber das hinderte sie nicht daran, an diesem Abend dabei zu sein. Verdammte Heuchler, dachte Charles.

Die vier Indianer wurden einer nach dem anderen verkauft. Der Preis stieg. Charles stand abseits, und sein Zorn schwand zusehends, als er – eine Tonpfeife rauchend – seinen Gewinn betrachtete. Er hörte den Gesprächen zu. Einer der Männer erwähnte, dass er seinen neu erworbenen Sklaven zur Abhärtung nach Westindien schicken würde, um den Willen des Mannes zu brechen. Ein anderer erörterte die neuen Erleichterungen beim Erwerb von Land, das an Flüsse und Bäche grenzte.

»Ja, aber was nützt Grundbesitz, wenn man die Pacht nicht bezahlen kann und es keine Ernte gibt, die anstelle von Bargeld angenommen wird?«

»Vielleicht gibt es jetzt eine Ernte«, sagte der erste Mann, der auffällig an einem kleinen prallen Sack herumhantierte. Die anderen traten neugierig hinzu. Auch Charles rückte etwas näher, um zuzuhören. Die Auktion wurde unterbrochen, während der Mann eine an ihn gerichtete Frage beantwortete. »Dies sind Samen. Aus Madagaskar. Von derselben Sorte, wie sie in den überbewässerten Stadtgärten so prächtig gedeiht.« Ein Mann zeigte aufgeregt auf den Samen. »Ist das jener Reis, den Captain Thurber letztes Jahr Dr. Woodward gegeben hat?« Thurber war der Kapitän eines kleinen Zweimasters, der in Charles Town überholt wurde. Charles hatte gehört, dass Reis mitgebracht worden war.

Der Mann steckte die Körner sorgfältig in seine Tasche. »Genau. Reis wächst in nassem Boden – das heißt, er ist darauf angewiesen. In der Stadt ist man ganz begeistert, weil er so vielseitig verwendbar ist. Alle wollen jetzt plötzlich Land kaufen, und es scheint, als sei für diese verdammten Sümpfe endlich eine Ertrag bringende Verwendung gefunden.«

Der Mann, der Zweifel hegte, meldete sich mit einer weiteren Frage. »Ja, aber welcher weiße Mann hält die Arbeit in Sumpf und Morast aus?«

»Kein einziger, Manigault. Dazu braucht es Männer, die an große Hitze und beinahe unerträgliche Arbeitsbedingungen gewöhnt sind.« Der Redner machte eine Kunstpause. »Afrikaner – und zwar bedeutend mehr, als derzeit in der Kolonie sind.«

Charles de Main hatte in Frankreich wegen seiner Religion schweres Leiden auf sich genommen. Die Heuchelei der Kirche, die Intrigen und Gemeinheiten von Leuten wie Emilion, und die Grausamkeiten, denen Jeanne ausgesetzt gewesen war, hatten jedoch seinen Glauben, der ihn ja in diese Feuerprobe geführt hatte, beinahe zerstört. Es war sein Wille gewesen, und nicht eine höhere Macht, der ihn trotz der glühenden Eisen der Folterer am Leben erhalten hatte. Zwar glaubte er immer noch an ein höheres Wesen, doch das Bild, das er sich davon machte, hatte sich geändert: Gott war gleichgültig. Er hatte keinen wohlwollenden Plan für den Kosmos oder dessen Kreaturen, wahrscheinlich hatte er überhaupt keinen Plan. Ein Mann sollte sich deshalb ausschließlich auf sich selbst verlassen. Sicher schadete es nicht, wenn man Gott ab und zu höflich die Ehre erwies, so wie man das auch mit einem altersschwachen Onkel tat, doch wenn es um die eigene Zukunft ging, tat ein weiser Mann besser daran, sein Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. Und doch geschah in dieser vom Feuer erhellten Lichtung, inmitten eines großen dichten Waldes mit dampfender, warmer Erde und Vogelgeschrei plötzlich etwas Merkwürdiges mit Charles. Sein alter Glaube flammte unvermutet mit ungeahnter Kraft wieder auf. Einen Augenblick lang spürte er intensiv die Anwesenheit einer außerirdischen Kraft, die ihn in genau diesem Augenblick an genau diese Stelle geführt hatte. Und in diesem Augenblick gab er seinem Leben eine neue Richtung. Nicht einen Schilling von seinem Verdienst würde er wieder in die Handelsstation investieren. Was immer er auch einem jener Winkeladvokaten zahlen musste, um zu erfahren, wie er hier, näher am Meer, ein Stück Land pachten könnte, er würde es bezahlen. Er wollte noch mehr über die Samen aus Madagaskar in Erfahrung bringen. Er war ein Mann, der das Land bearbeitet hatte, und wenn er Wein anbauen konnte, dann auch Reis. Doch das Hauptproblem blieb die Feldarbeit. Charles kannte die Ungastlichkeit dieser Landstriche. Er würde es nicht einen Monat aushalten, brusttief in verseuchtem Wasser zu arbeiten, ganz abgesehen von den Alligatoren. Die Antwort war klar: ein Negersklave. Zwei, wenn sein Verdienst ihm das gestatten würde. Mit der verzerrten Logik von jemandem, der sich schuldig fühlt und den Beweis zu seiner Entlastung erbringen muss, hatte Charles sich bis jetzt immer als einen Mann betrachtet, der zwar Sklaven verkaufte, ohne jedoch das System unterstützen zu wollen. In seinem Innersten schreckte er davor zurück. Überdies wusste er nie, was mit den Indianern, die er verkaufte, eigentlich geschah. Vielleicht – so rechtfertigte er sich mit einiger Spitzfindigkeit – wurden sie später vom Besitzer freigelassen? Doch jetzt konnte er sich kein Gewissen mehr leisten. Er selbst musste mindestens einen erstklassigen Neger sein Eigen nennen können. Es war eine Frage der Wirtschaftlichkeit, des Überlebens. Ein Mann tat, was er tun musste.

»Meine Herren«, rief der Versteigerer. »Die vielen Gespräche lenken uns vom besten Angebot des heutigen Abends ab.«

Er stieg auf den Tisch, hob das Fellkleid des Mädchens hoch und zeigte auf ihre Geschlechtsteile. Die Männer schienen plötzlich sehr aufmerksam.

Ein Mann tat, was er tun musste. Charles wurde auf einmal klar, dass dies auch auf das Problem der Nachfolge zutraf. Sollte es ihm gelingen, in Carolina sein Vermögen wiederaufzubauen – und jetzt endlich gab es einen Hoffnungsschimmer, etwas, das er seit zwei Jahren nicht mehr gekannt hatte –, dann musste er sich mit gewissen Tatsachen abfinden. Er hatte nicht die Absicht, seine geliebte Jeanne zu verlassen. Er konnte es sich aber auch nicht mehr leisten, es mit der ehelichen Treue ganz genau zu nehmen.

»Meine Herren, wer macht das erste Angebot für diese anmutige Squaw? Wer bietet mir einen Preis von –?«

»Aufhören.« Charles stieß die Menge mit kräftigen Händen beiseite. »Was ist, Main?«, fragte der Versteigerer. Die Herren, die Charles zur Seite gestoßen hatte, wischten sich den Staub von den Ärmeln und machten höhnische Bemerkungen. Er mochte zwar ein Protestant sein, aber er war auch ein Grobian. Was hätte man auch anderes von einem Franzosen erwarten können!

In aufrechter Haltung wie früher blickte Charles auf den überraschten und leicht verärgerten Versteigerer. »Ich habe mich anders entschieden. Sie wird nicht verkauft.« Langsam lenkte er seinen Blick auf das Mädchen. Der Versteigerer ließ das Kleid fallen. Sie sah Charles mit ihren großen Augen unverwandt an. Sie verstand.

Natürlich war ihm klar, dass es besser war, nicht in Charles Town zu übernachten. Nicht einmal die allerschmutzigsten Herbergen an der Spitze der Halbinsel, dort wo die beiden Flüsse zusammenkamen und sich in den Ozean ergossen, würden einen weißen Mann mit einer Indianerin, die offensichtlich nicht seine Sklavin war, aufnehmen. Stattdessen fand er eine abgeschlossene Lichtung nicht weit von der Palisade. Trotz der Gefahr von Schlangen und Insekten breitete er seine Leintücher aus, stellte seine geladenen Schusswaffen in Reichweite, legte sich neben das Mädchen in die heiße, feuchte Dunkelheit und nahm sie.

Er kannte nur einige wenige Worte in ihrer Sprache, und keines davon war zärtlich. Doch sie wusste um seine Bedürfnisse und wollte, dass er sie berührte. Von Anfang an hatte sie nur eines gewollt: seinen Mund auf ihrem Mund und seine Hand auf ihrem Bauch. Er hatte es in ihren Augen lesen können, aber nicht verstanden. Charles war ein ausgezeichneter Liebhaber, und er hatte seine Kunst nicht ganz vergessen. Jeannes Treue und ihr Bedürfnis nach Rücksichtnahme hatten dafür gesorgt. Doch bald ging sein anfänglich ruhiger und etwas träger Rhythmus in schnellere, gezieltere Körperbewegungen über. Seine Erregung steigerte sich. Diejenige des Mädchens auch. Ihr passives Vergnügen wurde zur aktiven Leidenschaft. Auf der feuchten, fruchtbaren Erde, inmitten einer Vielfalt von summendem und kreischendem Leben, unter einem nachtschwarzen von tausend Sternen übersäten Himmel hielten sie sich eng umschlungen. In jener Nacht pflanzte er seinen Samen ebenso zielbewusst, wie er dies mit jenem neuartigen Samen tun würde, mit dessen Ernte er das künftige Mainvermögen aufbauen wollte.

Zu jener Zeit bestand Charles Town aus weniger als hundert einfachen Wohn- und Geschäftshäusern. Viele der Männer aus Barbados redeten davon, jene für ihre Insel typischen, geräumigen und luftigen Häuser zu bauen. Doch dazu bedurfte es einer besseren wirtschaftlichen Situation und einer Erfolg versprechenden Zukunft. Noch umgab sich das Städtchen aber mit einer Vornehmheit, die offenkundig vorgetäuscht war, und wirkte deshalb schäbig.

Charles sah all das am nächsten Morgen mit anderen Augen. Ein erfrischender Wind blies von Nordwesten. Er schlenderte zum Kai, das Indianermädchen folgte einen Schritt hinter ihm. Seine Haltung hatte sich geändert. Er strahlte jetzt Sicherheit und Kraft aus. Charles war sich der verachtenden Blicke, die ihm folgten, bewusst. Eine Liaison mit einer Farbigen, ob braun oder schwarz, war gestattet, es war jedoch etwas anderes, dies öffentlich zur Schau zu stellen. Nach einer Weile brachte ihn die Haltung der Bewohner auf einen neuen Gedanken. Die meisten Einwohner Carolinas waren in Bezug auf ihre Herkunft extreme Snobs. Wenn bekannt wurde, dass sein Kind ein halber Tscherokese war, würden sie weder ihn noch seine Nachkommen jemals in ihren Kreis aufnehmen, egal wie viel Geld er haben mochte oder wie blaublütig seine eigene Abstammung war.

Charles wusste, dass das Indianermädchen schwanger werden würde. Er musste irgendwo im Hinterland eine Blockhütte für sie finden und dafür sorgen, dass niemand außer ihm und vielleicht König Sebastian sie zu Gesicht bekam. Dann konnte er Jeanne mitteilen, dass er die Absicht habe, einen Knaben zu adoptieren. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass die Indianerin einem Sohn das Leben schenken würde. Ebenso wenig zweifelte er an seiner Fähigkeit, mit ihrem Zorn fertigzuwerden, wenn er ihr das Kind wegnahm. Er war ein Mann, das war ein Vorteil. Er war ein Weißer – ein weiterer Vorteil. Er konnte notfalls Gewalt anwenden, wenn es so weit kommen sollte. Es gab wenig, zu dem Charles nicht bereit war, den Fortbestand seines Geschlechts zu sichern. Später würde er vor Fremden den Knaben als Waisen seiner Schwester ausgeben.

Dieser Plan erregte sein Gemüt, und es gelang ihm nicht, seine Reaktion zu verbergen. Das Mädchen ging nun neben ihm. Sie bemerkte sein unvermutetes, hartes Lächeln, das ebenso schnell wieder verschwand. Er sah ihren fragenden Blick. Zärtlich berührte er ihren Arm und sah sie auf eine Art an, die sie offensichtlich als Beruhigung empfand. Sein schnelles, geräuschvolles Atmen normalisierte sich wieder, und sie schritten weiter.

Er erkundigte sich über Schiffe, die Negersklaven zu verkaufen hatten, und erfuhr, dass erst in drei Wochen eins erwartet wurde. Das einzige Schiff, das Beachtung verdiente, gehörte einem Geschäftsmann aus Bridgetown und hatte nur wenige Passagiere an Bord. Es trug den Namen Möwe von Portsmouth. Charles ging an einer Gruppe von fünf jungen Männern vorbei, die offensichtlich von der Aussicht des Hafens fasziniert waren. Er war schon vielen ihrer Art begegnet: Schiffsjungen. Sie machten alle einen geschlagenen Eindruck, mit einer Ausnahme. Ein untersetzter Bursche mit breiten Schultern, hellbraunem Haar und Augen, die wie Eis in der Sonne glitzerten. Sein Gang drückte einen gewissen Stolz aus. Da sie beide in entgegengesetzte Richtungen gingen, sahen sie einander nur kurz an. Der Schiffsjunge wunderte sich über den Mann mit den primitiven Kleidern, der aristokratischen Haltung und dem sprießenden Bart. Der ehemalige Sklavenhändler und zukünftige Sklavenbesitzer fragte sich, wie jemand sich freiwillig in solche Knechtschaft begeben konnte. Ein Matrose lehnte über die Reling des Schiffes. »Zurück an Bord, Jungs. Die Flut kommt. In Penn’s Town werdet ihr schönere Dinge blöd angucken können.« Die Burschen eilten aufs Schiff zurück, und der groß gewachsene Aristokrat verschwand langsam in der Menge; das Tscherokesenmädchen folgte ihm mit bewundernden Augen. Beide Männer hatten einander im strahlenden Morgenlicht bereits vergessen.

Erstes Buch

Der Ruf der Trommeln

… in zukünftigen Kriegen muss die Nation ihr Augenmerk auf die Militärakademie richten; dort findet sich das Talent, das Heldenmut zum Sieg führt.

John C. Calhoun, US-Kriegsminister, zu Sylvanus Thayer,

Direktor der US-Militärakademie, 1818

1

»Hilfe gefällig, um das an Bord zu bringen, junger Herr?« Der Stauer lächelte zwar, aber in seinen Augen war keine Spur von Freundlichkeit, sondern reine Geldgier. Kurz vorher hatte der Fahrer des Astor House Passagier-Wagens den zerbeulten Koffer auf den Pier geschmissen. Orry hatte ihn an dem einzigen noch unbeschädigten Seilgriff gepackt und sorgfältig einige Meter weit geschleppt, bevor der Stauer sich zwischen ihn und das Fallreep gestellt hatte.

Es war ein herrlicher, windstiller Morgen im Juni 1842. Orry war bereits nervös wegen des ihm bevorstehenden Tages, und das falsche Lächeln des Stauers sowie dessen kalter Blick trugen nicht eben zur Besserung seiner Stimmung bei. Genauso wenig wie der Anblick der beiden lässig in der Nähe stehenden Kumpane. Nervosität und Feigheit sind jedoch nicht ein und dasselbe, und Orry hatte nicht die geringste Absicht, den ersteren in letzteren Zustand überwechseln zu lassen. Man hatte ihn davor gewarnt, dass es in New York nur so von Schwindlern aller Art wimmelte, und offensichtlich war er jetzt einem von ihnen begegnet. Er nahm seinen großen, feschen Filzhut ab und wischte sich die Stirn mit einem Leinentaschentuch, das er dem Innenband des Huts entnahm.

Orry Main war sechzehn Jahre alt und fast einen Meter neunzig groß. Seine Schlankheit unterstrich seine Größe und verlieh seinen Bewegungen eine gewisse Anmut. Er hatte ein lang gezogenes, ebenmäßiges Gesicht und einen Teint, der verriet, dass er sich viel in der Sonne aufhielt. Seine Nase war schmal und aristokratisch, seine braunen Haare leicht gewellt. Die ebenfalls braunen Augen lagen eher tief. Wenn er nicht gut geschlafen hatte, so wie vergangene Nacht, zeigten sich Ringe unter den Augen. Diese Schatten verliehen seinem Gesicht einen Anstrich von Melancholie. Von Natur aus war er jedoch nicht melancholisch, wie sein häufiges Lächeln bewies. Trotzdem war er ein eher bedächtiger junger Mann, der meistens innehielt, um erst mal nachzudenken, bevor er eine wichtige Entscheidung traf. Der Stauer setzte ungeduldig einen Fuß auf den Koffer.

»Mann, ich habe Sie gefragt, ob …«

»Ich habe Sie verstanden, Sir; ich kann selbst mit dem Koffer fertigwerden.«

»Man höre sich das an«, spottete einer der anderen beiden Stauer. »Woher kommst du denn, Bauer?« Es war Orrys Akzent, der ihn verriet, denn seine Kleider sahen nicht aus, als ob er vom Land käme. »Aus South Carolina.« Sein Herz klopfte. Die drei Männer waren stark und derb. Aber er wollte nicht klein beigeben. Er langte nach dem Griff. Der erste Stauer packte ihn am Handgelenk.

»O nein, entweder wir bringen ihn aufs Schiff, oder Sie reisen ohne den Koffer nach West Point.«

Orry war verblüfft, sowohl über die Drohung als auch über die Leichtigkeit, mit der man sein Reiseziel erkannt hatte. Er brauchte Zeit, um nachzudenken, Zeit, um sich zu sammeln, damit er besser mit diesen Lümmeln umgehen konnte. Er schüttelte die Hand des Stauers ab und setzte seinen Hut wieder auf. Drei weibliche Passagiere, zwei hübsche Mädchen und eine ältere Dame, hasteten vorbei. Die konnten ihm sicher nicht helfen. Dann kam ein kleiner uniformierter Mann über die Gangway, wahrscheinlich ein Schiffsbeamter. Ein knapper Wink des Stauers genügte, und der Beamte blieb stehen. »Wie viel kostet das Verladen?«, fragte Orry. Irgendwo hinter ihm klapperten Pferdehufe über das Pflaster und Wagenräder kreischten. Er hörte Gelächter, fröhliche Stimmen. Weitere Passagiere.

»Zwei Dollar.«

»Das ist etwa achtmal zu viel.«

Der Stauer grinste. »Mag sein, schlauer Bursche, aber das ist der Preis.«

»Wenn’s dir nicht passt, dann geh und beklag dich beim Bürgermeister«, sagte der zweite Stauer. »Beklag dich doch bei Bruder Jonathan.« Die drei lachten. Im Volksmund nannte man den Staat Bruder Jonathan.

Orry schwitzte vor Nervosität und Hitze. Er bückte sich, um erneut nach dem Koffer zu greifen. »Ich weigere mich, Ihnen auch nur einen –« Der erste Stauer rempelte ihn an. »Dann bleibt der Koffer eben hier.«

Orry versuchte, seine Angst hinter einem strengen Blick zu verbergen. »Sir, fassen Sie mich nicht wieder an.« Doch die Worte bewirkten genau das Gegenteil. Ungeschickt versuchte der Stauer, Orry zu schütteln. Als Antwort rammte Orry dem Stauer die Faust in den Magen.

»Aufhören!«, rief der Beamte und kam auf sie zu. Der zweite Stauer stieß ihn so unsanft zurück, dass er beinahe im Wasser gelandet wäre. Der erste Stauer packte Orry an den Ohren. Dann stieß er ihm das Knie in die Leistengegend. Orry taumelte rückwärts und prallte gegen jemanden, der offenbar in der Zwischenzeit hinzugetreten war und jetzt um Orry herumflitzte und mit geballten Fäusten auf die drei Stauer losstürmte. Ein junger Mann, kaum älter als Orry, wie dieser feststellte, als er sich wieder an der Schlägerei beteiligte. Ein kurz gewachsener, untersetzter Kerl, der scharfe Schläge austeilte. Orry sprang vor, schlug eine Nase blutig und erhielt dafür Kratzspuren von Fingernägeln auf die Wangen. Offenbar kämpfte man in den Docks wie in den Pionierzeiten. Der erste Stauer versuchte, seinen Daumen in Orrys Augen zu bohren, doch bevor er sein Ziel erreichen konnte, kam ein langer, mit einem Goldknauf versehener Spazierstock von rechts dazwischen. Der Knauf sauste auf die Stirn des Stauers nieder, der aufschrie und rückwärtstaumelte.

»Schufte!«, brüllte ein Mann. »Wo bleiben die Ordnungshüter?«

»William, reg dich bitte nicht auf«, sagte eine Frau. Der untersetzte junge Mann sprang auf Orrys Koffer und wartete gelassen auf die Fortsetzung des Kampfes. Zwei Besatzungsmitglieder des Dampfers hatten sich nun zu dem Beamten gesellt. Die Stauer traten etwas zurück, betrachteten die veränderte Lage und entfernten sich eilends vom Pier, nicht ohne noch einige Flüche auszustoßen, die die Atemfrequenz der beiden eben angekommenen Damen beträchtlich beschleunigten.

Orry holte tief Luft. Der junge Mann sprang vom Koffer herunter. Seine eleganten Kleider waren kaum in Unordnung geraten. »Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe, Sir.« Die Höflichkeit gestattete Orry, seine Nervosität gegenüber den Yankees – und offensichtlich wohlhabenden Yankees zu verbergen.

Der junge Mann grinste. »Fast hätten wir sie geschlagen.«

Auch Orry lächelte. Sein Gegenüber reichte ihm knapp bis an die Schulter. Obwohl er nicht dick war, machte sein Körper einen massigen Eindruck. Sein Gesicht hatte die Form eines großen U. Er hatte seinen Hut verloren, und das braune Haar – es war etwas heller als dasjenige von Orry – wies einige sonnengebleichte Strähnen auf. Die blassblauen Augen wirkten nicht streng, sondern strahlten einen humorvollen Glanz aus. Auch das Lächeln erweckte diesen Eindruck, obwohl jemand, der den jungen Mann nicht mochte, es sicher als frech bezeichnet hätte.

»Wir haben sie geschlagen«, sagte Orry.

»Unsinn«, sagte ein beleibter, blässlich aussehender Mann, der drei oder vier Jahre älter war als Orrys Retter. »Sie hätten beide verletzt oder gar getötet werden können.«

Der junge Mann wandte sich Orry zu. »Das Gefährlichste, das mein Bruder je tut, ist Fingernägel schneiden.« Die Frau, die sich vorher bemerkbar gemacht hatte, klein, etwa in den Vierzigern, sagte: »George, bitte, sei nicht unverschämt Stanley gegenüber. Er hat recht. Du bist viel zu waghalsig.«

Es handelte sich also offensichtlich um eine Familie. Orry tippte mit den Fingern an den Hutrand. »Ob wir nun gewonnen oder verloren haben, Sie alle haben mich aus einer misslichen Lage befreit. Nochmals meinen Dank.«

»Ich helfe Ihnen mit dem Koffer«, sagte George. »Sie nehmen wohl dieses Schiff?«

»Ja, zur Militärakademie.«

»Sind Sie dieses Jahr einberufen worden?«

Orry nickte. »Ja, vor zwei Monaten.«

»Na so was«, sagte George und grinste wieder, »ich auch.« Dann streckte der junge Mann Orry die Hand entgegen. »Ich heiße George Hazard und komme aus Pennsylvania. Aus einer kleinen Stadt, von der Sie sicher noch nie etwas gehört haben: Lehigh Station.«

»Orry Main. Aus Saint George, South Carolina.«

Sie blickten einander an, als sie sich die Hände schüttelten. Orry hatte den Eindruck, dass dieser kampflustige Yankee sein Freund werden würde.

Einige Schritte weiter weg schimpfte Georges Vater mit dem Beamten, der während der Auseinandersetzung tatenlos zugesehen hatte. Der Beamte wies lauthals darauf hin, dass er für diesen Pier nicht zuständig sei, das sei öffentlicher Grund und Boden. Der älteste Hazard rief: »Ich habe mir Ihren Namen notiert, und ich versichere Ihnen, dass es eine Untersuchung des Falles geben wird.«

Finsteren Blickes gesellte er sich wieder zu seiner Familie. Seine Frau besänftigte ihn, indem sie einige Worte murmelte und ihn sanft tätschelte. George räusperte sich und stellte mit gesitteter Miene die Familienmitglieder vor. William Hazard war ein ernster, beeindruckender Mann, mit scharfen, klaren Gesichtszügen. Abgesehen von den Eltern und den beiden älteren Söhnen gab es noch eine Tochter, Virgilia – das älteste der Kinder, wie Orry vermutete – und einen etwa sechs- oder siebenjährigen Jungen. Seine Mutter nannte ihn William, für die anderen hieß er Billy. Der Junge fummelte an seinem hohen Kragen herum, der dauernd seine Ohrläppchen streifte. Alle Männer, auch Orry, trugen einen ähnlichen Kragen. Billy starrte seinen Bruder mit unverhohlener Bewunderung an.

»Da Stanley der Älteste ist, wird er die Eisenwerke übernehmen«, erklärte George, als er und Orry den Koffer auf den Dampfer schleppten. »Es war von jeher klar, dass er nie etwas anderes tun würde.«

»Eisen, haben Sie gesagt?«

»Ja, das produziert unsere Familie bereits seit sechs Generationen. Früher hieß die Firma ›Hazard Werke‹, aber mein Vater hat den Namen in ›Hazard Eisen‹ umgewandelt.«

»Mein älterer Bruder wäre fasziniert. Er interessiert sich für alles Wissenschaftliche oder Technische.«

»Sind Sie auch der Zweitälteste?«, fragte Georges Vater, der mit der restlichen Familie an Bord gekommen war.

»Ja, Sir. Mein Bruder Cooper hat den Ruf an die Akademie abgelehnt, so gehe ich an seiner Stelle.« Weiter sagte er nichts. Es hatte keinen Sinn, über Familienstreitigkeiten zu reden und Fremden mitzuteilen, dass Cooper, den Orry bewunderte, seinen Vater dauernd mit seiner selbstständigen Art ärgerte und enttäuschte.

»Dann sind Sie also der Glückliche«, bemerkte Hazard senior und stützte sich auf seinen Stock. »Man sagt, dass die Akademie eine Zufluchtsstätte für Aristokraten ist, aber das ist falsch. In Wirklichkeit vermittelt die Akademie die beste wissenschaftliche Ausbildung in ganz Amerika.« Er betonte jeden Satz, indem er lange Pausen einschaltete. Der Mann spricht wie ein Staatsmann, dachte Orry.

Die Schwester von George trat vor; eine ernste junge Frau von etwa zwanzig Jahren. Ihr eher kantiges Gesicht wies einige unschöne Pockennarben auf. Sie war nicht gerade schlank und etwas zu drall für das taillierte, mit Puffärmeln versehene bestickte Batistkleid. Sie trug Handschuhe und eine mit Blumen verzierte Tasche. Miss Virgilia Hazard sagte: »Darf ich Sie bitten, Ihren Vornamen zu wiederholen, Mr. Main?«

Er konnte verstehen, wieso sie nicht verheiratet war. »Orry«, sagte er und buchstabierte. Er erklärte, dass seine Vorfahren zu den ersten Siedlern in South Carolina gehört hatten, und dass er der Dritte seines Geschlechtes war, der diesen Namen trug. Es war eine Verballhornung von Horry, ein bei den Hugenotten üblicher Name, wobei das H am Anfang stumm war. Die dunklen Augen von Virgilia blickten herausfordernd. »Darf ich erfahren, welchen Geschäften Ihre Familie nachgeht?« Er fühlte sich sofort in die Defensive gedrängt und wusste, worauf sie aus war.

»Wir sind Besitzer einer Reisplantage, Ma’am. Sie ist recht groß und sehr ertragreich.« Es wurde ihm bewusst, dass seine Beschreibung überflüssig und großspurig war: Er fühlte sich offensichtlich angegriffen.

»Ich nehme an, dass Sie in diesem Fall auch Sklaven haben?«

Sein Gesicht war jetzt sehr ernst. »Ja, Ma’am, mehr als hundertfünfzig. Ohne Sklaven könnten wir keinen Reis anbauen.«

»Solange der Süden Sklaverei betreibt, Mr. Main, wird er unterentwickelt bleiben.«

Die Mutter berührte ihre Tochter am Arm. »Virgilia, dies ist weder der Ort noch die Zeit für eine derartige Diskussion. Deine Bemerkung war unhöflich und unchristlich. Du kennst diesen jungen Mann kaum.«

Sie blinzelte, offenbar die einzige Form von Entschuldigung, die Orry erhalten würde.

»Besucher von Bord, Besucher von Bord bitte!« Ein schriller Glockenton ertönte. George wirbelte herum, umarmte Billy, seine Mutter und seinen Vater. Er schüttelte dem langweiligen Stanley die Hand und verabschiedete sich nur knapp von Virgilia.

Bald darauf wurde der Anker gelichtet. Die Familie winkte vom Pier aus und verschwand schließlich aus der Sicht, als das Schiff stromaufwärts fuhr. Die beiden Reisenden sahen einander an, und es wurde ihnen klar, dass sie jetzt ganz auf sich gestellt waren.

Der siebzehnjährige George Hazard glaubte, sich bei dem jungen Mann aus dem Süden für das Verhalten seiner Schwester entschuldigen zu müssen. Er verstand seine Schwester nicht, nahm jedoch an, dass sie es der Welt übel nahm, dass sie nicht als Mann – mit dessen Rechten und Chancen – geboren worden war. Ihre Wut machte sie zum sozialen Außenseiter; sie war zu direkt, um einen Verehrer zu finden.

Auch verstand der junge Pennsylvanier die Ansichten seiner Schwester nicht. Er hatte sich nie die geringsten Gedanken über Sklaverei gemacht. Sie war eine Tatsache, obwohl viele sie abschaffen wollten. Auf keinen Fall würde er deswegen diesen jungen Burschen verurteilen.

Das Schaufelrad des Dampfers ließ das sonnenbeschienene Wasser aufschäumen. Die Hafenanlagen und die Gebäude von New York verschwanden aus dem Blickfeld. George sah Orry verstohlen an. Einerseits erinnerte er ihn an Stanley. Denke, bevor du handelst. Und doch gab es einen wesentlichen Unterschied: Orry hatte ein echtes, natürliches Lächeln. Stanleys Lächeln hingegen war geziert und gezwungen.

George räusperte sich. »Meine Schwester war frech zu Ihnen.« Er bemerkte, wie Orrys Schultern sich spannten, doch schien ihn der Klang seiner Worte zu beruhigen. »Ist sie für die Abschaffung der Sklaverei?«, fragte Orry.

»Ich glaube nicht. Auf jeden Fall ist sie keine aktive Gegnerin, obwohl ich ihr das zutrauen würde. Ich hoffe, Sie nehmen ihre Bemerkung nicht persönlich. Virgilia wäre wohl mit jedem aus Ihrer Gegend unverschämt. Wahrscheinlich sind Sie der erste Südstaatler, dem sie begegnet ist. Es gibt nicht viele in Pennsylvania, und ich kann nicht behaupten, selbst mal einen getroffen zu haben.«

»In der Akademie werden Sie reichlich Gelegenheit dazu haben.«

»Schön. Ich möchte gerne wissen, wie sie wirklich sind. Sehen Sie, ich hab so meine Vorstellungen.«

»Und wie sind diese Vorstellungen?«

»Leute aus dem Süden essen Schweinefleisch und Kohl, kämpfen mit dem Messer und misshandeln die Nigger.«

Obwohl sich Orry durch diese Beschreibung verletzt fühlte, merkte er doch, dass sie humorvoll gemeint war. »Das alles trifft zwar für einige Südstaatler zu, aber beileibe nicht für alle. So entstehen Missverständnisse, nehme ich an.« Er dachte kurz nach. »Aber ich habe mir auch ein Bild von den Yankees gemacht.«

George grinste. »Das dachte ich mir. Wie sieht es aus?«

»Ein Yankee möchte am liebsten laufend etwas Neues erfinden und ist darauf aus, seinen Nachbarn vor Gericht auszustechen. Er ist vorlaut, versucht jedem seine Taschenmesser oder Blechwaren anzudrehen, und am allerliebsten schröpft er andere Leute.«

George lachte laut. »Ich bin einigen von dieser Sorte begegnet.«

»Mein Vater sagt, dass die Yankees jetzt versuchen, das Land zu regieren.«

Das konnte George nicht durchgehen lassen. »Auf die Art und Weise, wie dies Virginia während so vielen Jahren getan hat?«

Orry legte die Hände auf die Reling. »Sehen Sie –«

»Nein, sehen Sie da!« Wenn sie Freunde werden sollten, musste George das Thema sofort wechseln. Er deutete auf das Heck, wo zwei junge Damen unter einem Sonnenschirm kicherten. Die ältere Dame, in deren Begleitung sie waren, war auf einer Bank eingenickt.

George hatte zu Hause bereits zweimal mit einem Mädchen geschlafen und fühlte sich deshalb sehr weltmännisch. »Sollen wir sie ansprechen?« Orry wurde rot und schüttelte den Kopf. »Wenn Sie möchten, ich bleibe hier. Es liegt mir nicht besonders, Damen den Hof zu machen.«

»Tun Sie es nicht gerne?«

»Ich weiß nicht, wie«, gab Orry scheu zu.

»Nun, dann tun Sie gut daran, es zu lernen; Sie verpassen sonst das halbe Leben.«

George lehnte sich an die Reling. »Ich glaube, ich werde sie nicht ansprechen. Eine Romanze zwischen hier und West Point wäre nicht besonders praktisch.«

Er schwieg und gab schließlich seiner Angst nach, die, seitdem er von zu Hause weg war, zugenommen hatte. Seine Familie würde in New York bleiben; sein Vater, um einige Geschäfte zu erledigen, und die anderen, um Restaurants, Museen und Theater zu genießen. Er jedoch reiste einer ungewissen Zukunft entgegen. Und der Einsamkeit. Auch wenn er die spartanische Disziplin der Akademie überleben sollte, würde er seine Heimat erst in zwei Jahren wiedersehen. Die Kadetten hatten nur einen Diensturlaub, und zwar zwischen dem zweiten und dritten Jahr.

Natürlich musste er, bevor es so weit sein würde, eine Reihe von Hindernissen überwinden. Die Akademie war für harte Arbeit bekannt. Noch härter waren die Schikanen, denen die Neuankömmlinge vonseiten der Senioren ausgesetzt waren. Das Institut wurde deswegen des Öfteren kritisiert, und zwar meistens von Demokraten, die mit dem ganzen Konzept nicht einverstanden waren.

Das Schiff glitt stromaufwärts. Kein Anzeichen menschlicher Siedlungen an den Steilhängen der Ufer. Der Dampfer führte sie in die Wildnis. George freute sich, dass jemand da war, der dem gleichen Schicksal ausgesetzt war und der, sofern er sich nicht täuschte, unter den gleichen Zukunftsängsten litt.

2

Der Dampfer fuhr nordwärts, Richtung Hudson Highlands. Etwa gegen ein Uhr gelangte er in die Gegend von West Point. Orry sah sich gespannt nach dem Denkmal des bekannten polnischen Freiheitshelden Kosciusko auf dem Hügel um, doch es blieb hinter Laub versteckt.

Als das Schiff ins Norddock hineinmanövriert wurde, bot sich den beiden jungen Männern eine atemberaubende Aussicht auf die nach Norden drängende Schlucht des Hudson. Alte Gletscher hatten das Gebirge terrassenförmig ausgehöhlt und jene Berggipfel entstehen lassen, die Orry aus Büchern kannte: Am Ostufer, hinter ihnen, befand sich der Mount Taurus, Crow-Nest lag im Westen und etwas weiter flussaufwärts die Shawangunk-Kette.

»Dort hinten, bei Constitution Island, hatten die Amerikaner während der Revolution eine Hafensperre errichtet, um die Schifffahrt zu behindern. Dort oben, auf dem Gipfel, stand das nach dem britischen General benannte Fort Clinton, und dort drüben sind die Ruinen von Fort Putnam.«

»Du bist wohl sehr an Geschichte interessiert?«, fragte George spitz. »Ja, einige Mains haben während der Revolution gekämpft.«

»Nun, ich nehme an, dass auch einige Hazards gekämpft haben. Aber wir führen in Pennsylvania nicht Buch über solche Sachen.«

Georges Stimme klang gereizt. Hitze und Einsamkeit hatten wohl dazu beigetragen. Er wurde sich dessen bewusst und versuchte, witzig zu sein. »Oh, jetzt verstehe ich, weshalb du keine Zeit für Mädchen hast. Du steckst deine Nase wohl dauernd in Bücher!«

Orry wurde rot. George machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Nun, versteh mich bitte nicht falsch! Was du erzählt hast, ist zwar interessant, aber bist du immer so ernst?«

»Na und? Etwas Ernst täte dir auch ganz gut, wenn du dein erstes Sommercamp überleben willst.«

George war ernüchtert. »Ja, du hast wahrscheinlich recht.«

Als George und Orry an Land gingen, winkten ihnen die beiden Mädchen Auf Wiedersehen. Die Hitze war jetzt fast unerträglich geworden, und George zog seinen Mantel aus.

Auf dem Pier wurden sie von zwei Soldaten in Uniform erwartet. Der eine, der eher einfältig aussah, lehnte sich gegen ein wackliges Fuhrwerk. Er trug eine kurze Uniformjacke mit Messingknöpfen, lange Hosen und Handschuhe – alles weiß, aber schmutzig. Auf dem Kopf saß eine flache, runde Kappe mit einem Messingornament. Ein schwerer Degen war an seinem breiten Gürtel befestigt.

Orry und George waren die einzigen Ankömmlinge. Matrosen warfen ihre Koffer ohne Rücksicht auf deren Inhalt auf den Pier. Während Orry und George noch etwas verloren um sich starrten, wurde die Gangway bereits wieder an Bord gezogen. Die Schiffsglocke läutete, die Ruder peitschten das Wasser, und lautes Tuten mahnte zur Weiterfahrt.

Der kleinere der beiden Soldaten, der in einer etwas saubereren Uniform steckte, umfasste das Heft seines Degens und machte einen langen Schritt vorwärts. Auch er trug eine jener runden Kappen. Sein Gesicht war faltig und sein Akzent eindeutig irisch.

»Unteroffizier Owens, US-Armee.«

»Wir sind neue Junioren –«, begann George.

»Nein, Sir!«

»Wie bitte?«

»Sie sind ein Ding, Sir. Bevor Sie Junior werden, müssen Sie erst mal die Eintrittsprüfung bestehen. Bis dahin sind Sie beide weniger als Junioren. Sie sind Dinge. Vergessen Sie das nicht, und benehmen Sie sich entsprechend.«

George bekam das in den falschen Hals. »Aha, alles schön dem Rang nach und mit einem Etikett versehen, ja?«

Mit einem Naserümpfen antwortete Owens: »Genau, Sir. Die Akademie legt großen Wert auf die Rangordnung. Sogar die einzelnen Truppenverbände haben eine Rangordnung. Die Pioniertruppen bilden die Elite, das Nonplusultra, und nehmen nur die Kadetten mit den besten Noten auf. Die mit den schlechtesten Noten werden Dragoner. Vergessen Sie das nicht, und benehmen Sie sich entsprechend!«

Verdammter Lümmel, dachte Orry. Er mochte Owens nicht. Es sollte sich noch zeigen, dass er diese Abneigung mit vielen Kadetten teilte. Owens zeigte auf das Fuhrwerk. »Dort ist Platz für Ihr Gepäck. Nehmen Sie den Weg, der auf den Hügel hinaufführt, und melden Sie sich beim Adjutanten.« George wollte wissen, wo sich dessen Büro befinde, aber Owens gab ihm keine Antwort.

Die beiden Neuankömmlinge wanderten mühsam den stark gewundenen Pfad hinauf; die flache, baumlose Hochebene bot einen entsetzlich staubigen und heißen Anblick. Orry hatte Heimweh. Er versuchte, es zu überwinden, indem er sich in Erinnerung rief, weshalb er hier war. Die Akademie bot ihm die beste Chance seines Lebens, das zu erreichen, was er seit jeher angestrebt hatte: eine Karriere als Offizier.

Falls George sich verloren vorkam, so vermochte er es jedenfalls gut zu verbergen. Während Orry die verschiedenen Steinbauten am Rande der Ebene betrachtete, konzentrierte sich George auf ein Holzhaus unmittelbar zu ihrer Linken, auf dessen schattiger Veranda sich mehrere Besucher unterhielten.

»Mädchen«, bemerkte George überflüssigerweise. »Das muss das Hotel sein. Ich frage mich, ob es dort Zigarren zu kaufen gibt.«

»Kadetten rauchen nicht. Das ist Vorschrift.«

George zuckte die Achseln. »Ich werde sie zu umgehen wissen.«

Orry war zwar sehr von der Umgebung der Akademie beeindruckt, fand die Gebäude selbst jedoch eher spartanisch. Das passte natürlich zur Armee. Es strafte zweifellos jene Kritiker Lügen, die behaupteten, die Akademie verhätschle ihre Zöglinge. West Point war keine Hochburg der Trägheit, denn wenn auch jedes Jahr im Juni neunzig bis hundert Neue ankamen, so promovierten vier Jahre später jeweils nur vierzig bis fünfzig. Orry und sein neuer Freund hatten noch einen weiten Weg vor sich, bis sie in vier Jahren den Ort als voll anerkannte Mitglieder der Klasse von 1846 verlassen würden.

Die Akademie bestand erst seit knapp vierzig Jahren, war aber vom Kongress und auch von der Öffentlichkeit schon oft stark angefochten worden. Gegenwärtig genoss sie sowohl in den Staaten als auch in Europa hohes Ansehen, doch war ein guter pädagogischer Ruf noch lange nicht gleichbedeutend mit einem guten öffentlichen Ruf. Die Akademie hatte sich dauernd gegen Anklagen zur Wehr zu setzen, sie sei zu elitär oder sie sei nur für die Söhne aus betuchten und berühmten Familien.

Obwohl die Akademie 1802 gegründet worden war, war ihr bis nach dem Krieg von 1812 gegen England wenig Aufmerksamkeit oder Unterstützung vom Kongress oder dem Kabinett zuteilgeworden. Während des Krieges hatte sich gezeigt, dass ein großer Teil der militärischen Führungskräfte versagt hatte. 1817 wurde Major Sylvanus Thayer zum neuen Akademievorsteher gewählt. Es gelang ihm, sowohl die militärische als auch die sonstige Ausbildung in kurzer Zeit auf ein besseres Niveau zu bringen. Seither hatte die Akademie immer wieder hervorragende Offiziere hervorgebracht. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hatten die militärischen Fähigkeiten der Absolventen der skeptischen Bevölkerung nie vorgeführt werden können, da keinerlei Kriege stattgefunden hatten, und ohne Krieg blieben die Behauptungen West Points, ein wertvolles Programm zu haben, leere Worte. Die Skepsis wurde noch durch die Haltung vieler Kadetten geschürt: Die wenigsten waren auf eine lange Militärkarriere aus, sondern benutzten die Akademie, um zu einer guten Ausbildung zu kommen. Unter dem gegenwärtig gültigen Gesetz musste man nach Abschluss nur vier Jahre Armeedienst leisten. George hatte Orry auf dem Dampfer erzählt, dass er genau so lange Dienst leisten wolle, und dann wieder ins Zivilleben zurückkehren werde. Es war also begreiflich, dass einige Leute behaupteten, es sei ein Verbrechen, Gelder der öffentlichen Hand für junge Männer auszugeben, die nicht die geringste Absicht hatten, dies mit einer langen Dienstzeit abzugelten.

Vom anderen Ende der Ebene her hörte man Geschrei. Orry und George entdeckten die Ursache ziemlich schnell: uniformierte Kadetten, die in den staubigen Straßen um die beiden Kasernen herum Befehle ausstießen. Als Antwort auf das Herumkommandieren bildeten andere junge Männer in Zivilkleidern stolpernd militärische Formationen. Die unordentliche Art und Weise, in der sie in Reih und Glied antraten, verriet, dass es sich um Neuankömmlinge handelte. Irgendwo rührte jemand eine Trommel, ein Stakkato mit einem klar erkennbaren Rhythmus. Ein junger Kadett marschierte munter auf das Hotel los. George hob die Hand, um ihn auf sich aufmerksam zu machen.

»Entschuldigung!«

Der Kadett hielt inne, stand stramm und fixierte sie mit einem harten Blick. »Haben Sie mit mir gesprochen, Sir?«, bellte er. George brachte es fertig, weiter zu lächeln. »Jawohl, wir suchen –«

»Wenn Sie ein Neuling sind, Sir«, schrie der Kadett, »dann nehmen Sie ihren Hut ab, Sir.« Er warf Orry einen funkelnden Blick zu: »Sie auch, Sir. Sie müssen immer den Hut abnehmen, wenn Sie sich an einen Vorgesetzten wenden, Sir.« Dann wandte er sich wieder George zu: »Nun, Sir. Was sagten Sie, Sir?«

George, der durch das Gebrüll und die vielen ›Sirs‹ eingeschüchtert war, war kaum noch in der Lage, sich nach dem Büro des Adjutanten zu erkundigen.

»In dieser Richtung, Sir. Wir werden uns wiedersehen, Sir. Da können Sie sicher sein, Sir.«

Er marschierte weiter. George und Orry tauschten einen bestürzten Blick aus. Zum ersten Mal hatten sie erfahren, wie man sich in West Point ansprach. Keiner von beiden war davon angetan.

Der Sekretär des Adjutanten, ebenfalls ein Ire, aber ein freundlicher, sah sich ihre Papiere an. Ein zweiter Assistent erleichterte sie um ihr Taschengeld und notierte den Betrag in einer Akte. Dann schickte man sie zu Sergeant Stribling, Südkaserne, Zimmer 14. Kurz vor der Kaserne hielten die beiden bei der Wasserpumpe an und bemerkten, abgesehen von einer grasenden Kuh, junge Männer beim Exerzieren. Orry und George sahen sofort, dass es sich um Neulinge handelte, denn sie trugen noch Zivil. Auf Orrys Frage nach der Uniform hatte der Sekretär des Adjutanten geantwortet: »Sie bekommen erst eine, wenn Sie offiziell Junior sind. Und Junior sind Sie erst, wenn Sie die Eintrittsprüfung bestanden haben.« Die auf dem Feld Marschierenden führten die Befehle nur nachlässig aus und stolperten oft, was zur Folge hatte, dass ihr Ausbilder umso lauter schrie. Die Neulinge wurden bald von uniformierten Kadetten des Bataillons abgelöst, die derart geschmeidig und synchron exerzierten, dass Orry große Hoffnungen für die Neuankömmlinge hegte.

Stribling trug makellos weiße Hosen und die für die Kadetten typische graue Jacke, die mit schwarzen Kordeln und drei Reihen kugelförmigen Goldknöpfen verziert war. Genau wie der Kadett von vorhin schrie Stribling George und Orry erst mal an, bevor er sie zum Zeughaus schickte, wo sie ihre Requisiten zu beziehen hatten: Eimer und Schrubber, einen Blechnapf, ein Stück Seife, ein Rechenbuch und eine Schiefertafel und Wolldecken, die so neu waren, dass sie noch nach Schaföl rochen. Es war der für die Junioren typische Geruch.

Ihr Zimmer im dritten Stock der Südkaserne war nicht gerade luxuriös: ein einziges Fenster, einige Bücherregale, ein Kamin. Orry fragte sich, ob das Zimmer in verschneiten Winternächten wohl genügend Wärme speichern würde. Er hatte erst einmal Schnee gesehen, und das Ganze hatte nur zwei Stunden gedauert; aber hier war er ja schließlich nicht in South Carolina.

George musterte die schmalen Eisenbetten mit Kennermiene. Die Füße seien schlecht gegossen, bemerkte er. Ein weiterer Trommelschlag, anders als der erste, drang durch die schwüle Luft an ihr Ohr. George verzog das Gesicht: »Jede Tätigkeit scheint hier mit Trommelschlag geregelt zu sein. Ich fühle mich jetzt schon als Sklave.«

»Glaubst du, dass dies das Zeichen für das Abendessen ist?«, fragte Orry hoffnungsvoll.

»Hoffen wir’s. Ich hab einen Mordshunger.«

Aber es war noch nicht Essenszeit. Als sie unten ankamen, wurden sie aufgefordert, der Abendparade beizuwohnen. Eine Militärkapelle spielte einen Marsch, und Orry hatte seinen Hunger schnell vergessen. Geschulterte Bajonette flammten rötlich in der Abendsonne auf; ein Tanz aus Farben und Offiziershutfedern in der Abendbrise. Orry wurde von der Musik und der Parade ganz aufgeregt und hatte schon fast kein Heimweh mehr. Ja, er fühlte sich schon beinahe zu Hause. West Point schien doch die Erfüllung des Jugendtraums zu sein, der sein Leben bis dahin bestimmt hatte.

Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wann er beschlossen hatte, Soldat zu werden, aber es war ihm sehr bewusst, weshalb der Beruf ihm so viel bedeutete. Er war von einem schillernden Glanz umgeben – viel mehr als derjenige eines Reispflanzers –, und er hatte universelle Bedeutung. Viele Menschen standen der Armee herablassend gegenüber, und doch konnte niemand abstreiten, dass Generäle und ihre Armeen oft die Grenzen einer Nation und den Lauf der Geschichte bestimmten. In seiner Jugendzeit hatte er zahllose Bücher zu diesem Thema gelesen. Er erinnerte sich an Alexander den Großen, an Hannibal, Dschingis Khan und an Napoleon, dessen apokalyptischer Schatten vor knapp fünfzig Jahren Europa bedeckt hatte. Orrys Entscheidung für das Soldatenleben war jener Lektüre und seinen Knabenträumen entwachsen; Träume, die eine Mischung aus gefährlichem Abenteuer und historischem Schauspiel, aus Heldenmut und Blutvergießen waren. Sein Leben lang würde er dankbar sein, dass sein älterer Bruder den Ruf nach West Point abgelehnt hatte.

Nachdem die eindrucksvolle Abendzeremonie zu Ende war, rief die Trommel wieder – diesmal zum Abendessen. Kadett Stribling kommandierte den Zug der Neuankömmlinge, die in liederlicher Art und Weise zur Offiziersmesse abmarschierten. Alle warteten stehend, bis der dienstälteste Kadettenhauptmann ein Zeichen gab.

Sie saßen an einem für Neuankömmlinge reservierten wackligen Holztisch. Orry sah jedoch, dass gewisse neue Kadetten an anderen Tischen mit den Senioren saßen. Er konnte sich dies nur damit erklären, dass jene Dinger schon am Vortag angekommen sein mussten. Diejenigen aus der obersten, also der vierten Klasse, hatten die besten Plätze am Ende der Tische. An den Seiten saßen diejenigen aus der dritten Klasse, dann kamen diejenigen aus der zweiten Klasse und dann die Junioren. Schließlich, genau in der Mitte der Seitenteile – am weitesten vom Essen entfernt –, saßen die nervösen Neuankömmlinge, die Orry beobachtete. Die Senioren gaben verächtliche Kommentare über sie ab und reichten die Schüsseln nur langsam weiter. Orry war dankbar, dass er sich für heute Abend nicht an einem jener Tische befand.

Jemand hatte gesagt, dass das Mittagessen die Hauptmahlzeit sei. Folglich gab es zum Abendessen die üblichen Armeereste: Steak und Dampfkartoffeln. Doch George und Orry waren so hungrig, dass es ihnen nichts ausmachte. Abgesehen davon gab es noch Leckerbissen wie hausgemachtes Brot, Landbutter und starken Kaffee.

Als alle fertig gegessen hatten, gab der Hauptmann den Befehl aufzustehen. Die Kadetten und die Neuankömmlinge marschierten unter Pfeifen- und Trommelklang zu ihren Unterkünften zurück. George und Orry breiteten ihre Decken auf den Eisenbetten aus. Georges düstere Blicke schienen zu fragen, weshalb sie an diese Stätte der Abgeschiedenheit und der Disziplin gekommen waren.

In der Zeit bis zum Zapfenstreich kamen einige Senioren vorbei, um sich vorzustellen. Einer, ein baumlanger Kerl namens Barnard Bee, stammte aus South Carolina, worüber sich Orry sehr freute. George wurde von einem Kadetten aus seinem Heimatstaat begrüßt, Winfield Hancock.

Die meisten Neuankömmlinge waren in der Südkaserne untergebracht. George und Orry lernten an jenem Abend noch mehrere junge Männer kennen. Einer war ein gescheiter, redegewandter Kerl aus Philadelphia, der sich als George McClellan vorstellte.

»Gehört zu den oberen Zehntausend«, bemerkte George, nachdem McClellan gegangen war. »Jeder in Ostpennsylvania kennt die Familie. Man sagt, er sei intelligent. Vielleicht sogar ein Genie. Er ist erst fünfzehn.«

Orry hörte auf, sein Konterfei im Spiegel über dem Waschbecken zu betrachten. Er hatte bereits Befehl erhalten, die Haare schneiden zu lassen.

»Fünfzehn? Wie ist das möglich? Man muss doch mindestens sechzehn sein, um hierherkommen zu können.«

George sah ihn zynisch an. »Nicht, wenn man Beziehungen in Washington hat. Mein Vater sagt, dass mächtig politischer Druck ausgeübt wird, damit gewisse Leute zugelassen werden. Und auch damit sie hierbleiben können, wenn sie ihre Pflichten nicht erfüllen oder in Schwierigkeiten geraten.«

Etwas später kamen noch zwei Neuankömmlinge herein. Der eine war ein mittelgroßer, elegant gekleideter junger Mann aus Virginia namens George Pickett, der oft lächelte und dunkles, glänzendes, bis auf die Schultern fallendes Haar hatte. Pickett sagte, er sei aus Illinois einberufen worden, wo er im Advokaturbüro seines Onkels als Sekretär gearbeitet habe, weil Virginia keine weiteren Plätze mehr für West Point vergeben durfte. Pickett schien noch weniger von den Zulassungsbestimmungen zu halten als George. Sie mochten ihn sofort wegen seiner frischen Art.

Der zweite stammte ebenfalls aus Virginia, doch Picketts Begeisterung schien etwas gezwungen, als er ihn vorstellte. Vielleicht hatte Pickett mit dem großen merkwürdigen Kerl Bekanntschaft geschlossen und bereute das jetzt. Zwischen George Pickett aus Fauquier County und dem neuen Kadetten aus Clarksburg bestand ein wesentlicher Unterschied. Natürlich konnte man den äußersten Westzipfel des Staates kaum noch als dem Süden zugehörig betrachten, denn in dieser gebirgigen Gegend wohnten eher primitive Leute, die kaum des Lesens und Schreibens mächtig waren.

Tom Jackson, wie er sich nannte, konnte seine Herkunft nicht verleugnen. Seine Haut war fahl, seine lange dünne Nase sah aus wie eine Messerklinge. Die Intensität seiner blaugrauen Augen machte Orry nervös. Jackson versuchte sich ebenso lustig wie Pickett zu geben, doch sein mangelhaftes Benehmen war allen höchst unangenehm.

»Mit seiner Visage sollte er Priester werden und nicht Soldat«, sagte George, als er die Kerze ausblies. »Er sieht aus, als ob er sich über irgendetwas Sorgen machte. Vielleicht hat er Magenschmerzen oder Darmkrämpfe. Na ja, was macht’s schon. Er wird es ohnehin nicht lange aushalten.«

Orry fiel fast aus dem Bett, als jemand die Tür aufstieß und mit Stentorstimme schrie:

»Und Sie, Sir, werden es nicht einmal halb so lange aushalten, wenn Sie zu bestimmten Zeiten nicht geziemend schweigen können, Sir! Gute Nacht, Sir.« Die Tür fiel krachend ins Schloss. Sogar in Ruhezeiten konnte man dem System, das heißt den Senioren, nicht entkommen.

Schon vor Tagesanbruch rief die Trommel wieder. Der nun folgende Morgen war merkwürdig und unangenehm. Ein Leutnant aus Kentucky schmiss all ihre Decken auf den Boden und gab ihnen Anweisungen, wie man das Bettzeug auf korrekte Art und Weise zu falten und das Zimmer vor der Inspektion in Ordnung zu bringen hatte. George kochte vor Wut, aber es hätte noch schlimmer sein können. Ein Neuankömmling im Nebenzimmer erhielt Besuch von zwei Unteroffizieren vom Dienst; der eine stellte den anderen als Barbier vor. Der vertrauensselige Neue überließ sich Rasierklinge und Schere. Als Orry ihn das nächste Mal sah, war er kahl geschoren.

Nicht alle Senioren waren darauf erpicht, die Neuen zu schikanieren. Einige boten sogar ihre Hilfe an. Kadett Bee meldete sich freiwillig bei seinen Zimmergenossen, um ihnen beim Lernen des Lehrstoffes zu helfen, den sie für die Eintrittsprüfung beherrschen mussten – Lesen, Schreiben, Orthografie, Bruch- und Dezimalrechnen.

George bedankte sich bei Bee, meinte jedoch, dass er ohne seine Hilfe bestehen würde. Orry nahm das Angebot dankbar an. Er hatte seit jeher nicht zu den besten Schülern gezählt, hatte ein schlechtes Gedächtnis und machte sich keine Illusionen. George hielt es nicht einmal für nötig, viel zu büffeln, sondern verbrachte seine Morgenstunden damit, den weniger feindlich gesinnten Senioren Fragen zu stellen. Dabei entdeckte er einiges, was ihm riesige Freude bereitete.

Er erfuhr, dass ein Bootsmann regelmäßig zu einem geschützten Ort am Ufer im unteren Tal ruderte und dort Kadetten erwartete, die Bettzeug oder Schmuggelware bei sich führten. Unter den illegalen Gütern befanden sich Kuchen, Whiskey und – Gott sei Dank – Zigarren. George hatte schon mit vierzehn zu rauchen angefangen.

Noch erfreulicher war die Nachricht, dass das ganze Jahr über in Roe’s Hotel junge Mädchen abstiegen. Frauen jeden Alters schienen alle von derselben Krankheit befallen zu sein – boshafterweise »Kadettenfieber« genannt. Das vierjährige Exil würde für George also nicht ganz so hart sein.

Zwar wusste er, dass er mit der Disziplin Mühe haben würde, doch die von der Akademie gebotene Ausbildung war als sehr gut bekannt. Und er würde die Vorschriften zu umgehen wissen. Sein Zimmergenosse gefiel ihm einigermaßen. Sogar ganz gut. Er legte nicht halb so viel Wert auf die Familie, wie das einige der Südstaatler, die er beobachtet hatte, taten. In weniger als einem Tag hatten viele von ihnen und auch viele Yankees Bekanntschaft geschlossen und sich in kleinen Gruppen gefunden.

Nach dem Mittagessen rief die Trommel zum Exerzieren. George freute sich einen Augenblick lang, als er sich zu seinem Zug auf der Straße gesellte. Doch jegliches Hochgefühl verging ihm, als er den Ausbilder sah.

Der Kerl musste mehr als hundert Kilo schwer sein. Unter seiner Uniform zeichnete sich der Ansatz eines Wanstes ab. Er hatte schwarzes Haar, listige dunkle Augen, und sein Gesicht nahm in der Sonne eine eher rote als braune Tönung an. Er mochte etwa achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Er erinnerte George an ein Mastschwein oder an einen Dickhäuter und war ihm auf Anhieb unsympathisch.

»Meine Herren, ich bin Ihr Exerziermeister, Kadett Bent. Aus dem großen souveränen Staat Ohio.« Bent blieb ruckartig vor Orry stehen. »Haben Sie etwas dazu zu sagen, Sir?«

Orry schluckte leer. »Nein.«

»Sie haben mit ›Nein, Sir‹ zu antworten!«

George dämmerte es plötzlich, dass der fette Kadett sich Zeit genommen haben musste, um zu erfahren, woher seine Zöglinge kamen, und benutzte jetzt die Information, um sie zu provozieren. Viele Südstaatler dachten, wenn das Wort Ohio fiel, nur an eines: In Ohio befand sich das Oberlin College, wo weiße und schwarze Studenten friedlich nebeneinander studierten.

»Die Herren aus den Südstaaten fühlen sich wohl dem Westen überlegen, wie, Sir?« Orry bekam einen roten Kopf. »Nein, Sir.«

»Nun, ich freue mich, dass Sie mit mir einig sind, Sir. Ich bin zwar überrascht, aber es freut mich.«

Bent stolzierte langsam am Zug vorbei und wählte sich schließlich George als nächstes Opfer aus. »Und Sie, Sir? Was halten Sie vom Westen, Sir? Sie kommen doch aus dem Osten, wenn ich mich nicht irre? Welche der drei Gegenden ist Ihrer Meinung nach überlegen, Sir?« George bemühte sich, wie ein perfekter Idiot zu lächeln. »Nun, der Osten, Sir.«

»Was sagten Sie?«

Es konnte einem übel werden von Bents schlechtem Atem, aber George lächelte. »Der Osten, Sir. Im Westen gibt’s nur Bauern. Anwesende natürlich ausgenommen, Sir.«

»Würden Sie dasselbe behaupten, wenn ich Ihnen sagte, dass die Bents Beziehungen zu wichtigen und hochgestellten Leuten in Washington pflegen. Freunde, für die ein Wort genügt, um Sie hier ihre Stellung verlieren zu lassen!«

Aufgeblasener Pfau, dachte George. Grinsend sagte er: »Ja, natürlich.« Bevor Bent losbrüllen konnte, fügte er mit zuckersüßer Stimme hinzu: »Sir«.

»Ihr Name ist Mr. Hazard, wenn ich mich richtig erinnere, Sir. Treten Sie vor! Sie werden den hier anwesenden Herren eines der Grundprinzipien des Marschierens demonstrieren. Haben Sie mich verstanden, Sir? Vorgetreten, hab ich gesagt!«

George trat so rasch er konnte vor. Er hatte dem Befehl nicht sofort Folge leisten können, weil er vom boshaften Glimmen in Bents Augen wie betäubt war. Dies war nicht reine Schikane; der Kerl fand offensichtlich Gefallen daran! Trotz der Hitze fröstelte es George.

»Nun, Sir, werde ich Ihnen besagtes Prinzip vorführen. Man nennt es gemeinhin Stechschritt. Stehen Sie auf einem Bein, so«, Bent hob das rechte Bein, schwankte jedoch, da sein massiger Körper ihn aus dem Gleichgewicht brachte. »Auf den Befehl ›vor‹ wird das Bein nach vorn geschwungen, so. Vor!« Er war jedoch so schwer, dass er das Bein kaum anheben konnte. Schwitzend hielt er sich mühsam im Gleichgewicht. Dann brüllte er »Zurück« und versuchte, das Bein abwärts und nach hinten zu schwingen. Er fiel beinahe um. Jemand kicherte. George stellte mit Entsetzen fest, dass es aus Orrys Reihe kam. »Sie, Sir, Sie Südstaatenpflanze. Ich vermute, Sie haben sich bei diesem Militärmanöver über mich lustig gemacht?«

»Sir«, sagte ein offensichtlich bestürzter Orry.

»Wenn Sie formell als Junior aufgenommen worden wären, würde ich einen Bericht über Sie schreiben, und Sie würden zwanzig Fehlerpunkte bekommen. Sie wissen ja, Sir, wenn Sie innerhalb eines Jahres auf 200 Fehlerpunkte kommen, werden Sie entlassen. Sogar höhere Akademiemitglieder können dann nichts mehr für Sie tun. Also zügeln Sie Ihren Leichtsinn, Sir!«

Bent fand sogar noch Gefallen an seiner Eigensucht und Einbildung. Beides genoss er offensichtlich. »Und was noch wichtiger ist: Zeigen Sie, dass Sie dieses Manöver kapiert haben! Sie werden es üben, Sir, Sie und Ihr Zimmergenosse. Beide vortreten!«

George und Orry standen nebeneinander. Bent stolzierte vor ihnen auf und ab. In seinem lautesten Möchtegern-Offizierston brüllte er. »Auf ein Bein! Stehen! Fertig! Los! Vor! Zurück!«

Schon nach einer Minute fühlte George Schmerzen im rechten Bein. Aber er würde um keinen Preis aufgeben. Einer der Offiziere vom Dienst schlenderte vorbei und nickte Bent zustimmend zu. Bents Befehle wurden immer lauter und schneller. George lief der Schweiß über das ganze Gesicht. Das Bein zuckte, besonders der Oberschenkel.

Zwei Minuten vergingen. Dann noch zwei. Er hatte Ohrensausen, und vor seinen Augen verschwamm alles. Er würde dies wahrscheinlich keine zehn Minuten aushalten. Eigentlich hatte er eine gute Kondition, aber diese Zermürbung war er nicht gewohnt.

»Vor, zurück, vor, zurück!« Bents Stimme überschlug sich vor Erregung. Einige der Gruppenmitglieder tauschten nervöse Blicke aus. Der Spaß, den der fette Kadett sich erlaubte, ging über das normale Maß hinaus.

Orry fiel als Erster um. Er schlug schmerzhaft auf Handflächen und auf Knien auf. Bent machte einen schnellen Schritt auf ihn zu und wirbelte wie versehentlich einigen Staub auf, der Orry ins Gesicht flog. Bent wollte ihm eben den Befehl geben aufzustehen und mit der Übung fortzufahren, als er bemerkte, dass der Offizier vom Dienst immer noch dastand.

»Zurücktreten, Sir«, sagte Bent. In seiner Stimme schwang fast so etwas wie Bedauern mit. Er warf George einen vernichtenden Blick zu. »Sie auch, Sir. Vielleicht haben Sie das nächste Mal mehr Respekt vor einer militärischen Übung, und vielleicht sind Sie Ihrem Vorgesetzten gegenüber etwas weniger vorlaut.«

George hatte entsetzliche Schmerzen im rechten Bein. Doch er schaffte es zu den anderen zurück und versuchte, so wenig wie möglich zu hinken. Die Junioren wurden ziemlich schikaniert, dachte er, aber dieses gehässige Schwein, dem der Schweiß nur so herunterlief, war mehr als nur ein Zuchtmeister. Es war ein Sadist.

Bents schlauer Blick suchte den Seinigen. George sah ihn herausfordernd an. Er wusste, dass er nun einen Feind hatte.

Die beiden Freunde informierten sich über Bent und erfuhren rasch mehr, als ihnen lieb war. Der Mann aus Ohio war ein Student der höheren Semester; äußerst unbeliebt. Seine Klassenmitglieder unterhielten sich gerne über seine Misserfolge, ein außerordentliches und selten vorkommendes Verhalten, das bloß zeigte, wie gering man Bent achtete.

Während seines Juniorenjahres hatte man ihn ungewöhnlich stark schikaniert. Nach Meinung von Hancock und anderen war er selbst schuld daran gewesen mit seinem pompösen Gerede über Krieg und seiner Prahlerei über die Beziehungen seiner Familie zu Washington. »Ich vermute, er ist ein Farmer, er ist doch so fett«, sagte Bee. »Ich habe einige dicke Burschen gekannt, denen man das Leben schwer machte, als sie jung waren. Aus ihnen sind ganz gemeine Erwachsene geworden. Aber das erklärt nicht, weshalb Bent derart niederträchtig ist. Seine Haltung sprengt bei Weitem den für Soldaten normalen Rahmen. Man könnte ihn schon beinahe als verrückt bezeichnen«, schloss Bee und tippte sich an die Stirn.

Ein anderer Klassenkamerad erzählte von Bents Ergebenheit gegenüber einem der wichtigsten Professoren, Dennis Mahan, der Kriegswissenschaften und Technik unterrichtete. Mahan vertrat die Auffassung, dass der nächste große Krieg – wo und von wem er auch immer ausgefochten werden mochte – nach den neuesten strategischen Grundsätzen ausgetragen würde.

Einer der Grundsätze war Geschwindigkeit. Die schnellste Armee würde im Vorteil sein. Sowohl in Amerika als auch in der übrigen Welt war das Transportwesen in revolutionärer Umwälzung begriffen. Auch in den wirtschaftlich relativ schlechten 1840er Jahren gewann die Eisenbahn immer mehr an Wichtigkeit, und damit würde dieser Grundsatz nicht nur Theorie bleiben, sondern in die Praxis umgesetzt werden können.

Das zweite neue Prinzip war laut Mahan Information. Der Professor meinte damit nicht nur den herkömmlichen Weg durch die Aufklärungstruppen, sondern er spekulierte gern über die Einsatzmöglichkeiten von Beobachtungsfreiballons und über Experimente, die man mit chiffrierten Botschaften machte, die kilometerweit über einen Draht gesandt wurden.

Viele Kadetten nahmen Mahans Ideen auf, doch wenige vertraten sie auf so fanatische Art und Weise wie Bent. Dies zeigte sich sehr eindrücklich, als sie zu ihrem Unglück Bent ein zweites Mal als Zuchtmeister erhielten. Mahan lehrte, dass die großen Generäle wie Friedrich und Napoleon nie bloß um ein Stück Land kämpften, sondern dass es ihnen um ein sehr viel wichtigeres Ziel ging – nämlich darum, den Widerstand des Feinds zu brechen. Während des Drills hielt Bent einen seltsamen, kurzen Vortrag, in dem er sich auf die Lehren Mahans bezog und dann betonte, dass es Pflicht der Senioren sei, die militärische Disziplin zu fördern, indem sie jeglichen Widerstand der Junioren brechen würden.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er fortfuhr, doch seine dunklen, kleinen Augen blieben kalt. Jackson war auch in jener Gruppe und wurde an diesem Tag zur besonderen Zielscheibe von Bent. Er nannte den Mann aus Virginia Dummkopf, und zwar nicht nur einmal, sondern gleich ein halbes dutzendmal.

Als sie wieder in der Kaserne waren, erklärte Jackson, dass Bent seiner Meinung nach etwas »gereizt« sei. »Und ein Christ ist er schon gar nicht«, fügte er in seinem üblichen Eifer hinzu.

George zuckte die Achseln. »Wenn man dich Elkanah getauft hätte, wärst du vielleicht auch verrückt.«

»Ich weiß nicht viel über die Armee«, sagte Orry, »aber ich weiß, dass Bent nicht geeignet ist, andere Leute zu führen, und er wird es auch niemals sein.«

»Aber er gehört zu denen, die sich durchsetzen«, bemerkte George. »Besonders wenn er diese Beziehungen wirklich hat, mit denen er überall herumprahlt.«

Es war Tradition, dass die Schulabsolventen bei ihrer letzten Parade ihre Hüte in die Luft warfen, sie dann mit dem Fuß im Tal herumkickten und auf ihren Bajonetten aufspießten. Das war die ganze Entlassungsfeier von West Point. Die Absolventen verließen die Akademie bald nach der Zeremonie; meistens hatten sie ihre Uniformen und ihr Bettzeug den zurückbleibenden Freunden verkauft oder vermacht. Die Klassen rückten dann jeweils um eine weitere auf, und die unter General Winfield Scott einberufene Aufsichtsbehörde zur Prüfung der tauglichen Absolventen wandte nun ihre volle Aufmerksamkeit den Junioren zu.

General Scott war ehedem der Soldat der Nation gewesen; er hatte ein pompöses Auftreten und war dickwanstig, aber ein großer Held. Er ließ sich mit seinen Töchtern im Hotel nieder und führte den Vorsitz bei den Eintrittsprüfungen, obwohl er meistens mittendrin einschlief. Das taten übrigens die meisten der Aufsichtsbeamten. Die Professoren leiteten die Prüfungen. Man konnte sie an ihrer Kleidung erkennen – sie trugen nicht die üblichen Uniformen, sondern dunkelblaue Mäntel und Hosen im Militärschnitt.

Die neuen Kadetten waren nach dem Zufallsprinzip in kleine Gruppen eingeteilt worden; die gesamte Tätigkeit der Akademie war in Gruppenarbeiten aufgeteilt. Die Prüfungen wurden im üblichen Unterrichtsstil abgehalten. Die Studenten in West Point wurden nicht mit Vorlesungen berieselt, die sie dann später vor ihrem Ausbilder wiederkäuen mussten. Gemäß einem festen Plan mussten jeden Tag einige Gruppenmitglieder einen Vortrag halten. Zu diesem Zweck wurde jeweils eine Wandtafel benutzt.

Während der Prüfung mussten George, Orry und die anderen vor eine Wandtafel treten und ihr erworbenes Wissen in den verlangten Fächern beweisen. George hatte nicht gebüffelt, aber die Prüfungen schienen ihn keineswegs zu beunruhigen, wie seine entspannte Haltung bezeugte. Er bestand ohne Schwierigkeiten. Als Orry an der Reihe war, fand er das Prüfungszimmer heißer als einen Stollen; drei Offiziere schienen gelangweilt – Scott schnarchte –, und die Arbeit an der Wandtafel brachte ihn in große Verlegenheit. Er wurde zusammen mit Jackson geprüft. Es war völlig klar, wer von beiden mehr schwitzen oder mehr Kreide auf der Kleidung haben würde. Lohnte sich eine solche Folter für das fürstliche Kadettengehalt von vierzehn Dollar pro Monat? Orry musste sich selbst dauernd daran erinnern, dass der Kampf an der Wandtafel der Preis für ein Soldatenleben war.

Er hatte Glück. Zwanzig junge Männer bestanden nicht und wurden nach Hause geschickt. Der Rest wurde mit einer Uniform eingekleidet. Nach diesen ersten, schier endlosen Wochen waren sie nun offiziell Junioren. Und die Tatsache, dass er nun ein Abzeichen auf dem Ärmel seines Schwalbenschwanzes trug, war für Orry das Ereignis seines Lebens.

3

Das gesetzlich vorgeschriebene zweimonatige Sommercamp begann am 1. Juli. Mit Ausnahme der neuen zweitletzten Klasse, die zu Hause auf Urlaub war, schlug das gesamte Kadettenkorps im Tal Zelte auf. Orry wurde in die Geheimnisse des Wachestehens eingeführt und lernte, wie man mit Senioren umging, die in der Dunkelheit herumschnüffelten, um festzustellen, ob sie die neue Wache ablenken konnten.

Bent war jetzt Unteroffizier. Er schrieb dreimal wegen verschiedener Vergehen einen Bericht über Orry. Orry war der Meinung, dass zwei der Anschuldigungen aus der Luft gegriffen waren, die dritte stark übertrieben. George drängte ihn, für Letztere eine schriftliche Entschuldigung an den Kadettenkommandanten, Hauptmann Thomas, zu schreiben. Sollte die Entschuldigung überzeugend genug ausfallen, so würden die Fehlerpunkte annulliert werden. Doch Orry hatte gehört, dass Hauptmann Thomas ein eifriger Verfechter der Grammatik und ein Liebhaber von gewählter und treffender Ausdrucksweise war; oft behielt er einen Kadetten eine Stunde lang zurück, und dann korrigierten sie die schriftliche Entschuldigung gemeinsam. Es hörte sich für ihn zu sehr nach der berüchtigten Wandtafel an; also ließ er den Bericht gelten und steckte seine Fehlerpunkte ein.

George schien die bevorzugte Zielscheibe von Bent zu sein. Als die Junioren das Camp in Ordnung brachten, schikanierte der Dickwanst George bis zur Erschöpfung, indem er ihn zwang, Kieselsteine aufzulesen und Grashalme zu glätten, die seiner Meinung nach krumm waren. Zum Vergnügen Bents konnte George sein Temperament nur schwer zügeln und kassierte mit rasanter Geschwindigkeit Fehlerpunkte.

Trotz der engen Zelte, dem schlechten Essen und den dauernden Schikanen vonseiten der Senioren, die so ziemlich alles an den Junioren kritisierten – vom Salutieren bis zu ihren Ahnen – war Orry vom Camp begeistert. Er fand Gefallen an den Infanterie- und Artillerieübungen, die den größten Teil des Tages in Anspruch nahmen. Die Abendparaden, die von Hotelgästen besucht wurden, waren herrliche militärische Demonstrationen, für die sich alle Mühe lohnte.

Jede Woche wurde ein Kadettentanzfest abgehalten. Damit auch sicher genügend Tanzpartner für die anwesenden Damen vorhanden waren, erlaubte die Akademie ihren Studenten einen deutschen Tanzlehrer. George polierte seine Tanzkenntnisse auf und war, wenn er nicht Dienst hatte, bei jedem Treffen dabei. Es war den Junioren gestattet, sich unter die Damen zu mischen, sie mussten jedoch den Senioren den Vortritt gewähren. Trotzdem vergnügte sich George ungeheuer und wandelte bei mehreren Gelegenheiten mit einem Mädchen auf den sogenannten Flirtwegen – dies war ein Verstoß gegen die Vorschriften, wonach bestimmte Bezirke des Camps für seine Klasse nicht zugänglich waren.

Eines Abends, nach einem solchen Tanzfest, kam George ins Zelt gekrochen; er roch stark nach Zigarren. Orry lag noch wach, und George forderte seinen Freund auf, doch am nächsten Tanzfest mitzumachen.

»Ich bin ein sehr schlechter Tänzer«, sagte Orry gähnend. »Ich habe einfach nicht die Nerven, um ein Mädchen fest in den Armen zu halten. Das Problem ist, dass die Frau für mich ein Objekt darstellt, das man wie eine Statue aus der Ferne bewundert.«

»Blödsinn«, flüsterte George. »Frauen sind dazu da, angefasst und gebraucht zu werden – wie schöne alte Winterhandschuhe. Sie mögen das.«

»Das kann ich nicht glauben, George. Frauen denken anders als Männer. Sie sind sensible Geschöpfe. Edel.«

»Sie geben bloß vor, edel und sensibel zu sein, weil es ihnen manchmal in den Kram passt. Glaub mir Orry, eine Frau will genau dasselbe wie ein Mann – sie darf es bloß nicht zugeben, das ist alles. Du tätest besser daran, diese romantische Vorstellung über das schwache Geschlecht fallen zu lassen. Wenn nicht, dann könnte es passieren, dass eines schönen Tages eine Dame dir das Herz bricht.«

Orry war nahe daran, George recht zu geben, aber er konnte sich in jenem Sommer doch nicht überwinden, ein Tanzfest zu besuchen. Ende August kehrten die anderen vom Diensturlaub zurück, und das Kadettenkorps zog wieder in die Kaserne um. Die Senioren benutzten die Gelegenheit, die Junioren als Lastesel zu benutzen, und kommandierten sie dazu ab, ihre Habe zu tragen. Unteroffizier Bents Wahl fiel auf George, der bei 36 Grad Hitze viermal mit erdrückenden Lasten hin und her eilen musste. Beim fünften Mal erteilte Bent ihm den Befehl zu rennen. George schaffte es bis zur Mitte der Treppe der Nordkaserne, schnappte nach Luft und wurde ohnmächtig. Er stieß sich die Stirn am Treppenabsatz blutig. Weder entschuldigte sich Bent, noch zeigte er irgendwelche Anteilnahme. Er schrieb einen Bericht über George, in dem er ihn beschuldigte, durch Sorglosigkeit die Habe eines Seniors beschädigt zu haben. Orry drängte seinen Freund, eine Entschuldigung zu schreiben. Aber George wollte nicht. »Ich müsste zugeben, dass ich wie ein Mädchen in Ohnmacht gefallen bin. Das will ich aber nicht in meinem Bericht drin haben. Doch mach dir keine Sorgen, ich werde dieses Schwein schon noch kriegen. Wenn nicht nächste Woche, so nächsten Monat oder nächstes Jahr.«

Das Morgenschießen, das Abendschießen, die Pfeifen und Trommeln waren bald zur vertrauten, ja sogar freundlichen Geräuschkulisse geworden. Orry mochte die Trommeln am liebsten. Sie waren nicht nur eine Art Uhr, sondern erinnerten ihn auch stets daran, weshalb er hier war. Sie munterten ihn auf, wenn er das Studium zu hart fand – was jedes Mal der Fall war, wenn er an die Wandtafel musste. Am Vormittag wurden die Junioren in Mathematik unterrichtet, am Nachmittag erhielten sie Französischunterricht. Während der ersten Woche setzten sich die Arbeitsgruppen rein zufällig zusammen. Gegen Ende der Woche wurde den neuen Kadetten ein Rang zugewiesen. In Mathematik war Orry in der zweitletzten Gruppe. In Französisch befand er sich in der letzten Gruppe, unter den ›Unsterblichen‹, wie sie von den Kadetten genannt wurden.

Orrys Französischgruppe war Leutnant Theophile d’Oremieux unterstellt, einem gebürtigen Franzosen, der vom Scheitel bis zur Sohle ein Gallier war. Er reagierte besonders stark auf den Akzent seiner Schüler, was sich in den Noten, die er erteilte, niederschlug.

Der Gruppenrang wurde einmal pro Woche bei der Parade bekannt gegeben. Einige Kadetten stiegen ab und zu aus der Gruppe auf und wurden dann vielleicht wieder rückfällig – aber Orry blieb unten. Dies veranlasste d’Oremieux, ihn nach seinem familiären Hintergrund zu fragen. Orry musste zugeben, dass der Gründer der Mainfamilie ein Franzose gewesen war.

»Dann spricht Ihre Familie sicherlich französisch?«

»Nein, nicht mehr, leider. Meine Mutter kann es ein bisschen lesen, und meine Schwestern haben französische Hauslehrer, aber das ist alles.«

»Gott im Himmel«, rief der Lehrer und rannte wie wild im Zimmer umher. »Wie kann man von mir erwarten, dass ich Barbaren etwas beibringe. Genauso gut könnte ich versuchen, M’sieu Attila das Bemalen von Teetassen beizubringen.«

Dieses Gespräch hatte die Beziehung zwischen Orry und dem Lehrer keineswegs verbessert. Eines schönen Oktobertages, als Orry einen ganz besonders mühseligen Beweis seiner mangelnden Französischkenntnisse erbracht hatte, konnte d’Oremieux nicht mehr an sich halten:

»Lassen Sie mich Ihnen etwas sagen, M’sieu Main. Wenn M’sieu Jesuschrist mich fragte: ›M’sieu d’Oremieux, wollen Sie M’sieu Mains Französisch anhören oder wollen Sie in die Hölle gehen?‹, so würde ich ihm antworten: ›Ich gehe lieber in die Hölle, s’il vous plaît, M’sieu Jesuschrist.‹ Setzen Sie sich. Setzen Sie sich!«

Am folgenden Tag übte Orry laut Französisch. Er tat dies, sobald er allein im Zimmer war. Bent schnüffelte dauernd herum und erwischte ihn zwei Tage später bei einer dieser lauten Übungen. Er fragte brüllend, was los sei. Als Orry es ihm erklärte, verhöhnte ihn Bent.

»Sie unterhalten doch jemanden hier, Sir. Sie haben Gesellschaft.« Orry errötete. »Nein, Sir. Überzeugen Sie sich selbst, Sir.«

Doch der Unteroffizier war bereits davongewatschelt. Im Bericht stand, Orry hätte versucht, einen Vorgesetzten hinters Licht zu führen.

Orry schrieb eine Entschuldigung. Nach einem unangenehmen Verhör durch Hauptmann Thomas wurde der Bericht aus seiner Akte entfernt. Später erfuhr er, dass Bent zehn Minuten lang getobt und geflucht hatte, als er die Nachricht erhalten hatte.

Der Herbst verging schneller, als es Orry erwartet hatte. Paraden, Exerzieren, Klassenarbeiten und unermüdliches Studium ließen kaum Zeit für andere Beschäftigungen. Das West-Point-System war darauf ausgerichtet, die Kadetten im Wachzustand voll zu beschäftigen. Die Junioren konnten nur über ihre Samstagnachmittage frei verfügen, und oft mussten sie an diesen Nachmittagen zusätzlichen Wachtdienst leisten, um Fehlerpunkte abzuarbeiten.

Bei schlechtem Wetter war der Dienst mühselig. Superintendent Delafield mit dem Spitznamen Old Dickey hatte eine merkwürdige Art, Einsparungen zu machen. Er weigerte sich zum Beispiel, bis nach den Januarprüfungen Überzieher herauszugeben. Weshalb sollte man einem Kadetten einen teuren Mantel geben, den er bloß mitnehmen würde, falls man ihn entließ? Folglich schoben die neuen Kadetten im Herbstregen und Hagel Wache in einem dünnen, unglaublich schmutzigen Überzieher, den sie im Wacheraum gefunden hatten und auf dem sich während Jahren Staub und Ungeziefer angesammelt hatten.

George büffelte immer noch nicht, war aber in Mathematik und Französisch stets in der ersten oder zweiten Gruppe. Er hatte bereits 110 Fehlerpunkte, Orry 93. Bent war in beiden Fällen für zwei Drittel der Punkte verantwortlich.

Als die Januarprüfungen näherrückten, ließen die Belästigungen durch Bent etwas nach. Orry hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich nach dem Lichterlöschen noch in Tom Jacksons Zimmer zu stehlen. Im Lichtschein glimmender Kohlen lernten sie zusammen.

Orry entdeckte, dass Jackson von Natur aus intelligent, ja sogar brillant war, aber große Schwierigkeiten mit den Lektionen und dem formellen Unterrichtsablauf hatte. Für jede Versetzungsnote musste er einen ungeheuren Energieaufwand leisten. Aber er war entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen; einige der anderen Kadetten erkannten dieses Streben – Jackson hatte bereits seinen Spitznamen: General.

Manchmal jedoch dachte Orry, Jackson sei verrückt, dann nämlich, wenn er sich während fünf Minuten ganz aufrecht hinsetzte, damit seine inneren Organe »in der richtigen Position lagen«. In Bezug auf seine Gesundheit war er absolut pedantisch.

Weihnachten kam, und obwohl der Kaplan in der Kapelle eine interessante Predigt hielt und in der Kantine ein feines Essen aufgetragen wurde, erlebten die meisten Kadetten diesen Tag in Traurigkeit und Einsamkeit.

Der Januar begann mit bitterer Kälte und düsterem Himmel. Der Hudson wurde langsam von einer Eisdecke zugedeckt, aber Orry bemerkte es kaum. Auch wenn er während eines Schneesturms Wache stehen musste, waren seine Gedanken beim Französischunterricht. Irgendwie überstand er die Inquisition an der Wandtafel. Nachdem die Prüfungsergebnisse bekannt gegeben worden waren, jauchzte er vor Freude, während andere Kadetten schweigend ihre Koffer packten. Sechzehn Junioren mussten gehen. Die anderen wurden vereidigt, unterzeichneten die Aufnahmebedingungen – und erhielten endlich ihre Kadettenmäntel.

Der Februar hatte kaum begonnen, als George seinem Zimmergenossen einen gewagten Vorschlag unterbreitete.

»Ich hab keine Zigarren mehr, und eigentlich haben wir unseren schlagenden Erfolg nie gebührend gefeiert. Komm, wir gehen zu Benny.«

Orry blickte in Richtung Fenster. Das Mondlicht malte sternförmige Frostmuster auf die Fensterscheiben. Die Nacht war so kalt, dass auch das Kaminfeuer nicht mehr viel ausrichten konnte. Der Hudson war jetzt beinahe bis auf den Grund gefroren. »Bei diesem Wetter? Zu dieser Stunde?« Orry zog die Brauen hoch. Bald würden der Zapfenstreich und das Signal zum Lichterlöschen ertönen.

George sprang vom Bett. Er war dabei gewesen, einen Roman zu lesen. »Natürlich! Klar! Wir müssen dem Wahrzeichen von West Point noch einen Besuch abstatten. Wir sind uns ein Fest schuldig. Wo bleibt dein Abenteuergeist?« Und schon zog er seinen neuen Mantel an.

Orry wollte eigentlich Nein sagen, aber da George früher bereits einige Bemerkungen über seine Unentschlossenheit gemacht hatte, fühlte er sich nun genau zum Gegenteil veranlasst. Eine halbe Stunde nach dem Lichterlöschen schlichen sie die eiserne Treppe hinunter, stahlen sich am Wachtposten vorbei und rannten durch die klirrende, atemberaubende Kälte zum Fluss. Mühsam kletterten sie den Pfad auf der Hügelflanke hinunter und kämpften sich durch Schnee und gefrorenes Unterholz dem Ufer entlang. Es war ziemlich anstrengend. George schielte auf die glitzernde Eisfläche zu ihrer Linken.

»Es wäre einfacher, wenn wir über das Eis gehen würden.«

»Glaubst du, es trägt uns?«

»Das werden wir schnell herauskriegen.«

Orry folgte seinem Freund auf den Fersen und tadelte sich selbst wegen seiner ewig mangelnden Kühnheit. Was war das für ein Verhalten von jemandem, der vielleicht einmal das Kommando für eine Schlacht übernehmen musste? Er machte einen Schritt auf das glitschige Eis und hörte ein Krachen.

George, der ihm voraus war, hielt an. »Was war das?«

Orry starrte auf die schwarze Hügelmasse hinter ihnen und sagte: »Ich glaube, es kam von dort.«

»Du glaubst doch nicht, dass uns jemand folgt?«

Orry blickte umher. Man würde sie auf dem mondhellen Eis vom Ufer aus klar erkennen können. »Zu spät, um sich darüber Gedanken zu machen.«

George pflichtete ihm bei. Sie eilten vorwärts. Das Eis krachte mehrere Male und drohte, unter ihrem Gewicht einzubrechen. Eigentlich war es zu dünn, um einen sicheren Übergang zu gewährleisten. Doch es gab keine Anzeichen dafür, dass ihnen jemand folgte, und bald bückten sie über ein Fenstersims auf ein gemütliches Kaminfeuer, das in Benny Havens kleiner Kneipe am Flussufer brannte. George rieb sich die Hände.

»Das Glück ist auf unserer Seite. Kein Senior in Sicht.« In der Tat hatte Benny heute Abend keine Kunden von der Akademie, bloß zwei aus dem Dorf Butttermilk Falls, das auf dem Hügel oberhalb der Taverne lag. Der freundliche Benny mit seinen pechschwarzen Haaren, seiner großen Nase und seinen indianischen Gesichtszügen verkaufte seit vielen Jahren Bier, Wein und Spirituosen. Er begrüßte die beiden Neuankömmlinge herzlich. Die Dorfleute warfen ihnen mürrische Blicke zu.

George bestellte drei Zigarren und zwei Bier. Die Freunde saßen an einem Ecktisch in der Nähe eines Fensters mit Blick auf den Hügel. Sollte sich ein Senior zeigen, so konnten sie durch die Vorhangtür neben dem Kamin aus Feldgestein verschwinden. Orry entspannte sich etwas und genoss sein Bier sowie den Duft von heißem Schinken, der aus der Küche im Hintergrund zu ihnen herüberwehte. Er bestellte einen Teller Schinken und etwas Brot.

Benny trug das Essen auf und begann dann ein Gespräch. Orry sei herzlich willkommen als Neuankömmling, aber sein Akzent verrate, dass er aus dem Süden komme. Höflich erkundigte Benny sich, wie es denn mit der Forderung der Südstaaten nach der Annexion von Texas stand. Steckte dahinter der Wunsch der Politiker, der Union mehr Gebiete hinzuzufügen, wo Sklaverei herrschte?

Orry war schon zu oft deswegen angegriffen worden, als dass er sich verletzt gefühlt hätte. Abgesehen davon sagte sein Bruder Cooper – sehr zum Ärger seines Vaters –, dass dies wahr sei. Orry nahm sich Zeit, um eine Antwort zu formulieren. Während er überlegte, runzelte Benny die Stirn und blickte in Richtung Vorhangtür. Alle hatten ein Geräusch in der Küche gehört. Der Gesichtsausdruck von George deutete darauf hin, dass es Ärger geben würde. Da flog auch schon der Vorhang beiseite und ein vor Kälte geröteter Kopf, der aus einem zitternden Kadettenmantel herausragte, wurde sichtbar.

»Aha, was haben wir denn hier? Zwei Missetäter, wie ich sehe«, sagte Elkanah Bent mit einem hämischen Grinsen.

Orry hatte Magenschmerzen. Er war sicher, dass Bent nicht rein zufällig hier war. Er erinnerte sich an die Geräusche, die sie auf dem Weg hierher gehört hatten. Wie viele Nächte hatte Bent ihnen wohl nachspioniert und auf diese Gelegenheit gewartet?

Plötzlich schmiss George sein leeres Bierglas in den Raum. Bent brüllte und duckte sich, um nicht getroffen zu werden. »Los!«, schrie George und rannte wieselflink durch die Küchentür. Orry stürmte hinterher, von einem unsinnigen Gedanken verfolgt: Sie hatten ihre Rechnung nicht bezahlt.

George stolperte über einen Schneehaufen am Ufer. Orry hielt an, rannte zurück und half seinem Freund auf die Füße. Er sah, wie Bent schwerfällig hinter ihnen her war. Benny Haven stand in der Tür und schaute amüsiert zu. Er schien sich keine Sorgen um die Rechnung zu machen.

»Komm doch, George«, keuchte Orry, als sein Freund erneut ausrutschte und im Schnee landete. »Diesmal wird uns der Schweinehund erwischen.«

»Nicht, wenn wir ihn zusammenschlagen.«

»Auch wenn wir das tun, wird er einen Bericht über uns schreiben, und lügen können wir nicht«, sagte Orry keuchend, als sie flussaufwärts rannten. Der Ehrenkodex der Akademie war ihnen bereits in Fleisch und Blut übergegangen.

»Nein, das können wir nicht«, sagte George.

Doch Bent hatte mit seiner Körpermasse zu kämpfen. Die beiden jungen Kadetten konnten viel schneller rennen als er, aber sie hatten mit dem Gebüsch Schwierigkeiten. Die gefrorenen Äste peitschten ihnen ins Gesicht und brachen mit einem Knall, der wie ein Schuss tönte, wenn sie darauf traten. George änderte nach kurzer Zeit die Richtung. Er sprang über ein niedriges Gebüsch und landete auf dem Eis. Orry sah, wie sich Risse in der mondweißen Eisdecke bildeten und das Eis einbrach.

»Vielleicht können wir ihn dazu bringen, keinen Bericht abzufassen«, sagte George, der vorausging. »Auch er ist schließlich nach dem Lichterlöschen noch draußen, vergiss das nicht.«

Orry gab keine Antwort und rannte weiter. Georges Logik schien irgendwie falsch, aber er konnte den Fehler nicht nachweisen. Es war tückisch, auf dem Eis zu gehen, das dauernd einzubrechen drohte. Er blickte zurück, sah, wie Bent ihnen stolpernd und schwankend auf den Fersen war, ein riesiger Tintenfleck auf der hellen Eisfläche.

»Noch zwanzig Meter und wir sind auf dem Pfad«, schrie George. Im selben Augenblick hörten sie hinter sich einen Schrei. George schlitterte, bremste und warf einen verstohlenen Blick zurück. »O Gott«, stöhnte er.

Orry taumelte gegen ihn und drehte sich um. Der Klecks auf dem Eis war nur noch halb so groß. Man sah hektische Armbewegungen. Durch die weiße Stille drangen Schreckensschreie an ihr Ohr.

»Er ist eingebrochen«, rief Orry.

»Erstaunt dich das bei seinem Gewicht? Komm!«

»George, wir können ihn doch nicht dem Schicksal überlassen. Er könnte ertrinken!«

Bents Schreie wurden lauter. George zog eine Grimasse. »Dachte ich mir doch, dass du dies sagen würdest.«

»Ich glaube nicht, dass du von einer Sekunde zur anderen plötzlich herzlos geworden bist.«

»Halt den Mund und komm«, sagte George und rannte zurück. In seinen Augen glimmte Zorn, und er brauchte Orry nicht ausdrücklich zu sagen, dass das Glück sie plötzlich verlassen hatte.

Orry sah, wie Bent versank. Sie rannten beide noch schneller. Dann verschwand Bents Kopf. Seine Feldmütze schwamm auf dem Wasser, der steife Mützenschirm glänzte im Mondlicht. Gerade als die beiden Kadetten beim Loch in der Eisdecke ankamen, tauchte Bent wieder auf. Schreiend griff er nach ihnen. George und Orry zerrten und zogen, doch die Rettung war schwierig, weil sie dauernd auf dem glatten Eis ausrutschten. Zweimal wären sie beinahe kopfüber ins Wasser gefallen, aber schließlich gelang es ihnen, Bent herauszuziehen. Würgend lag er da, eine enorme Masse. George kniete neben ihm.

»Bent? Sie müssen aufstehen und in die Kaserne zurück. Sie erfrieren sonst.«

»Ja, gut. Helfen Sie mir bitte.«

George und Orry schoben ihre Schultern unter Bents Arme, um ihn zu stützen. Als sie so weit waren, war er schon nicht mehr in der Lage, zusammenhängend zu reden, er stöhnte nur noch und schnappte nach Luft. Da seine Kleider völlig durchtränkt waren, waren auch seine Retter mit der Zeit durchnässt und fingen an zu frieren. Sie waren nun am Flussufer angelangt. Schweigend kletterte er mühsam den Hügel hinauf. Oben angelangt, schüttelte er sich, holte tief Luft und sagte:

»Ich schätze, was Sie für mich getan haben. Es war – tapfer. Ich gehe besser in diese Richtung. Gehen Sie zur Kaserne zurück.«

Er torkelte in die Dunkelheit hinein. Eine Weile noch konnte man seine quietschenden Schuhe und seinen schweren Atem hören. Orry klapperte mit den Zähnen. Seine Hände waren steif, wie gefroren. »Merkwürdig, was Bent gesagt hat, wie –« Er konnte den passenden Ausdruck nicht finden.

George konnte die Gefühle seines Freundes in Worte fassen. »Er schien ebenso aufrichtig wie eine Frau, die das Jungfrauendasein lobt. Ich glaube, wir hätten ihn ertrinken lassen sollen.«

Trotz der Kälte musste Orry lachen. »Nun, da alles vorbei ist, musst du zugeben, dass wir ein lausiges Fest gehabt haben.«

»Allerdings.« George zog drei gebrochene Zigarren aus der Tasche seines Überziehers hervor. Mit wehem Herzen warf er sie weg. »Der einzige Trost ist, dass sie umsonst waren. Komm, wir gehen hinein, bevor wir an Schüttelfrost sterben.«

Bent erschien nicht zum Frühstück. Er feierte offensichtlich krank. George und Orry berichteten nur den engsten Freunden von ihrer nächtlichen Eskapade. Später am Tag überbrachte ihnen Pickett eine unangenehme Nachricht.

»Es tut mir leid, aber das fette Schwein hat euch nicht die ganze Wahrheit erzählt. Er hatte einen Sonderurlaub für Dienstabwesenheit nach dem Zapfenstreich. Er holte sich die Erlaubnis bei einem der Stabsoffiziere. Er sagte, er wisse, dass zwei der Junioren fast jeden Abend zu Benny gingen, und er wolle sie überraschen.«

Zum Abendbrot gab es Albany Beef in der Messe – es war dies ein Spitzname für Stör, den man noch gefangen hatte, bevor der Hudson zugefroren war. Aus irgendeinem Grund reagierte Orrys Magen schlecht auf den Fisch. Später fragte er sich, ob er eine Vorahnung gehabt hatte. Noch bevor der Abend zu Ende war, hatte Bent einen Bericht über die Kadetten Main und Hazard geschrieben.

Der Ehrenkodex der Akademie beruhte auf dem Glauben an den guten Charakter der Kadetten. Lehnte ein Kadett einen Vorwurf als falsch ab, verließ man sich auf sein Wort und zog die Klage zurück. Orry glaubte an den Kodex, und sogar der eher zynische George glaubte daran. Deshalb leugneten sie ihre Schuld nicht, obwohl die Fehlerpunkte, die sie sich dabei einhandelten, für George fast die Entlassung bedeuteten.

Um einige der Fehlerpunkte abzuarbeiten, mussten die beiden des Öfteren zusätzliche Wachtrunden drehen. Das Wetter schien zusehends stürmischer zu werden. George überstand den Wachtdienst, ohne krank zu werden, aber mit Orry war es anders. Seit dem Abenteuer am Fluss hatte er des Öfteren niesen müssen, und als er an einem Samstagnachmittag Wache schob, fühlte er sich schwach, und ihm schwindelte.

Von Nordwesten her, aus den Bergen, zog ein heftiger Schneesturm auf, und in knapp einer Stunde war über ein Fuß hoch Schnee gefallen. Orry stapfte am Ausfalltor hin und her und musste schließlich feststellen, dass er trotz der Kälte beinahe vor Hitze umkam. Auf seinen Wangen vermischte sich Schweiß mit Schnee. Sein Gewehr schien entsetzlich schwer. Er taumelte und lehnte sich an die Kasernenwand, um sich etwas zu erholen. Jemand zupfte ihn am Ärmel. Orry erkannte einen Bekannten aus den höheren Semestern namens Sam Grant, ein unauffälliger Bursche, der aber ein hervorragender Reiter war.

»Wer hat Sie in diesem Wetter hierher geschickt?«, fragte Grant. »Sie sind so grün im Gesicht, als ob Sie jeden Moment ohnmächtig würden. Sie gehören ins Krankenhaus.«

»Es geht gut, Sir«, krächzte Orry und machte einen Versuch, geradezustehen.

Der kleine Kadett mit den dunklen Augen blickte skeptisch. »Es geht ihnen so gut wie meiner Tante Bess fünf Minuten vor ihrem letzten Atemzug! Soll ich einen Stabsoffizier auftreiben, damit man Sie ablöst?«

»Nein, Sir, das wäre – Pflichtversäumnis.«

Grant schüttelte den Kopf. »Aus Ihnen wird mal ein guter Soldat, Mr. Main – wenn Sie nicht vorher wegen Halsstarrigkeit sterben.«

»Kennen Sie mich denn?«

»Jeder einzelne des Korps kennt Sie, Ihren Freund und diesen Halunken aus Ohio. Schade, dass Unteroffizier Bent so viel Ansehen genießt. Einige von uns versuchen, das zu ändern, und schikanieren ihn ebenso wie er die anderen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das noch erleben, Sir.« Lächelnd stapfte Grant durch den Schnee davon.

Es musste etwa sechzehn Uhr sein. Dunkel wie mitten in der Nacht. Orry zwang sich zu einer weiteren Wachrunde. Er glaubte, er würde marschieren, aber er taumelte bloß hin und her. Glücklicherweise waren die meisten Offiziere in der Kaserne, sodass niemand sein trauriges Schauspiel mit ansehen musste.

Eine weitere halbe Stunde verging. Er hatte plötzlich Angst, dass er krank war, todkrank vielleicht, und dass sein törichter Wunsch, nur ja keine Schwäche zu zeigen, ihn umbringen würde.

»Ihre Schritte sind aber gar nicht schneidig, Sir, gar nicht schneidig.«

Wie vom Donner gerührt drehte sich Orry um. Bent stand auf der anderen Seite des Ausfalltores; in seinem zeltförmigen Überzieher sah er wie ein Riesenschatten in der Dunkelheit aus. Seine Augen blitzten.

»Ich habe gehört, dass Sie hier draußen sind, Sir. Ich wollte mal eben nachsehen, ob –«

Er stockte, als Orry das alte Gewehr von der Schulter nahm. Orrys Angst war verflogen, er wusste nicht mehr, was er tat.

»Weshalb richten Sie das Ding auf mich, Sir?«

»Weil ich Sie erschießen werde, Bent. Wenn Sie mich und meinen Freund nicht in Ruhe lassen, erschieße ich Sie.«

Bent versuchte, ein höhnisches Lächeln aufzusetzen. »Das Gewehr ist nicht geladen, Sir.«

»Nicht geladen?« Orry zog die Brauen hoch und taumelte. »Dann werde ich Sie damit totschlagen, Sir. Und wenn man mich vors Militärgericht bringt oder mich erschießt, ich töte Sie, wenn Sie undankbarer Hund noch fünf Sekunden hier herumstehen.«

»Um Gottes willen, wir haben einen Verrückten in West Point.«

»Ja, Sir. Einen Wahnsinnigen aus Ohio, der die Junioren wie Tiere behandelt. Nun, Mr. Bent, Sir, hier steht ein Junior, der sich das nicht mehr länger gefallen lassen wird. Sie haben fünf Sekunden, Sir. Eins, Sir, zwei, Sir …«

Bent war wütend, aber er schwieg. Das wilde weiße Gespenst vor ihm schüchterte ihn ein. Mit einem beinahe manischen Gesichtsausdruck kehrte Orry das Gewehr um und fasste es wie einen Stock am Lauf. Bents Gesicht verriet Hass und Demütigung. Plötzlich machte er auf dem Absatz kehrt und schien wie vom Schneesturm verschluckt.

Orry schluckte leer und brüllte: »Und von jetzt an täten Sie besser daran, uns in Ruhe zu lassen!«

»Was sagten Sie eben, Sir?«

Der scharfe Klang einer Stimme ließ ihn herumwirbeln. Ein bis zu den Ohren eingemummter Stabsoffizier stapfte auf ihn zu. Der Wind heulte, und der Offizier musste schreien. »Kadett Grant hat mich gebeten, hierherzukommen. Er sagte, Sie seien zu krank für diesen Wachtposten. Stimmt das?«

Orry hatte das Strammstehen schon sicher mindestens tausendmal geübt. Er versuchte es und bemerkte nicht, dass er eben eine Todsünde begangen hatte: Er hatte sein Gewehr in den Schnee fallen lassen. Der Offizier schien hin und her zu schwanken. Orry versuchte klar zu sehen, indem er mit den Augen blinzelte.

»Stimmt das, Sir?«

»Nein, Sir«, schrie Orry und fiel dem Offizier ohnmächtig in die Arme. Eine Stunde später kam George ins Krankenhaus gerannt. Im Wartezimmer erwartete ihn Dr. Wheaton.

»Es steht schlimm mit Ihrem Freund. Er hat außerordentlich hohes Fieber. Wir versuchen es zu senken, aber wenn es innerhalb von vierundzwanzig Stunden nicht zurückgeht, schwebt er in Lebensgefahr.«

George dachte an Bell, an den Schneesturm und an Orry. »Der verdammte Idiot will um jeden Preis Soldat werden«, sagte er mit bitterem Ton.

»Solcher Ehrgeiz wird hier geschürt«, sagte Wheaton mit Stolz und Bedauern in der Stimme. »Sie sehen auch nicht gerade gut aus, junger Mann. Ich verschreibe Ihnen ein Gläschen Rum. Kommen Sie in mein Büro.«

Mit der Erlaubnis des Arztes hielt George an Orrys Bett Nachtwache. Für eine Weile gesellten sich Pickett und danach Jackson dazu. Ein Senior namens Grant schaute kurz herein. George konnte sich nicht vorstellen, woher Orry ihn kannte. Am nächsten Morgen war es kalt und still im Krankenhaus. George rutschte auf seinem Stuhl herum. Die anderen waren gegangen. Orrys Gesicht war immer noch genauso weiß wie die ungefärbte Wolldecke, die man ihm bis ans Kinn gezogen hatte. Im flackernden Licht der Fischöllampe sah er zerbrechlich und sehr krank aus.

George starrte auf seinen Freund und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Als er das letzte Mal in seinem Leben geweint hatte, war er fünf Jahre alt gewesen. Sein älterer Bruder Stanley hatte ihn verdroschen, weil er mit dessen Lieblingsfrosch gespielt hatte.

Es überraschte George nicht, dass das Schicksal von Orry Main ihm so viel bedeutete. Sie hatten in kurzer Zeit vieles zusammen erlebt. Gemeinsame Hoffnungen und Mühsal hatten ein enges Freundschaftsband geschmiedet. Auch das brachte West Point offensichtlich fertig. Er blieb auf seinem Stuhl sitzen, aß nicht und schlief nicht, bis Orrys Fieber um die Mittagszeit schließlich sank.

Am folgenden Nachmittag, als die Februarsonne hell durch die Fensterscheiben schien, sah Orry wesentlich besser aus. Vor dem Abendessen besuchte ihn George nochmals und brachte ihm eine gute Nachricht.

»Es scheint, als sei Bent es müde geworden, uns zu schikanieren. Ich bin ihm auf dem Weg hierher begegnet. Er blickte in die andere Richtung.«

»Ich würde ihn immer noch gerne umbringen. Gott vergebe mir diesen Gedanken, aber das sind nun mal meine Gefühle.«

George war von der ruhigen Wut Orrys beunruhigt, aber er lächelte und ließ sich nichts anmerken. »Schau, Freund, du bist derjenige gewesen, der Güte und Erbarmen gepredigt hat, als er im eisigen Wasser unterzugehen drohte. Und ich habe auf dich gehört.«

Orry verschränkte die Arme. »Beinahe wünschte ich, du hättest es nicht getan.«

»Es ist besser, ihn leben und zappeln zu lassen. Die Senioren rücken ihm auf die Pelle, wie sie nur können. Das ist süße Rache.«

»Aber er wird uns die Schuld dafür geben. Auch wenn er uns eine Weile in Ruhe lässt, so wird er doch nicht vergessen. Etwas stimmt bei ihm nicht.«

»Nun gräme dich nicht deswegen«, sagte George mit einem Schulterzucken. »Wir können noch genug tun, um unsere Fehlerpunkte unter zweihundert zu halten. Es ist noch lange nicht Juni.«

Orry seufzte. »Ja, wahrscheinlich hast du recht.«

Doch keiner von beiden war davon überzeugt, dass die Gefahr damit gebannt wäre, wenn sie Bent vergessen könnten.

Im Frühling stattete die Hazard-Familie, mit Ausnahme von Virgilia, West Point einen Besuch ab. George beschaffte sich die nötige Erlaubnis, um am Samstag mit ihnen im Hotel essen zu können. Er nahm Orry mit.

William Hazard lud Orry ein, sie irgendwann in Lehigh Station zu besuchen. Orry fand die Familie genauso sympathisch, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte – außer Stanley, der dauernd redete oder vielmehr prahlte. Er brüstete sich mit der Tatsache, dass er und sein Vater an diesem Abend mit den Kembles essen würden.

Zwischen zwei Bissen seiner hervorragenden Lammkeule fragte Orry: »Sind Sie mit den Kembles verwandt?«

Stanley kicherte: »O nein, Junge, sie sind die Besitzer der West-Point-Gießerei. Wer, glauben Sie wohl, gießt die meisten von der Armee gekauften Geschütze?«

Das hochtrabende Auftreten Stanleys verleitete seinen kleinen Bruder Billy dazu, Grimassen zu schneiden und ihn nachzuäffen. Billy saß neben Stanley, der das Schauspiel nicht sehen konnte und deshalb auch nicht verstand, weshalb George laut loslachte. Billy handelte sich mit seinen Possen eine Ohrfeige seines Vaters ein. Mrs. Hazard sah bekümmert aus.

Orry sagte förmlich: »Tut mir leid, ich habe noch nie etwas von den Kembles gehört.«

»Sie sind für ihre Samstagabendfeste berühmt.« Stanleys Ton ließ durchblicken, dass Orry und sein Heimatstaat irgendwie jenseits des Lebensstroms der Nation lagen.

Orry wandte sich an Mr. Hazard. »Die Kembles stellen Eisen her, nicht wahr?«

Der alte Mann nickte. »Ich muss ehrlich und neidisch zugeben, dass sie unübertroffen sind.«

»Vielleicht könnten Sie meinem Bruder helfen.«

Stanley stocherte gelangweilt in seinen Kartoffeln herum. Doch William Hazard hörte höflich zu, als Orry erzählte, dass Cooper sich jüngst in seinen Briefen über eine unmäßige Anzahl von Brüchen im Gusseisen der Schwungräder der Reismühle von Mont Royal beklagt hatte.

»Das ist der Name unserer Plantage. Früher wurde die Mühle von der Wasserkraft des Flusses angetrieben, aber mein Bruder hat meinen Vater dazu überredet, eine Dampfmaschine einzusetzen. Mein Vater war dagegen und glaubt nun, recht gehabt zu haben.«

»Die Herstellung von Gusseisen ist eine schwierige Sache«, sagte Mr. Hazard, »Vielleicht können die Kembles Ihrem Bruder helfen. Oder noch besser, vielleicht können wir es. Sagen Sie ihm, er solle mir schreiben.«

»Das werde ich tun, Sir. Vielen Dank.«

Orry war stets darauf bedacht, auf seinen älteren Bruder einen guten Eindruck zu machen. Am nächsten Tag schrieb er Cooper. Postwendend kam Coopers Antwort. Er dankte Orry für seine Hilfe und schrieb, er würde sich für Ratschläge und Beistand sofort an die Hazard-Werke wenden.

Es wurde Juni. Zu seinem Erstaunen stellte Orry fest, dass er gute Aussichten hatte, sein Juniorenjahr zu überleben, obwohl er kaum damit rechnen konnte, eine brillante Militärkarriere zu machen.

George stand weiterhin in hohem akademischen Ansehen, ohne sich große Mühe zu geben. Zwar beneidete Orry seinen Freund, jedoch nie so stark, dass Eifersucht ihre Beziehung beeinträchtigt hätte.

Beiden war es gelungen, die Gesamtsumme ihrer Fehlerpunkte gerade unter zweihundert zu halten, und als die neue Gruppe zukünftiger Junioren eintraf, ließ der Druck auf sie nach. Orry und George machten nun ihrerseits den Neulingen das Leben schwer, aber ohne jegliche Gemeinheiten. Bent hatte einen allzu guten Anschauungsunterricht vermittelt.

Natürlich war es nicht möglich, dem Mann aus Ohio gänzlich aus dem Weg zu gehen. Jedes Mal, wenn sie ihm begegneten, setzte er einen undurchdringlichen Blick auf, als würden die beiden nicht existieren. Doch George und Orry wussten, dass Bent sie nicht vergessen hatte, obwohl er sie während ihrer letzten Juniorenmonate in Ruhe ließ. Und noch klarer wussten sie, dass er ihnen nicht verziehen hatte.

Etwa zehn Tage vor dem Sommercamp kam Cooper überraschend auf Besuch. Er war eben aus Pennsylvania angekommen, wo William und Stanley Hazard einige der zersprungenen Teile der Mont-Royal-Mühle begutachtet hatten. »Ihr Vater und Ihr Bruder haben das Problem in kurzer Zeit gelöst«, sagte er zu George. »Wie ich vermutete, hat der Dummkopf in Columbia, der die Einzelteile der Mühle herstellte, keine Ahnung von der Sache. Anscheinend stimmt seine Schmelztemperatur nicht. Wenn ich ihm das klarmachen kann, werden wir weniger Pannen haben. Es wird natürlich nicht leicht sein, ihn zu überzeugen, da er kaum zugeben wird, dass man von einem Yankee etwas lernen kann.«

George war von Cooper Main fasziniert. Cooper war dreiundzwanzig und größer als Orry. Er trug feine Kleider, die aber irgendwie unordentlich aussahen. Er hatte eingefallene Wangen, stechende, dunkle Augen und einen gewissen Humor, obwohl George fand, dass er eher etwas sarkastisch war. Cooper und Orry teilten einige Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel die schlanke Gestalt, das braune gewellte Haar und die schmale, fast hochmütige Nase. Doch der ältere Bruder wies nicht die gesunde Gesichtsfarbe auf, die bei Orry sofort auftrat, wenn er auch nur einen Tag an der Sonne verbrachte. Coopers schmales Gesicht und sein schmächtiger Körper schienen etwas Ungesundes auszustrahlen – als ob er blass und schwächlich, aber mit einem unermüdlichen Denkdrang auf die Welt gekommen wäre. Während der kurzen Zeit, die Cooper in Roe’s Hotel verbrachte, schien seine Aufmerksamkeit jedoch dauernd abzuschweifen. Einmal ertappte Orry ihn dabei, wie er mit fast melancholischem Blick die Kaserne anstarrte – vielleicht starrte er auch ins Leere. Doch kurz vor seiner Abreise legte er seine Sorgen und seine ironische Haltung ab und sagte mit einem breiten Lächeln zu George: »Sie müssen uns einen Besuch abstatten, Sir. Bei uns gibt es viele hübsche Mädchen. Zwei davon sogar in unserer Familie. Sie werden einmal richtige Schönheiten sein. In Lehigh Valley sind mir nicht viele hübsche Mädchen begegnet. Ich habe natürlich die meiste Zeit über in Hochöfen gestarrt. Ihre Familie führt eine höchst eindrückliche Fabrik, Mr. Hazard.«

»Nennen Sie mich doch George!«

»Nein, nenn ihn Stumpf«, warf Orry ein. »Alle Kadetten kriegen früher oder später einen Spitznamen. Wir sind letzte Woche getauft worden.«

»Stumpf?« Cooper warf seinem Bruder einen Blick zu. »Und wie heißt du?«

»Stiel.«

Cooper musste lachen. »Nun, Mr. Stumpf, ich möchte betonen, dass ich Ihr Familienunternehmen bewundere.« Wieder trat dieser abwesende, melancholische Blick in seine Augen. »Ehrlich.«

Trotz des Gebrülls von Kälbern, die auf einem Boot den Hudson hinuntergefahren wurden, konnten sie die Glocke des Dampfers am Norddock hören. Cooper packte seinen Koffer und rannte die Verandatreppe des Hotels hinunter.

»Besuchen Sie uns, Mr. Stumpf. Pass auf, dass du richtig isst, Orry. Wir erwarten dich nächsten Sommer zu Hause.«

Als Cooper außer Sicht war, sagte George: »Dein Bruder scheint ein feiner Kerl zu sein.«

Orry runzelte die Stirn. »Ist er, aber etwas stimmt nicht. Er hat sich zwar ehrlich Mühe gegeben zu lächeln und lustig zu sein – beides ist für ihn normalerweise schon schwer –, aber er war nervös.«

»Weshalb?«

»Ich wollte, ich wüsste es.«

4

Cooper fuhr mit der Flussschaluppe Eutaw heimwärts, weg von der Küste. An Bord des Bootes befanden sich Postsendungen und Handelsgegenstände, die von Charleston flussaufwärts zu den verschiedenen Plantagen gesandt wurden.

Es war ein ruhiger, sonniger Vormittag; der Ashley war klar und fast unbewegt. Er gehörte zu den unbedeutenderen »Reisflüssen«, da er den Einflüssen des Ozeans stark ausgesetzt war. Das Salzwasser des Atlantiks, das durch plötzliche Fluten und Orkane manchmal in ihn eindrang, wirkte sich tödlich auf den Reis aus. Doch nach Meinung von Coopers Vater und anderen Reispflanzern wurde dieses Risiko durch die Leichtigkeit, mit der die Ernte nach Charleston verschifft werden konnte, wettgemacht.

Die Hitze der späten Junisonne lastete auf Cooper, als er an der Reling stehend nach dem Maindock Ausschau hielt. Oft empfand er bittere Ablehnung für seinen Staat und insbesondere für seine Region, doch tief in seinem Innern liebte er beide. Besonders die vertrauten Flussufer hatten es ihm angetan, die Pinien, die alten Eichen und die Palmettobäume, die gelegentlich auf jenen Flussufern wuchsen, die nicht bewirtschaftet wurden. Spatzen und Rotkehlchen zwitscherten in den Bäumen. An einer Stelle verlief eine Straße längs des Ufers. Cooper sah, wie drei junge Leute auf schnellen Pferden dahindonnerten. Pferderennen waren ein beliebter Sport in diesem Landesteil.

Insekten plagten ihn und nagten an seiner Haut. Er konnte die nun kommende, ungesunde Jahreszeit förmlich riechen. Im Herrenhaus wurden jetzt wohl bereits Vorbereitungen für die Übersiedlung nach Summerville getroffen. Coopers Vater würde von dort aus regelmäßig die Plantage besichtigen und erst wieder nach Mont Royal ziehen, wenn das Wetter kühler wurde. Es gab ein Sprichwort über die Küste von South Carolina, wo jedes Jahr Dutzende von Weißen an ansteckenden Fiebern starben: »Im Frühling ein Himmel, im Sommer eine Hölle, im Herbst ein Krankenhaus.«

Auf der Hafenseite hatte das Laubwerk von Menschenhand geschaffenen Wällen weichen müssen. Dahinter breiteten sich Felder aus, die schon vor langer Zeit dem Sumpfgebiet in harter Arbeit durch Coopers Vorfahren entrissen worden waren. Die Ufer selbst waren ein Schlüsselgebiet für das komplexe landwirtschaftliche Unternehmen, das eine Reisplantage darstellte.

Die Ufer wiesen in regelmäßigen Abständen rechteckige, hölzerne Dolen auf. An beiden Enden der Dolen befanden sich Schleusen, und mittels dieser Schleusen konnte das Flusswasser sorgfältig auf die Reisfelder geleitet oder von ihnen abgeleitet werden. Der Reis gedieh, wenn Tillet Mains Leute ihre Arbeit rechtzeitig und ordentlich verrichteten, wenn die Mai- und die Reisvögel nicht zu zahlreich auftraten, und wenn der Fluss nicht durch die Herbststürme mit Salz verseucht wurde. Es gab zahlreiche Risikofaktoren, viele Enttäuschungen und wenig ungetrübte Erfolge. Der Reisbauer lernte im Laufe seines Lebens, den Naturgewalten gebührenden Respekt zu zollen. Cooper hatte oft das Gefühl, dass die Mains einen etwas weniger launenhaften, moderneren Beruf ausüben sollten.

Ein Rucken des Schiffrads rüttelte ihn aus seiner Träumerei. Die Landungsbrücke war in Sicht, und er hatte es nicht einmal bemerkt. Traurigkeit überfiel ihn plötzlich. Am besten halte ich den Mund über das, was ich im Norden gesehen habe.

Er war jedoch nicht sicher, ob ihm dies möglich sein würde.

Und schon eilte er mit großen Schritten über den Weg durch den künstlich angelegten Garten mit Blick auf den Fluss. Es roch nach Veilchen und Jasmin, nach Holzäpfeln und Rosen. Vom Balkon im zweiten Stockwerk des Herrenhauses überwachte seine Mutter Clarissa Gault Main einige Haussklaven, die dabei waren, die oberen Räume abzuschließen. Sie erblickte Cooper, rannte ans Geländer und grüßte ihn. Cooper winkte und warf ihr eine Kusshand zu. Er liebte sie sehr.

Er ging nicht ins Haus hinein, sondern um die eine Seite herum und sagte jedem Neger, der aus dem vom übrigen Haus getrennten Küchengebäude kam, Guten Tag. Von hier aus bot sich ein herrlicher Blick auf einen kurzen Weg, der sich zwischen alten Eichen bis zur Uferstraße hin schlängelte. Es wehte plötzlich eine heftige Brise, die Bäume waren von einem grauen Moosbart überzogen.

Am Ende des Wegs sah er zwei kleine Mädchen, seine beiden jüngeren Schwestern, die sich wie üblich balgten; die eine jagte hinter der anderen her. Der nichtsnutzige Vetter Charles war nicht zu sehen. Hinter der Küche befand sich das Bürogebäude von Mont Royal. Cooper erklomm die Treppe und hörte die Stimme von Rambo, einem der erfahrensten Fuhrleute der Plantage.

»Es keimt in South Square, Mr. Main. Auch in Landing Square.« Er meinte damit bestimmte Felder, die alle einen Namen trugen.

Tillet Main sicherte sein Einkommen, indem er jedes Jahr ein Drittel seines Landes in der Spätsaison, Anfang Juni, anpflanzte, wenn die Gefahr einer Beschädigung der Ernte geringer war. Der Fuhrmann teilte seinem Vater mit, dass die Samen auf den Feldern, die spät bepflanzt wurden, eben zu keimen begonnen hatten. Bald würde man die Felder entwässern, und dann würde die lange Periode des Trockenwachstums beginnen.

»Gute Nachricht, Rambo. Weiß es Mr. Jones?«

»Er war da, mit mir, um zu sehen, Sir.«

»Ich möchte, dass du und Mr. Jones alle Leute, die es wissen müssen, informieren.«

»Jawohl, Sir.«

Cooper öffnete die Tür und sagte dem großen grauhaarigen schwarzen Mann, der eben heraustrat, Guten Tag. Jeder in der Familie nannte die Neger einfach Tillets Leute; Leute war ein herkömmlicher Begriff, der irgendwie die Wahrheit verschleiern sollte. Cooper fiel es etwas weniger schwer, in seinem Denken ehrlich zu sein und die Schwarzen als das zu bezeichnen, was sie waren: Sklaven.

»Ich hatte schon geglaubt, die Yankees hätten dich entführt«, sagte Tillet Main aus einer Wolke von Pfeifentabakrauch heraus, die über seinem Schreibtisch hing. Er verzog die Mundwinkel; wahrscheinlich würde das die ganze Zuneigung sein, die er an diesem Morgen zeigte, vermutete Cooper.

»Ich habe mir einen Tag freigenommen, um Orry zu besuchen. Es geht ihm gut.«

»Ich erwarte, dass es ihm gut geht. Ich bin jedoch mehr daran interessiert zu erfahren, was du herausgefunden hast.«

Cooper machte es sich in einem alten Schaukelstuhl, der neben dem aktenbeladenen Schreibtisch seines Vaters stand, bequem. Tillet führte seine Buchhaltung selbst und überprüfte jede Rechnung, die sich auf die Bewirtschaftung von Mont Royal bezog. Wie andere Pflanzer aus dem Flachland betrachtete er sein Land als ein Freigut, aber er war ein Freiherr, der sich persönlich um jeden Pfennig kümmerte.

»Wie sich herausstellte, war mein Verdacht begründet«, sagte Cooper. »Es gibt eine wissenschaftliche Erklärung dafür, weshalb unsere Stangen und Schwungräder so oft brechen. Wenn beim Gusseisenverfahren nicht genügend Kohle oxidiert – Kohle und noch einige andere Elemente – dann ist das Eisen nicht hart genug für Maschinenteile, die stark belastet werden. Ich muss das nun diesem Idioten in Columbia klarmachen. Sollte es mir nicht gelingen, dann können wir vielleicht Teile aus einer Gießerei in Maryland oder sogar in Pennsyl–«

»Es wäre mir lieber, wenn wir das Geschäft innerhalb des Staates belassen könnten«, unterbrach ihn Tillet. »Es ist einfacher, Druck auf Freunde als auf Fremde auszuüben.«

»Na gut«, seufzte Cooper. Es war wieder einmal ein väterlicher Befehl an ihn ergangen. Jede Woche erhielt er Dutzende davon. »Aber ich habe nun Freunde in Pennsylvania.« Tillet überhörte die Bemerkung.

Das Oberhaupt der Mainfamilie war achtundvierzig Jahre alt. Der Kranz Haare um seinen sonst kahlen Kopf herum war bereits weiß. Cooper hatte Tillets Statur und seine dunklen Augen geerbt. Und doch gab es einen klaren Unterschied zwischen Vater und Sohn. Coopers Blick war weich, nachdenklich, manchmal von bitterem Humor geprägt. Tillets Blick war selten freundlich oder fröhlich, sondern eher direkt, starr und manchmal stechend. Tillet Main, der für das Verhalten und das Wohlergehen von Dutzenden von weißen wie auch schwarzen Menschen verantwortlich war, hatte längst gelernt, nicht mehr schüchtern zu sein.

Die Hälfte der Kinder, die er gezeugt hatte, waren nicht älter als vier Jahre geworden. Coopers Mutter sagte, das sei der Grund, weshalb Tillet so selten lächelte. Doch der älteste Sohn nahm an, dass es noch andere Gründe dafür gab. Tillets Position und sein Erbe verleiteten ihn zu einer Art natürlicher Arroganz. Gleichzeitig litt er jedoch unter zunehmenden Minderwertigkeitsgefühlen, die er weder unter Kontrolle halten noch bekämpfen konnte. Eine Krankheit, die Cooper in letzter Zeit bei vielen Südstaatlern auffiel. Seine Reise hatte ihm erneut bestätigt, dass dies seinen guten Grund hatte.

Tillet betrachtete seinen Sohn. »Du scheinst dich nicht gerade zu freuen, wieder zu Hause zu sein.«

»O doch«, sagte Cooper, und er sagte die Wahrheit. »Aber ich bin seit meinem letzten Jahr in Yale nicht mehr im Norden gewesen. Was ich dort gesehen habe, hat mich gründlich deprimiert.«

»Was hast du denn gesehen?« Tillet war plötzlich sehr aufmerksam geworden. Cooper wusste, dass er sich jetzt hätte zurückhalten müssen, aber er weigerte sich hartnäckig.

»Fabriken, Vater, riesige, schmutzige Fabriken, die Lärm machen und den Himmel verpesten wie die Öfen vom Beelzebub. Der Norden entwickelt sich in einem erschreckenden Tempo, die Maschinen haben die Führung übernommen. Und was die Leute betrifft – mein Gott, ich bin nie so vielen Menschen begegnet. Im Vergleich dazu leben wir hier in der Wildnis.«

Tillet zündete seine Pfeife wieder an und paffte gedankenvoll. »Du glaubst also, Quantität sei besser als Qualität?«

»Nein, aber –«

»Wir wollen nicht von einer Menge nichtsnutziger Fremder überfahren werden.«

Da war er wieder, dieser dumme, halsstarrige Stolz. Cooper schnappte zurück: »War denn Charles Main etwas anderes als ein nichtsnutziger Fremder?«

»Er war ein Herzog, ein Gentleman und einer der ersten Hugenottensiedler.«

»Sehr schön, aber die Verehrung der Vergangenheit baut uns keine Fabriken und hilft unserer Wirtschaft auch nicht auf die Beine. Dies ist das Zeitalter der Maschine, und wir weigern uns, das anzuerkennen. Wir klammern uns an die Landwirtschaft und an die Vergangenheit und fallen mehr und mehr zurück. Einst hat der Süden dieses Land praktisch regiert. Aber jetzt nicht mehr. Jedes Jahr verlieren wir auf nationaler Ebene an Ansehen und Einfluss. Und mit gutem Grund: Wir gehen nicht mit der Zeit.«

Er hielt inne, kurz bevor er das übliche Argument vorbringen wollte, nämlich, dass die Wohlfahrt des Südens genauso abhängig vom System der Sklaverei geworden war wie die Sklaven von ihren Besitzern. Aber Tillet war bereits in Wut geraten. Der alte Mann schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Halt deinen Mund! Die Südstaatler reden nicht gegen ihre Heimat. Zumindest die loyalen nicht. Es gibt genügend Yankees, die so was tun.«

Der Sohn fühlte sich eingezwängt zwischen seiner eigenen Überzeugung und seiner Unfähigkeit, Tillet zu einer Meinungsänderung zu bewegen. Sie hatten bereits früher ähnliche Auseinandersetzungen gehabt, aber die Diskussion war noch nie so hitzig gewesen wie diesmal. Cooper brüllte: »Wenn du bloß nicht so verdammt halsstarrig wärst wie alle anderen Freiherrn in diesem umnachteten –«

Ein Schrei von draußen unterbrach den Streit. Vater und Sohn rannten zur Tür.

Der Schrei kam von einem der beiden kleinen Mädchen, die Cooper auf seinem Weg ins Büro gesehen hatte. Ashton Main und ihre Schwester Brett hatten eine halbe Stunde vor Ankunft des Schiffs ihre Leseunterrichtsstunde beendet. Ihr Hauslehrer, ein Deutscher aus Charleston, Herr Nagel, hatte ein Vormittagsnickerchen gemacht; er freute sich über die Wissbegier des jüngeren Mädchens, ärgerte sich jedoch über die Unverschämtheit der Älteren, die alles Intellektuelle langweilig fand.

Beide waren unmissverständlich Mains, und doch waren sie sehr verschieden. Nur die eine fiel Besuchern auf – Ashton; sie war fast acht und beinahe schon schön. Sie hatte viel dunkleres Haar, als es in der Familie üblich war. Je nach Licht sah es schwarz aus. Wenn sie wütend war, glichen ihre Augen genau denjenigen ihres Vaters.

Brett war zwei Jahre jünger, nicht hässlich, aber weniger perfekt als ihre Schwester. Sie würde hochgewachsen und schlank werden wie Tillet und ihre Brüder; sie und Ashton waren beinahe schon gleich groß. Es war ein Erbe, das sich als Nachteil erweisen würde, wenn es darum ging, Verehrer zu finden, wie Ashton oft betonte.

Nach ihrem Unterricht hatten die Mädchen einen Spaziergang am Flussufer gemacht. Brett hatte auf einem Ast im Gehölz, hinter dem letzten Feld, auf dem sich die grünen Keimlinge der Märzsaat stolz erhoben, ein leeres Vogelnest mit einem kleinen, blassen Ei gefunden.

»Ashton, komm, sieh dir das an!« Ashton kam leichtfüßig angesprungen, fast etwas stolz. Jung, wie sie war, waren ihr ihre körperlichen Vorzüge im Vergleich zu denjenigen ihrer Schwester wohl bewusst. Sie zeigte sich überlegen, als sie auf das Ei blickte.

Brett sagte: »Ich nehme an, dass es ein Fischreiher vergessen hat.« Sie blinzelte ernst über den Fluss. »Wetten, dass die Vogelmutter bald zurück sein wird, um es auszubrüten.«

Ashton bemerkte den Gesichtsausdruck ihrer Schwester, und sekundenlang spielte ein Lächeln um ihre Mundwinkel. »Nun, dann wird sie enttäuscht sein«, sagte sie, indem sie sich behände nach dem Ei bückte und losrannte. Brett verfolgte sie dem Ufer entlang. »Leg es zurück. Du hast kein Recht, einer Vogelmutter das Kleine zu stehlen.«

»O doch«, sagte Ashton und schüttelte ihr Haar. Damit schien die Angelegenheit für sie erledigt.

Brett kannte ihre Schwester oder glaubte zumindest, sie zu kennen. Die Situation verlangte rasches, geschicktes Handeln. Brett täuschte plötzliches Desinteresse vor. Bald passte Ashton nicht mehr auf, rannte nicht mehr und betrachtete die Trophäe, die sie auf der Hand hielt. Die jüngere Schwester stürmte von hinten auf sie zu und schnappte ihr das Ei aus der Hand.

Ashton verfolgte sie um das Herrenhaus herum bis zum Weg – dort, wo Cooper sie gesehen hatte. Die Verfolgungsjagd dauerte einige Minuten. Als schließlich beide außer Atem waren, schien es, als ob Ashton von Reue erfasst würde.

»Tut mir leid, Brett. Du hast recht, und ich bin ein Kamel. Wir sollten es zurücklegen. Lass es mich noch einmal sehen.«

Brett ließ sich von Ashtons süßer Aufrichtigkeit einlullen und gab ihrer Schwester das Ei. Ashtons Lächeln veränderte sich. »Wenn’s nicht meins ist, ist es auch nicht deins.« Und damit machte sie eine Faust und zerquetschte das Ei.

Brett ging auf sie los, und da sie drahtig und behände und nicht sehr damenhaft war, hatte sie ihre Schwester bald auf den Boden gezerrt. Sie riss Ashton an den Haaren und schlug auf sie ein, bis sie schrie. Die Schreie veranlassten Papa und Cooper, aus dem Büro zu stürzen. Papa riss die beiden auseinander, erhielt zwei völlig verschiedene Berichte und legte die beiden nacheinander übers Knie – dies alles, bevor ihre Mutter auf das Geschrei hin aus dem Haus stürzte.

Brett heulte über das ihr angetane Unrecht. Ashton heulte noch lauter, doch als sie ihren Kopf zurückwarf und Grimassen schnitt, leuchteten ihre Augen. Auf den ersten Blick hätte man denken können, es seien Tränen. Bei näherer Betrachtung sah man aber, dass sie sich amüsierte. Clarissa, Tillet und Cooper fiel das nicht weiter auf. Aber Brett bemerkte es.

Etwa dreiviertel Meilen vom Herrenhaus entfernt, in einer getrennten, aber zur Plantage gehörenden Siedlung fand etwa zur selben Zeit ein weiterer Streit statt. Mitten auf der staubigen Straße balgten sich ein weißer und ein schwarzer Knabe um eine Fischerrute aus Bambus. Die Straße war auf beiden Seiten von einer Reihe geweißelter Sklavenunterkünfte gesäumt. In dieser Straße befand sich – ebenfalls säuberlich vom Herrenhaus getrennt – die Krankenstation der Plantage, die kleine Kirche und am Ende der Straße, etwas erhöht gelegen, eine auf Kalkmörtelsäulen ruhende Fünfzimmerresidenz. Dieses Haus gehörte dem Aufseher von Mont Royal, Salem Jones, von Geburt her ein Neuengländer und von Natur aus ein Leuteschinder. Jones war bei seiner verwitweten Mutter im Süden aufgewachsen und vor etwa elf Jahren mit erstklassigen Referenzen von einer anderen Plantage nach Mont Royal gekommen. Tillet betrachtete ihn immer noch als einen Yankee, also als einen Außenseiter. Die guten Leistungen, die Jones für die Mains erbrachte, trugen dazu bei, Tillets Misstrauen zu mindern, aber ganz verschwand es nie.

Kleine schwarze Mädchen und schwarze Männer, die zu alt zum Arbeiten waren, schauten den beiden Raufbolden teilnahmslos zu. Man hätte nicht sagen können, wer von den beiden der wildere oder dreckigere war. Der weiße Junge – sieben Jahre alt, sonnengebräunt und kräftig – war Charles Main. Vetter Charles nannte ihn Clarissa, um ihn von ihren eigenen Kindern zu unterscheiden.

Charles war ein außerordentlich hübscher Junge. Doch das gute Aussehen war auch schon alles Positive, was er geerbt hatte. Er war der Sohn von Tillets Bruder, einem untauglichen Rechtsanwalt namens Huger Main. Huger Main war zusammen mit seiner Frau 1841 auf einem Dampfer umgekommen, der nach New York fahren sollte und in der Nähe von Kap Hatteras aufgelaufen war. Charles war für die Dauer der Abwesenheit seiner Eltern von seiner Tante und seinem Onkel aufgenommen worden. Er war ein Einzelkind. Nach der Bestattung, bei der zwei leere Särge versenkt worden waren, blieb er bei seinen Verwandten. Charles führte ein einfaches und ein einsames Leben. Mit der Kindern eigenen Intuition spürte er, dass Onkel Tillet nicht viel von seinem Vater gehalten hatte, also hielt er auch nicht viel von ihm. Die Ablehnung, mit der ihm seine Verwandten begegneten, betrachtete Charles eher als Segen. So konnte er seine eigenen Wege gehen; seine Tante und sein Onkel zwangen ihn nicht, sich der Folter des Unterrichts mit dem deutschen Lehrer zu unterwerfen. Er ging oft fischen und streifte durch die umhegenden Wälder und Sumpfgebiete. Seine Freunde waren Negerjungen wie Cuffey, mit dem er sich jetzt um die Angel raufte.

Stimmengeschrei, das aus einer der Sklavenhütten kam, lenkte die Aufmerksamkeit der beiden Kämpfer und einiger Schwarzer auf sich. Aus der Hütte kam mit großen Schritten eine bekannte Gestalt in Stiefeln. Gedrungen, kahlköpfig und mit einem Dickwanst; im Gegensatz dazu das engelhafteste Gesicht der Welt: Salem Jones hielt es für notwendig, seine Autorität damit zu bekräftigen, dass er überall, wo er auch immer hinging, eine Reitpeitsche und einen dicken Holzknüppel an seinem Gürtel mit sich trug.

Die Jungen hörten auf zu kämpfen. Charles hatte die Angel während des Kampfes beinahe zerbrochen. Sein Hemd hing wie gewöhnlich aus der Hose, Wangen und Kinn waren dreck verschmiert. Der Kampf, den er letzte Woche mit James, dem Vetter von Cuffey, ausgefochten hatte, hatte ihn einen Schneidezahn gekostet. Er war der Meinung, dass die Zahnlücke ihm einen verwegenen Ausdruck verlieh.

»Jones hat wieder versucht, mit Semiramis zu schlafen«, flüsterte Cuffey. »Er versucht es bereits seit sechs Monaten, seit seine Frau gestorben ist.«

»Er hat es schon lange vorher versucht, nur so, dass niemand es bemerken sollte«, vertraute Charles ihm an. »Das hat Onkel Tillet gesagt.«

Salem Jones marschierte die Straße entlang und verschwand hinter seiner Residenz. Charles näherte sich der Hütte, in der Semiramis mit ihrer Familie wohnte. Die Tür stand offen, aber das Mädchen war nur undeutlich zu erkennen. Charles konnte sie nicht genau sehen, aber er konnte sie sich lebhaft vorstellen. Semiramis hatte eine seidenweiche schwarze Haut und einen vollkommenen Körper. Alle Jungen auf der Plantage waren sich einig, dass sie etwas Besonderes war.

Verärgert sattelte Jones sein Pferd und ritt eilends in Richtung Felder. Cuffey sagte ahnungsvoll: »Priam wird heute Abend darunter leiden müssen. Der alte Jones kriegt nicht, was er will, also wird er sich an ihrem Bruder rächen.«

Charles warf einen Blick auf den Stand der Sonne. »Ich wollte nach Hause essen gehen, aber ich glaube, ich bleibe hier, bis Priam mit seiner Arbeit fertig ist.« Die Familie würde ihn ohnedies nicht vermissen. Er überlegte sich, was geschehen könnte. Priam, der Bruder von Semiramis, war ein kräftiger Bursche mit einem starken Willen. Obwohl seine Familie schon vor drei Generationen aus Angola gebracht worden war, hatte er immer noch einen unbändigen Drang nach einer Freiheit, die er nie gekannt hatte.

Charles konnte seinen Groll verstehen. Er konnte ein System, das einigen Männern Freiheit bot, weil sie weißer Hautfarbe waren, und anderen diese Freiheit versagte, weil sie nicht weiß waren, nicht begreifen. Er fand dies ungerecht, ja geradezu barbarisch, obwohl er gleichzeitig glaubte, dass es auf der ganzen Welt so sei und es daran nichts zu ändern gebe.

Er hatte mehrere Male über gewisse Aspekte der Sklaverei mit Cuffey diskutiert. Sie hatten beide festgestellt, dass Semiramis nicht das Geringste gegen den klassischen Namen hatte, mit dem man sie bei ihrer Geburt bedacht hatte. Sie betrachtete es nicht als Ironie. Priam hingegen verstand die Verhöhnung gut und machte keinen Hehl daraus, dass er seinen Namen hasste.

Einst hatte Cuffey seinem Freund anvertraut, dass Priam nicht ewig Tillets Sklave bleiben wollte. Charles wusste, was das zu bedeuten hatte: Priam würde fliehen. Aber wohin? Gab es denn nicht überall Sklaverei? Cuffey meinte nein, aber beweisen konnte er es nicht.

Charles lungerte den ganzen Nachmittag in der Sklavensiedlung herum. Eine Stunde lang machte er ein Nickerchen in der kühlen, dunklen Kirche. Als die Feldarbeiter mit geschulterter Hacke hereinzuströmen begannen, saß er schnitzend auf einem Schemel.

Vor einer Stunde war Jones nach Hause zurückgekehrt. Er stand jetzt auf der Türschwelle und spielte mit seinem Knüppel.

»Du, Priam«, rief Jones mit einem leutseligen Lächeln. Der Sklave, der fünfzehn Jahre jünger und einen Kopf größer war als der Aufseher, trat aus der Reihe der vorbeidefilierenden Sklaven hervor. Seine Stimme war knapp respektvoll, als er sagte:

»Ja, Mist’ Jones?«

»Der Fuhrmann hat mir gesagt, dass du in letzter Zeit in der Arbeit nachgelassen hast. Er sagte mir auch, dass du dich ständig beklagst. Soll ich dir jeden Tag anderthalb Tagwerke geben?«

Priam schüttelte den Kopf. »Ich tue jede Kleinigkeit, die man von mir verlangt. Ich muss die Arbeit ja nicht auch noch lieben, oder?« Sein Blick huschte über die anderen Sklaven, seine Augen blitzten zornig, ja hasserfüllt.

»Der Fuhrmann hat nie zu mir gesagt, dass er nicht zufrieden mit mir ist.«

Jones schritt langsam und majestätisch die Treppe hinunter, blieb aber auf halbem Wege stehen, denn wäre er weitergegangen, so wäre sein Kopf nicht mehr auf Priams Augenhöhe gewesen.

»Glaubst du allen Ernstes, er würde dir das sagen? Nein. Du bist zu dumm, um zu begreifen. Du bist gerade gut genug für die Arbeit, die du tust. Niggerarbeit. Tierarbeit.«

Der Aufseher versetzte Priam mit seinem Knüppel einen Stoß in den Magen, er versuchte ihn zu provozieren. »Ich werde versuchen, dich eine Woche lang etwas mehr zu beschäftigen. Anderthalb Stunden mehr Arbeit pro Tag.«

Aus den Reihen der umstehenden Neger kamen einige unterdrückte Seufzer. Ein Tagewerk war das, was man üblicherweise auf den nicht allzu repressiven Plantagen erfüllen konnte. Ein fähiger Mann konnte dieses Tagewerk vor Sonnenuntergang erledigen und hatte dann Zeit, um im eigenen Garten zu arbeiten oder persönliche Arbeiten zu verrichten.

Priam presste die Zähne zusammen. Er war vernünftig genug, den Aufseher nicht zu reizen. Aber Jones war entschlossen, ihn herauszufordern.

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