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Die Fabelmacht-Chroniken. Flammende Zeichen

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1

Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?«

Mila sah von ihrem abgegriffenen Notizbuch hoch. Sie hatte versucht zu schreiben, aber sie hatte noch nicht viel zustande gebracht.

Draußen vor dem Zugfenster waren die ersten Ausläufer von Paris zu sehen, schäbige, düster wirkende Hochhaussiedlungen, in denen der Beton alles Leben zu erdrücken schien.

Der Mann, der Mila diese sonderbare Frage gestellt hatte, war in Straßburg zugestiegen und hatte sich ihr gegenübergesetzt. Bis eben hatte er geschwiegen, sie nur ab und an neugierig betrachtet.

»Wie bitte?«, fragte Mila.

»Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?«, wiederholte er. Er schien alt zu sein. Er war auf diese besondere Art geschrumpft, wie das nur bei sehr betagten Menschen manchmal vorkam. Mila schätzte ihn auf über achtzig. Sein Gesicht war faltig, die Augen lagen tief in den Höhlen, die von hervorstehenden Wangen- und Stirnknochen gebildet wurden.

»Keine Ahnung«, antwortete Mila. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht.«

Was gelogen war. Natürlich hatte sie schon ab und zu darüber nachgedacht, ob es Liebe auf den ersten Blick gab, und wenn ja, ob sie ihr irgendwann einmal begegnen würde. Sie war siebzehn. Welches siebzehnjährige Mädchen dachte nicht über solche Sachen nach?

Aber sie hatte keine Lust, sich mit dem Mann darüber zu unterhalten. Sie hatte überhaupt keine Lust, sich zu unterhalten.

Sie richtete den Blick wieder auf ihr Notizbuch. Ihr Handy, das sie neben sich auf den leeren Nachbarsitz gelegt hatte, summte zum vierten Mal, seit der Zug Straßburg verlassen hatte. Mila warf einen Blick auf die Textnachricht, die sie erhalten hatte.

»Wo bist du??????«

Mittlerweile war ihre Mutter bei sechs Fragezeichen angekommen. Nicht mehr lange und sie würde auch anfangen zu fluchen.

Du mich auch!, dachte Mila und drehte das Telefon um, sodass sie die Nachrichten nicht mehr sehen musste.

»Sie sollten ihm antworten«, sagte der alte Mann. Jetzt fiel Mila auf, wie altmodisch sein Französisch klang. Trotzdem konnte sie ihn gut verstehen. Sie war in Paris geboren, aber gleich nach ihrer Geburt hatte ihre Mutter Frankreich verlassen und war mit ihr nach Berlin gezogen. Aus diesem Grund war Mila mehr oder weniger zweisprachig aufgewachsen. Sie sprach Französisch fast genauso gut wie Deutsch.

Mila sah dem Mann ins Gesicht, und das schien ihm ein wenig unangenehm zu sein. Nervös kratzte er sich mit dem kleinen Finger den Nasenflügel. Seine Nägel waren ein bisschen zu lang für einen Mann und sorgfältig gefeilt. Auch an seinen Händen erkannte man sein Alter: dürr, knotig waren sie, mit faltiger Haut. Mila musste bei ihrem Anblick an den Geruch von Pergament und altem Leder denken.

Der Mantel, den der Alte trotz der stickigen Luft im Zug nicht ausgezogen hatte, war von einem unauffälligen Grau, was insgesamt zu ihm zu passen schien. Irgendwie wirkte er, als sei er nicht richtig existent.

»Woher wissen Sie, dass es ein Er ist?«, fragte Mila.

»Ich habe nur geraten. Seit Straßburg haben Sie vier Nachrichten erhalten und keine davon beantwortet. Dafür haben Sie mindestens zwanzigmal geseufzt.« Er schürzte die Lippen zu einer Art Kussmund, dann zog er sie ein, als müsse er seine Zähne davon abhalten, ihm aus dem Mund zu fallen. »Das lässt mich auf Liebeskummer tippen.«

»Kein Liebeskummer, nein.« Sie drehte ihren Bleistift zwischen den Fingern.

»Nicht?« Der alte Mann schien überrascht. »Ich finde, Sie sehen aus, als hätten Sie Liebeskummer.«

Wenn du selbst mal Liebeskummer gehabt hast, dachte Mila, dann ist das vermutlich schon ziemlich lange her.

Obwohl, was wusste sie schon? Plötzlich hatte sie ein schlechtes Gewissen. Er war so alt und vermutlich wollte er einfach nur nett sein. Sie legte den Bleistift auf das Notizbuch. »Wie sieht denn jemand aus, der Liebeskummer hat?«

»Na, wie eine hübsche, junge Dame, die allein im TGV nach Paris sitzt, stundenlang grübelnd aus dem Fenster starrt und dabei ab und zu seufzt.«

Das Kompliment freute Mila. Aber ihr war es auch unheimlich, dass er sie die ganze Zeit so genau beobachtet hatte.

»Sie sind von Ihrem Freund kürzlich erst verlassen worden.« Er formulierte das nicht als Frage, sondern wie eine Feststellung.

Mila hatte keine Ahnung, wie er darauf kam, aber er lag richtig. »Und wenn?«, murmelte sie.

Da lächelte er. »Wie hieß er?«

Sie überlegte kurz, ob sie es ihm sagen sollte, doch dann entschied sie sich dagegen. In dieser Geschichte hier, das hatte sie sich geschworen, würde ihr Ex keine Rolle spielen. Sie zuckte mit den Schultern.

Das Lächeln des alten Mannes vertiefte sich. »Ah. Er braucht keinen Namen in dieser neuen Geschichte, nicht wahr?«

Das lag so dicht an dem, was sie gerade gedacht hatte, dass sie ihn erstaunt musterte. »Können Sie Gedanken lesen?«

»So was Ähnliches.«

Mila bemerkte, dass ihre Fingerspitzen nervös auf das dicke Notizbuch trommelten. Irgendwann war es einmal rot gewesen, aber die Farbe war schon lange verblasst. Kinokarten, Prospekte und allerlei Zettel steckten zwischen den Seiten und damit sie nicht herausfielen, hatte Mila ein regenbogenfarbenes Haarband um den Umschlag geschlungen.

»Aber er hat Ihnen wehgetan.« Wieder eine Feststellung.

Und sie ging Mila zu weit. Small Talk im Zug war in Ordnung, aber mit dem Mann über ihren Exfreund zu reden, da hörte es auf. Denn ja, es tat noch immer weh, wobei der Schmerz weniger in ihrem Herzen saß, sondern eher ein Stück höher, in ihrer Kehle, wie ein bitterer Geschmack, den sie nicht loswurde. Ein klarer Fall von gekränkter Eitelkeit, hatte ihre Freundin Isabelle neulich am Telefon gut erkannt.

Milas Handy kündigte eine weitere Nachricht an. Diesmal schaute sie gar nicht erst nach. Ob ihre Mutter diesmal zu ihren Fragezeichen einen Fluch hinzugefügt hatte?

Wo zum Teufel bist du???????

Mila war gestern Abend im Streit von zu Hause abgehauen. Sie hatte ihrer Mutter nur gesagt, dass sie bei einer Schulfreundin übernachten würde, und das hatte sie auch getan. Davon, dass sie heute Morgen ziemlich kurz entschlossen in einen Zug gestiegen war, um zu Isabelle nach Paris zu fahren, hatte ihre Mutter nicht die geringste Ahnung.

Isabelle war eine Freundin, die Mila schon kannte, seit sie sich auf einem internationalen Jugendfreizeitcamp für junge Künstler in Riga getroffen hatten. Damals war Mila vierzehn gewesen, Isabelle schon achtzehn. Und obwohl Mila schrieb und Isabelle malte, hatten sie sich auf Anhieb gut verstanden und waren in Kontakt geblieben.

Gestern nach dem Streit mit ihrer Mutter hatte Mila Isabelle eine SMS geschrieben und sich bei ihr ausgekotzt. »Helena ist mal wieder unmöglich«, hatte sie geschrieben. Sie nannte ihre Mutter oft beim Vornamen, besonders, wenn sie sauer auf sie war. Isabelles Antwort hatte aus genau zwei Sätzen bestanden: »Komm her! Bleib, so lange du willst.«

Also hatte Mila die Nacht bei ihrer Schulfreundin verbracht, deren Mutter glaubte, dass Helena Bescheid wusste, wo sie war. Heute Morgen dann hatte sie sich ganz früh über das Internet eine Fahrkarte nach Paris besorgt und weil sie einfach nur wegwollte, hatte sie sich für die erste, längere Verbindung über Karlsruhe entschieden.

Der alte Mann schaute sie immer noch erwartungsvoll an. Offenbar erwartete er irgendeine Antwort. Betont demonstrativ wechselte sie das Thema. »Ich besuche jemanden in Paris.«

Wie, um sie für ihre Unhöflichkeit zu tadeln, begann ihr Handy jetzt auch noch zu klingeln. Mila drehte es wieder um.

Auf dem Display war ein Bild zu sehen, das sie zusammen mit ihrer Mutter zeigte. Es war das einzige Foto, das sie hatte, auf dem ihre Mutter lächelte.

Mila starrte die beiden Gesichter an, ihr eigenes, das von einer leichten Urlaubsbräune überzogen war, die gut zu dem sonnigen Blond ihrer Locken und zu ihren hellblauen Augen passte. Die paar Sommersprossen, die sie immer im Sommer bekam, wirkten wie mit einem feinen Haarpinsel auf ihre Nase getupft.

Und daneben das Gesicht ihrer Mutter, ihrem eigenen ähnlich, aber ausgezehrter. Schon immer hatte Milas Mutter gewirkt, als koste es sie zu viel Kraft, Gefühle zuzulassen. Was kein Wunder war, wenn man bedachte, dass Milas Vater und ihr älterer Bruder kurz vor ihrer Geburt gestorben waren. Helena, die Schriftstellerin war, hatte mehrere Bücher über das Thema Tod und Verlust verfasst, die allesamt nicht besonders erfolgreich gewesen waren. Und gleichzeitig war der Tod der beiden natürlich auch der Grund, warum Helena so sehr an Mila klammerte, dass sie manchmal kaum Luft bekam.

Seufzend drückte Mila den Anruf weg, dann zog sie ihr Notizbuch ein wenig dichter zu sich heran. »Seien Sie nicht böse, aber ich würde jetzt gern weiterschreiben.«

Der Mann nickte. »Natürlich. Bitte entschuldigen Sie! Ich bin wieder einmal viel zu aufdringlich.«

Mila lächelte ihn schwach an. Dann nahm sie ihren Bleistift und setzte ihn auf das fast leere Blatt.

Liebe auf den ersten Blick, dachte sie und las den einzigen Satz, den sie von ihrer neuen Geschichte bisher zustande gebracht hatte.

»Nicholas kniete auf dem Rasen vor dem Eiffelturm«, lautete er.

Nicholas kniete auf dem Rasen vor dem Eiffelturm und blickte das kleine Mädchen an, das vor ihm stand und ihn anstarrte. Die Kleine weinte. In der einen Hand hielt sie den Körper einer bunten Flickenpuppe, in der anderen deren abgerissenen Kopf. Die Haare dieser Puppe waren aus gelben Wollfäden geflochten. Schaumgummi quoll aus dem Hals und der Stoff, aus dem der Körper genäht war, wirkte ausgefranst und zerschlissen. Nicholas war auf das Mädchen aufmerksam geworden, weil er ihr verzweifeltes Schluchzen gehört hatte. Jetzt strich er sich die halblangen schwarzen Haare aus den Augen. »Zeig mal!«

Als er ihr behutsam den Puppenkörper und den Kopf wegnahm, schluchzte sie noch einmal und zog die Nase hoch. »Emmy war schon ganz doll kaputt. Aber jetzt ist der Kopf ganz ab …« In ihren Augen schimmerte kindliche Verzweiflung.

»Schon gut«, sagte er. Er sah sich um. »Wo ist denn deine Mama?«

»Eis kaufen«, antwortete sie mit einem tiefen, schmerzvollen Seufzen. »Ich wollte Emmy doch nur die Tauben da zeigen …« Mit ihrer Kinderhand wies sie auf einen Schwarm der grauen Vögel, die hier überall herumhüpften. »Und dann war der Kopf einfach ab«, schniefte sie.

Nicholas schaute hinüber zum Kiosk. Die Mutter der Kleinen stand in der Schlange und unterhielt sich mit einem älteren Mann. Gleich dahinter wartete Nicholas’ Freund Luc, der für sie beide Kaffee holen wollte.

Nicholas blickte wieder auf die beiden kaputten Puppenhälften. Sollte er? Noch während er sich das fragte, tastete seine Hand schon in der Tasche seines schwarzen Mantels herum. Ihm war klar, dass er gegen die Regeln verstieß, die sein Vater aufgestellt hatte, aber was machte es für einen Unterschied? Er wusste, welche Gefahren damit einhergingen. Gerade er wusste das. Trotzdem erlaubte er sich manchmal, bei solch kleineren Ereignissen die Fabelmacht zu benutzen. Es war, als versuchte er damit etwas wiedergutzumachen.

Er zog einen silbernen Kugelschreiber und ein kleines schwarzes Notizbuch hervor.

»Gleich geht es Emmy wieder gut«, versprach er der Kleinen. »Aber du darfst niemandem verraten, was ich jetzt tue. Einverstanden?«

Mit ernsthaftem Blick nickte das Mädchen.

»Wie heißt du?«, fragte Nicholas.

»Marie-Claire.« Ihr ging auf, dass sie mit einem Fremden redete, und plötzlich verschloss sich ihr Gesicht.

»Ein schöner Name.« Nicholas lächelte sie an. Es wirkte.

Marie-Claire kicherte.

Er schaute sich noch einmal rasch um. Mit Puppe und Notizbuch in der Hand drehte er Marie-Claire den Rücken zu und schlug dann das Notizbuch auf. Seine Bewegungen waren beiläufig. Er konnte es sich nicht leisten, dass jemand auf ihn aufmerksam wurde.

»Was tust du denn da?«, fragte Marie-Claire. Sie kam um ihn herum. Neugierig starrte sie auf das schwarze Buch in seiner Hand, in das er rasch ein paar Sätze gekritzelt hatte. Aber er klappte es hastig zu, bevor die Kleine sah, dass die Buchstaben in einem schwachen Blau aufleuchteten.

»Schau«, sagte er und gab Marie-Claire Emmy zurück.

Marie-Claires Augen wurden riesengroß. »Er ist wieder dran!«, hauchte sie. Ungläubig starrte sie die Puppe an, schlenkerte sie. Der Kopf saß auf dem Körper und nichts wies mehr darauf hin, dass er kurz zuvor abgerissen gewesen war. Prüfend betrachtete sie den ehemals ausgefransten Hals. »Da sind keine Nähte«, bemerkte sie ziemlich altklug. »Wie hast du das gemacht?«

Nicholas lächelte sie erneut an. »Ich bin ein Zauberer.«

»Ich will das auch können!«

»Ich fürchte, das geht nicht«, sagte Nicholas.

»Warum nicht?«

»Schau mal, da kommt deine Mama!« Er stand auf, klopfte sich den Schmutz von den Knien, als die Frau mit einem Eis in der Hand den Kiosk verließ. »Du hast mir versprochen, ihr nichts zu verraten, weißt du noch?«

Marie-Claire nickte ernsthaft, aber sie war höchstens fünf Jahre alt. Sie würde ihrer Mutter erzählen, dass ein großer, schwarz gekleideter Junge gekommen war und ihre kaputte Puppe wieder heilgezaubert hatte. Und es würde als kindliche Fantasie abgetan werden. Nicholas kramte ein zusammengefaltetes Stofftaschentuch aus der Tasche und wischte dem Kind damit die tränenverschmierten Wangen sauber. »So«, sagte er. »Jetzt ist alles wieder gut.«

Die Mutter war in vielleicht zwanzig Metern Entfernung stehen geblieben und sah sich suchend nach Marie-Claire um. Dann entdeckte sie ihre Tochter auf dem Rasen und kam direkt auf sie und Nicholas zu. Dabei kam sie an einem Mann in einem Clownkostüm vorbei, der eine riesige Traube bunter Luftballons in der Hand hatte. Nicholas zuckte unwillkürlich zusammen, aber der Mann stand einfach da, ohne dass etwas geschah. Nur ein harmloser Luftballonverkäufer, wie es sie zu Hunderten in Paris gab. Kein Grund, in Panik zu geraten.

Marie-Claire strahlte Nicholas an. »Danke!«, zwitscherte sie. Dann rannte sie ihrer Mutter in die Arme.

Nicholas machte, dass er davonkam. Mit gesenktem Kopf ging er quer über den Rasen davon. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass Marie-Claire ihrer Mutter eine aufregende Geschichte erzählte. Er lächelte.

Der Clown war bei einer Familie stehen geblieben und verhandelte mit dem Vater über den Preis für einen schreiend pinkfarbenen Ballon. Der Wind wehte eine schwache Melodie über den Rasen. Ballade pour Adeline.

Nicholas fühlte seinen Pulschlag überdeutlich.

Er drehte sich um, suchte den überfüllten Platz ab. Ein Straßenmusikant stand direkt neben den Eisenstreben des Turms und hatte ein Keyboard aufgebaut, auf dem er das Stück spielte. Und dann, als Nicholas sich wieder umwandte und zu dem Clown und der Familie zurückblickte, kam ein Skateboardfahrer vorbeigeschossen. Er blieb an einer Rasenkante hängen und stolperte dem Clown direkt in die Hacken. Der verlor das Gleichgewicht, ließ die Ballons los, die sich in einer riesigen, bunt schillernden Schar in den Himmel von Paris erhoben.

Der Keyboardspieler hatte Ballade pour Adeline beendet. Für ein, zwei Sekunden war es merkwürdig still auf dem Platz, dann begann der Musiker ein neues Lied.

Greensleeves.

Und Nicholas wusste, dass das nie hätte passieren dürfen.

»Hey, Nicholas, was ist los? Du bist kalkweiß!« Luc stand plötzlich neben ihm, sein bester Freund. Er war mehr als einen Kopf kleiner als Nicholas und kräftig gebaut. Seine Haare hatte er ganz kurz geschnitten, sodass sie wie ein dunkler Schatten auf seinem Schädel wirkten. Er hatte zwei Becher Kaffee dabei und mit einem davon deutete er auf Nicholas’ Gesicht.

Nicholas’ Blick hing an der Luftballontraube, die mittlerweile nur noch ein kleiner bunter Punkt zwischen den Wolken war. Der Keyboardspieler hatte mittlerweile auch Greensleeves beendet und packte seine Sachen zusammen.

»Nicholas?« Luc berührte ihn an der Schulter. »Was ist?«

Da endlich riss sich Nicholas aus seiner Erstarrung. Er versuchte, Luft zu holen, aber es gelang ihm nur mit Mühe. »Es geht los«, keuchte er.

Eine Frau schlenderte vorbei und als sie seine Erschütterung bemerkte, stockte ihr Schritt kurz. Luc stellte die beiden Kaffeebecher auf einer nahe liegenden Bank ab und nahm Nicholas’ Arm. »Komm. Setz dich erst mal.«

Die Frau ging mit einem Ausdruck von Erleichterung weiter.

Nicholas ließ sich von seinem Freund auf die Bank niederdrücken.

»Was geht los?«, fragte Luc.

Nicholas blinzelte. Ihm war plötzlich schwindelig, doch er riss sich zusammen. »Sie ist auf dem Weg hierher«, sagte er. Seine Stimme klang rau.

»Wer?« Einen Moment lang war Luc irritiert, dann erschien ein Ausdruck von Begreifen auf seiner Miene. »Mila?«, stieß er hervor.

Nicholas schloss die Augen.

»Schwachsinn!«, sagte Luc.

Nicholas deutete in die Richtung, in der die Luftballons verschwunden waren. Dann dorthin, wo eben noch der Keyboardspieler gestanden hatte und sich in diesem Moment zwei junge Männer auf einen Steinsockel setzten und Händchen haltend die Leute beobachteten. »Der Clown, die Luftballons, die Musik. Es stimmt alles, Luc.«

Luc schüttelte den Kopf. »Unmöglich!«, wiederholte er. »Ein Zufall! Nicholas, das ist nur ein bescheuerter Zufall!« Er packte Nicholas an den Schultern, schüttelte ihn. »Ich meine: Du warst damals wie alt? Dreizehn? Du bist nie im Leben so mächtig, dass du …« Er stockte. »Verdammt!«, fluchte er.

Nicholas bohrte die Fingernägel in das Holz der Bank. »Tja«, sagte er. »Sieht ganz so aus, als sei mein Leben soeben ein bisschen interessanter geworden.«

Luc starrte ihn an. »So kann man es natürlich auch formulieren.«

Nicholas zuckte mit den Schultern.

Eine Weile schwiegen sie beide.

»Was wirst du jetzt tun?«, fragte Luc.

»Ich muss zum Gare de l’Est. Ich muss wissen, ob ich recht habe.«

Luc fuhr hoch. »Es ist nur eine Geschichte, Nicholas! Nichts weiter!«

»Wir werden sehen«, murmelte Nicholas. Er stand auf und zog fröstelnd seinen Mantel um sich zusammen.

Wenn ich wirklich recht habe, dachte er, dann ist es jetzt Zeit zu sterben.

»Sind Sie zufrieden?«

Wieder riss der alte Mann Mila aus ihren Gedanken. Leicht verwirrt schaute sie zu ihm auf, weil es sie beim Schreiben immer Anstrengung kostete, in die Realität zurückzukehren. »Wie bitte?«

Der TGV war langsamer geworden und schlängelte sich durch das Schienengeflecht in Richtung Gare de l’Est, einem der großen Bahnhöfe von Paris.

Der alte Mann deutete auf ihr Notizbuch. »Das, was Sie eben geschrieben haben: Sind Sie zufrieden damit? Besonders viel haben Sie ja nicht geschafft.«

Ja, dachte Mila verdrossen. Weil ich andauernd unterbrochen werde!

Sie ließ ihren Blick über das Geschriebene huschen. Viel hatte sie tatsächlich nicht geschrieben, dabei war die Geschichte zuerst ganz gut in Gang gekommen. Ohne viel darüber nachzudenken, hatte sie eine kurze Szene verfasst, in der der Eiffelturm vorkam und ein kleines Mädchen mit Namen Marie-Claire, das mit einer viel geliebten und zerschlissenen Stoffpuppe spielte und ihr aus Versehen den Kopf abriss. Ein Junge kniete sich zu ihr und tröstete sie. Es war derselbe Junge, über den Mila schon oft geschrieben hatte, eigentlich seit sie ihre ersten Schreibversuche gemacht hatte.

Früher hatte sie in ihrer Fantasie mit ihm zusammen Abenteuer erlebt – sie waren gemeinsam auf die höchsten Bäume geklettert und hatten dort die Beine baumeln lassen. Sie hatten alte Abrisshäuser und verlassene Fabriken durchstreift und dort gegen imaginäre Gegner gekämpft. Später dann, als Mila kein Kind mehr gewesen war, sondern schon ein Teenager, war auch Nicholas in ihren Geschichten älter geworden. In ihrer Vorstellung war er ungefähr so alt wie sie. Er sah auf unaufdringliche Art gut aus – groß, breite Schultern, schwarze Haare. Und er strahlte diese Lässigkeit aus, die sie auch in echt faszinierte. Sie mochte es, wenn jemand sich nicht so leicht durchschauen ließ.

Der alte Mann wartete noch immer auf eine Antwort auf seine Frage.

Mila ließ den Blick über ihren letzten Satz schweifen.

Sollte er?, hatte sie geschrieben. Und: Noch während er sich das fragte, tastete seine Hand schon

Jetzt fügte sie rasch noch ein in die Tasche seines schwarzen Mantels hinzu und nickte dem alten Mann zu.

»Darf ich es lesen?«, fragte der.

Wie kommt er auf diese absurde Idee?, durchzuckte es sie. Sie wollte ihn schon anfahren, was ihm einfiele, aber dann sah sie in seine hellen, von unzähligen Falten umrahmten Augen.

Plötzlich kam es ihr gar nicht mehr so blöd vor, ihm ihre Texte zu zeigen.

Der alte Mann schien wirklich begierig darauf zu sein, etwas von ihr zu lesen. Und es gab nicht allzu viele Menschen, die sich für ihre Texte interessierten.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie trotzdem. Das gerade Geschriebene schien ihr zu intim, immerhin schrieb sie über Nicholas, als würde er tatsächlich existieren. Und der Stil hatte etwas Schwärmerisches, das ihr plötzlich fast ein bisschen peinlich war. Dieser Mantel zum Beispiel, den Nicholas trug. Mehr Klischee ging ja wohl eigentlich nicht. Aber sie mochte die Vorstellung, dass er mit einem langen schwarzen Mantel herumlief, dessen Kragen er im richtigen Moment aufstellte oder dessen Schöße hinter ihm herwehten, wenn er mit energischen Schritten durch die Straßen von Paris ging.

Mila blätterte zurück zu einer Szene, die sie vor einigen Wochen geschrieben hatte.

Ein namenloser Mann kam darin vor. Er war alt. Sehr alt, vermutlich noch älter als ihr Gesprächspartner. In der Szene lag dieser Mann auf dem Sterbebett, eine ebenfalls namenlose junge Frau saß neben ihm und empfand einen so tiefen, grauenvollen Schmerz, dass Mila davon beim Schreiben die Tränen gekommen waren.

Sie zögerte kurz, aber dann gab sie sich einen Ruck und schob dem Alten das Notizbuch zu. Er drehte es um.

Las.

Seine Miene blieb völlig ausdruckslos dabei, aber als er fertig war, seufzte er tief. »Sie haben großes Talent, wissen Sie das?«

Das Kompliment freute sie mehr, als sie zugeben wollte. Sie spürte förmlich, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete.

»Das hier«, der Alte tippte auf ihren Text, »erinnert mich an eine alte Liebesgeschichte, von der ich einmal gehört habe«, erklärte er. »Eine sehr traurige Liebesgeschichte.«

Jetzt fing er schon wieder damit an. Mila bemühte sich, nicht allzu genervt auszusehen. Er schien wie besessen von der Liebe.

Aber dann meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Was, wenn seine Frau vor nicht allzu langer Zeit verstorben war? Bei seinem Alter wäre das nur naheliegend. Und sie zeigte ihm ausgerechnet eine Geschichte über ein Paar am Sterbebett.

Für einen Moment war sein Blick nach innen gerichtet, dann besann er sich. Mit einem Blinzeln schaute er wieder hoch und schob Mila das Notizbuch zurück über den kleinen Tisch. »Genug geredet«, verkündete er überraschend energisch. »Wir sind da.«

Im selben Moment knackte der Lautsprecher über Mila.

»Meine Damen und Herren«, verkündete die Ansage, »in Kürze erreichen wir den Gare de l’Est.«

Mila machte sich daran, ihre Sachen zusammenzupacken. Sie schob Notizbuch und Handy in ihre Umhängetasche und griff nach der Jacke, die sie an den Haken neben dem Zugfenster gehängt hatte.

Der alte Mann sah ihr dabei zu.

»Soll ich Ihnen mit Ihren Sachen helfen?«, fragte sie.

»Nicht nötig.« Er lächelte jetzt wieder. »Ich habe kein Gepäck.«

Sie nickte nur. Sie fühlte sich leicht schwindelig. Vermutlich hatte sie zu lange gesessen.

»Also dann, auf Wiedersehen«, sagte sie und erhob sich.

Draußen vor den Fenstern tauchte das Bahnhofsgebäude auf und der Zug bremste ab. Mila stand schon im Gang, da beugte sich der alte Mann noch einmal zu ihr. »Worte, junges Fräulein«, raunte er. »Worte können sehr mächtig sein. Wenn die richtigen Menschen sie benutzen, sogar mächtig genug, die Welt zu verändern.«