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Die Fabelmacht-Chroniken (2). Brennende Worte

Weitere Bücher von Kathrin Lange im Arena Verlag:

Die Fabelmacht-Chroniken – Flammende Zeichen
Die Fabelmacht-Chroniken – Nicholas’ Geschichte

Herz aus Glas
Herz in Scherben
Herz zu Asche
Schattenflügel
In den Schatten siehst du mich

Kathrin Lange,
geboren 1969, arbeitete als Verlagsbuchhändlerin und Mediendesignerin, bevor sie 2005 das Schreiben zu ihrem Beruf machte. Seither ist sie für ihre Krimis und Jugendromane bekannt. Kathrin Lange lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hildesheim.

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1

Liebe Mila!

»Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?« Diese Frage hast du mir neulich an Nicholas’ Grab gestellt. Ich habe dir nicht geantwortet, weil ich zu erschrocken war über die Verzweiflung in deiner Stimme, aber die Antwort ist: Ja.

Ja, ich glaube an die Liebe auf den ersten Blick und jetzt, wo ich hier sitze und dir diesen Brief schreibe, merke ich, dass ich es schon tue, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Als du damals aus dem TGV gestiegen bist und meine dämliche Anmache mit einem Lächeln gekontert hast. Ich habe auch da schon daran geglaubt, nur bewusst war es mir wohl noch nicht. Sonst hätte ich dir kaum dein Portemonnaie und dein Handy geklaut …

Mit einem wehmütigen Lächeln strich Eric über das Notizbuch, das er auf den Knien liegen hatte. Seine Füße hingen über die Dachkante ins Leere. Fünf Stockwerke Luft unter ihm. Fast zwanzig Meter bis hinunter auf den Asphalt.

Sein Blick wanderte in die Tiefe und dann über die Straße zu dem Mehrfamilienhaus, in dem Mila mit ihrer Mutter wohnte. Milas Umriss hinter der Scheibe im vierten Stock war nur undeutlich zu erkennen, denn sie hatte kein Licht in ihrem Zimmer gemacht. So musste Eric sich vorstellen, wie sie auf der breiten Fensterbank saß und hinaus in die Abenddämmerung starrte. Ihr schmales Gesicht. Die Sommersprossen, die blass geworden waren. Seit Wochen schon hatte sie keinen Fuß vor die Tür gesetzt, hatte getrauert und geschwiegen. Immer nur geschwiegen und getrauert. Um Nicholas, ihre große Liebe. Eric seufzte. Sein Herz fühlte sich müde an.

Wie gern er Mila geholfen hätte!

Er senkte den Blick wieder auf den Brief. Der Kugelschreiber, den er zusammen mit dem Notizbuch gekauft hatte, war billig und schrieb nicht gut. Und seine Schrift sah auch ziemlich krakelig aus.

Egal.

Er schrieb weiter.

Ich muss oft daran denken, wie du mir zum ersten Mal gezeigt hast, wozu die Fabelmacht fähig ist. Wozu du fähig bist. Dieser magische Moment, als du dein Shirt von Weiß zu Schwarz umgeschrieben hast … Einfach so! Danach hatte ich das Gefühl, dir ein bisschen von meiner »Magie« zeigen zu müssen. Erinnerst du dich an die Stunden, die wir gemeinsam auf dem Dach dieses Abbruchhauses verbracht haben? Wie ich dich festgehalten habe, damit du nicht in den Abgrund stürzt?

Ich wünschte, wir könnten die Zeit zurückdrehen. Dorthin zurückkehren. Aber Nicholas würde uns auch dann nicht in Ruhe lassen, oder?

Eric las seinen letzten Satz noch einmal. Nicholas! Nicht mal aus seinen Liebesbriefen konnte dieser Typ sich raushalten, und das, obwohl er seit Wochen tot war.

Eric strich das »oder« mit ein paar energischen Strichen durch.

Ich weiß, dass ich niemals Nicholas’ Platz in deinem Herzen einnehmen kann, denn da war tatsächlich etwas Magisches zwischen euch, das muss ich zugeben. Aber wie in vielen Geschichten, in denen es um Magie geht, ist der Preis, den ihr bezahlen musstet, schrecklich hoch. Manchmal wünsche ich mir, du würdest es unfair finden, dass er dich einfach so allein gelassen hat. Mila, ich möchte dich wieder vor dem Abgrund bewahren. Wenn du mich nur lassen würdest …

Was für ein kitschiger Scheiß! Mit einem frustrierten Aufschrei warf Eric Stift und Notizbuch neben sich auf das Metalldach. Der Stift rollte auf der abschüssigen Ebene davon und fiel mit einem klickernden Geräusch ein paar Stockwerke tiefer auf einen Mauervorsprung. Das Notizbuch konnte Eric gerade noch retten.

Er atmete ein paarmal tief durch, las seine letzten Sätze noch mal. Was tat er hier eigentlich? Er wusste doch genau, dass Mila auf keinen Fall erfahren durfte, was er wirklich für sie empfand.

Es würde ihr nur ein schlechtes Gewissen bereiten, und das war wirklich das Letzte, was er wollte. Mila würde ihn niemals so lieben können, wie sie Nicholas geliebt hatte.

Mit einem Ruck trennte Eric das Blatt aus dem Notizbuch, zerriss es in tausend winzige Fetzen, warf sie in die Luft und sah zu, wie der Wind sie über Paris verteilte.

Mila saß auf der breiten Fensterbank und blickte hinaus auf die gegenüberliegende Hausfassade, aber sie sah weder die Fenster, in denen ein Licht nach dem anderen angeschaltet wurde, noch das metallbeschlagene Dach, das im Schein der letzten Sonnenstrahlen schimmerte wie Quecksilber. Stattdessen hatte sie immer und immer wieder nur ein Bild vor sich.

Nicholas in ihren Armen. Da war so schrecklich viel Blut gewesen und dann war die Welt zusammengeschrumpft, bis sich in ihrem Zentrum nur noch Nicholas und sie befanden. Kurz darauf hatte er sie allein gelassen. Für immer.

Mit einem Ruck kam sie zu sich. Ihre Augen brannten wie Feuer. Sie rieb sich die Wangen. Sie waren trocken. Schon seit Wochen hatte sie keine Tränen mehr.

Sie brauchte all ihre Energie, das Notizbuch aufzuschlagen, das sie schon vor Stunden auf ihre Knie gelegt hatte. Sie hatte sich vorgenommen zu schreiben, aber ihr wollten keine Worte einfallen, die es lohnten, niedergeschrieben zu werden. Unberührt und weiß starrte die erste Seite sie an.

Mila fröstelte.

Kalt, schrieb sie schließlich. Wie jedes Wort seit Nicholas’ Tod kam ihr auch dieses schal und inhaltsleer vor. Sie strich es wieder durch. Schrieb: eiskalt. Auch das strich sie durch, ersetzte es durch winterkalt.

Früher war Schreiben für sie so leicht wie Atmen gewesen. Die Worte waren einfach aus ihr herausgeflossen. Aber inzwischen war es ihr unmöglich geworden. Sie hatte keine Ahnung, wie sie diesen unendlichen Schmerz aushalten sollte. Was, wenn sie bis zum Ende ihres Lebens darunter leiden würde? Sie drehte das rechte Handgelenk so, dass sie auf das bläuliche Geflecht ihrer Pulsadern blicken konnte. Halb erwartete sie, blau flammende Schriftzeichen dort zu sehen, doch da war nichts. Ihre Gedanken wanderten zurück zu einem Tag kurz nach Nicholas’ Tod. Sie hatte zusammen mit Helena, ihrer Mutter, und Eric Paris verlassen wollen, doch im Zug war grellblaue Flammenschrift auf ihrem Handgelenk erschienen. Ein einziges Wort nur: Nicholas. Wie Feuer hatte es sich in ihr Fleisch gebrannt und dann war der Schmerz durch ihre Adern gerast. Höllenqualen, die schlimmer und schlimmer geworden waren, je weiter sie sich von Paris entfernt hatten. Am Ende war ihr, ihrer Mutter und Eric nichts anderes übrig geblieben, als umzukehren. Woraufhin das Flammenmal verschwunden und bis heute nicht wiedergekehrt war.

Mila legte den Hinterkopf gegen das Fenster und schloss die Augen, doch sie erreichte damit lediglich, dass sie Nicholas’ Gesicht vor sich sah. Bleiche Wangen. Augen, die diese besondere Farbe hatten. Mitternachtsblau.

Mechanisch streichelte sie die Haut an ihrem Handgelenk.

Sie wusste, dass das Flammenmal wiederkehren würde, sollte sie noch einmal versuchen, die Stadt zu verlassen. Die Fabelmacht – diese mächtige und furchtbare Gabe, die nur hier in Paris existierte und die Nicholas das Leben gekostet hatte – war noch nicht fertig mit ihr. Mila öffnete die Augen wieder. Ihr Blick wanderte zum Fenstergriff, dann hinunter auf die Straße. Die Wohnung lag im vierten Stock und die Räume waren über drei Meter hoch. Bis hinunter auf den Bürgersteig waren es also mehr als zwölf Meter. Reichte das, um …?

Sie vertrieb den Gedanken. Eric fiel ihr ein. Eric, der am Rand des Abgrunds entlangtänzelte, als gäbe es die Möglichkeit abzustürzen gar nicht.

Er war da gewesen, die unendlichen zehn Wochen seit Nicholas’ Tod.

Sie malte seinen Namen auf das Papier. Ihre Augen brannten so sehr, dass sie nur undeutlich sah, wie irgendetwas Weißes an ihrem Fenster vorbeigeweht wurde. Blütenblätter, dachte sie zuerst, obwohl doch gar nicht Frühling war, sondern fast Herbst. Erst dann begriff sie, dass es kleine Fetzen Papier waren. Irgendjemand musste sie ganz in der Nähe aus dem Fenster geworfen haben. Mila folgte ihnen mit den Blicken, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Dann schaute sie wieder auf das Blatt. Ihr Herz sank. Da stand nicht Eric, wie sie es vorgehabt hatte.

Da stand Nicholas.

Sie wollte seufzen, aber nicht einmal das konnte sie. Plötzlich hatte sie das Gefühl, sich nie wieder in ihrem Leben bewegen zu können.

So konnte das nicht weitergehen!

Wenn sie am Ende nicht doch noch aus dem Fenster springen wollte, musste sie etwas unternehmen. Sie schlug eine neue Seite auf, dann lauschte sie tief in sich hinein, wo ihre Fabelmacht schlummerte.

Und die ersten Worte begannen, sich zu formen.

Der Wind wehte eine alte Plastiktüte über den Bürgersteig am Quai Saint-Michel, bis sie an einer Straßenlaterne liegen blieb. Für Anfang September war es extrem kalt. Maréchal legte beide Hände um seine Teetasse. Der Buchhändler, der einen der grünbedachten Bouquinistenstände betrieb, die das Ufer der Seine säumten und die alte Bücher, Plakate und Postkarten anboten, hatte früh Mittag gemacht. Der Bistrostuhl, auf dem er saß, drückte ihm unangenehm ins Kreuz. Die Scheibe des kleinen Cafés, in dem er wie gewöhnlich seine Pause verbrachte, hätte dringend geputzt werden müssen. Die Abdrücke von verschmierten Kinderhänden waren deutlich zu sehen. Die Schicht aus Staub und Ruß schimmerte im Licht der kalten Herbstsonne. Maréchal ließ die Tasse los und nahm den Füllhalter von seinem Notizbuch. Eigentlich hatte er ein neues Gedicht schreiben wollen, aber in den letzten Wochen ging ihm das Dichten nicht mehr so leicht von der Hand wie früher.

Kein Wunder, nach allem, was geschehen war! So viel Leid und Tod. Und so viele Grübeleien seitdem. Seit Nicholas tot war, überlegte Maréchal, ob er ihn irgendwie doch hätte retten können. Aber egal, wie oft er sich die Ereignisse auch ins Gedächtnis rief: Ihm wollte einfach nicht einfallen, wie er das hätte anstellen sollen.

Er versuchte, der düsteren Gedanken Herr zu werden, als er eine junge rothaarige Frau bemerkte, die auf der anderen Straßenseite auf seinen Bücherstand zumarschierte. Direkt davor blieb sie stehen, sah sich um. Ganz offensichtlich suchte sie nach ihm, denn sie stellte Jean, seinem Standnachbarn, eine Frage. Der schüttelte den Kopf. Dann wies er über die Straße und auf das Café, in dem Maréchal saß. Die junge Frau bedankte sich bei ihm, überquerte die viel befahrene Straße in einem ziemlich waghalsigen Manöver. Als sie das Café betrat, spielte die Ansammlung von kleinen Glocken über der Ladentür die ersten Töne der kleinen Nachtmusik. Die junge Frau achtete nicht darauf. Sie trug einen schmalen hellgrauen Mantel, Stiefel mit Absätzen und über der Schulter eine Tasche, die aus bunten Lederstreifen gemacht war. Sie orientierte sich und steuerte dann direkt auf Maréchal zu.

Er unterdrückte ein Seufzen. »Hallo, Isabelle«, sagte er.

Statt ihn ebenfalls zu begrüßen, knöpfte sie ihren Mantel auf und setzte sich ihm gegenüber. Unter dem Mantel trug sie Jeans und eine helle Tunika.

»Hätten wir es verhindern können?«, fragte sie rundheraus.

Maréchal gestattete sich nun doch ein Seufzen. Isabelle war Milas beste Freundin. Sie machte sich natürlich die gleichen Gedanken wie er. »Nicholas’ Tod, meinst du?«, fragte er zurück, nur um einen Moment zum Nachdenken zu haben.

Isabelle nickte. Der Kellner erschien und sie bestellte sich einen Café au Lait. Als der Mann wieder fort war, beugte sie sich über den kleinen Tisch. »Ich habe Angst, dass sie sich etwas antut.«

»Mila?«, erwiderte er und kam sich dabei ziemlich dämlich vor. Natürlich Mila. Wer sonst?

Isabelle nickte so ernsthaft, als sei das eine völlig berechtigte Frage. »Seit Nicholas tot ist, isst sie kaum noch. Sie hockt entweder auf diesem Friedhof an seinem Grab oder auf der Fensterbank in ihrem Zimmer und starrt nach draußen. Ich habe eine Heidenangst, dass sie eines Tages einfach das Fenster aufmacht und springt.«

Maréchal schluckte. »Ich wüsste nicht, wie ich da helfen könnte.«

Isabelle schien anderer Ansicht zu sein. »Aber ich sehr wohl. Du bist fabelmächtig. Irgendetwas müsst ihr doch tun können, damit es ihr besser geht!«

Der Kellner brachte den bestellten Café au Lait und das gab Maréchal Gelegenheit, über Isabelles Frage und über die Fabelmacht nachzugrübeln, diese uralte Fähigkeit, durch Schreiben die Wirklichkeit zu verändern. Er selbst besaß sie. Ebenso wie Mila und Helena, ihre Mutter. Und auch Nicholas hatte sie besessen.

»Nein«, sagte er. »Die Fabelmacht versagt in diesem speziellen Fall, fürchte ich.« Helena hatte es probiert, das wusste er. Und auch er hatte einmal den völlig hoffnungslosen Versuch unternommen, Mila den Schmerz wegzuerzählen. Vergeblich.

»Ich habe nie richtig kapiert, wie es funktioniert«, sagte Isabelle.

»Tja …« Maréchal hatte weder Lust noch Kraft für dieses Gespräch, aber er kannte Isabelle. Sie würde nicht lockerlassen.

»Was weiß du über die Universumstheorie?«, fragte er.

Isabelle zuckte nur mit den Schultern.

»Also gut«, seufzte Maréchal. »Pass auf: Jeder Mensch, der eine Geschichte schreibt, erschafft dadurch ein neues Universum, in dem diese Geschichte wirklich passiert. Jeder Leser übrigens auch, aber das tut in unserem Fall hier nichts zur Sache. Die Fabelmacht nun befähigt dazu, Dinge, die in unserem Universum existieren, zu verändern. Ich könnte zum Beispiel ganz leicht deinen Kaffee in eine Tasse Tee umschreiben.«

Isabelle verzog das Gesicht. »Untersteh dich«, sagte sie und nahm einen Schluck.

»Manche denken, dass Fabelmächtige zwischen unserem Universum und dem, über das sie geschrieben haben, eine Verbindung schaffen«, fuhr Maréchal fort. »Man nennt es, den Schleier zwischen den Universen überschreiten. Ich finde, das Bild passt nicht besonders gut, aber es ist das Beste, das wir haben. Jedenfalls: Je größer die Veränderung ist, die herbeigeschrieben werden soll, umso mehr Macht braucht man. Einen Café au Lait umzuschreiben, ist eine Kleinigkeit. Aber, sagen wir, eine ganze Stadt vom Erdboden verschwinden zu lassen …«

»Oder jemanden von den Toten zurückholen«, warf Isabelle ein.

Maréchal nickte betreten. »… oder jemanden von den Toten zurückholen, ist so schwer, dass man dafür Riesenkräfte braucht. Kein Lebender besitzt diese Kräfte. Und vielleicht steckt auch darin die Antwort auf deine Frage, warum wir Mila die Trauer um Nicholas nicht einfach wegerzählen können. Wir haben es versucht, Helena und ich. Aber Milas Trauer ist so tief und unfassbar, dass wir mit unseren Fabelmachtkräften nicht dagegen ankommen. Genauso gut könnten wir versuchen, die Umlaufbahn der Erde um die Sonne umzukehren.«

»Hm.« Isabelle sah nicht wirklich zufrieden aus und Maréchal konnte sich vorstellen, wie sie sich fühlte. Er nutzte die Fabelmacht seit Jahrzehnten, hatte zahllose Abhandlungen und Geheimschriften über sie gelesen und selbst er hatte ihre Wirkungsweise nicht ansatzweise verstanden.

Er musste es anders versuchen. »Kennst du die Geschichte von Abélard und Héloise?«, fragte er.

Sie sah ihn verwirrt an. »Natürlich. Das französische Pendant zu Romeo und Julia. Sie lebten im dreizehnten Jahrhundert, oder?«

»Im zwölften. Abélard war Mönch und Gelehrter. Und Héloise seine Schülerin. Sie verliebten sich ineinander, aber natürlich durften sie nicht zusammen sein, also ging Héloise irgendwann auch ins Kloster. Sie schrieben sich jahrelang Liebesbriefe, die heute noch als die schönsten gelten, die je jemand erdacht hat.«

Isabelle nippte ungeduldig an ihrem Café au Lait. »Abélard und Héloise interessieren mich nicht. Mir geht es um Nicholas und Mila.«

»Das mag sein«, entgegnete Maréchal. »Aber die Geschichte gibt dir eine Vorstellung davon, wie gewaltig und wie uralt die Macht ist, mit der wir es zu tun haben. Was nämlich außer uns Fabelmächtigen niemand weiß: Abélard und Héloise gehörten zu uns. Sie waren die ersten Fabelmächtigen, die in unseren Schriften erwähnt sind. Das ist nun fast neunhundert Jahre her. Und seit all der Zeit ist die Fabelmacht nicht besiegt worden. Sie hat nur immer weiter Leid angerichtet.«

So viel Leid, wie Isabelle nicht ansatzweise ahnte. Viele schreckliche Dinge in der Geschichte der Stadt waren auf Fabelmächtige zurückzuführen, die ihre Macht zu ihrem Vorteil hatten nutzen wollen. Inzwischen waren die meisten von ihnen, die die Fähigkeit beherrschten, zur Vernunft gekommen. Sie hatten sich in einer Bruderschaft zusammengeschlossen, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Fabelmacht zu entkräften, indem sie sie nicht mehr nutzten. Doch so einfach war es nicht, das hatte die Sache mit Nicholas einmal mehr bewiesen. Nichts an der Fabelmacht war einfach.

»Diese Macht ist unerbittlich«, sagte er. »Wenn einmal eine Ereigniskette in Gang gesetzt ist, ist sie nicht mehr aufzuhalten.«

»Du redest von der Geschichte, die Nicholas als Teenager geschrieben hat, oder?«

Maréchal nickte. Als Junge hatte Nicholas keine Ahnung davon gehabt, dass er die Fabelmacht besaß. Das war erst herausgekommen, nachdem er diese unselige Liebesgeschichte geschrieben hatte, mit seinem eigenen tragischen Tod am Ende … Letztendlich hatte die Fabelmacht das getan, was sie immer tat: Sie hatte das, was Nicholas geschrieben hatte, wahr werden lassen. Tief in den Katakomben von Paris hatte sein eigener Vater die Waffe gegen ihn gerichtet und ihn erschossen. Und all ihre Versuche, ihn zu retten, waren vergeblich gewesen.

Isabelle trank ihren Kaffee aus. »Eine Liebe wie die von Nicholas und Mila – so etwas habe ich noch nie erlebt«, sagte sie. »Irgendwie glaube ich ja, dass sie ihn nur deswegen so liebt, weil die Fabelmacht sie dazu zwingt. Weil er eben in seiner Geschichte geschrieben hat, dass sie sich unsterblich in ihn verliebt.«

»Nein.« Das eine Wort kam nicht von Maréchal, sondern von einer Frau, die kurz zuvor das Café betreten und auf die er nicht geachtet hatte. »Nein«, wiederholte sie. Sie zog sich einen Stuhl von einem der anderen Tische heran und setzte sich zu ihnen.

Ja, dachte Maréchal. Kommt nur alle her und verderbt mir meine Mittagspause. Laut sagte er: »Ich weiß nicht, Odette …«

»Nicholas hat ja nicht nur über Mila geschrieben«, widersprach Odette ihm. »Sondern Mila auch über ihn, und zwar lange, bevor sie sich kannten. Die beiden haben eine Verbindung, die tatsächlich einzigartig ist – selbst unter Fabelmächtigen.«

Odette war Nicholas’ Ziehmutter, eine alte Freundin seines Vaters, die sich um Nicholas gekümmert hatte, als seine Mutter gestorben war. Odette war um einiges älter als Maréchal. Sie trug ein teuer aussehendes lavendelfarbenes Kostüm, dazu eine Perlenkette und einen farblich auf Rock und Jacke abgestimmten Mantel. Statt Maréchal zu begrüßen, legte sie eine Hand auf die seine und drückte sie kurz. Ihre Haut war kühl und faltig. Unter ihrer Berührung entspannte sich Maréchal etwas. Odette hatte diese Wirkung oft auf Menschen. Obwohl sie nicht fabelmächtig war, half sie ihm immer wieder, sich selbst und auch seine Gabe besser zu verstehen.

Jetzt wandte sie sich an Isabelle. »Ich glaube fest daran, dass Mila Nicholas auch so sehr lieben würde, wenn es die Fabelmacht nicht gäbe.«

Isabelle sah nicht überzeugt aus. Das Gespräch schien ihr die Sorgen um die Freundin nicht zu nehmen, ganz im Gegenteil. Und was, wenn sie recht hatte? Was, wenn Mila tatsächlich aus dem Fenster sprang? Nicholas war in ihren Armen einen überaus gewaltsamen Tod gestorben. Selbst wenn sie ihn nicht so sehr geliebt hätte, hätte das ausgereicht, ein junges Mädchen wie sie zu zerstören.

Minutenlang hingen sie alle ihren eigenen Gedanken nach, bis Odette schließlich in einer energischen Geste den Kopf schüttelte. »Was passiert ist, können wir nicht mehr ändern. Nicht mal die Fabelmacht befähigt einen, die Vergangenheit umzuschreiben.« Sie wirkte sonderbar gefasst, mit sich und den Umständen im Reinen. Wie machte sie das? Immerhin hatte sie Nicholas wie einen Sohn geliebt. »Was passiert ist, können wir nicht mehr ändern«, wiederholte sie. »Wir können nur versuchen, damit zu leben.« Sanft legte sie Isabelle eine Hand auf den Arm. »Kümmere dich um Mila. Sei für sie da.« Sie hielt inne, legte den Kopf schief. »Und kümmere dich auch um Eric.«

Fragend hob Isabelle die Augenbrauen.

»Er versucht ebenfalls alles, um Mila zu helfen. Aber er selbst, Isabelle – er hat niemanden, der ihm hilft.«

Ein fernes Lächeln glitt über Isabelles Lippen. Es sah wehmütig aus und Maréchal fragte sich, was es zu bedeuten hatte. »Ja«, hörte er sie leise sagen. »Der arme Eric liebt Mila und weiß, dass er sie nie kriegen kann. Was für eine Scheißwelt, oder?« Sie zuckte mit den Schultern und kramte nach ihrem Portemonnaie, um ihren Kaffee zu bezahlen.

Maréchal winkte ab. »Das übernehme ich.«

Sie dankte ihm. »Ich glaube, ich muss dann mal weiter …«, murmelte sie und stand auf.

»Kümmere dich um Eric!«, bat Odette sie erneut. Sie versprach es. Dann verabschiedete sie sich und verließ das Café.

Maréchal sah zu, wie sie quer über den Quai Saint-Michel davonging. Ein roter Sportwagen musste ihretwegen bremsen, aber sie schien es überhaupt nicht zu bemerken. Als Isabelle außer Sichtweite war, wandte Maréchal sich Odette zu. »Es ist nicht nur das, oder?«

Sie schaute fragend.

»Es ist nicht nur, dass du versuchst, mit Nicholas’ Tod zu leben«, präzisierte er. »Aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, dass du sehr viel besser damit klarkommst als wir anderen. Du wirkst irgendwie – nun ja, gelassener.« Er zuckte mit den Schultern, um seinen Worten den Anflug von Vorwurf zu nehmen.

Sie lächelte schwach. »Vielleicht«, flüsterte sie. »Vielleicht hast du recht.« Sie lauschte in sich hinein. »Ich tröste mich einfach mit dem Gedanken, dass irgendwo, vielleicht in einem anderen Universum als unserem, jemand eine Geschichte geschrieben hat, in der Nicholas noch am Leben ist.«

Maréchal brauchte einen Moment, bevor er begriff, wovon sie sprach. »Das würde bedeuten, dass es mindestens ein Universum gibt, in dem er noch lebt«, sagte er.

In einem anderen Universum

Blicklos starrte Nicholas auf die regennasse Grabplatte, in der sich der wolkenzerrissene Himmel spiegelte. Milas Name war durch die Reflexion kaum zu erkennen und auch nicht das Zitat von Anaïs Nin, das unter ihrem Namen stand.

Wir schreiben, um das Leben zweimal zu schmecken.

Nicholas’ Hände krampften sich zusammen. Ein einziger Gedanke hämmerte wieder und wieder in seinen Kopf: Es war seine Schuld, dass Mila tot war. Wenn er nicht diese elende Geschichte geschrieben und seinen Vater damit gezwungen hätte, auf ihn zu schießen, dann hätte Mila sich nicht schützend vor ihn geworfen. Dann würde sie noch leben.

Das Geräusch des Schusses, der Mila getötet hatte, begleitete ihn Tag und Nacht. Und dazwischen fühlte er sein Herz, das seit ihrem Tod weiterschlug, ohne jedes Zögern, kräftig, als wäre nichts passiert.

Er war am Leben.

Während Mila tot war.

»Hey!« Jemand packte ihn von hinten an den Schultern. »Hey. Du bist immer noch hier.«

Nicholas musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer hinter ihm stand. Luc, sein bester Freund, war in den letzten Tagen immer wieder hierhergekommen. Er versuchte, Nicholas dazu zu bringen, etwas zu essen, sich ein paar Stunden hinzulegen oder wenigstens kurz bei Odette vorbeizuschauen. Manchmal gelang es ihm. Aber kaum ließ er Nicholas einen Moment unbeobachtet, stahl der sich wieder davon und kam auf den Friedhof. Hier auf Père-Lachaise konnte Nicholas sich wenigstens einreden, Mila nahe zu sein.

»Warum hat dieses Universum entschieden, dass sie sterben musste und nicht ich?«, presste er hervor. »Warum bin ich mächtig genug, um eine Geschichte zu schreiben, die niemand auf der Welt stoppen kann? Aber ich bin nicht mächtig genug, Mila zurück ins Leben zu schreiben.«

Er hatte es mehr als einmal versucht. Es hatte nicht funktioniert.

Luc schwieg für einen Moment. »So kann das nicht weitergehen, Kumpel«, sagte er schließlich. »Du isst kaum noch etwas, verbringst Tage und Nächte hier an ihrem Grab, dir ist völlig egal, ob es regnet oder saukalt ist. Dieses Universum wird dich sterben lassen, wenn du so weitermachst. Es …« Er brach ab, weil Nicholas sich nun doch zu ihm umdrehte.

Luc zuckte unter seinem Blick zusammen. »Ich weiß«, fuhr er etwas weniger scharf fort, »dass es das ist, was du willst. Aber du solltest an ein paar Menschen denken. An deinen Vater …«

»Lass meinen Vater aus dem Spiel! Er hat Mila erschossen.«

Luc schwieg wieder und Nicholas wusste, was ihm durch den Kopf ging: Ja, weil du ihn mit deiner Geschichte dazu gezwungen hast.

»Dann denk eben an Odette«, sagte Luc. »Sie liebt dich genauso, wie du Mila geliebt hast, und sie macht sich Sorgen um dich.«

Nicholas brauchte einige Augenblicke, bevor er den Kopf schütteln konnte. »Niemand liebt so, wie Mila und ich uns geliebt haben.«

»Ach, Nicholas!«

»Lass mich einfach …« Nicholas drehte sich wieder zu Milas Grab um.

Und diesmal fügte Luc sich. Schweigend blieben sie nebeneinander stehen, während die Minuten verrannen. Eine nach der anderen. Jede Einzelne ein viel zu winziges Stück näher am Tod als die vorangegangene.

Nicholas wünschte, er hätte seinem Herzen ebenso wie seinem Freund befehlen können, still zu sein. Aber das hatte er schon versucht. Es war nutzlos.

Sein Herz schlug einfach weiter. Tag für Tag. Und mit jedem Takt hallte Milas Name in ihm wider.

Mila.

Mila.

Mila.

Irgendwann sah Luc auf. »Komm«, sagte er. »Ich bringe dich nach Hause.«