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Fabelmacht - Nicholas’ Geschichte

 

Nicholas’ Geschichte

 

Die Tür von Nicholas’ Zimmer öffnete sich, ohne dass angeklopft wurde. Nicholas, der schon an den Schritten auf der Treppe gehört hatte, dass sein Vater auf dem Weg zu ihm war, biss die Zähne zusammen. In aller Ruhe schrieb er den Satz zu Ende, an dem er seit ein paar Minuten herumfeilte. Erst dann sagte er so gelassen wie möglich und vor allem, ohne aufzuschauen: »Wenn ich in dein Arbeitszimmer komme, bestehst du darauf, dass ich anklopfe.«

Unter seinen etwas zu langen schwarzen Haaren hervorschauend, beobachtete er, wie sein Vater sich mitten im Zimmer aufbaute. Villain Caruel trug, wie immer, einen teuren dunklen Anzug mit schmal geschnittener Hose und ein blütenweißes Hemd. Bei Nicholas’ Worten schnappte er hörbar nach Luft, dann beschloss er, auf die Unverschämtheit nicht einzugehen. Stattdessen deutete er auf das Notizbuch auf Nicholas’ Knien. »Schreibst du etwa schon wieder?« In seiner Frage schwang ein unheilvoller Ton mit.

Er hasste es, dass Nicholas schrieb. Seit Jahren schon hasste er es und er versuchte beinahe täglich, es Nicholas zu verbieten.

Nicholas zuckte nur gleichmütig mit den Schultern. Gleich, dachte er. Gleich würde sein Vater explodieren.

Und genauso war es.

»Ich verlange, dass du meine Verbote respektierst!«, schrie Caruel plötzlich. »Wenn ich sage, dass du nicht schreiben sollst, dann schreibst du gefälligst nicht!«

Betont langsam hob Nicholas den Blick.

In den Augen seines Vaters flackerte es.

Nicholas wartete einige Sekunden. Dann zuckte er ein zweites Mal mit den Schultern – so gelassen, wie er nur konnte. In ihm jedoch brodelte es. Wie es ihn ankotzte, wenn sein Vater ihm mit dieser Sache kam! Immer und immer wieder dieselbe Leier. Er hatte es so satt.

Caruel trat einen Schritt näher. »Ich verlange, dass du mich respektierst, sonst …« Seine Rechte ballte sich zur Faust. Er bemerkte es. Hastig öffnete er die Hand wieder. Schluckte.

»Was sonst?«, fragte Nicholas. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber er ließ es sich nicht anmerken. »Ballerst du mir sonst eine?«

Caruel machte noch einen Schritt vorwärts. Er ragte jetzt über Nicholas auf wie eine Urgewalt. »Führ mich nicht in Versuchung!« Er griff nach dem Notizbuch, aber Nicholas zog es weg.

»Wag es nicht!«, zischte Caruel.

Nicholas’ Mutter Zoë erschien hinter Caruel im Türrahmen. Sie war blass und sah erschrocken aus. »Villain!«, sagte sie mit ihrer leisen, besonnenen Stimme und kurz flackerte vor Nicholas’ Augen ein Bild auf.

Heute Morgen erst hatte seine Mutter vor dem Haus einem kleinen Mädchen geholfen, das auf dem Asphalt hingefallen war und sich das Knie blutig geschlagen hatte. Weil sie das schreiende Kind kaum beruhigen konnte und die Mutter der Kleinen nicht zu sehen gewesen war, hatte sie kurzerhand ihr Notizbuch gezückt, es aufgeschlagen und ein paar Sätze hineingeschrieben. Nicholas hatte sie von seinem Zimmerfenster aus dabei beobachtet, wie sie die Wunde des Kindes erst so genau wie möglich beschrieb und sie dann auf dem Papier wie von Zauberhand heilen ließ. Er hatte mit angesehen, wie die Spitze von Zoës Stift in einem leuchtenden Blau aufgeflammt war. Das blaue Leuchten hatte die zierliche Schrift seiner Mutter erfasst, dann war es erloschen. Und das kleine Mädchen hatte staunend sein Knie betrachtet, das plötzlich wieder heil und unversehrt war.

Ein Lächeln hob Nicholas’ Mundwinkel bei dieser Erinnerung. Er wischte es fort. Besser, er reizte seinen Vater nicht noch mehr, denn der war jetzt völlig außer sich. Hochrot vor Zorn war sein Gesicht.

»Her mit dem Notizbuch!«, schrie er Nicholas an und ignorierte Zoë völlig.

Der schüttelte den Kopf. Seine dunklen Haare spitzten ihm in die Augen, er strich sie nicht fort, obwohl sein Blick dadurch leicht verschwamm. Er hasste es, seine Eltern so zu sehen – seinen Vater mit diesem wutentbrannten Gesichtsausdruck und seine Mutter regungslos und irgendwie zaghaft.

»Her! Mit! Dem! Notizbuch!« Caruel betonte die einzelnen Worte wie Pistolenschüsse.

»Es ist gut jetzt!« Nicholas’ Mutter trat vor und berührte ihren Mann am Arm.

Grob entzog er sich ihr. »Ich verlange, dass du mich respektierst!«, wiederholte er an Nicholas gewandt, diesmal mit flacher Stimme.

Nicholas konnte eine Ader an seinem Hals pochen sehen. Gleich kriegst du einen Schlaganfall, dachte er und ertappte sich dabei, dass ihn der Gedanke amüsierte.

Er schluckte, weil er plötzlich ein schlechtes Gewissen bekam. Aber wieso eigentlich? Sein Vater führte sich unmöglich auf. Nicholas legte das Notizbuch auf die Bettdecke und stand auf. »Weißt du was, Papa?«, entgegnete er und legte so viel Kälte in seine Stimme, wie er nur konnte. »Respekt ist etwas, das man sich verdienen muss!«

Caruels Ader schwoll noch mehr an und bevor Nicholas es sich versah, hatte er ausgeholt und seinem Sohn eine schallende Ohrfeige verpasst.

Nicholas’ Kopf flog herum. Seine Wange brannte – ebenso wie die Wut in ihm. Er hatte die Hand schon erhoben, um den Schlag mit gleicher Münze heimzuzahlen, aber seine Mutter stoppte ihn.

»Nicholas!«, keuchte sie. Ein Blick in ihr entsetztes Gesicht ließ ihn den Arm senken.

»Du bist so ein Mistkerl«, flüsterte er an seinen Vater gewandt. Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte.

Caruel atmete mehrmals tief ein und aus. »Ich verlange …« Er keuchte leise und setzte dann neu an: »Ich verlange, dass du aufhörst mit dem Schreiben! Die Fabelmacht …«

»Die Fabelmacht schert sich einen Dreck um mich«, fiel Nicholas ihm ins Wort und spürte dem Schmerz und der Wut nach, die dabei in ihm wühlten. Genau das war das Problem, dachte er. Dass er der Einzige in ihrer Familie war, der die Fabelmacht nicht geerbt hatte. Caruel besaß sie, seine Mutter besaß sie. Nur er nicht, obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte als das. Er dachte an das kleine Mädchen von heute Morgen und daran, wie gern auch er diese machtvolle magische Gabe für Gutes eingesetzt hätte, so wie seine Mutter es tat. Aber sein Vater hielt die Fabelmacht für gefährlich und verdorben und darum versuchte er nicht nur, seine Frau davon abzuhalten, sie zu benutzen, sondern er wollte auch mit allen Mitteln verhindern, dass sie in seinem Sohn erwachte.

In Nicholas’ Ohren kreischte es jetzt. Er konnte seinen Herzschlag als dumpfes Pochen unter der Schädeldecke spüren.

Die Fabelmacht schert sich einen Dreck um mich, wiederholte er in Gedanken. Weil ich ein Loser bin.

Laut sagte er: »Raus! Alle beide!«

Sein Vater starrte ihn einige Sekunden lang schwer atmend an. Dann warf er sich auf dem Absatz herum und stürmte an Nicholas’ Mutter vorbei. »Bring du ihn zur Vernunft!«, raunzte er sie an.

Gleich darauf war er weg.

Nicholas’ Mutter rührte sich nicht. Sie blickte in Nicholas’ Gesicht, das von der Ohrfeige noch immer glühte. »Er macht sich Sorgen um dich«, flüsterte sie.

Nicholas hätte sie am liebsten auch angeschrien, aber er knirschte nur mit den Zähnen.

»Du solltest das kühlen.« Sie deutete auf seine Wange.

Er spürte, wie sich dort langsam ein Veilchen bildete. Er nickte.

Sie sah ihm in die Augen, dann seufzte sie und ging ebenfalls. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken hinter ihr ins Schloss.

Nicholas’ Gedanken wirbelten. Warum nur hatte er die Fabelmacht von seinen Eltern nicht geerbt? Warum nur zeigte sich bei jedem anderen in seiner Familie das blaue Leuchten zum ersten Mal, wenn sie das Schreiben erlernten? Nur bei ihm war es noch nie erschienen, egal, wie sehr er auch versuchte, es herbeizurufen.

Tief in Gedanken versunken, betastete Nicholas seine schmerzende Wange. Der Alte war so ein Arschloch! Er warf sich auf das Bett und nahm sein Notizbuch in die Hand.

Er würde nie fabelmächtig sein.

Und schuld daran war allein sein Vater. Wenn der ihm helfen würde, die Gabe zu trainieren … Aber stattdessen war ihm jedes Mittel recht, um das Erwachen der Fabelmacht in Nicholas zu verhindern …

Jedes Mittel …

Nicholas’ Blick richtete sich auf das Regal über seinem Bett. Die zerlesene Taschenbuchausgabe von Romeo und Julia fiel ihm ins Auge und er zog sie hervor. Romeo, der sich gegen seine ganze Familie auflehnte aus Liebe zu Julia … Nicholas atmete tief durch. Vielleicht sollte er seinem Vater eine Lektion erteilen. Er schloss die Augen und stellte sich das bleiche Gesicht seines Vaters vor, erfüllt von Trauer und – was noch? Selbstvorwürfen? Ja, das gefiel ihm …

Eine Weile lang blätterte Nicholas in dem Buch hin und her, las die Sterbeszene von Mercutio und dann die von Romeo.

Mit tief nachdenklicher Miene griff er nach seinem Füller.

 

 

 

Nicholas’ Geschichte

 

Die Sonne warf den Schatten der Bäume auf den Rasen am Marsfeld. In der Luft lag der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln.

Ich lehnte mich auf einer Bank zurück, streckte die Beine aus und betrachtete die riesigen Streben des Eiffelturms, durch die der blaue Himmel wie bei einem Scherenschnitt leuchtete. Dann atmete ich tief durch. Ich war noch immer wütend nach dem epischen Streit, den ich heute Morgen mit meinem Vater gehabt hatte, und die Erinnerung daran lag mir wie ein Stein im Magen. Mein Vater, der wie ein Berserker in mein Zimmer gestürmt gekommen war und mich angebrüllt hatte. Seine flache Hand in meinem Gesicht und – noch viel schlimmer – meine Mutter, die betreten und kleinlaut dagestanden hatte und nichts, rein gar nichts gegen den Zorn meines Vaters ausrichten konnte.

Nach diesem Streit hatte ich wutentbrannt das Haus verlassen und hier war ich nun und wartete darauf, dass meine Verbitterung langsam nachließ.

Ein Keyboardspieler baute sein Instrument bei einem der vier Füße des Turmes auf. Als er anfing zu spielen, wehten seine Klänge zu mir herüber. Ein Luftballonverkäufer in einem Clownskostüm, der den Mund zu einem breiten roten Lachen geschminkt hatte, stand ganz in seiner Nähe. Seine Ballons schimmerten im Licht der Sonne in allen Regenbogenfarben und machten dem bunten Herbstlaub der Bäume Konkurrenz.

Der Keyboardspieler begann, Ballade pour Adeline zu spielen. Wider Willen musste ich lächeln. Das Lied hatte mir früher gut gefallen, aber seit einiger Zeit fand ich es nur noch kitschig. Kein Wunder, schließlich war ich nicht mehr dreizehn. Im Moment hörte ich lieber harten Rock oder, wenn schon Klassik, dann Stücke wie den Danse macabre von Saint-Saël.

Nicholas, du bist ein ganz schön düsterer Mistkerl, hatte mein bester Freund Luc vor ein paar Tagen genau deswegen seufzend zu mir gesagt.

Ein Skateboardfahrer fiel mir auf, sein Board rollte auf dem staubigen Weg nicht besonders gut. Der Luftballonverkäufer, der gerade mit einem Familienvater über den Preis für einen seiner Ballons verhandelte, machte einen Schritt nach hinten. Genau in diesem Moment stockte das Skateboard, der Fahrer verlor das Gleichgewicht und rempelte den Verkäufer an.

Der ließ die Ballons los und in einer bunt schillernden Traube flogen sie davon. Fast gleichzeitig war der Keyboardspieler mit Ballade pour Adeline fertig. Kurz war es, als würden alle Menschen auf dem Platz den Atem anhalten und den Luftballons zusehen, die auf Nimmerwiedersehen im Himmel verschwanden. Der Luftballonverkäufer fluchte wie ein Bierkutscher. Dann begann der Keyboardspieler ein neues Lied.

Diesmal war es Greensleeves.

Auch nicht besser, dachte ich. Mittlerweile war meine Wut einigermaßen verraucht. Ich stand auf und schlug den Kragen meines schwarzen Mantels hoch. Als ich unter dem Turm hindurch in Richtung Metro ging, schrie der Verkäufer noch immer auf den Skateboardfahrer ein.

 

Auf dem Gare de l’Est herrschte unfassbares Gedränge. Familien mit vollgeladenen Gepäckwagen schoben sich an mir vorbei, die Lautsprecherdurchsagen und ihre nervtötenden Jingles waren in dem ganzen Lärm kaum zu verstehen. Auf einem der Gleise fuhr gerade der TGV aus Karlsruhe ein, das immerhin bekam ich mit.

Ich wusste nicht genau, warum ich hierhergekommen war. Da war eine Unruhe, die mich antrieb, eine plötzliche Rastlosigkeit, die die kalte Wut in mir ersetzt hatte und die ich mir nicht so recht erklären konnte. Ich lehnte mich gegen einen der steinernen Pfeiler, die das große Glasdach des Bahnhofs trugen, und ließ die Menschenmenge an mir vorbeitreiben. Irgendwo in der Nähe löste ein Zug mit einem Zischen seine Bremsen. Ein Kind weinte. Und jemand sang ziemlich schief darüber, dass er nichts, aber auch gar nichts bereute. Eine Buchhandlung gegenüber verkaufte eine Neuausgabe von Gaston Leroux’ Phantom der Oper und hatte dafür ein ganzes Fenster mit üppigem rotem Vorhangstoff, weißen Masken und Unmengen von roten Rosen dekoriert.

Ich musste grinsen, weil der Roman eigentlich nicht viel mit Romantik zu tun hatte. Vielleicht sollte man der Buchhändlerin das mal erklären, dachte ich, als mir plötzlich Mila auffiel.

Mila.

Natürlich kannte ich da ihren Namen noch nicht, den erfuhr ich erst später, aber das war egal. Sie faszinierte mich auf Anhieb. Sie war ungefähr in meinem Alter und ihr Gang wirkte federnd und energiegeladen. Ihr Gesicht strahlte staunende Neugierde aus und ich vermutete, dass sie gerade zum ersten Mal Pariser Boden betreten hatte. Vor allem aber war sie extrem hübsch. Sie hatte etwas Lebendiges an sich, eine Aura, die mich augenblicklich in den Bann zog. Als sie einem Obdachlosen eine Münze gab, stieß ich mich von dem Pfeiler ab und drängte mich durch die Menge, um ihr zu folgen.

Sie umrundete eine Reisegruppe. Gerade, als sie auf einer Höhe mit den Leuten war, machte einer der Männer, ein fetter, schwitzender Typ, einen Schritt nach hinten und rempelte sie an. Mila taumelte vorwärts. Ehe sie der Länge nach hinschlagen konnte, fing ich sie auf.

»Achtung!« Mit einem Lächeln stellte ich sie zurück auf die Füße.

Im Fallen hatte sie einen leisen Schrei ausgestoßen, der mir tief ins Herz gefahren war. Jetzt schaute sie zu mir auf. Ihre Augen hatten die Farbe des Sommerhimmels über der Stadt.

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