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Die Fantasy-Bibliothek der Zwerge, Orks und Elben - 2126 Seiten Fantasy

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Die Fantasy-Bibliothek der Zwerge, Orks und Elben - 2126 Seiten Fantasy

Copyright

Elben - Gefährten der Magie

Kapitel 1: Thobin, der Dieb

Kapitel 2: Faragan, der Abenteurer

Kapitel 3: Pendrasil, der Finstere

Kapitel 4: Emwén, die Heilerin

Kapitel 5: Reiter in der Nacht

Kapitel 6: Das Schattenschiff

Kapitel 7: Das Dorf der Echsenreiter

Kapitel 8: Der Zentaur

Kapitel 9: Faragans Rubin

Das Schiff der Orks

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Alfred Bekker: Angriff der Orks

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Alfred Bekker: Der Fluch des Zwergengoldes

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Alfred Bekker: Die Drachen-Attacke

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Alfred Bekker: Sturm auf das Elbenreich

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Alfred Bekker: Überfall der Trolle

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DIE MAGIE DER ZWERGE

„Drei Zwergenkinder musst du finden!“

Tomli, der Zauberlehrling

In der Klemme

In die Stadt der Zwerge!

Olba, das Zwergenmädchen

Arro der Starke

Erd-Alben

Zwei Elben in Ara-Duun

Im Thronsaal des Zwergenkönigs

Die Gefahr aus der Tiefe

Das Amulett des Ubrak

Gefährten in der Finsternis

Am Weltenriss

In der Dunkelmetall-Schmiede

In der Halle der Diebe

DIE ZAUBERAXT DER ZWERGE

Im Weltenriss verloren

Lirandil und Saradul

Rettet Ubraks Amulett!

Olba und Arro

Das Wüstenschiff

Angriff der Schatten

Verglüht

An Bord des Wüstenschiffs

Der Felsentroll

In großer Gefahr

Trollzorn!

Nach Cosanien

Der Greif am Himmel

Der Geheime Tempel von Cosan

Ubraks Zauberaxt

DIE DRACHENINSEL DER ZWERGE

Schlangenköpfe und Zwergenmagie

An Bord der 'Sturmbezwinger'

Das magische Buch

Drohendes Unheil

Zur Dracheninsel!

Gefangene

Ein magischer Kampf

Gäste des Zauberkönigs

König Wendurs Geheimnis

Der Verfolger

Von Drachen umzingelt!

Die verlorene Zauberaxt

Im Land der Hundereiter

Am Berg des Drachenhüters

Die Entscheidung

DER KRISTALL DER ZWERGE

Schattenbringer und Weltenriss

Was vom Himmel fällt

Die Stunde des Schülers

Die Herberge des Echsenmenschen

Magier ohne Zauberstab

Ar-Don der Gierige

Gefangen in der belagerten Stadt

Angriff der Leviathane

Auf dem Markt von Hiros

Der Retter der Stadt

Vor dem Fürsten

Die Macht des Kristallschädels

Ein Räuber aus dem Himmel

Auf der Spur des Gargoyle

Der Turm von Gambalzôr

Ein magischer Kampf

Nachwort

Das Elbenkrieger-Profil

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Prolog

Die Tote in Telgte

Letzte Ausfahrt Ladbergen

Der Freak aus Kattenvenne

Ein Elbenkrieger in der Achtermannstraße

Traumhenker und Schwarzer Tod

Mit den Augen eines Elben

Elbenmagie in Borghorst

Eine Warnung in Tecklenburg

Der Würger von Osnabrück

Um ein Haar in Borghorst

Zwei Verhöre und der Traumhenker

Die Nacht der Toten

Morgengrauen

Leichenschau

Verdächtige und Zeugen

Zugriff in Kattenvenne

Gefährten

„Nichts als die Wahrheit, die reine Wahrheit!“

Die Augen der Mörderseele

Letzte Elfen

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Further Reading: Rote Schwerter - dunkle Magie: 1500 Seiten heroische Fantasy

Also By Alfred Bekker

About the Author

About the Publisher

Dieses Buch enthält die  Romane:

Alfred Bekker: Elben - Gefährten der Magie

Alfred Bekker: Das Schiff der Orks

Alfred Bekker: Angriff der Orks

Alfred Bekker: Der Fluch des Zwergengolds

Alfred Bekker:  Die Drachen-Attacke

Alfred Bekker: Sturm auf das Elbenreich

Alfred Bekker: Überfall der Trolle

Alfred Bekker: Die Magie der Zwerge

Alfred Bekker: Die Zauberaxt der Zwerge

Alfred Bekker: Die Dracheninsel der Zwerge

Alfred Bekker: Der Kristall der Zwerge

Alfred Bekker: Das Elbenkrieger-Profil

Alfred Bekker: Letzte Elfen

Geschichten um Elben, Orks und  Zwerge – in unserer und in anderen Welten.

Eine einzigartige Fantasy-Abenteuer Sammlung von Alfred Bekker, dem Autor der Zyklen um DAS REICH DER ELBEN, die ELBENKINDER, GORIAN, die DRACHENERDE-SAGA und viele andere mehr.

Das Zwischenland ist in großer Gefahr. Um sie abzuwenden, folgt der Elbenkrieger Lirandil einer alten Prophezeiung. Drei Zwergenkinder muss er finden: Eines ist ein Zauberlehrling, eines kennt die Zukunft und eines hat die Kraft und das Geschick eines Schmieds. Diese drei ahnen noch nicht, dass nur sie allein die Macht haben, ihre Welt vor dem Untergang zu bewahren. Wird ihnen das gelingen?

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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COVER: EDWARD MARTIN

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Elben - Gefährten der Magie

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von Alfred Bekker

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

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Kapitel 1: Thobin, der Dieb

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Da ist er!“

Thobin wirbelte herum. Er sah, wie sich die Männer der Stadtwache von Aratania durch die enge Gasse drängten. Ein mit Stoffballen überladener Karren, der von einem vierarmigen zylopischen Riesen gezogen wurde, kam ihm entgegen.

„Vorsicht, Vorsicht!“, rief der gerade mal hüfthohe Gnom, der oben auf dem Wagen saß.

„Aus dem Weg!“, riefen die Stadtwachen.

Thobin sprang zur Seite, geradewegs in eine Türnische hinein während der zylopische Riese den Karren an ihm vorbeizog. 

Dass die Männer ihn verfolgten hatte seinen Grund. Thobin presste die Hand an die Brust. Unter dem Gewand aus grober Wolle, das ihm bis über die Hüfte reichte und von einem  breiten Gürtel zusammengehalten wurde, verbarg er einen Schatz.

Ein Schatz allerdings, der ihm nicht gehörte.

Und das war auch der Grund dafür, dass die Stadtwachen ihn verfolgten.

Thobin schnellte aus der Türnische heraus und rannte weiter die Gasse entlang. Der breite Karren des Riesen versperrte nun seinen Verfolgern den Weg.

Gut so!, dachte er.

Thobin trug weiche Fellstiefel, die ihm bis zu den Knien reichten. In diesen Stiefeln hatte er kleine Werkzeuge und einen Dolch verborgen. Alles, was ein richtiger Dieb so brauchte, um die Schlösser von Türen und Truhen zu öffnen. Am Gürtel trug er einen etwas längeren Dolch, eine kleine Ledertasche, in der er neben ein paar gestohlenen Münzen noch ein paar Kleinigkeiten aufbewahrte und einen Wurfhaken am Seil.

Thobin hetzte in Richtung des Endes der Gasse. Dort musste er auf den Markt am Hafen stoßen. Auf diesem Markt war stets so viel los, dass er leicht in der Menge untertauchen konnte.

Doch dann bogen mehrere bewaffnete Stadtwachen genau von dort um die Ecke.

„Packt den elenden Dieb!“, rief einer von ihnen.

Thobin blieb stehen. Er riss den Wurfhaken aus dem Gürtel, schleuderte ihn kurz entschlossen empor, sodass er sich an  einem Dächer festhakte. Das Seil, das am unteren Ende des Hakens befestigt war, reichte gerade. Er fasste es mit beiden Händen, zog es kurz stramm und überprüfte, ob es ihn halten konnte. Der Haken saß. Thobin schwang sich empor. Mit den Füßen stieß er sich an der Wand ab, während er am Seil hinauf kletterte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Die pure Angst trieb ihn in die Höhe und ließ ihn auch die schmerzenden Arme vergessen.

Selbst das wertvolle Buch unter seinem Wams war plötzlich nicht mehr so wichtig.

Thobin hatte immer schon ein großes Klettertalent gehabt. Solange er sich erinnern konnte, war das so gewesen. Schwindelgefühl oder Ermüdung kannte er dann kaum. Wenn er Wände empor kletterte, kam er sich manchmal vor wie eine Spinne. Es erschien ihm einfach, und er fühlte sich leicht, und er hatte nie verstanden, weshalb anderen das so viel schwerer fiel.

Als die Wächter sich genähert hatten, befand sich Thobin bereits ein ganzes Stück über ihnen. Unerreichbar für ihre Spieße und Hellebarden. Er hatte das untere Ende des Seils zu sich heraufgezogen, so dass keiner der Verfolger es ergreifen konnte.

Thobin hörte sie fluchen.

„Warte nur, wir kriegen dich noch, du elender Dieb! Und dann geht es dir schlecht!“

Er zog sich bis hinauf auf das Dach, wickelte das Seil auf und löste den Wurfhaken, den er daraufhin wieder an seinem Gürtel befestigte. In einem der feucht-kalten Kerker von Aratania hatte er bereits mal eine kurze Zeit zubringen müssen, ehe ihm sein Geschick bei der Öffnung von Schlössern schließlich zur Flucht verhalf. Dorthin wollte er auf jeden Fall nie wieder zurück.

Thobin blickte sich kurz um. Von hier oben hatte man einen Blick bis zum Hafen, in dem hunderte von Schiffen aus aller Herren Länder angelegt hatten. Aratania – die Hauptstadt des  Reiches Aratan – erstreckte sich so weit das Auge reichte. Die Stadt war einziges Gewirr aus Straßen, Mauern und Häusern. Und in der Mitte erhob sich der Palast des Großkönigs. Thobin kannte hier jeden Winkel, jede Gasse, jede Straße und jedes Tor in den verschiedenen Stadtmauern. Und so schwer es manchmal auch für einen ehrlichen Dieb war, sein Auskommen zu finden und den Wächtern zu entkommen, so wenig konnte er sich vorstellen, irgendwo anders zu leben. Die Straßen dieser Stadt waren sein Zuhause. Thobin hetzte behände über die rutschigen Schindeln, sprang auf das Dach des nächsten Hauses, lief weiter und überwand auf diese Weise innerhalb kurzer Zeit fast ein ganzes Stadtviertel.

Zwischendurch tastete er nach dem Buch unter seinem Wams.

Es muss sehr wertvoll sein, ging es ihm durch den Kopf. Wie sonst war es zu erklären, dass die Stadtwache ihn so hartnäckig verfolgte?

Geschahen nicht jeden Tag in den unübersichtlichen, oft sehr engen Gassen von Aratania viel schlimmere Verbrechen? Wurden nicht wertvollere Dinge gestohlen, als ein altes Buch, das nun wirklich nicht zu den prächtigsten Exemplaren in der Bibliothek gehört hatte!

Wenn es wenigstens einen Einband mit Goldrand gehabt hätte! Dann hätte Thobin es verstehen können, dass man ihn so hartnäckig jagte.

Aber irgend etwas besonderes musste es mit diesem Buch auf sich haben. Schließlich hatte Thobin es nicht aus eigenem Antrieb gestohlen, sondern dafür einen Auftrag erhalten. Und sein Auftraggeber hatte ihm so viel Silber dafür versprochen, dass Thobin davon das ganze nächste Jahr hätte leben können.

Er erreichte das Ende des Daches und blickte auf eine menschenleere Gasse herab. Sie war so schmal, dass kaum zwei erwachsene Männer nebeneinander gehen konnten. Thobin ließ sich mit Hilfe seines Seiles und des Wurfhakens an der Mauer hinab. Dann rollte er das Seil um den Haken und steckte beides wieder hinter den Gürtel.

Am Ausgang der winzigen Gasse wurde es plötzlich dunkel. Ein Soldat der Stadtwache stand dort.

Er hielt einen Speer in der Linken und griff mit der Rechten zu einer Einhand-Armbrust, die er am Gürtel trug. Der Soldat richtete die Waffe auf Thobin. „Stehen bleiben, elender Dieb!“, rief er.

Thobin wirkte einen Moment wie erstarrt. Er sah auf der rechten Seite die Abzweigung zu einem schmalen Gang. Er  wusste zwar nicht, wohin der führte, aber das war ihm im Augenblick auch gleichgültig. Hauptsache so schnell wie möglich weg von hier!

Drei, vier Schritte waren es bis dort. Die Gedanken rasten nur so in Thobins Kopf. Konnte er es bis dorthin schaffen, ohne dass ihm der Soldat mit dem Bolzen seiner Einhand-Armbrust traf?

„Kommt hier her!“, rief dieser seinen Leuten zu. Dabei drehte er halb den Kopf. Diesen Augenblick nutzte Thobin aus. Er rannte los. Drei Schritte, das musste doch zu schaffen sein! Der Soldat drückte die Einhand-Armbrust ab. Es machte klack und der Bolzen zischte genau in Kopfhöhe durch die Luft. Thobin erreichte gerade die Stelle, an der der kleine Gang abzweigte, drehte sich halb herum und sah aus den Augenwinkeln heraus etwas auf sich zufliegen.

Doch der Bolzen veränderte plötzlich seine Flugbahn. Er stieg etwas empor und zischte haarscharf über seinen Kopf hinweg und prallte dann gegen das Gemäuer auf der rechten Seite.

Thobins Augen waren in diesem Moment vollkommen schwarz geworden. Pure Finsternis füllte sie und nichts Weißes war darin noch erkennbar.

Der Soldat erschrak sichtlich.

Thobin selbst konnte natürlich nicht sehen, was mit seinen Augen geschehen war. Er sah nur das Entsetzen im Gesicht des Wächters.

Mit einem Satz war der junge Dieb dann in dem noch schmaleren Gang verschwunden. Er rannte vorwärts. Es war finster hier. Er trat auf etwas Weiches. Mit einem durchdringenden Miauen stob eine Katze zwischen seinen Füßen davon, die sich hier wohl auf die Lauer nach Beute gelegt hatte.

Hinter sich hörte er Lärm, der von den Soldaten der Stadtwache herrührte, die ihm nach wie vor auf den Fersen waren. Jenes Buch, das er unter seinem Wams trug, musste wirklich von äußerst großer Bedeutung sein und er verfluchte sich schon dafür, diesen Auftrag überhaupt angenommen zu haben. Es war das erste Mal gewesen, das er nicht für sich selbst, sondern im Auftrag eines anderen gestohlen hatte. Etwas, das eigentlich dem Ehrenkodex der Straßendiebe von Aratania widersprach. Und es war ja nun auch prompt danebengegangen. Das muss wohl die Strafe dafür sein!, ging es Thobin durch den Kopf.

Er erreichte eine Mauer.

Na großartig!, durchfuhr es ihn ärgerlich.

Hinter sich hörte er die Schritte der Wächter.

Er saß in der Falle!

Thobin nahm erneut sein Wurfseil, ließ den Haken über die Mauer fliegen und zog sich dann wenig später empor. Gerade, als er rittlings oben auf der Mauer saß, sah Thobin sich noch einmal kurz um. In der Dunkelheit des engen Ganges bemerkte er eine Bewegung, Stimmen, Schritte...

Thobin sprang auf der anderen Seite herab und landete in einem Hinterhof. Ein Mann mit einem Schwert in der Hand stand ihm gegenüber. Er war kräftig, das Gesicht kantig und der Blick seiner meergrünen Augen wirkte durchdringend. Seine hervorspringende Nase erinnerte an einen Falken, das Haar hatte bereits graue Strähnen.

Neben ihm stand ein Trork. So nannte man die fellbehängten  Bewohner des Wilderlandes. Sie überragten normalerweise selbst den größten Mann noch um mehr als die Hälfte und wirkten wie eine Mischung aus Trollen und Orks. Zottelig hing ihnen das Haar herab und zumeist standen ihnen lange Zähne als Hauer aus dem tierhaften Maul heraus.

Dort, wo normalerweise die Augen hätten sein müssen, war bei einem Trork gar nichts.

Nur die blanke Stirn – denn Trorks besaßen keine Augen. Sie hatten andere Sinne, um sich zu orientieren. Sinne, die allerdings niemand wirklich zu verstehen vermochte, außer ihnen selbst. Dieser Trork hielt in seiner rechten, sechsfingrigen Pranke einen gewaltigen Hammer.

Thobin begriff, dass er offenbar geradewegs in eine Schmiedewerkstatt geraten war. Rauch quoll aus dem Abzug eines Ofens hervor.

Der Trork knurrte leise vor sich hin.

„Sei still, Shrrr!“, schimpfte der grauhaarige Mann mit dem Schwert, an dessen Griff Thobin ein leuchtender Rubin auffiel, der dort eingelassen war. Stirnrunzelnd trat der Grauhaarige etwas vor, während der Trork ihm tatsächlich gehorchte und zu knurren aufhörte.

Der Mann mit dem Schwert lauschte kurz den Stimmen der Stadtwachen. Dann deutete er auf einen Stapel alter, mottenzerfressener Decken und Lumpen. „Los! Versteck dich!“

Thobin ließ sich das nicht zweimal sagen.

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Kapitel 2: Faragan, der Abenteurer

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Die Lumpen, unter denen sich Thobin verbarg, stanken entsetzlich. Thobin musste einen Brechreiz unterdrücken. Allerdings konnte er es doch nicht lassen, wenigstens mit einem Auge aus seinem Versteck herauszublinzeln.

Inzwischen hatte es der erste Verfolger geschafft, die Mauer zu überwinden. Da die Soldaten ja weder ein Seil noch einen Haken zur Verfügung gehabt hatten, war das nicht so ganz einfach gewesen.

Es war der Kerl mit der Einhand-Armbrust. Er landete mit einem federnden Satz auf dem Boden. Inzwischen hatte er längst einen neuen Bolzen in die Waffe eingelegt. Er spannte sie jetzt.

„Wo ist der Kerl hin, der sich gerade über die Mauer schwang?“, fragte der Soldat schroff.

Der Trork knurrte wieder.

„Ganz ruhig, Shrrr!“, mahnte ihn der Grauhaarige mit dem Schwert. „Der Junge ist wie ein Wahnsinniger an uns vorbei gestürmt! So als wäre eine ganze Schar von Höllendämonen hinter ihm her.“ Mit dem Schwert deutete der Grauhaarige auf den offenen Eingang zu seiner Schmiedewerkstatt. „Auf der anderen Seite ist eine Tür, die zur Straße führt. Dort ist er hin! Beeilt euch, wenn ihr ihn noch aufhalten wollt!“

Der Soldat zögerte. Ein zweiter kletterte gerade über die Mauer. Ein dritter folgte.

„Na los, worauf wartet ihr?“, setzte der Grauhaarige noch hinzu.

„Ich kenne dich irgend woher“, sagte der Soldat mit der Einhand-Armbrust, während die beiden anderen Männer bereits die Tür zur Straße erreicht hatten, sie aufrissen und ins Freie liefen.

„Das muss ein Irrtum sein!“

„Nein, das glaube ich nicht! Wie heißt du?“

„Mein Name ist Faragan – und ich diente einst in der Garde des Großkönigs von Aratan!“

Der Soldat nickte leicht. „Ein Veteran also. Vielleicht werden wir noch einmal wiederkommen, um dich nach Einzelheiten über diesen flüchtigen Dieb zu befragen.“

Faragan hob die Schultern. „Ich kann dir darüber nicht mehr sagen, als du auch gesehen hast“, behauptete er.

Der Soldat folgte den beiden anderen und verließ das Haus des Schmieds durch die zur Straße gewandte Tür. Man hörte, wie sie wenig später wieder ins Schloss fiel.

Der Trork stieß ein wildes Knurren aus – so laut, dass ein paar Tauben, die auf einem der höheren Dächer ganz in der Nähe saßen und auf den Hinterhof herab blickten, augenblicklich davon stoben.

„Ist ja schon gut, Shrrr“, meinte Faragan an den Trork gerichtet. „Ich kann die Stadtwachen einfach nicht leiden. Und dass ich früher selbst mal dazugehörte könnte durchaus etwas damit zu tun haben. Aber das ist ein anderes Thema...“

Der Trork antwortete ihm mit einem tiefen, brummenden Laut, der schließlich in eine Art Gurgeln überging.

Faragan ging zu dem Stapel Lumpen, spießte ein paar davon mit dem Schwert in seiner Hand auf und ließ sie zur Seite gleiten, sodass Thobin darunter zu sehen war.

„Du kannst wieder hervor kommen, Dieb!“, sagt er in einem Tonfall, der Thobin überhaupt nicht gefiel.

Der Geruch der Lumpen war so scharf, dass er nur sehr schwer erträglich war. Ein Geruch, der Thobin an irgend etwas erinnerte, nur konnte er im Moment nicht so recht sagen, was es war. Es fiel ihm einfach nicht ein. Thobin verzog das Gesicht und stand unsicher auf. Er wagte sich gar nicht vorzustellen, wie lange dieser Gestank in seinen Kleidern bleiben würde.

Aber dafür hatten ihn die Soldaten des Königs nicht in die Hände bekommen und das war wichtiger als alles andere.

Einen Moment lang dachte Thobin darüber nach, dass der Geruch natürlich jetzt wohl auch von dem wertvollen Buch ausging, was er unter dem Wams trug. Wie sein Auftraggeber das Gesicht verzog, wenn der diesen übelriechenden kleinen Band ausgehändigt bekam, das mochte sich Thobin im Moment gar nicht weiter vorstellen. Er wird den Preis für meine Dienste drücken wollen, ging es dem Straßendieb sofort durch den Kopf.

Faragan wandte sich an den Trork. „Shrrr, sieh mal vor der Tür nach, was sich auf der Straße so tut!“

Der Trork erwiderte dies mit einem Knurrlaut und ging. Vorher warf er noch den großen Schmiedehammer auf den Boden.

Faragan musterte Thobin von oben bis unten und trat etwas näher. „Was hast du gestohlen, dass so viele Wachsoldaten hinter dir her sind?“, fragte er und senkte dabei das Schwert mit dem rubinbesetzten Griff.

„Ich? Ich weiß nicht.. Jedenfalls also...“

Thobin stotterte irgend etwas vor sich hin, was keinerlei Sinn ergab.

„Keine Angst, ich tue dir nichts“, sagte Faragan. Er deutete auf die ausgebeulte Stelle unter Thobins Wams. „Ist dort deine Beute... Meine Güte, nach dem gewaltigen Aufstand, den die Stadtwache hier veranstaltete, musst du ja die Kronjuwelen des aratanischen Großkönigs an dich gebracht haben oder irgend etwas anderes, das vergleichbar wertvoll wäre!“

„Es ist nur ein Buch, Herr!“, sagte Thobin.

„Ein Buch?“ Faragan runzelte die Stirn.

„Ja, ich bin in eine Bibliothek eingestiegen und habe ein Buch gestohlen.“

„Juwelen, etwas zu essen, meinetwegen auch noch ein gutes Schwert – für all das hätte ich Verständnis, aber bei der Hitze des Sonnengottes, was um alles in der Welt willst du mit einem Buch?“

„Herr, ich bin sehr wissbegierig“, behauptete Thobin. Dass er für dieses Buch eine hohe Summe an Silber angeboten bekommen hatte, erwähnte er ebenso wenig wie die Tatsache, dass er überhaupt nicht lesen konnte.

Inzwischen kam der Trork zurück.

„Sind draußen immer noch Soldaten?“, fragte Faragan.

Der Trork nickte und machte ein paar Zeichen mit den großen Pranken, von denen jede sechs Finger hatte.

Faragan schien diese Mischung aus Zeichen und Lauten zu verstehen.

Er wandte sich wieder an Thobin. „Ich kann dir nicht empfehlen, auf die Straße zu gehen. Offenbar sind die fest davon überzeugt, dass du hier irgendwo in diesem Viertel stecken musst...“

„Verflucht...“, murmelte Thobin.

„Hast du Hunger? Shrrr, mein Trork-Freund, und ich wollten gerade sowieso eine Pause machen und wenn du willst, kannst du mit uns essen...“

„Nun, ich...“

„Du siehst aus wie ein hungriger Straßenjunge, und es würde mich brennend interessieren, warum so einer wie du, Bücher anstatt ein paar Früchte auf dem Markt stiehlt...“

Im Moment hatte Thobin ohnehin keine andere Wahl, schließlich hatte er keine Lust, den Wachen geradewegs in die Arme zu laufen, sobald er das Haus verließ und auf die Straße ging.

Also war es in jedem Fall besser, Faragans Gastfreundschaft anzunehmen.

Das Haus bestand nur aus einem einzigen Raum, der Werkstatt und Wohnung zugleich war. Bevor sich Thobin an den großen Tisch setzte, sah er zunächst einmal durch eines der Fenster auf die Straße. Die Fenster waren nicht verglast, sondern wurden mit Holzläden geschlossen. Am Tag standen die Holzläden offen, aber die Öffnung war dann mit einem Vorhang aus Alabaster verhängt, den Thobin jetzt etwas zur Seite schob, um sehen zu können, was auf der Straße los war. Tatsächlich! Auf der anderen Straßenseite waren mehrere der Soldaten zu sehen, die ihn verfolgt hatten. Sie sprachen miteinander. Einer von ihnen fuchtelte ziemlich aufgeregt mit den Armen herum. Offenbar waren sie ziemlich ratlos.

„Setz dich ruhig!“, meinte Faragan. „Wenn sie nochmal zurückkommen, wird uns schon etwas einfallen.“

Faragan stellte Brot und Milch auf dem Tisch. Außerdem einen großen Holzeimer mit Haferbrei. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Thobin begriff, dass der Inhalt dieses Eimers ausschließlich für den Trork namens Shrrr gedacht war.

Sie setzten sich.

Thobin schlang ohne lange zu überlegen ein Stück Brot herunter. Er hatte tatsächlich ziemlich großen Hunger. Seit mehr als anderthalb Tagen hatte er schon nichts mehr gegessen. So lange dauerte die Hatz auf ihn schon und er war so sehr damit beschäftigt gewesen, den Soldaten zu entkommen, dass an Essen überhaupt nicht zu denken gewesen war. Dafür fiel ihm jetzt umso mehr auf, wie sehr ihm der Magen schon seit geraumer Zeit geknurrt hatte.

Nachdem er dann auch noch eine kräftigen Schluck Milch zu sich genommen hatte, fragte er an Faragan gerichtet: „Warum tust du das für mich?“

„Weil ich diese Wach-Soldaten nicht mag!“

„Und woher kannte dich der Soldat?“

„Er muss sich geirrt haben!“

„Aber er schien sich ziemlich sicher zu sein!“

Shrrr grunzte vor sich hin. Mit seinen sechsfingrigen Pranken nahm er jeweils einen riesigen Klumpen aus dem Eimer mit Haferbrei und stopfte ihn sich ins Maul. Ziemlich geräuschvoll schluckte er jeden Happen herunter und rülpste anschließend in verschiedenen Tonlagen, was ihn zu erfreuen schien.

„Auch wenn du es nicht gewohnt bist, aber wir haben einen Gast!“, wandte sich Faragan an den Trork. Dieser stutzte und machte eine Geste, die Erstaunen ausdrückte. Anschließend aß er etwas weniger geräuschvoll. „Shrrr denkt, dass ich mich nicht so haben soll!“, grinste Faragan.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, stellte Thobin fest.

„Und du bist ein ziemlich hartnäckiger Quälgeist! Wie heißt du überhaupt?“

„Thobin, Sohn eines unbekannten Vaters und einer bei meiner Geburt verstorbenen Mutter. Ich wuchs im städtischen Waisenhaus von Aratania auf, bis ich es geschafft habe, von dort zu entfliehen.“

„Und von da an hast du dich als Dieb durchgeschlagen?“

„So ist es. Aber sei unbesorgt, jemanden, der mir geholfen hat, würde ich nicht bestehlen.“

„Und warum nicht?“

„Weil das gegen die Diebesehre wäre, die unter den Straßendieben von Aratania gilt! Also kannst du ganz unbesorgt sein, Faragan!“

Shrrr stieß einen grollenden Laut aus und Faragan musste schmunzeln. „Mein Trork-Freund scheint dir nicht so richtig zu trauen“, meinte Faragan.

„Versteht er denn überhaupt so richtig, was wir sagen?“, erkundigte sich Thobin. Die Trorks lebten schließlich weit ab im Wilderland und man erzählte sich alle möglichen und wundersamen Geschichten über diese wilden Gesellen und ihr noch wilderes Land. Da die meisten dieser Geschichten von Zentauren erzählt wurden und die Zentauren die uralten Feinde der Trorks waren, wurden diese natürlich als grausame Bestien und ungehobelte Wilde dargestellt, die sich vom Fleisch der Riesenmammuts ernährten, aber auch gerne jeden anderen Besucher des Wilderlandes aufspießten und am Feuer brieten, wenn ihnen danach war. Dass sich Shrrr offenbar hauptsächlich von Haferbrei ernährte, hatte Thobin daher vom ersten Augenblick an gewundert.

Nur äußerst selten gab es Trorks in Aratania zu sehen. Es gab inzwischen hier und da ein paar Handwerker, die sie wegen ihrer Stärke als Träger, Schmiedegehilfe oder Wächter beschäftigten.

Und genau das war auch wohl hier der Fall.

„Verlass dich drauf, er versteht jedes Wort, auch wenn er selbst kein Wort herausbringt. Aber ich habe mir das ehrgeizige Ziel gesteckt, ihm die Schönheiten unserer Sprache noch beizubringen.“

Wie zur Bestätigung dieser Worte ließ Shrrr daraufhin einen kräftigen Knurrlaut folgen, der mit einem ohrenbetäubenden Schnalzen endete. Thobin verzog das Gesicht. „Ah, das tut ja in den Ohren weh!“, beklagte er sich. „Kaum zu ertragen!“

„Na hör mal - ein Straßendieb, der so empfindlich wie ein Elb ist! Wer hat denn so etwas schon mal gehört!“, meinte Faragan lachend. Er beugte sich nach vorn. „Du wolltest wissen, warum ich dir helfe! Es ist ganz einfach. Früher gehörte ich selbst zur Garde des Großkönigs und war ein geachteter Mann, aber ich geriet unter falschen Verdacht. Angeblich hätte ich mit Dieben gemeinsame Sache gemacht, sie absichtlich entkommen lassen und ihnen sogar geholfen, ihre gestohlene Ware zu verkaufen. So warf man mich nach Jahren treuer Dienste mit Schimpf und Schande aus der Garde von Aratan, obwohl mir niemand eine Schuld nachweisen konnte.“

„Dann ist dir übel mitgespielt worden“, musste Thobin zugeben.

„Seitdem muss ich mich als Söldner, Reiseführer und hin und wieder sogar als Waffenschmied durchschlagen, obwohl ich damals kurz davor stand, zum Hauptmann aufzusteigen! Aber stattdessen sind die befördert worden, die mich damals verdächtigten... Aber ich will mich nicht beklagen. Ich hätte auch im Kerker landen können... Jedenfalls freue ich mich, den Soldaten des Königs eins auswischen zu können. Und wenn man mich schon dafür gestraft hat, dass ich mit Dieben gemeinsame Sache gemacht habe, dann soll es doch wenigstens der Wahrheit entsprechen, oder?“ Faragans Lachen klang rau und heiser. Thobin spürte, dass es ihn immer noch wurmte, auf so unrühmliche Weise aus der Garde des Großkönigs ausgeschieden zu sein. 

Thobin hatte inzwischen aufgegessen. Er stand auf, ging noch einmal zum Fenster und schob den Alabaster-Vorhang zur Seite, um hinaus sehen zu können. „Ich will dir ganz sicher nicht länger als unnötig zur Last fallen, Faragan, aber da dort draußen immer noch ein paar Soldaten herumlaufen, wäre ich dir sehr dankbar, wenn ich zumindest bis zum Einbruch der Dunkelheit noch hier bleiben könnte...“

Shrrr verschluckte sich an einer große Portion Haferbrei, die er sich gerade in diesem Augenblick in seinen Rachen hinein geschlungen hatte. Er fuchtelte mit den Armen herum und stieß dann einen tiefen Grunzlaut aus.

„Tja, ich glaube, mein Freund hier ist nicht so besonders begeistert von der Idee“, meinte Faragan.

Wie zur Bestätigung nickte Shrrr und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dabei stieß er einen dumpfen Brummlaut aus, der wie eine Bestätigung klang.

„Er denkt wohl, dass du dich damit selbst in Gefahr bringst, wenn du mich länger beherbergst“, stellte Thobin fest.

„Ja, so könnte man das ausdrücken“, stimmte Faragan zu. „Und wenn du da noch lange am Fenster herum hängst, wird die Gefahr wohl noch größer, da dann damit zu rechnen ist, dass irgendwann einer der Soldaten bemerkt, dass da jemand andauernd die Straße beobachtet.“

„Ich würde ja gerne meines Weges ziehen“, versicherte Thobin. „Aber ich fürchte, dass ich damit die Aufmerksamkeit der Soldaten auf mich ziehe – und nicht nur auf mich, sondern auch auf euch beide! Es würde dann ziemlich schnell klar, dass ihr mir geholfen habt!“

Faragan nickte. Er erhob sich von seinem Platz. „Das ist ein Problem.“

„Ich mache dir einen Vorschlag, Faragan!“

„Ich höre?“

Thobin griff sich dorthin, wo das Buch sein Wams ausbeulte und erklärte: „Ich habe eine ziemliche Summe in Silber in Aussicht, wenn ich dieses Buch meinem Auftraggeber gegeben habe! Davon würde ich dir, sagen wir, ein Drittel abgeben, wenn ich hier noch eine Weile bleiben könnte.“

Faragan schien zu überlegen. Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Dann bist du in Wirklichkeit gar nicht so wissbegierig wie du behauptet hast. Und ich soll darauf vertrauen, dass du wirklich zurückkommst und mir meinen Anteil am Silber bringst?“

„Was ist das Leben ohne Vertrauen, werter Faragan!“, erwiderte Thobin.

„Da hast du sicher recht“, gab Faragan zu. „Aber das ganze erscheint mir dich etwas windig. Wer ist denn derjenige, dem du das Buch versprochen hast?“

„Das darf ich leider niemandem sagen“, erklärte Thobin in fast feierlichem Ernst. „Tut mir leid, aber daran kann ich nichts ändern. Schließlich bin ich ein ehrenhafter Dieb.“

„Ja, ich verstehe schon. Und ich bin jemand, der nicht so dringend auf ein paar Silbermünzen angewiesen ist, dass er sie deswegen auch von einem Dieb annehmen würde. Also, lass dein Geld da, wo es ist. Ich will es nicht! Schon deshalb, weil ich ja nicht weiß, wem es vorher gehört haben mag.“

„Aber...“

„Ich habe dir eine anderen Vorschlag zumachen...“

„Und der wäre?“

„Zeig mir erstmal das Buch, da du gestohlen hast. Dann kann ich das Risiko vielleicht abschätzen und ahne, warum man dich so verfolgt... Keine Sorge, ich gebe es dir zurück, und selbst wenn ich das nicht täte, hättest du sicher das nötige Diebestalent, um es mir jederzeit wieder abzunehmen. Was ist? Traust du mir nicht? Dazu hast du keinen Grund, schließlich habe ich dich vor den Soldaten gerettet!“

Thobin zögerte. Er holte das Buch schließlich doch unter der Kleidung hervor. Es wirkte unscheinbar und war nur so groß wie die Handfläche eines Mannes. Er trat an Faragan heran und und gab es ihm.

„Kannst du es lesen?“, fragte Thobin.

Faragan sah es sich an, blätterte darin herum und schüttelte dann den Kopf. „Nein. Das ist Elbenschrift und obwohl ich schon in Elbiana gewesen bin, vermag ich die Schrift zwar wiederzuerkennen, aber nicht zu lesen. Hast du eine Ahnung, was für ein Buch das ist?“

„Nein.“

„Hat den Auftraggeber dir das nicht gesagt?“

„Mir wurde nur gesagt, wo es sich in der Bibliothek befindet und man zeigte mir ein Abbild der Elbenrune auf dem Einband“, erklärte Thobin. „Das war alles!“

„Und wer, wenn ich fragen darf, hat dir den Auftrag dazu gegeben?“

„Er wird Pendrasil genannt und ich hatte das Gefühl, dass er nicht von hier kommt. Er sprach mich in einem Gasthaus an, wo ich gerade damit beschäftigt war, die Gäste um das Silber in ihren Taschen zu erleichtern... Viel von ihm gesehen habe ich nicht – nicht einmal sein Gesicht, denn er trug eine weite Kutte und hatte die Kapuze immer tief herab gezogen, sodass sein Antlitz immer im Schatten lag...“

Faragan schüttelte den Kopf. „Du machst mit jemandem Geschäfte, dem du nicht einmal in die Augen schauen kannst? Meine Güte, dir muss man noch viel beibringen, wie mir scheint. Du erinnerst dich wirklich an nichts weiter als an den Namen?“

„Seine Hand hatte sechs Finger“, erklärte Thobin.

Shrrr stieß sofort einen Knurrlaut aus. Er hob seine eigene, ebenfalls sechsfingrige Pranke empor.

„Ist ja schon gut, ich weiß, was du sagen willst“, versicherte Faragan und der Trork beruhigte sich daraufhin etwas. Dann wandte sich Faragan wieder an Thobin. „Sechs Finger? Bist du dir da sicher?“

„So wahr ich die schärfsten Augen aller Diebe von Aratania habe!“, versicherte Thobin.

„Ein Abkömmling des legendären Volkes der Sechs Finger?“ Faragan zuckte die Achseln. Niemand wusste, was mit diesem Volk geschehen war, das einst den ganzen Zwischenländischen  Kontinent beherrscht hatte. Die Sechsfingrigen waren verschwunden. Allerdings gab es einige Völker, die offenbar von ihnen abstammten, wie die Gnome von Hocherde oder die Trorks des Wilderlandes.

Faragan gab Thobin das Buch zurück. „Ich habe keine Ahnung, worin der besondere Wert dieses Buches liegt und du magst Geschäfte machen, mit wem du willst. Aber eines Tages wirst du im Kerker oder am Galgen enden, wenn du so weitermachst.“

„Ich tue nur, was ich am besten kann – und ich habe nicht vor, mich erwischen zu lassen“, versicherte Thobin.

„Das haben viele vor dir auch schon gesagt. Und ihre Knochen bleichen heute in den Kerkern unter dem Palast des Großkönigs... Nein, du könntest mehr aus deinem Leben machen.“

Thobin sah Faragan etwas verwundert an. Er runzelte die Stirn, denn irgendwie war ihm nicht so recht klar, worauf Faragan hinaus wollte.

„Wie meinst du das?“, fragte er daher.

„Ich könnte einen Gehilfen brauchen.“

„Um einen schweren Schmiedehammer zu schwingen, bin ich wahrscheinlich nicht der Richtige“, gab Thobin zurück.

„Nein, für grobe Sachen habe ich ja auch Shrrr. Aber manchmal brauche ich auch andere Talente. Und du scheinst geschickt zu sein, so dass man dir einiges beibringen kann... Was ist? Die einzige Bedingung ist, dass du mich nicht bestiehlst, denn dann ginge es dir schlecht...“

Zur Bekräftigung ließ Shrrr ein dumpfes Grollen hören.

Thobin dachte einen Moment nach. Von draußen hörte er Schritte. Schritte, die weder Faragan noch Shrrr bereits gehört hatten. Thobin hatte schon immer ein besonders gutes Gehör gehabt. Er konnte Menschen am Schlag ihres Herzens wiedererkennen und wenn er sich darauf konzentrierte, vermochte er den Schritt eines Menschen bereits zu hören, wie niemand anderes es konnte.

„Einer der Soldaten kommt“, sagte er.

Faragan war irritiert.

Shrrr stieß ein gurgelndes Geräusch aus. Offenbar spürte der augenlose Trork mit seinen besonderen Sinnen dasselbe.

„In die Truhe da vorne!“, bestimmte Faragan und deutete auf eine schwere Holztruhe. „Aber wenn hinterher etwas fehlt, bringe ich dich eigenhändig zum städtischen Kerker!“

Thobin ließ sich das nicht zweimal sagen. Als er die Truhe öffnete und hinein kletterte, polterte bereits jemand gegen die Tür.

„Einen Moment!“ rief Faragan.

Er öffnete die Tür, nachdem von Thobin nichts mehr zu sehen war. Draußen stand tatsächlich jener Soldat mit der Einhand-Armbrust, der Thobin zuvor schon auf den Fersen gewesen war.

„Habt Ihr den Dieb erwischt?“, fragte Faragan.

„Nein. Halt die Augen offen. Jeder, der diesem Nichtsnutz Unterschlupf gewährt, wird schwer bestraft!“

„Das ist mir schon klar“, erwiderte Faragan.

Der Soldat blickte zum Tisch. „Dort haben drei Personen gegessen“, stellte er fest. „Ich sehe hier nur zwei!“

„Ich habe meinen Lehrjungen ausgeschickt, um ein paar Besorgungen zu machen“, log Faragan. „Aber vorher wollte er noch was essen, weil ihm der Magen so sehr knurrte. Nun, es soll ja niemand von mir behaupten, dass ich einen Lehrling hungern lasse!“

„So, so“, murmelte der Soldat. „Wie auch immer, halt die Augen auf. Es ist übrigens auch eine Belohnung auf den Kopf dieses Diebes ausgesetzt. Wer zu seiner Ergreifung beiträgt, bekommt zwei Silberstücke!“

„Dann werde ich die Augen besonders weit offen halten“, versicherte Faragan.

Wenig später war der Soldat gegangen. Thobin hörte seine Schritte noch längere Zeit. Er kletterte aus der Truhe heraus, in der sich Kleidungsstücke, Waffen und Riemen befanden, die wohl zum Zaumzeug eines Pferdes gehörten.

„Gilt dein Angebot jetzt auch noch, da du von der Belohnung erfahren hast?“, fragte Thobin.

Faragan nickte.

„Es gilt.“

„Die zwei Silberstücke wirst du von mir bekommen. Und auch dieses Versprechen gilt!“ 

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Kapitel 3: Pendrasil, der Finstere

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Thobin blieb also in Faragans Haus. Und obwohl der Trork Shrrr dem Straßendieb zuerst sehr kritisch gegenüberstand, schien auch der ungestüme, augenlose Riese sich an Thobin zu gewöhnen.

Davon abgesehen verstand Thobin auch immer besser, was Shrrr mit seinem Geknurre und Gegurgel jeweils wollte. Mitunter hatte der Straßendieb sogar das Gefühl, erspüren zu können, was der Trork dachte. Das war ihm schon früher so gegangen und gehörte zu den besonderen Fähigkeiten, die für ihn seit frühester Kindheit selbstverständlich waren. Er konnte auch bei sehr wenig Licht viel besser sehen, als andere Menschen. Katzenauge hatte man ihn deswegen früher manchmal genannt. Sein Gehör war äußerst empfindlich und ab und zu kam es vor, dass er glaubte, Gedanken hören zu können. Etwa dann, wenn er sich sehr stark in jemanden hinein versetzte, sich auf denjenigen einstellte und versuchte, vorherzusehen, was er als nächstes tun würde.

Für einen Dieb war das eine sehr praktische Fähigkeit, die ihm schon oft gute Dienste geleistet hatte. Dass andere Menschen darüber nicht verfügten, war ihm erst nach und nach aufgefallen.

Zu diesen Fähigkeiten gehörte es auch, mit der Konzentration von Gedanken die Flugbahn eines Armbrustbolzens abzulenken. Aber das war etwas, worauf er sich wirklich nur im Notfall verlassen wollte. Denn manchmal funktionierte es und manchmal auch nicht. Woran das dann lag, konnte er nicht erklären. Auf jeden Fall war es das Beste, bewaffneten Stadtwachen immer auszuweichen.

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IN DEN NÄCHSTEN TAGEN verließ Thobin Faragans Haus nicht.

Und das war auch sicher das Beste, was er tun konnte, denn in den Straßen des Hafenviertels von Aratania sah man in diesen Tagen besonders viele Soldaten der Stadtwache. Es sprach sich herum, dass ein besonders dreister Dieb in die Bibliothek des Großkönigs eingebrochen war, die bis dahin alle für vollkommen einbruchssicher gehalten hatten. Und es machte auch die Runde, dass der Dieb offenbar eine wertvolle magische Schrift gestohlen hatte.

Herolde verkündeten lauthals an den Straßenecken, dass jeder, der dieses Buch ankaufen würde, mit schlimmster Bestrafung zu rechnen hätte und als genauso schuldig angesehen würde wie der Dieb selbst.

Damit sollten wohl die Schwarzhändler von Aratania abgeschreckt hatten, von denen bekannt war, dass der Großteil ihrer Waren gestohlen waren oder aus anderen zweifelhaften Quellen stammten.

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IN DER DRITTEN NACHT, die Thobin in Faragans Haus verbrachte, klopfte es weit nach Mitternacht an der Tür.

Faragan und Shrrr erwachten sofort.

Thobin hingegen hatte sich längst von seinem Lager, das aus zwei Strohsäcken bestand und neben dem Ofen zu finden war,  erhoben. Er war bereits auf halbem Weg zu Tür, als Faragans Stimme ihn zurückhielt.

Es war ziemlich dunkel. Nur die Glut des Ofenfeuers spendete einen schwachen Lichtschimmer. Für Thobins Auge reichte das und Shrrr orientierte sich ja ohnehin mit seinen Trork-Sinnen. Nur Faragan konnte bloß ein paar Schatten sehen.

„Sag mal, erwartest du etwa Besuch oder hast du Sehnsucht nach dem Kerker?“, flüsterte der ehemalige Gardist des Großkönigs. „Verschwinde! Versteck dich oder flieh durch den Hinterausgang, du Narr! Über Mauern klettern kannst du doch!“

Es klopfte erneut, diesmal heftiger.

„Aufmachen!“, ertönte eine dumpfe, sehr tiefe Stimme.

„Einen Moment!“, rief Faragan laut, ging zum Ofen und entzündete mit einem Holzspan eine Öllampe, sodass es etwas heller war.

„Das ist für mich“, behauptete Thobin flüsternd. „Keine Sorge, es ist kein Soldat!“

Shrrr bestätigte das durch ein Knurren. Offenbar sagten die geheimnisvollen Trork-Sinne ihm dasselbe. Faragan hingegen griff nach seinem Schwert. Er schien der Sache nicht zu trauen.

Der Türriegel löste sich von selbst.

Mit einem Ruck flog jetzt die Tür zur Seite. 

Als ob eine unsichtbare Hand sie zur Seite gerissen hätte, knallte sie nur so gegen die Wand.

Eine dunkle, nur als schattenhafter Umriss erkennbare Gestalt stand dort im Freien, gekleidet in eine bodenlange Kutte deren Kapuze tief ins Gesicht gezogen war. Auch der Schein der Öllampe erhellte die Finsternis darunter nicht.

„Warum lässt du mich warten?“ Der Düstere sprach diese Worte nicht laut aus. Es war nur ein Gedanke, der Thobin erreichte. Ein Gedanke, der so intensiv und aufdringlich war, dass er in seinem Kopf schmerzte.

Thobin stöhnte auf.

„Pendrasil!“, entfuhr es ihm.

„Ich habe dir angekündigt, dass ich dich finden werde, nachdem du deinen Auftrag ausgeführt hast, Straßendieb!“, stellte Pendrasil fest – und diesmal nicht nur mit einem eindringlichen Gedanken, sondern auch mit seiner sehr tiefen, dröhnenden Stimme.

Der Düstere trat einen Schritt in den Raum hinein.

Dann streckte er seine linke Hand aus. Der schwache Schein der Öllampe zeigte sechs Finger, so knorrig wie die Finger einer Totenhand. „Gib mir, was mein ist!“

Thobin, der das gestohlene Buch in Elbenschrift die ganze Zeit über stets unter seinem Wams getragen und nie aus den Augen gelassen hatte, holte es nun hervor. Dass Pendrasil irgendwann einmal auftauchen würde, um sich die Beute abzuholen und ihn auszuzahlen, hatte er gewusst – nur nicht, wann das der Fall sein würde. Zwar hatte es den jungen Dieb anfangs verwundert, dass Pendrasil weder Ort noch Zeit für dieses Treffen festlegen wollte, aber der seltsame Sechsfingrige hatte ihm versichert, ihn überall aufspüren zu können. Vermutlich mithilfe von Magie. Aber da Pendrasil ihm bereits eine Münze im voraus gegeben hatte und die Menge an Silber, die Thobin für seinen Diebstahl erhalten sollte, so fantastisch hoch war, hatte er alle Zweifel beiseite geschoben.

Thobin hielt das Buch in Elbenschrift in der Rechten, aber er zögerte, es Pendrasil zu geben.

„Na, los!“, verlangte der Düstere und Thobin spürte plötzlich, wie eine unheimliche Kraft an dem Buch zu ziehen begann. Wenn er es nicht fest im Griff gehabt hätte, dann wäre es ihm in diesem Moment zweifellos einfach aus der Hand gerissen worden.

„Was ist mit dem Silber, dass du mir versprochen hast?“, fragte Thobin, der inzwischen ein sehr mulmiges Gefühl bei der Sache hatte.

„Gib mir das Buch!“, dröhnte jetzt ein Gedanke so schmerzhaft in Thobins Kopf hinein, dass ihm für einen Moment schwindelig wurde. Er machte taumelnd einen Schritt zurück.

Thobin versuchte alles an innerer Kraft zu sammeln, um sich gegen diesen Einfluss zu wehren. Der düstere Magier – oder wie immer man Pendrasil auch bezeichnen mochte! - hatte offenbar überhaupt nicht die Absicht, Thobin den Lohn für seine Dienste auszuzahlen.

„Gib her!“, drang nun ein weiterer Gedanke wie ein Pfeil in Thobins Geist ein. Er spürte wie ihm das Buch durch magische Kraft aus der Hand gerissen wurde. Einen Augenblick später umfassten es Pendrasils Finger.

Thobin schwankte. „Heh!“ rief er, aber es klang nur wie ein schwaches Ächzen.

„Was soll das?“, mischte sich Faragan ein. „Nennst du das einen fairen Handel!“ Faragan hatte nur eine einzigen Schritt nach vorn gemacht, da hob Pendrasil die andere Hand. Ein Blitz fuhr aus den dürren Fingern, traf Faragan und schleuderte ihn bis zur Wand. Das Schwert wurde ihm dabei aus der Hand gerissen. Zitternd steckte es im nächsten Moment im Holz eines Deckenbalkens.

Shrrr wütendes Knurren schien der Magier bereits als Ankündigung eines Angriff aufzufassen. Auch den Trork traf ein Blitz aus Pendrasils Hand. Shrrr wurde gegen ein Regal geschleudert, in dem sich allerlei Tongefäße und Krüge befanden. Das alle ging nun zu Bruch und stürzte auf den aufbrüllenden Trork ein.

Ehe Thobin noch in der Lage war, etwas zu sagen oder zu tun, hatte sich Pendrasil bereits umgedreht und war gegangen. Die Tür wurde genauso gewaltsam und wie von selbst geschlossen, wie in dem Moment, als Pendrasil Faragans Haus betreten hatte. Mit einem Knall schlug sie zu.

Das gibt’s doch nicht!, durchfuhr es Thobin, nachdem er wieder einigermaßen klar denken konnte.

Er griff nach seinem Wurfseil und dem Haken. Beides lag neben seinem Lager. Dann schnellte zur Tür und versuchte, sie aufzureißen. Doch das ging nicht. Obwohl nicht einmal der Riegel davor geschoben war, ließ sie sie sich zunächst nicht öffnen. Thobin nahm seinen gesamten Willen zusammen. Manchmal ließen sich Dinge einfach mit dem Willen beeinflussen. So wie die Bahn eines Armbrustbolzens. Er rüttelte am Türknauf, dann ließ sie sich öffnen.

Thobin rannte ins Freie.

Die Straße war dunkel. Selbst in den Gasthäusern war jetzt kein Betrieb mehr. Öllampen, die die ganze Nacht über entzündet waren, leistete man sich höchstens in den Stadtvierteln der Reichen oder im Palast des Großkönigs. Die einzige Ausnahme waren die Leuchtfeuer am Hafen, die Tag und Nacht brannten. Da die Straße, an der Faragans Haus lag, zum Hafen führte, leuchtete deren Licht von dort herüber. Der Magier war als dunkler Umriss zu sehen. Er ging schnellen Schrittes Richtung Hafen.

„So weit kommt es noch, dass sich ein ehrlicher Dieb bestehlen lassen muss“, murmelte Thobin vor sich hin. Er rannte hinter dem Magier her und schleuderte dann seinen Wurfhaken. Aber anstatt, dass sich das Seil um die Füße des Magiers schlang, wurde es durch die Kraft der Magie abgelenkt und zurückgeworfen. Der Wurfhaken kam auf ihn zu. Thobin sprang zur Seite. Der Haken verfehlte ihn knapp, umkreiste ihn mehrfach auf eine Weise, die allen Naturgesetzen widersprach und wickelte Thobin mit seinem eigenen Seil ein. Innerhalb eines Augenblicks lag Thobin eingewickelt und gefesselt am Boden. Er konnte sich nicht mehr rühren und versuchte verzweifelt, sich zu befreien.

Pendrasil hatte sich bisher nicht einmal umgedreht. Aber jetzt blieb zumindest stehen.

„So ein Narr wie du sollte nicht versuchen, sich mit mir anzulegen!“, erreichte Thobin im nächsten Moment ein so schmerzhafter Gedanke, dass Thobin am liebsten laut aufgeschrien hätte.

Pendrasil drehte sich nun langsam herum. „Vergiss dieses Buch. Vergiss, dass du mich je getroffen hast...“

Thobin spürte einen ungeheuren Druck in seinem Kopf. Die geistige Kraft des Magiers schien es darauf abgesehen zu haben, ihn zu brechen. Aber Thobin wehrte sich. Nein, er wollte nichts von dem vergessen, was geschehen war. Ganz im Gegenteil. Eines Tages trafen sie sich vielleicht wieder und dann würde er sich holen, was ihm zustand!

Thobin spürte, wie es ihm immer schwerer fiel, überhaupt einen Gedanken zu fassen.

Der Magier griff an seinen Gürtel und holte mit seinen langen, knorrigen Fingern irgend etwas aus dem Lederbeutel, den er dort befestigt hatte, heraus.

Dann warf er Thobin etwas zu.

Eine Münze.

Sie schimmerte kupferfarben und begann in der Dunkelheit zu leuchten. Dann schoss eine Flamme daraus empor und erhellte für einige Augenblicke die ganze Straße bis zum Hafen.

„Lauf mir nie wieder über den Weg... Straßendieb!“

Thobin hörte Schritte und dann ein Knurren, wie es nur von einem Trork wie Shrrr stammen konnte.

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Faragan und begann damit, Thobin von seinen Fesseln zu befreien. „Du hast dich da mit einem wahren Ungeheuer eingelassen... Bei allen Göttern, solche Magie habe ich noch nie gesehen!“

Und Shrrr schien derselben Ansicht zu sein, denn er gab einen tiefen Brummlaut von sich.

Thobin schüttelte das Seil ab und raffte es mitsamt dem Haken einfach zusammen. „Er ist zum Hafen!“, rief er.

„Also dieser Kerl hat Kräfte, die ich weder verstehe noch denen ich irgend etwas auch nur entfernt Gleichwertiges entgegensetzen könnte“, gab Faragan zu bedenken. „Und so, wie ich das gerade mitgekriegt habe, ist das bei dir dasselbe! Also kann ich nur empfehlen, sich mit dem Kerl nicht noch anzulegen!“

„Feigling“, murmelte Thobin und rannte in Richtung Hafen – dorthin, wo der Magier verschwunden war.

Unzählige Schiffe lagen an den Kaimauern vertäut. Die Leuchtfeuer markierten genau, wo die äußere Hafenmauer verlief, die einen weit ins Meer hineinreichenden Halbkreis beschrieb. Dazu schien ein fahler Vollmond vom Himmel.

Ein Schiff war gerade ausgelaufen. Die Segel hatte man nicht gesetzt, da Windstille herrschte. Es war allerdings auch nicht das Platschen von Rudern zu hören, die ins Wasser getaucht wurden. Obwohl das Schiff weder ruderte noch segelte, nahm es ziemlich Fahrt auf. Eine geisterhafte, magische Kraft bewegte es geradewegs auf das freie Meer zu.

Am Bug stand der düstere Magier und blickte zurück. Er schien Thobin zu bemerken und winkte ihm zu.

Der Gedanke, den Pendrasil dem Dieb jetzt sandte, war nicht in Worte zu fassen. Er bestand einfach nur in einem triumphierenden Gelächter, das dröhnend in Thobins Kopf widerhallte.

Faragan und Shrrr erreichten wenig später ebenfalls den Hafen.

Sie fanden Thobin an der Kaimauer stehend, wie er dem entschwindenden Schiff des Magiers nachsah.

„Ich fürchte, ich werde dir wohl kaum zwei Silberstücke zahlen können“, meinte er. „Mein Auftraggeber hat mich geprellt!“

Faragan legte Thobin eine Hand auf die Schulter.

„Vielleicht wäre dies der Moment, dich von diesem unsicheren Diebesgewerbe zu verabschieden!“, meinte er. „Du siehst doch, was dabei passieren kann – und im Endeffekt bist du dich noch glimpflich davongekommen!“

„Glimpflich? Ich habe mein Diebesgut verloren und bin um meinen Lohn betrogen worden? Das nennst du glimpflich?“, ereiferte sich Thobin.

„Es gibt schlimmeres.“

„Ja, ich weiß, ich hätte im Kerker enden können – und ausgeschlossen ist das ja auch noch immer nicht!“

„Oder dieser Magier hätte dir das Seil mit Hilfe seiner Kräfte so um deinen Körper gewickelt, dass du erwürgt worden wärst...“

Thobin atmete tief durch.

Nein, dachte er. Das konnte er nicht – obwohl er es vielleicht versucht hat... Die eigenartige Kraft, die in Thobins Innerem schlummerte, und die er selbst einfach nur seinen Willen nannte, hatte das verhindert. Davon war der junge Dieb inzwischen überzeugt.

Auf den Gedanken, dass er selbst vielleicht auch so etwas wie ein Talent zur Magie hatte, war er bisher nicht gekommen. Allein der Gedanke war für ihn schon zu absurd gewesen, als dass es sich gelohnt hätte, weiter darüber nachzudenken. Davon abgesehen hatte es immer andere, einleuchtendere Erklärungen für das eine oder andere eigenartige Geschehnis gegeben.

„Sieh das alles mal von der anderen Seite: Du bist dieses verfluchte Buch los und das bedeutet auch, dass es niemand mehr bei dir finden und dich deswegen festnehmen kann“, hörte er Faragan sagen und Shrrr schien diese Sichtweise zu teilen, denn er ließ einen zustimmenden Grunzlaut hören.

„Kommen andere Tage und bessere Beute“, murmelte Thobin. „Altes Diebessprichwort...“

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Kapitel 4: Emwén, die Heilerin

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Thobin blieb auch die nächsten Tage in Faragans Haus, half hier und da in der Schmiedewerkstatt mit und sah ansonsten interessiert zu.

„Die besten Waffen schmiedet man sich selbst“, sagte Faragan. „Dann weiß man, dass man sich auf eine Klinge auch verlassen kann und sie nicht schon beim ersten Übungskampf zu Bruch geht – was leider häufiger vorkommt, als man glaubt. Selbst bei der Garde hatten wir manchmal Schwerter... Ich sag dir, die waren von miesen Betrügen geschmiedet und dem Großkönig billig angeboten worden!“

Thobin erfuhr nun auch, warum die Lumpen, unter denen er sich bei seiner Flucht vor den Wächtern versteckt hatte, so furchtbar stanken. Faragan wickelte darin nämlich normalerweise Hühnerdreck ein, den er sich von Händlern auf dem Markt besorgte und später dem Stahl beimengte. „Ich habe mir alles selber beigebracht“, meinte er immer wieder und schien besonders darauf sehr stolz zu sein. „Und wenn du willst, zeige ich dir nach und nach, wie es geht...“

„Es sieht anstrengend aus“, meinte Thobin. „Anstrengender als die Arbeit eines Diebs. Aber vielleicht schadet es nichts, etwas dazuzulernen.“

„Das will ich meinen!“, stimmte Faragan zu.

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HIN UND WIEDER VERKAUFTE Faragan auch eines seine Schwerter an ausgewählte Kunden. Hohe Herrschaften aus dem aratanischen Adel zumeist, die für eine einzelne Klinge mehr ausgeben konnten, als ein Handwerker in einem halben Jahr verdiente.

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MIT DER ZEIT SCHWAND bei der Stadtwache offenbar der unbedingte Wille, den Dieb des Buches in Elbenschrift doch noch zu fangen. Jedenfalls hörte man bald keine Herolde mehr von ausgesetzten Belohnungen sprechen und auch die Soldaten schienen nun mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Thobin wagte sich schließlich wieder ins Freie, erkundete die Lage auf dem Markt am Hafen und hörte zu, worüber die Leute redeten. Auch wenn es ihm schwer fiel, so hielt er sich doch beim Stehlen zurück. Schließlich wollte er jetzt auf keinen Fall irgendwie auffallen.

Inzwischen redeten die Leute fast nur noch von einer Betrügerbande, die mit falschen Gewichten auf dem Markt gute Geschäfte gemacht hatte. Aufgebrachte Bürger gingen auf Händler los und die Soldaten der Stadtwache hatten alle Hände voll zu tun, um sie auseinander zu bringen.

Gut so, dachte Thobin. Dann wird sich hoffentlich bald niemand mehr an mich erinnern.

Einen Augenblick blieb er bei einem Marktstand stehen, an dem eine Tinktur angeboten wurde, die angeblich die Haare färben konnte. Thobin überlegte, ob das nicht etwas für ihn  war, den schließlich musste er ja nach wie vor stets damit rechnen, dass ihn einer der Soldaten, die ihm auf den Fersen gewesen waren, wiedererkannte. Und wenn er sein Äußeres etwas veränderte, war die Wahrscheinlichkeit dafür vielleicht etwas geringer.

Aber dann entschied er sich dagegen.

Als er ein paar Angehörige der Stadtwache sich durch die Menge drängeln sah, verdrückte er sich schnell seitwärts und verbarg sich hinter dem Handwagen eines Obsthändlers.

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ES WAR EIN PAAR TAGE später, als Thobin erneut mitten in der Nacht durch ein Geräusch geweckt wurde. Er lag auf seinen Strohsäcken neben dem Ofen und hörte, wie zwei Pferde herangaloppierten und vor Faragans Haus anhielten. Jemand stieg aus dem Sattel. Es war eine leichte Person, wie Thobin sofort zu hören vermochte.

Es klopfte.

„Ist hier das Haus von Faragan, dem Meister des Schwertkampfes und der Schmiedekunst? So öffnet!“

Es war eine helle, klare und vor allem weibliche Stimme, die da ertönte.

Faragan war sofort auf den Beinen. Er entzündete eine Öllampe und wandte sich flüsternd an Thobin. „Verdanke ich dir jetzt wieder irgendeinen unangenehmen Besuch?“, wisperte er.

„Ich habe mein Diebeshandel nicht mehr ausgeübt seit ich bei dir wohne. Ehrenwort“, flüsterte Thobin.

„Das Ehrenwort eines Diebes.“

„Aber das ist mehr wert als das jener Händler, die auf dem  Markt mit falschen Gewichten betrogen haben.“

Es klopfte erneut.

„Meister Faragan! Ich muss Euch dringend sprechen! Bitte öffnet mir!“, sagte die weibliche Stimme erneut, diesmal noch drängender.

Shrrr, der inzwischen auch wach war, ließ einen Laut hören, den Thobin nicht zu deuten vermochte und wie der junge Dieb ihn auch noch nie zuvor von dem Trork gehört hatte.

„Was meint er?“, wisperte Thobin an Faragan gerichtet.

„Diesmal hat er nur Blähungen“, erwiderte Faragan leise. „Versteck dich in der Truhe! Sofort!“ Laut fuhr er dann fort. „Noch einen Moment Geduld!“

„Ich bin einen weiten Weg geritten, um Euch zu finden, Meister Faragan! Und man hat mir Eure Dienste sehr empfohlen! Also lasst mich nicht vor der Tür stehen!“

Faragan wartete bis Thobin in der Truhe verschwunden war. Dann öffnete er. Shrrr hatte inzwischen noch eine weitere Öllampe entzündet, sodass es einigermaßen hell im Raum war. Trotz seiner gewaltigen sechsfingrigen Pranken war der augenlose Riese dabei überraschend geschickt.

Thobin blinzelte derweil durch einen winzigen Spalt im Holz der Truhe.

Er sah, dass eine Frau den Raum betrat.

„Was ist mit Eurem Begleiter?“, fragte Faragan und meinte damit wohl den zweiten Reiter, den Thobin gehört hatte.

„Er wird draußen warten und uns gegebenenfalls warnen...“

„Warnen?“

„Wenn Gefahr besteht. Ich werde Euch alles so rasch wie möglich erklären, Meister Faragan.“

„Nennt mich nicht Meister! Ich bin nie in die Schmiedemeisterzunft aufgenommen worden, weil ich auf andere Weise meine Arbeit zu tun pflege, als es die Regeln vorschreiben! Aber dafür sind meine Schwerter auch besser als das meiste Blech, das anderswo zusammen gehauen wird!“

„Ein Meister ist, wer die Fähigkeiten eines Meisters besitzt, unabhängig davon, ob er dafür anerkannt wird oder nicht.“

Sie schlug die Kapuze ihres Umhangs zurück, während Faragan kurz zu ihrem Begleiter hinaus blickte und dann die Tür schloss.

Das Licht der beiden Öllampen fiel in ein elfenbeinfarbenes Gesicht mit etwas schräg gestellten, dunklen Augen. Das blauschwarze, schimmernde Haar fiel ihr weit über die Schultern. Spitze Ohren stachen daraus hervor.

Eine Frau aus dem Volk der Elben, ging es Thobin durch den Kopf. Die Elben lebten weit im Norden in ihrem Reich Elbiana. Man sagte ihnen ein sehr langes Leben und eine besondere Begabung für die Magie nach.

Auf ihrer Brust trug die Elbin ein Amulett, das Thobin schon einmal gesehen hatte. Es bedeutete, dass diese Frau eine Heilerin war. Immer wieder kam es vor, dass Elbenheiler ihre Dienste auch in den Ländern der Menschen anboten und allein in Aratania gab es einige von ihnen, die durch ihre Kunst reich geworden waren.

Die Elbin wandte den Kopf, ließ den Blick durch den Raum schweifen, so als suchte sie etwas und wandte sich dann an Faragan.

Thobin konnte sich nicht erinnern, schon jemals ein so schönes und ebenmäßiges Gesicht gesehen zu haben. Ihre Stimme klang sanft und voll. Ein eigenartiger Zauber ging davon aus.

„Ich bin Emwén, Heilerin aus Elbenhaven“, sagte sie. „Und da draußen wartet Ylandor auf mich, ein Hauptmann aus der Leibwache von Elbenkönig Daron. Er soll mich begleiten und auf mich aufpassen... Ihr müsst Faragan sein!“

„Der bin ich!“, versicherte der Angesprochene und deutete neben sich. „Und dies ist mein Gefährte Shrrr, vor dem Ihr Euch nicht zu fürchten braucht!“

Ein dumpfer Ton kam zur Bestätigung aus dem Maul des Trork.

Die Elbin verzog schmerzverzerrt das Gesicht.

„Nicht“, murmelte sie. „Wir Elben haben sehr empfindliche Sinne. Ein solcher Ton dröhnt mir fast unerträglich in den Ohren. Wenn man mich doch wenigstens vorwarnen könnte, dann wäre es für mich möglich, dass ich mich darauf einstelle und mein Gehör etwas abschirme...“

Der Trork machte eine hilflose Geste. Man sah ihm an, dass er eigentlich gerne noch irgendeinen Laut hinterher geschickt hätte, aber stattdessen öffnete er nur das Maul und atmete einmal tief durch.

„Shrrr hatte bisher wenig Umgang mit Elben“, sagte Faragan entschuldigend. „Aber ich bin mir sicher, dass er sich darauf einstellen wird...“

„Danke.“

„Und nun sagt mir bitte, weshalb Ihr mich mitten in der Nacht aus dem Bett holt und was Ihr von mir wollt!“

„Einen Moment...“ Emwén blickte sich erneut suchend um. „Es ist hier noch eine weitere Person im Raum. Ich höre ihr Herz schlagen. Es ist... seltsam...“ Sie ging auf die Truhe zu. Thobin sah den Saum des Kleides aus fließender Elbenseide, das sie unter dem Umhang trug. „Ich möchte nicht, dass wir während unseres Gespräches belauscht werden.“

„Keine Sorge“, gab Faragan zurück. Er trat neben sie, klopfte mit den Knöcheln seiner Hand auf den Deckel der Truhe. „Du kannst herauskommen, Thobin. Erstens hast du wohl für den feinen Gehörsinn dieser Dame dein Herz zu schnell schlagen lassen und zweitens beschäftigt die Stadtwache auch keine Elbenheilerinnen, sodass wohl keine Gefahr für dich besteht!“

Thobin hob den Deckel der Truhe empor und kletterte daraus hervor.

Er fühlte sich ziemlich unwohl in seiner Haut.

„Sei gegrüßt“, wandte er sich an Emwén.

„Du auch“, erwiderte die Heilerin mit einem freundlichen Lächeln. Von ihrem jugendlich wirkenden Äußeren her glaubte Thobin, dass sie nicht älter als er selbst war. Andererseits alterten Elben auf eine andere Art als Menschen und es konnte ebenso gut sein, dass sie bereits Jahrhunderte alt war.

„Das ist mein Gehilfe Thobin. Er wohnt auch hier und es besteht kein Grund, vor ihm etwas geheim zu halten, was wir miteinander zu besprechen haben“, erklärte Faragan.

Er klopfte Thobin auf die Schulter und setzte dann noch hinzu: „Womit auch immer Ihr mich beauftragen mögt, werte Heilerin, so werden mir Thobin und Shrrr vermutlich dabei helfen, sodass ich ihnen dann ohnehin alles sagen müsste, was es über die Angelegenheit zu wissen gilt!“

Emwén hob den Kopf. „Wie Ihr meint, Faragan!“

Die Elbin zögerte noch. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen und fand sie schließlich. „Es ist der Elbenkönig Daron persönlich, der mich zu dieser Mission ausgesandt hat“, sagte sie. „Und was auch immer hier in diesem Raum heute besprochen wird, es muss unter uns bleiben.“

„Darauf gebe ich mein Ehrenwort!“, erklärte Faragan fast schon feierlich.

„Wie allgemein bekannt ist, ist König Daron streng genommen ein Halbelb, weil seine Mutter eine Menschenfrau war. Der König und seine Zwillingsschwester Sarwen, die jetzt dem Schamanenorden der Elben vorsteht, waren die allerersten Halbelben, auch wenn man ihnen das äußerlich nicht ansieht. Man dachte, dass sie neben den magischen Fähigkeiten ihrer Elben-Vorfahren auch deren lange Lebensspanne geerbt hätten, aber es gibt Anzeichen dafür, dass das nicht so ist.“

„Das ist bedauerlich, aber nichts wobei ich zu helfen vermag“, erklärte Faragan.

Emwén lächelte. „Ihr braucht niemanden zu bedauern. Ein Elb wird so alt, dass niemand genau weiß, wo das Höchstmaß liegt.  Jahrtausende, ganze Zeitalter... Bei Halbelben liegt die Lebensspanne aber vielleicht nur bei tausend Lebensjahren.“

Shrrr konnte sich eines erstaunten Brummlautes nicht enthalten. Wie alt ein Trork wurde, hatte noch niemand erforscht. Und die Trorks galten als so unzivilisiert und wild, dass niemand annahm, sie könnten es selbst schon erforscht haben. Aber das war vielleicht ein Irrtum.

„Tausend Jahre! Meine Güte, das ist aber um einiges mehr als die Lebensdauer eines Menschen“, meinte Thobin.

Emwén wandte den Kopf in seine Richtung und ihre dunklen Augen musterten ihn. Zwischen ihren schräg gestellten Augen entstand plötzlich eine kleine Falte. „Mit dir stimmt etwas nicht!“, nahm Thobin einen Gedanken in aller Deutlichkeit wahr, der zweifellos von Emwén stammte.

Laut sagte die Elbin: „Es bedeutet, dass unser König bereits in etwa fünfhundert Jahren sterben könnte. Wenn das bekannt wird, könnte es zu Unruhen in unserem Reich kommen – denn es gibt nicht wenige, die es ablehnen, dass ein Halbelb der König von Elbiana geworden ist.“

„König Daron ist sicher in einer bedauernswerten Lage“, sagte Faragan etwas spöttisch. „Zu wissen, dass man in fünfhundert Jahren bereits wahrscheinlich sterben muss, das kann einen schon um den Verstand bringen – wobei ich mich natürlich frage, wie Ihr das vorherzusagen vermögt...“

„Seid versichert, dass die Heiler der Elben so etwas untersuchen können!“, versetzte Emwén jetzt etwas ärgerlich. Und gereizt. „Mir vertraut König Daron allerdings – ebenso wie Ylandor. Denn König Daron und ich sind von demselben Problem eines für elbische Verhältnisse kurzen Lebens betroffen.“

„Oh“, murmelte Faragan. „So seid auch Ihr auch eine Halbelbin?“

„Es gab in den letzten Jahrhunderten immer häufiger Verbindungen zwischen Elben und Menschen, aus denen Kinder hervorgingen.“ Emwén holte aus einer Tasche, die sie am Gürtel trug, ein in fein gearbeitetes Leder gebundenes Buch hervor und legte es auf den Tisch in der Mitte des Raumes. Thobin glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Er konnte zwar  die elbische Schrift nicht lesen – aber die Elbenrune, die den Einband verzierte, erkannte der Dieb sofort wieder.

Es war das gleiche Schriftzeichen, wie auf jenem Buch, das er in Pendrasils Auftrag geraubt hatte.

„Bei diesem Buch handelt es sich um die Übersetzung eines Textes, der aus der Zeit stammt, als es weder Menschen noch Elben hier im Zwischenland gab. Niemand weiß, wer diesen Text verfasst hat – aber es ist darin von einer Verborgenen Stadt die Rede. Und in dieser Verborgenen Stadt soll das Geheimnis der Unsterblichkeit zu finden sein.“

Faragans Augen wurden schmal. „Und danach seid Ihr auf der Suche?“

„Ich habe gehört, dass Ihr schon einmal die Verborgene Stadt gefunden habt. Also habe ich die Hoffnung, dass Ihr auch meinen Begleiter und mich dorthin führen könntet...“

„Wie kommt Ihr auf so etwas?“

Emwén lächelte. Sie deutete auf das rubinrote Juwel am Knauf von Faragans Schwert, das dieser inzwischen am Gürtel trug. „Stammt dieses Juwel nicht aus jener Stadt?“ 

„Woher wisst Ihr das alles?“, fragte Faragan. Aber sie antwortete nicht. Stattdessen streckte sie die Hand in Richtung des Schwertgriffs aus. Der Rubin veränderte seine Farbe und wurde innerhalb eines Augenblicks vollkommen schwarz. „Wusstet Ihr nicht, dass magische Kräfte in diesem Juwel schlummern?“, fragte sie dann. Sie zog die Hand zurück und das Juwel wurde langsam wieder heller. Nach ein paar Augenblicken hatte es seine rubinrote Farbe zurückgewonnen, wirkte jetzt aber fast wie glühend.

„Wollt Ihr mich mit Eurer Elbenmagie beeindrucken oder weshalb seid Ihr nun tatsächlich gekommen!“, entfuhr es Faragan ärgerlich. Shrrr machte einen empört klingende Laut, während Thobin einfach nur wie gebannt dastand und dabei beinahe vergaß den Mund zu schließen.

„Ich traf in Cadd einen Händler, der sich Tagarak nennt und uns erzählte, dass Ihr ihn zur Verborgenen Stadt geführt hättet, Faragan.“

Faragan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach daher wisst Ihr das alles! Aber dieser Tagarak ist ein Wichtigtuer und Betrüger! Er glaubte, auf einer alten Karte, die Lage der Verborgenen Stadt entdeckt zu haben und bezahlte mich dafür, mich mit ihm auf den langen Weg zu machen. Alles, was wir fanden, war eine alte Ruine. Vielleicht war es die Verborgene Stadt, möglicherweise aber auch nur ein Haufen verwitternder Steine. Es gab einige Gräber dort – und ja, den Rubin habe ich auch dort gefunden. Tagarak grub hier und dort in der Erde und erkundete ein paar Höhlen im nahen Gebirge.“ Faragan lachte auf. „Eigentlich hatte er gehofft, dort Gegenstände von so mächtiger magischer Kraft zu finden, dass er damit wer weiß was anstellen könnte. Aber im großen und ganzen waren es nur ein paar Knochen und etwas Schmuck. Es gab viele Steintafeln dort, auf denen große Kolonnen geheimnisvoller Zeichen zu sehen waren... Die konnten wir natürlich nicht mitnehmen.“

„In diesen Zeichen könnte das Wissen verborgen sein, das wir suchen“, erklärte Emwén.

„Vorausgesetzt, es ist überhaupt die Verborgene Stadt...“

Thobin kannte einige Erzählungen, die über den geheimnisvollen Ort kursierten. Angeblich hatte sie in einer weit zurückliegenden Zeit zum Reich des dunkle Herrschers Xaror gehört und die Gegenstände mit der mächtigsten Magie versammelt, die es je gegeben hatte.

Vielleicht war genau diese Magie auch die Ursache ihres Untergangs gewesen.

Auch darüber gab es die unterschiedlichsten Legenden.

„Bringt uns zu jener Ruine, in der Ihr mit Tagarak gewesen seid“, verlangte Emwén. „Ihr bekommt dafür soviel Silber, dass Ihr danach für Jahre nicht mehr zu arbeiten braucht. Der Elbenkönig persönlich bürgt dafür, dass Ihr Euren Lohn auch erhaltet.“

Emwén langte unter ihren Umhang und holte einen Lederbeutel hervor. Sie öffnete ihn und goss die darin enthaltenen Silbermünzen auf den Tisch. „Das werdet Ihr erhalten, sobald wir die Ruinenstadt erreicht haben. Und nochmal so viel, wenn wir wohlbehalten zurückgekehrt sind!“

„Und was ist mit meinen beiden Begleitern?“, fragte Faragan. „Sie müssen auch von ihrer Hände Arbeit leben!“

„Sie bekommen einen kleineren Anteil, den ich zusätzlich auszahle“, erklärte Emwén.

Shrrr unterdrückte einen Laut des Erstaunens. Schließlich wollte der Trork die Elbin nicht im letzten Moment noch davor zurückschrecken lassen, auch ihn auf diese Reise mitzunehmen.

Faragan schien zu glauben, dass er gerade in einer günstigen Verhandlungsposition war. „Was ist mit frischen Pferden? Proviant? Werdet Ihr auch dafür sorgen?“

„Gewiss.“

„Die Ruine, zu der ich Euch bringen soll, liegt in einer sehr unwegsamen, gebirgigen Region in Haldonia. Wir werden lange dahin unterwegs sein... Und ehrlich gesagt, bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob ich die Ruine überhaupt wiederfinde... Es war Zufall, dass wir darauf stießen und selbst, als wir schon in der Nähe waren, konnte man nicht erahnen, dass...“

„Ich vertraue ganz Euren Fähigkeiten, Faragan!“, schnitt ihm Emwén das Wort ab.

„Wann werden wir aufbrechen?“

„Sofort.“

„Wie bitte?“

„Veranlasst alles. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Mit diesen Worten wandte sich Emwén an Thobin. „Wir werden uns in Kürze einmal ausführlich unterhalten müssen“, erreichte den Dieb ein Gedanke der Elbenheilerin.

Thobin sagte nichts.

Ein dicker Kloß saß ihm im Hals und so antwortete auch er einfach nur mit einem Gedanken, von dem er hoffte, dass Emwén ihn verstand.

„Gerne.“

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Kapitel 5: Reiter in der Nacht

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In Windeseile wurde gepackt. Emwén nahm sowohl das Buch mit der Elbenrune als auch die Silbermünzen wieder an sich, die sie Faragan bei Erreichen der Ruine auszahlen wollte.

Dann verließ sie das Haus und unterhielt sich mit ihrem Begleiter, Hauptmann Ylandor in der Sprache der Elben.

Thobin hörte jedes Wort, verstand aber nicht eine einzige Silbe davon.

Faragan klopfte ihm auf die Schulter.

„Jetzt hast du zum ersten Mal die Möglichkeit, dir ein paar Silberstücke auf ehrliche Weise zu verdienen!“, meinte er. „Und davon abgesehen ist es wahrscheinlich ohnehin das beste, wenn du erstmal für eine Weile aus dieser Stadt verschwindest. Schließlich kann es dir ja ständig passieren, dass dich irgendeiner der Wachsoldaten wiedererkennt und du für deinen Diebstahl doch noch im Kerker landest!“

„Da wir gerade von meinem Diebstahl sprechen...“, begann Thobin.

„Was ist damit? Noch irgend etwas zu beichten, was ich noch nicht weiß und was uns vielleicht noch Schwierigkeiten bereiten wird?“

Faragan runzelte die Stirn, aber Thobin schüttelte zur Erleichterung des Abenteurers energisch mit dem Kopf. „Nein, nein... Es geht um das Buch, das die Elbenheilerin uns gezeigt hat! Es trug dieselbe Elbenrune auf dem Einband wie jenes, das ich aus der Bibliothek gestohlen habe!“

„Also, ehrlich gesagt, für mich sahen sich diese beiden Bücher zwar ähnlich, aber ich würde mir niemals anmaßen, die komplizierten Zeichen der Elbenschrift wiedererkennen zu können – geschweige denn, dass ich in der Lage wäre, sie zu lesen! Wahrscheinlich muss man erst tausend Jahre oder so werden, damit man genügend Zeit zum üben hat!“

„Ich meine es ernst“, sagte Thobin. „Es war dasselbe Zeichen auf dem Einband. Da bin ich mir absolut sicher.“

„Vielleicht nur die Signatur des Buchbinders“, vermutete Faragan. „Also ich würde daraus jetzt keine besonderen Rückschlüsse ziehen.“

„Und wenn dieser Magier vielleicht genau dasselbe Ziel hat wie wir?“, fragte Thobin.

„Ehrlich gesagt hoffe ich, dass du dich in dieser Hinsicht irrst, denn der Kerl machte mir einen alles andere als umgänglichen Eindruck!“

Das laute und vernehmliche Knurren von Shrrr erinnerte sie dann beide daran, dass sie sich beeilen mussten.

––––––––

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DA FARAGAN ZURZEIT kein Reitpferd besaß, wurde ein Pferdehändler, der ihm gut bekannt war, aus dem Schlaf geweckt. Faragan kaufte ihm zwei Reitpferde und ein Packtier ab. Emwén bezahlte ihn dafür fürstlich.

„Ah, geht es mal wieder auf eine weite Reise?“, fragte der Pferdehändler, dessen Name Rerek war. „Darf man wissen, an welches Ende der Welt es diesmal geht?“

„Ich werde dir hinterher davon erzählen, Rerek“, versprach Faragan.

„Leere Versprechungen!“, meinte Rerek. „Das letzte Mal hattest du mir auch ein paar interessante Neuigkeiten aus fernen Ländern in Aussicht gestellt und was war? Nichts dergleichen! Stumm wie ein Fisch warst du! Worauf soll übrigens dein trorkischer Freund reiten?“

„Er läuft zwar nicht schneller, aber immerhin ausdauernder als die meisten Pferde“, erwiderte Faragan. „Oder hast du zufällig ein Reittier in deinem Stall, das sein Gewicht tragen könnte?“

Rerek lachte. „Kein Gedanke! Das müsste ja wohl schon ein Riesenmammut aus dem Wilderland sein! Ich kann mir selbst bei dem kräftigsten Kaltblutpferd nicht vorstellen, dass es diesen Koloss auf dem Rücken zu tragen vermag!“

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EIGENTLICH WAREN DIE Stadttore der äußeren Mauer von Aratania von Mitternacht bis Sonnenaufgang geschlossen und es war niemandem gestattet, in dieser Zeit die Stadt zu betreten oder zu verlassen. Aber das wurde nur in Kriegszeiten sehr genau genommen. Seit dem letzten Feldzug des Großkönigs gegen die Gnome von Hocherde herrschte Frieden und in Friedenszeiten waren die Torwächter von Aratania bestechlich.

Ein paar Kupfermünzen, die Emwén bereitwillig vorstreckte, reichten aus, um hinausgelassen zu werden.

„Seid Ihr auch auf diese Weise hereingelassen worden?“, fragte Faragan, nachdem die Gruppe das östliche Stadttor von Aratania hinter sich gelassen hatte. „So kennt Ihr Euch mit den Gepflogenheiten hierzulande aus!“

„Man hat mich darüber aufgeklärt“, erwiderte Emwén. „Und außerdem ist es in allen aratanischen Städten ähnlich. Nur dass in Cadd die Torwächter etwas teurer sind!“

„Dass liegt daran, dass es in Cadd nur vier äußere Stadttore gibt – in Aratania aber 27“, erläuterte Faragan. „Jeder dieser Wächter weiß, dass man sehr leicht bei einem anderen Tor zu einem günstigeren Preis durchgelassen werden würde.“

„Konkurrenz scheint das Geschäft zu beleben und die Preise zu drücken“, nickte Emwén. „Aber für unsere ohnehin schon arg strapazierte Reisekasse ist das sicher nicht schlecht so...“

Thobin saß auf dem Rücken eines Schimmels, während Shrrr mit sehr weite Schritten neben ihm herlief. Der Trork hatte sich eine riesenhafte Axt auf den Rücken geschnallt, die seine bevorzugte Waffe zu sein schien. Für einen Trork war sie allerdings trotzdem ungewöhnlich, denn soweit Thobin darüber etwas wusste, sagte man den Bewohnern des Wilderlandes nach, dass sie vorwiegend mit große Holzkeulen kämpften und ihnen die Metallverarbeitung unbekannt war.

Aber vielleicht hatte sich Shrrr in dieser Hinsicht einfach den Umständen in Aratan angepasst.

Jedenfalls schien die Laufgeschwindigkeit, die jeden menschlichen Läufer schon nach kurzer Zeit außer Atem gebracht hätte, Shrrr nicht im mindesten anzustrengen.

Thobin war noch nicht oft geritten, obwohl er hin und wieder auch schon Pferde gestohlen hatte.

Faragan hatte ihm zuvor das Nötigste gezeigt und es ging immer besser.

Das Pferd reagierte auf ihn und ließ sich gut lenken.

Allerdings beneidete der Dieb insgeheim die beiden Elben Emwén und Ylandor. Ihren Pferden war kein Zaumzeug angelegt worden. Thobin wusste, dass Elben ihre Pferde allein durch Gedankenbefehle lenkten und so etwas nicht brauchten.

Immer, wenn man vor einem Gasthaus ein Pferd sah, dass man nicht angebunden hatte, aber trotzdem treu und geduldig auf seinen Reiter wartete, konnte man davon ausgehen, dass es sich um das Pferd eines Elben handeln musste.

Thobin ließ sein Pferd etwas schneller laufen, sodass er neben Emwén ritt. „Könnte ich das auch lernen?“, fragte er. „Ich meine, ein Pferd ohne Zügel zu lenken. Nur mit – was weiß ich? Magie? Gedankenkraft?“

Emwén sah ihn kurz an. „Du könntest das schon lernen“, lächelte sie.

„Dann bring es mir bei!“

„... aber dein Pferd nicht!“

Thobin runzelte die Stirn. „Wie soll ich das verstehen?“

„Wir Elben benutzen Pferde aus einer besonderen Zucht, deren Tiere unseren Bedürfnissen angepasst sind. Sie hören auf unsere Gedanken, wenn wir es wollen. Aber einem gewöhnlichen Ackergaul aus menschlicher Zucht – wenn das Wort Zucht dafür überhaupt passend ist – kann man so etwas nicht beibringen. Tut mir leid...“

Das Mondlicht fiel in Emwéns Gesicht und Thobin konnte sehen, dass sich auf ihrer ansonsten vollkommen glatten Stirn wieder eine Falte gebildet hatte. Irgend etwas schien sie zu irritieren - und Thobin hatte das Gefühl, dass es mit ihm zu tun haben musste.

Allerdings konnte er sich keinen Reim darauf machen, was es wohl sein mochte...

Vielleicht machte er sich auch nur vollkommen unnötig Gedanken.

„Es gibt etwas, was ich dir noch gerne sagen möchte“, erklärte er dann etwas unsicher.

„Ich weiß, ich dachte schon, du kannst dich doch nicht entschließen...“

„Aber...“

„Nur heraus damit!“, sagte sie. „Und da wir vermutlich den ganzen Rest dieser Nacht und morgen den ganzen Tag über nichts anderes tun werden, als zu reiten, hast du auf jeden Fall Zeit genug dafür!“ 

Thobin schluckte. Ihm fiel der Gedanke ein, den sie ihm geschickt hatte – oder er sich dies zumindest einbildete. Denn vollkommen sicher war er da im Nachhinein auch nicht mehr.

„Na los!“, erreichte ihn dann eine weitere Gedankenbotschaft. „Ich weiß, dass du mich verstehst. Warum auch immer. Dass Elben, die sich sehr nahe stehen bisweilen die Gedanken des anderen lesen können, kommt vor... Aber bei Menschen?“

„Es geht um das Buch, das du uns gezeigt hast“, begann Thobin.

„Was ist damit?“

„Das Zeichen auf dem Einband entspricht in jeder Kleinigkeit dem Zeichen auf einem anderen Buch, das ich für einen Magier namens Pendrasil gestohlen habe und das mir dann selbst gestohlen wurde...“

„Du bist dir sicher?“

Sie ließ plötzlich ihr Pferd anhalten. Offenbar hatte sie dem Tier einen entsprechenden Gedankenbefehl gegeben.

Thobin zügelte sein Pferd und brachte es damit ebenfalls zu stehen. Allerdings gehorchte ihm sein Reittier erkennbar weniger gut, als dies bei Emwén der Fall war.

„Ich habe gute Augen – und habe sie in den Jahren, in denen ich als Dieb die Straßen von Aratania unsicher gemacht habe, immer in Übung gehalten!“

„Die Elbenrunen sind ausgesprochen kompliziert. Manchmal ist darin ein ganzer Text in einem einzigen Zeichen zusammengefasst und man muss wirklich auf die kleinsten Verästelungen und scheinbar unwichtigen Verzierungen achten!“

„Wenn du Tinte und ein Stück Pergament hättest, würde ich es dir so aus dem Gedächtnis aufzeichnen können, wie ich es auf dem Exemplar gesehen habe, das Pendrasil mir genommen hat ohne mir meinen Diebeslohn dafür zu zahlen.“

„Oh, du Ärmster! Da ist also ein Dieb einmal Opfer eines Diebstahls geworden“

„Dein Mitleid scheint sich ja in Grenzen zu halten“, meinte Thobin etwas enttäuscht.

„Ganz sicher.“ Emwén lächelte ihm entgegen. „Allerdings scheinst du ja über recht erstaunlich gute Augen zu verfügen. Zumindest für menschliche Verhältnisse. Für einen Elb wäre das nichts Ungewöhnliches.“

Thobin strich sein strubbeliges Haar zur Seite, sodass ein Ohr zu sehen war. „Du siehst, ich gehöre nicht dem Elbenvolk an!“

„Und doch verstehst du manche meiner Gedanken!“, erwiderte sie und Thobin hatte im ersten Moment gar nicht bemerkt, dass sie diese Worte nicht gesprochen, sondern offenbar nur gedacht hatte. Ihr Mund war nämlich geschlossen geblieben und kein einziges Wort hatte ihre Lippen verlassen.

Die anderen hatten jetzt ebenfalls ihre Pferde angehalten.

Shrrr lief hingegen einfach ein Stück weiter.

In einer Entfernung von hundert Schritt blieb er dann auf einer kleinen Anhöhe stehen und stieß einen mahnenden Knurrlaut aus, so als wollte er sagen, dass man bald weiterziehen sollte.

„Er hasst es, wenn er aus dem Laufrhythmus kommt!“, stellte Faragan fest. „Oder gibt es irgend einen wichtigen Grund dafür, jetzt eine Pause einzulegen?“

„Thobin hat mir gerade etwas sehr Bedenkliches erzählt!“, erklärte Emwén. „Es gibt viele, die nach der Verborgenen Stadt suchen und nach der Macht, die dort zu finden ist. Angeblich soll dort in den Inschriften ein magisches Wissen verborgen sein, das einem nicht nur die Unsterblichkeit, sondern auch die Möglichkeit zur absoluten Herrschaft bringen kann.“

„Legenden“, sagte Faragan.

„Vielleicht. Aber auch Legenden können gefährlich sein, sofern jemand sehr fest an sie glaubt. Dieser Magier namens Pendrasil scheint dasselbe Ziel zu verfolgen wie wir. Das Buch, das ich Euch gezeigt habe, wurde immer wieder abgeschrieben und gefälscht. Kopien davon lagern in den verschiedensten Bibliotheken überall im Zwischenland. Doch nur jenes Exemplar, das ich besitze, enthält wirklich den Originaltext. Es ist nämlich mit einem Zauber versehen. Jeder, der es abzuschreiben versucht, verändert dabei ohne es zu merken die Zeichen...“

„Dann wollte derjenige, der dieses Buch in Eure Elbenschrift übersetzt hat, wohl, dass das Wissen über die Verborgene Stadt erhalten bleibt, aber nicht, dass es sich verbreitet“, stellte Faragan fest.

„So ist es“, stimmte Emwén zu. „Einer unserer obersten Magier wandte sich einst gegen den damaligen Elbenkönig und musste an den Hof von Skara fliehen. Sein Name war Jarandil. Ich nehme an, dass er es war, der eine Abschrift anfertigte, sie mit nach Skara nahm und diese später noch öfter kopiert wurde und verbreitet. Aber all diese Fassungen enthalten nicht das volle Wissen.“

„So können wir beruhigt sein“, meinte Thobin leichthin. „Dieser Pendrasil wird uns dann ja wohl nicht mehr in die Quere kommen – ehe er merkt, dass er das falsche Buch hat, ist er davon doch längst irre geleitet worden und wenn er dann in der Ruine der Verborgenen Stadt steht, kann er das Wissen nicht entschlüsseln...“

„Nein, du irrst dich, Thobin!“, widersprach die  Elbenheilerin.

Thobin runzelte die Stirn. „Und in wie fern?“

„Der Magier – wenn er wirklich über ein ausreichend großes magisches Talent verfügt – wird sehr schnell merken, dass mit dem Buch etwas nicht stimmt. Und dann wird er denken, dass du ihn vielleicht mit einer Fälschung betrügen wolltest und das richtige für dich behalten hast, um es anderweitig zu verkaufen!“

„Oh...“, murmelte Thobin.

Er musste an die letzten Worte denken, die Pendrasil zu ihm gesagt hatte. „Er hat gesagt, dass er mich überall aufspüren könnte“, murmelte Thobin etwas kleinlaut.

„Vermutlich entspricht das der Wahrheit“, stellte Emwén fest.

„Ach, was soll all das Gerede!“, fuhr Faragan dazwischen. „Dieser Pendrasil ist mit einem Schiff davongefahren – und das auch noch in eine völlig entgegengesetzte Richtung! Wir sollten davon ausgehen, dass wir mit ihm nichts mehr zu tun bekommen.“

„Ich hoffe, Ihr behaltet recht“, murmelte Emwén.

Faragan wandte sich an Ylandor, der bisher geschwiegen hatte. Der Elbenkrieger und Hauptmann der Garde des Königs von Elbiana saß aufrecht im Sattel, trug eine Einhand-Armbrust und ein Schwert am Gürtel, enganliegende Hosen und ein weites Wams aus feiner Elbenseide. Im Gegensatz zu Emwéns Haar, war das seine allerdings sehr hell, fast weiß. Es kam unter seinem Helm hervor, der mit einer komplizierten Elbenrune aus purem Gold verziert war.

Seit sie aufgebrochen waren, hatte Ylandor noch nicht ein einziges Wort gesagt und auch seinen Namen wussten die anderen nur, weil Emwén ihn anfangs erwähnt hatte.

„Habt Ihr eigentlich auch eine Meinung zu der Angelegenheit?“, wollte Faragan nun von dem Elbenhauptmann wissen. „Oder sprecht Ihr unsere Sprache nicht?“

„Man nennt Ylandor nicht umsonst Ylandor den Verschwiegenen“, sagte Emwén, noch bevor der Elbenkrieger überhaupt eine Gelegenheit hatte, sich zu äußern. „König Daron schätzt seine Dienste wegen dieser Eigenschaft ganz besonders – und auch bei unserer jetzigen Reise kann das sehr wichtig werden!“

„Ich wüsste trotzdem gerne seine Meinung dazu“, beharrte Faragan, „denn ich kann es nicht leiden, wenn jemand mit seinen wahren Gedanken hinter dem Berg hält!“

„Es ist alle gesagt worden“, erklärte Ylandor nun. „Und es gibt nichts, was ich dem hinzufügen könnte.“

Faragan atmet tief durch. Shrrr knurrte ein weiteres Mal.

Dann ließ Faragan sein Pferd nach vorn preschen. „Was sagst du dazu, Shrrr! Der Kerl hier redetet anscheinend nicht mit jedem!“

Der Laut, den Shrrr daraufhin ausstieß, klang wie pure Empörung.

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Kapitel 6: Das Schattenschiff

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Ein Schiff fuhr der Morgendämmerung entgegen, getrieben von einer unheimlichen, magischen Kraft. Die Segel hingen schlaff von den Masten und doch durchpflügte es das Zwischenländische Meer mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit, die nicht einmal von einem Schiff der Elben erreicht wurde. Wer es aus der Entfernung betrachtete, sah nicht mehr als einen Schatten über die See huschen. Dunkler, aus unzähligen kleinsten schwarzen Teilchen bestehender Rauch umwirbelte das Schattenschiff. Diese schwarzen Teilchen, die wie ein Schwarm unablässig durcheinander wirbelnder Insekten wirkte, hüllten das Schiff manchmal vollkommen ein und ließen es beinahe verschwinden. Im nächsten Moment konnte man sogar den Eindruck haben, dass es vollkommen verschwand oder sich sogar völlig in Rauch auflöste.

Manche der Fischer dachten dies vielleicht, die in der Nacht hinausgefahren waren und sich nun anschickten ihren Fang zurück zur aratanischen Küste zu bringen.

Aber die meisten von ihnen achteten vermutlich nicht weiter darauf, bemerkten das Schattenschiff noch nicht einmal richtig und wenn doch, so fragten sie sich schon im nächsten Moment, ob sie sich nicht vielleicht doch getäuscht hatten und da gar nichts war, außer vielleicht ein paar Seevögeln die den Fischreichtum der frühen Morgenstunde ebenfalls für sich nutzten.

An Deck des Schiffes tobte eine zusammengewürfelte Mannschaft umher. Geflügelte, menschengroße Affen, die mit Dreizacken bewaffnet und mit Helm und Harnisch ausgestattet waren, tobten an den Seilen herum. Außerdem gab es Katzenkrieger, die einen menschenähnlichen Körper und einen katzenartigen Kopf aufwiesen.

Am Ruder aber stand ein hochgewachsener Mann mit einem vierhörnigen Stierkopf.

Der Vierhörnige murmelte andauernd Silben vor sich hin. Zauberformeln, die ihm dabei halfen, dieses seltsame Schiff zu lenken.

Er wirkte sehr angestrengt dabei. Aber unter all den Kreaturen an Bord konnte nur er diesen Posten ausfüllen. Magie zu erlernen war nicht einfach. Manche sagten, dass nur Elben dazu in der Lage waren, aber das war ein Vorurteil.

Der Vierhörnige hatte die Magie, die er anwandte, vom Kapitän des Schiffes erlernt – und der saß in diesem Moment in Kajüte unter dem Achterdeck.

Es war der Magier Pendrasil. Er saß an dem groben Holztisch in der Mitte des Raumes. Die Kapuze seiner Kutte war wie stets tief ins Gesicht gezogen und der Schatten darunter  ließ nichts davon erkennen. Die sechsfingrigen, knorrigen Hände waren gefaltet. Auf dem Tisch lag auch das Buch mit der Elbenrune auf dem Einband.

Der Magier murmelte mit tiefer, dumpf klingender Stimme eine Formel vor sich hin. Der Zauber, den er anzuwenden versuchte, wollte einfach nicht klappen.

Woran lag es? Machte er doch irgend etwas falsch? Er hatte schon alles Mögliche probiert, aber das geheime Wissen, das in diesem Buch verborgen war, ließ sich einfach nicht hervorholen!

Pendrasil lehnte sich zurück.

Noch ein letztes Mal!, nahm er sich vor. Noch einen Versuch würde er durchführen und dabei alle in ihm schlummernde, magische Kraft zusammennehmen.

Er richtete seinen Oberkörper wieder auf, richtete die knorrigen Finger auf das Buch und sprach erneut die Formel. Kleine, bläuliche Blitze zuckten um seine Fingerspitzen herum. Dann sprang einer von ihnen über, traf die Elbenrune auf dem Einband, die daraufhin zu glühen anfing. Das Buch wurde von unsichtbarer Hand bewegt aufgeschlagen. Die Blätter raschelten. Lichtstrahlen schossen plötzlich zwischen den Seiten hervor und bildeten eine Blase aus purer Helligkeit. Sie war erst so grell wie die Sonne, sodass der Magier aufstöhnte.

Dann wurde das Licht schwächer. Die Seiten des Buches schlugen immer wieder hin und her. Die Lichtblase wurde so groß wie ein Schweinebauch. Zeichen erschienen darin, ordneten sich zu Zeilen und formten ganze Kolonnen.

Das ist es!, dachte Pendrasil. Endlich!

Immer mehr Schriftzeichen erschienen in der Lichtblase und der Magier begann erneut vor sich hin zu murmeln. Es klang wie ein Singsang. In Wirklichkeit war es eine Formel, die den Vorgang, der gerade ablief, unterstützen sollte.

Dann begannen die Zeichen plötzlich durcheinander zu tanzen. Die gerade erst geformte Ordnung löste sich auf und die Lichtblase platzte schließlich mit einem so grellen Blitz, dass Pendrasil schmerzerfüllt aufschrie, den Arm vor die Öffnung seiner Kapuze hob und den Kopf zur Seite drehte.

Im nächsten Moment war die Blase verschwunden.

Das Buch wurde wie von Geisterhand bewegt wieder zugeschlagen. „Verflucht seist du, elender Dieb!“, rief er laut aus. Dieses Buch war nicht das Exemplar, das er brauchte! Es war etwas daran, das verhinderte, dass sein Zauber funktionierte. Wutentbrannt ließ der Magier einen Blitz aus seiner linken Hand herausfahren. Der Blitz traf das Buch. Zischend loderte eine grünliche Flamme auf und ließ es innerhalb eines einzigen Moments zu Asche verbrennen. Die Tür zur Kajüte flog zur Seite. Ein Luftzug wehte die Asche durch den Raum. Nur ein Brandfleck blieb auf dem Tisch.

Einer der Katzenkrieger war in den Raum getreten.

„Herr, was ist geschehen?“

„Ich bin betrogen worden!“, murmelte der Magier verbittert, während seine sechsfingrigen, dürren Hände jetzt zu Fäusten geballt wurden. „Dieser Dieb muss das gewusst haben! Aber ich werde herausfinden, wo er ist und ihm keine Ruhe lassen... Warte nur! Ich werde eher in der Verborgenen Stadt sein... Und du wirst dort nie ankommen!“

„Herr, kann ich etwas für Euch tun?“, fragte der Katzenkrieger relativ gelassen. Er schien die Wutausbrüche des Magiers bereits zu kennen.

Pendrasil achtete nicht weiter auf den Katzenkrieger. „Vierhörniger!“, rief er mit einer dröhnenden, magisch verstärkten Stimme. Der Gedanke, den er im selben Moment aussandte, war so intensiv, dass der Katzenkrieger schmerzerfüllt aufschrie. „Vierhörniger Steuermann! Sofort wenden! Wir segeln zurück!“, rief Pendrasil, stieß den Katzenkrieger zur Seite und rannte aus der Kajüte, um dem Steuermann weitere Befehle zu geben.

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GEGEN MORGEN LEGTEN Thobin und seine Reisegefährten eine kurze Rast an einem Bach ein. Die Pferde konnten hier ebenso ihren Durst stillen wie die Reiter.

Shrrr schlürfte das Wasser so geräuschvoll in sich hinein, dass es die Pferde erschreckte und Faragan alle Mühe hatte, sie zu beruhigen. Zumindest galt dies für die Pferde aus Menschenzucht, denn die Tiere von Emwén und Ylandor befanden sich ja unter der Gedankenherrschaft ihrer jeweiligen Reiter. Dementsprechend blieben sie vollkommen ruhig.

„Tja, ein Elb müsste man sein!“, meinte Faragan daraufhin an Thobin gerichtet, während er seinem Pferd den Hals tätschelte. „Auf jeden Fall gehorchen denen ihre Elbenpferde besser!“

„Warum sollte es nicht auch möglich sein, unseren Pferden beizubringen, auf die Gedanken des Reiters zu hören?“, fragte Thobin.

Faragan lachte. „Es liegt nicht nur an den Pferden, dass das nicht klappen kann“, meinte er. „Man braucht schon die besondere Feinfühligkeit der Elbensinne, um ein Tier auf diese Weise mit der Kraft des einfachen Gedankens reiten und lenken zu können.“

„Ich würde es trotzdem gerne mal versuchen“, gab Thobin zurück. Er zuckte mit den Schultern. „Mehr als schief gehen kann es doch eigentlich nicht!“

„Wir werden sicher während unserer Reise eine Gelegenheit dazu finden!“, versprach Emwén. „Und ich bin überzeugt davon, dass du dich dabei weniger schwer tun wirst, als Faragan glaubt!“

Thobin fragte sich, was sie mit ihrer rätselhaften Bemerkung wohl gemeint haben konnte. Ahnte sie von den Fähigkeiten, die in ihm schlummerten und die ihn manchmal den Flug von Armbrustbolzen beeinflussen und andere Dinge tun ließen, die niemand verstand und niemand nachvollziehen konnte?

Was konnte schon der Unterschied dabei sein, ein Geschoss oder ein Pferd mit dem eigenen Willen zu lenken?

In diesem Moment schnaubte eines der Elbenpferde.

Ylandor sagte ein paar Worte in der Elbensprache und deutete zum Himmel.

Am östlichen Himmel ging die Sonne als glutroter Ball hinter einer Kette von bewaldeten Anhöhen auf. Gegen das Sonnenlicht hoben sich ein paar kleine schwarze Punkte ab, die sich rasch näherten und zu großen, fledermausähnlichen Schatten wurden.

„Riesenfledertiere“, murmelte Emwén. „Es muss ein ganzer Schwarm sein!“

Drachengroß waren diese Geschöpfe. Sie besaßen lederhäutige Flügel und einen fellbewachsenen Kopf. Schrille Laute drangen aus den offenbar hungrigen Mäulern die Flugungeheuer. Ihre  durchdringenden Schreie drangen bis zu Thobin und den anderen herüber.

Der dunkle Herrscher Xaror hatte diese und viele andere Schattengeschöpfe einst in die Welt geholt, damit sie ihm dienten. Aber seit Xaror vor Jahrhunderten in einem großen Krieg besiegt und vernichtet worden war, streiften all diese Kreaturen nun herrenlos durch die Länder und mussten auf sich allein gestellt überleben.

„Es gibt eine wahre Plage von Riesenfledertieren“, sagte Faragan. „Man hört überall davon! Offenbar haben sie sich in  den Tälern von Hocherde stark vermehrt! Der Gnomenkönig von Rho soll angeblich die Jagd auf sie eröffnet haben, weswegen sie jetzt wohl in Scharen ins östliche Aratan kommen und dort den Bauern die Schafe und Rinder nehmen!“

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Thobin.

„Immer die Ruhe bewahren!“

„Nein, wir werden etwas tun müssen“, mischte sich Ylandor ein. Diesmal hatte er völlig akzentfrei die in Aratan übliche Sprache benutzt. Er griff an seinen Gürtel, zog die Einhand-Armbrust und nahm einen Bolzen aus einer Ledertasche, die er am Gürtel trug. Diesen legte er ein und spannte die Waffe. „Sie sind sehr aggressiv und hungrig“, fügte er dann noch hinzu. „Ich höre das dumpfe Knurren ihrer Mägen bis hier her und sie werden nicht wählerisch bei der Auswahl ihrer Beute sein!“

„Ich fürchte, Ihr werdet mit Eurer Armbrust nicht eine einzige dieser Bestien stoppen können!“, meinte Faragan.  „Glaubt es mir, ich bin ihnen schon öfter begegnet!“

„Und in Elbiana haben wir sogar angefangen, sie zu zähmen“,  sagte Emwén.

„Meine Bolzen sind nicht so harmlos wie jene, die von Arataniern verschossen werden“, erklärte Ylandor, der in den letzten Augenblicken mehr gesagt hatte, als während des gesamten Weges zuvor. „Sie enthalten ein magisches Gift, das äußerst wirksam ist...“

„Nein, Ylandor, das ist nicht der richtige Weg!“, widersprach Emwén. Sie fügte noch einige Sätze in Elbensprache hinzu, auf die Ylandor jedoch nur sehr knapp antwortet.

Die fliegenden Ungeheuer waren schnell heran. Es waren hunderte, die ihnen vom Horizont her entgegenkamen – und  ihre schrillen Rufe schienen immer mehr von ihnen herbeizurufen. Die Luft war erfüllt vom Rascheln riesenhafter Flügel. Die größten unter den Riesenfledertieren war so groß wie ein mittleres, zweistöckiges Haus in Aratania. Im großen Krieg hatten sie die Schattenkrieger des Dunkle Herrschers Xaror in hausgroßen Gondeln an jeden beliebigen Ort gebracht, um sie dort kämpfen zu lassen. So zumindest war es überliefert worden und es gab keinen Grund am Wahrheitsgehalt dieser Berichte zu zweifeln.  Und als fliegende Reittiere hatte man sie auch hin und wieder in Elbiana gezähmt.

Dieser Schwarm allerdings bestand aus vollkommen verwilderten und ausgehungerten Bestien, die offenbar nichts anderes im Sinn hatten, als alles zu töten, was für sie fressbar war.

„Auf die Pferde!“, rief Faragan. An Thobin gewandt meinte er: „Es kann ein bisschen ungemütlich werden!“

Wenig später saßen sie alle in den Sätteln. Faragan hielt außerdem noch das Packtier am Zügel und Shrrr stieß ein lautes Brüllen aus. Er lief den Riesenfledertieren ein Stück entgegen und schwenkte drohend seine Axt. Eine der Bestien stürzte sich auf ihn. Selbst der riesenhafte Trork wirkte gegen den massigen Körper des Fledertiers nur wie ein Winzling.

Der geflügelte Koloss stürzte sich auf Shrrr. Dieser traf ihn mit seiner Axt. Das Riesenfledertier stob laut schreiend davon, flatterte steil empor, flog einen Halbkreis und griff erneut an. Shrrr schleuderte ihm seine Axt entgegen. Deren Klinge traf das Ungeheuer zwar – aber nicht so schwer, dass es davon getötet worden wäre.

Es stürzte sich auf den Trork, der von den krallenbewehrten Pranken des Fledertiers gepackt wurde. Die Bestie öffnete das Maul, in das selbst die Schultern eines Trork in voller Breite hineinpassten.

Dass Shrrrs Axt noch in seinem Leib steckte, schien das Monstrum im Moment gar nicht weiter zu interessieren. Zu groß war wohl sein schier grenzenloser Hunger.

Kurz bevor auch der Oberkörper im Maul des Riesenfledertiers verschwinden konnte, schlug der Trork mit seiner flachen prankenartigen Hand zu. Die Handfläche klatschte genau auf das äußerst empfindliche Ohr des Riesenfledertiers, das Shrrr gerade noch erreichen konnte.

Benommen und mit einem dumpfen, stoßartig ausgestoßenen Laut, sackte das Riesenfledertier in sich zusammen. Dabei glitt die Axtklinge tiefer in seinen Leib.

Der Trork ließ einen hammerartigen Faustschlag genau zwischen die Augen des Riesenfledertiers folgen, der dem Koloss endgültig den Rest gab. Regungslos lag es da. Shrrr befreite sich aus dem Griff der kraftlos gewordenen Fledertierpranken. Mit seinen gewaltigen Trork-Kräften versuchte er dann, den Körper des Fledertiers so weit herumzudrehen, dass er seine Axt wieder hervorziehen und an sich nehmen konnte.

Im selben Moment riss sich Faragans Packpferd in heller Panik los. Die Zügel entglitten Faragan einfach und er zog sein Schwert, während sein eigenes Reittier wiehernd auf die Hinterbeine stieg.

Das Packtier galoppierte davon und wurde von einem tieffliegenden Riesenfledertier gepackt und emporgerissen. Das Fledertier stieg wild flatternd empor, aber schon kam ein zweites hinzu und versuchte, ihm die Beute zu entreißen. Verbissen kämpften sie gegeneinander.

Das Packpferd entfiel den Pranken seines Jägers und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden, wo es regungslos liegen blieb. Gleich ein halbes Dutzend kleinerer Fledertiere, die offenbar noch nicht voll ausgewachsen waren, stürzten sich sofort darauf.

Ylandor schoss unterdessen seine Einhand-Armbrust ab. Er traf damit ein besonders großes Riesenfledertier, das sich von allen anderen dadurch unterschied, dass es zwei paar Lederschwingen besaß. Wahrscheinlich hätte es ansonsten auch gar nicht fliegen können. Es kam im Tiefflug heran und Ylandor musste ihm mit seinem Elbenpferd ausweichen. Ylandors Pferd gehorchte selbst jetzt noch ohne Schwierigkeiten, während Faragan und Thobin weniger mit den Fledertieren, als mit der Angst ihrer eigenen Pferde kämpften.

Der Armbrustbolzen traf das Riesenfledertier. Zischend schlug eine Flamme aus der Wunde heraus. Das magische Gift des Bolzens begann zu wirken. Innerhalb kürzester Zeit verglühte das Riesenfledertier und zerfiel zu einem ascheartigen Staub.

Ylandor hatte wohl angenommen, dass dies die anderen Riesenfledertiere in irgendeiner Weise beeindruckte und vielleicht sogar vertrieb.

Aber das war nicht der Fall. Sie griffen sofort wieder an. Ylandor hatte nicht einmal Zeit genug, seine Einhand-Armbrust nachzuladen, sondern musste sich mit seinem Schwert notdürftig verteidigen.

Faragan schlug ebenfalls mit seiner Klinge nach den Bestien, die immer wieder über ihn hinwegflogen und versuchten, ihn mit ihren Pranken zu fassen.

Sein Pferd wieherte laut auf und Faragan hatte alle Mühe, es unter seiner Herrschaft zu alten.

Thobin gelang das überhaupt nicht. Er krallte sich einfach nur an den Haaren seines Reittiers fest, um nicht abgeworfen zu werden. Sein Pferd war mehr oder weniger durchgegangen. In heller Panik galoppierte es einfach davon, ohne zunächst zu bemerken, dass es einer Schar etwas kleinerer Jung-Riesenfledertiere geradewegs entgegenlief. Als es das endlich begriff, stoppte es abrupt, bäumte sich kurz auf und schlug dann eine andere Richtung ein.

Die Geschwindigkeit, mit der das Pferd daher preschte, war halsbrecherisch. Thobin konnte nichts tun, außer sich festhalten und vor den Pranken der Riesenfledertiere wegducken.

Thobin hatte sich inzwischen schon ziemlich weit von den anderen entfernt. Das Pferd galoppierte einen Hügel empor. Eines der Riesenfledertiere war ihm dicht auf den Fersen. Das Rascheln der lederhäutigen Flügel hörte er dicht hinter sich.

Schon spürte er, wie er am Rücken gepackt und hochgerissen wurde. Das Pferd rannte weiter, während Thobin in die Luft ging.

Da es noch ein junges und noch nicht ausgewachsenes Riesenfledertier war, das ihn zu fassen bekommen hatte, war die Last für das Flugungeheuer offenbar doch größer, als erwartet. Beide sackten sie ein Stück dem Boden entgegen. Das Fledertier flatterte wie wild, um nicht abzustürzen. Nur mit einer Pranke hielt es Thobin an der Kleidung und an seinem Seil, das er sich wie einen Riemen um die Schulter geschlungen hatte.

Das Fledertier war trotz seines erheblichen Geflatters so tief gesunken, dass Thobin für kurze Zeit mit den Füßen über den Boden schleifte. Er riss den Dolch aus seinem Gürtel und stach damit in die Pranke, die ihn hielt. Das Fledertier ließ ihn daraufhin mit einem Schrei los, der so durchdringend war, dass Thobin für ein paar Augenblicke den Eindruck hatte, dass er davon taub würde.

Er kam mit den Füßen auf den Boden, taumelte und fiel schließlich der Länge nach hin. Das Fledertier stob zunächst schreiend empor, dann stieß es wieder im Sturzflug herab. Thobin rollte sich um die eigene Achse. Das Fledertier landete dicht neben ihm. Seine krallenbewehrten Pranken gruben sich in den grasbewachsenen Untergrund ein.

Thobin rappelte sich auf und wich vor dem Ungeheuer zurück.

Das Wesen öffnete sein Maul und knurrte. Es breitete seine Flügel aus und Thobin sah, dass es dort, wo sein Dolch die Pranke getroffen hatte, etwas blutete. Vermutlich stachelte das die Wut dieser Kreatur noch mehr an.

Flucht war sinnlos wie Thobin sofort erkannte.

Ein Sprung und das Riesenfledertier hätte ihn unter sich begraben und wahrscheinlich gleich den Kopf abgebissen.

Man konnte sehen, wie sich unter dem Fell die Muskeln und Sehnen spannten.

Nein, das wirst du nicht tun...

Thobin sandte diesen Gedanken mit aller Kraft. Seine Augen wurden vollkommen schwarz dabei, auch wenn er selbst das nicht bemerken konnte. Wer einem Armbrustbolzen die Bahn aufzwingen konnte, der musste doch auch den Willen dieser Kreatur beeinflussen können!, ging es ihm durch den Kopf. Zumal es den Elben ja sogar möglich war, diese Wesen zu zähmen.

Ganz gleich, woher auch immer diese besondere Kraft in ihm kommen mochte – in diesem Augenblick brauchte Thobin sie so dringend wie nie.

Verschwinde!, dachte er. Sofort!

Das Riesenfledertier brüllte auf. Im ersten Moment glaubte Thobin, dass es sich auf ihn stürzen wollte und so riss er abwehrend den Dolch empor, obwohl ihm natürlich klar war, dass er sich damit kaum gegen dieses Monstrum zu wehren vermochte.

Flatternd erhob es sich jedoch dann in die Lüfte, kreischte so schrill, wie Thobin zuvor noch keines der Riesenfledertiere hatte kreischen hören und flog dann in Richtung der nächsten Hügelkette davon.

Thobin fühlte sich schwach.

Für einen Augenblick war ihm schwindelig. Die Magie, die er soeben angewendet hatte, schien ihn sehr viel Kraft gekostet zu haben. Er zitterte und fühlte, wie ihm der Puls bis zum Hals schlug. Gleichzeitig hörte er Worte in einer ihm unbekannten Sprache in seinem Kopf. Aber die Stimme erkannte er sofort.

Emwén!

Thobin drehte sich um, ließ den Blick schweifen und dann sah er Emwén auf einem der Hügel. Sie saß im Sattel ihres Elbenpferdes und murmelte jene Formeln vor sich hin, die Thobin gleichzeitig auch als Gedanken erreichten. 

Dabei hatte sie die Arme ausgebreitet und wirkte zusammen mit ihrem Pferd so starr wie ein Reiterstandbild.

Ylandor war in der Nähe. Er schien endlich Gelegenheit zu finden, seine Einhand-Armbrust nachzuladen.

Die Riesenfledertiere ließen die beiden Elben nämlich in Ruhe. Sie entfernten sich und begannen damit, Emwén in einem weiten Abstand zu umkreisen.

Das musste die Wirkung des Zaubers sein, den Emwén gerade anwandte.

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Kapitel 7: Das Dorf der Echsenreiter

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Faragan preschte in vollem Galopp daher und hielt auf Thobin zu. Als er ihn erreicht hatte, streckte er die Hand aus. „Los, hinten rauf mit dir! Und dann sehen wir zu, dass wir die Pferde wieder einfangen!“

Thobin ließ sich das nicht zweimal sagen. Er schwang sich auf Faragans Pferd und musste sich im nächsten Moment schon gut festhalten, denn der Abenteurer ließ das Tier sofort wieder  voranpreschen.

„Es muss Emwéns Zauber sein, was die Fledertiere auf Abstand hält!“, meinte Thobin.

„Keine Ahnung, was diese Elbenheilerin da gemacht hat, aber du siehst ja, dass es wirkt!“, gab Faragan zurück.

Thobins Pferd fanden sie völlig entkräftet, aber unversehrt.

Thobin stieg von Faragans Reittier herunter, nahm das völlig verängstigte Pferd an dem herunterhängenden Zügel und redete beruhigend darauf ein.

Dann schwang er sich in den Sattel.

„Es wird eine Weile dauern, bis du wieder Höchstleistungen von ihm erwarten kannst“, meinte Faragan.

„Ist mir nur recht, wenn es etwas langsamer geht“, erwiderte Thobin. „So viel Übung im Reiten habe ich ja schließlich auch nicht!“

Wenig später erreichten sie Emwén und Ylandor. Shrrr war inzwischen auch dort eingetroffen. Er hatte es offenbar sogar geschafft, seine Axt wieder unter dem Körper des Riesenfledertiers hervorzuholen, das er getötet hatte.

Jetzt war er damit beschäftigt, die riesenhafte Waffe im hohen Gras vom Blut des Monstrums zu reinigen. Dabei stieß er immer wieder ächzende Knurrlaute aus, die wohl nichts anderes bedeuteten, als dass er mit dem Ergebnis noch nicht zufrieden  war.

Emwén hatte inzwischen ihre Arme gesenkt. Sie stützte sich auf den Sattelknauf und schloss für ein paar Augenblicke die Augen, so als müsste sie neue Kraft schöpfen.

Faragan beobachtete die Riesenfledertiere, deren Kreise um die kleine Gruppe von Gefährten immer weiter wurden.

Ihre Rufe bekamen eine wütende Note.

Eines der Ungeheuer versuchte sich erneut zu nähern, zog sich aber rasch wieder zurück und stieß dabei einen Laut aus, die wie ein schmerzerfülltes Aufstöhnen klang.

„Was immer Ihr da auch gegen diese Bestien an Hokuspokus eingesetzt habt – es scheint genau das Richtige gewesen zu sein!“, wandte sich Faragan sichtlich erleichtert an Emwén. Der Abenteurer steckte jetzt sogar sein Schwert weg, denn offenbar rechnete er nicht mehr damit, dass ein Fledertier urplötzlich heranschnellte und angriff.

Emwén strich sich eine Strähne ihres dunklen Haars aus dem Gesicht und sah in Faragans Richtung. „Das war kein Hokuspokus, sondern ein sehr alter und sehr schwer anzuwendender Vertreibungszauber. Unsere oberste Schamanin Sarwen hat ihn so verändert, dass sich mit ihm auch Krankheiten vertreiben lassen, sodass jeder Elbenheiler ihn lernen muss.“

„Dann frage ich mich allerdings, warum Ihr nicht etwas früher zu der Erkenntnis gelangt seid, diesen Zauber anzuwenden!“, erwiderte Faragan. „Dann hätten wir jetzt wenigstens noch unser Packpferd!“

„Es ist nicht so einfach, wie Ihr glaubt, Faragan. Ich habe diesen Zauber in seiner Grundform angewandt und wusste nicht, ob er wirken würde. Und abgesehen davon, bin ich dabei weit über meine Kräfte gegangen...“

„Was sie damit eigentlich sagen will ist, dass sie ihr Leben riskiert hat“, mischte sich Ylandor ein. „Und davon abgesehen, dürfte es sinnlos sein, mit jemandem, der davon nichts versteht, über Elbenmagie zu diskutieren.“

Faragan atmete tief durch und sah den Elbenkrieger aus der Garde von König Daron erstaunt an. Dann wandte er sich an Emwén und meinte: „Euer Begleiter wird ja richtig geschwätzig!“

Vielleicht lag Faragan noch irgend eine weitere spitze Bemerkung auf der Zunge, aber Shrrr durchdringender Ruf hinderte ihn daran weiter zu sprechen.

„Ich glaube, er will dich darauf aufmerksam machen, dass wir so schnell wie möglich weiterziehen sollten“, mischte sich Thobin in die Unterhaltung ein.

––––––––

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SIE SETZTEN DEN WEG fort.

Emwén wirkte beunruhigt. Sie drehte sich immer wieder im Sattel herum und beobachtete die Riesenfledertiere, die sich beinahe bis zum Horizont zurückgezogen hatten. Doch noch immer umkreisten sie die Gruppe und es wurde bald klar, dass sie offenbar nicht die Absicht hatten, sich vollkommen zurückzuziehen.

„Wie lange wird dein Zauber sie auf Abstand halten?“, fragte Thobin.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Emwén. „Wenn ich mich etwas erholt habe, kann ich den Vertreibungszauber vielleicht noch einmal wiederholen und vielleicht gelingt es dann, sie endgültig davonzujagen!“

„Oder sie finden irgendwo anders etwas zu fressen!“, mischte sich Faragan ein.

„Ich weiß nicht, ob es wirklich nur der Hunger ist, der diesen Riesenfledertier-Schwarm zusammenhält... Normalerweise finden sich selten so viele von ihnen zusammen. Sie vermeiden das, weil sie genau wissen, dass sie dann niemals genug Nahrung finden würden...“

„Aber was könnte es denn sein, was die Fledertiere in unserer Nähe hält?“

„Wenn ich das nur wüsste, Thobin. Es muss...“

„Ja?“

Emwén zuckte mit den Schultern. „Irgendeine Art magischer Kraft. Ich kann es nicht erklären und das, was ich erspüren kann, ist zu schwach, um wirklich etwas sagen zu können...“ Sie lächelte matt und wirkte müde und schwach dabei. „Am besten, du vergisst, was ich gesagt habe. Ich bin so entkräftet, dass ich wahrscheinlich nichts weiter als wirres Zeug daherrede...“

Nein, diesen Eindruck hatte ich keineswegs, dachte Thobin, aber er sprach das nicht aus.

Aber an der Veränderung in Emwéns Gesichtsausdruck erkannte er, dass sie ihn trotzdem verstanden hatte.

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BIS ZUM FRÜHEN ABEND zogen sie weiter, ohne dass die Riesenfledertiere ihnen noch einmal zu nahe kamen. Allerdings schien ihnen der Schwarm zu folgen. Die geflügelten Riesen verschwanden hinter dem Horizont, tauchten wieder auf und schienen sie die ganze Zeit über zu belauern.

„Wie Geier, die einem kranken Tier folgen“, stellte Faragan fest und Shrrr stimmte diesen Worten auf seine gewohnte Weise zu.

Sie kamen an Feldern vorbei, auf denen Riesenechsen  gewaltige Pflüge hinter sich herzogen, die gleichzeitig mehr als ein Dutzend Furchen in den Acker zu treiben vermochten. Früher hatte man die gut zu dressierenden Riesenechsen, die in den Wäldern des Landes Karanor beheimatet waren, vor allem für den Transport von Belagerungsmaschinen und Katapulten benutzt. Doch inzwischen waren sie auch aus der Landwirtschaft Aratans nicht mehr wegzudenken. Geübte Echsenreiter saßen oben auf den gewaltigen Tieren und lenkten sie mit lauten Befehlen. Diese Rufe kündigten die Pflüge bereits an, noch bevor man die drachenartigen Wesen hinter der nächsten Hügelkette überhaupt sehen konnte. Manchmal antworteten die Tiere mit einem zischenden Geräusch und ließen dabei ihre gespaltenen Zungen mehrere schrittweit aus den lippenlosen Mäulern herausschnellen.

Es hieß, dass es in den Wäldern von Karanor kaum noch Riesenechsen gab – so viele von ihnen waren in den letzten Jahrhunderten gefangen geworden. Glücklicherweise vermehrten sich diese geduldigen Zugtiere allerdings auch in Gefangenschaft gut, sodass nicht zu befürchten stand, dass in absehbarer Zeit die Felder von Aratan nicht mehr gepflügt werden konnten.

Auf diesen Feldern wurde all das geerntet, was die unzähligen Menschen in der riesigen Hauptstadt Aratania verzehrten. Man sagte, dass es ohne den Einsatz der Echsen in Straßen der große Hafenstadt längst zu einer Hungersnot gekommen wäre, denn es gab im ganzen Land nicht genug Bauern, um die Felder auf herkömmliche Art bewirtschaften zu lassen.

Davon abgesehen waren die Echsen ein Schutz vor den Riesenfledertieren, denn normalerweise hielten sich diese von den drachenartigen Zugtieren instinktiv fern. In einem Kampf hätten sie wohl auch kaum eine Chance gehabt.

Tatsächlich zeigte sich die Riesenfledertiere immer seltener am Horizont, je weiter sie in die Südostprovinz von Aratan vordrangen – dem Gebiet, an dem die Echsenhaltung unter den Bauern am weitesten Verbreitung gefunden hatte.

Schließlich erreichten sie ein Dorf, in dem es sogar ein Gasthaus und einen Mietstall gab – und zwar sowohl für Pferde, als auch für karanorische Riesenechsen. Außer zum Bestellen der Felder wurden diese Geschöpfe auch immer häufiger von Händlern dazu benutzt, große Wagen über weite Entfernungen zu ziehen.

Mehrere dieser Wagen waren bereits eingetroffen. Die Händler und ihre Echsenreiter hatten sich im Gasthaus einquartiert und so blieb nur einziger Raum übrig, in dem die Gefährten übernachten konnten. Der Wirt brachte ein paar Strohsäcke herbei, die neben den vorhandenen Betten als zusätzliche Lager dienten.

„Bequemer als auf dem Erdboden ist es allemal“, meinte Thobin. „Und abgesehen davon habe ich wirklich schon an sehr viel ungemütlicheren Orten genächtigt!“

Die Pferde wurden vom Stallknecht des Wirtes versorgt.

Hin und wieder hörte man das Zischen der Echsen, die in einem separaten Stall gehalten wurden – schon um zu verhindern, dass sie die Pferde als willkommene Zwischenmahlzeit ansahen.

Im Schankraum hatte der Wirt ein Schwein über den Spieß und die Gruppe nutzte die Gelegenheit, sich kräftig den Bauch vollzuschlagen.

Shrrr erregte zunächst etwas Misstrauen bei den anwesenden Händlern und Echsenreitern. Ein Trork war in Aratan eine Seltenheit und die meisten wussten nichts weiter über dieses Volk als ein paar blutrünstige, schier unglaubliche Geschichten über keulenschwingende, augenlose Monstren, die auf die Jagd nach Riesenmammuts gingen und jeden Fremden erschlugen, der ins Wilderland kam. Immer wieder fielen sie ins Waldreich der Zentauren ein, um zu rauben, zu plündern und zu morden. Und auch diese Geschichten hatten sich überall in Aratan verbreitet, seit der Großkönig die aratanische Post gegründet hatte, die bevorzugt Zentauren als Boten beschäftigte. Schließlich waren diese Mischwesen aus Mensch und Pferd schneller und ausdauernder als jeder menschliche Reiter.

„Wohl bekomms“, sagte der Wirt, nachdem er seinen Gästen aufgetischt hatte. Dann deutete er auf Shrrr und meinte: „Falls die Portionen für einen Trork-Magen nicht ausreichen sollten, bin ich gerne bereit, ein zweites Schwein aufzuspießen – aber nur, wenn ich dafür entsprechend im voraus bezahlt werde!“

Shrrr grunzte daraufhin so laut, dass augenblicklich alle anderen im Raum aufhorchten.

Es war mucksmäuschenstill geworden.

„Das sollte kein Problem sein“, meldete sich nun Emwén klar und deutlich zu Wort. Sie gab dem Wirt zwei Silbermünzen. Das Gesicht des Wirtes veränderte sich daraufhin sofort.

„Auch wenn ich nicht mit Riesenmammutfleisch dienen kann – selbst ein Trork soll später nicht behaupten können, dass er in meinem Gasthaus nicht satt geworden wäre!“, meinte er hocherfreut.

Shrrr öffnete diesmal nur das Maul, gab aber keinen weiteren Ton von sich.

Während des Essens fiel Thobin auf, dass sowohl Ylandor als auch Emwén kaum etwas zu sich nahmen.

„Elben brauchen nicht so viel Nahrung wie Menschen“, sagte Emwén, als er sie darauf ansprach. „Manchmal essen wir tagelang nichts.“

„Für eine lange Reise sicher ganz praktisch“, meinte Thobin.

„Oder wenn man als Dieb auf der Straße lebt, so wie du es lange Zeit getan hast“, gab Emwén zurück.

Thobin blickte auf und wischte sich den Mund ab. Emwéns Blick ruhte auf ihm und sie sah ihn auf eine ganz besondere Weise an, die er sich nicht zu erklären vermochte. Was mochte sie mit ihrer Bemerkung gemeint haben? Jedenfalls glaubte Thobin nicht, dass sie dies einfach nur so dahin gesagt hatte.

„Ich bin noch nicht lange bei Faragan“, sagte er dann. „Da gibt es regelmäßige Mahlzeiten und auch wenn er wohl nicht zu den Reichen gehört, so scheint es ihm doch ganz gut zu gehen.“

„Dir hingegen ging es nicht immer so gut wie im Moment, nicht wahr?“

„In einer großen Stadt wie Aratania findet ein Dieb zum Glück immer sein ehrliches Auskommen“, plauderte Thobin aus seinem Diebesleben. „Und um ehrlich zu sein – ein paar Tage ohne zu essen habe ich nie als sonderlich schlimm empfunden.  Man gewöhnt sich schneller daran, als man denkt.“

„Du scheinst manche Eigenschaft zu besitzen, die eigentlich eher für Elben als für Menschen typisch sind“, meinte Emwén.

„So? Darüber habe ich noch nie so richtig nachgedacht. Außerdem kannte ich bisher auch so gut wie keinen Elben etwas näher. Ich habe manche elbische Händler bestohlen, wenn sie mit ihren Schiffen im Hafen von Aratania anlegten...“

„Um einen Elben zu bestehlen, muss man schon außerordentlich geschickt sein...“

Thobin machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ja, ich weiß schon, was du sagen willst! Wegen der besonders empfindlichen Sinne, die sie haben! Angeblich hören, riechen, sehen sie alles und man kann ihnen nicht nahe genug kommen, um sie zu berauben... Aber um ehrlich zu sein, so groß, wie immer behauptet wird, können die Unterschiede nicht sein, denn ich hatte nie Schwierigkeiten dabei!“

„Was du nicht sagst...“

„Allerdings neigen meine Diebeskollegen manchmal auch extrem zu Jammerei und Weinerlichkeit! Angeblich sei früher alles besser gewesen, die Geldbörsen praller gefüllt und weniger gut versteckt und die Passanten weniger achtsam... Aber das ist alles Unsinn. Ich glaube kein Wort davon! Weißt du, worauf es meinem Handwerk wirklich ankommt?“

Emwén lächelt.

„Ein Handwerk nennst du das?“

„Gewiss!“

„Diejenigen, die du bestohlen hast, würden es ein Unrecht nennen...“

„Tja, Faragan versucht mir das auch einzureden und ich denke tatsächlich darüber nach, ob er nicht recht hat und einen anderen Weg einschlagen sollte... Ich denke, dazu habe ich mich auch eigentlich schon entschlossen.“

„Du wolltest mir noch sagen, worauf es bei deinem Handwerk ankommt, Thobin“, erinnerte ihn die Elbenheilerin, deren Schönheit ihn immer mehr in seinen Bann zog, je länger er mit ihr sprach.

„Es kommt darauf an, zu erkennen, was der andere beabsichtigt, was er denkt, was er als nächstes tun wird... Und wenn man sich sehr anstrengt, erkennt man das in aller Klarheit und es ist keine Schwierigkeit, ihn zu berauben...“

„Wir Elben kennen die Fähigkeit auch“, erklärte Emwén. „Wir nennen das eine Verbindung des Geistes. Aber eine Verbindung des Geistes dazu auszunutzen, um jemanden zu berauben, gilt bei uns als niederträchtig!“

„Oh“, machte Thobin.

„Sag mir, was weißt du über deine Eltern, Thobin?“

„Nichts“, erklärte er. „Und ich wüsste auch nicht, was das mit der Sache zu tun haben sollte, über die wir uns gerade unterhalten haben.“

Emwén hob ihre Augenbrauen, die so schräg gestellt waren wie ihre Augen. „Wirklich nicht?“

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Kapitel 8: Der Zentaur

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Bis auf Shrrr hatten die Gefährten ihr Mahl beendet. Thobin hatte sich so sehr den Magen vollgeschlagen, dass er auch bei bestem Willen keinen Bissen mehr hätte herunterbekommen können.

Faragan hatte die ganze Zeit über kaum ein Wort gesagt, denn er hörte angestrengt den Gesprächen der Echsenreiter zu, die davon berichteten, noch nie so große Ansammlungen von Riesenfledertieren beobachtet zu haben.

„Wir sollte es machen wie die Gnome von Hocherde und die Jagd auf diese Bestien eröffnen!“, meinte einer von ihnen.

„Aber vor unseren Echsen haben sie doch nach wie vor Respekt!“, meinte ein anderer.

„Anscheinend aber nicht mehr so wie früher“, meldete sich daraufhin ein dritter zu Wort.

Zwischenzeitlich unterhielten sich Emwén und Ylandor in elbischer Sprache. Irgend etwas schien sie zu beunruhigen.

„Da war ein Geräusch...“, gab Emwén nur knapp zur Erklärung, als Thobin sie daraufhin ansprach.

In diesem Moment war lauter Hufschlag zu hören, doch Thobin war sich sicher, dass die beiden Elben dieses Geräusch nicht gemeint hatten, sondern ein beständiges Rascheln im Hintergrund.

Das Rascheln unzähliger Lederschwingen...

Die Tür des Gasthauses wurde grob zur Seite gestoßen.

Ein Zentaur trat ein. Der menschenähnliche Oberkörper trug ein enganliegendes Ledergewand mit dem Wappen der großköniglichen Post von Aratan. Der Zentaur trug einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen um die Schultern. Auf dem Rücken seines pferdeförmigen Unterkörpers befand sich eine schwere Satteltasche.

„Der Postreiter!“, rief der Wirt. „Seid gegrüßt! Es freut mich, Euch zu sehen!“

Das war natürlich eine glatte Lüge. In Wahrheit freute sich der Wirt überhaupt nicht, denn der Großkönig hatte ein Gesetz erlassen, wonach alle Wirte die Postreiter umsonst verpflegen und beherbergen mussten!

Der Zentaur trat ein. Seine Hufeisen klapperten auf dem Holzboden.

„Eine große Schar von Riesenfledertieren ist auf dem Weg hier her!“, berichtete der Zentaur. „Ich habe keine Ahnung, welcher Fluch diese Bestien anziehen mag, aber...“ Der Zentaur ließ den Blick schweifen und dann entdeckte er Shrrr. „Verfluchte Trork-Brut!“, stieß er dann hervor. „Das willst du mir zumuten? Gemeinsam mit einem augenlosen Ungeheuer in einem Raum zu sein? Lieber speise ich bei den Pferden!“

„Ihr könnt tun, was Euch beliebt, Postreiter Gredos! Aber dies sind zahlende Gäste und ich habe nicht die Absicht, einen von ihnen aus meinem Gasthaus zu verweisen!“ 

„Trorks haben immer wieder unseren Stamm überfallen und viele meiner Verwandten getötet“, sagte der Zentaur düster. „Und es würde mich nicht wundern, wenn es der Gestank dieses zotteligen Ungeheuer da vorne ist, der die Riesenfledertiere in solchen Scharen anlockt, wie noch nie!“

Shrrr antwortete mit einem lauten Knurren, aber Faragan wies seinen Trork-Gefährten sofort zurecht. „Beherrsch dich, Shrrr!“

„Ach – dann ist das dein Haustier!“, wandte sich der Zentaur daraufhin an Faragan.

„Wir suchen keinerlei Streit“, erklärte dieser in ernstem Ton. „Darum werden weder ich noch mein Trork-Freund auf diese Beleidigungen eingehen.“

„Trorks gelten in meinem Volk als Unheilsbringer“, fuhr der Zentaur fort. „Und es sollte sich wirklich jeder hier Gedanken darüber machen, ob er sich nicht selbst in Gefahr bringt, wenn er mit einem Trork zusammen unter einem Dach schläft!“

„Nun lasst Euch erstmal die Post abnehmen und einen  Schluck von dem guten aratanischen Bier einschenken, damit Ihr Euch etwas beruhigt“, wandte sich der Wirt an den Zentaur.

Dieser schritt bis zum Schanktisch. Er leerte den bereitgestellten Krug in einem Zug.

„Na seht Ihr, jetzt sieht die Welt doch schon wieder viel freundlicher aus!“, meinte der Wirt. Aber sein zentaurischer Gast schien diese Ansicht nicht im mindesten zu teilen.

Er trat auf den Tisch zu, an dem Thobin und seine Gefährten saßen. Dann drehte der Zentaur sich um, wandte Shrrr dabei sein Hinterteil zu und ließ ein paar Pferdeäpfel fallen.

Auf diese Weise brachten Zentauren die höchste Form von Missbilligung und Verachtung zum Ausdruck.

Ehe Faragan es verhindern konnte, war Shrrr wütend aufgesprungen und hatte den Zentauren am Pferdeschwanz gepackt und zurückgerissen.

Dieser stieß einen wiehernden Laut aus, versuchte sich loszureißen und glitt mit den Hinterbeinen auf den Pferdeäpfeln aus, sodass er auf den Tisch stürzte, der dann unter seiner Last zusammenbrach.

Strampelnd kam der Zentaur wieder auf die Beine. Er schnaubte, verlor die Satteltaschen dabei und zog einen Dolch aus dem Gürtel. Diesen schleuderte er in Shrrrs Richtung – ohne Rücksicht auf alle anderen, die sich im Raum befanden.

Auf diese kurze Entfernung war es eigentlich kaum möglich, ein so großes Wesen wie einen Trork zu verfehlen.

Doch genau das geschah.

Thobin saß mit angestrengtem Gesicht und vollkommen schwarz gewordenen Augen da. Er hatte fast ohne darüber nachzudenken versucht, diesen Wurf mit seinem Willen abzulenken, woraufhin der Dolch dann in einem Bogen hinauf in den Deckenbalken gefahren war. Dort blieb er zitternd stecken. Das dies nicht mit rechten Dingen zugehen konnte, war sowohl dem Zentauren, als auch allen anderen im Schankraum sofort klar. Sie starrten Thobin völlig entgeistert an. Niemand sagte ein Wort.

Gredos, der Zentaur, wich erschrocken zurück. „Was ist das denn für einer da vorne?“, murmelte er und fügte dann noch ein paar Worte in der Zentaurensprache hinzu, von der Thobin natürlich nichts verstand. Dann bückte Gredos sich und nahm seine Satteltasche hoch, um sie sich wieder auf den Rücken zu legen.

„Ich weiß nicht, was das für seltsame Gäste sind, die hier beherbergt werden, aber ich werde hier ganz sicher keine Nacht verbringen, auch wenn mir dies durch das Gesetz unseres Großkönigs zusteht!“ Damit ging er zur Tür, trampelte  auf seinen klackernden Hufen ins Freie.

Doch die Gespräche im Schankraum hatten kaum wieder begonnen, da war er schon wieder zurück. Sein menschenähnliches Gesicht wirkte kreidebleich. Und als im nächsten Augenblick der durchdringende Ruf eines Riesenfledertiers ertönte, wusste auch jeder, was er da draußen gesehen hatte.

„Wir sind alle zum Untergang verdammt. Seht nur hinaus! Man sieht den Mond und die Sterne nicht mehr vor den Schatten dunkler Schwingen“ 

„Du musst mir helfen“, sagte Emwén an Thobin gewandt.

„Wobei?“

„Bei einem Elbenzauber!“

„Ich bin kein Elb!“

„Ich habe keine Ahnung, wer oder was du bist – aber du hast Kräfte, die wir jetzt brauchen. Komm jetzt!“

Im Schankraum herrschte inzwischen allgemeiner Tumult. Thobin folgte Emwén hinaus ins Freie. Faragan, Ylandor und Shrrr folgten ihnen - und schließlich auch der Wirt, die Echsenreiter und sogar der Zentaur Gredos – wenn auch so ziemlich als letzter.

Die Nachtluft war erfüllt vom Rascheln der Riesenfledertierflügel. Gredos hatte keineswegs übertrieben. Hunderte dieser gewaltigen Flugungeheuer schwebten über der Stadt und zogen dort ihre Kreise am Nachthimmel. Sie erinnerten dabei an die Geier in den Bergen von Hocherde. Die Rufe dieser Kreaturen wurden immer lauter und durchdringender. Sie schienen auf etwas zu warten.

Emwén legte plötzlich ihre Hand auf Thobins Stirn. „Ich brauche deine Kraft. Tu alles, was ich tue. Sprich nach, was ich spreche...“

„Aber... ich kann das nicht!“

„Doch das kannst du.“

„Warum nimmst du nicht Ylandor?“, fragte Thobin, der plötzlich einen Druck in seinem Kopf spürte.

„Weil seine Magie zu schwach ist. Die Magie der Elben wurde schon seit vielen Zeitaltern immer schwächer – nur die Halbelben sind eine Ausnahme... Und ich gehöre zu den Halbelben. Und du auch!“

„Das ist Unsinn!“

„Mag sein, dass du nichts über deine Eltern weißt, aber ich weiß dafür, dass entweder dein Vater oder deine Mutter ein Elb gewesen sein muss. Vielleicht auch nur dein Großvater oder deine Großmutter.“

„Habe ich vielleicht spitze Ohren und schräge Augen?“

„Wer sagt, dass das immer so sein muss. Aber du hast denselben langsamen Herzschlag wie die Elben und in dir ist die gleiche Art von Magie. Das ist mir inzwischen klar geworden - auch wenn sich bisher niemand die Mühe gemacht hat, dich im Gebrauch dieser Magie auch vernünftig auszubilden. Und nun sei still und tu, was ich sage!“

„Sprich mir nach!“, hallte Emwéns Gedankenstimme in seinem Kopf wider. Dann murmelte sie Silben, die für Thobin nicht den geringsten Sinn ergaben. Worte in einer älteren Form der Elbensprache vielleicht, von der man sich erzählte, dass in ihr viele Zaubersprüche verfasst waren. Seltsamerweise war es für Thobin überhaupt keine Schwierigkeit, diese Silben  nachzusprechen. Er erkannte manche der Worte sogar wieder. Sie gehörten zu dem Vertreibungszauber, den Emwéns schon einmal angewandt hatte, um die Riesenfledertiere zu verjagen, was ja nur zum Teil gelungen war.

Thobin spürte eine Kraft in sich aufsteigen, die er in dieser Deutlichkeit nie zuvor wahrgenommen hatte.

Er blickte in den Nachthimmel, wo die Riesenfledertiere noch immer die Sterne verdunkelten. Dann schossen gleichzeitig aus seinen und aus Emwéns Augen grelle Blitze empor.

Die Riesenfledertiere stießen kreischende Laute aus und stoben daraufhin in alle Richtungen davon.

Thobin bekam das nur noch ganz am Rande mit.

Ihm wurde erst schwindelig und dann schwarz vor Augen.

Er spürte nur noch, wie er fiel. Ein Strudel aus Licht und Dunkelheit schien sich vor ihm zu öffnen und zum Schluss war da nur noch Schwärze.

––––––––

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ER ERWACHTE IN DEM Zimmer, das die Gefährten für die Nacht genommen hatten. Die Morgensonne schien durch das Fenster und das erste, was er sah, war Emwéns Gesicht.

Offenbar hatte man Thobin sogar das einzige richtige Bett gegeben, während die anderen auf Strohsäcken geschlafen hatten.

Und Emwén?

„Ich habe gar nicht geschlafen!“, empfing er ihren Gedanken. „Elben müssen nicht jede Nacht schlafen... Auch Halbelben nicht...“

„Was ist geschehen?“, fragte Thobin etwas irritiert.

„Es war wohl etwas zu viel für dich. Du hast die Kräfte der Elbenmagie in dir vielleicht gespürt, aber nie bewusst eingesetzt...“

„Ich war einfach wie weggetreten! Als hätte mir jemand einen Schlag auf den Kopf verpasst!“

„Die Riesenfledertiere sind jedenfalls fort und das hätte ich ohne dich nicht geschafft – denn nach dem ersten Versuch war ich bereits zu sehr geschwächt.“

––––––––

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DIE GEFÄHRTEN MACHTEN sich reisefertig. Thobin fühlte sich zwar noch etwas wackelig auf den Beinen, aber Emwén wandte einen Kräftigungszauber an, wie ihn die Elbenheiler für die unterschiedlichsten Krankheiten und Schwächezustände verwendeten. Danach fühlte er sich schon wieder sehr viel besser.

Als sie den Schankraum betraten, hörten sie ein sägendes Geräusch.

Das war Gredos, der Zentaur.

Der Wirt kam hinter seinem Schanktisch hervor und legte den Finger auf den Mund. Flüsternd sagte er: „Auch wenn das ganze Dorf in großer Dankbarkeit zu schätzen weiß, dass die Riesenfledertiere von euch vertrieben wurden, möchte ich euch jetzt bitten, so schnell und geräuschlos wie möglich von hier zu verschwinden.“ Er blickte in Richtung von Shrrr und zuckte mit den Schultern. „Gredos mag nunmal grundsätzlich keine Trorks und ich möchte nicht, dass es nochmal zum Streit kommt!“

„Wir sind schon so gut wie weg!“, versprach Faragan.

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ES DAUERTE NICHT LANGE und sie hatten das Dorf hinter sich gelassen. Nach wenigen Meilen stießen sie auf einen Weg, der nach Südosten führte. Es gab deutliche Spuren der großen Räder, wie sie für die Riesenechsen-Wagen typisch waren.

Die ausgedehnten Felder wurden durch immer größere Waldgebiete und hügeliges Bergland abgelöst.

Als sie an einer Wasserstelle eine Rast einlegten, horchten Emwén und Ylandor plötzlich auf. „Hufschlag“, stellte Emwén fest, obwohl noch keiner der anderen etwas hören konnte.

Ylandor bestätigte dies lediglich durch ein Nicken.

Er hatte seinem Beinamen „der Verschwiegene“ alle Ehre gemacht und noch kein einziges Wort gesprochen, seit sie das Dorf verlassen hatten.

Wenig später preschte jemand in vollem Galopp den Weg entlang. Es war niemand anderes als Gredos, der Zentaur.

„Das gibt Ärger“, meinte Faragan.

Und Shrrr bekräftigte seine Worte durch ein sehr tiefes Knurren.

„Nicht, wenn alle vernünftig sind!“, meinte Thobin hingegen. „Oder muss es ein Naturgesetz sein, dass Trorks und Zentauren sich gegenseitig an die Gurgel gehen?“ Er wandte sich Faragan zu und fuhr dann fort: „Wo sich doch selbst ein Dieb und ein ehemaliger Gardist des Großkönigs verstehen können!“

Der Zentaur hielt an und blieb in einem gebührenden Abstand stehen. Offenbar wollte er nicht unbedingt noch einmal seine Kräfte mit Shrrr messen.

„Scheint als hätten wir denselben Weg!“, stellte Gredos fest. „Allerdings reise ich diesen Weg im Auftrag des Großkönigs – während ihr nur Unruhe und Streit verbreiten wollt!“

„Auch Eure Reise dürfte dadurch erleichtert worden sein, dass die Riesenfledertiere vertrieben wurden!“, erwiderte Faragan. „Zentaurenfleisch gilt bei diesen Bestien doch sicher als besondere Delikatesse, wie ich gehört habe.“

„Mein Dank ist grenzenlos!“, spottete Gredos und deutete eine offenbar ironisch gemeinte Verbeugung an.

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THOBIN HORCHTE IN DIESEM Moment auf – und er bemerkte, dass es Emwén und Ylandor ähnlich erging.

Er war sich zunächst nicht ganz sicher, was das Geräusch zu bedeuten hatte, das er wahrnahm. Emwén hingegen hatte da keine Zweifel. „Reist besser mit uns“, wandte sie sich an Gredos. „Die Riesenfledertiere sind noch in der Nähe. Mit meinem Elbengehör erkenne ich ihren Flügelschlag und Ihr seid bei uns auf jeden Fall sicherer als, wenn ihr auf Euch allein gestellt weiterzieht!“

Gredos legte den Kopf schief. Er schnaubte durch die Nase, was sich anhörte, wie bei einem großen Kaltblut-Ackergaul, wie er im Norden von Aratan häufig benutzt wurde, wo der Einsatz von karanorischen Riesenechsen weniger üblich war.

„Meint Ihr das ernst?“, fragte er dann.

„Welchen Grund hättet Ihr mir zu misstrauen“, antwortete  Emwén mit einer Gegenfrage. „Elben und Zentauren sind doch seit jeher Verbündete gewesen.“

Gredos schien jetzt ebenfalls etwas zu hören. Das Gehör von Zentauren war zwar nicht ganz so fein wie es bei Elben der Fall war, aber immer noch um einiges empfindlicher als bei Menschen. „Das hört sich tatsächlich nicht gut an...“, murmelte er.

„Aber Ihr könnt uns nur unter der Bedingung begleiten, dass Ihr Eure Pferdeäpfel nicht vor die Füße meines Trork-Freundes fallen lasst!“, erklärte Faragan bestimmt.

––––––––

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SIE ZOGEN WEITER UND die Frage, die vor allem die beiden Elben beschäftigte war, weshalb die Riesenfledertiere sich einfach nicht dauerhaft vertreiben ließen.

„Kann es sein, dass sie uns folgen?“, fragte Thobin an Emwén gewandt, während sie wieder durch etwas ebeneres Grasland kamen. Inzwischen tauchten die ersten von ihnen nämlich wieder am Horizont auf, schienen allerdings nach wie vor auf Abstand bedacht zu sein.

„Darüber habe ich mich schon mit Ylandor unterhalten“, sagte sie.

„Und mit welchem Ergebnis?“

„Mit keinem Ergebnis. Es scheint tatsächlich, dass sie uns folgen und uns immer wieder umkreisen und der Zauber, den wir angewendet haben, hat nur dafür gesorgt, dass diese Kreise etwas weitergezogen werden, als es sonst der Fall wäre. Aber es gibt keinen sinnvollen Grund dafür, dass sie das tun!“

„Kann es sein, dass Gredos letztlich doch recht hat und irgendetwas an uns diese Bestien anlockt?“, hakte Thobin nach.

„Wenn wir eine Antwort auf diese Frage hätten, könnten wir vielleicht etwas gegen dieses Übel tun, aber das ist leider nicht der Fall!“, gab die Elbenheilerin schulterzuckend zurück.

„Dann beginnt es doch immer wieder von vorn! Wollen wir jeden weiteren Tag einen Vertreibungszauber durchführen, bis wir die Verborgene Stadt erreicht haben – was ja noch sehr lange dauern kann und völlig ungewiss ist?“

„Dazu wären wir nicht stark genug“, stellte Emwén in aller Klarheit fest.

„Du hast doch die feinsten magischen Sinne unter uns! Dann setze sie doch ein, versuch zu erspüren, was die Fledertiere anlockt! Es muss etwas sein, das Magie enthält, nicht wahr?“

„Ja, das wäre möglich.“

„Ist es vielleicht das Buch, das du bei dir trägst?“

„Es enthält Magie, aber ich bezweifle, dass es so viel ist, dass dadurch eine so große Anzahl von Schattenkreaturen angelockt wird!“

„Und sonst? Gibt es noch irgendeinen anderen Gegenstand?“

„Der Rubin an Faragans Schwert“, murmelte Emwén.

„Den Faragan aus der Ruine mitgebracht, von der alle glauben, dass es sich um die Überreste der Verborgenen Stadt handelt!“

„Ja. Auch darin ist Magie, aber die ist sehr stark abgeschirmt, sodass man sie kaum zu spüren vermag. Nein, das kann auch nicht der Grund sein.“ Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Wenn ein oder zwei Riesenfledertiere durch einen magischen Gegenstand angelockt werden, dann hielte ich das für möglich. Aber niemals eine so große Schar.“

„Es gibt nur eine mögliche Erklärung“, mischte sich nun völlig unerwartet Ylandor ein. „Ein fremder Wille zwingt diese Wesen, uns zu verfolgen. Ein Wille, der stärker ist als dass ein Vertreibungszauber auf Dauer gegen ihn ankäme!“

„Das ist seine Meinung und ich habe ihm schon gesagt, dass ich sie nicht teile“, gab Emwén zurück.

Ylandor ließ sein Pferd anhalten, drehte sich im Sattel herum und deutete zum Horizont. „Ich fürchte, wir werden den Ursprung dieses fremden Willens bald kennen lernen, denn da ist noch etwas auf dem Weg zu uns...“

Thobin drehte sich ebenfalls herum – und dann sah er es: Eine Wolke aus dunklem Rauch folgte ihnen und wirbelte wie eine Windrose daher.

„Nein!“, flüsterte er mit blassem Gesicht vor sich hin, als er aus dieser Wolke deutlich die Formen eines Schiffs hervortreten sah.

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Kapitel 9: Faragans Rubin

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Das wirbelnde Etwas kam näher. Immer deutlicher traten die Formen eines Schiffes daraus hervor, an das Thobin sich nur zu gut erinnerte.

Er hatte es zuletzt im Hafen von Aratania gesehen.

„So sieht man sich wieder, Straßendieb und Betrüger!“, erreichte Thobin ein mit höhnischem Gelächter durchsetzter Gedanke.

„Pendrasil!“, murmelte er daraufhin. „Ich weiß, dass er es ist!“

Auch die anderen waren inzwischen stehen geblieben.

Von allen Seiten näherten sich nun auch wieder die Riesenfledertiere und Thobin begriff, dass es Pendrasils Wille sein musste, der sie lenkte. Nur dieser sechsfingrige Magier wäre dazu im Stande gewesen, ihnen seinen Willen aufzuzwingen und das offenbar auch über weite Entfernungen hinweg.

„Ein Schiff in den Schattenpfaden – das habe ich noch nie gesehen!“, entfuhr es Emwén.

„Was sind die Schattenpfade?“, fragte Thobin.

„Ein Zwischenreich, das neben unserer Welt existiert. Unter Aufwendung von sehr viel Magie ist es möglich, über die Schattenpfade weit entfernte Orte in kurzer Zeit zu erreichen“, murmelte Emwén. „In diesem Fall geht es langsamer, weil ein sehr großer Gegenstand bewegt wird.“

„Ein Schiff... Über Land! Wie ist das möglich?“, rief Thobin.

„In den Schattenpfaden spielt das keine Rolle!“, sagte Emwén.

Shrrr stieß ein Knurren aus und Gredos nahm seinen Bogen von der Schulter. Jeder Gedanke an Flucht war im Moment sinnlos, denn von allen Seiten zogen die Riesenfledertiere ihren Ring nun enger.

Der wirbelnde, schiffslange Schatten kam bis auf wenige Meter an die Gefährten heran und verstofflichte sich dann. Aus den durcheinander schwirrenden, rauchähnlichen Teilchen formten sich jetzt die Aufbauten des Schiffes. Es steckte ein ganzes Stück in der Erde, so als ob es darin Schwimmen würde wie es das normalerweise im Wasser getan hätte. Segel hingen schlaff von den Masten. Eine Mannschaft aus menschengroßen geflügelten Affen turnte in den Seilen herum und schwang Dreizacke, so als ob sie nur darauf warteten, dass ihnen jemand einen Befehl zum Angriff gab.

Hochgerüstete Katzenkrieger standen an der Reling und der Vierhörnige am Ruder rief ihnen irgend etwas in einer fremden Sprache zu.

Dann wichen die Katzenkrieger zur Seite und machten einer in eine dunkle Kutte gehüllten Gestalt Platz. Obwohl die Sonne eigentlich die Dunkelheit unter der Kapuze hätte erhellen müssen, war dort nichts weiter als pure Finsternis zu sehen.

Aber Thobin hatte trotzdem nicht den geringsten Zweifel daran, dass es sich um Pendrasil handelte.

Der Magier streckte eine seiner dürren, sechsfingrigen Hände aus und deutete mit dem Zeigefinger auf Thobin.

„Elender Dieb und Betrüger! Habe ich dir nicht gesagt, dass ich dich überall finden würde?“, stieß er mit einer Stimme hervor, die gleichzeitig auch als Gedankenstimme zu spüren war und fast unerträglich stark im Kopf dröhnte.

Gredos hielt sich den Kopf, Faragan ebenfalls. Und Shrrr stieß einen lauten Schrei aus, wie Thobin ihn noch nie zuvor von dem Trork vernommen hatte.

Pendrasil breitete die Arme aus und wandte den Kopf zu den Riesenfledertieren empor. „Meine Diener! Kreaturen des Dunklen Reichs! Habt Dank für eure ausdauernde Verfolgung! Ihr sollt euren Lohn noch bekommen!“

Daraufhin begann unter den Riesenfledertieren ein geradezu ohrenbetäubender Chor von dumpfen Rufen. Diese Laute waren so tief, dass die Erde dadurch an zu vibrieren fing und Thobin einen deutlich spürbaren Druck in der Magengegend empfand.

„Gibt es nicht irgendeinen Elbenzauber, der auch diesen Spuk beenden könnte?“, raunte Thobin unterdessen Emwén zu.

„Das wird wohl kaum so einfach werden“, gab die Elbenheilerin zurück.

Ylandor hatte seine Hand inzwischen schon am Griff seiner Einhand-Armbrust, Faragan am Schwert und Shrrr schwang seine übergroße Axt hin und her, so als würde er sich gerade darauf vorbereiten, dass es bald zum Kampf kam.

„Ich habe keine Ahnung von dem Ärger, den ihr Trork-Freunde euch zugezogen habt, aber mit mir hat das ganze wohl nichts zu tun!“, meinte Gredos.

„So versucht doch, allein weiterzuziehen und Euch dabei mit den Riesenfledertieren gut zu stellen!“, knurrte Faragan ihn an. „Ich wette allerdings, dass Ihr es im Augenblick keine hundert Schritt weit schafft!“

„Da mögt Ihr leider Recht haben!“ Gredos blickte zu Shrrr hinüber. „Eine Schande, wenn mein Stamm im Waldreich erfährt, dass ich mit einem Trork Seite an Seite gekämpft habe!“

„Dann lasst doch ein paar Pferdeäpfel fallen – vielleicht lassen sich all diese Kreaturen ja durch den Gestank noch besser vertreiben, als durch Magie.“

Pendrasil rief unterdessen vom Schiff herab. „Das Buch war eine Fälschung – wenn auch keine schlechte, wie ich zugeben muss! Für eine Weile konnte sie mich täuschen, offenbar arbeitet du mit magisch geschulten Helfern zusammen. Vermutlich sind das die Elben in deiner Gesellschaft!“ 

„Du bist der Betrüger! Einen Lohn hast du mir versprochen und dir dieses Exemplar einfach unter den Nagel gerissen!“, gab Thobin zurück.

Pendrasil lachte dröhnend. So dröhnend und durch eine schmerzhafte Gedankenstimme unterstützt, dass es für die meisten der Gefährten kaum auszuhalten war. Selbst die Pferde wurden unruhig davon – und diesmal galt das selbst für die sonst so folgsamen Elbenpferde.

Aber Thobin spürte, dass er sich immer besser dagegen abzuschirmen vermochte. 

„Ein Dieb beklagt sich darüber, dass bestohlen wurde!“, rief Pendrasil. „Gib mir lieber, was mir zusteht!“

Thobin spürte, wie Pendrasil mit seinen magischen Kräften seinen Geist durchforschte. Es war sinnlos, sich dagegen wehren zu wollen. Pendrasils Macht war zu groß. „Emwén...“, murmelte der Magier und deutete dann mit dem ausgestreckten Zeigefinger seiner knorrigen Hand auf die Elbenheilerin. „Sie besitzt also das Buch, das ich brauche...“

Emwén holte das Buch mit der Elbenrune auf dem Einband unter ihrer Kleidung hervor. „Es ist hier, aber es wird Euch nichts nützen!“

„So, das werden wir ja sehen!“, antwortete Pendrasil.

„Ihr wisst zu wenig darüber, um die Geheimnisse dieses Buches nutzen zu können und seine Magie wirklich zu entfalten“, behauptete Emwén.

„Das lass ruhig meine Sorge sein!“, antwortete Pendrasil. Mit einem Ruck und wie von unsichtbarer Hand ergriffen wurde das Buch aus Emwéns Hand gerissen. Es schwebte zu Pendrasil und der nahm es dann an sich.

Er hielt es mit beiden Händen fest. Dann schlug er es auf und warf einen Blick hinein. „Es steht nichts darin, kein einziges Schriftzeichen. Mit was für einer List soll ich diesmal hereingelegt werden...“

„Es ist magische Sicherung, die Euch die Schriftzeichen nicht erkennen lässt“ erklärte Emwén. „Und es ist völlig aussichtslos, dass ihr versucht, diese Sicherung außer Kraft zu setzen!“

„So zeigt mir, wie das geht – und ich sorge dafür, dass die Riesenfledertiere euch verschonen. Andernfalls... Sie sind sehr hungrig und ich hatte ihnen eine Belohnung versprochen!“

„Woher soll ich wissen, ob Ihr Euer Wort haltet?“, rief Emwén.

„Ihr werdet Euch darauf verlassen müssen!“, lachte Pendrasil. „Es sei denn, ihr alle zieht es vor, in den Mägen der Riesenfledertiere zu landen, die schon ganz begierig darauf sind, dass ich ihnen erlaube, sich auf euch zu stürzen. Und glaubt mir, die schwache Vertreibungszauberei, die Ihr leidlich zu beherrschen scheint, wird Euch diesmal nicht retten können!“

Er steckte das Buch hinter den Gürtel, der seine Kutte zusammenhielt und streckte die Hände aus. Lichtstrahlen fuhren aus den Fingern hervor, trafen Emwén und rissen sie aus dem Sattel ihres Elbenpferdes. Ylandor riss seine Einhand-Armbrust hoch und schoss einen Bolzen in Pendrasils Richtung. Doch der Magier schien das erwartet zu haben. Er  schwenkte eine Hand seitwärts und spreizte die sechs Finger. Der Bolzen prallte daraufhin mit einem bläulichen Blitz gegen eine unsichtbare Wand und wurde so zurückgeworfen, dass er Ylandor nur knapp verfehlte. Ein weiterer magischer Blitz erfasste den Elbenkrieger und riss auch ihn vom Pferd.

Beide Elben lagen dann auf dem Boden, während zischende Blitze sie umfassten.

Sie blieben regungslos liegen. Ihre Pferde wirkten orientierungslos, blieben aber in der Nähe.

„Ich habe Eure schwachen Geister durchforscht. Ihr wisst nichts, was für mich von Bedeutung wäre!“, rief Pendrasil.

Inzwischen erschollen schrille, ungeduldige Schreie von den den Riesenfledertieren über ihnen am Himmel.

Pendrasil hob die Arme. „Geduld! Ihr bekommt ja eure Belohnung!“, dröhnte seine Stimme.

Der Gedanke, den der Magier zusammen mit seinen Worten aussandte, war so schmerzhaft wie nie zuvor. Thobin, der sich bisher ganz gut gegen diesen Einfluss hatte abschirmen können, war noch in der Lage sich im Sattel zu halten.

Faragan hatte zwar sein Schwert gezogen, wirkte aber benommen und schwankte. Shrrr brüllte auf und hielt sich den Kopf und Gredos wirkte starr und wie versteinert, während er gleichzeitig keuchend und sehr unregelmäßig atmete. 

Verzweiflung erfasste Thobin.

Es schien nichts zu geben, was man gegen die Macht Pendrasils unternehmen konnte. Selbst für Emwéns Elbenmagie waren dessen Kräfte offenbar einfach zu übermächtig. Thobin stieg vom Pferd herab. Er taumelte auf Emwén zu.

Sie fühlte sich kalt an, als er sie erreichte und sich neben ihr niederkniete.

Kalt wie eine Tote.

Aber ein Gedanke erreichte Thobin, der unzweifelhaft von der Elbenheilerin stammte. „Bring sie zusammen... Die beiden Kräfte der beiden Gegenstände... Ich habe es nicht mehr geschafft...“

„Welche beiden Gegenstände?“, fragte Thobin in Gedanken. Bei dem einen musste es sich zweifellos um das Buch handeln, dass Pendrasil nun an sich gebracht hatte.

Und der zweite?

Thobin erhielt keine Antwort auf seine Gedanken. Jedenfalls nichts, was als eine verständliche Antwort hätte gelten können. Da war nur ein Strom wirrer Bilder und Empfindungen. Formen, Farben – aber nichts Klares.

Es schien Emwén sehr schlecht zu gehen. Thobin konnte das alles nur so deuten, dass ihr Geist vollkommen geschwächt und vielleicht sogar völlig verwirrt war.

Für einen kurzen Moment sah er dann etwas vor seinem inneren Auge, das im ersten Augenblick wie ein Blutfleck aussah.

„Rubinrot.“

Erst jetzt begriff Thobin es.

Der Rubin in Faragans Schwert musste der zweite Gegenstand sein, den die Elbenheilerin gemeint hatte. Schließlich hatte  Emwén erwähnt, dass er mit Magie aufgeladen war.

Thobin konzentrierte sich, versuchte diese beiden Kraftquellen zu erspüren. Warum sollt er das nicht auch schaffen? Jetzt konnte sich erweisen, ob Emwéns Worte einen wahren Kern hatten und er vielleicht tatsächlich ein Elbenabkömmling war, ohne das er das bisher auch nur geahnt hatte.

Seine Augen wurden vollkommen schwarz, so dass nichts Weißes mehr darin zu erkennen war.

Verbinde beide Kräfte!, ging es ihm durch den Kopf.

Die Zeit selbst schien verlangsamt fortzuschreiten. Er sah wie Pendrasil den Mund öffnete und zu sprechen begann – aber Thobin hörte nichts weiter als einen immer tiefer werdenden, dumpfen Laut.

Pendrasil senkte den Kopf. Er nahm das Buch hinter dem Gürtel hervor und machte ein Zeichen zu den Katzenkriegern und den geflügelten Affen auf seinem Schiff. „Jetzt bekommt ihr ein Schauspiel zu sehen, dass ihr ewig in Erinnerung behalten solltet – denn so ergeht es jedem, der sich gegen mich stellt! Und wenn hundert Riesenfledertiere sich auf diese paar Gestalten da vorne stürzen, ist das nicht gerade alltäglich!“ Der Magier kicherte irre. 

Die Katzenkrieger antworteten mit ungeduldigen Rufen. Sie  zogen ihre Schwerter und klapperten damit rhythmisch gegen die Reling.

Pendrasil hob die Arme. Das Buch hielt er rechts, die linke Hand bildete eine Faust. „Jetzt, meine Diener! Kommt herab und belohnt euch!“

Mehr als hundert Riesenfledertiere hatten nur auf diesen Moment gewartet. Sie stürzten sich mit lauten, durchdringendem Gebrüll auf die Gefährten.

Jetzt oder nie!, dachte Thobin.

Er murmelte plötzlich Worte, die er nie zuvor gehört hatte. Worte, die vielleicht einem uralten Elbendialekt entstammten oder sogar aus einer Zeit, lange bevor es selbst dieses Volk gegeben hatte. Vielleicht hatte Emwén ihm diese Worte eingegeben. Jedenfalls sprach Thobin sie wie von selbst und wurde dabei immer lauter. 

Faragan wurde das Schwert aus der Hand gerissen. Es drehte sich um den eigenen Schwerpunkt, schleuderte hoch empor und versprühte dabei rote Lichtstrahlen, die aus dem Rubin am Griff herausschossen. Die herabstürzenden Riesenfledertiere wurde dadurch sofort vertrieben. Erschrocken stoben sie wieder empor und wann immer eines von ihnen durch diese Strahlen getroffen wurde, zuckte es vor Schmerzen schreiend zurück. Dann kam das Schwert zurück auf die Erde und blieb zitternd im Boden stecken. Der Rubin war pechschwarz geworden – und ein Strahl aus Schwarzlicht schoss nun aus dem Stein heraus und traf das Buch in Pendrasils Hand, das daraufhin grell aufglühte.

Schreiend ließ der Magier das Buch los und ließ es über die Reling fallen. Bevor das Buch den Boden erreichte, zuckten Blitze daraus hervor und wanderten wie Spinnenbeine an der Schiffswand empor. Manche von ihnen waren so grell, dass Thobin für ein paar Augenblicke völlig geblendet war.

Das Schiff begann sich scheinbar in dunklen Rauch aufzulösen. An Bord brach helle Panik aus. Die geflügelten Affen rasten planlos durcheinander, sprangen von Mast zu Mast und stießen kreischende Laute aus.

Der vierhörnige Steuermann ließ das Ruder los, das sich wie von selbst bewegte. Die Katzenkrieger rannten panisch über das Deck, während Pendrasil sie mit seiner Gedankenstimme zur Ordnung zu rufen versuchte.

Es dauerte nur wenige Augenblicke und dunkler Rauch umwaberte das Schiff und der vordere Teil schien sich vollkommen in kleine, schwarze Teilchen aufgelöst zu haben, die durcheinander schwirrten wie ein Schwarm Insekten.

Das alles verging in einem einzigen Rauchwirbel.

Die Schreie der Katzenkrieger und geflügelten Affen verklangen und von dem Schiff blieb nur eine tiefe Grube in der Erde, die genau die Form des Schiffsrumpfs abbildete.

„Bei allen Göttern, bist du unter die Magier gegangen, Thobin?“, entfuhr es Faragan.

Und Shrrr meldete sich mit einem lauten Ton zu Wort, den man wohl als Ausdruck der Erleichterung werten musste.

Thobin blickte zu dem Schwert mit dem in den Griff eingelassenen Rubin. Ein Lichtstrahl verband diesen Rubin mit dem Buch, das am Rand der Grube lag, die das Schattenschiff hinterlassen hatte.

Die Farbe des Lichts hatte sich inzwischen ebenso verändert wie die des Rubins. Beide schimmerten in einem satten, dunklen Rot.

Aus dem Buch stieg eine Lichtkugel auf, wuchs zur Größe eines Riesenfledertierkopfes und zeigte auf seiner Oberfläche  eine Stadt inmitten von schroffen Bergen.

„Das ist sie!“, stieß Faragan hervor. „Die Verborgene Stadt...“

„Ich dachte, sie war nur eine Ruine, als du dort warst“, erwiderte Thobin.

„Ja, aber ich erkenne die Form der Bergmassive wieder. Was wir sehen, muss die Stadt sein, wie sie vor langer Zeit gewesen ist, als sie noch bewohnt war.“

„Dann enthält das Buch tatsächlich den Schlüssel zu dem Wissen, das dort in den Inschriften verborgen ist?“

„Was fragst du da mich“, gab Faragan schulterzuckend zurück. „Ich bin kein Magier. Ja, ich bin noch nicht einmal ein Elb oder so etwas Ähnliches, sondern nur ein einfacher Reiseführer und einigermaßen begabter Schmied! Von diesen Zauberdingen habe ich anscheinend sogar weniger Ahnung, als ein bestimmter Straßendieb aus Aratania!“

Die Blase zerplatzte. Die Lichtverbindung zwischen dem Rubin im Schwertgriff und dem Buch riss ab. Der rötliche Schimmer verschwand.

Thobin ging zu dem Schwert hin, zog es aus der Erde und betrachtete den Rubin.

„Dieser Stein hat offenbar eine sehr viel größere Bedeutung, als wir alle geahnt haben“, stellte er fest. Er reichte Faragan die Waffe. Aber dieser schüttelte den Kopf.

„Ich werde diese Waffe nicht wieder anfassen“, sagte er. „Sie ist mir unheimlich. Aber für dich scheint sie genau das Richtige zu sein, denn du hast diese Kräfte doch auf irgendeine geheimnisvolle und mir völlig unverständliche Weise entfesseln können!“

„Es ist deine Waffe!“ beharrte Thobin.

„Nimmst du Geschenke nur an, wenn du dir sie stehlen darfst, Straßendieb?“, fragte Faragan. „Nimm sie schon. Ich will nichts bei mir tragen, was in irgendeiner Weise mit Magie zu tun hat.“

„Dann werde ich sie für dich aufbewahren!“

„Jetzt tu nicht so, als hättest du irgendwelche Skrupel, was fremdes Eigentum angeht, Thobin!“

Thobin nahm auch das Buch an sich. Es schien äußerlich unversehrt zu sein. Die Elbenrune auf dem Einband schimmerte zunächst ein wenig. Aber das verlor sich nach wenigen Augenblicken.

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WENIG SPÄTER KAMEN auch Emwén und Ylandor wieder zu sich. Zunächst waren alle etwas ratlos gewesen, wie man Elben aus der Bewusstlosigkeit wecken konnte.

Faragan zweifelte schon daran, dass sie überhaupt noch lebten. Schließlich war es der äußerst stark riechende Kautabak des Zentauren Gredos, der die beiden aus ihrem scheintodähnlichen Zustand erweckte, in den sie Pendrasils magische Attacke befördert hatte.

„Es ist schwer in Worte zu fassen, was geschehen ist“, sagte Thobin.

„Dann lass mich an deinen Erinnerungen teilhaben“, antwortete Emwén. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und schloss die Augen dabei.

Dann nickte sie leicht und ließ ihn schließlich wieder los.

„Ich will nicht behaupten, dass ich genau verstanden habe, was geschehen ist“, meinte Thobin. „Aber Tatsache ist, dass sich das Schiff wieder in Rauch aufgelöst hat.“

„Die Entladung der magischen Kräfte hat es zurück in die Zwischenwelt der Schattenpfade gestoßen!“, erklärte Emwén. „Genau das sollte auch geschehen. Ich war nur nicht mehr stark genug, um es zu vollenden – und ich wusste natürlich auch nicht, ob es gelingen würde.“

„Doch – gelungen ist es. Und das gerade noch rechtzeitig, denn es hätte nicht viel gefehlt und die Riesenfledertiere hätte uns zerrissen.“

„Ich habe nie behauptet, dass es eine Reise ohne Gefahren werden wird!“, sagte sie.

„Das Leben eines Diebes in Aratania erscheint mir dagegen geradezu geruhsam.“

Sie lächelte. „Das würde ich nun auch nicht sagen, Thobin.“

„Wieso?“

„Vergiss nicht, dass es immerhin dein schlechter Umgang war, der uns in diese Schwierigkeiten gebracht hat! Schließlich war Pendrasil dein Auftraggeber...“

„Ich hoffe, dass wir diesen düsteren Kerl nie wieder sehen!“

„Diesen Gefallen wird er uns kaum tun“, sagte Emwén. „Ich habe gespürt, wie sehr er das Wissen der Verborgenen Stadt begehrt. Und auch wenn er durch die magische Entladung eine Weile in den Schattenpfaden gefangen sein mag, er wird früher oder später einen Weg zurück finden...“

„Und da wir dasselbe Ziel verfolgen, wird er uns wieder über den Weg laufen“, nickte Thobin. „Ich hoffe nur, dass das nicht zu bald der Fall sein wird...“

„Ein Grund mehr, sich zu beeilen“, meinte Emwén. „Der Weg zur Verborgenen Stadt ist noch weit. Und im Gegensatz zu Pendrasil beherrscht niemand von uns die Kunst, über die Schattenpfade zu reisen...“

––––––––

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SIE BRACHEN BALD WIEDER auf. Die Pferde von Faragan und Thobin waren zunächst etwas unruhig, aber Emwén ließ sie etwas von einer Pflanzenessenz aus ihrer Hand fressen, was sie beruhigte.

Von dem Riesenfledertieren war nirgends noch etwas zu sehen. Und als ihnen am nächsten Tag eines begegnete, nahm es sofort Reißaus, als es die Gruppe der Gefährten aus der Ferne erblickte.

„Langsam beginne ich wieder Vertrauen in meinen eigenen Vertreibungszauber zu bekommen“, lächelte Emwén.

Shrrr sandte dem davonfliegenden Riesenfledertier einen  grimmigen Schrei hinterher und schwenkte triumphierend seine Axt.

Faragan wandte sich unterdessen an Gredos.

„Könnt Ihr es denn wirklich länger ertragen, an der Seite eines Trork zu reisen?“, fragte er etwas spöttisch.

Der Zentaur machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es gibt Schlimmeres“, meinte er. „In meinem ganzen bisherigen Leben bin ich nicht Zeuge von so viel Magie geworden wie in der Zeit, die ich mit euch verbracht habe. Auch wenn ich das gemütliche Leben im Dienst der großköniglichen Post jeder Aufregung vorziehe – ich werde sicher noch lange daran denken. Und vergesst nicht! Es war mein Kautabak, der die Elben wiedererweckte!“

„Der Dank des Elbenkönigs ist Euch gewiss, Gredos“, meinte Ylandor in aller Ernsthaftigkeit.

„Bis zur Grenze reite ich jedenfalls mit euch“, kündigte der Zentaur an. „Denn - wie schonmal erwähnt – bis dahin haben wir denselben Weg.“

Thobin hörte den Gesprächen der anderen kaum zu. Er dachte an die Verborgene Stadt und das, was er von ihrer Vergangenheit gesehen hatte.

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Das Schiff der Orks

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Fantasy Roman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

Ein Schiff voller wilder Orks auf der Suche nach Gold und Glück!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Ein hochgewachsener Mann in dunkler Kutte, deren Kapuze tief ins Gesicht gezogen war, ging durch die verfallenden Straßen des nächtlichen Ardassa.

Die Ruinenstadt stellte heute nur einen Abklatsch früherer Größe dar. War sie einst die zweite Hauptstadt des Reiches der Meeresherrscher gewesen, so wurde sie jetzt von dem sagenumwobenen Bettlerkönig beherrscht, der seine Anhänger in alle Welt aussandte. Einst, zur Zeit des Reiches der relianischen Meeresherrscher, war Ardassa eine Weltstadt gewesen. Jetzt rochen ihre zerbröckelnden Mauern nach Moder und eine Aura des Verfalls hatte sich dieses Ortes bemächtigt. Ardassa bot dem Gesindel der gesamten Hemisphäre Unterschlupf. Piraten und Ausgestoßene trafen sich hier, Sonderlinge, Propheten verschrobener Kulte und Gelehrte, deren Lehren andernorts als Ketzerei galten.

Wie ein Schatten wirkte der Kuttenmann.

Das Licht des fahlen Mondes drang nicht in das Dunkel, das seine Kapuze erfüllte.

Von seinem Gesicht war nichts zu sehen.

Eiligen Schritte und fast lautlos ging er durch die engen, finsteren Gassen.

Lärm, Musik und zänkisches Stimmengewirr drang aus den vereinzelten Schänken.

Hier und da wurde eine Tür oder ein Fenster geöffnet und für kurze Augenblicke drang etwas Licht in die Finsternis der Straßen Ardassas.

Die Schritte des Kuttenträgers waren schnell und zielstrebig. Er schien sehr genau zu wissen, wo sein Ziel lag.

Die sich nähernden kehligen Stimmen einiger Männer ließen ihn aufhorchen, als er in eine weitere Gasse bog.

Drei lärmende Männer kamen ihm entgegen, die offenbar schon einiges getrunken hatten. Seeleute irgendeines Piratenschiffs.

Der Kapuzenmann verbarg sich im Schatten einer Türnische und ließ die drei vorbeiziehen. Sie waren zu betrunken, um ihn zu bemerken.

Dann setzte er seinen Weg fort.

Vor der hölzernen Tür eines zweigeschossigen Hauses blieb er stehen. Er benutzte den Schlagring, um anzuklopfen.

Zunächst erfolgte keinerlei Reaktion. Erst nach dem zweiten Versuch öffnete ein alter, gebeugter Mann mit wirren weißen Haaren und einem dünnen Bart.

"Wer seid Ihr?", fragte der Alte.

"Einer, der mit dem Gelehrten Atamandrimedes zu sprechen wünscht!", war die Antwort des Kuttenträgers. Er sprach leise und mit tiefer, etwas rauer Stimme. Es klang beinahe wie ein düsteres Flüstern. Er sprach zwar Bryséisch, aber mit einem eigentümlichen Akzent, der keinen Zweifel daran ließ, dass er aus einem anderen Teil der Welt stammen musste.

Der Alte runzelte die Stirn.

"Ich bin Atamandrimedes", erklärte er.

"So lass mich eintreten. Ich habe mit Euch über eine Schriftrolle zu reden, die sich gegenwärtig in Eurem Besitz befindet, Atamandrimedes."

"Ich weiß nicht, wovon Ihr redet!", erwiderte der Gelehrte.

Eigentlich widerstrebte es ihm ganz offensichtlich, diesen Fremden hereinzulassen.

Aber der Kuttenmann setzte einfach einen Fuß nach vorn. Zwei Schritte und er stand in dem spärlich beleuchteten Haus. Kerzenlicht flackerte in der Zugluft. Mit dem Absatz gab der Kuttenträger der Tür einen Stoß, sodass sie zurück ins Schloss fiel.

Atamandrimedes wich zurück.

Der Kuttenträger schob den Riegel vor die Tür.

"Es ist viel Gesindel in der Stadt", erklärte er dazu.

"Jetzt sag mir, was Ihr wollt, Fremder!", forderte Atamandrimedes jetzt unmissverständlich.

Aber ein angstvolles Zittern schwang in seiner Stimme mit. Sie hatte einen leicht vibrierenden Klang, drohte sich zu überschlagen. Der Gelehrte schluckte.

Der Kuttenträger legte seine Kapuze zurück. Das hagere Gesicht eines grauhaarigen, bärtigen Mannes wurde sichtbar. Der Teint war dunkel. Und der Blick der dunklen, beinahe schwarzen Augen hatte eine geradezu hypnotische Intensität, die Atamandrimedes unwillkürlich erschauern ließ.

Nie zuvor war ihm ein vergleichbarer Blick begegnet.

"Verzeiht meine Unhöflichkeit", sagte der Kuttenträger schließlich nach einer längeren Pause des Schweigens. "Mein Name ist An-Shar. Und genau wie ihr habe ich Jahre meines Lebens dem Studium der Magie und der alten Schriften gewidmet."

"Ich habe Euren Namen noch nie zuvor gehört", meinte Atamandrimedes stirnrunzelnd.

Ein dünnes Lächeln spielte um An-Shars Lippen.

"Das ist gut möglich", sagte er und hob dabei die Schultern. "Ich bin hier, um mit Euch über eine Schrift zu sprechen, die über verschlungene Pfade in Euren Besitz gelangt ist..."

"Oh, das gilt gewiss für viele Schriften, die ich in meiner Privatbibliothek im Laufe vieler Jahrzehnte gesammelt habe!", erwiderte Atamandrimedes.

"Ich spreche von der Rolle der geheimen Worte..."

Atamandrimedes schluckte. Er öffnete halb den Mund, so als wollte er etwas erwidern. Aber kein einziges Wort kam über seine Lippen.

"Ich bin nicht im Besitz dieser Rolle!", behauptete er schließlich und wich noch ein paar Schritte weiter vor dem Fremden, der sich An-Shar genannt hatte, zurück.

Dessen Stimme bekam jetzt einen bedrohlichen Unterton.

"Jahre schon jage ich dieser Schrift hinterher, habe jede Station ihres Aufenthalts verfolgt, bin ihr über Meere und Kontinente nachgereist. Ich verfolgte ihren Weg über Mokanesh und Aylonesse, über das Meer der Sieben Winde nach Bryseia. So traf ich einen Händler von zweifelhaftem Ruf, der sich mitunter wohl auch als Pirat versucht, wenn die Geschäfte schlecht gehen. Ein schmalgesichtiger Elbenoide namens Salid al-Dosi. Ich bin überzeugt davon, dass Ihr Euch an seinen Namen erinnern werdet!"

"Nein! Ich habe diesen Mann nie getroffen!"

An-Shar lächelte zynisch. "Ich glaube kaum, dass dieser Salid al-Dosi mich angelogen hat. Mir stehen nämlich sehr wirkungsvolle Methoden zur Verfügung, um die Wahrheit aus jemandem herauszuholen. Wenn Ihr versteht, was ich meine..."

Atamandrimedes versuchte, sich vor dem Kuttenträger in Sicherheit zu bringen. Aber sein Körper war von einem Augenblick zum nächsten wie gelähmt. Er vermochte sich nicht mehr zu bewegen. Alles, was er noch vermochte, war seine Augäpfel zu drehen und zu sprechen.

An-Shar trat nahe an den Gelehrten heran.

Atamandrimedes starrte den Fremden entsetzt an. Für einige Augenblicke waren An-Shars Augen vollkommen schwarz. Nicht ein bisschen weiß war noch zu sehen. Diese Erscheinung verschwand allerdings schon nach einigen Momenten. "Ich verfüge über Kräfte, von denen selbst ein Mann wie Ihr keinen Begriff haben dürfte. Und jetzt zeige mir die Schriftrolle, die ich suche..."

"Nein...", krächzte der Gelehrte.

Dann begann er plötzlich zu röcheln, so als ob er keine Luft mehr bekam. Sein Gesicht verfärbte sich, wurde dunkelrot.

"Nicht...nein...", keuchte er.

Noch einmal wurden die Augen des Kuttenträgers für einen kurzen Moment vollkommen schwarz. An-Shars Gesicht verwandelte sich dabei in eine hasserfüllte, verzerrte Maske.

Atamandrimedes schrie auf.

Dann entließ An-Shar den Gelehrten aus dem Griff seiner magischen Kräfte.

Atamandrimedes rang nach Luft, keuchte. Er hielt sich an der Wand fest.

"Ihr müsst ein Hexer sein, der sich der schwarzen Magie bedient!", brachte er dann hervor. "Anders kann ich mir das nicht erklären..."

"Es ist mir gleichgültig, was Ihr darüber denkt, Atamandrimedes. Mich interessiert nur die Schriftrolle. Und Ihr werdet sie mir geben."

Atamandrimedes nickte. Er sah wohl ein, dass er keine Möglichkeit hatte, sich gegen das Ansinnen dieses Mannes zu wehren.

"Folgt mir, An-Shar."

Während Atamandrimedes das sagte, rieb er sich den Hals.

Er führte den Kuttenträger in einen anderen, von Kerzenlicht erfüllten Raum. Der flackernde Schein ließ Schatten an den Wänden tanzen. Überall lagen alte Folianten und Schriftrollen herum.

"Wie ich sehe, habe ich Euch bei Euren Studien gestört, Meister Atamandrimedes..."

Der Gelehrte holte einen zylindrischen Behälter hervor und reichte ihn An-Shar. "Die Rolle, die Sie suchen, befindet sich darin!", behauptete er.

An-Shar öffnete den Behälter, holte vorsichtig die enthaltene Rolle hervor. Den Behälter ließ er zu Boden fallen. Dann entrollte er vorsichtig das Schriftstück.

Jahrelang bin ich diesem Schatz hinterhergejagt!, ging es ihm durch den Kopf. Ein Magier aus der Spätzeit des untergegangenen Reiches Ta-Tekem hatte die 'Rolle der geheimen Worte' verfasst. Eine schier unvorstellbare Irrfahrt hatte dieses Dokument anschließend hinter sich gebracht. Aber jetzt gehört es mir!, dachte An-Shar. Das letzte Stück, das mir in dem großen Mosaik noch gefehlt hat...

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte An-Shar eine Bewegung.

Atamandrimedes schnellte auf ihn zu. In seiner Rechten blitzte ein Dolch.

Der Gelehrte holte zum Stoß aus.

Mitten in der Bewegung hielt er inne. Seine Hand mit der Klinge zitterte. Wie von einer unsichtbaren Kraft abgelenkt, fuhr ihm der Dolch dann selbst in die Brust. Röchelnd sank er zu Boden.

Für Sekunden waren An-Shars Augen wieder vollkommen schwarz.

Er blickte zu den am Boden liegenden Gelehrten hinab.

Wie es scheint, habe ich ihn unterschätzt!, überlegte er. Atamandrimedes kannte offenbar die immense Bedeutung dieser Schriftrolle...

"Makanet Tephrenet ktogafon...", murmelte der Mann in der Kutte. Formelhafte Worte in einer längst vergessenen Sprache, die schon Äonen über keines Menschen Lippen mehr gekommen waren.

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2

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Wochen später...

"Bei der Streitaxt des Elben folternden Ork-Gottes!", entfuhr es Kirad Kiradssohn Elbenschlächter. "Ein bryséisches Handelsschiff! Darauf habe ich gewartet!" Der große, hässliche Kapitän und Schiffseigner stand am Bug des Ork-Langschiffs ORKZAHN. Die Gischt spritzte hoch empor, das Segel wurde von dem kräftigen Wind gebläht, der über die Meeresstraße zwischen den Küsten Relians und Bryseias wehte.

Die ORKZAHN war eine Skaid, worunter man ein orkisches Kampfschiff neuerer Bauart verstand, vierzig Meter lang, acht Meter breit und mit etwa zweihundert Kriegern bemannt. Am Bug befand sich der charakteristische Drachenkopf, der die Ork-Schiffe als Schrecken der Meere kennzeichnete.

"Es wurde Zeit, dass wir endlich auf Beute stoßen", murmelte Rraggrrorr Einauge, ein mächtiger Ork mit hässlichem Gesicht und üblen Hauern, der jetzt neben Kirad Kiradssohn getreten war. "Die Männer wurden schon unruhig."

Kirads Pranke schloss sich um den Griff des Breitschwertes, das er an der Seite trug.

"Ich hoffe nur, dass dieser bryséische Segler die Mühe auch lohnt und wertvolle Fracht an Bord hat."

Rraggrrorr Einauge lachte rau.

"Wie die Barkasse eines Stadtfürsten sieht diese Nussschale nicht gerade aus, Kirad!"

Die Männer stimmten ein wildes Kriegsgeheul an.

Die ORKZAHN fuhr seitlich auf den bryséischen Segler zu, näherte sich ihm von der dem Wind zugewandten Seite. Das war Taktik. Irgendwann würde das Quadratsegel, das von dem Gaffel der ORKZAHN hing, dem bryséischen Handelssegler im wahrsten Sinn des Wortes den Wind aus den Segeln nehmen.

Das Handelsschiff war ohnehin viel schwerfälliger, was die Manövrierfähigkeit anging.

Unter den Bryseiern brach offensichtlich Panik aus. Hektische Aktivität war zu beobachten. Die wirren Schreie drangen durch das Tosen der Gischt bis zu den Orks an Bord der ORKZAHN hinüber und stachelte die Freibeuter nur noch mehr an.

"Mehr Steuerbord!", rief Kirad in Richtung von Krune Drygvarrson, dem ersten Steuermann des Drachenschiffs. "Diese fette Beute soll uns nicht entkommen."

Bogenschützen gingen in Stellung und schossen ihre Pfeile in Richtung des Handelsseglers. Manche der Pfeilspitzen schnitten in die Segel hinein, andere bohrten sich in die Körper der bryséischen Seeleute.

Erste Todesschreie gellten über das Meer.

Einige Bryseier versuchten ebenfalls mit dem Bogen zurückzuschießen. Pfeile sirrten durch die Luft. Aber kaum einer erreichte auch die ORKZAHN. Hastig und schlecht gezielt glitten die meisten von ihnen ins Wasser.

Dann war die ORKZAHN bis auf wenige Meter an das Handelsschiff herangekommen.

Einer der Orks schleuderte eine Wurfaxt über die Reling des Handelsschiffs und traf einen der Bryseier mitten in der Stirn.

Die Segel des bryséischen Schiffes hingen schlaff vom Mast. Enterhaken wurden hinüber geworfen, hakten sich fest.

An dicken Tauen zogen die Krieger des Nordens den bryséischen Segler näher an ihr eigenes Schiff heran.

Gleichzeitig wurden die Segel der ORKZAHN losgelassen, so dass das Drachenschiff innerhalb weniger Augenblicke fast vollkommen die Fahrt verlor.

Die ORKZAHN legte sich jetzt längsseits des bryséischen Seglers.

Ein Pfeil durchdrang die Brust eines Orks. Getroffen kippte er über die Reling der ORKZAHN hinein in die Fluten.

Doch der bryséische Schütze kam nicht mehr dazu einen zweiten Pfeil einzulegen, denn Yggron Schädelspalter hatte seine Wurfaxt herausgerissen und mit einer wuchtigen Bewegung in Richtung des Gegners geschleudert.

Mitten in die Stirn wurde der bryséische Bogenschütze getroffen. Nicht einmal mehr für einen Schrei blieb ihm noch Zeit.

Für die orkischen Seefahrer gab es jetzt kein Halten mehr. Kirad Kiradssohn, der Kapitän der ORKZAHN, kletterte als einer der Ersten an Bord des bryséischen Seglers.

Dicht hinter ihm Trurbjjan Axtschwinger, der eine gewaltige Streitaxt schwang, um damit Tod und Verderben unter den bryséischen Seeleuten zu säen.

Etwas zischte durch die Luft.

Kirad duckte sich im letzten Moment. Eine scharfe, blitzende bryséische Klinge schnellte dicht über ihn hinweg.

Den nächsten Hieb parierte Kirad mit seinem eigenen Schwert. Metall schlug klirrend auf Metall.

Der Bryseier holte erneut aus, aber eher seinen Schlag wirklich anbringen konnte, hatte Kirad Kiradssohn Elbenschlächter ihm den Kopf vom Rumpf getrennt.

Überall auf dem Schiff war jetzt Waffengeklirr zu hören. Es mischte sich mit den Schreien der Sterbenden und den barbarischen Kriegsrufen der Orks.

Der Übermacht der geballten Kampfkraft der Ork hatten die bryséischen Seeleute auf Dauer nichts entgegen zu setzen.

Die Verteidiger waren zum Untergang verurteilt. Einer nach dem Anderen sank blutüberströmt auf die Planken oder in die salzige See.

Trurbjjan Axtschwinger ließ seine gewaltige, fast schon monströs wirkende Streitaxt kreisen.

Yggron Schädelspalter hieb mit einem einzigen Schwertstreich seinen Gegner in der Mitte durch.

Kirad drang indessen ins Innere des Schiffes vor. Es stieg eine schmale Treppe hinab, die unter Deck führte.

Ein Mann in einem dunkelroten, tunikaartigen Gewand stürmte ihm entgegen.

Sein dunkles Haar kräuselte sich etwas und zeigte Ansatz zur Lockenbildung. Die eine Hand umklammerte ein langes, schlankes Schwert, die andere einen Wurfspeer. Das Gesicht dieses Mannes war zu einer Maske der Wut verzerrt.

Er schleuderte seinen Speer. Kirad wich zur Seite. Nur eine Handbreit neben ihm fuhr der Speer entlang und zerschmetterte eine der Sprossen jener Holztreppe, über die Kirad soeben hinabgestiegen war.

Mit der Wucht derselben Bewegung stürzte der Bryseier nun vorwärts, ließ dabei das Schwert kreisen. Seine Hiebe folgten rasch aufeinander.

Kirad vermochte sie nur mit Mühe zu parieren. Er wich aus, taumelte zu Boden.

Der Bryseier war über ihm, fasste das Schwert mit beiden Händen, um Kirad Kiradssohn Elbenschlächter den Todesstoß zu versetzen, als sich ein Pfeil in die Brust des Bryseiers bohrte.

Mit einem verständnislosen Ausdruck in den Augen sank er zu Boden.

Kirad kam wieder auf die Füße. Er atmete tief durch, blickte dann hinauf zu jener Luke durch die er hinabgestiegen war.

Dort sah er das breite bärtige Gesicht von Yssgar Bogenschütze.

"Das war knapp, Kapitän", sagte Yssgar. Er stieg jetzt ebenfalls hinab, übertrat dabei die von dem Speerwurf zerstörte Sprosse.

Oben, an Deck, war der Kampflärm inzwischen abgeebbt. Die Schreie der Sterbenden verstummten.

Kirad legte Yssgar eine Hand auf die Schulter.

"Du hast etwas gut bei mir, Yssgar."

Yssgar Bogenschütze lachte dröhnend.

"Ich denke bei dieser Fahrt werden sich noch genügend Gelegenheiten ergeben bei denen du dich revanchieren kannst, Kapitän."

"Da magst du wohl recht haben", nickte Kirad.

Yssgar ließ kritisch den Blick umherschweifen.

Einige Kisten und Fässer standen in diesem Raum herum und waren durch Taue gut befestigt, damit sie während der Fahrt bei hohem Seegang nicht in Bewegung gerieten.

Yssgar zog sein Schwert, hieb eines der Taue durch und kantete eine der zugenagelten Kisten auf.

Er verzog angewidert den Mund.

"Eingelegtes Salzfleisch, pah und Stockfisch."

"Hast du Kisten voller Gold erwartet?", fragte Kirad.

Yssgar grinste.

"Jedenfalls wäre mir das lieber als dieser Fraß hier."

Eine hochaufgeschossene Gestalt schälte sich aus dem Halbdunkel des Laderaums heraus.

Die Gestalt trug einen kuttenartigen Kapuzenmantel. Unwillkürlich fasste Kirad den Schwertgriff fester und auch durch die Gestalt von Yssgar Bogenschütze ging ein Ruck. Seine Rechte ließ das Schwert fallen. Mit einer behänden, sehr schnellen Bewegung zog er einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn in den Bogen ein.

"Ich warne euch", sagte die Gestalt mit dunkler Stimme. "Wenn ihr mich tötet, so werdet ihr es bereuen."

Der Unbekannte hatte Bryséisch gesprochen, eine Sprache, die Kirad Kiradssohn einigermaßen beherrschte.

Gut zehn Sommer war es jetzt schon her, dass Kirad auf dem Handelsschiff seines Onkels Magnus Lroffson angeheuert hatte und zum Steuermann ausgebildet worden war.

Magnus Lroffsons Fahrten hatten oft in die Städte Bryseias geführt und in jener Zeit hatte Kirad Kiradssohn gelernt, wie man ein Schiff führte und wie man es dabei anstellte, dass man die Elemente zu Freunden hatte.

All dies kam dem Kapitän, da er mit eigenem Schiff und auf eigene Rechnung auf Raubfahrt ging, sehr zu gute.

Ebenso die Kenntnisse über die bryséischen Städte und Handelsplätze, die er damals erworben hatte. Denn auch geraubtes Gut wollte irgendwo und irgendwann wieder in klingende Münze verwandelt werden, wobei es Kirad Kiradssohn Elbenschlächter ziemlich einerlei war, welcher Herrscher diese Münzen jeweils geprägt hatte.

Der Unbekannte legte jetzt seine Kapuze zurück. Sein grauhaariger Kopf kam zum Vorschein.

Der noch beinahe schwarze Bart unterstrich die harten Konturen seiner Züge. Die dunklen fast schwarzen Augen schienen eine beinahe hypnotische Kraft zu haben, der man sich schwer entziehen konnte.

Mit einem stechenden Blick musterte der Bärtige die beiden Orks.

"Ich bin der Kartenleser dieses Schiffes und mein Wissen könnte euch von großem Nutzen sein."

Die Augen des Unbekannten verengten sich plötzlich, wurden zu schmalen Schlitzen. Sein Gesicht bekam einen äußerst angespannten Ausdruck.

Yssgar Bogenschütze schrie auf, riss den Bogen empor. Der Pfeil schoss in die Decke, blieb in dem dunklen Holz stecken und zitterte dabei, während der Bogenschütze rückwärts zu Boden ging.

Yssgars Augen waren schreckgeweitet.

Kirad stand wie erstarrt da, musterte kurz den Bogenschützen. Nie zuvor hatte Yssgar so etwas erlebt.

Kirad nahm das Schwert mit beiden Händen.

"Bei den einfältigen Göttern Bryseias, wer bist du?", fragte er den Fremden.

Das Lächeln, das jetzt auf seinem Gesicht erschien, troff nur so vor Verachtung und Zynismus.

"Immerhin beherrschst du die Sprache der Zivilisation gut genug, um in ihr fluchen zu können", stellte er fest. "Das kann nicht jeder Barbar von sich behaupten."

Vollkommen unerschrocken trat der Mann einen Schritt nach vorn.

"Mein Name ist An-Shar", erklärte er.

"Das ist kein bryséischer Name", stellte Kirad fest. "Und selbst ich, der ich ja nur ein Barbar bin, höre den Akzent mit dem du sprichst."

"Du hast Recht. Ich bin kein Bryseier."

Yssgar Bogenschütze, der kaum Bryséisch sprach und diese Unterhaltung nicht mitbekommen hatte, streckte die Hand aus. Er schluckte dabei.

"Dieser Mann ist von einem Dämon besessen", stieß er hervor. "Er hat Kräfte, die sich nicht mit den Gesetzen der Natur in Einklang bringen lassen. Irgendeine Art von Magie scheint er anzuwenden."

Yssgar erhob sich. Er wollte nach dem Bogen greifen, aber Kirad schüttelte den Kopf.

"Bevor wir ihn erschlagen, lassen wir ihn doch noch erzählen", forderte der Kapitän.

Kirad war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber auch Orkisch verstand.

"Du hast gesagt, du seist Kartenleser", wandte er sich dann in bryséischer Sprache an An-Shar.

"Das ist richtig", nickte dieser.

"Wohin wart ihr unterwegs?"

"Die Reise dieses Schiffes sollte nach Elbenoi führen. Es ging darum, einen Schatz von kaum vorstellbarem Wert zu bergen."

"In Elbenoi ?", höhnte Kirad. "Nach allem was ich über dieses Land gehört habe, besteht es aus Wüsten, Sand und Ruinen, die hin und wieder vom Wind freigelegt werden."

"Du bist vielleicht nicht ganz so weltläufig wie du glaubst, Barbar. Im Übrigen habt ihr alle erschlagen, die mit mir diesen Schatz zu bergen hofften. Ich schlage daher vor, dass wir uns zusammentun. Ich brauche ein Schiff und eine Mannschaft und nach allem, was ich über die Orks weiß, sind sie für die Aussicht auf Reichtum jedes nur erdenkliche Risiko einzugehen."

"Gut", sagte Kirad. "Wir nehmen dich mit, als unseren Gefangenen."

An-Shar lachte laut auf.

"Du kannst das nennen wie du willst, Barbar, aber im Endeffekt werden wir beide Partner sein, gleichberechtigte Partner. Denn ohne mein Wissen wirst du diesen Schatz nie erringen können. Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als mit mir zusammen zu arbeiten. Mal davon abgesehen, dass es nicht so leicht ist mich zu erschlagen. Das haben schon ganz andere versucht."

Er streckte die Hand aus. Der Bogen, den er zuvor Yssgar mit Hilfe seiner geheimnisvollen Kräfte entrissen hatte, schwebte jetzt empor direkt in die Hand des Bogenschützen. An-Shar murmelte dabei etwas vor sich hin, das in den Ohren der beiden Orks wie sinnlos aneinander gereihte Silben klang.

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