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Die Herrin der Gaukler

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel
  31. 26. Kapitel
  32. 27. Kapitel
  33. 28. Kapitel
  34. 29. Kapitel
  35. 30. Kapitel
  36. 31. Kapitel
  37. 32. Kapitel
  38. 33. Kapitel
  39. 34. Kapitel
  40. 35. Kapitel
  41. 36. Kapitel
  42. 37. Kapitel
  43. 38. Kapitel
  44. 39. Kapitel
  45. 40. Kapitel
  46. 41. Kapitel
  47. 42. Kapitel
  48. 43. Kapitel
  49. 44. Kapitel
  50. 45. Kapitel
  51. 46. Kapitel
  52. 47. Kapitel
  53. 48. Kapitel
  54. 49. Kapitel
  55. 50. Kapitel
  56. 51. Kapitel
  57. 52. Kapitel
  58. 53. Kapitel
  59. 54. Kapitel
  60. 55. Kapitel
  61. 56. Kapitel
  62. 57. Kapitel
  63. 58. Kapitel
  64. 59. Kapitel

Über dieses Buch

Eine gefährliche Liebe in der Provence und eine junge Frau auf der Suche nach Vergeltung

Provence, 1545: Nach dem brutalen Überfall ihres Heimatdorfes gelingt der jungen Jeanne nur knapp die Flucht. Verängstigt und fast zu Tode gequält, findet die rothaarige Schönheit Zuflucht bei der Gauklertruppe des Tantris, der selbst ein tragisches Schicksal zu beklagen hat. Bald schon ist Jeannes erotischer Tanz ein Ereignis in den Städten Südfrankreichs. Auch Tantris bleiben ihre Reize nicht verborgen. Schließlich macht sich die Truppe auf den Weg zum Schloss jenes Mannes, der das Massaker in Jeannes Heimat befahl. Doch als sie ihr Ziel erreichen, zeigt sich, dass Tantris nicht der ist, für den Jeanne ihn gehalten hat ...

Über die Autorin

Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin“ hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.

Tessa Korber

Die Herrin der Gaukler

Historischer Roman

1. Kapitel

Jeanne schritt fröhlich aus. Der Korb unter ihrem Arm, mit zehn Eiern darin und einem Beutel Daunen, wog beinahe nichts. Sie zog das Tuch darüber noch einmal zurecht; alles war da und an seinem Platz. Dann hob sie den Kopf und genoss die Kraft der Sonne auf ihrer Haut. Sie fühlte sich selbst so federleicht an diesem Morgen.

Die Luft war mild, der Sonnenschein brachte das Laub der Weinberge zum Leuchten. In den Zweigen des nahen Olivenhaines spielte ein warmer Wind und ließ die silbernen Blätter flirren. Auch der Ginster am Wegrand wogte, die Zweige prall mit goldenen Blüten besetzt. Jeanne ließ ihre Finger im Vorbeigehen darübergleiten, pflückte eine Rute und steckte sie sich ins Haar. Wie schön doch das Leben war!

Sie wagte zwei Tanzschritte, drehte sich einmal, dass ihr flammend roter Zopf flog, musste dann über sich selber lachen und ging ruhig, aber leise singend weiter.

Da kam das Tor des Gutshofes in Sicht. Sah sie anständig aus? Jeanne klopfte den Staub von ihrem Rock, rückte die Schürze noch einmal zurecht, überprüfte den Sitz des Halstüchleins und strich sich die widerspenstigen Strähnen aus der Stirn.

»Dem Vogel, der am Morgen singt, wird am Abend der Hals umgedreht«, rief da eine keckernde Stimme.

Mehr verärgert als erschrocken schaute Jeanne sich um und entdeckte den Sprecher, der auf der grauen Mauer der Einfriedung hockte, ein Bein hochgezogen, das Kinn auf einen Stock gestützt. Seine Kleidung bestand aus lumpigen Hosen und einem formlosen, löchrigen Wams, das den Namen Hemd nicht verdiente. Der Mann, dessen Alter man angesichts seiner Verwahrlosung unmöglich schätzen konnte, war barfuß und zeigte dem prächtigen Sonnenschein zwei schwarze, sicher nie gewaschene Füße.

Jeanne überlief ein kleiner Schauer des Ekels, wie immer, wenn sie dem verrückten Jacques begegnete. Sie mochte den Anblick seines aufgerissenen, zahnlosen Mundes nicht und noch viel weniger sein boshaftes Lachen, das immer klang, als wüsste er etwas über einen. Dann reckte sie stolz ihre Stupsnase und machte Anstalten, ohne eine Antwort an ihm vorbeizugehen. Niemand nahm den irren Jacques ernst. Wusste der Himmel, warum der Verwalter duldete, dass sich so ein Nichtsnutz auf den Gütern der Baronin herumtrieb. Er arbeitete nicht, tat keinem etwas zuliebe und schwatzte den ganzen Tag dummes Zeug. Sein tumber Blick verfolgte sie jedes Mal, wenn sie kam, um die Abgaben von ihres Vaters Hof zu bringen.

Jacques kicherte, als sie so hochgemut weiterschritt. Er rutschte von seiner Mauer und machte sich daran, auf seinen Stock gestützt, neben ihr herzuhumpeln. Dabei verschlang er das spröde Mädchen mit den Augen: diese hochgewachsene, biegsame Gestalt, die ihr Haar gar nicht so fest flechten konnte, dass es die krausen Locken oder gar die leuchtende Farbe gebändigt hätte. Wenn Jeannes Mutter abends die flammende Pracht bürstete, schüttelte sie manchmal den Kopf und zweifelte daran, dass so viel Wildheit wirklich gottgefällig sein könne.

Jeanne, die seine Aufmerksamkeit wohl bemerkte, schüttelte es innerlich, und sie achtete darauf, dass er ihr Kleid nicht streifte. Einen Moment schien es ihr doch tatsächlich so, als wollte er mit seinen schmutzigen Fingern ihren nackten weißen Unterarm berühren. Daher wechselte sie energisch den Korb von der einen auf die andere Seite und stieß ihn wie zufällig damit an.

Jacques kicherte wieder. »Man sagt, ihr betet nicht für die Seelen eurer Verstorbenen, dass sie aus dem Fegefeuer errettet werden.«

Jeannes grüne Augen funkelten vor Unwillen, und ihr breiter, sonst so lachfreudiger Mund verzog sich. »Wozu auch«, blaffte sie, »wo es doch kein Fegefeuer gibt.« Sie warf den Kopf zurück. »Das ist eine Erfindung der Päpste. In der Bibel steht kein Wort davon«, beschied sie ihm schnippisch. »Lies es doch nach, wenn du mir nicht glaubst.«

Mit einem Lachen schritt sie aus. Als ob der irre Jacques lesen könnte! Er vermochte es so wenig wie all die anderen Bauern. Aber vielleicht war er ja dumm genug, am Sonntag seinen Pfarrer danach zu fragen. Da würde er schön etwas zu hören bekommen! Jeanne lachte wieder; es geschähe dem unverschämten Kerl ganz recht.

Jacques war zurückgeblieben, ob aus Verblüffung oder weil sie zu flink für ihn war, es war nicht auszumachen. Jeanne hörte seine Stimme in ihrem Rücken.

»Euch Waldensern wird es noch gehörig an den Kragen gehen«, kreischte er und verfiel dann in seinen alten Refrain: »Der Vogel, der am Morgen pfeift! Der Vogel, der am Morgen pfeift.«

Jeanne hob angewidert die Schultern: Der Mensch war doch tatsächlich drauf und dran gewesen, sie anzufassen mit seinen schmutzigen Fingern. Dann schnaufte sie einmal tief durch, schüttelte energisch ihren Zopf – und war da. Laut grüßend schritt sie über den Hof. Wer sie kannte, hob den Kopf. Man winkte zurück, rief Scherzworte. Der alte schwarze Wachhund lief schwanzwedelnd auf sie zu, bis die Kette ihn stoppte, und wartete winselnd auf ihre Zuwendung. Sie gönnte ihm ein kurzes Kraulen hinter dem Ohr, ehe sie die Abgabenstube betrat.

Hier fiel das strahlende Tageslicht nur gedämpft herein. Wie ein Schleier legte es sich über die verschlossenen Schränke, das Regalbrett mit den Tuchen, über den blank gescheuerten Tisch und die Waage in seiner Mitte. Mehlstaub tanzte in der Luft. Es roch nach Korn, nach Käse und Kräutern. Jeanne stellte ihren Korb ab, als der Verwalter eintrat. Sorgfältig rieb er sich die Hände an seinem Lederschurz ab, ehe er ihr die Rechte reichte.

»Jeanne«, begrüßte er sie, »pünktlich wie immer.« Dann fiel sein Blick auf den Ginster in ihrem Haar. »Und wie hübsch du wieder daherkommst.« Er hob die Hand, als wollte er die Blüten berühren, ließ sie aber wieder sinken und griff stattdessen nach dem Korb. Die Waldenser blieben unter sich, das wusste er aus Erfahrung, und es war vermutlich auch besser so. Ein hübsches Gesicht, und wäre sein Teint noch so klar, sollte einen nicht zu Dummheiten verführen.

»Lass doch einmal sehen.«

Jeanne lächelte und zog das Tuch zurück, damit er die Eier zählen und die Qualität der gerupften Daunen begutachten konnte.

»Es ist alles da«, erklärte er schließlich zufrieden. »Aber wann war das je anders.« Er tätschelte wohlwollend ihre Hand, dann schlug er ein großes, in Leder gebundenes Buch auf und fügte nach einigem Suchen einer langen Kolonne von Zahlen zwei neue Ziffern hinzu. Sorgsam malte er sie hin. Ohne aufzuschauen, begann er: »Sag deinem Vater, wegen der Enten, die er zum achten bringen soll ...«

Doch sie wurden unterbrochen. »Rauch«, rief eine aufgeregte Stimme, »da steigt Rauch auf von Lourmarin!«

Die beiden in der stillen Stube wechselten einen erstaunten Blick, dann traten sie gemeinsam nach draußen zu den anderen. Aus allen Ecken des Hofes liefen die Menschen zusammen. Jeanne ging ein Stück des Weges zurück, den sie eben gekommen war. Gleich hinter dem Tor des Hofes senkte sich die Straße, und man hatte einen guten Ausblick über die Ebene, die sich im Süden bis an den Lauf der Durance senkte. Das Städtchen Lourmarin, grau inmitten des Grüns, hockte auf einem flachen Hügel wie eine Muschel auf einem tangbewachsenen Felsen, umgeben von seinen Hainen und Feldern. Jeanne kannte es gut; ihr eigenes Dorf war nicht weit östlich davon. Und in Lourmarin sollte Rauch aufsteigen?

Jeanne trat aus dem Dunkel des Torbogens hinaus auf die Straße und beschattete die Augen, um besser sehen zu können. Tatsächlich, da war es: Weiße und graue Rauchfäden erhoben sich von der Silhouette der Stadt, über der die Luft zu flimmern schien. Neben Jeanne waren Knechte über den Misthaufen auf die Mauer geklettert.

»Ob die Mühle brennt?«, rief es hinter ihr.

»Nein, die liegt außerhalb des Walls«, tönte es von droben herab. »Es scheint mir näher beim Tor, nein, bei den Speichern.«

»Lieber Gott«, schrie eine Frau, »es brennt einfach alles zusammen, seht nur!«

Jeanne sah es. Der Rauch wolkte jetzt dick und schwer in den blauen Vormittagshimmel. Sie meinte beinahe, ihn riechen zu können. Und nun war auch das Brausen der Flammen zu hören. Und darüber, erschreckend und klar: Waffengeklirr.

»Ich sehe Berittene«, rief ein Knecht. Er brauchte es nicht zu wiederholen. Auch Jeanne hatte sie bemerkt: Auf der Straße nach Lourmarin war ein Zug von Gestalten zu Pferde klein und nur undeutlich zu erkennen, aber von ihren Leibern blitzte die Sonne. Das waren Waffen und Harnische.

Papa, dachte Jeanne in diesem Moment, während die anderen es sich gegenseitig zuriefen, dass Lourmarin von Bewaffneten angegriffen würde. Die Angst griff nach ihr und presste ihr die Eingeweide zusammen. Für einen Moment schloss sie die Augen, zu spät, um nicht die zweite Rauchsäule zu bemerken, die sich jetzt weiter in der Ferne erhob, ein ganzes Stück südlich, schon beinahe am Fluss. Jeanne wusste, von wo sie aufstieg: Cadenet, wo ebenfalls Glaubensbrüder lebten. Sie wollte es nicht mehr sehen. Und sie wollte nicht nach Osten blicken. Tränen quollen hinter ihren Lidern hervor, die sie hartnäckig zusammenpresste.

Es konnte nicht wahr sein, es durfte nicht sein. Die Baronin hielt doch ihre Hand stets schützend über ihre Waldenserdörfer, all die Jahre schon. Sie sah ihren Vater vor sich, der in diesem Moment zweifellos auf den Feldern arbeitete wie stets um diese Zeit: wie er sich aufrichtete, die Stirn beschattete, genauso wie sie eben, und voller Staunen in den gnadenlosen Himmel blickte, an dem sich jetzt schon drei, vier, nein fünf schwarze Säulen der Vernichtung zeigten.

Jeanne hatte die Augen wieder geöffnet. Blinzelnd schaute sie nach Osten. Dort war nichts als das rauschende Wiegen der Kiefern.

»Sie holen sich die Waldenser. Sie holen sich die Waldenser.« Der irre Jacques hatte sich draußen auf seinem Mäuerchen aufgerichtet und zappelte wie in einem irren Tanz und wiederholte wieder und wieder sein hämisches Verslein.

Niemand antwortete ihm, niemand verbot ihm den Mund. Aller Augen hingen an dem grausamen Spektakel drunten im Tal. Jeanne spürte, wie der eine oder andere Blick sich heimlich zu ihr verirrte und rasch wieder abwandte. Sie hörte es tuscheln, doch niemand sprach sie an. Sehr gerade stand sie da, stocksteif und wie erstarrt. Jeanne fröstelte in dem Schweigen, das sie umgab. Jede Vertrautheit war mit einem Mal verschwunden. Es war jetzt so still, dass man vermeinte, die Schreie der Sterbenden hören zu können. Und doch war da nichts als das Rauschen des Windes und das Summen der Insekten über den Blüten.

Als wäre erst durch Jacques’ grausame Worte wirklich wahr geworden, was sie doch mit ihren eigenen Augen sehen konnte, stieg nun langsam und überwältigend die Panik in Jeanne auf. Ihre Hände zitterten, ihre Knie wurden weich. Sie umklammerte den leeren Korb, als wäre er ihr Schutz und Stab. Dann plötzlich, ohne einen bewussten Entschluss gefasst zu haben, schürzte sie die Röcke und rannte die Straße, die sie so fröhlich heraufgekommen war, wieder hinab, dass ihr Zopf tanzte und loderte wie ein Fanal. Sie hörte den Hund hinter sich bellen und wandte sich nicht um. Sie musste nach Hause, so schnell sie nur konnte. Dort war der Himmel noch immer unberührt, aber wie lange noch, wie lange?

Papa, dachte Jeanne, als sie rannte, Mama! Anne! Und Louis, der kleine Louis! Sie sah sich im Geiste bereits ihren jüngsten Bruder ergreifen, den anderen die Warnung zurufen und davonstürzen, hinauf zu den schützenden Grotten, solange es noch Zeit war. Und dort sich in einen dunklen Winkel drängen, den Kopf in Mutters Schoß betten und an nichts denken, an gar nichts. O bitte, lieber Gott, dachte Jeanne und keuchte, bitte, bitte, bitte. Sie stürzte und rappelte sich, das blutende Knie nicht beachtend, wieder hoch. Der Ginsterzweig fiel aus ihrem Haar.

2. Kapitel

Das Blut rauschte in Jeannes Ohren, als sie endlich aus dem Wald stolperte. Sie hielt inne und suchte Halt am Stamm einer niedrigen Eiche, deren Laub sie gut verbarg. Sie hatte eine Abkürzung genommen, sich die Hände an peitschenden Zweigen verletzt und den Rock im Unterholz zerrissen, aber nicht ein einziges Mal angehalten. Nun stand sie keuchend dicht vor den Mauern ihres Heimatdorfes, diesem freundlichen Kokon aus grauem Stein, dessen Mauern so alt wie die Felsen schienen. Schutzsuchend drängten die Häuser sich auf ihrer Anhöhe zusammen, aber vergeblich.

Jeanne sah es, sie sah alles, aber sie begriff es nicht. Wie konnte das auch sein, dass Männer, die sie gut kannte, die sie tagtäglich freundlich grüßten, jetzt dort auf dem Wall um ihr Leben kämpften? Sie sah einen schießen und fallen, daneben einen anderen, der schrie und schrie.

Aber das konnten nicht dieselben Brüder Tarcasse sein, die die Felder neben den ihren bearbeiteten und denen sie manchmal abgab vom Wein, wenn sie ihrem Vater das Mittagessen hinausbrachte. Mit verschwitzten Gesichtern waren sie dann gekommen, hatten sich für die Erde unter ihren Fingernägeln entschuldigt und mit weißen Zähnen gelächelt, während Jeanne ihren Korb auspackte. Die Brüder Tarcasse besaßen makellose Zähne, und der ältere, Joseph, hatte sie einmal angestrahlt und gesagt, er gehe mit ihr zum Tanz beim nächsten Fest, sie werde schon sehen. Sie hatte zurückgelacht und gesagt, da sei sie gespannt, wie er das anfangen wolle. Und dabei hatte sie nicht ohne Wohlwollen seine breiten Schultern unter dem verschwitzten Hemd betrachtet.

Jetzt kniete er da und brüllte, und seine Hände zerrten an der Lanze, die in seinem Bauch steckte, und seine weißen Zähne waren rot verfärbt von seinem eigenen Blut.

Jeannes Blick irrte umher, doch wohin sie sich auch wandte, sie traf nur auf Blut, auf Qual, auf Leichen. Durch ein Loch in der Mauer strömten die Soldaten ins Innere, dorthin, wo der friedliche Marktplatz mit dem Brunnen war. Jeanne sah es und krümmte sich vor Schmerz. Sie musste würgen, als sie die Schreie hörte, hohe Stimmen, die sich zu einem fassungslosen Kreischen steigerten, dem nichts Menschliches mehr anhaftete. Schrie sie selbst? Jeanne wusste es nicht.

Sie stolperte und taumelte vorwärts, spürte die Kraft aus ihren Beinen weichen. Doch sie musste hinein, dort war ihre Familie. Louis! Sie wagte die Namen kaum mehr zu denken. Vor ihrem inneren Auge gaukelten Bilder der Sicherheit, dunkle Ecken, der Keller, die alte Truhe, die Kirche, ja! Dort mochten sie stecken, dorthin konnten, mussten sie sich gerettet haben, dort würden sie überleben. Sie würde die Ihren unversehrt erblicken. Mit neuer Zuversicht setzte Jeanne den ersten Schritt auf die Wiese. Dann raffte sie ihre Röcke und rannte zur Bresche.

Ein Weib mit aufgerissenen Augen torkelte ihr entgegen, die eigenen Eingeweide gegen den Leib gepresst, noch lebend, schon tot. Jeanne kannte ihren Namen, sprach ihn nicht aus, wandte den Kopf. Es konnte nicht alles verschlungen sein von diesem Wirbelsturm aus Schreien und Blut.

»Jeanne!« Sie hob den Kopf. Doch die da die Stimme erhoben hatte, rief nach einer anderen, die nur denselben Namen trug. Jeanne sah die Frau des Schmiedes, die, sich heftig gegen zwei Soldaten wehrend, ihrer Tochter etwas zuwarf, ehe sie zu Boden gedrückt wurde und unter den Leibern der Männer verschwand. Jeanne sah auch das Mädchen, das ihren Namen trug, sah, wie es in seiner Flucht innehielt, stillstand, wie in großem Erstaunen auf die Klinge in seiner Hand starrte, dann auf die zuckenden Beine der Mutter, dann wieder auf die Männer, die näher kamen, mit energischen Schritten und grinsenden Gesichtern unter den Helmen, Piken und wallenden Federn. Die andere, mit einem Gesicht, als träumte sie, drückte die Klinge an sich, stand so eine Weile unberührt inmitten des Gewühls, bewegte die Lippen, als ob sie betete, holte dann aus und rammte sich das Messer in die Brust. Sie fiel, als Jeanne aufschrie.

»Da, die Rothaarige!«

»Ja, Herr.«

Jeanne hörte Pferdegetrappel. Etwas streifte sie mit Wucht und schleuderte sie zu Boden. Ihre Hände griffen in Mist. Ehe sie sich wieder aufrichten konnte, hatte jemand von hinten ihre Taille umfasst und sie hochgerissen. Sie spürte einen Körper und hartes Metall. Zappelnd schlug sie um sich und wurde herumgerissen. Unwillkürlich hob sie die Hände vors Gesicht, denn dicht vor ihr tänzelte unruhig ein riesiges Pferd und verspritzte Schweißflocken. In seinem Sattel saß ein Mann mit mächtigem Brustkasten, ein schwarzer Bart quoll unter seinem Helm hervor. Jeannes Blick blieb lange an dem Wappen auf seinem Wams haften, ehe sie es wagte, ihm ins Gesicht zu sehen. Kurz sah sie seine Augen, als er die Hand nach ihrer Brust ausstreckte. Der sie gehalten hatte, ließ sie los, stieß sie dem Reiter entgegen, und Jeanne nutzte die Gelegenheit.

Noch im Taumeln warf sie sich herum, stürzte erneut, rappelte sich wieder auf und hielt auf das Tor zu. Ihre Füße rutschten aus im Blut. Sie sprang über die Leiche eines Kindes, einen ausgestreckten weißen Arm, und rannte, rannte. Sie hörte das Klappern der Hufe hinter sich, das im Torweg hallte, aber noch blieb sie unbehelligt.

Jeannes Beine wurden rasch schwer, ihr Atem ging keuchend, sie glaubte Blut in ihrem Mund zu schmecken. Immer schlingernder wurde ihr Schritt. Ach, sie war schon so weit gelaufen. Sie spürte, bald würde sie zusammenbrechen, schon kam es ihr vor, als käme sie kaum noch vorwärts, als höben und senkten ihre Füße sich auf der Stelle, als ruderten ihre Arme durch zähflüssige Luft. Und doch war sie noch immer frei. Die Hufe kamen nicht näher. Nur langsam begriff sie: Der Reiter beeilte sich nicht. Er trieb sein Tier nicht an, sie einzuholen, er trieb vielmehr sie, sein sicheres Opfer, ruhig und genüsslich vor sich her. Diese Erkenntnis schnürte ihr vor Angst die Kehle zu.

Jeanne unternahm einen letzten Versuch und verließ die Straße. Sie schaute sich nicht um. Der Wald vor ihr war dicht, er nahm sie auf, bald lief sie auf weicher Erde. Sie wurde langsamer, stolperte über Wurzeln. Zweige schlugen über ihrem Kopf zusammen, sie hob schützend die Arme, griff danach, zog sich weiter. Den Hohlweg, dachte sie, ich muss ihn erreichen und dann ...

Da traf sie ein Schlag ins Genick und warf sie ins Laub. Erde drang in ihren Mund. Ich bin hingefallen, dachte Jeanne verwundert. Langsam und zäh, wie Musik aus einem fernen Traum, drangen ihre Gedanken zu ihr durch. Ich ... muss ... aufstehen ... ich ...

Der Reiter war abgestiegen und entledigte sich seiner Handschuhe und des Helmes. Er war ein Mann Mitte fünfzig, mit breiter Brust und kurzem Hals. Ein dichter Bart verbarg den stets ein wenig verächtlich nach unten gezogenen Mund unter der Adlernase. Seine Augen, groß, hervortretend, zwischen ausgeprägte Lider gebettet, betrachteten, was vor ihnen lag. Er streckte die Hand aus und packte das Mädchen an dem zerzausten Zopf, der sich langsam auflöste.

Einen Moment streichelte er das herabfallende Haar, als wäre es das Fell eines schönen Tieres. Dann wickelte er sich die Strähnen noch einmal um die Hand und zog mit einem brutalen Ruck die Frau daran hoch. Sie warf ächzend den Kopf zurück und zeigte ihre Kehle, wie er es erwartet hatte. Maynard d’Oppèdes Hände schlossen sich um diesen weißen Hals. Wie zart er war, wie er schimmerte. Mit einem Ruck riss er das Kleid über Schultern herab, die ebenso hell zum Vorschein kamen. Seine Hände fuhren daran hinauf und hinunter, schlossen sich um die bloßgelegten Brüste. Ihr Kopf taumelte an seiner Schulter, sie kam langsam zu sich. Ihre Hände hoben sich und umklammerten seine Handgelenke, kratzten ihn, wirkungslos, kaum schmerzhaft. Baron d’Oppède trat einen Schritt zurück und drehte die halb ohnmächtige Jeanne zu sich um.

Fassungslos blinzelte sie: die Bäume, ihre nackte Haut, der Wind, der darüberstrich, plötzlich nicht mehr warm, der Mann – es passte nichts zusammen. Sie hob die Hände, um ihre Blöße zu bedecken, raffte ihre Haare vor den Brüsten zusammen. Dann sah sie seine Augen, schwarz, groß, mit einem feuchten Schimmer darin, der ein tiefes Gefühl bedeuten konnte. Dieser Blick, so weich, war das Mitleid, ein aufrichtiges, teilnehmendes Interesse? Und dann veränderte sich alles in Sekunden. Jeanne wusste nicht, welcher Schatten es war, der sich verschob, wie wenn Wolken schnell an der Sonne vorbeiziehen. Ja, sein Blick war weich, aber schleimig, wie der einer Schnecke. Und was darin lauerte, tief unten, war ein anderes Gefühl, es war ...

»Bitte«, stammelte Jeanne.

Da traf sie die Ohrfeige, riss ihr den Kopf herum und warf sie erneut zu Boden. Ihr Schädel dröhnte. Erstaunt bemerkte sie das Blut auf ihrer Lippe und leckte unwillkürlich daran.

Baron d’Oppède schob ihr mit knappen Bewegungen die Röcke hoch. Er knetete ihre Schenkel, auf denen rote Male zurückblieben. Die Hände des Mädchens tasteten langsam nach ihm. Aber die Bewegungen waren ziellos, als wäre sie betäubt, und sie konnte nichts damit ausrichten, als ihn noch stärker zu erregen. Mit einem weiteren Ruck legte er ihren Rücken frei, die bebenden Flanken, strich noch einmal über ihr Haar. Dann legte er die Hände wieder um ihren Hals und drang mit einem brutalen Stoß in sie ein.

Jemand schreit, dachte Jeanne, ich schreie, o Gott! Es tut so weh, es tut so weh! Ihre Hände fuhren in die Luft, als gäbe es dort Hilfe zu greifen. Sie spürte Schmerz anprallen, Welle um Welle, aus einem roten Nebel, rot wie die Fenster der Kirche am Sonntag, wenn die Sonne hindurchfiel, rot und kreisend und plötzlich zerberstend in einer ohrenbetäubenden Explosion. Sie rang nach Luft, da war Erde, Blut, aber keine Luft, kein Atemzug, ihre Hände zuckten, schlugen um sich, ihre Füße, nackt auf dem Boden, trieben Furchen in das Laub, verharrten. Da war kein Halt, kein Schutz, kein Atem, kein Licht.

Jeanne schrie nicht mehr.

Baron d’Oppède richtete sich schließlich auf und schloss seinen Hosenschlitz. Er betrachtete noch einmal in Ruhe das Bild, das er zurückließ: die weiße Gestalt auf dem Waldboden, auf deren Haut die Sonne grüngoldene Flecken malte, wo sie durch das Laub fiel. Arme und Beine waren weit gespreizt, als empfinge sie die Erde als ihren Liebhaber. Spuren von Kot und Blut bezeugten die Vereinigung. Der grüne Schimmer des Lichts verlieh diesem Leib bereits die Blässe des Todes. Das lange rote Haar hatte sich im Gebüsch verfangen und war ausgespannt wie ein Netz. Der Wind verschaffte ihm ein sachtes Leben. Der Baron brach einen prall blühenden Ginsterzweig und warf ihn zum Abschied auf die Mähne, wo er sich verfing.

So hat jedes Dorf seine Schönheiten, dachte er zufrieden und wandte sich ab. Er pfiff nach seinem Pferd.

3. Kapitel

Eine Eidechse huschte über Piniennadeln und raschelndes Laub. Sie verharrte in einem Lichtfleck, mit klopfendem Puls. Ihre Augen öffneten und schlossen sich angesichts der weißen Mauer vor ihr, ihr Kopf ruckte. Ihr stumpfes Maul öffnete sich gegen einen Feind, der sich nicht rührte. Mit einer raschen Bewegung bewältigte das Tier sein Hindernis. Es saß nun auf Jeannes nackter Hüfte, sein langer smaragdgrüner Schwanz schlängelte sich ihre Lende hinab.

Da öffneten sich die Augen des Mädchens. Einfallendes Licht ließ sie leuchten wie grünes Glas. Jeanne schnappte laut nach Luft wie eine Ertrinkende. Die Eidechse verschwand raschelnd im Gebüsch.

Jeanne lag nun wieder still. Über ihr sangen die Vögel, das Laub bewegte sich. Sie selbst rührte kein Glied. Dicht vor ihren Augen kroch eine Ameise geschäftig und sinnlos über ein braunes Blatt.

Ich bin tot, dachte Jeanne. Das ist nicht mein Körper, nicht mein Atem. Das ist nicht mein Schmerz. Ich werde nicht aufwachen. Sie versuchte, die Augen wieder zu schließen, doch als hätte die Bewegung ihr lauerndes Bewusstsein geweckt, kam damit das Leben in sie zurück. Sie war noch immer da, eingesperrt in einen Körper voller Wunden, Kummer und Schmerzen. Mit einem tierischen Aufschrei krümmte sie sich zusammen, zog die Beine an, wickelte ihre Arme darum und wiegte sich so eine lange Weile.

Irgendwann spürte sie dann die juckende Blutkruste in ihrem Gesicht, roch den Pferdekot an ihren Händen, die sie entsetzt vor ihrem Gesicht spreizte, als wäre das das Schlimmste. Sie rollte sich auf den Bauch und zog die Beine unter den Körper. Dann kam sie hoch auf die Knie. Jeanne kroch.

Ein Eichhörnchen sprang keckernd an ihr vorbei, wieselte einen Stamm hinauf und schimpfte von oben auf sie herab, als wollte es ihr langsames Fortkommen verspotten. Jeanne richtete sich auf. Eine Hand vor den Leib gepresst, stützte sie sich mit der anderen an den Stämmen der Bäume ab. Noch immer wollte sie den Hohlweg erreichen, auch wenn ein hämischer, bösartiger Gedanke in ihrem Hinterkopf sang: zu spät, zu spät. Sie musste dorthin gelangen. Dort gab es den engen Durchlass zwischen den Felsen, den das Buchenlaub so gut verbarg und der wilde Efeu. Und dahinter war der kleine Tümpel, rund und klar und viel tiefer, als man meinte, wo sie manchmal mit den anderen hingegangen war, um zu baden.

Sie dachte: die anderen; sie nannte keines der Mädchen beim Namen. Zu spät, zu spät.

Jeanne erreichte das Wasser und stolperte so, wie sie war, hinein. Haar und Rock bauschten sich um ihre Gestalt, die bald an der Oberfläche trieb. Sie bemerkte die Ginsterblüten, nestelte sie frei und starrte sie an. Konnte es sein, dass sich das Zweiglein die ganze Zeit in ihrem Haar gehalten hatte? Es war in einer anderen Welt gewesen, dass sie es pflückte.

Nach einer Weile brachte Jeanne die Kraft auf, ihre Kleider auszuziehen, sie auf einem flachen Felsen in der Sonne auszubreiten und sich selbst gründlich zu waschen. Sie betastete ihre Wunden, soweit sie sie sehen konnte. An das Unsichtbare wagte sie nicht zu rühren. Nur ihren Hals streifte sie immer wieder sorgenvoll mit den Fingern. Ihr Angreifer hatte sie mit Blutergüssen übersät zurückgelassen, die sich langsam dunkler färbten. Wie mochte ihre Kehle aussehen? Das Schlucken tat ihr weh, und ihre Stimme klang rau, wenn sie schluchzte, was sie fast ohne Unterbrechung tat. Schließlich band sie ihr noch feuchtes Halstuch wieder um und hoffte, es würde das Mal und die Schande ausreichend verbergen. Sie würde niemandem, keinem Menschen etwas davon verraten, nicht einmal ihrer Mutter.

Dann setzte sie sich ins Moos und nahm sich ihr Kleid vor. Es war übel mitgenommen, aber zum Glück hing am Gürtel noch das kleine Ledertäschchen, das sie stets dabeihatte. Dort fanden sich viele nützliche Dinge für unterwegs, unter anderem ein kleines Spanschächtelchen mit Nähzeug, das der Vater ihr eines Tages vom Markt mitgebracht hatte. Sie holte es heraus und prüfte die Nadel. Damit würden sich die gröbsten Schäden beheben lassen, sodass neugierige Augen an ihr nichts Verdächtiges bemerken würden. Ob sie noch einen hellen Faden besaß? Jeanne zog das Beutelchen weiter auf, wühlte darin herum und hielt plötzlich einen ganz anderen Gegenstand in den Fingern.

Es war ein kleines Messerchen, nicht groß, aber scharf. Eine Klinge, gut genug, um Schnüre zu durchtrennen, Binsen zu schneiden oder Obst zu teilen, was an kleinen Arbeiten eben so anfiel. Ungläubig hielt Jeanne sie hoch und ließ sie in der Sonne aufblitzen. Sie hatte dies die ganze Zeit bei sich getragen und nicht einmal daran gedacht? Wie hatte sie so dumm sein können! Sie sah den Edelmann – sie wusste, es war ein Edelmann gewesen, denn sie hatten ihn so genannt, und er hatte ein Wappen getragen –; sie sah ihn wieder vor sich und dazu sich selbst, wie sie schützend die Hände vor ihre Brüste hob. Gebettelt hatte sie und gewimmert. »Bitte« hatte sie zu dem Ungeheuer gesagt. Dabei hatte sie ein Messer besessen.

Mit großen Augen betrachtete Jeanne es noch immer, dann stieß sie es in die Luft und drehte es langsam um, wie in einer Wunde. So hätte sie es ihm in den Leib rammen sollen, ins Herz, in seine verfluchten Augen. Sie stieß wieder und wieder zu. Dann hielt sie inne. Sie war schuld an allem, was geschehen war; sie hätte sich wehren müssen. Erneut kämpfte sie gegen bittere Tränen an und biss sich auf die Lippe. Nein, sie würde niemandem auch nur ein Wort davon sagen.

Am schwierigsten wurde es, ihre Haare wieder in Ordnung zu bringen, die völlig zerzaust und verfilzt waren. Jeanne strähnte sie, so gut sie es vermochte, mit den Fingern und verfiel schließlich darauf, sie mit einer Distelkarde, die sie fand, Fingerbreit um Fingerbreit durchzukämmen. Es dauerte lange und war schmerzhaft, doch am Ende konnte Jeanne sich den straffesten Zopf flechten, den sie je gehabt hatte. Ihre Kopfhaut schmerzte, aber Jeanne war nicht eher zufrieden, als bis alles streng und glatt saß. Außerdem steckte sie ihn noch hoch und riss sich ein Stück aus ihrem ohnehin ruinierten Unterrock, das sie sich als Kopftuch umband. Dann brach Jeanne auf. Ohne nachzudenken, lenkte sie ihre Schritte zurück zum Dorf. Irgendetwas musste dort doch auf sie warten.

Sie war nicht weit gekommen, als sie Stimmen hörte. Instinktiv verbarg Jeanne sich im Unterholz. Doch zum Glück waren es keine Soldaten, nur eine Gruppe Männer, mit Hunden an der Leine, die hechelten und zogen wie verrückt und von ihren Herren dabei angefeuert wurden.

Jeanne ließ sie vorüberziehen, ohne sich bemerkbar zu machen, obwohl sie das eine oder andere Gesicht zu erkennen glaubte. Es waren Nachbarn aus den umliegenden Gehöften. Bauersleute auf der Jagd, dachte sie, als sie erstaunt die Sauspieße betrachtete, die die Jäger geschultert hatten. Aber was wollen sie hier im Wald mit den Sensen?

Sie erfuhr es, als sie endlich zum Dorf kam. Dort waren ähnliche Gruppen von Männern zugange, einfache Bauern aus der Umgebung, bewaffnet mit Spießen, mit Sensen und mit Knüppeln. Ihre Hunde umsprangen sie, und ihre Weiber waren dabei, eifrig beschäftigt, zwischen den Leichen umherzugehen und einzusammeln, was sich an Wertvollem fand. Sie scheuten sich nicht, den Toten die Taschen zu durchwühlen. Jeanne sah einen Karren aus dem zerstörten Tor rumpeln, hoch beladen mit geplündertem Hausrat. Halbwüchsige stolperten hinterher unter der Last prall gefüllter Kornsäcke. Schweine wurden in aller Hast hinterdreingetrieben.

Hier und da schlug ein Hund an, oder es kam ein Ruf: »Da lebt noch einer.« Dann ging ein Mann hinüber, um zu sehen, was es gab. Manchmal hob er danach den Spieß oder den Knüppel oder das Sensenblatt und ließ es niedersausen, um ein Ende zu machen. Gründlich gingen sie vor, diese Bauern, ohne Hast, als wenn sie durch die Furchen ihrer Felder schritten. O Gott, dachte Jeanne, wo soll ich nur hin? Einen Moment lang dachte sie an den Gutshof der Herrin, an den Verwalter und sein freundliches Lächeln. Doch dort tanzte der irre Jacques, sie hörte sein Liedchen noch. Und niemand hatte ihm befohlen, still zu sein. Auch dort hatten sie Hunde. Und Knechte mit Spießen. Und ein Lächeln für sie würde es nirgends mehr geben.

Jeanne drückte sich voller Entsetzen tiefer in die Büsche. Sie hörte jemanden ein Liedchen pfeifen. So geht das Tagwerk rascher von der Hand, dachte sie grimmig. Ihre Hand war unwillkürlich zum Beutel gefahren und umklammerte das Messerchen, bis es ganz warm wurde. Ihr schien, als glühte es. Wäre in diesem Moment jemand vorbeigekommen, sie hätte ihn erstochen, ohne auch nur einen Moment zu zögern.

Dabei verbot ihr Glaube nicht nur das Töten, sondern sogar noch die Todesstrafe, egal, welchen Verbrechens ein Mensch sich schuldig gemacht hatte. Ihr Vater hatte es mehr als einmal gepredigt, daheim am Herd in der Küche, wo sie nach der Arbeit saßen. Die Mutter hatte am Webstuhl hantiert, den orangefarbenen Widerschein der Glut auf ihren Händen. Sie selbst war mit der Spindel beschäftigt gewesen, und Vater hatte dagehockt mit dem Jüngsten auf dem Schoß, dem er sein Handwerk beibrachte, während er sprach. Die Hunde hatten sich wohlig am Feuer gerekelt. Sie waren warm gewesen und sicher und satt ...

Jeanne ließ ihr Messer nicht los. Sie wollte die dort töten. Sie wollte sie alle töten. Und vor allem den einen, den, der sie angeführt, der sie geschändet und alles vernichtet hatte, was sie besaß. Selbst die Hoffnung, die sie zuletzt wieder hierher getrieben hatte. Er allein hatte diesen Blutdurst aufgewühlt, der all die Jahre geruht hatte wie auf dem schlammigen Grund eines Weihers. Er hatte aufgerufen zum großen Morden. Er hatte allen gezeigt, was für ein Spaß es war, Waldenser zu massakrieren.

Es war Jeanne, als schwebte sein böser Geist über dieser Stätte und hüllte alles in seinen Wahnsinn. Aber sie würde ihren Geist frisch halten, sie würde nicht sterben. Sie hatte heute mehr gelernt als an den Abenden am Herdfeuer. Sie würde nie wieder über menschliche Grausamkeit staunen und kein Raubtier in Männergestalt mehr um Gnade anflehen. Sie würde überleben. Und eines Tages würde sie ihn wieder treffen, den Mann mit den schwarzen Augen. Ohne ein weiteres Geräusch verschwand Jeanne im Wald. Es blieb nichts zurück als das Beben eines Zweiges.

4. Kapitel

Baron Charles de Vernègues ritt durch den Torbogen des Schlosses zu Peyrolles. Er saß sehr aufrecht im Sattel und vermied jeden Blick auf die Fenster des Haupthauses, denn er war sicher, dass sie von dort bereits beobachtet wurden. Schon jetzt bereute er es, seinem Sohn nachgegeben und die livrierten Boten mit den Hörnern vorausgeschickt zu haben. Aus den Augenwinkeln sah er die dreifarbige Federpracht auf dem runden Hut seines Sohnes Raymond wippen und das Blitzen der Goldborten, die die weiten, vielfach geschlitzten Ärmel seines Wamses säumten. Der Junge hatte des Guten zu viel getan, er wusste es, und er konnte nur hoffen, dass Raymond es ihm gleichtat und wenigstens seinen Kopf gerade hielt.

Zu Vernègues Erstaunen wurde ihnen, als sie im Innenhof absaßen, mitgeteilt, dass der Herr der Burg im Garten weile und sich beim Bogenschießen vergnüge.

»Hat man ihm denn nicht mitgeteilt, dass wir kommen?«, fragte Raymond aufgebracht flüsternd seinen Vater. »Seltsam genug schon, dass er uns in Peyrolles empfängt statt im Schloss seiner Väter.«

Der Alte gebot seinem Sohn mit einer Handbewegung Schweigen, doch Raymond war nicht zu bremsen. »Man sollte meinen«, fügte er seinen Worten laut hinzu, »dass der Baron sich dieser Tage so weit entfernt wie möglich von Tour d’Aigues aufhalten sollte. Jetzt, wo er ihre Dörfer verbrannt hat, wird die Baronin wohl noch weniger gut auf ihn zu sprechen sein als vorher, denke ich.«

»Raymond«, zischte der Alte empört. Sein Blick wanderte über die glatte graue Fassade des Schlosses. Alles war still. Man glaubte, das Wasser der Durance hinter den Mauern fließen zu hören. »Vielleicht«, setzte er leise murmelnd hinzu, mehr für sich selbst, »will sogar der Baron derzeit den reinigenden Strom des Flusses zwischen sich und den schwarzen Bränden wissen.« Er dachte an die Leichen, die sie auf ihrem Weg in den Feldern hatten liegen sehen, an die ausgebrannten Häusergerippe und die vielen Krähen, die neuerdings in großen Mengen die besudelten Wiesen mit ihrem Schwarz überzogen und nur widerwillig von ihren Mahlzeiten aufflogen, auf die ein Vorüberreitender lieber keinen genaueren Blick warf. Und er bekreuzigte sich.

Jean Maynier Baron d’Oppède empfing seine Besucher tatsächlich im Garten, wo einige Schießscheiben aus Stroh unter Apfelbäumen aufgestellt waren. Soeben spannte er den Bogen und gab den Vernègues Gelegenheit, seinen athletischen Oberkörper zu bewundern. In der Tat, dachte der alte Baron, sah der Herr Maynier d’Oppède mehr wie ein Landsknecht aus als wie der Präsident eines Parlamentes voller Landadliger. Seine Gestalt schien wie geschaffen dafür, gerüstet im Sattel eines Streitrosses zu sitzen und das Schwert auf die Häupter etwa ungläubiger Türken niedersausen zu lassen. Ein Wüterich, watend im Blut der Schlachtfelder, die Rolle schien ihm zu liegen. Nun, der Baron hatte sie auch in der sonnigen Provence auszufüllen gewusst.

Vernègues überlegte kurz, was die Dame de Cental, Baronin von Tour d’Aigues, nun von ihrem ehemaligen Freier denken mochte. Sie hatte ihn seinerzeit ausgeschlagen, verstört von seinem so sehr feurigen Werben und auf den Rat ihrer Familie hin, wenn auch nicht gänzlich ohne Bedauern, wie man gemunkelt hatte. Hatte sie heimlich die Jahre über davon geträumt, einmal von d’Oppèdes verbotener Wildheit zu kosten? Und wie die Kostprobe ihr nun wohl gefallen hatte?

Vernègues schüttelte die Gedanken ab.

»Mein Herr Maynier«, begann er mit einer Verneigung und bemühte sich, zugleich mit der freien Hand seinen Sohn zurückzuhalten, dem die Lust, sich auf Pfeil und Bogen zu stürzen, um seine Talente sogleich ins günstigste Licht zu setzen, überdeutlich anzusehen war. Er sah d’Oppèdes Mund sich zu einem halb amüsierten, halb abfälligen Lächeln verziehen. Statt einer Begrüßung reichte der Baron Raymond das Begehrte, der sogleich begann, die Waffe kennerisch zu überprüfen. Vernègues betrachtete d’Oppède und seinen Sohn. Sie erschienen ihm wie ein alter Bär und ein wedelnder Hund, der kläffend vor ihm auf und ab sprang. Der Bär würde sich nicht rühren, aber zuschlagen, wenn er es für richtig hielt.

»Kein schlechtes Holz, aber die englischen Bögen sind besser«, hörte er seinen Sohn verkünden, der probeweise die Waffe spannte. Es klang laut und angeberisch. Er wandte sich an d’Oppède.

»Ihr habt Euch den Bart abnehmen lassen«, stellte er fest.

Nun waren auf den nicht mehr glatten, narbenübersäten Wangen des Barons die charakteristischen Falten zu sehen, die sich mehrfach von der gebogenen Nase zum Mund hinunterzogen und ihm das stolze und verächtliche Aussehen der d’Oppèdes verliehen, das schon seinen Vater ausgezeichnet hatte. Ein wenig gereizt fragte Vernègues sich, worauf dieser Stamm wohl so stolz war, dessen Adel nicht alt und dessen Kassen zu ärmlich gefüllt waren, um sich mit dem Kaiser ins Getümmel Ruhm aufhäufender Schlachten zu stürzen. Und was zum Teufel veranlasste ihn eigentlich, diesem Mann so überaus vorsichtig zu begegnen?

Er richtete sich auf und räusperte sich. »Es ist Euch sicher nicht verborgen geblieben, warum wir hier sind«, sagte er steif.

Der Baron wandte sich statt einer Antwort Raymond zu, der ihm mit stolzem Gesicht den Bogen überreichte, während hinter ihm fast genau im Zentrum der Zielscheibe ein Pfeil zitterte.

D’Oppède sagte nichts, er spannte nur die Waffe und sandte dem glücklichen Schuss Raymonds drei weitere Pfeile hinterher, die sämtlich den des Jungen trafen und zu Kleinholz zersplitterten. Ein paar gerupfte Federn hingen allein noch von Raymonds zerschmettertem Geschoss herab und sorgten dafür, dass dem Jungen der Mund offen stand. Der Baron wandte sich ab. »Gehen wir doch hinein«, sagte er.

In der Halle war es trotz des warmen Frühlingstages kühl und düster. Die Fenster hielt man geschlossen, und durch ihre Butzenscheiben drang das Licht nur in trägen Schlieren herein. Der alte Vernègues musterte die gedämpften Farben der Wandteppiche und die Schnitzereien, mit denen Schränke und Truhen im Halbdunkel prunkten. Als die Bediensteten das Feuer im Maul des riesigen Steinkamins entfacht hatten, funkelten auf dem Sims einige Kristallpokale auf. Jemand reichte ihm eines der großen Gläser, in dem ein dunkler Rotwein stand und rot glomm. Vorsichtig kostete Vernègues. Der Trank war schwer und würzig. Er schmeckte Pfeffer, vielleicht einen Hauch von Weihrauch sowie Nelken. Der Baron, das war offensichtlich, liebte die feurigen Genüsse.

Vernègues sah zu seinem Sohn hinüber, der, verärgert über die Niederlage, die er eben erlitten hatte, sein Glas mit einem Schluck leerte. Vernègues seufzte resigniert und nippte seinerseits nur, um einen klaren Kopf zu bewahren. Manchmal fragte er sich, womit er diesen Sohn verdient hatte. Und es fiel ihm nicht mehr ganz so schwer, für ihn um eine Braut zu freien, deren Familie er selber so ganz und gar nicht schätzte.

Nun, Diane war nicht d’Oppèdes leibliche Tochter; sie war sein Mündel und würde ihr eigenes Vermögen mit in die Ehe bringen, was Raymond wenig interessierte, den alten Vernègues aber umso mehr. Neben einem wohlhabenden kleinen Kloster mit seinen Gärten, das den Pilgern außerdem mit einem selbst gebrauten Likör aufzuwarten verstand, der weithin bekannt und begehrt war, gehörten der schönen Diane noch zwei prächtige Gutshöfe und eine Mühle samt den umliegenden Wäldern, die allesamt nicht nur gute Einkünfte brachten, sondern auch just an die Besitzungen der Vernègues grenzten. Alles in allem war Raymonds Wahl, so hitzköpfig und romantisch sie getroffen worden war, gar nicht so unvernünftig, fand der alte Vernègues. Entsprechend bemühte er sich, Überzeugungskraft in seine Werbung zu legen.

D’Oppède blieb in seinem Sitz zurückgelehnt, dort, wo die Flammen sein Gesicht nur vage beleuchteten, und hielt die Hände mit verschränkten Fingern vor sich, wie ein Betender. Vernègues musste seinem Raymond mehr als einmal begütigend die Hand aufs Knie legen. Der Junge wäre am liebsten aufgesprungen, um den Vater so zu gewinnen, wie er das Mädchen erobert hatte: mit Tanzen, Verbeugen, Gestikulieren und wilden Bekundungen seines noch wilderen Gefühls. Schließlich nahm er seinem Sohn das Glas fort.

»Und so«, beendete er seine bedächtige Rede, »kann ich darauf verweisen, dass nur Vorteile auf der Seite dieser Verbindung lägen.« Er betrachtete seinen Sohn. »Und nicht zuletzt auch ein innig fühlendes Herz«, fügte er hinzu. »Das gehört nicht zu den Dreingaben, die man verachten sollte.«

Raymond hob den Kopf, seine Augen glühten.

D’Oppèdes Mundwinkel zogen sich herab zu etwas, was ein Lächeln sein mochte. Die Falten in seinem Gesicht vertieften sich, und seine dunklen Augen nahmen einen seltsamen Ausdruck an. Er betrachtete Raymond mit einem Interesse, das diesen erröten ließ vor Stolz, seinem Vater allerdings einen Schauer über den Rücken jagte. Er zog ein Taschentuch heraus und tupfte sich die Stirn, er wusste selber nicht, warum.

»Nun denn.« Der Stuhl quietschte, als d’Oppède sich bewegte. Noch einmal schwieg er. Als er schließlich sprach, war seine Stimme ruhig, fast teilnahmslos. »Ich meinerseits kann keinen Vorteil erkennen in der Verbindung zu einer Familie, deren Interessen den meinen so sehr entgegenstehen.«

Vernègues öffnete den Mund, schwieg aber. Sollte der Baron sich doch näher erklären. D’Oppède tat es langsam. »Wie man hört, hat die Umgebung unseres guten Königs sich lange dagegen gesträubt, die notwendigen Maßnahmen gegen die Waldenser zu ergreifen. Obwohl das Urteil schon seit vier Jahren vorlag, zögerte man, es zu vollziehen. Ein sicher gut gemeinter Rat, aber eingeblasen von weichherzigen, feigen Bücherwürmern.«

Vernègues zuckte, als er diese Umschreibung für des Königs Bibliothekar und Berater Dûchatel hörte, einen Mann, dessen Geist und Integrität er sehr schätzte. »Immerhin ...«, suchte er einzuwerfen.

»Die Kirche ist klüger und dankt mir für meine Tat«, schnitt d’Oppède ihm das Wort ab. »Der Bischof von Toulon hat mich in seine Gebete eingeschlossen, die Oberhäupter des päpstlichen Staates von Avignon segnen mich dafür, dass die Ketzerei besiegt ist und die königliche Sonne wieder unumschränkt strahlt.« Er hielt inne, sein Blick wurde lauernd. »Und nun kommt es mir zu Ohren, dass es Kreise gibt, die dem guten König zu seiner Verwirrung einreden wollen, die Waldenser hätten seine Autorität nie bedroht und ich hätte ihm die Situation falsch dargestellt.«

Vernègues biss sich auf die Lippen. Es lag ihm auf der Zunge, scharf zu antworten. In der Tat, war er versucht, dem Baron zuzurufen. War es denn keine Lüge gewesen, dass die Waldenser Gefängnisse gestürmt hätten, um inhaftierte Glaubensbrüder zu befreien? Wer hätte je von so etwas gehört! Und dass sie ihren Hauptsitz Cabrières befestigt und zu einem Widerstandsnest gemacht hätten – wer hätte so einen Unfug glauben können, der das friedliche Städtchen kannte! Vernègues hielt inne. Noch wusste man nicht, wie das jüngste Abenteuer des Barons ausgehen würde. Der König hatte seit Jahren geschwankt, er schwankte noch immer. Doch es wäre unklug, sich d’Oppède offen entgegenzustellen; sie waren Nachbarn, und Vernègues musste an das Glück seines Sohnes denken. Also behielt er seine Gedanken für sich.

»Die königliche Autorität ...«, brummte er nur.

»Die wir alle verehren und stützen«, setzte d’Oppède scharf hinzu.

»... und niemals mit Lügen besudeln würden«, konnte Vernègues sich nicht verkneifen hinzuzufügen.

»Niemals?«, fragte d’Oppède lauernd.

»Niemals«, rief Raymond pathetisch und erhob sich stürmisch, mit geröteten Wangen. François I. war sein Held, und er hoffte, eines Tages für ihn in den Krieg ziehen und ihm das ersehnte Mailand zurückerobern zu können.

»Wie schön«, sagte d’Oppède daraufhin nur trocken und zog den Mund zusammen.

Vernègues betrachtete seinen Sohn mit einer Verzweiflung, die mit Amüsement gemischt war. Sein armer Raymond, der begeistert demonstrierte, was er für die unumstritten höchste Tugend hielt: Königstreue. Er hatte keine Ahnung, der arme Narr, dass er sich soeben um alle Chancen gebracht hatte, die schöne Diane jemals zur Frau zu erhalten. D’Oppède nämlich teilte seinen Enthusiasmus keineswegs; er hatte den König für seine Zwecke belogen. Und seine Frage – »Niemals?« – hatte in einem ganz anderen Sinne dazu gedient, die Loyalitäten der Vernègues auszuloten, als der arme Raymond gedacht hatte.

Der alte Vernègues rätselte noch, wie es dem Baron so schnell zu Ohren gekommen sein konnte, dass er seinen Schwiegersohn an den Königshof geschickt hatte mit Dokumenten, die belegen sollten, dass die angeblichen aufständischen Aktivitäten der Waldenser eine Fiktion waren. Dûchatel hatte den Jungen gut aufgenommen; gemeinsam würden sie nun versuchen, dem triumphierenden Chor der Geistlichkeit und der provenzalischen Herren, die von den Massakern profitiert hatten, eine leise, aber beharrliche Stimme der Vernunft und des Zweifels entgegenzusetzen.

Vernègues war sich des Erfolgs nicht sicher, sein Einfluss reichte nicht weit, doch er war geduldig. Und d’Oppèdes ganze Person bestätigte ihn in dem Gefühl, das Richtige zu tun. Auf keinen Fall würde er machen, was der Baron sanft, sehr sanft nur, ihm angedeutet hatte: seine Bemühungen einstellen und den König den Einflüsterungen der Lügner überlassen.

Der Baron von Vernègues richtete sich sehr gerade auf. Er war nicht gegen diese Heirat gewesen; er hätte seinem Sohn das Mädchen und sich die Mühle gegönnt. In seinem Hinterkopf hatte es auch die Idee gegeben, dass die Werbung den Verdacht von seiner Familie ablenken könnte, gegen d’Oppède zu arbeiten.

Nun, er war als Intrigant offensichtlich ein Anfänger, sei’s drum. Baron Vernègues stand auf und schob den Stuhl mit einem lauten Scharren zurück. Auch d’Oppède erhob sich. Das Treffen war beendet. Mit weit ausgreifenden Schritten und raschelndem Mantel ging Vernègues zur Tür, begierig nach frischer Luft und Sonnenschein.

»Raymond, träum nicht!« Er legte dem Jungen den Arm um die Schultern und zog ihn mit sich. Er würde ihm auf dem Heimweg erklären, was diese ihm rätselhafte Unterredung für seine Hoffnungen bedeutete.

»Aber ...«, hörte Maynard d’Oppède Raymond noch sagen. Dann waren seine Besucher aus der Tür. Der Hausherr verlor keine Zeit. Er klatschte in die Hände, flüsterte dem Bediensteten, der auf dieses Zeichen herbeisprang, etwas zu, und wenige Minuten später trat ein junger Mann in den Saal, dessen Auftreten dem Raymonds an jugendlicher Keckheit in nichts nachstand. Auch sein Wams war prächtig, wenngleich ein wenig abgeschabt auf den zweiten Blick, sein Gesicht unter dem weich in die Stirn fallenden schwarzen Haar beinahe zu schön, wie das eines düsteren Engels. Doch eine vom äußeren Augenwinkel quer über die Wange reichende Narbe, die fast den Mund berührte, hatte dieses Gesicht frühzeitig entstellt. Sie mengten seiner jugendlichen Schönheit einen Hauch von Härte und ungeahnter Erfahrung bei. Charme und Verkommenheit, Trotz und feine Berechnung mischten sich in seinen Zügen und in seiner ganzen Haltung. Wie ein Höfling lächelte der junge Mann nun, seine Augenbrauen waren dabei ironisch hochgezogen, und seine Hand lag auf dem Griff der Klinge, die wohl zu führen man ihm allerdings zutraute.

»Charles«, sagte d’Oppède mit tiefer Stimme und packte den Neuankömmling am Arm, der sofort vertraulich seine Hand auf die des Barons legte und sich zu dem Mann hinunterneigte, der massig in seinem Lehnstuhl thronte. »Charles, ich hatte soeben Besuch.«

Der Angesprochene machte eine abfällige Handbewegung. »Ich hatte die Ehre, ihn vom Fenster aus zu beobachten. Was für ein bunter Vogel, dachte ich mir, ei, dass sich den niemand zum Abendessen schießt.« Er warf den Kopf zurück und entblößte seine makellosen Zähne in einem spöttischen Lachen.

D’Oppède hüstelte höflich und verbarg sein eigenes Lächeln, indem er sich erneut über den Weinpokal neigte. Doch er trank nicht, sondern betrachtete nur die Flüssigkeit in dem Glas, das er nachdenklich zwischen seinen Fingern drehte. »Der junge Raymond de Vernègues hat ein hitziges Gemüt«, stellte er fest. »Wie enttäuscht muss er von seinem Vater sein.« Seine Stimme troff von gekünsteltem Mitgefühl.

»Ich verstehe«, sagte Charles und nickte.

D’Oppède warf ihm einen Blick zu. Konnte das sein? Dieser Junge verstand nur allzu rasch. Der Baron fuhr lauernd fort. »Er könnte sich zu einer raschen Tat hinreißen lassen, einer Dummheit, groß genug, dass die Welt davon spricht, und möglicherweise mit schrecklichen Konsequenzen. Nicht wahr?«

Charles untersuchte angelegentlich seine Fingernägel, ehe er aufschaute und seinen Herrn anlächelte. »Man sollte ein Auge auf ihn haben«, bestätigte er. »Er wird einen Freund brauchen.« Als erwöge er, ob er für die Rolle infrage käme, zog er sein Wams mit den ausgebleichten Bändern straff und blickte an sich hinunter. Bin ich präsentabel?, schien sein anschließender Blick zu fragen.

D’Oppède nickte. Er war zufrieden, Charles verstand tatsächlich rasch. Bestätigend griff er dessen letzte Worte auf. »Einen, der ihn anleitet, der seinem Elan den rechten Weg weist.«

Die beiden Männer sahen sich in die Augen. »Wir wollen doch nicht, dass ein Unglück geschieht.« Sie schwiegen. D’Oppède widmete sich wieder seinem Wein. »Was gibt es noch?«, fragte er barsch, als er aufschaute.

Charles hatte sich an seinen Stuhl gelehnt, ganz nahe kam er seinem Herrn dabei und machte dazu mit den Fingern die Geste des Geldzählens. »Die Freundschaft eines Jungen, der bunte Federn und teure Weine liebt ...«, sagte er und ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen.

D’Oppède schnaubte, dann löste er einen Beutel von seinem Gürtel und warf ihn Charles zu, der ihn geschickt mit einer Hand auffing, sich übertrieben verneigte und dann pfeifend hinausmarschierte. »Ich werde«, versicherte er, »dem jungen Vernègues ein Freund sein, wie er noch keinen hatte.« Sein unverfrorenes Lachen hallte in den Gängen wider.

5. Kapitel

Jeanne zog lange durch die Wälder, die sonnig waren und friedlich, erfüllt nur von den Rufen der Vögel. Es war drei Tage her, dass sie zum letzten Mal die Stimmen von Jägern gehört hatte, Menschenjägern auf der Suche nach den letzten Flüchtigen, die sich vielleicht noch irgendwo in den Höhlen und Spalten des Luberon verborgen halten mochten. Einmal sah Jeanne einen Arm aus einem Brombeergestrüpp ragen. Sie kniete nieder und betrachtete die Hand, die Spuren von Schmutz und Blut auf der Haut, die abgebrochenen Fingernägel. Sie kratzte mit den bloßen Fingern Erde, Moos und Laub zusammen und bedeckte sie, ohne die Zweige auseinanderzubiegen. Im Weggehen sprach sie ein kurzes Gebet.

Seither nichts mehr. Ein erschrecktes Reh, als Jeanne morgens aufwachte und sich unversehens bewegte. Ein unschuldiger Augenaufschlag, grazile Flucht, wie die flüchtige Spur eines milden Traumes. Ein sich schlängelnder Wasserlauf, ein kühler Trunk. Sonnendurchflutete Lichtungen, Felsgruppen mit Pinien, Hänge, auf deren Wiesen die Blüten im Wind zitterten. Jeanne gewöhnte sich daran, keine Menschen zu sehen. Die Einsamkeit der Natur war nicht mehr bedrohlich, sie bot Sicherheit. Doch Nahrung bot sie der Flüchtigen nicht.

Es war noch zu früh für die zahlreichen Beeren, noch gab es keine Nüsse, und die wenigen Wurzeln, die sie ausgrub, stillten ihren Hunger kaum.

Anfangs hatte Jeanne geglaubt, ihr Kummer sei so groß, dass sie nie mehr würde essen, nie mehr würde schlafen können. Jetzt war sie ein Bündel schreiender Bedürfnisse, der Hunger wühlte in ihren Eingeweiden wie mit Klauen, und als sie eines frühen Morgens das erste Gehöft von Weitem erblickte, kroch sie wie ein Tier auf dem Bauch in die Scheune, suchte und fand die versteckten Eier einer einzelgängerischen Henne und schlürfte sie so hastig aus, dass das Eiklar ihr das Kinn hinunterlief. Jeanne leckte die Schalen aus, wischte sich das Kinn ab, leckte auch noch ihre schmutzigen Finger ab und suchte gierig nach mehr.

Ab da stahl sie in den Ställen der Bauern, was immer sie erwischen konnte. Sie raffte hier ein Bund Karotten, dort eine Schale Milch, einmal ein altes halbes Brot, das noch unberührt im Schweineeimer lag. Ihre Feinde waren die Hunde, die Schlaflosen und die allzu eifrigen Frühaufsteher, denen sie auf ihren Streifzügen vor dem Morgengrauen aus dem Weg zu gehen suchte. Immer war es zu wenig, stets blieb sie hungrig dabei. Sie stürzte sich auf kleinste Reste von Nahrung wie eine Saatkrähe in die Furche und hatte kaum noch Gedanken für anderes.

Und einmal fand sie Geld. In einem Obstgarten unter den Bäumen sitzend, an unreifen Früchten kauend, die sie mehr peinigen als sättigen würden, sah sie im Frühnebel jemanden aus dem Bauernhaus schleichen und etwas unter einem Feigenbaum vergraben. Als die Gestalt fort war, kroch Jeanne hinüber, um nachzusehen. Das lockere Erdreich war mit einem Stein mehr markiert als bedeckt worden. Sie hob ihn hoch und brach sich dann zwei Nägel ab beim Graben. Bald darauf hielt sie ein Holzkästchen in Händen mit einem Lederbeutel darin. Jeanne legte den Inhalt in ihren Handteller wie einen Schatz. Es waren Münzen, Kupfer zumeist und ein wenig Silber, die Ersparnisse eines wenig reichen Mannes. Aber Jeannes Augen waren zu sehr mit dem fremd gewordenen, lange vermissten Glanz beschäftigt, ihr Magen knurrte zu sehr, um ein schlechtes Gewissen über den Diebstahl zu empfinden. Geld! Die Leute kauften damit Dinge voneinander, auf dem Markt, im Wirtshaus, schöne, wohlduftende, köstliche Dinge. Man konnte speisen wie ein Mensch, wenn man welches besaß, ja, man war erst ein Mensch.

Jeanne schaute an ihren Lumpen hinunter; der Marsch durch die Wildnis hatte ihren Röcken nicht gutgetan. Sie tastete nach ihrem Haar und suchte die Pfütze der Viehtränke, um ihr Gesicht darin zu betrachten. Nur verschwommen schaute es ihr im Morgendämmer entgegen. War sie das? Ihr Magen knurrte so schmerzhaft, dass sie sich für einen Moment krümmte und alles andere darüber vergaß. Essen, Mensch sein! Mehr wollte sie nicht. Ohne Reue, die Münzen fest von der Faust umschlossen, ging Jeanne davon.

Im ersten Dorf, das sie aufsuchte, war Markttag. Jeanne wurde vom Aroma frisch gebackenen Brotes zu einem Stand gezogen und zeigte auf einen der duftenden warmen Fladen. Sie reichte der missmutig dreinblickenden Frau ihr Geldstück und griff dann mit beiden Händen zu. Heißhungrig stopfte sie sich den Brotflaum in den Mund und hielt erst inne, als sie das erstaunte Gesicht der Standfrau sah.

Jeanne spazierte über den Platz und tauchte in eine der Gassen. Sie genoss es, sich wieder einmal zwischen Häusern zu bewegen. Die Fassaden hier waren sauber und adrett, die Straßen angefüllt mit Menschen und Vieh. Es ging lebhaft zu. Jeanne verfiel ins Schlendern, froh, dass sie sich die Zeit genommen hatte, Kleider und Haar noch einmal zu waschen an einem einsamen Waldbach. Einen ganzen Tag hatte sie nackt im Gras gesessen wie eine Nymphe und gewartet, dass der Stoff trocknen würde. Nun unterschied sie sich kaum mehr von dem Volk ringsum. Ein wenig ärmlicher, ein wenig blasser vielleicht. Aber gab es nicht immer und überall ärmliche Gesichter?

Ihre Hand umschloss die verbliebenen Münzen in der Tasche: Ewig würde das Geld nicht reichen, dachte sie, ich sollte haushalten. Da stieg ihr ein Geruch in die Nase, den sie schon lange nicht mehr gerochen hatte: gebratenes Fleisch.

Das duftete nach Weihnachten und Feiertag, nach Heimat und Beisammensein. Es duftete wie das Leben selbst. Jeanne blieb vor dem Gasthaus stehen. Es war eine Dummheit, zweifellos. Was, wenn jemand dort drinnen sie erkannte? Ein Reisender aus derselben Gegend wie sie? Und war in diesen Zeiten nicht jeder herumirrende Fremde verdächtig, ein wurzelloser Waldenser zu sein? Aber der Lockruf war zu überwältigend. Ehe sie zu Ende überlegt hatte, hatte Jeanne bereits die Tür zur Wirtsstube aufgestoßen. Kochdunst und Rauch quollen ihr entgegen, die Gerüche vieler, eng aufeinanderhockender Menschen. Und der Geruch von Hirsebrei mit Fleischbrühe.

Pah, dachte sie noch trotzig. Keiner würde glauben, dass ein Waldenser sich in eine Wirtschaft vorwagt. Und vielleicht würde sie hier etwas erfahren. Über ihre Leute. Und über ihn, den Mann mit den schwarzen Augen.

Jeanne fand einen Platz und warf ihre Münze auf den Tisch. »Einmal mit Brühe«, verlangte sie, »aber ein paar ordentliche Stückchen darin.«

Bald kamen der Holzlöffel und die Schale. Tatsächlich schwamm die Grütze in dunkler, würziger Soße voller Fettaugen, aus der zur Genüge faserige Fleischstückchen schauten. Beinahe andachtsvoll griff Jeanne, deren erster Hunger durch das Brot gestillt war, zum Löffel. Sie glaubte schon, die Kraft durch ihre Adern rinnen zu spüren, die diese Mahlzeit ihr verleihen würde. Da drangen Stimmen an ihr Ohr.

»Der Bischof«, verkündete ein wohlhabender Bauer, dem der Bauch über den breiten Gürtel hing, »sagt, es sind Ketzer, die die Sakramente nicht kennen.« Breit saß er da und kratzte sich zwischen den Beinen.

Sein Nachbar sekundierte ihm. »Ohne die Taufe sind sie praktisch alle Heiden. Nicht besser als die Türken.« Er mochte ein Schneider sein, lang und dürr mit ebensolcher Nase, die, wenn er nickte wie jetzt, sich weit in seine Schüssel neigte. Der Bauer an seiner Seite stierte, als dächte er über diese Schlussfolgerung nach. Vielleicht war er aber auch nur gespannt, wann das mächtige Riechorgan in die Suppe stippte.

»Dann war es wohl recht«, überlegte ein anderer mit hervorquellenden Augen und wischte die Schüssel mit Brot aus.

»Ach was«, verkündete der Wirt und hievte eine Lage neuer Humpen auf den Tisch. Er wischte sich die Hände am Tuch unter seiner ledernen Schürze ab und stemmte sie in die Hüften. »Ist euch nicht aufgefallen, dass es fast nur die Dörfer der Baronin von Tour d’Aigues erwischt hat?« Auffordernd schaute er in die Runde. Dann beugte er sich vor wie ein Verschwörer und stützte eine Hand auf den Tisch, während er zu seinen Stammgästen sprach. Aber seine Stimme war laut genug. »Ich sage euch, die Waldenser wären alle noch am Leben, wenn sie den Baron d’Oppède damals genommen hätte.«

»Er hat zerstört, was ihm als Mitgift entging.« Der Schneider ließ seine Nase wieder durch die Luft fahren, erfreut über die scharfsinnige Schlussfolgerung, die ihm da gelungen war.

»Am Leben oder nicht«, schnaubte der dicke Bauer, dem das Schicksal der Waldenser, Ketzer oder nicht, eher gleichgültig erschien.

»Er soll beim Angriff gerufen haben: ›Tötet alle! Sogar die Katzen.‹« Die wasserblauen Augen des Sprechers traten noch ein wenig weiter vor, als er sich die Szene vorzustellen suchte.

»Ja, ja, der Baron war schon immer ein feuriges Gemüt.« Der Wirt schien es mit dieser Bemerkung gut sein lassen zu wollen und richtete sich wieder auf.

»D’Oppède, sagtet Ihr?«

Die fremde Stimme ließ alle Männer aufhorchen. Sie gehörte einem Frauenzimmer, recht ärmlich gekleidet und das Kopftuch tief in der Stirn sitzend. Sie sah blass aus und ein wenig kränklich, aber was für Haare! Ihr Zopf schien am Herd Feuer gefangen zu haben und förmlich zu knistern. Und was für ein Mund! Die dunklen Augen, nicht groß, aber schön und von rotgoldenen Wimpern gesäumt, sprühten geradezu.

Der Wirt begann unwillkürlich, sich über den Bart zu streichen und ließ seinen Blick an ihren Formen unter dem schäbigen Tuch auf und ab wandern, stellte sich die Arme vor, bloß und vom Kochfeuer gerötet, ihre Hüften, an denen man in der engen Küche vorbeistreifte, ihren Atem, der schnell ging, angestrengt von der Arbeit, den kleinen Schweißfilm auf ihrer Oberlippe und den Blick, den sie ihm zuwürfe, wenn sie sich kurz aufrichtete und sich mit dem Unterarm über die Stirn fuhr. Die würde mehr hermachen als seine alte Blanche. Der Wirt schluckte unwillkürlich.

Der Bauer saß noch breiter und kratzte sich wieder am Hosenlatz. Die Nase des Schneiders rötete sich.

»Wo kommt Ihr denn her, dass Ihr Jean Maynier, den Baron d’Oppède, nicht kennt?«, fragte er.

Jeanne erschrak. Rasch senkte sie ihr Gesicht über ihren Becher. »Aus Marseille«, antwortete sie dann. »Meine Familie kam mit dem Schiff.«

»Dann habt Ihr im Hafen die Flotte des Hauptmanns Polin gesehen?«, fragte eifrig der mit den blauen Augen. Sie hingen wie Saugnäpfe an dem Mädchen. Zu seinen Gefährten gewandt, fügte er hinzu. »Es heißt, er wollte nach Le Havre auslaufen zum Kampf gegen die Engländer, als d’Oppède ihn stattdessen gegen die Waldenser zu Hilfe rief.«

»Waldenser, Engländer«, tat der reiche Bauer noch einmal seine allgemeine Gleichgültigkeit kund. Seine Augen über dem Krug ließen Jeanne nicht los, während er trank.

»Ob der Polin sich so mit mehr Ruhm bedeckt hat?«, wagte der Schneider zu zweifeln. Niemand wollte ihm in diesen Überlegungen folgen.

»Er soll Hunderte von Waldensern in Ketten auf seine Galeeren geführt haben«, beharrte der Blauäugige. »Habt Ihr nichts davon gesehen?«

Jeanne schüttelte abwehrend den Kopf.

»Die sieht kein Mensch mehr«, verkündete der Bauer und rülpste, als er den Krug abstellte. Jeanne sprang auf, als hätte das Geräusch sie hochgejagt.

»Danke für das Essen«, murmelte sie und huschte hinaus, vier erstaunte Männer zurücklassend, die ihr Verschwinden verwunderte, die es aber nicht genug bedauerten, um ihr nachzugehen.

Draußen lehnte sie sich an eine Hausmauer und atmete tief die frische Luft ein. Doch es half nichts. Sie sah unweigerlich ihren Vater in einer Reihe abgerissener Gestalten über eine Planke wanken, eine Kette um den Hals, und hatte die Finsternis eines Schiffsbauches vor Augen, der sein Grab sein und ihn nie wieder freigeben würde. Ein Anfall von Übelkeit packte und krümmte sie, bis sie alles, das Brot, die Grütze und das kostbare Fleisch, bis zum letzten Bissen wieder von sich gegeben hatte. Keuchend richtete Jeanne sich auf, lehnte die Wange an die kühle Hauswand und schloss die Augen.

D’Oppède war sein Name. Sie kannte ihn gut. In Oppèdele-Vieux stand das Familienschloss, unübersehbar auf seinem Felsen.

D’Oppède also. »Tötet alles! Tötet auch die Katzen.« Ihr war, als hätte sie ihn selber gehört.

6. Kapitel

»Arbeit, sagt Ihr?« Der Mann schaute die junge Frau an, die da vor ihm stand. Sie sah nicht aus wie eine Magd, auch wenn ihr Gewand ärmlich war. Zu abweisend schaute sie drein, zu stolz. Auch war sie zu schön. Sie hatte nichts von der drallen Rosigkeit der Bauernmädchen. So durchsichtig und biegsam, wie sie war, sah sie eher wie ein Fräulein aus. Der Bauer hatte seine Zweifel, dass so eine richtig zupacken würde.

Aber sie bestätigte, melken und buttern zu können. Und sie wusste auch, wie man die Reben beschnitt. Er befragte sie, und sie antwortete sicher und bestimmt. Der Hofhund, der zuerst misstrauisch an ihr geschnuppert hatte, drückte sich schon an sie und ließ sich kraulen, das dumme Biest. Der Bauer kratzte sich am Kinn.

Selbstbewusst stand sie vor ihm. Er schätzte die selbstbewussten Weiber nicht, und der Herr Pfarrer gab ihm da recht. Aber was sollte es, das wäre ja nicht sein Problem. Er war sogar gespannt, wie sein Verwalter damit zurechtkäme. Der Bauer rieb sich den Schädel und grinste.

»Ja«, bestätigte er schließlich in seiner schleppenden Aussprache, »Arbeit hat’s hier immer. Lucien!« Das letzte Wort hatte er mit erhobener Stimme gesprochen. »Lucien ist hier der Verwalter«, erklärte er Jeanne, während der Gerufene sich näherte. »Er beaufsichtigt die Arbeit und schließt Knechte und Mägde des Abends in ihren Kammern ein. Ich will hier keinen Ärger haben.« Er hob mahnend den fetten Finger.

Jeanne bestätigte mit gesenktem Scheitel, dass sie in allem fügsam sein wollte. Sie hatte sich über Wochen durchgeschlagen bis hierher, in die Nähe von Cavaillon, das von d’Oppèdes Heimatgemeinde nicht allzu weit entfernt lag. Nun brauchte sie einen Platz, wo sie unterkommen und ein wenig Geld verdienen konnte, bis ihre vagen Pläne reiften und ihre unklaren Wünsche Gestalt annahmen. Sie wollte Ruhe und ein stilles Plätzchen, sie wollte nachdenken können, sie wollte leben; sie war nicht auf Ärger aus.

Als Lucien herangetreten war und sie den Kopf wieder hob, wusste sie, dass es nicht ohne abgehen würde.

»Und du sprichst abends vor dem Zubettgehen auch brav deine Gebete, ja?«, fragte der Verwalter mit anzüglicher Miene, als sie an seiner Seite über den Hof davonging.

Jeanne durchzitterte es sofort. Wusste er etwa, wer sie war? Für einen Moment fürchtete sie, der andere habe in ihr die Ketzerin gewittert. Weshalb sonst die Frage nach ihrem Glauben? Sofort begannen ihre Knie zu schlottern. Schlachtenlärm dröhnte in ihren Ohren auf. »Da vorne lebt noch einer«, hörte sie es in ihrem Kopf widerhallen.

Dann fasste sie sich. Wenn sie so wenig Nerven besaß, würde sie nicht lange überleben. Er genießt es ja nur, dir gegenüber das Wort »Bett« in den Mund nehmen zu können, ermahnte sie sich innerlich. Eine Anzüglichkeit, das war alles. Das Zittern hörte auf, und sie sah ihm keck ins Gesicht. Der Bauer schaute ihnen nach, kratzte sich am Kopf und ging davon. Das war nicht seine Sache.

»Na, dann komm mit.« Lucien, der Verwalter, grinste. »Ich zeig dir dein Lager und deine Pflichten.« Die Art, wie seine Hand dabei zur Hose ging, war unmissverständlich.

Jeanne löste sich aus seinem Arm, der ihre Hüfte zu umschlingen versuchte, und ging in sicherem Abstand neben ihm her, während er sie herumführte. »Der Herr hat gesagt, ich soll in den Weingärten arbeiten«, antwortete sie spröde.

Lucien lachte. »Aber sicher doch«, erwiderte er. »Wir arbeiten alle in den Weingärten des Herrn.« Es klang, als fände er das ungemein komisch.

Jeanne lebte sich rasch ein auf dem Hof, die Arbeit war anstrengend, aber nicht schwierig, und sie war es von zu Hause gewohnt, fest mit anzupacken. Das Leben war angenehm eintönig und half ihr, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Die anderen Mägde, mit denen sie sich eine Kammer teilte, waren zumeist fröhliche junge Mädchen, so großäugig sanftmütig und tumb wie die Kühe, an deren warme Flanken Jeanne jeden Morgen ihre Wange schmiegte, wenn sie sie melkte. Keine von ihnen wollte Jeanne etwas Böses, aber es war auch keine dabei, mit der sie über die Dinge hätte sprechen können, die ihr durch den Kopf gingen, selbst wenn sie ihre Angst hätte überwinden können, sich als Waldenserin zu offenbaren. Die Gespräche der Mägde drehten sich in immer gleichen Kreisen um die Arbeit, ums Tanzen, um die kleine Mitgift, die sie alle anzusammeln versuchten, um die Burschen und natürlich um Lucien.

Um Lucien kam auf dem Hof kein weibliches Wesen herum. Er tauchte überall auf, wenn man ihn am wenigsten erwartete. Er warf mit obszönen Scherzworten um sich, tätschelte Hintern im Vorbeigehen, und Jeanne begriff schnell, was es zu bedeuten hatte, wenn er eines der Mädchen abends auf dem Weg in die gemeinsame Schlafkammer, die er hinter ihnen abzusperren pflegte, aufhielt, um es an eine angeblich vergessene Pflicht zu erinnern. Die Betreffende kam dann immer ein wenig später als nötig, mit gerötetem Gesicht, gelockertem Mieder und Strohhalmen in den wirren Haaren. Jeanne, die es nicht sehen konnte, ohne an das Grauen im Wald zu denken, das sie, so gut es ging, verdrängte, hatte allerdings nicht bemerkt, dass eine darüber besonders unglücklich gewesen wäre.

Einmal kam Lucien vorbei, als sie beim Heuen waren. Den Finger auf die Lippen gelegt, damit keine ihn verriete, schlich er sich von hinten an die dicke Margot heran, die, vornübergebeugt, mit Schweißperlen auf der Stirn, an der Arbeit war. Mit beiden Händen fuhr er ihr in den offenherzigen Ausschnitt und vollführte dazu mit seiner Hüfte an ihrem Hintern eindeutige Bewegungen. Dabei schaute er Jeanne in die Augen, die sofort wegsah. Die anderen lachten, Margot kreischte, machte sich frei und versetzte dem Aufseher lachend eine gutmütige Ohrfeige, die der ebenso lachend und ohne Groll einsteckte. Jeanne wandte sich ab, als er nah an ihr vorbeiging, bemüht, sich nicht zu übergeben.

An dem Abend sprach er sie an, als sie eine nach der anderen durch die Kammertür traten. »He, Jeanne, ich hab gesehen, du hast den Melkeimer nicht gespült. Hol das nach, ehe du dich schlafen legst.«

Jeanne, die genau wusste, dass der Eimer sauber wie immer auf dem Abtropfbrett stand, schüttelte den Kopf.

»Willst du deine Schlamperei auch noch leugnen?« Lucien runzelte die Stirn. »Mit der Einstellung hast du hier keine große Zukunft, das kannst du mir glauben.« Er saugte an seinen Zähnen und schien nachzudenken. Seine Finger trommelten auf den breiten Ledergürtel, den er trug. Schließlich winkte er Margot, die fügsam noch einmal herausgeschlüpft kam und angewiesen wurde, die Sache an Jeannes Stelle in Ordnung zu bringen. »Du hast Glück, dass ich dich nicht dem Bauern melde«, rief er noch in die Kammer.

Als er fort war, gingen alle zu Bett wie sonst, aber die Stimmung war angespannt.

»Du glaubst wohl, du bist was Besonderes«, blaffte eines der Mädchen schließlich, eine dürre Blondine mit immer ein wenig geröteten Augen.

»Ich habe den Eimer nicht vergessen«, verteidigte Jeanne sich, aber ihr Einwand wurde gar nicht beachtet.

»Das ist mir schon ein paarmal aufgefallen«, fiel eine andere ein, üppig wie Margot, mit rauem Teint und dicken schwarzen Haaren, die gerade aus ihren Röcken schlüpfte. »Immer hältst du dich abseits, machst keinen Spaß mit.«

»Für mich ist das eben kein Spaß«, gab Jeanne zurück. Sie kämpfte gegen die Panik an, die in ihr aufstieg. Sie konnte die Bilder ihrer Gefährten nicht verdrängen, die wie die Tiere gejagt und erschlagen worden waren. Eine Gruppe von Menschen, die sich feindselig gegen sie wandte, machte ihr Angst, und sie glaubte mit einem Mal, in der engen Kammer keine Luft mehr zu bekommen.

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