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Die Hüterin – Das Erbe der Schlange

Inhalt

TESSA KORBER

DIE
HÜTERIN

DAS ERBE DER
SCHLANGE

Historischer Roman

Vignette
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1

Der Ruf »Wir sind verloren« flog über das Schiff, kaum zu hören gegen das wütende Brüllen der See. Und doch drang er ins Bewusstsein der verzweifelt kämpfenden Menschen und ließ sie einen Moment innehalten. Wie zur Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen überspülte im selben Moment eine Welle das Deck, nahm Eimer, Fässer, vom Sturm herabgebrochene Rahen und das Gewirr zerfetzter Takelage mit sich. Schwer neigte die Lady of Dover sich auf die Seite. Ein hoher Schrei ertönte, eine Hand griff ins Leere und wurde im letzten Moment gepackt. Ein Matrose starrte in den Abgrund, der sich für Augenblicke unter seinen Füßen auftat, mit dem ganzen Grauen desjenigen, der nicht schwimmen kann, ehe seine Mannschaftskameraden ihn zurück auf die Planken zogen.

Der Kapitän warf einen verzweifelten Blick in den Himmel, der ihnen in dieser Nacht jegliche Hilfe versagt hatte. Kein Stern war zu sehen; schwarzviolett türmten sich die Wolkenberge und zogen vor einem Mond dahin, der hie und da sein Licht auf den dunklen, gezackten Saum der Klippen warf, die viel zu nah vor ihnen aufragten, um noch eine Hoffnung zu erlauben. Er begriff es noch immer nicht. Sie mussten in der Dunkelheit Point Seal und den Fels des heiligen Andrew übersehen haben. In dem Glauben, die Landspitze der Robbenbucht noch vor sich zu haben, waren sie zu weit nach Nordosten abgekommen und hatten genau auf das Kliff am Ende der Bucht zugehalten. Die Flut war rückläufig; nicht nur der Wind, auch die Gezeiten würden sie auf die Felsen drängen, an denen schon so viele Schiffe gescheitert waren. Er fluchte.

Der Ort war berüchtigt, manchen galt er sogar als verhext. Wie hatte es nur geschehen können, dass sie hierher gerieten? Der Sturm brüllte auf, übersprühte ihn mit neuer Gischt und schlug weißen Schaum auf Wellen, die wie Wände vor ihnen aufragten. Das ist die Antwort, dachte er. Gegen dieses Toben ist Menschenkraft machtlos.

Vom Deck herauf erklang ein Choral. Dort hatten sich die Passagiere zusammengedrängt, in Erwartung des Kommandos, dass jeder für sich selbst verantwortlich wäre und sein Heil oder Ende suchen konnte, wo er wollte, im Wasser oder in den Trümmern des Schiffes. Dünn, vom Wind zerfetzt, wehten die Stimmen herauf. Ja, singt nur, dachte der Kapitän und bekreuzigte sich, um gleich darauf seinem Steuermann in den Arm zu fallen, der das Rad in diesem Moment sich selbst überließ.

»Bist du wahnsinnig?«, brüllte er. Sein Mund füllte sich mit Regen, der salzig schmeckte. »Halten, Mann, halten.« Er griff in das wirbelnde Holzrad und verbiss sich den Schmerz, als die Holme mit Wucht gegen seine klammen Finger schlugen. Der Mann an seiner Seite ging in die Knie und fiel vornüber. Dem Kapitän blieb nichts, als den Körper mit dem Fuß so weit beiseitezuschieben, dass er selbst festen Stand hatte. Wild kurbelnd schaffte er es, das Schiff, das gefährlich Schlagseite bekommen hatte, wieder so in den Wind zu drehen, dass es sich aufrichtete und die nächste Welle halbwegs von vorne nahm. Sie überspülte alles mit kalter Gewalt, brachte das Lied zum Verstummen und löschte die Laterne, die wie ein letzter Funken Hoffnung vom Mast herab geblinzelt hatte.

Die nächste, dachte der Kapitän, die nächste ist unser Ende. Der Mann zu seinen Füßen, der sich wie ein Tier zusammengerollt hatte, betete in abgehackten Sätzen.

Da riss die Wolkenwand für einige Momente auf. Kaltes Mondlicht ergoss sich über die Küste, eine schwarze, schrundige Wand, über dessen kahle Kante der Sturmwind fegte. Weiter unten leuchtete das schmale Band eines Strandes, von Felsen durchzogen, auf denen man am nächsten Morgen ihre Leichen finden würde. Es gab kein Entrinnen. Jetzt, beschloss der Kapitän, und er trat vor, um den Passagieren an Deck zuzurufen, dass der Moment gekommen war. Jeder für sich selbst, so lautete die Parole. Wenn sie jetzt nach Fassdauben oder Planken griffen, um sich daran geklammert dem Wasser anzuvertrauen, dann sahen sie wenigstens, wohin sie sprangen.

Für einen Moment gingen ihm die Gesichter der Menschen, die in seine Obhut gegeben worden waren, durch den Sinn, und er spürte ein leises Bedauern bei dem Gedanken, dass sie um sich schlagend und tretend, gegen die Kälte ankämpfend, von ihren vollgesogenen Kleidern nach unten gezogen, von mörderischen Wellen ersäuft oder nach langem Kampf auf den Klippen zerschmettert werden sollten.

Er sah seine eigenen Männer, die den Kampf schon aufgegeben und, ohne auf sein Kommando zu warten, begonnen hatten, sich mit Tauen an alles zu binden, was ihr Gewicht zu tragen vermochte. Zwei bemerkte er, die um eine Planke rangen, mit Zähnen und Klauen aufeinander losgehend ohne menschliche Hemmung und ohne jede Scham.

Da brüllte er noch einmal mit aller Kraft. Alle hoben die Köpfe. Aber sie wandten sich nicht ihm zu, sondern schauten an ihm vorbei nach Osten, auf die Küste, den Ort ihres Verderbens, dessen Umriss sich in diesem Moment in klarstem Licht abzeichnete. Und für diesen Augenblick vergaßen sie ihr Leben und den Tod. Wie gebannt starrten sie auf das, was sie sahen und doch nicht zu glauben vermochten.

Der Kapitän folgte ihrem Blick und erschrak. Sämtliche Haare stellten sich ihm auf. Seine Fäuste packten die Reling fester. Dort oben warteten Menschen, stumm und starr wie Statuen, und ebenso gefühllos.

»Wrecker«, flüsterte er. Dann brüllte er es – war das er, der da schrie wie ein Tier? »Wrecker!« Alle Verzweiflung, aller Hass lag in diesem Ruf. Ja, dort standen sie, Menschen, zumindest der Gestalt nach, eine lange, dunkle Reihe von Silhouetten. Seite an Seite blickten sie reglos und erwartungsvoll auf das Meer. Der Wind zerrte an ihren Kleidern und ließ ihre langen Haare züngeln wie Schlangen. Sie rührten sich nicht.

»Sie warten auf uns«, knurrte der Kapitän. »Sie können es nicht abwarten, bis wir kalt sind.« Wrecker! Er wusste, dass es sie gab; an allen Küsten konnten sie lauern, dreckige Bauern, Schafhirten, Fischer, die das Nötige zum Leben kaum zusammenkratzen konnten. Vom Hunger und dem eigenen Elend getrieben warteten sie darauf, dass die Wracks unglücklicher Schiffe angespült wurden, um sie zu plündern und auszuschlachten. Von Rechts wegen gehörte ihnen, was an den Strand trieb, und nicht einmal der König machte es ihnen streitig. Sie schreckten auch vor dem Leichenfleddern nicht zurück; jeder kannte die Geschichten. Keine helfende Hand reichten sie den Ertrinkenden, da sie sich nur an den Toten bereichern konnten. Im Gegenteil. Wer das Pech hatte, in ihrer Nähe lebend an Land zu kommen, lief Gefahr, erschlagen zu werden wie eine junge Robbe. Und mancherorts, so munkelte man, mancherorts und in besonders harten Wintern ernährten sie sich sogar vom Fleisch der Angespülten.

Unwillkürlich griff der Kapitän nach dem Messer in seinem Gürtel. Sein Blick fiel auf den Ordensritter, der zu seinen Passagieren gehörte und dessen Gestalt in dem markanten weißen Mantel die meisten anderen überragte. Trotz des Sturms hatte er seinen Harnisch nicht abgelegt, ganz so, als könnte er den Elementen trotzen wie einem Sarazenenkrieger. Ob er auch sein Schwert in der Hand hielt?, fragte sich der Kapitän. Ob er im Heiligen Land jemals einem Feind wie diesem in die Augen geblickt hatte? Denn Heiden mussten sie sein, die dort drüben. Kein Christenmensch könnte tun, was sie zu tun beabsichtigten. Und keiner konnte dem ins Auge blicken, ohne wahnsinnig zu werden. Auch er spürte nun, wie die schwarze Panik in ihm hochstieg und ihn zu verwirren begann.

Sein Herz raste, und in seinen Ohren begann es zu pfeifen und zu sirren. Er glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Unwillkürlich schrie er auf und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. Dieser Ton, wenn nur dieser Ton enden würde! Der Kapitän ging in die Knie.

»Sie singen!«, erklang es von unten entgeistert. Niemand wusste, wer den Satz als Erster auszusprechen gewagt hatte. Doch alle begriffen im selben Moment, was gemeint war. Die dort oben, die dunklen Gestalten, die Seite an Seite standen, ohne sich zu regen, übten eine fast magische Gewalt aus. Keiner vermochte den Blick von ihnen zu lösen. Und langsam verwandelte sich das lähmende Grauen, das ihr Anblick im ersten Moment hervorgerufen hatte, in eine Art Trance. Noch immer tobte der Sturm, noch immer wankte das Boot unter ihren Füßen, und die Gischt überspülte sie. Und doch wirkte alles für den Augenblick wie ferngerückt, ein Traum, den ein anderer träumte. Sie hingegen wurden festgehalten und umhüllt von einer fremden Kraft. Es war ein Sirren, ein Beben, etwas, das mit der Dunkelheit und dem Meer verwoben schien, überall um sie herum. Es hob und senkte sich, es wiegte sie, stieg an und kehrte zurück, erfüllte ihre Gedanken mehr als ihre Ohren und hallte in ihren Köpfen wider. Wahrhaftig: Es war Gesang.

Aber keiner, den je ein Mensch vernommen hätte. Alle bekreuzigten sich, und einer, der vom Schicksal des Odysseus gehört hatte, versuchte, sich die Ohren zu verstopfen. »Sie rufen uns!«, krächzte der alte Seemann und zeigte hinauf zu den unheimlichen Wesen. »Es sind Boten des Todes!«

»Boten der Hölle sind sie.« Das war der Ordensritter. Wie die anderen starrte er zu den Gestalten hinauf, die im Mondlicht etwas Übermenschliches an sich hatten. Aber in seiner Miene malte sich neben Furcht und Abscheu noch etwas anderes: eine grimmige Befriedigung. Mit einer Handbewegung befahl er seinen Knappen heran. »Kannst du sie mit dem Bogen erreichen?« Es war keine Frage, sondern ein Befehl.

Wortlos griff der Angesprochene in seinen Köcher. Genau wie sein Herr war er in voller Bewaffnung an Deck angetreten, bereit, dem, was kam, wie ein Krieger entgegenzugehen. Nun aber war sein Gesicht bleich und seine Hand zitterte mehr, als es sich durch Kälte und Gefahr hätte erklären lassen.

»Ich kann nicht«, murmelte er. »Es ist zu weit, und der Sturm …« Ein Wellenschlag gegen die Schiffseite, hart wie Holz auf Holz, warf ihn beinahe von den Beinen. Dankbar spürte er, wie sein ungeduldiger Herr ihm den Bogen aus den Händen riss, um selbst zu zielen. In der Tat war es weit, und weder Wind noch Wogen ließen viel erhoffen. Doch war es nicht das gewesen, was den Arm des Knappen hatte beben lassen. Es war die Stimme, die in seinem Kopf erklang, der fremde Klang, der zu ihm sprach, so nah und intim, als flüstere ihm jemand direkt ins Ohr. Es war dieser Klang, der ihn mehr erschreckte als jede Waffe, die jemals gegen ihn erhoben worden war. Wimmernd robbte er an die Reling, kauerte sich in ihrem Windschatten zusammen, dankbar, dass er die Klippen nicht mehr zu sehen brauchte.

Auch der Kapitän spürte, dass seine Hände zitterten. »Sie sprechen zu mir«, murmelte er fassungslos, beinahe sicher, dass er dem Wahnsinn verfallen war, der dem sicheren Tod vorausging. Und doch war es so und nicht anders: In seinem Kopf formten sich Sätze, nein, undeutlicher, Klänge, Bilder, eine Absicht, ein Vorsatz, etwas wie ein Impuls, dem er dringend nachgeben wollte. Er streckte die Hände nach dem Steuerrad aus.

»Herr, es ist die Stimme des Teufels!« Wie ein Schlafwandler blickte der Kapitän hinab und sah das Gesicht seines Steuermannes, der sich auf die Knie aufgerichtet hatte und die Arme hob. »Sie wollen uns auf die Klippen locken, wie schon so viele vor uns. Es ist der Fluch dieser Bucht.«

Der Kapitän hörte es und zögerte. Aber dann war da wieder dieses Beben, das durch seinen ganzen Körper ging, dieser Befehl, den er hörte. Ehe er darüber nachdenken konnte, schlug er nach dem Mann, schüttelte seinen Griff ab und riss das Steuer energisch herum.

Der Aufschrei des Steuermannes ging im Stöhnen des Holzes unter, als sich die Lady of Dover auf die Seite legte. Für einen Moment glaubte der Kapitän, sie werde umschlagen und kentern. Der Wimpel ihrer Mastspitze streifte bereits die See. Dann aber, mit einer quälenden Anstrengung, richtete sie sich wieder auf und drehte dabei nach Westen. Der Sturm setzte für ein Atemholen aus. Im selben Augenblick entdeckte er es zwischen zwei Wellentälern: eine Rinne tieferen Wassers, dunkel wie die Nacht und ohne verräterischen Schaum. Dort war eine schmale Durchfahrt, die Passage, die ihrer aller Leben retten konnte. Unmittelbar darauf verschwand der Mond wieder, und alles wurde schwarz. Aber der Kapitän hatte gesehen, was er sehen musste. Er brüllte seine Kommandos und hielt auf die Stelle zu.

Eine Woge hob sie an und schob sich dann zwischen sie und das Land, so hoch, dass sie alles verdeckte. Mit einem entschlossenen Schrei ließ der Kapitän sein Schiff darauf reiten, drehte auf ihrem Höhepunkt und sauste hinab in die Lücke, die sich zwischen den Gebissen der Riffe vor ihnen auftat. Wie ein Geschoss glitten sie hindurch und erreichten das Kap.

»Noch sind wir nicht in Sicherheit«, rief er, seine Matrosen anfeuernd. Noch immer konnten Wind und Gezeiten sie zurück zur Küste treiben. Aber dennoch machte sich eine Zuversicht breit, eine Erleichterung, die mit den Händen zu greifen war. Der Steuermann lachte, schlug ihm auf die Schulter und übernahm das Ruder wieder. Der Maat trieb die Matrosen in die Wanten, dass sie das nasse Segelzeug bargen oder herabrissen. Die Passagiere fielen einander in die Arme, manche beteten laut. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder der Klippen erinnerten und ihre Blicke suchend über deren Höhe wandern ließen. Aber dort war nichts zu sehen, kein Mensch, nichts als Stein. War es eine Täuschung gewesen? Hatten sie sich in ihrer Todesangst von ein paar seltsam geformten Felsen foppen lassen? Oder war es ein Spuk?

Der Kapitän schüttelte den Kopf, seine Hände zitterten, als er sich mit allen zehn Fingern das Wasser aus dem Haar kämmte. War er einem Wahn erlegen, oder konnte er seinen Sinnen trauen? Wie hatte der Befehl eigentlich gelautet?

Sie locken uns auf die Klippen, hatte sein Steuermann gerufen. Hatte nur das Glück oder gar – welch süßer Gedanke – seine eigene Findigkeit sie im letzten Moment gerettet? Hatte er sie alle vor einem bösen Plan gewarnt? Oder war der rettende Kurs das gewesen, was diese Wesen ihnen hatten zeigen wollen? Der Kapitän warf einen letzten Blick zurück auf das leere Land. »Wer seid ihr?«, flüsterte er. In seinem Kopf wogten die Gedanken nicht weniger wild als die See. Er kam zu keinem Ergebnis. Es war mehr, als er zu begreifen vermochte. Wie ein Tier schüttelte er sich, schüttelte Wassertropfen und Vorahnungen ab. Eine Menge Arbeit lag vor ihnen, bevor sie ihren Hafen erreichen würden.

Der Ordensritter ließ den Bogen sinken, den Pfeil noch immer auf der Sehne. Seine Lippen waren fest aufeinandergepresst. »Herr«, murmelte sein Knappe und nahm ihm ohne ein weiteres Wort zaghaft die Waffe ab. Als er bemerkte, wohin sein Herr immer noch starrte, bekreuzigte er sich unwillkürlich. »Herr, das Schlimmste haben wir hinter uns, glaube ich«, wagte er schließlich mit einem Seitenblick auf seine vor Begeisterung zugleich lachenden und weinenden Mitreisenden zu bemerken.

Der Ritter würdigte keinen von ihnen eines Blickes. Auch er schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Es hat eben erst begonnen.«

2

Rowena legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen vor Behagen. Der Wind war warm und streichelte ihre Wangen, das Sonnenlicht malte goldene Kreise auf die Innenseite ihrer Lider. Die sanfte Bewegung des Pferdes unter ihr wiegte sie und ließ sie sich eins fühlen mit diesem Sommertag. Und als sie die Augen öffnete, begegnete sie dem strahlenden Blick des Mannes, der an ihrer Seite ritt, ihres Mannes. Allein der Gedanke erzeugte eine Woge warmen Glücksgefühls in ihr. Sie erwiderte sein Lächeln und streckte die Hand nach ihm aus. Er ergriff sie und legte sie an seine Wange, die noch immer braun verbrannt war von der Sonne Jerusalems, unter der er an der Seite König Richards gekämpft hatte. Mit seinen wilden schwarzen Locken sah er selbst ein wenig aus wie ein Araber, fand sie, eher wie ein Sarazene als ein ehemaliger Kreuzritter. Aber seine Augen leuchteten so dunkelblau wie die wilde See der Küste, der sie entgegenritten, seiner nördlichen Heimat.

Cedric of Cloagh! Noch immer konnte sie es nicht fassen, dass er ihr Gemahl geworden war. Sie liebte ihn, seit er ihr das erste Mal begegnet war, bei jenem Turnier vor den Toren von Exeter, als sie ihm, dem Unbekannten, ihre Farben zu tragen gab. Mit wild pochendem Herzen, ohne ihren Vater um Erlaubnis zu fragen, ohne eine Sekunde zu zögern und ohne die geringste Scham. Wie lange war das nun her, kaum ein ganzes Jahr? Und doch schien es ihr, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.

Zu einer Zeit, da sie nichts anderes gewesen war als ein ahnungsloses Burgfräulein aus den englischen Wäldern, das hungrig war auf ein wenig Leben. Als sie noch dachte, ihre Eltern wären einfache kleine Adlige und der dichte Wald um ihre Burg beherberge nichts anderes als Rotwild und Pilze.

Damals hatte sie noch nicht gewusst, nicht einmal geahnt, was nun der Inhalt ihres Lebens war: Dass ihre Familie ein Amt besaß, ein Geheimnis, das sie vor aller Welt bewahren mussten: Sie waren die Hüter der Letzten des Alten Volkes. Älter als die Angeln und Sachsen, älter als die Kelten, so alt wie die Steine von Stonehenge waren sie und dem Lande verwachsen. Im Gedächtnis der übrigen Menschen nicht mehr als eine Sage, ein Feenvolk, lebten sie auf dem Land ihrer Familie im Verborgenen fort.

Zuerst war Rowena entsetzt gewesen. Sie war als gute Christin erzogen und konnte es nur schwer fassen, dass ihr Vater sich mit zauberischen Heiden abgab, sie hegte und verehrte, ja, dass ihre eigene Mutter eine von ihnen gewesen war und auch in ihr selbst das Blut der Alten floss. Sie hatte dazugelernt seither. Hatte gelernt, das Erbe in sich anzunehmen. Und als offenbar wurde, dass auch ihr geliebter Cedric aus einer Familie von Hütern stammte, war ihr Glück vollkommen gewesen.

Er wendete ihre Hand und küsste sacht die Innenfläche. »Ich kann es noch immer nicht glauben«, sagte er.

»Was?«, fragte sie und gab ihm einen spielerischen Klaps, ehe sie wieder nach den Zügeln griff. »Dass wir einen Zug von Feen durch halb England führen?« Sie blickte über die Schulter zu den Wagen, die ihnen folgten und die Habe derjenigen trugen, die aus dem Volk der Alten bereit gewesen waren, ihr in die neue Heimat zu folgen. Neben den Karren marschierten und ritten sie selbst, getarnt durch die Kleider einfacher Bauern, Handwerker und Knechte und doch schon auf den ersten Blick als etwas Besonderes erkennbar.

War es ihre Schönheit, die sie verriet, überlegte Rowena, ihre schlanke, ebenmäßige Gestalt, ihre noble Haltung? Oder eher die langen Haare der Männer, die sie sorgsam unter Hüten und Kappen versteckt halten mussten? Dann betrachtete sie Urdis, die Älteste und Anführerin, deren langes Silberhaar ihr in dünnen Strähnen bis auf die Hüften fiel über dem lose sitzenden Kleid und deren hellblaue Augen aus einem Gesicht leuchteten, so hutzelig und braun wie ein ledriger Winterapfel. Urdis war schön, befand Rowena, aber auf eine Weise, die sich dem normalen Betrachter nicht sofort erschloss. Nein, es war etwas anderes, was den Zauber ausmachte, der über den Ihren lag. Es war etwas an der Freiheit, der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich bewegten, an ihrem Blick, der verträumt und intensiv zugleich war, was sie von allen anderen unterschied, denen sie begegneten. Rowena dankte Gott täglich für die Dumpfheit der Menschen, die es nicht bemerkten oder die Ursache für die sehnsuchtsvolle Heiterkeit, die sie plötzlich beim Anblick ihres Waldvolkes erfüllte, anderswo suchten.

»Nein«, erwiderte Cedric und holte sie aus ihren Gedanken. Er trieb sein Tier wieder nahe an ihres. »Ich kann noch immer nicht glauben, dass du tatsächlich meine Frau bist.« Liebevoll strich er über ihr leuchtend rotes, geflochtenes Haar, das sie auf dem Ritt unter keinem Schleier verbarg.

Rowena strahlte ihn an. »Etwas Ähnliches ging mir auch gerade durch den Kopf«, gestand sie.

Der innige Blick, den sie tauschten, wurde rüde gestört.

»Verzeiht, Herr«, sagte Cedrics Knappe und räusperte sich.

»Was gibt es denn, Colum?«, fragte Rowena nachsichtig. Sie hatte den groben, hässlichen Mann schätzen gelernt, der ihrem Gatten niemals von der Seite wich. Entgegen seinem Äußeren und trotz seines stets zur Schau getragenen Missmuts war er voller Herz und dem Alten Volk bedingungslos ergeben.

»Wir haben die Grenze zum Gebiet der Cloaghs überschritten, wollte ich nur sagen. Ihr schient mir ein wenig abgelenkt.«

Freudig überrascht wandte Rowena sich an Cedric. »Der Grund deines Vaters?«, fragte sie.

Cedric schüttelte den Kopf. »Nein, hier herrscht mein Onkel Connor«, erklärte er. »Er ist kein Hüter. Obwohl er und Vater sich gut verstehen, sollten wir uns hier nicht zu lange aufhalten. Mit ihnen«, sagte er und deutete vielsagend in Richtung ihres Zuges. »Wir sind noch nicht zu Hause.« Rowena nickte. Da hörte sie ihn hinzufügen: »Ich frage mich, wie es dort sein wird.«

»Glaubst du, es hat sich verändert?«, fragte sie und ritt an seine Seite. »Dein Zuhause?«

Er zuckte mit den Schultern. »Wie sollte es nicht?«, gab er zurück. »Als ich aufbrach, war es eine Grafschaft wie alle anderen. Mein Vater war in meinen Augen ein ganz normaler, strenger, ein wenig fantasieloser Mann. Und ich verbrachte meine Jugend damit, in den Klippen nach Möweneiern zu suchen und von Turnieren zu träumen.« Er lachte, erstaunt über sich selbst. »Jetzt weiß ich, dass Cloagh mehr ist als die Heimat von Schafzüchtern und Seefahrern. Das Alte Volk lebt versteckt in seinen Buchten, mein Vater ist ihr heimlicher Hüter, und ich bin dazu ausersehen, dieses Amt fortzuführen.« Er hob ein wenig ratlos die Hände und betrachtete sie, als zweifelte er an ihrer Fähigkeit, die vor ihm liegende Aufgabe zu bewältigen.

Spontan ergriff Rowena sie. Sie waren braungebrannt, schlank, aber kräftig, dabei trocken und rau vom Führen der Waffen. Und wenn sie über ihren Körper glitten, erzeugten sie ein Gefühl wie nichts sonst. Sie presste seine Finger in einer plötzlichen Aufwallung.

Colum räusperte sich, wie um seine Belustigung zu überspielen.

Cedric wandte sich zu ihm um. »Du wusstest es von Anfang an. Auch die Sorge meines Vaters kanntest du, dass sein Seevolk ausstarb. Und den wahren Grund unserer Mission.«

Colum, der sonst so düster dreinblickte, schaffte es nicht ganz, ein selbstzufriedenes Grinsen zu unterdrücken.

»Ja, lach nur«, gab Cedric mit gespieltem Missmut zurück. »Du wusstest, dass wir auf der Suche waren nach anderen wie wir. Ich dachte fröhlich, es ginge nur darum, auf Turnierplätzen Erfahrungen zu sammeln und sich ein wenig die Hörner abzustoßen. Vielleicht eine Braut zu finden.«

»Was du ja getan hast«, wandte Rowena neckisch ein. Der Schatten auf seinem Gesicht verschwand für einen Moment.

»Und was für eine«, gab er zu, endlich den Druck ihrer Hand erwidernd. »Und die Lösung unserer Probleme dazu.« Wieder wandte er sich um und ließ seinen Blick über diejenigen schweifen, die ihnen folgten.

Kinderlachen drang zu ihnen, gut gelaunte Mädchen schäkerten mit den jungen Reitern unter dem Kommando von Arval, dem Jäger, der sich auf den Wochen ihrer Reise gut an das Reiten gewöhnt hatte. Er saß inzwischen besser zu Pferde als jeder Ritter. Es wunderte Cedric nicht. Nach allem, was er über das Alte Volk gelernt hatte, teilte er dem Tier vermutlich seine Gedanken mit und lenkte es auf diese Weise ohne Worte oder Gesten.

Das war möglich – Rowena hatte es ihm erklärt. Auch sie selbst verstand sich mehr und mehr darauf. Es ging darum, die Grenzen zwischen sich und den anderen aufzulösen und die Einheit des Lebens zu begreifen. Sie sagte, wenn sie nebeneinanderlägen, könne sie das Blut in seinen Adern fließen fühlen, ihr Herzschlag antworte dem seinen und sie verschmölzen miteinander, als gäbe es nur einen Körper, einen Atem, ein Sein. Cedric war diese Empfindung verwehrt. Sicher, er begehrte sie und genoss ihr Zusammensein mit allen Sinnen. Sein Körper schrie nach Rowena, wann immer er von ihr getrennt war. Sie war in gewisser Weise ein Teil von ihm geworden. Aber ihre Gedanken lesen, das konnte er nicht. Und manchmal hoffte er, dass auch sie die seinen nicht zu lesen vermochte. Da war zu vieles, was er gerne vor ihr verborgen hätte.

Colum, der das erneute Stirnrunzeln seines Herrn missdeutete, räusperte sich erneut. »Es ist nicht so, dass er Euch misstraut hätte, Herr.«

Kein Satz wäre geeigneter gewesen, Cedrics Stimmung endgültig zu verderben. Dass sein Vater das Familiengeheimnis so lange auch vor ihm, seinem Erben, gehütet hatte, wollte ihm nicht aus dem Kopf. Hatte sein Vater gezweifelt, ob er des Amtes würdig wäre? Hatte er erwogen, ihn nicht einzuweihen? Er verzog den Mund zu einem unglücklichen Lächeln. »Tja«, meinte er, »aber vertraut hat er mir auch nicht. Sondern dir.«

Colum senkte den Kopf. Es war wahr. Als der Graf von Cloagh sie fortgeschickt hatte, kannte nur er, der Knappe, den wahren Grund ihrer Reise: andere zu suchen, die wären wie sie.

Rowena griff erneut nach der Hand ihres Gatten, um ihn aufzumuntern. »Er wird es dir zu deinem eigenen Besten so lange verschwiegen haben.« Sie bemühte sich um einen heiteren Ton. »Schau dir meinen Bruder an. Er war von Kindesbeinen an eingeweiht und trainiert worden, ein Hüter zu sein. Schon als Kind war er verantwortungsbewusster als ein Priester. Er war niemals unbeschwert. Und was für ein pedantischer, rechthaberischer Trauerkloß ist aus ihm geworden.«

Cedric wollte nicht so recht in ihr Lachen einstimmen. Er war Rowenas Bruder Kai in Jerusalem begegnet, wo er den verschollen Geglaubten aus der Sklaverei befreite und heimbegleitete. Dabei hatte er den schweigsamen Mann schätzen gelernt. Er war ihm ein zuverlässiger, mutiger Gefährte gewesen, mit dem Herz eines Kämpfers. »Du verkennst ihn«, widersprach er.

»Oh, sicher«, gab Rowena zurück, noch immer gut gelaunt. »Ich bin ja auch nur seine Schwester.« Sie zog einen Schmollmund. »Nie hat er mich mitmachen lassen bei seinen ach so wichtigen Spielen, und er hat mich verpetzt, wenn ich mal wieder allein im Wald gewesen war. Und an den Haaren hat er mich gezogen.«

Dabei schnitt sie ein so beleidigtes Gesicht, dass Cedric lachen musste. Er griff nach ihren Flechten, die verführerisch in der Sonne schimmerten, und zog leicht daran. »Du Arme«, sagte er, und fügte mit gespieltem Verständnis hinzu: »Es ist sicher zu viel verlangt von geplagten kleinen Schwestern, ihren großen Brüdern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.« Ihr Gelächter verebbte.

Etwas leiser meinte Rowena schließlich: »Er wird es dir erklären, bestimmt.«

Cedric nickte versonnen und blickte vor sich hin. Danach verstummten sie für eine Weile. Mit den Blicken folgten sie den Möwen, die sich hier, noch ein gutes Stück von der Küste entfernt, wie Fremdkörper ausnahmen. Leuchtend weiß hoben sie sich ab von der grünen Silhouette der Wälder. Und doch lag in der Luft schon eine Ahnung des Meeres, ein Hauch von Salz, ein Schleier, wie er sich über die blaugrauen Horizonte der See an einem Tag wie diesem senkte. Cedrics Herz ging auf bei dem bloßen Gedanken daran. Wie er sie vermisst hatte, diese Weite, und die grandiose, schroffe Einsamkeit der Klippen von Cloagh, gegen die anzurennen das mal raunende, mal schäumende Meer nie müde wurde. Da drang ein fernes Donnern an seine Ohren. Er brachte sein Pferd zum Stehen.

Auch Rowena neben ihm hielt inne. Sie tat es ihm gleich und lauschte. Dann glitt ein erwartungsvolles Lächeln über ihre Züge. »Ich glaube, ich kann es schon hören«, sagte sie.

Colum neben ihr aber schüttelte den Kopf. »Das ist keine Brandung«, sagte er.

Die Schreie der Möwen erfüllten die Luft. Besonders einer, hoch und schrill, schnitt in ihre Ohren. Arval galoppierte heran. Er sah besorgt aus.

Auch Cedric saß mittlerweile kerzengerade im Sattel. »Reiter, sie kommen auf uns zu«, bestätigte er und griff nach seinem Schwert. »Vielleicht zehn oder zwölf.«

»Fünfzehn«, korrigierte Arval ihn. »Und die vor ihnen flüchten, sind erschöpft und krank vor Angst.«

Mit großen Augen starrte Cedric ihn an. Doch er kam nicht mehr dazu, etwas zu fragen. Aus dem nahen Saum des Waldes brach das erste Pferd, einen Bewaffneten auf seinem Rücken. Und nun sahen sie auch die Menschen, die dicht vor ihm rannten. Es schienen Bauern zu sein, Männer, aber auch Frauen. Cedric konnte die fliegenden Haare und die weit geöffneten Münder erkennen. Was sie gehört hatten, war nicht der Ruf der Möwen gewesen. Gänsehaut lief ihm über den Rücken.

Ihre eigene kleine Schar geriet in Unruhe, die Karren hielten, die Menschen drängten sich dicht an die Räder. Das Böse, noch fern und doch mit den Händen zu greifen, legte sich wie eine schwarze Wolke über sie. Dann kamen mehr Reiter, alle in vollem Harnisch, drei, vier, fünf. Lautlos zählte Cedric bis zum fünfzehnten Mann mit. Einer von ihnen hob die Hand, das Schwert darin blitzte in der Sonne. Eine der laufenden Gestalten überschlug sich wie ein vom Pfeil getroffener Hase und blieb liegen. Die anderen duckten sich kreischend und hasteten weiter.

Rowena ächzte. »Cedric«, flüsterte sie.

Er nickte. »Ja«, brachte er mit Mühe hervor. Er hatte es auch gesehen. Der Mantel des Ritters, der im Sonnenlicht flatterte, war weiß. Und in seiner Mitte leuchtete das Kreuz so rot wie Blut. Ordensritter, Kreuzfahrer! Er kannte ihr Zeichen nur zu gut. Aber wie kamen diese Kriegermönche hierher?

»Todesanbeter.« Rowena dachte an das, was die Herrin der Alten über die Templer gesagt hatte. Dass sie mit ihrem Schwert und ihrer Enthaltsamkeit das Leben doppelt verhöhnten. Ihre Finger umklammerten ihn so fest, dass es beinahe schmerzte. »Wir müssen etwas tun, Cedric, wir müssen sie aufhalten.« Und ehe er sie daran hindern konnte, hatte sie ihrem Pferd die Sporen gegeben und ritt unbewaffnet und barhäuptig, mit flatterndem Haar, auf die mordenden Ritter zu.

Cedric öffnete den Mund, aber der Wind riss ihm ihren Namen von den Lippen.

3

»Rudern, Mädchen, schlaf nicht ein.«

Nyssa seufzte und legte sich in die Riemen für ein paar kräftigere Züge. Die Wellen hoben ihr Boot sacht auf und ab, und ein frischer Wind zerblies die Schaumkronen zu Gischt, die ihr bei jedem Schlag kühl ins Gesicht spritzte. Bedauernd schaute sie zurück zur Küste, deren Steilwand immer noch so dicht über ihnen aufragte, dass sie die Hälfte des Himmels bedeckte. In einer kleinen, weißen Kiesbucht war eine Gestalt zu erkennen, zu der ihr Blick heimlich wanderte, wann immer ihr Vater seine Aufmerksamkeit von ihr abwandte. Doch sie wurde mit jedem Ruderschlag kleiner.

Eben neigte sich ihr Vater weit über die Bordwand und suchte einen Blick in die Tiefe zu erhaschen. Das Wasser war klar und ließ ihn weit hinabschauen. Blaue Schatten wogten zwischen grauem Gestein. Er sah mächtige, schlickbedeckte Brocken, auf denen sich Algenbärte wiegten, Felsklüfte, ganz ähnlich denen über ihren Köpfen, in deren Schründen aber keine Vögel ihre Nester bauten, sondern Muränen hausten. Dazwischen streckten sich Felder von Kies dem Abgrund entgegen, in dem Form und Farbe der Dunkelheit verschmolzen. Und dort, ehe es in lichtlose Tiefen ging, die sein Auge nicht mehr erreichte, lag auch das Wrack, das er suchte, mit seinem geisterhaften, bis wenige Fuß unter die Oberfläche reichenden Mast. Der Rumpf war geborsten und mit Muscheln verkrustet. Das Trümmerfeld ringsum glich von Jahr zu Jahr mehr einem Riff als irgendetwas, das einmal von Menschenhand geschaffen worden war. Er sah Fischschwärme in zuckendem Gleichmaß durch die Takelage schwimmen, die ihre neue Heimat geworden war.

Dies war ihr Treffpunkt; sie waren angekommen.

Er hob die Hand, und Nyssa stellte gehorsam das Rudern ein. Sie kannte das Zeremoniell bereits, barg die nassen Ruder und setzte sich bequemer auf ihrem harten Holzbrett zurecht, die Arme wärmend um sich geschlungen unter dem Umschlagtuch, bereit für eine lange Wartezeit.

»Glotz bloß nicht dauernd zu ihm hin. Du weißt, das bringt nichts.« Der Alte warf ihr einen scharfen Blick zu, ehe er sich wieder seinen Verrichtungen widmete.

Nyssa zuckte zusammen, sagte aber nichts, sondern schaute gehorsam über die gleichmäßige Dünung, auf der sich einige Kormorane leicht wie Spielzeuge wiegten. Er hatte Recht, sie wusste es: Was sie dachte und fühlte war fruchtlos. Die Trauer ließ sie langsam stumpf werden. Sie schrak nicht einmal zusammen, als plötzlich die Stimme ihres Vaters von neuem erklang, mit einem hohen, klagenden Ton.

Eroc war ein alter Mann, sein Gesang zittrig und rau. Aber er hatte nichts von seiner Magie verloren. Einst war er der größte Sänger des Seevolkes gewesen, damals, als es noch viele von ihnen gegeben hatte und sie einmal im Jahr zum Wettstreit ihrer Sänger aus den Buchten zusammenströmten. Damals, als sie noch große Feste feierten und sich erzählten, wie ihre Vorfahren es vermocht hatten, die Flut herbeizusingen und die Sterne am Himmel zum Tanzen zu bringen.

Nyssa kannte die Geschichten, die man sich davon erzählte. Sie war mit ihnen aufgewachsen. Es waren Märchen, das wusste sie. Dennoch hatte sie früher oft auf den Felsen gesessen und versucht, mit ihrer eigenen Stimme das Meer zu betören. Manchmal meinte sie, etwas geschehe tatsächlich dabei. So, als täte ein Weg sich vor ihr auf, eine unsichtbare Brücke, die ins Weite führte. Und manchmal war sie kurz davor, den Fuß darauf zu setzen und zu versuchen, über das Wasser zu wandeln. Doch nie hatte sie es wahrhaftig gewagt. Aber in ihrer Stimme hatte sich etwas von der Hoffnung bewahrt und auch von dem Kummer. Sie klang älter als sie selbst. Alle sagten, sie wäre eine würdige Nachfolgerin Erocs. Nur machte ihr das Singen keine Freude mehr.

Ihr Vater hatte wenig Interesse an ihr. Er verfolgte nur seine eigenen Geschäfte und achtete ihrer wenig, wenn er sie nicht herumkommandierte.

Nyssa fröstelte. Lag es an der Gischt oder an dem Lied, das Eroc angestimmt hatte? Es kam Nyssa so grau und dunkel, so kalt und schroff vor wie die Felsen dort unten, über denen ihre Nussschale sich wiegte. Sie tastete nach dem Holz der Bordwand, in dem noch ein Rest des Lebens war, das es einmal erfüllt hatte, als suche sie dort Schutz vor der ungeheuerlichen Leere, die sie unter sich ahnte. Die tiefen, seltsamen Töne aus Erocs Mund ließen die Luft vibrieren. Plötzlich flogen die Kormorane auf.

Eroc lächelte. »Er kommt«, stellte er in befriedigtem Ton fest.

Nyssa rutschte auf den Boden des Bootes, umschlang ihre Knie und schaute zu, wie er nach dem kopfgroßen Steinbrocken griff, den er im Boot bereitgelegt hatte. »Vater«, begann sie, biss sich dann aber auf die Lippen. Er würde nichts geben auf das, was sie sagte. Dann überkam sie Trotz. »Eines Tages wird er dich töten«, erklärte sie patzig.

Zu ihrem Erstaunen lachte Eroc auf. »Wenn ich ihn darum bitte«, sagte er. Er hielt den Stein so zärtlich im Arm wie einen Säugling. Dann ließ er sich rücklings über die Bordwand fallen.

Das kalte Wasser umschloss ihn wie eine Faust. Er riss die Augen auf und fühlte beglückt den Zugriff des Meeres, der stärker wurde mit jedem Fuß, den er sank, den Stein mit beiden Armen fest umklammernd. Fische näherten sich ihm neugierig, ein Schwarm silbriger Körper schoss davon, kehrte in faszinierendem Gleichmaß um und umschmeichelte den fremden Eindringling in eleganten Serpentinen, ohne ihn doch je zu berühren.

Schlick wogte auf, als Erocs Füße den Grund berührten, und vernebelte ihm die Sicht. Eroc tastete nach Halt auf dem glitschigen Grund und wagte dann die ersten, langsamen Schritte auf das Wrack zu. Als er die muschelverkrusteten Planken berühren konnte und die Wolke aus Algenpartikeln und feinem Matsch sich langsam senkte, erblickte er auch den fernen, blauschattigen Horizont des Meeres und darin den kleinen schwarzen Punkt, der so rasch wuchs. Er erschauerte.

Wenige Augenblicke später war der Hai heran. Er war gigantisch. Eroc spürte jedes Mal erneut sein Herz pochen, wenn er ihn sah, obwohl ihre Freundschaft nun doch schon so lange währte. Wir sind beide alt, dachte er und streckte die Hand aus, um die Flanke des vorbeigleitenden Tieres zu berühren, das seinen Schatten auf alles warf. Es war Eroc, als würde das Wasser noch um ein paar Nuancen kälter. Die Haut des Hais war so rau, dass es wehtat, sie zu streicheln, aber er zog seine Finger nicht zurück. Der Schmerz wärmte ihn, gab ihm Wachheit und Kraft. Schon spürte er den Mangel an Luft, aber nicht umsonst war er ein Sänger. Er wusste, wie man seine Lungen füllte und sich die Reserven einteilte. Noch musste er nicht gehen. Er hatte Zeit.

Das Lied, das zuvor erklungen war, erfüllte noch immer seinen Kopf, seinen Geist. Und er wusste, der Hai konnte es hören. Gespannt verfolgte er die nervösen Kurven, die der große Fisch schwamm. Na, komm schon, lockte er, komm zu mir, du kennst mich. Wir sind alt, wir beide, du und ich. Und wir besitzen das Gedächtnis unserer Art. Also komm her. Noch einmal streckte er die Hand aus und legte sie auf den grauen Leib, der so kühl war wie das Wasser selbst. Und dann, endlich, nahm er ihn wahr. Es war, als ströme es in sein Gehirn. Wasser, unendliche Massen, wogende, wallende, sich türmende Gewalten, erfüllt von urtümlichen Schreien. Er sah, wie der Boden aufriss und blendende Lava hervorquoll, orangerot, unglaublich leuchtend, mit bösen, schwarz klaffenden Rändern. Erocs Füße lösten sich vom Grund. Als er den Mund öffnete, strudelten Blasen heraus. Er schrie.

Nyssa fröstelte. Sie hatte die dreieckige Flosse gesehen und sich in die Bootsmitte zurückgezogen, als der Hai das Gefährt neugierig umkreist hatte. Nun war er verschwunden, genau wie ihr Vater. Und sie wagte es nicht, über den Rand ins Wasser hinabzublicken.

Wie lange war er schon fort? Die Kormorane kreisten noch immer kreischend über ihr. Dankbar ließ Nyssa sich von ihnen ablenken. Endlich richtete sie sich auf die Knie auf und blickte zurück zum Land. Die Gestalt war noch immer dort. Sie schien ruhig am selben Platz zu stehen, nur ihre Arme vollführten große, weit ausholende Gesten. Nyssa lächelte, als sie es sah.

Fast vermeinte sie seine Stimme zu hören: »Ich webe den Wind. Ein guter Weber muss die Fäden der Brise und der Brandung verweben können. Dazu die Möwenschreie und das Rauschen der Eichen droben auf der Ebene.« Sie hatte gelacht, als sie es das erste Mal hörte. Aber heute glaubte sie, begriffen zu haben: Ein guter Weber musste es vermögen, den Teppich des Lebens zu erstellen.

»Auled«, flüsterte sie.

Im selben Moment durchbrach der Kopf ihres Vaters die Oberfläche. Wasser troff aus seinen langen weißen Haaren und dem Bart. »Hilf mir«, herrschte er sie an.

Sie griff nach ihm und zog ihn unter Aufbietung all ihrer Kräfte in das Boot. Dort lag er wie ein gefangener Fisch und schnappte nach Luft. Seine Haut war grau und er zitterte. Dabei sprach er kein Wort.

Eilig griff Nyssa nach der mitgebrachten Decke und hüllte ihn ein. Unaufgefordert nahm sie dann das Ruder und begann, das Boot zu wenden. Auled verschwand aus ihrem Blickfeld, die Felswand glitt beiseite, dafür erstreckte sich vor ihr die immense Fläche des Wassers. Ob es stimmte, dass sie in Ewigkeit nicht endete, diese große, wogende Ungeheuerlichkeit? Zu ihren Füßen klapperte ihr Vater jämmerlich mit den Zähnen.

Dann riss der Dunstschleier entzwei, der den Himmel bedeckt hatte, und die Meeresoberfläche flammte silbern auf. Es war, als zöge ein dunkler Schatten sich immer weiter in die Ferne zurück, zöge seine Hand von ihnen ab und überließe sie dem Leben.

Nyssa spürte mit einem Mal die Wärme der Sonne auf ihrem Rücken. Sie nahm das Rudern auf. Langsam beruhigte die Bewegung ihren Körper, ihr Puls schlug regelmäßig, und ihre Sicherheit kehrte zurück.

Auch Eroc kam langsam wieder zu sich. Er setzte sich auf und spuckte Salzwasser aus. Angelegentlich zog er den Rotz durch die Nase. Dann rieb er seine fast erstorbenen Finger und Zehen.

»Diesmal habe ich es übertrieben«, stellte er mit grimmigem Vergnügen fest. »Aber bei Gott, sie sind alt, älter als wir, sage ich dir. Es ist ungeheuerlich.« Sein herbes Gesicht nahm einen weichen, sehnsüchtigen Schimmer an. »Ich habe Dinge gesehen …« Er vollendete den Satz nicht.

»Hast du auch gefunden, was du suchst?«, fragte seine Tochter ein wenig spitz.

Erocs Gesicht verdüsterte sich mit einem Schlag. »Rudere, Mädchen.« Sie schwiegen, bis sie den Strand erreichten.

4

Zwischen Cedric und Colum bedurfte es keines Wortes der Verständigung. Sie preschten wie ein Mann los und stürmten mit gezückter Waffe den Feinden entgegen. Die Templer hielten inne, als sie sie bemerkten. Und einer, der der Anführer sein musste, trieb sein Pferd an, um ihnen in den Weg zu treten. Die anderen formten einen Kreis um die verfolgten Bauern, die sich eingeschlossen sahen und zitternd die weitere Entwicklung der Dinge erwarteten.

Rowena, die die Gruppe als Erste erreichte, umrundete sie und versuchte, sich näher drängend, einen besseren Blick auf die Eingesperrten zu erhaschen, aber die Kreuzritter hielten ihre Reihen geschlossen und hoben die Schilde vor ihren spähenden Blick, um sie aber im Übrigen zu ignorieren. Diese Frau, die so kostbar gekleidet und offensichtlich von Stand war, sich dabei aber benahm wie eine Furie und sie beschimpfte, irritierte sie zutiefst. Sie warfen einander hilflose Blicke zu und warteten auf ein Kommando ihres Anführers.

Der aber wandte sich Cedric zu, der in scharfem Ton begann: »Wer seid Ihr, und was treibt Ihr auf meinem Land?«

Der Templer schob das Visier zurück und gewährte ihnen einen Blick auf sein maliziös lächelndes Gesicht. »Ich dachte, das sähe man«, entgegnete er mit aufreizender Gelassenheit. »Und im Übrigen, wer verlangt das zu wissen?«

Cedric richtete sich im Sattel auf. »Ich bin Cedric of Cloagh«, verkündete er mit lauter Stimme. »Erbe der Cloaghs und derjenige, der eine Erklärung dafür fordert, wie Ihr es wagen könnt, Blut zu vergießen auf unserem Land.« Er unterließ es, darauf hinzuweisen, dass er einer anderen Linie entstammte und selbst in diesen Gefilden nur ein Gast war.

Seine Hoffnung, dass die fremden Ritter dies nicht wussten, erfüllte sich. Ein leises Murmeln ging durch ihre Reihen. Der Anführer warf seinen Männern einen raschen Blick zu und hob begütigend die Hand.

»Ein Cloagh«, entgegnete er und bemühte sich, seinem Ton etwas Abfälliges zu geben. »Wir waren eben auf dem Weg, Euch aufzusuchen.«

»Nun haben wir uns ja getroffen.« Cedrics Stimme blieb unvermindert scharf. Er ließ sich die Erleichterung darüber, dass seine Täuschung unbemerkt blieb, nicht anmerken. »Und darf ich also fragen, wie Ihr dazu kommt, meine Bauern anzugreifen und den Frieden zu stören?« Er hob das Schwert und wies auf die Eingeschlossenen.

Zu seinem Schrecken bemerkte er, dass seine Frau dort in eine Rangelei mit einem der Bewaffneten geraten war, dessen Berührungen sie sich gerade lautstark verbat. »Rowena«, herrschte er sie an und atmete auf, als sie wider Erwarten gehorsam an seine Seite ritt.

»Es sind einfache Bauern«, flüsterte sie ihm zu, »Kinder dabei, einige sind verletzt. Und wer weiß, wie viele sie schon getötet haben.« Sie zitterte vor Erregung bis in die Fingerspitzen, und ihre Augen funkelten, als wollte sie den Templer allein mit der Glut ihres Blickes verbrennen.

Der erwiderte ihre Aufmerksamkeit mit einer ironischen Verbeugung. »William of Gentford«, stellte er sich vor, um dann, an Cedric gerichtet, in salbungsvollem Ton fortzufahren: »Gott gab uns den Befehl hierzu.« Mit einer wegwerfenden Handbewegung zeigte er auf die Bauern. »Er führte uns diese Heiden über den Weg, wie sie ihre sündigen, schamlosen Rituale begingen, damit wir ihr lästerliches Tun aufdecken und bestrafen …« Er redete sich mehr und mehr in Rage. Aus seinen anfangs so spröden Worten sprach Abscheu und Wut.

»Wie könnt Ihr es wagen«, ereiferte Rowena sich und drängte vor. »Diese Menschen haben doch nur …« Mit einer raschen Bewegung lenkte Cedric sein Pferd erneut zwischen sie und Gentford.

»Heiden?«, erkundigte er sich und runzelte die Stirn. Ein verstohlener Blick zu den Gefangenen hinüber verriet ihm, dass die Weiber aufgelöste Haare hatten, auf denen manche von ihnen noch zerrupfte Kränze aus Mohn und Getreide trugen. Auch die Männer waren bekränzt, einige ohne Hemd, und was er im ersten Moment für Blut gehalten hatte, waren bei manchen Zeichen aus Beerensaft, die auf die Haut gemalt waren. Der Erntedank, fiel ihm ein. Natürlich, es war die Nacht des Festes gewesen. Vermutlich waren diese Menschen von den Reitern aus weinseligem Schlummer im hohen Gras aufgescheucht worden. Aber was für ein Erwachen war es diesmal geworden!

Fast überall auf der Insel wurde die Feier mit mehr begangen als nur der Prozession zur Kirche und dem Weihen der Ernte. Es wurde geschäkert, getanzt, auch einmal Wein vergossen, auf dass der Boden fruchtbar bliebe. Manche trieben Vieh zwischen zwei Feuerstellen hindurch, andere legten Gesichter aus Früchten vor ihren Schwellen aus, und die Zahl der Neugeborenen neun Monate später überstieg stets die anderer Zeiten.

Die Priester pflegten meist dabeizustehen und den uralten Bräuchen zur allgemeinen Beruhigung christliche Namen und Erklärungen zu geben. Und denen, die es mit dem sinnlichen Überschwange gar zu arg trieben, wurde am nächsten Sonntag mit einer Bußpredigt der Kopf gewaschen, die es in sich hatte. Damit war die Sache dann zu aller Zufriedenheit erledigt. Der Gedanke, dass diese Menschen hier dasselbe mit dem Leben büßen sollten, trieb Cedric ob der Ungerechtigkeit das Blut ins Gesicht.

»Gott also und niemand Geringerer«, knurrte er. »Soso. Nun, mir hat er etwas anderes gesagt.«

Auch das Gesicht seines Gegenübers rötete sich. Er wollte etwas entgegnen, schnappte aber nur nach Luft. Schließlich presste er hervor. »Wollt Ihr Euren Spott treiben mit dem Höchsten?«

»Nicht mehr als Ihr«, gab Cedric zurück. Er trieb sein Pferd nahe an den Mann heran und schaute ihm direkt ins Gesicht. »Aber auf meinem Land führe ich Gottes Befehle aus. Ich bin derjenige, der bestimmt, welche Strafen für die Vergehen verhängt werden, die Er namhaft macht, und ich alleine vollstrecke sie auch. Keiner sonst. Habt Ihr mich verstanden?«

Der Templer knirschte sichtlich mit den Zähnen. Man sah die Muskeln in seinem Gesicht arbeiten, dessen untere Hälfte von einem dichten braunen Bart bedeckt war, aus dem fleischige rote Lippen leuchteten. Cedric konnte förmlich darin lesen, wie er das Für und Wider der Situation abwog. Gentford stand nur zwei Bewaffneten gegenüber, dazu ein paar junge Burschen mit leichten Bogen und wehrloses Volk, dem er und seine Männer für den Moment nur allzu überlegen wären. Andererseits hatte Cedric sich als der Sohn des Landesherrn vorgestellt, die Autorität, die sie bei einem Angriff auf ihn herausforderten, war also nicht unbeträchtlich. Man konnte sehen, wie er mit sich rang.

»Ihr müsst verstehen«, lenkte er schließlich ein. »Jahrelang kämpften wir in der glühenden Wüste. Sand, Durst, Skorpione und die Schwerter der Sarazenen schreckten uns nicht. Wir berannten Festungen und schleppten uns durch Einöden, das Lob Gottes auf den Lippen und das Paradies vor Augen. So stritten wir, so starben wir. Wir gaben unsere Jugend und unsere Gesundheit hin. Und wofür?«, fragte er mit wachsender Bitterkeit. »Wir durften Jerusalem von weitem sehen, bevor wir unter dem Gelächter der Barbaren abziehen mussten. Und nun kehren wir heim und treffen an, was wir andernorts bekriegt haben, hinter unserem Rücken gewachsen. Ja, soll denn alles umsonst gewesen sein?« Der Zorn ließ seine Stimme beben, als er angeekelt auf seine Gefangenen wies. »Sollen wir, was wir in der Ferne bekämpften, nun in der Heimat dulden?« Wütend schüttelte er seine gepanzerte Faust. Es sah aus, als wollte er sich jeden Augenblick erneut auf die Eingeschlossenen stürzen.

Unwillkürlich griff Rowena nach ihrem Dolch im Gürtel. Cedric dagegen atmete auf. Ihm verriet die Litanei vor allem, dass der Templer seine Autorität anerkannt hatte. Statt ihn herauszufordern, hatte er begonnen, sich zu rechtfertigen. Jetzt galt es, nicht zurückzuweichen.

»Auch ich habe mit König Richard gekämpft«, verkündete er mit wohldosiertem Pathos und konnte befriedigt feststellen, dass diese Ankündigung nicht ohne Wirkung blieb. »Und ich habe Jerusalem gesehen. Ich kenne den Feind, von dem Ihr sprecht, nur zu gut. Auch mein Schwert hat sich gegen ihn erhoben.« Dabei dachte er jedoch vor allem an die beiden Kinder, das arabische Geschwisterpaar, das er in jener verfallenen Siedlung gefunden hatte, halb verhungert inmitten verbrannter Felder und gefällter Obsthaine. Im ersten Schreck hatte er tatsächlich die Waffe gegen sie gehoben, dann aber den Finger an die Lippen gelegt und ihnen bedeutet, dass er ihr Versteck nicht verraten würde. Der spärliche Brunnen, den sie bewachten, erhielt ihnen das Leben. Die Kreuzritterschar, der er angehörte, hätte ihn leer getrunken, ohne dabei auch nur ihren Durst zu stillen.

So bin ich aus dem Osten zurückgekehrt, dachte Cedric bei sich, durstig an Leib und Seele und mit mehr Fragen auf den Lippen, als ich vorher hatte. Vielen war es so gegangen, die immer und immer wieder getötet hatten und allmählich nicht mehr begriffen, warum. Manche waren zu Eremiten geworden, andere zu Berserkern. Aber man konnte zweifelhafte Gewalt nicht durch noch mehr Gewalt mit Sinn erfüllen.

Dies hier, hätte er Gentford und den Seinen gerne gesagt, ist unsere Heimat. Die wir hüten müssen und nicht ebenfalls durch Mord und Brand verheeren. Es lässt sich nicht hier gewinnen, was wir dort verloren haben, dachte er in Erinnerung an Richards Niederlage, aber auch an die eigenen Gewissheiten, die ihm dort erschüttert worden waren und die wiederzugewinnen ihm erst in der Begegnung mit Rowena und dem Alten Volk gelang. Es nützte nichts, verbittert zu sein ob des hohen Preises, den man zahlte. Hinter dem Verlust der alten Glaubenssätze wartete eine neue Erkenntnis, ein neues Richtig und Falsch, Gut und Böse. Man musste nur bereit sein, die Augen dafür zu öffnen. Aber er wusste, sie würden es nicht verstehen. Ein Blick in das Gesicht Gentfords genügte, um zu sehen, dass dieser Mann nur auf eines aus war: Blut.

Also sagte er laut nur: »Daher zweifelt nicht an meiner Autorität. Ich fordere Euch ein letztes Mal auf, die Schwerter zu senken und kein Blut zu vergießen auf meinem Grund.«

Einen Moment lang schwiegen alle. Nur das Schnauben der Pferde und das dumpfe Scharren ihrer Hufe auf dem Grund waren zu hören. Dann atmete Cedric auf, als Gentford seine Klinge mit lautem Scharren zurück in die Scheide fahren ließ. Mit einer Handbewegung wies er seine Männer an, dasselbe zu tun. Der Ring der Templer lockerte sich, wenn auch langsam und widerwillig, um die Gefangenen freizugeben. Und die Bauern, die zuerst ihrem Glück nicht vertrauten und nur einige zögerliche Schritte wagten, sprangen bald los und rannten, ohne sich noch einmal umzusehen, ohne Dank und ohne Fragen dem nahen Walde zu.

Cedric holte tief Atem. Das war glimpflicher abgegangen, als er erwartet hatte. »Wohlan …«, begann er. Da fuhr Gentfords Kopf herum.

»Mordred, zurück«, rief der Templer und stieß einen Pfiff aus.

Cedric nahm eine Bewegung wahr und hob unwillkürlich das Schwert. Er hatte die riesige Dogge bislang nicht bemerkt, die vom hohen Gras verborgen dagelegen und wohl ein wachsames Auge auf die Bauern geworfen hatte. Jetzt aber war sie aufgesprungen und hielt zielstrebig auf Arval zu, der von allen unbeachtet herangeritten und vom Pferd geglitten war. Mit gesenktem Kopf und tropfenden Lefzen stand sie vor ihm.

»Bleibt stehen und rührt Euch nicht«, empfahl Gentford mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, »sonst springt er Euch an die Kehle. Mordred, steh!«

Weder hörte der Hund, noch folgte Arval dem Befehl des Templers. Ohne Zögern schritt er weiter, bis er dicht vor dem mächtigen Tier stand, das mit seiner Schnauze beinahe an sein Brustbein heranreichte. Er sprach kein Wort und streckte auch nicht in der Art Unerfahrener die Hände aus. Wenn er überhaupt irgendetwas tat, so war es nicht zu erkennen, und doch reagierte Mordred auf das heftigste. Unvermittelt brach er in ein lautes Winseln aus, legte sich auf den Boden und kroch ergeben an den jungen Jäger heran, um den Kopf auf seinen Fuß zu betten.

Gentford schnappte bei dem Anblick nach Luft. Fluchend gab er seinem Pferd die Sporen und holte mit den Zügelenden aus, um sie seinem ungehorsamen Hund überzuziehen. »Wirst du wohl«, rief er. Er war nicht weniger erschrocken als die anderen, als die Dogge ohne Vorwarnung aufsprang, sich gegen ihn wandte und ein tiefes Knurren von sich gab. Ihre Haltung verriet, dass sie bereit war, sich auf ihn zu stürzen.

»Mordred!« Er war fassungslos.

Arval streckte nur die Hand aus. Im selben Moment brach der Hund seinen Angriff ab. Der Sprung, zu dem er angesetzt hatte, verwandelte sich in ein, zwei neckische Hüpfer. Verlegen biss er in ein Grasbüschel, ehe er eifrig wedelnd zu Arval zurücktrabte, um ihm seine Schnauze gegen die Finger zu drücken. Gentford dagegen war blass vor Zorn. Er führte sein Pferd einmal um Arval herum, der sich nicht rührte, und musterte ihn ebenso eingehend wie unschlüssig.

»Wer seid Ihr?«, herrschte er ihn an, als er wieder vor ihm stand, nach einem langen Blick in Arvals gleichmütig dreinblickende schwarze Augen.

»Er ist mein Hundeführer«, kam Cedric jeder Antwort rasch zuvor. »Wie Ihr seht, versteht er sein Geschäft.«

»Hmmm«, erwiderte Gentford nur. Er neigte den Kopf schräg.

Cedric folgte seinem Blick und bemerkte, dass Arvals Kappe verrutscht war und die Federn freigab, mit denen er sich die geflochtenen Strähnen an seinen Schläfen zu schmücken pflegte. Er fluchte leise.

»Sein Haar ist lang, selbst für einen Angelsachsen«, bemerkte der Templer.

»Sein Haar ist, wie es ihm behagt«, schnappte Rowena, und mit Schärfe fügte sie hinzu: »Euer Verhalten ist auch nicht, wie es sich für einen Ritter geziemt, scheint mir.«

Cedric schloss die Augen. Im Geiste sah er für einen Moment, wie sich die Tempelritter auf seine kleine Schar stürzten. Sie waren nur zwei Bewaffnete, dazu Arval und seine Gefährten mit ihren leichten Jagdbogen, die es gelernt hatten, die schwache Stelle an einer Rüstung zu finden. Sie würden drei erledigen können, vier, vielleicht fünf. Die anderen würden es schaffen, zu den Wagen durchzukommen. Cedric zuckte innerlich zusammen bei dem Gedanken an deren kostbare, verletzliche Fracht. Sei’s drum, sagte er sich dann. Ohne Gegenwehr würden sie sie nicht erreichen. Entschlossen straffte er sich.

Da hörte er Gentford lachen. »Mylady«, verkündete er. »Ich will Euch kein zweites Mal enttäuschen. Man soll auf einen guten Umgang achten unter Nachbarn.«

Ehe Cedric etwas erwidern konnte, hatte er sein Pferd gewendet und ritt ab, gefolgt von seinen Männern. Cedric und die Seinen folgten ihnen lange mit den Blicken.

»Das ist noch einmal gutgegangen, Herr«, wagte Colum schließlich zu bemerken.

»Ja«, warf Rowena ein, »aber was meinte er mit ›Nachbarn‹?«

Cedric schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, bekannte er. »Nichts weiter, vermutlich.« Vor allem war er froh, dass die Gefahr nun gebannt schien. »Ich glaube, wir können jetzt …«, begann er.

Da drehte Gentford sich im Sattel herum. Er hob den Arm. Cedric sah es und hatte gerade noch Zeit, sich vor seine Frau zu werfen. Im selben Moment sauste die Lanze dicht vorbei. Sie hatte nicht ihr gegolten.

»Arval!«, rief Rowena aus, als die Waffe sich mit einem dumpfen Schlag in warmes Fleisch bohrte.

5

Der junge Jäger ging in die Knie und streckte die Hand aus. Vorsichtig berührte er die Schnauze des großen Hundes, in dessen bebender Flanke der Pfeil steckte. Blut sickerte aus den Nüstern. Arval murmelte etwas, bevor er dem Tier die Augen schloss. Der Pfeilschaft erzitterte ein letztes Mal, dann ragte er still. Alle schwiegen, nur das Huftrappeln der sich entfernenden Ritterschar war zu hören.

»Diese Kanaille«, knurrte Colum. »Konnte es nicht ertragen, dass sein Hund nicht pariert.« Ratlos kratzte er sich den Kopf.

Arval richtete sich auf. »Er hatte Menschenblut an der Schnauze. Seine Seele wird von neuem beginnen müssen.«

»Ich helfe dir, ihn zu begraben«, erbot Colum sich.

»Beeilt euch«, gebot Cedric ihnen. Er behielt den Waldrand im Auge.

Rowena folgte seinem Blick. »Hatten die Templer im Heiligen Land auch Hunde, die auf Menschen trainiert waren?«, fragte sie.

Cedric schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Diese sind anders. Seltsam.« Er schob den Gedanken beiseite und wandte sich wieder ihr zu. »Aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor, weil ich selbst ein anderer geworden bin.«

Ihre Augen begannen zu strahlen. »Für mich«, flüsterte sie.

»Für dich«, bekannte er und neigte sich zu ihr, um sie zu küssen.

»Fertig«, verkündete Colum und klopfte sich den Staub von den Händen.

Mit einem entschuldigenden Lächeln zog Cedric sich zurück. »Warte, bis wir zu Hause sind«, sagte er zu Rowena. »Dort werden wir für uns sein, zur Ruhe kommen. Endlich.«

Sie nickte beglückt. »Zum allerersten Male.«

Die Nachricht von der Ankunft des Grafensohnes machte rasch die Runde in den Dörfern, durch die sie kamen. Je näher die Ländereien der Cloaghs rückten, umso häufiger waren die Wege von wartenden Menschen gesäumt, die dem lange verschollenen Erben ihres Herrn zujubelten. Hände streckten sich ihnen entgegen und Becher wurden ihnen gereicht, damit sie sich erfrischten. Mehr als einmal sah Cedric sich genötigt, eine kleine Ansprache zu halten und wohlmeinende Einladungen auszuschlagen, um die Ankunft nicht noch weiter zu verzögern.

Rowena fand sich zu ihrem Erstaunen im Mittelpunkt von kichernder Aufmerksamkeit. Es war ihr nicht bewusst gewesen, dass sie als die Erwählte eines begehrten Junggesellen galt, der ahnungslos viele Herzen gebrochen hatte und der Held vieler Mädchenträume war. Jungfern und Weiber flüsterten hinter den Händen verborgen miteinander und gaben jedes Detail ihrer Kleidung und Frisur weiter. Rowena hatte manchmal Mühe, nicht zu erröten unter all den Blicken. Seit jenem Turnier, mit dem alles begonnen hatte und bei dem sie ausersehen worden war, den Siegespreis zu überreichen, hatte sie nicht mehr so im Zentrum des öffentlichen Interesses gestanden. Sie war es nicht gewohnt und fühlte sich zunächst ein wenig unbehaglich. Aber die bewundernden Blicke überwogen, ja, sogar schmeichelhafte Zurufe wurden laut, und bald begehrten die Jubelnden ihren Namen zu erfahren, um ihn in ihre Segenswünsche einzuflechten. Eine Woge der Zustimmung begann sich aufzubauen, der Rowena sich mehr und mehr anvertraute. Erst schwebte sie, dann flog sie dahin. Sie lächelte scheu und wagte ein zaghaftes Winken. Bald strahlte sie und lachte aus vollem Hals, nahm Blumenkränze entgegen, gab sich der Freude hin und badete in Cedrics bewundernden, von der allgemeinen Begeisterung befeuerten Blicken.

Als schließlich die Türme der Burg sichtbar wurden, klopfte ihr Herz bis zum Hals. Cedrics Heim stand hoch über den Klippen, umgeben von einem Kranz spitzer Felsen. Seine Türme ragten in den Himmel über der See, die tief drunten gegen die Fundamente des Landes anrannte. Ihr salziger Atem blies scharf und fegte über die kurzmattigen Weiden der Hochebene, die sich anschloss. Nur wenige Bäume duckten sich hier oben unter dem Wind. Rowena strich mit der Hand ihr rotes Haar zurück, das ihr aufgelöst wie ein Banner voranwehte. Dies also war ihre neue Heimat. Sie erkannte die blauen und silberfarbenen Fahnen mit den Schlangen der Cloagh darauf, die sich wie Drachen über den Himmel schlängelten. Wie vertraut war ihr das Wappen geworden, das ihren Liebsten schmückte.

»Sieh nur«, rief sie und zeigte voraus. Das Tor stand offen, die Zugbrücke war herabgelassen und aus dem Inneren der Burg drängten sich ihnen Menschen entgegen. Offenbar war man auch hier gewillt, ihnen einen großen Empfang zu bereiten.

»Sie wissen es«, stellte Cedric fest. »Die Nachricht reiste schneller als wir. Oder, Colum?«, fügte er hinzu und sandte seinem Knappen einen Blick, der streng gemeint war, ohne es wirklich zu sein.

Colum zuckte mit den Achseln und hob in gespielter Ahnungslosigkeit die Hände. Aber sein Grinsen verriet ihn. Cedric gab ihm einen derben Klapps. »Du hast doch wohl nicht geglaubt, du könntest dich unbemerkt nachts vom Feuer wegstehlen.«

»Vergebt mir, Herr«, bat Colum.

Cedric winkte ab. Er gestand sich, froh darüber zu sein. Ersparte es ihm doch, schon im ersten Moment so vieles erklären zu müssen. Und es gab ihm die Möglichkeit, im Auge seines Vaters zu lesen, was der davon hielt, dass sein Sohn heimgekehrt war als ein anderer: ein Hüter.

»Ist der Mann in dem blauen Mantel dein Vater?«, fragte Rowena.

Sie erhielt keine Antwort. Cedric rutschte bereits vom Pferd, warf Colum die Zügel zu und eilte mit langen Schritten den Wartenden entgegen.

Rowena hob die Hand und gebot ihrem Tross, innezuhalten. Sie wollte ihrem Mann die wenigen Augenblicke gönnen, die er mit den Seinen alleine sein konnte. Wusste sie doch, wie wichtig dieser Moment für ihn war. Und ihr selbst blieb so Muße, ihre neue Familie ein wenig zu beobachten. Der Graf war älter, als sie es erwartet hatte, ein hagerer, hochgewachsener Mann mit eisgrauen Haaren. Der kurz geschorene Vollbart betonte sein klassisches Profil. Seine meerblauen Augen lagen tief und blickten streng drein, weit strenger als die seines Sohnes. Aber als er Cedric in seine Arme schloss, bemerkte Rowena, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Innig drückte er den Sohn.

Cedrics Mutter dagegen wahrte ihre Haltung und reichte ihm mit erhobenem Kopf die Hand zum Kuss. Rowena konnte nicht umhin, die Frau zu bewundern. Sie war nur wenig kleiner als ihr Gemahl, betonte aber ohne Furcht ihre Größe noch durch das hochgesteckte Haar, dessen helles Blond fast unsichtbar von Silber durchwirkt wurde. Ihre Stirn war blass und klar, ihre Züge makellos wie ihre Figur. Sie musste einmal eine Schönheit gewesen sein, überlegte Rowena. Nein, korrigierte sie sich, Cedrics Mutter war noch immer schön. So schön und gebietend, dass das junge Mädchen neben ihr vollständig dagegen verblasste. »Wie eine Statue«, flüsterte Rowena und schämte sich ein wenig für die Kühle ihres Urteils.

Mit noch immer leicht geröteten Wangen glitt auch sie nun vom Pferd und trat zögernd näher. Zu ihrer Erleichterung wandte Cedric sich im selben Moment um und streckte die Hand nach ihr aus. Dankbar umfasste sie seine warmen Finger und glitt an seine Seite. Sie bemerkte das anerkennende Aufblitzen in den Augen seines Vaters und senkte, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen, ihre Lider, während sie vor ihm knickste. »Vater, das ist Rowena, mein Weib«, hörte sie Cedric sagen. Offenbar unfähig zu einer Antwort, nahm der Graf sie bei den Armen und zog sie an sich, um sie auf die Wangen zu küssen. Seine Verwirrung rührte Rowena und nahm sie sofort für ihn ein.

Das Erste, was sie von Cedrics Mutter aus der Nähe sah, waren die bestickten Spitzen ihrer Schuhe. Sie zeigten die Häupter zweier Schlangen mit funkelnden Augen. Auf den beruhigenden Druck von Cedrics Fingern hin hob sie den Kopf, bereit für das Begrüßungslächeln.

»Du erinnerst dich an Nyssa, Cedric?«, vernahm sie die Stimme, die mit ihrer beherrschten Sanftheit so gut zu der Frau passte.

»Nein, Mutter«, stotterte Cedric, »ich muss bekennen, ich …«

»Nyssa hat auf dich gewartet. Und ich muss sagen, ich bin heute stolzer auf meine Wahl als je, mein Sohn.«

»Aber …« Die Verwirrung in Cedrics Stimme ließ Rowena aufmerken. Sie reckte den Kopf, um über seine Schulter zu blicken. Als Erstes trafen ihre Augen die des jungen Mädchens, das sie für eine Zofe gehalten hatte. Nun, aus der Nähe, erkannte sie, dass sie sich getäuscht hatte. Nyssa mit ihren großen, sprechenden Augen konnte nur ein Kind des Alten Volkes sein. Der Kranz ihrer Wimpern wirkte lang und strahlend und ein wenig so, als wäre sie eben aus dem Wasser gestiegen. In der Tat sah sie mit ihrem verwilderten, mehr als hüftlangen Haar ein wenig wie eine Seejungfrau aus. Eine Nixe, die man an Land gezwungen hatte. Das edle Seidenkleid, das sie trug, war nicht das ihre, zu schwer, zu groß legte es sich um ihre blassen Schultern, gemacht für eine reifere Frau, die sich ihrer Wirkung gewisser war. Es war ein triumphierendes Gewand, das Kleid einer Braut. Rowena war es, als täte sich der Boden unter ihren Füßen auf.

»Mary!« Das war die Stimme des Grafen. Er war an die Seite seiner Frau getreten und blickte sie mit gerunzelter Stirn an.

»Was ist denn, mein Lieber?« Die Gräfin lächelte ihrem Mann zerstreut zu. Sie griff nach den Händen ihres Sohnes und zog ihn näher. »Soll ich ihm nicht sagen, dass er ganz der Mann geworden ist, den eine Mutter sich erhofft. Und nun …«

»Mary!«, wiederholte der Graf mahnend.

Nun endlich löste die Gräfin den Blick von Cedric. Und als sie sich zu ihrem Mann umwenden wollte, entdeckte sie Rowena, die zitternd noch immer hinter Cedric stand, der ihr mit einem Mal wie ein Fremder vorkam. Ihr schwindelte so, dass sie sich am liebsten mit beiden Händen an ihm festgeklammert hätte. Zugleich war es ihr unmöglich, ihn auch nur zu berühren. Alle Freude war von ihr gewichen und ihr Gesicht bleich geworden bis an die Lippen. Keine der rasch wandelnden Emotionen, die sie über das Gesicht der Gräfin ziehen sah, war dazu angetan, ihr die Sicherheit wiederzugeben. Cedric stand noch immer da wie ein Stock. Endlich siegte in Rowena der Stolz. Sie biss die Zähne zusammen und hob das Kinn.

Mary of Cloagh rang erfolgreich um Fassung. Dann musterte sie Rowena mit einem Blick, kühler als der Atlantik. »Und wer«, fragte sie, »ist das?«

6

Abends saß Rowena am Fenster des Zimmers, das man ihr zugewiesen hatte, und starrte auf das Meer, dessen Anblick sie so lange herbeigesehnt hatte. Ein kalter Wind blies herein, aber sie mochte die Läden nicht schließen.

Neben ihrem Bett hatte Colum ein Kohlenbecken aufgestellt. Colum! Er war der Einzige, der sich um sie kümmerte, seit sie die Burg betreten hatten. Er war es auch, der in ihrem Zimmer herumging und mit schuldbewusstem Eifer dafür sorgte, dass sie mit allen Annehmlichkeiten versorgt war. Cedric befand sich noch immer in einer Unterredung mit seinen Eltern.

»So«, meinte Colum, als er die letzten Kerzen auf dem kleinen Tisch entzündete, und schaute sich um.

Sie beantwortete seinen besorgten Blick mit einem kleinen Lächeln. »Es ist alles gut«, sagte sie. Der Ton allerdings strafte ihre Bemerkung Lügen.

»Es tut mir leid.« Der Knappe nahm seine Lederkappe ab und drehte sie in der Hand. »Ich hatte ganz vergessen, der Gräfin von der Hochzeit zu erzählen. Es gab so viele gute Nachrichten, und da …«

»Tja.« Rowenas Lachen klang bitter. »Da hält man die schlechten natürlich gerne zurück.«

Sie starrte weiter nach draußen und wandte den Kopf erst, als sie Colums Hand auf ihrer Schulter spürte. Die wachsende Dunkelheit, die flackernden Lichter, ihre Gesichter so nahe beieinander – für einen Moment erinnerte sie die Situation an ihre erste Begegnung, als sie sich über das Lager des im Turnier verwundeten Cedric geneigt hatten, einander fremd und unsicher, was einer vom anderen erwarten konnte. Damals hatte sie sich vor Colum gefürchtet.

Jetzt aber griff er nach ihrer Hand und kniete sich hin. »Ich für meinen Teil«, sagte er unbeholfen, »habe es immer für das größte Glück gehalten, dass wir Euch begegnet sind.« Er räusperte sich.

»Danke, Colum.« Rowena strich ihm in einer Aufwallung von Zuneigung über das struppige Haar. »Ich weiß es zu schätzen.« Der hässliche Mann errötete tief. Verlegen stand er auf und klopfte sich die Hosenbeine ab. Als er schon an der Tür war, drehte er sich noch einmal um. »Und ich weiß, der Herr tut das auch.«

»Danke, Colum.« Diesmal klang ihre Stimme weniger gnädig. Der Knappe zog den Kopf ein und begriff. Sie hatte ihm verziehen, ihrem Mann aber noch lange nicht, der sie hier alleine ließ. Wie viele Stunden nun schon?

Er öffnete den Mund, um seinen Herrn zu rechtfertigen: Er war so viele Monate fort gewesen, so vieles war geschehen, was zu bereden war. Die Unterbringung der Neuangekommenen musste geklärt, die Gespräche mit den Vertretern der beiden Stammesgruppen eingeleitet werden. Dazu kam die Aussprache zwischen Vater und Sohn, die beide so lange ersehnt hatten. Und zweifellos die mit der Mutter. Colum konnte seinen Herrn nur zu gut verstehen, aber er fand nicht die rechten Worte dafür. Es war ein delikates Geschäft. »Er muss nun so vieles bereden«, begann er zaghaft.

Endlich wandte Rowena ihm das Gesicht zu. »Oh ja«, bestätigte sie und nickte. »Es gibt viele Personen auf dieser Burg, mit denen er dringend sprechen müsste.«

»Genau.« Colum schob sich in den Türspalt. Die Antwort klang richtig, und doch hatte er das Gefühl, dass etwas ganz und gar falsch lief. Aber er beschloss, dass dies seine Kompetenzen als Knappe überschritt. »Gewiss«, murmelte er und flüchtete.

Es war weit nach Mitternacht, als Cedric das Gemach betrat. Einen Augenblick lang hoffte er, sie würde bereits schlafen, doch als er die auf das Lager hingestreckte Gestalt sacht auf die Schläfe küsste, richtete sie sich sofort auf. Sie schlang die Arme um die Knie und blickte ihren Mann erwartungsvoll an. Cedric seufzte.

»Ich wusste es nicht«, begann er. »Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort. Ich hatte keine Ahnung, dass Nyssa als meine Braut vorgesehen war.

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