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Die Hüterin – Das verborgene Land

TESSA KORBER

DIE
HÜTERIN

DAS VERBORGENE LAND

Historischer Roman

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I. DIE BUNTEN FLAGGEN,
SIE WEHEN

1

Ein frischer Wind wehte über die Klippen an der Küste von Dorset und ließ die bunten Wimpel knattern, die der Herr von Forrest Castle in seinem Zuge führte. Mehr als eine Böe brachte heftigen Regen, der die Hochebene schraffierte und in die Gesichter der Reiter sprühte, dass so mancher seinen Mantel enger um die Schultern zog. Das kurze Grün der Wiesen hier oben sah karg aus, leer gewaschen wie der weite Himmel, der sich darüber spannte. Nur wenige blasse Blütenköpfe zitterten jetzt im März schon zwischen den Halmen und duckten sich vor den Hufen der Pferde, die mit dumpfem Klocken auf dem felsigen Grund aufsetzten.

»Noch weit bis Windfalls?«, fragte eine Stimme. Im selben Moment fluchte der Sprecher, da sein Tier auf dem feuchten Grund ausrutschte und ins Straucheln geriet. Dampf stieg aus den Nüstern des Rappen, als er sich schnaubend wieder fing, und der Reiter wurde von seinen vermummten Kameraden mit gutmütigem Spott überschüttet.

»Vorsicht, Rowena«, riet auch der Baron seiner Tochter, »der Boden ist schlammig und die Küste steil.«

Aber es war vergebene Mühe. Lady Rowenas Herz pochte im Rhythmus des Trabs, den sie ihren Zelter gehen ließ, und war Wegen, Wind und Wetter bereits weit voraus. Es schlug schon erwartungsvoll dort vorne, wo in einer Senke sich die Umrisse der Stadtmauern von Windfalls abzeichneten und daneben das Ziel ihrer Reise: eine zweite Stadt, ganz aus Holz und wehenden Stoffen, die trotz des trüben Wetters im Morgenlicht leuchteten. Klein und kostbar wie eine Miniatur lag sie da, geschaffen für einen besonderen Zweck. Für einen Moment riss der graue Himmel auf und tauchte alles in einen silbrigen Schein, der Rowena einen Jubelruf entlockte.

»Seht nur!«, rief sie und trieb ihr Pferd weiter an. »Seht, wir haben es fast geschafft. Ich glaube, ich kann schon die Fanfaren hören!« Mit lachendem Gesicht wandte sie sich im Sattel um. Regen troff aus ihren Schleiern und färbte dunkel, was von ihrem Haar zu sehen war, das an anderen Tagen in einem milden, rötlichen Gold schimmerte, dem ganzen Stolz ihrer Zofen, die sich darum stritten, es abends bürsten zu dürfen.

»Hundert Striche«, pflegte ihre Mutter zu sagen, als sie noch lebte und selbst diese Fülle gebändigt hatte, die schon dem kleinen Mädchen bis auf die Hüften fiel. »Hundert Striche«, wiederholte nun Mabel jeden Abend am Kamin mit andächtiger Stimme und neigte dann den Kopf, um zu bewundern, wie das Haar ihres Schützlings im Feuerschein glänzte.

Nun drängte es sich feucht und hagebuttenfarben unter der Kapuze des grünen Tasselmantels hervor. Rowena störte es nicht, genauso wenig wie die Tropfen, die über ihr Gesicht rollten, dessen sonst elfenblasser Teint heute vom Wind gerötet war. Und ebenso wenig wie am friedvollen Kaminfeuer vermochte sie stillzuhalten. Ihre farngrünen Augen funkelten unternehmungslustig. »Der Letzte ist ein Sumpfhuhn!«, rief sie und gab ihrem Tier die Sporen.

»Mylady, nein!«, rief wehklagend ihre arme Mabel. Aber der Zelter des Mädchens trabte bereits an.

Rowenas Vater öffnete den Mund zu einem Schreckensschrei. Er erklang zugleich mit dem gequälten Ruf von Rowenas Tier, das spürte, wie seine Hufe abglitten, und den schweren Körper herumzuwerfen versuchte, der unaufhaltsam Richtung Klippen glitt. Die Mähne flog und sprühte einen Fächer von Tropfen, der sich vor Rowenas noch immer lachendes Gesicht legte. Der Baron de Forrester glaubte, jeden einzelnen davon zählen zu können, so langsam flogen sie auf. Klumpen von Erde und Gras wurden weggeschleudert, aufgewühlt von den panisch nach Halt suchenden Hufen, und verschwanden wie träge rotierende Planeten.

Rowenas Schleier wolkten auf, als sie fiel. Ihm war, als könne er sie noch immer herabsinken sehen, gleichsam wie durch Wasser. Ihre Arme breiteten sich aus und griffen in den Himmel. Er streckte seine Hand nach ihren Fingern aus, erreichte aber nur den grauen Horizont über dem Meer. Entsetzt starrte er hinunter. »Rowena!« Es war kaum mehr ein Laut, der sich ihm entrang. Drunten donnerte die Brandung.

Schnaubend schüttelte sich das verwaiste Pferd, den leeren Sattel auf dem Rücken, und tat ein paar Schritte beiseite, nach dem Schrecken den Kopf zum Grasen geneigt. Keiner der Umstehenden brachte ein Wort heraus. Mabel presste sich die Faust gegen den Mund.

»Rowena!« Mit einem Schrei glitt der alte Mann aus dem Sattel. Ehe ihn jemand halten konnte, stand er an der vordersten Klippe und starrte hinunter.

Und dort, aus einer Mulde voller Kräuter, blickte Rowena zu ihm hoch. Sie lag, wie sie gestürzt war, die Arme ausgebreitet, die gelösten Haare über das Moos flutend. Und das Lächeln lag noch immer auf ihrem Gesicht. »Für einen Augenblick«, sagte sie leise und andächtig, »glaubte ich, ich könnte fliegen.«

Ihr Vater sank neben ihr in die Knie und berührte ungläubig ihr Gesicht, die Haut ihrer Stirn war kalt und feucht. Aber sie lebte, sie atmete, ja, sie schien nicht einmal sonderlich erschrocken zu sein. Nach einem Moment des Unglaubens riss er sie hoch und schloss sie in seine Arme. Ihr Gefolge versammelte sich um sie wie zum Schutz vor dem Wind.

»Kannst du gehen?«, stammelte er schließlich und versuchte sie hochzuziehen. Dabei war nicht ausgemacht, wer von beiden sich auf wen stützte. Lachend half sie ihrem Vater, der ihr unbeholfen die Halme aus den Strähnen zog. Nur als er leise sagte: »Ich hätte es nicht verwunden, wenn auch noch du …«, hielt sie kurz inne und drückte ihn mit all ihrer Kraft an sich.

Wenig später waren alle wieder in den Sätteln, mit zitternden Knien noch, aber mit wieder erwachenden Lebensgeistern und bereit, das kurze letzte Stück ihrer Reise dem Wetter zum Trotz zurückzulegen. Mabel war auf ihrem kurzbeinigen Braunen neben ihre Herrin geritten und schalt sie tüchtig aus für ihren Leichtsinn. Wenn schon der Vater es nie tat, einer musste dieses eigensinnige Wesen ja zu bändigen suchen, man sah doch, wohin es sonst führte. Wahrhaftig, Mabel konnte sich kein Fräulein sonst vorstellen, dem so etwas zustieß. Wie dieses Kind manchmal herumzappelte, das erschien ihr einfach nicht gottesfürchtig.

Rowena musste lachen, als sie es hörte. Mabel war jung, nicht viel älter als sie selbst, und noch nicht lange in den Diensten der de Forresters, aber sie hatte manchmal wirklich Ansichten wie eine alte Stiftsdame, fand Rowena.

»Stellt Euch nur vor«, wiederholte die Zofe unbeirrt ob des Spottes immer wieder und bekreuzigte sich dabei tüchtig. »Wenn Ihr hinuntergefallen wärt!«

Rowena legte den Kopf in den Nacken und spürte mit geschlossenen Augen dem Regen auf ihren Wangen nach, der herabrann wie Tränen, nur dass sie nicht traurig war, sondern – ja, wie war ihr eigentlich zumute?

»Weißt du«, begann sie schließlich das seltsame Gefühl zu beschreiben, das sie in jenen Momenten gepackt hatte, als sie schon glaubte, sie hätte den Halt unter den Füßen verloren. Da war keine Angst gewesen, keine Panik, nur eine große Ruhe und Zuversicht. Sie wunderte sich selber. »Ich glaube, ich wäre einfach weitergeflogen.« Im selbem Moment, da sie es aussprach, kam es ihr gleichermaßen albern vor und doch vollkommen wahr. Genau das war es gewesen, was sie empfunden hatte. »Ja«, rief sie, und ihre Lebensfreude wogte ungebrochen wieder auf. »Ich hätte einfach meine Flügel ausgebreitet und wäre davongeglitten wie eine der Möwen.« Und sie ließ die Zügel los, um es zu demonstrieren.

Ihre Zofe kreischte auf, schimpfte und drohte, wickelte sie fester in ihren Mantel und nötigte sie, sich ja gut festzuhalten, obwohl der Weg sie nun weit von der Klippe fortführte. Direkt in die Senke bog er ab und schlängelte sich auf Windfalls zu, das seine Gäste mit offenen Toren erwartete.

Und die de Forresters waren nicht die Einzigen, die kamen.

2

»Verdammtes Gedränge«, brummelte der Mann und rückte die Lederkappe wieder zurecht, die ihm ein in der Menge vorbeistreifender Ellenbogen auf die Ohren herabgedrückt hatte. Er war nicht groß und nicht mehr jung, aber sein Brustkasten war breit und seine schaufelförmigen Hände mit den groben Gelenken verrieten Ausdauer und Kraft. Sein Haar war noch ganz dunkelbraun und struppig wie sein Bart, aber das Gesicht mit den tief liegenden Augen durchzogen starke, lederartige Falten. Es war sicher nie schön gewesen mit dem vierschrötigen Kinn, der klumpigen Nase und den Brauen, die alles zu überwuchern drohten. Und es lächelte selten.

»Lass gut sein, Colum«, beschwichtigte ihn sein Herr. Seine Stimme verriet, dass er die schlechte Laune seines Knappen gewohnt war und sie nicht allzu ernst zu nehmen pflegte. »Halt lieber nach einem guten Schmied Ausschau.«

Ihm selber schien das Geschiebe in den Straßen nicht das Geringste auszumachen. Er stand so gelassen da, als wäre er allein auf freiem Feld, und ließ mit unbewegter Miene auf sich wirken, was er sah: die Gassen voller Menschen, die geöffneten Fenster, aus denen manche noch hinab auf das Getriebe gafften, das Aufsteigen des Rauches von den Buden und Werkstätten, wo gehämmert, gefärbt und gegrillt wurde. Das Blitzen von Schmuckstücken und Goldfäden im Stoff, der dennoch durch den Matsch der Straßen schleifte, in denen sich Lehm, Dung und Essensreste mischten; das Lachen und Plaudern, Ausrufen und Feilschen, hie und da durchdrungen von Trommel- und Flöten-Musik und dem Kreischen der vor den Köchen flüchtenden Hühner.

Der Knappe musste aufschauen, um dem jungen Mann ins Gesicht blicken zu können, dem er diente. Und wie immer gingen ihm dabei die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Dass er ganz wie sein Vater aussah mit dem schmalen, vornehmen Gesicht und der Raubvogelnase, die verriet, dass es einst Römer gegeben hatte in Britannien. Zwar waren die Haare des Vaters jetzt silbern, während die des Sohnes noch glänzten wie Rabenschwingen und ihm weit über die Schultern fielen. Aber beider Augen strahlten in dem tiefdunklen Blau des rauen Meeres, an dem sie lebten. Nur dass der Blick des alten Earl of Cloagh weise Gelassenheit verriet, dachte der Knappe, verlässliche Klugheit, einen eisernen Willen und, nun ja, zuweilen vielleicht ein mutwilliges Funkeln von Ironie, während der junge Cedric … Colum schüttelte missbilligend den Kopf. In seinem arglosen Blick unter dichten Wimpern schien sich die ganze Welt zu spiegeln. Viel zu schön war der Junge einfach, Colum dachte es nicht zum ersten Mal. Das konnte ja nichts als Ärger geben.

»Ein guter Schmied, ein guter Schmied«, äffte er und zog dabei seinen Herrn am Ärmel, da im Gedränge schon die nächsten jungen Gänse sichtbar wurden, die sich den Hals nach einer neuen Sensation verdrehten. Und die Bürschchen da, an deren Arm sie gingen, wären über das Interesse ihrer Damen bestimmt nicht erbaut. Zum Glück fand er im selben Moment, was er suchte, und schob seinen Herrn ohne Vorwarnung in die rußige Werkstatt hinein.

Cedric of Cloagh folgte ihm freundlich. Er war das ruppige Wesen seines Knappen in der Tat gewohnt und machte sich nicht das Geringste daraus. War Colum doch trotz seiner Launen der beste Diener, den man finden konnte, und ihm und den Seinen unbedingt ergeben. Er spürte, was einem Pferd fehlte, noch ehe es den Huf falsch setzte. Und woran er erkannte, was ein Waffenschmied taugte, das wussten er und Gott allein, aber man konnte sich darauf verlassen: wenn Colum auch nur den Geruch der glimmenden Kohle eingesogen, den Rußfirnis auf dem Zunftschild betrachtet und dem Fauchen des Blasebalges gelauscht hatte, fällte er ein unbestechliches Urteil. So war es auch diesmal; Cedric wusste es, kaum dass sie das düstere Etablissement betreten hatten.

»Fantastisch«, murmelte er, als er an die rückwärtige Wand trat und die Klinge betrachtete, die dort hing, unauffällig zwischen zwei defekten Schilden verborgen, so als wüsste ihr Besitzer nicht um ihren Wert. Die ersten Worte des Schmiedes verrieten, dass es nicht so war. »Maurisch«, krächzte er und richtete sich auf, den Hammer noch in der Hand. »Sieben Mal ist das Metall gefaltet.«

»Wenn nicht öfter«, flüsterte Cedric andächtig und nahm den Dolch von der Wand, um mit seinen Fingern darüber zu streichen. Mit einem strahlenden Lächeln wies er Colum seinen Fund. Der runzelte nur die Brauen.

»Pfoten weg«, bellte der Schmied. »Den hat der Bischof von Exeter bei mir bestellt.«

Durch Colums Gestalt ging ein Ruck. Zwar ragte er noch immer kaum bemerkenswert auf neben der massigen Gestalt des Schmiedes in der Lederschürze. Aber Cedric kannte ihn und wusste, was folgen konnte. Sanft schüttelte er den Kopf, um das Temperament seines Dieners zu zügeln. Doch konnte er sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. »Deine Sprache ist so grob wie dein Werkzeug«, konstatierte er.

Der Schmied packte den Griff seines Hammers fester. Da war etwas um diesen Jungen, das schwer einzuschätzen war. Er sah aus wie die anderen Bürschchen, die in den letzten Tagen hier zum Turnier zusammengeströmt waren, hübsch und jung, von der Mutter herausgeputzt und sicher nur zu bald mit ein paar blutigen Ohren versehen, wenn die Kämpfe erst begonnen hätten.

Andererseits war etwas an der Art, wie er sich bewegte, das den Mann beunruhigte und warnte. Der Junge plusterte sich nicht auf, er tänzelte nicht herum, machte keine überflüssige Geste. Dennoch wirkte er seiner selbst vollkommen sicher, als er nun auf den Schmied zukam. Dieser warf seinem Gehilfen aus den Augenwinkeln einen raschen Blick zu. Der Geselle hob nur leicht den Kopf, er war bereit.

»Ihr seid wohl aus dem Norden?«, fragte der Schmied im selben Moment und breitete jovial die Arme aus, um von seiner Finte abzulenken.

Der rußige Gehilfe reagierte derweil, gut eingespielt, auf das kaum merkliche Signal. Mit einem blitzschnellen Griff hatte er ein Stabeisen gepackt und es dem Jungen gegen die Füße geschleudert, wo es ihm hätte die Schienbeine brechen können.

Hoppala, wollte der Schmied schon sagen, das Gesicht bereits zu einem schadenfrohen Grinsen verzogen. Doch er kam nicht dazu. Mit einem leichten Heben des Fußes stoppte Cedric die auf ihn zukreiselnde Stange, mit einer weiteren kickte er sie zurück. Sonst machte er keine Bewegung.

Erstaunt starrte der Schmied auf seinen Gehilfen, der sich vor Schmerz krümmte, da sein eigenes Geschoss unverhofft zurückgekehrt war und ihn herb am Schenkel getroffen hatte.

Cedric vollführte einige kleine Kunststücke mit dem Dolch, den er zwischen den Fingern seiner Rechten tanzen ließ, als zöge er ihn an Fäden, eher er ihn wieder zurück in seine Scheide an der Wand steckte. Dann zog er sein Schwert. Der Schmied öffnete den Mund.

Cedric legte die Klinge auf den Amboss. »Ich hoffe nur, dass du den Hammer feiner führst als dein Wort. Sonst bin ich hier wohl falsch«, meinte der junge Ritter voller Liebenswürdigkeit.

Der Schmied schaute kurz zu seinem Gehilfen, der noch immer in der Ecke lag und wimmerte. Colum an seinem Ohr zischte: »Mein Herr ist der Sohn des Earl of Cloagh, Herr der Küste und der Insel von Cloagh seit mehr als tausend Jahren.« Er schnaubte. »Das heißt: Ja, wir sind aus dem Norden.«

»Und Ihr seid nicht falsch bei mir«, murmelte der Schmied und spuckte einmal auf den Boden. »Seid Ihr gewiss nicht, Herr«, fügte er dann hinzu. Colum entspannte sich.

Cedric grinste. »Gut, sonst hätte ich dich womöglich auch ein wenig falten müssen. Aber nun sieh her.« Ohne weitere Umstände und als wäre nichts geschehen, ging er zu seinem Anliegen über und schilderte dem Schmied mit lebhaften Worten und Gesten die Sorge, die er hinsichtlich seiner Klinge hegte, die ihm nicht ausbalanciert genug erschien.

Der Meister wurde ebenfalls langsam warm, als es um sein Fachgebiet ging, hörte sich alles an und versprach, die Mängel bis zum Nachmittag zu beheben. Auch um einen Schwertfeger, der sich an den Schliff machte, wollte er sich kümmern und versprach nur die beste Arbeit. Er hatte nichts anderes vor, als sich daran zu halten, und bereute es nicht, als er den Beutel sah, den Cedric zum Abschluss der Verhandlungen zückte.

»Ihr seid bei mir in den besten Händen, Herr«, erklärte er zum Schluss und hob die Waffe ein letztes Mal, um sie im einfallenden Tageslicht abschließend betrachten zu können. Der Regenhimmel riss nun endgültig auf, Sonne quoll hervor, vergoldete mit einem Mal alles und ließ Licht selbst in die Werkstatt fallen. Metall blitzte auf, wo es nicht von Ruß und Staub bedeckt war. Von dem Schwert selbst ging ein schwaches blaues Leuchten aus.

Anerkennend glitten die schartig verhornten Finger des Schmiedes über das glänzende Metall, als er plötzlich einen stechenden Schmerz verspürte. Für einen Moment zuckte er zusammen. Überrascht rieb er seine Fingerspitzen aneinander, als erwartete er, Blut zu spüren. Oder war es ein Funken gewesen, der ihn getroffen hatte? Aber er fand nichts, die Haut war unversehrt, nicht einmal gerötet. Auch an der Oberfläche des Metalls war nicht die geringste Spur zu sehen.

Verwirrt schüttelte er den Kopf. »Ein schönes Muster«, meinte er und trat einen Schritt näher an die Tür heran. »Was ist es, eine Arabeske?« Vor seinen vom Rauch geröteten Augen verschwamm das tanzende Muster der vielfältig sich schlängelnden eingeprägten Linien.

»Ein halbes Goldstück, wenn du es bis zum Mittag schaffst«, meinte Colum brüsk und nahm ihm das Schwert aus der Hand. Cedric steckte es in die Scheide und reichte beides dem Schmied mit demselben Lächeln eines unbekümmerten jungen Mannes, mit dem er die Schmiede betreten hatte.

Zwei Augenpaare starrten ihm nach, als er ging. »Er bewegt sich wie eine verdammte Schlange.« Der Gehilfe war aus seinem Eck gekrochen und rieb sich noch immer das Bein.

Sein Herr stieß ihn in die Seite. »Was bist du auch so eine lahme Ente. Los, heiz die Esse hoch, mach schon. Ein halbes Goldstück ist nicht zu verachten, oder?« Dabei schüttelte er den Kopf, ob über seinen Gesellen, sich selber oder den seltsamen Jungen aus dem Norden, das wusste er selbst nicht.

3

Andächtig setzte Rowena ihren Fuß auf die Stufen der Tribüne. Mit erhobenem Kopf sog sie den allgegenwärtigen verheißungsvollen Duft des frisch geschlagenen Holzes ein, aus dem alles hier, Schranken, Tore und Tribünen, rasch zusammengebaut worden war. Es war grobe Arbeit, und sie musste ihr Kleid vor Spreißeln und Harz in Acht nehmen, solange sie die Aufgänge nicht hinter sich hatte. Aber wie kostbar waren ihre Sitze gehalten. Dicke Teppiche, geschmückt mit Kampfszenen, blähten sich an allen Wänden und schützten sie vor dem Wind. Ihr Banner mit dem leuchtenden Grün und Silber wehte schon von der Balustrade neben dem der anderen hohen Gäste. Kohlebecken glommen ihnen entgegen, und die Kissen auf den Sesseln waren weich und mit Troddeln reich geschmückt.

»Lob sei König Richard«, seufzte Mabel, als sie ihr vom Reiten wundes und auf den klumpigen Strohsäcken der Herberge zusätzlich gequältes Hinterteil in den Sessel plumpsen ließ. »Dass er Gesetze schuf, die das Turnieren erlauben und zu einem Genuss machen, selbst für Damen.«

»Er hat genug daran verdient«, brummte der alte Baron. »Die Startgelder sind sündhaft.«

»Vater«, ermahnte Rowena ihn. Dabei zog sie sich den Schleier vor den Mund, um ihr Lächeln zu verbergen, und begann, sich unter den Zuschauern auf den anderen Rängen der Tribüne umzusehen.

Ihr Vater ließ sich nicht von seiner schlechten Laune abbringen. »Es war ja klar, dass sein geldgieriger Bruder seine Abwesenheit nutzen und noch mehr Turniere veranstalten würde.«

»Vater«, wiederholte Rowena ihre Mahnung, nun schon ein wenig ernster. Ihre erschrocken dreinschauende Zofe bekreuzigte sich. »Vielleicht«, gab das Mädchen zu bedenken, »bringt er ja auf diese Weise das Geld für unseres Königs Kriegskasse zusammen.« Sie nahm ihres Vaters Hand. »Und vielleicht kehren nach dem Sieg mit Richard auch andere lang Vermisste nach Hause zurück.«

Ihr Vater presste die Lippen zusammen. Aber er drückte ihre Hand in der seinen und widersprach nicht.

»Wer ist das dort?«, fragte sie dann, um den Baron de Forrester von seinen trüben Gedanken abzulenken.

Er kniff die Augen zusammen und folgte ihrem Blick. »Der Chevalier de Montfort«, stellte er dann fest. Seine Stimme klang ablehnend.

»Ein Normanne?«, fragte Rowena interessiert.

»Er ist ein Freund des Bischofs von Exeter«, erklärte ihr Vater. »Er hat hier herum und in Chichester eine Menge Grundbesitz erworben. Man sagt, er hat dem Bruder des Königs Geld geboten für einen Grafentitel.« Er seufzte. »Dann wird er ihn wohl auch bald bekommen.«

»Er soll im Heiligen Land gewesen sein«, fiel es Mabel ein. »Ein richtiger Held, habe ich gehört.«

Rowena nickte. Das schien zu dem Mann zu passen, der sich dort zwischen den anderen mit der selbstverständlichen Sicherheit des Gastgebers bewegte. Oder des Heerführers. Seine Gesten hatten etwas Bezwingendes, seine Haltung war schon beinahe provozierend gelassen. Trotzdem hätte ihn niemand übersehen, nicht nur der überaus prunkvollen Kleidung wegen. Er war groß und schwer gebaut, sein Gesicht von einem Kranz springender brauner Locken umgeben, die in ihrer Jugendlichkeit seltsam kontrastreich abstanden von dem sonnenverbrannten und narbigen Antlitz. Einige der Narben mochten in Schlachten erworben sein, andere hatte er gewiss schon in seiner Jugend besessen. Sie ließen ihn rau und verwegen aussehen, dennoch keinen Tag älter als die dreißig Jahre, die er wohl war. Und seine Augen – überrascht stieß Rowena einen kleinen Schrei aus, als er nun den Kopf wandte und ihren Blick auffing.

Rasch zog sie sich den Schleier vors Gesicht, damit er ihr Erröten nicht bemerkte. Ihn so anzugaffen! Wie hatte sie sich nur vergessen können. Und nun, Allmächtiger, kam er auf sie zu. Sie hörte, wie ihr Vater aufstand, um den Neuankömmling zu begrüßen, wagte es aber nicht, den Blick zu heben, während die beiden steife Höflichkeiten austauschten. Der Baron erkundigte sich nach den Erwerbungen des Chevaliers, und dieser antwortete artig, indem er den Wildreichtum der Wälder in Chichester pries und versprach, bald einmal eine Jagd auszurichten, um seine alten Freunde von diesen Vorzügen zu überzeugen. »Ich hoffe, auch Ihr werdet mir dann die Ehre erweisen«, sagte er.

Seine Stimme war tief und dunkel, genau wie Rowena vermutet hatte, aber weicher, viel weicher dabei. Unwillkürlich überlief sie eine Gänsehaut. Und sie war sicher, dass er sie ansah, während er sprach. Und dass seine Einladung ganz allein ihr galt.

»Uns hat schon die Gnade der Einladung heute überrascht und erfreut«, antwortete der Baron abwehrend. »Wir pflegen nicht oft zu reisen.«

»Der Bischof sprach so gut von Euch, da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen«, entgegnete Montfort. »Zumal ich hörte, dass auch Euer Sohn vor Jerusalem …«

»Ja«, unterbrach ihn de Forrester. Es war alles, wozu er imstande war.

Montfort nickte. Rowena hörte sein Gewand rascheln, und der Hauch eines fremdartigen Geruchs traf sie, der wunderbar mit den Namen zusammenklang, die aus des Chevaliers Mund kamen: Jaffa, Jerusalem …

»Ich sah sein Banner auf den Mauern, während des Sturms auf Akkon«, hörte sie den Chevalier sagen. »Und ich bin sicher, Ihr habt allen Grund, stolz auf ihn zu sein.«

Rowena fühlte, wie ihr Vater litt, zwischen Hoffnung und Trauer zerrissen. Sie hob den Kopf. »Wir sorgen uns nicht um seinen Ruhm, Chevalier. Nur um sein Leben.« Endlich sah sie seine Augen. Sie waren überraschend hell in dem düsteren Rittergesicht, so leuchtend wie Bernstein. Im Moment funkelten sie vor Amüsement und Neugier. Und da lag noch etwas in ihnen, etwas, das Rowena nicht zu deuten vermochte. Aber sie musste unwillkürlich denken, dass er sicherlich ein guter Jäger war, dort in seinen Wäldern, vor dem nicht nur die Rehe zitterten, sondern auch die Wölfe.

Fast bereute sie, den Mund aufgemacht und seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben, die so intensiv war, dass sie beinahe zitterte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Mabel den Ritter mit offenem Mund anstarrte. Offensichtlich war sie ganz hingerissen von dem Mann. Auch andere hatten sich ihrer kleinen Gruppe nun zugewandt.

Montfort verneigte sich. »Es ist das Vorrecht der Damen«, sagte er sanft und höflich, »sich um den Alltag und das Leben zu sorgen. Sind sie doch diejenigen, die es uns so unerhört versüßen. Die Männer jedoch …« Er machte eine Pause.

Unwillkürlich errötete Rowena bei seinen Worten, die trotz aller Untadeligkeit etwas Anzügliches und Herausforderndes enthielten. Sie schaffte es, eine hochmütige Miene zu ziehen. Fragend hob sie eine Augenbraue. »Ja?«, bot sie ihm an. »Wofür haben die Männer wohl Sorge zu tragen, Chevalier, dass es über das Leben hinausgeht?«

»Für den Ruhm, Mylady«, antwortete er prompt und neigte den Kopf vor denjenigen, die ihm im Publikum Beifall zollten. Dann neigte er ihr das Gesicht entgegen.

Rowena bemerkte eine Narbe, die seine Oberlippe zerteilte. Sie entstellte sie nicht, verschob sie aber gerade so weit, dass man nicht entscheiden konnte, ob er tatsächlich lächelte oder ob man einer Täuschung erlag. Unwillkürlich suchte sie in seinen Augen nach der Antwort.

»Und für die Eroberung«, sagte er rau.

Rowenas Lippen öffneten sich leicht. Röte ergoss sich über ihr ganzes Gesicht.

Er richtete sich auf und lachte. »Darum können wir auch von den Turnieren nicht lassen, der Bischof möge es uns vergeben«, rief er, und laute Zurufe antworteten ihm. Man hob die Becher, die von Dienern herumgereicht wurden, und brachte Trinksprüche auf das Königshaus und den Bischof aus.

Rowenas Vater beteiligte sich nur sehr zurückhaltend daran. Bei der ersten Gelegenheit neigte er sich zu seiner Tochter. »Einfach einen Mann anzusprechen«, zischte er ihr zu. Sein altes Gesicht über dem Schnauzer war gerötet vor Ärger.

»Ja«, flüsterte Mabel ihrer Herrin tröstend von der anderen Seite zu. »Aber was für einen.« Dabei stieß sie Rowena mit dem Ellenbogen und kicherte geschmeichelt.

»Wir hätten zu Hause bleiben sollen«, brummte der Baron. Montfort schien es gehört zu haben. Denn er rief den Vorsitzenden des Turnierrates zu sich und flüsterte einen Moment mit ihm. Schließlich kam er auf de Forrester zu.

»Mein werter Baron, wir alle hier bitten Euch um die Gunst, dass der Sieger des heutigen Tjosts seinen Preis aus den Händen Eurer lieblichen Tochter empfangen möge. Gebt Ihr Euer Einverständnis?«

Der Baron blickte in die erwartungsvollen Gesichter des anwesenden Adels und nickte schließlich. Was hätte er dagegen vorbringen sollen? Die Entscheidung wurde mit Applaus quittiert. Wieder puffte Mabel ihre Herrin, selbst beinahe platzend vor Stolz über die Ehre, die ihrer Herrschaft da zuteil wurde.

»Du wirst ihr noch blaue Flecken machen«, meinte der Baron und fügte, zu seiner Tochter gewandt, hinzu. »Sei nur nicht zu stolz. Der Siegespreis beim letzten Turnier vor London war ein kapitaler Hecht.«

Fröhlich streckte sie ihm hinter ihrem Schleier die Zunge heraus. Innerlich aber jubelte sie. Ihr erstes Turnier, sie saß auf einem Ehrenplatz, heute Abend würde man tanzen, sie hatte ein neues Kleid dabei, und – als wäre all das noch nicht der Gipfel des Glücks – sie war ausersehen, dem Sieger dieses Tages im Tjosten seinen Preis zu überreichen. Das war beinahe mehr Glückseligkeit, fand sie, als ein Mädchen allein ertragen konnte. Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie meinte, nicht genug Luft zu bekommen.

»Mabel, was meinst du, was ist der Siegespreis?«, flüsterte sie ihrer Zofe zu. Für einen Augenblick hemmte sie die Aussicht, mit einem Fisch in den Händen dazustehen. Ihr Vater hatte da doch wohl nur einen Scherz gemacht, oder?

»Habt Ihr denn nicht zugehört, Mylady?«, fragte Mabel. Sie wies auf die Trophäe, die bereits auf einem seidenen Kissen bereitlag. »Es ist ein vergoldeter Dolch. Und dazu ein Kuss der Dame.«

»Ein Kuss?«, fragte Rowena entsetzt. »Welcher Dame?« Ihre Lippen fühlten sich mit einem Mal glühend heiß an.

»Nun tut mal nicht so.« Ihre Dienerin kicherte und fügte unbarmherzig hinzu. »Ich habe wohl gesehen, wie Ihr es mit dem jungen Andrew getan habt.«

»Pah«, entfuhr es Rowena empört. Andrew, der Sohn des früheren Kastellans, war ein Rotzlöffel. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie feucht sein Mund sich angefühlt hatte, so eklig, dass sie sich mit der Hand über den eigenen gefahren war und ihn zur Sicherheit noch weggeschubst hatte. Dabei hatte er, erschrocken vor der eigenen Kühnheit, ohnehin die Beine in die Hand genommen. »Das war doch kein Kuss«, zischte sie. »Und außerdem ist das vier Jahre her.«

Damals war sie zwölf gewesen, ein Kind. Heute war sie eine Frau. Der Gedanke ließ Rowena ganz ehrfürchtig werden. Völlig damit beschäftigt, sich auszumalen, mit welcher Haltung sie nachher aufstehen, an die Rampe treten und den Preis überreichen würde, wie sie die Wimpern senken würde und die Lippen darböte – unwillkürlich spannte und wölbte sie sie ein wenig –, bemerkte Rowena nicht, dass sie die ganze Zeit beobachtet wurde.

Wie dicht der Chevalier de Montfort neben ihr stand, wurde ihr erst klar, als er sie ansprach.

»Darf ich hoffen«, fragte er mit einer Verneigung, »dass Ihr mir für die Kampfbahn ein Präsent überlasst? Es ist das Grün der Wälder Englands, das Ihr tragt. Und mit Euch, wollte mir scheinen, neigte sich mir das Land selber gnädig zu.«

Rowena schnappte nach Luft und entriss ihm das Stück farngrünen Schleiers, das er zart andeutend zwischen seine Finger genommen hatte. Sie musste mehrmals ansetzen, ehe sie ihre Sprache wiederfand.

»In Worten mag das Erobern ja Eure Sache sein«, schnappte sie und setzte sich dann nachdrücklich aufrecht hin. »Aber ich will doch erst sehen, welche Taten folgen, ehe ich mich ergebe.« Damit schaute sie an ihm vorbei, während sie das Blut in ihren Wangen pochen fühlte.

Montfort stutzte einen Moment, dann brach er in lautes Gelächter aus und verneigte sich erneut vor ihr. »Euer gutes Recht, Mylady. Aber glaubt mir. Die Burg, die ich erstürmen will, die öffnet mir ihre Tore auch. Früher oder später.« Dann ging er davon.

Mabel neigte sich ihr zu und tätschelte ihr die Hand. »Recht so, Mylady. Man muss sie erst ein wenig zappeln lassen.«

Rowena nickte, dann überfiel sie Angst. »Ob ich zu harsch gewesen bin?« Aufgeregt knetete sie mit beiden Händen den Schleier, den sie Montfort eben so kühn abgetrotzt hatte. »Ob ich es falsch gemacht habe? Nicht, dass am Ende nie wieder einer meine Farben tragen will.«

Lachend schüttelte Mabel den Kopf. »Der verträgt einen Stiefel, da bin ich sicher. Hauptsache, Ihr küsst ihn am Ende.«

»Meinst du?«, fragte Rowena. Sie war sich gar nicht sicher, ob sie den Chevalier tatsächlich küssen wollte. Aber aufregend war der Gedanke schon, war alles hier, das war jedenfalls sicher. Sie hätte singen mögen vor Freude. Heute war ein Tag, an dem so viel geschah wie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht.

4

»Achtung, von links!«, brüllte Colum und lehnte sich so weit über den Begrenzungszaun des Ruheplatzes, wie seine Statur es ihm eben erlaubte. Hastig wedelte er mit den Armen.

Cedric machte ein Zeichen, dass er begriffen hatte, fuhr herum, und parierte den Hieb des Gegners, der sich von hinten auf ihn zu stürzen versucht hatte, so heftig, dass der Mann in die Knie ging. Aber auch Cedrics Beine zitterten. Die Mêlée – ein Duell in zwei großen Gruppen von Kämpfern – dauerte nun schon seit dem frühen Nachmittag an. Erst zu Pferde, dann zu Fuß waren sie aufeinander losgegangen, zwei wüste Haufen, die langsam müde wurden vom Dreinhauen. Und der Staub des anfangs gut gewässerten Kampfplatzes, auf den nun seit Stunden schon die Frühjahrssonne herunterstach, stieg ihnen allen kratzig in die Nase.

Mit letzter Kraft zog Cedric seinen Dolch und setzte ihn dem Angreifer auf den Hals. »Ergibst du dich?«, fragte er und hustete.

Der andere nickte zur Bestätigung. »Lösegeld«, drang es dumpf unter dem Helm vor. Cedric war einverstanden. »Lass mir den Helm«, verlangte er, wie es Brauch war. Mit dem Pferd oder – nach einem Fußkampf – dem Helm des Besiegten konnte man am Abend vor die Turnierrichter treten und seine Forderungen eintreiben. Dort wurde genau gezählt, wer wie viele Pfänder besaß und wie viel er dafür zu fordern hatte. Außerdem zählte man dort die Treffer mit Lanze oder Schwert auf den Harnisch, auf die Arme oder auf das Tier und ermittelte so mit komplizierten Berechnungen die Sieger des Gefechts, die mit Sattelpferden und Waffen belohnt wurden.

Mit schwerem Arm griff Cedric nach der Helmzier des Gegners und zog. Der besiegte Ritter löste den Kinnriemen, um nachzuhelfen, doch nichts bewegte sich. »Sitzt fest«, stöhnte der Fremde.

Cedric lachte. »Dann komm, Freund«, sagte er und zog ihn wie einen Hund an der Leine hinter sich her. »Ich bring dich zum Schmied.« Gemeinsam erreichten sie so den Ruheplatz, wo Colum seinen Herrn schon ungeduldig erwartete. Es war ein mit einem Weidenzaun eingefasster Platz von vielleicht zwanzig Schritten im Umkreis, der einzige Ort, an den die Kontrahenten sich zurückziehen durften, um die Waffen zu wechseln, sich verbinden zu lassen oder einen Schluck zu trinken, ohne sofort aus dem Kampf auszuscheiden. Einer der Schiedsrichter eilte auf sie zu, und Cedric erklärte ihm die Situation. Der Mann versprach, den unglücklichen Ritter zu einem Schmied zu führen, der ihn von seinem Helm befreien würde, und notierte das Pfand auf Cedrics Haben-Seite. Der ließ sich für einen Moment aufatmend auf einer Bank nieder und streckte mit einem Seufzer die Beine von sich.

»Ich wünschte, ihr würdet tjosten«, meinte Colum, der ihm den Helmriemen löste und ihm einen Becher Wasser reichte. »Diese Mêlée ist ein verdammtes Gemetzel.« Und er wies auf einen anderen Ritter, der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf eine Bahre gehoben wurde. Das Tuch, das um sein Bein gewunden war, färbte sich bei der Bewegung rot von Blut. Cedric grüßte den Verwundeten, der mühsam seine Haltung bewahrte, als er an ihnen vorbeigetragen wurde.

»Tjosten ist nur für eitle Gimpel«, erklärte Cedric. »Bei der Mêlée lernt man wenigstens etwas. Es ist wie in einer richtigen Schlacht. Man muss Taktik beweisen, Überblick und Kraft.« Er nahm einen Schluck, spülte sich den Mund aus und spuckte auf den Boden. »Und man braucht einen harten Schädel«, stellte er fest, als er bemerkte, wie schwindelig ihm war. Der Hieb dieses Walisers vorhin war doch nicht von schlechten Eltern gewesen.

Colum nahm ihm den Becher ab, als er sah, wie blass sein Herr plötzlich wurde. »Aber Euer Vater hat nicht gesagt: ›Geh und übe dich im Kriegshandwerk‹. Er hat …«

»… verlangt, dass ich mich umschaue«, vollendete Cedric den Satz und richtete sich wieder auf. Prüfend streckte er Arme und Beine. »Wenn man es recht betrachtet, hat er sich verdammt unklar ausgedrückt, als er mich auf diese Reise schickte. Für seine Verhältnisse. Er lässt sonst ja nie den Hauch eines Zweifels an dem, was er will.« Cedric zuckte mit den Schultern. Offenbar hatte er nicht vor, allzu lange über die Worte seines Vaters zu grübeln. »Schau mich nicht so an«, verlangte er von seinem Knappen und lachte. »Ich lege es mir eben so aus, dass ich mich amüsieren soll. Und ich amüsiere mich nun mal am besten, wenn ich mit der Waffe in der Hand etwas lernen kann.« Langsam ließ er seinen Kopf kreisen. Alles noch beweglich.

Colum war nicht besänftigt. Er schnallte seinem Herrn den rechten Handschutz ab, der völlig zerfetzt war, sodass die Flachspolsterung heraushing, und machte sich daran, ihm einen neuen zu suchen. »Trotzdem bin ich sicher, dass es der Herr so nicht gemeint hat«, beharrte er. »Sich hier die Knochen zerschlagen zu lassen.«

»Colum«, sagte Cedric und schaute den Knappen ernst an. »Ich bin mir nicht sicher, was meinen Vater trieb, mir diesen Urlaub zu gewähren. Aber ich bin mir aus irgendeinem Grund ganz sicher, dass es der letzte sein wird und dass er für die Zeit danach vollkommen klare Vorstellungen von meinem Leben hat. Also werde ich die Spanne nutzen, wie ich will, verstanden?« Er streckte die Hände nach seinem Helm aus.

Colum seufzte und reichte ihm das Begehrte. Trotzdem brummelte er noch: »Was der Herr will, wird schon nicht so schlimm sein, dass man sich dafür umbringen lassen muss.«

»Meinst du?«, fragte Cedric leichthin. Er befestigte den Helm und zog mehrmals prüfend sein Schwert. »Erinnere mich, dass ich dem Schmied danke«, meinte er dann. »Der Schwerpunkt sitzt um Welten besser.«

»Könnt ihm ja einen von denen überlassen«, meinte Colum und wies auf den Haufen von Helmen, die sein junger Herr bereits erbeutet hatte. »Weiß eh nicht mehr, wohin damit.«

Cedric lachte, und seine blauen Augen blitzten mutwillig. »Ich wollte dir ein neues Wams davon kaufen«, neckte er seinen Diener. »Denn ehrlich gesagt, ich glaube, dass Vater uns verheiraten wird, wenn wir nach Hause kommen. Mich und dich.« Und er wies mit der Spitze seines Schwertes langsam auf Colum. Der errötete sichtlich.

»Ich schätze, deshalb erlaubt er mir so großzügig, mich noch ein wenig ›umzusehen‹. Und deshalb will er nicht mit mir drüber reden. Damit ich nicht protestieren kann. So.« Cedric steckte die Waffe nachdrücklich ein.

Colum kratzte sich am Kopf. »Also ich wäre dankbar, wenn es so wäre«, meinte er dann fromm und schlug die Augen nieder. »Und würde nicht so einen Aufstand deswegen machen.«

»Ach ja?«, fragte Cedric und stemmte die Hände in die Hüften. »Dankbar? Auch wenn es die Tochter des Müllers wäre?« Er war froh um den Helm, der seinem Knappen verbarg, dass er sich kaum das Lachen verbeißen konnte. Isolde, die Tochter des Müllers von Cloagh, war eine unübersehbare Persönlichkeit. Und wäre sie es nicht gewesen, hätte ihr gnadenlos keifendes Organ dafür gesorgt, dass niemand sie je überging.

Colum wiegte den Kopf und bemühte sich um eine friedvollaufrichtige Miene. »Ja, das wäre ich.«

Cedric schaute ihm tief in die Augen. »Lügner«, sagte er, jede Silbe betonend.

Im nächsten Moment gingen sie miteinander ringend zu Boden, im übernächsten war ein Schiedsrichter bei ihnen. »Ende des Kampfes«, verkündete er mit lauter Stimme, damit auch Cedric in seinem Helm es hörte.

Die beiden stutzten, dann setzten sie sich auf. Cedric nahm den Helm ab. Als Colum sein lachendes Gesicht sah, war er erst beleidigt, dann musste er selber grinsen. Schließlich halfen sie einander auf. »Die Sache ist vorbei«, meinte der Knappe und seufzte erleichtert. Sofort machte er sich daran, Cedric aus dem reichlich verbeulten Harnisch zu holen, den er über dem knielangen Kettenhemd trug.

Der ließ ihn ächzend gewähren. »Jetzt kann ich es ja zugeben«, sagte er, als er neben seinem Knappen her vom Kampfplatz humpelte. »Ich glaube, links sind ein paar Rippen gebrochen.«

»Wo?«, fragte Colum und fuhr herum.

»Ja, da, ahhh!« Cedric schloss vor Schmerz die Augen. In diesem Moment prallte er gegen sein Schicksal.

»Unverschämter Rüpel.« Mabel schubste den Knappen, der es gewagt hatte, ihre Herrin anzurempeln. Ein ungepflegter, borstiger Kerl war das. Und an seiner Seite hing ein Jüngelchen mit blassem Gesicht und zweifellos mehr Staub auf der Rüstung, als er Münzen im Beutel hatte. »Macht Platz«, verlangte sie energisch, »für die Tochter des Barons de Forrester.«

»Nun mal langsam, meine Dame, langsam.« Colum hob die Arme und stellte sich schützend vor seinen Herrn, der sich mit verzerrtem Gesicht die Seite hielt.

»Colum«, ermahnte Cedric seinen Knappen. »Wir wollen doch höflich sein zu der …«

Seine weiche, wohlklingende Stimme ließ Rowena den Kopf recken.

Im selben Augenblick öffnete auch er wieder die Augen, und für einen Moment, in dem die Welt für beide stillzustehen schien, fanden sich ihre Blicke.

»… Lady«, beendete er leise seinen Satz. Es klang wie eine Liebkosung.

Unwillkürlich dehnte Rowena sich ein wenig wie eine Katze unter der streichelnden Berührung einer Hand. Mabel, die es bemerkte, gab ihr einen Stoß mit dem Ellenbogen, woraufhin Rowena dem Fremden rasch förmlich zunickte.

Unwillkürlich setzte er zu einer Verbeugung an. Dabei verzog sich sein Gesicht.

»Oh. Seid Ihr verletzt?«, stieß Rowena hervor und neigte sich vor, um ihn zu stützen, ehe sie nachdachte, was sie da tat. Die Gesichter ganz nahe beieinander, richteten sich beide wieder auf. Und erröteten im selben Augenblick.

Oh, mein Gott, dachte Rowena. Irgendetwas in ihr jubelte so laut, dass sie es kaum vermochte, nicht laut zu lachen und zu tanzen. Ihr war, als sänge der Wind und als wirbelte sie dazu im Kreise. Das lag an … das lag an … ach, es wäre vermessen gewesen zu sagen, es läge an seinen Augen mit diesen schwarzen Wimpern, die sich auf diese besondere Weise an seine Wangen schmiegten, wenn er sie senkte. Oder an seiner schlanken Gestalt mit den breiten Schultern, die er so geschmeidig beim Gehen bewegte. Oder an seinem Haar, das ihm in die Stirn fiel, bis er es wegwischte wie gerade eben. Nein, was sie bewegte, war viel mehr als all das und brachte die Welt dazu, sich um ihn zu drehen. Vom Rest nahm Rowena nichts mehr wahr.

Vater hat Pech gehabt, dachte Cedric im selben Moment. Tut mir leid, Vater. Ich habe mich umgesehen. Und was immer der Zweck der Reise war, ich bin fündig geworden. Ein seltsamer Ernst erfasste ihn, als er ihr blasses Gesicht mit dem Beerenmund betrachtete, ein Gefühl, beinahe so tief und ergreifend wie in der Messe. Und zum ersten Mal begriff er die Legenden vom heiligen Gral. Er nämlich, Cedric of Cloagh, hatte ihn soeben gefunden. Und er fühlte sich erwachsener und männlicher denn je.

»Kommt, Mylady.« Mabel zog ihre Herrin ungeduldig am Arm. »Das Tjosten beginnt gleich.«

»Ja, sicher«, antwortete Rowena verwirrt, blieb aber stehen, als hätte sie nichts verstanden, und musste beinahe gewaltsam fortgezogen werden. Noch im Gehen drehte sie den Kopf nach ihm um.

»Ja, sicher«, wiederholte er flüsternd. Oh, es waren keine besonderen Worte, die er von ihr hörte, aber ach, Cedric war es Musik. Unverwandt blickte er ihr nach.

Da hielt sie noch einmal inne und sagte, an ihre Zofe gewandt, jedoch unnötig laut: »Ich verleihe ja den Sieger-Preis.« Unter Kopfschütteln schob Mabel sie weiter.

Schnell war sie in der Menge verschwunden. Cedric aber stand da wie angewurzelt und lauschte dem süßen Echo der Stimme in seinem Inneren lange nach. Dann packte er Colum am Arm.

»Was ist, Herr? Die Schmerzen?«, fragte der Knappe besorgt und machte Miene, ihn zu stützen.

Cedric stieß ihn mit einer energischen Bewegung von sich. »Colum«, sagte er und richtete sich mit Mühen, aber sehr gerade auf. »Melde mich zum Tjost.«

5

»Was ist? Warum geht es nicht los?« Die Damen um Rowena herum, die sich wieder in ihrer Loge eingefunden hatte, neigten die Köpfe nach rechts und links, um bessere Sicht auf den Kreis zu haben, in dem die Turnierrichter mit ihren Gehilfen standen und die Schilde der Kandidaten abschritten, die ihnen präsentiert wurden. Die Bestätigung der Teilnehmer hätte eigentlich schon am Morgen erfolgen und das Verfahren längst beendet sein sollen. Gelangweilt saßen die Herolde herum und warteten darauf, endlich ihre Herren ankündigen zu dürfen. Ein Händler nutzte die Pause und schritt an den Schranken vorbei, die das einfache Volk von der Turnierbahn zurückhielten, um Teigfladen und fette Fleischsoße zum Tunken zu verkaufen, deren würziger Geruch Rowena angenehm in die Nase stieg. Schon über eine Stunde saßen sie hier, und noch waren nur die Zurüstungen der Ritter vor ihren Zelten zu sehen.

»Vielleicht wird einer ausgeschlossen«, meinte Mabel vorfreudig. »Ich war mal bei einem Turnier, wo sie einen entdeckt haben, der war unehelich und hatte sich das Wappen seines Vaters nur angeeignet. Sie haben ihn mit Knütteln verprügelt und anschließend auf den Zaun der Kampfbahn gesetzt. Dort hockte er zum allgemeinen Spott, und er durfte während des gesamten Tjostens nicht runter.« Sie kicherte schadenfroh.

Rowena beobachtete das Durcheinander dort unten mit Anspannung. Ein kleiner Mann, bemerkte sie, hatte sich mit seinem Schild dazugedrängt und gestikulierte jetzt wild mit den Richtern, während andere dagegen zu protestieren schienen. Mit klopfendem Herzen erkannte sie in ihm den ungehobelten Gesellen, der sie angerempelt hatte, als sie mit Mabel vorhin über den Platz gelaufen war. Konnte das möglich sein, fragte sie sich, war es tatsächlich sein Knappe, und hieß es das, was sie befürchtete oder vielmehr erhoffte? Hatte die Bemerkung, die sie am Ende hatte fallen lassen, mit heißen Wangen und schlechtem Gewissen, tatsächlich Früchte getragen? Ach, es war mehr, als sie zu hoffen wagte. Es war alles, woran sie denken konnte.

Aber warum begannen sie dann nicht? Warum diskutierten sie dort unten nur? Es war schier zum Verzweifeln. Rowena konnte kaum still sitzen, und ihre Füße scharrten immer wieder unruhig über den Holzboden. Da befiel sie für einen Moment die Furcht, dass am Ende ihr geheimnisvoller Ritter es war, dem einer der furchtbaren Vorwürfe gemacht wurde, von denen Mabel so sorglos plauderte und die zum Ausschluss von einem Turnier, zu Strafe und – oh, Himmel, hilf! – öffentlicher Schande führen würden. Im Geiste ging sie alle Möglichkeiten durch. Was gab es da: Ehebruch, Verleumdung, Feigheit, Meineid, Kirchenschändung, Straßenraub? Für einen Moment wankte sie unter der Wucht dieser Aussichten; was wusste sie denn schon von diesem Fremden? Aber nein, sagte sie sich dann, nein, nein, nichts von alledem war möglich, ja auch nur denkbar!

Der Mann, den sie gesehen hatte, war kein Räuber, nichts dergleichen. Das sagte ihr ihr Herz, das so wild pochte, dass es ihr den Atem benahm. Dafür legte sie ihre Hand ins Feuer, diese Hand, mit der sie ihn berührt hatte, die in der Erinnerung daran noch brannte und die jetzt das tote Holz der Lehne umklammerte wie ein Versprechen. Vor Erregung wäre sie beinahe aufgestanden. Es musste einen anderen Grund geben für die Verhandlungen dort im Kreis.

Der Ausruf einer Nachbarin bestätigte ihren Verdacht. »Es ist ein Nachzügler«, bemerkte sie und wies auf das neue Banner, das nun endlich aufgezogen wurde. Auf leuchtend blauem Grund entrollte sich dort nun in einer Reihe mit den anderen eine Schlange mit silberner Zunge. »Aber sie haben ihn zugelassen.«

Ein Raunen ging durch die Menge, als man den Umstand zur Kenntnis nahm. Üblicherweise wurden die Teilnehmer eines Turniers am Vormittag bestimmt. Die Herolde und Knappen kamen mit den Wappen und legten Zeugnis ab von der Herkunft ihrer Herren. Klagen und Gegenklagen wurden verhandelt und die Paare bestimmt. Es war höchst ungewöhnlich, dass so spät noch eine Meldung akzeptiert wurde.

Mit heißen Wangen lauschte Rowena den Gerüchten und Mutmaßungen, die ringsum die Runde machten. Zunächst nahm man an, es wäre ein Ritter von hohem Stand, gar ein Mitglied des Herrscherhauses inkognito, das im letzten Moment noch angetreten war, um sein Kampfglück zu erproben. Allerdings wusste bald jemand zu berichten, das Wappen gehöre dem Earl of Cloagh, dessen Familie alt, aber unbedeutend war und dessen Reich so weit im Norden lag, dass manche witzelten, Rom sei weder unter den Cäsaren noch unter den Päpsten je so weit hinaufgelangt.

Dass er keinen Herold sein Eigen nannte und nur ein Knappe auftrat, das Wappen und die Herkunft mehr schlecht als recht dem Publikum zu verkünden, dass man ob so viel Ungewandtheit hie und da zu kichern begann, besiegelte die These vom heimlichen Helden endgültig. Schließlich wurde offenbar, dass einer der Kontrahenten nach der Mêlée verwundet ausgefallen war und man deshalb Platz für den jungen Neuankömmling geschaffen hatte, um die Zahl der Paare wieder voll zu bekommen.

»Dafür das Warten?« »Hör auf zu stottern!« »Geh und sag deinem Herrn, aus dem Sattel wird er schneller fliegen!« Mit solchen und anderen Schmähsprüchen wurde der arme Colum, der sich alles andere als wohl in seiner Haut fühlte, aus der Sandbahn getrieben. Die Menge war enttäuscht, nicht so Rowena, die kaum wusste, wohin vor Glück.

»Er ist der Sohn eines Earl«, murmelte sie immer wieder. Und er war gekommen, ihretwegen, allein nur für sie. War das nicht wunderbar? Rowena, das Herz übervoll, schaute sich um, ob jemand da wäre, ihr Glück zu teilen. Ihr Vater aber starrte nur düster vor sich hin, und Mabel war vollkommen damit beschäftigt, in den Spott der anderen einzustimmen, sodass ihr nichts blieb, als den Kopf wieder den Ereignissen auf der Bahn zuzuwenden. Dort traten bereits die ersten beiden Kämpfer einander gegenüber.

Mit schnaubenden Pferden standen sie an den Enden der Holzplanken, die ihre beiden Bahnen voneinander trennten. Gehilfen der Schiedsrichter sorgten dafür, dass sie ihre Positionen einnahmen und nicht zu nah an das Holz gerieten. Pferdeknechte hielten ihre unruhigen Tiere, die, den Prunk der Überwürfe und Federhauben nicht gewohnt, besonders nervös waren, und redeten auf sie ein. Knappen reichten ihnen im letzten Moment die schweren Lanzen zu.

Cedric saß noch vor seinem Zelt und bemühte sich, den neuen Helm anzulegen, den er sich bei einem der Ritter hatte borgen müssen, die er heute im Laufe des Nachmittags bei der Mêlée besiegt hatte. Sein eigener hatte sich als zu verbeult erwiesen, beschädigt durch einen gefährlichen Riss, der ihn bei einem direkten Treffer vollends zerspringen lassen könnte. Colum half ihm, so gut es ging, während er ihm zugleich einen Kommentar zu dem ersten Treffen gab, das sich vor ihren Augen abspielte.

»Siehst du den Grünen?«, meinte er und wies auf einen Ritter mit einem leuchtend smargagdfarben und weiß gewürfelten Waffenrock und einer Helmzier aus gleichfarbigen Federn, die heftig im Wind flatterte, als er anritt. »Er hält die Lanze zu tief. So kurz vor dem Stoß kann er sie nicht mehr hochreißen, siehst du? Siehst du?«

Die beiden Ritter begegneten einander. Es krachte, als ihre Lanzen einander trafen und splitternd in die Gegend flogen. Mit erhobenem Handschuh wehrte Cedric einige Spreißel ab, die auf ihn regneten. Die Knappen des geschlagenen Grünen liefen eilig an ihnen vorbei zur Kampfbahn. »Niemals zu tief«, bestätigte Colum mit Grabesstimme. »Gesehen?«

»Ja. Wenn ich überhaupt etwas sehen könnte in diesem Helm«, klagte Cedric und fluchte dann, während er an ihm zerrte. »Er sitzt nicht gut.«

»Er wird es tun für den Zweck«, widersprach Colum und klopfte ihm an die erzerne Schläfe. »Die schlechte Sicht ist normal, das liegt an dem starren Nackenteil und dem Visier. So ist das beim Tjosten nun mal.«

Cedric hörte den Vorwurf und biss die Zähne zusammen. Ja, er war ein Neuling im Tjost und angeschlagen dazu. Die Sache war Wahnsinn, er wusste es. Aber nichts wollte ihm süßer als ebendieser Wahnsinn erscheinen. Du, dachte er, und sein Herz begann zu klopfen. Er suchte durchzuatmen. Es galt nun, ruhig zu bleiben, konzentriert und entschlossen. Wenn du im Sand auf dem Rücken vor ihr liegst wie eine Kröte, nützt es dir nichts, mahnte er sich. Laut sagte er nur: »Ich habe es verstanden. Mache ich es also wie der.« Er wies auf den Sieger, der eben von den Herolden ausgerufen wurde.

Colum klopfte ihm auf die Schulter. »Der legt die Lanze über den Pferdehals. Das ist ganz schlecht, so wird sie unruhig geführt. Mehr als ein Glückstreffer war das eben nicht.«

»Aha«, machte Cedric. »Und wie halte ich sie?«

»Es gibt da vier Möglichkeiten«, begann Colum ernst und nahm seine Finger zu Hilfe. »Sie läuft an deinem ausgestreckten Arm entlang, sie liegt quer über der Mähne, über deinem linken Arm oder oberhalb des Gürtels. Und wenn du …«

Cedric winkte ab, ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen. »Keine langen Predigten, Colum. Was ist am besten?«

Der Knappe räusperte sich rau und spuckte. »Am besten ist, du hältst sie gut im Gleichgewicht. Da«, rief er und zeigte auf den nächsten Ritter, der an ihnen vorbei anritt. »Der hat eine Schlaufe am Oberschenkel, um sie abzustützen.« Seine Stimme verriet ein klein wenig Verachtung. »Man kann so etwas auch am Sattel anbringen.«

»Und warum haben wir so was nicht?«, fragte Cedric und schaute dem Mann nach, dessen schweres Tier in einer Staubwolke verschwand.

»Weil es nichts nützt«, gab Colum zurück. »Wenn man nicht stark genug ist, die Lanze selbst im Gleichgewicht zu halten, hat man ohnehin verloren.« Wie zur Bestätigung seiner Worte ertönte ein dumpfes ›Klong‹. Schwer im Sattel wankend kam der Ritter die Kampfbahn zurück. Der schwarze Schwan, der seinen Helm zierte, hing mit lahmem Flügel seitlich an seinem Visier herab. Er ritt zu einer zweiten Runde, da keine Lanze gesplittert war und beide Kontrahenten noch im Sattel saßen. Aber Colum schenkte ihm keinen weiteren Blick mehr. Er wusste, wie es enden würde.

»Und der andere?«, fragte Cedric und klappte das Visier hoch, um einen letzten ungestörten Blick auf den Gegner des Schwanenritters zu werfen, einen Mann auf einem schwarzen Hengst, der Feuer zu speien schien, so unruhig und wild ging er am Zügel. Sein Helm war kaum geschmückt, seine Farben, braun und schwarz, wirkten düster. Aber seinen Wappenrock zierten lange Reihen silberner Beschläge, und auch sein Pferd trug Silber an der Stirn. »Was macht der falsch?«

Colum runzelte die Stirn. »Nichts«, sagte er dann.

Cedric riss überrascht die blauen Augen auf. »Und was mache ich, wenn ich gegen ihn antrete?«

Heftig klopfte Colum ihm auf die Schulter. »Draufgehen, mein Junge«, rief er in fröhlichem Zorn. »Ich habe dich ja gewarnt.«

6

Ein Herold erklärte den Chevalier de Montfort zum Sieger in diesem zweiten Treffen. Sorgsam vermerkte ein Notar das Ergebnis auf seinem Pergament, ehe die Fanfarenbläser ansetzten und Montfort einmal die Kampfbahn entlangritt, um den Jubel seiner Anhänger entgegenzunehmen.

Rowena beachtete ihn kaum, so beschäftigt war sie, in der langen Reihe der Zelte dasjenige zu finden, das dem jungen Earl of Cloagh zur Verfügung gestellt worden war, und vielleicht einen Blick auf ihn selbst zu erhaschen, ehe er ganz in seiner metallenen Montur verschwand. Schon glaubte sie, sich nicht mehr genau an den Schwung erinnern zu können, mit dem die Haare ihm in die Stirn fielen, oder an die Form seines Kinns oder daran, wie das Lächeln sich von den Augen aus über sein Gesicht ausgebreitet hatte. Es dürstete sie förmlich danach, ihn zu betrachten. Wieder und wieder wollte sie alle Einzelheiten in sich aufnehmen.

Montfort weckte erst ihre Aufmerksamkeit, als er direkt vor ihrer Tribüne stand und ihr grüßend die Spitze seiner Lanze entgegenreckte. Durch die schmalen Sehschlitze des Helms starrte er sie an, eine martialische Maske, die ihr einen kleinen Schauer über den Rücken jagte.

Noch vor einer Stunde hätte Rowena vielleicht nichts dagegen gehabt, dem Chevalier ein Stück ihres Schleiers und am Ende des Tages womöglich ihre Lippen zu überlassen; es wäre Teil des erregenden Abenteuers dieses Turniers gewesen. Nun aber hatte sie gar keinen Platz mehr in ihren Gedanken für ihn, und sein Werben war ihr nichts weiter als lästig. Verärgert warf sie sich gegen die Rückenlehne und schürzte die Lippen. Da stand er, erwartungsvoll und unübersehbar. Ja, spürte er denn nicht, wie unwillkommen er ihr war? Sie konnte doch jetzt unmöglich einen anderen auszeichnen, in diesem Moment, wo er sich daran machte, für sie und nur für sie in die Bahn zu treten. Nein, um keinen Preis der Welt hätte sie das gewollt.

Andererseits klopfte ihr Herz bei dem Gedanken, den mächtigen Chevalier so vor den Kopf zu stoßen. Sie spürte bereits die Blicke der anderen, die neid- und erwartungsvoll auf ihr ruhten, und fühlte das Knistern, das in der Luft lag. Mabel saß mit angehaltenem Atem neben ihr und wäre vor Stolz beinahe geplatzt. Durfte sie überhaupt noch Nein sagen?

Es war wirklich zu dumm! Am liebsten hätte sie das lästige Holz der Lanze vor ihrer Nase mit der Hand weggewedelt. So zerbrach sie sich in aller Eile den Kopf, wie sie die unerwünschte Werbung mit Anstand abweisen konnte. Mabel stieß sie in die Seite, daher zwang sie sich zu einem Lächeln und grüßte mit einem Winken zurück, machte jedoch keine Anstalten, ihm ein Pfand zu überlassen. »Aller guten Dinge sind drei, Herr Ritter«, rief sie ihm schließlich mit erzwungener Fröhlichkeit zu.

Montfort schlug mit einer blitzschnellen Bewegung sein Visier zurück und starrte sie an. Für einen Moment durchzuckte Rowena bei seinem Anblick etwas wie eine Ahnung. Mit einiger Mühe behielt sie ihre starre Maske der Fröhlichkeit bei, einen Augenblick, der endlos schien, und dann noch einen. Da aber sah sie ihn auf einmal lächeln und atmete auf. Als er zu ihr hinaufrief: »Ich nehme Euch beim Wort, Madame«, löste sich ihre Starre. Erleichtert und mit neuer Erwartung widmete sie sich dem Wettkampf; der kurze Moment der Angst war vergessen. Die Herolde hatten schon die nächsten beiden Kämpfer ausgerufen, und einer von ihnen war Cedric of Cloagh. Rowena wäre beinahe von ihrem Stuhl aufgesprungen.

Cedric hatte den Helm geschlossen. Er sah nichts mehr vom Treiben des Kampfplatzes als in einem kleinen Ausschnitt die leere Bahn mit seinem fernen Gegner am anderen Ende. Und er hörte nichts mehr so deutlich wie sein eigenes Atmen und das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Noch klangen Colums Ermahnungen durch seine Gedanken, vermischt mit den Befehlen, die sein Vater ihm zuzurufen pflegte, als er noch ein Junge war und im Hof der heimischen Burg das Ritterhandwerk übte.

Beug dich nicht vor, lass dich nicht vom Gewicht nach vorne ziehen, sitz aufrecht, damit du atmen kannst. Stütz die Lanze mit der Hand, nicht mit den Fingern, und heb sie in einer plötzlichen Bewegung, das geht am leichtesten. Ja, dachte er, als er es tat, es stimmt, so geht es besser. Behalte das Gefühl für dein Pferd, konzentrier dich auf seine Bewegung, zeig bis zum Schluss, dass du der Herr bist, damit es nicht im letzten Moment scheut. Ziele gut! Ziele! Cedric rief es sich selbst in Gedanken zu. Kneif nicht etwa die Augen zu! Und bete zu deinem Gott.

Cedric stieß einen Schrei aus, gab dem Tier zum letzten Mal die Sporen, starrte wie ein Besessener auf die näher kommende Brust seines Gegners. Und dann schloss er die Augen.

Es krachte. Cedric spürte einen Stoß, von dem er glaubte, er bräche ihm den Arm. Er fühlte, wie die Lanze ihm zu entgleiten drohte, und schaffte es, indem er sich stark nach vorne neigte, sie über den Hals seines Pferdes zu legen und sie so zu stabilisieren. Einen Moment lang drohte er das Gleichgewicht zu verlieren. Dann aber fing er sich wieder. Er hörte die Zuschauer schreien und fragte sich, ob es Regen war, was da gegen seinen Harnisch prasselte.

Es war das Lanzenholz seines Gegners, das in feinen Spreißeln umherflog. Cedric hatte den ersten Gang gewonnen.

»Himmel, gleich beim ersten Stoß, beim ersten Stoß! Was für ein Teufelskerl!« Colum umarmte einen wildfremden Pferdeknecht. Dann rannte er wie ein Irrer brüllend auf die Kampfbahn. Cedric lächelte ihm mit schweißüberströmtem Gesicht aus dem geöffneten Visier entgegen.

Colum blieb vor ihm stehen und suchte sich zu sammeln. Doch es fiel ihm schwer, den leuchtenden Stolz in seinen Augen zu verbergen. »Verdammt«, rief er schließlich zu ihm hoch. »Du hast die Augen zugemacht.«

Cedric errötete ein wenig. »Na und«, gab er zurück. »Geschadet hat es doch nicht.«

»Diesmal nicht«, murrte Colum und angelte nach den Zügeln des aufgeregten Pferdes, um seinen Herrn von der Kampfbahn zu führen. »Aber es kommen noch sechs. Die lassen sich nicht wegblinzeln.«

Cedric klopfte ihm begütigend auf die Schulter. Dann nutzte er die Gelegenheit, um seinen Blick über die Tribünen schweifen zu lassen. Im ersten Moment sah er nur ein buntes, aufgeregtes Wogen. Er wischte sich mit dem Handschuh übers Gesicht und suchte seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen, damit das Flimmern vor seinen Augen nachließ. Da unterschied er Einzelheiten, sah Balustraden, Bankreihen, Gesichter. Und endlich, endlich, entdeckte er sie. Sie saß in einem Sessel, eine zierliche Gestalt in Grün, deren Gesicht ihm förmlich entgegenglühte. Ja, das war sie, und sie hatte ihn ebenfalls gesehen. Der Applaus, den sie spendete, der galt ihm, ihm allein. Es war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte.

Ohne nachzudenken, entzog er Colum die Zügel und hielt auf sie zu. Cedric bemerkte nicht, wie die Welt den Atem anhielt, als er vor der Tribüne zum Stehen kam. Er sah und hörte ohnehin nichts anderes als sie.

»Mylady«, rief er noch immer nach Atem ringend. Aber nun war es ihm, als platze sein Brustkorb vor Glück. »Ich weiß Euren Namen nicht, aber ich weiß, es würde mich zum glücklichsten der Ritter machen, die hier versammelt sind, wenn ich Eure Farben tragen dürfte.«

Rowena fuhr sich mit der Hand an den Hals, als sie es hörte. Seine Stimme! Und er verlangte nach ihren Farben! Ohne zu überlegen nestelte sie sich den Schleier von der Haube, neigte sich vor und band ihn an seine Lanze. Ihre Zunge fuhr über die Lippen, so konzentriert knüpfte sie den Knoten, der fest und zuverlässig sitzen sollte. Als es ihr gelungen war, richtete sie sich in ihrem Stuhl auf und strahlte. »Ich heiße Rowena«, hauchte sie. Unsicher, ob er es in all dem Lärm gehört hatte, holte sie Luft, um es hinauszurufen: Sie war Rowena, Rowena de Forrester, und sie war verliebt.

Da spürte sie die Hand ihres Vaters auf ihrem Arm. Schmerzhaft fasste er zu. »Tochter!« Erschrocken schaute sie ihn an. »Übertreib es nicht.«

»Aber ich …«

»Still, Kind. Alle schauen schon.« Der Baron richtete sich auf und gab dem jungen Ritter, der dort unten auf seinem Pferd hockte, mit einem grimmigen Nicken zu verstehen, dass er entlassen war. Cedric dankte ihm mit derselben Geste und zog sich zurück. Rowena wollte herumfahren, um ihren Vater zur Rede zu stellen, da aber verlangte der nächste Kämpfer ihre Aufmerksamkeit. Montfort stand vor ihrer Loge.

»Aller guten Dinge sind also drei, Mylady«, konstatierte er. Seine Stimme troff von Ironie. »Wollen wir hoffen, dass Ihr nicht drei Verehrer damit meintet.« Er wartete das Gelächter aus den Reihen seiner Freunde ab, ehe er fortfuhr. »Nun, da Ihr von Euren Grundsätzen abweicht, will auch ich es tun. Ich werde diesen Spund nur einmal aus dem Sattel heben und es damit gut sein lassen. Was meint Ihr?«

Rowena reckte das Kinn und setzte sich sehr gerade hin. »Wenn Ihr es fertig bringt, mein Herr«, sagte sie steif, und ihre Augen blitzten, als sie ihn anschaute. Ihr Blick verriet klar, was sie dachte: Das schafft Ihr nicht!

Montfort musterte sie mit gelassener Neugier. Dann verzog sich sein Mund, man hätte nicht sagen können, ob es ein Lächeln war oder nicht. Statt einer Antwort grüßte er nur mit der Lanze, klappte sein Visier zu und ritt an. Die Silbernieten auf seinem schwarzen Wams blitzten in der Sonne, die sich langsam dem Horizont entgegenzusenken begann.

7

Mit lautem Prasseln loderten die Scheiterhaufen auf, die die Kampfrichter neben den Tribünen hatten errichten lassen. Längs der Bahn brannten Fackeln und fauchten, wann immer die Kämpfer in vollem Tempo an ihnen vorbeiritten. Das rote Glühen der Flammen tanzte über die blitzenden Beschläge ihrer Pferde und ließ die Farben ihrer Behänge noch exotischer aufleuchten, ehe die Dunkelheit, die sie umfing, die Kämpfer auch wieder verschluckte. Mehr denn je glichen sie fantastischen Fabelwesen, nur für einen Augenblick ins Licht der sterblichen Welt gestellt. Dieser Augenblick aber konnte tödlich sein.

Wieder jubelte die Menge. Dieser Neuling aus dem Norden, den anfangs alle verlacht hatten, hatte es doch schon wieder geschafft und einen Gegner aus dem Sattel gestoßen, der ihm an Kraft und Erfahrung hätte überlegen sein müssen. Es war einfach unglaublich! Der Name Cloagh ging von Mund zu Mund, und wer anfangs über ihn lachte, nannte ihn nun mit Begeisterung. Die Kämpfe und das Blut stiegen den Menschen zu Kopf wie Wein, und in ihrem Rausch verlangten sie nach mehr und mehr. Heute Abend verlangte es sie danach, Cedric siegen zu sehen. Und Rowena, getragen von dieser Woge, schwamm in Glückseligkeit.

Musik spielte auf, als er die Kampfbahn abritt, und die Zuschauer johlten, als er bei seinem jüngst besiegten Gegner stehen blieb und ihm mit ausgestreckter Hand half, wieder auf die Beine zu kommen.

Der Ritter grüßte mit einem Neigen des Kopfes, das Cedric erwiderte. Doch es fiel ihm schwer. Ihm war, als könne er seinen Kopf aus eigener Kraft kaum mehr aufrichten, und zum ersten Mal war er dankbar für den starren Nackenschutz, der ihm half, die Haltung zu bewahren. Seine Seite schmerzte und erinnerte ihn daran, dass seine Rippen gebrochen waren. Unwillkürlich fasste er hin, stieß aber auf nichts als das Metall des Harnischs. Unwillig zerrte er an den Schnallen, um Luft und Kühle an die schmerzende Stelle zu bringen.

»Wie geht’s?«, fragte Colum besorgt, als er ihn empfing und ihm routiniert eine Schale Wasser hinhielt. Cedric trank gierig, sein Hals war wie ausgedörrt, nichts schien diese Trockenheit mindern zu können. Sein Gesicht klebte von Schweiß, sein ganzer Körper war bedeckt damit, juckte und stank, so schien es ihm. Wäre nicht der brausende Jubel gewesen, der durch seinen Helm und durch die Erschöpfung drang, wäre er zusammengebrochen. So aber trug ihn der Taumel, die Begeisterung, wie eine Flutwelle, die ihn weiter und weiter trieb, höher und höher hob, bis hin zu ihr: Rowena. Allein der Name gab ihm noch Kraft.

»Ganz prachtvoll«, stieß er hervor und hielt Colum die Schale hin, damit er sie ihm abnahm. »Nur fühlen meine Arme sich an, als hätte ich keine mehr.«

»Gut so, dann tun sie auch nicht weh«, konstatierte Colum. Cedric starrte ihn an. »Hör mal, wenn du mir jetzt wieder damit kommst, dass das alles meine Idee war, dann …« Er verstummte und dachte daran, dass er selbst schon ein- oder zweimal an dem Punkt gewesen war, an dem er glaubte, auf den Kuss der Dame eventuell doch verzichten zu können. Ein Blick auf sie hatte aber in der Regel genügt, um ihn wieder anderen Sinnes werden zu lassen. Sie selbst nicht zu küssen, das mochte angehen, aber sie in der Umarmung eines anderen zu sehen, das wäre mehr gewesen, als er in diesem Leben ertrüge. Lieber ließ er sich zu Tode schinden. Nun hatte die Dunkelheit sie verschlungen, und er konnte nur noch ahnen, wo sie saß und auf ihn wartete. Und sein Herz klopfte jedes Mal schneller, wenn er dorthin sah.

Colum achtete nicht auf ihn. »Das Pferd ist am Ende«, stellte er nach einer knappen Untersuchung fest.

»Ach, das Pferd macht dir Sorgen.« Cedric schüttelte den Kopf. »Es wird durchhalten müssen. Der Fuchs hat ein Maul wie hartes Holz. Ich würde ihn nie dazu kriegen, an den Planken entlangzugehen.« Er neigte sich herunter, um den Hals seines Braunen zu tätscheln, der unter dem blauen Behang mit den silbernen Nähten tatsächlich voller Schaumflocken war.

»Einen noch«, flüsterte er dem braven Tier zu und schaute dabei auf die Kampfbahn hinaus, wo sich mittlerweile das letzte Paar für seinen Tjost bereit machte. Er hatte Mühe, die beiden klar vor Augen zu bekommen, und musste heftig blinzeln, bis er den schwarzbraunen Ritter mit den Silbernieten deutlich erkennen konnte. Montfort. Cedric hatte sich den Namen inzwischen gemerkt, denn unweigerlich war er als Sieger aus jedem seiner Duelle hervorgegangen. Er ritt rasch an, senkte die Lanze routiniert und fegte seine Gegner mit einer Präzision von den Pferderücken, in der Cedric inzwischen fast eine gegen ihn ganz persönlich gerichtete Bosheit zu erkennen meinte. Das war natürlich Unfug, sagte er sich, reine Einbildung; er hatte nur die dumpfe Ahnung, dass dieser Ritter ihm überlegen war. Wie hatte Colum es so reizend ausgedrückt: Der wird dich erledigen. Hab Dank, Colum, dachte Cedric und seufzte.

Ihn schwindelte, als er sich wieder aufrichtete, und für einen Moment erwog er, sich zu übergeben. Dazu aber hätte er den Helm abnehmen müssen, und er war nicht sicher, ob er ihn danach wieder auf seinen Schädel bekäme, der ihm auf den doppelten Umfang angeschwollen erschien.

Das andere Paar ritt an. Montfort gegenüber war ein Ritter aus Essex in einer schäbigen Rüstung. Er war nicht mehr jung und nicht mehr schlank, aber zäh. Seine Erfahrung, gesammelt in einem langen Leben voller Kämpfe, hatte ihm durch dieses Turnier geholfen – und die Aussicht auf das Preisgeld. Er war einer derjenigen, die kein Land besaßen und von ihren Siegpreisen lebten, wenn auch, wie sein Äußeres verriet, mehr schlecht als recht. Nun starrte er mit brennenden Augen der Lanze des Chevaliers entgegen. Sie traf ihn knapp an der Schulter.

»Schlecht gezielt, er wird müde.« In Colums Stimme lag Hoffnung. Erleichtert verfolgte er, wie der Landlose sich an die Zügel klammerte und mit dem Gleichgewicht rang, bis er sich schließlich noch einmal in die Senkrechte zwang.

»Ja«, jubelte Colum unwillkürlich. »Er packt es; er fordert ihn noch einmal. Gut für uns, das wird ihn weiter schwächen.«

»Vielleicht besiegt er ihn ja sogar«, kam Cedrics dumpfe Stimme unter dem Helm hervor. Augenblicke später lag der alte Ritter im Sand.

Montfort wartete das Urteil der Kampfrichter nicht ab. Er ritt zu Cedrics Zelt und stieß mit gesenkter Lanze so heftig gegen dessen dort aufgestellten Schild, dass er scheppernd umstürzte.

»Er ist müde, ja?«, fragte Cedric und schloss sein Visier. Schaumflocken flogen, als sein Pferd sich schüttelte. Montfort war im Galopp an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt und wartete dort, eine von Flammen beleuchtete Silhouette. Auch Cedric machte sich auf den Weg zum Startplatz. Colum rannte im Laufschritt neben ihm her.

»Denk an alles, was ich dir gesagt habe, Junge«, rief er, in diesem Augenblick jeden gesellschaftlichen Stand und jede Etikette vergessend. »Halt dich gerade, ziel genau, mach keine Fehler. Schling dir die Zügel um den Arm und im Zweifelsfall: Lass die Lanze los und halt dich mit beiden Händen fest. Hauptsache, du bleibst oben.«

Cedric nickte nur. Er betrachtete Montforts Gestalt dort drüben. Die glänzenden Silbernägel auf dem dunklen Wams ließen ihn aussehen wie ein fremdartiges Sternbild. Der Jäger, dachte er. Er wandelt, wie wir alle. Dann ritt er an. Im selben Moment spürte er einen Luftzug an seiner Seite.

Montfort bemerkte es wenig später im ungewissen Licht der Fackeln ebenfalls und kniff die Augen zusammen. Aber es gab keinen Zweifel: Der Harnisch seines Gegners klaffte an der äußeren Seite auf. Lächelnd riss er seine Lanze hoch und korrigierte ihre Stellung nach rechts. »Leb wohl, Junge«, murmelte er. Mehr als diesen Stoß würde er nicht brauchen.

Als die beiden aufeinanderprallten, ging ein gellender Schrei durch die Zuschauermenge. Cedric war, als würde ein Stier gegen seine Seite rennen, und es dauerte einen Moment, bis er begriff, was geschehen war: Montforts Lanze hatte sich in seinem offenen Harnisch verhakt und dessen hinteren Teil mit Wucht hochgeklappt. Die Kante schrappte schmerzhaft über Cedrics Schulter und häutete ihn beinahe, der Druck auf seine Rippen war fast unerträglich, und einige blinde Sekunden lang glaubte er, seine Schulter würde abgerissen. Unerbittlich drehte es ihn seitlich aus dem Sattel.

Doch die Härte des Angriffs war zugleich seine Rettung: Die Gurte, mit denen Vorder- und Rückenteil des Harnischs aneinander befestigt waren, rissen, und die Kräfte, die auf ihn wirkten, lösten sich mit einem Mal, sodass es ihm gelang, sich wieder aufrecht zu setzen und den Kopf zu heben. Er ließ die Lanze fallen und riss sich die Reste des Harnischs herunter, die scheppernd in den Staub der Kampfbahn fielen.

Blass vor Schreck rannte Colum zu ihm hin.

»Meine Schuld«, kam Cedric jedem Vorwurf zuvor. »Ich hatte die Schnallen gelockert.«

»Verdammt«, fluchte Colum selbstvergessen und suchte mit den Augen das verbeulte Stück Blech, das nicht weit von ihnen zwischen Stroh und Sand lag. »Verdammt, was machen wir jetzt? Das war dein Einziger. Du wirst aufgeben müssen.«

»Niemals«, widersprach Cedric, ohne doch selber eine Lösung zu haben. Er wusste nur, er wollte weiterkämpfen, und wenn er nackt antreten müsste. Auch wenn ihm selber klar war, dass ein ungeschütztes Anreiten Selbstmord wäre. Schon näherten sich die Kampfrichter. Cedric biss sich auf die Lippen. Er wusste, sie würden keinen Leichtsinn dulden. Wäre er nicht ordentlich gepanzert, würden sie darauf bestehen, dass er sich zurückzog. »Verdammt«, rief er und schleuderte seine Lanze in den Staub.

Da hinkte der ältere Ritter heran, der Montfort im Durchgang davor unterlegen war. Er bot Cedric seinen Harnisch an. »Ist ein altes Ding«, meinte er entschuldigend. »Wie ich selber.«

Cedric war es recht, alles wäre ihm recht gewesen in diesem Moment, selbst ein Lederharnisch. In fliegender Eile machte Colum sich daran, Cedric die Rüstung anzupassen, die ihm um einiges zu groß war. Kein Handgriff konnte Cedric schnell genug gehen. Auch Montfort plagte die Ungeduld. Er schlug jeden Trank aus und ritt ruhelos auf und ab. Seine Anhänger skandierten seinen Namen. Doch es waren noch mehr Stimmen dabei, die nach Cedric riefen.

Nachdenklich schaute der landlose Ritter Montfort zu, dann spuckte er in den Sand. »Er sitzt stark vorgeneigt«, meinte er im Gehen, ganz beiläufig. »Wenn man ihn tief träfe, höbe man ihn nach hinten glatt vom Pferd.«

Diese Worte hallten wie ein Echo in Cedrics Kopf wider, als er sich an seinem Anrittpunkt bereitmachte. Er ist müde, dachte er, wie ich. Er ist auch nur ein Mensch. Und er hat das Gewicht zu weit vorne. Einen Moment ließ er die Lanze durch seine Hand gleiten, als sie ihm gereicht wurde, bis sie perfekt balanciert in seinem Griff lag. Er legte sie auf den Pferdehals. Nun galt es, Kraft zu sparen. Im rechten Moment würde er sie anheben und diesem schwarzen Ritter in seine verdammten Eingeweide rammen.

Cedric lächelte. Der Schmerz verschwamm und verschwand. Da war nichts mehr als die Silhouette Montforts, der flatternde Behang seines Pferdes, als er ihm entgegenritt, der peitschende Schweif, die Lanze, die sich an einem Punkt mit unerbittlicher Exaktheit hob und auf ihn zeigte. Nichts davon schien wirklich zu sein. Cedric spannte sich dem Ruck entgegen, mit dem er seine Lanze hob. Auch er streckte sich nach vorne, alle Kraft und alle Chancen in diesen einen Stoß legend. Es war, als flöge er.

Er hörte den Aufprall seiner Lanze und den erstaunten Laut Montforts, als er aus seinem Sattel auf die Kruppe des Pferdes gehoben wurde. Er sah, wie sein Gegner dort hing wie ein Fisch auf dem Trockenen, beide Hände in die Zügel gekrallt und mit den Beinen strampelnd, um das endgültige Abrutschen zu verhindern. Lachend bemerkte er, wie die Pferdeknechte herbeieilten, um den schwarzen Hengst einzufangen und zu beruhigen, damit er nicht seinen Herrn noch im letzten Moment abschüttelte. Ganz wie von Ferne brandete das Geschrei der Menschen zu ihm herüber. Ihre Aufregung aber verstand er nicht.

Dann ließ Cedric die Lanze los. Polternd fiel sie zu Boden. Er schaute ihr nach, schaute nach unten, griff nach seinem Bauch. Und dort spürte er sie, seitlich an seiner Flanke: die Spitze von Montforts Lanze. Sie hatte seinen altersschwachen Harnisch glatt durchschlagen und steckte wie ein Dolch in seinem Fleisch.

8

Colum hatte geflucht, als er sah, dass sein Herr sich so leichtsinnig weit nach vorne neigte. Nun sandte er dafür Dankgebete zum Himmel. Tatsächlich hatte die falsche Haltung Cedric das Leben gerettet. Montforts Lanze war auf sein Herz gerichtet gewesen; dann aber war sie abgeglitten und hatte den Harnisch an der Bauchseite durchschlagen. Im ersten Moment war das nicht zu sehen gewesen. Der Knappe hatte schon die Arme gehoben, um zu jubeln, als er Cedric scheinbar unversehrt im Sattel sitzen sah. Ohne auf Montfort zu achten, der laut schimpfend und nach seinen Männern schlagend im Kreis ritt, rannte er auf den Jungen zu. Dann, im Gegenlicht der Fackeln, entdeckte er den zersplitterten Stumpf und blieb stehen.

Auch auf den Zuschauertribünen hatte man ihn bemerkt. Und das Schreien und Jubeln verstummte nach und nach, bis es ganz still wurde. Mit einem Schlag wich die große Trunkenheit einem noch größeren Kater. Beklommen standen die eben noch Feiernden da. Sogar das Trappeln von Montforts Pferd war in der Stille zu hören, als er es endlich zu den Planken lenkte, wo er sich mit dem Fuß abstützte und sich so wieder in den Sattel stemmte.

»Mein Gott«, stammelte Rowena und umklammerte mit beiden Händen die Balustrade vor ihrem Sitz. »Mein Gott, Vater.«

»Er hat den Kampf verloren«, sagte der Baron de Forrester ruhig. »Sie werden Montfort ausrufen.«

»Ja, aber, aber …«, stammelte seine Tochter. Wie konnte er nur so herzlos reden? Was galten ihr Kampf und Preise, was sollten die ganzen Regeln und das Turnier, jetzt, wo ihr Liebster dort unten verwundet war? Musste nicht alles angehalten und alles getan werden, um ihm zu helfen? Fassungslos sah sie, wie die Turnierrichter erst zu Montfort liefen und dann zu Cedric, wie die Knechte die Lanzenreste aufsammelten und die Notare Notizen machten. Wie konnten sie nur? Rowena stand auf und neigte sich aus ihrer Loge, um besser sehen zu können.

Ihr Vater legte ihr die Hand auf den Arm. »Du hast eine Aufgabe übernommen«, sagte er. Rowena hörte die Worte nur von Ferne, doch als sie endlich in ihr Bewusstsein drangen, erhielten sie dort einen ganz anderen Sinn.

»Ja«, sagte sie leise.

»Gebt Ihr Euch geschlagen, Herr?«, fragte der oberste Richter Cedric mit näselndem Ton. Er hielt es für eine rhetorische Frage und hatte sich schon halb abgewandt, um die erwartete Antwort protokollieren zu lassen.

Cedric war noch immer wie im Traum. Schweiß stand ihm auf der Stirn, und sein Atem ging rasch und kurz. Aber noch spürte er den Schmerz nicht. Als er aufschaute, bemerkte er Rowena, deren Schleier im Nachtwind wehten. Ihr Gesicht leuchtete blass in der Dunkelheit, ihre Augen waren weit aufgerissene schwarze Teiche, und ihm schien, sie blickte vorwurfsvoll.

»Nein«, rief er unwillkürlich und zog sein Pferd an den Zügeln, dass es vor den Beamten zurückwich. »Noch sitze ich im Sattel, wie Ihr seht. Gebt mir die Bahn frei.«

»Aber Herr?« Mit offenem Mund starrte der Richter erst ihn an, dann die Wunde, aus der langsam ein dünner Blutfaden sickerte. »Herr.«

Cedric streckte die Arme nach einer Lanze aus. »Ihr habt gehört, was ich sage«, erklärte er.

Fragend schauten die Pferdeknechte einander an, die nächsten Lanzen in den groben Händen wiegend. Montfort führte sein Pferd heran. »Ja, gebt ihm eine«, höhnte er. »Nur zu. Aller guten Dinge sind drei.« Zögernd traten die Männer vor.

Da kam Colum und schob sie zur Seite.

Verzerrt lächelte Cedric ihm entgegen. »Da bist du ja, Colum.

Mach diesen Schwachköpfen klar, dass ein Cloagh niemals aufhört, solange er ein Schwert halten kann, und dass …«

»Verzeiht, Herr«, unterbrach Colum ihn. Mit entschlossenem Griff langte er nach dem Holzpflock in seines Herrn Lende, umschloss ihn fest, biss die Zähne zusammen und zog ihn mit einem Ruck heraus. Blut sprudelte hervor und färbte die blaue Schlange des Pferdebehangs rot.

»Was …?«, sagte Cedric erstaunt. Dann fiel er in Ohnmacht. Colum fing ihn in seinen Armen auf. Mit schweren Schritten schleppte er seinen Herrn samt Harnisch zum Zelt hinüber. Er wankte, aber er ging. »Verzeiht«, wiederholte er leise. »Aber er hätte Euch getötet.«

Nichts und niemand hätte Rowena auf ihrem Platz halten können, als sie sah, wie das Blut über den Behang von Cedrics Pferd rann. Ihr war, als flösse ihr eigenes Blut, als rinne die Lebenskraft aus ihr selber, und eisige Finger griffen nach ihrem Herzen. Sie sprang auf und drängte sich durch die Reihe der Gäste zur Treppe. Niemand achtete besonders auf sie, denn der Herold erklärte gerade Tristan de Montfort zum Sieger des Turniers. Die schmetternden Fanfaren übertönten den neu aufbrandenden Jubel der Zuschauer, die sich nun auf das nächste Spektakel freuen durften. An diesem Abend sollte noch getanzt werden, und ein Festmahl wartete auf die, die dabei nur zuzusehen wünschten. Angeregt summend begann die Menge aufzubrechen. Die Menschen, zwischen denen Rowena sich hindurchwand, sprachen von Braten und Pasteten, Roben und Tanzschuhen und den Vorzügen ihrer Herbergen. Cedric von Cloagh war schon beinahe vergessen.

»Mylady!«, rief da eine Stimme.

Rowena wirbelte herum. Sie sah die Gruppe der Preisrichter auf sich zukommen, angeführt von einem Ritter, den sie am Nachmittag in Montforts Gesellschaft gesehen hatte. Seines Namens konnte sie sich jedoch nicht entsinnen. Und auch, was die Männer von ihr wollen konnten, war ihr in diesem Augenblick entfallen.

»Lady de Forrester!«, rief der Mann erneut und hielt ein Kissen hoch mit etwas, das Rowena beim Näherkommen als vergoldeten Dolch erkannte. Es war der Siegespreis. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf; mit solchen Dingen konnte sie sich jetzt unmöglich abgeben. Sie hielt ihre Röcke gerafft, bereit, sich nicht lange aufhalten zu lassen.

»Es tut mir leid«, begann sie, noch ehe die Männer heran waren.

»Die Preisverleihung, Mylady.« Nun hatten die vier sie umringt und hielten ihr diesen Preis unter die Nase, der Rowena doch nicht gleichgültiger hätte sein können. Keinen Gedanken verschwendete sie mehr an die Zeremonie, die vor wenigen Stunden noch ihr Herz hatte höher schlagen lassen: sie selbst, auf einem Podest, vor den Augen all dieser Menschen. Und ein Held würde sie küssen.

»Sofort, aber nein, ich muss nur …«, antwortete sie und reckte den Hals, um über die Schulter des Ritters hinweg verfolgen zu können, in welches Zelt der Knappe Cedric trug. Ob er noch immer bewusstlos war? Wie viel Blut er wohl verloren hatte? Sie musste sofort zu ihm und die Wunde abbinden. Ob der Knappe etwas davon verstand? Auf keinem Fall durfte man ihn diesem Männchen überlassen. Es ging um sein Leben.

»Es tut mir wirklich leid«, begann sie wieder und versuchte, sich ihren Weg an den Männern vorbei zu bahnen, die ein wenig ratlos zur Seite traten. Einer allerdings wich nicht von der Stelle.

»Meine Liebe.« Es war Montforts tiefe Stimme, und wie beim ersten Mal, als sie sie hörte, verursachte sie Rowena eine Gänsehaut.

»Nun ist der Augenblick gekommen«, hörte sie den Ritter sagen. Er winkte nach den Knechten mit dem Podest, nach Trommlern und Fanfaren. Abwehrend hob Rowena die Hände.

Aber Montfort ergriff nur ihre Handgelenke, umschloss sie mit der Linken und legte sie auf sein Herz. Mit der Rechten hob er ihr Kinn. »Ich will den versprochenen Preis, Mylady«, forderte er sanft. Die Männer, die ihn umstanden, grinsten einander zu. Der Turnierrichter hob schon die Hand, um den Fanfarenbläsern ein Zeichen zu geben. Montforts Freund hob das Kissen mit dem Dolch.

Zur allgemeinen Verblüffung aber riss Rowena sich los.

»Nun lasst mich doch schon vorbei«, verlangte sie mit vor Aufregung kippender Stimme. »Ich muss, ich muss, ach … hier«, beendete sie rasch den Satz, nahm den Dolch und drückte ihn dem erstaunten Montfort umstandslos vor die Brust. Dann raffte sie ihre Röcke und rannte wie ein Reh. Montfort, der nach ihr greifen wollte, erwischte nur ein Stück ihres Schleiers, das mit einem feinen Ratsch in seiner Hand blieb.

Die Umstehenden schwiegen peinlich berührt und wagten nicht, ihn direkt anzusehen. Stumm und mit mahlenden Kiefern wickelte Montfort sich wieder und wieder das Pfand um die Hand, das freiwillig zu geben sie ihm verweigert hatte.

Sein Freund trat neben ihn. »Sie scheint ganz durcheinander zu sein«, wagte er vorsichtig zu sagen. Es war als Entschuldigung gemeint.

»Ja«, stieß Montfort hervor. Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske. Aber seine Hände pressten den Stoff, als wollten sie ihn zerquetschen.

»Du könntest sie beim Tanz bloßstellen«, schlug der andere vor. »Was ist sie schon? Ein Dämchen aus der Provinz.«

Montfort verzog den Mund, und seine Narbe ließ es aussehen, als lächelte er. »Ich weiß etwas Besseres«, sagte er. Er spuckte den Satz förmlich aus. Mit glühenden Augen folgte er dem rennenden Mädchen, das ihn bereits vollständig vergessen hatte.

»Ich werde sie heiraten.«

9

»Cedric?« Kurz vor dem Zelt hielt Rowena im Laufen inne. Außer Atem zögerte sie einen Moment, ehe ihre Finger den Vorhang aus grobem Stoff berührten. Sie strich, für einen Moment zögernd, darüber, dann hatte sie ihren Entschluss gefasst, packte die Bahnen und schob sie beiseite, um in jene neue Welt einzutreten.

Im Inneren war es beinahe dunkel. Nichts rührte sich, nur ein leises Stöhnen antwortete ihrem Ruf. Davon ermutigt wagte Rowena einen weiteren Schritt nach vorne und stolperte prompt über ein Hindernis. Sie suchte Halt, stieß gegen einen wackeligen Tisch, der unter ihrem Griff nachgab, und fühlte etwas auf sie zurutschen, was sie nach einigem Tasten als Lampe identifizierte. Ihre hastig umherstreifenden Hände fanden auch den Funkenschläger, und nach einigen Fehlversuchen gelang es ihr, ein Licht zu entzünden, das schwach gegen die Wände des Zeltes fiel. Rowena hob es hoch und schaute sich um.

Da, dicht hinter ihr, ragte der düstere Schatten eines Kriegers auf. Rowena fuhr so rasch herum, dass sie gegen den Harnisch stieß. Sie konnte nur noch die Hände über den Kopf heben, um die Rüstungsteile abzuwehren, die nun auf sie hinunterprasselten. In der neu entstandenen Stille war nur ihr Atmen zu hören. Und ein erneutes Stöhnen.

»Cedric!« Endlich entdeckte sie die Liege. Sie stieg über die scheppernden Reste seiner Ausrüstung hinweg und kniete sich an sein Lager.

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