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Die Insel der tausend Quellen

SARAH LARK

Kolibri

DIE INSEL
DER TAUSEND
QUELLEN

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Karte

Kolibri

SCHWÄRMEREI

London

Spätsommer bis Herbst 1729

KAPITEL 1

Was für ein Wetter!«

Nora Reed schüttelte sich, bevor sie aus dem Haus ihres Vaters trat und auf die davor wartende Kutsche zueilte. Der alte Kutscher lächelte, als sie trotz hochhackiger Seidenschuhe behände über die Pfützen hüpfte, um ihr Kleid nicht zu beschmutzen. Der voluminöse Reifrock entblößte weit mehr von ihren Knöcheln und Waden, als schicklich war, aber Nora hatte vor Peppers keine Hemmungen. Er war seit Jahren im Dienst ihrer Familie und kannte sie, seit er sie weiland zur Taufe gefahren hatte.

»Wo soll’s denn hingehen?«

Lächelnd hielt der Kutscher Nora den Schlag des hohen, schwarz lackierten Gefährts auf. Die Türen waren mit einer Art Wappen verziert: kunstvoll ineinander verschlungene Initialen – T und R für Thomas Reed, Noras Vater.

Nora schlüpfte rasch ins Trockene und ließ sofort die Kapuze ihres weiten Mantels sinken. Ihre Zofe hatte an diesem Morgen dunkelgrüne Bänder in das goldbraune Haar geflochten, passend zu Noras vorn offenem sattgrünen Mantelkleid. Dem breiten Zopf, der ihr über den Rücken fiel, hätte der Regen jedoch auch ohne Schutz nichts anhaben können. Nora pflegte ihr Haar nicht weiß zu pudern, wie die Mode es vorschrieb. Sie bevorzugte es natürlich und freute sich, wenn Simon ihre Locken mit flüssigem Bernstein verglich. Die junge Frau lächelte versonnen beim Gedanken an ihren Liebsten. Vielleicht sollte sie doch im Kontor ihres Vaters vorbeischauen, bevor sie Lady Wentworth besuchte.

»Erst mal runter zur Themse, bitte«, gab sie dem Kutscher eher vage Anweisungen. »Ich will zu den Wentworths … Sie wissen schon, das große Haus im Geschäftsviertel.«

Lord Wentworth hatte sich gleich in der Gegend der Kontore und Handelshäuser an der Themse angesiedelt. Der Kontakt mit den Kaufleuten und Zuckerimporteuren war ihm offensichtlich wichtiger als eine Residenz in einem der vornehmeren Wohnviertel.

Peppers nickte. »Ihren Vater möchten Sie nicht besuchen?«, erkundigte er sich.

Der alte Diener kannte Nora gut genug, um in ihrem schmalen, ausdrucksstarken Gesicht zu lesen. In den letzten Wochen bat sie ihn auffallend oft, sie hinunter zum Reed’schen Kontor zu kutschieren – auch wenn es eigentlich ein Umweg war. Und natürlich drängte es sie dabei nicht so sehr, ihren Vater zu sehen, sondern eher Simon Greenborough, den jüngsten seiner Sekretäre. Peppers ahnte, dass die junge Frau sich auch mit dem jungen Mann traf, wenn sie spazieren ging oder ausritt, aber er gedachte nicht, sich einzumischen. Zweifellos wäre es seinem Herrn nicht recht, wenn Nora mit einem seiner Angestellten tändelte. Doch Peppers mochte seine junge Herrin – Nora verstand es seit jeher, das Personal ihres Vaters um den Finger zu wickeln –, und er gönnte ihr die Schwärmerei für den hübschen, dunkelhaarigen Schreiber. Bislang hatte Nora auch niemals ernsthafte Heimlichkeiten vor ihrem Vater gehabt. Thomas Reed hatte sie praktisch allein aufgezogen, nachdem ihre Mutter früh verstorben war, und die beiden hatten ein enges, herzliches Verhältnis. Peppers glaubte nicht, dass sie dies für eine Liebelei aufs Spiel setzen würde.

»Mal sehen«, meinte Nora jetzt, und ihr Gesicht nahm einen spitzbübischen Ausdruck an. »Kann jedenfalls nicht schaden, wenn wir vorbeifahren. Fahren wir einfach ein bisschen spazieren!«

Peppers nickte, schloss die Tür hinter ihr und stieg auf den Bock. Dabei schüttelte er unwillig den Kopf. Bei allem Verständnis für Noras junge Liebe – zum Spazierenfahren lud das Wetter nun wirklich nicht ein. Es regnete in Strömen, und das Wasser schoss sturzbachartig durch die Straßen der Stadt, Unrat und Müll mit sich reißend. Regen und Straßenschmutz verbanden sich zu einer übel riechenden Brühe, die unter den Rädern der Kutschen gurgelte, und nicht selten verfingen sich weggespülte Bretter, von den Ladenfronten gerissene Schilder oder gar Tierkadaver in den Speichen.

Peppers fuhr langsam, um keinen Unfall zu riskieren und die Laufburschen und Passanten zu schonen, die trotz des Wetters zu Fuß unterwegs waren. Sie ergriffen vor dem aufspritzenden Wasser die Flucht, wenn eine Kutsche vorbeikam, schafften es aber nicht immer, dem stinkenden unfreiwilligen Duschbad zu entkommen. Nun musste Peppers seine Pferde auch nicht zurückhalten. Die Tiere gingen nur unwillig vorwärts, sie schienen sich unter dem Regen ducken zu wollen – ebenso wie der schmale junge Mann, offensichtlich ein Botenjunge, der aus dem Kontor des Thomas Reed heraustrat, als Peppers seine Kutsche vorbeilenkte. Peppers empfand Mitgefühl für den Armen, aber er wurde nun von Nora abgelenkt, die heftig gegen das Fenster zwischen Kutsche und Bock klopfte.

»Peppers! So halten Sie doch an, Peppers! Das ist …«

Simon Greenborough hatte gehofft, dass sich das Wetter bessern würde. Aber als er aus dem Halbdunkel des Kontors auf die Straße trat, belehrte ihn der Anblick der triefenden Pferde vor den geschlossenen Droschken eines Besseren. Simon versuchte, den Kragen seines fadenscheinigen Mantels hochzuziehen, um den Spitzenbesatz seines letzten brauchbaren Hemdes zu schützen. Er pflegte ihn an jedem Abend selbst zu plätten, um ihn halbwegs in Form zu halten. Jetzt war er aber in kürzester Zeit durchnässt, ebenso wie Simons spärlich gepuderte Frisur. Das Wasser lief an dem kurzen Zopf herab, zu dem er sein dichtes dunkles Haar zusammengefasst hatte. Simon sehnte sich nach einer Kopfbedeckung, aber darauf pflegte er schon deshalb zu verzichten, weil er nicht genau wusste, was für seinen neuen Stand als Schreiber schicklich war. Ganz sicher nicht der Dreispitz des jungen Adligen, selbst wenn sein einziger Hut noch vorzeigbar gewesen wäre. Und auch nicht die aufwändige Perücke, die sein Vater getragen hatte und der Gerichtsvollzieher …

Simon versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken. Er hustete, als ihm das Wasser den Rücken herunterrann. Wenn er nicht bald aus dem Platzregen herauskam, würden auch sein Mantel und seine Kniehosen völlig durchnässt sein. Seine alten Schnallenschuhe hielten der Nässe schon jetzt nicht stand, das Leder quietschte bei jedem Schritt. Simon versuchte, schneller zu gehen. Letztlich waren es ja nur ein paar Blocks bis in die Thames Street, und vielleicht konnte er gleich auf die Antwort auf den Brief warten, den er sich erboten hatte zu befördern. Bis dahin würde der Regen hoffentlich nachlassen …

Simon bemerkte die von hinten herannahende Kutsche erst, als er Noras helle Stimme hörte.

»Simon! Was um Himmels willen machst du hier? Du holst dir noch den Tod bei dem Wetter! Was fällt meinem Vater ein, dich den Laufburschen spielen zu lassen?«

Der Kutscher hatte sein nobles Gefährt neben Simon zum Stehen gebracht, zweifellos auf Noras Anweisung. Die junge Frau wartete allerdings nicht, bis er vom Bock gestiegen war, um ihr den Schlag aufzuhalten. Stattdessen stieß sie die Tür schwungvoll von innen auf und klopfte auffordernd auf den Sitz neben sich.

»Komm rein, Simon, rasch! Der Wind weht ja den ganzen Regen auf die Polster.«

Simon blickte unschlüssig ins Innere der Kutsche, und auch der Kutscher schaute etwas betreten auf den jungen Mann, der nass wie eine Katze am Bordstein stand. Schließlich ergriff er das Wort.

»Es wäre deinem Vater sicher nicht recht …«

»Es wäre Ihrem Vater sicher nicht recht, Miss Reed …«

Simon und der Kutscher sprachen die Worte fast zur gleichen Zeit aus und blickten auch gleichermaßen indigniert, als Nora sie mit einem hellen Lachen quittierte.

»Nun sei mal vernünftig, Simon! Egal, wo du hinwillst, es kann meinem Vater auch nicht recht sein, wenn sein Bote da ankommt, als habe er eben die Themse durchschwommen. Und Peppers wird nichts verraten, nicht, Peppers?«

Nora lächelte ihrem Kutscher verständnisheischend zu. Peppers seufzte und öffnete den Kutschenschlag weit für ihren Gast.

»Bitte, Mister … äh … Mylord …« Alles in Peppers sträubte sich, diese unglückliche Gestalt mit einem Adelstitel anzureden.

Simon of Greenborough zuckte denn auch die Schultern. »›Mister‹ ist in Ordnung. Der Sitz im House of Lords ist ohnehin verkauft, ob ich mich nun Lord oder Viscount nenne oder wie auch immer.«

Es klang bitter, und Simon schalt sich dafür, dem Diener Einblick in seine Familienverhältnisse gewährt zu haben. Aber womöglich wusste der ohnehin schon zu viel über ihn. Nora betrachtete das Personal in ihrem Haus in Mayfair als ihre erweiterte Familie. Wer wusste, was sie ihren Zofen oder Hausmädchen alles erzählt hatte?

Simon ließ sich aufatmend in die Polster neben sie gleiten. Er hustete wieder, dieses Wetter schlug ihm auf die Lunge. Nora schaute den jungen Mann halb strafend, halb bedauernd an. Dann griff sie kurz entschlossen nach ihrem Schal und rubbelte sein Haar trocken. Natürlich hinterließ das Puderspuren auf der Wolle. Nora betrachtete sie kopfschüttelnd.

»Dass du da aber auch immer dieses Zeug draufgibst!«, rügte sie. »Eine dümmliche Mode, du hast so schönes dunkles Haar, warum es weiß färben wie bei einem Greis? Gott sei Dank kommst du nicht auch noch auf die Idee, so eine Perücke aufzusetzen …«

Simon lächelte. Er hätte sich die Perücke gar nicht leisten können, aber Nora weigerte sich beharrlich, seine Armut auch nur zu bemerken. Wie sie alle anderen Unterschiede zwischen ihrer eigenen Stellung und der Simons ebenso konsequent leugnete. Ihr war es egal, ob er adlig war und sie bürgerlich, ob er völlig verarmt war, während ihr Vater zu den reichsten Kaufleuten des Empire zählte, und ob er in einem Schloss wohnte oder im Kontor ihres Vaters als schlecht bezahlter Schreiber diente. Nora Reed liebte Simon Greenborough, und sie ließ keinen Zweifel daran, dass diese Liebe irgendwann Erfüllung finden würde. Jetzt lehnte sie sich vertrauensselig an seine Schulter, während die Kutsche über Londons Kopfsteinpflaster rumpelte.

Simon warf dagegen einen nervösen Blick in Richtung Kutschbock, bevor er sie lächelnd in die Arme nahm und küsste. Nora hatte sich an diesem regnerischen Tag natürlich für eine geschlossene Kutsche entschieden. Das Fenster, das ihr ermöglichte, Peppers anzusprechen, war winzig und obendrein beschlagen. Der Kutscher würde nichts von dem mitbekommen, was sich drinnen tat. Nora erwiderte Simons Kuss denn auch ohne jede Hemmung. Sie strahlte, als sie sich von ihm löste.

»Ich hab dich so vermisst!«, flüsterte sie und schmiegte sich an ihn, ohne Rücksicht darauf, dass ihr Umhang dabei nass wurde und die Spitzen am Ausschnitt ihres Kleides zerknitterten. »Wie lange ist es her?«

»Zwei Tage«, antwortete Simon sofort und streichelte zärtlich über den Ansatz ihres Haars und ihre Schläfe. Er konnte sich an den feinen Zügen und dem Lächeln der zierlichen jungen Frau kaum sattsehen, und die Tage ohne sie waren ihm ebenso dunkel und trostlos erschienen wir ihr. Nora und ihr Vater hatten das Wochenende auf dem Landsitz von Freunden verbracht, aber es hatte auch da schon anhaltend geregnet. Die Liebenden hätten sich also sowieso nicht heimlich treffen können. Schließlich gab es keinen öffentlichen oder gar privaten Raum, in dem ein so unpassendes Paar unbemerkt miteinander hätte plaudern können – vom Austausch von Zärtlichkeiten gar nicht zu reden. Wenn das Wetter schön war, trafen sich die beiden im St. James’ Park, obwohl auch das nicht ungefährlich war. Auf den bevölkerten Wegen konnten sie von Noras Freunden und Bekannten gesehen werden, während in den verschwiegenen Nischen hinter dunklen Hecken oft auch dunkle Gestalten lauerten … Und nun wurde es obendrein Herbst.

»Wir müssen unbedingt mit Vater reden!«, erklärte Nora, der wohl ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen. »Das geht nicht mehr mit den Spaziergängen im Park, das Wetter wird doch immer schlechter. Vater muss gestatten, dass du mir in aller Offenheit den Hof machst! Schon, weil ich dich herumzeigen möchte. Meinen wunderschönen Lord …«

Sie lächelte Simon spitzbübisch an, und er verlor sich wie so oft im Anblick ihres schmalen, klugen Gesichts und ihrer grünen Augen, in denen ein Kaleidoskop von helleren und dunkleren Lichtern aufzublitzen schien, wenn Nora erregt war. Er liebte ihr goldbraunes Haar, vor allem, wenn sie es mit Blumen schmückte. Orangenblüten … Weder Simon noch Nora hatten je einen Orangenbaum gesehen, aber sie kannten die Blüten von Abbildungen, und sie träumten davon, sie eines Tages gemeinsam zu pflücken.

»Dein Vater wird das nie erlauben …«, erwiderte Simon pessimistisch und zog Nora näher an sich. Es war schön, sie zu spüren, sich vorzustellen, dies sei seine eigene Kutsche, in der er seine Liebste heimbrachte, auf einen Herrensitz in der Sonne …

»Wo wollen Sie überhaupt hin?«

Peppers knappe Frage ließ die Liebenden auseinanderstieben. Dabei war es unwahrscheinlich, dass er viel gesehen hatte. Er hatte sich nur halb zu seinen Passagieren umgewandt, und der Verkehr auf Londons Straßen, noch dazu bei diesem Wetter, erforderte seine ganze Aufmerksamkeit.

»In … in die Thames Street«, antwortete Simon. »Zum Kontor von Mr. Roundbottom!«

Nora lächelte dem Kutscher und Simon gleichermaßen vergnügt zu. »Ach, da kommen wir praktisch vorbei!«, freute sie sich. »Ich bin auf dem Weg zu Lady Wentworth, um das Buch zurückzugeben.«

Sie zog ein kleines, hübsch gebundenes Buch aus ihrem spitzenbesetzten Beutel und hielt es Simon hin.

»Barbados«, die Falte, die stets auf Simons Stirn erschien, wenn er sich sorgte, glättete sich, »ich hätte es auch gern gelesen.«

Nora nickte. »Weiß ich. Aber ich muss es zurückbringen, die Wentworths reisen morgen ab, auf die Jungferninseln. Sie haben da eine Plantage, weißt du. Sie waren nur hier, um …«

Simon hörte nicht mehr zu, er blätterte bereits in dem Büchlein. Warum die Wentworths in England gewesen waren, konnte er sich denken. Wahrscheinlich hatten sie ihre karibischen Besitztümer nur verlassen, um einen Parlamentssitz zu kaufen oder sich um einen zu kümmern, der ihrer Familie bereits gehörte. Die Zuckerrohrpflanzer aus Jamaika, Barbados und anderen Anbaugebieten in der Karibik wachten eifersüchtig über die Preisbindungen ihrer Produkte und die Einfuhrverbote aus anderen Ländern. Zu diesem Zweck festigten sie ihre Macht durch den Ankauf von Sitzen im House of Lords, angeboten von verarmten Adligen wie Simons eigener Familie. Soweit Simon wusste, hatte die Vertretung der Grafschaft Greenborough heute ein Mitglied der Familie Codrington inne, der ein großer Teil der kleinen Karibikinsel Barbuda gehörte.

Aber auch Nora hielt sich nicht lange mit Geschichten über die Familie Wentworth auf. Stattdessen schaute sie erneut in das Buch, das sie schon mehrmals gelesen hatte.

»Ist das nicht hübsch?«, kommentierte sie eine Zeichnung.

Simon hatte eben eine Seite aufgeschlagen, deren Text eine Radierung vom Strand von Barbados illustrierte. Palmen … Sandstrand, der dann unmittelbar in dichten Urwald überzugehen schien … Nora beugte sich eifrig darüber und kam Simon dabei so nahe, dass er den Duft ihres Haars aufnehmen konnte: kein Talkumpuder, Rosenwasser.

»Und da steht unsere Hütte!«, träumte sie und wies auf eine Art Lichtung. »Gedeckt mit Palmenzweigen …«

Simon lächelte. »Was das angeht, wirst du dich aber irgendwann entscheiden müssen«, neckte er sie. »Willst du jetzt mit den Eingeborenen in ihren Hütten leben oder eine Tabakplantage für deinen Vater führen?«

Nora und Simon waren sich einig darüber, dass England überhaupt und London im Besonderen nicht die Orte waren, an denen sie ihr Leben verbringen wollten. Nora verschlang alle Literatur über die Kolonien, derer sie habhaft werden konnte, und Simon träumte über den Briefen, die er für ihren Vater schrieb, von Jamaika, Barbados oder Cooper Island. Thomas Reed importierte Zuckerrohr, Tabak und Baumwolle aus allen Teilen der Erde, die sich das britische Empire im letzten Jahrhundert einverleibt hatte. Er stand in regem Kontakt mit den dortigen Pflanzern, und Nora hatte insofern auch schon einen Plan zur Verwirklichung ihrer Wünsche. Gut, in England gab es für sie und Simon vielleicht keine Zukunft. Aber wenn sie eine Zweigstelle des Reed’schen Geschäftes irgendwo in den Kolonien eröffneten … Aktuell war Barbados ihr Traumland. Aber sie hätte sich auch überall sonst angesiedelt, wo nur täglich die Sonne schien.

»Da wären wir … Miss Nora, Sir …« Peppers verhielt die Kutsche und machte Anstalten, die Türen für Simon zu öffnen. »48, Thames Street.«

Neben dem Eingang des Stadthauses prangte ein goldenes Schild, das auf Mr. Roundbottoms Kontor hinwies. Simon schlug das Buch bedauernd zu und schob sich hinaus in den Regen.

»Vielen Dank für die Mitfahrgelegenheit, Miss Reed«, verabschiedete er sich höflich von Nora. »Ich hoffe, Sie bald wiederzusehen.«

»Die Freude war ganz auf meiner Seite, Viscount Greenborough«, erwiderte Nora ebenso artig. »Aber warten Sie im Kontor, bis es aufhört zu regnen. Ich möchte nicht, dass Sie sich auf dem Rückweg verkühlen.«

Peppers verdrehte vielsagend die Augen. Bisher fand er Noras Liebelei eher erheiternd als besorgniserregend, aber wenn das so weiterging, manövrierte sich seine kleine Herrin in eine Geschichte hinein, die nicht glücklich enden konnte. Thomas Reed würde seine Tochter auf keinen Fall mit seinem Schreiber vermählen, egal, ob der irgendwann mal einen Adelstitel getragen hatte oder ihn sogar noch trug.

Simon quälten ähnliche Gedanken, als er schließlich zurück an seinen Arbeitsplatz lief. Der Regen hatte nachgelassen, aber seine Kleider waren längst noch nicht getrocknet, und auf dem Korridor, auf dem Mr. Roundbottom ihn hatte warten lassen, war es obendrein zugig und kalt gewesen. Simon fror bis ins Mark – die hartnäckige Erkältung, die er sich schon im Frühjahr in dem winzigen, ungezieferverseuchten Zimmer geholt hatte, das er im Eastend von London gemietet hatte, würde ihn noch lange quälen. Was für ein Abstieg nach Greenborough Manor, und natürlich auch nicht angemessen für einen Angestellten in einem angesehenen Kontor.

Thomas Reed entlohnte seine Schreiber nicht üppig, aber er war auch kein Ausbeuter. Gewöhnlich hätte Simons Verdienst für eine saubere kleine Wohnung ausgereicht, die älteren Sekretäre ernährten davon sogar eine Familie – bescheiden, aber annehmbar. Simon konnte allerdings nicht hoffen, irgendwann auch einmal eine Familie gründen zu können. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde er sein Leben lang für die Schulden schuften müssen, die sein Vater angehäuft hatte, und das, obwohl bereits alles verkauft war, was die Familie an Wertsachen besessen hatte.

Der Absturz war für Simons Mutter, seine Schwester und ihn völlig überraschend gekommen. Natürlich wusste die Familie, dass es mit den Finanzen von Lord Greenborough nicht allzu gut stand. Der Verkauf des Parlamentssitzes stand schon lange im Raum, wobei Simon im Stillen längst zu dem Ergebnis gekommen war, dass dies der Entscheidungsfähigkeit des House of Lords nur guttun konnte. Sein Vater hatte seinen Sitz nur selten eingenommen, und wenn, dann konnte er den Debatten, wie man sich erzählte, ebenso wenig folgen wie zu Hause den Tiraden seiner Frau, die nie müde wurde, ihm seine Trunk- und Verschwendungssucht vorzuwerfen. John Peter Greenborough war weit häufiger betrunken gewesen als nüchtern – aber seine Familie hatte keine Ahnung davon, dass er obendrein versucht hatte, seine angeschlagenen Finanzen am Spieltisch wieder in Ordnung zu bringen.

Als er schließlich starb – offiziell ein Sturz bei der Reitjagd, aber tatsächlich die Folge davon, dass er zu betrunken war, um sich auch nur im Schritt auf dem Pferd zu halten –, meldeten mannigfaltige Gläubiger ihre Ansprüche an. Lady Greenborough verkaufte den Parlamentssitz und damit im Prinzip auch ihr Land und den Titel ihres Sohnes. Sie trennte sich von ihrem Schmuck und ihrem Silber, verpfändete ihr Haus und musste es schließlich verkaufen. Die Familie Codrington überließ den Greenboroughs aus reiner Gnade ein Cottage am Rande des Dorfes, das immer noch ihren Namen trug. Aber Geld verdienen konnte Simon dort nicht. Inzwischen war zu den Schulden seines Vaters auch noch die Mitgift für seine Schwester gekommen, die man Gott sei Dank halbwegs standesgemäß hatte verheiraten können. Simons Zukunft dagegen war zerstört. In seinen dunkelsten Stunden fragte er sich, ob er die Liebe Noras, dieser ebenso schönen wie reichen jungen Frau, als ein Glück betrachten sollte oder ob sie nur eine weitere Prüfung darstellte.

Nora Reed war überzeugt, dass die Verwirklichung ihrer Träume nur eine Frage der Zeit war. Ihre Hoffnung, Thomas Reed würde Simon mit offenen Armen als Schwiegersohn aufnehmen, vermochte dieser allerdings nicht zu teilen. Im Gegenteil, eher würde der Geschäftsmann ihn als Mitgiftjäger aus dem Haus weisen. Dabei war Simon bereit, sehr hart für die Verwirklichung seiner Träume zu arbeiten. Er war ein ernsthafter junger Mann, hatte sich stets einen Posten in einer der Kolonien gewünscht und versucht, sich so gut wie möglich darauf vorzubereiten. Simon war kein großer Reiter, Jäger und Fechter – für die Zerstreuungen des Adelsstandes zeigte er weder besondere Neigungen noch Begabungen, ganz abgesehen von der finanziellen Situation seiner Familie. Aber er war klug und hochgebildet. Simon sprach mehrere Sprachen, war verbindlich und höflich und konnte im Gegensatz zu den meisten Peers auch gut mit Zahlen umgehen. Auf jeden Fall hätte er es sich durchaus zugetraut, ein Handelshaus wie das des Thomas Reed irgendwo in Übersee zu vertreten. Simon war bereit, sich hochzudienen, jeglicher Dünkel war ihm fremd. Man musste ihm nur eine Chance geben! Aber ob Thomas Reed seine Liebe zu Nora zum Anlass dazu nahm? Wahrscheinlich würde er Simon eher verdächtigen, seine Tochter als Sprungbrett für seine Karriere benutzen zu wollen.

Simon zweifelte jedenfalls daran, dass es richtig war, sich Thomas Reed so bald schon zu offenbaren. Es wäre auf jeden Fall besser zu warten, bis er sich selbst seine Achtung erworben und in eine höhere Position aufgestiegen war. Nora war erst siebzehn, und bisher machte ihr Vater keine Anstalten, sie zu vermählen. Simon hatte sicher noch ein paar Jahre Zeit, um sich so weit zu etablieren, dass er als Schwiegersohn des Kaufmanns in Frage kam.

Wenn er nur gewusst hätte, wie er das anstellen sollte!

KAPITEL 2

Was kann man denn sonst noch machen – also außer Zuckerrohr zu pflanzen oder Tabak?«, erkundigte sich Nora.

Sie saß auf der Chaiselongue der Lady Wentworth und balancierte geziert eine Teetasse zwischen Daumen und Zeigefinger. Seit Queen Anne das Heißgetränk einige Jahrzehnte zuvor bekannt gemacht hatte, wurde es in jedem besseren Salon in England serviert. Wie die meisten Damen hatte Nora reichlich Zucker hineingerührt – sehr zum Wohlgefallen ihrer Gastgeberin, die in jedem in England gesüßten Tee einen Beitrag zur Erhaltung ihres Wohlstandes sah.

»Also Tabak hat sich gar nicht besonders bewährt«, antwortete Lady Wentworth geduldig.

Die vielen Fragen der jungen Kaufmannstochter amüsierten sie. Nora Reed schien wild entschlossen, ihre Zukunft in den Kolonien zu sehen. Lady Wentworth bedauerte, dass ihre Söhne erst acht und zehn Jahre alt waren. Die kleine Reed wäre eine hervorragende Partie, und dass sie bürgerlich war, störte die Lady kaum. Schließlich hatte auch ihr eigener Mann den Titel käuflich erworben. Man musste längst nicht mehr heiraten oder sich aufwändig vom König zum Ritter schlagen lassen, um zu den Peers von England zu gehören. Wobei auch Letzteres für die Zuckerbarone machbar war. Gegen entsprechende Zuwendungen – Geschenke, Unterstützung der Flotte oder andere Wohltaten für die Krone – erkannte der König an, wie fleißig man dort am anderen Ende der Welt für das Gedeihen des Königreichs tätig war …

»In Sachen Tabak erzielen Virginia und andere Kolonien in der Neuen Welt bessere Qualitäten. Aber Zuckerrohr wächst nirgendwo so gut wie auf unseren Inseln. Wobei man natürlich auch Ausgaben hat …« Lady Wentworth erinnerte sich rechtzeitig, dass sie hier eine Kaufmannstochter vor sich hatte. Wenn sie zu sehr davon schwärmte, wie leicht sich der Zuckerrohranbau auf Jamaika, Barbados und den Jungferninseln gestaltete, mochte Noras Vater versuchen, die Preise zu drücken. »Allein die Sklaven!«

»Also, Sklaven halten wollten wir eigentlich nicht!«, bemerkte Nora leise, aber ehrlich. Auch darüber hatte sie sich mit Simon bereits ausgetauscht, und die beiden waren einer Meinung. »Das … das ist unchristlich.«

Lady Wentworth, eine resolute Frau in den Dreißigern, deren üppige Figur Korsett und Reifrock fast sprengte, lachte auf. »Ach, Kindchen«, wehrte sie ab, »Sie haben ja keine Ahnung. Aber die Kirche sieht das zum Glück ganz realistisch: Hätte Gott nicht gewollt, dass die Schwarzen für uns arbeiten, dann hätte er sie nicht geschaffen. Und wenn Sie erst mal in Übersee sind, Miss Reed, werden Sie das auch einsehen. Das Klima ist nichts für weiße Menschen. Zu heiß, zu feucht. Keiner kann lange da arbeiten. Die Neger dagegen, für die ist das ganz normal. Und wir behandeln sie ja gut – sie kriegen zu essen, wir stellen ihnen die Kleidung, sie …« Lady Wentworth brach ab. Viel mehr schien ihr zum Wohlbefinden ihrer Sklaven nicht einzufallen. »Der Reverend predigt ihnen sogar das Evangelium!«, erklärte sie schließlich triumphierend, als sei allein das schon die Arbeitskraft eines ganzen Lebens wert. »Wenngleich sie das nicht immer zu schätzen wissen. Da grassieren Rituale, Kindchen – furchtbar! Wenn die ihre alten Götzen beschwören … Es ist zweifellos gottgefällig, dass wir das einschränken. Aber lassen Sie uns von angenehmeren Dingen sprechen, Miss Reed.« Die Lady griff nach einem Teekuchen. »Gibt es vielleicht schon konkrete Pläne, Sie auf eine unserer schönen Inseln zu verheiraten? Was sagt denn überhaupt Ihr Vater zu Ihren Auswanderungsplänen?«

Über dieses Thema wollte Nora nun überhaupt nicht reden. Stattdessen versuchte sie es noch mal mit der Erkundung von Alternativen.

»Wie ist es denn mit Kaufleuten auf den Inseln?«, fragte sie. »Gibt es keine … hm … Zwischenhändler oder so was, die …«

Lady Wentworth winkte ab. »Nicht in nennenswerter Anzahl, Kind. Ein paar Kapitäne importieren wohl auf eigene Faust, aber sonst verhandeln wir stets direkt mit dem Mutterland.«

Was weiter keine Schwierigkeit darstellte, da die meisten Pflanzer ohnehin einen oder mehrere Wohnsitze in England unterhielten. Den Wentworths gehörte zum Beispiel nicht nur dieses noble Stadthaus, sondern auch noch ein Landhaus in Essex. Bei größeren Familien hielt sich praktisch immer ein männliches Mitglied im Mutterland auf und konnte die Verhandlungen mit den Händlern führen. Wenn das Kartell nicht gleich für alle verbindliche Preisabsprachen traf.

Nora biss sich auf die Lippen. Die Lady hatte Recht, im Zuckerrohrbereich wurde kein Handelshaus auf Jamaika oder Barbados gebraucht.

»Natürlich gibt es ein paar Kaufleute«, fügte Lady Wentworth schließlich hinzu. »Besonders auf den größeren Inseln, in den Städten. Unsereins deckt sich natürlich im Mutterland mit den wichtigsten Gütern ein …«, mit einer knappen Bewegung umriss sie das wertvolle Mobiliar ihres Hauses, dem die Einrichtung ihrer Plantage sicher in nichts nachstand, die Gemälde an den Wänden und nicht zuletzt ihr prächtiges Hauskleid, dessen voluminöse Rüschen sich über die Armlehnen ihres Sessels bauschten, »… aber es gibt natürlich auch auf den Inseln Schneider, Bäcker, Krämer …« Lady Wentworth’ Ausdruck verriet, was sie von dieser Bevölkerungsschicht hielt. »Natürlich nicht vergleichbar mit einem Handelshaus wie dem Ihres Herrn Vaters!«, beeilte sie sich rasch hinzuzufügen.

Nora unterdrückte ein Seufzen. Schlechte Aussichten für sie und Simon – zumal sich ihr Liebster auch sicher nicht zum Bäcker, Schneider oder umtriebigen Besitzer eines Kramladens eignete. Nora selbst hätte sich notfalls vorstellen können, hinter einer Theke zu stehen und mit den Frauen von Kingston oder Bridgetown zu plaudern, während sie ihre Waren präsentierte. Aber der scheue, überaus korrekte Simon? Schon bei der ersten wirklich saftigen Klatschgeschichte würde er sich indigniert zurückziehen.

Simon betrat aufatmend das altehrwürdige Kontor des Thomas Reed am Nordufer der Themse. Es war ziemlich düster, besonders die Räume der Schreiber und Sekretäre waren klein und die Schreibpulte kaum beleuchtet. Den älteren Angestellten fiel es oft schwer, die Zahlen in den Geschäftsbüchern zu entziffern. Lediglich in Thomas Reeds Privatkontor, das bequeme Sitzgelegenheiten für Besucher und Kunden bereithielt, gab es hohe Fenster, die den Blick über den Fluss freigaben. Auch an diesem Tag schien Reed jemanden zu empfangen. Simon vernahm die dröhnende Stimme des Kaufmanns und eine nicht minder laute mit schottischem Akzent, als er sich im Korridor vor dem Kontor aus seinem Mantel quälte.

»Gott, Reed, nun kommen Sie mir doch nicht mit moralischen Bedenken! Bei uns geht es moderat zu, auf anderen Inseln sind die Gesetze viel strenger. Die Dänen erlauben sogar, dass man widerspenstige Neger lebendig verbrennt! So was ist natürlich nicht die Art aufrechter Briten. Aber Disziplin muss sein. Dann lässt es sich auf Barbados auch als Sklave aushalten.« Der Sprecher lachte. »Ich muss es wissen, ich war schließlich selbst mal einer.«

Simon runzelte die Stirn. Das klang interessant. Von weißen Sklaven auf den Inseln hatte er nie gehört. Und den Besucher identifizierte er inzwischen auch mithilfe seines Wappens, das etwas aufdringlich eine im Korridor abgestellte Tasche zierte: Angus McArrow – seit Neuestem obendrein Lord of Fennyloch. Simon erinnerte sich, dass Thomas Reed beim Kauf seines Parlamentssitzes vermittelt hatte. Nun schien sich der Schotte, der eine Plantage auf Barbados sein Eigen nannte, zu revanchieren. Die Tasche enthielt ein paar Flaschen besten dunklen Rums, und die Stimmen der Männer hörten sich an, als hätten sie eine davon bereits geöffnet.

»Kann ich da jetzt wohl reingehen?«, fragte Simon nervös einen der älteren Bürodiener. Er musste schließlich seinen Brief abgeben.

Der Mann nickte ihm gelassen zu. »Hört sich nicht an, als tauschten sie Geheimnisse aus«, brummte er.

Simon klopfte vorsichtig, was sein Dienstherr und dessen Besucher vorerst überhörten, weil Reed gerade schallend lachte.

»Sie, McArrow? Sklave auf den Zuckerrohrfeldern? Unter lauter schwarzen Jungs?« Es klang ungläubig.

»Wenn ich’s Ihnen doch sage!«

Simon hörte Gläserklirren. Anscheinend hatten sie sich nochmals nachgeschenkt.

»Nannte man damals natürlich nicht so, da sprach man eher von Fronarbeitern. Und unter Negern war man auch nicht, die kamen erst später. Aber es lief aufs Gleiche hinaus: Ich schuftete mich fünf Jahre krumm für einen der ersten Pflanzer, und dafür erhielt ich am Ende ein Stück Land. Das haben damals viele so gemacht, bevor man in großem Stil Schwarze auf die Inseln holte. Glauben Sie mir, so mancher heutige Zuckerbaron begann als armer Schlucker. Die meisten geben es bloß nicht mehr zu, erst recht nicht ihre Nachkommen, die meisten Lohnsklaven wurden schließlich nicht alt. Die Zeit der Fron war hart, und auf den eigenen Feldern ging’s ja dann so weiter. Da haben’s viele nur gerade noch ein paar Jahre gemacht, bis das Zuckerrohr wuchs und die Kinder groß waren. Dann waren sie fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes totgeschuftet. Aber die Enkel gebärden sich jetzt wie die Könige!«

»Das ist interessant«, meinte Reed. »Wusste ich gar nicht … Einen Moment, bitte. Herein!«

Simons drittes Klopfen fand endlich Gehör. Der junge Mann schob sich schüchtern in den Raum und verbeugte sich vor Mr. Reed und Angus McArrow.

»Mylord …«, sagte er beflissen.

In McArrows breitem rotem Gesicht ging ein Strahlen auf.

»Tag, junger Mann! Simon … Greenirgendwas, oder? Sie haben meine Antrittsrede bei Hofe formuliert, richtig? Trefflich, trefflich, junger Mann! Kommen Sie, nehmen Sie sich auch einen Schluck! Sie sehen aus, als könnten Sie’s brauchen. Was haben Sie gemacht, waren Sie schwimmen?« Er lachte über seinen eigenen Scherz.

Simons Haar war immer noch nass, und die schlaff herabhängenden Rüschen seiner am Morgen so sorglich geplätteten Hemdbrust boten ein Bild des Jammers.

»Sie waren bei Roundbottom, Mr. Simon, nicht?«, erinnerte sich Thomas Reed an seinen Auftrag. »Aber Himmel, sind Sie denn gelaufen, bei dem Wetter? Junge, da konnten Sie doch eine Droschke nehmen!«

Thomas Reed, ein großer, schwerer Mann mit erstaunlich sensiblen Gesichtszügen, schenkte seinem jungen Sekretär einen gleichermaßen mitleidigen wie missbilligenden Blick. Simon erschien ihm manchmal etwas lebensuntüchtig – wohlerzogen, ja, und ein vorzüglicher Schreiber und Buchhalter. Aber sonst … Allein, wie er herumlief, er konnte sich wirklich einmal neue Kleidung leisten! Und bei Regen eine Droschke. Das sah ja aus, als würde Reed seine Leute nicht ordentlich bezahlen!

Simon senkte den Blick vor dem unwilligen Aufblitzen in Reeds grünen Augen. Sie wirkten so wach wie die seiner Tochter Nora, aber eher forschend als sanft, und Lachfältchen umgaben sie auch nicht. Nora würde später sicher Lachfalten entwickeln …

Simon lächelte verträumt, als er daran dachte, wie es sein würde, sie beim Älterwerden zu beobachten. Irgendwann würden sich auch in ihr bernsteingoldenes Haar weiße Fäden einschleichen, wie jetzt schon in den üppigen Schopf ihres Vaters. Simon würde sie necken, dass sie ihr Haar jetzt nicht mehr pudern müsste. Und er würde sie immer noch lieben …

»Was starren Sie denn so, Simon? Sie haben doch den Antwortbrief von Mr. Roundbottom, oder? Worauf warten Sie noch? Geben Sie her!« Thomas Reed hielt fordernd die Hand auf.

»Nehmen Sie erst mal einen Schluck!«, begütigte McArrow und reichte Simon zu dessen Schrecken wirklich ein Glas, gefüllt mit einer betörend duftenden bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Rum aus Barbados – zweifellos vorzüglich. Aber Simon konnte nicht wie ein Gleichgestellter mit Thomas Reed trinken! Noch dazu während der Arbeitszeit. Er zögerte und nestelte erst mal das Schreiben des Kaufmanns Roundbottom hervor. Er hatte es in der innersten Tasche seines Rocks aufbewahrt, um es nur ja vor dem Regen zu schützen.

»Nun tun Sie ihm schon den Gefallen!«

Thomas Reed nahm den Brief entgegen und löste Simons Dilemma mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung McArrow und des Glases, das er Simon hinhielt. Natürlich gehörte es sich nicht, seinem Schreiber einen Drink anzubieten, aber er wollte den Schotten nicht verärgern. Simon nahm einen kleinen Schluck. Er fühlte wohlige Wärme seinen Körper durchdringen, als das starke, fast etwas süßlich schmeckende Getränk seine Kehle herunterrann. Sehr gehaltvoll, sehr gut und weicher im Geschmack, als Rum es gewöhnlich war.

»Ginge fast als Brandy durch, was?«, fragte McArrow Beifall heischend. »Von meiner Plantage. Ein spezielles Brennverfahren, wir …«

»Jetzt erzählen Sie aber erst mal weiter von Ihrer seltsamen Art des Landerwerbs, McArrow«, unterbrach Reed. Sehr zur Freude Simons, der die »Versklavung« des Schotten auch wesentlich interessanter fand als die Herstellung von Rum. »Wird das heute noch gemacht? Also das mit dieser …«

»Lohnknechtschaft?«, fragte McArrow und griff erneut nach seinem eigenen Glas. »Nun, da gibt’s nicht mehr viel zu erzählen. Es lief meist ganz ordentlich, die Pflanzer waren ja keine schlechten Kerle. Natürlich nahmen sie, was sie kriegen konnten. Ein Zuckerschlecken war das nicht, diese fünf Jahre auf der Plantage. Wobei ich Glück hatte. Nach drei Jahren kamen die ersten Neger, die durfte ich dann anlernen und beaufsichtigen. Keine gar so schwere Arbeit wie am Anfang also. Und mit meinem Herrn hatte ich auch Glück, der hat mir gutes Land abgetreten und noch zwei Sklaven, und meine Ernte konnte ich zusammen mit seiner vermarkten. Nur am Anfang natürlich, inzwischen hab ich mehr Land als er – oder eher seine Söhne. Die taugen leider nicht viel, deshalb musste ich jetzt auch einspringen mit dem Sitz im Parlament. Die jungen Drews führen das Lebenswerk des Vaters noch in den Bankrott …«

»Und gibt es das heute noch?«

Simon platzte mit der gleichen Frage heraus, die Reed eben schon gestellt hatte. Er biss sich gleich darauf auf die Lippen. An sich gehörte es sich nicht einmal für ihn, bei diesem vertrauten Gespräch der Geschäftspartner dabei zu sein, geschweige denn, sich daran zu beteiligen. Aber Reed lauschte genauso interessiert wie sein Schreiber, als McArrow jetzt antwortete.

»Das gibt’s heute kaum noch«, meinte er. »Schon weil keiner Interesse hat, dass noch mehr Plantagen entstehen. Wenn das Angebot zu groß wird, sinken die Preise – sorry, Mr. Reed, aber das wollen wir Pflanzer natürlich eher verhindern. Vereinzelt hört man noch von solchen Arrangements, aber dann erwarten die Herren mindestens sieben Jahre Verpflichtung – und ziehen die Leute oft noch am Ende über den Tisch. Nein, nein, das hat sich erledigt, als die Neger kamen. Wobei wir wieder beim Thema wären: Die haben’s gar nicht schlecht bei uns, die schuften nicht mehr als wir damals.«

Nur dass sie ihr ganzes Leben schuften und nichts haben, das ihnen nach fünf oder sieben Jahren gehört, dachte Simon und biss sich auf die Lippen. Er hätte noch eine dringende Frage gehabt, aber Reed hatte den Antwortbrief bereits kurz abgezeichnet und hielt ihn Simon nun hin. Eine klare Aufforderung zu gehen. Der Brief musste abgeheftet, der darin zugesagte Vertrag aufgesetzt werden.

Simon bedankte sich bei McArrow für den Rum und verließ den Raum, um seinen Platz am Schreibpult im Nachbarkontor wieder einzunehmen. Allerdings horchte er auf die Stimmen im Nebenzimmer und schlich sich auf den Korridor, als der Schotte sich schließlich verabschiedete.

»Mr. McArrow … äh … Mylord … Dürfte ich … Dürfte ich Ihnen noch eine Frage stellen?«

»Auch zehn, junger Mann!« McArrow lachte jovial. »Fragen Sie ruhig, ich hab Zeit. Vor morgen hab ich keine weiteren Besprechungen.«

Simon fasste Mut. »Wenn man es … Also, wenn ein junger Mann es auf den Inseln, irgendwo in Übersee … Jamaika, Barbados … Also, wenn man es da zu etwas bringen will … Gibt’s … gibt’s da gar keine Aussichten?«

McArrow musterte den jungen Mann forschend und verzog sein Gesicht dann erneut zu einem Grinsen. »Sie sind den Regen leid, ja?«, fragte er verständnisvoll. »Kann ich verstehen, mir reicht’s auch schon wieder. Aber die Inseln … Tja, natürlich können Sie sich auf einer der Plantagen verdingen. Inzwischen nehmen wir die Weißen nicht mehr als Feldarbeiter, allerdings brauchen wir Aufseher. Ob Sie da jedoch der Richtige wären? So ’n Bürschchen wie Sie … Sie seh’n ja aus, als ob Sie jeder kleine Windhauch schon umwerfen würde!«

Simon errötete. Er war nie ein sehr kräftiger Mann gewesen, aber die letzten Monate hatten ihn zusätzlich abmagern lassen. Er aß zu wenig, und der hartnäckige Husten zehrte ebenfalls an seinen Kräften. Aber wenn er erst mal im Warmen wäre … Und bestimmt stellten die Pflanzer ihren Aufsehern eine Unterkunft. Das Geld, das er jetzt für das verwanzte Zimmer im Eastend ausgab, konnte er in Lebensmittel investieren.

»Das … äh … täuscht, Mylord!«, erklärte er fest. »Ich kann arbeiten, ich …«

»Du siehst aber nicht aus, Junge, als könntest du die Peitsche schwingen!« Simon fuhr zusammen, nicht nur ob der Worte des anderen, sondern auch über das plötzliche Du. Aber er begriff, dass er als Arbeiter auf einer Plantage nicht darauf bestehen konnte, wie ein Gentleman behandelt zu werden. »Und das musst du bei den Negern«, sprach McArrow ungerührt weiter. »Wenn’s ganz hart kommt, musst du vielleicht sogar mal einen hängen. Und das schaffst du nicht, Kleiner!«

McArrow wollte seinen Worten wohl die Schärfe nehmen, indem er Simon jovial auf die Schulter klopfte, aber der junge Adlige sah ihn nur verwirrt an. Peitschen? Hängen? Das klang ja wie die Arbeit eines Scharfrichters!

»Nein, wenn überhaupt, dann wärst du höchstens was für die Verwaltung. Aber die Posten bei der Krone gibt’s nicht umsonst, da musst du dich einkaufen oder wenigstens jemanden kennen, der jemanden kennt …« McArrow schüttelte den Kopf, als er Simons enttäuschtes Gesicht sah. »Kannst es natürlich auch als Matrose versuchen«, meinte er schließlich. »Aber da seh ich genauso schwarz, die wollen starke, harte Kerle, kein Jüngelchen wie dich. Nee, bleib du schön hier, Kleiner, und schreib deine Rechnungen. Und vielleicht noch mal ’ne Rede für den alten McArrow! Die war trefflich, Junge … fast als wärst du selbst ’n Peer!«

Damit griff der Pflanzer nach seinem Dreispitz, dachte aber rechtzeitig daran, ihn nicht auf seine voluminöse Perücke zu setzen, sondern stilvoll unter den Arm zu klemmen, bevor er in den Regen hinaustrat. Die Kutsche mit seinem Wappen wartete schon. Der frischgebackene Lord würde nicht nass werden.

KAPITEL 3

Es hilft alles nichts, wir müssen es Vater erzählen!«, sagte Nora.

Es war endlich wieder ein schöner Tag, fast noch sommerlich, obwohl die Blätter im St. James’ Park sich schon herbstlich verfärbten. Allerdings wurde es jetzt gegen Abend, nachdem Simon das Kontor verlassen hatte, um sich erneut heimlich mit seiner Liebsten zu treffen, schon wieder kühl. Und dämmerig. Nora hätte die beiden Damen aus ihrer Bekanntschaft, die ihnen auf dem eher abgelegenen Weg eifrig plaudernd entgegenkamen, fast zu spät erkannt. Sie zerrte Simon gerade noch rechtzeitig hinter eine Hecke, bevor Lady Pentwood und ihre Freundin ihrer ansichtig wurden.

Nora kicherte, als sie vorbei waren, aber Simon machte sich Sorgen. Er sah kein Abenteuer in ihrer heimlichen Liebe, sondern bestenfalls eine Herausforderung. Unglücklich berichtete er Nora von seinem entmutigenden Gespräch mit McArrow. Die überraschte das nicht sonderlich. Sie fügte hinzu, was sie von Lady Wentworth erfahren hatte.

»Dieser McArrow hat Recht«, meinte sie dann fröstelnd. Ein guter Grund, sich enger an Simon zu schmiegen, der schützend den Arm um sie gelegt hatte und sich immer wieder zu ihr herabbeugte, um ihr Haar zu küssen. »Natürlich kannst du keine Neger schlagen! Wäre ja noch schöner, was sind das bloß alles für Leute, die sich da Lords und Ladys und Gentlemen nennen! Ich glaube nicht, dass Gott die Neger gemacht hat, damit sie für uns Zuckerrohr anbauen. Dann hätte er sie ja auch gleich auf die Inseln geschickt, und man müsste sie nicht aus Afrika holen! Auf den Schiffen soll es auch ganz schlimm sein, sagt mein Vater. Sie ketten sie an!«

Thomas Reed beteiligte sich nicht am Sklavenhandel – auch wenn er indirekt natürlich von der Arbeit der Schwarzen profitierte. Schließlich handelte er mit Zucker, Tabak und anderen Erzeugnissen aus den Kolonien, und ohne Sklaven wurde dort keine Plantage betrieben. Aber Menschen kaufen und verkaufen, sie einfangen, in Schiffsrümpfe zwingen, einkerkern und schlagen, obwohl sie nie ein Gericht verurteilt hatte – Thomas Reed hielt das nicht für vereinbar mit seinem christlichen Glauben. Egal, ob andere diese Meinung teilten oder nicht.

»Aber andere Arbeit gibt es nicht«, meinte Simon mutlos, woraufhin Nora die »Beichte« bei ihrem Vater wieder ins Gespräch brachte.

»Wir müssen Papa sagen, dass wir uns lieben. Du musst offen um mich werben, und dann finden wir schon eine Lösung. Ich bin überzeugt, dass Vater etwas einfällt. Wenn ich sage, ich will in die Kolonien, dann schafft er das auch!«

Nora hegte vollstes Vertrauen nicht nur zu den Möglichkeiten, sondern auch zur Bereitschaft ihres Vaters, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Sie war zweifellos ein verwöhntes Kind. Nach dem frühen Tod seiner Frau hatte Thomas Reed all seine Liebe auf sie konzentriert.

»Pass auf, wir machen es gleich morgen! Du kaufst ein paar Blumen … Die sind gar nicht so teuer an der Cheapside, und wenn du das Geld nicht hast …«

Simon lächelte zärtlich. Immerhin war Nora praktisch veranlagt. Wenn er sich Romantik nicht leisten konnte, so wusste sie klaglos darauf zu verzichten. Sie wäre glatt noch imstande gewesen, ihren Brautstrauß selbst zu pflücken. Er zog sie noch einmal näher an sich.

»Liebes, an ein paar Blumen soll es nicht scheitern. Aber lass mir noch ein paar Wochen, ja? Vielleicht findet sich doch noch eine Möglichkeit … Dieser McArrow zum Beispiel. Wenn der auf die Idee kommt, jetzt in London zu bleiben und im Parlament mitzureden, braucht er vielleicht einen Privatsekretär. Und als solchen nähme er mich mit nach Barbados … Außerdem ist in zwei Monaten wenigstens dieser leidige Kredit für Samanthas Hochzeit abgezahlt. Dann bleibt mir etwas mehr Geld jeden Monat. Himmel, Nora, ich kann nicht in diesem fadenscheinigen Anzug vor deinen Vater treten und um dich werben!«

Nora küsste ihn lachend. »Liebster, ich heirate doch nicht dein Jackett und deine Hose!«

Simon seufzte. Zu der Bemerkung würde Thomas Reed zweifellos einiges zu sagen haben. Aber immerhin war es ihm gelungen, Noras Ansinnen etwas aufzuschieben. Irgendwann musste einfach ein Wunder geschehen … Simon nahm Noras Hand und zog sie zu dem kleinen See inmitten des Parks, über dem schon Nebelschwaden waberten. Die Bäume warfen lange Schatten.

»Ich werde uns jetzt ein Boot mieten!«, beschloss er. »Dafür muss ein Penny da sein, und dann rudere ich dich über den See zu den Inseln. Wir können uns vorstellen, es wäre unsere Insel in der Südsee, die Wellen brechen sich am Strand …«

»Und wir können uns in aller Ruhe küssen!«, strahlte Nora. »Das ist eine wundervolle Idee, Liebster! Du kannst doch rudern, nicht? Alle Lords und Viscounts können rudern, oder?«

Wenn er ehrlich sein sollte, so beschränkten sich Simons Paddelkünste auf ein paar halbherzige Versuche, ein selbst gebautes Floß über den Dorfteich von Greenborough zu steuern. Korrekte Rudertechnik hatte er nie gelernt, aber er gab sich alle Mühe, seine Barke halbwegs geschickt über den See zu lavieren. So brachte Simon sie denn auch nicht zum Kentern, aber sein Husten, den er bei der Anstrengung kaum zu unterdrücken vermochte, beunruhigte Nora sehr.

In den nächsten Wochen wurde für die Liebenden natürlich nichts besser. Im Gegenteil, der Spätsommer wich einem ungemütlichen Herbst, und Simon fror in seinem feuchten, ungeheizten Zimmer bis ins Mark. Immerhin brannten stets großzügige Feuer in den Kaminen von Thomas Reeds Kontor, was nicht selbstverständlich war. So mancher Schreiber in den großen Handelshäusern führte die Feder mit klammen, behandschuhten Fingern und holte sich dabei die Gicht. Simon sandte aufatmend das letzte Geld für Samanthas Mitgift an seine Mutter, aber letztlich brachte ihm das keine Erleichterung. Fast zeitgleich erreichte ihn nämlich ein Brief aus Greenborough, in dem seine Mutter beglückt von Samanthas Schwangerschaft berichtete. Bis zur Geburt des Kindes, so hoffte sie, würde sie mit Simons weiteren großzügigen Zuwendungen den Silberleuchter auslösen können, der bislang die Taufkerze eines jeden Greenborough-Abkömmlings getragen habe.

Simon sandte also weiter Geld – obwohl Nora ihn streng dafür rügte.

»Aber sie haben das Recht darauf, es ist ein Familienerbstück«, verteidigte er seine Mutter und Schwester. »Und damit wird es doch auch uns zugute kommen. Wenn wir Kinder haben …«

Seine dunklen Augen, die bislang eher hoffnungslos in diesen grauen, windigen Novembertag geblickt hatten, leuchteten auf.

Nora seufzte und zog ihren Mantel enger um sich. Sie hatte ihren Liebsten trotz des unsicheren Wetters an die Docks von London begleitet. Thomas Reed hatte seinen jungen Schreiber mit der Kontrolle einer Ladung Tabak aus Virginia betraut. Der Kapitän des Schiffes galt als wenig zuverlässig, sodass der Pflanzer Reed ausdrücklich ans Herz gelegt hatte, die tatsächliche Lieferung sorglich mit den Frachtpapieren zu vergleichen. Simon hatte das eben gewissenhaft getan, auch wenn sein alter Mantel ihn dabei kaum vor Regen und Wind geschützt hatte. Nora in ihrem pelzgefütterten Cape ging es da besser, aber sie bemerkte natürlich, wie Simon fror, und erregte sich insofern noch heftiger über die Ansprüche seiner Mutter und Schwester.

»Wenn wir Kinder haben, dann kommen die wahrscheinlich auf den Jungferninseln zur Welt, oder auf Jamaika oder Barbados!«, gab sie zu bedenken. »Und da glaubst du doch nicht wirklich, deine Mutter würde rechtzeitig ihren Silberleuchter auf den Weg schicken, damit die Taufkerze standesgemäß präsentiert wird! O nein, Simon, das Ding geht in die Familie der wunderbaren Samantha über, damit die Carringtons auch ja nicht schlecht über Lady Greenborough denken. Und du lebst in einem Loch ohne Heizung und kannst dir nicht mal einen Mantel leisten, der nicht nach drei Minuten durchnässt ist! Schlimm genug, dass du für die Schulden deines Vaters geradestehst!«

Auch dafür brachte Nora wenig Verständnis auf, zumal Lord Greenboroughs Schuldner keineswegs Ehrenmänner waren, sondern ziemlich üble Buchmacher und Spieler. Nora riet ihrem Liebsten bedenkenlos, sie zwei Monate hinzuhalten und sich dann mit dem gesparten Geld in eine der Kolonien abzusetzen. Die Gauner mochten in England einen gewissen Einfluss haben – wobei Nora überzeugt war, dass auch der sich weitgehend auf London beschränkte –, aber bis nach Barbados oder Virginia reichte er sicher nicht. Simon betrachtete Spielschulden jedoch als Ehrenschulden – und überhaupt entzog sich ein Gentleman nicht seinen Pflichten gegenüber Stand und Familie. Noras sich häufig wiederholende Bemerkungen zu dieser Angelegenheit ließ er unkommentiert.

»Auf jeden Fall musst du jetzt mit Papa reden!«, entschied die junge Frau schließlich, während sie sich bei Simon unterhakte und ihn damit unauffällig zu ihrer Kutsche manövrierte. Auf dem Hinweg war er wieder gelaufen, um die Kosten für eine Droschke zu sparen.

Peppers, ihr geduldiger Kutscher, hielt den beiden wortlos den Schlag auf.

»Vielen Dank, Peppers!« Nora vergaß nie, dem Diener ein Lächeln zu schenken. Sicher auch dies ein Grund, dass ihr Hauspersonal die heimliche Liebe immer noch deckte. »Papa findet eine Lösung. Und er mag dich. Er vertraut dir. Das sieht man doch schon daran, dass er dich die Ladungen kontrollieren lässt und all diese Dinge. Wer weiß, vielleicht ahnt er auch schon was. Du musst jetzt nur unbedingt förmlich um meine Hand anhalten. Sonst können wir uns im Winter ja auch kaum noch sehen.«

Simon nickte ergeben. Mit Letzterem hatte sie Recht, aber dennoch fürchtete er sich bis ins Mark vor der Unterredung mit ihrem Vater. Wenn es nicht so gut ausging, wie Nora hoffte, verlor er damit schließlich nicht nur seine Liebste, sondern womöglich auch seine Anstellung und den warmen Platz im Kontor. Einen vergleichbar guten Arbeitgeber würde er kaum wieder finden – Thomas Reed hatte ihn nicht einmal gerügt, als er Anfang des Monats zwei Tage gefehlt hatte. Simon versuchte, seine hartnäckige Erkältung zu ignorieren, aber zu dieser Zeit war er so fiebrig gewesen, dass er kaum aus dem Bett kam. Natürlich schleppte er sich trotzdem ins Kontor, aber Reed schickte ihn umgehend wieder nach Hause.

»So sind Sie doch zu nichts nütze, Junge, Sie können ja kaum die Feder halten, und ich möchte nicht wissen, was für Zahlen Sie da eben addiert haben.«

Simon wusste diese ungeheure Großzügigkeit zu schätzen – Reed hätte ihn ebenso gut hinauswerfen und eventuelle Verluste durch seine Fehler vom Lohn abziehen können. So große Unterschiede bestanden nicht zwischen Lohnsklaverei auf den Inseln und einer ganz normalen Anstellung in London. Jetzt ahnte er jedoch, dass Nora sich nicht länger würde hinhalten lassen. Sie hielt die Zustimmung ihres Vaters zu ihrer Verlobung offensichtlich für eine beschlossene Sache.

»Nächste Woche, Simon! An diesem Samstag ist der große Ball der Kaufmannsvereinigung, da ist Papa abgelenkt – und ich muss auch noch das Kleid anprobieren und Frisuren besprechen … Und dann dieser Tanzunterricht, wer braucht schon die Bourgogne in den Kolonien?«

Nora tat stets so, als interessiere sie sich nicht für die Bälle und Empfänge, zu denen sie ihren Vater begleitete, weil Simon selbst natürlich nie geladen war. Aber im Grunde freute sie sich darauf. Sie liebte schöne Kleider und übte sich gern in den modischen Tänzen. Allerdings verzichtete sie auf jeden Flirt und jede Tändelei mit den jungen Männern, die ihre Tanzkarte füllten. Nora Reed hatte ihre Wahl getroffen – aber sie fieberte dem Tag entgegen, an dem Simon Greenborough sie zum ersten Mal durch ein Menuett führen würde. Und wer konnte es wissen, vielleicht tanzten sie ja übers Jahr schon unter Palmen! In London erzählte man sich von rauschenden Festen in den Residenzen der Zuckerrohrpflanzer auf den Inseln im Karibischen Meer.

»Aber in der nächsten Woche steht weiter nichts an, da haben wir dann auch Zeit, die Verlobung zu planen – mein Vater gibt bestimmt ein Fest! Und du musst über deinen Schatten springen und dir neue Sachen kaufen! Pass auf, wenn du erst mal den richtigen Leuten vorgestellt worden bist, findet sich auch ein Posten in den Kolonien! Oh, stell dir nur vor, Simon! Einmal aus dem Fenster sehen und nicht in strömenden Regen gucken, sondern in strahlenden Sonnenschein!«

Nora schmiegte sich an ihren Liebsten, sein wild pochendes Herz hielt sie für eine Freudenbekundung. Ein Scheitern seiner Werbung war unmöglich. Nora genoss den Ball der Kaufmannsvereinigung, während Simon versuchte, an seinem freien Sonntag seinen Husten auszukurieren. Er erstand Kamillenblüten und wenigstens so viel Brennholz, um Tee kochen und seinen zugigen Raum halbwegs beheizen zu können. Seine bärbeißige Vermieterin, Mrs. Paddington, kommentierte das mit boshaftem Spott.

»Na, ist der Wohlstand ausgebrochen bei Mylord? Muss ich Euch womöglich bald wieder mit Eurem Titel anreden?«

Simon sparte sich die Bemerkung, dass sich dies ohnehin gehört hätte, egal ob arm oder reich. Mal ganz abgesehen davon, dass Mrs. Paddington es eigentlich immer tat. Allerdings klang ihr Mylord oder Viscount Greenborough eher wie eine Beleidigung als wie ein Ehrentitel. Die Frau fand offensichtlich größte Genugtuung bei der Feststellung, dass ein Mitglied des Adels in die Niederungen ihres schmutzigen, nach dem großen Feuer von London nur billig und hässlich wieder aufgebauten Viertels absteigen konnte.

Simon zerrte seine Bettstatt schließlich so nah wie möglich an den Kamin und verbrachte den Sonntag unter seinen kratzigen, klammen Decken. Sehr viel Besserung brachte das nicht, der Kamin war lange nicht befeuert worden und noch länger nicht gekehrt. Er zog schlecht, und Simon hatte insofern die Wahl zwischen Kälte und Qualm. Letztlich entschloss er sich wieder für Erstere. Der Rauch verschlimmerte den Husten zudem, und die Kälte war wenigstens umsonst.

Nora entschloss sich schließlich für den Dienstag als Tag ihrer offiziellen Verlobung. Simon sollte ihrem Vater gleich nach der Arbeit im Kontor seine Aufwartung machen. Thomas Reed würde es sich dann schon zu Hause gemütlich gemacht haben, er ging meist vor seinen Schreibern, die oft noch bei Kerzenlicht die letzten Bücher in Ordnung brachten.

Simon zögerte den Aufbruch denn auch so lange hinaus wie eben möglich. Reed sollte auf keinen Fall denken, er zöge sich früh aus dem Kontor zurück oder drücke sich gerade an diesem Tag um die Arbeit. Aber schließlich ging auch der letzte Bürodiener, nachdem er das Kontor gefegt, die Federn angespitzt und die Tintenfässer für den nächsten Arbeitstag gefüllt hatte. Dem jungen Mann oblag es auch, die Feuer in den Kaminen und die Kerzen zu löschen, wenn der letzte Schreiber fertig war. Simon konnte ihn unmöglich noch länger warten lassen, indem er wichtige Arbeiten vortäuschte.

Zum Glück regnete es an diesem Tag nicht, sodass Simon den Weg nach Mayfair zu Fuß zurücklegen konnte. Er hätte sich sonst eine Droschke gegönnt – nicht auszudenken, dass er mit nassem, verknittertem Jabot vor seinen künftigen Schwiegervater trat. Das gesparte Geld hatte der junge Mann in einen Blumenstrauß für Nora investiert, der sich wirklich sehen lassen konnte – und dennoch verließ ihn fast der Mut, als er schließlich vor dem hochherrschaftlichen Haus in dem erst kurze Zeit zuvor erschlossenen Stadtteil Mayfair stand. Reed hatte das Herrenhaus vor wenigen Jahren bauen lassen. Seine Fassade war durch Pilaster in drei Teile gegliedert, der Dreiecksgiebel erinnerte an einen römischen Tempel, und dahinter erstreckte sich ein kleiner Park. All das war viel prächtiger, als Greenborough Manor je gewesen war.

Selbst in den besten Zeiten seiner Familie wäre Simon kein würdiger Bewerber um die Hand der Tochter dieses Hauses gewesen. Schließlich nahm er sich jedoch zusammen und betätigte den Türklopfer. Die Haustür wurde fast sofort geöffnet. Das zierliche junge Mädchen in der adretten Dienstbotenuniform schien nur auf ihn gewartet zu haben. Es blinzelte ihn verschwörerisch an, als er seinen Namen sagte und um eine Unterredung mit dem Hausherrn bat. Wahrscheinlich eine weitere »Vertraute« unter den Dienstboten, die Nora in ihre Liebesgeschichte eingeweiht hatte.

»Ich melde Sie dem Butler!«, erklärte die kleine Rothaarige freundlich. »Aber wenn ich Ihnen den Mantel schon mal abnehmen darf …«

Simon fand sich schließlich in einem kostbar möblierten Empfangsraum wieder und erwartete einen weiteren, diesmal höherrangigen Hausangestellten. Stattdessen erschien jedoch Nora.

»Simon!« Sie strahlte ihn an. »Du siehst gut aus! Wenn du bloß nicht so ängstlich gucken würdest!«

Simon versuchte, zurückzulächeln. Sie konnte das eigentlich nicht ernst meinen, er wusste nur zu genau, dass er blass war und in den letzten Wochen noch dünner geworden war. Aber seine Kleidung war immerhin untadelig. Er wurde immer besser in der Pflege der Spitze und Brustkrause an seinen letzten beiden Hemden, hatte selbst zu Nadel und Faden gegriffen, um Rock und Hose enger zu machen, und gestern einen Penny in Schmalz investiert, um seine abgetragenen Schnallenschuhe wieder auf Hochglanz zu polieren. Sein dunkles Haar hatte er wieder gepudert, aber diesmal nicht mit Talkum gespart. Mit ein bisschen gutem Willen konnte man die Pracht für eine der modischen Perücken halten.

»Und du siehst wunderschön aus«, gab er das Kompliment ehrlich an Nora zurück.

Sie lächelte geschmeichelt und strich den Stoff über ihrem Reifrock glatt. Zur Feier des Tages hatte sie sich für ein Kleid aus goldfarbenem Brokat entschieden, geschmückt mit unzähligen Schleifen und Bändern. Noras Haar war prachtvoll geflochten und wie immer nicht gepudert. Ihre Wangen waren vor Aufregung und freudiger Erwartung ganz rosig.

»Komm herein, Papa ist sehr gut gelaunt! Und was für schöne Blumen … Aber nein, das sage ich gleich erst! Vielleicht … vielleicht wartest du auch gerade, bis der Butler kommt …«

Im letzten Moment zeigte Nora denn doch etwas Angst vor der eigenen Courage. Sie ließ es sich allerdings nicht nehmen, Simon kurz aufmunternd auf die Wange zu küssen – und errötete ebenso wie er, als der Butler in der Tür erschien und durch ein Räuspern auf sich aufmerksam machte. Augenblicklich stob sie davon – Simon folgte ihr langsam, geführt von dem würdigen Majordomus, dessen Dienstkleidung erheblich kostbarer wirkte als Simons so mühsam gepflegter Staat als Brautwerber.

Thomas Reed hatte es sich in seinem Herrenzimmer gemütlich gemacht – etwas verwundert darüber, dass sich seine Tochter mit einer Stickerei zu ihm gesellte. Gewöhnlich mochte sie das Herrenzimmer nicht und zog stets ihr Näschen kraus, wenn sie des anheimelnden Geruchs nach Tabak, altem Leder und Rum gewahr wurde.

Nun aber saß Nora ihrem Vater gegenüber und versuchte, sich auf ein Gespräch zu konzentrieren. Zwischendurch sprang sie aber immer wieder auf, um irgendetwas zu holen oder nervös aus dem Fenster zu sehen. Jetzt, als der Butler den Besuch des Schreibers Simon Greenborough ankündigte, wirkte sie aufgeregt. Nora machte Anstalten aufzustehen, als ob sie annähme, Thomas Reed würde den Besuch in einem der förmlicheren Empfangsräume erwarten wollen. Dafür sah ihr Vater allerdings keinen Anlass, denn er erwartete offensichtlich keinen Höflichkeitsbesuch, sondern eine geschäftliche Angelegenheit. Auch wenn sich die Meldung des Butlers anders anhörte.

»Mr. Reed, Viscount Simon Greenborough wünscht, Ihnen seine Aufwartung zu machen.«

Thomas Reed lächelte. Das sah dem jungen Simon ähnlich: Immer korrekt bis zur Karikatur – wer sonst würde sich mit all seinen Titeln ankündigen lassen, um irgendeinen dringenden Brief oder eine Akte vorbeizubringen? Und dann hatte der Schreiber, der sich jetzt schüchtern, aber aufrecht hinter dem Butler ins Zimmer schob, sogar Blumen mitgebracht! Thomas fand das aufmerksam, aber übertrieben.

»Mr. Reed … Miss Nora …« Simon verbeugte sich förmlich.

»Kommen Sie rein, Simon!«, rief Thomas jovial. »Was liegt an um diese späte Stunde? Hat Morrisburg endlich geantwortet? Liefert er die Ware? Oder haben Sie was von diesem Schiff gehört, das angeblich verloren gegangen ist?«

Simon schüttelte den Kopf. Thomas Reeds Ansprache brachte ihn aus dem Konzept. Und was machte er jetzt überhaupt mit diesem Blumenstrauß?

»Was für schöne Blumen!«, brachte Nora ihren Satz an und lächelte ihm aufmunternd zu. »Für mich?«

Thomas Reed verdrehte die Augen. »Das nehme ich doch mal an, Kind, ich würde es jedenfalls befremdlich finden, wenn Mr. Greenborough mich mit floralen Zuwendungen bedenken würde. Wäre aber nicht nötig gewesen, Simon, dies ist schließlich kein Höflichkeitsbesuch, und so dicke haben Sie’s ja auch nicht …«

Simon errötete, als der Blick des Kaufmanns auf seinen abgenutzten Rock fiel.

»Doch«, brach es dann aus ihm heraus. »Also, es ist doch eher ein …«

»Nun geben Sie mir erst mal die Blumen«, lächelte Nora.

Simon brauchte Zeit, sich wieder zu fangen. Dies war natürlich sein erster Heiratsantrag, und mit dem Reden aus dem Stegreif hatte er es ohnehin nicht allzu sehr. Ihr Liebster schrieb wunderschöne Briefe, und wenn sie allein waren, sonnte Nora sich in seinen Komplimenten. Aber sonst fand sie Simon oft etwas schüchtern – vielleicht normal, wenn man so aus der Bahn geworfen worden war wie er. Sie streifte seine eiskalte Hand, während sie den Strauß entgegennahm.

Thomas Reed schaute etwas verwirrt, als er ihre Blicke bemerkte.

»Gut, Nora«, meinte er dann. »Vielleicht gehst du jetzt und lässt den Strauß in eine Vase stellen. Und wir besprechen die für dich zweifellos langweiligen Dinge, aufgrund derer Mr. Greenborough sich so spät noch auf den langen Weg gemacht hat.«

Nora errötete. »Nein, Papa«, erklärte sie dann. »Ich wollte sagen … äh … für mich ist das keineswegs langweilig, weil, es …«

»Weil ich …« Simon konnte auf keinen Fall zulassen, dass seine Liebste den Heiratsantrag einfach vorwegnahm.

Thomas Reed runzelte die Stirn. »Also, was nun, Simon? Lassen Sie mich wissen, was Sie herführt. Und was daran so erbaulich für junge Ladys sein soll. Seit wann interessierst du dich für verloren gegangene Schiffe aus Virginia?«

Noras Augen blitzten. »Schon immer! Du weißt doch, mich interessiert alles aus Übersee. Die Kolonien, die Schiffe … Simon und ich …«

»Simon und du?«, fragte Thomas Reed.

Seine Stimme verlor jäh das jovial Freundliche. Er richtete sich jetzt im Sessel auf.

Simon holte tief Luft und musste dabei ein Husten unterdrücken. Er musste es jetzt sagen. Und so bedrohlich sah Noras Vater ja auch gar nicht aus mit dem Glas Rum neben sich, der Zigarre und in dem seidenen Schlafrock, gegen den er wie jeder Hausherr Jacke und Weste einzutauschen pflegte, wenn er seine Tagesarbeit beendet hatte.

»Mr. Reed, Sir, ich … ich bin hier, um Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten!« Jetzt war es heraus.

Nora strahlte überirdisch, Thomas Reed jedoch hatte es die Sprache verschlagen. Simon hatte das Gefühl, die peinliche Stille überbrücken zu müssen, und sprach gleich weiter.

»Ich … ich weiß, ich bin keine allzu gute Partie, aber ich … ich liebe Ihre Tochter von ganzem Herzen, und Nora hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie meine Gefühle erwidert. Ich bin nicht reich, aber ich werde alles tun, um ihr ein standesgemäßes Heim zu bieten, und …«

Thomas Reeds Lachen unterbrach seine Rede. »Wie wollen Sie denn das machen?«, erkundigte er sich.

Simon biss sich auf die Lippen.

»Wir dachten an die Kolonien, Papa!«, mischte Nora sich ein. Sie lächelte ihren Vater strahlend an. Bis jetzt fand sie, dass die Sache sich gar nicht so schlecht anließ. »Wenn Simon irgendwo auf Jamaika oder Barbados oder so einen Posten fände, wenn du vielleicht … Also, wir dachten, du hättest vielleicht Interesse, irgendwo eine Handelsniederlassung zu eröffnen, und wir … Also, wir möchten beide …«

»Sei du still!«, beschied Thomas Reed seine Tochter. »Am besten gehst du deine Blumen arrangieren – oder was auch immer. Aber hier kann ich dich im Moment nicht brauchen … Nora!«

Er setzte ihren Namen streng hinzu, als sie nicht gleich Anstalten machte, sich in Bewegung zu setzen. Nora verließ daraufhin den Raum, nicht ohne Simon einen ermutigenden Blick zuzuwerfen. Simon wusste nicht, ob er sich erleichtert oder verlassen fühlen sollte.

»Sir … Ich weiß, es kommt überraschend. Und Nora … Nora stellt sich das auch sicher einfacher vor, als es ist. Aber ich bin jung, ich kann arbeiten … Ich würde mich auch auf einer der Plantagen verdingen, ich …«

»Sie sind ständig krank, Simon«, beschied ihn Reed mit schneidender Stimme. »Der Bürovorsteher legt mir schon nahe, Sie zu entlassen, weil Ihre Arbeitsleistung nicht ausreicht. Und nun wollen Sie in Übersee Neger verprügeln, die doppelt so groß sind wie Sie? Mal ganz abgesehen davon, dass ich meine Tochter nicht als Gattin eines Sklaventreibers sehe.«

Simon biss sich auf die Lippen. »Ich habe die Fehlzeit immer nachgearbeitet, Sir«, verteidigte er sich. »Und … und Sie … Sie können mir vertrauen. Wenn ich in Übersee irgendwie für Sie tätig werden könnte …«

»Simon, ich sehe meine Tochter nicht in Übersee. Das sind kindliche Schwärmereien. Aber was soll’s, sie ist siebzehn Jahre alt. Sie hat noch alle Zeit der Welt, sich in einen passenden jungen Mann aus der Londoner Geschäftswelt zu verlieben, ein Stadthaus einzurichten … Ich möchte meine Enkel gern aufwachsen sehen, Mr. Greenborough. Und mir keine Sorgen darüber machen müssen, ob sie auch genug zu essen haben.«

Simon richtete sich auf. »Die Kinder der Familie Greenborough haben noch nie gehungert!«, sagte er dann würdevoll.

Thomas Reed holte tief Luft und nahm einen Schluck Rum. »Aber fast, Simon. Und wenn ich mir Sie so ansehe, bin ich auch gar nicht sicher, ob Sie genug zwischen die Zähne kriegen. Jedenfalls hat Ihr Vater doch Ihr Land und Ihr Haus und seinen Titel verspielt, wenn ich recht informiert bin. Und Sie halten sich nun mühsam über Wasser – wobei ich Ihren Fleiß und Ihr Durchhaltevermögen durchaus schätze. Ich hörte, Sie tragen die Schulden Ihres Vaters ab – Respekt, junger Mann, so mancher andere hätte sich längst abgesetzt. Aber das sind doch keine Verhältnisse, in die ich meine Tochter verheirate!«

»Sie wäre immerhin eine Lady Greenborough«, wandte Simon ein.

Thomas Reed rieb sich die Schläfe. »Nicht einmal das, Simon, und das wissen Sie. Gut, niemand wird Ihnen die Anrede ›Viscount‹ absprechen, aber wenn Noras Kinder den Titel erben sollten, dann müsste ich sie doch eher mit einem Codrington verheiraten, nicht?«

Simon senkte den Kopf. Natürlich, Thomas Reed vermittelte mitunter selbst im Handel um Grafschaften und Parlamentssitze. Er wusste, was den Greenboroughs geschehen war.

»Mr. Reed … ich liebe Ihre Tochter!« Etwas anderes fiel Simon nicht mehr ein.

Thomas Reed zuckte die Schultern. »Das verstehe ich«, sagte er kurz. »Nora ist eine wunderschöne, kluge und äußerst liebenswerte junge Frau. Aber das ist kein Argument für eine nicht passende Ehe.«

»Nora liebt mich.« Simons Stimme klang erstickt.

Thomas warf ihm einen Blick zu und versuchte, in seinem Schreiber das zu erkennen, was seine Tochter offensichtlich in ihm sah: zweifellos einen Gentleman mit besten Umgangsformen. Er war sehr gut aussehend, wenn man diesen schmalen, etwas durchgeistigten Typ mochte. Simon hatte sanfte braune Augen, die im Dämmerlicht des Herrenzimmers fast schwarz wirkten, hohe Wangenknochen und volle, aber fein geschwungene Lippen. Seine sensiblen Hände mit den langen Fingern wirkten beinahe graziös – wahrscheinlich war er ein guter Reiter und Tänzer. Nora mochte wirklich in ihn verliebt sein, und vielleicht machte er sie sogar glücklich. Aber verdammt, es ging nicht mehr darum, seiner Tochter ein Spielzeug zu kaufen, um das sie bettelte. Nora war fast erwachsen. Er musste an ihre Zukunft denken.

»Das wird sich auch wieder ändern«, beschied er seinen Schreiber hart. »Es tut mir leid, Simon, aber ich kann Ihrem Antrag nicht entsprechen. Und Nora selbst kann Ihnen auch keine Zusage geben, dazu ist sie viel zu jung und unreif. Bleibt die Frage, wie wir jetzt verfahren. Ich möchte Sie nicht hinauswerfen, nur weil Sie meine Tochter lieben. Aber ich lege Ihnen doch nahe, sich in absehbarer Zeit nach einer anderen Stellung umzusehen. Vorzugsweise in einem Kontor, dessen Betreiber keine fast heiratsfähige Tochter hat. Selbstverständlich werde ich Ihnen hervorragende Zeugnisse ausstellen. Ich wünsche Ihnen nichts Böses, Simon Greenborough. Aber Sie müssen anfangen, sich mit Ihrem Stand und Ihrer Stellung abzufinden.«

Thomas Reed machte eine Handbewegung, die Simon hinauswies. Das Gespräch war für ihn offensichtlich beendet. Simon verbeugte sich noch einmal, wie die Konvention es vorschrieb, aber er brachte kein Wort mehr heraus. Reed schien auch keines zu erwarten. Simon hatte das Gefühl, wie blind aus dem Zimmer zu stolpern. Zum Glück nahm ihn vor der Tür der Butler in Empfang, nach dem Reed wohl geklingelt hatte. Allein hätte er nicht hinausgefunden.

Es regnete wieder, als Simon auf die Straße trat, aber diesmal bemerkte er es kaum. Wie in Trance lief er die Straßen von Mayfair entlang, überquerte die Themse-Brücke und kehrte zurück ins Eastend. Er schleppte sich die knarrende, baufällige Holztreppe zu seinem Zimmer hinauf, hörte nicht auf Mrs. Paddingtons zänkische Stimme, die schon wieder irgendetwas zu beanstanden hatte, und versuchte, alle Sinne vor der hier ständig herrschenden Geruchsmischung aus Küchendünsten, Abtritt und nasser Kleidung zu verschließen. Schließlich erreichte er schwer atmend seinen Verschlag unter dem Dach. Seinem Stand und seiner Stellung angemessen …

KAPITEL 4

Thomas Reed machte sich keine großen Gedanken darüber, dass Simon Greenborough am nächsten Tag nicht zur Arbeit erschien. Er war sogar bereit, es dem jungen Mann nachzusehen. Gut, Simons Antrag war anmaßend gewesen, aber man musste ihm seine adlige Abstammung und Erziehung zugutehalten. Ein ordentlich situierter Landadliger hätte durchaus auf eine Ehe mit Nora hoffen können. Auch wenn Thomas Reed selbst sich eher einen Kaufmann als Schwiegersohn wünschte, er hätte hier Kompromisse gemacht, wenn Nora sich die Verbindung so sehr gewünscht hätte wie offensichtlich diese Heirat mit Simon. Thomas Reed hatte seine Tochter nie so aufgebracht erlebt wie an dem Abend, als er sie von der Ablehnung seines Antrags in Kenntnis gesetzt hatte. Nora weinte, schrie und flehte – Thomas hatte seine sonst so freundliche und im Allgemeinen gehorsame Tochter kaum wiedererkannt. Es fiel ihm schwer, ihr nicht nachzugeben, aber er war überzeugt davon, das Richtige zu tun. Auch Nora würde das irgendwann einsehen.

Als Simon auch am zweiten Tag nicht ins Kontor kam, begann Reeds Verständnis allerdings einem gewissen Ärger zu weichen. Gut, der Junge war stolz, aber jetzt ging er zu weit. Es stand seinem Angestellten nicht an zu schmollen. Schlimm genug, dass Nora es tat! Sie hatte sich seit dem Antrittsbesuch in ihre Räume zurückgezogen und wechselte kein Wort mit ihrem Vater. Thomas Reed klagte sein Leid darüber schließlich einer alten Freundin, die ihm schon oft in Erziehungsdingen zur Seite gestanden hatte.

»Ach, das müssen Sie nicht überbewerten!«, lachte Lady MacDougal, eine schottische Landadlige, deren Gatte einen Parlamentssitz innehatte. Ihre Familie hielt sich deshalb öfter in London auf. »Diese Mädchen mit ihren Schwärmereien! Das kommt alles nur rüber vom französischen Hof. Faire l’amour als Lebensinhalt! Wobei Ihre Tochter ja noch einen gewissen Stil bewiesen hat – der Junge ist immerhin ein verarmter Lord. Unsere Eileen meinte dagegen im letzten Jahr, einen Stallknecht heiraten zu wollen! Überlegen Sie sich das, der Kerl konnte kaum schreiben und lesen! Hat sie aber ein paarmal beim Reiten begleitet und völlig verrückt gemacht. Nun ließ sich das leicht abstellen … und das wird bei Ihrer Nora auch nicht anders sein. Sie muss nur mal auf andere Gedanken kommen. Wissen Sie was? Wir nehmen sie mit nach Balmoral, zur Jagdsaison, sie kann ein paar Jagden reiten. Kaufen Sie ihr ein neues Pferd, das wird sie glücklich machen. Und vor allem folgt da ja ein Ball dem anderen. Sie wird mehr junge Gentlemen kennenlernen, als sie an zehn Fingern abzählen kann, alle schneidige Reiter, gute Tänzer … Für den finanziellen Hintergrund kann ich natürlich nicht garantieren.« Die Lady lachte. »Aber das Thema ›Greenborough‹ ist damit sicherlich abgeschlossen.«

Thomas Reed verließ sie getröstet. Im Grunde hatte sie ja Recht: Nora fehlte es ein bisschen an Realitätssinn, aber nicht vollständig an Urteilsvermögen. Im Gegensatz zu Eileen Mac-Dougal bewies sie mit ihrer heimlichen Liebe zumindest Würde. Insofern war er fast gut gelaunt, als er Nora am Abend zu einem gemeinsamen Dinner zitierte und mit seinen Plänen herausrückte. Noras Empörung darüber überraschte ihn.

»Ich will kein Pferd, Papa, ich will Simon! Ich bin kein Kind mehr, das man mit einem Puppenhaus von anderen Wünschen ablenkt!«

Nora warf ihre Serviette auf den Tisch und schob ihren Teller von sich.

»Vor drei Tagen hast du mir noch nahegelegt, deinem Auserwählten einen Posten in den Kolonien zu kaufen«, bemerkte Reed, den seine Hilflosigkeit gegenüber Noras fortschreitender Rebellion langsam wütend machte. »Früher war’s ein Puppenhaus, jetzt ist es ein Kolonialhaus – dem ›Zuckerbäckerstil‹ bleibst du immerhin treu, und bunt zu bemalen pflegen die Pflanzer ihre Residenzen auch mitunter.«

»Ich würde mit Simon auch in einer Hütte wohnen!«, trumpfte Nora auf. Tatsächlich gehörte ein solches, mit Palmblättern gedecktes Domizil zu ihren liebsten Tagträumen. »Und ich werde ihn auf jeden Fall heiraten! Egal, was du sagst!«

Thomas Reed seufzte und verhängte erst einmal Hausarrest – nicht auszudenken, dass Nora ihm wirklich weglief ! Worüber er sich allerdings keine größeren Sorgen machte: Simon Greenborough hatte ganz sicher kein Geld für eine Passage nach Übersee. Und grub sich zurzeit ohnehin sein eigenes Grab. Noch ein Tag unentschuldigtes Fehlen, und Reed würde dem Drängen seines Bürovorstehers nachgeben und den jungen Mann entlassen. Sollte er sehen, wie er fertig wurde!

Tatsächlich wartete er dann allerdings noch fast eine Woche, bis er sich endgültig entschloss, Simon Greenborough die Kündigung zustellen zu lassen. Außerdem beauftragte er den damit betrauten Sekretär, dem Schreiben einen Passus bezüglich eines Zeugnisses hinzuzufügen. Falls Mr. Greenborough ein solches wünsche, könnte er jederzeit im Kontor Reed vorsprechen. Mr. Simpson, der Bürovorsteher, grummelte, aber Thomas Reed beschwichtigte damit sein immer noch etwas schlechtes Gewissen. Er hatte alles getan, was er für seinen aufmüpfigen Angestellten tun konnte.

Thomas Reeds im Grunde viel aufmüpfigere Tochter hatte die Sache mit dem Hausarrest nicht sonderlich ernst genommen. In den ersten Tagen hatte das Hauspersonal sie zwar weisungsgemäß überwacht, aber als sie sich nach gut einer Woche zu Peppers in die Ställe schlich, machte dazu niemand eine Bemerkung.

Der Kutscher saß auf einem Holzstuhl in der Sattelkammer und polierte ein Geschirr mit einer Mischung aus Wachs und Kienöl.

»Das sieht gut aus«, meinte Nora, nachdem sie ihn begrüßt hatte. »Aber es ist viel Arbeit, bis es richtig glänzt, nicht wahr?«

Der Kutscher, ein kleiner, vierschrötiger Mann mit gutmütigem, rundem Gesicht, grinste und blitzte Nora mit seinen wissenden hellblauen Augen an.

»Na, nun geben Sie sich mal keine Mühe, kleine Lady«, sagte er gelassen. »Sie wollen doch nicht wirklich übers Geschirrputzen reden, oder? Was liegt an, Miss Nora? Wieder ein heimliches Rendezvous? Da kann ich Ihnen nicht mehr helfen, Ihr Vater hat mich ohnehin schon zur Rede gestellt. Nun konnt ich ehrlich alles abstreiten, gesehen hab ich ja nie nix«, er zwinkerte ihr zu, »aber jetzt geht’s nicht mehr, Miss Nora, jetzt, da Ihr Vater Bescheid weiß und es ausdrücklich missbilligt.«

Nora nickte. »Ich … ich wollt ja auch bloß … Ich hör gar nichts mehr von Simon!«, brach es schließlich aus ihr heraus. »Und das ist gar nicht so seine Art. Er … er ist doch ein Gentleman. Aber jetzt … Er ist einfach verschwunden, grußlos, und … und da dachte ich, ob er nicht vielleicht bei Ihnen eine Nachricht …«

Peppers schüttelte den Kopf. »Nee, Miss. Und auch nicht bei den anderen. Mr. Reed hat auch schon gefragt, aber da hat keiner was gehört und gesehen. Können Sie glauben, Miss Nora, unter uns hätt’s einer erwähnt …«

Nora rieb sich die Nase, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte und verwirrt war. Peppers fand, dass sie dabei anrührend zart und verloren wirkte, wie ein Kind. Er seufzte.

»Schauen Sie, Kleines, das Beste wäre, ihn zu vergessen«, meinte er dann väterlich. Solche Ratschläge überschritten natürlich seine Befugnisse, aber zum Teufel, er kannte diese junge Frau seit ihrer Geburt! »Der Mann ist weg. Und die guten Manieren gleich mit, der war doch nur auf Ihr Geld aus, Miss Nora …«

»Weg?« Nora runzelte die Stirn. »Was heißt das denn? Hat mein Vater ihn entlassen?«

Peppers schüttelte den Kopf. »Nein. Nicht, dass ich wüsste. Ich hab das sowieso nur mal nebenbei mitgehört. Aber wie’s aussieht, ist er seit diesem Auftritt bei Ihrem Vater nicht mehr im Kontor erschienen.«

Noras Augen blitzten erschrocken auf. Sie wunderte sich nicht darüber, dass die Dienerschaft von Simons Heiratsantrag wusste. So etwas blieb nie verborgen, wahrscheinlich hatte der Butler gelauscht und alles brühwarm weiterverbreitet. Aber Simon sollte dem Kontor ferngeblieben sein? Sie konnte sich das nicht vorstellen. Zweifellos hatte ihr Vater seinen Stolz verletzt, aber Simon Greenboroughs Würde hatte schon andere Schläge hinnehmen müssen. Simon war ein Gentleman, und er hatte Verpflichtungen. Zudem konnte sie nicht glauben, dass er so leicht aufgab. Er liebte sie doch nicht weniger, als sie ihn liebte. Irgendetwas musste passiert sein …

Nora straffte sich und fasste einen Entschluss. »Fahren Sie mich zum Kontor, bitte?«, bat sie Peppers. »Ich muss … Ich muss da etwas herausfinden …«

Peppers sah sie mitleidig an. »Kindchen, geben Sie’s doch auf. Der Kerl liebt Sie nicht!«

Nora schüttelte den Kopf. »Nee, Peppers!«, erklärte sie in Peppers breitem Cheapside-Dialekt. »So schnell werf ich die Flinte nicht ins Korn. Und wenn Simon Greenborough mich nicht mehr liebt, dann muss er mir das schon selbst sagen!«

Peppers spannte schließlich wirklich an – sein Herr hatte ihm ja nicht verboten, seine Tochter in sein Kontor zu fahren. Thomas Reed selbst war dort jedoch nicht zugegen. Er war an diesem Tag zu einer Reise auf den Kontinent aufgebrochen, die ihn und einen Geschäftsfreund nach Amsterdam und Lübeck führen würde. Peppers hatte ihn am Morgen zu dem Mann gefahren. Die beiden wollten noch einiges besprechen, und gegen Abend würde ihr Schiff ablegen. Der Kutscher hielt es für eher unwahrscheinlich, dass Reed zwischendurch noch im Kontor vorbeischaute. Ein Glück für die kleine Miss Nora. Denn was auch immer die dort wollte: Ihren Vater zu sprechen, plante sie auf keinen Fall.

»Hören Sie auf, Miss Nora, ich kann Ihnen nicht sagen, wo Mr. Greenborough wohnt!« Mr. Simpson, der kleine, dickliche Bürovorsteher, verhielt sich, als empfände er Noras Bitte als persönliche Beleidigung. »Das wäre Ihrem Vater nicht recht. Außerdem arbeitet der Mann nicht mehr bei uns. Sie können ihn auf keinen Fall aufsuchen.«

»Vielleicht will ich ihm ja einfach nur einen Brief schreiben«, meinte Nora. »Aber ich brauche seine Adresse!«

Der Mann lachte geringschätzig. »Da wird sich wohl kein Postbote hin verirren«, meinte er. »Bitte gehen Sie jetzt, Miss Nora. Ich muss weiterarbeiten, und ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Sie können sich natürlich auch ins Arbeitszimmer Ihres Vaters setzen und auf ihn warten«, bot George Wilson, einer der jüngeren Sekretäre, ihr beflissen an, als sie enttäuscht auf den Korridor trat. »Vielleicht kommt er ja doch noch vorbei. Ich serviere Ihnen da auch gern eine Tasse Tee.«

Nora wollte zunächst verneinen, entschloss sich dann aber doch, ihren Aufenthalt im Kontor auszudehnen. Vielleicht bot sich ja noch eine andere Gelegenheit, etwas über Simon herauszufinden.

»Mein Vater hat Mr. Greenborough gekündigt?«, erkundigte sie sich, als Wilson ihr den Tee brachte.

Der junge Mann lächelte ihr zu. Es sah bezaubernd aus, wie die zierliche junge Frau in dem voluminösen Sessel ihres Vaters thronte, den Reifrock darüber drapiert, und den Blick ihrer klugen grünen Augen über die Bücher und Akten an den Wänden des Kontors schweifen ließ. Ob es stimmte, dass Simon Greenborough es gewagt hatte, um Nora Reeds Hand anzuhalten?

»Ja, bedauerlicherweise«, antwortete Wilson schließlich. »Nachdem er eine Woche nicht zur Arbeit erschienen war. Das geht natürlich auch nicht. Wir …«

»Wilson?« Die Stimme des Bürovorstehers klang schneidend. »Was machen Sie da? Ich sehe wohl nicht recht, noch einer, der mit der Tochter seines Brotherrn tändelt? Ich habe Sie gebeten, nach Hause zu gehen, Miss Reed. Und Sie, Wilson, geben Sie Bobby endlich die Ermächtigungsschreiben, die er zu den Docks bringen soll!«

Der Mann blitzte sowohl Nora als auch seinen Untergebenen an. Er schien sich sehr sicher an seinem Arbeitsplatz zu fühlen, nicht jeder hätte gewagt, die Tochter seines Arbeitgebers so zu behandeln.

Wilson seufzte, als Simpson sich umwandte, die Tür des Kontors jedoch offen ließ. Ein klares Zeichen, dass er ein Auge auf ihn hielt. »Ja, dann, Miss Reed …«

Nora wollte schon aufstehen. Aber dann kam ihr plötzlich ein Geistesblitz. »Mr. Wilson, diese Kündigung an meinen … äh … an Mr. Greenborough. Wurde ihm die schriftlich zugestellt?«

Wilson nickte. »Selbstverständlich, Miss Reed, das muss ja alles seine Ordnung haben. Er hat auch den Rest von seinem Gehalt bekommen, Mr. Reed ist da sehr korrekt. Er bietet ihm sogar ein Zeugnis an. Ich habe den Brief selbst geschrieben … Aber ich … ich erinnere mich gar nicht mehr an die Adresse.«

Wilson errötete bei der Lüge, aber Nora achtete nicht auf ihn. Thomas Reed hatte einen Brief diktiert, und Bobby, der kleine Botenjunge, hatte ihn befördert! Nora wusste nun, an wen sie sich wenden konnte!

Rasch und förmlich verabschiedete sie sich von Wilson, der erleichtert wirkte. Er atmete zweifellos auf, als sie das Kontor verließ, ohne weitere Fragen nach der Kündigung zu stellen.

In der Hauseinfahrt, außer Sichtweite des Kutschers, wartete sie auf Bobby, einen mageren, rothaarigen Dreizehnjährigen, der für Reeds Kontor Briefe beförderte. Der Junge grinste sie furchtlos an, als sie ihn ansprach, die Sommersprossen tanzten in seinem noch kindlichen Gesicht.

»Kann ich was für Sie tun, Miss Reed?«

Nora nickte und nannte ihr Anliegen. »Du musst doch noch wissen, wo du die Kündigung hingetragen hast.«

»War der wirklich Ihr Liebster, Miss Reed?«, fragte Bobby frech, statt ihre Frage zu beantworten. »Das sagen sie im Kontor, aber der arme Schlucker und so ’ne Prinzessin wie Sie, Miss Reed …«

Nora bemühte sich, empört zu tun. »Das geht dich gar nichts an, Bobby!«, beschied sie den Jungen. »Und im Übrigen könntest du dich ein bisschen mäßigen! Mr. Greenborough ist schließlich nicht einfach Mr. Greenborough, sondern ein Viscount. Ein Peer, ein Lord …«

Bobby verzog das Gesicht. »Aber sein Schloss bricht bald über ihm zusammen«, höhnte der Junge. »Im Ernst, Miss Nora, das ist eine Absteige, wo ich den Brief hingebracht hab, da wohn ja ich noch hochherrschaftlich gegen … Und das Viertel da hinter dem Tower … die Schlachtereien …«

»Das werde ich dann ja gleich selbst sehen«, stoppte Nora seinen Redefluss. »Würdest du mich bitte hinführen?«

»Sie?« Bobby runzelte die Stirn. »Nee, Miss, das geht nicht, das ist kein Ort für eine Lady. Ihr Vater würde … der würde mich glatt …«

»Mein Vater muss das nicht erfahren«, sagte Nora und zog eine Münze aus der Tasche. Bobby musterte den Penny begehrlich.

»Das erzählt ihm doch schon Ihr Kutscher«, bemerkte er dann scharfsinnig und wies mit einer Schulter hinüber zu Peppers.

Nora biss sich auf die Lippen. Der Junge hatte Recht. Peppers durfte auch nichts mitkriegen.

»Können wir nicht irgendwie an der Kutsche vorbei, ohne dass er uns sieht?«, erkundigte sie sich.

Der Junge kicherte. Es amüsierte ihn offensichtlich, dass diese hochherrschaftliche Miss ein Abenteuer mit ihm plante.

»Nee. Wie soll denn das gehen, der guckt doch schon die ganze Zeit her. Wenn Sie einen Schritt vortreten, sieht der Sie. Aber warten Sie mal!«

Bobby zwinkerte ihr zu, trabte auf die Kutsche zu und wechselte ein paar Worte mit Peppers. Noch bevor er wieder da war, hatte der die Pferde antreten lassen. Die Kutsche fuhr ab.

»Ich hab ihm gesagt, dass Sie im Kontor auf Ihren Vater warten«, erklärte Bobby und zog Nora am Rock aus der Einfahrt. »Aber jetzt kommen Sie auch, sonst erwischt Sie hier noch wer – und mich auch. Außerdem ist das ein Umweg, wir müssen schnell machen, damit uns Simpson nicht draufkommt. Der zählt jeden Schritt, den ich zu machen hab zwischen dem Kontor und den Docks, und wehe, ich bin ein paar Herzschläge zu spät …«

Nora hoffte, dass Peppers die Ausrede wirklich geglaubt hatte – eigentlich hatte ihr Vater schließlich nicht geplant, vor der Abreise noch einmal ins Kontor zurückzukehren. Aber andererseits konnte er seine Pläne geändert haben, und zu viel zu hinterfragen stand dem Kutscher nicht zu. Insofern versuchte sie, sich keine allzu großen Sorgen zu machen, als sie Bobby jetzt entlang des Themse-Ufers folgte, zuerst vorbei an ordentlichen, neu gebauten oder altehrwürdigen Kontor- und Gildehäusern, dann in die Gassen der Armenviertel. Nora vergaß ihre Befürchtungen, der Kutscher könnte ihr unauffällig folgen. Tatsächlich waren die Straßen so eng, so schmutzig und überfüllt, dass die Pferde kaum durchgekommen wären. Man sah auch bald gar keine Kutschen oder Droschken mehr, allenfalls alte, zweirädrige Karren mit klapperigen Pferden oder Maultieren davor.

Nora wurde zusehends mulmig zumute. Simon hatte ihr erzählt, dass er sehr preiswert im Eastend wohnte, aber diese Hütten und engen, billig gebauten Häuser, diese unratübersäten Straßen, in denen schmutzige, barfüßige Kinder spielten, während dunkle Gestalten hinter den Ecken zu lauern schienen … Nora dankte dem Himmel für Bobby, der sich hier mit größter Selbstverständlichkeit bewegte. Anscheinend stammte er selbst aus kaum besseren Verhältnissen. Auf jeden Fall flitzte er so rasch durch die Straßen, dass Nora ihm kaum folgen konnte. Sie fühlte sich auch unsicher und deplatziert in ihrem schlichten, aber selbstverständlich aus bestem Stoff gefertigten Nachmittagskleid mit Reifrock und Mantille. Gut, dass sie ihr Haar nicht gepudert hatte. Niemand in diesem elendigen Viertel puderte anscheinend sein Haar. Die durch die Straßen hastenden oder am Rand des Weges irgendwelche Waren verhökernden Frauen wirkten genauso ungepflegt wie ihre Kinder.

»Hat … hat Simon, also Mr. Greenborough, irgendetwas gesagt, weshalb er nicht mehr ins Kontor kam?«, versuchte Nora ein Gespräch mit ihrem Führer zu beginnen. Bobby war schließlich der Einzige, der nach dem verhängnisvollen Dienstagabend noch mit Simon gesprochen haben konnte.

Bobby schüttelte den Kopf. »Der hat gar nicht viel gesagt«, antwortete er dann. »Der lag im Bett und war krank, Miss. Und nicht nur ’n bisschen, wenn Sie mich fragen. Dazu sah er aus, als hätt er seit drei Tagen nichts zwischen die Zähne gekriegt. Trotzdem wollt er mir noch ’n Penny geben, für den Botendienst … obwohl’s ja weiß Gott keine guten Nachrichten waren. Ich hab den Penny dann dem Weib von unten in den Rachen geschmissen, damit’s ihm mal was zum Essen raufbringt. Hoffe bloß, die Alte hat’s getan …«

Noras fühlte Angst in sich aufsteigen – und gleichzeitig ein warmes Gefühl für den Jungen neben sich. »Das war sehr anständig von dir, Bobby!«, lobte sie.

Der Rotschopf zuckte die Schultern. »Der Pastor sagt: ›Gebt, dann wird euch gegeben‹. Oder so was. Meine Mom glaubt da ja nicht dran, aber irgendwie hat er mich gedauert, Ihr … Lord …«

Der Junge grinste entschuldigend. Und verhielt dann vor einem zweistöckigen Haus, immerhin aus Stein gebaut, zweifellos nach dem großen Feuer. Allerdings sah es auch nach den wenigen Jahrzehnten schon verwahrlost und verwohnt aus.

»Hier ist es. Aber gehen Sie da besser nicht allein rein …«

Ganz Gentleman hielt Bobby Nora die Tür auf, die in einen dunklen, stinkenden Flur führte. Er schien schon zur unteren Wohnung zu gehören, jedenfalls stand die Tür zu einem der Zimmer offen, das für Nora wie die Karikatur eines Salons wirkte. Es gab einen Kamin und alte Sessel davor, Stühle und einen Tisch, aber alles wirkte schmutzig, grau, fadenscheinig – und vor allem schien hier nie jemand aufzuräumen. Überall lagen Stoffreste und alte Kleidung herum.

»Damit handelt die«, klärte Bobby die entsetzte Nora auf. »Die alte Paddington, mein ich, die Wirtin. An- und Verkauf von getragenen Kleidern, am Markttag steht sie damit auf der Cheapside. Und sonst vermietet sie das Haus – wie sie da dran gekommen ist, weiß keiner …«

Aus der Wohnung drang jetzt eine zänkische Stimme.

Bobby zog den Kopf ein. »Kommen Sie schnell rauf, Miss Nora, bevor das Weib Sie bemerkt!«, forderte er Nora auf und schob sie in Richtung einer Holztreppe, die eher den Namen Stiege verdiente.

»Ich hab euch schon gesehen!«, keifte die Frau jedoch gleich hinter ihnen her. »Den Jungen von der Fanny Deary und eine feine kleine Lady. Bist dir wohl zu gut, alten Freunden guten Tag zu sagen, Bobby, was? Und wo willste hin?«

»Hören Sie nicht auf sie«, flüsterte Bobby peinlich berührt. »Meine Mom ist nicht wirklich befreundet mit ihr, sie hat hier nur Kleider verkauft, als mein Alter starb … Besuch für Mr. Greenborough, Mrs. Paddington!«, rief er dann über die Schulter herunter zu der Vettel, die nun am Ansatz der Treppe stand und neugierig zu ihnen hochlugte.

Mrs. Paddington war noch nicht wirklich alt, aber unförmig dick und rotgesichtig. Ihr Haar hing strähnig herunter, ihre kleinen Augen blickten glasig, aber nichtsdestotrotz böse und misstrauisch. Nora meinte jetzt, den aus ihrer Wohnung dringenden Gestank identifizieren zu können: Gin oder irgendein anderer billiger Fusel.

Auch die Zimmer im ersten Stock schienen bewohnt zu sein, man hörte Stimmen hinter den geschlossenen Türen. Aber Bobby kletterte eine weitere schmale, wacklige Stiege hinauf. Nora befürchtete bei jedem Schritt, das morsche, knarrende Holz könnte nachgeben. Oben befand sich nur noch eine einzige Tür, niedrig und offensichtlich aus Altholz gezimmert. Sie wirkte, als hätte sie schon mehr als einen Hausbrand überstanden.

Bobby klopfte, und Noras Herz schlug so heftig, dass sie meinte, es müsse das Hämmern seiner Knöchel auf dem morschen Holz übertönen.

Von drinnen kam jedoch keine Antwort. Ob Simon ausgegangen war? Nora überlegte enttäuscht, wieder zu gehen. Aber dann stieß ihr junger Begleiter ohne weiteres Federlesen die Wohnungstür auf.

»Mr. Greenborough? Ich bin’s schon wieder. Aber diesmal mit besseren Nachrichten!«

Die Stimme des Jungen klang gewollt fröhlich und optimistisch. Nora schob sich hinter ihm ins Zimmer – und hielt vor Entsetzen den Atem an.

Simons Verschlag lag direkt unter dem Dach. Der Raum enthielt keine einzige gerade Wand, und ein paar Eimer, die wahllos verteilt herumstanden, ließen den Schluss zu, dass es durchregnete. Auf jeden Fall musste es im Sommer unerträglich heiß, im Winter eiskalt sein – und es war dunkel, auf den ersten Blick konnte Nora kaum etwas erkennen. Im Kamin brannte kein Feuer. Erst als sich ihre Augen langsam auf das Halbdunkel einstellten, erkannte sie die notdürftige Möblierung – ein Tisch und ein Stuhl, über den Simon nachlässig die Kleidung geworfen hatte, die er an jenem Dienstagabend getragen hatte. Das sah ihm nicht ähnlich. An einem ungeschickt in die Wand geschlagenen Haken hing sein zweites Hemd sehr sorgfältig gebügelt, das zugehörige Plätteisen stand auf dem Tisch. Nora erinnerte sich mit Scham an den Tag, an dem er ihr gestanden hatte, dass er sich selbst um seine Kleidung kümmerte. Sie hatte ihn ausgelacht, weil er die Arbeit einer Wäscherin und Büglerin tat, und befürchtet, dass ihr Liebster doch etwas geizig sein mochte. Aber jetzt sah sie Simons harte Wirklichkeit – und dann endlich ihren Liebsten selbst auf der schlichten Bettstatt, die er aus unerfindlichen Gründen so nah wie möglich an den kalten Kamin gerückt hatte. In dem Ofen hatte schon lange kein Feuer mehr gebrannt. Und Simon lag zusammengekrümmt unter seiner dünnen Decke, verzweifelt bemüht, die geringe Wärme zu halten, die sie ihm spendete.

Nora lief auf ihn zu – und erschrak erneut, als sie in sein eingefallenes, fiebrig gerötetes Gesicht blickte.

»Simon! Warum sagst du denn niemandem, dass du krank bist? Warum hast du mich nicht benachrichtigen lassen? O Gott, Simon, du brauchst einen Arzt!«

Simon öffnete die Augen – sie waren rotgerändert und glasig vom Fieber, aber sie leuchteten auf, als er Nora erkannte.

»Nora … du … du bist es … oder … ein Traum …«

Nora lächelte und kämpfte mit den Tränen. Dies hier war schlimm. Viel schlimmer, als sie es sich je hätte vorstellen können.

»Nein, ich bin es wirklich!«, sagte sie fest und streichelte über Simons Haar. Es war schweißfeucht, obwohl er vor Kälte schlotterte. »Und jetzt werde ich mich um dich kümmern. Das hätte ich längst tun sollen … Himmel, Simon, du zitterst ja …«

»Es ist kalt …«, flüsterte Simon.

Er trug nur ein Hemd, das gleiche, in dem er bei Noras Vater vorstellig geworden war. An diesem Abend war er durchnässt, gedemütigt und mutlos auf seinem Bett zusammengebrochen und am nächsten Morgen mit Fieber erwacht. Er hatte es gerade noch geschafft, sich Jacke und Hose zu entledigen, dann war er erneut hustend aufs Bett gesunken. Er wusste kaum, wie er die ersten Tage überstanden hatte, bevor Bobby mit der Kündigung vorbeikam. Simon meinte sich dunkel zu erinnern, dass ihm die Tochter seiner Vermieterin gelegentlich zu essen heraufbrachte. Seit Bobby da gewesen war, schaute sie regelmäßig nach ihm – einmal täglich. Allerdings kontrollierte Mrs. Paddington, seit sie wusste, dass Simon krank im Bett lag, genau, was ihre Tochter trieb. Die mitleidige kleine Joan schmuggelte folglich nur noch manchmal dünne Biersuppe oder einen Brocken Brot hinauf.

Nora nahm ihre Mantille ab und legte sie Simon um.

»Wir müssen diesen Kamin befeuern!«, bestimmte sie dann – erstaunt über sich selbst. In den Romanen, die sie las, hätte die Heldin ihren Liebsten jetzt erst mal in die Arme geschlossen, und er hätte ihr versichert, dass allein ihre Liebe ihn umgehend heilen würde. Aber für Nora hatte das Abenteuer geendet, als sie diese Mansarde betrat. Jetzt forderte sie die Wirklichkeit, und da brauchte Simon weniger Küsse und Zärtlichkeiten als Decken, warmes Essen, ein Kaminfeuer und einen Arzt. »Kannst du irgendwo Holz besorgen, Bobby?«

Simon schüttelte den Kopf. »Qualmt …«, flüsterte er. »Er qualmt und rußt … Keine Wärme …« Er hustete, während er die Worte ausstieß.

Nora sah sich hilfesuchend zu Bobby um. »Was machen wir denn da?«, fragte sie ratlos.

Bobby zuckte die Schultern. »Kaminkehrer«, sagte er knapp. »Kann ich vorbeigehen. Wenn Sie …« Er machte eine Geste, die »Kostet aber Geld« signalisierte.

Nora gab ihm ein paar Pennys. »Reicht das?«, fragte sie unsicher.

Bobby verdrehte die Augen. »Das reicht für dreimal, Miss … Und noch für ’n paar andere Sachen … Lassen Se mich mal machen … Aber jetzt muss ich wirklich … Mr. Simpson wartet.«

Der Junge verzog sich zu seiner Arbeit, aber Nora hörte ihn auf der Treppe noch mit Mrs. Paddington reden. Sie antwortete zänkisch, dass dies hier wohl kein Hotel wäre und sie keine Dienstbotin. Aber dann verklang das Gekeife, und Nora fand sich allein mit Simon. In Ermangelung irgendeiner anderen Möglichkeit, sich zu betätigen, hockte sie sich neben sein Bett. Sie erinnerte sich dunkel, was sie über Krankenpflege wusste. Viel war es nicht, eigentlich nur das, woran sie sich aus eigenen Krankheitstagen erinnerte. Wenn Nora sich verkühlt oder sich den Magen verdorben hatte, machte die Haushälterin ihr Wadenwickel und kochte Kräutertee. Hier gab es allerdings nicht mal einen Kessel, von der fehlenden Kochstelle ganz zu schweigen. Nora legte den Arm um Simon. Wenn sie ihm half, sich aufzusetzen, konnte sie sein Kissen aufschütteln – sofern man dieses harte, verklumpte Ding als Kissen bezeichnen konnte.

Simon suchte ihren Blick. »Es tut mir leid …«, flüsterte er.

Nora überlegte es sich anders und zog seinen Kopf an ihre Brust. »Dir braucht nichts leid zu tun, Liebster«, flüsterte sie. »Du kannst nichts dafür, dass du krank bist. Und jetzt … jetzt bin ich ja hier …«

Simon regte sich. Er musste wieder husten, als er versuchte, sich von ihr zu lösen. »Du kannst hier nicht bleiben, Nora! Du solltest gar nicht hier sein, du musst …«

In dem Moment öffnete sich die Tür, und ein mageres, dunkelhaariges junges Mädchen schob sich durch die Öffnung. Es trug einen Krug mit einem bitter riechenden Gebräu. Nora meinte, Heißbier zu erkennen, vielleicht hatte man auch Kräuter hineingegeben. Sie verzog den Mund, aber das Zeug dampfte, es mochte Simon also wenigstens ein bisschen wärmen.

Das Mädchen knickste unsicher vor der vornehmen Besucherin. »Das schickt die Mutter«, sagte es leise. »Der Deary-Junge hat dafür bezahlt. Und es wär auch noch Eintopf da, sagt die Mutter, aber das kostet noch einen Penny …« Das Mädchen hielt den Kopf gesenkt. Die Raffgier seiner Mutter schien ihm peinlich zu sein.

Nora wollte schon nach ihrer Börse greifen, aber dann überlegte sie es sich anders. Sie war eine Kaufmannstochter! Und auch wenn es nur um ein paar Penny ging, sie sollte dieser Mrs. Paddington nicht erlauben, sie schamlos über den Tisch zu ziehen.

»Sag deiner Mutter, ich wüsste sehr gut, dass Bobby auch für das Essen bezahlt hat!«, sagte sie, so fest wie sie eben konnte. »Wenn sie noch einen Penny will, dann soll sie dich mit zwei weiteren Decken hochschicken, aber warmen Decken, keine Lumpen wie die hier!« Sie wies auf das fadenscheinige Ding, mit dem sich Simon notdürftig wärmte. »Ach ja, und ein Kissen gehört natürlich auch dazu!«

Das Mädchen nickte, stellte den Krug auf den Tisch und verzog sich nach unten, um seiner Mutter zu bestellen, was die junge Dame ihm aufgetragen hatte. Beim Hinausgehen warf Joan Nora einen bewundernden Blick zu. Nora atmete auf, als sie die Tür hinter sich schloss.

»Joan ist ein gutes Kind«, sagte Simon leise, als wollte er Nora für ihre harten Worte rügen.

Nora zuckte die Achseln. »Und ihre Mutter ist ein Drachen!«, erklärte sie. »Aber damit werde ich schon fertig, ich …«

Simon lächelte schwach. »Der Prinz sollte den Drachen töten …«, erinnerte er sie sanft.

Nora verdrehte die Augen. »Morgen, Liebster, morgen schlägst du einem Lindwurm den Kopf ab. Aber erst mal musst du diesen Husten loswerden. Und das kannst du nicht, wenn du es nicht warm hast und trocken und wenn dieser Drachen dich verhungern lässt! Jetzt trink erst mal …«

Nora machte sich auf die Suche nach einer Tasse oder einem Glas und fand schließlich einen angeschlagenen irdenen Becher. Sie füllte etwas von dem Bier hinein und reichte es Simon, aber er zitterte immer noch zu stark, um den Becher zu halten. Nora half ihm, ihn an den Mund zu führen, und schloss auch seine Hände darum, um sie zu wärmen.

»Wir hätten vielleicht Rum bestellen sollen …«, murmelte sie.

Simon trank durstig und schien sich gleich etwas besser zu fühlen. »Du kannst nicht hierbleiben!«, wiederholte er.

Nora verzog den Mund wie ein unartiges kleines Mädchen. Dann lächelte sie. »Versuch mal, mich dran zu hindern«, sagte sie kampflustig.

Simon richtete sich mühsam auf. »Nora, du darfst nicht allein mit einem Mann in einer Wohnung sein. Das … das ruiniert deinen Ruf … das …« Er sank zurück auf sein Lager.

»Das ist mir egal«, sagte Nora kurz. »Im Gegenteil, es passt mir sogar bestens. Mein Vater ist verreist. Und wenn er zurückkommt, weiß die halbe Stadt, dass die kleine Nora Reed mit ihrem Liebsten durchgegangen ist. Dann kann er mich verstoßen oder eine Hochzeit ausrichten. Glaub mir, er wird Letzteres tun …«

Simon schüttelte den Kopf. »Du hast dich schon einmal getäuscht«, erinnerte er sie leise. »Nora, all das, was er mir gesagt hat … Er wird niemals zustimmen, nie … Und … und er hat ja Recht …« Nora wollte ihn erneut in den Arm nehmen, aber er drehte sich weg. Schon die leichte Anstrengung ließ ihn erneut husten. »Er hat völlig Recht, Nora, ich werde dir nie ein standesgemäßes Leben bieten können. Und jetzt … Nora, dies ist keine kleine Erkältung, dafür geht es schon zu lange. Dies ist …«

Simon sprach das Wort nicht aus, aber auch Nora musste die Anzeichen der Schwindsucht kennen. Selbst in den besten Kreisen starben die Menschen daran. Und hier, in den engen Straßen des Eastend, war die Seuche allgegenwärtig.

Nora schüttelte den Kopf. »Das heilt aus, wenn wir erst mal im Süden sind!«, erklärte sie bestimmt. »Die Kälte hier, die Nässe – dafür sind wir nicht geschaffen. Aber du musst wieder Mut fassen, Liebster! Warte ab, wenn hier ein Feuer brennt und wir Kerzen haben … Kerzen, genau, wir brauchen Licht … Wir machen es uns gemütlich, und ich erzähle dir von Cooper Island. Lady Wentworth hat es mir genau geschildert. Und ich habe dir auch noch gar nicht alles von dem Buch erzählt, das sie mir geliehen hatte. Über Barbados … den Dschungel und den Strand … Aber es gibt auch schon eine richtige Stadt dort. Sie heißt …«

Simon gab sich vorerst geschlagen – allerdings hatte er auch gar keine Zeit mehr, um weiter zu protestieren. Fast gleichzeitig erschien jetzt schließlich wieder Joan – diesmal mit einer Schüssel warmem Wasser – und etwas regte sich auf dem Dach.

»Der Kaminfeger ist da«, meldete das Mädchen. »Und die Mutter sucht Bettzeug zusammen. Sie schimpft, weil sie wohl ihr eigenes nehmen muss, und sie will zwei Penny, wenn sie’s frisch beziehen soll. Und ich hab gedacht … vielleicht möchte der Herr sich waschen …«

Noras Herz flog dem Mädchen zu. Joan war wirklich ein gutes Kind und unzweifelhaft um Simon besorgt. Ob sie verliebt in ihn war? Aber dafür erschien sie Nora zu jung.

Andererseits wurde man im Eastend wohl früh erwachsen. Nora erschrak, als sich plötzlich etwas Kleines, Rußschwarzes durch den Kaminschacht abseilte und auf die kalte Feuerstelle plumpste. Sie dachte zunächst an einen Kobold – oder den Weihnachtsmann, für den sie am Heiligen Abend Strümpfe an den Kamin hängte. Aber dann entpuppte sich das winzige Ding als vielleicht fünfjähriger Junge, der den Kehrbesen schwang.

»Und mach’s richtig, Tom, dass ich nicht wieder Klagen höre!«

Eine Männerstimme erklang von oben. Anscheinend der Kaminfeger, der den Kleinen am Seil herunterließ, um seine Arbeit zu tun. Der Schacht war eng, ein Erwachsener, oder auch nur ein größeres Kind, hätte nicht hindurchgepasst.

Nora blickte entsetzt auf das Kind, das mit allen Anzeichen der Anstrengung den Ruß von den Wänden des Kamins klopfte. Der Junge wirkte unterernährt und hustete. Nora wollte etwas zu ihm sagen, aber ihr fiel nichts ein, womit sie ihn hätte trösten können. Vielleicht ein Penny? Aber das war, wenn man Bobby glauben konnte, ja schon der Lohn für die ganze Arbeit. Und der Meister würde es dem Kleinen sicher wegnehmen. Zu Hause hätte sie Zuckerzeug gehabt … aber hier …

Bevor sie noch irgendetwas tun konnte, hatte der Kaminfeger seinen kleinen Lehrling wieder heraufgezogen. Er fuhr fort, im Schacht hängend die Wände zu fegen.

»Gleich fertig!«, rief der Mann schließlich von oben. »Wenn wir weg sind, könnt ihr Feuer machen.«

Dazu fehlte es natürlich noch an Holz, aber Nora hoffte auch hier auf Bobby. Und vorerst musste sie Simon helfen, sich zu waschen. Der bestand allerdings darauf, dass sie sich dabei abwandte. Trotz seiner Schwäche richtete er sich auf, und Nora tat das Herz weh, als sie ihn wieder husten hörte. Anschließend wirkte er auch weniger erfrischt als zu Tode erschöpft.

Nora suchte derweil nach einem Nachthemd. Sie errötete dabei ein wenig, sie hatte nicht einmal ihren Vater je im Nachtgewand gesehen. Aber jetzt war keine Zeit für Scham – und wenn sie Simon heiratete, würden sie schließlich ohnehin das Bett miteinander teilen. Nora hatte verhältnismäßig genaue Vorstellungen darüber, was dabei auf sie zukam. Schließlich pflegten die Mädchen der besseren Gesellschaft pausenlos darüber zu tuscheln. Faire l’amour hatte am Hof des Sonnenkönigs als eine Art Gesellschaftsspiel gegolten, und nun schwappte die Sache langsam nach England über. Der Landadel erregte sich zwar eher über die Schamlosigkeit der Franzosen, aber die jungen Leute erzählten sich errötend von den Ausschreitungen in dem Land auf der anderen Seite des Kanals. Nora fürchtete sich jedenfalls nicht vor ihrer Hochzeitsnacht mit Simon, bisher hatte sie es stets genossen, sich im Sommer im Park neben ihm auszustrecken. Sie dachte noch immer voller Sehnsucht an ihre gemeinsame Bootsfahrt. Damals hatte sie sogar gewagt, unter sein Hemd zu greifen und seine nackte Brust zu liebkosen. Es gab keinen Grund, das jetzt nicht wieder zu tun.

Während sie Simons spärliche Besitztümer noch durchsah, kam Joan mit dem frischen Bettzeug – tatsächlich Daunendecken. Was allerdings den Bezug anging … Nora wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Auf jeden Fall würde sie waschen müssen. Gleich am kommenden Tag, sobald sie … Himmel, sie würde einen Zuber brauchen und Töpfe zum Kochen und all diese Dinge, von denen sie kaum wusste, was man damit tat! Das Wort Aussteuer gewann plötzlich eine ganz andere Bedeutung, bisher hatte sie dabei nur an Silber und Porzellan, feine Möbel und Tischwäsche gedacht.

Simon ließ zu, dass Nora ihm in ein frisches Nachthemd half. Die neuen Decken und ein weiterer Becher von dem Biersud wärmten ihn wenigstens so weit, dass er nicht mehr zitterte. Nora setzte sich zu ihm, streichelte seine Stirn und massierte seine Schläfen, und als sie begann, von Barbados zu erzählen, schlief er gleich ein. Die Kälte hatte ihm wohl zu lange den Schlaf geraubt.

Nora dachte darüber nach, wo sie selbst sich in der kleinen Kammer zur Ruhe legen konnte. Aber erst aß sie ein wenig von dem Eintopf, den Joan vorbeibrachte, und dann erschien Bobby – mit einem großen Korb voller Feuerholz.

»Im Kontor ist der Teufel los, Miss, Ihr Kutscher hat nach Ihnen gefragt. Er sucht Sie«, erzählte der Junge, während er den Kamin anfeuerte. Nora schaute aufmerksam zu. Sie hatte das noch nie selbst getan, aber sie würde es lernen müssen. »Ich hab natürlich nichts verraten, aber sie vermuten schon so was.« Eine Bewegung seiner sprechenden Hände umfasste die Mansarde. »Ich glaub, sie wollen Ihren Vater benachrichtigen …«

Nora nickte, obwohl ihr mulmig zumute war. Gut, ihr Vater war jetzt auf See, der Brief konnte ihn frühestens mit dem nächsten Schiff in Amsterdam erreichen. Peppers traute sie jedoch durchaus zu, Simons Adresse ausfindig zu machen. Würde er hier auftauchen und sie herausholen? Ohne ausdrückliche Aufforderung seines Herrn? Nora war sich nicht sicher. Peppers betete sie an, aber er war Thomas Reed ein treuer Diener. Wahrscheinlich würde es von seiner Einschätzung der Lage abhängen: Wenn auch er ihre Liebe zu Simon für kindische Schwärmerei hielt, dann würde er sie zwingen, ihren Liebsten zu verlassen.

An diesem Abend geschah jedoch nichts. Ob Peppers die Anschrift noch nicht hatte? Mr. Simpson pflegte früh nach Haus zu gehen, und Mr. Wilson hatte Nora vielleicht nicht verraten. Aber womöglich war der alte Kutscher auch unschlüssig. Nora rollte sich, in ihren Mantel gekuschelt, vor dem heimelig flackernden Kaminfeuer zusammen und dachte, dass sie erst mal zufrieden sein konnte mit dem, was sie an diesem Nachmittag erreicht hatte.

Allerdings konnte sie ihren Schlaf nur kurze Zeit genießen. Simons Husten und seine mühsamen Atemzüge raubten ihr die Ruhe, und dann … Entsetzt schrak sie auf, als kleine ledrige Füßchen über ihre nackten Beine tapsten. Mäuse! Oder womöglich gar Ratten! Nora würde Gift auslegen müssen – oder eine Katze anschaffen. Letzteres war ihr sympathischer, aber sie machte sich schon im Vorfeld Sorgen um das Tier. Das Fleisch im Eintopf war Nora sehr seltsam erschienen.

Und dann, in der zweiten Hälfte der Nacht, begann Nora, sich um ihr Geld zu sorgen. Die Dinge waren billig im Eastend, aber dennoch verschlangen die notwendigsten Maßnahmen und Anschaffungen einen Penny nach dem anderen. Noras Börse würde bald leer sein. Die junge Frau geriet in Panik, als sie sich das vorstellte, aber dann erinnerte sie sich an die Existenz von Pfandleihen. Als Erstes würde sie ihren Reifrock versetzen. Die Frauen im Eastend taten gut daran, ohne herumzulaufen. Die voluminösen Röcke machten jede körperliche Arbeit unmöglich. Und von dem Geld würde sie einen Arzt bezahlen. Das war das Wichtigste. Simon brauchte einen Arzt.

KAPITEL 5

Es schien leicht, den Reifrock zu Geld zu machen – schließlich handelte Mrs. Paddington mit gebrauchten Kleidern. Sie machte Nora auch gleich ein Angebot, aber die tat ihr Bestes, den Preis höherzutreiben. Schließlich war sie eine Kaufmannstochter, und am Ende fiel ihr sogar die erste Regel ihres Vaters wieder ein: Immer mehrere Angebote einholen, bevor man sich auf einen Handel einließ.

Nora erklärte folglich Mrs. Paddington, sie würde sich noch bei anderen Kleiderhändlern umhören, worauf das Gebot ihrer Vermieterin sofort beträchtlich stieg. Nora nahm es schließlich an. Sie hatte noch mannigfaltige Erledigungen zu machen und mochte Simon nicht zu lange allein lassen. Am Morgen ging es ihm zwar etwas besser – er hatte sogar darauf bestanden, den Kamin selbst erneut anzufeuern, und einen Teekessel hervorgeholt, zu dem es allerdings an Tee fehlte. Nora versuchte, sich bei ihrer Nachbarin vom ersten Stock welchen zu borgen, und erwischte sie gerade noch, bevor sie aus dem Haus ging. Mrs. Tanner arbeitete als Weberin in einer der neuen Fabriken und war eben damit beschäftigt, ihre jüngsten Kinder zu beruhigen. Die zwei weinten ihr hartnäckig nach. Tee besaß sie nicht, sie schien kaum zu wissen, was das war. Als Nora es ihr erklärte, riet sie entsetzt ab, das Wasser aus den Leitungen in der Straße für einen Aufguss zu benutzen.

»Das kann man nicht trinken, Herzchen, das gibt die Scheißerei!«

Stattdessen empfahl sie Gin, die verwirrte Nora besann sich schließlich auf Biersuppe. Ihr Vater schwärmte noch heute von diesem traditionellen Frühstücksgetränk, das zu seiner Jugend allgegenwärtig, durch Königin Anna jedoch vom Tee verdrängt worden war. Einen Krug Bier hatte Mrs. Tanner noch im Haus und teilte ihn bereitwillig mit der neuen Nachbarin. Nora versprach, dafür ein bisschen auf ihre jüngsten Kinder zu achten. Sarah und Robert, zwei und drei Jahre alt, blieben tagsüber allein in der Wohnung, und Mrs. Tanner zerriss es jeden Tag das Herz, die jammernden Kinder zu verlassen. Ihre älteren Sprösslinge gingen dagegen selbst schon zur Arbeit: Hannah half in einer Garküche, Ben putzte Kamine. Beide wirkten bereits am Morgen erschöpft, und ihre Mutter musste sie schimpfend drängen, damit sie rechtzeitig aus dem Haus gingen.

Nora nötigte den widerstrebenden Simon, das erhitzte Dünnbier zu trinken und sich dann wieder hinzulegen, während sie ausging.

»Ich hole nur was zum Frühstück«, behauptete sie, hastete dann aber mit einem weitaus umfangreicheren Einkaufszettel durch die schmutzigen Straßen.

Rattengift war leicht zu bekommen. Mit Milch und Butter sah es schon schwieriger aus, zumal Nora die Behältnisse fehlten, um sie abzufüllen. Schließlich kaufte sie einen Krug, zwei Becher und Teller, einen Topf und eine Pfanne und die nötigen Messer und Löffel. Brot und Käse war billig, Butter sehr teuer, was Nora verwunderte, und Tee und Zucker praktisch unerschwinglich. Nora, die an Lebensmittelpreise bisher nie einen Gedanken verschwendet hatte, lernte, dass Öl bezahlbar war, ebenso wie Kartoffeln und Kohl. Kein Wunder, dass Mrs. Paddingtons Eintopf vom Abend zuvor fast ausschließlich daraus bestanden hatte! Fleisch war außerordentlich teuer, aber Mrs. Tanner hatte Nora gebeten, ihr ein paar Knochen mitzubringen, und so kaufte Nora auch für ihren eigenen ersten Kochversuch Rinderknochen, an denen noch ein paar Fleischfetzen hingen. Nora identifizierte sie anhand der Hufe und der Schwanzquaste, die der Schlachter achtlos auf die Straße vor seinem Laden geworfen hatte – Nora konnte sicher sein, weder Katze noch Pferd im Kessel zu haben! Aber bei dem Gestank vor der Schlachterei verging ihr trotzdem schon der Appetit auf ihren Eintopf.

Zuletzt erstand sie für einen halben Penny Zuckerzeug und machte die jüngsten Tanner-Kinder damit glücklich. Bei ihnen deponierte sie auch erst mal ihre Einkäufe, um sich auf die Suche nach einem Arzt zu machen. Den Gedanken an den Hausarzt ihrer Familie verwarf sie sofort. Dr. Morris lebte in einem noblen Haus in Mayfair, nicht weit von ihrem eigenen entfernt. Er würde kaum zu einem Hausbesuch in die verrufene Gegend kommen, die Nora als ihr neues Heim bezeichnete. Außerdem würde er ihrem Vater umgehend ihren Aufenthaltsort verraten. Und garantiert war er teuer. Schließlich erkundigte sich Nora widerwillig bei Mrs. Paddington.

»Ein Quacksalber? Wozu? Für den da oben? Das lohnt nicht, kleine Lady, das sieht doch ’n Blinder mit ’nem Krückstock, dass der’s nicht mehr lange macht. Galoppierende Schwindsucht, Lady … kennt man nicht in Ihren Kreisen, was? Nun, sie macht wohl auch vor Lords nicht Halt …« Mrs. Paddington lachte verächtlich.

»Ich würde die Diagnose doch lieber von einem Mediziner hören«, beschied Nora sie würdevoll. »Vielleicht wissen Sie ja jemanden, der in dieser Gegend praktiziert. Sonst muss ich auf Mrs. Tanner warten.«

Mrs. Paddington ließ sich daraufhin lang und breit darüber aus, dass die Tanners sich wohl ums Verrecken keinen Arzt leisten könnten. Nora gab es schließlich auf. Sie würde erst mal kochen und dafür sorgen, dass Simon es warm und gemütlich hatte. Vielleicht brauchten sie dann ja wirklich keinen Arzt mehr. Noras Erkältungen waren früher immer schnell ausgeheilt, wenn die Haushälterin das lebhafte Mädchen erst mal dazu bewogen hatte, ein paar Tage im Bett zu bleiben.

Nora nahm an, dass sie dazu auch Simon würde nötigen müssen, aber den zwang schon seine Schwäche aufs Lager. Am Morgen hatte er noch geplant, auszugehen, um sich nach einer neuen Arbeit umzusehen. Noras Anwesenheit hatte ihn beflügelt. Aber dann war das Fieber wieder gestiegen, noch bevor er ganz angekleidet war. Er hatte sich kaum wieder ausziehen und zurück ins Bett schleppen können, und als Nora wiederkam, ging es ihm schlechter als am Tag zuvor.

»Das braucht auch mindestens eine Woche!«, tröstete sie ihn und zeigte ihm dann stolz ihre Einkäufe.

Simon war beeindruckt, als die junge Frau den Kessel ganz selbstverständlich über die Feuerstelle hängte und die Knochen in Wasser auskochte, das sie ebenfalls beim Krämer gekauft hatte. Zu ihrer Verwunderung hatte sie in zwei Läden nachfragen müssen, bevor sie jemanden fand, der Quellwasser feilhielt, und es war teurer gewesen als Bier!

»Woher kannst du das?«, fragte Simon verblüfft, als Nora begann, Kohl zu schneiden und Kartoffeln zu schälen.

Nora lachte. »Meine Mutter ist doch so früh gestorben, und mich haben dann alle verwöhnt, die Köchin und die Haushälterin und der Butler. Aber mein Kindermädchen hatte eine Tändelei mit dem Hausdiener, und wenn der ein bisschen Zeit hatte, ...

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