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Die Kaiserin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
    1. Wir werden alle sterben
    2. Über das Meer kommt nichts Gutes
    3. Der Mann
    4. Das Schiff
  8. Buch 1 Im Herzen des Hippodroms
    1. Zitat
    2. Gespräche über Pferde
    3. Die Töpfervorstadt
    4. Blutige Spiele
    5. Wer beging die Morde im Zeugma?
    6. Charikles
    7. Im Herzen des Hippodroms
    8. Der Kuss der Musen
    9. Auftritt Theodora
    10. Auf dem Pfad aus Seide
    11. Ketzerei!
    12. ... Kaiser sein dagegen sehr
    13. Die erste Schlacht
    14. Byzanz bei Nacht
    15. Der Tod eines Kaisers
    16. Die Magnaura-Glocke läutet
  9. Buch 2 Aus dem Osten das Licht
    1. Zitat
    2. Gastspiel in Bithynien
    3. Im Reich des Asklepios
    4. Der heilende Gott
    5. Brief in die Provinz
    6. Nach Antiochia
    7. Die Einsiedler
    8. Am Strand der Welt
    9. Das Gastmahl
    10. Das geheime Zimmer
    11. Die Karawane zieht weiter ...
    12. Makedonia
    13. Wiedersehensfreude
    14. Lobet den Herrn
    15. Das erste Rendezvous
    16. Entscheidungen
    17. Nur über meine Leiche
  10. Buch 3 In Purpurschuhen
    1. Zitat
    2. Ein Tag im Januar
    3. Lang leben die Grünen und Blauen!
    4. In den Smaragdgärten
    5. Nika!
    6. Der Purpur ist ein schönes Leichentuch
    7. Debatten zwischen Wänden mit Ohren
    8. Vandalenbriefe
    9. Vertrauen
    10. Triumph!
    11. Besuch bei einem Ungeheuer
    12. Visionen
    13. Was tue ich hier?
  11. Buch 4 Der goldene Horizont
    1. Zitat
    2. Vom Glück eines Mosaiklegers
    3. Das Nest im Weinlaub
    4. Neuigkeiten
    5. Der Krieg beginnt
    6. Ein kurzer Krieg
    7. Ein verfluchter Heiliger
    8. Die Belagerung
    9. Die Januspforte
    10. Regierungsgeschäfte
    11. Der Sieg der Vernunft
    12. Audienz
    13. Die Brotfahrt
    14. Die kleine Vandalin
    15. Einladung auf den Thron
    16. Der verlorene Sohn
    17. Das Gerücht
    18. Heimkehr
    19. Der Tod aus Philae
    20. Antoninas Sorgen
    21. Ich liebe dich
    22. Exit Praefectus
    23. Ravenna
  12. Epilog
  13. Glossar

Über dieses Buch

Byzanz, 500 n. Chr.: In der brodelnden Hauptstadt des oströmischen Reiches wächst Theodora zu einer begabten Schauspielerin heran, die mit ihrer Truppe bis nach Alexandria und Antiochia reist. Dort trifft sie Justinian, den späteren Kaiser, und aus der einfachen Frau wird mit ihrer Heirat eine Herrscherin. Entschlossen greift Theodora in die Politik des riesigen Imperiums ein, schafft frauenfreundliche Gesetze, setzt ihr gewaltiges Vermögen für Stiftungen, Kirchen und Klöster ein. Mit aller Härte verteidigt sie aber auch ihre Position. Als es zu einem Aufstand kommt, rettet sie dem Kaiser den Thron. Doch eine leidenschaftliche Liebe bringt sie selbst in tödliche Gefahr …

Über die Autorin

Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin” hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.

Tessa Korber

Die Kaiserin

Historischer Roman

Meinen Eltern

Prolog

Wir werden alle sterben

Der Himmel über der Hochebene verfärbte sich blassrosa. Olivenbäume und Eichen versanken langsam im Schatten, während Eidechsen mit pulsenden Hälsen auf den runden, weiß gefleckten Felsen saßen, welche die Hitze des Tages gespeichert hatten. Die Luft war mild, gesättigt vom Duft der Kräuter und dem Zirpen der Zikaden. Noch leuchteten die Blüten eines Erdbeerbaums in der zunehmenden Dämmerung.

Zahllose Eidechsenschwänze verschwanden raschelnd im trockenen Gestrüpp, als die Tore des Tempels sich öffneten und die Prozession heraustrat. Fackelträger schritten voran und warfen einen flüchtigen Lichtschein auf die ausdruckslosen Steingesichter, die mit weit aufgerissenen Augen von den Menhiren rechts und links der Steinmauern blickten. Unruhig und launisch zerrten die Flammen an den ölgetränkten Wergbinden und schickten prasselnde Funkenschwärme wie Glühwürmchen in den dunkelnden Himmel.

Den Fackeln folgten die Priesterinnen, zwei an der Zahl, eine alte und eine junge. Beide trugen leise klingelnde Bronzeglöckchen am Gewandgürtel und ein Bronzediadem in Form einer Schlange im Haar. Um den Hals der Älteren wand sich etwas Dunkles, das im unsteten Licht des Feuers lebendig zu sein schien. Über ihrem von Runzeln gefurchten Gesicht, auf dessen Stirn mit schwarzem Beerensaft ein Zeichen gemalt war, stand das eisgraue Haar als Heiligenschein, eine diffuse Wolke von Licht. Die Jüngere schritt hinter ihr, einen Weidenkorb in Händen, in ehrfürchtigem Abstand. Auf ihren blauschwarzen Flechten, glatt und glänzend und so lang, dass sie ihr bis über die Hüften fielen, tanzten die Reflexe der Flammen.

Den beiden Frauen auf dem Fuße folgte das Volk des Clans, eine kleine Handvoll Menschen. Zunächst die Ältesten, die das weise Blut ihrer Mensis nicht mehr Monat für Monat verströmten, die Herrinnen der Überlieferung. Sie waren runzlig und vom Alter gedrückt und gebogen wie die Korkeichen ringsum, und ebenso beharrlich. Hinter ihnen gingen die Frauen mit ihren Kindern, dann die jungen Mädchen, schließlich die Männer und Jungen.

Es waren Hirten, dunkelbraun und zäh von der heißen Sonne der Berghänge, arme Menschen, die von dem lebten, was ihre Ziegen, Schweine und die zierlichen, falben Kühe der Insel in der Macchia und den niedrigen Eichenwäldern fanden. Ihre Kleidung war schlicht: ungefärbtes Leinen, an den Schultern und in der Taille mit einfachen Riemen zusammengehalten. Vom Laufen zwischen Felsen und dornigem Gestrüpp waren ihre Füße hart und rissig wie altes Leder geworden.

Sie sangen. Ohne die Begleitung von Instrumenten stiegen ihre Stimmen auf, nicht weich, sondern metallisch hart und schrill, und woben sich kunstvoll ineinander. Gedehnt, nasal, monoton und doch in feinen Variationen sich verschlingend, brachte ihr klagender Chor die Dämmerung zum Vibrieren.

Der Tempel hinter ihnen blieb offen zurück, ein schlichtes Gelass aus Stein, dessen Allerheiligstes durch einen nun beiseitegeschobenen Vorhang abgetrennt war: Die höhlenartige Kammer mit der dunklen Spalte in der Rückwand schien in den Schoß der Erde selbst zu führen. Davor war nichts als ein behauener Block mit einer Mulde, in der im Licht der zurückgebliebenen Fackeln ihr kostbarstes, zeremoniell verehrtes Gut glitzerte: Wasser. Sein einsamer Wächter, zugleich der einzige Schmuck der steinernen Zelle, war eine kleine Bronzefigur, eine Frau, ungelenk gearbeitet und doch fesselnd durch die großen Augen, die aus einem Gesicht ohne individuelle Regung zu einem aufschauten. Auf ihren Knien hielt sie den toten Körper eines jungen Mannes. Hatte sie ihn getötet? Beweinte sie ihn? Ihre hieratischen Züge verrieten es nicht.

Der Zug kam in die Ebene, bloße Füße traten nacheinander auf den schmalen Lehmpfad, der sich zwischen den runden Felsbrocken hindurchschlängelte. Ein Schwarm Fledermäuse stieg mit sirrendem Flügelschlag aus einem großen, einzeln stehenden Bergahorn auf, dessen schwarze Silhouette sich vor dem Himmel gerade noch abzeichnete. Kaum mehr sah man im fast schon nächtlichen Dunkel das Ziel der Prozession, ein schwarzes Loch mitten im Boden.

Es war ein Karstschlund, ein unauffälliges Rund, nicht breiter als ein paar Meter. Üppige Farne und einige überhängende Holunderbüsche säumten ihn harmlos, stachliger Brombeer verflocht sich ringsum zum Dickicht und verbarg fast, dass seine abschüssigen Hänge, auf denen jeder Schritt Geröll lostrat, steil in bodenlose Tiefen fielen. Wie tief? Keiner wusste das zu sagen. Fröstelnde, feuchte Kühle drang von dort herauf in den lauen Abend.

Die Menschen versammelten sich westlich des Loches, wie die Sitte es verlangte. Ihr Lied hatte geendet, eine neue Melodie wurde angestimmt, rhythmisch und mitreißend. Eine Leitstimme hob sich über die anderen, der Chor folgte. Einzelne Frauen begannen bereits, die Hüften danach zu wiegen, die Füße im Takt zu setzen. Ihre Hände bewegten sich schlangengleich in die Höhe, eine stumme, hypnotische Melodielinie über dem Lied. Die ersten lösten sich aus der Formation, tanzten auf den Abgrund zu und wichen wieder zurück. Langsam, unwiderstehlich griff das Lied nach allen, ließ sie die Becken kreisen, die Köpfe zurückwerfen, die Arme erheben. Nur die Priesterinnen standen unbeweglich inmitten der sich ausbreitenden Ekstase.

Dann, nach einer halben Ewigkeit, trat die Alte vor an den Rand des Loches und hob mit einem schrillen Schrei das Ding um ihren Hals hoch über sich. Es war – jeder konnte es nun sehen – eine lebendige Schlange, die sich in ihren Händen wand. Aus dem Gesang wurde schlagartig ein leises, drängendes, beschwörendes Summen, aus dem sich nur hier und da einzelne Schreie lösten. Es entstand ein Halbkreis, in dem die junge Priesterin und ein Mann zurückblieben, der dorthin gestoßen worden war.

Sein Kopf war bekränzt, Stierhörner standen unter dem Eichenlaub von seinen Schläfen ab, und ein Stierschwanz war um seine Hüften gebunden. Er war jung, kaum sechzehn Jahre alt, mager, mit schlanken Muskeln unter der Haut, mit brennenden schwarzen Augen, die flackernd ins Leere starrten. Sein nackter Körper glänzte. Ein entrücktes Lächeln stand in seinem Gesicht. Er war der Einzige, der Bräutigam dieser Nacht, der Geliebte der Großen Mutter. Sein Geist schwamm in den Nebeln der Droge, die ihm eingeflößt worden war. Diesen Tag und die Nacht davor hatte er im Tempel verbracht, wo die Priesterinnen seinen Leib mit Honigwasser wuschen, mit dem lebensspendenden Öl der Oliven salbten und ihre Gebete dazu sprachen. Dass er dabei gefesselt war, die Hände über dem Kopf zusammengebunden aufgehängt im Sanktuarium, dass seine Füße gerade noch den Boden berührten, war dabei nur ein Symbol gewesen. Ein Symbol dafür, dass er nicht mehr sich selbst gehörte, sondern IHR, der Allesgebärerin, der großen Mutter, die Leben gab und nahm. Denn er war freiwillig gekommen, diese Hochzeit zu feiern. Und auch der Sud aus Kräutern und Pilzsaft, den ihm die alte Umma eingeflößt hatte, sollte ihn nicht willenlos machen, sondern es nur seinem Geist erleichtern, in das Reich der Großen Göttin hinüberzutreten. Und er sah sie bereits.

Die alte Priesterin wartete, bis er zu ihr geführt wurde, nahm langsam die Schlange herab und berührte vorsichtig damit sein Geschlecht, dann trat sie zurück aus dem Lichtkreis. Das Tier züngelte träge. Der Phallus des Jungen aber wuchs unter der Berührung empor. Die Arme zur Anbetung erhoben, stand er alleine am Abgrund, ein Inbild der sehnsuchtsvollen Begierde des Menschen nach Vereinigung mit IHR, der Allesumarmenden. In hohem, im Fackellicht glitzerndem Bogen ergoss sich sein Samen in den schwarzen Erdschoß. Dann tat er einen Schritt und verschwand ohne Laut.

Ein Seufzen ging durch die Menge. Er war fort. Gesang setzte langsam wieder ein, ein Kreis schloss sich zum Rundtanz, um die Mutter zu feiern, die das Opfer dieses Jahr so gnädig angenommen hatte. Erleichtertes Lachen löste die Anspannung.

Da ertönte ein Schrei. Aus der Tiefe, aus der noch nie ein Laut emporgeklungen war, kam jetzt ein Rufen, ein Schlag, ein Stöhnen. Ganz nah.

Das neue Lied brach ab. Die Menschen flüsterten verstört miteinander, drängten sich näher und blieben doch voller Scheu dem Rand so fern, dass keiner darüberschauen konnte. Losa sah ängstlich zu ihrem Gefährten Garoppu hinüber, dem Führer der Hirten. Sie wusste nicht, was all das zu bedeuten hatte, doch ihr Unbehagen wuchs.

»Mama?«

»Schsch«, wurde das Fragen der kleinen Ittiri zum Schweigen gebracht. Nur jetzt nicht die Aufmerksamkeit der Geister erregen. Denn etwas war falsch, ganz und gar falsch.

Die alte Priesterin warf der jungen einen besorgten Blick zu. Nichtbegreifen stand in deren Augen, die groß und hell waren, leuchtend wie Bernstein.

»Umma?«, sagte sie in fragendem Ton. Sie nannte die Alte »Mutter«, so wie alle Mitglieder des Stammes; das war ihr Ehrentitel.

»Den Korb, Berchidda, schnell!«, erwiderte diese statt einer Antwort. Sie hielt ihr die Schlange hin, die Berchidda gehorsam übernahm und mit eiliger Sorgfalt in den mitgeführten Weidenkorb gleiten ließ. Sie verstand, dass sie rasch handeln mussten; etwas Schreckliches drohte zu geschehen.

Beide Frauen tasteten sich vorsichtig an den Abgrund heran. Kieselsteine rollten unter ihren nackten braunen Füßen nach unten, man hörte sie weit entfernt klackend aufschlagen, immer wieder und noch einmal, bis das Geräusch verklang. Doch da war das Ächzen wieder, nicht weit von ihnen, ohne das Echo der fernen Höhlentiefen. Umma schob sich bäuchlings über den Rand – und dann sah sie das Unglück.

Der Junge lag auf einem Vorsprung, direkt unter ihnen, vielleicht drei Mannslängen tief. Ein zäher Wacholderbusch befestigte die verwitternde Kante, die seinen Sturz aufgehalten hatte. Er regte sich, rappelte sich auf, schaute nach unten und dann über sich in den Nachthimmel. Ihr Kopf musste sich im Fackelschein deutlich für ihn abzeichnen.

»Hilfe«, stammelte er und griff wirr um sich. Die euphorisierende Wirkung der Drogen und des Gesangs war verflogen, Todesangst hatte ihn gepackt. Er tastete mit den Händen über das schütter bewachsene Erdreich der Steilwand und suchte vergeblich einen Halt. Dann blickte er wieder hinauf zu ihnen. Umma sah sein hübsches Gesicht, blass-verschwommen vor der Schwärze, angstverzerrt.

»Die Große Mutter, die Große Mutter«, stammelte Berchidda hinter ihr, »hat sie unser Opfer nicht gewollt?« Panik war in ihrer Stimme. »Was sollen wir tun, Umma?«

»Im Namen der Großen Gehörnten, die jeden Morgen die Sonne gebiert, sage ich dir: spring!« Ummas gebietende Stimme ließ das unruhige Gemurmel der Menschen hinter ihr verstummen. Doch der Junge unten, das erkannte Umma sofort, nahm sie in seiner Angst gar nicht wahr.

»Spring!«, wiederholte sie und sah sich aus den Augenwinkeln bereits um. Dort drüben lag ein handlicher Brocken. Sie hakte ihre Füße an einer Wurzel fest, damit sie nicht abrutschte, und wies hinüber.

»Berchidda!«

Die junge Frau verstand den Wink sofort und holte den Stein. Hoch hob Umma ihn mit ihren dürren Armen über ihren Kopf, dann ließ sie ihn in den Abgrund sausen. Er verfehlte den Jungen nur knapp, überschüttete ihn mit einem kleinen Erdrutsch und polterte dann außer Sicht. Berchidda schleppte bereits das nächste Geschoss heran und warf es selbst.

»Hilfe, was tut ihr, Hilfe, holt mich heraus! Bitte!« Der Junge schrie jetzt und klammerte sich weinend und hustend an die Zweige des Busches. Da wagten sich die ersten seiner Stammesmitglieder näher, Steine in den Fäusten. Bald regnete es Steine, die prasselnd in der Schwärze verschwanden. Schreie stiegen auf, voller Hass, Panik, Angst vor der Gefahr, in der sie alle schwebten.

Auf einmal richtete sich der Junge auf; er schien die Hände nach ihnen auszustrecken, kippte dann zur Seite und fiel mit ausgebreiteten Armen. Sein bleicher Leib wurde sofort von der absoluten Dunkelheit verschluckt. Stille trat ein, in der nur lautes Keuchen zu hören war, dann das Rufen der Zikaden. Ohne ein Wort zogen sich alle vom Opferplatz zurück.

Umma formierte gemeinsam mit Berchidda wiederum die Spitze der Prozession, die weiterzog, fort vom Tempel, fort vom Loch. Nur zögernd stieg ein neues Lied auf, angeführt von Ummas altersdünner Stimme. Doch zaghaft breitete sich Erleichterung aus. Alles schien doch noch einmal gut gegangen zu sein, oder? Bald waren sie an ihrem Ziel für diesen Abend, einem niedrigen Hain von Korkeichen, Zedern und Olivenbäumen, als dessen stilles Herz sich drei flache, von weich gerundeten Felsen gerahmte Teiche erwiesen. Auf ihrer Oberfläche spiegelten sich die ersten Sterne. Ein breiter, schwärzlicher Streifen auf den hellen Steinen ringsum zeigte an, wie niedrig der Wasserspiegel gegenüber dem üblichen Stand sein musste. Kaum noch ein Fuß hoch war von dem lebenswichtigen Nass vorhanden. Zuwenig für diese Jahreszeit, ungewöhnlich wenig. Viel zu wenig, um den Sommer zu überstehen.

Die Menge blieb am Festplatz zurück, wo der Tanz von Neuem begann, leidenschaftlicher jetzt, durch die Erregung des Zwischenfalls aufgepeitscht. Honigwein ging reihum, die Mädchen warfen ihre Myrtenkränze nach den jungen Burschen, und bald verschwanden die ersten Paare zwischen die Felsen und auf kleine Lichtungen, wo das Gras weicher und üppiger wuchs als irgendwo sonst auf der Ebene.

Umma und Berchidda waren alleine am Ufer entlanggegangen. Berchidda drehte ihren Myrtenkranz nachdenklich zwischen den Fingern; sie hatte ihn heute Nachmittag gewunden, zusammen mit Losa, Madedda, Ittiri und den anderen, im kühlen Schatten der runden Steinhütten sitzend und plaudernd. Er war das Symbol des neuen Lebens, das aus dem alten hervorkam, so wie es heute Nacht in die Leiber vieler Frauen gepflanzt werden würde. Wie die Große Mutter es ihnen aus dem Leib des Tales erwecken sollte, damit sie alle überlebten.

Hier und da muhten Kühe in der Dunkelheit, sie mochten Kuhträume träumen. Ein Schwein quiekte empört, aufgeschreckt unter seinem Busch von einem Liebespaar. Scherzworte und Gelächter klangen über das Wasser zu ihnen herüber.

»War das Opfer gut, Umma? Wird die Mutter unsere Bitten erhören und uns Wasser spenden?« Berchiddas Frage klang bereits wieder recht wohlgemut. Das Opfer war schließlich doch noch aufgenommen worden, die Zeremonie war damit erfüllt.

Umma sah das Mädchen statt einer Antwort aufmerksam an. Ihr langes Haar war glänzend schwarz wie Rabenfedern, die hellen Augen blickten aus einem stolz geschnittenen, schmalen Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem üppigen Mund. Berchidda war ohne Zweifel die schönste ihrer Schülerinnen, und sie hatte viele gehabt in ihrem langen Leben. Was, fragte Umma sich, was hatte diese übergroße Schönheit zu bedeuten, die mehr war, als ihrem bescheidenen Clan zuzukommen schien? Was waren sie denn schon mehr, dachte sie bitter, als lumpiges Hirtenpack, seit die Eroberer ihre Vorfahren in die Berge getrieben hatten? Es musste ein Sinn darin liegen. Dieser zarte Goldton der Haut, der schlanke Schwung, mit dem die Taille in Gesäß und Schenkel überging, voll und süß wie tropfende Honigwaben – all das musste eine Bedeutung haben. Berchidda schien ihr der Beweis zu sein für die alten Geschichten, die erzählt wurden, dass ihre Ahnen ein königliches Volk waren, das auf prachtvollen Schiffen übers Meer gefahren war, weit von Osten, um hier zu siedeln. Wie lange mochte das her sein? Wenn etwas an diesen Menschen königlich gewesen war, dann, da war Umma sicher, dann war es in Berchidda weitergegeben worden.

Wenn Berchidda die Männer im Tempel empfing, um sie nach altem Brauch der Liebe der Göttin teilhaftig werden zu lassen, dann gingen sie fort wie berauscht, so als hätten sie tatsächlich die Göttin selbst umarmt. Und auch die Mädchen gurrten verliebt ihren Namen nach den Nächten des »zerrissenen Vorhangs«, in denen sie Frauen wurden und in die Geheimnisse des Heiligtums und ihres Körpers gleichermaßen eingeweiht wurden.

»Umma?« Berchiddas fragende Stimme klang erneut in ihre Gedanken. »Ist alles in Ordnung?«

»Wir«, sagte Umma, und in diesem Moment erkannte sie fröstelnd die Stimme der anderen, die aus ihr sprach, »wir werden alle sterben.«

Die Sterne auf den Teichen zitterten nicht.

Über das Meer kommt nichts Gutes

»He, Garoppo, fang!«

»Halt das Netz, Mann, halt es fest!«

»Berchidda, schau, ich habe einen ganz Großen!«

Fröhliches Gelächter tanzte über den Fluss, dessen schlammiges Wasser aufschäumte unter den stampfenden braunen Beinen der Stammesmenschen. Weiter vorne kochte es in weißer Gischt.

Dort waren Aale, die zum Laichen aus dem Meer heraufgeschwommen waren. Sie hatten sich durch tückisch errichtete Bambusbarrikaden hindurchgeschlängelt, die jetzt ihren Rückweg abschnitten, und befanden sich nun vor den Netzen. Der seltsame, beunruhigende Lärm hinter ihnen trieb sie dann in Massen hinein.

Starke Arme hoben die glitschigen, zuckenden, zusammengedrängten Klumpen von Leibern heraus und schütteten sie in die bereitgestellten Kästen, wo sie sich wild ineinander verschlangen. Die kleineren Kinder wie Ittiri, die nicht beim Treiben halfen, machten sich einen Spaß daraus, nach den schleimigen Körpern zu greifen; doch man musste sie mit aller Kraft pressen und verbiegen, um der Macht zu widerstehen, mit der sie sich freizuwinden suchten.

Die Aale kämpften lautlos, die Kinder dagegen schrien ihre Freude ungehemmt heraus. Und auch ihre Eltern lachten zufrieden. Es war ein guter Fang, es war ein gutes Jahr. Niemand sprach mehr von dem misslungenen Opfer, und Ummas Prophezeiung schien sich nicht zu erfüllen, dachte Berchidda, als sie den schmerzenden Rücken streckte, ihr Netz einer Nachbarin zu halten gab und die Augen mit der Hand beschattete, um über das flirrende Flusswasser hinweg aufs Meer hinauszusehen.

Lang ersehnter Regen hatte ihre Becken aufgefüllt, und die Herden standen so gut im Futter wie nie. Es hatte nichts dagegen gesprochen, die jährliche Expedition hinunter zur fernen Küste zu unternehmen, um sich den Fisch zu holen. Fast alle jungen Männer waren gegangen, soweit sie nicht die Herden hüten mussten, und die Frauen ebenso.

Die Sonne glühte aus einem wolkenlosen Himmel auf die friedliche blaue See herab, nichts verriet mehr, was für ein Sturm gestern über ihren Köpfen getobt hatte. Mit Blitz und Donner war er über die dürftigen Steinhütten hinweggefegt, in denen sie dieser Tage hausten. Sie standen auf einem Hügel im Hinterland der Strände, durch den Fluss und einen breiten Schilfgürtel vom Meer getrennt und dem von dort kommenden Sturm preisgegeben. Es waren verlassene Hütten, die irgendjemand zum Schutz vor Angreifern erbaut haben musste, die übers Meer kamen, denn sie beherrschten das Umland und hatten freien Blick auf das Wasser, aber eine starke Ringbefestigung umschloss sie alle. Doch das musste lange her sein. Was hatten diese Menschen sich auch so unübersehbar an der Küste angesiedelt; wussten sie denn nicht, dass über das Meer nichts Gutes kam? Die Phöniker, die Etrusker, die Römer, die Schiffe der Goten und Vandalen – sie alle waren im Laufe der Jahrhunderte zur Plünderung eingelaufen. Und wer am Wasser gelebt hatte, stieg in die Berge hinauf, wo es unwirtlich und sicher war, fern der Sklavenmärkte der Häfen und der Todeshöllen der fremden Silberminen. Hatten diese Menschen das nicht gewusst? Und wohin waren sie verschwunden, auf das Meer, in die Minen?

Schon als Berchiddas Großeltern diesen Fischplatz aufgespürt hatten, waren die Häuser Ruinen gewesen, und der große Turm der Zentralnuraghe lag seit Menschengedenken zu einem Haufen Steine zerfallen da, in dem nur noch Schlangen hausten. Auf Ummas Befehl war genau dort auch ein Platz für die heilige Bewohnerin ihres stets mitgeführten Korbes geschaffen worden.

Seitab am Hang, inmitten von Erika, Ginster und Disteln, hatten sie auch einige Gräber gefunden, umstellt mit großen Steinplatten, auf denen Sonnen zu sehen waren. Obwohl die Deckplatten zerborsten neben den Gruben lagen und diese leer waren, unschuldige Mulden, in denen der Thymian wuchs, gingen sie dort nur flüsternd vorbei. Man wusste nie, was da noch war, nicht alles, was existierte, war sichtbar.

Doch das Wetter heute ließ nicht an Gräber denken. Berchidda sah von den verfallenen Häusern Rauch aufsteigen, der ihr verriet, dass die Räucherfeuer wieder entfacht waren und auf den Fang des Tages warteten.

»Berchidda!« Sie sah Umma auf sich zuwaten und ging der alten Priesterin entgegen, die in der letzten Zeit von mehr als nur ihren Jahren niedergedrückt schien und auf dem schlammigen Grund nur mühsam vorankam. Liebevoll führte sie die Alte wieder zum Ufer. Wie klein Umma geworden war, und wie mager sie wirkte.

»Wollen wir einen kleinen Gang tun, Berchidda.« Ummas Fragen waren niemals Bitten. Ehrerbietig neigten sich die Köpfe, als sie vorbeigingen. Breitbeinig saßen die Männer da, scharfe Bronzespieße zwischen den Schenkeln, auf die sie die Aale spießten, Windung für Windung, bis sie lebende Äskulapstäbe zwischen ihren Knien hielten, die sie für das Rösten am Abend beiseitestellten.

»Guten Morgen, Umma«, grüßte Enkiddu herüber und hielt in seiner Arbeit inne, einen Aal fest in den Fingern. »Guten Morgen, Berchidda, ein guter Tag, ein guter Fang.« Er legte den Spieß beiseite, kniete vor ihnen und küsste rituell ihre Füße. Dann stand er auf, klopfte sich die Erde von den Schenkeln und lachte mit breiten weißen Zähnen.

»Guten Morgen, Enkiddu. Ein guter Fang, fürwahr«, grüßte Berchidda lächelnd zurück, während Umma zerstreut nickte. Enkiddu sah ihnen nach, der süßen Berchidda, die ihm in ihren Umarmungen die göttliche Ekstase gebracht hatte, in der man die Göttin selbst erfuhr. Und die Alte, vor der schon sein Vater sich gefürchtet hatte. Umma – wie viele Jahre mochte sie zählen? Und was machte sie eigentlich so furchterregend, die kleine knochige Gestalt? Enkiddu ließ seine Armmuskeln spielen. Körbeweise Fische hatte er heute aus dem Wasser geholt. Und heute Abend würde er sie beim Festmahl genießen; es war eine Freude zu leben. Garoppu, der bis zu den Knien im Wasser stand, winkte zu ihm herüber. Er winkte fröhlich zurück, hielt sein braunes Gesicht in die Sonne und summte ein Lied, während er den nächsten Aal mit einer energischen Bewegung auf den Spieß schob.

Umma und Berchidda mieden die fliegenumsirrten Plätze, an denen die Fische fürs Räuchern ausgenommen wurden, schlugen einen sorgfältigen Bogen um eine Gruppe Jungen, die eifrig das Speerwerfen übten, und hielten auf den nahen Strand zu. In einem weißsandigen, makellosen Halbmond schwang er sich mit jedem Sichelende auf ein felsiges Kliff zu. Wo der Fluss die sanften Dünen mit seiner Mündung durchschnitt, war eine steile Böschung eingegraben. Weiße Lilien wuchsen dort aus dem Sand, fleischig und süß duftend, die Kelche verklebt vom gelben Blütenstaub. Selbst einige niedrige, seewindgeduckte Eichen schmiegten sich an den Sand, und hohes Riedgras rauschte. Umma sprach, wie so oft, über die Zukunft.

»Aber«, wandte Berchidda gerade ein, »die Herden hatten noch nie so viele Lämmer und Zicklein wie dieses Jahr. Es scheint viel eher, als seien wir gesegnet, Umma.«

Die Alte schüttelte nur den Kopf.

»Umma«, entfuhr es Berchidda da, »du hast den Korb dabei! Wohin gehen wir?«

Umma stand kurz still, als lauschte sie der Frage nach. Dann wackelte ihr Kopf erneut. »Mir war doch, als wollte ich irgendwohin. Eben. Eben. Ah, ja, lass uns zur Höhle gehen. Dort sind Antworten zu finden, glaub mir.«

Berchidda biss sich auf die Lippen, als sie ihre Lehrmeisterin so alt und zerstreut sah. Umma machte ihr seit Langem schon Sorgen, viel mehr als irgendwelche Orakel. Doch sie folgte ihr.

Die Höhle war nur ein kleiner Hohlraum in der Uferböschung, wo Wurzelwerk das sandige Erdreich zurückhielt, gerade groß genug für einige Menschen. Das Besondere an ihr war der kleine Teich Süßwasser aus dem Fluss, der sich in ihrem tiefergelegenen rückwärtigen Teil grün und glasklar gesammelt hatte. Die weißen Lilien hingen über dem Eingang und ließen die Luft dort betäubend süß duften.

Umma hatte Berchidda gelehrt, dass solche Orte heilige Plätze der Mutter waren, gut für Rituale und Meditationen, ja, dass diese Teiche Spiegel ihrer Gedanken sein konnten, die daher nur von Eingeweihten und mit Ehrfurcht aufgesucht werden durften.

Sie durchwateten gerade erneut das seichte Delta, um zu dem auf der anderen Seite gelegenen Eingang zu gelangen, als etwas Berchiddas Aufmerksamkeit ablenkte. Auf der Sandbank, knapp außerhalb des Brandungsbereichs, lag etwas Großes, Dunkles. »Kann das ein gestrandeter Delfin sein, Umma?« Berchidda kniff die Augen zusammen, um mehr zu erkennen, und hielt darauf zu. Das Fleisch der großen Tiere war wohlschmeckend und würde für viele Tage reichen.

»Nein, Umma«, rief sie im Gehen, und ihre Schritte wurden schneller. »Das ist kein Delfin, das ist ...« Die junge Frau rannte nun fast.

»Ein Mensch, ja«, ergänzte die Alte ächzend, als sie Berchidda schließlich hinterhergekommen war. Der Weg hatte sie zum Keuchen gebracht. Beide sahen sie auf einen nackten Mann hinunter. Fetzen um seine Beine, die die Wellen ihm gelassen hatten, verrieten, dass er gut gekleidet gewesen sein musste, für die Begriffe des Stammes geradezu kostbar: Es war ein Stoff, so fein, wie ihn ihre Webstühle nicht herzustellen vermochten. Und er war purpurrot! Der Mann war groß, weit größer als die drahtigen Insulaner, und muskulös wie ein Krieger. Selbst die hochgewachsene Berchidda hätte ihm kaum bis zur Schulter gereicht. Und seine Haut, jetzt aufgeschürft und rot verbrannt, wirkte auf die Frauen ungewöhnlich hell. Er konnte nur einer von denen sein, ein Fremder.

»Lebt er noch?«, fragte Umma. Sie schaute aufs Meer. Der Sturm gestern musste sein Schiff zum Kentern gebracht haben. Doch es waren nirgends Holz- oder Wrackteile zu sehen.

»Er atmet«, antwortete Berchidda aufgeregt, die sich hingekniet und die flache Hand auf seine Brust gelegt hatte.

»Dann müssen wir ihn den Meernymphen zurückgeben«, beschied die alte Priesterin. »Sie mögen es nicht, wenn ihnen ein Mensch entgeht, der einmal dem Meer bestimmt war.«

»Umma ...«

»Es gibt keine andere Lösung, Kind. Du weißt, der Wille der Götter ist ...«

»Umma!« Diesmal ließ der drängende Zwischenruf des Mädchens sie innehalten. Umma schaute zu der Stelle, die Berchiddas ausgestreckter Finger ihr wies, und erschrak. Sie hatte ihren Korb abgestellt, als sie bei dem Bewusstlosen angekommen war, müde vom schnellen Gehen durch den Sand, und ihn seither nicht weiter beachtet. Nun deutete Berchidda darauf, und Umma sah selbst, wie der Deckel sich hob und die Bewohnerin träge herausglitt. Der grün bebänderte, dreieckige Kopf hob sich suchend, träge züngelte die Schlange und schob sich dann langsam auf den Körper des Mannes zu. Mühelos erklomm sie seinen flachen Bauch, rollte sich zusammen und blieb da. Die beiden Frauen blickten sich an.

»Fass mit an, Kind!« Mit einer Kraft, die Berchidda ihr niemals zugetraut hätte, griff die Alte dem Fremden unter die Achseln und begann ihn rückwärtsgehend auf die Höhle zuzuschleifen. Berchidda beeilte sich, die Schlange wieder in ihre Behausung zu heben und ihr zu helfen. Doch selbst zu zweit brauchten sie lange, bis sie den Körper keuchend in dem sandigen, trockenen Raum niederlegen konnten.

Umma zog sich sofort zum Teich zurück, wo sie murmelnd und singend lange Zeit verbrachte, während Berchidda versuchte, dem Schiffbrüchigen, der immer noch nicht zu sich kam, etwas Wasser einzuflößen.

Sacht wischte sie mit einem feuchten Fetzen ihres Kleides das Salz von seinen mächtigen Armen und Schenkeln, die so viel kräftiger gebaut waren, als sie es kannte. Er mochte fast zwei Meter groß sein, und sein Haar, stellte sie erschrocken fest, als sie vorsichtig darüberfuhr, um den Sand herauszustreifen, musste nahezu golden sein, wenn es trocken war. So jedenfalls schimmerte der Flaum über seiner Stirn, den der laue Wind bewegte. Seine rissigen Lippen öffneten sich, als sie sie erneut mit einigen Tropfen benetzte. Wie hell seine Haut war, und kaum Haare wuchsen darauf, nur der weiche Fleck auf seiner breiten Brust, über den sie leise fuhr, und das goldene Dickicht über seiner Scham.

»So ist es recht, Berchidda, mach dich mit ihm vertraut.« Ummas krächzende Stimme so plötzlich hinter ihr ließ Berchidda zusammenfahren. Sie errötete.

»Ich wollte nur ... was ist ... hast du deine Meditation beendet?«

»Ja«, kicherte Umma, »und die Göttin hat zu mir gesprochen.« Mit diesen Worten wurde sie ernst. »Sie sprach so deutlich wie noch nie zu mir, und ich kenne nun das Zeichen.« Unruhig wanderte sie auf und ab. »Wir waren dem Untergang geweiht, Berchidda, wir alle. Ja, ja, widersprich mir nicht«, herrschte sie die junge Frau an, als sie Einwände erheben wollte. »Ich weiß, ich weiß, die Zicklein und Lämmer waren zahlreich, und doch.« Sie machte eine Pause. »Aber die Göttin ist gnädig, Berchidda, sie sandte uns die Rettung, die wir nicht verdienen: diesen Mann, deinen Mann.«

»Aber ...«, stammelte Berchidda.

»Nichts aber. Hast du das Zeichen nicht gesehen? Wies der Schlangenkopf nicht auf seine Lenden? Er trägt den Samen für das Kind in sich, das du uns gebären wirst, das goldene Kind, das uns weiterträgt.«

»Aber Umma«, setzte Berchidda erneut an, »er ist ein Fremder, er ist einer von denen, die mit ihren Schiffen über uns kommen. Wie kann er auserwählt sein? Und warum das Kind?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Ihre Stimme wurde zaghaft, als sie fortfuhr: »Du führst uns doch, Umma, und ich ...«

»Ich werde nicht ewig leben, Kind, ja, nicht einmal mehr besonders lange. Ich schmecke das Blut schon auf meiner Zunge, Kind, und du ...« Sie trat ganz dicht an Berchidda heran, ergriff deren Kinn mit ihrer Greisinnenklaue und zwang sie, ihr in die Augen zu sehen. Es tat weh, doch Berchidda wagte sich nicht zu rühren, als Umma dicht an ihrem Ohr heiser flüsterte.

»Sieh dich doch an, Kind, du bist Honig und Sonnenschein, du schaukelst die Menschen in deinen Armen durch die Sommerwonnen. Du bist das helle Antlitz der Göttin. Ich, ich bin der Winter, die Angst und die Macht. Ich treibe sie unter das blutige Gesetz; das Antlitz der Göttin, dem ich gleiche, ist dunkelrot. Du könntest das niemals sein. Nie könntest du gebieten. Du bist die Liebe, ich die Macht. Und diese Menschen dort draußen, unsere Menschen, sie brauchen beides, um zu überleben.« Sie ließ Berchidda los, die neben dem Schiffbrüchigen zu Boden sank, und weinte. Er stöhnte leise.

»Geh zu ihm, nimm ihn in dich auf. Und bring uns sein Kind, deine Tochter; sie wird beides sein: die Macht und die Liebe. Durch sie werden wir leben. Gehorche.« Sie funkelte Berchidda ein letztes Mal an und verließ hinkend die Höhle.

Ratlos saß Berchidda da. Das Bein des bewusstlosen Mannes neben ihr zuckte; sie wagte nur aus den Augenwinkeln hinzusehen. So nah, deutlich und unübersehbar lag dieser Körper neben ihr. Sie konnte jede Pore seiner Haut, jeden Nagel an seinen Zehen erkennen. Als er stöhnte, wandte sie sich ihm zu. Seine offenen Augen sahen sie an, und fast gleichzeitig fuhr seine Hand vor und packte ihren Arm. Die Rechte tastete an seiner Hüfte, als suche er sein Schwert. Angstvoll zog sie sich so weit von ihm zurück, wie es sein harter Griff erlaubte. Seine Iris, stellte sie fest, war so leuchtend azur, kalt und fremd wie das Meer.

Wortlos verharrten sie so, bis eine neue Ohnmacht seinen Griff lockerte. Berchidda versicherte sich, dass er nur schlief, dann ging sie hinaus, um zu holen, was sie zu seiner Pflege brauchen würde.

Der Mann

Charikles blinzelte. Das da über ihm schienen, er schloss die Augen erneut und öffnete sie dann weit, nein, es schienen tatsächlich Wurzeln zu sein. Sie ragten fein verästelt aus einem sandigen Gewölbe, auf das irgendein Wasser bewegliche Lichtreflexe malte. War er unter der Erde? Dann musste er in der Hölle sein! Unwillkürlich bekreuzigte er sich – und stöhnte gleich darauf vor Schmerzen. Seine linke Seite tat weh, als wäre ein Schiffsmast darauf gestürzt. Er tastete vorsichtig nach der quälenden Stelle. Da war etwas wie Stoff, und feucht, es setzte sich über seiner Brust fort. Ächzend versuchte er, den Kopf zu heben. Was er sah, war ein Verband, zweifellos; jemand hatte ihm einen primitiven Stoffverband umgelegt. Er fuhr erneut über die feuchte Stelle und roch an seinen Fingern; ein angenehmer Kräuterduft stieg ihm in die Nase. Aufatmend legte Charikles sich zurück und entspannte seine Muskeln. Ein Verband, Salbe und – Schmerzen. Es deutete alles darauf hin, dass er noch am Leben war. Aber wo? Er versuchte, sich zu erinnern, doch das einzige Ergebnis war, dass ihm schwindlig wurde. Das Gesicht einer Frau tauchte über ihm auf, schmal und braun, mit großen Augen, wie eine syrische Madonna. Es musste eine Vision gewesen sein. Charikles drehte den Kopf zur Seite, übergab sich und schlief wieder ein. Eine Höhle, dachte er noch, er musste in einer Höhle liegen. Dann schwemmten schwarze Träume ihn erneut fort.

Schon wenige Stunden später wachte er das nächste Mal auf. Wieder hingen da die Wurzeln, die Höhlendecke, fiel ihm ein. Auch der Verband war noch da, ebenso der brennende Schmerz. Er fluchte vernehmlich. Da unterbrach ihn ein Rascheln, er fuhr herum. In der Ecke erhob sich jemand, eine Frau, nein, ein junges Mädchen, stellte er fest, primitiv gekleidet. Das lange Haar hing ihr offen herab, ihre erstaunlich hellen Augen in dem bräunlichen Gesicht blickten nervös und zurückhaltend. Sie war nicht groß und noch sehr jung, aber ihre Hüften waren üppig gerundet. Als sie herantrat, konnte er einen Blick auf ihre langen, schlanken Beine und auf ihre schmutzigen Füße werfen.

Sie musste es wohl gewesen sein, die ihm den Verband angelegt hatte. Ob sie in dieser Höhle wohnte? Und wie war er hierhergekommen? Der Sturm zog durch seine Erinnerung, die herabstürzende Rah und der Schlag. Das aufgepeitschte Meer schien noch immer in seinem Kopf zu tosen. Er musste angespült worden sein auf dieser gottverfluchten Insel, wie hieß sie noch: Sardinia? Und das war dann wohl eine der barbarischen Einwohnerinnen.

Nun, sehr furchterregend sah sie nicht aus. Und von Wundpflege schien sie immerhin etwas zu verstehen. Prüfend fuhr er über seinen Brustkorb, den Bauch, ganz so, als erkunde er die heilenden Binden. Nein, bemerkte er dabei, seine Waffen waren nicht da. Er hatte sie entweder nicht mehr bei sich gehabt, als er hier an Land gekommen war, oder aber die Fremde hatte sie ihm weggenommen. Charikles ließ sie nicht aus den Augen, als sie nun näher kam, eine hölzerne Schale in Händen. Schmale, langfingrige Hände, musste er feststellen.

»Wer bist du?«, fragte er, doch statt einer Antwort kniete sie nur nieder und schickte sich an, seinen Verband neu mit einer grünlichen Tinktur zu netzen. Der schon bekannte Kräuterduft stieg ihm in die Nase, und er lächelte.

»Nur zu, du scheinst ja einiges davon zu verstehen.« Das Mädchen lächelte schüchtern zurück und beugte sich dann über ihre Arbeit. Ihr glänzendes Haar fiel auf sein Gesicht. Charikles strich es zur Seite und schnupperte unauffällig daran. Dabei stieg ihm ein Aroma in die Nase, das kein Badewasser der Welt herauswaschen würde: Ziegenmilch!

Ein Hirtenmädchen also! Ärmliches Bergvolk, dachte er herablassend und mitleidig zugleich und musterte ihren schlichten Kittel, der ihre schweren Brüste großzügig sehen ließ. Scheu warf sie ihm einen kurzen Blick zu und entschloss sich dann zu einem weiteren Lächeln.

»Na bitte, nur keine Angst. Schließlich kann ich mich gerade nicht besonders gut bewegen. So ungefährlich bin ich selten.« Mit zusammengebissenen Zähnen ruckte er sich etwas zurecht. Die Wellen mussten ihn hart auf dem Sand hin und her geworfen haben, er fühlte sich völlig zerschunden.

»Sehr gesprächig scheinst du nicht zu sein, hm? Hast du einen Namen?« Charikles nahm sie bei den Handgelenken und zwang sie, ihn voll anzusehen. »Wie heißt du?«, artikulierte er langsam und deutlich, als spräche er zu einer Schwerhörigen oder zu einem trotzigen Kind. »Wie ist dein Name?« Doch das Mädchen schüttelte nur den Kopf, legte ihm den Finger auf die Lippen und drückte ihn wieder auf sein Lager. Seufzend entspannte sich Charikles.

»Kein Griechisch, eh? Na, auch gut. Stumme Frauen haben ja bekanntlich etwas für sich. Ja, ja, noch ein bisschen weiter nach links, das tut gut.« Er schloss die Augen und genoss die sanfte Massage, mit der sie seine gequälten Glieder entspannte. Wärme durchströmte seine Muskeln.

»Mmh, das kannst du wirklich. Du bist geschickt für ein Hirtenmädchen. Wasser? Ja, danke.« Charikles nahm die Schale, die sie ihm bot, und trank. Es tat ihm gut, in der Stille der Höhle seine eigene Stimme zu hören. »Wenn du auch eben keine Schönheit bist. Aber man darf nicht zu viel erwarten, wenn man gerade den Wellen des Meeres entrissen wurde, was?« Ihre Griffe, so schien es ihm, wurden weicher und schmeichelnder, wie sie über seinen Körper wanderten, und eine Wärme anderer Art stieg in ihm auf. Er zog sie zu sich heran.

Nein, schön konnte man das bräunliche Gesicht mit dem üppigen Mund wirklich nicht nennen. Zu deutlich zeichneten sich die Wangenknochen unter der Haut ab, und die Augen waren groß, aber geschweift, wie bei einer archaischen Maske. Und zu breit in den Hüften war sie außerdem für seinen Geschmack. Die Haare allerdings ... Mit der freien Hand griff er in die spiegelnde schwarze Mähne. Ein Geruch nach Holzfeuer stieg ihm in die Nase und nach Fisch. Erst bog sie den Hals wie ein unwilliges Füllen, dann ließ sie zu, dass sein Gesicht ganz nahe an ihres herankam.

»Hab ich nicht erwähnt, dass großbusige Hirtinnen, die nach Ziege riechen, nicht ganz mein Fall sind?«, witzelte er. Doch da kam ihr Mund schon seinen geöffneten Lippen entgegen, ihre Zunge versenkte sich heiß in ihn, und er schmolz wie Metall über dem Schmiedefeuer. Der Schmerz war vergessen; mit einer Bewegung war er über ihr und drang in sie ein. Sein Rückenmark verflüssigte sich zu einem glühenden Strahl, mit dem er sich in sie ergoss. Mit Armen und Beinen hielt sie den Mann fest umklammert, dem es erschien, als sauge, zöge sie ihn mit jeder Bewegung tiefer in sich hinein, während er in ihren Schoß drang wie Baumwurzeln in die Erde. Er fühlte sein Hirn, seine Muskeln, seine Knochen sich auflösen zu Flüssigkeiten, die aus ihm rannen, und er verging. Ein weiterer Orgasmus ließ ihn seine Zähne in ihren Hals graben; ihr hoher Schrei trug ihn hinweg wie eine Woge, und er stieß auf der Gischt seines eigenen Samens noch tiefer in sie hinein.

Umma saß auf der Böschung über der Höhle und lauschte den Geräuschen, die heraufdrangen. Sie waren kaum zu hören, so laut zerrte der blaue Seewind an ihr und ließ ihr weiß leuchtendes Haar flattern. Umma lächelte, als sie unter sich den Willen der Göttin erfüllt wusste. Sie lächelte noch, als sie das Schwert traf.

Kapitän Kosmas und seine Mannschaft hatten schon den ganzen Tag vergeblich den Offizier Charikles gesucht. Nachdem er spät nachts über Bord gegangen war, hatten sie es geschafft, ihr Schiff mit einem Treibanker zu sichern. Und als der ruhige Morgen ihnen zeigte, dass sie in einer Bucht lagen, ließen sie die Boote zu Wasser und ruderten an Land. Nach einem kurzen Dankgottesdienst machten sie sich auf die Suche und schickten zwei Trupps nördlich und südlich die Küste entlang.

Kosmas versuchte, seine Unruhe zu verbergen. Es hatte nicht zu ihrem Plan gehört, auf dieser Insel zu landen, die seit Kurzem zum Herrschaftsgebiet der Vandalen gehörte. Sardinias wilde Küste war überdies kein guter Ort, vor allem nicht für einen aufrechten Christenmenschen. Wilde Stämme sollte es hier noch immer geben, die den Erlöser nicht kannten, blutige Menschenopfer brachten und das Fleisch kleiner Kinder aßen. Zivilisierte Siedlungen existierten in diesem Abschnitt kaum, nur in der Nähe der Häfen und der Bergwerke waren ehemals befriedete Dörfer zu finden. Zwar waren die Sarden selbst hier im Südosten fast völlig verschwunden, sagte man; die Minen hatten sie gefressen, in die sie als Sklaven geschickt worden waren, und was nahe den Städten lebte, das waren klägliche Reste, dem Alkohol ergeben, von fremden Krankheiten zerfressen und von Tagelöhnerei und Prostitution ein kümmerliches Leben fristend.

So jedenfalls berichteten es seine Freunde in Sizilien, und die mochten es wissen. Doch hieß es auch, dass Reste des alten Volkes in die unwirtlichen Berge geflüchtet waren, Aufständische, Uneinsichtige, die sich den Segnungen des Fortschritts und des wahren Glaubens verweigerten. Stephan aus Lilybaion, dem sizilischen Handelsposten, hatte ihm erzählt, dass von Zeit zu Zeit, wenn man eine dieser barbarischen Horden sichtete, Expeditionen mit Hunden ins Inland geschickt wurden, um sie aufzustöbern. Kein leichtes Unterfangen, denn die Natur war rau, und das menschliche Wild kämpfte zäh. Nur selten blieb bei diesen Zügen jemand am Leben, der einer gesitteten Existenz zugeführt werden konnte. Kosmas warf den grauen Gebirgszügen einen misstrauischen Blick zu, als bargen sie das Herz der Finsternis und könnten ihm etwas Böses entsenden. Falls sie Charikles an der Küste nicht trafen, würden sie jedenfalls keinen Fuß ins Inland setzen, nahm er sich vor.

Kosmas und seine Leute waren eben um ein Felsenkliff gebogen, als sie Rauch aufsteigen sahen. Sie duckten sich an den Hang der nächsten Düne und spähten über ihren Rand hinweg.

»Räucherfeuer«, stellte ein Soldat fest. »Das müssen Fischer sein. Gehören wahrscheinlich zu dem Dorf da hinten.« Er wies mit der Schwertspitze zu der Nuraghensiedlung hinüber. »Sieht allerdings mehr wie eine Ruine aus.«

»Dorf?«, knurrte Kosmas. »Nach den Karten gibt es hier kein Dorf. Und was ist das dort für ein Spuk?«

Der Soldat kniff die Augen zusammen. »Eine hölzerne Figur«, stellte er fest, dann schluckte er hörbar. »Eine Art Idol vielleicht. Sieht aus … sieht aus wie eine schwangere Frau mit großen Brüsten.« Er flüsterte es fast. Seine Kameraden bekreuzigten sich. Die Menschenfresser! Sie waren tatsächlich auf sie gestoßen.

»Heidenpack!« Der Kapitän spuckte aus.

»Was sollen wir jetzt tun?« Nervös griffen sie alle zu ihren Waffen. Das Knirschen, mit denen die Schwerter aus den Scheiden fuhren, kam ihnen selbst laut vor.

»Treffer, Noraxxu«, rief da eine helle Stimme, und ein Speer bohrte sich vor ihren Füßen in den Boden. Der Kopf, der gleich darauf hinter dem Rand der kleinen Düne auftauchte, rollte, von Kosmas’ Schwert getroffen, in den Sand, bevor jemand bemerkte, dass er einem Kind gehörte. Noraxxus Gefährte schrie gellend, ehe auch er getroffen wurde. Auf dem Fischplatz, sah Kosmas, der schreckensbleich auf die beiden kleinen Leichen starrte, war Bewegung entstanden. Panik stieg in den Männern auf und brach sich in einem Schrei Bahn.

»Zum Angriff!« Sie rannten brüllend den Hügel hinunter.

Der fettige schwarze Qualm, der wenig später über dem Fischplatz aufstieg, stammte nicht von den Räucherfeuern. Und es war kein Fischblut, das dort in hellroten Strömen in den Fluss quoll.

Eine schmale Silhouette, die reglos auf der Böschung des Flusses saß, lockte die marodierenden Soldaten wieder zum Strand. Doch es war nur eine alte Frau, die leicht wie ein welkes Blatt zur Seite fiel, kaum dass das Schwert sie streifte. Seltsamerweise lächelte sie.

Von keuchenden Geräuschen gelockt, fanden sie die Höhle und dort Charikles, der sich nackt und schreiend wie ein Tier in eine vor ihm kauernde Frau rammte und seine Kameraden zunächst kaum erkannte. Sie wanden die Hüften des Weibes aus seinen Fingern und zogen sie von ihm. Doch er verhinderte in seiner Raserei, dass sie ihr an Ort und Stelle den Kopf abschlugen.

Die Schwarzhaarige rettete sich in den hinteren Teil des Raumes, wo sie sich an einem Weidenkorb festklammerte, der ihr nicht wegzunehmen war. Charikles lieh sich Kleidung von seinen Kameraden, griff sich Berchidda erneut und zog sie hinter sich her, sosehr die anderen auch fluchten und vor »der Zauberin« ausspuckten. Jemand streifte ihr gewaltsam eine Kette mit einem billigen Kreuz über; es baumelte kalt zwischen ihren Brüsten.

Der Fischplatz rauchte immer noch. Enkiddu lag dort auf dem Rücken, Arme und Beine ausgebreitet, der Aalspieß, an dem die Tiere sich wanden, steckte tief in seiner Brust. Da drüben lag Garoppu, der stets heitere Garoppu; er hatte versucht, seine kleine Tochter Ittiri mit seinem Leib zu decken. Losa hatte sich wenige Schritte entfernt aufs Ufer gerettet, ehe sie der Hieb traf. Niemand, registrierte Berchidda voller Entsetzen, niemand regte sich mehr. Es war mehr, als sie zu fassen vermochte, während sie barfuß, gestoßen von den groben fremden Händen, über das Totenfeld stolperte.

Kosmas nahm Charikles beiseite. »Wir sollten sie zurücklassen«, murmelte er, »wie die anderen.« Und er deutete mit dem Kinn auf die Leichen einiger junger Mädchen, die im seichten Wasser trieben, die Netze noch in Händen. Charikles schüttelte energisch den Kopf und schob das Kinn vor.

»Sie kommt mit.« Und er blieb über alle Vorhaltungen hinweg stur.

»Frauen an Bord bringen nur Unglück«, murrte Kapitän Kosmas weiter, »noch dazu eine Heidin. Die Mannschaft wird meutern!« Charikles dachte eine Weile nach. Seine Blicke wanderten über die halb nackte Berchidda. Zu breite Hüften, dachte er, und die Ziegenmilch kann ich noch immer riechen. Was finde ich nur an diesem Weib? Doch auch ihre Hitze spürte er noch auf ihrer Haut.

»Wir werden sie auf dem Schiff vor allen taufen«, beschloss er, »das wird die anderen besänftigen. Sie soll Magdalena heißen.«

Und das Dorf blieb zurück. Vor ihnen rauschte die See.

Das Schiff

»Wie geht’s, Kosmas?« Charikles trat zu dem Kapitän an die Reling und schaute mit ihm gemeinsam über die graue Dünung des Tyrrhenischen Meeres. Das Holz der Masten ächzte jedes Mal, wenn die »Constantia« in ein neues Wellental schaukelte. Möwen krächzten, was hieß, das ihr nächster Ankerplatz nicht weit war. Die Reise verlief so ruhig, wie sie es sich nur wünschen konnten, kein weiterer Sturm hatte sie heimgesucht. Und auch die Unruhe an Bord war dem üblichen Schiffsalltag gewichen, vor allem, da Magdalena nach ihrer Taufe mit Meerwasser nicht mehr an Deck erschienen war. Dankbar sah er zu der kleinen Hütte auf dem Achterdeck hinüber, die ihnen beiden eine Heimstatt gab. Zum Glück für sie alle schien Magdalena keinen Drang nach frischer Luft oder einer Aussicht auf die See zu haben.

»Warum musstest du sie mitnehmen?«, fragte Kosmas rüde statt einer Antwort und wandte sich zu Charikles um. Sein Gesicht war ärgerlich.

»Kosmas, was willst du«, versuchte Charikles es mit einem Lächeln. »Es ist doch alles in Ordnung. Die Leute sind ruhig, die See ist ruhig ...«

»Ja, sie sind ruhig«, knurrte Kosmas. »Sie murren nicht. Aber sie singen auch nicht. Man kommt sich fast vor wie auf einem Totenschiff.« Langsam kam Kosmas in Fahrt. »Eine Frau gehört einfach nicht an Bord eines Schiffes, das macht die Männer nur verrückt im Kopf. Und schon gar solch ein Eingeborenenflittchen. Eine Heidin dazu! Verdammt noch mal, Charikles, ist das bisschen Vögeln die Sache wirklich wert?« Sein Gefährte hielt den Blick auf die See gerichtet; er überhörte die letzte Frage.

»Sie ist getauft«, entgegnete er nur knapp. »Und außerdem«, er zögerte etwas, »außerdem hat sie sich gewehrt und geschrien, als dein Maat Josef damals bei ihr einzudringen suchte. Das beweist wohl, dass sie kein Flittchen ist.« Charikles verstummte, Kosmas zuckte die Achseln. Eine ganze Weile sagten beide nichts, nur die Möwen über ihren Köpfen kreischten.

»Warst du schon mal verheiratet, Kosmas?«, setzte Charikles schließlich unvermittelt an. Der Kapitän gab nur ein Knurren von sich. »Ich schon«, fuhr der Offizier fort, »einmal, in Aleppo, ist schon eine Weile her, bevor ich zur Palastgarde in Byzanz kam. Sie war ein hübsches junges Ding aus gutem christlichen Haus. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass ihr Vater sie mir gab. Sagten jedenfalls ihre Tanten.« Charikles spuckte ins Wasser.

»Nach der Hochzeitsfeier, wir waren gerade unter großem Tamtam ins Schlafzimmer geleitet worden, eröffnete sie mir plötzlich mit reizendem Lächeln, wie schön es doch wäre, wenn wir uns durch Keuschheit wahre Seligkeit erwerben könnten. Das gute Kind. Sie hatte das wohl bei irgendeinem Kirchenvater gelesen. Ich versuchte natürlich, ihr das auszureden, ganz freundlich zuerst, aber sie hatte sich das nun mal in den Kopf gesetzt. Nicht mal anfassen durfte ich sie, verdammt noch mal. Als ich sie schließlich, schon etwas ärgerlicher, fragte, warum zum Teufel sie dann nicht ledig und gefälligst alleine keusch geblieben sei, weißt du, was sie da geantwortet hat?« Charikles wartete Kosmas’ Entgegnung nicht ab. »›Aber Charikles, Liebster‹«, mit plinkernden Augen und flötender Stimme ahmte er seine verflossene Braut nach. »›Weißt du nicht, dass sich die Größe der Entsagung an der Stärke der Versuchung misst?‹ Sie wollte eben unbedingt einen Rekord aufstellen.«

Kosmas gab einen Laut von sich, der wohl besagen sollte, dass er alles wusste, was es diesbezüglich über Frauen zu wissen gab. »Dabei kann sie noch nicht einmal etwas dafür«, fuhr Charikles ruhiger fort, »sie wurde eben von klein auf mit solchen Geschichten gefüttert. Wahrscheinlich hat der Priester ihr sogar freudig zugeraten. Der schaute bei der ganzen Trauung so hinterhältig.«

Kosmas lachte. »Und was ist aus ihr geworden«, fragte er, »deiner Frau?«

Jetzt war es an Charikles, die Achseln zu zucken. »Ich hab sie zu ihrem Vater zurückgeschickt und bin in die Großstadt verschwunden. Nach Byzanz. Mit besten Grüßen an die Tanten.«

Als sie nach vielem Gelächter wieder zu Atem kamen, sagte Charikles nachdenklich: »Es kann nicht Gottes Wille sein, dass ein Mann nicht haben darf, was er braucht. Was meinst du, Kosmas?«

Der Kapitän hob abwehrend die Hände. »Wenn du was über Gott wissen willst, frag die Priester.« Beide drehten sich wieder der ruhigen See vor ihnen zu. Nach einer Weile fragte Kosmas, ganz versöhnt: »Was willst du mit ihr machen?«

Charikles nickte nachdenklich mit dem Kopf, als erwöge er eine bedenkenswerte Frage und die mögliche Antwort darauf. Dann holte er tief Luft.

»Ich werde sie heiraten, denke ich. Weißt du, Kosmas, ich werde Schluss machen mit der Armee.«

»Keine Uniform mehr, du? Das kann ich nicht glauben.«

»Doch, doch, Kosmas. Es war ein unbehaustes Leben. Die Leichen von Magdalenas Leuten«, er kaute auf seiner Wange, »sie … sie sollen die letzten sein, die ich gesehen habe, wenn Gott mir das gewährt.«

Kosmas schüttelte noch immer ungläubig den Kopf. Charikles grinste und schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.

»Keine Sorge um mich, alter Freund. Meine Zirkuspartei, die Grünen, haben mir einen Posten als Aufseher ihrer Ställe angeboten.«

Der Kapitän pfiff anerkennend durch die Zähne. »Du wärst verantwortlich für die Pflege ihrer berühmten Renner.«

Charikles nickte. »Auch für Zucht und Auswahl. Und wenn ich wollte, dürfte ich nach Nordafrika reisen, wilde Tiere für den Zirkus anzukaufen.«

»Aber du willst nicht?« Kosmas hob eine struppige Braue.

»Nein, Kosmas. Ich will meine Ruhe, mein Heim, Kinder vielleicht ...«

»Ha«, dröhnte Kosmas, »und das vom größten Haudegen der Garde.« Doch als sein Freund nicht in das Gelächter einstimmte, wurde er wieder ernst. »Und das muss also«, er nickte mit dem Kopf in Richtung der Deckkabine, »ausgerechnet sie sein?«

»Ich bin nicht jung, Kosmas, ich bin nicht schön ...«

»Du bist nicht arm.«

»Scheiße, Kosmas! Soll ich mir eine Exhure vom Forum Konstantinum kaufen, die jeder schon gehabt hat? Magdalena zeigt doch wenigstens ... äh, eine rührende Anhänglichkeit.« Er errötete.

Ein Blick auf Charikles ließ den Kapitän seinen Einwand vergessen. Verlegen kratzte er sich den Bart und murmelte einlenkend: »Schön ist sie ja. Und wenn’s nun mal dein Wille ist«, erleichtert, ein gutes Schlusswort gefunden zu haben, atmete er auf, »dann sei Gottes Segen mit dir, Charikles. Ach«, fügte er noch hinzu, ehe er seine Runde über das Deck wieder aufnahm, »vergiss besser, ihr Griechisch beizubringen. Sonst kommt sie dir noch mit dummen Vorschlägen.«

»Jedenfalls sollte ich nicht vergessen, sie gut zu füttern!« Charikles hob ihrer beider Essschalen, um anzudeuten, weswegen er an Deck gekommen war. Dann schlug er Kosmas freundschaftlich auf die Schulter und machte sich lachend auf den Weg zum Heck, wo außenbords eine Feuerstelle glomm, von Ziegelsteinen eingefasst und argwöhnisch behütet, denn Feuer fürchten Seeleute fast noch mehr als das Wasser. Dort bereitete bei gutem Wetter die Mannschaft ihre einfachen Mahlzeiten zu.

Charikles nahm etwas von den eingeweichten Linsen, die da in einer Schüssel standen, schnitt Zwiebeln und Knoblauch hinein und setzte alles auf. Jemand hatte einen Stapel dünner Brotfladen gebacken und zum Abkühlen liegen gelassen. Er nahm einen davon, füllte ihn mit dem würzigen Eintopf und trug alles in einer irdenen Schale zu Berchidda in die Kabine.

»Magdalena?«, rief er fragend, ehe er den Ledervorhang der für sie beide reservierten Kajüte beiseiteschob, damit sie wusste, dass er es war. Gerührt sah er sie verloren auf ihrer Liege sitzen. Und er beschloss, tatsächlich in die Tat umzusetzen, was er Kosmas erzählt hatte; er würde sie zu seiner Frau machen.

»Hier, dein Essen.« Er legte sich neben sie auf das Bett, stützte den Ellenbogen auf und legte den Kopf in die Hand. Zufrieden schaute er zu, wie sie die tropfende Brotrolle aß. Kosmas hatte unrecht, fiel ihm ein: Er würde ihr Griechisch beibringen müssen. Fragend erwiderte sie seinen aufmerksamen Blick. Seine Männlichkeit reagierte, wie bei jedem Kontakt mit ihr. Am besten fing er mit dem Unterricht gleich an, bevor sie abgelenkt wurden!

»Essen«, formulierte er deutlich und deutete auf das Brot in ihrer Hand. Sie schaute verständnislos. »Essen«, wiederholte er und führte dazu die Geste des Essens aus.

»Essen?«, fragte sie und wiederholte das Wort mehrere Male, als er zustimmend nickte. »Essen. Essen!«

»Sehr gut!« Er langte nach ihrem Kopf, zog ihn zu sich heran und küsste sie. Berchidda drückte sich enger an ihn und legte die Hand auf sein Glied. Charikles stöhnte.

»Phallus«, sagte er mit gepresster Stimme. Eine Lektion konnten sie noch durchnehmen. Und er hielt ihre Hand mit der seinen fest.

»Phallus«, hörte er Berchiddas kehlige Stimme.

»Ja«, antwortete er heiser.

»Phallus«, wiederholte sie, und als wollte sie das Gelernte repetieren: »Essen. Phallus. Essen. Phallus. Essen.« Sie sprach die Wörter ohne Pause hintereinander aus. Er erbebte, elektrisiert von einer Idee.

»Ja«, antwortete Charikles, eine Hitzewelle überrollte ihn, und seine Stimme versagte fast, als er wiederholte: »Phallus essen!« Er blickte sie mit heißen Augen an und drückte ihren Kopf sacht auffordernd in Richtung seiner Lenden. »Phallus essen!«

Später, als er neben ihr lag, sacht geschaukelt vom Wellengang, wanderten seine Gedanken dem Weg des Schiffes voraus, hin zu der kleinen Insula nahe der Philoxenos-Zisterne, wo eine kleine, gemütliche Wohnung im Erdgeschoss auf ihn wartete. Er dachte an das bescheidene Fußbodenmosaik, die geschnitzte Holztruhe, die er damals nach dem Feldzug in Amida gekauft hatte, und an seine beiden Sklaven, Philemon und Baucis, denen Magdalena eine Herrin werden sollte. Ein begrünter Innenhof gehörte auch dazu, in dem ein benachbarter Mosaikleger seine Eimer, Kellen, Fliesen und Gerüsthölzer lagerte. Für Kinder würde es ein Paradies werden! Magdalenas Atemzüge wurden ruhiger. Wie zart sie war, dachte Charikles gerührt, wie zart und verletzlich. Er schlang die Arme um sie. So würde er sie von nun an jede Nacht seines Lebens halten.

»Magdalena«, flüsterte er. Dann schlief er ein.

Berchidda starrte wach auf den hellen Streifen, der sich zwischen den Holzplanken zeigte. Sie wusste nicht, ob dahinter der Himmel oder die Gischt des Meeres zu sehen gewesen wäre. Das Meer! Was konnte schon Gutes über das Meer kommen!

Die ersten Nächte hatte sie immer nur die Gesichter ihrer toten Stammesgenossen vor sich gesehen, wie sie mit starren Augen auf dem Fischplatz lagen, fliegenumsirrt, Augen, die den Himmel nicht mehr sahen, in den sie hinaufglotzten. Sie war ganz in sich gekrochen und selbst wie erstarrt. Nur der Ozean hatte sie wie tröstend in seinen Armen gewiegt, eine Tröstung, die ihr das Essen wieder aus der Kehle presste. Doch sie hatte Ummas Auftrag nicht vergessen: das Kind. Das Kind musste geboren werden. Von ihm, durch sie und keine andere. So verlangte es die Göttin. Und Berchidda gehorchte.

Er war kein schlechter Mann, dieser Charikles, wie sie ihn riefen; es gelang ihr sogar, ihn in Ekstasen die Nähe der Großen Göttin erleben zu lassen. Aber er war verrückt, vollkommen verrückt! Kniete er etwa vor ihr und küsste ihren Fuß, wie es sich gehörte, bevor er zu ihr kam? Nein! Er ehrte die Göttin nicht, die ihm all dies spendete, so wenig wie das Medium, das ihm dieses Geschenk überreichte. Er war ein Ungläubiger, ein Barbar! Und Barbaren waren sie alle. Dieser Mann, der vor Tagen bei ihr eingedrungen war und sie zwingen wollte. Für ein solches Sakrileg hätte ihr Stamm ihn gesteinigt!

Berchidda beobachtete, wie der schmale Streifen Himmel sich langsam türkis und golden verfärbte. Und kurz ehe sie unterging, stand die glühende Abendsonne genau in der Spalte ihres Bretterverschlages und sandte einen Strahl zu ihr herein. Dann ein Tanzen des Bugs auf der nächsten Welle, und sie war verschwunden. Doch Berchidda wusste nun, wie die Große Göttin diesmal über ihr Geschenk entschieden hatte.

Buch 1
Im Herzen des Hippodroms

Sobald sie erwachsen und reif war, ging sie gleich unter die Schauspielerinnen und wurde eine gewöhnliche Hetäre ... Sie konnte ja weder Flöte blasen noch die Laute schlagen, nicht einmal als Tänzerin war sie ausgebildet, sie musste vielmehr ihre Schönheit allein unter Einsatz aller körperlichen Reize dem Nächstbesten hingeben ... Nie kannte das Weib irgendwelche Scham, und niemals sah sie jemand verlegen; ohne jedes Bedenken fand sie sich zu unzüchtigen Dienstleistungen bereit und hatte solch minderen Charakter, dass sie trotz Prügel und Ohrfeigen noch vergnügt scherzte und hell auflachte.

(Prokopios: Anekdota, Buch IX)

Gespräche über Pferde

»Theodora! Theodora!«, rief eine dünne Greisinnenstimme. Doch statt zu antworten, spurtete die Kleine los, über den Hof und hinaus durch das Tor. »Theodora«, erklang es noch einmal vorwurfsvoll, »deine Mutter ruft nach dir!«

Sollte sie rufen. Die alte Baucis mit ihren beinahe siebzig Jahren und den gichtigen Beinen würde sie bestimmt nicht einholen und ihr das Vergnügen eines Ausflugs mit Papa rauben! Schon war sie draußen auf der Gasse, und ihre kleine Mädchenhand schloss sich um die ihres Vaters. Strahlend sah Theodora zu Charikles auf.

»Geht’s ins Hippodrom?«

Er nickte. »Hm. Mal sehen, ob du den Weg schon kennst.«

Ha! Als ob sie diesen Weg nicht schon hundertmal zusammen gegangen wären. Sie warf stolz die langen Haare zurück, die so schwarz, glatt und glänzend wie Pech über ihren Rücken fielen, und zog ihren Vater hinter sich her. Schließlich war sie schon sieben!

Die Olivenbaumgasse, in der sie wohnten, lag direkt im Zentrum von Byzanz, was man ihr nicht ansah. Sie war kaum die vier Meter breit, die die Stadtbehörden als Mindestabstand vorschrieben, und die Balkone auf beiden Seiten im ersten Stock stießen mit ihren Holzgeländern fast aneinander. Aufgehängte Wäsche und zahlreiche Pflanzen in Tontöpfen filterten das Licht und ließen es angenehm dämmrig erscheinen. Hier war es still, bis auf das Rufen einiger spielender Kinder, das Pfeifen eines Vogels in seinem Käfig und das Schaben des Besens, mit dem der benachbarte Bäcker vor seinem Laden kehrte. Charikles grüßte höflich, und Theodora steckte der wohlgehassten Bäckerstochter Maria hinter seinem Rücken die Zunge heraus.

Doch hundert Meter weiter änderte sich das Bild. Dort mündete die friedliche Gasse in die Bukoleion-Straße, die vom gleichnamigen Hafen mit seinen großen Magazinen hinaufführte in die Altstadt und zum Hippodrom. Hier toste das Leben Tag und Nacht und verschluckte die beiden, kaum dass sie den Fuß auf das sonnige Pflaster gesetzt hatten.

»He, Püppchen!« Fest umklammerte Theodora Charikles’ Finger und ließ sich von ihm aus der Horde ägyptischer Matrosen heraushalten, die Arm in Arm singend vorbeizog, die Heuer in der Tasche und den Kopf voller Pläne für einen großartigen Abend in der prächtigsten Hafenstadt des Ostens. Hinter ihnen schloss sich der Strom der Flaneure wieder.

»Du hättest aber auch deinen Schal mitnehmen können«, brummte Charikles, »statt mit unbedeckten Haaren herumzulaufen wie eine unanständige Frau.«

»Ach Papa.«

Charikles seufzte und schaute auf seine Tochter hinunter, die mit ihren großen schwarzen Augen, über denen die Brauen hoch und zart wie Vogelschwingen standen, zu ihm hinauflächelte. Es war zwecklos, er konnte ihr nicht böse sein. Wie hübsch sie heute wieder aussah! Das einfache Baumwollgewand mit den weiten Ärmeln war von Baucis liebevoll vom Hals bis zum weit fallenden Saum um ihre Knöchel mit einer bunten Blumenborte bestickt worden. Und ein Hauch von Goldstickerei, fast schon sündhafter Luxus, brachte den matten Goldton ihrer Haut zur Geltung, der so auffallend mit ihren dunklen Augen und Haaren kontrastierte. Jede andere hätte blass ausgesehen, nicht aber sein Mädchen; sie wirkte vielmehr wie ein Elfenbeinpüppchen.

»Wenn du brav bist, he!« Doch die Soldaten, die sie grob beiseitegeschoben hatten, achteten nicht auf Charikles’ Proteste. Einer drehte sich kurz nach ihnen um, die schmalen Augen über dem hängenden Schnurrbart fixierten sie stumm, und seine Hand fuhr wie zufällig zum Dolch. Grinsend wandte er sich wieder ab und folgte seinem Freund.

»Hunnische Söldner«, murmelte Charikles unbehaglich. Auch die Mönche am Tor des nahen Fremdenheims der heiligen Thekla sahen ihnen besorgt nach, ehe sie sich wieder ihren Neuankömmlingen widmeten, Bürger aus der syrischen Provinz, die auf eine Audienz bei einem der Hofbeamten hofften.

»Was ist, wenn ich brav bin, Papa?«

»Dann, äh«, antwortete Charikles, aus dem Konzept gebracht, »dann können wir beide nachher noch einen Ausflug mit dem Schiff hinüber nach Pera machen, was meinst du, und den Säulenheiligen besuchen.«

»Och!« Theodora rümpfte die Nase. »Das ist doch langweilig. Er steht nur da oben rum und betet. Und«, fügte sie als entscheidenden Trumpf hinzu, »die Säule stinkt nach Pipi.«

»Theodora! Der Mann ist ein Heiliger.«

»So wie der da vorne, was?«, murmelte Theodora.

Ein Auflauf versperrte die Straße nahe des Ioannis-Palastes mit seinen glatten, milchweißen, abweisend fensterlosen Marmormauern. Aus der Stille seiner grünen Innenhöfe und mosaikverzierten Wasserbassins drang kein Laut, der erklärt hätte, was er von dem alten Mann mit den langen zottigen Haaren dachte, der es sich vor seiner Mauer bequem gemacht hatte und der Menge predigte. Seine dürftigen Kleider waren schmutzig. Er roch schlecht, wie Theodora bemerkte, als sie sich zu ihm vorgedrängelt hatte, und sie konnte die schwärzlichen Dreckspuren in der Faltenhaut seiner abgemagerten Arme sehen. Doch er verschaffte sich mit seinem Knotenstock energisch Platz und Gehör.

Eine Gruppe junger Mönche in schwarzer Tracht umringte ihn in respektvollem Abstand, eifrig bedacht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wie gerne hätten sie sich seine Schüler geheißen! Dreißig Jahre ohne sich zu waschen, ohne sich die Haare zu schneiden und ohne etwas anderes zu essen als das, was man mit eigenen Fingernägeln aus dem Boden kratzte: Konnte es etwas Heiligeres geben?

»Herr, Herr«, riefen sie.

»Theodora«, rief Charikles mal wieder nach seiner Tochter.

Doch der Alte hielt nicht inne in seiner Predigt.

»Geilheit und Laster«, schrie er, »haften an euch wie Aussatz!« Und sein Stock wies auf das Etablissement gegenüber, ein Weinlokal und Bordell, genannt der Bauch des Bacchus, über dessen weinlaubumrankten Torbogen, dick mit Goldfarbe bepinselt, das prangte, was ihm seinen Namen gab: ein unglaublich fetter lächelnder Weingott, der selig einen vollen Becher schwenkte. Zwei der Bedienungen, in hochgeschlitzten Tuniken und mit nackten Armen, die Holzkrüge noch in der Hand, hatten sich neugierig im Eingang aufgestellt.

»Da stehen sie, die Töchter der Hölle«, geiferte der Alte, »mögen sie brennen und die Teufel sie auf glühenden Rosten wenden.« Die zwei jungen Frauen gaben ihm mit saftigen Flüchen heraus, angefeuert von den Matrosen und Soldaten an den langen Tischen hinter ihnen in der Rebenlaube.

»Hast du gehört, was er über dein Stammlokal gesagt hat, Papa?« Wortlos zog Charikles seine quirlige Tochter weiter, die neugierig ihren Hals nach allen Seiten verrenkte. Nein, da konnte Mama sagen, was sie wollte: Es war einfach eine Lust, in einer Hafenstadt zu wohnen! Byzanz, die größte Metropole der bekannten Welt, die Hauptstadt des Oströmischen Reiches, bunt, vielsprachig und brodelnd von Leben – Theodora fand sie einfach wunderbar.

Nur wenig später waren sie am Ziel.

»Tja.« In Charikles’ Stimme schwang wie jedes Mal unverhohlener Stolz, wenn sein Arbeitsplatz vor ihnen beiden aufragte: das Hippodrom. Er hielt im Gedränge an und umfasste mit einer ausholenden Geste die gut zwanzig Stockwerke mit Arkadenreihen, die sich plötzlich in den Himmel türmten. Das Bauwerk, das dazu noch erhöht auf einem Hügel lag, hatte ihnen die schmale südliche Kehre seiner Rennbahnen zugewandt wie den Bug eines Schiffes, eines mächtigen Schiffes aus Stein, das jedes Gebäude der Stadt überragte und unaufhaltsam und majestätisch dem Horizont zustrebte.

Zu seiner Rechten schloss sich das Palastviertel an, eine Flut von Marmorpalästen, Terrassen, Treppen, Gärten und Pavillons, die sich die Hügel hinab bis zum Meer ergoss. Theodora hatte die Pracht einmal von einem Ausflugsboot vom Bosporus aus bewundert, jedoch noch niemals betreten. Ein schimmerndes Traumreich, eingebettet in goldenen Dunst, hatte sich ihrem Gedächtnis eingeprägt.

Gleich vor ihnen allerdings lag eine andere Art der Architektur. Der Hügel unter der Kehre des Stadions nämlich war keineswegs massiv. Er baute sich vielmehr aus zahlreichen Terrassen auf, deren Arkaden, nicht annähernd so prächtig wie die des Bauwerks darüber und vielfach in Holz ausgeführt, tief in den Hügel selbst hineinzuführen schienen. Einige handgemalte Schilder warben für schäbige Ladengeschäfte, dreckige Tonkrüge mit eingelegten Oliven, Zwiebeln und Käse in salziger Lake standen vor den Türöffnungen, in Schläuchen hing saurer Wein und Essigwasser, und der Duft einer Backstube wurde überlagert und durchmischt mit stechenderen Aromen: Tierdung, Schweiß, Urin, Holzkohlenfeuer.

Charikles sah, wie Theodora die Nüstern blähte. »Hast du Hunger?«, fragte er. »Warte, bis wir an die Mese kommen, dann kaufe ich dir bei Philippa ein Fladenbrot mit Oliven, das beste in der Stadt. Das Herz des Hippodroms ist kein guter Ort. Bah, wer weiß, was du dir einfängst, wenn du hier was isst.«

»Ich will aber lieber eine Sesamstange!«

Wenn es einen Ort gab, der noch verheißungsvoller als das Palastviertel war und noch verbotener, dann war es das geheimnisvolle Labyrinth im Herzen des Hippodroms, wie die Leute es nannten. Eigentlich war es eher sein Bauch; hier wohnte das ganze Lumpenpack, das mit dem Theater, den Spielen und den Rennen zu tun hatte, alle die, die nicht so berühmt waren wie die großen Sieger der Wagenrennen: die erfolglosen Wagenlenker, die kleinen Huren vom Theater, die schwulen Schausteller, die Tierwärter, Wahrsager, Bärenführer, Gladiatoren, Essensverkäufer und Hundedresseure, die Witzeerzähler, Tänzer, Taschendiebe und Liebestränkemischer. Auch Heiden, so munkelte man in Theodoras Straße, sollte es hier noch viele geben. Kein Kind aus ihrer Nachbarschaft durfte hier spielen.

Neugierig schaute Theodora über die Schulter zurück zu der Schar zerlumpter Kinder, die sich auf dem Platz vor den Terrassen lautstark mit Holzreifen und blanken Kieseln vergnügten.

Die Sonne drückte schwer auf Theodora, als sie aus dem Schatten des mächtigen Tormittelbogens schließlich in die Arena des Hippodroms eintraten. Die zweiflügeligen Bronzetore hatten weit offen gestanden. Vor ihr lagen zur Rechten und zur Linken die blendend hellen Sandbahnen, in der Mitte getrennt durch die Spina, eine Rampe, geschmückt mit Obelisken und Ehrenmalen, die es beim Rennen zu umrunden galt. Die marmornen Sitzreihen stiegen ringsherum so hoch, dass kein Gebäude sie überragte. Sie schnitten ein Stück weiten Himmels aus, in den eine schwache Brise nur hier und da einen Wolkenfetzen schweben ließ. Eine weiße Stoffbahn schlug im Wind, ein Teil der Sonnenbedachung, der nicht richtig festgezurrt worden war, und auf einer der Treppen stritt eine Schar Krähen laut krächzend um ein paar Krümel. Ihr Kreischen war fast das einzige Geräusch, das hereindrang. In der plötzlichen Stille spürte Theodora erst, wie laut die Straßen gewesen waren.

Während sie an der versprochenen Honigsesamstange kaute, erklärte Charikles ihr bereitwillig, wie oft die Gespanne die lang gezogene Kreisbahn vollenden mussten, um ein Rennen zu absolvieren, wo Start und wo Ziel lag und wie der Applaus von den Sitzreihen herunterbrandete auf den Sieger, den der Kaiser eigenhändig bekreuzigte und bekränzte.

»Wenn dann dein Wagen in der Kurve kippt und die Pferde dich mitsamt seinen Trümmern an den Zügeln mitschleifen, ja, dann kann dich nur ein schneller Schnitt durch das Leder befreien!« Er machte vor, wie der Wagenlenker sein Messer zog, um die Riemen zu durchtrennen. »Das, und dann rollst du dich schnell aus der Bahn, ehe der Nachfolger dich zertrampelt, oder du stirbst!« Theodora applaudierte. Mit glänzenden Augen hörte sie zu, das Gesicht vor Aufregung gerötet, als sähen sie gerade wirklich die aufregenden Szenen eines Rennens. »Könnte man«, fragte sie, noch ganz mitgerissen von der Erzählung, »könnte man die dann nicht opfern?«

»Opfern?« Charikles war irritiert. Eine peinliche Pause entstand, in der sein Ärger wuchs, ein alter, festgefressener, seit Langem schwelender Ärger, der von dem Unbehagen genährt wurde, das seine Frau ihm manchmal, nach all den Jahren noch, einflößte. Ihre Weigerung, richtig Griechisch zu lernen, ihr Desinteresse an allem, was außerhalb ihres ureigensten Kreises vorging, dass sie fast nie das Haus verließ und mit den Kindern in ihrer barbarischen Sprache redete, wenn sie glaubte, er hörte es nicht, all dies war ihm bisweilen unheimlich. Er wurde den Verdacht nicht los, dass sie einen schlechten Einfluss auf die Mädchen hatte. Er hatte ihr nun streng verboten, mit den beiden weiter in ihrer Muttersprache zu sprechen. Er schaute nachdenklich auf seine Älteste hinunter, seinen ganzen Stolz, deren hübsches Gesicht jetzt vom Trotz verschlossen war. Gott sei Dank, dachte er, hatte sie nicht die Augen ihrer Mutter. Theodoras Augen waren fast so schwarz wie ihr Haar. Groß und rund wie zwei kostbare dunkle Perlen schauten sie aus dem Kindergesichtchen, fest konzentriert auf einen Punkt irgendwo hinter ihrem Vater.

»Theodora!« Er bückte sich und fasste das Mädchen bei den Schultern. »Du bist doch mein süßes Mäuschen, hm? Und du weißt, dass der liebe Gott das Lügen verboten hat.« Ernst sah er sie an. »Sag dem Papa mal, was macht die Mama eigentlich, wenn ich ...«

Helle Rufe von der Spina her unterbrachen sie.

»Porphyrios!« Dankbar wirbelte Theodora herum, und auch Charikles richtete sich auf und beschattete die Augen mit der Hand. Ein Arbeitskommando war dort vorne beschäftigt, einen schweren Bildstein aufzurichten, der auf Holzlagern ruhte. Und jemand winkte ihnen eifrig. In Gottes Namen, murmelte Charikles und ging hinter seiner Tochter her auf die Gruppe zu. Vielleicht war es besser, nicht zu fragen.

»Heeejop!«, rief der Vorarbeiter. Und die Seile strafften sich. Langsam wuchs das Monument in den Himmel, schwankte mit einem trockenen Knirschen noch einmal und stand dann still.

»Wie für die Ewigkeit gemacht«, dröhnte Charikles anerkennend. »He, Porphyrios, wie alt bist du gerade, fünfzehn?« Der so Angesprochene drehte sich um. Das zufriedene Lächeln über den Anblick des Steins lag noch auf seinem Gesicht, das tatsächlich sehr jung war, rund, mit kräftigen viereckigen Zähnen, die bei seinem Begrüßungslachen aufleuchteten, und mit Sommersprossen auf der aufgeworfenen Nase.

»Charikles, alter Söldner. Hallo, Kleine!« Er zwinkerte Theodora zu, die sich begeistert an seinen linken Arm hängte, und legte den freien rechten kameradschaftlich um Charikles’ Schultern. Es war ein kräftiger Arm, der zu einem gedrungenen, durchtrainierten Körper gehörte und verriet, dass Charikles’ Schätzung ein gutmütiger Scherz gewesen war. Und doch war seine Art jungenhaft. Auch die mit Goldfäden umwickelte Lederschnur, mit der er seine schulterlangen Haare im Nacken zu einigen Zöpfen geflochten hatte, verrieten eine kindliche Eitelkeit. Aber mehr als die eigenwillige Haartracht, die Theodora stets entzückte, faszinierten sie immer wieder die Stoffhüllen, die seine Beine von oben bis unten umspannten – der junge Wagenlenker trug, wie alle seine Berufsgenossen: Hosen.

»Na, was sagt ihr?« Porphyrios konnte nicht anders, als sofort auf das Thema zu sprechen zu kommen, das ihn mit so sichtlichem Stolz erfüllte. Er zeigte auf das Denkmal, eine kleine Säule, die auf der ihnen zugewandten Seite einen Wagenlenker zeigte. Frontal fuhr er auf den Betrachter zu, seine vier Pferde schienen geradezu aus dem Stein herauszugaloppieren. In der Linken hielt er die Zügel, die Rechte schwenkte den Siegeslorbeer. Die Inschriften dazu verkündeten den göttergleichen Ruhm des jungen Helden.

»Junge, du platzt ja fast vor Bedeutung«, lachte Charikles gutmütig.

»Ich bin der Erste, der schon mit achtzehn eine Säule hat«, verkündete Porphyrios atemlos, »nicht mal Cassiodoros war jünger.«

Theodora hüpfte auf und ab vor Begeisterung wie ein Gummiball. »Schon gut, schon gut.« Charikles klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. »Wann bist du gefahren, jetzt bei den prätorischen Spielen?« Porphyrios nickte wild. »Und wie hast du’s geschafft, unseren Asterios breitzuschlagen, dass er dir die Ehrung gewährt? Hast du ihn verprügelt?«, spielte Charikles auf die kampfesfreudige Natur des jungen Wagenlenkers an.

»Gar nicht«, grinste Porphyrios. »Ich bin für die Blauen gefahren.«

»Du bist für die Gegenpartei gefahren?« Bevor Charikles noch mehr erwidern konnte, fuhr Porphyrios trotzig fort: »Wenn Asterios sich sträubt, bloß um mir zu zeigen, dass niemand an ihm als Zirkusmeister vorbeikommt, gut, ich weiß auch, was ich wert bin. Ich werd dem doch nicht den Arsch küssen. Du wirst sehen, jetzt kommt er und küsst meinen. Und alle Funktionäre der Grünen mit ihm. Und wenn nicht ...« Eine Geste deutete an, was ihn die Vorsteher der Zirkuspartei der Grünen allesamt konnten.

»Theodora, hör doch mal auf zu zappeln«, schimpfte Charikles. Er holte tief Luft, und an Porphyrios gewandt fügte er hinzu: »Nun, schade, dass du so ein Hitzkopf bist. Gehst einfach zur Konkurrenz. Und ich hatte mich schon so darauf gefreut, dir meine neueste Entdeckung zu zeigen.« Er wartete ab und konnte mit dem Interesse, das seine beiläufige Bemerkung erregte, mehr als zufrieden sein. Versöhnt zwinkerte er seiner Tochter zu, die unbekümmert um die Zurechtweisung an Porphyrios’ Hand herumtänzelte.

»Oh«, winkte er beschwichtigend ab, »er steht noch in Thrakien auf einer Weide, aber er frisst sein Gras schon auf Kosten der Grünen, und im nächsten Frühjahr«, Charikles fing selbst Feuer bei dem Gedanken, »im nächsten Frühjahr wird er die Sensation im Hippodrom sein. Mit welchem Gespann bist du übrigens gefahren«, lenkte er vom Thema ab, »haben sie dir diese Krücke Olympios noch mal angedreht?«

Porphyrios riss die Augen auf. »Bist du verrückt? Glaubst du, ich lass mir ein Pferd ein zweites Mal aufschwatzen, das in der Kurve gescheut hat? Ha!« Der arme Olympios konnte sich der Wut seines Lenkers noch immer gewiss sein. »Ich hatte Radiator und Euthinikos dabei«, setzte er eifrig zur Erläuterung an, »ihre Nerven sind so stark wie die Sehnen in ihren Beinen. Und Nikopolemos lief innen, er ist der Zuverlässigste. Dann Palaestiniarches, du weißt, er hat spanisches Blut durch seine Mutter und feuert die anderen an ...«

An dieser Stelle spürte Theodora, wie ihre Hand losgelassen wurde, und seufzte.

Was folgte, ließ zweifellos das Herz jedes wahren Byzantiners höher schlagen. Die Stadtbewohner waren allesamt Rennfanatiker. Sie kannten ihre Renner ebenso gut wie ihre Athleten, und jedes Kind auf der Straße hätte ohne Atem zu holen aufzählen können, mit welchen Pferden Porphyrios in diesem Jahr die Konsularsspiele gewonnen hatte. Und im Jahr davor. Und vor zwei Jahren. Sie konnten die Stammbäume der Tiere bis zurück zu Pegasus aufsagen, waren mit ihren Zipperlein ebenso vertraut wie mit ihrem Lieblingsfressen. Und wenn Radiator, der Star im Stall der Blauen, sich beim Training schwächer als gewohnt zeigte, dann ging ein Raunen durch das Forum Augusteion, und die professionellen Mutmaßungen nahmen kein Ende.

War es wohl ein Fehler gewesen, die Zerrung in der Hinterhand vor zwei Monaten mit Senfwickeln zu behandeln? Und in jedem Fall hätte ein Astrologe befragt werden sollen, bevor man so viele Äpfel in die Wettkampfdiät aufnahm. Und war überhaupt das Amulett der Heiligen Jungfrau im Zaumzeug befestigt gewesen, das mit dem echten Stück vom Kreuz des Herrn, das Fans aus Antiochia letztes Jahr dem Rennstall überreicht hatten? Oder hatten die Grünen das Futter vergiftet? Der Bruder des Tierarztes der Blauen war neuerdings mit einer Konkubine liiert, deren eine Cousine mit einem Bäcker im Stadtteil Zeugma verheiratet sein sollte, der mit den Grünen sympathisierte. Grund genug, loszuziehen und seine Praxisräume in der Nähe des Forum Bovis zu verwüsten! Jeder gestandene Byzantiner gehörte einer der Zirkusparteien an und stand mit den Fäusten für sie ein. Nieder mit den Grünen! Sieg und Ruhm den Blauen für alle Zeiten! Nika, Sieg!

Porphyrios und Charikles vergaßen die Welt um sich herum über Risthöhen, Schrittfrequenzen und Stehvermögen.

Theodora, die ihre Begeisterung nicht teilte, begann sich gründlich zu langweilen, bohrte mit der großen Zehe Löcher in den Sand und sah sich nach neuen Sensationen um.

Die Arbeiter hatten ihre Seile zusammengerollt und waren nach einem letzten dreifachen Hoch auf den frischgebackenen Denkmalsinhaber abgezogen. Leuchtend weiß stand die Säule zwischen den anderen Ehrenmalen, zwei Obelisken, bedeckt mit unverständlichen Zeichen, auf deren Sockeln wiederum Szenen aus dem Wagenrennen zu sehen waren.

Und dann gab es noch eine Art Dreifuß, die Schale getragen von etwas, das Theodora immer wieder tief berührte: Drei Schlangen wanden sich vom Boden aneinander empor und bildeten den Ständer. Sie trat näher. Fast zärtlich glitt ihre Hand über die Rücken, tastete an der muskulösen Biegung entlang. Charikles hatte ihr erklärt, dass es ein heidnisches Denkmal war, geschaffen zur Erinnerung an den Sieg der Griechen über die Perser bei Plataia, vor Hunderten von Jahren. Plünderungsfreudige Christenkaiser hatten es in ihre Stadt geschafft, um zu zeigen, dass die alten Götter und Mächte sich dem neuen, christlichen Rom unterwarfen und in ihm weiterwirkten.

Aber was waren Theodora die alten Griechen, was die Kaiser! Für sie war es ein Monument der heiligen Schlange ihrer Mutter. Berchidda hatte damals, vor sieben Jahren, als sie die Stadt und das Hippodrom zum ersten Mal betrat, mit Ehrfurcht und zitternder Freude davorgestanden und den geheimen Namen ihrer Göttin gehaucht und damit den zweiundsiebzig Sprachen, die Byzanz sprach, die dreiundsiebzigste hinzugefügt. Was immer auf sie warten mochte in diesem Bisans, Büzans oder wie ihr Mann diesen Ort nannte, wenn es diese Schlange in seinem Zentrum gab, beschloss sie, dann konnte er nicht jenseits der Welt sein. Und sie hielt ihre Tochter dazu an, sie nach altem Ritus zu verehren.

Leise summend malte Theodora das geheime Zeichen in den Staub unter dem Dreifuß und begann, die Worte der Begrüßung zu murmeln. Ein Blick aus den Augenwinkeln verriet ihr, dass Papa noch immer genügend beschäftigt war.

»Enkidda ma ...«, flüsterte sie. Es war herrlich, etwas Geheimes zu können. Und dabei so mächtig zu sein, dass ...

»Theodora!« Verflucht noch mal! Schuldbewusst zuckte sie zusammen und stand auf. Denn dies war Mama selbst, die da rief, und sie gehorchte besser sofort. Es war wahrhaftig nicht leicht, eine Göttin zur Mutter zu haben.

»Magdalena, was tust du denn hier?« In Charikles’ Stimme schwang der Ärger des Mannes mit, der nicht gerne an seinem Arbeitsplatz gestört wird.

Magdalena, in einem lilafarbenen, an den Säumen mit grünen Palmwedeln bestickten Gewand und einem gleichfarbigen Tuch um Kopf und Haare, die jüngere Tochter Anastasia unbeachtet auf der Hüfte, grüßte ihn und Porphyrios mit einem stummen Nicken und wandte sich dann an ihre schmollend herantrabende Älteste. Ihr strenger Blick ersetzte jede Predigt. Und der leere Deckelkorb in ihrer Hand erinnerte Theodora nur zu gut an die versäumte Pflicht. Sie nahm den Behälter folgsam auf. Dann umarmte sie ihre kleine Schwester, die ihr sehnsuchtsvoll die Arme entgegenstreckte – war sie doch weit lieber bei Theo als bei der Mutter, die ihr, dem unbedeutenden, überflüssigen zweiten Kind, wenig Zuwendung schenkte –, schnitt Porphyrios, der ihr aufmunternd zublinzelte, noch ein schiefes Grinsen zum Abschied und machte sich auf den Weg.

»Und bring noch Brot mit«, rief Berchidda ihr nach.

»So ein Wildfang«, schmunzelte Charikles voll Vaterstolz, als sie ihr nachsahen. Niemand antwortete ihm.

»Du hast uns schon lange nicht mehr besucht, Porphyrios«, sagte Berchidda schließlich in ihrer ruhigen Art.

Porphyrios lächelte unsicher und sah hinunter auf ihre schmalen braunen Füße in den Sandalen, auf denen der Sand der Rennbahn glitzerte. Eigentlich, dachte er, sieht sie nicht einmal besonders hübsch aus. »Ich hatte viel zu tun.« Er schwieg.

»Ja dann ...«

»Ja, dann«, nahm Charikles, der von seinem Unbehagen nichts mitbekam, das Stichwort munter auf. »Und, Porphyrios!«

Der Junge sah fast schuldbewusst auf. »Ja?«

»Soll ich Asterios sagen, dass du interessiert bist?« Erleichterung schwang in Porphyrios’ Stimme mit und neuer Triumph, als er zurückrief: »Besorg mir dieses Pferd, Charikles, Purros, das thrakische Wundertier. Und sag Asterios, er soll meinen Arsch küssen. Dann fahre ich wieder für euch. Nika! Sieg den Grünen!«, brüllte er übermütig zu den leeren Rängen hinauf. Einige aus der Gruppe Sklaven, die dort die Stufen säuberten, sahen erstaunt zu ihnen hinüber.

Die Töpfervorstadt

Es war ein langer Weg bis zu Theodoras Ziel, der Töpfervorstadt vor dem Goldenen Tor der großen Landmauer. Sie musste fast die ganze Stadt durchqueren, immer der Mese folgend, der großen Straße, die die Lebensader der Stadt bildete. Sie verband die verschiedenen Foren von Byzanz miteinander, und unter ihren Arkaden waren die meisten Geschäfte der Stadt untergebracht. Nahe dem Hippodrom schimmerte alles rot und gelb von den Töpfen, Bechern und Spiegeln der Bronzeschmiede, die ihre Ware, zu klingenden Trauben gebündelt, an Schnüren vor ihre Ladentüren hängten. Theodora betrachtete ihr verzerrtes Spiegelbild, wie es über die Oberflächen der Töpfe glitt, und ließ sich treiben; es herrschte das übliche Einkaufsgedränge.

Auch das runde Forum des Konstantin war voller Leben. Auf den Treppen am Fuße der fünfzig Meter hohen Porphyrsäule, die Kaiser Konstantin hier hatte aufstellen und mit seinem Bronzebild als Helios krönen lassen, machten erschöpfte Besucher Pause und knabberten an ihrem Essen. Da es Mittag war, lockte überall der Duft der kleinen Garküchen, die ihre Stände zwischen den Bogengängen aufgeschlagen hatten. Es roch verführerisch nach Zwiebeln und kleinen Spießen mit scharf geröstetem Lammfleisch und Innereien.

Theodora kaufte sich ein paar Nierenspießchen, dampfend und rot von Gewürzen, und hüpfte zwischen den Rastenden hindurch bis zum Fuß der Säule. Kauend legte sie die Hand an den mächtigen roten Stein. Wie warm er war von der Sonne. Ihr Vater hatte ihr erklärt, dass lauter heilige Dinge darin eingeschlossen seien: Splitter vom Kreuz Jesu, die Axt Noahs, der Stein, mit dem Moses Wasser aus dem Felsen schlug, und das Palladium des Äneas, ein Kultbild der Göttin Pallas Athene, das der Held aus Troja gerettet haben soll. Theodora drückte ihr Ohr fest an die Säule. Eines Tages würde sie vielleicht die Axt darin schlagen hören.

Vorausgesetzt, dass das alles stimmte, was Papa ihr sonntags immer vorlas, wenn Mama in ihrem Sessel saß und Wäsche flickte, ohne irgendetwas zu sagen. War Papa fort, dann erzählte Mama nämlich ganz andere Geschichten von der Erschaffung der Welt und von Gott, der eigentlich eine Frau war, eine mächtige Frau, die alles Leben gebar und wieder verschlang. Sie nahm wahrhaftig Menschenopfer! Das war doch eine ganz andere Sache als die Jungfrau Maria, die bloß unter dem Kreuz stand und zusah und weinen durfte. Und in besonderen Momenten, sagte Mama, würde sie, Theodora, auch die Göttin selbst sein können. Dann würde sie beim Mysterium eine lebende Schlange um den Hals tragen, wie Mama und ... verdammt, die Schlange! Sie hatte wahrhaft keine Zeit, hier noch länger herumzutrödeln, bis zum Goldenen Tor war es noch ein gutes Stück Wegs.

Ganz in Gedanken versunken wanderte Theodora weiter. Das Mysterium, den Akt, das machte Mama dauernd. Theodora hatte schon oft zugesehen, wenn Porphyrios zu ihr ging, oder Baucis, Philemon oder einer der Nachbarn. Vorher wurde immer ganz viel gebetet und gemurmelt, hinterher auch. Dazwischen wurde mehr gestöhnt, das war nicht so interessant. Aber danach waren alle ganz glücklich und küssten Mama die Füße und ließen ein Geschenk da für die Schlange, am meisten Porphyrios.

Mit dem hatte Mama auch mal das Opfern versucht. Aber kurz vorher hatte er dann leider gekniffen, der Feigling, und war furchtbar wütend geworden. Mama hat sich mit der Schlange beraten und ihm schließlich etwas gegeben, wovon er sehr krank wurde und nach Antiochia abreiste. Ein Jahr lang war er dort Wagenrennen gefahren, und jetzt tat er so, als wäre nichts gewesen! Papa hätte sicher nicht hören mögen, dass Mama nachts mit einem Messer in der Hand hinter Porphyrios hergelaufen war, der nackt, nur mit einem Kornkranz und einem Stierschweif bekleidet, die Stadtmauer entlang um sein Leben rannte. Schade, dass sie da nicht hatte dabei sein dürfen!

Auf dem Theodosios-Forum umwogte sie das übliche Gedränge des Schafmarktes; der Geruch nahm Theodora fast den Atem. Danach wurde es ruhiger, die Arkaden hörten auf, als einfache Straße lief die Mese hier zwischen Insulae und kleineren Villen weiter. Klöster, Müllhalden und kleine Wäldchen lösten einander ab. Vom nahen Hafen her drang das übliche Getöse der Ladekräne, während ein kleiner Bauernhof inmitten seiner Felder und Rebstöcke friedlich am Abhang zum Bosporus lag. Rechts wurden zuweilen die Bögen des Valens-Aquädukts sichtbar. Sie konnte die mächtige Mauer, an der ihr heiß geliebter Porphyrios damals entlanggeflüchtet sein musste, jetzt schon beinahe sehen! Noch über den Lykos-Bach, dann leuchteten ihr die weißen Säulenreihen des Arkadianai-Palastes entgegen. Nun bog die Straße Richtung Meer hin ab, und die Häuserreihen der Vorstadt Psamathia zogen sich dünn daran entlang.

Und da war sie, die große Mauer, die sich vom Bosporus bis zum Horn hin spannte und die Stadt auf ihrer Landzunge gänzlich vom Festland abschirmte. Damit die wilden Hunnen nicht hineinkönnten, hatte Papa ihr erklärt. Der große mittlere Durchgang des dreibogigen Tores, der mit den vergoldeten Bronzeflügeln, war allein dem Kaiser vorbehalten und heute geschlossen. Theodora steuerte auf die Warteschlange vor dem linken Bogen zu, blinzelte noch einmal der goldenen Göttin Tyche mit dem Füllhorn oben auf dem Tor zu, ließ sich dann mit gesenktem Kopf von den Wachen mustern, hatte Glück und durfte passieren.

Fast zwei Stunden, nachdem sie im Hippodrom aufgebrochen war, stand Theodora nun vor der Stadt auf der Ebene, da, wo die Hunnen hinkonnten, im Töpferviertel, einem Häufchen Hütten, das den Namen Viertel genauso wenig verdiente wie die Töpfer ihr Monatseinkommen. Weswegen sie anderen Geschäften nachgingen, die besser vor der Stadt blieben. Weswegen Theodora hier war.

Ein wenig unsicher, wie immer, sah sie noch einmal in die macchiabestandene Ebene hinaus, ob dort zwischen Wacholder und Zistrosen nicht verräterische kleine schwarze Punkte zu sähen wären, die rasch näher kämen: barbarische Reiter, die in wildem Galopp und laut schreiend heranpreschten und alles niederhauten mit ihren krummen Schwertern, wie Papa das erzählt hatte. Doch nur der Wind fuhr über Klee und Disteln. Mit klopfendem Herzen schlüpfte sie in die Hütte von Sophia.

»Ah, Theodora.« Sophia schien sie bereits erwartet zu haben, aber das war kein Wunder, denn Sophia war eine Seherin und wusste alles. Was die Sterne sagten, wie man Porphyrios schlimme Bauchschmerzen bereitete und wie man Leute verfluchte. Nur wo vielleicht ein Goldschatz lag, das wusste Sophia leider nicht. Als Theodora sie einmal darauf ansprach, war sie wütend geworden.

Sophia hatte stets Asche im Gesicht, weil sie die Zukunft aus verkohlten Knochen las und sich auch wenig wusch. Deshalb wusste Theodora eigentlich kaum, wie sie aussah. Sie hatte sie noch nie außerhalb der verräucherten kleinen Hütte gesehen. Die Haare von Sophia waren ganz farblos vor Schmutz, weil sie auch nie ein Tuch darum schlang, und eben hatte sie Besuch.

Ein dicker Bauer, der Theodora ärgerliche Blicke zuwarf, weil sie ihn in dieser Umgebung ertappt hatte und ihrerseits auch nicht gewillt schien, dezent wegzugucken, bemühte sich, neben aller Empörung doch auch Sophias Anweisungen zu folgen.

»... dann reibt ihr eurem Zugesel den Bauch, mit dem linken Daumen und beiden kleinen Fingern, habt ihr das verstanden?« Der Bauer nickte, unwillkürlich führten seine Hände die Bewegung auf seinem eigenen Bauch aus. Sophia nahm es zur Kenntnis und nickte ihrerseits. »Genau. Und dann sagt ihr, aufgepasst: ›Es stand ein Baum mitten im Meer.‹ Sprecht mir nach«, forderte sie ihren Kunden auf.

»Es stand ein Baum mitten im Meer«, nuschelte der Mann gehorsam. Dass dieses Gör auch nicht verschwinden wollte!

»Und dort hing ein Krug voll von Eselsdärmen«, intonierte Sophia.

»Und dort hing ein Krug voll von Eselsdärmen«, wiederholte er.

Die Alte fuhr fort: »Drei Jungfrauen gingen herum, zwei banden fest, eine wickelte wieder ab.« Er sagte ihr auch das brav nach, und dann noch einmal den ganzen Spruch.

»Es ist sehr wichtig, dass Ihr euch weder versprecht noch dabei stottert«, ermahnte Sophia ihn abschließend. »Es ist ein sehr mächtiger Zauber gegen Bauchgrimmen, und wenn Ihr ihn auf einen Menschen anwenden wollt, sagt Ihr einfach ›ein Krug voll von menschlichen Därmen‹. Macht vier Folleis.« Sie hielt ihre schmutzige Hand auf, besah das hineingezählte Geld so genau, wie das Schummerlicht in der fensterlosen Hütte es zuließ, und nestelte es dann in irgendeine Falte ihres schmuddeligen Umhangs. Der Bauer verschwand eilig.

»Und nun zu dir, Zirkusprinzessin.« Sie verschwand im hinteren Teil der Hütte und begann zu kramen. Theodora hörte sie ungeduldig vor sich hin sprechen: »Steinbockmist, Essig, Fenchelsaft, Spinnen, wo zum Kuckuck sind die Körbe mit den ... ah, hier.« Sie zog eine Schnur aneinandergebundener Körbe hinter sich her. »In dem da, glaube ich. Sie sind alle genau siebzehn Tage nach Neumond gefangen«, erläuterte sie, während sie den Deckel eines braun-weiß gesprenkelten Behälters abnahm. »Verflixt!« Mit einer schnellen Bewegung schloss sie ihn wieder. »Das war die Katzenschlange, sie ist giftig, willst du mal sehen?«

Theodora zögerte, schüttelte dann aber heftig den Kopf, als der Korb in Sophias Händen einen wütenden Tanz aufführte, und zog vorsichtshalber ihre Füße näher an sich heran. Aus den dunklen Ecken der Hütte schien mit einem Mal manches auf sie zugekrochen zu kommen.

Sophia kicherte. »Eine echte Senatorengattin hat sie bei mir bestellt. Kam in einer Mietsänfte, die sie drei Hütten weiter halten ließ, und nahm den Umhang vors Gesicht. Als ob das was hülfe bei einer, die alles sieht. Ich kenn ihren Namen genau, sag ihn dir aber nicht.«

»Wird wohl die Frau eines Fuhrhändlers gewesen sein«, konterte Theodora. Trotzdem war sie ehrlich beeindruckt. »Was wollte sie denn damit?«

»Was wohl, du unschuldiges Kind! Ihren Mann sollte ich ihr damit vom Leib hexen. Ein Biss, und dann noch die passende Medizin, und das Ende ist gewiss. Heute kommt sie wieder«, fügte sie noch hinzu.

Theodora war nicht ganz sicher, wie ernst Sophia das meinte. Aus dem zahnlückigen Grinsen der Alten war nichts zu entnehmen. »Und Mamas Schlange?«, lenkte sie schließlich von dem unheimlichen Thema ab.

»Hier. Oder hier.« Sophia klopfte auf zwei weitere Körbe. »Wie groß war denn eure alte?«

Theodora deutete mit den Händen die Größe an.

»Dann nimm die hier, die Würfelnatter. Die andere ist zu lang für euch. Nicht, dass sie dem Gatten noch über den Weg kriecht.«

Theodora gefiel der spöttische Ton überhaupt nicht.

»Deine Mutter«, fuhr Sophia fort, »ist die Einzige, die ich kenne, die es schafft, in den Mauern dieser Stadt noch einen heidnischen Tempel zu betreiben.« Es schwang bei allem Sarkasmus auch etwas wie Anerkennung in ihrer Stimme.

»Mama ist der Tempel!«, trumpfte Theodora auf.

Doch Sophia schien unbeeindruckt. »Hast du das Geld dabei?« Theodora nickte und gab Sophia den Goldsolidus. Er schimmerte sogar in dieser Dunkelheit, als gehöre er nicht hierher. Dann sah sie andächtig zu, wie der dunkelgefleckte Schlangenleib sich lautlos von Sophias Arm in ihren Korb gleiten ließ. Sie sprach die Worte, die ihre Mutter sie gelehrt hatte, machte das heilige Zeichen und schloss den Deckel fest. Interessiert sah Sophia zu. Ihre Lippen bewegten sich, als wiederholte sie Theodoras Sätze. Befriedigt nickte sie. Sie konnte sie doch unmöglich verstanden haben? Mama hatte gesagt, diese Sprache verstünden nur sie, Theodora und Anastasia, niemand sonst. Aber bei Sophia wusste man nie.

»Soll ich dir die Zukunft lesen, Schätzchen?« Sophia betrachtete sie von der Seite und griff mit den Händen in die Glut, wo einige verkohlte Knöchelchen bereitlagen. Unglaublich, dass sie sich dabei nicht die Finger verbrannte!

Theodora zögerte. »Was kostet es?«, fragte sie und zählte unauffällig mit den Fingern die wenigen Folleis, die ihr verblieben waren.

»Oh, für dich zum Freundschaftspreis, kleine Mari, gib mir ...«

»Du sollst mich doch nicht immer so nennen«, unterbrach Theodora sie verärgert. Ihre Zählung hatte ohnehin ergeben, dass es nicht reichen würde. »Und außerdem, wahrscheinlich wird eh in den Knochen stehen, dass ich eine weite Reise mache und einen großen dunklen Mann kennenlerne. Das prophezeist du doch allen!«

»He, du freches Balg, hüte deine Zunge«, protestierte Sophia noch, doch die Kleine war schon aus der Tür geschlüpft. Teils amüsiert, teils verärgert wandte Sophia sich den bereits geworfenen Knochen zu, warf einen halben Blick darauf und kickte sie dann, nun wirklich wütend, ins Feuer. »Die Göre kann hellsehen«, knurrte sie.

Atemlos und mit klopfendem Herzen hielt Theodora jenseits des Stadttors an. Allen reitenden Hunnen und Sophias bösem Blick entkommen, stand sie wieder sicher auf dem Pflaster von Byzanz. Der Korb in ihren Armen bewegte sich sacht. Mit einem Mal rauschte es über ihr. Theodora sah auf. Da waren sie wieder: Tausende mochten es sein, die da glänzend über sie hinwegzogen, die langen Hälse elegant gestreckt und mit ihren Flügeln fast den Himmel verdunkelnd. Hohe Schreie mischten sich in das Brausen. Die Störche waren wieder da! Es war August, im Jahre des Herrn fünfhundertundsieben.

Blutige Spiele

Der Löwe schüttelte verärgert seine Mähne und gähnte. Ein halbherziger Prankenhieb brachte den lästigen Angreifer mit dem Spieß dazu, wieder hinter der Holzverschalung zu verschwinden, und das mächtige Tier drehte ab, streckte die Pranken vor, reckte sich, dass der rote Fellbehang des Bauches prächtig sichtbar wurde, und trabte gemächlich zu seiner Gefährtin.

Doch der Mann gab nicht nach. Er kam wieder hervor und warf mit weit ausholender Bewegung seinen Speer, der zitternd in der Flanke des Männchens stecken blieb. Der Löwe brüllte.

Sein zorniger Ruf rollte donnernd die Marmorgänge hinauf und hinab. Er wischte das schmerzende Holzding mit der Pranke beiseite und stürzte sich in wenigen weichen Sprüngen auf den Angreifer. Vergebens, wieder war der in dem Holzturm verschwunden. Die Krallen des Tieres zogen tiefe Furchen in die Verschalung, und sein wütendes Fauchen blies den Kämpfern dahinter seinen stinkenden Atem hinüber.

Die Menge auf den Rängen johlte. Eine aufgescheuchte Herde Strauße galoppierte an der Bande vorbei, Applaus brandete auf. Als sichtbar wurde, dass auf einem der Vögel noch ein Zwerg aus dem königlichen Gefolge saß, ein Überbleibsel der Eingangsparade, da wurde der Jubel unermesslich. Der Zwergenwüchsige betete sichtbar, dass die Raubkatzen weder von ihm noch von seinem Reittier Notiz nehmen mochten.

Mit nickendem Kopf trabte ein Junglöwe heran. Der Lanzenträger vor ihm war ganz mit einem schwarzen Panther beschäftigt, der zusammengekauert und fauchend, mit zitterndem Schnurrbart seinen Unmut kundtat. Das schlaksige Jungtier mit dem Mähnenflaum auf dem Rücken zog die Pfoten zum Sprung zusammen, schnellte los – und fiel noch im Flug von einem weiteren Speer getroffen mit eingeknickten Beinen auf die Seite und kam nicht mehr hoch. Es suchte sich die Wunde zu lecken, als das tödliche Messer es im Genick traf. Der Panther kam zögernd aus seiner Ecke, roch an der auslaufenden Blutlache und war wie von einem Katapult geschleudert zur Seite gesprungen.

Die Schreie der getroffenen Tiere hingen in der Luft, der Blutgeruch begann die anderen verrückt zu machen. In dem zunehmenden Chaos knallten immer wieder die Holztüren der Sicherheitstürme, in die die Jäger, oder besser die Schlachter, sich zuweilen retteten, und die Rufe der Männer gellten auf, die gemeinsam ein Raubtier in die Enge trieben.

Konsul Areobindus nickte zu alldem befriedigt in seiner Ehrenloge. Er rückte die Togafalten auf seinen schmalen Schultern zurecht und straffte sich. Diese Spiele waren wahrhaft ein angemessener Auftakt für seine Amtszeit. Wann hatte es zum letzten Mal zwanzig Löwen zugleich in der Arena gegeben? Nein, seine Frau konnte wirklich mehr als zufrieden sein. Er warf einen kurzen Blick hinüber auf ihr strenges Profil. Auch die Krokodile waren wunderbar arrangiert. Er hatte doch gewusst, dass er sich auf Charikles und die Grünen verlassen konnte. Und der gute Apion war auch sehr behilflich gewesen. Eine nette Geste, ihm die fünf Nilpferde zu schicken. Angeblich auf seinem Besitz in Oberägypten gefangen. Julia würde wissen, wie man sich am besten bei dem Mann revanchierte. Doch, wenn man alles in allem betrachtete, war es durchaus ein erfolgreicher Tag. Erst der Umzug durch die Stadt, dann die Tierhatz. Und heute Nachmittag würde es ein Wagenrennen geben.

Nervös tastete der frischgebackene Konsul in den Taschen seiner purpurnen Triumphaltoga. Wo war die Mappa? Wo hatte er sie nur wieder hingesteckt? Nicht auszudenken, wenn er nachher am Startmal des Wagenrennens stand und das Tuch nicht da war, um es als Startsignal ... Wo war die dreimal verfluchte Mappa nur hin?

Seine Frau Julia Anicina, aufmerksam geworden durch sein nervöses Gezappel, verfolgte seine Bemühungen eine Weile mit kühlem Blick, dann, ohne dass ein Wort zwischen ihnen gefallen wäre, griff sie unter seinen Sitz und zog das weiße Signaltuch hervor. Es war ihr schleierhaft, dachte sie wieder einmal, wie ein Mann mit seinem Stammbaum, der Bildung eines Seneca und dem Aussehen eines Julius Cäsar in kleinen Dingen so nervtötend hilflos sein konnte! Areobindus griff danach und tupfte sich die schweißbedeckte Stirn. Kunststück, dachte er voll Ironie, wenn man zwei Kaiser zu seinen Vorfahren zählte, dann war es einem vermutlich gegeben, immer zu wissen, wo man gerade sein Taschentuch hatte. Aber auch er sagte nichts.

»Haltung«, zischte Julia aus dem Mundwinkel, »das Volk beobachtet seinen Konsul schließlich.« Beobachten! Das Volk sah ganz woanders hin. Da! Endlich ging eines der Krokodile auf den angebotenen Kadaver los. Leider waren sie ja nicht dazu zu bringen gewesen, sich mit den Flusspferden einen Kampf zu liefern. Überhaupt, die Flusspferde! Lagen nur in dem künstlichen See herum, walzten die Seerosen platt und taten nichts für ihr Geld als zu blasen. Immerhin schien es den Pöbel zu beeindrucken. Dort nämlich schaute das Volk hin, nicht auf seinen Konsul. Der war ohnehin nur dazu gut, die Spiele auszurichten und sich dabei zu ruinieren. Areobindus suchte nach einem passenden Klassikerzitat, fand keines, ärgerte sich, wünschte sich in die Ruhe der Bibliothek auf seinem Landsitz zurück und wurde von seiner Frau mit einem energischen Fußtritt ermahnt, sich nicht in die Mappa zu schnäuzen.

Er steckte das Tuch weg und fing beim Wiederaufrichten den besorgten Blick des Tiereinkäufers der Grünen auf, Charikles, der neben dem Zirkusmeister Asterios stand. Jovial lächelte er hinüber und winkte lässig mit der Hand.

Charikles’ Züge entspannten sich. Doch, doch, der Konsul schien zufrieden, dachte er. Es war nicht leicht gewesen, die hochgespannten Ansprüche Areobindus’ – oder vielmehr seiner Frau – zu befriedigen. Schon als die Hälfte der Schiffsladung Strauße tot im Hafen ankam und der Rest atemraubend nach den Kadavern seiner Artgenossen stank, schien sich eine Katastrophe anzubahnen. Es war eine unglaubliche Arbeit, die Tiere wieder so weit sauber zu bekommen, dass die verwöhnte Zwergentruppe sich bereit erklärte, sie zu besteigen.

Und auch die großen schwarzen Affen aus Afrikas geheimnisvollem Inland waren ein Reinfall gewesen. Gott allein mochte wissen, wie dieser ägyptische Großgrundbesitzer an sie herangekommen war, ein wahrhaftiges Juwel für einen Spieleorganisator. Aber sie hatten alles Fleisch verweigert, das man ihnen anbot. Er, Charikles, hatte es persönlich mit dem feinsten Filet versucht. Die mächtigen Tiere dämmerten dennoch nur in ihren Käfigen dahin, kaum ein Zähnefletschen war ihnen zu entlocken gewesen.

Schließlich hatten sie sich darauf beschränken müssen, die schwarzen Riesen in goldenen Ketten als Zwischennummer vorzuführen. Aber auch so war das Schweigen bei ihrem Gang um die Arena noch andächtig genug gewesen. Was hatte Gott sich nur dabei gedacht, derartige Kreaturen zu schaffen? Sie wurden gleich nach der Vorführung in den Gehegen unterm Eingang getötet. Charikles beneidete die Sklaven nicht, die ihre Kadaver zu den Abfallgruben vor der Stadt schaffen mussten.

Der Sand in der Arena rötete sich. Immer weniger der mächtigen Katzen liefen herum. Die Jäger wagten sich hinter ihren Verschalungen hervor und gingen in Gruppen auf die letzten Überlebenden los. Dann kamen die Reinigungstrupps. Das Publikum applaudierte und wandte sich den Getränke- und Imbissverkäufern zu. Leben kam in die Ränge, die summten wie ein Bienenstock.

Mittagszeit. Doch ein bedeckter Himmel sorgte dafür, dass die Sonne die Zuschauer nicht recht wärmte. Nur das durch die weißen Wolken gefilterte Licht wirkte heute womöglich noch greller. Vielleicht der Grund dafür, das Kaiser Anastasios bisher den Spielen ferngeblieben war. Der alte Mann, so hörte man, litt in letzter Zeit an einem Augenleiden und mied vielleicht die blendende Helle, die die Augen tränen machen konnte und die Lider rötete. Am Nachmittag zum Wagenrennen würde er erscheinen müssen, schon um die Dankesrede des neuen Jahreskonsuls vor dem Rennen entgegenzunehmen und um danach die Sieger mit Lorbeer zu krönen.

Charikles schlenderte durch den aufgewühlten Sand und gab persönlich Anweisungen, wie einige der Kadaver zu entfernen seien, damit alles zügig ablaufen konnte. Seine geliebten Renner nachher, die – Sensation des Tages – wieder von Porphyrios für die Grünen gelenkt werden würden, sollten eine perfekte Sandbahn vorfinden. Er konnte nicht widerstehen und sah noch einmal in den Stallungen vorbei, um sich zu versichern, dass der junge Hengst in bester Form war. Seine Augen waren klar, das schwarze Fell spiegelte nur so, und alle seine Bewegungen zeugten von der Lust zu laufen.

»Brr, he, ist gut, Jungs!« Porphyrios rieb seinen vier Rennern die Beine, flüsterte Liebkosungen in ihre Ohren und war so begierig wie sie, in die Arena hinauszukommen. In solchen Augenblicken hätte Charikles ihn küssen mögen!

»Fliegt nur so, meine Schätze, fliegt!«, rief er beflügelt, eilte wieder hinaus und prallte im Aufgang zu den Rängen gegen die Schulter eines Mannes im Harnisch.

»Verzeiht mir«, er stutzte. »Justin?«, fragte er dann zögernd und musterte ehrfürchtig die Paradeuniform. »Justin aus Tauresium?«

»Charikles? Das ist doch Charikles!«, antwortete der Angesprochene.

»Justin! Das gibt’s doch nicht! Wie lange ist das schon her?&

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