Logo weiterlesen.de
Die Karawanenkönigin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. I. Die Stadt
    1. Ein heimlicher Ausflug
    2. Divide et impera
    3. Träume
    4. Balbus wird aktiv
    5. Odus Stunde
    6. Christen unter sich
    7. Pläne für Zenobia
    8. Balbus reitet
    9. Die persische Mission
    10. Neue Erfahrungen
    11. Die Grabtürme
    12. Was die Zukunft bringt
    13. Das Fest der Götter und Pferde
    14. Der goldene Prinz
  8. II. Der Fürst
    1. Strategie
    2. »Evoe« dem Brautpaar
    3. Eine Fürstin wird besichtigt
    4. Clelia
    5. Der Tod des Syndicus
    6. Briefe
    7. Lateinstunde
    8. Der Anschlag
    9. Verrat!
    10. »Bath Zabbai«
  9. III. Das Reich
    1. Das Landgut
    2. Regierungsgeschäfte
    3. Es regnet in Rom
    4. Ein Fest für Alexandria
    5. Nomaden
    6. Der Feldzug
    7. Wo steckt bloß ...?
    8. Hure Babylon
    9. Heimkehr
  10. IV. Die Liebe
    1. Die Frau in der Sänfte
    2. Der Krieg rückt näher
    3. Belagert
    4. Tragt mir was Hübsches vor
    5. Gefangen
    6. Livia
    7. Der Triumphzug
    8. Wie einst Kleopatra
    9. Wenn die Schläfer erwachen
    10. Das letzte Gefecht
    11. Zukunft
  11. Epilog

Über dieses Buch

Palmyra, 260 n. Chr.: Sie ist eine der größten Bedrohungen für das römische Reich: Julia Aurelia Zenobia. Die junge Herrscherin, bildschön und scharfsinnig, besteigt nach dem Tod ihres Ehemannes den Thron der Karawanenstadt Palmyra. Von Syrien aus führt sie ihr Volk zu unübertroffener Blüte und unterwirft schließlich sogar Ägypten. Doch ihre Macht und ihren Reichtum kann der römische Kaiser Aurelian nicht dulden und so ruft er zum Krieg gegen die Karawanenkönigin …

Die Lebensgeschichte einer überragenden Frau – neben Kleopatra die wohl bedeutendste der Antike –, die ihre Zeitgenossen durch ihre Schönheit und Klugheit gleichermaßen bezauberte. Ein farbenprächtiger historischer Roman voller Exotik und Erotik.

Über die Autorin

Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin” hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.

Tessa Korber

Die Karawanenkönigin

Historischer Roman

Hier bist du also, mein Freund. Mein Mann wollte mir zunächst nicht sagen, wo ich dich finden kann. Er glaubt tatsächlich nur an die Schwäche der Frauen; er kennt mich nicht.

Aber es gefällt mir hier. Wie still es ist zwischen den Zypressen, ihre Nadeln dämpfen den Schritt, und das Sonnenlicht fällt warm über die Steine. Ich hab dir Rosmarin gepflückt, er duftet stark um diese Tageszeit. Doch nicht so betäubend wie früher in unserem geheimen Garten am Fluss ...

Es muss ein gutes Dutzend Jahre her sein, dass wir gemeinsam durch die Palmengärten schlichen zu unserem heimlichen Badeplatz. Denk dir: Ich kann immer noch nicht schwimmen. Bei meiner Flucht über den Euphrat wäre ich ertrunken, wenn mich nicht ein römischer Söldner an den Haaren herausgezogen hätte. Heute sieht es so aus, als ob ich ihm dafür dankbar sein müsste.

Wenn du mich sehen könntest, Freund. Eine richtige römische Matrone bin ich geworden, von meiner Frisur bis zu den goldbeschlagenen Sandalen. Als wir uns das erste Mal trafen, gingen wir beide barfuß, weißt du noch? O Allath, große Göttin, wie viel ist seither geschehen! Dabei kenne ich deinen Teil der Geschichte noch nicht einmal – und werde ihn vielleicht nie mehr erfahren.

Deine Tochter habe ich allerdings aufgespürt. Mach dir keine Sorgen um sie, es soll ihr gut gehen, du kannst dich auf mich verlassen, jetzt, wo ich dich wiedergefunden habe.

Mein kleiner Spielkamerad ist Vater, ich kann es kaum glauben. Du bist doch selbst immer nur ein Kind für mich gewesen. Und das schien dir nichts auszumachen. Erinnerst du dich, wie du mir immer nachgelaufen bist? Damals, als wir noch gemeinsam durch die Stadt streunten? Wie lange habe ich daran nicht mehr gedacht! Ach Odu, wie hätte ich wissen sollen, dass du einmal für mich sterben würdest. Es war doch alles nur ein Kinderspiel gewesen – bis zu jenem Pferdemarkt, damals, in Palmyra ...

I.
Die Stadt

Ein heimlicher Ausflug

Der alte Mann hielt in seiner Erzählung inne, um sich der Aufmerksamkeit seiner Zuschauer zu vergewissern. Reglos saß er auf seiner Decke aus Ziegenhaar und wartete, bis die Stille rings auf dem Marktplatz von Palmyra so schwer wurde wie der Tropfen, der sich vom Rand des Bechers lösen will. Dann nahm er seinen trägen Singsang wieder auf.

»... und Sainab lag in den Armen ihres Geliebten. Sie schlug ihre schwarzen Augen zu ihm auf und flehte mit silberner Stimme: ›Lass uns fliehen, Liebster, lass uns fortreiten in die Wüste, wo der düstere König uns nicht findet ...‹«

Das Mädchen mit den buntgeflochtenen Zöpfen lauschte gebannt. Sainab war eindeutig ihre Lieblingsgeschichte. Doch plötzlich fand sie sich mitsamt der Kiste Pistazien, auf der sie sich niedergelassen hatte, unsanft beiseitegeschoben. Die eisernen Beinschienen eines römischen Zenturio pflanzten sich vor ihr auf und verstellten ihr den Blick.

»He, kannst du nicht Latein reden, Dattelfresser? Damit ein zivilisierter Mensch dich verstehen kann?«, höhnte er laut. In der Zuschauermenge wurde ein unzufriedenes Zischen hörbar, doch trat niemand den Soldaten entgegen. Der Kamerad des Zenturio lachte schallend.

»Hockt sich hier einfach in den Kamelmist, der überall rumliegt, dass man keinen Boden mehr sieht, römischen Boden, das vergessen die hier alle ja gerne ...« Nun feixten sie beide. Wütend rutschte Zenobia von ihrem Stammplatz. Sie war nicht die Einzige in Palmyra, die die zur Schau gestellte Überlegenheit der hier stationierten Legionäre gründlich satt hatte. Dattelfresser, pah. Sie spuckte ihm einen abgekauten Kern gegen die Waden und sah zu, dass sie in der Menge untertauchte, ehe er sich umdrehte. Aber wohin nun?

In dem Strom von Menschen, der sich zielstrebig durch die Straßen schob, schien sie die Einzige zu sein, die das nicht wusste. Zu den Ständen der Kaufleute und Färber vielleicht? Nein, da war heute nichts los. Und ein heimlicher Blick in das kühle Kontor von Clemens’ Seidenhandlung verriet ihr, dass auch ihr Freund Odu nicht da war. Zenobia musste ernsthaft befürchten, die Gefahr eines unerlaubten Ausflugs heute umsonst auf sich genommen zu haben.

Der Mittag war erreicht, und es wurde unerträglich heiß zwischen den riesigen Marmorkolonnaden. Die Konturen der bunten Steine begannen zu flimmern, und nichts dämpfte das metallene Blau des Himmels über der Wüste. Die Düfte des Marktes, Tierdung, Weihrauch, Schweiß, Früchte in Gärung, der süßliche Gestank der Schlachtereien und die herben Aromen der Kräuterstände, sie mischten sich zu jenem betäubenden Parfum, das gemeinsam mit der Hitze die Stadt während der nächsten Stunden in Schlaf versinken lassen würde. Doch noch hallte der Lärm der Marktgassen in Zenobias Ohren.

Plötzlich geriet die Menge in Bewegung. Schrille Warnrufe stiegen auf, eine Herde Ziegen floh in Panik so dicht an ihr vorbei, dass der scharfe Geruch sie einhüllte. Dann sah sie Reiter, die die Menschen in der engen Gasse vor sich her trieben. Der von den Hufen ihrer Pferde aufgewirbelte Staub flirrte in der Sonne. Kreischend rannte alles auseinander, während Zenobia sich zwischen den zurückdrängenden Leibern durchkämpfte und gerade noch einen Blick erhaschte auf breite Schultern und einen wehenden Leopardenfell-Umhang. Ein mächtiger Hengst warf Schaumflocken nach allen Seiten, ein goldener Helm funkelte vorbei, dann verhallte das Dröhnen der Hufe. Das war der Fürst gewesen, flüsterte man, der Fürst von Palmyra, der von der Front zurückkehrte, weil seine Frau in den Wehen lag. Vereinzelt stiegen Hochrufe auf. Zenobia stand eine Weile wie versunken.

Dann griff sie sich eine Handvoll Trauben aus einem vorbeipolternden Karren, schlug sie in ihr Schultertuch und flüchtete sich in den blauen Schatten einer Bildsäule, der einen Kreis aus Kühle und Ruhe in das Markttreiben schnitt. Sie lehnte sich zurück und blickte aus halbgeschlossenen Augen zurück auf den Zug von Händlern, Käufern, Dieben und Flaneuren, der vorüberquirlte, als wäre nichts geschehen.

Schließlich wandte sie sich ihrem Raub zu, den sie auf ihren untergeschlagenen Beinen ausbreitete und polierte, bis jede Beere gläsern schimmerte. Sie schob sich die erste zwischen ihre Schneidezähne, wo sie die Schale andächtig platzen ließ und erst kaute, als ihr der Saft süß in den Mund sickerte.

Der prächtige Reiter eben, er hatte sie an einen anderen erinnert, einen, den sie vor fast einem Jahr gesehen hatte, bei dem großen Markt, auf dem die Bergstämme ihre Pferde und Kamele hier den Karawanen-Kaufleuten anboten. Sie schnippte eine Traube über das Marmorpflaster, die kullernd aus ihrem Blickfeld hüpfte. Und in Gedanken begann sie, die Worte des Märchenerzählers zu wiederholen, während sie sich in die Geschichte der Prinzessin Sainab und ihres kühnen Prinzen gleiten ließ.

Vor ihren abwesenden Augen entstand dabei das Bild eines jungen, wilden Gesichtes. Oh, es war das Gesicht eines Königssohnes, dunkelgolden, mit einem heißen Mund und unbändigen Augen. Beim letzten Markt war er ihr begegnet, als die Herden in einem Wirbel von Staub und Lärm durch das Tor getrieben wurden. Er hatte gelacht und die Peitsche geschwungen, bald verdeckt, bald wieder sichtbar inmitten der stampfenden Pferdekörper. Sie war ihm hinterhergelaufen, am Rand der tobenden Herden, und hatte ihm nachgeschaut, solange sie konnte. Dann hatte die Stadt all dieses Leben aufgenommen und verschluckt.

Niemand konnte ihr eine Auskunft geben, kein Händler auf dem Markt kannte ihn. Er musste wohl zu den Bergstämmen gehören. Wer war er? Wie hieß er? Wenn sie sich nachts unruhig im Bett wälzte, träumte sie sich eine Antwort. Und von niemandem wurde seither der jährliche Pferdemarkt sehnsüchtiger erwartet als von Zenobia, Tochter des edlen Zenobios, des Kommandanten der Stadtgarde von Palmyra.

Sie kaute versonnen und schüttelte den noch kindlichen Medusenkopf, der stets von dem übrig blieb, was ihre Amme ihr jeden Morgen voll Trotz gegen die römisierten Sitten der Stadt als Frisur der unverheirateten Stammesfrauen flocht. Dennoch war sie in ihren Träumen eine Prinzessin, und ihren Beduinenprinzen kleidete sie ungeniert in Goldhelm und Leopardenfell, das Ornat eines Fürsten.

»›Lass uns fortreiten, Liebster‹«, rezitierte sie hingebungsvoll, und eine weitere Traube rollte zu den anderen. Zenobias Blick verfolgte sie über die Ritzen und Mulden des hellen Steins bis zu der Säule gegenüber, glitt an dieser hinauf ...

Da stand ihr Vater. Der Schreck riss sie ganz in die Gegenwart. Ihre Finger waren verklebt, ihre Tunika schmutzig; sie sollte nicht hier sein, und würde er ihre Gedanken kennen, er würde sie strafen. Zitternd zog sie die Beine an den Körper. Er hatte schon einmal von ihren Streunereien erfahren. Zenobia erinnerte sich nur zu gut der Art, in der er an ihr vorbeigesehen hatte, während er ihr ihre Sünden vorzählte und ihr Bruder ihr für jede davon zehn Schläge über den Rücken zog. Und sie hatte nie vergessen, wie gern er es getan hatte.

»Aber er weiß es ja nicht.« Mit aufsteigendem Trotz schaute Zenobia zu der Statue ihres Vaters auf, die streng und ungerührt an ihr vorbeisah, wie damals, als er sie züchtigen ließ, wie er stets seiner Autorität Geltung verschaffte.

»Und er sieht mich nicht«, setzte sie laut gegen ihr Unbehagen hinzu und warf mit Wucht eine neue Traube den anderen hinterher.

»Die Göttin grüßt dich, Zenobia. Warum machst du das?« Mit zurückhaltendem Bedauern sah Odu den Früchten nach.

Odu! Ach, das war gut. Erleichtert sprang sie auf.

Die beiden Kinder waren ein recht ungleiches Paar. Odu war ein Sklave, zwei Jahre jünger als sie und vor kurzem als Beute aus der Unterwerfung einiger Dutzend pannonischer Goten hierher verkauft worden. Abgemagert und erschöpft, hatte er damals auf dem Marktpodium des Sklavenhändlers gestanden, ein zerzauster kleiner Kerl, der dringend ein Bad gebraucht hätte und dessen Schulterblätter herausstanden wie die Springbeine eines Grashüpfers.

Doch über dem Brotfladen, den man ihm zum Kauen gegeben hatte, war in seinem Gesicht bereits wieder die Neugier für die fremdartige Umgebung erwacht. Und während aus der Menge für ihn geboten wurde, sah er mit aufgerissenen Augen seinem ersten Kamel hinterher. Es hatte den Göttern gefallen, ihm nichts von jener freundlichen und furchtlosen Art zu nehmen, mit der er auf alle Menschen und Dinge zuging. Und als er eines Tages Zenobia die Ladengassen der Goldschmiede entlangschlendern sah, die teure Tunika achtlos um die Hüften geschnürt, den schmalen Kopf mit der stolz gebogenen Nase hoch in die Luft gereckt, da war sie für ihn die Hasenkönigin selbst, die einsame Jägerin aus den Geschichten seiner Heimat, die sich nur selten dem Mutigen zeigte und manchmal den Todgeweihten. Er lief zu ihr und lachte sie aus seinen runden Augen an.

Ein solches Blau, wie es aus den Augen dieses kleinen Jungen strahlte, hatte Zenobia noch bei keinem Menschen gesehen. Sie waren blau wie der Mittagshimmel, wenn er sich in der Quelle Ephta spiegelte, und sie leuchteten in reiner, rückhaltloser Anbetung. Seitdem war Odu der treue Trabant all ihrer Ausflüge.

»Du, lass uns zum Tempel gehen.«

»Aber wieso ...?«

»Hier ist es langweilig. Oder weißt du etwas Besseres?« Damit drückte sie Odu den schon reichlich geplünderten Rest der Trauben in die Hand und lief los. Als sie auf gleicher Höhe waren, begannen sie mit dem »Fischspiel«, einer anspruchsvollen Übung, die verlangte, rhythmisch und möglichst ohne Stocken durch die Menge zu gleiten.

Auf diese Weise ließen sie das Tripylon linker Hand, nahmen den Weg an den römischen Kasernen und dem Stadtbad vorbei und durchquerten das Viertel der Färber, wo die zum Trocknen über der Straße aufgezogenen Seidenbahnen über ihren Köpfen im Wind hin und her schlugen. Zenobia verlangsamte das Tempo. Mit ganz in den Nacken gelegtem Kopf blickte sie nach oben auf den Stoff, der im Luftzug zu fließen schien. Indigo und Safran war heute in den Färbebecken gewesen. Sie drehte sich langsam um sich selbst, selbstvergessen, glücklich mit einem Mal.

»Odu, ach Odu, wie schön, sieh, wie schön. Ich will fliegen, ich will in der Luft schwimmen, ich möchte jeden Tag einen Regenbogen von Seide für mich haben.« Sie kreiselte weiter, ohne ihn anzusehen. Odu war anderer Meinung. Clemens, sein Herr, ließ ihn zu einer Hilfe für das Geschäft mit der Seide ausbilden, das auch den christlichen Kaufmann aus der italienischen Provinz in die Karawanenstadt verschlagen hatte, an das östliche Ende des Reiches, wo Syrer, Griechen, Juden, Araber und Perser friedlich ihre Waren tauschten. Daher fühlte er sich als Fachmann.

»Mein Herr Clemens hat bald keine Seide mehr. Die Perser lassen die Karawanen aus dem Osten nicht durch, das ist wegen dem Krieg mit den Römern. Kommt der Krieg hierher auch, Zenobia? Palmyra gehört doch zu Rom.«

»Kämpfen? Für die Römer?« Zenobia glaubte noch nie etwas Lächerlicheres gehört zu haben. Sie dachte an den Zenturio, der den Geschichtenerzähler beschimpft hatte. Für diesen Flegel sollten sie kämpfen? Da musste sie ja lachen.

»Ach was. Palmyra gehört niemandem! Es wird von Allath beschützt, der kriegerischen Göttin der Wüstenvölker. Sieh dir nur dieses Meer an.« Sie tanzte unter den blauen Flaggen über ihnen, die sich so klar von den staubigen Pastelltönen des Viertels abhoben.

»Palmyra ist die Schönste, die Königin der Karawanenstraßen. Und ich bin die Königin von Palmyra.«

Der größte ihrer Spielplätze, das Heiligtum des Bel, lag ganz im Südosten der Stadt. Hier wich der Lärm der Straßen bereits dem stetigen Rascheln der Dattelpalmen und dem feinen Rieseln des Sandes, der vom Wind gegen die geflochtenen Schilfzäune der Gärten getrieben wurde. Wie gewohnt, betraten sie über die Freitreppe der Propyläen das riesige, ummauerte Areal, das weiß vor ihnen in der Sonne gleißte.

In seiner Mitte erhob sich der Tempel, ein säulenumgebener Quader. Mit seinen üppig bemalten Blumenornamenten und bronzenen Akanthusblättern hatte er sie stets angezogen, so bunt wie er war, so labyrinthisch groß – und so verboten.

Die beiden hielten zügig auf den Eingang zu, als in der Ferne zwischen den Säulenreihen des Wandelgangs einige Mitglieder des Priesterkollegiums sichtbar wurden, die zwischen den Licht- und Schattenstreifen des Umbaus wandelten und in ein Gespräch vertieft schienen, von dem kein Laut zu den Kindern herüberdrang.

Zenobia winkte Odu, sich neben sie an den Rand des Opferaltars zu drücken, der ihnen auf halbem Weg im Hof etwas Schutz bot, und beobachtete die Gruppe über den Rand des Blocks. Nichts war zu hören als das Surren der buntschillernden Aasfliegen und das Knirschen des Sandes auf dem Marmor unter ihren vorsichtigen Bewegungen.

»Wenn sie um die Ecke sind, rennen wir rüber. Ich geb’ dir Zeichen.«

»Ist gut«, nickte Odu, der von Zenobias Spannung nicht so recht angesteckt wurde. »Schau, hier liegen Tesserae.« Damit hob er einige der Tonmünzen auf, die in der Stadt als Eintrittsmarken für die rituellen Opfermahle des Tempels dienten, und drehte sie zwischen den Fingern. »Es sind welche mit Gazellen, solche hab ich schon. Kannst du sie brauchen?«

»Lass sehen. Nein, die sind nicht schön. Warte doch bis zum Markt, da werden neue gemacht.«

Odu fiel etwas ein: »Stimmt das, du wirst dieses Jahr beim großen Gottesdienst an der Quelle dabeisein? Gleich beim Priester?« Zenobia zuckte nur die Schultern, das interessierte sie wenig.

»Sie sind weg. Achtung: jetzt!«

Beide rafften auf dieses Kommando hin ihre Tuniken und spurteten über den schattenlosen Platz, gerade auf den großen Eingang zu. Odus Finger lösten sich von einem sonnenbeschienenen Stück Stein des Portals, als sie ins dumpfe Halbdunkel des Tempelinneren traten, in dem ihr keuchendes Atmen das einzige Geräusch war. Nur wenig Licht fiel durch einige schmale Fenster hoch oben unter dem Dach. In den Lichtstreifen, die nirgendwo auftrafen, tanzte stumm der Staub. Die Luft schien so alt wie die Mauern selbst und bot keine Erfrischung.

Die Kinder wussten, wohin sie wollten. In der südlichen Cella verbarg ein steifer, alter Ledervorhang sehr wirkungsvoll eine Wendeltreppe, die in ihr eigentliches Lieblingsversteck führte, einen halbvergessenen Lagerraum im zweiten Stock, der wiederum einen Zugang zum Dach des Tempels besaß. Nachdem sie mit vereinten Kräften die harte Kamelhaut zur Seite gestemmt hatten, wobei sie den Statuen der Triadegötter in ihren Holzschreinen zur Sicherheit keinen Blick zuwarfen, stiegen sie zu ihrem Zimmer auf. Hier gab es zwischen alten Kisten, Teppichen, Lederkissen, Tonkrügen, Tragekörben und anderem Kram genug Material zum ungestörten Nestbau.

Aber heute waren hier ungewohnte Geräusche zu hören. Rascheln und Stöhnen drang aus dem Raum und ließ sie sich ängstlich hinter eine der herumstehenden Sänften ducken. Erst nach einer Weile spähte Zenobia durch deren verschlissene Vorhänge.

Auf einer verstaubten Liege in der Ecke links vom Fenster, das ein fast weißes Stück Himmel und die unendlich ferne Miniatur eines Palmenhaines in das Zimmer schnitt, lag ein Mann. Er war nackt und ganz glatt auf eine Art, die Zenobia gefiel und die sie gerne berührt hätte. Er bewegte sich, und etwas schien ihn abzuwerfen und doch nicht, etwas, das unter ihm lag. Sie konnte nicht recht erkennen, was es war, doch als ein schimmernd weißes Bein, das nicht seines war, vom Rand des Holzgestells herunterhing, da griff ein bodenloses Gefühl nach ihren Eingeweiden, und sie wusste nicht, warum. Es sah zauberhaft und grotesk zugleich aus, als das Bein sich hob und um des Mannes Rücken schlang wie von alleine. Die helle Haut seiner Achseln und Unterarme leuchtete verletzlich aus dem Dunkel der Ecke, während die Silhouette seines Gesäßes sich vor dem Fenster hob und senkte. Zenobia sah die starke Wölbung seines Hüftgelenks, wo seine Beine am Körper ansetzten. Man hätte die hohle Hand darüberlegen können. Die Luft im Raum war lau, mit einem scharfen Geruch. Und darin hing, als ob er dazugehörte, ein Laut wie das erstickte Wimmern eines Kindes, aber sie wusste, das war es nicht. Der Rhythmus aus Stöhnen und Bewegung hypnotisierte sie, als wäre es das pulsierende Atmen der Kammer selbst, das auch sie wiegte; nie hätte sie wegsehen können, obwohl der Tanz dort sicherlich nicht für sie war.

Nach einer Weile löste sich, was Zenobia im Schatten der Liege für die Fransen eines Überwurfs gehalten hatte, zu einer Fülle von Haar auf, aus dem eine Frau sich befreite. Der Mann setzte sich auf, zog ein Gewand über und war ein Priester, genauer gesagt, ihr Onkel Nesa, der eben wortlos der Frau einige Münzen in die Hand zählte. Aneinandergeschmiegt verließen sie den Raum. Zenobia duckte sich noch tiefer in den Schatten und hielt den Atem an, doch die Vorsicht war unnötig, die beiden bemerkten sie nicht.

Zenobia wurde es heiß. In ihren Schläfen klopfte die Schamröte, doch auch ihr Schoß pochte. Und niemandem hätte sie einzugestehen vermocht, dass sich dabei vor das Bild ihres Onkels unerklärlicherweise ein ganz anderes schob: das des jungen Mannes vom Pferdemarkt. Sie suchte den Bann abzuschütteln.

»Odu, ich glaube ...« Vor lauter Aufregung flüsterte sie noch immer. Doch ihr Gefährte hörte sie so oder so nicht. Er lag zusammengerollt neben ihr in einem Nest aus alten Decken und war über der unverständlichen Darbietung eingedöst.

Er verstand so verzweifelt wenig, dachte sie und blickte erbittert auf das schweißglänzende, blasse Kindergesicht neben sich, das sich im Schlaf sacht rötete.

Zenobia fand es unverzeihlich, dass er erst elf war. Sie sprang auf und lief zum Fenster. Froh, allein zu sein, doch zugleich umgetrieben von ihren Gedanken, fuhr sie über das glatte Mauerwerk, das ihren ungeduldigen Fingern keine Beschäftigung bot.

Die Aussicht war die öde ewig gleiche. Unter ihr in dem ersten Schatten, den der Tempel warf, standen ein paar Männer zusammen. Sie trugen die blauen Togen und die steifen, hohen, oben abgeflachten Kappen der Priester. Ob Nesa wieder unter ihnen war? Bei dem Gedanken, dass sie alle ihre Gewänder anhoben, um gegenseitig ihre Hintern zu begutachten, musste sie kichern. Sie tauchte ab, um sich ein paar von Odus Tesserae zu holen, und ließ den ersten auf die Gruppe fallen, ohne nachzudenken. Er zerschellte unbemerkt an der Tempelwand. Der zweite schlug in einer kleinen roten Staubwolke auf dem Boden auf. Zenobia bemerkte die erste Irritation unter sich; fast hysterisch vor Spannung gluckste sie und quietschte und warf Münze um Münze. Die letzte landete auf dem Filzrand einer Kappe.

Alles sah hinauf in einen wolkenlosen Himmel. Nicht einmal ein Vogel flog dort. Oben hockte Zenobia unter der Fensterbank, zu echter Angst ernüchtert, und sah in Odus schlaftrunkenes Gesicht. O ihr Götter, sie mussten nun wirklich nach Hause.

Divide et impera

Die Sonne ging schnell auf über Palmyra. Die Oasenstadt kannte kaum eine Dämmerung, und nur flüchtig spiegelte ihr Marmor ein fernes Violett wider, während das reife Gelb des Frühlichts zwischen ihren Säulen stand. Bald zerdampften die zarteren Töne des Morgens unter der Sonne, die den Himmel taghart brannte.

Einsam und prächtig lag es da zwischen seinen Gärten und den zusammengedrängten Lehmwaben der Bauernhütten, Klumpen erdfarbener Erhebungen, kaum sichtbar neben den pastellenen, bisweilen leuchtenden Farben Palmyras selbst, den alles dominierenden Kolonnaden, Tempeln und Prunkbauten, unter denen der neu angelegte Palast des Stadtherrn Odaenathos deutlich Kontur zu gewinnen begann, eine schneeweiße Baustelle aus griechischem Marmor, wie Brandung am Fuße des Stadtfelsens.

Ihre letzten Lehmtrabanten verloren sich in der Steppe, wohin die östliche Wüste die ersten Sanddünen vorschickte. Weit jenseits des Sandes lag das Euphrattal mit seinen uralten Metropolen, ebenso weit im Westen das Fruchtland der Mittelmeerküste. Dort gab es Kornfelder, Oliven und Weingärten. Aprikosenbaum-Pflanzungen wechselten sich ab mit Reihen um Reihen von Mandelbäumen. Doch all das verlor sich, ebenso wie die Zedernwälder, lange bevor die Hügelkette sichtbar wurde, die Palmyra im Nordwesten schützte. Sie gab ihr die zwei Quellen und die Lasttiere, die die Lebensgrundlage des Karawanenplatzes waren.

Die römische Oberschicht, die mit der Verwaltung der Provinz Syria befasst war, hatte darauf verzichtet, ihre Villen in diese Einöde zu setzen. Sie vertraute der unabhängigen Stadt ohnehin nur wenig, die seit Generationen in der Hand einheimischer Dynastien war und der römischen Verwaltungselite wenig mehr als eine Statistenrolle zuwies.

So waren Palmyras Nachbarn die Bergstämme und die schwarzen Haarzelte der Beduinen. Unter ihnen stand Palmyra, das alte Tadmor, wie eine der Blumen, die zuzeiten ein seltener Regenguss zu üppiger, doch tödlicher Blüte aus dem Wüstenboden lockt. Es verdankte seinen Reichtum jedoch nicht meteorologischen Launen, sondern der ungleich verlässlicheren Existenz eines dünnen Netzes von Straßen, auf denen Luxusgüter aus Nordasien, China, Indien und Arabien ans Mittelmeer gebracht wurden, den Marktplatz des römischen Imperiums. Einige dieser Handelswege fädelten sich durch die Oase Palmyra, unscheinbare Pisten, denen man nicht ansah, dass sie durch Länder führten, die noch kein Römer oder Araber je betreten hatte, selbst die berühmtesten der palmyrenischen Karawanenführer noch nicht und vielleicht nicht einmal der große Alexander. Fremde Menschen und Mythen brachen dort in der Ferne auf und versickerten in den Wüsten und Gebirgen auf ihrem Weg, während die Wunderwaren, die sie mit sich führten, von Hand zu Hand gingen. Seide, Gewürze und Trockenfrüchte, Edelsteine, Pelze, Silber, Korallen und Öle, auch Sklaven brachte ein stetig fließender Strom in die Stadt, die kaufte und verkaufte, besteuerte, verarbeitete und betrog und reich dabei wurde.

Sie bot ihr Wasser feil zu einem guten Preis, denn es war köstliches Wasser, und außerdem das letzte vor Damaskus, nicht wahr? Sie vermietete ihre Kamele und Führer sowie die Friedfertigkeit ihrer Beduinennachbarn, die leider, unzivilisierte Gesellen, die sie waren, oft gar kein Verständnis für die Belange des Handels zeigten. Und die wenigen römischen Grenztruppen, die sich hier notdürftig über den östlichen Limes verteilten, konnten schließlich nicht auf alles achten, gerade jetzt, wo die Perser in ihrem von den Göttern verfluchten Übermut alles in Unruhe versetzten. Ein Großreich, beim Bel, und dafür drohten sie die Handelsstraßen zu sperren und die heiligen Gesetze des Marktes zu verletzen! Wem sollte das nutzen? Palmyra gewiss nicht, dessen Lebensadern in dem andauernden Krieg zwischen Rom und Persien durchschnitten zu werden drohten.

»Dattelfresser, das sind sie, wo man hinsieht undurchsichtige Schacherer und Betrüger, Halsabschneider, stinkende Viehtreiber, selbst die Senatoren, die ganz besonders, alles Halunken. Denen möcht’ ich zeigen, was ein römischer Soldat unter Ehre versteht. Und Pflicht! Das hätten sie mal dringend nötig, diese Wegelagerer, lügen, wenn sie das Maul aufreißen, diese Ziegenficker.«

Decimus Pomponius Balbus hatte es offenbar wenig Erleichterung verschafft, dass er seinen Zorn diesen Morgen schon an dem Märchenerzähler auf der Agora ausgelassen hatte. Er fühlte sich in seiner Meinung eins mit jedem aufrechten Römer auf diesem letzten Vorposten römischer Zivilisation vor der Grenze, was er oft und gerne verkündete, so auch heute, während er in der eleganten Stadtvilla seines Vorgesetzten auf und ab marschierte. An den Sklaven, die sich rings umher an den Wänden des Tablinums bemühten, mit einigen großen Fächern für Erfrischung zu sorgen, ging der Tatendrang des Zenturio spurlos vorüber.

Sein Gastgeber betrachtete ihn schweigend. Als Syndicus Palmyras war Quintus Aelius Domitianus der ranghöchste Vertreter Roms in der Stadt und von dem herrischen Benehmen des Soldaten nicht begeistert. Er beobachtete, wie die tanzenden Nymphen seines Bodenmosaiks nacheinander den schweren Tritten des wandernden Offiziers erlagen, der dieses lautlose Massaker nicht zu bemerken schien. Jetzt bohrte sich ein Stiefel in den Nabel der ungerührt lächelnden Venus, was Domitians Nerven noch mehr strapazierte, als es sein ungehobelter Besuch ohnehin schon tat. Sein Blick wanderte zu der erfreulicheren Aussicht durch das Fenster auf den Innenhof. Weitere Sklaven waren dort damit beschäftigt, die Hibiskusbüsche zu schneiden.

»Es scheint mir, Balbus, etwas hat Euch verärgert.«

»Verärgert? Das kann man wohl sagen, Quintus Aelius Domitianus, und das ist noch weit untertrieben. Ich bin einfach stocksauer.«

Das Lächeln, mit dem der Syndicus antwortete, war säuerlich; er hatte das Gespür seines Gegenübers für Untertreibungen völlig richtig eingeschätzt. »Jedenfalls traktiert Ihr meine Venus strenger als selbst ihr betrogener Gatte, als er sie beim Ehebruch ertappte.«

»Wie, äh, ja, allerdings.« Balbus zeigte sich nur kurz irritiert. »Betrogen ist schon richtig. Und in mir wurde Rom betrogen, das könnt Ihr glauben.«

Domitian lehnte sich ob der Zumutung, dass er in diesem Emporkömmling Rom erblicken sollte, in seinem Sessel zurück. »Wollt Ihr mir nicht endlich Meldung machen, wo Ihr so lange gewesen seid?«, fragte er schließlich leicht gereizt. »Immerhin seid Ihr mein einziger Verbindungsmann zur palmyrenischen Armee.«

»Ich war unterwegs, diesen Arabern auf die Finger schauen, dem Pack.«

»Araberpack?« Domitian zog die Augenbrauen hoch. »Einige von ihnen hat man immerhin schon zu römischen Kaisern erhoben. Denkt nur an Heliogabal.« Die sanfte Ironie dieser Worte entging Balbus vollkommen.

»Diese dekadente Phase ist zum Glück vorbei«, entgegnete er knapp.

»Gewiss. Etwas Wein?« Gewiss, dachte Domitian, dafür hatte man seither als Imperatoren irgendwelche größenwahnsinnigen Söldner zu ertragen. Kaum von ihren Soldaten auf die Schilde gehoben, waren sie schon auf dem Weg nach Rom, wo sie meist nicht lange überlebten. Der jetzige, Valerian, war in Raetien von den Truppen akklamiert worden, wo immer das liegen mochte, und hatte in der Hauptstadt nicht mehr als einige Monate verbracht. Immerhin war er kein Germane, wenn böse Zungen das auch behaupten mochten. Aber dich, mein Freund, hat sicher keine Römerin geboren.

Domitian schaute versonnen auf die gedrungene Figur und das rotverbrannte Gesicht vor ihm, das düster über den Rand seiner Weinschale blickte. Balbus’ Gedanken waren nicht freundlicher als seine Miene. Domitians Verhalten ärgerte ihn. Dieser Lackaffe, dachte er, bildet sich offenbar wer weiß was auf seinen Adel ein.

»Ich war bei den Grenztruppen am Limes wegen einer Warnung von Eurem Freund Odaenathos, Stadtfürst nennt er sich nun ja wohl. Deswegen bleibt er doch nur ein arabischer Emporkömmling, nichts Besseres als ein Beduine.«

Domitian runzelte die Stirn. »Dieser Beduine organisiert und führt immerhin den derzeit schlagkräftigsten Teil der römischen Hilfstruppen: seine Reiterei. Wenn ich richtig informiert bin, trug schon sein Großvater den Titel eines römischen Senators. Und ich glaube, der gute Odaenathos hat schon lange kein Zelt mehr von innen gesehen.«

Balbus war sich da nicht so sicher. Und wenn, dann umso schlimmer. Er wusste aus Erfahrung, wo es hinführte, wenn diese Eingeborenen arrogant wurden.

»Na, wie auch immer, der Kerl hat mich hingeschickt, und natürlich nix: keine persische Invasion, keine Truppenbewegungen, gar nichts. Nur ein Haufen verlauster Legionäre, die ihre Ausrüstung wohl schon ’ne ganze Weile gegen ein paar dürre Milchziegen eingetauscht hatten und ihre Muttersprache nur noch zum Würfeln miteinander benutzten. Die hausen da in Lehmhütten neben ihren Kastellen, und kein Schwein kann sagen, was mehr stinkt, sie, ihre Ziegen oder ihre Weiber.« Balbus nahm einen tiefen Schluck. »Ihre Brut schreit, dass es ’ne persische Armee in die Flucht schlagen könnte. Das ist die Verteidigung unserer Ostgrenzen. Und ich hock’ hier mit nichts als ein paar Bogenschützen und diesem Odaenathos vor der Nase, der angeblich so siegreich gegen die Perser zieht. Wer’s glaubt. Der hat Truppen, die hab ich noch nicht mal zu Gesicht gekriegt. Keiner weiß doch, was der treibt, Domitian, Palmyra braucht eine Besatzungsarmee.«

Es war dem Syndicus nicht anzusehen, wie er zu dieser Bemerkung stand.

»Mein lieber Freund«, begann er schließlich langsam, »der hygienische und moralische Zustand der Grenztruppen mag sicherlich bedauerlich sein, so wie Ihr ihn schildert. Auch mir scheint, sie sind nicht in der Lage, den Limes zu schützen. Doch sollen sie das überhaupt? Die Zeiten sind vorbei, in denen Rom sich noch mit Mauern und einer Postenkette gegen seine Feinde schützen konnte, dazu sind seine Grenzen zu lang, dazu ist Rom zu groß geworden, schon seit langem. Palmyra hat eine ausgezeichnete Reiterei, auch wenn sie ohne Eure Hilfe ausgehoben wird, vielleicht die einzige, die dem Perserkönig Schapur zu widerstehen vermag, es zahlt seine Steuern und ist bereit, Valerian formell als Imperator anzuerkennen. Mehr sollten wir momentan nicht von ihm fordern, denn mehr können wir nicht von ihm erzwingen.«

»Pah, unsere Lage war lange nicht so gut. Der Kaisersohn verteidigt die Grenzen im Westen und Norden gegen die Barbarenvölker ...«

»... und ist dabei mehr als beschäftigt. Wir haben Gallien verloren. Allein das macht ihm genug zu schaffen, und die Goten drängen über die Donau.«

»Valerian hat Antiochia befreit«, hielt Balbus dagegen.

»O ja, nun schon zum zweiten Mal.«

»Und er steht jetzt vor Karrhai.«

Nun, dachte Domitian, die Goten fluteten ihrerseits über den Tauros, Schapur war über den Euphrat gegangen, wo das bisher uneinnehmbare Dura Europos vor wenigen Monaten in Strömen von Blut versunken war. Die Welt, wie er sie kannte, ging unter, und sie saßen hier in der Wüste und mussten zusehen. Vorläufig.

»Noch etwas Wein, Zenturio?«

»Palmyra ist ein wichtiger Vorposten«, setzte Balbus erneut an, »deshalb ...«

»... deshalb sollten wir nichts unternehmen, was es zu der Ansicht bringen könnte, Roms Interessen seien nicht die seinen.«

»Und wenn es dieser Ansicht nun schon wäre, hä? Habt Ihr daran schon mal gedacht Syndicus? Was glaubt Ihr wohl, wieso der Kerl mich in die Wüste geschickt hat. Also ich hab mich das gefragt, wie ich da so rumstand. Und da hab ich mich umgesehen.«

Domitian fuhr die Linien einer attischen Plastik nach, die er in die Hände genommen hatte, um sein steigendes Interesse zu verbergen. Nun stellte er sie auf den Tisch zurück.

»Und was habt Ihr gesehen, Zenturio?«

»Den Sohn vom Stadtkommandanten Zenobios, wie er, einfach so, nach Osten in die Wüste reitet, zum Euphrat.«

»Habt Ihr ihn sicher erkannt?«

»Ich kenne sein Pferd.«

»Ihr saht also ein Euch bekanntes Pferd in die Wüste traben; ich kann verstehen, dass Euch das erregt.«

»Ich bin ihm nachgeritten, zum Hades auch, ich hab gesehen, wo er hin ist, mittenrein in einen Haufen Perser. Die haben ihm nichts getan. Eure sauberen Araber haben uns an Schapur verkauft«, trumpfte Balbus auf.

Ja, vermutlich, dachte Domitian. Wie interessant.

Er war eher erleichtert als erschüttert und begann, nun seinerseits auf und ab zu gehen; sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wie lange mochte der Kontakt bestehen? Die Palmyrener wollten für ihren Handel einen schnellen Frieden mit Persien, das war klar. Und was wäre logischer, als Zenobios’ Sohn Gash als Mittelsmann zu wählen? Dass er darauf nicht früher gekommen war! Zenobios war verschwägert mit den Bene Mattabol, dem einflussreichsten Stamm der Umgegend. Die meisten Rekruten der palmyrenischen Armee waren Bene Mattabol – und die meisten Karawanenführer auch. Ohne ihre Zustimmung konnte Odaenathos einen solchen Frontenwechsel gar nicht vornehmen ...

Seine Überlegungen wurden abrupt von einem aufgebrachten Schnauben seines Gastes unterbrochen, der noch immer in triumphierender Haltung vor Domitians nun leerem Sessel aufgerichtet stand und sich um die wohlverdiente Wirkung seiner Worte gebracht fühlte.

»Mein verehrter Balbus, Ihr habt völlig recht. Aber Ihr steht schon wieder auf dem Bauch der Venus.« Domitian legte dem Zenturio den Arm um die Schultern. »Wisst Ihr, ich denke, wir sollten diesem Gash bei seinem nächsten Ausflug auflauern und ihn, nun äh, umbringen, am besten mit einem persischen Speer. Noch ein wenig von dem Wein?«

Balbus setzte sich. Sein Mund stand vor Überraschung weit offen. Doch er hörte zu. Und eine halbe Stunde und einige Becher später war er überzeugt.

»Ganz richtig, der Verrat muss verhindert werden. Es gibt dafür keinen Zuverlässigeren als mich, ganz klar. Ich zeig’ es dem arabischen Hundesohn.«

»Aber arbeitet allein und arbeitet diskret. Sobald Ihr wisst, wann er das nächste Mal zu Schapur reiten soll, baut Ihr Euren Hinterhalt jenseits des Limes. Und vergesst die Lanze nicht.«

»Ich werd’ sie ihm reinrammen.«

»Hauptsache, die Verhandlungen werden erst mal unterbunden. Für das Weitere sorge ich dann.« Seine erste Tat würde zweifellos sein, sich diesen kompromittierenden Attentäter vom Hals zu schaffen. Er trank zuviel und redete zuviel. Versonnen sah er in das weingerötete Gesicht des Zenturio, ehe er nachschenkte. »Ich verdanke Euch viel, Zenturio.«

Balbus grinste. Endlich hatte der Kerl das gefressen. »Diesem Odaenathos hab ich nie getraut, hat zuviel Ehrgeiz, der Mann. Habt Ihr seinen neuen Bau gesehen? Ein Palast wird das. Hab ihm nie geglaubt.«

»O ja, er scheint ehrgeizige Pläne zu haben, unser Freund. Habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, wie mächtig Palmyra werden könnte, wenn es sich enger mit den Wüstenstämmen verbündete?«

»Hä? Sind doch alle nur Pack, dreckige Ziegenficker.«

Domitian wiegte den Kopf, er war nicht überzeugt.

»Ich habe darüber nachgedacht, seit Ihr Zenobios erwähntet. Er ist das Verbindungsglied zu den Stämmen. Hat der Mann nicht auch eine Tochter? Zenobia, wenn ich nicht irre. Seht Ihr, Balbus, eine Verbindung mit diesem Mädchen zum Beispiel würde Odaenathos zum Herrn einer großen Zahl Beduinenkrieger machen. Was für Möglichkeiten für einen ehrgeizigen Feldherrn! Aus Palmyra könnte mehr werden als nur ein reicher Handelsplatz, viel mehr, es könnte eine eigenständige Macht im Osten werden.«

»Diese Eingeborenen taugen alle nicht fürs Kriegshandwerk«, schnaubte der Zenturio.

»Nun, es ist ja auch nur ein Gedankenspiel, bisher. Aber ein beunruhigendes. Je länger ich es mir überlege, Odaenathos ist nicht dumm ... Wenn es soweit kommt, wäre es gut, wir hätten etwas in Händen, was diese Liaison etwas behindern könnte. Divide et impera, mein Bester.«

»Äh ...«

»Was ich meine, Zenturio, ist: Kennt Ihr jemanden, der ein paar Erkundigungen über die Familie einziehen könnte? Nur damit man weiß, mit wem man es zu tun hat. Vielleicht findet sich dabei ja ein triftiger Grund gegen eine Hochzeit.«

»Ach, Ihr meint ..., ehä, hähä, ich wüsste wohl schon einen.«

»Hättet Ihr etwas dagegen, mich zu ihm zu begleiten?«

Der Abend kam ebenso schnell wie der Tag. Der Himmel hatte sich zu dem durchsichtigen Blau ägyptischen Glases verdunkelt. Selbst die weißen Kuben der Häuser, fensterlose Flächen nach außen hin, schimmerten bläulich in der Dämmerung. Die nachlassende Hitze wirkte nun fast angenehm. Während Domitian sich an der Seite seines Begleiters der sanften Abendluft überließ, wurde die Stadt um sie herum zum zweiten Male lebendig.

Rechts von ihnen wurde durch die Säulen der Kolonnade die Baustelle zu Odaenathos’ neuer Behausung sichtbar. Einige Arbeiter waren gerade dabei, den Porticus zu errichten. Balbus hatte recht gehabt, es würde ein Palast werden, und Domitian fragte sich, was er Rom kosten würde.

»Wär’ ein guter Platz für ein Garnisonslager«, meinte Balbus, mit dem Kinn nach der halbfertigen Anlage weisend, »beherrscht die Gegend.« Der Syndicus widersprach nicht.

Fliegende Verkäufer waren wieder unterwegs, um Getränke aus Zitrusfrüchten oder vergorener Ziegenmilch anzubieten. Ganz verkrümmt gingen sie unter dem Gewicht der umgeschnallten Metallbehälter, aus denen sie ihre Erfrischungen in Becher zapften. Domitian winkte einen heran. Sie tranken im Stehen, neben einigen eleganten Syrerinnen, die durch die Körper ihrer Leibsklaven vom Strom der abendlichen Flaneure abgeschirmt wurden und eine goldklirrende, leise lachende Gruppe inmitten des Getriebes bildeten.

Nahe vorbei drängte sich eine ganz andere Gesellschaft: Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet. Sie kamen jetzt fast täglich, zu Fuß oder mit Eselskarren, verstaubte kleine Gruppen, die persönliche Habe als schnell zusammengeraffte Haufen auf den Wagen der Neugier preisgegeben. Manche trugen nur mehr ihre Kinder oder Eltern auf dem Rücken. Die Gesichter der Umstehenden waren nicht freundlich, zu deutlich machte ihnen dieser Treck, wie nahe ihre eigene Stadt dem Kampfgebiet und den feindlichen Heeren stand. Früher hatten palmyrenische Truppen das westliche Euphratufer gehalten, doch diese Stellungen waren längst verloren. Nur noch die östliche Sandwüste trennte den Frieden Palmyras von den Persern.

Die letzten Ankömmlinge heute aber waren Heimkehrer, erkennbar an ihren langen, an den Knöcheln gebauschten Hosen, die vorne über die Länge des Beines Borten mit Blumenmustern schmückten. Die Obergewänder reichten, wie es für Reiter günstig war, nur bis zu den Knien, waren seitlich geschlitzt und am runden Halsausschnitt wie an den übrigen Säumen ebenfalls mit Rankenornamenten verziert. Alles bestand aus lockerem, feingewebtem Baumwollzeug, das der Abendwind sacht blähte, als sie, vom Wiegegang ihrer Dromedare geschaukelt, durch die Menge getragen wurden. Den Fuß gegen den Halsansatz ihrer Tiere gestemmt, trieben sie sie mit energischem »hathathat« auf den Eingang der Karawanserei zu, verfolgt vom schrillen Willkommensgeschrei einer Horde Kinder.

In dem bärtigen Karawanenführer, der nun abstieg, erkannten die beiden Römer Nesa. Nesa war Mitglied des Senats und, da er zu den reichsten Männern Palmyras zählte, auch einer der zehn Dekaproten, jener Bürger, die mit ihrem Vermögen für Defizite bei den Steuereinnahmen einstanden, ein Fall, der bislang allerdings noch nie eingetreten war. Das persische Embargo mochte das bald ändern. Er begrüßte beide förmlich und wechselte einige Worte mit Domitian. Sein Reittier ließ den Kopf mit den großen, langbewimperten Augen über ihnen hin- und herpendeln. Es schnob und versuchte, an den roten Seidentroddeln zu kauen, die sein Zaumzeug schmückten.

»Nesa ist übrigens der Onkel unseres Schurken Gash und seiner Schwester Zenobia«, wandte Domitian sich etwas später wieder an Balbus. »Ich habe die Gelegenheit genutzt, ihm zur Verlobung seiner Nichte mit dem Stadtfürsten zu gratulieren. Denkt Euch: Er war gar nicht überrascht.«

Balbus pfiff anerkennend.

»Verdammt guten Riecher habt Ihr, Syndicus. Na, dann will ich Euch mal meinen Kumpel vorstellen. Er hockt meistens in der Taverne da drüben. Der ist richtig, sag’ ich Euch.«

»Macht Ihr das lieber, bester Freund. Hier, bezahlt ihn aus diesem Beutel und erklärt ihm das Nötige. Er soll die Kleine unauffällig beobachten und Euch täglich berichten. Ihr informiert dann mich.«

»Prompt und zuverlässig, werdet schon sehen.«

»Ich hoffe es. Ich meinerseits werde wohl meine Frau bitten, Zenobios’ Gattin einmal einzuladen. Vielleicht lässt sich so auch etwas erfahren.« Domitian rieb am Saum seiner Toga. »Dieses Vieh vorhin hat mich doch tatsächlich angespuckt.« Balbus zuckte die Achseln, ihn wunderte das nicht.

Da Balbus nun fürs Erste beschäftigt war, entschied sich Domitian, die Pflicht für heute Pflicht sein zu lassen. Er machte sich auf den Weg zum Stadtrand. Dort hielt er sich schon seit Monaten eine arabische Hetäre, deren raffinierte Künste er als eines der so unerwartet wenigen Privilegien seines Orientaufenthaltes betrachtete. Ihre Fügsamkeit war ihm nach den Tagesgeschäften mit diesem so schwierigen Volk eine besondere Genugtuung. Er nannte sie seine bronzene Hindin und hatte ihr eine römische Landvilla mit Garten vor der Stadt gekauft, an deren Tor er jetzt stand.

Voll befriedigter Rührung betrachtete Domitian das typisch römische »Cave Canem«-Mosaik an der Pforte, das seine Geliebte dort hatte anbringen lassen – sein Herrschaftssiegel. Er atmete die blütensatte Luft des Gartens ein, die über die Mauer zu ihm herüberwehte. Was für ein Tag! Doch er hatte ihn gemeistert. Voller Vorfreude trat er ein.

Träume

Sorglos döste auf ihrer Widderliege Julia Aurelia Zenobia, Tochter des Julius Aurelianus Zenobios, Kommandant der Stadtpolizei, Schwester des ehrenwerten Claudius Aurelianus Septimius Gash und des siegreichen Gaius Aurelianus Septimius Maliku, Tochter der Sime von den Bene Mattabol. Dass ihre Familie eine der einflussreichsten in Palmyra war, war für sie selbstverständlich und außerdem unwichtig. Falls ihr Vater ehrgeizige Pläne hatte, übertrafen die ihren sie jedenfalls bei weitem. Wie gerne wäre sie Kleopatra gewesen, die große Königin, die Liebende, deren Männer allesamt aus unerfüllter Liebe zu ihr starben. Die Beherrscherin des Orients räkelte sich auf ihrem schmalen Kinderbett, das ihr schon bald zu kurz sein würde: Die ausgestreckten Zehen ans Fußende gepresst, berührte ihr Scheitel schon beinahe die geschnitzten Tierköpfe der Pfosten. Bereits heute freute sie sich auf den Tag, an dem sie ihrer Mutter verkünden konnte, dass nun dringend ein Erwachsenenbett hermusste, ein breites, und zwar auf der Stelle. Im Moment war Sime allerdings nicht da, alle waren sie ausgegangen, zu Besuch bei einer römischen Dame, während sie hier herumlag und sich langweilte. Odu würde sie erst in einer Stunde treffen können. Zur Ablenkung hatte sie sich den Schmuckkasten ihrer Mutter geholt. Jedes Stück darin hatte seine eigene Geschichte. Sie betrachtete ein Collier aus Ktesiphon, wie es jetzt so Mode war. Der sagenhafte Schmuck, der in Antiochia und Alexandria auf der gepuderten Haut so mancher syrischen oder römischen Edeldame bestaunt werden konnte, stammte – glaubwürdigen Gerüchten zufolge – aus den Königsgräbern von Adiabene, die vor knapp dreißig Jahren von den Söldnern des geisteskranken Caracalla aufgebrochen und geplündert worden waren. Vielleicht war dies auch der Grund, warum die Kostbarkeiten fast immer in Form von Kopien getragen wurden, die Unheil bringende Macht von Totenschmuck war schließlich allgemein bekannt.

Hier ein Armreif, den die Mutter bei ihrer Hochzeit aus der Wüste mit in ihr neues Heim gebracht hatte, begleitet von zwei Dienerinnen und drei schweren Kamelladungen, der Mitgift einer Tochter der Bene Mattabol. Simes Urgroßmutter hätte zu diesem Anlass noch zwei Decken mitgebracht, fünf Krüge, einen Sattel, Zaumzeug, zwei Kamelkälber, einige Ziegen und vielleicht auch noch ein Zelt.

Zenobia drehte sacht ihr erhobenes Handgelenk; der Armreif schimmerte schwach im trüben Licht des Zimmers. Kleine Figürchen umtanzten Hand in Hand ihren Arm. Archaisch und plump sahen sie aus, von ungeschickten Händen in einer lange entschwundenen Zeit in das matte Silber getrieben; die Sprüche, die dabei gemurmelt worden waren, sind verloren gegangen.

»Attay?«

Zusammengesunken zu einem dunklen Haufen Stoff, hob die alte Kinderfrau in einer Ecke unwillig den Kopf. Der helle Ton der Kinderstimme klang fordernd.

»Attay, erzähl mir die Geschichte der Männer.«

»Männer?« Die Amme war eben im Begriff gewesen, sich für die Mühsal des Kinderhütens mit einem Nickerchen zu belohnen. Noch halb benommen beging sie den schweren Fehler, mit einer Frage zu reagieren.

»Was denn für Männer?«, wiederholte sie verwirrt.

Statt einer Antwort hob Zenobia ihr Handgelenk und ließ den Schmuck klimpern.

»Das sind keine Männer. Die Männlein da sind uralt, sie haben noch gar kein Geschlecht. Es sind die Menschen, bevor man sie in zwei Hälften geschnitten hat. Deswegen halten sie sich ja auch alle an den Händen: Keiner will sich vom anderen unterscheiden und von ihm getrennt sein.«

Aber Zenobia ging es nicht um mythologischen Tiefsinn. Sie liebte diesen Armreif, weil er schon ihrer Großmutter und Urgroßmutter gehört hatte. Seine Geschichte war die ihre – und die wollte Zenobia jetzt hören. Es war ein altes Spiel zwischen Attay und ihr, aus dem sie fast immer als Siegerin hervorging, so auch heute. Attay war jetzt unwiderruflich wach, unwillig zwar, aber bereit, ihnen beiden die Zeit mit der alten, ewig gleichen Erzählung vom Brautschatz der Sime zu vertreiben.

»In jenen Tagen, als das Gesetz der Stämme noch nicht geschrieben war und unser Boden noch frei von fremden Eroberern, da wanderte Ambákra einsam durch die Wüste. An einer Quelle entdeckte er ein seltsames Tier: Seine Füße waren wie Teller aus Leder. Es hatte eine lange, kürbisförmige Nase, aus der es immerfort schnaubte, und einen gewaltigen Buckel auf dem Rücken. Er fing es, zähmte es und ritt auf ihm weite Strecken ohne Wasser, aber das bair, wie er es nannte, wurde niemals müde. In der Stadt verkaufte er es als Lasttier an einen reichen Händler für einen kostbaren Armreif aus Silber, denn Silber war in jener Zeit das edelste Metall, das die Menschen kannten.«

»Aber das bair hatte seinen Herrn lieb gewonnen.«

»So war es. Es zerriss seine Fesseln und suchte seinen wahren Herrn, bis es ihn gefunden hatte. Von da an blieben sie für immer zusammen bis in den Tod. Und so ist es Brauch geblieben unter den Stämmen bis auf den heutigen Tag.«

»Und Ambákra wurde der Stammvater der Bene Mattabol«, ergänzte Zenobia zufrieden.

Jene sagenhafte Liebe des ersten zahmen bair zu seinem Herrn schien sich seinen Nachkommen auf wunderbare Weise vererbt zu haben. Diese edlen Tiere entfliehen nämlich nach dem Verkauf oft bei erster Gelegenheit den neuen Besitzern, um sich von neuem dem vertrauten Clan anzuschließen. Die erbosten Käufer beschimpfen dann die Beduinen als Betrüger und bezichtigen sie einer raffinierten Dressur. Aber was wussten diese Städter schon von wahrer Treue?

»Und bald war aus den Bene Mattabol ein mächtiger Stamm geworden.« Attay nickte.

»Prächtig waren ihre Herden, scharf ihre Dolche und geschickt ihre Viehdiebe. Niemals unterlagen sie dem Drängen der eifersüchtigen Bene Taymay, den Listen der tückischen Bene Hasash, den Anstürmen der wilden Bene Anubat. Sie waren unbesiegbar. Bis ...«

»Bis zu der Nacht, als der Mond so hell auf die Erde schien, dass alle Dünen leuchteten wie Silber.« Attay hatte die Augen geschlossen, und ihr Körper wiegte sich über ihren überkreuzten Beinen hin und her, hin und her.

»Die Wüste war weiß und der Himmel kohlschwarz. Wie jede Nacht führten Zebida und sein Bruder Zabdas ihre Familien nach dem Abendstern, der ihnen den rechten Weg wies. Da standen plötzlich vor ihnen zwei herrlich schöne Jünglinge auf weißen Kamelen, die leuchteten wie Perlen. Zebida forderte die Tiere als Wegzoll, wie es Brauch war. Da lachten die Jünglinge fröhlich und sagten ...«

»... wenn ihr von uns einen Zoll haben wollt, dann müsst ihr ihn auch eintreiben. Wir wollen so lange mit dir und deinem Bruder kämpfen, bis wir wissen, wer von uns dem anderen tributpflichtig sein soll.« Zenobias Gesicht glühte vor kriegerischem Feuer.

»So kämpften sie wohl zehn Stunden miteinander, doch den lächelnden Jünglingen ritzten sie nicht eine Falte ihres Gewandes. Da warfen sich Zebida und Zabdas vor ihnen auf die Erde und erflehten Gnade: Wer ihr auch sein mögt, o mächtige Herren, die Bene Mattabol legen ihr Schicksal auf immer in eure Hände, denn wer von euch beschützt würde, hätte nichts mehr zu fürchten. Und als sie sich erhoben, da lag nur noch ein silberner Stirnreif mit einem Stern in der Mitte vor ihnen. Da erkannten sie, dass sie mit dem Abendstern gerungen hatten, der als ein Bruderpaar am Rande der Dämmerung stand, einmal zum Morgen hin und einmal zur Nacht. Seitdem beschützen Arzu und Azizu all unsere Karawanen, ihr Gad, ihre Kraft, ist mit uns.«

Die tausendfältige Kraft der Karawanengötter hatte den Bene Mattabol in der Tat gut getan und ihnen einen beachtlichen Wohlstand eingebracht. Mochte es an jenen Schutzgeistern liegen oder daran, dass sie die Kunst der Wegelagerei am besten beherrschten. Der Verkauf des eingebrachten »Wegzolls« auf den Märkten am Rande der syrischen Wüste brachte genügend Kapital ein, um bald selbst eine Karawane auszurüsten.

Und die Reichtümer, die auf diese Weise erworben wurden, ließen sich noch schneller vermehren, wenn sie eigene feste Umschlagplätze einrichteten. Für die jüngeren Söhne, denen diese Aufgabe meist zugewiesen wurde, war die ungewohnte neue Sesshaftigkeit ein guter Tausch, denn viele der stillen Oasen wuchsen im Laufe der Zeit zu bedeutenden Handelsplätzen heran; mit den Jahrhunderten wurden Städte daraus und aus den geschmähten Nichtkriegern angesehene, reiche Patriarchen. Natürlich wohnten die meisten Stammesmitglieder lange Zeit noch nicht in den steinernen Käfigen, wie es die Städter taten, sondern blieben innerhalb der Stadtmauern in ihren traditionellen Haarzelten. Doch die Besitztümer, die sich darin anhäuften, passten nicht mehr auf die übliche Zahl Kamele und hatten ein Wandern schon lange unmöglich gemacht.

Auch Palmyra bildete darin keine Ausnahme. Und in einem besonders glücklichen Jahr ergab es sich, dass der junge Taimoamad von den Bene Mattabol, trotz seines lahmen Kamels, zu einem eigenen Stadthaus kam.

Attay war inzwischen durch den sanften Rhythmus ihrer Erzählung beinahe wieder eingeschlafen. Zenobia verhinderte das, indem sie der Amme ihren Einsatz gab.

»Taimoamad war ein flinker und starker Sohn Olays, dessen Vater Kohaylon seinerzeit den sagenhaften Raub der dreißig Kamele vollbracht hatte.« Und wie es die Spielregeln verlangten, führte Attay das Kind weiter in die große Geschichte der Bene Mattabol.

»Mit den Kindern und Kindeskindern von den Kamelen seines Großvaters Kohaylon zog Taimoamad eines Sommers hinab in die Stadt, um sie für seine Familie zu verkaufen. Wie gewöhnlich trieb er seine Herde auf den Marktplatz und bot sie dort feil. Zum Abend hatte er sie alle verkauft, bis auf das letzte, das hatte sich auf dem Weg einen Dorn eingetreten. Eben wollte er damit in die Karawanserei zurückkehren, als ihm mit großer Hast ein Mädchen in den Weg trat und sprach: ›Ich will dein Kamel kaufen, wenn es nur schnell genug läuft.‹ Aber Taimoamad antwortete: ›Du hast Glück, denn ich bin kein Betrüger und werde dir helfen. Wo ist dein Vater?‹ Das Mädchen begann zu weinen. Unter Schluchzen erzählte sie, dass ihr Vater sie sicher schon suchen ließe, da er sie morgen mit einem reichen und mächtigen Kaufmann aus der Stadt vermählen wolle. Doch der sei so alt und dick, dass sie lieber in die Wüste fliehen wolle, als ihn zum Manne zu nehmen. Da betrachtete sie Taimoamad, und sie gefiel ihm wohl, also sprach er: ›Eine Bitte um Hilfe wird dir von mir nicht verwehrt werden. Du sollst nämlich wissen: Ich bin ein Sohn der Bene Mattabol und will dich von deinem Vater befreien, wenn du dies wünschst.‹ Da lächelte sie unter Tränen, und noch zur nämlichen Stunde wurden sie insgeheim getraut. Der Vater war drei Tage lang so im Zorn, dass er Taimoamad gewiss den Kopf und andere wichtige Teile abgeschlagen hätte, wären sie nicht in die Wüste geflohen. Aber da er sein Kind über alles liebte und sah, wie herzlich sich die beiden zugetan waren, schenkte er schließlich seiner Tochter einen geflochtenen Goldring als Brautgeschenk und als Dreingabe ein kleines Stadthaus.«

Den viel zu großen, aus dicken Goldfäden gedrehten Ring auf den Daumen gesteckt, hatte sich Zenobia bildersatt auf ihr Lager zurücksinken lassen. Die Geschichte von Taimoamad war so bedeutsam, weil das kleine Stadthaus, ein handfester Beweis für ihre Echtheit, heute noch stand. Es war ein altmodischer, eingeschossiger Würfelbau von blassrosa Farbe, den ihre Familie vermietete. In ihm hatten damals die beiden Liebenden Platz gefunden, nachdem der junge Beduine die reiche Kaufmannstochter am Abend des Markttages erst gegen alle guten Sitten belästigt und hinterher in einem stillen Winkel des nahe liegenden Tempelbezirks verführt und geschwängert hatte – so verbreitete es wenigstens der erbitterte Vater, den nur die Einsicht in das Unvermeidliche und die Aussicht auf bevorzugte Handelsbeziehungen mit dem mächtigen Wüstenstamm davon abhielten, den Namen seiner Tochter ein für allemal aus dem Gedächtnis seiner Familie zu streichen.

Seitdem kam es immer wieder zu Verbindungen zwischen den Stämmen und der Stadt. Als Zenobios, der Stadtkommandant von Palmyra, bei einem der Pferdemärkte das Beduinenmädchen Sime zum ersten Mal gesehen hatte, war es nicht nur ihr frisches Gesicht zwischen den rauen Gestalten ihrer Brüder gewesen, das ihn anzog, sondern auch die Tatsache, dass sie mehr Silberschmuck am Leibe trug, als er je auf einmal gesehen oder bei einer so zierlichen Person für möglich gehalten hätte.

Attays regelmäßiger Atem klang zu Zenobia herüber. Die Alte war eingeschlafen. Nun, das schadete nichts, die Zeit ihrer Verabredung mit Odu war da; die Sonnenstrahlen fielen schon schräg durch das Fenster herein. Alles war still im Haus. Zenobia rutschte vorsichtig von ihrer Liege und schlich sich zur Tür.

Sie ging leise durch die kühlen, halbdunklen Flure und überquerte den Innenhof, über dem einige buntgestreifte Sonnensegel vergeblich die Hitze zu mildern suchten. In ihrem lauen Schatten plätscherte lustlos der Springbrunnen. Schließlich erreichte sie die Küchengebäude. Sie schmiegten sich neben einem kleinen Garten, in dem die Kräuter in der Sonne welkten, an die lange Außenmauer, die das Gebäude von einer schmalen Nebenstraße trennte. Dort war auch eine Tür, die die Dienerschaft benutzte, um das Anwesen zu Einkäufen und dergleichen zu verlassen. Es wäre zu unpraktisch gewesen, sie verschlossen zu halten, da sie oft benutzt wurde, auch war meist jemand in Küche und Garten, der sie im Auge behalten konnte. Nur nicht mittags, wenn alle schliefen, auch der Sklave, der eingerollt unter seinem Burnus im Verschlag hinter der Zitronenmelisse döste. Zenobia hörte ihn schnarchen.

Was sie nicht hörte, das waren die Schritte hinter ihr auf dem staubigen Boden. Und so erschrak sie fürchterlich, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.

»Was machst du da?«

»Gash!« Unsicher schaute sie ihren Bruder an.

»Wolltest du schon wieder verschwinden, hm. Dir haben die Prügel damals wohl nicht gereicht?« Er packte sie fest an beiden Armen. Zenobia biss sich auf die Lippen; sie erinnerte sich im Gegenteil nur zu gut daran, wie Gash auf sie einschlug, während ihr Vater danebenstand und kalt aufzählte, wie ein junges Mädchen sich zu verhalten habe. Und die Erinnerung machte sie wütend.

»Wenn du Vater sagst, dass ich weg war, dann sage ich ihm, dass du dir Wäsche aus Yasemins Zimmer stiehlst, um dir damit ...« Weiter kam sie nicht, denn eine heftige Ohrfeige riss ihren Kopf zur Seite.

»Tust du doch!«, keuchte sie und starrte ihren Bruder mit aufrichtigem Hass an. Gash holte noch einmal aus, ließ den Arm aber wieder sinken.

»Du kleines Stück Dreck.« Und er stapfte durch die Kräuter davon. Zenobia atmete tief durch und sah sich in dem kleinen Garten um. Der Sklave schlief noch immer, die Sonne schien heiß und still auf sie beide. Sieg, sie hatte einen Sieg errungen. Noch zitternd von der aufregenden Begegnung, aber hochgestimmt, schob sie den Riegel zurück und schlüpfte auf die Straße.

Balbus wird aktiv

Balbus schob sich gereizt durch den Trubel der Innenstadt und kaufte den Proviant für seine bevorstehende Mission zusammen. Ausgerechnet heute musste Palmyra mit den Vorbereitungen für den Pferdemarkt beginnen. Ein allgemeiner Sturm auf die Tesserae hatte begonnen, die tönernen Eintrittsmarken zu den großen Tempelgelagen, bei denen keine Familie, die auf sich hielt, fehlen durfte. An allen Ecken zogen fliegende Verkäufer die Menschentrauben an. Und wehe dem Haushaltsvorstand, der in diesem Wettstreit versagte! Die Stände für Lebensmittel waren ebenfalls belagert, da viele Familien über die Feiertage Besuch von Verwandten aus den Stämmen erwarteten und dafür Vorräte anlegten, als stünde eine Hungersnot bevor. Balbus hatte Mühe, ein wenig Brot, Datteln und Trockenfleisch zu einem vernünftigen Preis zu erstehen. Er konnte sich nicht lange aufs Feilschen einlassen, da sein Spitzel ihn am Nachmittag erwartete, angeblich mit guten Neuigkeiten. Offenbar hatte er etwas gefunden, was man dieser Zenobia ans Bein binden konnte. Also keilte er sich einen Weg durch die aufgeregte Menge.

Vielleicht sollte er tatsächlich noch am nördlichsten Limeskastell vorbeireiten, um sich dort zu versorgen? Auch ein zweites Pferd wäre nicht schlecht. Falls sie dort Pferde hatten. In der Stadt war kein vernünftiger Gaul mehr aufzutreiben, jede Mähre, die einen Mann tragen konnte, hatte Odaenathos für seine Reiterei requirieren lassen; kein Wunder, dass sie hier alle fast hysterisch wurden wegen diesem Viehmarkt. Ein Kamel hätte er haben können, aber dazu brauchte es einen härteren Hintern als den eines römischen Legionärs. Na, er würde am nördlichen Kastell vorbeischauen. Und dann würde er ...

»He, pass doch auf, wo du hintrittst, Bengel!« Balbus war über einen jungen Burschen gestolpert. Ein verhängter Blick flog zu ihm auf, eine Hüfte streifte ihn kaum merklich. Der Zenturio errötete. Dreckiger Ziegenhirte, dachte er. Schlecht gebaut war er ja nicht, aber die Dreckkruste müsste man ihm abschrubben ... Gründlich einseifen müsste man solche Kerlchen, von Kopf bis Fuß und zwischendrin, bis sie sich einem unter den Fingern winden. Wäre eigentlich nicht schlecht, sich diesen Fisch zu angeln. Hmh, dafür sollte seine Zeit noch reichen. Balbus schaute in das lächelnde Jungengesicht vor ihm, dessen feuchte Lippen sich pflichtschuldig ein wenig öffneten, und hatte einige anregende Ideen. Er presste ihm den Daumen in den Mund, fuhr an der geriffelten Kante seiner Schneidezähne entlang, über das Zahnfleisch und die Unterlippe und mit dem speichelfeuchten Finger dann über das Kinn hinab zum Hals, dessen weiche Haut er prüfend knetete. Seine andere Hand spielte dabei gut sichtbar mit einem Geldstück.

»Komm in ein paar Minuten in die Thermen, wasch dich, und frag dann nach mir. Und nun geh.« Der Junge grinste und trabte davon. Erst hinter der nächsten Ecke spuckte er aus.

Die palmyrenischen Thermen waren eine großzügige Anlage, dem Reichtum der Stadt angemessen, doch auch eine wohlhabende Gemeinde konnte es sich in dieser Gegend, so nahe an der Wüste, nicht leisten, Wasser zu verschwenden, und verlangte Eintritt. Balbus machte dem Bademeister gegenüber die übliche Bemerkung, dass sein Laden teurer sei als die Caracalla-Thermen in Rom, was dieser mit dem üblichen Lächeln quittierte. Der Zenturio war hier Stammgast.

»Hier, Ennius, fang.« Auch der hohe Bogen, mit dem er dem jungen Burschen sein Trinkgeld zuwarf, der im Umkleideraum auf seine Sachen aufpasste, hatte Tradition. Da er heute seine eigene Badeausrüstung nicht dabeihatte, lieh er sich notgedrungen gegen Gebühr Öl, Schaber und die Schüssel zum Wasserschöpfen. Außerdem kaufte er bei dem alten Mann, der sich von diesem kleinen Handel in den Thermen ernährte, Seife, ein Gemisch aus Fett und Holzkohlenasche, das, wie Balbus befand, eine Beschwerde beim Senat wert wäre. Doch der alte Mann schlurfte ungerührt von der Kritik zu seinem Schemel zu Füßen eines weiteren Herkules zurück, neben dessen schwellenden Marmormuskeln er sich so jämmerlich ausnahm, dass Balbus nur kopfschüttelnd in die bereitstehenden Holzsandalen stieg und ins Tepidarium weiterging. Ein delphinumspieltes Fußbodenmosaik wünschte ihm »Bene Laba«, angenehmes Bad.

Es war früher Mittag, und er schien der erste Gast zu sein. Es war ihm recht. Balbus lehnte sich in der Wanne zurück, ließ sich von einem der Sklaven den Rücken abseifen und genoss es. Das würde er vermissen bei der Jagd auf Gash die nächsten Tage, ein wenig Luxus, aber so war das Soldatenleben. Er pfiff einige Wirtinnenlieder, fluchte, als er beim Verlassen der Wanne versehentlich mit dem nackten Fuß auf den heißen Boden kam, schnappte sich sein Handtuch und stieß die Tür zum Dampfbad auf.

Offenbar war er doch nicht alleine. Auf der obersten Sitzstufe konnte er durch den Dunst eine Gestalt ausmachen. Ob sein Stricher sich beeilt hatte, um ihn zu überraschen? Balbus grinste und bewegte sich mit einigen wiegenden Schritten auf den Mann zu. Doch als der Dunst sich lichtete, straffte sich seine Haltung merklich.

»Seid gegrüßt, Zenturio«, klang es ihm entgegen. Balbus fasste sich schnell.

»Seid ebenfalls gegrüßt, Septimius Gash. Eine frühe Stunde für die Thermen.« Gash hob den tropfenden Kopf leicht an und strich das ölig glänzende feuchte Haar zurück, um seinen neuen Genossen ins Auge fassen zu können, dann ließ er ihn wieder herabpendeln, den Oberkörper vorgebeugt, die Ellenbogen auf den Knien.

»Ich schätze die Ruhe hier um diese Zeit.« Seine Stimme klang hohl von unten hervor.

»Ja, da ist es wirklich angenehm ruhig.« Mit einem leichten Plitschen setzte Balbus sich ebenfalls auf eine der Bänke, dann war es still. Von Zeit zu Zeit fielen einige vernehmliche Tropfen von der Decke. Im Nebenraum hörte man kurz einen aufflammenden Streit zwischen zwei Sklaven, den offenbar der Bademeister unterband. Balbus rührte mit dem Zeh in einer Pfütze. Das Mauerwerk knackte. Dann kam mit hallenden Schritten ein Sklave, um einen Aufguss zu machen. Als er die Luft mit einem herumgewirbelten Handtuch in Bewegung brachte, spannten die beiden sich gegen den Hitzeschwall. Schließlich hörte das Flappen des Tuches auf. Der Metalleimer des Sklaven klirrte, als er ihn wieder aufnahm, um zu gehen, und das Klappern seiner Holzsandalen verlor sich im Dunst. Gash stöhnte, als es vorüber war.

»Sie machen die Aufgüsse hier nie so richtig heiß, findet Ihr nicht auch?«, bemerkte Balbus großspurig. Gash blickte bei dieser Prahlerei ein zweites Mal auf.

»Mir ist es recht so.« Sie schwiegen erneut. Auf dem Wandmosaik über der Tür blickten Asklepios und Hygieia einander streng ins Auge. An den beiden Männern rannen Wasserdampf und Schweiß in Bächen herab. Balbus strich sich die klebrigen Strähnen zurück und schielte zwischen den Fingern zu seinem Nachbarn hinüber, auf dessen straffe Muskeln unter dem glänzenden Fettfilm der Haut. Gute Muskeln, stellte er fest, kein Bauchansatz, und auch sonst nicht schlecht ausgestattet. Aber man wusste ja, dass die Großen im Ernstfall nicht viel zuzusetzen hatten. Ich werde dich töten, Junge, bald schon. Der Gedanke stimmte Balbus fast freundlich. Wenn nur die Hitze nicht so unerträglich gewesen wäre. Er begann, sein armes Opfer unverhohlener zu betrachten, bis Gash schließlich sein Handtuch zurechtzog. Da näherte sich erneut das Klippklapp der Bademeistersandalen; der zweite Aufguss stand bevor. Wie lange es der Kerl wohl noch hier aushielt?

»Hättet Ihr Lust, in der Palestra einige Übungsrunden mit mir zu absolvieren, im Ringen?« Balbus stand schon fast, als er fragte.

»Nein, danke, ich pflege stets drei Aufgüsse zu machen.«

»Ihr habt recht, werter Gash, man soll die Wärme wirken lassen.« Balbus klatschte schwer atmend wieder auf seinen Sitz. Drei Aufgüsse in dieser mörderischen Hitze, das wollte er sehen. »Außerdem ist Gnaeus heute nicht da«, fuhr er fort, »ein ausgezeichneter Trainer.«

Gash zuckte die Schultern. »Er kann nicht viel.«

»Für einen Syrer ist er nicht schlecht. Mit dem Schwert ist er ausdauernd genug, um einen interessanten Sparringspartner abzugeben.«

»Für einen Legionär vielleicht.«

Balbus schwieg beleidigt und ächzte. Verdammt, es war zu heiß zum Streiten. Der Kerl würde bald genug merken, mit wem er sich angelegt hatte. Das schwor er sich in diesem Moment. Er würde ihm ins Gesicht sehen, bevor er ihm das Licht ausblies. Wo blieb bloß der dreimal verfluchte Handtuchschwinger?

Als Balbus schließlich aus dem Dampfbad stolperte, war ihm so schwindlig, dass er den Jungen nicht mehr beachtete, der ihm aus dem großen Warmwasserbecken zuwinkte. Beim Mars, ihm war übel. Amüsieren konnte er sich später, wenn dieser Gash erledigt war. Und er würde ihn erledigen, bei seiner Ehre, der Kerl hatte zum letzten Mal über ihn gelacht. Er musste los. Es interessierte ihn mehr denn je, was sein Mann über die Familie des Zenobios herausgefunden hatte.

*

Es war schon lange über die verabredete Zeit, als Zenobia immer noch vor der Karawanserei saß und schwitzte. Ihre Zehen bohrten sich in den warmen Sand. Wo Odu so lange blieb?

Sie zupfte sich den feuchten Stoff ihres Kleides von der Haut, wo er festkleben wollte und sie in ihren Bewegungen hinderte. Es war ganz still, und die Luft war wie die Haut auf warmer Milch. Zenobia schob die Ärmel ihres Gewandes nach oben. Sie mochte ihre Arme, gerade so mager und bräunlich wie sie waren, mit den schmalen Muskeln, die sich unter ihrer Haut abzeichneten. Sie hob den linken, um an ihrer Armbeuge zu schnuppern, und sog, mit der Nase am Unterarm entlangfahrend, ihr Aroma ein. Es roch gut, fand sie, so zart und stark zugleich wie bei Früchten, und darunter konnte sie ihren Puls spüren. Ein leichter Wind bewegte ihr Haar an den Schläfen. Ob er sie zuwehen würde, wie die rätselhaft schönen Statuen in der Gräberstadt, wenn sie nur lange genug hier säße?

Sie bemerkte nicht, dass die Augen zweier Männer auf sie gerichtet waren. Der eine hielt dem zappelnden Odu die Hand über den Mund und wandte sich eben triumphierend an den römischen Zenturio neben sich: »Na, Balbus, was hab ich dir gesagt. Das Töchterlein des Stadtkommandanten höchstpersönlich. Und treibt sich hier auf der Straße mit 'nem Sklavenbengel rum. Meinen Schwanz wett’ ich drauf, dass da ihr Vater nichts von weiß. Und das da«, er schüttelte den völlig verschreckten Odu, »ist außerdem einer von der verdammten Christenbrut. Das ist deinem Syndicus doch wohl 'ne Extraprämie wert.«

Balbus knurrte: »Aber war dumm von dir, Crispus, ihn festzuhalten. Jetzt ist sie gewarnt.«

»Na und, langt doch, dass sie da ist. Wir können’s bezeugen, und der hier auch, mit ein paar Prügeln.«

»Scht, sie geht, Moment mal.«

Mit ein paar langen Schritten war er über den Platz und hinter Zenobia, die das Warten eben aufgegeben hatte. Er packte sie an der Schulter und schob sie in den nächsten Hauseingang.

»Na, was für ein Zufall. Dich brauch’ ich, Mädchen, komm mal her.«

Zenobia sah durch ihre erste Verwirrung hindurch das rote Gesicht eines römischen Offiziers viel zu dicht vor ihrem eigenen auftauchen. Ein riesiger Unterkiefer klappte herunter und zückte lächelnd die Zähne. Er hatte Knoblauch gegessen. Ihr fiel sein Name nicht ein, doch sie hatte ihn bestimmt schon des Öfteren gesehen. Er war irgendwie wichtig, das wusste sie noch, und sie mochte ihn nicht, wie er da so dicht vor ihr stand, er machte ihr Angst.

»Lasst mich los, auf der Stelle, ich bin die Tochter des Septimius Aurelius Zenobios.« Das war ein wenig zu hastig gesprochen, um würdevoll zu sein.

»Na, sag’ ich doch. Möchtest du ein paar Feigen, he?« Er hielt ihr die Früchte auf der geöffneten Hand hin, doch sie reagierte nicht. Angespannt wartete sie darauf, was er wohl von ihr wollte, und versuchte, ihre Nervosität zu verbergen. Balbus starrte prüfend auf das Kind, das hochmütig durch ihn hindurchsah, und schloss die Faust wieder um seine Feigen. Verbocktes Gör, dachte er, reagiert nicht auf die sanfte Tour. Nicht, dass er das erwartet hätte. Er war im Grunde erleichtert, nicht den netten Onkel spielen zu müssen.

»Hast dich wohl rumgetrieben, was, bist auf Unternehmungen ausgewesen, wie? Das würde deiner Mutter aber gar nicht gefallen. Und deinem Vater vermutlich auch nicht, oder hab ich nicht recht?« In gespielter Sorge schüttelte er den Kopf. Befriedigt registrierte er, dass sie ihm nach der ersten Bemerkung einen schnellen, erschreckten Blick zugeworfen hatte.

»Nein, es würde ihm ganz und gar nicht gefallen, seine einzige Tochter durch einen römischen Zenturio zurückzukriegen und zu hör’n, dass sie ganz allein in der Stadt herumstreunt, nicht wahr? Gar nicht gefallen würde ihm das. Und ich wette, dein Vater kann sehr unangenehm werden.«

Zenobia wand sich unter seinem Griff, doch er hielt sie fest an beiden Oberarmen und rüttelte sie heftig. Mit großem Erfolg. Ihr Magen flatterte, als sie log: »Ich bin mit meiner Amme unterwegs.«

»Ja, wo ist sie denn, deine Amme?«

»Wir haben uns verloren in dem Gedränge da vorne.«

»Soso. Wenn du verloren gegangen bist, werden wir dich wohl am besten mal nach Hause zurückbringen, bevor du dich hier verläufst. Deine Eltern werden bestimmt froh sein, wenn ich dich ihnen wohlbehalten übergebe.« Das bezweifelte Zenobia mit gutem Grund. Sie zog sich angstvoll zusammen, wenn sie daran dachte, wie ihr Vater sie mit einer Handbewegung einem Mann zur Züchtigung übergeben würde, ohne sie anzusehen, während ihre Mutter sich nur stumm abwandte. Nie würde sie Odu wiedersehen. Der Versuch, die Tränen zurückzuhalten, krampfte ihre Kehle zusammen, und ihre Augen wurden heiß. Zufrieden holte Balbus zum entscheidenden Schlag aus: »Hehehe, ist ja gut. Ich kann dir helfen, wenn du mir hilfst, hörst du mich? Gash heißt doch dein Bruder; er ist Soldat.« Zenobia bejahte, ohne nachzudenken; sie war so ertrunken in Furcht, dass sie Balbus kaum noch zuhörte.

»Pass auf, Mädchen, du bist doch klug, du bist doch vernünftig. Dein Bruder reitet manchmal auf eine Weile fort aus der Stadt, nicht wahr? Du kannst das ruhig zugeben, ich weiß es ja schon, siehst du?« Sie schwieg; dem kleinen Biest schien es tatsächlich die Sprache verschlagen zu haben.

»Wann war er das letzte Mal weg?«, versuchte er es noch einmal.

»Vor vier Tagen«, kam die zögernde Antwort. Na bitte, es klappte.

»Und wann will er wieder weg?« Zenobia hatte das sichere Gefühl, dass sie ihm das nicht sagen durfte. Doch der Gedanke an das, was mit ihr geschehen würde, wenn sie sich weigerte, machte sie hilflos. Sie bebte am ganzen Körper vor Angst und bemerkte voll Panik, dass ihr der Urin an den Beinen herunterzulaufen begann. Die neue Sorge, das Wasser zurückzuhalten, und die tiefe Demütigung, sich vor jemandem selbst zu beschmutzen, brachen ihren ohnehin schwachen Widerstand. Er sollte gehen und sie nicht so sehen. Er sollte weg, weg, weg.

Sie entwand sich fast wütend seiner Pranke, krümmte sich an die Wand hinter ihr, klemmte die Knie zusammen und sah ihn nicht an, als sie hervorpresste: »Er hat schon gepackt und wollte zum Rennen zurück sein.« Wenn er doch nur endlich ginge.

»Das Rennen? Ah, der Pferdemarkt. Der ist in etwa zwei Wochen. Das letzte Mal ist er auch etwa vierzehn Tage ausgeblieben. Heißt das, er reitet morgen? Heißt es das? Ja, das ist es, nicht wahr, er reitet morgen!« Zenobia nickte, dann wurde sie erlöst, denn er stürzte davon.

Sie wartete, bis sie seine Schritte nicht mehr hören konnte, und erleichterte sich greinend da, wo sie gerade kauerte. O Allath, wie jämmerlich sie war. Es schüttelte sie wieder und wieder. Voll Scham rannte sie los, so schnell, dass niemand ihre ekligen, nassen Kleider und ihr verweintes Gesicht sehen konnte. Nur weg vom Ort ihres Verrats.

Odus Stunde

Odu sah der flüchtenden Zenobia verzweifelt nach, doch er konnte sich nicht aus den Händen seines Bewachers losmachen. Der sah dem zurückkehrenden Balbus misstrauisch entgegen.

»Das hat sie jetzt wohl nicht gewarnt, was? Du, wenn mich das um meine Provision bringt, dann ...«

»Ach, halt’s Maul«, schnitt der Zenturio ihm das Wort ab, »musste noch was aus ihr rausholen, alles bestens. Da ...« Er begann, schnell einige Sätze auf einen Fetzen Pergament zu werfen, den er faltete und Crispus hinhielt.

»Bring das dem Syndicus. Wirst dein Geld kriegen.«

»Ist 'n das?«, fragte Crispus.

»Steht drin, dass des Polizeichefs Töchterlein sich heimlich mit einem Liebhaber rumtreibt. Von der gefährlichen Christensekte.«

Crispus strahlte übers ganze Gesicht, während er Odu losließ und nach dem Dokument griff.

»Hehe, Moment mal, du verdammter kleiner Straßenköter, hiergeblieben!« Doch Odu hatte die Gelegenheit schon genutzt, um zu entkommen. Balbus schüttelte seine Faust hinter ihm her.

»Wenn ich dich noch mal seh’, mach’ ich dich kalt.«

»Sollten wir besser gleich tun.«

»Ach was, was kann der Sklave schon anrichten? Hab was Wichtigeres zu tun. Und du gib den Brief ab. Wir seh’n uns.«

Odu schlich dem Mann, der Crispus hieß, schon seit einiger Zeit hinterher. Er hatte die Drohung wohl verstanden, aber der Brief, in dem stand, dass Zenobia und er sich trafen, der Brief war gefährlich. Er wusste, welche Angst seine Freundin vor einer Entdeckung ihrer Ausflüge haben musste. Auch er fürchtete sich ja vor ihrem düsteren Vater. Aber er wollte kein Feigling sein. Er wollte helfen. Wenn er auch noch keine Idee hatte, wie er es anstellen sollte. Also folgte er dem Brief durch die Straßen der Stadt. Es war wie beim Fischspiel mit Zenobia: Man glitt lautlos durch die Menge. Bald betrat der Mann vor ihm eine Taverne. Durchs Fenster sah Odu, wie er einen gutgekleideten Römer ansprach und ihm das Pergament hinschob. Das musste der Syndicus sein, von dem sie gesprochen hatten. Jedenfalls nahm er das Blatt, las es und lächelte. Dann schob er Crispus einen Beutel hin und ging. Odu heftete sich an seine Fersen.

Eine halbe Stunde später standen beide vor dem Stadtpalast des Fürsten Odaenathos. Es war schon Nachmittag, und doch hatte der lichtgebleichte Himmel die Luft zum Schmelzen gebracht, die nun weißglühend in jeden Winkel der Stadt sickerte. Sie versengte die Schatten, überschwemmte die Straßen und umflutete auch Odus mageren, aufgeregten Körper.

Der Syndicus sah lange an der Torfassade empor. Sie war noch hinter einem Baugerüst verborgen, aber er konnte mühelos erkennen, wie prächtig ihre marmornen Säulenreihen über der Stadt stehen würden, ein neues Wahrzeichen des mächtigen Palmyra. Üppige Blütenfriese überwucherten in starrem Weiß das Portal und harrten ihrer Bemalung. Nichts regte sich dort, als er durch das Tor schritt und Odu hinter ihm hineinschlüpfte.

Das ganze Grundstück lag wie ausgestorben da. Hier auf der Rückseite des Portals fehlte die Marmorverkleidung noch, sodass der Kern des Baus aus gemauerten Tonziegeln offen zutage trat, und die Skulpturensockel, zwischen denen er durch Pfützen heißen Staubes auf die Hauptgebäude zuwatete, waren sämtlich noch leer. Domitian nahm das als gutes Vorzeichen. Noch waren des Fürsten Pläne nicht zum Abschluss gelangt, und mit Jupiters Hilfe würden Balbus und er einiges davon vereiteln. Er würde auf diesen Sockeln noch die Porträts römischer Kaiser stehen sehen. Das Knirschen seiner Sandalen übertönte den leichten Schritt hinter ihm.

Plötzlich öffnete sich links ein zweiter Hof. Der Syndicus und sein kleiner Trabant traten ein. Mannshohe Mandelbäume, Jasmingebüsch und Hibiskus spendeten sich gegenseitig Schatten, darunter sahen ihm leuchtende Mittagsblumen mit weit geöffneten Kelchen entgegen.

An der Pforte gegenüber bat Domitian um eine Audienz beim Fürsten und wurde eingelassen. Odu zögerte einen Moment. Ein Pfau schrie gellend auf und schlug sein Rad, ehe er schleifenden Schrittes zwischen den Büschen verschwand. Etwas plätscherte, ein Wasserbecken, in das ein Fischmaul aus Bronze ein dünnes Rinnsal schickte. Es war innen geformt wie ein Amphitheater, die einzelnen Stufen am Rand jeweils mit einer blinkenden Bronzeleiste und einer eingelassenen Zahl markiert. Odu stand fasziniert vor einer Wasseruhr. Jedes Mal, wenn eine Stunde um war und eine Stufe langsam geflutet wurde, hob sich dort ein kleiner Schwimmer, eine aus hauchfein geschliffenen Perlmutterblättchen zusammengesteckte Seerose, zitternd mit dem Wasserspiegel und schwamm zu den anderen Blüten, die in nervösen Bahnen um den Zulauf kreiselten. Odu zählte sie: Es waren zehn. An der elften Stufe wölbte sich zitternd und zögernd eine irisierende Wasserkante, jeden Augenblick bereit zu explodieren. Odu konnte nicht widerstehen: Er riss sie mit dem Zeigefinger ein, dann stürzte er sich in das unbekannte Gebäude. Er folgte den hallenden Schritten der Männer vor ihm durch eine Flucht von Zimmern, an Heerscharen von Bediensteten vorbei, ohne aufgehalten zu werden. Offensichtlich glaubte man, er gehörte dazu. Als die Gruppe in einen Empfangssaal einbog, ergriff er geistesgegenwärtig einen der herumstehenden Federfächer und nahm neben der Tür Aufstellung.

Der Empfangschef ließ es Domitian gegenüber an Höflichkeit nicht fehlen und orderte zunächst gegen dessen Sträuben ein Fußbad. Doch eine Audienz beim Fürsten wollte er ihm nicht gewähren, der Herr sei nicht im Hause. Domitian lächelte gequält. Da saß er nun, der große Diplomat, mit den Füßen in einem Bottich, während dieser Schnösel ihm ins Gesicht log. Odaenathos schien sich ja sehr sicher, dass sein Pakt mit den Persern zustande kam und Verhandlungen mit Rom nicht mehr vonnöten sein würden. Nun, er wusste es besser. Bald würde sein Unterhändler tot und sein wichtigster Verbündeter ein zürnender, verschmähter Schwiegervater sein.

»Wenn das so ist, dann bringt mir Schreibzeug. Ich habe Eurem Herrn eine wichtige Botschaft zu übermitteln.« Der junge Höfling orderte das Gewünschte, bat, das Schreiben auf einem Tischchen zu hinterlegen, das er ihm wies, und empfahl sich. Domitian verfasste ein Begleitschreiben zu Balbus’ Zettel, dann schüttelte er das Seifenwasser ab und trat an eines der Fenster. Vor ihm lag die westliche Ebene mit ihren Grabtürmen ausgebreitet, dahinter erhob sich in zartem Dunst das Gebirge. Er vermeinte den kühlen Wind seiner Höhen zu spüren. Ein schwarzer Punkt kreiste ruhig über dem Wadi, ein Adler, es mochte auch ein Geier sein. Odu hatte sich schon fast bis zu dem Tisch mit dem Brief vorgetastet, da wandte Domitian sich zum Gehen.

Der Mann, der in diesem Moment mit Schwung durch die Tür trat, rannte mit dem Kopf gegen den Brustkorb des Syndicus und verhedderte sich fluchend in dessen Togafalten. Unbemerkt huschte Odu zurück an die Wand und hielt die Luft an. Der Neuankömmling war Stadtkommandant Zenobios. Einen Schritt hinter ihm trat Vorodes ein, der Stellvertreter und engste Vertraute des Fürsten. Zwischen ihm und Domitian, die Auge in Auge stumm ihre gegenseitige Abneigung erneuerten, rang der kleinwüchsige Kommandeur der Stadtpolizei um Fassung. Niemand beachtete den kleinen Sklaven an der Wand. Schließlich besann sich Domitian und trat einen Schritt zurück.

»Äh, Ihr wolltet zum Fürsten, edle Herren? Er ist nicht da.« Die raue Stimme Vorodes’ passte zu dem dunklen Gesicht, dem schwarzen Vollbart und der einstmals griechisch anmutenden, vielfach gebrochenen Nase. Sie passte auch zu seinen verschränkten Armen, die andeuteten, dass er nicht viel mehr dazu sagen würde. Nur im Lügen war sie wenig geübt.

Dieser große Mann sprach überhaupt nicht sehr viel und schätzte keine Gesellschaft. Er war ein Fremder in Palmyra, ein Parther, der dem Fürst bei einem seiner Feldzüge begegnet war. Er hatte Odaenathos’ Reiterei aufgebaut und dort, bei den Ställen, hielt er sich auch am liebsten auf. Domitian kannte die Witze, die in der Stadt über Vorodes und seine Leidenschaft zu Pferden gerissen wurden; er hätte sie allerdings nicht in seiner Gegenwart wiederholen mögen.

Der Syndicus verbeugte sich vor Zenobios. »Das sagte man mir auch bereits. Es sieht so aus, als hätten wir beide einen Weg umsonst gemacht. Wenn Ihr mich entschuldigt?« Und er konnte es sich nicht verkneifen, hinzuzusetzen: »Meine Empfehlungen dem Fräulein Tochter. Sie soll ja eine wahre Schönheit sein.« Damit verließ er sie.

Vorodes wartete, bis die Tür sich hinter Domitian geschlossen hatte, dann winkte er Zenobios weiter. Die beiden Palmyrener traten umgehend in die Privatgemächer des Fürsten.

Der zurückkehrende Empfangschef fand den Vorraum leer. An der Wand lehnte ein Federfächer. Von einem Brief keine Spur.

*

Als Zenobios sich auf den Heimweg machte, saß ihm das vielsagende Lächeln des Syndicus noch immer im Nacken. In den Gängen des Palastes herrschte Schweigen, kein Laut drang durch die langen Reihen geschlossener Fensterläden. An einem Brunnenbecken kühlte er sein heißes Gesicht, das ihn aus dem Wasserspiegel zitternd ansah. Einige künstliche Seerosen schwammen lautlos fragend darüber hin. Er stieß sie mit dem Finger an: Spielzeug für Frauen, Zenobia würden sie gefallen. Zenobia! Schön, o ja, seine Tochter war schön! Doch woher zum Teufel wusste der Römer das?

Abrupt wandte er sich ab und ging weiter dem Ausgang entgegen. Seine Sänfte stand verlassen in der prallen Sonne. Verärgert rief er die Träger und verfluchte sie noch durch die geschlossenen Vorhänge seines Gefährts hindurch, in dessen Inneren es unglaublich stickig geworden war. Auf dem Kissen fand er ein Tuch, mit dem er sich dankbar das Gesicht wischte, und erkannte es am Duft als das seiner Tochter. Kein Zweifel, da hatte er es, das teure Stück mit der Goldlitze, das er ihr letzthin erst geschenkt hatte. Alles ließ sie liegen, wenn man nicht ständig auf sie aufpasste. Es lag den Frauen im Blut, das Leichtsinnige, selbst seiner Tochter. Erneut tupfte er sich die Stirn, doch der Geruch des Stückchens Seide war ihm mit einem Mal zuwider, und er riss die Vorhänge beiseite, um Luft zu bekommen. Sein Blick fiel im Vorübergehen auf eine Horde Kinder, die sich über ein kopulierendes Paar Hunde belustigten. Eines davon sah einen Moment lang aus wie seine Zenobia. Ein zweiter Blick beruhigte ihn. Nein, und er hatte die Abenteuerlust ja damals gründlich aus ihr herausprügeln lassen. Jetzt, da war er sich sicher, war sie ein stilles junges Mädchen, auf das eine glänzende Partie wartete, eine für sie alle höchst vorteilhafte Verbindung. Da fasste er einen Entschluss.

»Heh, hoh, du dickhäutiger Ochse, heh! Zum Markt! Bring mich zu Glaukos’ Laden«, wies er seinen Tross an. Niemand sollte mehr anzügliche Bemerkungen über seine Tochter machen. Ein so kostbares Juwel musste gut geschützt werden.

Glaukos war die erste Adresse in Palmyra für Sklaven über einen Meter achtzig mit den entsprechenden Proportionen, für den gehobenen Anspruch. Glaukos hatte das Exklusive und das Außerordentliche. Er residierte nicht weit von der Karawanserei.

»Was ich benötige«, versuchte Zenobios zu erklären, nachdem er in einem der Verkaufszimmer Platz genommen hatte und eine Tasse Tee vor ihm stand, »ist eine Art Leibwächter.«

»Ah ja, ich verstehe. Für die Stadt, oder soll er Euch auch bei den Truppen begleiten?«

»Nein, nein. Äh, danke.« Zenobios nahm die Silberschale mit dem Tee entgegen, die Glaukos persönlich ihm hinhielt. Ein starker Duft nach Ingwer stieg ihm in die Nase. Er wartete, bis der Sklave den Holzfuß aufgestellt, das Tischtablett installiert und Milch und Honig angerichtet hatte. Glaukos’ Räumlichkeiten waren alle sehr diskret, Séparées von unaufdringlicher Eleganz. Dieses war lichtblau getüncht, ohne jeden ablenkenden Bildschmuck, nur in den vier Ecken der Decke spreizten sich Pfauen. Sie schienen zur Raummitte zu starren, wo schwere Lampen auf Vogelkrallen aus Bronze standen, um die Drehscheibe auszuleuchten, die dort dezent in den Boden eingelassen war.

»Ich brauche ihn nicht für mich«, fuhr Zenobios fort, als sie wieder alleine waren. Sein Blick wanderte auf dem Federmotiv des Fußbodenmosaiks entlang. »Ich suche einen Leibwächter für meine Frauen.« Glaukos hob nicht einmal die Augenbrauen. Trotzdem fügte Zenobios schnell hinzu: »Die Straßen sind unsicher geworden, seit der Krieg so nahe gerückt ist. Mit den Flüchtlingen treibt sich auch viel Gesindel herum. Sie sollten jemanden bei sich haben, der durch sein bloßes Äußeres schon Bettler und Dreistigkeiten entmutigt. Groß eben und ...« Zenobios deutete durch aufgeblasene Backen, geballte Fäuste, hochgezogene Schultern und zusammengekniffene Augen an, was er sich vorstellte.

»Ich verstehe.« Glaukos klatschte in die Hände und gab seinem eintretenden Assistenten einige geflüsterte Anweisungen. »Also entschlossen, kampfbereit und abschreckend, nicht wahr?«, wandte er sich dann wie zur Bestätigung nochmals an Zenobios, der nickte und an seinem Tee nippte. Der erste Kandidat wurde hereingeführt, die Drehscheibe geriet in sachte Bewegung.

»Ein Caledonier. Wie er über den Limes kam, weiß ich nicht, jedenfalls war er einmal auf einer Galeere. Die Narben sind aber gut verheilt, keine Schäden. Meine Aufkäufer fanden ihn auf Rhodos, wo sein damaliger Besitzer ihn auf den Handelsplätzen Schaukämpfe ausfechten ließ. Vorwiegend mit Stieren. Es soll beeindruckend gewesen sein.«

»Etwas zu beeindruckend vielleicht.« Zenobios blickte ungnädig auf einen halslosen Mann mit zornroter Haut, der klein wirkte, weil seine kurzen Beine, seine stämmigen Muskeln und sein ausladendes Kreuz ihn fast so breit wie hoch aussehen ließen. Sein Körper war wie eine grobe, geballte Faust. Das Gesicht, soweit der Bartwuchs es sehen ließ, bestand hauptsächlich aus Kaumuskulatur. Die Schulterblätter waren dicht mit rötlichen Zotteln bewachsen, die man beinahe ebenso zu einer Vielzahl kleiner, steifer Zöpfe hätte flechten können, wie das mit Haupthaar und Bart geschehen war.

»Nein, also nein. Sie sollen sich ja schließlich nicht vor ihm fürchten. Etwas zivilisierter darf er schon aussehen. Und eine bekannte Sprache sollte er sprechen oder zumindest verstehen. Damit man ihm kleinere Aufträge geben kann. Einkaufen, oder so.«

»Ich verstehe.« Glaukos hatte bereits die entsprechende Order erlassen, und ein neuer Mann trat sofort ein. Zenobios’ »Nein« erklang ebenso prompt, und Glaukos winkte den Nubier umgehend wieder hinaus, der sich mit der lautlosen Eleganz einer Wildkatze entfernte. Nur einen Moment hatte das Licht auf der hinreißenden Schönheit seines Körpers schimmern können. Zenobios und Glaukos lehnten sich zurück, plauderten über das Wetter und knabberten Pistazienkerne, bis der Sklavenhändler zu spüren meinte, dass die Spannung gewichen war, die die übergroße Attraktivität seines Angebotes ausgelöst hatte.

»Der nun kommt«, bemerkte er schließlich, »ist bereits einmal Leibwächter gewesen, bei einem römischen Ädilen. Ah, da ist er ja schon. Seht Euch diese Schultern an! Ein Gote, kräftig, auch kampferprobt und durchaus intelligent. Er ist des Lateinischen mächtig, wie ich den Unterlagen entnehme, und versteht auch schon ein paar Brocken aramäisch. Der Ädil und seine Familie waren sehr zufrieden mit ihm.«

»Warum ist er dann hier?« Zenobios ließ kein Auge von der Gestalt auf der Drehscheibe.

»Er hat, sozusagen in Ausübung seines Amtes, mehrfach Angreifer abgewehrt, denen das nicht gut bekam. Wenn er einem kalabresischen Straßenräuber das Genick brach, scherte das natürlich niemanden. Doch der Mann, den er zuletzt zu Boden schickte, war ein prominenter Gladiator, der sich offenbar nur nebenberuflich als Attentäter verdingte und ein Liebling der römischen Damenwelt war, Ihr versteht. Und da hielt sein Herr es für geraten, ihn zu seinem eigenen Besten in die Provinz zu verkaufen.«

Zenobios trat an den flachsblonden, langhaarigen Hünen heran, der in völliger Ruhe vor ihm stand. »Warum hast du den Gladiator getötet, Kerl?«

»Er hat die Ehre meines Herrn verletzt.« Der Polizeikommandant zeigte mit keiner Geste, wie sehr ihm diese Antwort gefiel. Er setzte die Drehscheibe mit einem Tritt in Bewegung. Als er in das Gesicht des Goten hinaufblicken konnte, stoppte er sie ebenso abrupt. Seine Augen waren so blau wie die Quelle Ephta, wenn sich der Himmel darin spiegelte. Zenobios vermochte nichts in ihnen zu lesen.

»Was würdet Ihr für den Mörder noch haben wollen?«, wandte er sich beiläufig an Glaukos.

Der lächelte.

»Fast geschenkt, werter Stadtkommandant, fast geschenkt.« Was dann kam, waren zähe Verhandlungen, bis Zenobios endlich zufrieden war.

»Gut, ich nehme ihn.«

»Ausgezeichnet«, entgegnete Glaukos mit einer Stimme, die Händereiben verriet. »Eine hervorragende Wahl. Zum Mitnehmen oder sollen wir ihn liefern?«

Zenobios nahm sich noch eine Handvoll Pistazien. Das wäre erledigt. Jetzt war es Zeit, die Verlobung bekannt zu geben. Der Fürst hatte ihm in der Audienz bedeutet, dass die bevorstehende Verbindung nun öffentlich verkündet werden konnte. Er brauchte nur noch ein passendes Geschenk, um die frohe Botschaft zu Hause gebührend zu unterstreichen. Endlich sah er seinem Heim mit Zufriedenheit entgegen. Als er wieder hinaustrat, war es die elfte Stunde des Tages und noch immer unerträglich heiß. Nichts regte sich unter den Kolonnaden, und die Hunde schliefen fest in ihren Verstecken dem Abend entgegen.

Christen unter sich

Der Seidenhändler Clemens saß in seinem Kontor und sortierte Rechnungen, als er von den lauten Rufen seiner Frau unterbrochen wurde.

»Clemens, Clemens!«

»Was ist denn, mein Lämmchen?« Er steckte einen weiteren Zettel zu dem Stapel »Außenstände« unter das Bronzekamel, das ihm als Briefbeschwerer diente.

»Clemens, stell dir vor, wer da ist.«

»Du wirst es mir sicher gleich sagen, Lämmchen.« Als er aufsah, stand der unerwartete Gast bereits vor ihm.

»Es ist Thomas, Thomas aus Antiochia.« Julia war ganz aufgeregt. Ein echter Flüchtling in ihrem Hause, der Ärmste. Sie versuchte unauffällig, ihrem Mann aufmunternd zuzunicken, der, wie sie wusste, ihren Vetter Thomas immer für einen unerfreulichen Fanatiker gehalten hatte. Doch sie sorgte sich unnötig, Clemens sprach die Worte des Willkommens mit Wärme. Schon waren ihre geschäftig klappernden Sandalen auf der Treppe zu hören.

»Odu, wo steckt denn der Kerl wieder! Odu, schließ den Laden ab und geh frisches Brot holen, wir haben Gäste, hörst du?« Ihre Stimme verlor sich in Richtung Küche.

Derweil goss Clemens persönlich das parfümierte Wasser über Thomas’ Hände. Während es in das Kupferbecken tropfte, dachte er an das, was Julias Vetter ihm wohl zu berichten haben würde. Er hatte von den Christenverfolgungen gehört, die noch Valerian in Antiochia eingeleitet hatte. Doch hatte er sich damit beruhigt, dass der chronisch finanzschwache Kaiser es nur auf das Geld wohlhabender Kirchenfürsten abgesehen haben konnte. Er schätzte die geordneten Verhältnisse, in denen er lebte. Hiobsbotschaften hingegen schätzte er nicht, und so war ihm nicht unrecht gewesen, dass seit der persischen Besatzung keine Nachrichten über die antiochische Gemeinde mehr zu ihm gedrungen waren.

»Nun aber sprich, Thomas, wie geht es dir?«

»Wie soll es einem gehen, Clemens, wenn die eigenen Landsleute einen zum Staatsfeind erklären, der Bischof im Gefängnis ist, die Menschen enteignet und jeder gute Christ mit dem Tode bedroht, der bei einer Versammlung im Zeichen des Kreuzes entdeckt wird?«

Clemens schluckte, doch die mit dem Geschirr hereinstürmende Julia enthob ihn einer Antwort.

Das Abendessen verlief in fast völligem Schweigen. Mit wachsendem schlechten Gewissen sahen sie zu, wie Thomas die Schüsseln bis auf den letzten Rest leerte, sich mit dem Ärmel den fettglänzenden Mund wischte und noch kauend nach den daumendicken, süßen Datteln angelte, die Julia als Nachtisch auftrug.

»Lasst mich zum Dank das Nachtgebet sprechen.« Leise lächelnd falteten Julia und Clemens die Hände und senkten die Köpfe.

»Herr, der Prophet spricht: Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich. So tuet Buße ohn’ Unterlass und ...«

»Vetter, ich ...«, Clemens legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter, »... ich meine, wir alle hier ... dieses Haus ist natürlich das deine ... und ...« Julia nickte eifrig.

»Ich danke dir für dein Verständnis, Vetter, aber ich werde morgen weiterreisen, nach Alexandria.«

»Alexandria? Ja, aber ...«

»Dort ist ein Mann, der die Zeichen erkannt hat. Er sammelt die Märtyrer um sich. Denn wie es in der Apokalypse beschrieben steht: Weder der Kaiser noch sein Reich werden stehen bleiben. Die große Hure Babylon taumelt und wird mit sich reißen seine Macht. Antiochia hat sie im Fallen mit sich gerissen, sie liegt schon auf der Erde, aus vielen Wunden blutend. Und bedenke, es heißt, die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen um sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird.«

»Also, das ist doch«, Clemens wurde zornrot. »Händler oder nicht, bin ich doch ein ebenso guter Christ wie du.« Er ignorierte die Datteln, die Julia ihm energisch lächelnd zuschob, und fuhr fort: »Und was heißt hier Hure Babylon: Ist dir klar, dass du ohne diese Hure, wie du sie nennst, noch nicht einmal bis hierhergekommen wärst? Wer baut denn die Straßen, wer sichert das mare nostrum, wer macht sich eben wieder auf, Antiochia den Persern zu entreißen, damit wir nicht alle den großen Zarathustra anbeten müssen? Wo ist da der Grund zum Sterben?« »Du redest so zynisch daher wie jener, der in Bithynien von zweihundert unserer Brüder das heidnische Opfer verlangte. Als sie lieber das Martyrium erleiden wollten, lachte er und meinte, für die, die unbedingt sterben wollten, gebe es Klippen und Stricke.«

Clemens und Julia sahen sich an. Vor Jahren waren auch sie einmal vor der Wahl gestanden, der Juno zu opfern oder für ihre Überzeugung zu sterben. Der damalige Kaiser hatte von allen Bürgern den Vollzug der Zeremonie gefordert, da er den Grund für die ständigen Unruhen im Reich im Niedergang der klassischen römischen Tugenden zu erkennen meinte. Nicht zu Unrecht, wie Clemens fand, der einige dieser Tugenden allein in seinem Glauben bewahrt sah: Frömmigkeit, Maß, Treue und Verantwortung. Die Lösung war eine kleine Bestechung des Priesters gewesen. Und Julia und er trösteten sich mit der Gewissheit, dass fünfzig Denare, versehen mit dem Porträt des Kaisers, ja im Grunde nur das waren, was auch ihr Herr Jesus dem Kaiser als das Seine zugestanden hatte. Es gab zu Rom keine Alternative, das würde er sich gerade von Thomas nicht einreden lassen. Er holte gerade Luft, als Julia begütigend einfiel: »Der bithynische Beamte hat sicher gehört, dass es für einen Christen kein höheres Glück gibt, als für seinen Glauben sein Leben geben zu dürfen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Karawanenkönigin" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen