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Die Kathedrale des Lichts

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel des Autors
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitate
  8. Dramatis personae
  9. Zeittafel
  10. Prolog
  11. ERSTES BUCH
  12. 1 VOLLMOND
  13. 2 MUTTER
  14. 3 VOLLMOND
  15. 4 SCHMUTZIGE HÄNDE
  16. 5 STURZ
  17. 6 GEFÄHRLICHE MINNE
  18. 7 KAIN
  19. 8 TJOST
  20. 9 STÜRZE
  21. 10 LAUF!
  22. 11 LICHT
  23. 12 SCHÖN WIE DIE SONNE
  24. 13 GÄNSEBRATEN
  25. 14 ROTER SCHNEE
  26. 15 MAGDEBURG
  27. 16 SIEH HIN
  28. INTERMEZZO I
  29. ZWEITES BUCH
  30. 1 GESICHTER
  31. 2 KUSS
  32. 3 1150 SILBERPFENNIGE
  33. 4 BULLENHÖRNER
  34. 5 TOD AM ELBUFER
  35. 6 PLÄNE
  36. 7 ENGEL
  37. 8 TODFEIND
  38. 9 DANKMESSE
  39. 10 HERRENMESSE
  40. 11 DIEBSTAHL
  41. 12 KRIEG
  42. 13 WACHSTUM
  43. INTERMEZZO II
  44. DRITTES BUCH
  45. 1 VERSUCHUNG
  46. 2 ZU SPÄT
  47. 3 TODESANGST
  48. 4 ABSCHIED
  49. 5 GELÜBDE
  50. 6 MESSE
  51. 7 HOFTAG
  52. 8 SCHWARZER FLAUM
  53. 9 DER SCHWARZE RITTER
  54. 10 AXTMANN
  55. Epilog
  56. Nachwort und Dank
  57. Glossar

Über dieses Buch

Eine Kathedrale, die zum Himmel wächst. Ein Steinmetz, der seiner Bestimmung folgt. Und eine Liebe, die nicht sein darf.

Anno 1215. Moritz ist gerade mal sechs Jahre alt, als seine Familie bei einem Überfall getötet wird. Ein Priester rettet dem Jungen das Leben. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm. Erst als Jahre später ein reisender Baumeister eine Statue entdeckt, die Moritz erschaffen hat, wendet sich das Blatt. Der Meister nimmt Moritz mit nach Magdeburg, wo eine Kathedrale errichtet wird. Rasch macht Moritz sich einen Namen unter den Steinmetzen. Doch nicht jeder auf der riesigen Baustelle bewundert den jungen Künstler. Vor allem der Bildhauer Gotthart neidet Moritz den Erfolg. Als sich Moritz ausgerechnet in die Frau verliebt, um die auch Gotthart wirbt, verfolgt dieser nur noch ein Ziel: die Vernichtung seines Rivalen, um jeden Preis …

Über den Autor

Ruben Laurin ist das Pseudonym eines preisgekrönten Autors, der vor allem phantastische und historische Romane verfasst. Seine Faszination für die Geschichte der Stadt Magdeburg und die mittelalterliche Kirchenarchitektur brachten ihn auf die Idee, einen Roman über den Bau des Magdeburger Doms zu schreiben: Die Kathedrale des Lichts. Ruben Laurin lebt in der Nähe von Wismar.

 

NIMM DAS LICHT FORT, UND ALLE DINGE
WERDEN UNERKANNT IN DER FINSTERNIS BLEIBEN.

Johannes von Damaskus (um 700)

UND GOTT SPRACH:
ES WERDE LICHT! UND ES WARD LICHT.
UND GOTT SAH, DASS DAS LICHT GUT WAR.

Aus Genesis 1

Dramatis personae

Historische Figuren sind mit einem Stern (*) gekennzeichnet

Moritz – wendischer Waisenjunge, Burgsklave, Steinmetz und Bildhauer

Meister Bohnsack* – Baumeister

Helena – seine Tochter

Gotthart von Saint Leonard – Bildhauer

Hubertus – sein Steinmetz und Diener

Wastl – sein Steinmetz und Pferdeknecht

Conrad – sein Sekretär

Ansgar von Lund – Ritter

Lothar von Magdeburg – sein Knappe

Mechthild von Magdeburg* – für manche eine von Gott Begeisterte, für andere eine Geisteskranke; Autorin des Buches »Das fließende Licht der Gottheit«

Monica – Schwiegertochter eines Burgschmieds, Moritz’ Freundin

Benno – ihr Mann, Schmied und Moritz’ Freund

Jacques von Straßburg – »Jakob«, Bildhauer

Slawomir von Rügen – wendischer Ritter

Rochus – Mönch und Priester

Gabriel – Mönch und Priester

Botho von Schwerin – Ritter

Dietrich von Dobin* – Domherr zu Magdeburg

Graf Albrecht von Käfernburg* – Erzbischof von Magdeburg

Graf Wilbrand von Käfernburg* – Albrechts Halbbruder, Dompropst von Magdeburg, später Erzbischof von Magdeburg

Burchard* – Burggraf von Magdeburg

Magdalena – die »Weise«; Hebamme

Hugo von Meißen – Ritter und Burgherr

Bodo – sein Knappe

Mauritius* – römischer Offizier

Candidus* – römischer Offizier

Innocentius * – römischer Standartenträger

Exuperius* – römischer Ausbildungsoffizier

Maximian* – römischer Kaiser

Zeittafel

Karfreitag 1207 – Magdeburg brennt; der Dom Kaiser Ottos I. wird stark beschädigt; Erzbischof Albrecht II. lässt die Brandruine abreißen

um 1207 – Mechthild von Magdeburg wird geboren

1208 – Grundsteinlegung für den neuen Dom

28. Sept. 1220 – Erzbischof Albrecht bringt die Schädelplatte des Heiligen Mauritius nach Magdeburg

22. Nov. 1220 – Friedrich II. wird in Rom von Papst Honorius III. zum Kaiser gekrönt

1230 o. früher – Erzbischof Albrecht beschließt, antike Säulen aus dem alten Dom in den Chor des Domneubaus einzubauen

1222 bis Dez. 1224 – Franziskaner u. Dominikaner fassen in Magdeburg Fuß

1225 bis 1235 – Wilbrand, Graf von Käfernburg und Halbbruder Albrechts, ist Dompropst in Magdeburg

22. Juli 1227 – In der Schlacht von Bornhöved besiegt eine Koalition norddeutscher Fürsten unter Herzog Albrecht von Sachsen, einiger Wendenfürsten und dem Grafen Heinrich von Schwerin den Dänenkönig Waldemar II. und beendet so die Vorherrschaft der Dänen im Ostseeraum

1228 u. 1231/32 – Erzbischof Albrecht in Italien auf Hoftagen Kaiser Friedrichs II.

1228/29 – Kreuzzug Friedrich II.

um 1228 – Dietrich, Edler von Dobin (Theodericus) tritt als Domherr ins Domkapitel ein

um 1230 – Der Maulbronner Baumeister Bohnsack wird in Urkunden als magister operis Bonsac bezeichnet; eine wahrscheinlich ihn darstellende Konsolfigur an einem Vierungspfeiler des Doms gilt als Hinweis auf die Anerkennung seiner großen Leistung

1230 – Franziskaner siedeln in die Altstadt um und erklären Magdeburg zu einem ihrer beiden Hauptsitze in Deutschland; die Stadt ist zu dieser Zeit ein blühendes kulturelles Zentrum und ein angesehener Bildungsort

1231 – Aus Paris wird der Franziskaner Bartholomaeus Anglicus nach Magdeburg geschickt, um dort eine Enzyklopädie zu schreiben

15.10.1232 – Erzbischof Albrecht stirbt auf der Rückreise von Italien

1232 bis 1235 – Burkhard v. Waldenburg ist Erzbischof von Magdeburg

1234 – In der Dombaustelle wird die erste Messe gelesen

ab ca. 1235 – Mechthild verfasst in Magdeburg ihre Schrift »Das fließende Licht«; deutet darin Konflikte mit dem Klerus und die Nähe zum Domdekan Dietrich von Dobin an

8. Febr. – Erzbischof Burchard stirbt während eines Kreuzzuges in Konstantinopel

31. Mai – Sein Nachfolger Wilbrand von Käfernburg reist nach Italien, um die Bischofsweihe durch Papst Gregor IV. zu empfangen

1235 – Wilbrand und Begleiter sehen in Mailand ein Reiterdenkmal, das dem Magdeburger Reiter ähnelt

Sommer 1235 – Kaiser Friedrich hält Hoftag in Mainz; in seinem Gefolge: Afrikaner und Sarazenen

um 1237 – An der Handelsstraße zwischen Magdeburg und Lebus entsteht die Siedlung Berlin

um 1240 – – Heute unbekannte Bildhauer, aus derselben Werkstatt, erschaffen die Statue des Hl. Mauritius (den »Schwarzen Ritter«) und der Hl. Katharina, die Figurengruppe der »Zehn Jungfrauen« und das Reiterdenkmal Kaiser Ottos

1245 – Am 12. Mai wird Mechthilds Vertrauter Dietrich Domkantor, im Jahr 1262 Domdekan

1248 – Ein gewisser Meister Gerhard beginnt den Kölner Dom zu bauen

1250 – Der große Stauferkaiser Friedrich II. stirbt

1253 – Im Herbst stirbt Erzbischof Wilbrand

um 1282 – Mechthild stirbt im Kloster Helfta bei Eisleben

1520 – – Nach über dreihundert Jahren Bauzeit wird der Dombau von Magdeburg vollendet

Ein Glossar findet sich im Anhang

Prolog

Gallische Alpen, Sommer 285 n. Chr.

Der Kamm blieb hinter ihnen zurück. Und mit ihm die letzte Steigung. Endlich. Ab jetzt ging es nur noch bergab. Die Pferde fielen in einen leichten Trab. Erste Bäume standen am Wegesrand. Tief atmete der Centurio die deutlich wärmere Luft ein. Er glaubte, schon die Nähe des Flusstales und des Sees zu riechen. Noch war er guter Dinge, noch erfüllte ihn Zuversicht, noch brannte er darauf, seinem Kaiser und Feldherrn gegenüberzutreten.

Der Weg führte in ein Wäldchen. Die Schneefelder in den Hängen rechts und links waren höher gerückt, ihre weißen Zungen im Geröll schmaler geworden. Das Gras wuchs dichter hier. Der Centurio entdeckte Schafskot am Wegesrand. Daneben hatte sich eine Silberdistel der Morgensonne geöffnet.

Der Standartenträger hielt sein Pferd an. »Schaut euch das an, Brüder!« Mit der Standarte zeigte er auf zwei Silberdisteln.

Alle brachten ihre Pferde zum Stehen, alle betrachteten die silbrig-weißen Distelblüten. »Wie schön«, sagte der Centurio, der unter dem Namen Mauritius bekannt war. »Wie wunderschön!« Er drehte sich im Sattel um und blickte zurück. »Warten wir auf die Männer.«

Gut die Hälfte der Marschkolonne hatte den Kamm bereits überquert. Im Laufschritt kamen die Legionäre näher, der rhythmische Lärm ihrer Schritte schwoll an. Immer neue Reihen von Lanzenspitzen und behelmten Köpfen schoben sich über die Bergkuppe.

Der Anblick seiner Kohorte erwärmte das Herz des Centurios. Mauritius liebte seine Soldaten. Schon schlossen die ersten Marschreihen zu ihm und den Reitern auf. Der Centurio sah in schweißnasse, aber strahlende Gesichter. Die Nähe des Ziels beflügelte die Männer.

Noch glaubten sie, das kaiserliche Feldlager bei Octodurus sei ihr Ziel; noch rechneten sie damit, Rom bald im Kampf gegen gallische Rebellen dienen zu können. Auch Mauritius glaubte das zu dieser Stunde noch.

Nicht mehr lange, und alles würde sich ändern. Zwei Botschaften nämlich warteten auf Mauritius von Theben. Die erste gleich am Pass, von dem aus die alte Straße aus dem Hochgebirge ins Flusstal hinunterführte, die zweite kaum eine Wegstunde später jenseits des Passes. Die eine Botschaft sollten erst nachfolgende Generationen verstehen; die andere würde den Centurio wie aus heiterem Himmel treffen.

Tatsächlich wölbte sich zu jener Stunde ein strahlend heiterer Himmel über der Marschkolonne zwischen den Silberdisteln und dem Gebirgskamm. Die Schneegipfel leuchteten im Licht der aufgehenden Sonne. Sah es nicht aus, als würden sie in Flammen stehen? Mauritius konnte sich kaum sattsehen an diesem Lichtspektakel.

Im Norden erhoben sich keine Gipfel mehr, im Westen und Osten jedoch ragten die letzten Bergriesen der gallischen Alpen in den blauen Spätsommerhimmel.

»Schau dir diese Bergriesen an, Centurio!« Mauritius’ Standartenträger Innocentius geriet schier außer sich vor Entzücken. »Sehen sie nicht aus wie glühende Hörner himmlischer Drachen?« Innocentius schwenkte den Legionsadler in alle Himmelsrichtungen. »Schaut euch das an, Brüder!« So viel erhabene Schönheit machte ihn fassungslos. Innocentius gehörte auch sonst zu den leicht entflammbaren Naturen.

»Es gibt keine Drachen im Himmel!«, raunzte Candidus, der Zweite Centurio, in der ihm eigenen Barschheit. »Dort unten aber, hinter dem Wäldchen, gibt es einen Pass. Unseren Pass, schätze ich. Eine halbe Wegstunde noch. Höchstens.«

Mauritius legte die Hand über die Augen und spähte über die Baumwipfel hinweg nach Norden, wo nach einer sanften Bodensenke ein Gebäude zu erkennen war. Candidus hatte recht: Das war ihr Pass.

Exuperius, der Ausbildungsoffizier, lenkte sein Pferd herum und ritt die ersten Marschreihen der Kohorte ab. »Bald erreichen wir den Pass!«, rief er. »Danach geht’s hinunter zum Strom und in mildere Gefilde!« Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht unter den knapp siebenhundert Legionären und Pferdesklaven.

»Rhône« nennt man den Strom heute; damals hieß er »Rhodanus«. An seinem Lauf, ungefähr auf halbem Weg zum See, lag die Siedlung Octodurus, heute Martigny. Dort hatte der Kaiser und Feldherr Maximian mit seiner Legion Quartier bezogen.

Mauritius trieb sein Pferd an. Die Marschkolonne hinter ihm setzte sich wieder in Bewegung. Sie durchquerten das Wäldchen. Der Pass rückte näher, vor dem steinernen Gebäude am Weg konnte Mauritius schon Lasttiere, Kleinvieh und Menschen erkennen. Die Aussicht, das nächste Nachtlager im wärmeren Flusstal aufschlagen zu können, hob seine Stimmung beträchtlich.

»Ein Adler!« Der Waffenwart deutete in den Himmel über dem Pass, wo ein gewaltiger Greifvogel seine Kreise zog. »Und was für ein Biest! Hat einer von euch jemals so einen großen Adler gesehen?«

»Ein gutes Omen, Exuperius!«, rief der Dritte Centurio aus der vorderen Marschreihe, einer der wenigen unter Mauritius’ Legionären, die nicht getauft waren. »Der römische Adler kreist schon über dem ruchlosen Rebellen und seinem verfluchten Pack! Bald wird er auf sie herabstoßen!« Er stieß die Faust in den Himmel.

Der Dritte Centurio sprach von jenem Verräter, der sich selbst zum Kaiser der Provinz Gallien hatte ausrufen lassen. Sogar Münzen wagte er zu prägen. Um ihn zu vernichten, hatte Kaiser Maximian Mauritius und seine Thebäische Kohorte über die Alpen und an den Rhodanus rufen lassen.

Später, als geschehen war, was zu dieser Stunde noch keiner erwarten konnte, als das Ungeheuerliche schon den Weg in die Erzählungen erschütterter Zeugen und in die Schriften staunender Chronisten gefunden hatte, später pflegten die Leute von der »Thebäischen Legion« zu sprechen und zu schreiben. Doch nicht sechstausend Soldaten führte Mauritius an den Rhodanus, keine Legion also, sondern eine Kohorte: sechshundert Legionäre, dazu etwa zweihundertfünfzig Frauen und Pferdesklaven. Die meisten stammten wie Mauritius selbst aus der Wüstenregion rund um das ägyptische Theben. Und die meisten waren wie ihr Centurio getauft. Das war durchaus ungewöhnlich, denn damals verehrte man im römischen Reich noch die alten Götter.

Am Pass angekommen, winkte Mauritius dem Hornbläser. Der setzte seinen Lituus an die Lippen und stieß hinein. Das Blechhorn erklang, sein Echo brach sich an den Berghängen, die Marschkolonne stand still. Mauritius befahl dem Waffenwart und dem Dritten Centurio, die Legionäre im taunassen Gras am Wegrand zur Rast lagern zu lassen. Befehle wurden laut, und bald darauf erfüllten Gelächter und Stimmengewirr die Luft.

Vom Sattel aus blickte Mauritius sich um. Das langgezogene Gebäude am Weg war aus kaum behauenen Schieferplatten gebaut. Man musste fürchten, dass es jeden Moment zusammenbrach, so krumm stand es zwischen ein paar vom Wind gebeugten Kiefern.

Auf dem Hang dahinter weideten etwa dreißig Schafe. Eine weißhaarige Frau stützte sich auf einen Hirtenstab und sah zu Mauritius herunter. Ein großer schwarzer Hund hockte zu ihren Füßen.

Aus den Eselskarren vor dem Langhaus waren Männer und Frauen in zerschlissenen, sackartigen Kleidern geklettert. Sie luden Körbe, Krüge und prall gefüllte Schläuche ab, trugen sie zu den Legionären. Seltsam zögernd bewegten sie sich, und in ihren Mienen las der Centurio Misstrauen und Scheu. Der Anblick schwarzer Menschen schien sie zu verstören.

»Sieht aus, als wollten sie unseren Männern Quellwasser, Brot, Ziegenkäse und Wein verkaufen.« Candidus war den Leuten ein Stück entgegengeritten und hatte einen Blick auf ihre Waren geworfen.

»Lass uns den Legionären das Essen und den Wein bezahlen!« Mauritius trabte zu seinem Zweiten Centurio. »Sie haben es verdient, Candidus, der Marsch durch die Berge war hart.«

Candidus nickte, nahm den Münzbeutel entgegen, den Mauritius ihm reichte, und lenkte sein Pferd dann zu den Bergbauern. »Wartet!«, rief er auf Lateinisch und winkte. »Ich und der Centurio übernehmen die Rechnung!« Die Legionäre jubelten, und die Frau des Dritten Centurios übersetzte seine Worte den Eingeborenen.

Menschen liefen am Wegesrand zusammen, tuschelten, deuteten zu den Legionären und beäugten Mauritius und sein Gefolge. Römer mit dunkler Haut und krausem Schwarzhaar kannten sie nicht. Ihre Haut war sehr weiß, und etliche hatten blondes Haar.

Elende Gestalten wie sie hatte Mauritius immer wieder gesehen auf dem Weg vom Aostatal durch die Alpen. Und oft hatte er sich gefragt, wie man in solch eisigen Höhen sein Leben fristen konnte. Er lenkte sein Pferd zu den Eingeborenen, wollte sich nach ihrem Ergehen und nach Neuigkeiten erkundigen. Innocentius, Exuperius und zwei Pferdesklaven zu Fuß schlossen sich ihm an.

Oben bei den Schafen bellte der Hund. Die Hirtin konnte Mauritius nirgendwo mehr entdecken. Die Eingeborenen am Wegesrand, zwei Dutzend mochten es inzwischen sein, bildeten eine Gasse. Eine Frau schritt hindurch – die weißhaarige Hirtin.

Kurz blieb sie stehen und lauerte zu Mauritius herüber. »Was ist los mit der Alten?«, murmelte Innocentius.

»Wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass sie Afrikaner zu sehen bekommt«, sagte Mauritius.

Die Hirtin packte ihren Stab und lief los. Nicht gebeugt und hinkend wie eine Greisin, sondern leichtfüßig und federnd wie eine junge Frau. Vor seinem Pferd warf sie sich auf die Knie, ließ den Hirtenstab fallen, streckte beide Arme über den Kopf und begann laut zu rufen. Mauritius verstand kein Wort; nur seinen Namen hörte er aus ihrem Wortschwall heraus.

Candidus hatte seinen Handel mit den Bergbauern inzwischen abgeschlossen und ritt zurück zu den Gefährten. Misstrauisch betrachtete er die greise Hirtin. »Jag sie weg, Mauritius. Sie ist irre.«

»Aber woher kennt sie den Namen des Centurios?« Innocentius, der Standartenträger, staunte auf die Alte hinunter.

»Vielleicht haben Maximians Legionäre ihr ein paar Schafe abgekauft und bei der Gelegenheit unsere Kohorte angekündigt.« Candidus zuckte mit den Schultern. »Wir sind ja nicht ganz unbekannt.« Und an Mauritius gewandt: »Schau sie dir an, Bruder! Sehen nicht Hexen so aus? Jag sie weg.«

Die Hirtin erhob sich aus Gras und Geröll, kam dicht an Mauritius’ Pferd heran und streckte die Rechte zu ihm hoch. Dabei redete sie immer weiter ihr unverständliches Zeug. Mit der Linken zerrte sie eine silberne Kette aus ihrem zerschlissenen Gewand, an der ein kleines, aus Holz geschnitztes Kreuz befestigt war. Sie ergriff die Hand des Centurios und streckte ihm das Kreuz entgegen. Eine Mischung aus Freude und Schmerz spielte nun um ihre welken Lippen, und in ihren grünen Augen lag ein Leuchten, das Mauritius’ Herz rührte.

»Seltsam, wie aufgeregt sie ist.« Der Centurio drückte ihre Hand. »Jemand muss dolmetschen. Ich will wissen, was sie mir zu sagen hat.«

Innocentius rief nach Regula, der Frau des Dritten Centurios. Regula stammte aus dem Rhodanustal. Als sie noch ein Mädchen war, hatte ein Legionär sie als Sklavin nach Rom verschleppt. Der Dritte Centurio hatte sie freigekauft und zur Frau genommen. Anders als er war Regula getauft.

Die Eingeborenen hatten sich inzwischen um Mauritius und die Hirtin geschart, auch etliche Händler und Legionäre waren neugierig geworden und herbeigekommen. Mauritius stieg vom Pferd und bat Regula, die Alte zu fragen, was sie von ihm wolle.

Regula sprach eine Zeitlang mit der Greisin und übersetzte dann. »Sie sagt, sie sei eine Prophetin und habe eine Botschaft für den römischen Centurio Mauritius aus der Thebäischen Wüste.«

»Was?!« Mauritius’ ungläubiger Blick flog zwischen Regula und der Hirtin hin und her. »Woher weiß sie von mir? Was für eine Botschaft?«

»Eine Botschaft Gottes«, erklärte Regula. »Sie sagt, Gott habe sie dein künftiges Leben schauen lassen, Centurio.«

Einige Legionäre feixten. Der Zweite Centurio jedoch schnaubte verächtlich. »Verdammte Wahrsagerin!« Wie einen Fluch stieß Candidus diese Worte aus. »Weg mit ihr!« Seine Miene wurde noch härter als sonst. »Wir sind Christen und haben nichts zu schaffen mit Zauberern und Wahrsagern!«

»Ist sie nicht auch eine Christin?« Innocentius deutete auf das kleine Holzkreuz in der Linken der Greisin. »Sieh doch hin, Candidus.« Der Zweite Centurio zuckte mit den Schultern und wusste nichts zu entgegnen.

»Es soll tatsächlich eine Christengemeinde geben im Rhodanustal«, sagte Exuperius, der Ausbildungsoffizier. »Brüder in Rom haben mir das erzählt.«

»Und mit eigenen Augen seht ihr, dass es auch hier oben in den Bergen Christen gibt.« Wieder deutete Innocentius auf das Holzkreuz der alten Hirtin.

»Frag sie, wer sie getauft hat«, verlangte Mauritius.

Regula sprach wieder mit der Alten und übersetzte dann deren Antwort: »Ein Priester namens Faustin, sagt sie. Der Bischof von Lugdulum habe ihn vor vielen Jahren den Rhodanum heraufgeschickt, damit er den Heiden in den Bergtälern das Evangelium predigt und eine Kirche baut.« Lugdulum am Rhodanus nannten spätere Generationen »Lyon«. Die greise Hirtin redete immer weiter, und Regula dolmetschte. »Hunderte habe dieser Faustin getauft, sagt sie.«

»In Lugdulum soll es schon einen Bischof gegeben haben, als der weise Mark Aurel noch Kaiser war«, sagte Innocentius, und Candidus rieb sich nachdenklich den breiten Nacken.

Mauritius sah der alten Hirtin prüfend ins freundliche Gesicht. Lächelnd nickte sie ihm zu. Mauritius’ Mund war plötzlich trocken. Er schluckte den schwellenden Kloß im Hals herunter, räusperte sich und fragte heiser: »Wie lautet die Botschaft Gottes, die du glaubst, mir ausrichten zu müssen?«

Regula übersetzte die Frage des Ersten Centurios in die Sprache der Eingeborenen. Ein beinahe feierlicher Ernst trat auf die greisen Züge der Hirtin, ihre Stimme klang nun zurückhaltender.

»So spricht Gott, der Herr«, übersetzte Regula. »Dein Glaube ist groß, Mauritius von Theben. So groß, dass du alle Versuchungen überwinden wirst, die deiner harren. Niemals jedoch wirst du deinen Fuß setzen in das wilde Land der Heiden jenseits dieses Gebirges, und dennoch wird man dir dort ein Haus bauen. An einem großen Strom hoch im Norden Germaniens wird man dir einen prachtvollen Palast errichten. In ihm wird man dich als Zeugen des lebendigen Gottes verehren, und in ihm sollst du wohnen für alle Zeit.«

Regula verstummte. Auch die Alte schwieg jetzt. Eine Zeitlang sprach keiner mehr ein Wort. Mauritius versuchte zu fassen, was er da gerade gehört hatte. Im Stillen wiederholte er Satz für Satz. Jeder brachte tief in ihm eine verborgene Saite zum Schwingen, und keinen einzigen konnte er begreifen.

»Wie soll das gehen?« Exuperius brach schließlich das Schweigen. »In einem Haus wohnen, das man nie betritt? Wie soll man denn darin wohnen, wenn man nicht einmal das Land betritt, auf dem es steht?« Der Waffenwart schüttelte den Kopf. »Schwachsinn!«

»Doch was, wenn sie wirklich eine Prophetin ist?«, gab Innocentius zu bedenken.

»Eine verdammte Wahrsagerin ist sie!«, zischte Candidus. »Hab ich’s nicht gleich gesagt? Jagt sie weg, die Hündin!«

Einige Legionäre machten Anstalten, die Alte zu packen. Doch Mauritius stellte sich schützend vor sie. »Gott allein sieht ihr ins Herz. Soll der Herr sein Urteil über sie sprechen, wenn er will.« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Hirtin. »Lass ihr Wein und Brot geben, Exuperius. Und Tuch für einen Mantel. Der Winter kommt bald.«

Der Waffenwart schickte Legionäre zu den Lasttieren und den Bergbauern, damit sie den Befehl des Centurios ausführten. Mauritius wandte sich ab und mischte sich unter die Männer im Gras. Man gab ihm zu trinken und zu essen, doch er brachte keinen Bissen herunter. Die alte Hirtin kehrte zu ihren Tieren zurück. Mauritius beobachtete sie; ihre Worte glühten ihm in der Brust wie Klingen in der Esse.

Am späteren Vormittag trabte er tief in Gedanken versunken zwischen Candidus und Innocentius an der Spitze der Kohorte ins Rhodanustal hinunter. Da tauchte ein Reiter zwischen den Bäumen auf und trabte den Waldweg herauf, ein Legionär. Innocentius und Candidus galoppierten ihm entgegen.

»Ein Bote aus Octodurus!«, rief Innocentius, als sie den Reiter zu Mauritius eskortierten.

»Schon wieder eine Botschaft?« Mauritius runzelte die Brauen.

»Keine Sorge, Bruder.« Innocentius grinste müde. »Diesmal nur eine Botschaft des Kaisers Maximian.«

Mauritius sah dem Boten ins Gesicht. »Und wie lautet sie?«

Der Mann trieb sein Pferd an Mauritius’ Tier heran und reichte ihm eine versiegelte Briefkapsel. »Lies selbst, Centurio.«

Mauritius brach das Siegel, zog den Papyrusbogen heraus und entrollte ihn. Seine Lippen bewegten sich stumm, während er die kaiserliche Botschaft las. Als er den Blick wieder hob, sahen seine Augen aus wie Schlitze, und seine Miene war wie aus Basalt gemeißelt. »Ein neuer Befehl des Kaisers.« Mauritius’ Stimme klang heiser. »Wir sollen nicht nach Octodurus marschieren, sollen auch keine Rebellen bekämpfen …« Er stockte.

»Sondern?« Innocentius schaute ihn an, Miene und Stimme seines Centurios schienen ihn zu erschrecken. Candidus beugte sich aus dem Sattel zu Mauritius herüber und zog ihm den kaiserlichen Befehl aus der wie leblos herabhängenden Hand.

»Ab sofort sollen wir Christen jagen.« Mauritius sprach nur noch leise und schleppend. »Wo immer wir Männer oder Frauen finden, die sich zu Jesus von Nazareth bekennen, sollen wir sie töten.«

ERSTES BUCH

Wege nach Magdeburg

1
VOLLMOND

Küstenwald an der Ostsee, Spätsommer 1215

Hähne krähten, Hunde schlugen an, aus allen Hütten tönten Kampflärm und Geschrei. Die Sachsen tobten durchs nächtliche Dorf. Keiner hatte vor ihnen gewarnt – kein Wächter, kein Zeichen, kein Traum. Nicht einmal der Dorfnarr.

Moritz kauerte stocksteif in der Fensteröffnung. Der Vollmond warf seinen Schatten auf das Nachtlager im Inneren der Hütte – auf Decken, Felle und Strohsäcke, auf die bleichen Gesichter der anderen. Seine Lippen bebten, er betete. Die Sachsen brachen trotzdem in die elterliche Hütte ein.

Vorweg ein hagerer Ritter in Kettenhemd und mit Fackel und Schwert. Hinter ihm ein stämmiger Graubart mit breitem Gesicht. Der hielt sein Schlachtbeil dicht hinter der Klinge. An der glänzte Blut – Moritz sah es genau –, und Blut glänzte auch auf der Faust des Mannes, und an seiner blutigen Faust fehlte der kleine Finger. Noch vier oder fünf andere drängten nach ihm in die Hütte.

Die Mutter warf sich über die kleinsten Geschwister, der Vater riss das steinerne Kreuz von der Wand und streckte es den Kriegsmännern entgegen. »Wir sind getauft!«, schrie er. »Alle! Auch wir sind Christen! Alle, alle!« Der mit der Axt schlug zu.

Die anderen packten die Mutter, trieben Kuh, Ziege und Schwein durch die Hütte und in die Mondnacht hinaus, fingen die Hühner ein, jagten den Brüdern und Schwestern hinterher. Den kleinen Jungen in der Fensteröffnung entdeckten sie nicht.

Moritz kniff die Augen zu. Bloß nicht mehr hinschauen müssen! Er hielt sich die Ohren zu. Bloß nichts mehr hören müssen von alldem Gejammer! Er biss sich die Unterlippe blutig, wollte lieber Schmerzen spüren, statt die Angst, die ihm durch Brust und Glieder tobte. Entsetzen verschloss ihm Kehle und Lippen.

Sechs Jahre alt war Moritz, als in jener Nacht seine Kindheit endete. Und dies ist seine Geschichte.

Sechs Jahre alt war in jenen Tagen auch Helena, deren Geschichte ohne Moritz eine andere geworden wäre. Weit südlich der Küstenwälder saß Helena jeden Abend bei ihrer Mutter auf der Steinbank im Klosterhof von Maulbronn. Von der Mutter lernte sie Lesen und Schreiben, und sie lernte Schönes von Hässlichem zu unterscheiden. Ihre Kindheit sollte noch sechs Jahre dauern.

Ohne Helenas Geschichte wäre auch die Geschichte des Grafensohns Ansgar eine andere geworden. Ihm spross bereits der Bartflaum zu jener Zeit. Hatte er je eine Kindheit gehabt? Schon als sehr kleiner Junge musste er Mutter und Heimat verlassen.

Oder die Geschichte des künftigen Bildhauers Gotthart. Kaum einer kannte seinen Vater, und wer ihn kannte, flüsterte den Namen des mächtigen Mannes nur hinter vorgehaltener Hand. Zu jener Stunde, als Moritz im Fenster kauerte und Ansgar vor Heimweh in sein Kissen weinte, lernte Gotthart bei Kerzenlicht das Vaterunser auf Lateinisch auswendig. Morgen, in der Klosterschule, würde er es dem Abt vorbeten müssen. Der Abt hatte kalte Augen, und immer lag eine frisch geschnittene Rute auf seinem Pult.

Und schließlich das fromme Mädchen Mechthild: Es lebte zu jener Stunde in einer Burg an der Elbe. Mehr weiß man nicht von Mechthilds Kindheit. Nur noch dies: Nicht lange nach jenem Tag sah sie zum ersten Mal das Licht, das sie für ein göttliches hielt, und hörte zum ersten Mal die Stimmen.

Zwölf Jahre noch, und die Wege aller würden sich in Magdeburg kreuzen.

Aus dem Inneren der Hütte stieß jemand Moritz gegen die Schulter. Er verlor das Gleichgewicht und nahm die Fäuste von den Ohren, um sich festzuhalten. Er kippte nach draußen, stürzte in den Haselnussstrauch zwischen Kräutergarten und Holzfassade und schlug auf Feldsteinen auf. Moritz spürte keinen Schmerz, er spürte nur würgende Angst und rasenden Schrecken.

Schritte schlurften näher. Er riss die Augen auf, starrte durch den Mondlichtschleier im Geäst des Haselnussstrauches: Auf dem Wall, der das Dorf umgab, bewegten sich Fackeln. Zwischen den Hütten wankten, liefen oder stolperten Umrisse von Menschen; manche hoch aufgerichtet wie Sieger, andere gebeugt oder halb am Boden durch Gras und Pfützen geschleift wie erlegtes Wild. Und überall Geschrei, Gejammer und Gebrüll. Schritte stapften weg von ihm.

Irgendwo krähten Hähne, jaulten Hunde, quiekten Schweine, plärrten Kinder, und ein Mann lachte wiehernd. Ein Sachse. Und dann ein Ruf: »Moritz!«

Die Mutter!

»Lauf, Moritz!« Auf diese Weise rief nur die geliebte Stimme der Mutter seinen Namen. War sie es gewesen, die ihn zum Fenster hinausgestoßen hatte? »Renn weg, Moritz!« Irgendwo am Walltor rief sie. »Lauf, mein Kleiner! Lauf, lauf! Gott sei mit dir!«

Er stemmte sich hoch, wollte aus dem Haselnussbuschwerk springen und zu ihr rennen. Eine Männerstimme brüllte ihr Rufen nieder. Moritz ließ sich wieder fallen. Die Mutter schrie gellend, schrie, wie die große Schwester geschrien hatte, als der Priester ihr an Sankt Johannis den vereiterten Zahn zog. Moritz presste wieder die Fäuste gegen die Ohren, kniff wieder die Augen zu.

Da lag er also, und nur das Getrommel seines kleinen Herzens lärmte noch in seinen Ohren. In seinem Kopf aber rief die Mutter immer weiter seinen Namen, in seinem Kopf schlug der mit der blutigen Axt immer weiter auf den Vater ein, und der im Kettenhemd wollte nicht aufhören, mit seinem Schwert auf die Mutter zu deuten. Ameisen krabbelten Moritz unter dem Hosenbein die Waden und die Schenkel hinauf. Ein Feldstein drückte ihm in die Rippen. Er rührte sich nicht, flehte stumm zu Gott, damit der ihn in einen Feldstein verwandelte.

Wie lange verharrte er so zwischen Hüttenwand und Haselnussstrauch? In seiner Erinnerung später erschien diese Zeit ihm kurz wie ein Atemzug, doch als er in jenen Stunden die Augen wieder aufriss, weil jemand ihn berührte, stand kein Vollmond mehr am Himmel, und über Hütten und Burgwall graute ein neuer Morgen.

Ein Schatten beugte sich über ihn. Jemand flüsterte: »Bürschlein?« Moritz atmete nicht. Vielleicht hatte Gott in seiner Gnade ihn ja doch in einen Feldstein verwandelt. Er machte sich steif und hart. »Lebst du noch, Bürschlein?« Das Gesicht des Schattens schwebte dicht über ihm. »Komm schon.«

Ein Traum? Eine Erscheinung? Moritz starrte in das knochige Gesicht; es hatte einen beinahe zahnlosen Mund. Moritz hörte einen Hahn krähen; er hörte auch noch Stimmen vom Walltor her. Weinte da jemand? Vielleicht die Mutter. Schnarchte da jemand? Waren die Sachsen noch im Dorf? Jetzt krähten schon zwei Hähne.

Knochige Hände streckten sich nach ihm aus, packten ihn an Ärmel und Hosenbund, zerrten ihn erst ins Kräuterbeet und dann auf die Beine. »Komm mit mir.« Es war der alte Priester, er stank aus dem Mund. »Schnell, schnell.« Der Alte winkte ihn hinter sich her.

Moritz stolperte über einen Stein, schlug lang hin, blinzelte hinter sich: Etwas Weißgraues lag da ins dunkle Gras getreten. Das steinerne Kreuz aus der elterlichen Hütte! Er selbst hatte es aus dem Kalkstein gehauen, vor dem letzten Osterfest, unter den prüfenden Augen des Vaters. Moritz langte danach, drückte es an seine Brust.

Der Priester bückte sich nach ihm, riss ihn erneut hoch. Der Alte ließ seine Hand nun nicht mehr los, und Moritz torkelte hinter ihm her: zwischen die Hütten, am Teich vorbei, über die Pferdekoppel, immer auf den Burgwall zu.

In den Hütten schnarchten Männer, jammerten Kinder, weinten Frauen. Im Wald jenseits des Burgwalls stimmten die ersten Vögel ihr Morgenlied an. Dunstschwaden krochen über den Wall und ins Dorf hinein.

Der Priester duckte sich zwischen die Pferde, legte den krummen Zeigefinger auf die Lippen. »Die sie nicht erschlagen haben, müssen nun in der Kirche ihres Schicksals harren«, flüsterte er. Die Kirche war die größte Hütte im Burgwall. »All unser Bier haben die Sachsen gesoffen, jetzt sind die meisten berauscht. Und haben berauschte Wachen aufgestellt.«

Der alte Priester war selbst ein Sachse. Als junger Mann war er eines Tages unter den Wenden in den Küstenwäldern aufgetaucht, hatte von einem neuen Gott erzählt, von einem Gott, der an einem Kreuz gestorben sei, damit die, die an ihn glauben, von aller Schuld befreit und gerettet sein sollen. Der alte Priester hatte die Kirche am Walltor gebaut und im See die Obersten der Wenden getauft. Moritz wusste das von seinem Vater. Der war damals noch ein kleiner Junge gewesen.

Der Alte duckte sich tiefer, zog Moritz mit sich ins Gras und deutete zum Burgwall hinauf. Zwei Männer wankten entlang der Wallkrone. Sachsen. Der Priester beobachtete sie, bis kurz vor dem Walltor Dunstschwaden ihre Gestalten halb verhüllten. Er richtete sich auf, zog Moritz hinter sich her über die Koppel und dann die Erdstufen zur Wallkrone hinauf. Von dort stieß er ihn die steile Außenseite hinunter. Er selbst schlidderte auf dem Hintern die dreißig Ellen ins Unterholz und zu den Brombeerhecken hinab.

Dabei stöhnte er auf wie unter Schmerzen, und weil ihm das Gewand bis zum Geschlecht gerutscht war, konnte Moritz das Blut an seiner Hüfte sehen. »Zum See.« Der Priester deutete nach Süden. »Schaffen wir es zum See, schaffen wir es auch nach Schwerin und zur Burg des Herrn Grafen.« Er hinkte in die ersten Lichtbalken, die sich inzwischen aus den Baumkronen ins Unterholz bohrten.

Moritz stand wie festgewachsen. Zum See? Weg von Mutter und Vater? Er starrte auf den Wall, er spähte in die Richtung, in der er das Tor wusste, er lauschte der mütterlichen Stimme in seinem Kopf: Lauf, mein Kleiner! Lauf, lauf!

Der Alte machte kehrt, hinkte zu ihm und schlug ihm ins Gesicht. »Komm zu dir!« Er zerrte den Jungen zwischen die Bäume. »Willst du verrecken? Willst du ein Sklave im Sachsenland werden? Oder bei den Polacken?« Moritz stolperte hinter ihm her.

Hinein ging es in Gestrüpp und Buschwerk, in dichtes Gehölz, durch Sumpf und Schilf. Dreimal durchquerten sie den Graben, der sich nordwärts durch den Wald zum Meer hin schlängelte, sie wateten kniehoch durch ausgedehnte Tümpel, sie folgten dem Wildpfad, der entlang des Grabens zum See führte.

Je höher die Sonne stieg, desto langsamer hinkte der alte Priester. Manchmal lehnte er gegen eine Eiche und atmete schwer. Im Licht der Mittagssonne sah seine Haut grau aus. Einmal sank er ins Farn, schnappte nach Luft und konnte lange nicht weiter. Er hob den Kopf und schaute Moritz ins Gesicht. Sein Blick brannte.

»Das Gericht Gottes, Bürschlein.« Der Alte sprach leise und schleppend. »Die Strafe Gottes dafür, dass einige im Burgwall noch den alten wendischen Göttern gehuldigt haben. Ich weiß doch, wo sie die steinernen Götzenbilder der Podaga und des Swarogs in ihren Hütten und Erdlöchern versteckt haben! Ich hab doch gesehen, wie sie vor ihnen auf die Knie gefallen sind!«

Moritz starrte ihn an. »Gericht Gottes …?« Die Stimme brach ihm. Vor seinem inneren Auge schlugen Flammen aus einem riesigen rauchenden Erdspalt, sprangen rote, gehörnte Wesen ihn an. Kaum eine Messe, in welcher der Priester die Hölle und den Teufel nicht in grellsten Farben geschildert hatte.

Die zerfurchte Miene des Alten wurde bitter. »Das Gericht Gottes, Bürschlein, ja, ja. Jetzt hast du’s am eigenen Leib erlebt. Und solltest du diesmal noch mit heiler Haut davonkommen, sieh zu, dass du künftig Gott und seinem Sohn Jesus Christus dienst, mit Haut und Haaren und aus ganzem Herzen. Vater, Sohn und Heiligem Geist musst du dienen, hörst du? Und der heiligen römischen Kirche, damit das nächste Mal nicht auch dich der Zorn Gottes dahinrafft.«

Die lange Rede erschöpfte den Alten endgültig, und er schlief ein. Moritz dachte an seine Großmutter. Während der letzten Schafschur war sie gestorben. Noch am Tag vor ihrem Tod hatte sie sich in ihrer Kammer vor dem Bildnis der Göttin Podaga verneigt. Und ja, auch der oberste Jäger pflegte vor jeder Saujagd die Podaga und den Swarog anzubeten. Doch er selbst? Niemals! Oder Vater und Mutter? Nie!

Warum aber hatte der Zorn Gottes dann ihn und seine Familie getroffen?

Stunden vergingen. Hinter jedem Rascheln im Wald vermutete Moritz sächsische Verfolger, hinter jedem Häherschrei das nahende Gericht Gottes. Er weckte den Priester, half ihm auf die Beine und zog ihn aus dem Farn.

»Weiter«, murmelte der Alte. Wie benommen wirkte er. »Immer weiter.«

»Aber wohin denn?«, wollte Moritz wissen.

»Nach Magdeburg, immer weiter nach Magdeburg.«

Im Abendlicht später glänzten große Schweißperlen auf der Stirn des alten Priesters, und unter seinen tränenden Augen lagen schwarze Schatten. Da konnte er sich nur noch auf einen Ast gestützt voranschleppen.

In der ersten Abenddämmerung dann breitete sich endlich der Obersee von Schwerin vor ihnen aus. Der Priester wusste, wo im Schilf die Fischer die Kähne versteckten. Als die Sonne sank, fanden sie einen Kahn. Der Priester stolperte hinein und griff nach dem Ruder. Moritz musste das Boot aus dem seichten Uferwasser in den See schieben und aus eigener Kraft hineinklettern. Der Alte war zu schwach, um ihm helfen zu können.

Sie ruderten den Kahn auf den See hinaus. Moritz war nass bis auf die Haut. Im Licht der untergehenden Sonne sah er einen großen Flecken im Gewand des Priesters glänzen. Feucht und schwer von Blut klebte es an seiner Hüfte. Der Sachse mit der blutigen Axt stand Moritz wieder vor Augen. Oder ein Schwerthieb? Oder ein Pfeil? Er wagte nicht zu fragen.

Dunst legte sich über den See. Bald war es so dunkel, dass Moritz in keiner Himmelsrichtung mehr Land erkennen konnte. Jedes Mal, wenn der alte Priester das Ruder ins Wasser stieß, stöhnte er auf. Irgendwann sank er vor seiner Ruderbank in den Bug des Kahns und zog die Beine an. Sein Atem ging rasselnd und schnell.

Moritz kniete zwischen den Ruderbänken nieder und beugte sich über den Priester. »Rudere du«, flüsterte der Alte, »nicht aufhören zu rudern, hörst du?«

Moritz schüttelte ihn sanft. »Bleibt bei mir. Ihr dürft mich nicht allein lassen!« Tränen schossen ihm aus den Augen.

»Wenn du Feuer in Schwerin siehst, sind die Sachsen auch dort schon«, flüsterte der Alte. »Dann nichts wie weg und hinüber ans Ostufer mit dir.«

»Verlasst mich nicht!« Moritz klammerte sich an ihm fest.

»Erreichst du das Waldufer, lauf weiter nach Süden, weiter der Elbe zu. Lauf einfach weiter, lauf in die Stadt …« Immer öfter unterbrach der Alte sich, immer schwächer klang seine Stimme. »Laufe nach Magdeburg, dorthin musst du …« Sein ganzer Körper bäumte sich auf, wenn er nach Luft schnappte. »… frag die Leute nach dem Erzbischof von Magdeburg. Der hat mich einst als Missionar zu euch geschickt. Sag ihm …«

Die Stimme des Alten erstarb. Er hörte auf, nach Luft zu schnappen. Moritz presste ihm die Wange ins kaltschweißige Gesicht. »Lasst mich doch nicht allein!« Er weinte laut. Er weinte um seine Mutter, um seinen Vater, um seine Geschwister, um sein Zuhause. Er weinte die halbe Nacht lang. Niemand hörte ihn dort draußen auf dem oberen Schweriner See. Er weinte sich in den Schlaf.

Im Traum sah er wieder die Sachsen in der elterlichen Hütte wüten. Am schlimmsten trieb es der stämmige Axtmann mit dem runden Gesicht und dem fehlenden kleinen Finger an der Rechten.

Wie ein Riese im Kettenhemd ragte der Hagere mit dem entstellten Mund vor Moritz auf. Der Bullenkopf prangte schwarz und grässlich auf seinem Schild und seinem Mantel. Die anderen sprangen, wohin er zeigte, und die Mutter spuckte dem Rothaarigen mit der schiefen Nase ins Gesicht.

Ihre Stimme hallte durch seinen Traum wie ein Echo, das niemals mehr aufhört: Lauf, Moritz! Lauf, lauf! Gott sei mit dir!

Schreiend fuhr er aus dem Schlaf hoch. Der Kahn schaukelte, Nebelschwaden wogten ringsum. Moritz zitterte, kalt und nass klebten ihm die Kleider auf der Haut. Schluchzend blinzelte er nach allen Seiten, versuchte vergeblich, irgendwo die Umrisse von Schwerins Mauern und Türmen zu erkennen.

Wo war er? Wohin trieb der Kahn?

Heulend beugte er sich schließlich über den Priester. Aschfahl war dessen Gesicht. Mund und Augen standen ihm offen. Er atmete nicht mehr.

Moritz schüttelte den Alten. Der Alte war tot.

Moritz’ Tränen versiegten, die Schultern sanken ihm, alle Kraft wich aus seinen Gliedern. Ganz krumm hockte er im Kahn und stierte in den Nebel. Die Umrisse eines Schwanenpaares schälten sich aus dem feuchten Grau; die stolzen weißen Vögel schwammen vorüber, beachteten ihn nicht, tauchten wieder in den grauen Schleier ein.

Er hörte Wasser plätschern – ein springender Fisch. Über ihm gellte der Ruf der Kraniche; unsichtbar für ihn zogen sie nach Süden. Die frühherbstliche Kälte drang ihm in die Knochen, er zitterte stärker. Irgendwo jenseits der Nebelwand begannen Vögel zu singen. Eine große Leere ergriff Moritz. Unendlich allein fühlte er sich.

Irgendwann bohrte der Hunger in seinem Bauch. Er griff zum Ruder, senkte es kraftlos ins Wasser. Doch in welcher Himmelsrichtung lag Schwerin? Wohin sollte er den Kahn denn lenken? Gleichgültig! Er ruderte einfach darauflos.

Bald durchdrang die Morgensonne den Nebel, die grauweißen Schwaden lichteten sich erst, lösten sich dann nach und nach auf. Keine drei Steinwürfe entfernt erkannte Moritz das Seeufer, sah Schilf, Wald und Gras. Keine Stadt, keine Burg. Hatte der Wind seinen Kahn denn ans Ostufer getrieben? Dort war er nie zuvor gewesen.

Er fand Blaubeeren und Brombeeren, stopfte in sich hinein, so viel er konnte. In Ufernähe wanderte er nach Süden; im abendlichen Nebel verlor er die Orientierung. Zwischen entwurzelten Kiefern fand er einen verlassenen Dachsbau und kroch hinein. Traumlos schlief er, bis Kranichrufe und das kehlige Fauchen eines Dachses ihn weckten.

Moritz kroch aus dem Bau. Morgennebel hing in Buschwerk und Gehölz. Im Unterholz fletschte ein dreieckiger, schwarzweiß gestreifter Schädel die Zähne. Moritz sprang auf, rannte davon. Er rannte, bis der Nebel sich lichtete.

Auf einer Lichtung fand er Brombeerhecken und stillte seinen Hunger. Danach folgte er bis zum Abend einem Bachlauf. Die Sonne trocknete seine Kleider, zum Schlafen wühlte er sich ins Vorjahreslaub. Am nächsten Morgen wieder Beeren. Im Bach fand er Muscheln und schlang sie herunter.

Der Bach mündete nicht in den Schweriner See, wie Moritz gehofft hatte, sondern in einen Teich. Weil er Wolfsspuren entdeckte, schlief er in der Krone einer Weide. Am nächsten Morgen suchte er vergeblich nach dem Seeufer, geriet immer tiefer in unwegsames Gehölz hinein.

Tagelang irrte er durch den Wald, trank aus Bächen, aß wilde Pflaumen, Pilze, Beeren und dreimal rohen Fisch. Einen fand er tot am Ufer eines Teiches, einen zweiten nahm er einem jungen Otter weg, den dritten ließ ein Kormoran aus einer Weidenkrone in einen Tümpel fallen.

Irgendwann gelangte er in ein Dorf. Er bettelte, fragte nach Magdeburg und dem Erzbischof. Man lachte ihn aus. Eine alte Frau gab ihm Brot und eine Speckschwarte und zeigte ihm einen Reitweg nach Süden.

Halb verhungert gelangte er Tage später in eine Stadt, bettelte auf dem Marktplatz, sprach einen Bauern auf Wendisch an und wollte wissen, ob er in Magdeburg sei und ob der Bauer den Erzbischof kenne. Leute versammelten sich um den Bauernwagen. Auch sie lachten ihn aus.

Warum, begriff Moritz nicht. Vielleicht, weil er zwischen seiner wendischen Muttersprache und dem Sächsischen, das er vom Priester gelernt hatte, hin und her wechselte. Sie rümpften die Nase, weil er stank; vielleicht auch, weil er ein Wende war. Am dritten Tag jagten sie ihn vom Marktplatz und aus der Stadt.

Monate später erst erfuhr er deren Namen: Havelberg.

Er schlief in der Flussböschung vor der Stadtmauer und bettelte tagsüber am Stadttor. Nach wenigen Tagen lag er mit Fieber im Staub. Er konnte sich kaum noch rühren.

Die Menschen erschienen ihm wie Schatten ohne Gesichter, Hufschlag und Geratter von Wagenrädern, wie Pauken und Trommeln aus den Gassen des Neuen Jerusalems. Moritz lauschte der Stimme seiner schönen Mutter. Er sprach mit ihr, war zufrieden, hoffte nichts weiter mehr, als bald in ihre Arme sinken zu können.

Ein aus dem Stadttor rollender Ochsenkarren hielt an, Schritte näherten sich ihm, zwei Schatten fielen auf ihn. »Er stinkt«, sagte der eine, »er lebt noch«, der andere.

»Mutter?« Moritz glaubte, bereits im Himmel zu sein. »Mutter?« Er schlug die Augen auf, blinzelte ins Tageslicht – und erschrak: Ein schwarzes Gesicht schwebte über ihm. Der Teufel? Oder einer seiner höllischen Knechte? Er konnte kein Gehörn entdecken, keinen Ziegenbart, er sah aber wulstige Lippen, eine dicke, klobige Nase, große, schwarzbraune Augen und eine dunkle Stirn, über deren Falten schwarzes, krauses Haar hing. Moritz klapperte mit den Zähnen.

Dem anderen Schatten gefiel seine Angst. »Das Stinkerchen hat Angst vor unserem Mohren!«, rief er denen im Wagen zu und lachte vergnügt.

Das schwarze Gesicht über Moritz entblößte große, weiße Zähne. Konnte ein Teufel lächeln? Hatte ein Teufel derart freundliche Augen? Der Mann mit dem schwarzen Gesicht schob seine schwarzen Arme unter Moritz’ zitternden, ausgemergelten Körper. Der Mann, der kein Teufel gewesen sein konnte, trug ihn zum Wagen, bettete ihn in Decken, gab ihm zu trinken.

Der Ochsenkarren rollte an und fuhr weiter.

Wohin?

2
MUTTER

Maulbronn, zwölf Jahre später

Am Vormittag war Helena noch nach Singen zumute. Mit einem Lied auf den Lippen rauschte sie von einem Ende der großen Klosterküche zum anderen, wieder und wieder. An den Herdfeuern drehten zwei Küchenknechte die Spieße mit den Fasanen, Enten, Hühnern und Hasen. In einem großen Topf schmorten Stücke eines Kalbs, in einer Pfanne Scheiben vom Schweinerücken. Wie die Fasanenhaut brutzelte! Wie das Entenfett spritzte und über der Glut zischend in Flammen aufging! Und wie der Saft aus dem zarten Kalbfleisch sickerte! Herrlich! Tief sog Helena den Bratenduft ein.

Das Festmahl für den Abend entstand. Vom Backofen her strömte der Duft frischen Brotes durch die Klosterküche. Auf dem zweiten Herd garte in drei Töpfen die Weizengrütze. Ein jungenhafter Mönch schnitt Kräuter hinein, ein viel älterer Bauchfleisch. An der Zinkwanne neben der Tür zur Vorratskammer wuschen zwei Knaben Äpfel, Pflaumen und Birnen. Auf dem langen Tisch vor den Fenstern nahm eine Magd die Forellen aus. Katzen strichen um ihre Beine.

Leise singend lief Helena zwischen den Braten, dem Zuber, dem backenden Brot und der Hafergrütze hin und her und schaute nach dem Rechten. Sie liebte diese Stunden in der Klosterküche, wenn alles so geschah, wie sie es geplant hatte, wenn das Gesinde und sogar die Mönche auf ihre Anweisungen warteten und die Speisen gelangen. Sie gerieten eigentlich immer aufs Beste, wenn Helena die Aufsicht führte. So, wie sie früher gelangen, als die Mutter noch die Aufsicht führte.

Der jüngere der Küchenknechte, ein Bursche von kaum achtzehn Jahren, streckte die Rechte nach einer Ente aus, um einen Fetzen Haut abzureißen, der sich in der Brathitze abkrümmte. Helena unterbrach ihr Lied und klopfte ihm mit dem Kochlöffel auf die Hand. »Untersteh dich!« Sie drohte ihm mit dem Zeigefinger, und er, der Gleichaltrige, zog den Kopf ein und gab sich reumütig.

Die älteste Magd brachte ein Tablett mit Speisen herein und stellte es Helena zur Begutachtung hin: Käse, Brot, Zwetschgen und Wein – das Frühstück für den Vater. »Füll ihm noch ein Schüsselchen Weizengrütze ab«, befahl Helena. »Und dann gehe den Wirsing schneiden, ich will Meister Bohnsack selbst das Frühstück bringen.« Die Magd nahm eine Schüssel aus dem Wandregal und humpelte zum Herd.

Ein hochgewachsener Mönch von kräftiger Statur zog einen Leiterwagen vor die offene Küchentür, nahm einen Stapel Körbe heraus und stellte sie wortlos auf den Tisch neben der Tür ab. Dort hatte Helena Brote, Fleisch, Wein und Früchte auslegen lassen und was sonst übrig war an Essensresten vom vergangenen Tag.

Der Mönch drehte sich nach Helena um – etwas leuchtete auf in seinen dunklen Augen, und ein wohlwollendes, väterliches Lächeln machte seine ernsten Züge für einen Moment weich. Er nickte ihr zu und füllte dann seine Körbe mit den Gaben für die Armen.

Pater Rochus war der Almosenmeister des Klosters. Er hatte die Bettler zu versorgen, die am Klosterportal um Hilfe baten. Er stand unter einem Schweigegelübde, und es war Jahre her, dass Helena mit ihm gesprochen hatte. Dennoch schwang da etwas hin und her zwischen ihnen, etwas Warmes, Freundliches. Ein unsichtbares Band. Während Pater Rochus den letzten vollen Korb hinaustrug, nickte er Helena noch einmal zu und lächelte scheu. Man sah ihn nur sehr selten lächeln.

»Einen gesegneten Tag, Pater Rochus!«, rief Helena ihm hinterher. Durch das Fenster beobachtete sie, wie er seinen Leiterwagen über den Klosterhof zog. Seine Haltung war aufrecht und sein Schritt kraftvoll wie der eines jungen Mannes, dabei hatte er die Vierziger schon hinter sich.

Bis vor wenigen Jahren war er noch der Prior von Maulbronn gewesen, der Stellvertreter des Abtes; damals hatte er noch gesprochen. Niemand wusste, warum er das hohe Amt des Priors gegen das so viel geringere des Almosenmeisters hatte tauschen müssen.

Einer der Falkner lief mit seinen Hunden über den Klosterhof. Helena stürzte aus der Küche. »He, Falkner!« Er blieb stehen. »Wann willst du mit mir abrechnen?« Weil seine Falken keine Fasane gefangen hatten, musste er welche auf dem Markt kaufen. »Ich habe dir einen Groschen gegeben, ein Fasan kostet in diesem Herbst einen Heller, und du hast sechs gekauft. Das macht drei Pfennige, also schuldest du mir noch neun Pfennige. Her mit dem Geld des Meisters!«

Der Falkner kam herbei und kramte in den Taschen seines Wamses. »Gerade wollte ich zu Euch in die Küche kommen, Jungfer Helena.« Sein Gesicht rötete sich. »Gerade gehe ich über den Hof und denke, du musst noch mit der Baumeisterin abrechnen.« Er war zehn Jahre älter als Helena.

»Das wollte ich dir auch geraten haben.« Sie nahm die Silberpfennige entgegen, zählte sie sorgfältig und nickte zufrieden. Einer der Falknerhunde kläffte Helena an. Sie zischte zurück, und der Falkner trollte sich. Die alte Magd stellte ein Schüsselchen mit dampfender Weizengrütze zum Frühstück für den Vater hin.

Helena lief noch einmal zum Backofen. Wie köstlich das Brot roch, wie schön es bräunte! An der Hintertür sah sie den Knecht des Gärtners stehen; er hielt Blumen in den Händen und schaute erwartungsvoll zu Helena herüber. »Dass ihr mir auf das Brot achtet!«, rief sie in die Küche, während sie zu ihm eilte. »Es braucht nicht mehr lang. Seht mir ja zu, dass es nicht zu dunkel wird!«

»Das Grabgebinde«, sagte der Gartenknecht und hielt ihr die Blumen hin: violette Herbstastern, blauer Wolfswurz, rote Fetthennen, weiße Buschrosen, Herbstlaubzweige, ein paar schöne Gräser.

»Wo sind die gelben Rosen?«

»Keine gefunden.«

»Wo hast du gesucht?«

»Na, im vorderen Klostergarten, da wo die Mönche uns gestatten zu pflücken.«

»Im vorderen Klostergarten, so, so.« Helena stemmte die Fäuste in die Hüften. »Fauler Strick! War’s dir zu weit vom Blumengarten zu den Pferdeställen? Hinter denen und hinter der Schmiede habe ich gestern gelbe Rosen gesehen. Sie blühen gerade zum zweiten Mal.« Sie nahm dem Gartenknecht das Gebinde ab. »Lauf! Und kehre ja nicht ohne mindestens fünf gelbe Rosen zurück!«

Der Knecht machte kehrt und hastete im Laufschritt aus der Küche und über den Hinterhof. Helena legte den Schurz ab und strich ihr Kleid glatt. Wie sie ihren Vater kannte, arbeitete der bereits seit Sonnenaufgang und hatte noch nichts gegessen und getrunken.

Helena warf einen letzten Blick in die Grütztöpfe, in den Backofen und auf die Braten. »Das Brot kann raus!«, rief sie, und dem Burschen an den Spießen drohte sie vorsichtshalber noch einmal mit dem Finger. Dann nahm sie das Tablett mit dem Frühstück und lief leise vor sich hin summend über den Klosterhof zum neuen Herrenrefektorium.

Helena lächelte – durch die Küche würde jetzt ein Aufatmen gehen. So wie früher ein Aufatmen durch die Küche ging, wenn die Mutter endlich einmal die Küche verließ. Wie vor der Mutter – der »Baumeisterin« –, hatten sie inzwischen auch vor Helena Respekt, alle, dabei waren die meisten älter als sie. Manche fürchteten ihr Gefuchtel mit dem Holzlöffel, viele ihre spitze Zunge.

Am großen Zierbrunnen setzte sie das Tablett ab und beugte sich über den Wasserspiegel. Ein schmales Gesicht mit feinen Zügen und großem Mund schaute sie aus großen, dunkelblauen Augen an. Kastanienrotes Haar umrahmte ihr schönes Gesicht; meist trug Helena es wie heute zu einem dicken Zopf geflochten.

Ihre Arme waren dunkel, feine rötliche Härchen bedeckten sie. Genauso hatten die Arme der Mutter ausgesehen. Auch ihre drahtige und hoch gewachsene Gestalt hatte Helena geerbt. Dazu die Gewohnheit, nichts Hässliches an sich zu dulden – keinen Flecken auf den Kleidern, keinen Riss, keinen Mottenfraß, und sei er noch so klein; nichts, was schäbig oder gewöhnlich aussah. Helenas Mutter war die Tochter eines französischen Ritters gewesen.

Sie beugte sich tiefer über das Wasser, langte hinein und wusch sich das Gesicht. Ihr Spiegelbild verschwamm. Mit nassen Händen griff sie wieder nach dem Tablett und ging auf den Eingang des Klausurgebäudes zu. Kurz davor hielt sie noch einmal inne und bestaunte die prächtige Fassade, ihre Fenster, Säulen, Simse und das schöne Portal.

Wer hatte all das gebaut? Sicher – die Zimmerleute, Steinmetze, Bildhauer und Maurer. Doch wer hatte es erdacht? Wer hatte den Zimmerleuten, Steinmetzen, Bildhauern und Maurern in Zeichnungen, Modellen und vielen Worten vor Augen gestellt, was sein Geist geplant und gestaltet hatte? Niemand anderes als ihr Vater, der Baumeister Bohnsack! Stolz erfüllte Helena.

Zwischen so viel steinerner Schönheit hatte sie die beinahe achtzehn Jahre ihres bisherigen Lebens verbracht. Hier, zwischen Baustelle und Bauhütte, war Helena geboren worden; damals errichteten ihr Vater und seine Bauleute gerade die »Paradies« genannte Vorhalle der Klosterkirche. Hier, in der Klosteranlage und zwischen den Weinbergen Maulbronns war Helenas Zuhause. Ausgeschlossen, sich ein anderes auch nur vorzustellen!

Mit dem Ellenbogen drückte sie die schwere Klinke des Portals hinunter, schob es auf und betrat die Klausur. Ja, auch das hatte sie von ihrer Mutter geerbt – die Erlaubnis, diese an sich nur den Mönchen vorbehaltenen Gebäude zu betreten, um den Baumeister zu versorgen. Am nächsten Sonntag würde es damit vorbei sein, denn nach der Messe wollte der Abt die neuen Gebäude weihen.

Helena fand den Vater im neuen Speisesaal der Mönche, im Herrenrefektorium. Mehr Glas als Stein bildete die Wände des herrlichen Raums, und das Licht der Vormittagssonne flutete durch die vielen hohen Bogenfenster. Erst in der vergangenen Woche hatten die Bauleute ihres Vaters das Herrenrefektorium vollendet.

Mit dem Tablett in Händen stand Helena still, betrachtete die gewaltigen Säulen und staunte zu den prachtvollen Gewölben hinauf. Klein und bedeutungslos kam sie sich vor, und es schauderte ihr vor so viel Erhabenheit und Pracht.

Ihr Blick suchte den Vater. Vor der Mittelsäule hatte er den Fuß auf einen Säulensockel gesetzt. Das Skizzenbuch auf seinem Oberschenkel war aufgeschlagen. Den Kopf in den Nacken gelegt, schaute er in die Gewölbe hinauf. Sein wachsamer Blick wanderte über die steinernen Bögen, die sechs- oder siebenfach von jeder Säule nach oben strebten und die Gewölbe trugen und formten.

Helena stellte das Tablett auf dem großen runden Tisch vor einem der hohen Fenster ab. Stifte, Skizzenblätter und Modelle von Säulen und Kapitellen aus Ton und Wachs lagen auf ihm. »Guten Morgen, Herr Vater!« Sie ging zu ihm und küsste ihn auf die Wange.

Der Baumeister lächelte. »Einen gesegneten Tag wünsche ich dir, meine Tochter«. Dann senkte er den Blick und zeichnete einen Bogen in das Gewölbe ein, dessen Zeichnung bereits in seinem Skizzenbuch prangte. Kreuzrippengewölbe hatte er mit dicken Buchstaben darüber geschrieben.

Helena konnte, was selbst die Söhne des kaiserlichen Vogtes nicht konnten: lesen und schreiben. Sogar auf Französisch; die Mutter hatte es ihr beigebracht. Oft schon hatte sie im Skizzenbuch ihres Vaters geblättert und die zahllosen Abbildungen von Säulen, Gewölben, Rippenbögen, Arkaden, Kapitellen und pflanzenartigen Ornamenten betrachtet.

»Kommt zum Tisch, Herr Vater. Ihr müsst essen und trinken.«

»Sofort«, murmelte er geistesabwesend und blieb in seine Zeichnung versunken.

»Der kaiserliche Vogt und seine Familie haben Botschaft zum Abt geschickt.« Helena ging zurück zum Tisch. »Sie wollen heute Abend die Vollendung Eurer Arbeit mit uns feiern, Herr Vater.«

»Habe ich erwartet.«

»Vielleicht wird der Karl um meine Hand anhalten.«

»Vielleicht.«

»Vielleicht auch der Johannes.« Beide waren Söhne des Vogts.

»Schon möglich.« Der Vater legte wieder den Kopf in den Nacken, betrachtete das Gewölbe und das Kapitell der Mittelsäule so aufmerksam, als sähe er beides zum ersten Mal. Dann zeichnete er in sein Skizzenbuch, was er gesehen hatte.

Warum nur? Helena wunderte sich. Das Kloster war doch nun vollendet. »›Vielleicht‹?« Sie runzelte unwillig die Stirn. »Sonst sagt Ihr nichts dazu?«

Meister Bohnsack zuckte mit den Schultern, steckte seinen Kohlestift ein und klappte sein Buch zu. »Lass uns nach dem Fest über diese Dinge reden.« Er ging zum Tisch und rückte sich einen Stuhl vor das Frühstückstablett. »Ich danke dir, mein Kind.«

»Vielleicht will ich ja keinen von beiden.« Helena setzte sich auf den Tisch. »Wahrscheinlich sogar.« Sie griff nach dem Weinkrug und schenkte ihrem Vater ein.

»Ja, wahrscheinlich.«

»Im Grunde gefallen sie mir beide nicht wirklich ganz und gar. Doch irgendjemanden muss ich ja heiraten.« Schon als sie noch Kinder waren, hatten die Söhne und Töchter des Vogtes und Helena miteinander gespielt. »Sie werden einmal die Pferde und Rinder ihres Vaters besitzen, sie werden einmal Wald, Wiesen, Weinberge und Häuser rund um Maulbronn erben.«

»Und mit ihren Geschwistern teilen müssen«, gab der Vater kauend zurück.

»Welchen würdet Ihr Euch als meinen Mann wünschen?«

»Schwer zu sagen, mein Kind.« Irgendetwas schien den Vater zu beschweren, Helena sah es an den Falten auf seiner Stirn und um seine Mundwinkel. »Mir scheint, du bist noch ein wenig zu jung für die Ehe.«

Helena blies die Backen auf. »Bin ich etwa zu jung, Euren Haushalt zu führen? Bin ich zu jung, Euer Gesinde zu beaufsichtigen und Euer Geld zu verwalten?« Eine Zornesfalte stand plötzlich zwischen ihren dunklen Brauen. »Ich werde im Januar achtzehn, Herr Vater! Habt Ihr das vergessen?«

»Lass gut sein, mein Kind.« Meister Bohnsack griff nach dem Weinkelch. »Du weißt, wie sehr ich dich liebe.«

Er sah zu ihr hoch. Seine grauen Augen guckten hellwach, viele Furchen durchzogen sein graubärtiges, knochiges Gesicht, sein graues Haar hing ihm bis auf die breiten Schultern herab. Seine sehnigen Hände waren schwielig und groß. Er trug eine dunkle Wolltunika mit Säumen aus Fell. Seit achtzehn Jahren arbeitete er nun in der Klosteranlage von Maulbronn, ein Drittel seines Lebens.

»Jeden Morgen und jeden Abend danke ich Gott für dich, mein Kind. Lass uns morgen über diese Dinge sprechen, ja?« Er wandte sich ab und schlürfte seinen Wein.

»Ich geh jetzt zur Mutter«, sagte Helena ein wenig trotzig. »Die hört mir wenigstens zu und spricht mit mir.«

»Tu das, mein Kind.« Geistesabwesend langte Meister Bohnsack nach der Schüssel mit der Weizengrütze; er schien mit den Gedanken schon wieder ganz woanders zu sein. »Und bitte sorge dafür, dass ich ungestört bleibe, bis der Abt und die Familie des Vogtes zum Festmahl erscheinen.«

Auf dem Klosterfriedhof ging Helena vor dem Grab ihrer Mutter auf die Knie. Sie setzte das Blumengebinde dicht am Grabstein ab. Danach ließ sie sich auf ihre Fersen nieder und betrachtete den bunten Herbststrauß. Gelbe Rosen waren die Lieblingsblumen ihrer Mutter gewesen. Sie selbst mochte die weißen am liebsten.

»Die Speisen sind beinahe fertig, Frau Mutter«, sagte sie, »der Kalbsbraten ist wieder ein Gedicht geworden, und erst die Fasanen!« Helena spitzte die Lippen und schmatzte behaglich. »Nur der Herr Vater gefällt mir heute nicht. Speisesaal und Kapitellhalle sind seit Tagen fertig, und er läuft noch immer mit seinem Skizzenbuch zwischen Säulen und Gewölben umher. Und grübeln tut er auch. Was ihm wohl Kummer macht?«

Sie seufzte und betrachtete den Grabstein. Der Name ihrer Mutter war in den roten Sandstein gemeißelt. Marie-Magdalene. Der Blitz hatte sie erschlagen. Kein Mensch wusste, was sie im Gewittersturm in den Weinbergen zu suchen hatte.

»Der Herr Vater kann wohl nicht ohne Arbeit sein. Doch keine Sorge, geliebte Mutter, in der Vogtei gibt es genug Arbeit für einen Baumeister. Ich bete, dass der Bischof eine Kathedrale bauen lässt. Am besten in Pforzheim, Knittlingen oder Mühlacker.«

Helenas Blick wanderte über den Grabstein zur Friedhofsmauer und dann hinauf zu den Weinbergen. Dort oben hatte der Vater die Mutter gefunden. Im Frühling war es fünf Jahre her gewesen. Der Abt hatte ein Kreuz und eine Engelsstatue an der Stelle errichten lassen. Den schönsten Engel, den Helena je gesehen hatte.

»Davon träumt er doch schon, so lange er denken kann – als Baumeister eine Kathedrale zu errichten.« Sie schaute wieder auf den Grabstein. »Hat er davon nicht schon geträumt, als Ihr Euch kennengelernt habt? Damals in Chartres, als er noch ein junger Mann war und von seinem französischen Meister lernte, wie man ein Gotteshaus baut? So habt Ihr’s mir erzählt, Frau Mutter. Ihr erinnert Euch doch, oder?«

Die Glocken der Klosterkirche läuteten. Helenas Blick flog zum Turm. Das Läuten rief die Mönche zum Angelus, zum Mittagsgebet. Auch im Wald, auf dem Feld und in den Weinbergen verharrten sie jetzt, entblößten die Köpfe und bekreuzigten sich.

»Eine Kathedrale in Mühlacker würde mir gefallen, dann könnte ich den Herrn Vater jeden Sonntag besuchen. Und Euch auch.« Sie lächelte versonnen. »Ich würde Eure Enkel mitbringen. Und natürlich Vaters Lieblingswein und Lieblingsspeisen. Es sind ja nur wenige Wegstunden von den Gütern des Vogtes nach Mühlacker.«

Ein zweifelnder Zug legte sich auf ihr schönes Gesicht. »Obwohl – weiß ich denn wirklich sicher, dass ich einmal dort wohnen werde? Ich glaube, beide wollen mich, der Johannes und der Karl. Heute kommen sie zum Fest. Wie schade, dass Ihr nicht dabei sein könnt! Die ganze Familie des Vogtes kommt. Was meint Ihr, Frau Mutter – ob ich den Karl heiraten soll oder lieber den Johannes? Dem Vater ist’s gleich, scheint mir. Schade.«

Helena betrachtete das Grab und den kunstvoll bearbeiteten Grabstein. Er hatte die Form eines hoch aufragenden Bogens und war aus Buntsandstein. Das Grab war ein Familiengrab. In wenigen Jahren würde der Vater hier neben der Mutter liegen. Und irgendwann auch sie selbst. Vielleicht. Sie blickte sich um. Vielleicht aber auch im Familiengrab des Maulbronner Mannes, den sie einmal heiraten würde. Es sollte bald geschehen, denn etwas in ihr sehnte sich. Nach Nähe, nach Zärtlichkeit, nach Berührung.

Helena entdeckte ein spätes Gänseblümchen im Gras auf der anderen Grabseite. Sie richtete sich auf den Knien auf, beugte sich über das Grab und pflückte das Blümchen. Wieder auf den Fersen sitzend, lauschte sie in sich hinein.

»Wen ich lieber mag, wollt Ihr wissen, Frau Mutter?« Sie kicherte, zuckte mit den Schultern und begann die Blütenblätter des Gänseblümchens abzuzupfen. »Der Karl ist schöner und stärker. Doch der Johannes hat mehr Verstand, kann schreiben und fließend lesen. Sogar lateinische Schriften.«

Ein Schwarm Wildgänse zog am Himmel vorüber. Helena ließ die Blüte sinken und blickte ihnen hinterher. Wohin sie wohl zogen? Es musste schmerzlich sein, Herbst für Herbst seine Heimat zu verlassen. Hatten sie überhaupt eine Heimat, die Wildgänse?

»Ich bin froh, kein Zugvogel zu sein.« Sie zupfte weiter an der Blüte des Gänseblümchens herum. »Die Hände vom Karl sind grob und schmutzig, die vom Johannes fein und schlank. Er schreibt ja auch nur. Seine fraulichen Hände kann ich mir nicht recht vorstellen auf meiner Wange. Ich versuche es oft, wirklich – seine Hände auf meinem Gesicht, auf meiner Brust, auf meinen Hüften. Mir wird nicht recht warm dabei, Frau Mutter, wisst Ihr?«

Sie rief sich die Gestalt des ältesten Vogtsohns vor Augen und malte sich aus, wie er sie berührte. Ganz heiß wurde ihr, und etwas klopfte in ihrem Schoß.

»Wenn die Hände vom Karl bloß nicht immer so schmutzig wären!« Seufzend schüttelte Helena den Kopf. »Dann könnte ich mir sogar vorstellen, dass er mich küsst und mir Kinder macht. Wäre er doch bloß ein bisschen sauberer und ein bisschen klüger!« Sie warf das zerrupfte Gänseblümchen hinter sich. »Wisst Ihr was? Mir ist’s eigentlich auch gleich, wen von beiden ich heirate.«

Erschrocken, als würde sie eben erst bemerken, wie laut sie sprach, blickte Helena sich um. Niemand zu sehen. Sie lachte. »Was erzähle ich Euch hier alles! Ich wollte, Ihr wärt da, geliebte Frau Mutter.«

Sie beugte den Oberkörper über die Knie und stützte die gefalteten Hände gegen die Stirn. So verharrte sie eine Zeitlang und weinte ein bisschen. Danach ordnete sie die Herbstblumen, stand auf und küsste den Grabstein. »Ich mag gar nicht an den Vater denken, Frau Mutter, an sein bekümmertes Gesicht. Ich habe Angst vor dem, was ihn beschwert. Ja, richtig Angst.«

Auf dem Klosterhof begann schon am späten Nachmittag das festliche Treiben. Helena beobachtete es vom Küchenfenster aus. Die Bänke rund um den Zierbrunnen füllten sich mit Menschen. Vor allem die Männer der Bauhütte saßen schon beim Wein – die Steinmetze, Zimmerleute, Schmiede, Bildhauer und Maurer. Einige Mönche hatten sich bereits unter sie gemischt. Vom Abt und der Familie des Vogtes war noch niemand zu sehen.

Es würde eine lange Nacht werden, da war Helena sicher, denn für die meisten Männer der Bauhütte brach heute der letzte Abend in Maulbronn an. Jetzt, wo das Kloster endlich fertig war, hieß es Abschied nehmen.

Helena wurde das Herz schwer – die meisten der Handwerker kannte sie von Kindesbeinen an. Doch nun würde Meister Bohnsacks Bauhütte sich auflösen und die Männer würden dorthin ziehen, wo Kathedralen nach Art des Maulbronner Zisterzienserklosters im modernen französischen Stil gebaut und ihre Erfahrung und ihr Geschick gebraucht und gut bezahlt wurden. Also würden einige nach Straßburg, andere nach Naumburg oder Köln ziehen.

Helena sah viele junge Männer draußen stehen oder sitzen, einige auch aus Maulbronn und den umliegenden Weilern. Jeden einzelnen betrachtete sie genau. Nur ein Maulbronner kam für sie in Frage, daran gab es keinen Zweifel, allenfalls noch einer aus Mühlacker oder Knittlingen. Mehr als drei oder vier Wegstunden sollten Helena niemals trennen vom Grab der Mutter und von diesen schönen, traurigen Weinbergen.

Obwohl – der junge Bildhauer dort am Brunnen bei dem Küchenmönch und dem Bruder Gärtner sah wirklich hübsch aus. Sehr blond, sehr groß und mit sehr männlichen Zügen. Er war noch unverheiratet, und Helena hatte sich bereits ein paar Mal in ihn verliebt.

Das erste Mal gleich, als er vor drei Sommern aus Bamberg gekommen war. Dort hatte er Säulenkapitelle, Rosetten und Figuren für den neuen Dom gehauen. Davor war er in Straßburg gewesen, wo er seit früher Jugend am neuen Münster mitgebaut hatte. Er hieß Jacques, doch alle nannten ihn Jakob.

Einer wie er würde sicher in Maulbronn bleiben, wenn er einen guten Grund dafür fand? Und war eine schöne Jungfrau etwa kein guter Grund? Und der Vater würde ihn sicher behalten, wenn er seine Kathedrale in Mühlacker oder Knittlingen baute, denn der Franzose schlug schöne Bilder und Ornamente. Allerdings besaß er weder Land noch Geld.

Helena trat trotzdem aus der Küche und ging zum Brunnen. Die beiden Mönche rückten zur Seite, sodass sie neben dem hübschen Bildhauer Platz nehmen konnte. Auf der anderen Seite der Tafel saßen einige Steinmetze und Zimmerleute. Die begrüßten sie mit lautem Hallo und strahlenden Gesichtern. Helena war gern gesehen unter den Männern. Das wusste sie. Und sie genoss es.

Jemand schenkte ihr Wein ein, jemand schob ihr den Teller mit Käse und frischem Brot herüber. Sie aß und trank und plauderte nach allen Seiten. Am Ende der Tafel bedienten Mönche in weißen Tuniken und schwarzen Überwürfen Bettler, wandernde Handwerksburschen, Spielleute aus Italien und die Armen von Maulbronn. Unter ihnen war Pater Rochus. Helena winkte ihm zu.

Plötzlich fiel ihr unter den Steinmetzen und Zimmerleuten ein Mann auf, den sie noch nie gesehen hatte. Er trug einen Waffenmantel aus gutem Tuch und darunter einen Schwertgurt quer über einem Kettenhemd. Als Helena einen verstohlenen Blick unter den Tisch warf, fielen ihr die silbernen Sporen des Fremden auf.

Er sah müde aus und war außerdem viel zu alt für sie, also wandte sie sich irgendwann Jacques zu, dem blonden Bildhauer, und sprach ihn auf Französisch an. »Wie schön, dass unser Kloster nun fertig ist, nicht wahr?« Jacques strahlte sie an. »Und wie prachtvoll alles geraten ist: der große Speisesaal mit der hohen Fensterwand, der Versammlungsraum und das Paradies – erhaben und wunderschön!«

»Wunderschön!« Jacques hob den Weinbecher, den er mit seinem Sitznachbarn teilte, und stieß mit ihr an. »Die Zisterzienser sind sehr zufrieden mit uns, und Gott und die Heiligen auch, schätze ich!« Sie tranken.

Auch auf der anderen Seite des Tisches hoben sie die hölzernen Daubenbecher, riefen einander Trinksprüche zu und tranken abwechselnd. Helena wunderte sich, denn niemand hier schien wirklich in Abschiedsstimmung, geschweige denn wehmütig oder gar traurig zu sein.

»Schade nur, dass wir uns jetzt alle trennen müssen.« Helena setzte ihren Weinbecher ab. »Wo wir uns doch schon so lange kennen.« Sie seufzte und sah Jacques in die schönen blauen Augen. »Wie eine große Familie ist ja die Bauhütte geworden in all den Jahren. Und nun heißt es Abschied nehmen.« Sie seufzte tiefer, gab sich wehmütig und sah den Bildhauer erwartungsvoll an.

»Nix Abschiednehmen!«, rief er auf Deutsch. »Nur wenige ziehen ins Königreich Frankreich. Wir werden zusammenbleiben, die meisten von uns jedenfalls.« Er legte seine Hand auf ihre.

Helena spürte seine Berührung kaum, so verblüfft war sie. »Wie das?«

»Weil die meisten von uns mit Meister Bohnsack weiterziehen werden«, sagte einer der Steinmetze auf der anderen Tischseite. »Nur der Schmied und seine Söhne bleiben hier.«

»Weiterziehen?« Helena verstand überhaupt nichts mehr.

»Siehst du diesen edlen Herrn hier?« Ein Zimmermann deutete auf den Fremden. »Er ist ein Bote des Domkapitels von Magdeburg und des Erzbischofs. Man ruft Meister Bohnsack und uns nach Norden. Wir sollen den neuen Dom von Magdeburg weiterbauen.«

»Wir müssen nicht Abschied nehmen.« Jacques drückte ihre Hand. »Die meisten von uns ziehen mit dir und dem Meister an die Elbe hinauf!«

Helena saß wie vom Donner gerührt. Tränen stiegen ihr in die Augen, Tränen der Wut und des Schmerzes. Stumm stand sie auf, ließ die Feiernden hinter sich und wankte zum Portal der Klausurgebäude. Sie öffnete es, trat ein, wankte wie durch einen schlimmen Traum.

Schließlich trat sie in den neuen Kapitelsaal und stürzte an das Stehpult ihres Vaters, der dort über dem Plan eines schrägen Kreuzrippengewölbes grübelte.

»Sagt, dass die Steinmetze und Zimmermänner lügen!« Sie warf sich auf die Knie und ergriff den Mantelsaum ihres Vaters. »Sagt, dass es nicht wahr ist, Herr Vater! Sagt, dass wir für immer, immer hier bleiben werden! Für immer, immer in Maulbronn!«

»Sie lügen mitnichten, Helena.« Der Vater legte den Rötelstift beiseite. »Nichts bleibt für immer.« Er zog die Weinende hoch und schloss sie in die Arme. »Wir werden nach Sachsen gehen, hinauf an den Oberlauf der Elbe. Albrecht von Käfernburg, der Erzbischof von Magdeburg, baut den Dom des großen Kaisers Otto wieder auf. Er hat mich zu seinem neuen Baumeister berufen.«

Er küsste ihr die Tränen weg. »Freu dich doch mit mir – der berühmte Erzbischof Albrecht glaubt an meine Kunst!«

3
VOLLMOND

Rudelsburg, Markgrafschaft Meißen, Herbst 1227

Die Sonne sank, die Schatten wuchsen, es wurde kalt im Steinbruch. Die Männer luden die Blöcke auf, die sie heute aus dem Fels gebrochen hatten. Der Ochsenwagen bog sich bereits unter ihrer Last.

Ein letzter Felsblock lag noch in Steinsplittern und Staub, groß wie ein Bullenschädel. Moritz bückte sich nach ihm, hob ihn so leichthändig hoch, als wär’s nur eine Kiste Reisig, und stemmte ihn zu den anderen auf die Ladefläche. Die anderen Steinbrecher wechselten verstohlene Blicke.

»Genug für heute!«, rief der Erste Steinmetz. »In die Burg, auf geht’s! Mein Magen knurrt.« Die Männer legten ihre Keile und Hämmer zu den Steinblöcken auf die Ladefläche, zwei stellten sich vor die Ochsen und zerrten an den Stricken, ein dritter drosch mit der Peitsche auf das Gespann ein. Er musste kräftig zuhauen, bis die Räder sich bewegten und die sechs Ochsen die schwere Ladung endlich anziehen konnten.

Zwei Männer setzten sich auf den Bock, was der Burgmarschall streng verboten hatte. Doch der war weit weg – in Holstein kämpfte er an der Seite des Burgherrn und des Markgrafen gegen die Dänen.

Die anderen liefen wie üblich neben dem Karren her, plauderten, lachten, fluchten. Um Moritz kümmerte sich keiner. Alle wussten: Der war noch nie fortgelaufen, würde es auch heute nicht tun. Der junge Bursche schulterte seinen langstieligen Hammer mit dem wuchtigen Holzkopf und trottete hinter dem Ochsenkarren her.

Weglaufen – daran hatte Moritz oft gedacht in letzter Zeit.

Zwölf Erntedankfeste waren vergangen, seit die Gaukler ihn in die Rudelsburg gebracht hatten. Bis zum Wintereinbruch hatten sie den halb verhungerten Waisenknaben damals mitgenommen – über Stendal, Braunschweig, Goslar und Naumburg bis hierher an die Saale. Weil sie selber Hunger litten und den Winter fürchteten, hatten sie ihn an den Burgherrn verkauft, einen Ritter namens Hugo von Meißen. Der herrschte von der Rudelsburg aus über sechshundert Bauern, dreißig Handwerker, zwei Bergwerke, sieben Dörfer und drei Mühlen.

Der schwarze Gaukler hatte geheult beim Abschied. Moritz auch.

Zwölf Erntedankfeste später also, und Moritz war zu einem kräftig gebauten Burschen herangewachsen. Er war nicht der Größte unter den Männern des mächtigen Ritters Hugo, doch kaum einer in der Burg konnte es an Muskelkraft mit ihm aufnehmen. Das hatte die Arbeit in Steinbruch, Bergwerk und Wald gemacht, an die man ihn von Anfang an gewöhnt hatte; gleich nach dem ersten Winter in der Burg. Im September war er achtzehn geworden.

Der Wagen ächzte, die Räder quietschten, das Fuhrwerk rollte aus dem Steinbruch in den Wald und zur Saale hinunter. Die Männer scherzten, stellten Mutmaßungen über die Mahlzeit an, die sie in der Burg erwartete, erzählten von Frauenblicken und Küssen, die sie sich an diesem Abend erhofften. Moritz trottete stumm hinter ihnen und dem Gespann her. Gelbes Laub segelte aus den Birken, rotes aus den Buchen; es fallen zu sehen, machte ihm das Herz schwer. Er wusste selbst nicht, warum.

Der Waldweg mündete in den Uferweg, ein Entenschwarm erhob sich quäkend aus dem Wasser und flatterte flussabwärts. Moritz warf den Hammer an den Wegrand und lief in die Böschung und zum Ufer hinunter. Dort trat er sich die löchrigen Schuhe von den Füßen, wischte den Hut vom schwarzen Lockenkopf und streifte das verschwitzte Gewand ab. Seine Arme und Beine waren schwarz behaart. Von der anderen Flussseite aus äugte ein Graureiherpaar zu ihm herüber.

»Wirst du wohl von dem verfluchten Fluss wegbleiben, Wendenbalg?« Der Erste Steinmetz drohte mit der Faust. »Das Wasser ist viel zu kalt! Wer soll deine Arbeit machen, wenn du dir den Tod holst? He!«

Moritz stand schon nackt im Uferwasser. Die Reiher breiteten ihre Flügel aus und schwangen sich in die Luft. Dicht über der Uferböschung flogen sie flussaufwärts. Moritz sah ihnen nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwanden. Ein Reiher zu sein, überhaupt ein Vogel, das wäre schön.

Der Erste Steinmetz hörte nicht auf zu schimpfen. Moritz stieg tiefer in den Fluss. Seine Waden waren dick wie Keulen, seine Schenkel glichen wuchtigen Säulen. Ein Geflecht aus sehnigen Muskelsträngen zog sich von seinem Gesäß aus über seinen Rücken und Nacken und wölbte sich auf seinen Schultern und Armen. Zwischen seinen Schulterblättern prangte ein großes, rötliches Muttermal. Er tat, als hörte er das Gezeter des Vorarbeiters nicht und warf sich in die Saale.

Im vergangenen Herbst hätte es noch Prügel gesetzt für einen solchen Ungehorsam. Doch seit Moritz im Spätsommer auf der Dombaustelle in Naumburg zwei Maurer verdroschen und einen jungen Zimmermann im Jähzorn halbtot geschlagen hatte, wagte nicht einmal der Burgmarschall mehr, ihn anzurühren. Und der alte Steinmetz dreimal nicht.

Dessen Flüche begleiteten Moritz, während er mit kraftvollen Zügen über den Fluss schwamm. Er genoss sie beinahe so sehr wie das kalte Wasser. In seinen Ohren klangen sie gut, diese hilflosen Flüche: Sie stärkten die noch zaghafte Gewissheit der eigenen Kraft, die er nach der Prügelei in Naumburg zum ersten Mal gespürt hatte. Und die seitdem jedes Mal ein Stück gewachsen war, wenn er einen der Burgmänner bei einem bewundernden, neidischen oder ängstlichen Blick auf seinen Körper ertappt hatte.

Nein, er musste nicht alles tun, was man ihm befahl. Ja, er konnte Grenzen ungestraft übertreten, und irgendwann würde auch der Herr Hugo nicht mehr wagen, ihn zu schlagen.

Mit dem Bewusstsein der eigenen Kraft war noch etwas anderes in ihm erstarkt: die tiefe Sehnsucht, die ihn begleitete, seit der Burgmarschall ihn vor zwölf Jahren aus den Armen des weinenden Mohren gerissen hatte – ein unbestimmtes Heimweh, ein Durst nach Liebe und Leben. Gleich beim Aufstehen heute in der Frühe hatte er es wieder gespürt.

Zurück am Westufer bückte er sich nach seinen Kleidern und dem Hammer und schritt nackt hinter dem Fuhrwerk her, bis der Wind seine Haut getrocknet hatte.

Der Weg stieg zur Burg an. Der Ochsentreiber drosch auf das Gespann ein. Die Männer auf dem Kutschbock sprangen vom Fuhrwerk und drängten sich hinter ihm in die Menge der anderen, die sich dort schon gegen Räder und Verschlag stemmten. Gemeinsam schoben sie den schweren Wagen das letzte steile Stück bis zum Burggraben hinauf. An rasselnden Ketten senkte sich dort bereits die Zugbrücke. Das Pyramidendach des Bergfrieds glänzte in der Abendsonne.

Moritz schlüpfte wieder in sein Gewand, eine verschlissene Kutte aus grauem Sackleinen; der strenge Burgkanzler hatte selbst den niedrigsten Knechten verboten, sich außerhalb des Badehauses nackt zu zeigen. Als Moritz aufblickte, um die Torwächter auf den Zinnen zu grüßen, durchzuckte ihn jäher Schrecken: Im noch blauen Himmel neben dem Bergfried stand der bleiche Vollmond; alte Erinnerungen stiegen in ihm hoch, und Angst packte ihn.

»Bitte nicht, lieber Gott«, murmelte er. »Bitte keine Raserei.«

Er erschreckte nicht jedes Mal, wenn er den Vollmond sah, so tief. Nur an Tagen, wenn das alte Weh in ihm wühlte, die bohrende Sehnsucht. Dann ging es ihm wie jetzt, dann glaubte er, die Stimme der Mutter zu hören, und schlimme Bilder bedrängten ihn.

Moritz fürchtete sich vor der Nacht. Wenn er wieder außer sich geriet, würden sie sich nicht scheuen, ihn zu prügeln und einzusperren. Er ballte die Fäuste und stampfte laut auf den Bohlen auf, als er die Zugbrücke überquerte. Weg mit der Angst! Weg mit den Gesichtern! Weg mit den Stimmen und Gerüchen!

Die Ochsen zogen den Karren durch die Vorburg. Man sah hier nur Frauen und Kinder, denn die Burgmannen – ihre Männer und Väter – waren mit Burgherr und Marschall in den Krieg gegen die Dänen gezogen.

Moritz stapfte hinter dem Fuhrwerk und den Steinmetzen her durch den Zwinger und das Innentor und dann in den Burghof bis zur Baustelle. Zwei Stapel Steinblöcke türmten sich dort bereits. Hier, zwischen Bergfried und Palas, entstand eine weitläufige Herrenstube mit angebautem Zeughaus; manche nannten sie Rittersaal. Drei Mauern standen schon. Eine hatte Moritz fast allein gemauert.

Mit einem Buch unter dem Arm kam der Burgkanzler aus dem Palas, ein hagerer Mann in Mönchskutte und mit dem Gesicht eines Habichts. Er begutachtete die Ladung, schätzte die Anzahl der Blöcke und schrieb in sein Buch, was er gesehen und geschätzt hatte.

Moritz sah ihm zu und beneidete ihn – zu gern würde er mehr erfahren über die Kunst des Schreibens und Lesens. Er konnte nur wenige Buchstaben malen und benennen. Ein Bildhauer auf der Baustelle des Domes zu Naumburg hatte sie ihn gelehrt. Für jede Steinfuhre dorthin meldete er sich freiwillig, und einmal im Monat nahmen sie ihn mit nach Naumburg zur Sonntagsmesse. Und manchmal auch unter der Woche zum Markttag.

Der Küchenmeister läutete eine Glocke und rief zur abendlichen Tafel. Von allen Seiten strömten die Burgbewohner herbei. Einige ließen sich auf der breiten Treppe nieder, andere stiegen die Stufen zum Palas hinauf und verschwanden in dessen Untergeschoss, der Kemenate; so nannte man den großen Raum wegen seines Kamins, mit dem man im Winter den ganzen Palas beheizen konnte.

Von der Treppe aus sah Moritz die Burgherrin und ihre halbwüchsigen Kinder aus ihrem Gemach herabschreiten. Die Frau des Ritters von Meißen führte das Regiment während seiner Abwesenheit. Während seiner Anwesenheit sowieso, wie manche munkelten. Sie nahm ihren Platz an der Stirnseite der Tafel ein. Der Burgkanzler, ein Mönch, sprach das Tischgebet. Dann klapperten Löffel, Schüsseln und Becher, und Stimmengewirr und Geschmatze erhoben sich.

Drinnen, an der Tafel, aßen die Frauen der Burgmannen, der Jägermeister und seine Gehilfen, der Küchenmeister und seine Mägde, der Hofmeister, der Falkner, die Familie des Schmieds, der Erste Steinmetz und ein Dutzend Ritter samt ihrer Knappen, die der Herr von Meißen seiner Frau zum Schutz der Burg zurückgelassen hatte.

Neben der Burgherrin speiste der Kanzler und neben diesem ein Knappe des Burgherrn, ein Mann in Kettenhemd und mit wilden Augen. Bodo hieß er und war gut fünf Jahre älter als Moritz. Moritz hatte ihn lange nicht gesehen und nahm an, dass er im Lauf des Tages aus Holstein gekommen war. War der Krieg gegen den Dänenkönig vorbei? Stand etwa auch des Herrn Hugos Rückkehr bevor?

Draußen, auf der Treppe, scharte sich das niedere Gesinde um drei große Schüsseln: der Ochsentreiber, zwei Stallknechte, die Leute des Schweinehirten, die Steinmetze, ein paar Mägde. Und Moritz. Es gab Kohlsuppe mit Hafergrütze und Schmalz, dazu Weißbrot für die an der Tafel und Schwarzbrot für die draußen auf der Treppe.

In der Schüssel der Steinmetze schwammen kleine Stücke Speck. Mit ihren Holzlöffeln fischten sie danach. Und anders als noch vor der Prügelei auf der Dombaustelle zu Naumburg, achteten die Männer darauf, dass Moritz genau so viel Speck erwischte wie sie selbst. Keiner lästerte mehr seitdem, niemand außer dem Ersten Steinmetz nannte ihn noch »Wendenbalg« oder gar »stinkender Wendenarsch«.

Jene drei Naumburger auf der Dombaustelle waren die Letzten gewesen, die das gewagt hatten.

»Ihr seht hier Bodo, des Herrn Hugos Knappen!«, tönte drinnen bald die hohe Stimme des Burgkanzlers. »Er bringt gute Nachrichten aus der Grafschaft Holstein: Der Dänenkönig ist besiegt, sein Verbündeter, der Herzog von Braunschweig, gefangen und mit ihm viele Ritter und Knappen und sogar zwei dänische Bischöfe!«

Der Kanzler stand auf, bekreuzigte sich und fing an, auf Lateinisch zu beten. Ein Dankgebet vermutlich. Viele stimmten ins »Amen« mit ein, viele jubelten, viele riefen der Burgherrin Segenswünsche zu.

Moritz hatte mit erhobenem Löffel gelauscht. Holstein? Dänemark? Braunschweig? Wie mochte es dort aussehen? Wie konnte man zu diesen unbekannten und fernen Orten gelangen? Jene Sehnsucht packte ihn wieder, die ihn so oft ergriff in letzter Zeit.

Eine junge Frau trat aus der Kemenate, klein und füllig und nur wenig älter als Moritz. Bei ihr war ein Hund – groß, graupelzig und wolfsgesichtig. Sie ging neben Moritz in die Hocke, hielt ihm ein Messer mit einem Stück in Kohl gekochtem Schweinebauch vor die Augen. »Für dich.« Ihre grünen Augen lächelten.

Monica, die Schwiegertochter des Schmiedes und Frau des einzigen Mannes in der Burg, den Moritz manchmal seinen Freund nannte: Benno. Monica hatte rosige Backen, kurze, kräftige Glieder und einen üppigen Busen. Ihr Haar war von ähnlicher Farbe wie Weißbrotrinde.

»Danke.« Moritz zog seinen Dolch aus dem Gewand und spießte Monica das Bauchstück vom Messer. Die Steinmetze beäugten ihn neidisch. »Nikolaus und Benno kommen vielleicht bald wieder«, sagte Moritz.

»O ja.« Nikolaus hieß der Schmied, und Benno war sein Sohn, Monicas Mann. »Ich freu mich.« Sie stand auf. Ihr dicker Bauch wölbte sich unter ihrem Schurz; sie war mit dem ersten Kind schwanger. »Ich freu mich so sehr.« Sie winkte und ging. »Komm, Lupo!« Der Wolfshund folgte ihr.

Später stand Moritz im Burghof und starrte in den Himmel. Der Abend dämmerte über Gemäuern, Türmen und Dächern. Der Vollmond leuchtete düster und grüßte aus bösen Tagen, die längst vergangen waren und doch niemals vergehen würden. Moritz glaubte die Stimme der Mutter zu hören: Lauf, mein Kleiner! Lauf.

Er schluckte, riss sich los vom Anblick des trüben Himmelsauges, ging rasch zur Stallung, wo er in einer hölzernen Baracke zwischen dem steinernen Schweinestall und dem Verschlag für die Ochsen hauste.

Er dachte an Monica und den Sohn des Burgschmieds. Ja, auch er war froh, dass Benno aus dem Krieg zurückkehrte. Monica und Benno – sonst gab es kaum Gründe, nicht wegzulaufen. Außer, dass man ihn totschlagen würde, falls man ihn wieder einfing.

Neben seinem Strohsack spielte eine Katze mit einer schreckensstarren Maus. Moritz schob die Katze beiseite und schloss die hohlen Hände um die Maus. So trug er sie zu den Ochsen hinüber, wo sie raschelnd im Stroh verschwand.

Hinter seinem Strohsack bückte er sich durch eine Tür ins Halbdunkel seiner Werkstatt. Alle drei Talglampen zündete er an und an den Wänden sämtliche Kienholzspäne, die er noch hatte. Licht fiel auf die von schmutzigem Leinen verhüllte Säule mitten im kleinen Raum.

Auf dem langen Tisch – vier Brettern auf zwei Böcken – stand eine Frauenfigur aus Lehm. Vor ihr lagen vielfach gebrauchte Pergamente voller Kohlezeichnungen. Daneben zwei Zirkel, ein Spachtel, drei Klopfhölzer und ein Lederbündel. Moritz schnürte es auf und schlug das Leder zurück. Ein Satz Meißel kam zum Vorschein. Benno hatte sie ihm geschmiedet.

Behutsam zog er das Tuch von der steinernen Säule, nahm die Talglampe vom Werktisch und beleuchtete sie. Keine Säule, eine Statue aus Sandstein. Bennos Vater, der Burgschmied Nikolaus, hatte den Steinblock dem Herrn Hugo gegen eine Baumaxtklinge abgetrotzt. Für ihn, den »Wendenbalg«. Niemals würde Moritz das dem Schmied vergessen.

Er ließ den Lichtschein der Lampe erst über das Lehmmodell und dann über die Statue wandern. Sie war nur einen halben Kopf kleiner als er selbst. Die Schultern konnte man bereits erkennen, auch den rechten Arm und zwei Finger der nach vorn gerichteten rechten Hand. Er betrachtete das unvollendete Frauengesicht, musterte die ersten Linien der feinen Nase, den noch groben Zug des großen, lächelnden Mundes, die hochstehenden Wölbungen der Wangenknochen und die mandelförmigen Augenhöhlen. Eine Ahnung von Schönheit lag schon über allem.

Der Vater hatte im Steinbruch des Schweriner Grafen gearbeitet. Und war der Steinmetz des heimatlichen Burgwalls gewesen. Unter seiner Anleitung hatte Moritz erste Tierfiguren aus dem Stein gehauen. Danach eine Puppe, danach jenes Kreuz.

Vor sieben Jahren, als er zum ersten Mal Steinblöcke für den neuen Dom nach Naumburg brachte, hatte er den Bildhauern dort bei der Arbeit zugesehen. Und seitdem jede Gelegenheit genutzt, sie zu beobachten und mit ihnen zu sprechen.

Einer, ein Engländer, hatte ihn gelehrt, zu zeichnen und Modelle aus Lehm oder Wachs zu machen. Ein anderer, der zuvor am Dom zu Bamberg mitgebaut hatte, hatte ihm beigebracht, Gesichter zu hauen. Ein Dritter lehrte ihn, Finger und Füße zu modellieren, ein Vierter Kleiderfalten und Haar. Und sie lehrten es ihn bis heute – an beinahe jedem Markttag und an den Sonntagen, wenn er mit zur Messe durfte.

Seinen wichtigsten Lehrer jedoch traf Moritz auf keinem Markt, in keinem Dom, den trug er immer bei sich: die Liebe zu seiner Mutter und das Heimweh tief drinnen in der breiten Brust.

Moritz strich über das steinerne Gesicht, das noch lange nicht vollendet war. »Es ist Vollmond, Mutter«, flüsterte er. »Ich habe Angst vor der Nacht.« Er stellte die Lampe neben der Lehmfigur ab. »Ich habe Angst vor mir.« Er lehnte seine Stirn gegen die Steinstirn und verharrte mit geschlossenen Augen.

Ein paar Atemzüge später öffnete er die Augen wieder, hob den Kopf und betrachtete das Lehmmodell. Vorsichtig legte er die Statue schließlich zwischen zwei längs im Boden befestigte Balken. Dann griff er zum flachsten Meißel und dem leichtesten Klöpfel und hockte sich auf die Statue. Er setzte das Eisen unter ihren Augenhöhlen an und begann zu arbeiten.

Weglaufen von der Burg und Benno und Monica zurücklassen? Vielleicht. Weglaufen und das unvollendete Bildnis seiner Mutter zurücklassen? Niemals!

Moritz schlug den Stein, bis vor den kleinen Fenstern das letzte Tageslicht erlosch. Er schlug gegen seine Angst an, er arbeitete gegen die Raserei.

Irgendwann krachte etwas gegen die Barackenwand, dann auf das Pflaster des Burghofs. Moritz zuckte zusammen und lauschte. Eine Lanze? Eine Axt? Die Sachsen?

Draußen schlurften Schritte heran. Jemand pochte gegen die Tür. »Gib endlich Ruhe, Wendenbalg!« Einer der Torwächter. Wahrscheinlich hatte er einen Stein gegen die Hüttenwand geschleudert.

Moritz ließ Klöpfel und Meißel fallen. Er legte sich auf die Statue und presste seine heiße Stirn gegen die steinerne Stirn der Statue. »Vollmond, Mutter. Bete für mich.«

Er deckte die Statue mit dem Leintuch zu. Auf weichen Knien wankte er zu seinem Strohsack. Das Herz schlug ihm in der Kehle. Mit jeder Faser seines Leibes wusste er, dass es wieder geschehen würde.

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