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Die Königin von Saba

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Buch I Das Dschinn-Kind
    1. Zitat
    2. Die Botschaft des Wiedehopfs
    3. Die Tochter der Dschinn
    4. Kinderspiele
    5. Der Ruf des Wiedehopfs
    6. Kamelrennen
    7. Der Preis des Sieges
    8. Die Zelte der Mädchen
    9. Der goldene Drache
    10. Das dunkle Band
    11. Im Wadi
    12. Der Dämon und das Mädchen
  8. Buch II Die Stadt der zwei Paradiese
    1. Zitat
    2. In der Wüste
    3. Vater, warum?
    4. Auf steinerner Strasse
    5. Die Augen des Mukarrib
    6. Alabastergesichter
    7. Aufbruch aus den Zelten
    8. Wiederkehr der Dämonen
    9. Fest der Freude
    10. Brautnacht
    11. Guter Rat
    12. Im heiligen Hain
    13. Vom Heiraten
    14. Bettler vor der Tür
    15. Ostwärts nach Hadramaut
    16. Weine!
    17. Dschinnas auf dem Markt
    18. Jemand ist gekommen
    19. Die Götterhochzeit
    20. Der Schrei in den Bergen
    21. In den Gärten
    22. Böse Träume
    23. Der Traum der roten Ratten
    24. Anfang und Ende
    25. Die Sphinx
  9. Buch III Das Hohelied
    1. Zitat
    2. Unteilbar
    3. Der grosse Aufbruch
    4. Ferne Ufer
    5. Nicht Wüste, nicht Berg
    6. Reise durch den Sand
    7. Nachtvögel in den Gärten
    8. Opfer
    9. Im Haus des Herrn der Dschinn
    10. Das Königs-Spiel
    11. Der Pakt
    12. Die sieben Nächte
    13. In den Gassen Jerusalems
    14. Der Makel
    15. Der Sklavengesang
  10. Buch IV Die Rose in den Gärten
    1. Zitat
    2. Heimkehr
    3. In wildem Tanz
    4. Heimkehr
    5. Der Pfeil aus der Sonne
    6. Verschlossene Räume
    7. Marib und Hadramaut
    8. Vertrauen
    9. Die Hütte in den Gärten
    10. Schlangen und Hochzeiten
    11. Die Rose in den Gärten
  11. Epilog
  12. Nachwort

Über dieses Buch

Geboren mit einem verkrüppelten Fuß führt Südwind ein einfaches Beduinenleben am Rande der Wüste. Als ein Unwetter das Hirtendorf zerstört, flieht das Mädchen nach Saba, wo ihr Vater einer der Fürsten ist. Doch die mächtige Stadt wird beherrscht von einem mädchenmordenden Tyrannen, der jedes Jahr eine blutige Hochzeit feiert. Südwind spürt, dass allein sie die Kraft hat, die Macht dieses Mannes zu brechen, dass allein sie ohne Skrupel ist, dafür auch zu töten. Als sie aber nach vollbrachter Tat selbst den Thron Sabas besteigt, zeigt sich, dass sie als Frau von Feinden und falschen Freunden umzingelt ist …

Der Mythos um die sagenumwobene Herrscherin von Saba wird lebendig: Ein prachtvoller historischer Roman über eine mutige Frau, die einem Tyrannen die Stirn bietet und mit weiblicher Raffinesse und Intelligenz ihre große Liebe gegen Neider und Feinde verteidigt.

Über den Autor

Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin” hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.

Tessa Korber

Die Königin von Saba

Historischer Roman

»Ich bin keine Frau, ich bin eine Welt.«

FLAUBERT: Versuchung des heiligen Antonius

Buch I
Das Dschinn-Kind

... Da versammelte Sulaiman seine Heerscharen:

die Dschinn, die Menschen und die Vögel,

und stellte sie auf in Reih und Glied. ...

Er musterte die Vögel und sprach:

Wie kommt es, dass ich den Wiedehopf nicht sehe,

ist er unter den Abwesenden? ...

Doch nicht lange mehr verweilte der Wiedehopf fern,

kehrte zurück und sprach:

Ich habe etwas erfasst, was du nicht erfasst hast!

Gekommen bin ich dir aus Saba mit sicherer Kunde!

Wahrlich, ich fand eine Frau über sie herrschen.

Alles ist ihr gewährt worden. Einen mächtigen Thron besitzt sie.

Ich fand sie und ihr Volk sich anbetend neigen vor der Sonne ...

Koran, Sure 27

Sie war grazil wie eine Gazelle und schlau wie ein Wüstenfuchs.

Sie hatte die sanften braunen Augen des Rehs,

aber manchmal glitzerten sie auch golden

wie die eines Leoparden.

Al-Kisai, nach Clapp: Die Königin von Saba

Die Botschaft des Wiedehopfs

Der alte Arik ließ sich seufzend auf einem Stein im Schatten der Akazie nieder. Einsam stand der Baum am Fuße der schwarz zerklüfteten Felsen, die an dieser Stelle in die Wüste ausliefen, sich verloren zwischen Geröllfeldern und Sandhügeln, über denen der weiße Himmel zerfloss wie geschmolzenes Metall.

Der Weg hierher war weit gewesen, doch er hatte sich gelohnt. Drüben am Hang der Düne weideten seine Ziegen, weiße Flecken in fremdartigen, leuchtend grünen Wogen, die der Wind erzittern ließ wie die Flanke eines Tieres. Vor einigen Nächten hatte es geregnet am Rand der Wüste und damit diese seltene, rasch aufschießende Pracht hervorgebracht. Arik hatte es sofort gespürt, als er an jenem Abend aus dem Zelt getreten war, am Geruch der Luft, am Sirren der Insekten. Er hatte sogar den dunklen Vorhang des niedergehenden Wassers in der Ferne gesehen, den andere nur für eine seltsame Wolke in der Dämmerung gehalten hatte – schwarz wie der Bart des Regendämons Afrit.

Das gleichmäßige Rupfen der Tiermäuler drang bis zu dem alten Mann herüber und ließ ihn befriedigt nicken. Die törichten jungen Mädchen des Stammes, denen zumeist die Obhut über die Herden oblag und die so sorglos mit ihren Hirtenstöcken umhersprangen, sie wussten nichts vom Wüstenregen. Der letzte war gefallen, als sie noch nicht geboren waren, und den nächsten würden sie als Mütter sehen. Doch der alte Arik kannte ihn, und er würde sein Geheimnis mit niemandem teilen. Für wenige Tage nur würden Gras und Blumen blühen, würden die Ziegen fressen und ihre Milch reicher und süßer fließen. Sollten sie im Dorf doch lachen über ihn, der stur und stumm seine eigenen Wege ging.

Für einen Moment glaubte Arik, Gelächter zu hören und hellen Glockenklang, der vom Wind herangetragen wurde, und er hob den Kopf. Doch er hatte sich getäuscht. Ächzend legte Arik sich wieder auf dem flachen Felsen nieder, den Arm als Kissen unter dem Kopf, die harten, von der Sonne schwarzgebrannten Füße unter den Saum seines langen Gewandes gezogen wie unter den Schutz eines Zeltes. Umständlich zog er ein blaues Tuch heraus und legte es sich übers Gesicht. Ein letztes Fuchteln des Hirtenstockes vertrieb eine der großen Echsen, die eben noch den Platz mit ihm geteilt hatte. Ihr Maul öffnete sich lautlos, als er nach ihr stach, ihr kobaltblauer Schwanz färbte sich über der Wurzel rot vor Zorn, dann verschwand sie raschelnd im Dornengestrüpp. Recht so, dachte der alte Arik, meine Wut ist größer als deine.

Still lag er unter seinem Tuch, die Wärme auf seinen Gliedern wie ein Gewicht, und lauschte in die Stille. Er hörte jeden Tritt seiner Tiere. Er war nicht wie die jungen Dinger, die sich zur Mittagszeit trafen, um in selbstgebauten kleinen Zelten selbstvergessen zu schwatzen und zu dösen, von ihren Liebsten zu träumen oder sie gar dort zu verschwiegenen Schäferstündchen zu empfangen, während draußen die Luft unter der Hitze erzitterte und die Ziegen in die Irre streunten.

Der alte Arik hob das Tuch und spuckte aus. Mürrisch kratzte er sich am Schenkel und legte sich wieder zurecht. Er würde niemals ein Mädchen seine Herde hüten lassen, mochten die anderen noch so sehr spotten.

»Alter Arik«, hänselten sie ihn, wenn er an ihnen vorbeihumpelte, den Blick zu Boden gerichtet, »bitterer Arik. Leer ist dein Zelt wie ein ausgetrockneter Wadi, einsam bist du, allein wie der Wanderer in der Wüste, mürrisch bist du und stachelig wie eine Akazie.« Dann kicherten sie und zogen los mit ihren springenden Böckchen. Ihre Haare flatterten, und ihre Fußreife klirrten.

Geht nur, höhnte er dann im Stillen, geht und häuft Schande über euch und eure Eltern. Als ob er es je vergessen könnte, dass seine eigene Tochter genau so aufgebrochen war an jenem Morgen, hüpfend wie der Schlag eines fröhlichen Herzens. Und der Abend hatte sie nicht wiedergebracht. Unwillkürlich stieß der Alte ein lautes Ächzen aus, als die Erinnerung ihn übermannte.

Tagelang hatte Arik sie gesucht, hatte ihren Namen in die Wadis gerufen, sich über den Sand in die Wüste geschleppt, bis fast an die Grenzen der sagenhaften Totenstadt. Er war auch die schwarzen Hänge des Berges hinaufgeklettert, dorthin, wo der Steinbock ihm entgegentrat, Almaqh selbst, den göttlichen Mond zwischen den Hörnern. Es hatte keine Hoffnung in seinem uralten Blick gelegen, also hatte Arik seinen Stab fester gepackt, war umgekehrt und hatte sein Zelt aufgesucht, um dort zu bleiben.

Es war leer gewesen, das schwarze Zelt aus Ziegenhaar. Und alles Vertraute nun gleichgültig. Die silberne Kanne hatte rußig und kalt neben der erloschenen Feuerstelle gestanden. Kein Duft nach Tee war davon aufgestiegen, zubereitet von ihrer Hand und gewürzt mit Ingwer und Kardamom, geradeso, wie er es gerne hatte. Vierzig Atemzüge lang hatte sie den Tee stets ziehen lassen, genau vierzig, jedes Mal, ehe sie einschenkte in hohem Strahl und ihm die Tasse reichte. Keine konnte die Kanne so hoch halten, keine den dünnen Strahl so treffsicher in die Tasse schießen lassen wie seine Tochter. Auf der heißen, süßen Flüssigkeit hatte danach stets ein knisternder Schaum gestanden, den er genussvoll zu schlürfen pflegte. Sie hatte ihm lächelnd dabei zugesehen. Nun war er allein.

Mit gesenktem Kopf hatte Arik sich damals auf den sandigen Teppichen niedergelassen. Da war die Stimme an sein Ohr gedrungen. »Väterchen?«

Sein Herz hatte nur einen Schlag lang ausgesetzt. Es war nicht seine Tochter gewesen, die da sprach, nur irgend so ein apfelwangiges, schwarzäugiges, törichtes Ding, das hereinkam, um ihn in seiner Trauer zu stören, schüchtern auf den Ballen zu balancieren und lange zu zögern, ehe es Unsinn schwatzte. Er hatte den Kopf nicht gehoben zu dem, was das Mädchen ihm mitzuteilen wünschte.

Dass sie und ihre Freundinnen an dem Tag, als sein Augenstern verschwand, mehrere Dschinn gesehen hätten, dort, wo Sand und Felsen sich trafen. Auf prächtigen Kamelen seien sie geritten, mit goldenem Zaumzeug und einer Sänfte darauf mit Vorhängen, leuchtender als Granat, einem Palast der Morgenröte. Musik sei erklungen aus jenem Zug, die Seide hätte im Winde geknattert, silberne Glöckchen hätten geläutet und wunderbare Geister seien dabei gewesen. Arik hatte es sich mit zusammengepressten Lippen angehört, Wort für Wort, und bei jedem dieser dummen Worte war er ein wenig mehr gestorben.

Groß und schön seien diese »Geister« gewesen, wie keine sterblichen Männer es waren, mit funkelnden, kajalumrandeten Augen und Juwelen in den Bärten. Einfach unvorstellbar sei es gewesen, Arik hätte es nur sehen müssen. Arik hatte geschwiegen, um nicht zu schreien und auf das alberne Ding einzuschlagen. Oh, er konnte es sich nur zu gut vorstellen, jede Einzelheit der Szene.

Das Mädchen war unbekümmert fortgefahren. Einer hätte mit dem Finger auf sie gezeigt und etwas zu seinen Gefährten gesagt, da hätte ihr Herz gepocht wie noch nie zuvor, und sie sei rasch in ein Tamariskenwäldchen geflohen, aber seine Tochter, die sei wie verzaubert auf den prächtigen Zug zugegangen, ganz langsam, und verzaubert sei sie auch ganz bestimmt worden und mitgereist in ein fernes Feenreich. Sie selbst könne den Blick des Dschinns, der nach ihr gewinkt habe, nicht mehr vergessen, er sei eingebrannt in ihr Herz, und Arik solle es bitte ihrem Vater nicht erzählen, sie bete auch zu Almaqh deswegen jeden Abend und jede Nacht.

Arik hatte ihr seinen Segen gegeben und sie hinausgeworfen.

Erzählt hatte die Kleine ihre Geschichte dann trotzdem, jedem, der sie hören wollte. Und seither galt es im Stamm als ausgemacht, dass Ariks Tochter bei den Dschinn weilte. Der Alte war nicht unfroh deshalb. Es war besser, die Dummheit zu erdulden, als der Schande zu erliegen. Doch den Namen seiner Tochter brachte er seitdem nicht mehr über die Lippen. Und die Geschichten der Märchenerzähler erfüllten ihn mit Ekel. Er hielt sich abseits seither, ging zum Brunnen, wenn die anderen noch nicht aufgestanden waren, mied den Dorfplatz und suchte sich für seine Geschäfte alte Männer, wie er selbst einer war, die niemals etwas fragten und wenig Worte machten.

Nur einmal war der Älteste bei ihm vorstellig geworden. Mit ungeschickten, steifen Fingern hatte Arik ihm den Tee serviert. Der Älteste hatte dazu geschwiegen. So saßen sie lange und sprachen nichts. Schließlich setzte der Gast die Tasse ab.

»Meine Tochter«, begann er, »Hamyim, die Göttin der Sonne, steh ihr bei, denn sie taugt nichts.«

Arik wartete ab, was kommen sollte, denn die Einleitung entsprach nur den Sitten und verriet nichts. Es galt nicht als schicklich, laut die Tugenden einer unverheirateten Frau zu rühmen.

»Aber sie hat doch einigermaßen flinke Beine und versteht sich ein wenig auf das Vieh.« Der Älteste räusperte sich unbehaglich. »Jeden Morgen geht sie aus mit meinen Herden und bringt sie abends in voller Zahl zurück, gesund und wohlgenährt, Almaqh sei Dank.«

Arik hatte sich bei dieser Rede nicht gerührt. Der Älteste wandte sich ihm zu und schaute ihn mit seinen schillernden Augen an, in denen die Iris blass und das Weiße gelb geworden war wie Bernstein. »Sie könnte auch deine Tiere versorgen, für einen kleinen Anteil nur an der Milch. Was denkst du? Wir würden uns einigen.«

Statt einer Antwort hatte er zu Boden gestarrt. »Ich will es mir überlegen«, hatte er schließlich hervorgebracht. Mehr hatte er nicht gesagt. Mehr war auch nicht vonnöten. Sie hatten schweigend nebeneinander gesessen, auf den heißen Spiegel ihres Tees geblasen und behutsam die Tassen geleert. Dann hatte der Älteste ihm die Hand auf die Schulter gelegt. »Es muss ihr nicht schlecht gehen«, er zögerte, »wo sie jetzt ist.«

Arik hatte nicht einmal genickt.

Da war der Älteste gegangen und nicht wiedergekommen.

Arik hustete, rau und unfroh. Seine Kehle war trocken geworden in der Hitze. Keuchend richtete er sich auf. Dschinn, dachte er. Als ob er es nicht besser wüsste. Die da mit ihren Kamelen durch die Wüste zogen, waren alles andere als Geistererscheinungen, sie waren Menschen wie er und die Leute seines Stammes auch. Aber wundersam waren sie, hochmütig und böse. Er hatte viel davon gehört. In seiner Jugend hatte er mit Weihrauch gehandelt unter den Stämmen und war ein wenig herumgekommen, weiter als die meisten, die er kannte. Dabei war er nicht bis in die Gegenden der Sesshaften selbst vorgedrungen, aber an den Lagerfeuern der Händler, die er besuchte, war so manche Geschichte über sie erzählt worden.

Arik kannte die Stätten, wo sie Häuser bauten aus Stein und wo sie das Wasser stauten, damit es ihnen Gärten aus der Wüste zauberte. Sie fürchteten den Wasserdämon Afrit nicht mehr, sondern sperrten ihn ein, ohne ihm gehörige Opfer zu bringen. Sie zogen Linien in den Wüstensand, die keines Menschen Auge sehen konnte, und vergossen darum Blut. Sie gingen bunt gekleidet einher und horteten Schätze, wie sie kein Nomade jemals sehen würde.

Vielleicht Marib, dachte er, vielleicht Sirwah. Oder auch Timna, das weit im Osten lag. Er kannte die Namen aus dem Mund der Reisenden. Aber was hatte es für einen Sinn, über Namen nachzudenken? Namen bedeuteten nichts, Orte bedeuteten nichts. Mühsam richtete er sich auf; seine Knochen taten ihm weh. Nur die Zeit entschied über alles. Er war nicht mehr jung genug, stundenlang auf dem Stein zu liegen. Er würde in diesem Leben keinen Fuß mehr aus diesen Bergen heraussetzen. Das blaue Tuch zerknüllte in seinen dürren Händen. Dann schwirrte es über ihm, und Arik schaute auf.

»Pu-pu-pu!«, rief der Vogel und setzte sich auf einen Ast direkt über seinem Kopf. Ein zweiter kam dazu, faltete artig seine Flügel und stimmte in den Ruf mit ein. »Pu-pu-pu!«

Erstaunt betrachtete Arik die beiden Wiedehopfe. Mit ihren langen, eleganten Schnäbeln und den spitzen Hauben, dem schwarzweiß gestreiften Gefieder, das wie ein um die Schultern gelegter Mantel aussah, erinnerten sie ihn an geputzte Mädchen. Ja, sie erschienen ihm wie die geheimnisvollen Frauen, die in jenen fernen Orten leben mochten, an die er eben gedacht hatte, Geschöpfe des Luxus und der Schönheit.

»Pu-pu-pu«, erklang es wieder.

Arik hob seinen Stock, um die Störenfriede zu vertreiben. Da sah er sie.

Sie hatte ihren Umhang um sich geschlungen wie die Vögel, doch der ihre war blau und aus einem Stoff, den Arik nicht kannte. Er leuchtete azurner als der Himmel selbst, geradeso, als wäre er aus dem Horizont geschnitten. Sogar das frische Grün der Wiese wirkte stumpf dagegen. Wahrhaftig, so konnte man sie für eine Dschinnfrau halten. Arik senkte den Kopf. Ihre schamlose Pracht entfachte seine Wut.

Die Füße seiner Tochter steckten in kleinen, bestickten Pantoffeln, funkelnden Kunstwerken, die nichts mit dem staubigen Boden gemein hatten, den sie berührten. Arik sah ihre Arme, geschmückt mit Bändern aus Silber, Perlen und Edelsteinen, er sah ihre Ringe, ihre hennagefärbten Hände. Ihr Gesicht betrachtete er nicht. Dann bemerkte er das Kind, das sie fest an sich gedrückt hielt. Der Schal, den sie darum gewickelt hatte, flatterte im Wind, rot wie der Zorn der Echse.

Die Tochter der Dschinn

Schweigend ließ sie sich neben ihm nieder. Er erkannte die Art wieder, wie sie mit einer Hand den Rock über die Fersen zog. Sie sagte nicht »Vater«; und er nickte grimmig. Hätte sie es getan, er hätte sie geschlagen. So schwiegen sie eine Weile. Wenn sie sich bewegte, erzitterten ihre Schläfengehänge, Silberschauer, die das Kind zu entzücken schienen, dessen Händchen aus dem Stoff danach griffen. Arik bemerkte es aus den Augenwinkeln. Ohne dass er es wollte, fesselte ihn das Schauspiel.

»Es geht dir also gut«, brachte er nach einer Weile heraus. Sein Hals fühlte sich wund an bei diesen Worten, als hätte der Wind Sand hineingeweht.

Er bekam keine Antwort, doch schien ihm, als ob sie die Ringe an ihren Fingern wohlgefällig betrachtete. Die Hände des Kindes versuchten ungeschickt, den begehrten Schmuck zu erreichen. Die Mutter kam ihm nicht dabei entgegen.

Arik öffnete schon den Mund, um sie darauf aufmerksam zu machen. Dann schloss er ihn wieder. Er würde zu der Sache nichts mehr sagen. Wenn sie sich entschuldigte, nun gut, man würde sehen. Arik musste sich eingestehen, dass er nicht nur einmal davon geträumt hatte, wie es sein würde, wenn sie zurückkehrte, abgerissen, elend, eine Verlorene. Er hatte sich dann vorgestellt, wie er sie aufnehmen und pflegen würde und wie sie mit letzter Kraft seine Hand in ihre nähme, ihre Lippen darauf drückte und ihn um Verzeihung bäte für all die Schande, die sie über ihn gebracht hatte. Ja, er gab zu, er hatte ihr jedes Mal vergeben, tränenreich, und ihr mit vor Rührung zitternder Hand die sterbenden Augen zugedrückt.

Aber diese hier, geschmückt wie ein Götterbild und ungerührt – nein, er würde nichts mehr dazu sagen. Das Kind gluckste leise.

»Ich bringe dir eine Tochter«, sagte sie. War das wirklich ihre Stimme?

Arik wandte den Kopf ab. »Ich habe keine Tochter mehr«, krächzte er mühsam. »Sie hütete das Vieh und ging in die Irre.«

»Jetzt ist sie zurück«, war die Antwort. Dann beugte sie sich vor und legte ihm das Kind in seinen Schoß. Ehe er sie zurückstoßen konnte, spürte er das kleine Gewicht auf seinen Beinen. Unwillkürlich erstarrte er, als könnte jede Bewegung die Kleine zerbrechen.

Arik konnte nicht anders, als sie zu betrachten. Augen wie Tauben, dachte er und verfolgte den unruhigen Flügelschlag der langen Wimpern. Zähnchen wie Perlen.

»Wie ...«, setzte er an. Wie heißt sie, hatte er fragen wollen. Eine Bewegung an seiner Seite ließ ihn aufschauen. Seine Tochter hatte sich ohne Gruß erhoben und war zu einem Felsen gegangen, hinter dem er erst jetzt ein Reitkamel bemerkte. Ehe er etwas sagen konnte, saß sie schon im Sattel. »Hathathat«, rief sie und mied seinen Blick. Ihre Bewegungen waren entschlossen, ihre Stimme ungeduldig, der Tritt ihres Tieres lautlos. Ihr flirrendes Bild weit draußen über dem Sand war bald schon nicht mehr als ein Schemen.

Tränen stiegen in Ariks Augen. »Wird sie mir auch davonlaufen, wie du?«, schrie er ihr verzweifelt hinterher.

»Pu-pu-pu«, antwortete der Wiedehopf.

Jeder Schatten im Flimmern über der Wüste war verschwunden. Arik senkte geblendet den Blick.

Das Kind in seinem Schoß drehte suchend den Kopf hin und her, brabbelte und weinte sacht. Als Arik ihm einen Finger hinhielt, umklammerte es ihn, führte ihn zum Mund und saugte daran. Mühsam, mit der freien Hand auf den Stock gestützt, stemmte Arik sich hoch. Die Kleine hatte offenbar Hunger; der Gedanke beflügelte ihn; er hätte nicht zu sagen vermocht, warum.

So rasch er konnte, humpelte er aus dem Schatten, den kleinen Hügel hinab und zu seinen Ziegen hinüber. In seiner Hirtentasche war ein wenig Brot, das wollte er der Kleinen in frische Milch einbrocken. Unter Schnalzen und Schmeicheln trieb er die Herde auseinander, als er unter sie trat, um das Muttertier zu suchen, das er im Sinn hatte. Behutsam legte er sein kostbares Bündel ins hohe Gras, um melken zu können.

»Hoh, halt still, Alte!« An den Hörnern zog er die widerstrebende Ziege in die richtige Position und begann das Euter zu bearbeiten. Schäumend spritzte die weiße Milch in die Holzschale. Wenn er nur einen Schemel hätte und einen Eimer. Sein gekrümmter Rücken schmerzte bei dieser Arbeit, doch Arik war froh. Ohne es zu merken, summte er vor sich hin und leckte, als er fertig war, einige süße Tropfen von seinen Lippen.

Dann wandte er sich nach dem Kind um. Mit gutmütigen Scheltworten vertrieb er die neugierigen Ziegen, die begonnen hatten, an dem roten Tuch zu knabbern.

»Mein Zicklein«, begann er, »mein Stern, so leuchtend wie Almaqhs Scheibe, hier ist ...« Dann verstummte er. Die Milchschale rutschte aus seiner Hand. Laut meckernd stürzten die Ziegen sich auf das weiße Nass, das von den Halmen tropfte. Sie umdrängten Arik, stießen ihn beinahe um, der nur wie erstarrt dastand und das Kind ansah. In ihrer Neugier hatten sie das Tuch, in das die Kleine gewickelt gewesen war, zerwühlt und beiseite gezogen. Nun lag sie nackt da und streckte Arik die Arme entgegen.

Der aber konnte seinen Blick nicht von ihrem linken Fuß wenden. Die Zehen waren zusammengewachsen, zwei zur Rechten und drei zur Linken, was ihn aussehen ließ wie einen gespaltenen Ziegenhuf. Ein Dämonenfuß, durchfuhr es ihn, und er erschrak. Rasch ging er einige Schritte weg und schaute sich um. Da lag das Kind rosig im Grünen und greinte leise. Ariks erster Impuls war, es dort liegen zu lassen. Seine Tochter hatte es nicht haben wollen, das begriff er nun. Niemand würde es haben wollen, es war, als läge ein Fluch auf seiner Existenz. Arik packte seinen Stock fester und rief nach den Ziegen. In diesem Moment schrie das Kind zum ersten Mal, laut und schrill. Als hätte es verstanden, dass man es alleinlassen wollte.

Arik blieb stehen. Er biss die Zähne zusammen, so fest er konnte. Laufen musste er, so rasch er konnte, nur fort von hier. Das Kind schrie wieder. Zornig hieb Arik ins Gras, mähte Blumen nieder, wütete gegen Halme. Doch er ging keinen Schritt. Ein weiterer Schrei. Arik keuchte. Dann drehte er sich um. Schweiß und Tränen rannen ihm über das Gesicht. Die Kleine verstummte sofort, als ihr Blick den seinen fand. Almaqh, betete Arik stumm, diese Bürde ist zu groß für mich, ich bin nur ein alter Mann, mein Leben war schon zu Ende. Doch sein Herz klopfte vor Erwartung bis zum Hals. Das Kind schaute ihn noch immer mit großen Augen an. Taubenaugen, dachte Arik, und in der Stille schloss sich ein Bündnis.

Arik nahm sein blaues Tuch und wischte sich übers Gesicht. Mit neuer Kraft humpelte er dann zu der Kleinen zurück, nahm sie hoch, wickelte sie sorgsam wieder in ihre Hülle ein und drückte sie an seine Brust. Dort, im Schatten seines Umhangs, ruhte sie den ganzen Heimweg. Er kannte ihr Gewicht nun schon, sie lag dort, als wäre der Platz die ganze Zeit für sie bereit gewesen. Arik rief seine Ziegen. Dann begann er zu pfeifen.

»Habt ihr das gesehen?«, rief jemand, als Arik sich dem Dorf näherte. Und in der Tat war es ein ungewohnter Anblick. Seit Jahren hatten die Bewohner der Zelte ihn nicht so beschwingt ausschreiten und so gut gelaunt den Stock schwingen sehen. Seine Ziegen umspielten ihn wie eine fröhliche Flut, und die Kinder umdrängten ihn und zogen an seinen Kleidern. Er verjagte sie nicht, wie er es sonst tat, mit Schelten und Räuspern und drohenden Gebärden, sondern schien sich gutmütig mit ihnen zu unterhalten.

»Was zeigt er ihnen da?«, wollte eine junge Frau mit gerunzelter Stirn wissen und trat näher. Ihre Gefährtinnen folgten ihr. »Hat er ein Zicklein dabei?«

Halb darauf gefasst, mit einem Schimpfwort empfangen zu werden, kamen sie zögernd näher. Einige der Kinder liefen fort zu ihren Müttern, zupften sie an den Röcken – man hörte ihre eifrigen hohen Stimmen – und zogen sie ebenfalls hin zu Arik inmitten seiner Herde, der stolz aufgerichtet dastand. »Väterchen«, schmeichelten sie vorsorglich, »Alter, Herr der milchweißen Ziegen, was hast du da?«

Bald sahen sie alle das Bündel in seiner Armbeuge.

»Ein Kind?«

»Er hat tatsächlich ein Kind.«

Der Ruf machte die Runde. Nach den Kindern und Frauen ließen nun auch die Männer ihre Würde beiseite. Die Neugier trieb sie von ihren Plätzen vor den Zelten hinaus auf den staubigen Platz, wo sie den Alten umringten. Arik hüllte seinen Schatz sorgsam in seine purpurfarbene Hülle und umschloss die zappelnden kleinen Füße in ihrem Versteck mit seiner Hand. »Ein Kind der Dschinn«, verkündete er seinem Stamm.

Der Älteste kam und beugte sich stirnrunzelnd über das Mädchen. Er wagte nicht, seine Zweifel laut zu äußern, doch Arik las sie in seinen Augen.

»Ich ging in die Wüste, dorthin, wo Afrit letzte Nacht seinen Segen ausgeschüttet hat, und da fand ich sie.« Arik blickte in die Runde. Watar, der Geschichtenerzähler, stand neben dem Ältesten und kratzte sich am Bart. Arik musste lächeln, als er ihn sah.

»Ich fand sie inmitten einer grünen Wiese. Dort war ein Zelt aufgeschlagen, blau wie der Himmel und weit wie der Horizont. Zwei Vögel, groß wie Menschen, saßen an seinem Eingang. Als ich fliehen wollte, riefen sie meinen Namen. Da nahm ich all meinen Mut zusammen und trat ein.«

Ein Raunen ging durch die Menge. Watar wiegte zögerlich den Kopf. Er wusste, die Dschinn verstanden sich darauf, Zelte von großer Schönheit und sagenhafter Geräumigkeit zu erstellen. Sie konnten ganze Täler, Wüsten, ja Städte überspannen und doch so fein zusammengelegt werden, dass sie in den Kokon einer Seidenraupe passten. Er hatte oft selbst davon erzählt.

Auch Arik wusste das. Und er fuhr beflügelt fort: »Im Inneren wartete eine wunderschöne Frau auf mich. Ich fiel auf die Knie und wollte den Saum ihres Gewandes küssen, das ganz von Gold und Edelsteinen war, denn ich hielt sie für eine Königin. Doch sie sagte, sie wäre nur eine bescheidene Dienerin des Dschinns, der im Palast der Morgenröte herrsche und der meine Tochter zu seiner Lieblingsfrau genommen hätte.«

Ein kleiner Schrei unterbrach ihn. Arik bemerkte die Gefährtin seiner Tochter, die ihn damals in seinem Zelt aufgesucht hatte. Sie hielt ihr Gesicht, dessen Wangen vor Aufregung glühten, mit beiden Händen und wiegte sich wie in Trance. »Ich hab’s gewusst«, flüsterte sie aufgeregt, immer wieder. »Ich hab’s gewusst. Habe ich es nicht gewusst?« Aufgekratzt hüpfte sie umher und rüttelte ihre Freundinnen an den Schultern, ehe sie sich mit leuchtenden Augen wieder Arik zuwandte. »Oh, es ist so wunderbar.«

»In der Tat«, brummelte der Älteste, noch nicht überzeugt. »Und diese Dienerin hat dir dein Enkelkind übergeben, wie?« Die anderen rückten atemlos näher.

Arik hüstelte. »Ja«, antwortete er dann mit fester Stimme. Seine Hand legte sich beschützend auf die Brust des Kindes. Es war eingeschlafen, bemerkte er, der kleine Kopf zur Seite gesunken. In der Beuge seines zarten Halses konnte er nun erstmals etwas ertasten. Es war ein Anhänger; die Kette spannte sich, als Arik ihn hochhob. Er blitzte in der Sonne wie nichts, was die Stammesleute je gesehen hatten. Heller als die bronzenen Fußreifen der Mädchen, leuchtender als die bestpolierte Feiertagsteekanne, der Stolz jedes Zeltes, funkelnder als die Oberfläche einer Quelle in der Sonne, über die der Wind haucht.

Das musste Gold sein, überlegte Arik. Er erkannte die Hörner des Almaqh und dankte dem Gott in einem stillen Gebet, dass seine Tochter nicht unter Ungläubige gefallen war. Doch die Zeichen darunter konnte er nicht deuten. Und etwas wie den Stein, der zwischen diesen Hörnern strahlte, durchsichtig wie Wasser, aber rot wie Blut, hatte er noch nie zuvor mit eigenen Augen gesehen.

»Das ist ein Rubin«, stellte der Älteste fest und versuchte, sich sein leises Erschrecken nicht anmerken zu lassen. »Rubin«, schnarrte er noch einmal, und wie ein Echo wurde das Wort von den anderen hier und dort wiederholt. Es war wie ein Kreis, der sich im Wasser ausbreitete und in dessen Mitte Arik stand, stolz und still. Ich habe den Stein geworfen, dachte er. Nun werden wir sehen, wohin er fliegt.

»Er symbolisiert den Palast der Morgenröte, aus dem sie stammt«, erklärte er. Er wunderte sich dabei selbst über die Sicherheit in seiner Stimme. »Und in den sie eines Tages zurückkehren wird.« Sorgsam rückte er dann die Kette um den Hals des Kindes zurecht und senkte dabei den Blick auf die kleine Brust. Er war dankbar, so die unerwartete Beklommenheit verbergen zu können, die bei seinen letzten Worten in ihm aufgestiegen war. Er hatte gesagt, was ihm als Erstes in den Sinn gekommen war, ohne darüber nachzudenken. Konnte es sein, dass er in einem hellsichtigen Moment die Wahrheit prophezeit hatte? Würde sie ihn wieder verlassen?

Ein plötzlicher Schmerz wallte in Arik auf, und er hielt fest an sich gedrückt, was zu halten die Götter ihm geschenkt hatten. Sie wird mir das Herz zerfleischen, dachte er.

»Watar?« Der Älteste wandte sich an den Geschichtenerzähler, der zugleich der Hüter ihrer Überlieferungen war. Was er nicht in seinem Gedächtnis bewahrte, das war niemals geschehen.

Watar neigte sich über das Kind. Sein langer Bart berührte beinahe die weiße Haut. Unwillkürlich wich Arik ein wenig zurück. »Ich habe schon von solchen Dingen gehört«, murmelte Watar. Seine Hand mit den gelben, gesprungenen Nägeln streckte sich aus, um die schlafende Kleine vorsichtig anzutippen, verharrte aber in der Luft. Zögernd sagte er: »Es gibt Geschichten über derartige Dschinnkinder in der Überlieferung.« Aber keine war so gut wie die des törichten Alten, und Watar grollte Arik ein wenig dafür, dass diese Geschichte nicht ihm selbst gehörte. Dann fiel ihm ein, dass niemand ihn daran hinderte, sie weiterzuerzählen, sie umzuformen, auszuschmücken, erst perfekt zu machen und in die Form zu bringen, in der sie schließlich wahr werden würde. Für ihn, für den Stamm, für die Nachbarn und selbst für die Götter. Er richtete sich auf und blickte Arik streng an.

»Diese Dienerin der Dschinn, sie verschwand wie ein Nichts?«, fragte er in strengem Ton.

Arik beeilte sich zu nicken. Wie ein Nichts, dachte er. War es nicht so gewesen?

»Und es blieb nichts zurück als ein betörender Wohlgeruch?« In Watars Frage schwang schon der Triumph desjenigen mit, der recht behält.

Arik dachte an den Duft des Grases, über dessen Blütenrispen die Bienen summten. Er dachte an das Aroma der Milch und den Geruch der gesunden Ziegen. »Ja«, bestätigte er erneut und mit Überzeugung.

Watar richtete sich auf und nickte dem Ältesten zu. Der wiederholte die Geste gegenüber den wartenden Stammesmitgliedern. Die bisherige Stille wich mit einem Schlag aufgeregtem Geplauder. Jeder wollte sich zu den unglaublichen Ereignissen äußern. Arik fühlte sich wie in der Mitte eines Sandsturmes, so prasselte der Lärm auf ihn ein und benahm ihm den Atem. Da hob Watar die Hände. Er war noch nicht fertig.

Die Menschen wurden wieder still.

»Offensichtlich«, begann er, »und höchst bemerkenswert ist, dass das Mädchen zu uns kam, nachdem Afrit, der Regendämon, sich uns gezeigt hat.« Er schaute Arik in die Augen, der plötzlich bleich geworden war unter seiner Sonnenbräune. Warum nur hatte er nicht für sich behalten können, was er doch niemandem hatte erzählen wollen? An die Ziegen, an das Wohl der Ziegen hatte er gedacht und war morgens schweigend zu seinem grünenden Geheimnis aufgebrochen. Warum nur war er nicht auch schweigend heimgekehrt und hatte das Wohl des Mädchens ebenso gehütet? Was hatte ihn plötzlich so stolz gemacht? Arik senkte den Blick.

Die anderen nickten, noch erregter, vorfreudig jetzt. Es leuchtete ihnen ein. Die Kleine konnte niemand anderes sein als die Braut des Dämons. Was für ein Segen für ihre Zelte. Die Mütter drückten ihre Töchter enger an sich.

Arik hielt das Kind nun so fest, dass es erwachte und zu zappeln begann. Große, glänzende Augen öffneten sich seinem Blick. Unwillkürlich schossen ihm die Tränen in die Augen. Es musste nicht sein, dachte er. Es war gut möglich, dass es niemals geschah.

»Wie soll sie heißen?«, fragte jemand.

Watar öffnete den Mund.

Arik, der wusste, was er sagen würde, kam ihm zuvor. »Südwind«, sagte er, hastig und entschieden. »Ihr Name ist Südwind.« Er blinzelte und schaute trotzig auf. »Die Dschinnfrau hat es mir gesagt.«

Watar holte tief Luft, dann schloss er den Mund wieder. Der Älteste stieß bekräftigend seinen Stock auf den Boden. »Südwind«, wiederholte er. »So soll es sein.«

Kinderspiele

»Ksss«, machte das Mädchen und stocherte mit einem dürren Zweig nach der Eidechse, die abwehrend ihren Kopf hob. Das dreieckige Maul des Tieres öffnete sich zu einer lautlosen Drohung. Das Mädchen strich seine glänzenden Zöpfe zurück und rückte noch ein Stückchen näher. »Komm, kleiner Drache, ich verzaubere dich.«

Konzentriert verharrte sie in ihrer Kauerhaltung, beugte sich erneut über das Tier und berührte sacht mit der Stockspitze seinen Schuppenpanzer, dicht neben der pulsierenden Halsader. Sie war sich sicher, dass ihr Zauber wirkte, dass er mit jedem Schlag des kleinen Herzens dort durch die Adern der Echse wanderte. Bald würde sie ein Drache sein, das Reittier einer Dschinnprinzessin – das war natürlich sie selbst –, und sie würde aufsteigen und davonfliegen, um ihr Reich zu inspizieren: dort den Kiesel, der ihr Gebirge war, den Wald der Gräser hinter der trockenen Wasserrinne, in dem das Spinnenvolk hauste, und den Ginsterpalast, in dessen Blüten die Dschinnfürsten lebten.

Vorsichtig streckte sie den Finger aus. Die Haut der Eidechse war trocken und kühl. »Trag mich«, flüsterte sie.

Südwind war gern in der Gesellschaft von Tieren. Sie waren zutraulich und ließen zu, dass sie sich ihnen anschloss, um ihre kindlichen Spiele mit ihnen zu spielen. Menschen waren da viel schwieriger, abweisend und unverständlich. Sie kamen nicht einmal in ihren Phantasien vor. Mit Ausnahme ihres Großvaters natürlich. Der lebte dicht beim Ginsterpalast. Auf der Bank eines knorrigen, silbrig vertrockneten Astes saß er meist, als alter Vertrauter des Feengeschlechts, um dessen Reich er als einziger Mensch wusste. Neben ihm ließ Südwind sich manchmal nieder, hieß ihr Reittier die grünen Schwingen falten und machte Rast, um von ihren letzten haarsträubenden Abenteuern zu berichten.

Doch zunächst entdeckte Südwind den glänzendschwarzen Panzer des Käferritters. Sie riss an den goldenen Zügeln ihres Drachens, um tiefer zu gleiten, und zückte noch im Flug ihren magischen Krummdolch.

Die Kleine war so in ihr Spiel versunken, dass sie die Horde Kinder, die neugierig näher kam, gar nicht bemerkte. Sie forderte gerade den schwarzen Ritter mit einer kühnen Rede zum Zweikampf heraus. Ihre Wangen röteten sich vor Aufregung, ihre Lippen bewegten sich in stummer Zwiesprache.

Ein Junge legte den Finger an die Lippen, um den anderen zu bedeuten, still zu sein. Dann schlich er sich an die kauernde Südwind heran. Er machte seine Sache gut; es gelang ihm, unbemerkt nahe genug zu kommen, um den Saum ihrer weiten Tunika zu fassen. Blitzschnell packte er zu und riss ihn, so weit er konnte, nach oben.

»Südwind, blas mir den Rock hoch!« Laut und fröhlich trompetete er es hinaus, sichtlich entzückt von seinem Erfolg. Ein lachender Chor von Zuschauern antwortete ihm.

Südwind fuhr auf. Sie ließ den Zweig fallen, mit dem sie gerade versucht hatte, die Eidechse zu zähmen. Das smaragdgrüne Tier verharrte einen Moment auf dem staubigen Boden, inmitten des Durcheinanders zappelnder brauner Füße. Sein Puls am hochgereckten Hals pochte aufgeregt und heftig. Dann flüchtete es wimpernschlagschnell unter einen Stein. Die Rangelei wurde immer heftiger.

»Lass los, oder du bereust es!« Südwinds Drohung war ebenso hilflos wie ihre Befreiungsversuche. Noch immer hielt ihr Angreifer sie am Kleid fest, so sehr sie auch mit ihren Fäusten auf ihn einzuschlagen suchte. Er duckte sich nur lachend und riss den Stoff noch einmal hinauf, so hoch, dass sie schon glaubte, ihn reißen zu hören. »Südwind, blas mir den Rock hoch.«

Der Gedanke, dass ihre nackten Beine den Augen der anderen schutzlos ausgeliefert waren, machte Südwind fast rasend. Tränen der Wut rannen ihr über das Gesicht, während der Junge begann, sich schneller und immer schneller um sich selbst zu drehen, wie ein Kreisel, und sie dabei herumzuschleudern. Die Fliehkraft brachte ihn außerhalb ihrer Reichweite. Gezwungen, im Kreis herumzutaumeln, blieb ihr nichts, als zu versuchen, sich auf den Beinen zu halten. Die schwarzen Zöpfe schlugen ihr ins Gesicht; die bunten Bänder daran flatterten fröhlich, wie Südwind zum Spott. Ihr wurde schwindelig.

Endlich stolperte und stürzte sie und riss ihren Quälgeist mit sich. In einer Staubwolke fielen die beiden Kinder übereinander. Südwind spürte den heißen Schmerz, als ihre Knie auf den Boden schlugen. Aber sie nutzte die Gelegenheit, dem anderen, so fest sie konnte, in den Bauch zu treten. Befriedigt sah sie, wie er von ihr abließ, nach Luft schnappte und sich auf dem Boden krümmte. Dann raffte sie ihren Rock zusammen und zog ihn sich hastig über die Beine.

»Hast du den Fuß gesehen? Iiiiih!« Behaglicher Grusel klang mit in den Stimmen der Kinder, die sie umstanden und mit den Fingern auf Südwind wiesen.

»Einen Ziegenhuf hat sie!«

»Da sind Haare drauf!«, ließ sich jemand vernehmen.

»Gar nicht wahr«, wollte Südwind rufen, aber es kam nur ein Kieksen. Ein dicker Kloß in ihrem Hals hinderte sie am Sprechen. Er war so groß, dass er wehtat. Und wie sie auch schluckte, sie bekam ihn nicht hinunter. Sie duckte sich noch etwas weiter zusammen, bemüht, so wenig wie möglich von sich preiszugeben.

»Zeig doch noch mal«, verlangte ein großes Mädchen mit verfilzten Haaren und fordernder Stimme, das seinen kleinen Bruder auf der Hüfte trug. Das Kleinkind starrte Südwind mit riesigen schwarzen Augen verständnislos an und nuckelte an seinem Daumen. Niemand vertrieb die Fliegen in seinen Augenwinkeln. Südwind hörte sie in einem Moment der Stille summen.

Ein Scherzbold aus der letzten Reihe wiederholte wenig originell: »Südwind, blas mir den Rock hoch.«

Doch niemand ging auf seine Anregung ein. Dafür machte sich einer von den größeren Jungen aus der Gruppe los. Südwind wusste, dass er Tubba hieß. Er trat vor und winkte seinem Bruder, es ihm nachzutun. Unternehmungslustig schoben die beiden die Ärmel ihrer Tuniken nach oben. Südwind sah die Muskeln unter ihrer braunen Haut; sie waren ohne Zweifel stärker als sie, viel stärker. Ihr Herz begann zu klopfen. Unwillkürlich robbte sie ein wenig zurück, die Füße noch immer unter dem Rock verborgen wie unter einem Zelt. Ihr erster Angreifer, der noch immer neben ihr auf dem Boden lag, versuchte, sie an der Hand festzuhalten, doch sie entzog sich ihm. Hastig sprang sie auf.

»Du zeigst uns das jetzt«, verkündete Tubba mit ernster Miene. Sein Ton duldete keinen Widerspruch. Die anderen nickten. Sein Gefährte verzog den Mund zu einem Grinsen. Südwind sah die strahlendweißen Zähne in seinem sonnenverbrannten Gesicht. An ihren Wimpern hingen noch Tränen, als sie den beiden entgegensah, aber ihr Mund war fest zusammengepresst. Noch ehe die Jungen sie erreichten, wirbelte sie herum und rannte los, so schnell sie konnte.

»Haltet sie!«, kreischten die Kinder begeistert und machten sich an die Verfolgung.

Die Jagd ging durch das ganze Lager, zwischen den Zelten hindurch, und sorgte für einiges Durcheinander. Aufgeregt meckernde Ziegen sprangen zur Seite und schlugen aus, als die lautstarke Meute ohne Rücksicht auf sie zustürmte.

»Kinder! Kinder!« Die Frauen vor dem Zelt, die beim Brotbacken zusammensaßen, hoben abwehrend die weiß bemehlten Hände. Sie husteten und wedelten herum, um den Staub zu vertreiben, der ihnen ins Gesicht stob. Sie bliesen über ihre Teigfladen, die sie vorsichtig reinigten, aber sie lachten dabei. Dann nahmen sie ihre Arbeit und ihr Gespräch wieder auf; ihre langen braunen Finger kneteten den Teig und tätschelten die Fladen, rasch und geschickt, ohne dass sie auch nur hinzusehen brauchten. Angeregt zitterten ihre Schläfengehänge, und die kajalumrandeten Augen blitzten, während sie miteinander plauderten. Keine sandte Südwind auch nur einen Blick hinterher.

Das tat allein Watar. Stirnrunzelnd verfolgte er das Geschehen über die Schulter einiger Männer, die sich bei ihm versammelt hatten. Er sah, wie gazellenflink Südwind um die Zelte hetzte. Doch so schnell sie auch war, sie verlor das Rennen. Ihre Verfolger teilten sich und schnitten ihr den Weg zu ihrem Zuhause ab. Einen Moment in die Enge getrieben, zögerte Südwind, dann rannte sie in die Schotteröde hinaus, auf den Fuß der nahen Berge zu.

Die Kinder des Stammes liefen ihr nach, die größten vorneweg, die kleineren hinterher. Das Schlusslicht bildete das Mädchen mit dem Säugling auf der Hüfte, die ärgerlich hinter den anderen herrief, dass sie doch auf sie warten sollten.

Watar klopfte seinem Gesprächspartner entschuldigend auf die Schulter und ging in die Richtung, in die der Zug verschwand.

Südwind erreichte unterdessen das Ziel ihrer Flucht, die ersten Felsen. In dicken schwarzen Säulen türmten sie sich an dieser Stelle jäh einige Meter auf. Die Wände waren porös, weichgeschliffen vom Wind und heiß von der Sonne. Südwind war nicht zum ersten Mal hier und wusste, in welche Spalten und Mulden sie ihre nackten Füße klemmen musste, um an den steilen Wänden emporzukommen. Entschlossen griff sie nach einem Vorsprung und machte sich an den Aufstieg. Mit wenigen geübten Bewegungen war sie oben. Dort befand sich ein Absatz zwischen den Säulen, eine Mulde, gut verborgen vor den Blicken der unten Stehenden, bewachsen mit zitternden gelben Blüten und gefüllt mit einer Reihe scharfkantiger Steine. Die Erfahrung hatte Südwind gelehrt, einen Vorrat für schlechte Zeiten anzulegen.

Sie nahm den ersten in die Hand, spürte beruhigend seine harte, staubige Wärme, sein Gewicht, das ihre Faust schwer machte, und beugte sich neugierig vor. Die ersten Verfolger hatten sich bereits am Fuß ihres Refugiums versammelt. Tubba trat gerade an den Felsen, musterte ihn fachmännisch und suchte nach einem Weg hinauf. Großspurig erklärte er den anderen, wie er es machen würde. Südwind neigte sich vor, zielte und traf ihn schmerzhaft am Kopf.

Er begriff nicht gleich, was ihn da verletzt hatte, rieb sich die Stirn und schaute sich um mit einem Gesichtsausdruck, der Südwind laut auflachen ließ. »Du bist viel zu plump und zu dämlich, um hier heraufzukommen.«

Tubba schüttelte die Faust in ihre Richtung. »Was du Missgeburt fertigbringst, kann ich schon lange.« Er versuchte, seine Drohung wahr zu machen, aber ein niederprasselnder Steinregen hinderte ihn daran.

Unten bückten sich die Ersten nach passenden Steinen, um die Kanonade zu erwidern. Aber sie fanden zunächst nur Brocken getrockneten Schlamms aus dem nahe gelegenen Wadi, von der Sonne hartgebacken, aber leicht und bröselig. Sie flogen nicht hoch genug und zerbarsten am schwarzen Basalt zu kleinen Wölkchen aus Staub. Boten wurden zurückgeschickt, von dem Schotter zu holen, kleine Hölzer flogen, eilig aus trockenem Gestrüpp gerupft. Tubba und seine Freunde kommandierten die anderen wie zu einer Belagerung, und die beteiligten sich gern an dem spannenden Spiel. Sie waren vollkommen damit beschäftigt, sich Südwinds zu bemächtigen.

Die hockte oben und duckte sich in ihre Mulde, um den ersten anfliegenden Steinen zu entgehen. Sie zeigte sich, wenn wieder alle Würfe gefehlt hatten, und lachte, so laut und so böse sie konnte. Sollten sie sich doch schwarz ärgern. Dabei war ihr eher zum Weinen zumute. Ihre aufgeschlagenen Knie pochten schmerzhaft, und wann immer ein Stein sie streifte, zuckte sie zusammen, selbst wenn der Treffer harmlos war. Gern hätte sie sich eingerollt wie ein kleines Tier und geweint, aber sie musste Tubba im Auge behalten, der unter dem Schutz des Steinhagels, den seine Truppen losließen, immer wieder versuchte, die Höhe zu erklimmen.

Da, es ging wieder los. Mit klopfendem Herzen drückte Südwind sich enger an die Innenwand der Mulde. Eins, zwei, drei, vier, fünf ... Noch immer prasselten die Steine gegen den Felsen. Wie weit Tubba wohl schon gekommen war? Ob sie es wagen konnte, den Kopf über den Rand zu schieben?

Da traf sie ein Stein, so dass sie zurücktaumelte. Südwind wurde es schwindlig.

»Treffer!«, rief jemand. »Jetzt haben wir sie!«

Der Ruf des Wiedehopfs

Auf einmal hörte sie eine Stimme. »Kinder, was treibt ihr da?«

»Wir fangen die Missgeburt«, krähte es fröhlich.

»Aber, aber.« Watar, der Geschichtenerzähler, schüttelte den Kopf. Er winkte Tubba, der auf halber Höhe in den Felsen hing, nicht vor- und nicht rückwärts kam und ganz froh zu sein schien über die Gelegenheit, sich mit einem Plumps auf die Erde fallen zu lassen. Ohne eine Spur von Scham trabte er heran.

Südwind reckte in der plötzlichen Stille den Hals. Vorsichtig, ohne sich zu zeigen, lugte sie über den Rand. Sie sah den Geschichtenerzähler, der die Kinder des Lagers um sich versammelt hatte und mit ihnen sprach. Was er ihnen wohl sagte?

Mir doch egal, dachte Südwind bei sich. Sollen sie doch alle verschwinden, soll der Boden sich auftun und sie samt und sonders verschlucken. Ich hasse sie.

Tatsächlich zogen die Kinder bald darauf ab, in kleinen, fröhlich plaudernden Grüppchen. Das wird euch noch leidtun, wollte Südwind hinter ihnen her brüllen, doch sie schwieg und blieb in ihrem Versteck. Watar stand da herum, als wollte er anwachsen. Würde er denn gar nicht gehen?

Als der Geschichtenerzähler nach einer Weile immer noch nicht verschwunden war, richtete Südwind sich ärgerlich auf. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, machte sie sich an den Abstieg. Geschickt hangelte sie sich von Griff zu Griff und machte sich die engen Spalten im Fels zunutze, in die ihre kleinen Füße gut hineinpassten. Aber sie spürte Watars Blicke dabei auf sich ruhen, das ärgerte sie und machte sie zugleich unsicher, so dass sie einmal fehlgriff, sich schmerzhaft in den Fuß schnitt und beinahe abgerutscht wäre.

Als sie endlich unten war, merkte sie, dass sie nicht richtig auftreten konnte. Jetzt bewege ich mich tatsächlich wie eine Missgeburt, durch seine Schuld, dachte sie, na wunderbar. Sie war weit davon entfernt, Watar für ihre Rettung dankbar zu sein. In meiner Burg hätte ich es ewig ausgehalten! Diesen Satz in Gedanken immer wieder wiederholend humpelte sie mit zusammengepressten Lippen an dem Geschichtenerzähler vorbei. Oh, wie sie es hasste, ein Schauspiel zu bieten.

Watar betrachtete sie lange. Was er sah, war nichts als ein kleines Mädchen, knochig, dürr und ungelenk, wie Kinder es eben sind. Aber ihre Glieder verrieten, dass sie einst groß und schlank sein würde, mit schönen Proportionen, langen Beinen, schmalen Fesseln.

Ihre Haut war samtig, als könnte die Sonne sie nicht verbrennen. Der Staub lag auf ihr wie Goldpuder. Ihr überaus schmales Gesicht mit der geraden Nase war stolz, und so blickten auch die Augen. Groß, schwarz, von den Wimpern schwer beschattet, doch ohne eine Spur von Trägheit. Aufmerksamkeit stand darin, ein gut verborgener Schmerz – und glühender Zorn.

Südwind warf ihre Flechten zurück, als sie an Watar vorbeiging, sieben nachtschwarze Zöpfe, für jedes ihrer sieben Jahre einen. Arik in seinem Stolz auf die Enkelin hatte rote und blaue Bänder hineingeflochten.

Watar musste lächeln. Ja, auch der Alte wusste es; dieses Mädchen war für etwas Besonderes bestimmt. Er hob die Hand, um ihr über den Scheitel zu fahren. »Na, meine kleine Wasila?«

Blitzschnell duckte Südwind sich unter seiner Berührung weg. »So heiß ich nicht«, blaffte sie. Das war alles, was sie sagte. Und so schnell sie konnte, lief sie davon.

Unwillkürlich schloss Watar die Finger zur Faust. Kein Dankeschön, dachte er, na warte. Er schaute ihrem eiligen Humpeln nach und musste wieder lächeln. Wasila bist du doch, dachte er, rasch fließendes, flüchtiges Wasser. Und in meiner Hand bist du ebenso. Er hob die Faust, um sie sofort wieder zu öffnen. Mit ehrerbietig ausgestreckten Händen senkte er den Kopf. »Und natürlich in der deinen, Afrit, groß an Macht und Gebieter der Dunkelheit.« Gebete murmelnd stand er da, den Bergen zugewandt.

»Großvater?« Südwind war so erleichtert, wieder im schützenden Dämmer des Zeltes zu stehen, die gewohnten Gegenstände zu sehen, den Teppich, die verbeulte Kanne, die vertrauten Düfte zu riechen, nach Holz, Ziege und Weihrauch, vermischt mit einem Hauch von Kardamom, dass ihr die Tränen kamen, noch ehe sie den alten Mann selbst erblickte.

Er schaute auf, als sie hereinkam. Als er lächelte, stürzte Südwind sich mit dem Gesicht in seinen Schoß, umschlang seine Hüften und begann, heiß und heftig zu schluchzen.

Statt eines Grußes hob Arik nur hilflos die Hände. »Na, na, was ist denn ...«, murmelte er verwirrt und verstummte vor ihrem Kummer. Unsicher begann er, über ihren bebenden Rücken zu streichen, langsam, mit trockenen, knisternden Altmännerhänden.

Wie mager sie war, wie deutlich sich die einzelnen Wirbel unter dem Stoff abzeichneten. Und doch war sie zäh, seine Kleine. »Es ist ja gut«, murmelte er begütigend, wieder und wieder. Obwohl eine Stimme ihm sagte, dass das nicht stimmte. »Es ist ja alles wieder gut.«

Ein protestierendes Schniefen antwortete ihm.

Arik erfuhr die Geschichte zwischen erstickten Schluchzern; er hörte gar nicht genau hin, es war immer dasselbe. Anfangs hatte er nach solchen Vorfällen seinen Stock in die Linke genommen, Südwinds kleine Hand in die Rechte, und war zu den Eltern der Kinder gegangen, wo er zornige Reden führte. Es war nichts dabei herausgekommen. Man war ihm freundlich begegnet, hatte auf die wilde Natur von Jungen verwiesen, auf die natürliche Grausamkeit von Kindern dieses Alters, auf ihre Neugierde, die nicht böse gemeint sei. Nichts war je böse gemeint. Und es sei ja auch nichts geschehen.

Man schob Südwind getrocknete Datteln in den Mund und strich ihr über den Scheitel, rasch, fast hastig. Und Arik sah es an dem nervösen Lächeln der Leute: Im Grunde ihres Herzens teilten sie die Vorbehalte ihrer Kinder. Der Alte wusste, was sie im Stillen dachten: War die Kleine etwa nicht missgestaltet? War sie nicht monströs? Konnte sie nicht dankbar sein, dass sie so unbehelligt unter ihnen lebte? Arik seufzte. Er konnte die Stimmen beinahe hören. Wer die Stirn besaß, so einen Makel zu besitzen wie Südwind, der hatte gefälligst nicht zimperlich zu sein. So sahen es die Leute wohl.

Arik hörte nicht auf, Südwind zu streicheln, die monotone Bewegung beruhigte sie beide und versetzte sie beinahe in eine Art Trance. Das Schluchzen in seinem Schoß wurde leiser. Wenn es nur das wäre, spann der Alte seine Überlegungen fort. Er konnte es nicht deutlich formulieren, doch er fühlte, dass Südwinds Leben einfacher wäre, wenn sie sich mit ihrem Platz am Ende der Reihe als armer Krüppel begnügen würde. Aber so war sein Mädchen nicht gemacht. Arik fühlte es, und es schnitt ihm ins Herz. Unwillkürlich drückte er sie fester an sich. Sie war schön, seine Südwind, kein Mädchen, das dem Stamm je geboren worden war, war schöner gewesen. Und Arik hatte viele von ihnen gesehen in ihren Sommern.

Ich bin voreingenommen, sagte er sich und strich ihr doch mit glücklichem Lächeln die wirren Haare aus dem Gesicht, die sich aus ihren Zöpfen gelöst hatten und nun auf ihrer heißen, feuchten Haut klebten. Südwind wehrte ihn ab und versteckte ihr verweintes Gesicht. Störrisch war sie auch, eigensinnig und stolz. Ein richtiger Wildfang, dachte er, halb traurig, halb triumphierend. Nichts nahm sie hin, ohne Fragen dazu gestellt zu haben, alles musste man ihr erklären. Südwind war fordernd. Stets wollte sie Antworten, Aufmerksamkeit, Zuneigung. Wie heftig ihre Zärtlichkeiten manchmal waren. Wie ein mutwilliges Zicklein stieß sie ihm manchmal den Kopf in die Seite, so dass er seinen Stock fester packen musste, und drückte sich heftig an ihn. Als ob sie wüsste, dass ihr die entscheidende Liebe, die ihrer Mutter, vorenthalten worden war. Als ob sie ahnte, dass in ihrem Leben ... Hier brach Arik ab und drückte seine Enkelin nun seinerseits so fest an sich, dass sie erstaunt nach Luft schnappte und sich zappelnd befreite.

»Heh, du erstickst mich ja!«, protestierte sie und schaute ihn schmollend an. Arik wischte ihr Tränen und Schmutz aus dem Gesicht. Wenn es nach ihm ginge, sollte sie alles bekommen, was sie sich wünschte. Er würde ihr Rosengärten und Paläste schenken, ganze Königreiche und einen Prinzen dazu. Weiße Tauben sollten sie umflattern und der Mond ihr zulächeln. Unwillkürlich lächelte er selbst, während er sie betrachtete. Aber er hatte nichts als seine Liebe. Arme Südwind.

Arm? Nein! Heftig wallte es in Arik auf. Er würde sie einhüllen in diese Liebe, würde sie vor ihr aufpflanzen wie einen Schild, ein Schutz gegen die ganze Welt. Ariks Herz klopfte, dass er glaubte, die Brust zerspränge ihm, und für einen Moment glaubte er, alles zu vermögen. Zärtlich nötigte Arik sie, den Kopf auf seinen Schenkel zu legen. Und während er mit ungeschickten Fingern ihre Zöpfe löste und neu flocht, begann er das alte Märchen zu erzählen von dem Dschinnkind, das er einst fand und das eines Tages zurückkehren würde in sein Zauberreich. Er malte die Wunder der anderen Welt, ihre goldenen Treppen und silbernen Glocken, ihre Truhen voll Edelsteine und kostbaren Wohlgerüchen so inbrünstig aus, dass er beinahe glaubte, sein Zelt verwandele sich unter seinen Worten. »Und der Herrscher, dein Vater, reitet auf einem weißen Elefanten mit goldenen Zähnen.«

»Was ist ein Elefant?«, hatte Südwind früher an dieser Stelle immer wissen wollen. Heute fragte sie. »Wann, Großvater, wann kommt er?«

Der Zauber zerstob; Arik saß wieder in seinem schäbigen Zelt, ein alter Mann mit gichtigen Fingern, der nichts mehr vermochte. Er murmelte etwas Undeutliches.

»Und wird er Tubba verprügeln?« Südwind richtete sich auf und schaute ihn an.

Arik machte eine abwehrende Geste. Es ekelte ihn vor der eigenen Schwäche. »Ach, lass doch Tubba«, knurrte er. »Er ist ein Dummkopf, ein Nichts.« Er wandte sich ab und stocherte mit seinem Stock in der Asche. »Sie sind nur neidisch, weil du etwas Besseres bist als sie«, stieß er mit einem Mal heftig hervor. »Etwas ganz Besonderes.«

Zum ersten Mal ließ Südwind den Kopf hängen. »Ich will aber nichts Besonderes sein«, sagte sie leise. »Ich will, dass sie mit mir spielen.«

Arik starrte vor sich hin und schüttelte den Kopf. Es dauerte einen Moment, bis Südwind ihn verstand. »Da kann man nichts machen«, brachte der Alte hervor. »Ein jeder ist, was er ist.«

Lange saßen sie schweigend nebeneinander. »Ich hasse sie«, sagte Südwind irgendwann.

Arik machte eine Bewegung, antwortete aber nichts.

Draußen stieg die Mittagshitze, alle Geräusche wurden leiser. Es waren keine Stimmen mehr zu hören, nur von ferne der Schrei eines Vogels. Südwind fragte sich, ob es ein Wiedehopf war, der sie rief.

Kamelrennen

Das Geschrei der Zuschauer war ohrenbetäubend. Selbst die Kamele, aufgereiht fern der Menge am Rand des dürren Tamarisken-Wäldchens, dem Startpunkt ihrer Rennbahn, wurden von der Aufregung berührt. Sie vernahmen den fernen Lärm wie das Rauschen eines unbekannten Meeres, witterten den Geruch der Erregung, die Furcht und die Hoffnung darin und wurden unruhig wie Reisende vor einer Fahrt. Sie verdrehten die Augen, blähten ihre Nüstern, stießen klagende Schreie aus und bereiteten mit ihren ungebärdigen Bewegungen ihren kleinen Reitern alle Mühe.

Jungen von etwa zehn Jahren saßen in den Sätteln, mit ernsten Gesichtern, ganz benommen vom Bewusstsein der eigenen Bedeutung an diesem Tag. In ihrer Erregung nahmen sie das aufgewühlte Geschehen um sie herum nur wie durch einen Schleier wahr. In ihren Ohren rauschte der Lärm, und das Herz schlug ihnen bis zum Halse. Schaum stand vor den Mäulern ihrer Tiere, spritzte auf das reich bestickte Zaumzeug und ihre nackten Schenkel. Die Troddeln an den Satteldecken flogen. Kamelleiber rieben sich aneinander. Die Jungen zogen die braunen Beine hoch und saßen fest wie die Zecken. Ihre Augen in den tätowierten Gesichtern glühten, die Haare unter den bunten Turbanen glänzten vor Schweiß. Kleine Könige waren sie, und doch Fliegengewichte auf Tieren, die noch prächtiger herausgeputzt waren als sie selbst.

Sie zogen mit aller Kraft an den Zügeln und ignorierten die letzten Instruktionen ihrer Väter, Oheime, Mentoren, die selbst nicht weniger aufgeregt als die Kinder durcheinanderriefen und herumfuchtelten. Jeder von ihnen hatte noch ein Geheimrezept, das sein Tier schneller machen sollte. Der eine rieb seinem Kamel die Fesseln mit einem besonderen Öl ein, der andere hielt seinem Wunder wirkende Kräuter vor die Nase. Tubba schob seinem kleinen Bruder, der heute reiten sollte, wie er selbst vor zwei Jahren geritten war, mit verstohlener Geste einen Talisman unter den Sattel.

»Was ist das?«, wollte Muchzen wissen.

»Pst«, machte Tubba und zog den Kopf seines Bruders dicht an seinen Mund, um es ihm zuzuflüstern. »Du wirst siegen«, verkündete er zum Abschluss etwas lauter, »so wie ich zu meiner Zeit gewonnen habe.«

Muchzen nickte, ein wenig vage vielleicht, aber die Stärke und Zuversicht seines großen Bruders machte ihm wie immer Mut. Er packte die Zügel seines Kamels fester und klopfte ihm den Hals, um sich und das Tier zu beruhigen.

»He, Walid, viel Glück!«

»Fall nicht runter, Muchzen!« Die Rufe kreuzten sich über dem Chaos.

Nur um Südwind war es ruhiger. Sie saß etwas abseits auf ihrem Tier und starrte stumm geradeaus. Das Treiben ringsum ignorierte sie. All der Lärm und die Fröhlichkeit bedeuteten doch nichts, redete sie sich ein. Ihr eigenes geheimnisvolles Schweigen war doch viel bedeutungsvoller. Und überhaupt, sie war nicht allein. Sie kniff die Augen zusammen. Dort drüben, wo die Baumreihe eben noch zu erkennen war, dort wartete das Ziel, dort würde Arik sie empfangen. Auch sie hatte jemanden, der ihre Aufregung und ihre Hoffnungen teilte. Ihr Großvater war nur zu gebrechlich, um sich in das Gewühl des Startes zu wagen, das war alles. Vor allem war er zu langsam, um den loslaufenden Tieren rennend am Rand der Ebene zu folgen, wie es die anderen tun würden, die dann atemlos bald nach den Reitern ins Ziel kommen würden, um ihre Siegesfreude und den Triumph zu teilen. Aber im Ziel, da würde auch ihr jemand zujubeln. Dort endlich würden die Blicke der anderen leicht auf ihr liegen, würden sie keine Last mehr sein, die ihr den Atem zu nehmen drohte. Alle würden sie dort bewundern, starr vor Staunen, denn sie würde die Siegerin sein!

Südwind stemmte den Fuß gegen den Hals ihres Tieres und sprach beruhigend auf es ein. Das Kamel war nicht ihr Eigentum, es war nicht mit ihr aufgewachsen, wie das bei den meisten anderen der Fall war. Arik konnte sich kein Kamel leisten. Als sie ihn bestürmt hatte, dass sie am Rennen teilnehmen wollte, da hatte er nach langer Gegenwehr schließlich bei einem Nachbarn einen Gefallen eingefordert, eine alte Dankesschuld. Es war die letzte, über die er verfügen konnte. Südwind fand sie nicht verschwendet. Das Kamel war eine Schönheit, cremefarben, beinahe weiß; Südwind hatte es an diesem Morgen noch mit Milch gewaschen. Sein Fell war lockig und seine dunklen Augen groß und klar, von langen Wimpern beschattet wie die eines Mädchens. Und wenn die Zügel auch nicht golden waren, so hatte sie sie doch an zahllosen Nachmittagen so über und über mit gelber Wolle bestickt, dass sie nun strahlten wie die Sonne selbst.

Südwind trug keine Bänder mehr im Haar. Aber an den Sattel ihres Kameles hatte sie so viele gebunden, dass sie beim Ritt hinter ihr her wehen würden.

Der Ritt! Südwind glaubte schon, den Wind auf ihrem Gesicht zu fühlen und das Wogen des Tieres unter sich. Sie hörte schon das harte Getrappel der Füße, das sich in Flug verwandelte, in pure Geschwindigkeit, die ihr den Atem benahm. Es war wie ein Rausch, der sie wegriss aus der Gegenwart, schöner als alle Flüge, die sie in ihrer Phantasie je unternommen hatte. An so vielen Abenden hatte sie, abseits von den anderen, allein am Rand des Schotterfeldes geübt. Das Zwielicht hatte alles unbestimmt gemacht und der Wind ihr die Tränen in die Augen getrieben, so dass sie nur noch unscharf sah. Sie war sich vorgekommen, als ritte sie durch eine fremde, unbekannte, traumhafte Welt, zusammengehalten vom Klopfen ihres Pulses und dem Keuchen ihres Atems, das ihr in den Ohren dröhnte. Nie war sie so bei sich selbst gewesen. Alles schien so gesteigert, so überwältigend. Alles war gut. Südwind dachte, eines Tages würde sie die Zügel ergreifen, losreiten und nie wieder anhalten.

»Brrr, heee!«, bremste sie ihr Tier, das kein hilfreicher Oheim am Zügel hielt. Noch war es nicht soweit. Mit einer letzten, energischen Bewegung zog sie den roten Schal fester, der ihre Haare zurückhalten sollte. Südwind spürte seinen Druck auf ihrer Stirn wie eine Mahnung, wie den Reif einer heimlichen Krone.

Mit neuem Selbstbewusstsein wagte sie einen Blick zu ihren Konkurrenten. Die brauchen gar nicht so zu glotzen, sagte sie sich und warf stolz den Kopf auf. Es stand nirgendwo geschrieben, dass Mädchen nicht bei den Rennen mitreiten durften. Nur weil es noch niemand getan hatte, hieß das nicht, dass es verboten war. Ihr Großvater hatte das schließlich eingesehen und seinen Widerstand aufgegeben. Er hatte ihr das Kamel besorgt. Niemand hatte etwas dazu gesagt. Und niemand kümmerte sich nun um sie.

Langsam begannen die Tiere, eine Startreihe zu bilden. Angefeuert von ihren Reitern und von zahlreichen Helfern gezerrt und gezogen brachten sie sich widerwillig in Position. Südwind sah zu, dass sie aus eigener Kraft zu der Gruppe aufschloss, die sie auch weiterhin ignorierte. Nur einer schaute zu ihr hinüber.

Südwind hatte es sofort bemerkt. Sie sah, wie Muchzen und Tubba die Köpfe zusammensteckten und tuschelten, wie der Jüngere lächelte und den Kopf hob. Jetzt schaute er ihr in die Augen. Südwind sah die weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht und wandte rasch den Kopf. Da kam der Startruf.

Ein gellender Schrei stieg auf, dann war es, als bräche eine Gewitterflut los. Wie der Sturzbach in einem Wadi, so stürmte die Schar der Reiter auf die Ebene. Staub verhüllte den voranstürmenden Trupp gleich einer Wolke aus Gischt.

»Yiiiiiiiih!« Der Schrei entrang sich Südwinds Brust, fast ohne dass sie es bemerkte. Wind zerrte an ihren Haaren, ihren Kleidern, es war ein wunderbares Gefühl. »Ich fliege!«, jubilierte sie. Ich fliege euch allen davon. Die Bewegungen des Tieres rollten unter ihr dahin wie die Wogen jenes Ozeans, von dem der Großvater ihr schon einmal erzählt und den sie beide nie gesehen hatten. Es war eine Kraft, größer als ihre eigene. Südwind fühlte, wie sie sie aufhob und davontrug, schneller, schneller. Schneller!

Aber sie durfte ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die Augen zusammengekniffen gegen den Staub, den Kopf geduckt, suchte sie ihrer Euphorie Herr zu werden und sich im Gedränge zurechtzufinden. Dort vorn wuchsen ihr die Bäume vom Horizont entgegen. Dort war die bunte Menge der Wartenden, die sie als Erste erreichen musste. Wenn sie ihnen wirklich davonfliegen wollte, dann musste sie siegen.

Südwind wandte den Blick. Rechts und links von ihr waren Reiter, ein dichtes Knäuel, das sich mit Peitschen und Tritten, Hieben und Püffen laut schreiend gegenseitig bekämpfte. Südwind sah ihre aufgerissenen Münder, doch sie hörte die Rufe nicht im allgemeinen Lärm. Da war nichts als das Sausen des Windes, das Trappeln der Kamelfüße. Sie musste diesem Hexenkessel entkommen. Südwind hob ihre Peitsche und hieb ihrem Tier rechts und links über die Flanken. Sofort bemerkte sie, wie es den Hals streckte und beschleunigte. Langsam, mit jedem Schritt mehr, löste sie sich aus dem Pulk. Da kreuzte jemand ihren Kurs.

Südwind zerrte an den Zügeln, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, drückte ihrem Tier aber zugleich die Ferse auf den Hals. Schneller, hieß das, lauf schneller. Einen Moment sah es so aus, als würden die beiden Fellberge auf ihren Bahnen zusammenstoßen. Südwind hieb noch einmal mit der Peitsche zu. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ihr Gegner die Beine hochzog, damit sie nicht zwischen die schweren Leiber gerieten und zerquetscht würden. Er riss die Zügel hoch und schrie etwas. Südwind hörte nicht hin. Ein Schritt und noch einer; raues Fell schabte über ihre Wade, sie spürte, wie ihr Schal sich löste, der Druck gegen ihre Stirn nachließ, dann war sie vorn.

Triumphierend schrie Südwind auf. Sie hatte nicht verlangsamt, war nicht ausgewichen; der andere war es, dessen Tier aus dem Tritt geraten war. Mit zurückgewandtem Kopf sah Südwind, wie er zurückblieb und von Neuem zum Galopp ansetzen musste. Dann wandte sie sich wieder nach vorn; ihr befreites Haar flatterte wie eine Fahne. Noch waren Reiter mit ihr gleichauf. Doch sie war schneller; im Auf und Ab ihres Galopps sah sie ihre Konkurrenten zurückfallen, zäh, aber stetig. Mit jedem Schritt kämpfte ihr Kamel sich nach vorn, schob sich an den anderen vorbei, als teilten sie nicht dieselbe Gegenwart. Eine Nüsternlänge, eine Kopflänge, eine Halslänge, geschafft. Dort wartete das Offene, der Staub ließ nach, Südwind atmete klare, blaue Luft.

Nur ein Tier lief noch vor ihr, leicht nach links versetzt. Südwind erkannte den Reiter; es war Muchzen. Wie er im Sattel sitzt, dachte sie und betrachtete die kleine Figur, deren Kopf im Takt des unruhigen Galopps heftig nickte. Wie er die Zügel hielt, so krampfhaft und mit hochgezogenen Schultern. Als hätte er Angst vor der Geschwindigkeit. Ein Lächeln entblößte Südwinds kleine Raubtierzähne. Sollte er doch nicht seine Schwingen entfalten, wenn er Angst hatte zu fliegen.

Südwind hieb auf ihr Kamel ein und spürte voller Befriedigung, wie es gehorchte. Stück für Stück kam sie der Flanke von Muchzens Kamel näher. Sie konnte sehen, wie die Muskeln des Tieres unter dem Fell arbeiteten. Noch ein Stück näher. Ohne Rücksicht auf ihre Verfolger, denen sie den Weg versperrte, trieb Südwind ihr Tier nach links, näher an das von Muchzen heran. Der musste etwas gespürt haben, denn er wandte sich um.

Südwind sah seine aufgerissenen Augen, die dunkelblauen Punkte der Tätowierung auf seiner Stirn. Was tat er da? Rief er etwas, lachte er sie aus? Südwind sah nur seine blendendweißen Zähne, dann hob sie die Peitsche und schlug zu.

»Heh!« Diesmal hörte sie Muchzens Protestgeschrei, aber sie achtete nicht darauf. Muchzens Tier spürte den nachlassenden Druck der Zügel, es geriet aus dem Tritt. Der Reiter schwankte irritiert in seinem Sattel. Das Kamel schrie. Südwind stieß ihm den Griff der Peitsche in die Flanken, stieß sich mit einem Fußtritt von seinem schweren Leib ab und war vorbei. Da vorn, da wuchsen die Tamarisken in die Höhe. Dort wartete ihr Sieg.

Arik betete. Zusammen mit den Frauen und Kindern erwartete er die wilde Horde, die nun heranstob. Hier und da sah er einen nackten Arm, einen Stock, der auf die Flanke des eigenen Tieres oder einen Gegner einhieb. Alles war ein riesiges, staubumhülltes Knäuel, aus dem sich nur langsam einzelne Reiter lösten. Sie waren zunächst nicht mehr als dunkle Punkte auf dem Rücken ihrer Tiere, aber wie die anderen kannte Arik jedes einzelne Kamel, die Linie seines Halses und den Rhythmus seines Ganges, und konnte sie voneinander unterscheiden, selbst wenn sie nicht mehr als ein ferner Scherenschnitt am Horizont der Wüste gewesen wären.

Das dort war Yida, dort Watars Sohn auf dem großen Roten. Und vorneweg Muchzen, wie es sich für Tubbas Bruder gehörte. Hinter ihm aber flatterte ein roter Schal. Wie von einer wütenden Faust emporgerissen, flog er in den Himmel und sank in weichen Wirbeln wieder herab. »Südwind«, murmelte Arik und sprach ein Gebet, ehe er den Blick wieder hob. Der Schal war fort, verschwunden im Staub. Nichts als trommelnde Kamelfüße auf dem Weg zum Ziel.

»Aaaaaah!«, rief es um ihn herum. Einer war gestürzt, verschwunden wie der rote Schal. Aber es war nicht Südwind. Der alte Arik wischte sich den Schweiß von der Stirn und dankte Almaqh. So rasch er konnte, hinkte er zur Ziellinie. Wimpernschläge hintereinander kamen dort die Sieger an. Ihre wilde Ankunft ließ die Menge auseinanderstieben und sich sofort wieder sammeln und die kaum gebremsten Kamele umringen wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm, der umgehend zum Angriff übergeht. Arik benötigte seinen Stock, um sich Platz zu verschaffen.

»Weg da! Lasst mich durch, habe ich gesagt!« Als er endlich neben Südwind stand, war er so kurzatmig, als hätte er selbst das Rennen bestritten.

»Großvater, ich habe gewonnen!« Mit heißen Wangen neigte Südwind sich von ihrem Sattel ihm entgegen. Arik wäre am liebsten hingestürzt und hätte sie wiederaufgerichtet, um zu verhindern, dass sie eintauchte in diese Wolke aus Stimmen, die so bösartig surrte.

»Was ist denn los?«, fragte er in die Runde, mit aller Würde, die er aufbringen konnte. Es galt vor allem, die Ruhe wiederherzustellen. Ich bin alt, dachte er. Schon die vielen Stimmen und das Gewoge machen mir Angst.

»Ich habe gewonnen!«, wiederholte Südwind. Doch niemand antwortete ihr.

Die Menge teilte sich für Muchzen, der zusammengekauert auf seinem Kamel saß. Sein Vater führte es am Zügel, und Tubba, ausgepumpt vom Rennen, kam hinter ihnen her.

»Sie hat ihn geschlagen«, rief er schon von Weitem, keuchend und atemlos. Und er wies auf seinen kleinen Bruder, dessen Haar voller Staub war und der Blutspritzer im Gesicht hatte.

»Nun, nun«, suchte Arik ihn zu beruhigen. Er betrachtete Muchzen, der, wie jeder sehen konnte, selbst für einen Kamelreiter noch recht zierlich war und in seiner Haltung nun gar nichts mehr von der von seinem Bruder geborgten Zuversicht verriet. »Er ist nicht der Einzige, der heute gestürzt ist, nicht wahr?«

Doch die Leute schüttelten den Kopf. Es war wahr, was der Alte gesagt hatte, sie wussten es, aber es gefiel ihnen nicht und drückte nicht aus, was sie empfanden.

Anklagend hob Muchzen den Finger. »Sie hat mich mitten ins Gesicht geschlagen, mit ihrer Peitsche.«

Arik hob begütigend die Hände. Beim Rennen war jedes Mittel erlaubt, das wussten alle. Warum also sollte es Südwind verwehrt sein?

Die warf den Kopf zurück und lachte zu den Vorwürfen. Spielerisch ließ sie ihre Gerte schnalzen und zeigte dabei den Arm, auf dem sie selbst einen ziemlichen Striemen abbekommen hatte. »Wenn du so ein Kind bist, dann bleib doch zu Hause.«

Einige Frauen schüttelten missbilligend den Kopf. Murren stieg auf und wurde lauter. Arik sah die feindseligen Gesichter der Menschen und auch, worauf sich ihr Augenmerk richtete. Er trat an Südwind heran; mit einer schnellen Bewegung nahm er ihren Rock und zog ihn über den verunstalteten Fuß, der nackt und gut sichtbar auf den Flanken des Kamels ruhte.

Das Tier scheute so heftig, dass Südwind es nur mit Mühe zügeln konnte. Erschrocken funkelte sie ihren Großvater an. Früher waren sie doch so scharf darauf, es zu sehen, schien ihr Blick zu sagen. Als ich noch züchtig meine Beine verbarg wie jede beliebige Zwölfjährige, wollten alle sie sehen. Warum sie also jetzt verstecken? Nun, wo sie gewonnen hatte?

Herausfordernd schaute sie Tubba an, der starrte zurück, drauf und dran, zu ihr hinüberzustürzen. Und Südwind schien mehr als bereit, sich mit ihm zu prügeln wie in den alten Zeiten. Sie reckte ihr Kinn, so hoch sie nur konnte.

Da packte Tubbas Vater ihn an der Schulter. Er wies auf Muchzen und redete auf den Jungen ein, der aber den Kopf schüttelte und sich wehrte. Doch den Widerstand ignorierend umfasste der Vater sein Gesicht mit beiden Händen, zwang ihn, den Mund zu öffnen, und zeigte Tubba, was er dort entdeckt hatte.

»Dem Jungen fehlt ein Zahn.« Er rief es voller Empörung, einmal, zweimal, jedes Mal lauter. Er verkündete es dem ganzen Stamm. »Sie hat meinem Jungen einen Zahn ausgeschlagen.«

Der Schreck schnürte Arik die Kehle zu. Unwillkürlich fuhr er sich mit der Zunge über die eigenen gelbschwarzen Stümpfe. Ein Zahn war eine Kostbarkeit, das heile Gebiss der Stolz eines Mannes, Ausweis seiner Jugend und Kraft. Wenn einer fehlte, war das schlimm für den Betroffenen, er wurde gehänselt, und die Frauen machten einen Bogen um ihn. Muchzen würde einen hohen Brautpreis zahlen müssen, wenn er noch eine finden wollte, die ihn mit diesem Makel nahm. Das alles schoss ihm mit großer Geschwindigkeit durch den Kopf, während die Unruhe um ihn herum stieg. Abrupt wandte er sich von Muchzens Vater und seinem vorwurfsvollen Blick ab. Er humpelte zu Südwind hinüber und griff nach den Zügeln.

»Du reitest zum Zelt«, befahl er, »und bleibst dort.« Er hoffte, dass sie nicht bemerken würde, wie sehr er sich fürchtete.

Südwind wollte protestieren. »Ich habe nur gemacht, was alle tun«, rief sie empört, nicht ganz sicher, wer der Adressat ihrer Klagen war: die anderen oder das Schicksal, das es gefügt hatte, dass etwas, was doch alle ständig taten, von ihrer Hand zur besonderen Katastrophe geraten war. Das war einfach nicht gerecht. Trotzig wiederholte sie: »Und ich habe gewonnen.«

Umso schlimmer, dachte Arik, aber er sprach es nicht laut aus.

Doch etwas davon musste in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein. Denn Südwind beugte sich zu ihm hinunter. »Hab ich etwa nicht recht?«, fragte sie, nun mit einem Hauch von Unsicherheit. »Bei den Rennen ist doch alles erlaubt?«

Arik nickte. Er verstand ihre Empörung nur zu gut. »Bei den Rennen ist alles erlaubt«, bestätigte er traurig. »Aber Muchzen fehlt ein Zahn. Und du bist du.«

Auf ihrem Gesicht malten sich Zweifel und Trotz. In einer Aufwallung drückte Arik das Mädchen an sich. Über den Hals des Kamels hinweg sah er, wie die anderen in Grüppchen dastanden und redeten. Muchzens Familie hatte sich um ihn geschart und schaute böse herüber. Unwillkürlich umarmte Arik seine Enkelin fester.

»Ich bin sehr stolz darauf, dass du gewonnen hast«, flüsterte er in ihr Ohr und hoffte, dass sie sein ängstliches Herzklopfen nicht spürte. »Es war nichts als ein dummer Unfall. Und nun geh.« Er schaute ihr nach.

»Lass dich nicht von ihnen aufwiegeln«, rief Südwind noch über ihre Schulter zurück und grüßte mit der Peitsche. Dann war sie hinter der Menge verschwunden.

Arik wandte sich ab und sah den Ältesten des Clans auf sich zukommen, Watar und den Vater von Muchzen an seiner Seite. Unwillkürlich fasste er seinen Stock fester.

Der Preis des Sieges

»Das muss aufhören, Arik.« Der Älteste hielt sich diesmal nicht mit Vorreden auf. Er hatte Arik in sein Zelt gebeten, die Frauen hinausgescheucht und bewirtete ihn nun selbst mit Tee.

»Sie hat doch nichts Böses getan«, hielt Arik dagegen. Er war bereit, seine Enkelin zu verteidigen, so lange er konnte. »Was kann sie dafür, dass sie die bessere Reiterin ist?«

Der Älteste setzte sich ächzend und wandte sich ihm dann zu. »Sie hätte gar nicht erst mitreiten dürfen, das weißt du genau.«

Arik wehrte sich noch immer. »Keiner hat dagegen gesprochen«, wandte er ein, »aber jetzt, da sie gewonnen hat, wollen die Neider es nicht zugeben.«

»Dann höre hin«, erwiderte der Älteste. Vielsagend ließ er seinen Blick zur Seite wandern, als wollte er Arik auffordern, dorthin zu sehen. Sie waren allein in dem Zelt. Und doch waren sie umgeben von Geräuschen und Stimmen. Sie drangen von draußen herein, von den Herdfeuern zwischen den Zelten, wo die Menschen sich unter dem Sternenhimmel versammelt hatten, um miteinander zu reden. Und Arik hörte hin.

Er verstand die einzelnen Worte nicht immer, doch er spürte die Aufregung heraus, den Unwillen, die Erregung und – er bemerkte es mit Erstaunen – die Angst. Furcht lag in den Stimmen der Menschen, die er kannte.

Arik senkte den Kopf. Er konnte nicht vorgeben, das nicht zu verstehen. Er begriff es ja selbst nicht. Aber alles, was die anderen fürchteten, das liebte er gerade: dass Südwind ein Mädchen war, das seine Stimme nicht senkte, wenn es redete, das ritt und jagte wie ein Mann und das jeden, der es ansprach, mit seinem nachdenklichen Blick zu durchbohren schien. Dass ein Dschinn sie ihnen allen geschenkt hatte. Aber er wusste, man begann sich unter den Leuten zu erinnern, dass es auch böse Dschinn gab.

Nachdenklich schaute er durch die Zeltöffnung, wo die Frau des Ältesten mit ihren Töchtern und Schwiegertöchtern saß. Kinder umsprangen die Gruppe, wurden gerufen, gefüttert und gemaßregelt. Die Kleineren kuschelten sich in die Schöße ihrer Mütter und lauschten den Reden über ihren Köpfen. Südwind hatte nie zu so einer Gruppe gehört, fiel Arik auf. Ihr fehlte die eigene Mutter, und sie hatte nie Anschluss an die anderen Frauen gesucht. Schon als kleines Kind hatte sie sich lieber bei den Jungen herumgetrieben, mit dem Ergebnis, dass sie gut reiten, sich prügeln und die Schleuder bedienen konnte. Südwind interessierte sich nicht für die endlosen Frauenfeuer-Geschichten darüber, was jeder im Dorf so trieb, wer wen liebte und wer mit wem unglücklich war. Das hatte sie ihm selbst einmal gesagt. Und er hatte es gutgeheißen. War er mitschuldig an ihrer Vereinsamung? Ihm schien, dass jeder dort draußen heute Abend in irgendeiner Gemeinschaft saß, selbst er. Nur Südwind in ihrem Zelt war allein und wusste nicht, was sie erwartete.

Arik straffte sich. Sehr aufrecht saß er da und schlürfte seinen Tee, doch sein Kiefer zitterte. Ich werde alt, dachte er. Alt und schwach. Was soll aus ihr werden, wenn ich nicht mehr bin und sie diesen da gegenübersteht?

Die Stimme des Ältesten klang versöhnlich, als er ihm die Hand auf die Schulter legte. »Die Sache mit Muchzen ist gut geregelt, sage ich dir. Du hast das Richtige getan.«

Arik nickte, aber ein Schauder überlief ihn, als er daran dachte. Muchzens Vater hatte wie erwartet einen Preis für die Verunstaltung seines Sohnes gefordert, Schmuck und Vieh, das er später dem erhöhten Brautpreis beifügen konnte, den sein Sohn würde zahlen müssen. Arik hatte von beidem nicht genug gehabt. Da hatte er die einzige Lösung ergriffen, die ihm zur Verfügung stand: Er hatte Muchzen eine Braut geboten. Unwillkürlich schüttelte er wieder den Kopf, wenn er daran dachte. Er spreizte seine alten, gichtigen Hände, mit denen er den Handel besiegelt hatte, und starrte sie an. Er würde es nicht übers Herz bringen, Südwind auch nur ein Wort davon zu sagen.

Der Älteste legte ihm die Hand auf die Schulter. »Halte sie nun eine Weile verborgen, deine Enkelin. Lehre sie Demut, das steht einer künftigen Ehefrau gut an.« Er nickte. »Um ihretwillen«, fügte er hinzu und klopfte Arik abschließend ein paar Mal aufmunternd auf die Schulter. »Um unser aller willen.«

»Großvater?« Hundert unausgesprochene Fragen und ein Vorwurf lagen in dem einen Wort, mit dem Südwind ihn begrüßte.

Er winkte ab, er war müde. Arik sank auf sein Lager und ließ es widerstandslos zu, dass seine Enkelin um ihn herumsprang, ihm den Stock abnahm und ihm einen Becher in die Hand drückte. Heißer Teedunst schlug ihm entgegen, geschwängert mit dem Aroma von Kardamom, das er sonst so liebte. Tief sog er den Duft ein, der ihn an glückliche Zeiten erinnerte, und fühlte sich alt. Dann schüttelte er den Kopf und stellte den Becher beiseite. Genug des Tees für heute.

Er sah die abgenutzten Stellen im Muster des Teppichs, wo er beim Sitzen seine Füße zu kreuzen pflegte. Er sah die blinden Flecken auf der Teekanne und die verschossenen Stellen in der Zeltbahn. Und es überkam ihn das Gefühl, dass etwas zu Ende sei.

»Großvater, wie ist es, habe ich gewonnen?«

Ihn schmerzten der Eifer und die leise Verzagtheit in ihrer Stimme. Und noch mehr die hoffnungsvolle Erwartung, die mitklang, er mit seinen schwachen Kräften könnte alles wieder in Ordnung bringen. Lieber hätte er sie heftig und stolz gesehen, mit blitzenden Augen, wie er sie kannte. Wo war ihr Trotz von vorhin? Was hatte ihn inzwischen verrauchen lassen? Wahrhaftig, er hätte all ihren Zorn verdient. Aber verdächtig willig streifte seine Enkelin ihm die Sandalen ab, wusch seine Füße und drängte ihm erneut das heiße Getränk auf, während sie sich einschmeichelnd an ihn schmiegte. »Nun sag schon.«

Ariks Niedergeschlagenheit wich nicht. Er schaute auf ihren nachtschwarzen Scheitel, und während er an die bösen Blicke dachte, die ihn auf seinem Heimweg begleitet hatten, stiegen ihm die Tränen in die Augen. »Du wirst nie wieder ...«, setzte er an.

Rasch legte sie ihm den Finger auf den Mund. Er schüttelte den Kopf und ließ ihn dann sinken, unfähig, zu sagen, was er sagen musste. Eine Weile waren sie beide still und lauschten auf die Stimmen draußen. Das Mädchen hatte sich aufgesetzt und den Kopf schief gelegt. Hier und da wurden ein paar Stimmen schriller, lauter als die anderen, schienen sich gegenseitig aufzuschaukeln.

»Du hast immer gesagt, ich wäre schöner und klüger als sie alle.« Ihr Ton war anklagend, aber auch traurig.

»Das bist du«, flüsterte Arik. Seine alten, trockenen Hände knisterten, als er über ihre Zöpfe strich. »Und nichts davon können sie dir verzeihen, solange du um sie bist. Sie müssen dich erst zerreißen, um ein Märchen aus dir machen zu können.« Ihm ging erst auf, was er da sagte, als er es aussprach. Und im selben Moment lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er dachte an Watar, dessen Blicke Südwind noch immer überallhin verfolgten. Zweifellos hatte er ihnen auch heute zugesehen, hatte beobachtet, wie sie allein standen gegen die anderen, abgesondert, bedroht. Es musste ihm gefallen haben.

In seine düsteren Überlegungen hinein sagte Südwind: »Ich werde weggehen, wie Mutter.« Es klang noch unbestimmt.

»Wo willst du hin?« Arik spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Er hatte so etwas befürchtet. »Du hast kein Ziel, du bist noch zu jung, du ...« Wie Heuschrecken nach der Regenzeit fielen die Gründe über ihn her, sie aufzuhalten. Niemand, kein Mensch in dieser Welt wartete auf sie, das verkrüppelte Kind eines Kebsweibes. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und schloss ihn wieder. Röte schoss in sein Gesicht; es schnitt ihm ins Herz, dies auch nur gedacht zu haben.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, setzte sie sich noch ein wenig gerader hin. Sie starrte auf die dünne Zeltwand, die sie wie eine Kapsel umschloss und doch zugleich der Welt aussetzte. Wie seine Liebe war sie nur scheinbar ein Schutz gewesen. Alles, alles war eine Täuschung gewesen, und es wartete nur Verzweiflung auf sie. »Du bist ...«, setzte er an. Doch schon wieder fiel Südwind ihm ins Wort. Sie starrte auf den schwarzen Wollfilz, als zeichne sich dort ein Weg ab. »Ich bin eine Dschinn-Frau«, sagte sie.

Arik starrte sie mit offenem Mund an. Tatsächlich, sie lächelte, wie ein Schimmer lag es über ihren Zügen und ließ ihre dunklen Augen leuchten. Ungläubig schüttelte Arik den Kopf. Ja, aber ... glaubte sie das denn wirklich? Dachte sie wahrhaftig, die Gesetze dieser Welt gälten für sie nicht? Hatten die alten Kindermärchen ihr den Kopf verwirrt? Angst kroch hoch in dem alten Hirten. Was habe ich nur getan, dachte er entsetzt. Almaqh, vergib mir. Sah sie nicht aus wie eine Wahnsinnige? Noch nie war sie ihm so schön erschienen wie in diesem Moment, beinahe überirdisch, und dabei, dabei ... Noch ehe Arik begriff, was er da tat, hatte er die Hand gehoben und ihr eine kräftige Ohrfeige versetzt. Dann schlug er die Hände vors Gesicht.

Südwind saß da wie erstarrt. Sie regte sich nicht und sagte kein Wort. Ihr war, als wäre das Klatschen des Schlages im ganzen Lager zu hören gewesen, hätte alles zum Verstummen gebracht und selbst das Weltall angehalten. Nur langsam verstand sie, was Arik durch seine Finger hindurch keuchte und wimmerte. Im Rhythmus seiner Klage schaukelte der alte Mann hin und her: »Verlass mich nicht«, sagte er. »Verlass mich nicht.«

Die Zelte der Mädchen

Südwind blieb bei den Zelten ihres Stammes. Zwischen ihr und der Welt lag das Gebirge, lagen die Wüste und ihr Mangel an Vorstellungsvermögen. Sie hatte kein Bild von dem, was sie außerhalb ihres Alltags erwarten könnte. Ariks Ohrfeige hatte die weißen Kamele der Dschinn verschreckt auseinanderstieben lassen. Sie waren niemals zurückgekehrt. Märchen wurden im Zelt der beiden keine mehr erzählt. Ariks alte Wortkargheit kehrte zurück, und Südwind passte sich ihr an. Sie ging frühmorgens mit den Ziegen fort und kehrte mit der Dämmerung wieder.

Tausendmal am Tag dachte Arik: mein Täubchen, mein Augenlicht. Und er hob die Hand, wie um die Abwesende zu streicheln. Doch er sagte nichts davon, wenn sie anwesend war, und erstickte langsam daran. Was Südwind dachte, konnte niemand erraten.

Sie hatte erwartet, dass ihr Leben schwerer werden würde nach dem Zwischenfall beim Rennen. Aber tatsächlich wurde es leichter. Sie wusste nicht, warum, aber die Leute schienen sich mit ihrer Gegenwart auf einmal abgefunden zu haben. Es war ihr, als hätte man ihr nun einen Platz im Stamm zugewiesen, keinen Platz im Zentrum, einen am Rand, in der Zone der stummen Duldung. Aber Südwind war nun bereit, ihn einzunehmen. Sie hatte auf nichts anderes zu hoffen.

So kam es, dass alle zufrieden mit den Köpfen nickten, wenn sie vorbeiging. Dass sie Grüße vor den Zelteingängen erhielt und sie erwiderte. Niemand rief ihr mehr Spottverse nach oder hob den Saum ihrer Tunika. Sie war auch aus dem Alter heraus, da dies schicklich gewesen wäre. Die Jungen, die früher die Mädchen geärgert hatten, hielten sich nun sittsam von ihnen fern und warfen ihnen nur hier und da neue, glühende Blicke zu. Dass keiner davon Südwind traf, empfand diese eher als Segen.

Die heißen Mittage mit der Herde verbrachte sie nun nicht mehr allein, sondern mit den anderen Mädchen gemeinsam unter einem Sonnensegel, das sie sich spannten.

Sie suchten dazu einen gemeinsamen Weideplatz auf und räkelten sich dort im warmen Schatten, umspielt vom Gebimmel der Glöckchen ihrer Herden. Südwind liebte diese trägen Stunden, in denen die Zeit stillzustehen schien. Gern lag sie auf dem Rücken und folgte mit ihrem Blick den steilen Felswänden des Tales, die ihren Blick hinaufschleuderten in das endlose Blau des Himmels. Beim Anblick dieser Bläue kribbelte es in ihrem Schoß. Sie sog gern den Duft ihrer Haut ein, die warm und feucht war und ein Aroma entfaltete wie seltene Früchte, dunkel und golden, das der Wind mit sich fortnahm. Und sie lauschte dem Puls des Blutes, das darunter rauschte. Nie kam sie sich lebendiger vor als in diesen stillen Momenten, in denen doch alles ruhte.

Was sie weniger liebte, war das Gespräch mit den anderen Mädchen, ein ewiger Reigen, in dem jeder seinen Takt abwartete, um dann mit ein paar Schrittchen und einer Drehung teilzunehmen, ein ewiges, vorhersehbares Sichwiegen und Wogen von ewig gleichen Sorgen und Meinungen, hier und da überträllert von der schrillen Flöte einer Neuigkeit. Auch hier hatte Südwind nur einen Platz am Rande des Kreises. Man duldete sie als Lauscherin, man akzeptierte ihre Zustimmung, ihr Erstaunen, eine Frage von ihr. Ihre Ansichten hingegen interessierten wenig. Südwind hatte die Erfahrung gemacht, dass alles, was sie erzählte, auf ein befremdetes Staunen, ein Zögern stieß, das das Gespräch ins Stocken brachte. Offenbar wusste niemand auf das, was sie sagte, etwas zu antworten, weil es zu fremdartig gedacht war. Es war, als füge sie mit ihrem Part dem Lied falsche Töne hinzu, und die anderen hatten eine Weile Mühe, Melodie und Takt wiederzufinden.

Südwinds Enttäuschung war jedoch nicht allzu groß. Von klein auf war sie es ja gewohnt, allein zu sein und ihre Erlebnisse mit niemandem zu teilen als mit Arik. Nun, da auch er ihr fremd geworden war und sie ihre Übereinstimmung gegen die räumliche Gemeinschaft mit den anderen getauscht hatte, die sie in der Herde mitlaufen ließen, zog sie sich meist tief in ihre Traumwelt zurück.

»Na, Hamyim, bald trägst du dein eigenes mit dir herum.«

Kichern antwortete dieser Bemerkung, und alle wandten sich der Angesprochenen zu. Hamyim errötete lächelnd und zupfte sich an den Haaren. Sie waren nicht mehr so zerzaust wie einst, als sie mit der Kinderhorde herumzog, sondern züchtig geflochten und unter einem gemusterten rosa Tuch verborgen. Auf ihrer Stirn prangte schon das komplizierte Punktmuster der Tätowierung, die die verheirateten Frauen auszeichnete.

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