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Die Magd und die Königin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Teil I Tragt das Licht in den Osten
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    3. 3.
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    11. 11.
    12. 12.
    13. 13.
    14. 14.
    15. 15.
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    17. 17.
    18. 18.
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  7. Teil II Teilt die Wogen des Schicksals
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    11. 11.
    12. 12.
    13. 13.
    14. 14.
    15. 15.
    16. 16.
    17. 17.
    18. 18.
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    23. 23.
    24. 24.
  8. Teil III Seht das Land in der Sonne
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    15. 15.
    16. 16.
    17. 17.
    18. 18.
    19. 19.
  9. Teil IV Wandelt auf der Pilger Pfad
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Über dieses Buch

Die junge Magd Rose kann keinen Tag länger mehr in ihrem englischen Dorf bleiben. Vergewaltigt und an Leib und Seele verletzt schließt sie sich dem großen Kreuzzug an. Dessen Anführer, der junge König Richard, zieht mit seinen Rittern entlang der Mittelmeerküste bis hinab ins Heilige Land.

Durch ihre überlegte und zupackende Art erwirbt Rose sich schnell den Respekt von Johanna, der Schwester des Königs, in deren Gefolge sie sich trotz aller Entbehrungen und Strapazen sicher fühlt – bis sie eines Tages ihren Peiniger unter den Rittern entdeckt. Nun ist ihr Leben auch fern der Heimat bedroht …

Vor der Kulisse der großen Schlachten um das Heilige Land schildert Tessa Korber das Schicksal zweier Frauen, die sich gegen die Kreuzritter behaupten und um ihren Teil vom Glück kämpfen.

Über die Autorin

Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin” hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.

Tessa Korber

Die Magd und die Königin

Historischer Roman

Teil I
Tragt das Licht in den Osten

1.

»Rose? Rose, wo bist du? Rose?«

Für einen Moment waren die Geräusche und das Stimmengewirr auf dem Marktplatz der kleinen Stadt in Yorkshire verstummt, als hätten sie sich dazu verabredet, so dass der Ruf des jungen Mädchens klar und unangemessen laut in die fröstelige Luft stieg. Dann, als hielten sie es nicht länger aus, stoben ein paar Amseln aus einem kahlen Dornengebüsch und flatterten kreischend über die Tenne. Die Gespräche ringsum setzten wieder ein, die Händler priesen laut ihre Waren an, Hämmer klopften, dumpf und metallisch, die Kühe an ihren Stricken muhten, warmen Dampf aus ihren Mäulern entlassend. Das Leben, das einen erschreckten Herzschlag lang ausgesetzt zu haben schien, ging wieder weiter.

Rose wandte sich nach der Ruferin um, erblickte aber nur die schwarzen Zweige, die noch immer vom Gewicht der Vögel schwankten, und an denen ein paar letzte rote Beeren hingen wie Blutstropfen. Ein rascher Flügelschlag streifte ihr Herz, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass ein Unglück geschehen würde.

Aber die Worte des Redners, der im selben Augenblick nach einer Kunstpause wieder einsetzte, fesselten sie bald erneut. Sie hatte sich mit anderen um einen Mann versammelt, der ein Fass als Podest nutzte, um zu der Menge zu sprechen. Von Sünde sprach er, und von der ewigen Verdammnis, die allen Menschenkindern drohte.

»Doch es gibt einen Weg«, seine Stimme erhob sich und durchdrang die graue Luft, schwanger vom Rauch der Holzfeuer aus den Hütten, schwang sich auf und dröhnte in einem Hall, in dem eine Ahnung mitschwang von Höhe und Ferne, von einem gleißenden Licht und Dingen, die angstvoll und glückverheißend zugleich die Seele berührten. »Es gibt einen Weg zu Gott und seiner Gnade. Es gibt einen Weg, in seinem Licht zu stehen und abzustreifen all die irdische Mühsal, um das Paradies zu gewinnen. Ihr könnt es in Euren Händen halten.«

Rose lauschte, konzentriert und bedächtig, wie es ihre Art war. Sie war eine Dienstmagd im schlichten Wollkleid, mit einem Schultertuch, das sie gegen die Kälte um sich zog, und hölzernen Pantinen über den viel zu dünnen Schuhen. Sie war nicht viel älter als vierzehn, aber ihr herzförmiges Gesicht blickte stets ernst drein, als wüsste sie, dass das Leben nicht leicht war. Das Grün ihrer Augen changierte ins Braune und ihr Haar, das rot war, flammte nicht, sondern blieb kraus und seltsam blass, fand Rose. Sie wusste nicht, dass sie schön war. Es hatte in ihrem Leben noch niemand gegeben, der ihr gesagt hätte, dass die Flecken in ihren Augen bernsteinfarben schimmerten und ihre wilden Locken glommen wie mildes Kupfer. Rose erwartete auch niemanden, der derartige Dinge dachte oder aussprach. Sie kannte nur das Johlen der Knechte, die mit zotigen Zurufen ihre Figur würdigten, die bereits die einer reifen Frau war, rund geformt und üppig, die Arme weich, und die Taille weitete sich in so femininem Schwung zum Becken, dass er manch einen auf Ideen brachte.

Rose pflegte sich nicht darum zu kümmern und ging kerzengerade an allen vorbei. Sie erwartete keine romantische Werbung. Weder hatte ihr Vater je so zu ihrer Mutter geredet, noch hatte eine der anderen Mägde, wenn sie sommers mit Strohhalmen im Haar und kichernd aus dem Stall kamen, wo sie sich mit den Burschen trafen, etwas Derartiges zu berichten gehabt. Rose stand am Morgen auf und tat ihre Arbeit, tat sie gut, wusste, dass die anderen es wussten und verlangte nicht mehr. Ein Paradies in ihren Händen, wie der Redner es versprach? Das lag jenseits ihrer Hoffnungen, ja, jenseits ihres Vorstellungsvermögens.

Das lag nicht daran, dass ihr Geist unbeweglich oder träge war, eher im Gegenteil. Aber sie hielt ihn an engen, strengen Zügeln und erlaubte ihm nicht, über die Begrenzungen von Sitte, Glaube, Stand und Herkommen hinauszustreben, überzeugt, dass es ihr nicht zum Guten ausschlagen würde. Und man musste schon genau hinsehen, um in dem ängstlichen Eifer, mit dem Rose sich selbst beschränkte, ihre gut verborgenen Wünsche, und deren Macht zu erkennen. Aber kein Mensch schenkte je einer Dienstmagd so viel Aufmerksamkeit, nicht einmal sie selber.

Roses Herrin Elaine dachte anders über diese Dinge, sie hatte hochfliegende, romantische Vorstellungen von der Ehe. Und lange schon hegte sie eine heimliche, schwärmerische, ganz und gar unangemessene Beziehung zum Sohn des Kastellans, zu deren Mitwisserin sie Rose gemacht hatte. Schon wieder rief sie, und bestimmt, dachte Rose unbehaglich, ging es auch jetzt wieder um diese Sache.

»Rose? Rooose!«

Rose seufzte und wandte sich von den tröstlichen Worten des Redners ab, um nach der Ruferin zu sehen. Wohin sollte es führen, wenn man sich so gehen ließ? Dort drüben war sie und rief so laut, dass alle sich nach ihr umwandten. Widerstrebend hob sie den Arm, um Elaine zu signalisieren, dass sie sie gehört hatte und ging ihr entgegen.

Als sie nun die unangemessene Röte in Elaines Gesicht sah, den verschwörerischen Blick, die Hand auf ihrem Arm und das Pergament, das ihr verstohlen vor die Brust gedrückt wurde, da wusste sie sofort, was all dies zu bedeuten hatte, und dass es nicht recht war. Wenn ihr Vater davon erführe, weiß Gott, was er mit ihnen täte.

2.

Elaine selbst dachte nicht an solche Rücksichtnahmen. Ihr schmales Gesicht unter dem Schleier war gerötet vor Aufregung und ihre Augen leuchteten, während sie mit beiden Händen den Saum ihres Mantels raffte, um schneller voranzukommen.

Es war noch kalt in diesem frühen Frühjahr, Schlamm und Unrat des Marktes waren hart gefroren und knirschten unter Elaines bestickten Stiefeln, ohne sie zu beschmutzen. Und ihr Atem setzte sich in feinen Kristallen auf dem Pelzkragen ab, der sich warm um ihren zarten, blassen Hals schmiegte, wo ihn die Hitze ihrer Haut rasch wieder schmolz.

Wie ein Lilienstängel, hatte ihr Vater jüngst gesagt und ihr einen langen Blick zugeworfen. Elaine war ihm ausgewichen, indem sie züchtig ihre langen Wimpern senkte und ihn glauben ließ, ihr Erröten entspringe der Verlegenheit, bemerkt worden zu sein.

Wilfried von Chaworth beachtete seine Tochter selten. Erst seit sie fünfzehn geworden und damit im heiratsfähigen Alter war, hatte er begonnen, sich Gedanken über sie zu machen. Und die kreisten sämtliche um die vorteilhafteste Partie. Er hatte Großes mit Elaine vor und fand es nur angemessen, dass sie sich danach gerichtet hatte und zu einer Schönheit herangewachsen war, schlank wie eine Blüte und mit großen schwarzen Augen in dem kleinen Gesicht, die einen seltsamen Kontrast zu ihrem hellen, fast weißblonden Haar boten. Hätte er genauer hingesehen, hätte er in diesen Augen etwas entdecken können, das ihre blasse Erscheinung Lügen strafte, eine Lebenslust und ein Feuer, die ihn vielleicht sogar beunruhigt hätten. Doch an diesen Dingen war der Herr von Chaworth ebenso wenig interessiert wie an der Frage, welche Gedanken wohl hinter der weißen Stirn schlummerten, und so bemerkte er sie auch nicht.

Elaine war so in Eile, dass sie in Hitze geriet und den Mantelkragen lockerte. Ihre schlanken Finger schlossen sich fest um das Stück Pergament, das sie aus einer Tasche ihres Kleides gezogen hatte. Es enthielt eine Botschaft und war mit Kerzenwachs gesiegelt, in das sie als Zeichen ihre Lippen gepresst hatte, gestern Nacht, als alle schon zu Bett waren und auch sie schlafend wähnten. Das Wachs war noch allzu warm gewesen, und es hatte wehgetan, aber wie süß war ihr der Schmerz doch erschienen, und wie romantisch die Geste. Als sie Rose endlich entdeckt hatte, streckte sie ihr den Brief schon von Weitem entgegen.

Die schaute sich nervös um. Dort hinten standen Elaines Eltern und bei ihnen Harold of Middleton. Er blickte in ihre Richtung und hob die Hand. Rose knickste nervös und sah, wie Elaine, die ihrerseits auf einen Gruß verzichtete, das Gesicht verzog. Die Bauern dort drüben, die waren gekommen, um Kühe zu betrachten, ihre Hufe und Muskeln zu untersuchen und ihnen ins Maul zu schauen. Harold dagegen war gekommen, um Elaine zu begutachten. Wiederholt schon hatte diese davon gesprochen, dass ihr Vater nichts anderes sei als ein Mann mit einer schönen Färse, die er zum Kauf anbot.

Rose hatte nicht gewusst, was sie dazu sagen sollte. So lagen die Dinge nun einmal. Und der Herr of Middleton war kein schlechter Käufer, das musste Elaine zugeben. Ihre Mutter hatte es nicht versäumt, beiläufig bei den Mahlzeiten vor dem gesamten Haushalt auf die weitläufigen Güter hinzuweisen, die er besaß, und auch auf die Verbindung zum Königshaus. Nach diesen lobenden Bemerkungen nun traf man einander ›zufällig‹ nach der Kirche. Und wäre der heutige Eindruck günstig, so würde der Herr die Einladung annehmen, Elaine beim anschließenden Gastmahl auf der Burg aus der Nähe zu betrachten.

Nach ihrem Eindruck, hatte Elaine am Morgen trotzig verkündet, als Rose ihr die hellen Haare bürstete, fragte ja niemand.

»Oh lieber Gott«, flüsterte Elaine jetzt, »mach, dass er sich in Luft auflöst.«

Rose schüttelte den Kopf über die Blasphemie; was gingen Gott ihre Sorgen an? »Fräulein«, tadelte sie sanft.

Aber Elaine betete im Geiste weiter, lieber Gott, betete sie, wenn du einen Moment Zeit hast, gütiger Gott: Er ist doch schon fünfzig, und er hat Haare in den Ohren, die borstig sind und grau! »Es ist der einzige Weg«, flüsterte sie dann, so hastig, dass ihre Stimme sich beinahe überschlug, während sie Rose den Brief vor die Brust drückte.

»Greift zu«, beschwor der Prediger im selben Moment seine Gemeinde, »greift zu mit beiden Händen, ergreift das Glück, die Süße, das Heil. Heiligt euer Leben.«

Rose spürte, wie Elaine ihre widerspenstige Hand nahm und nachdrücklich um das Pergament schloss.

»Du läufst damit zur Burg, hörst du, und gibst ihn Edward. Pass auf, dass sein Vater nicht in der Nähe ist.« Beim Gedanken an den Geliebten wallte es offenbar in Elaine auf und sie ergriff Rose bei den Schultern und drückte sie an sich. »Ach Rose, er wird, er muss. Und wenn Vater mich diesem Harold verspricht, dann werden wir fliehen, Edward und ich, er wird mich entführen.« Sie schmiegte sich an die Magd und schloss verträumt die Augen.

»Aber Fräulein, was sind das für Geschichten«, murmelte Rose verwirrt und strich der anderen gedankenverloren ein paar der lichthellen Strähnen aus der erhitzten Stirn, die sich unter Haube und Schleier hervorgestohlen hatten. Da spürte sie das Knistern des Papiers zwischen ihnen.

»Ihr habt ihm davon doch nichts geschrieben, oder?«, fragte sie besorgt. Edward, dachte sie abfällig, der Sohn des Burgvogtes. Wie lange war es her, da hatte sie mit ihm und den anderen Dienstbotenkindern Verstecken gespielt bei den verfallenen Scheunen hinter der Mauer. Mit schmutzigen Knien und Rotznasen waren sie zwischen Mauerresten und Brennnesseln herumgekrochen, die er mit einem Holzstock niederzudreschen pflegte, verkündend, er wolle ein Ritter werden. Was hatten sie gelacht.

Edward sollte besser wissen, wohin er gehörte, dachte Rose, und es würde ihm auch rasch wieder einfallen, wenn sein Vater erst hinter die Geschichte kam und ihm eine ordentliche Tracht Prügel verpasste. Dieser letzte Gedanke in seiner Vernünftigkeit tröstete Rose; sie machte sich von ihrer Herrin los.

»Nehmt das Kreuz, leistet den Eid, vertreibt die Ungläubigen von den Heiligen Stätten! Geht mit König Richard!« Die dürren Finger des Predigers griffen in den Himmel. »Geht nach Jerusalem und wahrlich, ich sage euch, ihr werdet dort das Himmelreich finden.«

Rose nickte. »Na gut, ich tue es.«

»Braves Mädchen.« Elaine klatschte vor Freude in die Hände. Zum ersten Mal seit der schlaflosen Nacht kehrte ein wenig Ruhe in ihre Seele ein. Auch sie bemerkte nun den Redner und seine Zuhörer, in deren groben Gesichtern sich Angst und eine große Hoffnung malte.

Ein Mann trat vor und kniete vor dem Priester nieder, der ihn segnete und ihm den Eid abnahm, der ihn band, »zu Erlösung oder Verdammnis«, wie der Prediger verkündete. Im Gesicht des frischgebackenen Kreuzfahrers mischten sich die verschiedensten Empfindungen. Es war ein schlichtes Gesicht, schmutzig und zerfurcht, geprägt vom täglichen Einerlei harter Pflichten, und nun stand Furcht darin, Furcht vor der Fremde, vor den unbekannten Heiden und dem Tod. Dazu die Sorge um Heim und Weib und Wirtschaft, noch konnte er, man sah es, das Rechnen nicht lassen und die kleinen Obliegenheiten, aus denen sein Leben bestand. Doch es war auch ein Leuchten dabei, das Leuchten des Ostens, dem er entgegenging, eine unsägliche Hoffnung auf etwas, das er nicht zu benennen gewusst hätte. Doch in den Worten des Priesters hatte es mitgeschwungen wie Glockenklang.

»Das ist doch der Gastwirt«, staunte Rose für einen Moment. Sie tat sich schwer damit, sich den Mann, der manchmal mit seinem Karren Fässer in die Burg brachte, nur schnaufend vom Bock herabkam und mit dem Vogt über die anstehende Ernte die immergleichen Worte wechselte, als Gotteskrieger im Land der Sarazenen vorzustellen.

Um sie herum erhob sich das Stimmengetuschel, zustimmend, verwundert, beratend. »Was der wohl angestellt hat, dass er so büßen will?«, mutmaßte eine schrille Weiberstimme hinter ihr. »Bestimmt hat er das Bier gepantscht.«

Jemand lachte, andere rieten ihr, sich nicht zu versündigen. Es wurden Namen genannt, die es viel eher nötig hätten, Absolution zu suchen, man wüsste da so einiges, man wolle ja nichts gesagt haben. Aber der und der, na, das wüsste das ganze Dorf. Und richtig, da trat er auch schon vor, der Missetäter, so war es recht. Applaus wurde laut und ermutigende Zurufe, die Wogen der Erregung schlugen höher. Begeisterung begann, die Menschen zu packen. Einige junge Burschen, hungrig nach Aufmerksamkeit, begannen, einander fragende Blicke zuzuwerfen. Sollten auch sie ...? Wäre das endlich die Tat, die aus ihnen das Besondere machte, als das sie sich immer gefühlt hatten?

Dann wurde das Gemurmel dumpfer und ehrfürchtiger. Der Burgherr näherte sich. Was würde er tun?

»Euer Vater kommt«, flüsterte Rose, die wieder zu sich kam. Sie riss sich von der Szenerie los.

Elaine packt sie an den Schultern. »Lauf zur Burg, Rose, jetzt. Bitte. Für mich.«

Rose zögerte einen Moment, dann nickte sie, fasste ihr Wolltuch enger über der Brust und wandte sich ab. Es gelang ihr, sich davonzumachen, begleitet von Elaines anfeuerndem Lächeln und Gestikulieren. Doch obwohl sie sich eine Närrin schimpfte, stieg eine unerklärliche Angst in ihr auf und wuchs und wuchs mit jedem Schritt.

3.

Aus den Reihen der Dörfler trat der nächste Kandidat vor die Menge, um das Kreuz zu nehmen. Elaine tat, als interessiere nichts auf der Welt sie mehr.

»Will, der Bogenmacher«, sagte sie, als sie die Hand ihres Vaters auf ihrem Arm fühlte. Mit einem unschuldigen Augenaufschlag schaute sie zu ihm auf. »Weißt du, dass man sagt, er täte es, weil er die Tochter des Denglers geschwängert hat?«

Ihr Vater schüttelte den Kopf mit der nackenlangen grauen Mähne und packte sie fester. »Gib dich nicht mit dem Dorfklatsch ab«, verlangte er. Dann allerdings verharrte er selbst einen Moment und schaute der Zeremonie zu. Mit den anderen gemeinsam bekreuzigte er sich. Dennoch schüttelte er den Kopf. »Er wird bei der Jagd im Herbst fehlen«, murmelte er. »Schade drum, er war ein guter Schütze. Komm jetzt«, besann er sich dann, »Harold hat zugestimmt, bei uns zu speisen.«

Das Leuchten in Elaines Gesicht erlosch. Sie senkte den Kopf, damit er nicht sah, wie sie sich auf die Lippen biss, und ging an der Seite ihres Vaters zu den Gästen hinüber. Ihre Mutter empfing sie mit einer Umarmung und begann sofort, ihre Haarsträhnen wieder unter den Schleier zu stopfen und ordnend an ihrem Kragen zu zupfen, wobei sie entschuldigend und einladend zugleich zu Harold of Middleton hinüberlächelte. »Jugend«, flötete sie.

Elaine wehrte ihre geschäftigen Hände ab. Die Männer waren derweil zu anderen Themen übergegangen. »Ein Jammer, all die jungen Leute«, brummte ihr Vater gerade. »Aber von meinen wird er mir keinen mitnehmen. Nicht dieses Jahr, wo wir die neuen Speicher errichten wollen.«

Harold of Middleton nickte zu den Plänen, die der Burgherr für diese Unternehmung mit großen Gesten in die Luft skizzierte.

Elaine aber konnte nicht anders, als an Edward zu denken, ihren Edward. Welch ein Gedanke, er könnte in den Osten gehen und fern, so fern von ihr sein. Und doch erschauerte sie süß bei dem Gedanken und sah ihn in glänzender Rüstung auf den Wällen stehen, sein schönes braunes Haar fliegend im Wind, dem Wind, der über die Berge Jerusalems wehte wie eine Fahne Gottes. Was für ein Held er wäre. Es könnte ja gar nicht anders sein! Und auch sie würde er retten.

Hinter ihnen dröhnte noch immer des Predigers Stimme: »Besteigt die Schiffe! Hört ihr! Und Gottes Atem wird eure Segel blähen! In seinem Namen, mit seinem Wort, werdet ihr Fahrt machen gegen alle Unbill. Und euch das Heil erringen!« Auf unklare Weise getröstet von diesen Worten richtete Elaine sich straffer auf, während sie dahinschritt. Die Wolkendecke riss auf, und ein kleiner verspielter Wind, der den Wechsel der Jahreszeiten versprach, griff nach ihrem Schleier. Sie dachte an die süßen Worte, die Hoffnungen, die Rose vor ihr hertrug, dem sicheren Ziel entgegen, und fühlte sich wie ein Schiff, das kühn und frei seine Fahrt aufnahm, allen Wellen zum Trotz.

Rose, ihrem Auftrag gehorchend, schritt rasch aus. Der Weg zur Burg führte sie durch den Wald, wo heruntergebrochene Äste und gefrorener Schlamm den Weg mühsamer machten, und die Luft unter dem dunklen lastenden Grün wieder kälter wurde. Mehr als einmal verlor sie einen der hölzernen Pantoffel, die sie über ihre dicken Wollstrümpfe gezogen hatte und musste fluchend durch die Reste des verharschten Schnees zurückstapfen, um wieder hineinzuschlüpfen. Der Schnee würde sich in die Wolle hängen und tauen, wenn sie wieder in der Burgküche wäre, so dass sie nasse Füße bekäme.

»Gibt Schlimmeres«, murmelte Rose und angelte mit den dick bestrumpften Zehen wieder einmal nach ihrer Pantine. Da sah sie den Mann.

Zunächst dachte sie sich nichts dabei. Der Weg zur Burg war häufig begangen, und es war nicht ungewöhnlich, dass ein anderer Mensch mit einem Auftrag des Weges kam. Dann erkannte sie die Gestalt, die breiten Schultern, die langen Arme und das kantige Gesicht unter der eng anliegenden Lederhaube, die wie seine Züge und das abstehende Blondhaar immer rußverschmiert war. Thomas, dachte sie, Thomas der Schmied. Von allen unangenehmen Kerlen ausgerechnet er.

Roses erster Impuls war, rascher zu gehen, dann schalt sie sich, dass das albern wäre, und sie ließ ihn herankommen. Bald konnte sie seine Schritte dicht hinter sich hören, dann seinen rauen Atem in ihrem Nacken, ehe er zu ihr aufschloss.

»Gott zum Gruße, Schmied.« Sie nickte knapp und bemühte sich, gelassen zu klingen. Sie wollte diesem Menschen nicht die Genugtuung geben zu spüren, wie sehr sie ihn verabscheute. Und auch die unsinnige Furcht, die in ihr aufstieg, versuchte sie zu verbergen. Sie hielt sich aufrecht und tastete unwillkürlich nach dem Brief unter ihrem Brusttuch. Dabei spürte sie, wie sein Blick der Bewegung folgte. Dieser Blick! Keiner verstand es wie Thomas, einen mit seinen Augen zu belästigen, dass man sich ausgezogen vorkam und nackt. Er schaffte es, dass man sich all der Dinge bewusst wurde, die man unter der Kleidung trug und schamrot kaum wusste, wohin man sich wenden musste. Es war fast so, als hätte er einen berührt, wenn er einen bloß anschaute.

Steif hob Rose das Kinn und schloss das wollene Tuch noch ein wenig fester. Thomas ging neben ihr, die Hände unter dem Wams in wärmenden Taschen verborgen. Er pfiff, dieser Mensch, was hatte er zu pfeifen? Wütend wollte Rose es ihm verbitten, dann besann sie sich anders und ging lieber schneller. Wenn er sie nur nicht ansprach, der unverschämte Kerl.

»Bist ein hübsches Ding«, sagte er und zog eine Hand heraus, um eine Lockensträhne zu berühren, die im Nacken unter der Haube hervorquoll.

Hastig schlug Rose seine Finger beiseite. Ihr Lächeln war nervös. Dies waren Scherze, wie sie üblich waren unter den jungen Leuten und zu erdulden. Ein Klaps und eine freche Bemerkung waren angebracht, ein kecker Blick wohl auch, wenn ihr danach wäre. Sie hatte schon Mädchen sagen hören, der Schmied mit seinen breiten Schultern und den blauen Kinderaugen könnte ihnen durchaus gefährlich werden. Aber Rose schaffte nicht mehr, als zu schlucken und den Kopf abzuwenden. Herrgott, was war der Mensch ihr zuwider. Wie er sie auffraß mit seinen Augen, diesen blauen Augen, von denen andere schwärmten. Es war etwas darin, dass ihr schon immer unheimlich gewesen war. Sie konnte nichts dafür. Angespannt versuchte sie, das Zittern ihrer Hände zu verbergen.

»Bin nicht hübsch, bin kein Ding«, murmelte sie schließlich, um etwas zu sagen. Irgendwo knackte ein Ast.

»Hättest Chancen bei mir«, fuhr er unbeirrt fort, »du.«

Rose lachte bitter. Sie sah seine Bewegung und fuhr mit der Hand hoch, um seine Finger erneut von ihrem Nacken abzuwehren. Na warte, dachte sie, diesmal fängst du dir eine ein. Doch plötzlich fühlte sie ihr Handgelenk festgehalten. Mit einem erstaunten Ächzen zerrte sie daran. Dann schaute sie ihm, zum ersten Mal, in die Augen.

»Aber du nicht bei mir«, sagte sie und hoffte, er würde nicht merken, wie ihre Stimme zitterte. Rose bemühte sich um ein Lächeln. Solange sie lächelte, hoffte sie, konnte nichts wirklich Ernstes geschehen. Verzweifelt grub sie in ihrer Erinnerung nach einem dieser Sätze, locker und scherzhaft hingeworfen, spitz, aber ohne zu sehr zu verletzen, die die Jungen dazu brachte, zu lachen, einem vielleicht noch einmal auf den Hintern zu klopfen, um zu zeigen, wer der Herr sei, um dann aber von einem abzulassen. Lachen entspannte alles. Rose lächelte. Doch ihr fiel nichts ein. Stattdessen ruckte sie heftig mit dem Arm, um sich aus seinem Griff zu winden, aber vergebens. Thomas hielt sie eisern fest. Und nun verzog sein Gesicht sich zu einem Grinsen.

Ehe sie wusste, was sie tat, hatte Rose ihm ins Gesicht gespuckt. Es war ein Akt reiner Panik gewesen und sie selber erschrocken über das, was sie getan hatte. Schon öffnete sie den Mund, um eine Entschuldigung zu stammeln. Da traf seine Faust bereits ihr Gesicht. Nun ließ er sie los und Rose, mit stakenden, stolpernden Schritten, taumelte rückwärts über den Weg und ging zu Boden.

Seltsam, vermochte sie noch zu denken. In ihr war nichts als ein großes Staunen, und dann der pochende Schmerz in ihrem Kopf, der wuchs und das Denken fraß. Das Dunkel der Stämme ringsum breitete sich aus in ihrem Bewusstsein und einen Moment lang glaubte sie, sie würde ohnmächtig. Dann ließ die Schwärze vor ihren Augen nach, und sie schaute auf.

Thomas stand über ihr und betrachtete sie mit schräg geneigtem Kopf. Er schien ihr nichts weiter tun zu wollen. Hastig angelte Rose nach ihren Pantoffeln. Wo waren sie nur, diese dummen Dinger, ihre Strümpfe würden voll Schnee werden und dann nass, nass wenn alles taute, wenn sie wieder daheim wäre, wenn ... Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, kroch sie auf allen vieren auf dem Boden herum, verfolgt vom Blick des Schmiedes. Schließlich richtete sie sich wieder auf. Das Wolltuch war ihr verrutscht, die Haube vom Kopf geglitten. Von den Bändern am Hals gehalten, hing sie ihr auf den Rücken. Rose nestelte daran. Langsam kehrte ihre Geistesgegenwart zurück, und auch die Wut. Ihr Jochbein brannte wie Feuer unter ihren tastenden Fingern und sie war sicher, es würde sichtbar anschwellen.

»Schau, was du gemacht hast«, beschwerte sie sich. »Du grober Klotz. Beinahe hättest du mir ...« Weiter kam sie nicht.

Seine Hand kam wieder auf sie zu, groß, unwiderstehlich, schmutzig. Rose roch kalte Asche, als sie sich über ihr Gesicht legte. Ihr brutal den Mund zuhielt, die Nase, die Augen verschloss. Sie wollte nach Luft schnappen, doch es ging nicht. Da war nur dieser Geruch: Asche und Metall. Sie griff mit beiden Händen nach seinem Arm.

Plötzlich schubste er sie. Es war eine einzige, lässige, angeekelte Bewegung. Rose flog nach hinten, sie breitete die Arme aus, stolperte, krachte mit dem Rücken gegen einen Baum, dass es ihr die Luft aus den Lungen presste. Ihr Kopf schlug gegen das Holz und sie ging in die Knie.

»Du tust mir weh«, sagte sie, verwundert, mit geschlossenen Augen. Wenn sie sie öffnete, würde sie sich übergeben müssen. Thomas der Schmied trat dicht an sie heran und lächelte.

4.

Johanna spürte auf ihren Schultern die Wärme der sizilianischen Sonne wie eine schwere Last. Sie stand mit dem Rücken zum Fenster und sah nichts von der Symphonie aus Blau und Grün, in der Meer, Himmel und die in zarten Dunst getauchte Kette der Peloritaner Berge ineinander verschwammen. Dabei hatte sie diese Insel, auf die sie ihrem Mann gefolgt war, immer geliebt, ihren Duft nach Zitronen und Rosmarin, ihre Wärme und das Gleißen des Lichts auf dem Wasser, die Schattenlosigkeit ihrer Plätze, die Mauern der Paläste, die von der Sonne gleichsam gebadet waren. Nur ganz selten hatte sie sich einmal nach Englands Wäldern zurückgesehnt, nach dem kräftigen Grün der Eichen und der feuchten Luft unter den Bäumen, die gesättigt war vom Regen und kräftig nach Pilzen duftete, feuchter Rinde und Gras. Aber sie würde nicht dahin zurückkehren, nicht einmal jetzt, da Wilhelm von Sizilien, ihr Gatte, tot war.

Durchs Fenster trug die Brise den Klang der Glocken. Erst heute Morgen war sie wieder an seinem Grab gestanden in jener Kirche. Am Turm wurde gebaut und die Rufe der Handwerker hatten ihre Andacht gestört. Als sie hinaustrat, war über ihr das schmerzliche Stöhnen von Holz zu hören, ein Quietschen und Krachen. Entsetzt hatte sie gesehen, wie ein Gerüst nachgab. Ihre Dienerinnen hatten sie geistesgegenwärtig fortgezogen, so dass sie unversehrt blieb, nur der feine Staub hatte sich auf ihre Kleider gelegt, der von der Unglücksstelle aufstieg. Während eifrige Hände ihn aus den kostbaren Stoffen klopften, hatte Johanna nicht anders gekonnt, als auf die Unfallstelle zurückzustarren. Wie knapp war sie selbst dem Verhängnis entronnen. Einer der Arbeiter allerdings hatte nicht so viel Glück. Dort lag er, zerschlagen, inmitten des Durcheinanders aus Brettern, Seilen, Steinen und Werkzeug. Johanna sah ihn, obwohl ihre Damen sich mühten, ihr die Augen zuzuhalten und ihren Kopf abzuwenden. Und sie konnte den Anblick nicht vergessen.

Die Schreie des Verunglückten klangen noch in Johannas Ohren und sie sah die blutigen Fetzen seiner Kleider vor sich, selbst hier im Palast, wo alles still war, schön und friedlich. Doch der Friede trog, sie wusste es und konnte nicht umhin, in dem Vorfall vom Morgen ein böses Omen zu sehen. Unwillkürlich bekreuzigte Johanna sich. Dann schaute sie auf.

»Nun, werte Base.« Über das Gesicht Tankreds von Lecce ging ein breites Lächeln.

Johanna verzog das Gesicht. Tankred war illegitim, ein Bastardvetter, und seine Anspielung auf ihre Verwandtschaft höchst geschmacklos. So geschmacklos wie der Umstand, dass er sie in diesem Saal empfing, auf eben dem Thron sitzend, den ihr Gatte innegehabt hatte. Sie schwieg und grüßte nur mit einer leichten Neigung des Kopfes.

»Ihr wünschtet, mich zu sprechen«, fuhr Tankred fort und zog die dichten schwarzen Augenbrauen hoch, als habe dieser Wunsch seine tiefe Verwunderung erregt.

Johanna studierte einen Moment sein Gesicht. Er war nicht hässlich, dieser Mann, mit seinem braunen Gesicht und den beweglichen Augen. Seine Stirn war hoch, die Nase kühn. Sein messerscharfer Mund stets verzogen zu dem unverbindlichen Lächeln höfischer Etikette, wie die Illegitimen sie besser beherrschen als alle anderen. Beruhen ihre Ansprüche doch nur auf ihrer Gefälligkeit. Seine Miene aber blieb angespannt, lauernd, seine Hände mit den langen, knochigen Fingern ließen die Thronlehnen nicht eine Sekunde los. Er war auf der Hut, dieser Mann. Und sie durfte nicht den Fehler machen, ihn für dumm zu halten.

Johanna zupfte ein letztes Mal an den langen Ärmeln ihrer Cotte, die in gefälligen Falten um ihre Handgelenke lagen und deren Schmalheit betonten. Ihr ärmelloses blaugrünes Übergewand war schlicht, doch mit echten Goldborten versehen, und den kleinen Ausschnitt am Hals schloss eine Nadel, deren Smaragd das Sonnenlicht einfing. Die Schleppe betonte ihre schlanke Gestalt und gab ihr eine königliche Würde, derer sie dringend bedurfte. Johanna hatte lange erwogen, dazu den prächtigen Hut aus Pfauenfedern zu tragen, sich dann aber doch für die schlichtere Haube mit dem Kinnband und dem kleinen, azurenen Schleier entschieden, den ein goldener Reif hielt, der ihr die Krone ersetzen musste. Dazu trug sie den Ring mit dem Wappen ihrer Familie. Und ihre Brokatschuhe zierte, wie von ungefähr, ein Muster aus goldenen Löwen, die den Usurpator an ihren Bruder gemahnen sollten, Richard von England, Löwenherz genannt.

So stand sie vor Tankred, in die Farben Siziliens gekleidet und den Schmuck ihrer Herrscherwürde, bereit, ihn herauszufordern. »Ich hatte vielmehr erwartet, dass Ihr nach mir schicken würdet«, begann sie und fuhr, da er nichts entgegnete und sich damit begnügte, den Ausdruck des Erstaunens auf seinem Gesicht zu vertiefen, fort: »Um mir zu erklären, wie es kommt, dass Ihr hier seid.«

Tankred hob eine Hand und wies mit einer Geste um sich, als wollte er fragen: Hier? In diesem Zimmer? »Ich bin herbeigeeilt, wie alle, meine Liebe, als ich vom Tod Eures Gatten, meines lieben Verwandten hörte. Um ihm meine Ehre zu erweisen. Und um Euch beizustehen in dieser schweren Stunde.«

Johanna schnaubte empört. »Da Ihr da wart in seiner schweren Stunde«, sagte sie und ihre Stimme troff von Hohn, »wie all seine Barone, habt Ihr auch seinen letzten Willen vernommen.« Sie richtete sich ein wenig auf und wurde lauter. »Den er in seinem Testament niedergelegt hat und den all seine Barone beeidet haben.«

Tankred hob die Hand an den Mund und hüstelte gekünstelt.

»Ihr sitzt gegen seinen Willen auf diesem Thron und gegen jedes Recht, mein Herr, und Ihr wisst das wohl.« Sie wandte sich nach den Männern um, die ihrem Mann gedient und sie selbst als ihre Königin anerkannt hatten, all die Jahre. Mehr als einer war ihr persönlich verpflichtet, mehr als einer schuldete ihr Dank und alle ihr Gehorsam als der Erbin ihres Herren. »Ihr alle wisst das«, endete sie und hielt den Atem an, als sie in die wohlbekannten Gesichter blickte. Das Füßescharren und Räuspern setzte aus und für einen Moment herrschte im Thronsaal von Messinas Burg absolute Stille.

5.

Rose schlug noch ein wenig um sich, als er sie hochzerrte und hinter sich her zwischen die Bäume schleppte, doch es waren ziellose, schwache Bewegungen, die ihn nicht hinderten. Als er sich unbeobachtet fühlte, ließ er sie fallen. »Dummer Klotz«, murmelte er und wischte sich ihre Spucke aus dem Gesicht. Dann neigte er sich über sie und schlug ihre Röcke zurück, ungeduldig wühlte er, bis er ihre nackten Beine fand, und zog sie daran zu sich her. Jetzt schrie Rose, schrie aus Leibeskräften und trat, bis seine Faust sich in ihren Bauch senkte, der weich nachgab und sie umstandslos zusammenklappen ließ. Nur mehr ein Wimmern entrang sich ihrer Kehle. Herrgott, sie würde hier sterben, ja, das würde sie.

»Nein«, bat sie, »warte, nicht, es tut so weh. Ahh!« Sie hustete, meinte, Blut müsste kommen. »Ich will ja«, flehte sie, »hörst du? Ich werde alles tun. Nur warte, warte einen Moment. Nur bis ich mich ...« Sie versuchte, Zeit zu gewinnen, suchte auf die Knie zu kommen, die Hände bittend ausgestreckt. Ungerührt warf er sie auf den Rücken wie einen Käfer.

Rose gab auf, gelähmt von Angst, sich an die Hoffnung klammernd, dass sie es schon überstehen würde. Aber nichts, nichts hatte sie auf die brennende Woge der Scham vorbereitet, als er ihre Beine auseinander riss. Und nichts auf den brutalen Schmerz, als er in sie eindrang. Sie presste die Faust vor den Mund und biss hinein. Herrgott im Himmel, versuchte sie zu beten, Herrgott im Himmel. Weitere Worte fielen ihr nicht ein.

Es dauerte lange, bis sie begriff, dass sie alleine war.

Wankend kam Rose auf die Knie. Nun gut, dachte sie. Nun gut. Die Wörter kreisten in ihrem Kopf. Und schon wieder waren ihre Pantoffeln fort, diese verflixten Pantoffeln. Sie kroch auf den Knien herum, bis sie sie gefunden hatte. War es also geschehen? Was sollte es? Sie würde es überstehen, das würde sie. Sie war nicht die Erste, das war wahr. Sie würde nicht die Letzte sein. Wenn nur der Schuh sich endlich finden würde. »Verdammt«, schrie sie und brach in Tränen aus. Über ihr knackte das gefrorene Holz der Zweige, wenn der Wind es bewegte. Sonst herrschte Stille.

Nach einer Weile, als sie wieder zu sich kam und ihre Kleider gerichtet hatte, die Haube wieder auf ihrem Kopf saß und sie die Erde von ihren Händen gewischt hatte, richtete Rose sich auf. Nun würde sie nach Hause gehen, und alles wäre wie zuvor, beschloss sie. Es hatte keinen Zweck, über vergossene Milch zu weinen, jawohl. Nach wenigen, unsicheren Schritten spürte sie den heißen Schwall zwischen ihren Beinen, und sie musste sich übergeben.

Die Sonne senkte sich schon über den Horizont, als Rose endlich in der Burg ankam.

»Sei gegrüßt«, rief der Wächter ihr zu. »Wie geht es immer, Rose?« Und er trat aus seiner Kammer, um ein Gespräch mit ihr zu beginnen, wie er es gerne tat.

Sie murmelte etwas und stakte vorbei, ohne anzuhalten. Erstaunt schaute er ihr nach. Sein Kamerad trat zu ihm und blickte ihm über die Schulter. Mit dem Finger tippte er sich vielsagend an die Stirn. »Nach einer Weile«, meinte er, »drehen sie alle durch, wenn sie zu viel mit der Herrschaft verkehren.« Das Klacken von Roses Pantoffeln hallte unter dem Torbogen.

»Da bist du ja endlich«, kam der Verwalter auf sie zu. »Du kannst gleich Mabel in der Küche helfen, die Fasane müssen gerupft werden.« Atemlos schilderte er ihr die Pflichten, die mit dem angesetzten Bankett auf sie zugekommen waren. Dann hielt er inne. »Was ist mit dir?«, fragte er. Misstrauisch musterte er das Mädchen, das seinem Blick auswich. Sonst war sie so arbeitsam und willig, anstellig und wach, aber heute? Wie sie nur dastand, als wäre sie auf den Mund gefallen.

»Nichts«, erwiderte Rose bockig.

Er fasste sie unters Kinn. »Und was ist das?«, fragte er und wies auf die Schwellung unter ihrem Auge.

»Bin im Wald auf einer vereisten Wurzel ausgerutscht.« Sie machte sich rasch los. »Dann werd ich mal zu Mabel gehen.«

»Mach das«, rief er ihr nach. »Sie kann jede Hilfe brauchen.« Dann überlegte er. »Sag ihr, sie soll dir eins von ihren Kräuterpflastern drauflegen.«

Rose antwortete nicht mehr. So schnell sie konnte, flüchtete sie sich in die dunkle Küche, die nur vom Licht der Feuerstellen unruhig erhellt wurde und vor Geschäftigkeit brodelte. Hier, so hoffte sie, würde keiner über sie nachdenken.

Mabel, die Köchin, begrüßte sie auch ebenso hastig und geschäftig wie der Vogt. Auf ihren nackten Armen und der Stirn stand der Schweiß. »Rupft die Vögel«, verlangte sie, »schält die Rüben. Und dass mir einer nach der Suppe sieht. Nein, Finger weg«, schalt sie einen Pagen, der nach dem Holztablett mit einer Wurst griff. »Die ist für die Füllung, du Nichtsnutz.«

Rose setzte sich in eine Ecke und begann damit, die Rüben zu schälen. Es ging nicht gut voran, ihre Finger zitterten, und sie ließ die warzige Knolle dreimal in den Schmutz fallen, ehe sie das Messer richtig ansetzte. Wütend biss sie sich auf die Lippen. Vergossene Milch, dachte sie. Sie würde nicht mehr daran denken.

»Ah!« Ihr Schrei ließ die Köpfe der anderen Mägde hochfahren.

»Rose!«, rief eine. »Um Himmels willen.« Sie kamen gelaufen, um die Wunde zu begutachten.

»Das sieht schlimm aus«, beschied eine.

»Komm«, meinte eine andere, »wir verbinden das.« Und sie zog ein schmutziges Stück Tuch heraus. Rose hielt ihnen die bebende Hand hin und starrte auf das hervorquellende Blut, das auf den Boden tropfte und sich mit dem Unrat vermischte. »Das ist nichts«, murmelte sie. »Gar nichts.«

»Ist schon gut.« Ihre Helferin nahm sie in den Arm und drückte sie kurz an sich. Als Rose die Wärme ihres Körpers spürte und die tröstende Geste, war ihr, als wäre mit einem Schlag alle Kraft aus ihrem Körper gewichen. Sie sank auf den Schemel und schluchzte. Erstaunt schauten die Mädchen einander an. Die Köchin drängte sich mit rudernden Armen zu ihnen durch. »Wehleidiges Ding«, schimpfte sie. »Da.« Damit drückte sie Rose die irdene Terrine auf den Schoß. »Bring das den Herrschaften. Und lass sie mir ja nicht fallen.«

Rose wischte sich übers Gesicht und richtete sich auf. Wie eine Blinde tastete sie nach dem Topf und stand auf. Die Mädchen hinter ihr tuschelten. »Sie ist so komisch.« »Sie wird alles hinfallen lassen.« »So was.«

»An die Arbeit, ihr faules Pack«, trieb die Köchin sie auseinander. »Wir haben noch viel zu tun.«

Doch eine neigte sich über die Rüben der anderen zu: »Hast du gesehen?«, flüsterte sie. »Sie trägt ihre Haube ja verkehrt herum!«

6.

Rose wusste nicht mehr, wie sie den Weg ins Herrenhaus fand und zum Bankettsaal. Sie ging hinein, spürte nur vage Helligkeit und Hitze der Kerzen und stellte ihre Last auf dem Tisch ab, wo der Page die weiteren Pflichten übernahm. Als sie wieder hinauswanken wollte, wurde sie an der Tür aufgehalten. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass die junge Frau da vor ihr ihre Herrin war, und es kostete sie Mühe zu begreifen, was sie von ihr wollte. Ein Brief, welcher Brief?, dachte Rose. In welcher anderen Welt war das gewesen? Was sollte ihr all die Aufregung und Wichtigkeit? Dann schüttelte sie den Bann ab und nickte, gab Antwort, versicherte, versprach, ganz, als wäre sie ein Mensch.

Als sie fort war, ging Elaine mit verlegenem Gesicht zur Tafel zurück. »Ich hatte sie gebeten, mir meinen Schal zu bringen«, erklärte sie entschuldigend. »Vor Stunden schon.« Und sie schaffte es, ein schmollendes Gesicht zu machen.

Harold von Middleton neigte sich ihr zu. »Wenn Ihr verärgert seid, Fräulein, seid Ihr noch schöner.«

Elaine rettete sich in ein huldvolles Kopfnicken. Komm nur öfter, dachte sie, und du wirst viel von diesem Ärger sehen. Dann, während er weitersprach, wanderten ihre Gedanken wieder fort, Rose hinterher und dem Empfänger des Briefes entgegen.

Rose fand ihn schließlich bei den Ställen. Als sie ihre Botschaft übergeben und sein dummes, glückseliges Lächeln ertragen hatte, war ihre Kraft zu Ende. Sie würde nach Hause gehen, ins Dorf, in die Hütte ihrer Eltern, würde schlafen, und morgen ... Ihre Gedanken reichten nicht bis morgen.

Wer sie bemerkte, sah eine Gestalt, die wankte, als wäre sie betrunken, mit liederlich verdrehter Haube, verrutschten, blutverschmierten Strümpfen und beständig ein Liedchen vor sich hin summend. Sie selber hörte nicht, was sie da sang. Es waren immer wieder dieselben Worte, eine schlichte Litanei: vergossene Milch, vergossene Milch.

»Wo bist du gewesen?«, empfing ihre Mutter sie, kaum dass die Tür der einfachen Kate in ihren Weidenangeln quietschte.

»Auf der Burg gab es ein Fest, ich musste helfen.« Rose ging rasch zu der Ecke hinüber, in der die Bank stand, die ihr als Lager diente. Sie zog die Decken hervor und richtete sich ihr Bett. Im Kamin glomm nur noch wenig Glut, am Rande, in der warmen Asche, hatte sich bereits die Katze häuslich eingerichtet. Es war angenehm dunkel. Ihre Mutter allerdings ließ sich nicht abschütteln.

»Hast du etwas zu essen mitgebracht?«, fragte sie hoffnungsvoll. Selten kam Rose von Festlichkeiten bei der Herrschaft, ohne ein paar Bissen von den Tafelabfällen mitzubringen.

»Hab ich vergessen«, murmelte ihre Tochter. »Tut mir leid.« Sie legte ihr Schultertuch ab und faltete es, damit es ihr als Kopfkissen diente. Dann schlüpfte sie aus den Wollstrümpfen.

»Wieso sind die so schmutzig?«, begehrte ihre Mutter zu wissen, verärgert über die entgangenen Genüsse. Mit anklagender Geste hielt sie einen der Strümpfe hoch. »Die sind ja voll Blut.«

»Die Fasane«, brachte Rose heraus. »Ich musste sie schlachten.« Etwas in ihrem Ton ließ ihre Mutter misstrauisch werden. Sie betrachtete die klägliche Wollschlange in ihrer Hand, dann ihre Tochter, die sich mit steifen Gliedern niederließ und nicht verhindern konnte, dass sich ihr Gesicht vor Schmerz verzog. Mit zwei raschen Schritten war sie bei ihr und schlug ihr die Röcke hoch.

Rose schrie auf.

»Da haben wir es. Du Schlampe!«, schrie ihre Mutter und hob die Hand.

Rose biss die Zähne zusammen, als sie ihr das Gesicht entgegenhob. Im letzten Schimmern der Glut wurden ihre Züge sichtbar, die Verwüstung darin, die schwärzliche Schwellung, die Panik in ihren Augen. Die Hand der Mutter fiel herab. Einen Moment standen sie so einander gegenüber. Dann wandte die Mutter sich ab und begann, die hölzernen Essschalen einzusammeln, die noch auf dem Tisch standen. Rose schaute ihr stumm bei den Verrichtungen zu. Die Mutter sagte noch immer kein Wort. Als sie schließlich doch sprach, wandte sie sich nicht um.

»Bist nicht die Erste«, murmelte sie.

»Ich weiß«, gab Rose dumpf zurück.

»Über vergossene Milch ...«

Rose ersparte sich die Antwort. Ihre Mutter wischte die Brotkrümel vom Tisch. Das Huhn, das mit seinen Küken in einem Korb neben dem Feuer lebte, gluckste verschlafen, richtete sich dann noch einmal mit schabenden Federn auf und kam herbei, die Krumen aufzupicken. Eifrig dirigierte es seine Kleinen. Rose sah ihnen blicklos zu.

Sie bemerkte kaum, dass ihre Mutter an sie herangetreten war und ihr unbeholfen über den Kopf strich, regte sich auch nicht und sagte kein Wort. Ihre Mutter seufzte. Dann ging sie zu dem Strohsack, der ihr Lager war. Ächzend richtete sie sich darauf ein.

»Wenn es ein Kind gibt«, sagte sie überraschend noch in die wachsende Dunkelheit, »geben wir es weg.«

Von Rose kam kein Laut. Ein Kind, dachte sie, lieber Gott. Die Nacht überfiel sie mit Wirbeln von Schwärze und ihr war, als müsste sie darin ertrinken. Sie rang nach Luft, Dunkelheit drückte ihr die Brust ab, legte sich um sie, erdrückte sie. Die Angst riss sie wie ein kalter Strom mit sich fort.

7.

Johanna kämpfte gegen die Angst wie ein Schwimmer gegen die Strömung. Sie hielt sich sehr gerade und kontrollierte ihre Atmung, bis sie zu ersticken glaubte. Auffordernd schaute sie in die Runde. Aber keiner der Männer erwiderte ihren Blick; niemandes Stimme erhob sich. Mehr und mehr verächtlich ließ Johanna ihre Augen über die Reihe gleiten. Gab es denn nicht einen, der für sie war oder wenigstens, dachte sie bitter, einen, der es wagt, mir offen ins Gesicht zu sehen?

Tankred von Lecce hob die Schultern. »Was soll man machen«, fragte er spöttisch, »die Barone haben sich umentschieden. Und das«, fuhr er fort und ließ seine anfangs bewusst träge klingende Stimme, deren frivoler Ton Johanna das Blut in die Wangen trieb, mit einem Mal hart werden. »Und das mit gutem Grund.« Seine Hand wies zum Fenster, wo das friedliche Messina zu ihren Füßen lag. »Es rumort in den muselmanischen Vierteln«, erklärte er. »Die Araber proben den Aufstand. Und dem werden wir mit aller Härte begegnen müssen. Bald schon, wenn es nicht zu spät sein soll.« Seine Finger in dem roten Handschuh ballten sich zur Faust. Mit einem dumpfen Laut ging sie auf die geschnitzte Lehne nieder. Dann neigte er sich vor. »Oder wollt Ihr die Truppen anführen«, fragte er schmeichlerisch, »wenn sie hinausreiten, um die Aufständischen wegzufegen?«

Johanna wandte den Kopf ab, um sein falsches Lächeln nicht zu sehen; es war mehr, als sie ertragen konnte. Mit seiner Brutalität hatte sie gerechnet, seinem Machtinstinkt, seinen Intrigen. Sein Hohn aber traf sie weit tiefer.

Da ließ Lecce sich wieder vernehmen. »Jetzt, wo Euer Bruder seinen Kreuzzug beginnt, möchtet Ihr vielleicht auch gegen die Ungläubigen ziehen?« Er lachte leise über seinen Witz. »Wo ist er übrigens, Euer Bruder?«

Johanna biss sich auf die Lippen. Sie hatte lange keine Nachricht mehr erhalten, das Letzte, was sie gehört hatte, war, dass die Truppen der englischen Kreuzfahrer noch immer in Vézélay lägen. Die Verhandlungen mit König Philipp von Frankreich über dieses, ihr gemeinsames Unternehmen hielten an. Die beiden Könige waren höchst unterschiedlichen Temperaments, und die politischen Konflikte zwischen ihren Ländern machten eine Annäherung ohnehin nicht leicht. Johanna musste es selbst zugeben, es grenzte an ein Wunder, dass sie sich zu diesem Vorhaben überhaupt verstanden hatten. Und es würde ein weiteres Wunder brauchen, damit sie sich zusammenrauften, aufbrachen und auf ihrem langen Weg über Land – denn Richard wurde leicht seekrank und scheute das Wasser – endlich, endlich in Sizilien ankämen, wo sie dringend ihrer bedurfte.

Tankred von Lecce lehnte sich zurück und betrachtete sie nicht ohne Mitgefühl, als könnte er ihre verzweifelten Gedanken lesen. Als er jedoch weitersprach, schonte er sie nicht. »Wahrscheinlich«, mutmaßte er und wandte sich den Baronen zu, »diskutieren sie immer noch über diese Schwester des guten Philipp, die irgendwo in den düsteren englischen Schlössern herumspukt.« Er lachte. »Armes Ding, da wird sie an den Hof geschickt, um einen der Söhne des Königs zu heiraten, und was passiert: der Vater macht sie zu seiner Geliebten. Ha!« Er lachte und schaute sich nach den Baronen um, von denen es aber keiner wagte, sich seiner Heiterkeit anzuschließen. Da neigte Tankred sich vor. »Richard will sie nicht, ich kann ihn verstehen.«

»Ihr lenkt vom Thema ab«, zischte Johanna, sprachlos vor Wut.

»Nein, wir sind ganz beim Thema«, gab Tankred von Lecce zurück, »heiraten und erben. Und verlieren. Es ist doch etwas Trauriges«, fügte er mit falschem Pathos hinzu, »um die einsamen Frauen an den Höfen fern der Heimat, denen der Beschützer fehlt.« Er nickte ihr vielsagend zu. »Ich kann verstehen, dass Ihr Euch vor einem Schicksal ähnlich dem der armen Alice fürchtet, hin- und hergeschoben werden zwischen den politischen Interessen ohne einen Beschützer ...«

Johanna schnappte nach Luft. Diese Bemerkung war so ungeheuerlich in ihren Andeutungen, dass sie es nicht einmal schaffte, eine Erwiderung zu finden. Aber Tankred ließ ihr auch keine Zeit.

»Dabei habt Ihr Euch alles selbst zuzuschreiben«, fuhr er fort, »kinderlos wie Ihr seid. Hättet Ihr Eure Pflicht getan und dem Königreich einen Erben geschenkt, stünden wir alle nicht vor dieser Situation. So aber ...«, er richtete sich auf, während Johanna sich unter dem Schlag dieses Vorwurfs beinahe krümmte. Als er ihre Kinderlosigkeit erwähnte, war ihr für einen Moment, als könnten diese Männer sie nackt sehen. Ihre Hand fuhr unwillkürlich zu der Smaragdnadel und hielt den kleinen Gewandschlitz zusammen.

Ihr Gegner lächelte maliziös. »Ihr müsst vergeben, Herrin, aber hier geht es um Politik, da sind Tatsachen gefragt und die lautere Wahrheit. Rücksicht auf weibliche Empfindlichkeiten kann, wo es um das Wohl von so vielen geht, nicht genommen werden.«

Johanna kniff die Lippen zusammen und suchte ihn mit Blicken zu ermorden. Tankred von Lecce schien nichts davon zu bemerken; er fuhr fort: »Ich habe getan, was nötig ist, um Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten. Ich werde die Barone führen und die arabische Gefahr von den Mauern und Menschen dieses Reiches fernhalten. So haben die Barone und ich es beschlossen, und so ist es das Beste.« Beifälliges Murmeln antwortete ihm auf diese Rede.

»Mein Bruder ...«, schnappte Johanna.

Tankred aber winkte ab. »Euer Bruder, falls er jemals ein Ende findet in seinen Streitereien mit Frankreich, wird mir zustimmen, das sage ich Euch von König zu König.«

Johanna verzog angeekelt das Gesicht über diese Anmaßung. Sie wollte ihm widersprechen, doch er brachte sie mit einer knappen Geste zum Schweigen.

»Seht Euch doch dieses Testament an, auf das Ihr so pocht. Wen bestimmt es zum Erben? Seine Tante Konstanze? Und sie ist die Frau eines Staufers, nicht wahr, jenes Sohnes des großen Barbarossa.« Er lehnte sich genüsslich zurück. »Soviel wissen wir beide, dass Euer Bruder niemals zulassen wird, dass die Staufer dieses Königreich regieren.«

Johanna musste ihm gegen ihren Willen recht geben, sie wusste um Richards alten und heftigen Streit mit dem Staufischen Herrscherhaus. Ihre Position, sich an den Wortlaut des Testamentes zu halten, würde in der Tat in ihrem Bruder keinen Verteidiger finden. Er wäre der Erste, Konstanze und damit den Staufern die Krone Siziliens zu verweigern. Aber noch gab sie nicht auf. Es gab noch andere Themen, die ihren Mut brauchten und einen Streit lohnten.

»Davon unberührt allerdings ist die Frage meines persönlichen Besitzes«, sagte sie und musste sich räuspern. Wie dünn klang ihre eigene Stimme in ihren Ohren, und sie schalt sich dafür. Klarer dann und mit aller ihr möglichen Majestät fuhr sie fort. »Ihr enthaltet mir mein Wittum vor, meinen Besitz und meine persönlichen Herrschertitel. Oder haben«, fragte sie sarkastisch und wandte sich an die schweigenden Männer in ihren Stühlen, die mit den Stiefeln unter ihren langen Gewändern scharrten, »die Herren Barone beschlossen, sich auch hier über beeidetes Recht hinwegzusetzen? Ich kann allen Anwesenden versichern, dass mein Bruder in diesem Punkt sicher ganz meiner Ansicht sein wird.«

»Aber meine Liebe.« Tankreds Stimme troff nun wieder von der höfischen Zuvorkommenheit, auf die er sich so gut verstand, wenn er wollte. »Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich Eure Interessen vernachlässigte.«

Einen Moment fragte Johanna sich, ob sie aufatmen durfte, und der Ansatz eines Lächelns begann um ihre Lippen zu spielen.

»Euer Wohlergehen und Eure Sicherheit liegen mir mehr am Herzen, als Ihr glaubt«, fuhr er fort und legte sich die knochige Hand aufs Gewand, wo das Herz war. »Deshalb kann ich es auch unmöglich verantworten, dass Ihr, während ein Krieg tobt, allein und ungeschützt auf Euren Gütern sitzt, jedem Gewaltakt ausgesetzt. Eine hilflose Frau ...«

Das Lächeln auf Johannas Lippen erstarrte.

»Ihr wollt mich nicht gehen lassen?« Es war nur ein Flüstern.

Tankred neigte leicht grüßend den Kopf. »Ich biete Euch meine Gastfreundschaft, bis der Boden unserer schönen Insel wieder sicher geworden ist.« Dann klatschte er in die Hände.

»Bringt die Dame in ihre Gemächer«, wies er die eintretenden Diener an. Mit einem Wink seiner Augen hieß er die Türwachen, dem kleinen Zug zu folgen.

Johanna blieb nichts, als sehr aufrecht hinauszumarschieren. Sie war eine Gefangene, sie wusste es. Für wie lange? Zu welchem Zweck? Das lag in Tankreds Hand. Sie wusste, ganz ohne Hochmut, sie war ein kostbares Pfand, nicht nur ihrer eigenen Familie gegenüber, falls ihr Bruder mit seinen hochfliegenden Kreuzzugsplänen je die Zeit finden würde, sich für ihr Schicksal zu interessieren. Auch den anderen Herrscherhäusern Europas gegenüber. Tankred hatte nun die Hand einer Plantagenet zu vergeben, das war keine geringe Sache. Sollte er es allerdings nicht für vorteilhaft halten, sie neu zu verheiraten, lag es auch in seiner Macht, sie bis ans Ende ihrer Tage lebendig zu begraben. Wieder hörte Johanna das einstürzende Gerüst, die Schreie, fühlte den Staub, der sich auf ihr Gesicht und ihre Haare legte. Und sie dachte, dass es vielleicht besser gewesen wäre, sie hätte diesen Schritt beiseite heute Morgen nicht mehr geschafft.

Tankred von Lecce schaute ihr nach. Sein Berater neigte sich zu ihm. »Ihr habt sie hart angefasst«, flüsterte er. »Möglich, dass das einigen der alten Getreuen Wilhelms nicht behagt.« Und sein Blick schweifte vielsagend zu den Baronen, die noch immer schweigsam, mit düsteren Gesichtern dahockten.

Das Gesicht seines Herrn verdüsterte sich. »Wenn du heute Morgen bei der Kirche sorgfältiger gearbeitet hättest, hätten wir uns diesen Auftritt ersparen können«, zischte er verärgert zurück. Dass die Barone wankelmütig waren, wusste er selbst am besten, schließlich hatte er sie dazu gebracht, den Eid gegenüber ihrem Herren zu brechen, als dessen toter Leib noch warm war. Er zweifelte nicht, dass sie auch von ihm abfallen würden, sollten die Gelegenheit und der Anlass sich bieten. Allerdings würde dies kaum aus romantischen Gefühlen gegenüber einem Weiberrock geschehen, dachte er. Nicht einmal einem so hübschen gegenüber. Sie war ein verdammt schönes Weib, diese Johanna, das musste er ihr lassen.

»Verzeiht, Herr.« Mit gekünstelter Demut neigte seine Kreatur den Kopf. »Soll ich ...?«

Tankred hob die Hand und unterband damit jede weitere Rede. »Es ist gut so, denke ich.« Noch einmal schweifte sein Blick zu Johanna, deren blaues Kleid vor dem Ausblick auf das Meer in seinen Umrissen verschwamm und den Eindruck verlieh, als schwebte die Frau schwerelos durch die Landschaft davon. »Warten wir ab, wie die Dinge sich entwickeln.« Er hieb bestätigend mit der Faust auf die Lehne. »Warten wir es ab.«

8.

Als Rose wie jeden Morgen die Fenster aufstieß, erwachte Elaine in ihrem kastenförmigen Bett mit den gedrechselten Säulen. Nur wenig Licht drang durch die schweren Vorhänge herein, die es verhüllten und vor allem vor der beißenden Kälte schützten, die in dem steinernen Gemach herrschte. Elaine betrachtete den Lichtstrahl, der durch eine Vorhangritze hereindrang und über ihrem Kopf einen Schleier aus tanzendem Staub enthüllte. Außerdem fühlte sie den nadelfeinen Stich der kalten Zugluft und kuschelte sich noch tiefer in ihre Daunenkissen. Ah, hier war Wärme, hier waren, ein warmer Pfuhl, noch die köstlichen Überreste ihres Traumes zu finden.

»Habe ich gut geschlafen! Hast auch du so gut geschlafen Rose? Ich muss dir unbedingt meinen Traum erzählen!«

Rose war diesen Morgen erwacht wie jeden Morgen seit dem Tag, an dem es geschehen war: in Schweiß gebadet. Die ganze Nacht war sie gelaufen, davongelaufen vor jenem langen Schatten unnennbarer Angst, der sie wieder und wieder einzuholen drohte. Ihre Beine zuckten noch, wenn sie sich aufsetzte, ihr Gewand war feucht, ihr Herz klopfte wie wild und sie fühlte sich völlig zerschlagen. Manchmal schmerzte ihr Hals, als hätte sie laut geschrieen, und auch die Zähne, die sie fest aufeinander gebissen hatte. Dann schaute sie misstrauisch zu ihrer Mutter hinüber und fragte sich, ob sie im Schlaf wohl verräterische Geräusche machte. Doch wenn ihre Mutter etwas gehört hatte, so sagte sie nichts. Sie sprach ohnehin wenig; und den Vorfall hatte sie seit jenem Abend nie wieder erwähnt.

Dennoch fühlte Rose sich beobachtet, von ihr und allen anderen. Jeder, schien es, musterte sie aus den Augenwinkeln und lauerte – worauf, das wusste sie selber nicht. In Wahrheit war es so, dass niemand etwas von ihr wollte. Keiner sprach sie an, fragte mehr nach der Wunde oder erwähnte irgendetwas Verdächtiges. Alle gingen sie ihrer alltäglichen Arbeit nach und beachteten Rose so wenig wie je. Es war nur ihr eigenes Gefühl der brennenden Scham, das sie glauben ließ, jeder müsste den Makel an ihr sofort entdecken. Und tief darunter verborgen war es der nicht minder brennende Wunsch, einer möge es entdecken, möge ihre Qual bemerken, sie in die Arme nehmen, trösten und von all dem erlösen. Aber nichts dergleichen geschah.

Rose verrichtete ihre Arbeiten wie eh und je. Nur dass sie jetzt gekennzeichnet war von einer Kette dummer Missgeschicke und Unfälle. Wenn einer stolperte, sich schnitt oder mit dem Kleid irgendwo hängen blieb, dass es böse ratschte: Es war Rose. Wenn einem die Hühnereier beim Einsammeln zerbrachen, das Feuer im Kamin einfach nicht angehen wollte, so dass der Herr schon schimpfte oder die Grütze am Morgen angebrannt auf die Holzteller der Knechte kam: Rose war diejenige, der es passierte. Wenn es irgendwo in der Burg schepperte oder klirrte, war man soweit, ohne Aufzusehen zu seufzen: Oh, Rose. Auch Elaine hielt sie die Cotte verkehrt herum hin, aber die war nicht in der Stimmung, es zu bemerken.

»Im Traum war mein Geliebter«, schwärmte sie, »in einem prächtigen, bunten Gewand, das Schwert an einem Gürtel mit Silberbuckeln. Sein Haar war lang, wie die Ritter es trugen, und es glänzte im Licht einer Sonne, wie England sie noch nie gesehen hatte. An einer Hand führte er sie, Elaine, deren Schleier im warmen Wind wehten. Mit der anderen wies er auf eine Stadt, die ganz und gar golden schimmerte, wie ein riesiges Reliquiar, köstlich in allen Einzelheiten; das war Jerusalem, der heiligste Ort der Welt. Hörst du mir zu, Rose?«

Die Magd murmelte etwas Unverständliches, während sie mechanisch begann, Elaine die Kleider zu reichen. Die zog sich an und plauderte unverwandt weiter.

»Er sagte: ›Für dich‹, zog sein Schwert und kniete sich nieder. Ein ehrfürchtiges Murmeln ging durch die Menge der Menschen, die unter Palmen weilend ihnen zusahen. Alle neigten das Haupt und lächelten und vergossen sogar eine Träne, als ich mich neigte, um ihm die Stirn zu küssen, die warm war und glatt, ach Rose, du kannst es dir nicht vorstellen. Und sie duftete nach Sonne und Weihrauch.« Ehrfürchtig hielt Elaine inne. »Ich glaube, die Männer sind schon etwas Wunderbares. Was meinst du, Rose?« Elaine drückte ihre Nase in die Kissen und atmete tief ein. Dann musste sie niesen. »Ach«, seufzte Elaine. Eine Weile lag sie noch auf dem Rücken. Eine Antwort erhielt sie nicht.

Rose wartete unverwandt mit der Haarbürste in der Hand und starrte auf den Betthimmel, wo sich die Wanzen mit den ersten Frühlingsahnungen zu regen begannen. Aber für sie wollten sich die Tiere einfach nicht in Saladins gepanzerte Reiterei verwandeln und die alten Spinnweben nicht in Palmwedel, obwohl sie solche kannte von den Wandgemälden in der Kirche, auf denen der Palmsonntag abgebildet war. Auch ein Jerusalem gab es dort, seltsam geschachtelt aus Vierecken und Zinnen, so klein, dass es kaum den Esel zu fassen schien, auf dem Jesus ihm entgegenritt. Und dennoch löste der Name in ihr etwas aus, ein Echo, einen Widerhall, dessen Ursprung sie noch nicht zu fassen vermochte. Zu schwer lastete die Traurigkeit auf ihr und machte sie unbeweglich.

So blieb sie auch, als Elaine endlich aufsprang und mit einer raschen Bewegung die Füße aus dem Bett schwang, »brr, ist das kalt« rief und so schnell sie konnte in ihr Surcot schlüpfte. Sie protestierte auch nicht, als Elaine sie anstieß, während sie zum Fenster lief, um hinauszusehen. Der Schnee in den Mauerritzen, war verschwunden, stattdessen grünten dort bereits die ersten Kräuter. Elaine hob den Kopf und schnupperte. »Du hast mir gar nicht gesagt, dass es Frühling wird«, beschwerte sie sich. »Ich kann ihn riechen.«

»Ich muss es wohl übersehen haben«, murmelte Rose.

»Und schau, da ist Edward!« Es hätte nicht viel gefehlt, und Elaine hätte gerufen und ihm zugewunken. Gerade noch rechtzeitig wurde Rose wach und zog sie vom Fenster weg. »Ach, er geht«, klagte Elaine, als sie sich ihren Platz zurückerkämpft hatte. »Zum Viehmarkt bestimmt. Da bleibt er gewiss bis zum Abend.«

Die junge Burgherrin hielt nicht inne mit ihrem Gejammer. Wie wenig sie doch von dem Geliebten hatte, während er ihr so nahe war. Welche Qualen das für ein fühlendes Herz bedeutete. Wie folternd die wenigen Augenblicke nur waren, die sie ihn sah, ihn, der so schön war, so geschmeidig, so hoch gewachsen edel.

Rose versuchte, all dem zu folgen, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Gedanken abschweiften, mit dem Flug der Vögel draußen über dem Hof, mit dem Geläut der Glocken vom nahen Kloster, mit den huschenden Schritten einer Maus, die aus ihrem Loch kam und mit raschen, suchenden Bewegungen ihres Köpfchens die Furchen zwischen den Steinplatten des Bodens entlanglief, die feinen Schnurrhaare zitternd vor Erregung.

»Du hast ihm doch den Brief sicher gegeben?«, erkundigte Elaine sich, zum wie vielten Male nicht in den letzten Tagen. Und Rose bejahte es zerstreut.

»Dann verstehe ich das nicht«, jammerte Elaine. »Es müsste ihn doch mit aller Macht zu mir ziehen, nun, da er um die Gefahr weiß. Dabei wirkt es eher, als wiche er mir aus.« Sie seufzte und schlang die Arme um ihre Knie. »Vielleicht«, fiel es ihr dann ein, »schmiedet er schon die Pläne für unsere Flucht. Vielleicht bereitet er alles heimlich bereits vor. Und meidet mich, damit kein Verdacht auf uns fallen kann. Oh wie klug!« Sie klatschte erfreut in die Hände. Erschrocken fuhr Rose zusammen.

»Was meinst du?« Elaine ergriff ihre Hände und drückte sie in die ihren. »Soll ich ihm helfen und ebenfalls mit den Vorkehrungen beginnen?« Sie überlegte, während sie mit Roses Fingern spielte. »Ich könnte zum Beispiel meinen Schmuck zusammenpacken und verstecken, unter der Matratze, was meinst du?«

»Sicher«, sagte Rose und räusperte sich. Sie hatte Mühe, sich ins Gedächtnis zu rufen, was die Herrin gesagt hatte. Als es ihr aber einfiel, meinte sie, dass es niemand wehtun würde, wenn die Ringe und Ketten Elaines statt in der Truhe in dem Bett gleich daneben ruhten. »Sicher«, wiederholte sie daher mit festerer Stimme und versuchte ein Lächeln.

»Liebe Rose.« Elaine strahlte und küsste sie auf die Wange. »Aber dein Gesicht ist ja so kalt wie deine Finger«, lachte sie. Dann hob sie lauschend den Kopf.

Rose hob den Kopf. »Euer Vater kommt«, sagte sie tonlos.

Elaines Gesicht wurde schlagartig ernst. »Ach, Rose, das Leben ist so furchtbar!«

Da ging die Tür auf und der Herr von Chaworth kam herein. Er breitete die Arme aus: »Wunderbare Neuigkeiten«, verkündete er aufgeräumt. »Middletons Antrag ist da. Du kannst dich auf die Hochzeit freuen.«

Rose fühlte, wie Elaines Finger nach den ihren fassten; sie waren so kalt wie der Schnee auf der Mauer.

9.

Rose verließ Elaine. Sie ertrug es nicht, deren verzweifelte Proteste zu hören und die scharfe Stimme ihres Vaters, der sie zurechtwies.

»Wie kannst du es wagen, mir gegenüber eine solche Sprache zu führen?«, hatte er gedonnert. »Du wirst ihn heiraten, sag ich, und alles, was du dazu zu sagen hast, ist Ja, wenn du vor dem Altar stehst. Hast du mich verstanden?« Widerspruch hatte noch niemand Wilfried von Chaworth entgegengebracht, weder seine Frau noch seine Kinder. Allenfalls der Bischof erlaubte es sich, hie und da ihm Gespräch ihm gegenüber einen Vorschlag zu machen, vorsichtig und beiläufig, wie es seine Art war, so dass man guten Gewissens darauf eingehen konnte, ohne das Gefühl zu haben, zu etwas bestimmt worden zu sein. Aber ein klares »Nein« war er nicht gewohnt zu hören. Und es brachte ihn auf wie die Saufeder in der Flanke einen Eber. Sein Brustkorb hatte gebebt, da sein Atem rasch ging. Sein Gesicht, breit und fleischig, den genussvollen Esser und Trinker verratend, hatte sich zornrot verfärbt, seine Augen gefunkelt. Seine Untergebenen würden einen Widerspruch nicht wagen! Sie selbst würde es nicht wagen! Wie klein sie sich fühlte, so im Sturm seines Missfallens zu stehen, und sei es nur am Rande, es war kaum zu ertragen.

Das rote Gesicht des Burgherren stieß sie mehr ab denn je, und auch seine Hände mit den dicken, wurstigen Fingern, die er alle zehn energisch vor ihnen auf die Tischplatte gestützt hatte, so wie er es tat, wenn er die Geschäfte derer von Chaworth tätigte, seine Schuldner auszahlte, die Abgaben der Pächter zählte, Verträge unterschrieb, all das mit viel Strenge. Es waren die Hände eines Mannes, der nie in seinem Leben an sich gezweifelt hatte. An diesem Morgen sah Rose nur, dass sie hart waren wie die eines Schmiedes. Und sie war froh, draußen auf dem Hof die frische Morgenluft atmen zu dürfen.

Ein wenig bewunderte sie Elaine, die es wagte, all dem standzuhalten. Die es schaffte, ihren Mund aufzutun und Nein zu sagen, auch wenn es unvernünftig und nutzlos war. Sie selbst hatte sich bislang versagt, auch nur in Träumen vor ihrem Schicksal zu flüchten, geschweige denn sich dagegen aufzulehnen. Nicht einmal gegen Thomas hatte sie die Hand gehoben! Der Gedanke schmerzte so, dass sie die Augen schließen musste. Und als die Stimmen noch einmal lauter wurden, zögerte sie für einen kurzen Moment und wandte sich um.

Aber nein, es gab nichts, was sie tun konnte; Rose floh im Laufschritt. Und war Elaines Schicksal am Ende so schlimm? Sie würde Rang und Titel besitzen, die Achtung ihres Gatten und ihrer Untertanen. Niemand würde es wagen, sie zu schlagen und zu packen wie eine überzählige Katze, um sie gegen den nächsten Baum zu schlagen. Sie presste die Hand gegen den Mund und versuchte, die Erinnerung zu verdrängen.

Im Hof war ein kleiner Tumult, weil ein Fuhrwerk zu passieren suchte, das lange, frisch geschlagene Baumstämme transportierte. Sie schleiften hinter dem Gespann her und drohten sich beim Tor zu verkeilen. Die Knechte liefen zur Hilfe herbei und machten das Pferd eines Reiters scheu, der ungeduldig darauf wartete, die Toreinfahrt passieren zu können.

Vom Fenster des Palas, das zu Elaines Zimmer gehörte, hörte man das Klatschen einer heftigen Ohrfeige.

»Vergossene Milch«, murmelte Rose und wandte sich ab. Dabei stieß sie schmerzhaft gegen jemanden, den sie übersehen hatte. Unwillkürlich stemmte sie die Hände gegen die fremde Brust. Da roch sie es, noch ehe sie den Kopf heben konnte, um in das Gesicht zu sehen. Asche und Metall.

»He, Thomas«, rief einer der Knechte fröhlich. »Hier herüber. Flirte nicht herum und komm in den Stall.«

»Sofort.« Rose konnte die Vibration seiner kräftigen Stimme in seinem Brustkorb spüren. Sie ließ die Hände herabfallen.

Thomas der Schmied lachte. Geh weg, betete sie stumm und schloss die Augen. Dann, endlich, spürte sie seine Gestalt sich von ihr lösen. Sie hörte das Knirschen seiner Schuhe auf dem Stein des Hofes. Hörte die Scherze der Männer und Thomas’ gut gelaunte Antwort: »Die? Wegen der würde doch keiner einen Gaul stehen lassen« und das folgende Gelächter. Ihre Beine zitterten so sehr, dass sie es noch immer nicht wagte, einen Schritt zu tun. Als sie die Augen schließlich öffnete, waren sie blind von Tränen. Aufschluchzend wischte sie sich das Gesicht mit der Schürze ab und erkannte, dass sie in dem kleinen, mauerumstandenen Garten der Burg stand. Elaines Mutter hatte einst versucht, hier Rosen zu züchten, es aber bald aufgegeben, und so diente er heute als Kräuterbeet. Nur ein paar Spaliere und eine Bank, die einsam inmitten der Beete stand und auf die Rose nun zutaumelte, zeugten von der einst höheren Bestimmung. Der Boden war schwarz und schwer, in den Mauerschatten noch von grauem Harsch bedeckt, und in manchen Furchen lag blasses, wie ertrunkenes Grün vom Vorjahr. Aber die Sonne schien bereits über die Krone und ließ ihr Licht über den kleinen, verwunschenen Sitzplatz gleiten, auf dem Rose sich nun einrollte wie eine Katze. Was sollte sie tun? Was sollte sie nur tun?

»Rose?«, hörte sie es da.

Kaum, dass sie es vermochte, die Augen zu öffnen.

Aber Elaine war schon neben sie geschlüpft und kuschelte sich an sie. »Er hat mich geschlagen«, flüsterte sie.

»Ich weiß.« Besser als du ahnst, dachte sie. Doch es klang müde.

»Aber ich will ihn trotzdem nicht heiraten. Er ist doch viel zu alt. Und er ist mir zuwider. Schon seine Hand auf meinem Arm, wenn er beim Essen eine Bemerkung macht ... »Rose spürte, wie das Mädchen neben ihr erschauderte.

»Nicht einen Wimpernschlag hat er gezögert. Ich hasse ihn.«

»Er ist Euer Vater«, murmelte Rose mechanisch.

Hasste sie selbst Thomas, fragte zugleich eine Stimme in ihrem Inneren. Rose war nicht sicher. Durfte sie ihn hassen? Ja, ja und tausendmal ja. Und warum tat sie es dann nicht. Weil du dich fürchtest, flüsterte die Stimme ihr zu. Und die Scham packte sie, dass es sie schüttelte.

»Ich habe ihm gesagt, dass ich einwillige, und jetzt ist er schon wieder glänzender Laune.« Elaines Stimme verriet nichts als Verachtung. Dann dachte sie nach. »Edward wird die Vorbereitungen für die Flucht beschleunigen müssen.« Der Gedanke verlieh ihr neue Energie, denn während Rose liegen blieb, richtete sie sich auf und begann bald lebhaft, ihre Pläne zu entwickeln. Es gäbe nun keine Wahl mehr; die Würfel wären gefallen: Sie und Edward würden gemeinsam von hier fortgehen, am liebsten heute noch; sie musste versuchen, ihn noch diesen Abend zu treffen. Da hinein mischte sich der Bericht über die Heiratspläne, das Lamento über ihren Vater und alles, was ihr sonst noch in den Kopf kam in diesem Moment, in dem es ihr schien, ihr ganzes Leben sei in Bewegung geraten, wie ein Pferd in wildem Galopp. Und sie saß auf seinem Rücken, der Wind pfiff ihr um die Nase und sie ahnte nur gerade erst, wohin die wirbelnde Reise ging. »Heute Nacht«, sagte sie und setzte sich heftig ausatmend endlich hin, »werde ich ihm erlauben, mich zu küssen. Nun kann ich es, nun bin ich sein. Werde es sein«, verbesserte sie sich dann, schwieg einen Moment in Ehrfurcht vor der Größe des Augenblicks und verfiel dann wieder in ihr nervöses Geplauder.

Rose bekam nicht allzu viel davon mit. Wie erstarrt lag sie da, die Arme um sich geschlungen und ihr schien, an ihren Händen, die sie unauffällig immer wieder am Stoff ihres Umschlagtuches abwischte, haftete noch immer dieser Geruch, den alles Waschen nicht von ihr abwusch: Asche und Metall. Diese verflixten Finger, wie kraftlos waren sie gewesen, sie, die früher doch so entschlossen zugepackt hatten. Sie hatte ihn nicht geschlagen, hatte ihn nicht getötet, ihn nicht einmal zurückgestoßen. Lächerlich hatte sie vor ihm gestanden, lächerlich war sie für alle, zerstreut, ungeschickt, als hätte etwas ihr alle Lebenskraft ausgesaugt. So konnte es nicht weitergehen; sie war auf dem Weg, sich zu verlieren.

Elaines sonst so blasse Wangen glühten vor Eifer. »Was sagst du dazu, Rose, was?«

10.

»Ich möchte ihn anzeigen«, sagte Rose und hob den Kopf.

»Wahrhaftig!« Der Vorsteher der kleinen Gemeinde hielt sich ein Tuch an die Nase, als wäre ein übler Geruch zu ihm gedrungen. Hilfesuchend schaute er seine Ratskollegen an. Die vermieden es wie er, zu Rose hinüberzuschauen, die, ihr wollenes Umschlagtuch festhaltend, vor ihnen stand, bleich im Gesicht.

»Der Thomas ist jetzt viel in der Burgschmiede, seit der alte Burgschmied krank ist. Da müsste ich ja dem Herrn von Chaworth mit dieser, dieser Sache kommen.« Er schüttelte entschieden den Kopf. Nein, das erschien ihm ganz und gar unmöglich.

»Ist es denn nicht möglich«, fragte ein Alter mit reichlich gefälteltem, pelzverbrämten Rock, im zivilen Leben Färbermeister, »dass das Mädchen sich über den Hergang getäuscht hat?«

Rose gab einen empörten Laut von sich. »Wie sollte ich mich darüber täuschen?«, fragte sie. »Er hat mich zu Boden geschlagen und mir, mir ...« Sie rang darum, das Wort noch einmal über ihre Lippen zu bringen.

Der Färbermeister winkte ab. »Manchmal«, brummelte er, »trinkt man zu viel, und dann ...«

»Man soll eine kleine Rangelei nicht überbewerten«, sprang der Gemeindevorstand ihm bei. Zustimmungsheischend blickte er Rose an, die verächtlich zurücksah.

»Es war keine Rangelei, es war Gewalt.«

»Der Thomas ist ein gottesfürchtiger Mann«, ließ sich da der Priester vernehmen, der bisher in seinem Sessel gehockt und nichts dazu gesagt hatte. »Er geht fleißig in die Kirche und tut seine Arbeit wie nur einer.« Er sagte das in abschließendem Ton.

Rose senkte erschrocken den Kopf vor der kirchlichen Autorität. Doch es kämpfte zu sehr in ihr, als dass sie hätte schweigen können. Sie war schon zu weit gegangen, wenn sie nun schwieg, würde man sie eine Lügnerin heißen.

»So ist es denn«, begann sie vorsichtig im fragenden Ton, »rechtens, dass einer, wenn er nur arbeitet und ein Kirchgänger ist, seinen Nächsten antun darf, was immer er will?«

Der Pfarrer erhob sich, sein Gewand raschelte. »Es ist so«, stellte er eisig fest, »dass einer, der seine Seele in die Obhut der Kirche gibt, gar nicht in der Lage ist, Unrechtes zu denken oder zu tun.«

Beifällig nickten die Männer einander zu.

»Er hat es aber getan.« Rose wusste selbst kaum, wie sie es fertig gebracht hatte, den Satz auszusprechen. Auch die Männer wollten es nicht glauben und schauten sie entsetzt und tadelnd an.

»Unglückliche«, donnerte der Priester.

Da hob der korpulente Gastwirt seine Hand. »Wenn es gestattet ist«, fiel er ein, »ich habe den Thomas zu der Sache im Vertrauen befragt.«

Rose riss die Augen auf. So war das also, in aller Mund war ihre Schande nun, sogar in der Wirtsstube wurde sie breit getreten. Die Scham quälte sie so, dass sie aufstöhnte.

»Wer nichts getan hat, muss nichts fürchten«, fuhr der Vorsteher sie an, der ihren Laut als Äußerung des Erschreckens auslegte. Eifrig nickte der Priester.

Der Wirt fuhr fort. »Er leugnete gar nicht, dem Mädchen begegnet zu sein, meinte auch, sie habe ihn angesprochen, er sei das gewohnt von den Weibern« – an dieser Stelle grinste er verständnisheischend in die Runde – »er sei aber mit zwei Freunden gewesen und habe ihre Avancen daher abgelehnt. Er meinte noch, vielleicht stamme daher der Groll des armen Kindes hier.«

Rose schrie auf. »Nein, er lügt!«

Der Vorsteher erkundigte sich nach diesen Gefährten und erfuhr, es seien die Müllersknechte gewesen. Rose kannte sie, es waren Thomas engste Kumpane, auch den anderen war das bekannt.

»Sie lügen alle«, rief Rose aufgebracht. »Man muss hingehen und den Müller fragen. An dem Tag wurde doch gemahlen in der Mühle, der Burgherr hatte einen Wagen geschickt, von wegen seinen Gästen, das weiß ich. Bestimmt kann der Müller bestätigen, dass sie gearbeitet haben.«

Die Herren tauschten tadelnde und beunruhigte Blicke. »So lügen also alle, alle, nur du nicht«, versuchte es der Priester und trat vor, die Hand erhoben, als wollte er Gott zum Zeugen von Roses Untaten anrufen. Die blickte zu Boden, aber sie blieb fest. »Ich weiß, ich lüge nicht«, sagte sie leise.

»Was der Müller wohl sagt, wenn wir ihn fragen?«, überlegte der Färbermeister.

»Ihr müsst ihn fragen«, drängte Rose. »Vor dem Herrn von Chaworth wird er bestimmt nicht ...«

»Eine unverschämte Magd hat mir nicht zu sagen, wie ich eine Untersuchung zu führen habe«, blaffte der Vorsteher sie an. »So langsam habe ich genug von deinen Zudringlichkeiten. Ruhe jetzt!«

Hilfesuchend schaute er den Priester an. Der meinte: »Ich bin sicher, wenn man ihm die Bedeutung seiner Aussage für den Frieden der Gemeinde vor Augen hält«, überlegte der.

»Gewiss.« Der Vorsteher lächelte erleichtert. Er tupfte sich mit dem Tuch den Schweiß von der Stirn. »So wird es sein.«

»Aber ...«, begann Rose.

»Ruhe«, donnerte der Pfarrer. Dann trat er näher an sie heran. »Die Müllersknechte haben noch mehr gesagt, stimmt’s, Herr Wirt?« Er suchte mit einem schnellen Blick dessen Zustimmung. »Sie meinten nämlich, der Schmied sei nicht der einzige, dem du schöne Augen machtest, und nicht jeder wäre so standhaft gewesen vor deinen Nachstellungen wie der Thomas an jenem Tag.«

»Das ist doch ...« In Rose arbeitete es, ihr ganzer Körper war in Aufruhr, in ihren Ohren sauste es und ihr Kopf schmerzte zum Zerspringen. Tränen drängten zu ihren Augen, dass sie beinahe nichts mehr sah als die feisten Umrisse jener Männer, die sie als dunkle Schatten bedrängten, sie verhöhnten und ihre Ehre in den Schmutz zogen.

»Die beiden müssen gerade reden, die sind doch ...«, setzte sie an.

»Schluss! Schluss, sage ich! Willst du jetzt jeden ehrlichen Mann in dieser Gemeinde mit deinem Dreck bewerfen? Schluss!«

Nun konnte Rose die Tränen nicht mehr zurückhalten. Aufschluchzend hob sie die Hände vor das Gesicht.

Der Vorsteher seufzte. »Ich glaube, wir sehen alle, wohin das führt.« Seine Ratsgenossen nickten. »Es ist wohl besser, wenn wir den Herren damit nicht belästigen«, fuhr er fort, »darin sind wir uns wohl einig. Martha«, rief er nach seiner Frau. Und als sie erschien befahl er ihr, das weinende Mädchen hinauszuführen.

Rose stolperte am Arm der Frau durch den dunklen Flur, blind für ihre Umgebung und am Ende ihrer Kraft. Unsanft fühlte sie sich gepackt und nach draußen gestoßen. Des Vorstehers Gattin verharrte noch einen Moment in der Tür. Sie war ein hageres Weib mit einer knochigen Nase, die aus dem haubenumschlossenen Gesicht herausstach. Mit verschränkten Armen stand sie da und starrte Rose an.

»Du solltest dich schämen«, zischte sie, »dir auf so infame Weise einen Ehemann zu beschaffen, pfui!«

Rose riss die Augen auf. Offensichtlich hatte das Weib gelauscht, und es war klar, ihre böse Zunge würde die Geschichte allen im Dorf erzählen, die bis jetzt noch nichts davon wussten. Aber noch schlimmer war, wie sie ihre Absichten missdeutete. Rose bezichtigte Thomas doch nicht, damit er sie zur Frau nahm. Sicher, das geschah manches Mal, ein Junge vergriff sich, und die Familien regelten die Sache einvernehmlich, zum Wohle aller, wie es hieß, vor allem, wenn ein Balg unterwegs war. Aber sie tat dies nicht. Sie wollte nicht, dass Thomas seine Tat vor dem Traualter sühnte. Sie hätte lieber den Teufel genommen als ihn. Bestraft werden sollte er, sonst verlangte sie nichts. Rose öffnete den Mund, um all dies loszuwerden. Da warf die Vorstehersgattin die Tür ins Schloss.

Anderen gegenüber war sie nicht so verschlossen, das bemerkte Rose in den nächsten Tagen. Jeder Gang ins Dorf wurde zu einem wahren Spießrutenlaufen. Waren die Blicke der Männer früher von freundlich-träger Zudringlichkeit, so glomm in ihnen nun eine neue, neugierige Frechheit, eine Lust, die Rose Angst zu machen begann. Mehr als einmal wurden ihr Dinge zugeflüstert, die sie schamrot werden ließen und ihre Füße zum Stolpern brachten, was diejenigen, die es bemerkten, zu lautem und höhnischem Gelächter veranlassten.

Auch die Frauen sparten nicht mit Gezischel. »Schamlos«, hörte Rose es, »Dirne« oder »Was glaubt sie, wer sie ist?«.

Am Brunnen nahm Heather mit den ungezähmten braunen Haaren ihr den Vortritt und schubste sie derb beiseite. Als Rose angemessen protestierte, richtete sie sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Du glaubst wohl«, begann sie loszukeifen, »du kannst dir alles erlauben. Die Leute mit Dreck bewerfen. Aber glaub nicht, dass es dir zum Vorteil ausschlägt.« So schimpfte sie fort.

Rose war sprachlos. Eine andere Magd aus der Burg trat neben sie und flüsterte. »Das weiß doch jeder, dass ihr Kleines vom Thomas ist. Und sie hofft noch immer, er nimmt sie, das arme Luder.« Sie schaute Rose von der Seite an. »Denkst du wirklich, er wird jetzt dich heiraten?«

Energisch hievte Rose den Eimer auf den Brunnenrand und knallte ihn auf den Stein. Das Wasser schwappte über und nässte ihr den Rock, was einige kichern ließ. »Damit ihr es alle wisst«, rief sie laut. »Der Thomas ist ein Schuft und ihn zu heiraten ist das Letzte, was ich will.«

»Na, dafür machst du aber ein ganz schönes Aufhebens um ihn«, erklang es hinter ihrem Rücken. Das folgende Gelächter trieb Rose den Weg hinunter. Sie rannte beinahe, rannte und rannte, bis sie zu Hause ankam. Dort saß ihre Mutter wie immer in der Nähe des Herdes und stickte. Ohne ein Wort des Willkommens setzte Rose das Wasser ab und begann, mit energischen Bewegungen den Tisch zu schrubben.

Schließlich sagte ihre Mutter: »Es wird nicht funktionieren, weißt du.«

Rose hob den Kopf. »Wenn dein Vater mit ihm geredet hätte, in aller Stille ...«, fuhr ihre Mutter fort und zog den Faden durch den groben Stoff, der schon viele Male geflickt worden war.

Rose knallte den Lappen auf den Tisch und wandte sich um. »Warum glauben alle, ich will diesen Kerl heiraten?«, fragte sie so laut, dass die Hühner aufgescheucht umeinander rannten. Sie trat nach der Henne, dann war ihre Energie verraucht und sie sank auf die Bank. »Wie könnte irgendeine Frau das tun«, flüsterte sie und starrte auf die Wand, als sähe sie ihre ganze Folter dort noch einmal.

Ihre Mutter zuckte mit den Schultern und nähte weiter. Etwas an ihrer Art ließ Rose aufblicken. »Mutter?« Sie sprang auf und kniete sich an die Seite der Frau, die wie eine Greisin aussah und doch, musste Rose sich ins Gedächtnis rufen, nur sechzehn Jahre älter war als sie selbst. Das Leben hatte in dieser Zeit alle Säfte aus ihr gesaugt. Sie umfasste die rissigen, von Arbeit gezeichneten Hände ihrer Mutter.

»Ich konnte«, sagte die nach einer Weile. »Au, pass doch auf mit der Nadel, Kind.« Missmutig machte sie sich los und setzte ihre Arbeit fort. »Es war während der Ernte, alle hatten sie getrunken. So etwas passiert jedes Jahr, weißt du?« Sie stach ein und zog den Faden durch, ohne zu zittern. »Meine Eltern haben die Sache geregelt, und ich nahm ihn. Er war nicht besser und nicht schlechter als die anderen. So ist das Leben.«

Entsetzt starrte Rose sie an.

»Mach den Mund zu«, sagte ihre Mutter ruhig. »Auch der Schmied wäre keine schlechte Partie gewesen. Du hättest froh sein können.«

Rose sprang auf. »Ein gottverfluchtes Untier ist er.«

Da schaute ihre Mutter hoch. Sie versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. »Ich dulde keine Gotteslästerung in meinem Hause!«, rief sie, mit einem Male energisch. »Verdammt, jetzt habe ich mich doch gestochen.« Anklagend wies sie auf die roten Flecken, die sich auf dem Stoff breit machten.

Rose sah das Blut und begann zu würgen. Sie lief hinter das Haus und übergab sich. Als der Speisebrei dampfend auf dem gefrorenen Boden lag, überwältigte ihr Elend sie so sehr, dass sie in die Knie ging. Lange verharrte sie so. Hässlich war ihr Leben geworden, ekelerregend und eine Qual. Schön war es nie gewesen, aber dies nun war mehr, als Rose ertrug.

Vage hörte sie Schritte, dann Stimmen, schließlich einen dumpfen Schlag, wie wenn etwas gegen die Wand krachte. Die Tür ihrer Hütte öffnete sich und ihre Mutter kam heraus, schimpfend und drohend. Rose hörte Gelächter. Jetzt bewerfen sie uns schon mit Unrat, dachte sie, jeder Dahergelaufene. Und es wird so schnell nicht enden.

Da begannen die Kirchenglocken zu läuten. Wie bleierne Ringe stiegen die Töne in den Himmel, die sich weiteten und weiteten, sich überkreuzten und ineinander verschlangen, bis sie alles umarmten, Himmel, Dorf und Felder. Auch Rose konnte sich dem Klang nicht entziehen und hob den Kopf. Aber sie hörte heute etwas anderes darin, mehr als den üblichen Ruf zur Pause, der die Menschen auf den Feldern veranlasste, die Hacken wegzulegen, der die Mönche in die Kapelle rief und die auf der Burg zu Tisch, wo sie sich bekreuzigten, ehe sie die Löffel hoben. Sie hörte zum ersten Mal ein Versprechen darin: Du kannst dein Leben heiligen, erklang es in ihren Ohren, mit der Stimme des Predigers, wie er zu ihnen geredet hatte an jenem Tag, als alles noch gut war, alles noch heil, und sie ihr Leben noch besaß. Du kannst das Paradies auf sicherem Weg gewinnen. Im Osten! Im Osten, dort wartete das Heil.

Du kannst auf direktem Weg von hier verschwinden, dachte Rose. Kannst gehen und hast ein Ziel. Kein Gericht erreicht dich, kein Fluch trifft dich, wenn du das Gelübde abgelegt hast. Alles Irdische gewinnt einen Aufschub. Rose begann ruhiger zu atmen. Der ganze Schmutz der letzten Wochen, er fiele von ihr ab, es wäre wie eine Wiedergeburt, ein neuer Anfang.

Es wäre eine weite Reise, meldete sich eine andere Stimme in ihrem Kopf, lang, gefährlich und teuer. Und du hast nichts, um sie anzutreten, als ein paar dünne Schuhe und deine Verzweiflung. Sie spürte mit einem Mal den kalten Boden unter ihren Röcken und stand fröstelnd auf. Zweifel kamen in ihr hoch. Die Glocken verstummten mit einem letzten, unsicher bimmelnden Nachklang. Rose seufzte schwer. Ach, es war doch alles nur ein schöner Gedanke, die Wirklichkeit sah anders aus. Vielleicht wäre es das Beste, sie zöge einfach den Kopf ein und ertrüge, was auf sie zukäme, irgendwie.

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