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Die Nightingale-Schwestern – Sturm der Gefühle

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. KAPITEL EINS
  7. KAPITEL ZWEI
  8. KAPITEL DREI
  9. KAPITEL VIER
  10. KAPITEL FÜNF
  11. KAPITEL SECHS
  12. KAPITEL SIEBEN
  13. KAPITEL ACHT
  14. KAPITEL NEUN
  15. KAPITEL ZEHN
  16. KAPITEL ELF
  17. KAPITEL ZWÖLF
  18. KAPITEL DREIZEHN
  19. KAPITEL VIERZEHN
  20. KAPITEL FÜNFZEHN
  21. KAPITEL SECHZEHN
  22. KAPITEL SIEBZEHN
  23. KAPITEL ACHTZEHN
  24. KAPITEL NEUNZEHN
  25. KAPITEL ZWANZIG
  26. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  27. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  28. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  29. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  30. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  31. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  32. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  33. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  34. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  35. KAPITEL DREISSIG
  36. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  37. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  38. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  39. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  40. KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
  41. KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
  42. KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
  43. KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
  44. KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
  45. KAPITEL VIERZIG
  46. KAPITEL EINUNDVIERZIG
  47. KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
  48. KAPITEL DREIUNDVIERZIG
  49. KAPITEL VIERUNDVIERZIG
  50. KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG
  51. KAPITEL SECHSUNDVIERZIG
  52. KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG
  53. KAPITEL ACHTUNDVIERZIG
  54. KAPITEL NEUNUNDVIERZIG
  55. KAPITEL FÜNFZIG
  56. KAPITEL EINUNDFÜNFZIG
  57. KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG
  58. KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG
  59. KAPITEL VIERUNDFÜNFZIG
  60. DANKSAGUNG

Über die Autorin

Donna Douglas wuchs in London auf, lebt jedoch inzwischen mit ihrer Familie in York. Ihre Romanserie um die Schwesternschülerinnen des berühmten Londoner Nightingale Hospitals wurde in England zu einem Überraschungserfolg und eroberte die Top Ten der Sunday Times-Bestsellerliste. Neben ihrer Arbeit an weiteren Romanen schreibt die Autorin außerdem regelmäßig für verschiedene englische Zeitungen.

Mehr über Donna Douglas und ihre Bücher erfahren Sie unter www.donnadouglas.co.uk oder auf ihrem Blog unter donnadouglasauthor.wordpress.com.

Donna Douglas

Die
NIGHTINGALE
SCHWESTERN

Sturm der Gefühle

Roman

Aus dem Englischen von
Ulrike Moreno

Für Ken, Harriet und Lewis

KAPITEL EINS

»Geben Sie bitte acht, Schwestern. Die nächsten sechs Monate werden die wichtigsten Ihres Lebens sein.«

Es wurde augenblicklich still im Klassenzimmer. Florence Parker, die Lehrschwester, stand auf ihrem erhöhten Pult und betrachtete über ihre runden Brillengläser hinweg die Reihen der Schwesternschülerinnen im dritten Jahr. Mit ihrer gut gepolsterten Figur und dem straff zurückgekämmten weißen Haar unter der gestärkten Haube sah sie wie eine reizende alte Dame aus. Aber keine Schülerin machte zweimal den Fehler, sie dafür zu halten.

»Sie haben Ihre dreijährige Ausbildung nun fast abgeschlossen, aber lassen Sie sich Ihren Erfolg nicht zu Kopf steigen«, mahnte sie mit ihrem unverkennbar schottischen Akzent, der von den mit grafischen Darstellungen der menschlichen Anatomie bedeckten Wänden widerhallte. »Sie haben noch viel vor sich. Im Oktober werden Sie Ihre staatliche Prüfung machen. Und wenn Sie sie bestanden haben – oder besser gesagt, falls Sie sie bestehen«, berichtigte sie sich mit einem strengen Blick, »ist Ihre Ausbildung beendet, und Sie dürfen sich staatlich geprüfte Krankenschwester nennen.«

Schwester Parker hielt einen Moment lang inne, während die jungen Frauen, die auf ihren hölzernen Bänken vor ihr saßen, von einer Welle freudiger Erregung erfasst wurden. »Danach«, fuhr sie fort, »können Sie sich dafür entscheiden, ihre Ausbildung in einem anderen Bereich wie der Geburtshilfe fortzusetzen oder als Gemeindeschwester zu arbeiten. Vielleicht wird die Oberin Ihnen auch anbieten, Stationsschwester im Nightingale zu werden. Ich muss Sie allerdings daran erinnern, dass das eine sehr große Ehre ist und nur die Besten ausgewählt werden.« Ihr Blick glitt zu Amy Hollins, die in der letzten Reihe saß und eine blonde Haarsträhne um ihren Finger wickelte, während sie verträumt aus dem Fenster schaute. »Denjenigen, die kein solches Angebot erhalten, steht es natürlich frei, sich bei anderen Krankenhäusern zu bewerben.«

Was natürlich keines der Mädchen wollte. Das Florence Nightingale Teaching Hospital mochte sich zwar in einem ärmlichen Viertel des Londoner East End befinden, aber es besaß einen hervorragenden Ruf. Jede Schülerin hatte den Wunsch, sich »Nightingale-Schwester« nennen zu dürfen.

»Und dann möchte ich Sie natürlich auch an die Nightingale-Medaille erinnern, die in jedem Jahr der besten Schülerin verliehen wird.« Schwester Parker nickte zu der hinteren Wand mit den Fotografien früherer Gewinnerinnen hinüber. »Diese Auszeichnung ist etwas, was Sie alle anstreben sollten.«

Sie schaute dabei direkt Helen Tremayne an, die wie immer ein wenig abseits in der ersten Reihe saß, groß und kerzengerade, und nicht ein Haar an ihrem dunklen Kopf befand sich am falschen Platz. Schwester Parker ging jede Wette ein, dass die Medaille an Helen gehen würde.

»So, meine Damen, und jetzt habe ich hier Ihre Stationszuteilungen für die nächsten drei Monate.« Sie ging zu ihrem Schreibtisch und nahm einen Stapel Papier heraus. »Und da dies ein solch besonderer Anlass ist, dachte ich, ich überreiche sie Ihnen lieber persönlich, als sie an die Anschlagtafel im Speisesaal zu hängen.«

Sie begann, an den Reihen von Bänken entlangzugehen, und legte jedem Mädchen eins der Papiere auf den Tisch. Während sie das tat, hörte sie die geflüsterten Gebete auf der anderen Seite des Klassenzimmers.

»Bitte, lieber Gott, schick mich nicht auf die Gynäkologische! Ich glaube nicht, dass ich drei Monate mit Schwester Hyde ertragen könnte!«

»Ich hoffe, ich komme auf die Orthopädische für Männer. Dort soll ganz schön was los sein, habe ich gehört.«

»Solange sie mich bloß nicht auf die Fieberstation runterschicken«, seufzte jemand anderes.

»Und wo möchtest du hin, Hollins?«, fragte eins der Mädchen.

»In den OP«, erklärte Amy Hollins entschieden.

Dann solltest du dich besser zusammenreißen, dachte Florence Parker, als sie eins der Blätter vor Amy auf den Tisch legte. Hollins’ blaue Augen in ihrem puppenähnlichen Gesicht erwiderten ganz unverfroren ihren Blick. Die blonden Locken, die unter dem Rand ihrer Haube hervorschauten, stellten die Grenzen der strengen Kleiderordnung des Krankenhauses auf eine harte Probe. Wenn sie genauso viel Energie in ihre Ausbildung stecken würde wie in ihr gesellschaftliches Leben, könnte sie das Zeug zu einer guten Krankenschwester haben. Doch die Berichte, die von den Stationen kamen, trieben die Lehrschwester zur Verzweiflung.

Sie ging in den vorderen Teil des Klassenraums zurück und gab Helen Tremayne ein Blatt. Sie schnappte nicht danach, wie die anderen Mädchen es taten, sondern blieb völlig reglos sitzen und beäugte es so argwöhnisch, als könnte es sie beißen.

»Gynäkologie!«, rief Amy Hollins mit angewiderter Miene durch den Raum und zerknüllte ärgerlich ihr Blatt. »Wie schrecklich unfair! Jeder weiß, dass die alte Everett total verrückt ist.«

»Wenn Sie unzufrieden sind mit Ihrer Zuteilung, wird die Oberin die Angelegenheit sicher gern mit Ihnen besprechen, Hollins«, sagte Schwester Parker und schickte einen bösen Blick quer durch die Klasse. Amy errötete, aber ihr aufsässiger Gesichtsausdruck veränderte sich nicht.

Die Lehrschwester wandte sich wieder Helen zu, die endlich genug Mut gefasst hatte, um sich ihr Blatt anzusehen.

»Ich hoffe, zumindest Sie sind zufrieden mit Ihrer Zuteilung, Tremayne?«, sagte Schwester Parker und sah Helen über den Rand ihrer Brille an.

»Ja. Danke, Schwester.«

»Ihre Mutter sagte mir, Sie seien sehr interessiert daran, in der Chirurgie zu arbeiten. Sie erwähnte auch, dass Sie vielleicht gern OP-Schwester würden, wenn Sie Ihre Ausbildung abgeschlossen haben?«

Helen blickte zu ihr auf, und für einen Moment sah Florence Parker einen Ausdruck der Bestürzung in ihren großen braunen Augen, bevor sie den Blick rasch wieder senkte. Dass sie OP-Schwester werden wollte, war Helen neu, konnte Schwester Parker sehen. Die arme Tremayne, stets unter der Fuchtel ihrer Mutter.

»Ich weiß nicht, ob ich gut genug wäre, Schwester.« Helens Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

»Und ich bin mir sicher, dass Sie keine Schwierigkeiten haben werden. Sie sind eine ausgezeichnete Schülerin, Schwester Tremayne. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir Ihr Foto schon bald an der Wand der Gewinnerinnen der Nightingale-Medaille sehen werden.«

»Und ich gehe jede Wette ein, dass Mummy genau dafür sorgen wird.« Schwester Parker entging Amy Hollins’ gehässiges Geflüster in der letzten Reihe nicht. »Es muss schön sein, eine Mutter im Verwaltungsrat zu haben!«

Helen schien es ebenfalls gehört zu haben, denn sie senkte den Kopf und errötete bis zu den Haarwurzeln.

Schwester Parker erinnerte sich an ihre letzte Begegnung mit Constance Tremayne, als sie ins Klassenzimmer hereinmarschiert war und verlangt hatte, dass Helen dem OP zugewiesen werden sollte. Nach über vierzig Jahren als Krankenschwester war Florence Parker wirklich nicht schnell einzuschüchtern, aber in Mrs. Tremaynes Anwesenheit hatte sie sich wieder wie eine verängstigte Lernschwester in der Probezeit gefühlt, die zur Oberin zitiert wurde.

Sie blickte sich zu Helen um, die an ihren angeknabberten Fingernägeln herumspielte. Was auch immer Hollins glauben mochte, Florence Parker konnte sich nicht vorstellen, dass es schön war, eine Mutter wie Mrs. Tremayne zu haben.

Helen hörte das kreischende Gelächter, das von der Treppe herunterdrang, als sie an jenem Abend nach dem Dienst mit ihrer Zimmerkameradin Millie Benedict ins Schwesternheim zurückkehrte. Es war nach neun, und die meisten Schwestern bereiteten sich darauf vor, um zehn die Lampen auszuschalten, sofern sie nicht das Glück hatten, eine Sondererlaubnis zu haben, später heimzukommen, oder mutig genug waren, später durch die Fenster einzusteigen.

»Hör dir das an«, sagte Millie, während sie auf dem in düsterem Braun gestrichenen Flur ihre Umhänge abnahmen und darauf achteten, dass ihre Schuhe auf dem abgetretenen Linoleum nicht zu sehr quietschten. »Das klingt, als feierte jemand eine Party.«

»Hollins«, erwiderte Helen. »Ich habe gehört, wie sie beim Abendessen darüber sprach.«

»Mich überrascht nur, dass Schwester Sutton noch nicht eingeschritten ist bei all dem Lärm, den sie veranstalten.« Millie warf einen Blick zur Zimmertür der Heimschwester. »Aber das ist mal wieder typisch. Hollins und ihre Clique kommen ungestraft davon mit ihren Partys, aber wenn ich eine Haarnadel auf den Boden fallen lasse, hämmert Sutton gegen die Tür und droht mir, mich zur Oberin zu schicken.«

Millie verzog angewidert das Gesicht. Sie war genauso blond und hübsch wie Amy Hollins, aber ganz ohne Amys Härte.

»Vielleicht schläft sie?«, sagte Helen.

»Schwester Sutton schläft nie. Sie schleicht die ganze Nacht mit ihrem verflixten Hund auf dem Flur herum und wartet nur darauf, uns arme Schwestern auf frischer Tat zu ertappen, wenn wir uns ein bisschen amüsieren.«

Sie stiegen die Treppe hinauf und achteten darauf, nicht auf die knarrende Stufe auf halber Strecke zu treten. Das glänzende dunkle Holz unter ihren Füßen war uneben und abgetreten von Generationen müder junger Mädchen, wie sie selbst es waren.

Als sie den ersten Stock erreichten, hörten sie ein weiteres gedämpftes Lachen vom anderen Ende des langen Gangs. Millie sah Helen fragend an. »Wirst du später auch zu der Party gehen? Sie gehören doch zu deiner Gruppe.«

Helen schüttelte den Kopf. »Ich muss lernen.«

»Ach, es wird doch wohl nichts schaden, wenn du es für eine Nacht mal bleiben lässt?«

»Nicht wenn ich an die Abschlussprüfung in sechs Monaten denke.«

»Die anderen scheinen sich deswegen keine allzu großen Sorgen zu machen.«

»Vielleicht sind sie sich ja sicherer, sie zu bestehen, als ich?«

Millie lachte. »Wohl kaum! Jeder weiß, dass du eine der besten Schülerinnen im Nightingale bist. Du solltest hingehen, Tremayne. Du kennst doch sicher den Spruch, dass Arbeit allein nicht glücklich macht …«

»Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nicht will!«

Helen eilte weiter die steile, schmale Treppe hinauf, die zu ihrem Dachbodenzimmer führte, bevor Millie noch weitere Einwände erheben konnte. Sie wollte Millie nicht sagen, dass sie nicht zu der Party eingeladen worden war, oder wie gedemütigt sie sich gefühlt hatte, als sie am anderen Ende des Esstischs gesessen und gehört hatte, wie die anderen Pläne machten. Sie wusste, dass sie nach drei Jahren daran gewöhnt sein müsste, aber es tat eben noch immer weh, auch wenn sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Wenn ein Jahrgang neuer Schülerinnen zur Ausbildung ins Nightingale kam, neigten sie dazu, als Gruppe zusammenzuhalten. Aber Helen war von Anfang an aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden. Die anderen Mädchen misstrauten ihr, weil sie sehr fleißig war und ihre Mutter im Verwaltungsrat des Krankenhauses saß. Sie waren schnell zu dem Schluss gekommen, dass Helen zu streberhaft und zu sehr der Liebling der Lehrerinnen war. Helen wünschte manchmal, sie könnte ihnen erklären, dass sie nur so fleißig war, um ihre Mutter zufriedenzustellen. Aber sie war sich noch nicht einmal sicher, ob ihr jemand zuhören würde.

Als könnte sie ihre Gedanken lesen, sagte Millie: »Vielleicht würden sie anders über dich denken, wenn du dir mehr Mühe gäbst, dich ihnen anzuschließen.«

»Ganz ehrlich, es ist mir egal, was sie denken«, erwiderte Helen. »Ich bin nicht hier, um Freundschaften zu schließen, sondern um zu lernen und zu arbeiten.« Im Grunde plapperte sie nur die strenge Antwort nach, die ihre Mutter ihr gegeben hatte, als sie ihr einmal zu erklären versucht hatte, wie einsam und ausgeschlossen sie sich fühlte.

Millie blieb auf halbem Weg nach oben stehen. »Aber wir beide sind doch Freundinnen, oder?«

Helen drehte sich zu ihr um und lächelte sie an. »Das ist etwas anderes.«

Es war unmöglich, Millie nicht zu mögen – oder Lady Amelia Benedict, wie ihr voller Titel lautete. Sie war einfach das reizendste Mädchen, dem Helen je begegnet war. Sie sah sogar wie der Sonnenschein selbst aus mit ihren hübschen blonden Locken und ihrem heiteren Lächeln. Und sie hatte überhaupt keine Allüren, obwohl sie die Tochter eines Grafen und in einem Schloss in Kent aufgewachsen war.

Millie und ihre andere Zimmerkameradin, Dora Doyle, hatten ihre Ausbildung ein Jahr nach Helen begonnen und waren vor fast zwei Jahren wie ein frischer Wind in ihrem einsamen Leben erschienen. Sie hatten sich von Helens zurückhaltendem Wesen nicht abschrecken lassen. Dank ihrer Freundschaft hatte sie gelernt, sich nicht allzu sehr daran zu stören, wenn die Mädchen in ihrem eigenen Jahrgang boshaft zu ihr waren.

Ihre Freundinnen hatten ihr auch den Mut gegeben, nicht zu kneifen, als sie Charlie Dawson, ihrer großen Liebe, begegnet war. Mit ihnen und Charlie war Helen glücklicher als je zuvor in ihrem Leben – auch wenn noch immer auf alles, was sie tat, der Schatten ihrer Mutter fiel.

»Das will ich aber auch hoffen!«, sagte Millie lächelnd und fügte dann hinzu: »Und du darfst dich wirklich nicht so über Amy Hollins ärgern. Sie ist ein gemeines Biest. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich darauf freue, die nächsten drei Monate mit ihr auf der Gynäkologischen zu verbringen!«

Ihr Zimmer befand sich ganz oben im Haus und war nur eine langgestreckte, spärlich möblierte Mansarde mit drei unter den Dachschrägen verstauten Betten. Durch ein kleines Dachfenster fiel ein schmaler Streifen silbrigen Mondlichts auf die blank polierten Bodendielen.

Millie fröstelte. »Warum muss es hier oben immer so kalt sein, sogar im April noch?« Sie griff nach dem Lichtschalter, knipste ihn an – und stieß einen erschrockenen Schrei aus.

Ein Mädchen lag ausgestreckt auf dem mittleren Bett. Sie war vollständig bekleidet, und ihre klobigen schwarzen Schuhe ragten zwischen den Stäben des eisernen Bettgestells hervor. Ihr linker Arm baumelte an einer Seite des Betts herab, und sie hielt die schlaffen Überreste einer Haube in der Hand. Eine zerzauste Mähne roter Locken bedeckte das Kissen und verhüllte ihr Gesicht.

Als Millie schrie, riss sie den Kopf hoch und offenbarte ein sommersprossiges, verschlafenes Gesicht.

»Was zum – ach, ihr seid’s nur.« Ihre grünen Augen spähten unter dem roten Haar hervor, sie waren gerötet. »Ich dachte schon, es würde brennen.«

Sie setzte sich langsam auf und streckte sich. »Ich muss eingenickt sein. Wie spät ist es?«

»Fast halb zehn.«

»Wirklich?« Dora Doyle griff nach ihrer Uhr, die auf dem Nachttisch lag, hielt sie dicht an ihr Gesicht und starrte mit schmalen Augen auf das Zifferblatt. »Du meine Güte, ich habe zwei Stunden geschlafen!«

»Hattest du einen schweren Tag?«, fragte Helen mitfühlend, als sie ihre Schuhe auszog und ihre Füße protestierend pochten.

»Das könnte man sagen.« Dora rieb sich die Augen. »Die Oberschwester hat uns die ganze Station sauber machen lassen, von oben bis unten. Ich war den ganzen Tag auf den Beinen, habe Fenster geputzt, Matratzen umgedreht und mit einem feuchten Lappen Staub gewischt. Mir tut alles weh. Ich bin froh, dass morgen mein freier Tag ist, weil ich wahrscheinlich viel zu steif wäre, um aus dem Bett zu kommen.«

»Ich weiß, wie du dich fühlst. Anscheinend lassen sie uns noch schwerer schuften als gewöhnlich, wenn wir am nächsten Tag dienstfrei haben.« Millie durchstöberte ihre Kommodenschublade und zog ein Feuerzeug und ein Päckchen Zigaretten heraus. Sie nahm sich eine und bot das Päckchen Dora an.

»Ihr werdet doch hoffentlich ein Fenster öffnen?«, sagte Helen mahnend, während sie die Haarnadeln aus ihrer Haube zog. »Ihr wisst doch, dass Schwester Sutton Zigarettenrauch eine Meile weit riechen kann?«

»Ja, ja, reg dich nicht gleich auf, Tremayne. Wir bringen dich schon nicht in Schwierigkeiten.« Millie streckte die Hand nach dem Fensterriegel aus, zog ihn zurück und stieß das Fenster auf. Dann setzte sie sich und gab Dora Feuer.

»Und wohin schicken sie dich als Nächstes?«, fragte sie.

Dora nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. »Runter in die Notaufnahme«, antwortete sie. »Und dich?«

»Auf die Gynäkologische. Allerdings bin ich mir gar nicht sicher, was Oberschwester Everett von mir halten wird.«

»Du wirst schon mit ihr auskommen«, meinte Helen, die gerade ihren steifen Kragen abnahm und die wunde Stelle untersuchte, wo der gestärkte Stoff ihre Haut aufgescheuert hatte. »Sie kann ein bisschen exzentrisch sein, aber lass dich davon nicht täuschen. Sie ist blitzgescheit, was die Patientinnen anbelangt. Sie kennt alle Krankenblätter auswendig und erwartet das Gleiche auch von ihren Schwestern.«

Millie nagte besorgt an ihrer Unterlippe. »Ich wünschte, ich käme zu dir in die Notaufnahme, Doyle. Ich habe gehört, dass es dort unten recht unterhaltsam sein soll.«

»Wenn dir abgetrennte Glieder und Leute, die dir tot vor die Füße fallen, nichts ausmachen!« Dora blies einen Strom von Zigarrenrauch durch das offene Fenster zum Nachthimmel hinauf und drehte sich dann zu Helen um. »Wohin schicken sie dich, Tremayne?«

»In den OP.«

»Oh, wie aufregend!«, warf Millie ein. »Ich wäre liebend gern OP-Schwester.«

Dora kicherte. »Du im Operationssaal?«

Millie runzelte die Stirn. »Was ist daran so lustig?«

»Niemand würde daran denken, dich in den OP zu schicken. Du bist einfach zu unfallgefährdet.« Typisch Dora, sie mit der Nase darauf zu stoßen, dachte Helen, während sie ihre Schürze abnahm und sie in ihren Wäschebeutel stopfte. Bei Dora konnte man sich stets darauf verlassen, dass sie unverblümt genug war, um die Sache auf den Punkt zu bringen.

»Nein, das bin ich nicht.« Millie sah so gekränkt aus, dass Helen sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Sie sah Dora an, die ebenfalls Mühe hatte, eine ernste Miene zu bewahren.

»Mal sehen …« Dora tat so, als überlegte sie. »Weißt du noch, wie du einmal alle falschen Zähne der Patientinnen in derselben Schüssel gereinigt hast und dich dann nicht mehr erinnern konntest, welche Zähne wem gehörten? Und wie war das noch mit der Patientin, die eine Entlausungsbehandlung von dir bekam und danach plötzlich orangefarbene Haare hatte?«

»Und vergiss nicht, dass du Schwester Hyde fast in einem Seifeneinlauf ertränkt hättest«, warf Helen ein.

»Schon gut, ich habe schon verstanden«, seufzte Millie.

Sie sah so niedergeschlagen aus, dass sie Helen leidtat. »Aber das machst du dafür mit anderen Dingen wieder gut«, sagte sie beruhigend.

»Und womit zum Beispiel?«

»Nun ja … du bist sehr lieb und mitfühlend. Du hast eine Art, mit den Patienten zu reden, die ihnen ein gutes Gefühl vermittelt. Und deswegen lieben dich auch alle, Millie.«

Millie hatte tatsächlich eine Art, mit der sie jedermann für sich gewann. Selbst die brummige Schwester Hyde auf der Frauenstation für chronische Erkrankungen war den Tränen nahe gewesen, als Schwester Benedict ihre Station verlassen hatte.

Wieder drang gedämpftes Gelächter durch die Bodendielen zu ihnen hinauf, gefolgt von einem lauten Krachen.

Millie schüttelte den Kopf. »Die da unten scheinen sich wirklich in Schwierigkeiten bringen zu wollen.«

»Was feiern sie denn eigentlich?«, fragte Dora.

»Bevans Verlobung.« Helen schlüpfte in ihr Flanellnachthemd. »Ihr Assistenzarzt hat ihr vor zwei Tagen einen Antrag gemacht.«

»Wenn das so weitergeht, wird keine von uns mehr übrig sein, wenn wir unsere Ausbildung beendet haben.« Millie blickte auf ihre schmucklose linke Hand herab. Im Krankenhaus durfte sie den Verlobungsring nicht tragen, den ihr Freund Sebastian ihr geschenkt hatte, bevor er von seiner Zeitung als Reporter nach Berlin entsandt worden war. »Eigentlich ist es lächerlich. Was spricht dagegen, dass wir auch nach der Heirat weiterarbeiten.«

»Ich weiß nicht, was Schwester Sutton dazu sagen würde, Ehemänner im Schwesternheim zu haben«, sagte Helen lächelnd.

»Du wirst Seb ja wohl nicht hier einziehen lassen!«, warnte Dora. »Es ist schon schlimm genug mit uns dreien.«

»Könnt ihr euch das vorstellen?« Millie lachte. »Nein, aber ich bin mir sicher, dass sie das auf andere Weise regeln könnten. Was für eine Verschwendung, eine dreijährige Ausbildung zu machen und dann gehen zu müssen, nur weil man heiraten will.«

»Ich glaube nicht, dass Bevan sich allzu große Sorgen darüber macht.« Helen griff nach ihrer Haarbürste. »Soviel ich hörte, kann sie es kaum erwarten, dem Nightingale und all seinen Regeln und Vorschriften Lebwohl zu sagen.«

»Tja, aber ich will nicht gehen«, sagte Millie. »Ich würde auch nach meiner Heirat gerne bleiben, falls sie es gestatten. Aber ich glaube nicht, dass ich es darf. Wenn ich erst einmal verheiratet bin, meine ich.«

»Du könntest die Hochzeit doch noch aufschieben?«, schlug Helen vor.

Millie schüttelte den Kopf. »Ich habe den armen Seb schon lange genug warten lassen. Und meine Großmutter würde einen Anfall bekommen, glaube ich, wenn wir die Hochzeit wieder aufschieben würden. Es ist ihr sehnlichster Wunsch, dass ich heirate und einen Erben für den Besitz hervorbringe, bevor meinem Vater etwas passiert.«

Sie sprach so nüchtern darüber, dass Helen nur staunen konnte. Millie trug eine enorme Last auf ihren Schultern. Die Zukunft ihrer Familie hing davon ab, dass sie einen Sohn bekam. Schon von frühester Kindheit an war sie von ihrer Großmutter auf eine angemessene Heirat vorbereitet worden. Millie hatte den tapferen Versuch gemacht, Unabhängigkeit zu erlangen, indem sie sich zur Krankenschwester ausbilden ließ, doch alle wussten, dass ihre Freiheit eines Tages enden würde.

»Und was ist mit dir und Charlie?«, fragte Millie. »Wann werdet ihr heiraten?«

Helen legte sich eine Decke um die Schultern, um sich vor der kühlen Aprilluft zu schützen, die durch das offene Fenster hereindrang. »Ich weiß nicht. Dazu werde ich wohl erst mit meiner Mutter reden müssen …«

»Du bist über einundzwanzig, also kannst du doch wohl tun, was du willst?«

»Trotzdem würde meine Mutter erwarten, dass ich ihren Rat anhöre.«

»Ich wüsste nicht, warum sie dagegen sein sollte. Charlie ist reizend, und jeder kann sehen, dass ihr bis über beide Ohren verliebt seid.«

Helen blickte zu Millies offenherzigen blauen Augen auf. Wenn das Leben nur so einfach wäre, dachte sie.

»Können wir mal für fünf Minuten aufhören, über Hochzeiten zu reden?«, unterbrach Dora sie streng.

Millie sah sie verwundert an. »Was ist denn mit dir los?«

»Nichts. Ich kann bloß dieses Gerede übers Heiraten langsam nicht mehr hören.« Dora zog ihre Schuhe aus, stieg auf ihr Bett und beugte sich aus dem Fenster, um auf dem Sims ihre Zigarette auszudrücken, bevor sie den Stummel in die Nacht hinauswarf.

Bevor Millie etwas entgegnen konnte, hörten sie auf dem Gang unter ihnen Schwester Suttons Stimme.

»Um zehn wird das Licht gelöscht, Schwestern.«

Millie und Helen ließen Dora allein, damit sie sich für die Nacht umziehen konnte, und schlossen sich den Mädchen an, die frierend auf dem Gang vor dem Badezimmer Schlange standen.

»Du weißt, dass du nicht hier mit mir zu warten brauchst«, erinnerte Millie Helen, während sie ihren Morgenmantel noch fester um sich zog. »Du bist im letzten Jahr und könntest also ruhig zum Anfang der Schlange gehen.«

Wie zum Beweis, wie recht sie hatte, kamen Amy Hollins, Brenda Bevan und ein paar andere aus ihrer Clique aus Hollins Zimmer und drängten sich an der Schlange vorbei direkt vors Badezimmer. Über die erbosten Gesichter der Mädchen aus den jüngeren Jahrgängen, die beiseitetreten mussten, um sie hereinzulassen, lachten sie nur.

»Ich kann genauso gut auch hier bei dir bleiben.«

»Wie du willst. Aber du weißt, dass sie das ganze heiße Wasser verbrauchen werden, bevor wir dran sind, oder?«

»Ach, es wird sicher noch was für uns übrig bleiben«, meinte Helen lächelnd.

Millie sah sie aus schmalen Augen an. »Du bist nicht mal annähernd autoritär genug, weißt du. Ich wette, dass die jungen Lernschwestern auf deiner Station auch keine schmutzigen Arbeiten machen müssen.«

»Ich kommandiere andere Leute nicht gern herum.«

»Dann wirst du auch nie Stationsschwester werden!« Millie nickte zu Amy Hollins hinüber. »Vielleicht solltest du dir an ihr ein Beispiel nehmen?«

»Das bezweifle ich.«

Millie schwieg einen Moment, dann wechselte sie das Thema. »Doyle war vorhin ziemlich verstimmt, nicht wahr?«, bemerkte sie. »Was glaubst du, was mit ihr los ist?«

»Ich weiß es nicht. Ihre Freundin heiratet morgen, und Doyle ist ihre Brautjungfer. Vielleicht hat es ja damit was zu tun?«

»Ach ja, stimmt«, erinnerte sich Millie. »Aber ich verstehe nicht, warum sie das so reizbar machen sollte. Sie müsste sich doch freuen.«

»Normalerweise ja. Aber man weiß ja nie so richtig, was sie denkt, nicht wahr?«

Helen war anfangs sogar ziemlich eingeschüchtert gewesen von Dora, deren grüne Augen so herausfordernd in die Welt hinausblickten, als ob sie jedem ins Gesicht springen würde, der ihr zu nahe kam. Inzwischen wusste Helen jedoch, dass das nur Doras Art war. Sie war ein typisches East-End-Mädchen, bodenständig und stolz, das seine Gefühle hinter einer rauen Schale verborgen hielt.

»Vielleicht ist sie auch nur verärgert, weil sie kein hübsches Kleid zum Anziehen hat?«, meinte Millie.

»Da könntest du recht haben«, stimmte Helen zu. Doch was auch immer Dora beschäftigen mochte, Helen glaubte nicht, dass sie es je herausfinden würden.

KAPITEL ZWEI

Regen peitschte die schmuddeligen Straßen von Bethnal Green an dem Tag, an dem Dora Doyles beste Freundin Ruby Pike Nick Riley heiratete.

»Typisch April!« Ruby schnitt eine Grimasse, während sie das beschlagene Küchenfenster ein wenig abwischte, um auf den Hof herabschauen zu können. Obwohl erst früher Morgen war, war es draußen noch so dunkel wie in der Abenddämmerung. »Es gießt in Strömen.«

»Komm her zu mir und halte still. Ich werde diesen Saum nie gerade hinkriegen, wenn du andauernd davonläufst«, murmelte Dora, die, den Mund voller Stecknadeln, vor den Füßen ihrer Freundin kniete.

In der engen Küche der Pikes herrschte das reinste Chaos. Rubys Vater Len stand mit ihren Brüdern Dennis und Frank vor dem Spülbecken, wo sich alle drei rasierten, wobei sie sich immer wieder anrempelten, um einen Blick in den winzigen Spiegel zu erhaschen. Ihre Mutter Lettie putzte in ihrem besten Kleid, über dem sie eine Schürze trug, Schuhe am Küchentisch.

Und Dora hockte auf den Fersen und besserte in letzter Minute noch den Saum des Brautkleids nach.

Diese Küche war der letzte Ort, an dem sie sich befinden wollte. Aber Ruby war ihre beste Freundin, sie waren in den schmalen, überfüllten Mietshäusern der Griffin Street Tür an Tür aufgewachsen, und Dora hatte Ruby nun einmal versprochen, ihre Brautjungfer zu sein.

»Ich weiß nicht, warum du dir überhaupt die Mühe machst. Ich werde eh wie eine nasse Ratte aussehen, bis ich in der Kirche bin.« Ruby seufzte. »Mein Nick wird die Flucht ergreifen, wenn er mich so sieht.«

»Falls er überhaupt erscheint!«, bemerkte Dennis frech.

»Kann gut sein, dass er das Weite sucht«, stimmte Frank ihm zu. Er und Dennis sahen sich an und begannen zu singen: »Und da stand ich wartend an der Kirche – au!«, riefen sie im Chor, als beide sich von ihrem Vater einen Klaps hinter die Ohren einfingen.

»Er sollte besser erscheinen, oder er kriegt’s verdammt noch mal mit mir zu tun, egal, wie stark er ist. Er hat seinen Spaß gehabt, und jetzt muss er dafür bezahlen!«, brummte Len Pike.

»Du gegen Nick Riley? Ha! Das möchte ich sehen!«, höhnte seine Frau. »Er würde Hackfleisch aus dir machen!«

Len Pike schnaufte beleidigt und blies die Wangen auf, aber alle wussten, dass Lettie recht hatte. Niemand, der auch nur halbwegs vernünftig war, würde sich mit Nick Riley anlegen. Selbst nach den knallharten Maßstäben des East End galt Nick als harter Brocken.

»Ich sag ja nur, dass er verdammt noch mal erscheinen soll«, murmelte Len. »Er hat dich in diese Lage gebracht, mein Mädchen, und wird dich dort herausholen müssen!«

»Das reicht!«, schalt Lettie. »Du brauchst nicht der ganzen Welt unsere privaten Angelegenheiten zu erzählen!«

»Ach ja? Dann habe ich Neuigkeiten für dich. Die ganze Welt weiß es bereits!« Len Pike fuhr sich mit dem Rasiermesser über das Kinn und schnippte den Schaum ins Becken. »Es gibt nur einen Grund dafür, dass ein Mädchen so schnell heiratet, und zwar, wenn ein Baby unterwegs ist. Was mich mal interessieren würde, Ruby, ist, warum du so ein Theater daraus machen musst?«, sagte er und griff nach dem Handtuch, um sich das Gesicht abzuwischen. »Warum konntest du nicht still und leise auf dem Standesamt heiraten, wie jedes anständige Mädchen es tun würde?«

»Weil ich nichts still und leise tue, Dad. Das solltest du doch wissen!«

Ruby zwinkerte Dora zu. Alle sagten, Ruby Pike habe mehr Selbstbewusstsein, als ihr guttat, und das bewies sie heute wieder einmal. Selbst in ihrem bescheidenen Brautkleid sah sie wie einer der Filmstars aus, deren Leben sie so eifrig im Picturegoer verfolgte. Das schräggeschnittene Kleid aus feingeripptem, silbernem Kunstseidenstoff schmiegte sich liebevoll an ihre üppigen, weiblichen Rundungen. Ihr Haar trug sie wie Jean Harlow in weichen, platinblonden Wellen, die ihr hübsches Gesicht umschmeichelten.

Kein Wunder, dass Nick ihr nicht hatte widerstehen können. Es gab nicht viele heißblütige Männer in Bethnal Green, die es könnten.

»Warum soll meine Ruby keine kirchliche Hochzeit haben, wenn sie eine will?«, verteidigte Lettie sie. »Dies ist ihr großer Tag, und ich lasse nicht zu, dass ihn ihr jemand verdirbt.« Sie lächelte ihre Tochter zärtlich an. »Baby oder nicht, früher oder später hätten sie und Nick sowieso geheiratet. Man braucht ihn nur anzusehen, um zu wissen, wie verknallt er in sie ist.«

Dora stach sich in den Finger und stieß einen leisen Schrei aus.

»Pass doch auf!« Ruby blickte stirnrunzelnd zu ihr herab. »ich will kein Blut auf meinem Kleid.«

»Tut mir leid.« Dora lutschte an ihrem Finger, und als sie dabei aufschaute, begegnete sie Letties hartem, düsterem Blick. Nicht einmal ihr bestes Kleid und der ungewohnte Lippenstift, den sie trug, machten ihr schmales, verbittertes Gesicht ein bisschen weicher. Außerdem stand ein warnender Blick in ihren Augen, der Dora Unbehagen einflößte.

Dann schlug unten im Parterre, das die Rileys bewohnten, die Hintertür zu.

»Ich nehme an, das wird mein Nick sein, der sich auf den Weg zur Kirche macht«, sagte Ruby lächelnd.

Dennis trat ans Fenster und warf einen Blick hinaus. »Ich kann June Riley sehen, mit einem total bescheuerten Hut, der ganz aus Federn ist.«

»Lass mich mal sehen.« Über die Schulter ihres Sohnes spähte Lettie in den Hof hinab. »Nun guckt euch bloß mal ihren Zustand an! Sie kann kaum noch geradeaus gehen. Das muss man sich mal vorstellen! Um diese Zeit am Morgen schon angetrunken, und das am Tag der Hochzeit ihres eigenen Sohnes.«

»Wo ist Nick? Ist er nicht bei ihr?« Dora hörte das Zittern in Rubys Stimme.

»Er ist wahrscheinlich schon vorausgegangen«, sagte Lettie beruhigend.

»Ich habe ihn nicht hinausgehen gehört.« Ruby schürzte ihre vollen Lippen. »Ich lauf mal schnell hinunter, um nach ihm zu sehen.«

Sie wollte schon zur Tür, aber Lettie hielt sie auf. »Das kannst du nicht! Es bringt Unglück, wenn er seine Braut schon vor der Hochzeit sieht.«

Ruby zögerte und wandte sich dann an Dora. »Geh du«, sagte sie.

»Ich? Aber ich bin noch nicht fertig mit dem Kleid …«

»Das macht nichts. Ich will, dass du runtergehst und nachsiehst, ob Nick schon weg ist.«

»Aber …«

»Bitte, Dora, sei so lieb, ja? Ich will nicht zur Kirche gehen und feststellen müssen, dass er mich vor dem Altar stehen gelassen hat!«

Dora sah das nervöse Lächeln ihrer Freundin. »Na gut.« Sie stand auf und strich ihr Kleid glatt. »Aber ich sag dir gleich, dass du keinen Grund zur Sorge hast.«

Unten war alles dunkel. Dora klopfte an die Tür der Rileys, hielt den Atem und zählte im Stillen bis zehn.

Eins … zwei … Sie starrte die abblätternde Farbe an.

Fünf … sechs … Sie trat einen Schritt zurück in Richtung Treppe.

Neun … zehn. Sie hatte sich gerade abgewandt, um schnell wieder zu gehen, als die Tür aufflog und Nick erschien.

Niemand konnte Nick als schönen Mann bezeichnen mit seiner abgeflachten Boxernase und dem immer etwas grüblerischen Gesichtsausdruck. Aber es war etwas Bezwingendes an seinen auffallend blauen Augen, die düster unter einer Mähne schwarzer Locken hervorschauten.

Dora löste ihren Blick von seinem aufgeknöpften Hemd und schaute schnell woandershin. »Entschuldige«, murmelte sie. »Ruby hat mich heruntergeschickt. Sie war nicht sicher, ob du schon gegangen warst …«

»Das wollte ich gerade tun.«

»Gut. Dann sag ich es ihr …« Dora wandte sich zum Gehen, aber Nick rief sie zurück.

»Warte. Ich brauche deine Hilfe.«

Dora blickte sich um und bekam einen trockenen Mund vor lauter Panik, als sie sich umblickte und nach einem Ausweg suchte. »Ich werde oben gebraucht …«

»Bitte«, sagte Nick mit rauer Stimme. »Es geht um Danny.«

Die Küche der Rileys war ein kalter, unfreundlicher Raum, der nach Feuchtigkeit und ranzigem Fett roch. Außerdem waren die Wände mit großen schwarzen Schimmelstellen bedeckt. Die Häuser an der Griffin Street waren keine Paläste, aber die meisten Frauen, die Dora kannte, gaben sich alle Mühe, sie sauber und ordentlich zu halten. Mit Ausnahme von June Riley, die schon immer mehr an ihrem nächsten Drink oder neuesten Mann interessiert gewesen war als an ihren beiden Söhnen.

Dora wandte den Blick von dem schmutzigen Geschirr ab, das sich auf dem Tisch stapelte, und ging zu Nicks jüngerem Bruder Danny, der zusammengekauert in einer Ecke hockte. Er hatte die Knie bis ans Kinn gezogen und das Gesicht verborgen. Bekleidet war er heute mit einer glänzenden Anzughose und einer schmuddeligen Weste, aber seine Füße waren noch nackt.

»Ich wollte ihm beim Anziehen helfen, als er plötzlich beschloss, nicht mitzukommen«, sagte Nick. »Jetzt kann ich ihn nicht dazu bewegen, sich vom Fleck zu rühren. Er will mir nicht mal sagen, was er hat.« Sein Blick ruhte auf seinem Bruder. »Dir hat er immer vertraut, Dora«, sagte er schroff. »Ich dachte, du könntest vielleicht mit ihm reden.«

Dora warf einen Blick auf Nicks kantiges Profil und dann auf Danny, der sichtlich fröstelte in seiner Ecke. »Ich werde es versuchen«, sagte sie.

»Danke.« Nick ging zu dem Jungen hinüber und hockte sich neben ihn. »Danny?« Er legte eine Hand auf seine Schulter, aber Danny zuckte vor ihm zurück. Dora sah den gequälten Ausdruck, der über Nicks Gesicht huschte. »Dan, Dora ist gekommen, um mit dir zu reden. Du hast Dora doch gern, nicht wahr?«

Danny rührte sich nicht. Nick richtete sich auf und wandte sich mit bittender Miene Dora zu.

»Schau nach ihm«, flüsterte er. »Und falls ihm irgendjemand wehgetan hat oder irgendwas gesagt hat …«

»Geh du nur und mach dich fertig«, sagte sie.

Als die Tür sich hinter ihm schloss, ging Dora zu Danny hinüber und hockte sich neben ihn auf den Boden, nachdem sie vorsichtig ihr pinkfarbenes Kleid gerafft hatte, um es nicht mit dem Staub vom Boden zu beschmutzen.

»So, Danny-Schatz, und würdest du mir jetzt erzählen, warum du nicht zu der Hochzeit deines Bruders gehen willst?«, versuchte sie ihn sanft zum Reden zu bewegen. »Das kannst du doch nicht machen, oder? Du bist schließlich sein Trauzeuge, und er verlässt sich auf dich.«

Danny hob langsam den Kopf und schaute sie aus geröteten und tränenfeuchten Augen an. Er war so blass und blond, wie sein Bruder dunkel war, und hatte dünne, schlaksige Glieder, die irgendwie völlig unzusammenhängend wirkten.

»S-sie haben g-gesagt, ich s-sollte nicht hingehen.« Er zog die Nase hoch, um die Tränen zurückzuhalten. »S-sie m-meinten, i-ich würde alle e-enttäuschen.«

»Wer hat das gesagt?« Doch obwohl sie fragte, kannte Dora die Antwort schon.

»F-Frank und D-Dennis.« Danny wischte sich an seinem Handgelenk die Nase ab. Er war fast achtzehn Jahre alt, hatte jedoch immer noch das unschuldige, verletzliche Gemüt eines Kindes. Er war eine leichte Beute für grausame Strolche wie die Brüder Pike. »S-sie haben g-gesagt, Nick darf mich n-nicht als T-Trauzeuge nehmen, weil mich alle a-auslachen werden.«

»Niemand wird dich auslachen, Schatz.« Dora strich ihm das blonde Haar aus dem Gesicht. Jedenfalls nicht, solange dein Bruder dabei ist, dachte sie. Nick würde Frank und Dennis aufknüpfen, wenn er wüsste, wie sie Danny zugesetzt hatten. »Die beiden Flegel solltest du gar nicht beachten. Sie wollen dich bloß ärgern.«

»I-ich hab Angst vor ihnen«, murmelte Danny. »Und ich hab a-auch Angst v-vor Ruby. Sie lacht nur, wenn sie böse Sachen zu mir sagen.«

»Tut sie das?«

Danny nickte. »Ich hab g-gehört, wie sie zu ihrer Mum g-gesagt hat, sie wüsste nicht, wieso Nick mich als T-Trauzeuge a-ausgesucht hat.«

Dora kämpfte mit sich, um sich zu beherrschen. Von Dennis und Frank hätte sie nichts Besseres erwartet, aber von ihrer Freundin war sie sehr enttäuscht.

Danny hatte als Kind bei einem schlimmen Unfall einen Gehirnschaden erlitten. Und viele in der Griffin Street vermuteten, dass sein brutaler Vater Reg ihm die Verletzung zugefügt hatte, bevor er seine Familie verlassen hatte.

Die meisten Nachbarn waren freundlich und verständnisvoll zu Danny, und sei es auch nur, weil sie seinen älteren Bruder fürchteten. Dora hätte nicht gedacht, dass Ruby so grausam sein konnte. Immerhin würden sie und Danny jetzt eine Familie sein.

»Nun, dann werde ich dir was sagen, ja? Nick hat dich zu seinem Trauzeugen bestimmt, weil du sein Bruder bist und weil er niemand anderen auf der ganzen weiten Welt bei seiner Hochzeit an seiner Seite haben will. Und ich sag dir noch etwas. Wenn du nicht bei ihm bist, wird er sehr traurig und enttäuscht sein. Und das willst du doch nicht, oder?« Danny schüttelte den Kopf. »Wie wär’s also, wenn ich dir helfen würde, dich fertig anzuziehen? Wir suchen ein hübsches Hemd und eine Krawatte für dich aus, kämmen dir das Haar und machen dich zu einem richtig feinen Herrn. Was hältst du davon?«

Dora stand auf und streckte ihm die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Aber Danny zögerte noch immer.

»U-und wenn ich i-ihn enttäusche?«

»Das wirst du nicht, mein Lieber. Und vergiss nicht, dass ich bei dir sein werde und dir helfen kann, wenn du mit irgendwas nicht klarkommst.«

Er blickte misstrauisch zu ihr hinüber. »V-Versprichst du es?«

»Natürlich tue ich das.« Dora reichte ihm wieder die Hand. »Und nun lass uns anfangen, sonst verpassen wir noch die Hochzeit!«

Sie half ihm gerade, seine Krawatte zu binden, als Nick zurückkam.

»Alles in Ordnung?«, fragte er mit einem Blick auf Danny.

»Ich denke, schon.« Dora zog den Krawattenknoten fest und drehte Danny zu seinem Bruder herum. »Was meinst du? Sind wir hübsch genug?«

Die Wärme in Nicks Lächeln, als er seinen Bruder ansah, war wie die hinter einer Wolke hervortretende Sonne.

»Sehr hübsch«, sagte er mit erstickter Stimme.

Es dauerte einen Moment, bis Dora bemerkte, dass sein Blick auf ihr ruhte, und einen weiteren, bis sie reagieren konnte.

»Gut, dann gehe ich jetzt besser wieder hinauf«, sagte sie schnell. »Ruby wird schon denken, ich hätte sie im Stich gelassen!« Sie eilte zur Tür, aber Nick folgte ihr.

»Hat er dir gesagt, was los war?«

Dora blickte sich nach Danny um, der sich im Spiegel in der Küche bewunderte. »Es war nur Nervosität, mehr nicht.«

»Bist du sicher?« Nicks Augen wurden schmal. »Was ich vorhin sagte, war ernst gemeint. Wenn ich wüsste, dass irgendjemand ihn heruntergemacht hat …«

Dora dachte an Ruby. »Das wird schon wieder«, sagte sie. »Hochzeiten bringen bloß das Schlimmste in den Leuten zum Vorschein.«

»Sag mir etwas, was ich noch nicht weiß.« Nick machte ein grimmiges Gesicht.

Dora trat in die Diele hinaus, doch Nicks Stimme ließ sie innehalten. »Du siehst bezaubernd aus.«

Sie spürte, wie sie bis zu den Wurzeln ihres roten Haars errötete. »Pink ist eigentlich nicht meine Farbe«, tat sie das Kompliment rasch ab. »Aber Ruby gefällt es, und daher …«

»Was Ruby will, bekommt Ruby«, unterbrach Nick sie grimmig.

Dora lächelte wehmütig. »Ja, so scheint es.«

Sie starrte die Treppe an, die zum Pike’schen Teil des Hauses hinaufführte. Sie wusste, dass sie gehen sollte, aber ihre verräterischen Beine wollten sie nicht tragen.

»Es tut mir leid«, sagte Nick.

»Mir auch.«

Sie schaffte die wenigen Schritte bis zum Fuß der Treppe, als Nick plötzlich sagte: »Ich will sie nicht heiraten.«

Dora drehte sich zu ihm um. Sie wollte ihn anschreien, ihm sagen, er sei egoistisch, aber er sah so elend aus, dass sie sich nicht dazu überwinden konnte. Außerdem spürte sie, dass sie verloren sein würde, wenn sie auch nur für einen Moment aus sich herausging und irgendeine Gefühlsregung erkennen ließ.

»Daran hättest du denken sollen, bevor du sie geschwängert hast.«

»Glaubst du, das wüsste ich nicht? Ich habe einen Fehler gemacht. Wenn ich die Uhr zurückstellen könnte …«

»Das kannst du aber nicht«, unterbrach Dora ihn kalt. »Dafür ist es zu spät.«

»Das muss es aber nicht sein.« Er trat ein paar Schritte auf sie zu. »Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und ich verlasse sie.«

Sie sah ihn über ihre Schulter hinweg an und wusste, dass die Trostlosigkeit, die aus seinen Augen sprach, ihre eigene Stimmung widerspiegelte. Für einen Moment schien es beinahe möglich, dass sie es tun konnten, dass sie ihr Glück ergreifen und damit davonlaufen konnten. Sie brauchte nur ein Wort zu sagen …

Doch dann erinnerte sie sich an Rubys Gesicht und wie sie gestrahlt hatte vor Heiterkeit, als sie ihr Brautkleid angezogen hatte.

»Du musst dich Ruby gegenüber anständig verhalten«, sagte sie. »Das müssen wir beide.«

Er ließ seine breiten Schultern sinken. »Ich weiß«, seufzte er.

»Du würdest es ohnehin nicht tun«, sagte Dora. »Ich kenne dich, Nick Riley. »Du würdest sie nie verlassen, jedenfalls nicht, wenn sie ein Kind von dir erwartet.«

Er verzog den Mund. »Ich wünschte, ich könnte es.«

»Ich nicht. Weil du dann nämlich nicht der Mann wärst, in den ich mich verliebt habe.«

Die Worte waren heraus, bevor Dora sich beherrschen konnte. Keiner von beiden rührte sich. Sie konnte die Hitze seines Körpers so dicht an ihrem spüren und wusste, dass sie zurücktreten sollte, aber sie konnte es nicht, weil sie auch wusste, dass dies das letzte Mal war, dass er ihr so nahe sein würde.

Sie hatte zu lange gebraucht, um zu erkennen, dass sie Nick Riley liebte. Obwohl er im Nachbarhaus aufgewachsen war, war er ihr immer ausgesprochen abweisend erschienen, ein harter, sorgenvoller junger Mann, der sich bemühte, auf seinen kranken Bruder und seine trinkende Mutter achtzugeben. Erst als sie als Schwesternschülerin im Nightingale angefangen hatte, wo er als Pförtner arbeitete, hatten sie sich kennengelernt.

Doch zu der Zeit war er schon mit Ruby zusammen gewesen, und als Dora und er endlich erkannten, was sie füreinander empfanden, war seine Freundin schwanger gewesen.

»Ich liebe dich auch«, sagte Nick mit vor Bewegung rauer Stimme. »Ich wollte dir das nur noch einmal sagen, bevor …«

»Bevor wir einander vergessen müssen«, schloss sie für ihn.

»Ich glaube nicht, dass ich dich vergessen kann.«

»Das musst du«, beharrte sie. »Ruby und eurem Kind zuliebe müssen wir von jetzt an Fremde füreinander sein.«

Ruby Pike, oder Ruby Riley, wie sie jetzt hieß, trank gierig ihren dritten Portwein mit Zitrone. Sie war fest entschlossen, sich zu amüsieren. Überall um sie herum erschallte bis unter die Dachbalken Lachen, Gesang und Fröhlichkeit im Rose and Crown. Selbst ihre Eltern stritten sich ausnahmsweise einmal nicht, sondern standen Arm in Arm am Klavier und sangen: »If You Were the Only Girl in the World.«

Dies war ihr großer Tag, doch nichts schien ihr real zu sein. Sie hatte nie geglaubt, dass es je dazu kommen würde. Bis zu dem Moment, in dem Nick ihr den Ehering übergestreift hatte, war sie sicher gewesen, dass noch irgendetwas dazwischenkommen und es verhindern würde. Als der Pfarrer fragte, ob irgendjemand einen Grund kenne, warum sie nicht rechtmäßig getraut werden sollten, hatte das Herz ihr in den Ohren gedröhnt, weil sie darauf gewartet hatte, dass jemand Einspruch erheben würde.

Doch niemand hatte es getan. Und jetzt waren sie verheiratet und für den Rest ihres Lebens aneinander gebunden.

Rubys Hand zitterte, als sie den Kopf zurücklegte und den Rest ihres Drinks hinunterstürzte. Sie wünschte, Dora wäre hier. Aber ihre Freundin war gleich nach der Trauung aufgebrochen unter dem Vorwand, sie müsse zu ihrem Dienst zurück. Ruby wusste, dass das gelogen war, aber sie hatte ihr nicht widersprochen.

»Gut, dass sie weg ist«, hatte ihre Mutter geflüstert, als sie Dora nachgesehen hatten, die gesenkten Kopfes und mit hochgestelltem Mantelkragen davongeeilt war. »Du solltest die Augen offen halten bei dieser Freundin, Ruby. Ich glaube, sie ist ganz vernarrt in deinen Nick.«

Als ob ihr das erst jemand sagen müsste! Ruby war sich der knisternden Spannung zwischen den beiden schon seit Monaten bewusst gewesen, noch bevor sie es selbst bemerkt hatten. »Ich vertraue Dora«, sagte sie. »Sie würde mich niemals hintergehen. Dazu ist sie eine viel zu gute Freundin.«

Nicht wie ich, fügte eine Stimme in ihrem Kopf hinzu. Denn wenn sie ehrlich war, hatte sie Nick unter anderem auch gewollt, weil sie wusste, dass ihre Freundin an ihm interessiert war.

»Und was ist mit ihm?« Lettie hatte mit dem Kopf auf Nick gedeutet, der die Krawatte seines Bruders geraderückte. »Vertraust du ihm auch?«

»Wir sind verheiratet, oder etwa nicht?«

Ihre Mutter bedachte sie mit einem strengen Blick. »Du bist eine Närrin, wenn du glaubst, für einen Mann würde ein Ehering irgendetwas ändern.«

Ruby beobachtete Nick, der sich so liebevoll um seinen Bruder kümmerte, und wurde von jäher Eifersucht ergriffen. »Ich werde dafür sorgen, dass er nie wieder eine andere Frau ansieht. Warte nur ab, du wirst sehen, wie schnell er Dora vergessen hat.«

»Na ja, wenn das irgendjemand kann, bist du es.« Lettie lächelte sie bewundernd an. »Er kann sich glücklich schätzen, dich zu haben, Liebes.«

Ruby versuchte, sich diese Worte in Erinnerung zu rufen, als sie sich in dem Pub umsah. Überall um sie herum sah sie die enttäuschten Gesichter junger Männer, die sie abgewiesen hatte, oder von Jungen aus dem Viertel, mit denen sie gespielt und denen sie dann eine Absage erteilt hatte. Obwohl sie jetzt eine verheiratete Frau war, betrachteten sie sie immer noch begehrlich. Sie war Ruby Pike und hätte jeden Mann in Bethnal Green haben können. Aber sie hatte sich für Nick Riley entschieden. Dafür musste er Gott auf Knien danken, dachte sie.

Und doch verspürte sie tief im Innern eine nervöse Anspannung, die einfach nicht vergehen wollte.

»Rube?« Sie erschrak, als sie merkte, dass Nick vor ihr stand. Sein schicker Hochzeitsanzug schien die straffen Muskeln seines Körpers, die schlank und fest wie die eines Kampfhunds waren, noch zu unterstreichen. »Ich gehe hinaus, um ein bisschen frische Luft zu schnappen.«

»Aber du kommst doch wieder, oder?«, entfuhr es ihr.

Seine dunklen Augenbrauen zogen sich zu einem Stirnrunzeln zusammen. »Was ist denn das für eine Frage?«

»Ich weiß nicht.« Sie kam sich plötzlich albern vor. »Hör nicht auf mich, ich bin einfach nur nervös.«

Sie wandte das Gesicht ab, aber mit zwei Fingern hob er ihr Kinn ein wenig an, sodass sie ihn ansehen musste. »Schau mich an, Ruby.« Sein Blick suchte den ihren, eindringlich und offen. »Wir sind verheiratet, nicht wahr? Ich werde dich nicht enttäuschen. Ich halte zu dir, was immer auch geschieht.«

»Ich … ich weiß.« Sie biss sich auf die Lippe und fühlte sich ganz elend. »Küss mich«, bat sie.

Er sah sich um. »Was, hier? Vor allen Leuten?«

»Warum denn nicht?« Sie stand auf und schob klappernd ihren Stuhl zurück. Der Portwein mit Zitrone machte sie ein wenig unsicher auf den Beinen, und Nick streckte die Hände aus, um sie aufzufangen, als sie stolperte. »Schämst du dich etwa für deine Frau oder so was?«

Und schon schlang sie ihm die Arme um den Nacken und küsste ihn. Nick hatte ihr einen Kuss auf die Lippen geben wollen, doch Ruby schob ihre Finger in sein lockiges Haar und hielt ihn fest, während sie kühn mit ihrer Zunge seinen Mund erforschte. Für eine Sekunde spürte sie den Widerstand in seinem Körper, bevor er nachgab, wie er es immer tat.

Ihr Kuss löste einen Tumult aus schrillen Pfiffen und lärmendem Applaus unter den Gästen aus.

»He, ihr zwei! Hebt euch das für die Hochzeitsnacht auf!«, schrie jemand.

»Die haben sie schon gehabt, soviel ich hörte«, sagte jemand anderer, der allerdings sofort verstummte, als Nick sich Ruby entzog und sich stirnrunzelnd zu ihm umwandte.

»Es ist sowieso egal.« Ruby lachte trotzig und hob ihre linke Hand. »Wir sind verheiratet, und jetzt ist alles rechtmäßig und einwandfrei.«

»Besser spät als nie!«, schrie ein anderer Unerschrockener aus dem hinteren Teil der Bar.

Ruby lächelte weiterhin tapfer und tat alle Scherze mit einem Lachen ab, als Nick ein paar Minuten später hinausschlüpfte. Sie wartete, bis sie die Tür hinter ihm zufallen sah, und wandte sich dann an ihren Bruder Dennis.

»Hol mir noch einen Drink«, sagte sie und drückte ihm ihr Glas in die Hand. »Und diesmal einen doppelten.«

»Du solltest dich ein bisschen zurückhalten«, mahnte Lettie, die neben ihr erschienen war. »Du willst doch auf deiner eigenen Hochzeit nicht betrunken sein.«

Ruby starrte ihre Mutter an. Ein Netzwerk feiner roter Adern überzog ihre schmalen, geröteten Wangen, und ihr Hut saß schief und war zerdrückt, weil irgendjemand sich daraufgesetzt hatte. »Das musst du gerade sagen!«

»Ich bin ja auch nicht schwanger, oder?« Lettie ließ sich auf die Bank neben ihr plumpsen. »Aber du erwartest ein Baby, oder hast du das schon vergessen?«

»Wie könnte ich das vergessen?«, murmelte Ruby mürrisch, während sie mit dem Zeigefinger den klebrigen Abdruck eines Glases auf dem Tisch vor ihr nachzeichnete.

Lettie blickte sie aus schmalen Augen an. »Du bist auf einmal so schlecht aufgelegt. Was hast du, Liebes?«

»Nichts. Es ist nur …«, begann Ruby, nur um sich gleich wieder zu unterbrechen.

»Ich weiß, was es ist.« Lettie nahm ihren Hut ab und legte ihn auf den Tisch. »Meine Worte vorhin haben dich beunruhigt, stimmt’s?« Sie legte ihre schmale, knochige Hand auf Rubys Schulter. »Du solltest nicht auf mich hören, Liebes. Du hast völlig recht, dein Nick und du, ihr seid jetzt richtig verheiratet. Er wird keine andere mehr ansehen, schon gar nicht so ein hässliches Ding wie Dora Doyle. Nicht, solange er dich hat.«

Dennis kam mit Rubys Drink, stellte ihn vor sie hin und streckte die flache Hand nach dem Geld aus. Ruby warf ihm einen bösen Blick zu, und er zog sich schnell zurück.

»Außerdem«, fuhr Lettie mit etwas schleppender Stimme fort, »erwartest du ein Kind von ihm. Und das bedeutet Nick Riley sehr viel, auch wenn er es sich nicht anmerken lässt. Ich weiß, dass ich früher so manches über ihn gesagt habe, aber eins muss ich ihm hoch anrechnen: Er ist ein regelrechtes Arbeitstier. Du wirst nie Angst haben müssen, dass er dich und das Kind nicht gut versorgen wird …«

»Es gibt kein Kind«, entfuhr es Ruby.

Lettie runzelte verwirrt die Stirn. »Kein was, Liebes?«

»Ich bin nicht schwanger, Mum.« Ruby erhob den Blick zu ihrer Mutter. »Es gibt kein Baby. Es hat nie eins gegeben.«

Lettie öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. »Ich … Aber das verstehe ich nicht …«

»Ich habe gelogen«, sagte Ruby nur.

»Du meinst, du …« Letties Blick glitt zu Rubys Bauch und dann wieder zu ihrem Gesicht hinauf. »Aber warum?«

»Damit er mich nicht sitzenlassen konnte.«

Es war Nicks Schuld. Er hatte sie dazu getrieben. Ruby wusste, dass er vorgehabt hatte, mit ihr Schluss zu machen und sie für Dora zu verlassen, und sie wusste auch, dass sie ihn so sehr liebte, dass es das Ende für sie gewesen wäre, wenn er ihr gesagt hätte, er wolle sie nicht mehr.

Und nur deshalb war sie in Panik geraten und hatte ihm gesagt, sie erwarte ein Kind von ihm. Und diese Worte hatten alles geändert.

Alle Farbe wich aus Letties gerötetem Gesicht. Sie starrte Ruby an, als wüsste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

»Du dummes Ding!«, sagte sie schließlich. »Du meinst, du hast die ganze Nachbarschaft für nichts und wieder nichts mit Tratsch über unsere Familie versorgt?«

Ruby verzog den Mund. Wie typisch für ihre Mutter, sich um so etwas zu sorgen!

»Du hast Nerven, das muss ich dir lassen.« Ihre Mutter schüttelte nachdenklich den Kopf. »Und was wirst du jetzt tun?«

Ruby zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Darüber habe ich nicht nachgedacht.«

»Typisch!«, fauchte Lettie. »Das ist dein Problem, dass du deine große Klappe aufmachst, bevor du Zeit hast, darüber nachzudenken, was du tust.«

»Ich werde ihm sagen, dass es falscher Alarm war und ich mich im Datum geirrt habe.«

Ihre Mutter betrachtete sie kopfschüttelnd. »Und was glaubst du, wie er das aufnehmen wird?«

»Das werde ich dann ja sehen.«

»Aber dir ist doch klar, dass er dich deswegen verlassen könnte?«

Ruby schüttelte den Kopf. »Das wird er nicht tun. Außerdem könnte er sich gar nicht von mir scheiden lassen. Mit welcher Begründung sollte er das denn tun?« Männer konnten sich wegen Ehebruchs von ihren Frauen scheiden lassen, aber nicht, weil sie belogen wurden.

Außerdem ließen sich Leute wie sie nicht scheiden. Es spielte keine Rolle, wie unglücklich sie waren, sie ertrugen sich gegenseitig, bis der Tod sie schied. Ihre eigene Mum und ihr Dad hatten über zwanzig Jahre unter demselben Dach gelebt, obwohl sie sich auf den Tod nicht ausstehen konnten.

»Es gibt Schlimmeres im Leben als eine Scheidung, mein Kind. Du wirst doch nicht mit einem Mann verheiratet sein wollen, der es bereut.« Als Ruby die tiefe Traurigkeit im Gesicht ihrer Mutter sah, fragte sie sich, ob sie an ihre eigene lieblose Ehe dachte. »Das ist kein Leben, glaub mir.«

»Wer sagt, dass er es bereuen wird?« Nun, da sie verheiratet waren, würde sie schon dafür sorgen, dass es für Nick keinen einzigen Moment des Zweifels geben würde. »Außerdem werde ich wahrscheinlich sowieso bald schwanger sein«, fügte sie hinzu.

»Dann sorg mal lieber dafür, dass es schnell geht, Kind, nur für den Fall, dass er auf dumme Gedanken kommt«, sagte Lettie warnend. »Und wann wirst du ihm die Wahrheit sagen?«

In dem Moment öffnete sich die Tür, und Nick erschien. Ruby lächelte unwillkürlich, als er sich durch die Menge einen Weg zu ihr herüberbahnte.

»Nicht heute Abend«, sagte sie. Heute war der glücklichste Tag ihres Lebens, und den würde sie sich durch nichts verderben.

KAPITEL DREI

»Sie da! Was tun Sie hier?«

Erschrocken blickte Dora sich beim Klang der schneidenden Stimme um. Eine kleine dunkelhaarige Frau in der grauen Uniform einer Oberschwester kam mit resoluten Schritten auf sie zu. Es war kurz vor sieben an einem Sonntagmorgen, und Dora war soeben erst durch die Türen der Notaufnahme hereingekommen, um ihren ersten Arbeitstag auf dieser Station zu beginnen. Sie konnte doch nicht jetzt schon etwas falsch gemacht haben?

Sie entspannte sich jedoch wieder, als die Oberschwester an ihr vorbei auf einen älteren Mann zuging, der sich unter seinem Mantel auf der hintersten Bank der langen Reihe leerer Holzbänke zusammengekauert hatte.

»Haben Sie etwa hier geschlafen?« Die Hände in die Hüften gestemmt, stand die Schwester vor ihm.

»N-nein, Schwester.« Dora sah das Zittern des alten Mannes und bemitleidete ihn. Das weiße Haar unter dem formlosen Hut war strähnig, und er sah aus, als ob er schon seit Tagen keine anständige Mahlzeit mehr bekommen hätte.

Die Oberschwester musterte ihn aufmerksam. »Ich habe Sie doch hier schon mal gesehen, richtig?«

»Nein«, sagte der alte Mann.

Von irgendwo hinter dem Warteraum ertönte ein unheimliches Heulen. Dora zuckte zusammen, aber die Schwester verzog keine Miene. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den alten Mann gerichtet.

»Doch, ich habe Sie hier schon gesehen. Versuchen Sie nicht, mich hereinzulegen! Ich habe Sie schon einmal verwarnt. Das hier ist ein Krankenhaus und kein Obdachlosenasyl. Ich dulde nicht, dass Außenstehende hier hereinspazieren, um ein Nickerchen zu machen. Und jetzt hinaus mit Ihnen!«

»Aber Schwester …«

»Ich sagte, hinaus mit Ihnen!« Sie zog ihn energisch von der Bank hoch und schob ihn auf die Türen zu. Für eine so kleine Frau war sie erstaunlich stark. »Wenn Sie Ihren Rausch ausschlafen wollen, versuchen Sie es mal in der hiesigen Bibliothek«, rief sie ihm nach und schloss die Türen hinter ihm.

Dann drehte sie sich um, sah Dora und kniff die Augen zusammen. Dora erschrak und fürchtete schon, dass sie als Nächste vor die Tür gesetzt werden würde. »Sind Sie die neue Schwesternschülerin?«

»Ja, Schwester. Ich bin Dora Doyle.«

»Und ich bin Schwester Percival und leite diese Abteilung.« Sie stieß die Worte aus wie ein Maschinengewehr Kugeln. Sie war eine adrette kleine Frau und strotzte geradezu vor Energie. Selbst wenn sie stillstand, schien sie sich zu bewegen, trommelte mit den Fingern und ließ ihre dunklen Augen hin und her flitzen. »Was ist denn nun? Stehen Sie nicht da und gaffen mich an! Gehen Sie in den OP und assistieren Sie Dr. McKay bei einem verletzten Arm.«

Dora sah sich um. Das Wartezimmer erinnerte sie an eine Kirche, ein lang gestreckter Bau, in dem es hallte, mit sehr hohen Fenstern an der einen Seite und einer Doppeltür an seinem einen Ende. Am anderen Ende stand wie eine Kanzel ein erhöhter Schreibtisch, an dem eine junge Stationsschwester in einer blauen Uniform saß. Dazwischen befanden sich Reihen von Bänken, die wie Kirchenbänke aussahen und bis auf eine Frau mit einem Baby in den Armen und einem Mann, der ein blutgetränktes Taschentuch an seine Schläfe drückte, unbesetzt waren.

»Entschuldigen Sie, Schwester, ich weiß nicht, was ich tun soll …«

Wieder zerriss ein furchtbares Geheul die Stille.

»Du meine Güte, denkt Ihr Schwesternschülerinnen eigentlich überhaupt je selbstständig?« Schwester Percival zeigte auf eine Tür hinter dem Empfang. »Dort drüben, Mädchen, hinter dem Aufnahmeschalter. Und jetzt sputen Sie sich! Wir haben es hier mit Notfällen zu tun, und das bedeutet, dass wir keine Zeit zum Trödeln haben.«

Dora trat durch die Tür und fand sich auf einem kurzen, gefliesten Gang wieder, von dem mehrere Türen abgingen. Alle trugen die Aufschrift »Behandlungszimmer« mit verschiedenen Zahlen dahinter. Am anderen Ende des Ganges war eine weitere Tür, die die Aufschrift »Operationsraum« trug. Doch diesen Hinweis hätte Dora nicht benötigt – der Schrei, der von der anderen Seite der Tür her kam, verriet ihr alles, was sie wissen musste.

Und so holte sie tief Luft, stieß die Tür auf und trat ein.

Fast wäre sie auf der Stelle wieder hinausgelaufen, als sie sah, was sie erwartete. Ein Mann lag auf dem Operationstisch und brüllte und fluchte vor Schmerzen, während aus einem tiefen Schnitt an seinem Unterarm Blut herausschoss. Dora erblickte einen schimmernden Muskel, Sehnen und Knochen, als wären Darstellungen aus einem Lehrbuch vor ihren Augen lebendig geworden.

Und so viel Blut! Kein Lehrbuch hätte sie darauf vorbereiten können. Es durchtränkte die blütenweißen Handtücher mit einem beängstigenden Scharlachrot. Dicke Tropfen fielen vom Operationstisch und sammelten sich zu den Füßen des Arztes, der neben seinem Patienten stand und ein Tourniquet anlegte.

Über seine Brille blickte er zu Dora auf. »Ah, Schwester. Könnten Sie diese Wunde bitte reinigen?«

Dora beeilte sich, die Kochsalzlösung zu holen, froh, dem Anblick zu entkommen. Das Letzte, was sie wollte, war, an ihrem ersten Tag in der Notaufnahme ohnmächtig zu werden.

Das Tourniquet dämmte die schlimmste Blutung ein, aber trotzdem lief ihr noch klebriges, warmes Blut über die Hände, als sie die Wunde zu reinigen versuchte. Dora wandte ihren Blick ab, als Übelkeit in ihrer Kehle aufstieg. Sie fühlte sich erdrückt von der Hitze des Raums und dem widerlichen Geruch, der sie an einen Fleischerladen an einem heißen Sommertag erinnerte.

Der Arzt dagegen schien sehr gut damit zurechtzukommen. »Ich bin übrigens Dr. McKay«, stellte er sich vor, als ob sie Gäste auf einer Party wären. Er war jung, dunkelhaarig und schlank, und er sprach mit einem leichten schottischen Akzent. »Und Sie sind …?«

Dora blickte sich argwöhnisch über die Schulter nach ihm um. Kein Arzt hatte sie je nach ihrem Namen gefragt. »Doyle, Sir«, flüsterte sie.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Schwester Doyle. Und das hier ist Mr. Gannon«, sagte er und nickte zu dem Mann auf dem Operationstisch hinab.

»Alles klar, Schwester?«, stieß der Patient zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich Ihnen nicht die Hand gebe?«

»Ha! Sehr gut, Mr. Gannon.« Dr. McKay lachte anerkennend. Warme braune Augen blickten hinter seinen Brillengläsern hervor. »Mr. Gannon hatte einen ziemlich bösen Unfall bei der Arbeit, wie Sie sehen können. Aber ich bin mir sicher, dass wir ihn im Nu wieder auf den Beinen haben, sodass er wieder Cricket spielen kann«, sagte der junge Doktor heiter.

Mr. Gannon sog die Luft ein und fluchte unterdrückt. Sein Gesicht war kreidebleich und glitzerte vor Schweiß.

Dora starrte auf ihre Hände herab, die rot und klebrig waren vom Blut. Sie schienen vor ihren Augen zu verschwimmen, und die Stimme des Arztes kam von weit, weit weg.

Sie beendete schnell die Spülung der Wunde und trat zurück. »Fertig, Doktor.«

»Danke, Schwester. Jetzt werde ich die Hauptarterie abbinden, um die Blutungen unter Kontrolle zu bekommen … Dr. McKay arbeitete schnell und geschickt. »Sind wir uns schon einmal begegnet, Schwester Doyle?«, fragte er.

Sie war so sehr damit beschäftigt gewesen, ihm bei der Arbeit zuzusehen, dass sie zuerst nicht merkte, dass die Frage ihr galt.

»Das glaube ich nicht, Sir. Heute ist mein erster Tag hier unten.«

»Komisch. Ich bin mir sicher, dass ich Sie schon einmal gesehen habe …« Er überlegte kurz. »Ah, ich weiß! Es war nach der Jubiläumsfeier im vergangenen Jahr. Ihr Bein musste genäht werden.«

Dora starrte ihn verwundert an, als die Erinnerung daran zurückkam. Im vergangenen Jahr bei der Straßenfeier zum Thronjubiläum des Königs war ihre Schwester Josie vermisst worden, und auf der Suche nach ihr hatte Dora sich verletzt. »Sie erinnern sich daran …?«

Er zwinkerte ihr zu. »Ich vergesse nie einen Patienten!« Dann wandte er sich wieder dem Mann auf dem Operationstisch zu. »Sehen Sie, Mr. Gannon? Schwester Doyle hat meine liebevolle Fürsorge überlebt, also werden Sie es auch tun, wage ich zu behaupten. Und jetzt bekommen Sie noch ein paar kleine Nähte, um hier klar Schiff zu machen. Versuchen Sie durchzuhalten, Schwester«, fügte er aus dem Mundwinkel heraus hinzu. »Es wäre wirklich nicht gut, in Anwesenheit des Patienten ohnmächtig zu werden, oder?«

»Nein, Doktor.«

»Wenn hier jemand ohnmächtig wird, werde ich das sein!«, sagte Mr. Gannon.

»Solange ich’s nicht bin, ist ja alles gut«, gab Dr. McKay zurück.

Dora sah ihn lachen und war verwirrt. Sie hatte noch nie zuvor einen Arzt mit einem Patienten scherzen gesehen. Aber sie hatte schließlich auch noch nie einen Arzt »Bitte« sagen gehört.

Dr. McKay zog den letzten Knoten an, schnitt den Faden ab und trat zurück, um sein Werk zu bewundern. »Sehr schön«, erklärte er. »Selbst wenn es sich nach Eigenlob anhört. Was meinen Sie, Schwester Doyle?«

»Sehr gut, Doktor.«

Dr. McKay lächelte und sagte: »Auch Sie haben sehr gute Arbeit geleistet, Schwester. Gut gemacht.«

Während Dora über das unerwartete Kompliment errötete, wandte Dr. McKay sich an seinen Patienten. »Wir werden sehen, ob wir Sie auf einer Station unterbringen können, Mr. Gannon. Für ein paar Tage werden wir Sie noch pflegen müssen und dafür sorgen, dass die Wunde hübsch sauber bleibt, bis sie ordentlich verheilt ist … Den Papierkram können Sie für mich erledigen, Schwester.«

»Ja, Doktor.«

Dora ging, froh, der schwindelerregenden Hitze des Operationsraums und dem unangenehm süßlichen Geruch des Bluts, den sie noch in der Nase hatte, zu entkommen.

Sie war auf dem Weg zum Aufnahmeschalter, als Schwester Percival aus dem Nichts vor ihr auftauchte und ihr den Weg verstellte.

»Schwester! Wo um Himmels willen wollen Sie hin?«, fragte sie.

»Dr. McKay sagte, ich solle mich um ein Bett für seinen Patienten kümmern.«

»In diesem Zustand?«

Dora blickte an sich herab. In ihrer Eile, den Operationsraum zu verlassen, hatte sie nicht bemerkt, dass ihr Kleid und ihre Schürze blutbefleckt waren.

Schwester Percivals Augenbrauen fuhren in die Höhe. »Glauben Sie, es erweckt Vertrauen und Wohlbefinden, wenn Sie hier wie Sweeney Todd herumspazieren?«

»Nein, Schwester. Tut mir leid, Schwester.«

Schwester Percival seufzte. »Gehen Sie sich umziehen. Ich werde mich um den Papierkram kümmern. Und beeilen Sie sich.« Sie nickte zu den Bankreihen hinüber, die sich während Doras Abwesenheit gefüllt hatten. »Wir haben einen arbeitsreichen Tag vor uns, und da kann ich wirklich keine herumbummelnden Schwestern brauchen.«

Herumbummeln?, hätte Dora der davoneilenden Schwester am liebsten nachgeschrien. Es war noch nicht einmal acht Uhr, und sie war schon mit mehr Blut befleckt, als sie es sich je hätte vorstellen können.

Aber Percival war schon weit weg und sprach eine alte Frau an, die in einer Ecke kauerte. »Sie da! Sie haben doch hoffentlich nicht die Absicht, hier zu schlafen?«

Dora ging zum Schwesternheim, um sich umzuziehen, und kehrte dann wieder zur Notaufnahme zurück. Kaum hatte sie die Doppeltür passiert, als die Schwester an der Aufnahme sie auch schon zu sich hinüberrief.

»Da sind Sie ja«, sagte sie. »Percy hat Sie schon gesucht. Einer der Patienten im Behandlungszimmer drei hat sich übergeben, und Percy will, dass Sie es wegmachen.«

»Oh nein!« Dora blickte auf ihre saubere Schürze herab und stöhnte.

Die Schwester lächelte mitfühlend. »In dieser Abteilung werden Sie noch eine Menge sauberer Uniformen verbrauchen.«

»Ist es hier immer so?«

»Oh, es wird noch viel schlimmer werden, das können Sie mir glauben. Der Sonntag ist normalerweise ein ruhiger Tag.« Die Schwester war ein paar Jahre älter als Dora und hatte ein längliches, ernstes Gesicht und grau-grüne Augen mit schweren Lidern. Das Haar, das unter ihrer Haube hervorschaute, war von einem intensiven Honigblond. »Im Moment ist es ein bisschen hektischer, weil Dr. Adler, der zweite Notarzt, auf einer Konferenz in der Schweiz ist, um irgendwelche gelehrten Referate vorzutragen. Er müsste aber in ein, zwei Wochen wieder da sein, denke ich.« Sie hatte eine langsame, gedehnte Sprechweise. »Solange Sie sich mit der alten Percy gutstellen, müssten Sie hier klarkommen.«

»Und wie mache ich das?«

»Indem Sie alles doppelt so schnell machen, wie sie es verlangt, und darauf achten, dass Sie hier niemals jemanden schlafen lassen. Percy kann das nämlich überhaupt nicht leiden! Sie kommen oft hier herein, die armen alten Obdachlosen, besonders, wenn es regnet. Aber Percy meint, dass sie den Raum hier ungepflegt erscheinen lassen.« Sie lächelte Dora an. »Ich bin übrigens Willard.«

Sie war das direkte Gegenteil von Schwester Percival. Während Percival vor Energie vibrierte, war Willard träge und gelassen. Dora konnte sich nicht vorstellen, dass sie überhaupt irgendetwas mit Eile tat, geschweige denn doppelt so schnell wie verlangt.

Für den Rest des Morgens wurde Dora auf Trab gehalten. Während Willard sich hinter dem Aufnahmeschalter niederließ, um die Namen der Leute festzuhalten, die kamen, und sie nach Dringlichkeit auf einer Liste zu vermerken, und Schwester Percival im Wartezimmer umherging und dafür sorgte, dass kein Patient starb oder, schlimmer noch, während des Wartens einschlief, assistierten Dora und zwei Lernschwestern im ersten Jahr Dr. McKay in den Behandlungsräumen. Dora reinigte Wunden, wechselte Verbände, legte heiße Flanelltücher gegen Schock auf, verabreichte Brechmittel und hielt Patienten die Hand. Dann wieder füllte sie Formulare aus, organisierte die Verlegung von Patienten auf die verschiedenen Stationen oder hockte auf allen vieren da, um Blut, Erbrochenes und alle möglichen anderen unangenehmen Dinge von den weiß gefliesten Wänden und dem Boden des Behandlungsraums zu entfernen, bevor der nächste Patient kam. Es war erstaunlich, wie schnell sie sich an Gestank und Schmutz gewöhnte. Sie konnte kaum noch glauben, dass ihr an diesem Morgen beim Anblick von Mr. Gannons Arm derart schlecht geworden war.

Und wenn Dora nicht gerade reinigte, verband oder sich die Klagen der Stationsschwestern anhörte, dass sie unmöglich noch einen weiteren Patienten auf ihrer überfüllten Station aufnehmen könnten, versuchte sie, sich Schwester Willards Geplapper zu erwehren.

Das Einzige, was Penny Willard mit Energie tat, war das Reden. Wann immer Dora am Aufnahmeschalter vorbeikam, begann sie wieder von vorn.

»Ich bin so froh, endlich jemanden in meinem Alter zu haben, mit dem ich reden kann«, schwärmte sie, als Dora bei ihr vorbeiging, um das Krankenblatt eines weiteren Patienten abzuholen. »Percy ist kein schlechter Kerl, aber sie ist alt. Und das Einzige, worüber sie überhaupt je redet, ist ihr letzter Wanderurlaub. Wenn Sie einmal mit ihren Geschichten vom Peak District anfängt, hört sie nicht mehr auf.« Sie verdrehte die Augen. »Haben Sie einen Freund?«, fragte sie dann plötzlich.

Dora starrte auf die Krankenblätter herab, die sie abgeholt hatte. »Nein«, erwiderte sie leise.

Penny seufzte. »Ich auch nicht. Es ist ja auch wirklich schwierig, nicht wahr? Mein letzter Freund hat mir den Laufpass gegeben, weil wir uns nie sahen. Wie kann man auch richtig mit jemandem zusammen sein, wenn man bloß einen halben Tag in der Woche freihat? Und selbst dann weiß man nicht, wann das sein wird. Ich musste andauernd Verabredungen absagen, und am Ende war er es einfach leid. Jetzt geht er mit einer Verkäuferin«, schloss sie traurig.

Dora hatte begonnen, sich langsam in Richtung Behandlungsräume zurückzuziehen, als die Doppeltüren aufflogen und Nick Riley hereinkam. Er schob einen Rollstuhl vor sich her, und Dora war plötzlich wie gelähmt, als er sich dem Schalter näherte.

»Ich bin hier, um einen Patienten für die Station Holmes abzuholen«, sagte er schroff, wobei er den Blick auf den Fußboden gerichtet hielt.

»Behandlungszimmer eins.«

Dora lauschte dem Rattern des Rollstuhls, als er auf dem Gang verschwand. Ihr war, als ob sie einen Faustschlag in den Magen bekommen hätte.

»Ich weiß, was Sie denken.«

Sie blickte erschrocken auf, und Penny Willard warf ihr einen wissenden Blick zu. »Er ist ziemlich attraktiv. Wenn man den grüblerischen Typ mag, meine ich. Aber er ist vergeben, fürchte ich«, seufzte sie. »Er hat gestern geheiratet.« Sie schüttelte den Kopf. »Traurig, nicht? Dass die Besten immer so schnell weg sind, meine ich.«

Nick kam wieder und schob diesmal einen älteren Mann im Rollstuhl vor sich her. Er blickte nicht in Doras Richtung, als er auf die Doppeltür zuging.

»Ich weiß, was Sie meinen«, sagte Dora.

Helen und Charlie hörten den Pfiff des Schaffners, als sie ihre Fahrscheine kauften, und erreichten den Bahnsteig gerade noch rechtzeitig, um den Zug nach Southend in einer schwarzen Rauchwolke verschwinden zu sehen.

»Tja, das war’s dann wohl mit unserem Ausflug an die Küste«, sagte Charlie, als der Zug sich ratternd entfernte, bis er nicht mehr zu sehen war.

Helen starrte ihm nach. »Oh, Charlie, das tut mir ja so leid! Wenn Schwester Sutton nicht darauf bestanden hätte, dass ich heute Morgen in die Kirche gehen …«

»Mach dir nichts daraus, Liebes. Es ist nicht deine Schuld.«

»Aber du hattest dich so darauf gefreut!«

»Es gibt bestimmt noch einen späteren Zug. Wir könnten im Bahnhofsrestaurant eine Tasse Tee trinken und auf ihn warten. Schließlich haben wir den ganzen Tag für uns.« Er nahm ihre Hand. »Komm, vielleicht spendiere ich dir sogar ein Rosinenbrötchen, wenn du brav bist.«

Helen lächelte widerstrebend, als er sie vom Bahnsteig herunterführte und auf das Restaurant zuhielt. Auch sie hatte sich sehr auf diesen Ausflug gefreut. Zum ersten Mal seit Monaten hatte sie einen ganzen Tag frei. Und es war ein schöner Tag. Der endlose Regen war endlich einem halbwegs klaren Himmel und Frühlingssonnenschein gewichen, obwohl in der Ferne noch dunklere Wolken zu sehen waren.

Charlie hatte ihr unbedingt das Seebad zeigen wollen, wo er als Kind so viele glückliche Ferien verbracht hatte.

»Willst du mir wirklich erzählen, du wärst noch nie in Southend gewesen?«, hatte er aufrichtig verblüfft gefragt, als Helen ihn vor ein paar Wochen danach gefragt hatte. »Du meine Güte, Mädchen, du ahnst ja nicht, was du verpasst hast! Es gibt dort alles Mögliche. Den Pier, den Kursaal-Vergnügungspark, das Planetarium … Du kannst sogar mit einer Seilbahn fahren, die dich bis ganz nach oben auf die Klippen bringt. Oder wir könnten am Strand auch einfach nur auf Muschelsuche gehen.« Er lachte über ihre verständnislose Miene. »Jetzt sag bloß nicht, dass du auch noch nie auf Muschelsuche warst?«

»Ich weiß nicht einmal, was das ist.« Sie wusste jedoch, dass es wahrscheinlich keine Beschäftigung war, die ihre Mutter billigen würde.

Sie fanden einen Tisch am Fenster des Bahnhofsrestaurants, und Charlie stellte sich an der Theke an, um Tee und Kuchen zu bestellen. Helen erbot sich, ihm zu helfen, aber das lehnte er entschieden ab.

»Du verbringst genug Zeit damit, andere Leute zu bedienen«, sagte er, als er ihr einen Stuhl zurechtrückte. »Da verdienst du es doch wohl, zur Abwechslung mal selbst bedient zu werden.«

Sie beobachtete ihn, als er, schwer auf seinen Stock gestützt, in der Warteschlange stand, und fragte sich, wie er mit einem Tablett voller Teegeschirr zurechtkommen sollte. Aber sie hütete sich, ihn zu fragen. Seit er sein Bein bei einem Arbeitsunfall verloren hatte, betonte Charlie seine Unabhängigkeit und war entschlossen, der ganzen Welt zu beweisen, dass er genauso leistungsfähig war wie jeder körperlich gesunde Mann.

In ihren Augen war er jedenfalls definitiv ein ganzer Mann. Insgeheim war sie sogar stolz, als sie bemerkte, wie das Mädchen hinter dem Tresen diesen großen, blonden, gut aussehenden Mann anlächelte.

»Hat sie mit dir geflirtet?«, zog Helen ihn auf, als er zu ihrem Tisch zurückkehrte.

»Ein bisschen«, gab er zu und erwiderte ihr Schmunzeln. »Aber sie hat mir ein besonders großes Stück Biskuitkuchen gegeben, also beklage ich mich nicht.« Er schob das Tablett mit einer Hand geschickt auf den Tisch. »Siehst du? Ohne einen Tropfen zu verschütten.«

»Das hatte ich auch nicht erwartet«, erwiderte Helen. »Nicht eine Sekunde lang.«

»Natürlich nicht!« Charlie zog einen Stuhl heraus, setzte sich und rückte seine Beinprothese zurecht. »Na, das ist doch reizend, oder?«, sagte er und verzog den Mund. »Tee und ein altbackenes Stück Kuchen in einem Bahnhofsrestaurant. Sag nur ja nicht, ich wüsste nicht, wie man ein Mädchen ausführt.«

»Mir macht das nichts aus.« Helen lächelte und schenkte Tee ein. »Wir können ja so tun, als wäre es das Ritz.«

Charlie betrachtete sie nachdenklich. »Weißt du eigentlich, dass du so gar nicht wie andere Mädchen bist, Helen?«

»Und ob ich das weiß«, sagte sie und schnitt eine Grimasse.

»Das sollte ein Kompliment sein.« Er griff über den Tisch und legte seine Hand auf ihre. »Ich liebe dich. Habe ich dir das in letzter Zeit gesagt?«

»Charlie!« Helen blickte sich um und errötete. »Die Leute könnten uns hören.«

»Das ist mir egal. Ich würde es von allen Dächern schreien, wenn ich hinaufsteigen könnte«, erwiderte er grinsend.

Helen reichte ihm seine Tasse. »Du bist unverbesserlich, Charlie.«

»Und du benutzt zu viele lange Wörter.« Er nahm seine Gabel und begann den Kuchen zu probieren. »Aber erzähl mir, wie dein erster Tag im OP war? Hast du schon irgendwelche grässlichen Operationen gesehen?«

Helen schüttelte den Kopf. »Sie würden mich nicht mal in die Nähe des Operationstischs lassen«, sagte sie. »Ich muss nur die Instrumente sterilisieren, dafür sorgen, dass alles bereitliegt, was die Chirurgen bei der Operation benötigen, und danach muss ich den OP reinigen.«

»Klingt für mich nach sehr viel harter Arbeit«, sagte Charlie mit dem Mund voller Kuchen.

»Das ist es auch«, gab Helen zu. »Alles muss richtig gemacht werden. Und alle Chirurgen haben unterschiedliche Vorlieben, was die Instrumente angeht, die sie benutzen, und wenn man es falsch macht, ist der Teufel los. Wie gestern, als Dr. Latimer einen Bauchschnitt durchführte und ich die Devers-Haken herausgelegt hatte …« Sie unterbrach sich, als sie sah, wie Charlie zu essen aufhörte. »Entschuldige, aber du willst mich bestimmt nicht in einem fort über Krankenhäuser und Operationen reden hören.«

»Wer sagt das? Ich hätte nicht gefragt, wenn ich es nicht wissen wollte, oder?«

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