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Die Nightingale-Schwestern – Aufbruch in ein neues Leben

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. KAPITEL EINS
  8. KAPITEL ZWEI
  9. KAPITEL DREI
  10. KAPITEL VIER
  11. KAPITEL FÜNF
  12. KAPITEL SECHS
  13. KAPITEL SIEBEN
  14. KAPITEL ACHT
  15. KAPITEL NEUN
  16. KAPITEL ZEHN
  17. KAPITEL ELF
  18. KAPITEL ZWÖLF
  19. KAPITEL DREIZEHN
  20. KAPITEL VIERZEHN
  21. KAPITEL FÜNFZEHN
  22. KAPITEL SECHZEHN
  23. KAPITEL SIEBZEHN
  24. KAPITEL ACHTZEHN
  25. KAPITEL NEUNZEHN
  26. KAPITEL ZWANZIG
  27. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  28. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  29. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  30. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  31. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  32. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  33. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  34. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  35. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  36. KAPITEL DREISSIG
  37. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  38. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  39. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  40. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  41. KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
  42. KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
  43. KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
  44. KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
  45. KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
  46. KAPITEL VIERZIG
  47. KAPITEL EINUNDVIERZIG
  48. KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
  49. KAPITEL DREIUNDVIERZIG
  50. KAPITEL VIERUNDVIERZIG
  51. KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG
  52. KAPITEL SECHSUNDVIERZIG
  53. KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG
  54. KAPITEL ACHTUNDVIERZIG
  55. KAPITEL NEUNUNDVIERZIG
  56. KAPITEL FÜNFZIG
  57. KAPITEL EINUNDFÜNFZIG
  58. KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG
  59. KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG
  60. DANKSAGUNG

Über dieses Buch

London, 1914. Als drei junge Frauen ihre Ausbildung am Londoner Nightingale Hospital beginnen, geht für jede von ihnen ein Traum in Erfüllung. Doch für ihr persönliches Glück müssen sie Opfer bringen. Während die aus einfachsten Verhältnissen stammende Sadie alles daransetzt, ihre Herkunft zu verbergen, erfährt Sonnenschein Anna zum ersten Mal, was es heißt, nicht dazuzugehören. Und Kate, die wie ihre Brüder Medizin studieren will, muss gegen den erbitterten Widerstand ihres Vaters kämpfen …

Über die Autorin

Donna Douglas wuchs in London auf, lebt jedoch inzwischen mit ihrem Ehemann in New York. Ihre Serie um die Schwesternschülerinnen des berühmten Londoner Nightingale Hospitals wurde in England zu einem Überraschungserfolg. Mehr über die Autorin und ihre Bücher erfahren Sie unter www.donnadouglas.co.uk oder auf ihrem Blog unter donnadouglasauthor.wordpress.com.

DONNA DOUGLAS

DIE NIGHTINGALE
SCHWESTERN

Aufbruch in ein neues Leben

Roman

Aus dem Englischen von
Ulrike Moreno

Für Jacqui und Brian Quennell
mit viel Liebe!

KAPITEL EINS

Heiligabend 1913

»Verdammt!«, murmelte Anna vor sich hin.

»Das hab ich gehört!«, sagte ihre Schwester Liesel, die auf der anderen Seite der Backstube in der Bäckerei der Familie stand. »Ich werde Mutter sagen, dass du geflucht hast.«

»Ich konnte es mir nicht verkneifen.« Anna legte ihren Spritzbeutel hin und starrte stirnrunzelnd den Klacks Glasur auf der makellosen Oberfläche der Weihnachtstorte an. Sie hatte Stunden gebraucht, um das filigrane Muster aus miteinander verflochtenen Stechpalmen- und Efeublättern zu kreieren, und nun war es ruiniert.

»Lass mal sehen.« Edward Stanning, der Lehrling ihres Vaters, ließ den Teig liegen, den er gerade knetete, und ging zu den Mädchen hinüber, um sich den Schaden anzusehen. »So schlimm ist es auch wieder nicht«, meinte er. »Nichts, was sich nicht in Ordnung bringen ließe.«

Anna beugte sich über die Torte und strich den Klacks mit einer Fingerspitze glatt. »Aber ich wollte, dass sie wirklich perfekt wird. Papa sagte, sie sei für eine ganz besondere Kundin.«

»Anna hat einen Fe-he-ler gemacht«, trällerte Liesel, um sie zu ärgern. »Papa wird sich nie wieder auf dich verlassen können.«

»Ach, halt die Klappe, Liesel!«, fauchte Anna. »Kein Wunder, dass ich mich nicht konzentrieren kann bei deinem ständigen Geschwätz!«

Liesel streckte ihr die Zunge heraus. »Was kann ich dafür, dass ich gute Laune habe? Schließlich haben wir heute Heiligabend.«

»Als ob ich das nicht wüsste!« Anna reckte sich auf und wischte sich mit dem Saum ihrer Schürze die Stirn ab. Draußen vor dem beschlagenen Fenster wirbelte ein eisiger Wind den Schnee umher, und dennoch konnte Anna die Schweißtropfen zwischen ihren Schulterblättern spüren, die ihr in kleinen Rinnsalen über den Rücken liefen. »Ich bin seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen und habe Papa geholfen, die Öfen anzuzünden und die ersten Bleche Brot fertigzumachen – während du noch schnarchend in den Federn lagst!«, hielt sie Liesel vor.

»Ich schnarche nicht!« Liesel errötete. »Außerdem habe ich sowieso kaum ein Auge zugemacht bei dem Lärm, den ihr beide hier unten mit den Backblechen und eurer lauten Singerei veranstaltet habt.«

»Papa singt nun mal gerne Weihnachtslieder, wenn er arbeitet.« Stille Nacht und Ihr Kinderlein kommet waren die Lieblingslieder aus seiner früheren deutschen Heimat, die er zu dieser Jahreszeit immer sang.

»Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all«, sang Edward.

»Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall«, fiel Anna ein.

»Hört auf damit, ihr zwei. Ihr hört euch an wie zwei krakeelende Kater draußen in der Gasse!« Liesel hielt sich die Ohren zu. »Ihr seid zum Arbeiten hier, oder habt ihr das bereits vergessen?«

»Und du auch«, versetzte Anna. »Hast du nach den Brotlaiben im Ofen geschaut? Sie müssten eigentlich schon fertig sein.« Sie blickte zur Wanduhr hinauf. Es war fast drei Uhr, also nur noch eine Stunde vor Geschäftsschluss, aber das Glöckchen über der Ladentür hatte nicht mehr aufgehört zu klingeln, seit ihr Vater die Bäckerei am frühen Morgen geöffnet hatte.

»Vielen Dank auch, aber ich weiß, was ich tue«, sagte Liesel in einem beleidigten Ton. »Nur weil du die Älteste bist, kannst du mich noch lange nicht herumkommandieren.«

»Ich kommandiere dich nicht herum, ich ermahne dich nur. Du weißt doch selbst, wie unachtsam du sein kannst.«

»Fass dich an die eigene Nase! Schließlich hast du gerade Papas Torte ruiniert!«

Anna wandte sich traurig wieder der besagten Torte zu, die auf dem Ständer vor ihr stand. Es war ihr zwar gelungen, den Klacks Zuckerguss einigermaßen glattzustreichen, aber er war leider noch immer sichtbar.

»Und überhaupt! Ich weiß ja nicht mal, warum ich in der Backstube aushelfen muss«, fuhr Liesel mürrisch fort. »Wo ich doch eigentlich wie immer mit Mutter hinter der Theke stehen sollte …«

»Du weißt doch, dass Papa zu Weihnachten immer gerne selbst bedient.« Hinter den Türen, die in den Laden führten, konnte Anna ihren Vater mit seinen Kundinnen lachen und scherzen hören. Wie immer würde er auch heute allen Kindern Marzipan-Schweinchen und Ähnliches schenken und ihnen beibringen, wie man auf Deutsch »Frohe Weihnachten« sagte. »Außerdem willst du sowieso nur da draußen sein, um mit Jungs zu flirten!«

»Das ist nicht wahr!« Liesel errötete bis in die Spitzen ihrer blonden Haare.

»Ärgere deine Schwester nicht.« Edward grinste Anna an. »Sie ist schon sechzehn und darf flirten, mit wem sie will.«

»Genauso ist es! Im Übrigen sagt Papa, es heitere die Kunden auf, ein hübsches Gesicht hinter der Theke zu sehen«, brüstete sich Liesel. »Was wohl auch der Grund dafür sein dürfte, dass er dich in die Backstube verbannt!«, schloss sie lachend.

»Ich bin in der Backstube, weil ich die Einzige bin, der Papa was beibringen kann!«, gab Anna zurück. Aber sie war verletzt, weil ihr nur allzu gut bewusst war, dass Liesel das blonde Haar und die blauen Augen ihrer Mutter hatte, während sie den sehr schlanken Körperbau und das rötlich braune Haar ihres Vaters geerbt hatte. Und während Liesel mit ihren sechzehn Jahren an den richtigen Stellen sanfte weibliche Rundungen aufwies, wartete Anna mit einundzwanzig immer noch darauf, dass ihre knabenhafte Figur endlich weiblichere Formen annahm. Wenn sie in den Spiegel blickte, sah sie nichts als ihre Mängel: Ihre dunklen Augen waren zu klein, ihre Haut ein wenig zu gelblich und das Kinn viel zu spitz, als dass man sie jemals als hübsch bezeichnen würde.

»Und ganz abgesehen davon bin ich gerne hier«, sagte sie trotzig. Vor allem in dieser bitterkalten Jahreszeit, in der es so angenehm warm war in der Backstube und die Luft dort vom köstlichen Duft nach Zimt, Gewürznelken, Mandeln, Zucker und frisch gebackenem Brot erfüllt war.

Sämtliche Oberflächen waren mit Backblechen voller abkühlender Brote und Pasteten bedeckt, und hinzu kamen die Weihnachtsspezialitäten aus dem heimatlichen Deutschland ihres Vaters: mit Ingwer gewürzte Lebkuchen, süße Plätzchen, die so fein und zart waren, dass sie auf der Zunge zergingen, und natürlich fehlte auch das Lieblingsgebäck ihres Vaters nicht, die mit einer dicken Schicht Puderzucker bestäubten und mit Marzipan gefüllten Früchtestollen.

Und schließlich waren da auch noch die in hübschen, mit Schleifen verzierten Schachteln verpackten Weihnachtstorten. Jede Torte war ein Einzelstück und besaß eine einzigartige filigrane Verzierung aus frostig funkelndem Zuckerwerk. »Kunstwerke, in denen sehr viel Liebe steckt«, pflegte ihr Vater sie zu nennen.

»Und wenn Anna immer im Laden gewesen wäre, hätten wir vielleicht nie Zeit miteinander verbracht und uns vielleicht auch nie verliebt.« Edward schlang seine Arme um Anna und küsste sie auf den Nacken.

Liesel runzelte die Stirn. »Das erzähle ich Papa …«

Im selben Moment öffnete sich die Küchentür, und Friedrich Beck und ihre Mutter traten ein.

»Ich sage doch nur, du hättest ihn ihr nicht geben sollen«, protestierte Dorothy Beck gerade. »Sie hat bisher nicht mal ihre Rechnung vom vergangenen Monat bezahlt.«

»Es ist Weihnachten, meine Liebe. Sollte ich die arme Frau da etwa abweisen?« Selbst nach fünfundzwanzig Jahren sprach Friedrich noch mit deutschem Akzent.

»Die arme Frau?«, entgegnete Dorothy verächtlich. »Wir werden arm sein, wenn du weiterhin jeden anschreiben lässt. Ist dir nicht klar, dass wir dieses Geld nie sehen werden?«

Anna und Liesel wechselten einen vielsagenden Blick.

»Mrs. Jarvis kauft schon seit zehn Jahren bei mir ein«, sagte Friedrich. »Sie ist eine meiner besten Kundinnen.«

»Wenn sie ihre Rechnung zahlt!«

Friedrich machte einen Schritt auf seine Frau zu, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und drückte einen Kuss auf ihre Stirn.

»Es wird alles gut gehen, das verspreche ich dir. Und sei mir bitte nicht böse. Es ist Weihnachten.«

Sie schob ihn errötend weg. »Euer Vater ist ein Narr, Mädchen«, sagte sie und lächelte ungeachtet ihrer Worte. »Er glaubt, er sei der Weihnachtsmann, und verteilt an Gott und jedermann Geschenke!«

»Und eure Mutter ist … wie heißt er doch noch, der Mann in dem Buch von Charles Dickens?« Friedrich runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern.

»Ebenezer Scrooge, Sir?«, half Edward ihm.

»Ja, genau! Mr. Scrooge!« Friedrich lachte. »Seht ihr, mein lieber Edward wusste genau, wen ich meinte. Offenbar kann er meinem Gedankengang folgen.«

»Aber nein … bestimmt nicht … Das wollte ich damit nicht sagen …«, stammelte Edward und machte ein beschämtes Gesicht.

»Mach dir nichts daraus«, flüsterte Anna. »Er zieht dich nur auf, Edward. Inzwischen müsstest du doch wissen, wie mein Vater ist.«

»Sie hat recht, ich hab nur Spaß gemacht, mein Junge. Hör nicht auf mich«, sagte Friedrich lächelnd. Er war ein munterer, adretter kleiner Mann mit strahlenden braunen Augen, einem eckigen Gesicht und stets glatt zurückgekämmten Haar. »Und wie kommst du mit meiner Torte voran, Schätzle?«, wandte er sich an Anna. »Ich erwarte ein Meisterwerk zu sehen.«

Anna warf Edward einen nervösen Blick zu. »Sie ist fertig, Papa.«

»Dann zeig sie mir.«

Anna biss sich auf die Lippe, als ihr Vater sich tief hinunterbeugte, um ihr Werk zu inspizieren, wobei er seine Augen prüfend zusammenzog und den Kopf mal hierhin und mal dorthin wandte, um die Torte von allen Seiten zu betrachten. Friedrich Beck würde niemals dulden, dass eine schlechte Arbeit seine Backstube verließ.

Schließlich beendete er seine Inspektion und richtete sich wieder auf.

»Perfekt!«, erklärte er.

Annas Schultern entspannten sich, und sie stieß den angehaltenen Atem aus. »Danke, Papa.«

»Du hast ein sehr geschicktes Händchen, Kind. Ich werde noch eine echte Konditormeisterin aus dir machen.« Er lächelte sie an. »Und jetzt müssen wir die Torte noch hübsch verpacken. Hol uns doch bitte eine Schachtel, Liesel. Und Seidenbänder. Eine Torte wie diese verdient es, ganz besonders schön präsentiert zu werden.«

»Für wen ist sie eigentlich?«, fragte Anna. »Du meintest, sie sei für eine ganz spezielle Kundin.«

»Oh ja, für eine wirklich sehr spezielle Kundin, Schätzle. Sie ist für deine Großmutter.«

Ein angespanntes Schweigen breitete sich in der Backstube aus. Anna warf einen schnellen Blick über die Schulter in das Gesicht ihrer Mutter, das wie erstarrt wirkte.

»Na, dann kannst du sie ja auch gleich in den Müll werfen«, sagte Dorothy mit ungewohnter Schärfe.

»Das weißt du doch gar nicht, meine Liebe«, versuchte Friedrich, sie zu beschwichtigen. »Vielleicht ist sie ja dieses Jahr bereit, uns zu verzeihen.«

»Glaub mir, da ist es wahrscheinlicher, dass Mrs. Jarvis ihre Rechnung zahlt! Wie kommst du darauf, dass es dieses Jahr anders sein könnte als in den letzten fünfundzwanzig?«

»Weil ich nicht glaube, dass jemand auf ewig verärgert sein kann«, antwortete Friedrich.

»Dann kennst du meine Mutter nicht!«

»Nein, meine Liebe, da hast du recht. Sie hat mir leider nie die Gelegenheit dazu gegeben.«

Anna sah die betrübte Miene ihres Vaters und fragte sich, wie ihre Großmutter einem so wundervollen, freundlichen Mann gegenüber so hartherzig sein konnte. Sein einziger Fehler – soweit sie wusste – bestand darin, dass er nicht der Mann war, den ihre Tochter eigentlich hatte heiraten sollen.

Sie alle hatten die Geschichte schon oft genug gehört. Ihre Mutter war ursprünglich mit einem vielversprechenden jungen Buchhalter aus der Firma ihres Vaters verlobt gewesen, aber dann hatte ein mittelloser junger Bäcker aus Stuttgart im Sturm ihr Herz erobert. Als Dorothys Eltern sich weigerten, diese Beziehung zu akzeptieren, hatte sie ihrem Verlobten den Laufpass gegeben und war mit dem jungen Bäcker durchgebrannt.

Damals hatten ihre Eltern jeglichen Kontakt zu ihr abgebrochen. Selbst als Dorothys Vater und Annas Großvater vor zehn Jahren verstorben war, hatte Großmutter Grey sich geweigert, ihrer Tochter die Teilnahme am Begräbnis zu gestatten.

Anna warf einen Blick auf das verkniffene Gesicht ihrer Mutter, aber sie wusste, dass diese Maske des Zorns nur verbarg, wie sehr es ihre Mutter immer noch schmerzte, dass sie von ihren Eltern so abgelehnt worden war.

»Es ist schade um all die Zeit und Mühe, die du dafür vergeudet hast«, sagte sie nur knapp.

»Etwas so Schönes herzustellen, ist niemals Zeitverschwendung«, entgegnete Friedrich. »Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Dinge sich im nächsten Jahr für uns ändern könnten. Was glaubst du, Edward, mein Junge?«, fragte er seinen Lehrling augenzwinkernd.

»Dein Problem ist, dass du viel zu optimistisch bist.« Dorothy griff nach einem Tuch und begann mit hektischen Bewegungen einen unsichtbaren Fleck auf der Tischplatte zu bearbeiten.

»Ja, das bin ich zweifellos«, sagte ihr Ehemann. »Aber ohne meinen Optimismus wäre ich nie in dieses Land gekommen, meine Liebe. Ich hätte niemals eine Bäckerei in Bethnal Green eröffnet und schon gar nicht gewagt zu glauben, dass sich so ein schönes junges Mädchen wie Miss Dorothy Grey in mich verlieben könnte.«

»Dann weiß ich nicht, wer von uns der größere Narr ist«, murmelte Dorothy, ohne ihre Putzerei zu unterbrechen. »Was tust du denn da?«, protestierte sie, als ihr Mann seine Arme um ihre Taille schlang und sie zu sich herumdrehte. »Lass mich los, wir haben keine Zeit für diesen Unsinn …«

Im selben Moment hörten sie die Ladenglocke.

»Da hast du ja noch mal Glück gehabt«, sagte Friedrich schmunzelnd und ließ sie los. »Na komm, dann lass uns weitermachen. Und du kommst auch mit, Liesel. Wir brauchen dein Lächeln, um die Kunden zu bezaubern.«

»Ja, Papa.« Mit einem triumphierenden Grinsen schaute Liesel ihre Schwester an und folgte ihren Eltern in den Laden.

»Gut, dass sie weg ist«, sagte Anna, als die Tür sich hinter ihnen schloss. »Sie ist hier sowieso eher ein Ärgernis als eine Hilfe.« Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Ich werde jetzt mal nach diesen Broten sehen …«

»Die können ruhig noch eine Minute warten.« Edward machte einen Schritt auf sie zu und versperrte ihr den Weg. »Da ist noch etwas anderes, was ich vorher tun möchte.«

Anna runzelte die Stirn. »Aber ich …« Sie kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden, weil Edward sie in die Arme nahm und küsste.

Erstaunt trat sie zurück. »Wofür war das denn?«

»Es ist Weihnachten. Warum sollte ich also nicht das Mädchen küssen, das ich liebe?«

Anna wandte ihren Blick ab und strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht. »Aber ich muss ja furchtbar aussehen.«

»Für mich siehst du so bezaubernd aus wie immer.« Und dann küsste er sie noch einmal, diesmal so lange, intensiv und leidenschaftlich, dass Anna spürte, wie ihr Widerstand unter dem Drängen seines warmen Munds dahinschmolz und jeder vernünftige Gedanke aus ihrem Bewusstsein wich …

Ein Hüsteln hinter ihr brachte sie jedoch schlagartig ins Hier und Jetzt zurück. Anna löste sich sofort von Edward und drehte sich zu einem jungen Mann um, der im Eingang stand. Er war groß und schlank, aber seine Schultern waren gebeugt und seine Kleidung schäbig. Aus dunklen Augen in einem schmalen, raubvogelartigen Gesicht starrte er sie und Edward an.

»Tom!« Eine heiße Röte schoss ihr ins Gesicht. »Ich … ich wusste nicht, dass du da bist.«

»Du hättest anklopfen sollen«, fügte Edward schroff hinzu.

Der junge Mann nahm seine Mütze ab und fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes schwarzes Haar. »Ich konnte ja nicht wissen, dass du gerade wieder mit der Tochter des Chefs rummachst.«

»Was fällt dir ein, so mit mir zu reden!«, fuhr Edward ihn an. »Du bist hier nur der Laufbursche, vergiss das nicht.«

»Und du nichts weiter als ein Angestellter.«

Edward blickte ihn aus zusammengezogenen Augen an. »Wie bitte?«

»Du hast mich schon verstanden.«

»Es wird Zeit, dass dir mal jemand Manieren beibringt!«

»Na, dann versuch’s doch mal«, entgegnete Tom spöttisch.

Anna blickte zu Edward auf und sah, wie sich seine Kiefer anspannten. »Nicht, Edward! Bitte nicht!«, beschwor sie ihn, aber er ging bereits mit geballten Fäusten auf den Laufburschen zu.

Tom straffte seine Schultern und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Anna sah, wie sein schmales Gesicht sich verfinsterte und seine dunklen Augen fast schwarz wurden und eine eiskalte Absicht offenbarten, die ihr Angst einjagte.

Sie ergriff Edward am Arm und zog ihn mit aller Kraft zurück.

»Nicht!«, bettelte sie. »Lass es bitte. Er ist es nicht wert.«

Zu ihrer großen Erleichterung blieb Edward stehen. »Sie haben recht, entschuldigen Sie, Miss«, murmelte er. »Ich habe Besseres zu tun, als mich mit einem Straßenköter herumzubalgen!«

Daraufhin drehte Anna sich zu Tom um. »Was war es denn, was du wolltest?«, fragte sie ihn so neutral wie möglich.

»Mr. Beck sagte, Sie hätten eine spezielle Lieferung, die in den Westen rauf muss«, antwortete Tom und bedachte Edwards Rücken mit einem bösen Blick.

»Oh, damit meinte er sicher diese Torte.« Anna beeilte sich, die Schachtel zu holen. »Die Adresse steht auf dem Etikett«, sagte sie, als sie ihm den Karton übergab. »Geh vorsichtig damit um, die Glasur ist noch nicht ganz fest …«

Aber Tom war schon gegangen und knallte die Tür so heftig hinter sich zu, dass der Rahmen erzitterte.

Edward sah ihm nach. »Dieser unverschämte Bengel!«, murmelte er. »Eines Tages werde ich ihm Manieren einbläuen.«

»Du solltest ihn nicht provozieren.«

»Ich habe keine Angst vor ihm.«

Das solltest du aber, dachte Anna, die den unverhohlenen Hass in Toms Augen gesehen hatte. Edward mochte zwar auch ein harter Junge aus dem East End sein, aber Tom Franklin hatte etwas wirklich sehr Bedrohliches an sich.

»Ich verstehe nicht, warum dein Vater ihn überhaupt eingestellt hat«, meinte Edward. »Hier weiß doch wirklich jeder, dass die Franklins alle Kriminelle sind.«

»Papa mag ihn eben.«

Die Franklins waren wohlbekannt im Ort. Die Familie, die aus vier mutterlosen Jungen und einem ewig betrunkenen Vater bestand, lebte in erbärmlichen Verhältnissen in der Gegend zwischen Bethnal Green und Shoreditch, die als die Hatcheries bekannt war. Anna war dort noch nie gewesen, aber sie hatte von dem dunklen Gewirr aus schmalen Gassen und den überfüllten, von Ratten, Ungeziefer und Krankheiten befallenen Behausungen dort gehört. Das Viertel hatte einen denkbar schlechten Ruf, und den hatten die Franklins auch. Sie alle hatten schon einmal im Gefängnis gesessen, der Vater wie die Söhne, und es gab Gerüchte, dass einer von ihnen sogar einen Mann getötet hatte. Aber aus irgendeinem Grund hatte ihr Vater Mitleid mit dem jüngsten Sohn der Familie gehabt und ihm eine Arbeit angeboten.

»Wie kann ein Mensch je hoffen, sich zu ändern, wenn ihm niemand hilft?«, hatte er auf die Proteste seiner Frau erwidert. »Die Menschen können einen überraschen, wenn man ihnen eine Chance gibt.«

»Dein Vater ist zu vertrauensvoll«, sagte Edward.

»Bisher hat er aber recht behalten«, widersprach Anna. Ein Jahr nachdem ihr Vater dem jungen Mann die Anstellung gegeben hatte, erschien Tom Franklin noch immer pünktlich bei Tagesanbruch in der Bäckerei und fuhr bei jedem Wetter mit seinem Fahrrad Lieferungen aus, ohne sich je zu beklagen. Er sprach kaum ein Wort mit irgendjemandem, doch er besaß die angeborene verhaltene Treue eines Hundes, der sich nach Jahren der Grausamkeit plötzlich in den Händen eines freundlichen neuen Herrn wiederfindet.

»Denk an meine Worte«, sagte Edward. »Eines Tages wird er sich umdrehen und nach der Hand, die ihn füttert, schnappen. Das ist immer so bei seinesgleichen.«

»Müssen wir eigentlich über ihn reden?«, fragte Anna. Denn Tom rief ein ungutes Gefühl in ihr hervor, weil ihr nicht gefiel, wie er sie manchmal ansah.

»Da hast du natürlich recht.« Edwards Gesichtszüge entspannten sich, und sein freundliches, unbeschwertes Lächeln kam wieder zum Vorschein. »Wir dürfen uns diesen Moment nicht von ihm verderben lassen.«

Anna runzelte die Stirn. »Was für einen Moment?«

Edward ergriff ihre Hände. »Anna, es gibt etwas, was ich dich fragen möchte …«

»Die Brote!«, rief sie plötzlich.

»Was?«

»Sie verbrennen! Riechst du das nicht?« Anna riss sich von ihm los und lief zum Backofen.

»Kannst du sie nicht für einen Moment vergessen? Wahrscheinlich sind sie inzwischen sowieso schon halb verkohlt.«

»Aber vielleicht können wir noch ein paar retten.« Anna riss die schwere Ofentür auf und trat hustend und würgend zurück, als eine Wolke beißenden Rauchs sie einhüllte.

»Anna …«

»Mach schnell ein Fenster auf, um den Rauch hinauszulassen!«, befahl sie Edward, während sie selbst zur Hintertür eilte, um sie zu öffnen.

»Anna, bitte …«

»Schon besser«, sagte sie und atmete tief die frische, kalte Luft ein. Hinter der Hofmauer konnte sie das Rumpeln von Schubkarrenrädern auf dem Kopfsteinpflaster hören, als die Hausierer und Straßenhändler auf der nahen Columbia Road ihre Waren zusammenpackten. »Aber es ist wirklich schade um das Brot. All die Mühe, die du dir gegeben hast, für nichts und wieder nichts.«

»Vergiss die Brote.«

»Aber was für eine Verschwendung …«

»Herrgott noch mal, Anna! Ich versuche, dir einen Antrag zu machen!«

Langsam drehte sie sich zu ihm um. »Was?«

Edward stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. »So war es allerdings nicht vorgesehen«, sagte er. »Und dabei hatte ich alles so schön geplant. Ich wollte eigentlich vor dir niederknien, und ich habe auch schon einen Ring für dich … Schau mal.«

Er zog ein kleines Kästchen aus seiner Schürzentasche, klappte es auf und hielt es Anna hin. »Es sollte ein ganz besonderer Moment für dich werden. Ich weiß doch, wie sehr du Weihnachten liebst«, sagte er.

Anna war so überrascht, dass ihr die Worte fehlten und sie nur sprachlos den funkelnden Ring in seinem Kästchen anstarren konnte.

Als sie wieder zu Edward aufblickte, öffnete sich jedoch im selben Augenblick die Tür, und ihr Vater, ihre Mutter und Liesel kamen einer nach dem anderen herein.

»Wir haben Geschrei gehört«, sagte Friedrich. »Hast du sie schon gefragt?«, wandte er sich dann an Edward, der zustimmend nickte. »Und?«

Dorothy hob den Kopf und schnupperte stirnrunzelnd. »Haben die Brote im Ofen Feuer gefangen?«

»Vergiss die Brote!«, tat Friedrich ihre Frage ungeduldig ab. »Unsere Tochter wird heiraten!«

»Ich weiß nicht, ob sie das tun wird«, sagte Edward. »Sie hat mir noch keine Antwort gegeben.« Dann sah er Anna an. »Und? Was sagst du?«, fragte er.

Anna erwiderte seinen Blick. Er sah regelrecht besorgt aus, als ob er je an ihrer Antwort hätte zweifeln können.

»Ich sage Ja!«, rief sie.

Sehr zu Annas Verlegenheit ließ ihr Vater es sich nicht nehmen, seiner gesamten Kundschaft von Annas bevorstehender Heirat zu erzählen. Und nicht nur das – er zog sie aus der Küche und präsentierte sie seinen Kundinnen, damit sie ihr auch gratulieren konnten.

Anna konnte sich nur allzu gut vorstellen, was sie von ihr dachten, wenn sie sie so dünn, verschwitzt und schmuddelig in ihrer fleckigen Schürze an Edwards Seite stehen sahen. Er war so ein gutaussehender Mann mit seiner großen, stattlichen Gestalt, dem blonden Haar, den blauen Augen und seinem hinreißenden Lächeln, dass sich sicherlich alle gefragt hatten, wie sie an einen so attraktiven Mann gekommen war. Schließlich konnte sie es sich selbst ja kaum erklären.

Sobald der letzte Kunde gegangen war, schloss Friedrich den Laden und lud alle unmittelbaren Nachbarn zu einer kleinen Feier ein. Da waren die Hudsons, die die Metzgerei nebenan betrieben, und die Wheelers, die das Café an der Straßenecke führten und ihr Brot und ihren Kuchen stets bei ihrem Vater kauften. Sogar Mr. Gold und seine Tochter, mit der er erst kürzlich eine Schneiderei eröffnet hatte, waren gekommen. Alle drängten sich in dem kleinen Laden, und mit dem Bier, das Mr. Hudson aus dem Angel and Crown an der Ecke mitgebracht hatte, brachten alle einen Toast auf das glückliche junge Paar aus.

Von ihren guten Wünschen überhäuft, stand Anna zwischen ihnen, war aber noch zu benommen, um das alles wirklich in sich aufzunehmen. Sie schaute nur immer wieder den Ring an ihrem Finger an und konnte kaum glauben, dass sie ihn wirklich trug.

Dann setzte ihr Vater zu einer Rede an. »Vielen Dank, liebe Freunde, dass ihr gekommen seid, um diesen ganz besonderen Tag mit uns zu feiern«, sagte er mit einem strahlenden Lächeln in die Runde. »Es macht mich sehr glücklich, Edward in unserer Familie aufzunehmen. Seit dem Tag, an dem ich ihn als Lehrling einstellte, ist er wie ein Sohn für mich … und ich hoffe sehr, auch er betrachtet mich inzwischen als Vater.«

Anna warf Edward aus dem Augenwinkel einen Blick zu. Er war in einem der von Thomas John Bernardo gegründeten Heime für mittellose Kinder in Stepney Causeway aufgewachsen, nachdem seine Mutter gestorben war und sein eigener Vater ihn im Stich gelassen hatte. Da er jedoch nie darüber sprach, konnte Anna nur vermuten, wie schwer und schmerzvoll seine Kindheit gewesen sein musste.

»Und nun wird er zu unserer Familie gehören«, fuhr Friedrich fort. »Ich kann euch gar nicht sagen, liebe Freunde, wie stolz und glücklich mich das …«

In diesem Moment schlug die Hintertür zu, und alle fuhren zusammen. Kurz darauf tauchte Tom mit einer Kuchenschachtel in den Händen in der Tür zur Küche auf.

Edward stieß einen ärgerlichen Seufzer aus. »Wie typisch, taucht hier auf und verdirbt alles«, flüsterte er.

Der junge Mann ging augenblicklich in die Defensive, straffte die Schultern und bedachte die ganze Gesellschaft mit einem bösen Blick.

»Sie wollte sie nicht«, sagte er nur knapp und hob die Kuchenschachtel hoch.

Anna schaute ihre Mutter an. Dorothy Becks Gesicht blieb unbewegt wie eine Maske, aber ihre schmalen Lippen waren weiß vor Zorn.

»Das macht nichts.« Friedrich ging freundlich lächelnd und mit ausgestreckten Händen auf Tom zu. »Du musst uns Gesellschaft leisten, mein Junge. Wir feiern, weil Anna und Edward sich verlobt haben. Ist das nicht wunderbar?«

Tom warf Edward einen finsteren Blick zu, sagte aber nichts.

»Du musst ein Glas Bier mit uns trinken …«, begann Friedrich von Neuem, aber Tom ließ ihn nicht ausreden.

»Ich kann nicht bleiben.«

»Dann musst du wenigstens die Torte mitnehmen. Als Weihnachtsgeschenk von unserer Familie an die deine.«

Toms zog die Augen voller Misstrauen zusammen, als wäre er sich nicht sicher, ob Friedrich sich über ihn lustig machte oder nicht.

»Schau ihn dir an«, flüsterte Edward Anna zu. »Ich darf gar nicht daran denken, dass all die Mühe, die du dir damit gegeben hast, an diesen Haufen Wilder verschwendet werden soll!«

Anna erwiderte nichts darauf. Es hatte schon fast etwas Bemitleidenswertes, wie deplatziert der junge Mann in seiner schäbigen Kleidung zwischen den anderen Gästen wirkte.

Aber dann schaute er plötzlich auf und suchte ihren Blick, und es lief ihr kalt über den Rücken, als sie die abgrundtiefe Verachtung in seinen Augen sah.

Tom Franklin brauchte oder wollte ihr Mitleid nicht, wie sie ihm nur allzu deutlich ansehen konnte.

Sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab, verließ Anna die Party und schlich zu ihrem Zimmer hinauf, um Atem zu schöpfen. Es war alles so schnell geschehen, dass sie sich einen Moment lang Ruhe gönnen musste, um sich über alles klarzuwerden.

Es war schon Abend, und als sie die Gaslampe neben ihrem Bett anzünden wollte, ertönte plötzlich eine Stimme aus dem Dunkel, sodass sie vor Schreck zusammenfuhr.

»Lass sie aus. Ich bin gern im Dunkeln.«

Anna fuhr herum. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie die Umrisse ihrer Schwester ausmachen, die es sich auf dem Doppelbett, das sie miteinander teilten, bequem gemacht hatte.

»Liesel? Was machst du hier oben? Ich dachte, du würdest dich auf der Party amüsieren.«

»Da unten das ist deine Party und nicht meine«, erwiderte ihre Schwester mürrisch. »Es würde doch sowieso niemand bemerken, ob ich dabei bin oder nicht.«

Anna unterdrückte einen Seufzer. Mit Liesel war einfach nicht zu reden, wenn sie ihre Launen hatte.

»Nun übertreib doch nicht so.« Anna zündete die Lampe an und drehte sie auf, bis sie den Raum mit einem sanften Licht erfüllte. Dann ging sie zu dem Spiegel hinüber und betrachtete sich prüfend. Sie sah sogar noch schlimmer aus, als sie gedacht hatte – selbst das Haar hing ihr in schlaffen glatten Strähnen um ihr blasses, müde aussehendes Gesicht.

»Anna, die Ballschönheit«, spöttelte Liesel.

»Hör auf damit.« Anna versuchte, ihr Haar im Nacken zusammenzunehmen, was aber nur die Aufmerksamkeit auf ihr knochiges Gesicht lenkte.

»Moment! Lass mich das machen«, sagte Liesel seufzend und kroch über das Bett zu Anna hinüber. »Du darfst es nicht so streng zusammennehmen, es muss weicher wirken …«

Anna sah zu, wie ihre Schwester sie kämmte, die einzelnen Haarsträhnen dann raffiniert miteinander verschlang und feststeckte und ihr störrisches Haar nach und nach in eine Frisur verwandelte, die schon beinahe hübsch aussah.

»Wann wirst du ihn heiraten?«, fragte Liesel dann plötzlich, und als Anna erstaunt zu ihr aufblickte, sah sie, dass sie sich nach wie vor intensiv mit ihrem Haar beschäftigte.

»Keine Ahnung«, sagte sie. »Aber ich denke, vorerst nicht. Wir werden erst mal sparen und eine Wohnung für uns finden müssen …«

Liesel schwieg und zog erneut den Kamm durch Annas Haar. »Ich will nicht, dass du weggehst«, entfuhr es ihr dann plötzlich.

Anna lächelte. »Aber du sagst doch immer, du könntest es kaum erwarten, dass ich ausziehe, damit du dieses Zimmer für dich allein haben kannst!«

»Ja, aber das war nie ernst gemeint.« Liesel ließ den Kamm fallen und umarmte ihre Schwester ganz unerwartet fest. »Warum müssen sich die Dinge immer ändern?«, flüsterte sie. »Ich lebe gerne hier mit dir und Mutter und Papa.«

»Ich auch.« Anna strich über Liesels weiche Locken, die nach weihnachtlichen Backgewürzen rochen. »Und daran wird sich auch nichts ändern«, sagte sie tröstend. »Edward und ich werden noch lange nicht heiraten. Und selbst wenn wir es tun sollten, werden wir nach wie vor hier in der Bäckerei arbeiten.«

»Ja, aber es wird nicht mehr dasselbe sein, weil du dann eine verheiratete Frau bist.«

»Aber noch immer deine Schwester, Li. Und selbst wenn sich wirklich etwas ändern sollte, wird es zum Besseren sein.«

»Versprichst du es mir?«

Anna dachte einen Moment nach. Eigentlich war sie vollkommen zufrieden und hatte alles, was sie wollte. Edward liebte sie und wollte sie heiraten, sie hatte eine liebevolle Familie, ein gemütliches Zuhause und eine Arbeit, die ihr Freude machte. Wenn sie in die Zukunft blickte, sah sie nur noch mehr Liebe und Glück auf sich zukommen.

Sie wünschte nur, sie hätte diesen Moment einfangen können, um ihn für immer wie einen Schatz zu hüten.

»Versprochen«, sagte sie.

KAPITEL ZWEI

September 1914

Doch Anna konnte ihr Versprechen nicht halten. Während die heißen, schwülen Sommertage vergingen, schien die Stimmung sich zunehmend zu verschlechtern und so bleiern und düster zu werden wie der Himmel vor einem Gewitter.

Weltweit wurden Bündnisse geschlossen, Versprechungen gemacht und Verträge hin- und hergeschickt. Das Thema Krieg verbreitete sich wie eine ansteckende Krankheit, als eine alte, lang begrabene Feindseligkeit und das ebenso alte Misstrauen gegenüber Deutschland wiederauferstanden. Es war das Einzige, worüber an jeder Straßenecke und somit auch in der Bäckerei gesprochen wurde. Tag für Tag forderten die Zeitungen die Regierung dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen, um ihren alten Feind unschädlich zu machen. Varietékünstler sangen patriotische Lieder, und es war unmöglich, den Victoria Park zu durchqueren, ohne Kinder zu sehen, die imaginäre Invasionen durchspielten und reihum die gefürchteten »Hunnen«, wie die Deutschen genannt wurden, darstellten.

All das bereitete Anna großes Unbehagen, besonders als sie Gerüchte darüber hörte, dass Mr. Speers Schweineschlachterei an der Gossett Street von zerstörungswütigen Vandalen überfallen worden wäre. Aber sie wusste auch, dass ihr Vater zu bekannt und beliebt im Viertel war, um ein ähnliches Schicksal zu erleiden. Und so arbeitete sie weiter Tag für Tag in der Bäckerei, knetete Teig, formte Brotlaibe und gab sich die größte Mühe, nicht darüber nachzudenken, was vor der Hintertür geschah. Edward las die Zeitungen und verschlang begierig jedes Wort. Anna weigerte sich jedoch zuzuhören, wenn er über das Gelesene sprach.

»Bitte nicht«, sagte sie. »So wie alle reden, könnte man meinen, es sei bereits passiert.«

»Es ist nur noch eine Frage der Zeit.«

Anna schüttelte den Kopf. »Papa sagt, das sei alles nur Unsinn und wir würden keinen Krieg führen.«

»Aber nach dem, was sie dem Erzherzog Franz Ferdinand angetan haben …«

»Warum sollten wir um Gebiete kämpfen, über die wir gar nichts wissen?«, fiel Anna ihm ins Wort. »Die Hälfte der Leute in Bethnal Green ist nie weiter weggewesen als bis Shoreditch, und trotzdem reden sie über die Balkanstaaten, als ob sie unsere direkten Nachbarn wären!«

»Darum geht es nicht. Wir haben Russland versprochen …«

»Ich will nichts darüber hören«, unterbrach Anna ihn scharf. »Bitte, Edward – können wir nicht einfach nur glücklich sein, solange wir noch die Gelegenheit dazu haben?«

Aber diese Gelegenheit war bald schon vorüber. An einem grauen Tag Anfang August brach der Sturm schließlich doch los. Deutschland fiel in Belgien ein, und am Tag darauf erklärte Großbritannien seinem Erzfeind den Krieg.

»Wie ich hörte, sollen sich Scharen von Menschen vor dem Buckingham-Palast versammelt haben, um den König und die Königin zu sehen«, erzählte Anna ihrem Vater, während er eine Reihe von Brotlaiben einschnitt, bevor er sie in den Backofen schob. »Es erhob sich so viel Geschrei und Jubel, als sie auf den Balkon hinaustraten, dass es fast bis zum Strand zu hören war.«

»Das ist verkehrt, total verkehrt«, erwiderte ihr Vater kopfschüttelnd. »Wie kann man jubeln, wenn man in den Krieg ziehen muss? Und was denkt sich der König eigentlich? Der Kaiser ist schließlich sein Cousin, Herrgott noch mal!«

»Ja, aber der Kaiser ist auch ein Cousin des Zaren«, warf Edward über das Geklapper der benutzten Bleche hinweg ein, die er gerade in die Spüle stellte. »Was ihn nicht davon abgehalten hat, Russland den Krieg zu erklären.«

Innerhalb weniger Tage nach der Kriegserklärung wurde ihr Vater ins Rathaus bestellt, um sich als Ausländer registrieren zu lassen. Auch Annas Mutter musste dort erscheinen. Bei ihrer Rückkehr war ihr Gesicht hochrot vor Wut.

»Es ist kaum zu glauben, aber der zuständige Beamte besaß doch tatsächlich die Frechheit, mich zu fragen, warum ich einen Deutschen geheiratet habe!«, sagte sie. »Ich sagte ihm, wenn es für Königin Victoria in Ordnung ist, dann ist es das auch für mich. Da hat es ihm die Sprache verschlagen!«

Sie versuchte, es herunterzuspielen, aber Anna konnte ihr ansehen, wie sehr sie dieses Erlebnis erschüttert hatte.

Und Edward war ähnlich niedergeschlagen gewesen, als er sich der Warteschlange eifriger junger Männer vor dem Rekrutierungsbüro angeschlossen hatte – nur um dort abgewiesen zu werden.

»Sie schicken zuerst ausgebildete Reservisten und erfahrene Soldaten hin«, sagte er bei der Arbeit in der Backstube zu Anna. »Sie sagten allerdings, ich sollte zu den wöchentlichen Militärübungen kommen, ansonsten würden sie sich melden, wenn sie mich brauchen. Aber ich wage zu behaupten, dass der Krieg bis dahin längst vorbei sein wird.« Er sah regelrecht bedrückt aus angesichts dieser Aussicht.

»Das tut mir leid, Edward.« Anna gab sich alle Mühe, ihre Erleichterung zu verbergen. »Ich weiß ja, wie sehr dir daran lag, Soldat zu werden.«

»So ist es gar nicht«, sagte er. »Ich will nur nicht für einen Feigling gehalten werden.«

»Das würde niemand von dir denken.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, wandte Liesel ein, die an der Spüle stand und einen Stapel Bleche reinigte. »Ich habe nämlich gestern im Bus gesehen, wie eine Frau einem Jungen eine weiße Feder gab. Sie sagte, er solle sich schämen, nicht für sein Land zu kämpfen.«

Anna zog scharf den Atem ein. »Wie schrecklich!«

»Du hast ja keine Ahnung, wie es da draußen ist«, entgegnete Liesel über das Rauschen des Wassers hinweg. »Es ist fast so, als ob die ganze Welt verrückt geworden wäre. Krieg, Krieg, Krieg … das ist das Einzige, worüber alle reden.«

»Nicht hier.« Edward lächelte seine Verlobte über die Arbeitsfläche hinweg an. »Anna spricht nicht gern über den Krieg, nicht wahr, Liebling?«

»Ich weiß«, sagte Liesel und drehte den Wasserhahn zu. »Sie tut einfach so, als gäbe es ihn gar nicht, denn hier in der Backstube ist sie ja sicher.«

»Ich weiß sehr wohl, was los ist, vielen Dank auch!«, schnauzte Anna sie beleidigt an und widmete sich für einen Moment wieder dem Teig, den sie vorbereitete. »Ich habe sogar schon daran gedacht, mich als Freiwillige zu melden.«

Sie blickte auf und sah, wie ungläubig die beiden anderen sie anstarrten.

»Du?«, sagte Edward.

»Warum denn nicht? Mary Hudson von nebenan arbeitet jetzt in einer Munitionsfabrik, und einige der Mädchen unten an der Kirche machen Erste-Hilfe-Kurse, um sich den freiwilligen Hilfstruppen anschließen zu können. Aber nicht nur deshalb habe ich das Gefühl, dass auch ich etwas tun sollte.«

»Und was wäre das?«, fragte Edward. »Für die Soldaten Kuchen backen?«

»Ihre Kuchen sind so schwer, dass sie sie als Waffen einsetzen könnten«, spöttelte Liesel.

Anna starrte die beiden grinsenden Gesichter ihr gegenüber an. »Genau genommen hatte ich eher daran gedacht, Krankenschwester zu werden.«

Edward und Liesel sahen sich an und brachen beide in schallendes Gelächter aus.

»Was ist daran so lustig?«, fragte Anna mit erhobener Stimme, um sich Gehör zu verschaffen.

»Du!« Liesel wischte sich ihre vom Lachen feuchten Augen an einem Schürzenzipfel ab. »Wie könntest du als Krankenschwester arbeiten? Du kannst ja nicht einmal das eine Ende eines Verbands vom anderen unterscheiden.«

»Das weiß ich selbst, aber ich spreche davon, eine Ausbildung zu machen«, sagte sie und wandte sich Edward zu. »Ich verstehe dich nicht. Ich dachte, du würdest dich freuen, dass ich etwas für mein Land tun will.«

»Das tue ich auch, Liebes. Es ist nur so …« Edward hielt inne und suchte nach Worten. »Ich kann es mir bloß nicht vorstellen, das ist alles.«

»Warum denn nicht?«

»Weil du so eine Stubenhockerin bist!«, warf Liesel ein. »Mal ehrlich, Anna, könntest du dir vorstellen, verwundete Soldaten auf dem Schlachtfeld zu versorgen? Du wirst doch schon nervös, wenn Mutter dich zum Markt schickt, und der liegt gleich hier um die Ecke!«

»Das stimmt doch gar nicht!«, fuhr Anna sie an. »Außerdem müsste ich nicht weit weg von hier. Ich hatte daran gedacht, mich im Florence Nightingale Hospital zu bewerben, und das liegt ja auch so gut wie um die Ecke.«

Liesel johlte vor Lachen. »Ausgerechnet du willst ein Nightingale-Mädchen werden?«

»Warum denn nicht?« Verärgert starrte Anna ihrer Schwester in das lachende Gesicht und unterdrückte das Bedürfnis, sie zu schlagen. »Ich könnte es schaffen, und das weißt du!«, sagte sie.

»Ich bin mir sicher, dass du das könntest, mein Liebling«, sagte Edward freundlich und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Aber dein Vater wird dich mit Sicherheit hier in der Bäckerei brauchen, sobald ich einberufen werde. Und außerdem gibt es noch viele andere Möglichkeiten, wie du unsere Kriegsanstrengungen unterstützen kannst.«

»Du kannst auch mit den anderen frommen Damen Socken für unsere Soldaten stricken!«, witzelte ihre Schwester.

Anna blickte zwischen den beiden hin und her. Sie glauben nicht, dass ich es schaffen könnte, dachte sie. Aber im Gegensatz zu ihrer Schwester versuchte Edward zumindest, nett zu bleiben.

Ihr werdet euch noch wundern, dachte Anna.

Und so machte sie sich an einem nassen, grauen Septembermorgen gemeinsam mit ihren Eltern zum Florence Nightingale Hospital in Bethnal Green auf, um dort mit ihrer Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen.

Doch bereits als sie gemeinsam das breite, schmiedeeiserne Eingangstor durchschritten, begann ihr Mut sie zu verlassen. Am Ende der Kieszufahrt erhob sich das Hauptgebäude des Klinikums mit seiner imposanten georgianischen Fassade, hinter dem sich eine ganze Reihe von Nebengebäuden, Ambulanzen und Laboratorien befanden.

»Es sieht fast wie ein kleines Dorf aus«, bemerkte Annas Mutter. »Wie willst du dich hier je zurechtfinden?«

»Mit der Zeit wird sie sich bestimmt daran gewöhnen«, sagte ihr Vater und drückte ihr ermutigend die Schulter. »Das Ganze wird ein echtes Abenteuer für dich werden, nicht wahr, mein Schätzle?«

Anna blickte stirnrunzelnd auf ihre Füße herab und sagte nichts. Was habe ich mir bloß dabei gedacht?, fragte sie sich im Stillen. Liesel hatte recht, sie war ein sehr häuslicher Mensch, und was sie vorhatte, war eigentlich ein viel zu großes Abenteuer für jemanden wie sie.

Nach einer Weile fanden sie das Porthleven House, ein hohes, dunkles Steingebäude, dessen quadratische Erkerfenster und gotische Zinnen nichts dazu beitrugen, seine nüchterne, schmucklose Erscheinung ein wenig abzumildern. Die große, schlanke Frau mittleren Alters, die ihnen in strammer Haltung die Tür öffnete, wirkte in ihrer grauen Uniform genauso wenig gastfreundlich wie das Haus.

»Ja?«, fragte sie knapp und blickte über ihre spitze Nase auf sie alle drei herab.

Anna schrak vor ihrem abweisenden Gesicht zurück und musste sich zusammennehmen, um sich nicht hinter ihrer Mutter zu verstecken. Aber ihr Vater trat vor und streckte der Frau mit seinem üblichen gutgelaunten Lächeln die Hand hin.

»Guten Tag, gnädige Frau. Meine Tochter …«

»Name?« Ohne ihn zu beachten, heftete die Frau ihren Blick auf Anna.

Die räusperte sich nervös. »Anna Beck, Miss.«

Die Frau richtete sich noch gerader auf. Ihr pechschwarzes Haar war zu einem strengen Knoten zurückgenommen, der ihr Gesicht mit den grauen Augen noch länger erscheinen ließ. Sie maß Anna von oben bis unten.

»Sie werden mich künftig mit Oberschwester oder Miss Noonan ansprechen«, erklärte sie, bevor sie ein Notizbuch aus der Tasche ihrer gestärkten weißen Schürze nahm und einen Blick hineinwarf. »Schauen wir mal … ah ja, Miss Beck.« Sie klappte das Notizbuch wieder zu. »Nehmen Sie Ihre Tasche, dann begleite ich Sie zu Ihrem Zimmer.«

Und schon drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand im Haus. Anna und ihre Eltern schickten sich an, ihr zu folgen, doch kaum hatten sie die Eingangshalle betreten, als Miss Noonan auch schon zu ihnen herumfuhr.

»Wo wollen Sie denn hin?«, schnauzte sie Annas Eltern an. »Der Aufenthalt von Familienangehörigen im Lernschwesternheim ist grundsätzlich verboten.«

Anna sah, wie die Schultern ihrer Mutter sich verkrampften. »Aber wir werden ihr doch wohl helfen dürfen, sich einzurichten!«

»Familienangehörige dürfen sich in diesem Gebäude nicht aufhalten«, wiederholte Miss Noonan. Für einen Moment starrten die beiden Frauen sich verärgert an, und Anna war sich sicher, dass ihre Mutter der Heimschwester die Meinung sagen würde. Bevor es jedoch so weit kommen konnte, legte ihr Vater seine Hand auf Dorothys Arm.

»Schon gut, meine Liebe«, sagte er sanft. »Wenn das die Regeln sind, dann müssen wir uns daran halten. Und für Anna wird es sicher leichter sein, sich hier einzurichten, wenn wir keinen Riesenwirbel veranstalten.« Mit einem aufmunternden Lächeln wandte er sich an seine Tochter. »Wir werden uns also hier verabschieden müssen, Schätzle.«

Anna blickte von ihm zu ihrer Mutter und wieder zurück. Ihr war, als ob ihr Innerstes einem riesigen Ball aus überwältigender Furcht gewichen wäre. Aus Angst, in Tränen auszubrechen, wagte sie nicht einmal zu sprechen.

Sie konnte sehen, dass ihre Mutter sich auf die Unterlippe biss und ebenfalls gegen die Tränen ankämpfte. Ihr Vater war der Einzige, der sein Lächeln beibehielt, auch wenn es irgendwie gezwungen wirkte.

Er nahm Annas Hände in seine, die sich warm und beruhigend anfühlten. »Ich bin sehr stolz auf dich und deine Entscheidung, in die Welt hinauszugehen und deine Pflicht für unser Land zu tun.«

»Ja, Papa.« Anna kämpfte gegen das Bedürfnis an, sich in seine Arme zu werfen und ihn anzuflehen, sie wieder heimzubringen. Sie wusste, dass ihre Eltern ohne das geringste Zögern nachgeben würden, wenn sie es täte, und so musste sie ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um fest zu bleiben.

»Pass auf dich auf, Liebes«, sagte ihre Mutter mit vor Rührung erstickter Stimme, als sie Anna in die Arme nahm. »Du wirst uns schon bald besuchen, nicht? Und uns wissen lassen, wie du hier zurechtkommst, ja?«

»Natürlich tut sie das«, sagte ihr Vater. »Und sie wird auch all die neuen Freundinnen mitbringen, die sie hier finden wird. Das tust du doch, mein Schätzle, nicht wahr?«

»Ja, Papa.«

Kurz darauf hatte Miss Noonan Annas Eltern auch schon hinauskomplimentiert. Ihr Gepäck zu ihren Füßen, stand Anna in der Eingangshalle und starrte die Haustür noch einen Moment lang an, nachdem die Heimschwester sie schon geschlossen hatte.

»Du meine Güte, was für ein Theater!«, rief Miss Noonan. »Man könnte ja meinen, dass wir Sie nach Konstantinopel schicken.« Sie ging auf die Treppe zu, blieb dann aber wieder stehen und schaute sich nach Anna um. »Nun kommen Sie schon!«, sagte sie. »Sie haben auch so schon zu viel von meiner Zeit beansprucht. Ich erwarte heute noch andere Lernschwestern, um die ich mich kümmern muss!«

Anna folgte ihr die Treppe hinauf und gab sich dabei die größte Mühe, all die Anweisungen mitzubekommen, die ihr die Heimschwester über die Schulter zurief.

»Während des sechswöchigen Vorbereitungskurses werden Sie hier leben«, sagte sie. »Sie werden hier Ihre Mahlzeiten einnehmen und an den theoretischen und praktischen Kursen in den Klassenräumen weiter unten oder im Hauptgebäude teilnehmen. Wenn Sie Ihre erste Prüfung bestanden haben – vorausgesetzt, Sie bestehen sie«, fügte sie mit einem skeptischen Blick auf Anna hinzu –, »werden Sie nach nebenan ins Lennox House umziehen, um fortan mit den anderen Schwesternschülerinnen oder Lernschwestern, wie wir sie nennen, zusammenzuleben. Aber das ist zunächst noch Zukunftsmusik für Sie.«

Inzwischen hatten sie den ersten Stock erreicht und stiegen noch eine weitere Treppe hinauf. Der Schlüsselbund an Miss Noonans Gürtel klingelte bei jedem ihrer Schritte. »Da es hier kein Dienstmädchen gibt, erwarten wir von Ihnen, dass Sie nicht nur Ihr eigenes Zimmer sauber halten, sondern auch Ihren Beitrag zu der Reinigung und Pflege der Gemeinschaftsräume leisten. Freitags müssen die Betten abgezogen werden und die Laken und Bezüge bis halb sieben Uhr morgens zum Abholen auf dem Flur bereitliegen. Frische Bettwäsche werden Sie vor Ihrem Zimmer finden, und bis freitags abends, wenn ich meinen Kontrollgang mache, müssen Sie Ihre Matratze umgedreht und Ihr Bett frisch bezogen haben. Ihre persönlichen Sachen werden dienstags gewaschen. Sie werden sie in einem Wäschebeutel mit Ihrem Namen darauf vor Ihrer Zimmertür zurücklassen … Und ich werde kein Gezänk über verlorene Sachen dulden, ist das klar?«

»Ja, Schwester«, erwiderte Anna, der schon jetzt der Kopf schwirrte.

Während sie eine dritte Treppe hinaufgestiegen waren, hatte Miss Noonan ihr einen weiteren Vortrag über die Wasch- und Badezeiten gehalten und sie ermahnt, darauf zu achten, dass stets genügend heißes Wasser für die anderen Mädchen übrig blieb.

Wenig später, als Anna schon glaubte, nicht eine einzige weitere Anweisung verarbeiten zu können, erreichten sie das Ende der Treppe. Hier löste die Heimschwester den Schlüsselbund vom Gürtel, suchte einen heraus und schloss die Tür auf.

Als sie sie weit geöffnet hatte, schlug ihnen ein Schwall kalter, feuchter Luft entgegen, den Miss Noonan jedoch gar nicht zu bemerken schien, als sie voranging.

»Das ist Ihr Zimmer. Hier oben haben Sie das Glück, es mit niemandem teilen zu müssen. Normalerweise teilen sich nämlich immer zwei bis drei Mädchen ein Zimmer hier im Lennox House.«

Glück war nicht das Wort, das Anna im Zusammenhang mit dem karg möblierten Raum in den Sinn kam, als sie die rohen Dielen, das schmale eiserne Bettgestell und den leeren, wenig einladenden Kamin betrachtete. Es versetzte ihr einen Stich, als sie an das gemütliche Zimmer zu Hause dachte, das sie sich mit Liesel teilte.

Sie hörte schon kaum noch zu, als Miss Noonan ihr weitere Anweisungen gab und ihr dann befahl, sich umzuziehen und um Punkt vier Uhr in ihrer Schwesterntracht zum Tee im Speisesaal zu erscheinen. Dann ging die Heimschwester endlich, und Anna war allein.

Allein.

Sie konnte sich kaum entsinnen, wann sie das letzte Mal allein gewesen war. In der Bäckerei waren immer ihre Eltern oder Edward da, und ständig gingen Kunden ein und aus. Selbst wenn sie abends zu Bett gegangen war, hatte sie Liesel an ihrer Seite gehabt und im Dunkeln mit ihr plaudern können.

Um sich von diesen Gedanken abzulenken, begann sie, ihre Sachen auszupacken. Die von zu Hause mitgebrachten Fotografien legte sie in ihre Nachttischschublade, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, weil sie befürchtete, dass sie sofort weinen musste. Dann hängte sie ihre Schwesterntracht auf und strich die Falten in dem dicken, blaugestreiften Baumwollstoff glatt. Heute hatte sie sich zum ersten Mal dazu durchringen können, sie anzusehen, seit ihre Mutter sie vor einer Woche bei der Schneiderin abgeholt hatte, und ihr Anblick löste in ihrem Magen immer noch ein nervöses Kribbeln aus.

Als sie ihr Bett bezog, hörte sie, wie Miss Noonan einem anderen Mädchen das Nebenzimmer zeigte und ihre übliche Litanei von Anweisungen herunterspulte. Anna hielt einen Moment inne, um zu lauschen. Aber die Tür schloss sich gleich wieder, und die Schritte der Heimschwester verklangen auf der Treppe.

In dem Bewusstsein, dass es schon auf vier Uhr nachmittags zuging, legte Anna ihre Schwesterntracht an. Das mit Kattun gefütterte Kleid fühlte sich sogar in der Kälte des Zimmers unangenehm dick und schwer an, und die groben schwarzen Wollstrümpfe juckten an ihren Beinen. Den hohen Kragen und die Manschetten anzulegen, dauerte eine Ewigkeit, weil es schrecklich mühsam war, die Knöpfe durch den dicken, gestärkten Baumwollstoff hindurchzubekommen.

Schließlich bürstete Anna ihr Haar und versuchte, es unter ihrer Haube aufzustecken, aber es rutschte aus den Nadeln und hing ihr strähnig ums Gesicht. Der Verzweiflung nahe, starrte Anna sich im Spiegel an. Wo war Liesel, wenn sie gebraucht wurde? Und was für eine Krankenschwester würde sie abgeben, wenn sie nicht einmal ihr Haar aufstecken konnte?

Schließlich wandte sie sich vom Spiegel ab und setzte sich auf das Bett. Die dünne Rosshaarmatratze gab kaum unter ihr nach. Durch das kleine Fenster konnte sie eine Landschaft von Dächern sehen, die Bäume im Park und die dahinter hoch aufragenden Fabrikschornsteine, die ihren schmutzigen gelben Rauch in den grauen Himmel spien.

Sehnsüchtig dachte sie an die Bäckerei daheim und ihre Eltern, die inzwischen sicher schon wieder zu Hause waren. Da es schon später Nachmittag war, reinigte ihre Mutter wahrscheinlich gerade die Backstube und schrubbte die Böden, Spülen und Oberflächen mit Karbolseife ab. Ihr Vater würde noch im Laden stehen, um die letzten Brote und Kuchen einzupacken. Wie immer würde sich eine kleine Menschenmenge hoffnungsvoll vor der Tür versammelt haben, weil die Leute wussten, dass Friedrich Beck seine Waren um diese Tageszeit billig verkaufte, und alle auf ein nicht mehr ganz so frisches Brot oder eine übriggebliebene Pastete für ihr Abendbrot hofften. Annas Vater legte auch immer ein Päckchen für Edward und eins für Tom beiseite, das sie mit nach Hause nehmen konnten.

Eine Träne fiel auf Annas Hand und dann noch eine zweite, bis sie dem Kummer, der sie die ganze Zeit schon zu überwältigen drohte, endlich freien Lauf ließ. Sie weinte bitterlich und wischte sich die Tränen mit einem Zipfel ihrer steifen weißen Schürze ab, aber bei dem ungewohnten Geruch der Wäschestärke musste sie noch mehr weinen. Alles hier war ihr so fremd und unvertraut! Ihr Herz verkrampfte sich vor Sehnsucht nach ihrem Zuhause, der Wärme ihrer Familie und Edward.

Sie schluchzte so erbärmlich, dass sie das Klopfen an ihrer Tür kaum hörte. Aber dann sah sie sich erschrocken um. Da war es wieder! Schnell wischte sie sich das Gesicht an ihrer Schürze ab und erhob sich, um die Tür zu öffnen.

Vor ihr stand das hübscheste Mädchen, das sie je gesehen hatte. Sie hatte große grüne Augen, eine Haut, die so makellos wie Porzellan war, und blondes Haar, das ihr in schimmernden Wellen auf die Schultern fiel.

Sie lächelte Anna freundlich an. »Entschuldige bitte, dass ich dich damit belästige, aber ich wollte fragen, ob du vielleicht ein paar Haarnadeln hast, die ich mir ausleihen könnte?«, sagte sie in einem munteren Londoner Cockney-Akzent. »Ich dummes Ding hab meine daheim vergessen. Und jetzt muss ich versuchen, das hier irgendwie zu bändigen«, schloss sie und fuhr sich mit den Händen durch ihr langes Haar.

»Oh. Ja, natürlich. Komm herein.« Anna unterdrückte ihre Tränen und trat beiseite, um das Mädchen einzulassen.

»Danke. Du bist meine Rettung.« Das Mädchen trat ein und sah sich um. »Ich hätte schwören können, dass ich meine eingepackt hatte. Aber ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich sogar meinen eigenen Kopf vergessen würde, wenn er nicht auf meinen Schultern säße!«

Anna warf einen Blick in den Spiegel der Frisierkommode, als sie die Haarnadeln holte. Ihr Gesicht sah fleckig aus, und ihre Augen waren so stark gerötet, dass es unmöglich zu übersehen war, dass sie geweint hatte.

»Werden diese hier genügen?« Sie hielt den Kopf gesenkt und das Gesicht sorgfältig abgewandt, als sie dem Mädchen die Haarnadeln anreichte.

»Aber ja! Vielen, vielen Dank.« Das Mädchen hielt kurz inne. »Ich bin übrigens Sadie Sedgewick von nebenan«, stellte sie sich dann vor.

»Und ich bin Anna Beck.«

»Freut mich, dich kennenzulernen, Anna. Du kommst von weither, nicht?«

Anna schüttelte den Kopf. »Nur von etwas weiter unten aus der Chambord Street.«

Sadie musterte sie neugierig. »Moment mal … Sagtest du, dein Name sei Beck? Wie Becks Bäckerei?«

Anna blickte verwundert auf. »Ja. Aber wieso fragst du? Hast du von unserer Bäckerei gehört?«

»Machst du Witze? Wer hat noch nicht von Becks Bäckerei gehört?« Sadie lächelte, was Grübchen in ihren Wangen zum Vorschein brachte. »Meine Vermieterin nimmt jeden Samstagmorgen den Bus von Hackney Wick, um Brot bei euch zu kaufen. Becks sei die beste Bäckerei in London, sagt sie.«

»Das ist sie auch.« Die Worte blieben Anna fast in ihrer schmerzhaft engen Kehle stecken.

»Aber wie dem auch sei, ich sollte dich besser nicht mit meinem Gerede aufhalten«, sagte Sadie. »Ich muss mir noch das Haar aufstecken, und wie ich sehe, hast du es auch noch nicht getan.«

Anna blickte zu der Frisierkommode hinüber. »Ich tue mich ein bisschen schwer damit«, gestand sie. »Meine Schwester tut es – tat es – sonst für mich.«

»Darf ich dir dann vielleicht helfen?«, erbot sich Sadie. »Ich bin nämlich eigentlich ganz gut darin.«

»Vielen Dank, aber ich möchte dir keine Mühe machen.«

»Ach was, das ist doch keine Mühe. Setz dich vor den Spiegel.« Sadie griff nach der Bürste und begann damit durch Annas Haar zu fahren. »Du kannst froh sein, dass deine Haare so hübsch und seidig sind und du nicht so einen Strohschopf hast wie ich« sagte sie.

Anna lächelte ihr im Spiegel zu. Es war das erste Mal, dass irgendjemand etwas Nettes über ihr Haar gesagt hatte. Liesel behauptete immer, es erinnere sie an Rattenschwänze.

Nachdenklich betrachtete Anna Sadies Spiegelbild. Blond und hübsch, wie das Mädchen war, erinnerte es sie an ihre Schwester. Für einen Moment gelang es Anna sogar fast, sich einzureden, dass es Liesel war, die hinter ihr stand …

Wieder spürte sie, wie ihr die Tränen kamen, und wandte schnell den Blick von Sadie ab.

»Was für ein komischer Ort ist das hier, nicht?«, bemerkte diese, während sie eine Locke um ihren Finger drehte und sie dann geschickt feststeckte. »All diese Vorschriften und Bestimmungen, die ich mir kaum merken kann! Und diese Miss Noonan …« Sie schüttelte den Kopf. »Die ist sogar noch schlimmer als die Pensionswirtin in meiner alten Unterkunft!«

»Du hast in einer Pension gewohnt?«, fragte Anna.

»In Mrs. Stainsbys Pension in Hackney Wick für ›untadelige junge Damen‹.« Sadies Augen funkelten vor Belustigung, als sie die Worte der Wirtin zitierte. »Sie hielt sich selbst immer für schrecklich fein und proper, die alte Mrs. Stainsby, und dabei wusste sie nicht mal die Hälfte von dem, was unter ihrem Dach vorging!« Sadie lachte. »Ich würde jede Wette eingehen, dass es hier genauso sein wird, wenn wir uns erst einmal eingewöhnt haben.«

Anna blickte auf ihre im Schoß verschränkten Hände herab. »Ich weiß nicht, ob ich mich hier überhaupt je eingewöhnen kann.«

»Natürlich wirst du das im Laufe der Zeit. Und wir können uns ja auch immer gegenseitig helfen, wenn wir allein nicht weiterkommen.«

»Ja, das wahrscheinlich schon.«

Sadie beendete ihr Werk und trat zurück. »Na bitte, was sagst du dazu?«

»Es sieht hübsch aus. Vielen Dank.« Anna drehte ihren Kopf nach rechts und links und bewunderte den akkuraten Knoten in ihrem Nacken. Sadie war fast so geschickt wie Liesel, und sie zerrte und riss nicht so an den Haaren. Normalerweise schmerzte Annas Kopfhaut, wenn Liesel mit ihr fertig war.

»Ich helfe gern. Aber jetzt sollte ich besser gehen und mich selbst zurechtmachen, damit Miss Noonan mich nicht schon auf dem Kieker hat, bevor wir überhaupt angefangen haben.« Sadie grinste. »Danke für die Haarnadeln. Ich werde sie dir zurückgeben, sobald ich mir eigene besorgt habe.«

»Das hat keine Eile, ich habe genug davon.«

»Danke.« Sadie schwieg einen Moment und sagte dann: »Vergiss nicht, was ich gesagt habe. Falls du Hilfe oder jemanden zum Reden brauchst …«

»Danke. Und das Gleiche gilt für dich.«

Als Sadie gegangen war, trat Anna ans Fenster und starrte über die sich gegen die Abenddämmerung abzeichnenden Dächer hinweg. Obwohl ihre Familie gleich hinter dem Victoria Park lebte, war es für Anna, als wäre sie Tausende von Meilen entfernt.

Ach Anna, dachte sie. Was hast du nur getan?

KAPITEL DREI

Ach Sadie, was hast du nur getan?

Sadie Sedgewick blickte sich in der Runde der fünf anderen Mädchen um, die mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen am Esszimmertisch saßen und Miss Noonans Tischgebet lauschten.

Alle sahen so frisch und gepflegt aus, hatten glänzende Haare, saubere Nägel und lächelten. Sadie wurde sofort klar, dass sie nie und nimmer in diese Runde passen würde.

»Und wir beten, o Herr, dass du dieses Essen hier vor uns segnest …«

Während Miss Noonan ihr Gebet herunterleierte, begann Sadies Magen zu knurren. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen, war sich aber trotz ihres Hungers nicht sicher, ob sie überhaupt etwas hinunterbringen würde. Denn selbst das Essen hier kam ihr komisch vor: hauchdünne, mit Gurkenscheiben belegte Sandwichs ohne Kruste und feine kleine Küchlein, die so aussahen, als würden sie nicht mehr als einen Bissen hergeben.

Plötzlich fing sie den Blick eines lockenköpfigen Mädchens am Ende des Tischs auf, das zwar mit gefalteten Händen dasaß, aber ein Auge offen hatte und sie verschwörerisch angrinste, als Miss Noonan mit einem lauten »Amen« ihr Gebet beendete.

Sadie erwiderte das Grinsen und beobachtete dann, wie die Mädchen sich bedienten und wie höflich und kultiviert alle Bitte, Danke und Würde es dir etwas ausmachen, …? sagten. Sadie dagegen waren nie richtige Umgangsformen beigebracht worden. Nicht einmal Mrs. Stainsby, die sich für etwas Besseres hielt, schien es etwas auszumachen, dass ihre Mieterinnen bei Tisch übereinander hinweggriffen, ihre Ellbogen aufstützten oder ihr Besteck falsch hielten.

Sadie hatte das Gefühl, dass Miss Noonan nicht so leicht zufriedenzustellen sein würde. Sie hatte einen Platz so weit wie möglich von der Heimschwester entfernt gewählt, aber auch dort konnte sie ihren adleräugigen Blick, den sie vom Kopf des Tisches aus schweifen ließ, spüren, als wartete Miss Noonan nur darauf, einen verstreuten Krümel oder eine ungeschickt gehaltene Teetasse beanstanden zu können.

Warum bist du überhaupt hierhergekommen?, fragte Sadie sich, denn hier gehörte sie nicht hin. Wenn sie doch nur wieder bei Barlows wäre, um Hüte mit Federn und Blumen zu bestecken. Das war das Einzige, wozu sie taugte.

Komm schon, Sadie, diese Selbstzweifel sehen dir gar nicht ähnlich, rief sie sich zur Ordnung und zwang sich, das Kinn zu heben, während sie Schlückchen für Schlückchen ihren Tee trank wie die anderen auch. Sie hatte das gleiche Recht wie alle diese anderen Mädchen, hier zu sein. Sie hatte ihre Reifeprüfung geschafft wie sie, auch wenn sie dafür zur Abendschule hatte gehen müssen.

Und sie hatte auch schon Schlimmeres erlebt als diese Miss Noonan.

»Möchtest du Kuchen, Sadie?« Sie blickte auf, als sie ihren Namen hörte, und sah, dass Anna Beck ihr lächelnd die Kuchenplatte hinhielt. Sadie wollte gerade etwas erwidern, als Miss Noonan Anna auch schon anblaffte:

»Sie werden sich hier mit Ihren Nachnamen ansprechen, wenn ich bitten darf!«

»Ja, Schwester. Entschuldigen Sie bitte, Schwester.« Die Arme sah so geknickt aus, dass Sadie Miss Noonan hätte erdrosseln können. Konnte die Heimschwester denn nicht sehen, wie sich das Mädchen quälte?

Lass dich in nichts hineinziehen, ermahnte Sadie sich. Sie hatte diese Regel schon gebrochen, als sie an Annas Tür geklopft hatte, und das, obwohl sie sich dazu entschieden hatte, ganz für sich zu bleiben. Aber wie hätte sie ignorieren können, dass das arme Ding im Nebenzimmer sich die Augen ausweinte? Also hatte sie einfach so getan, als fehlten ihr Haarnadeln, um nebenan nach dem Rechten sehen zu können.

Zumindest wirkte Anna jetzt ein bisschen munterer, nachdem sie sich das Gesicht gewaschen hatte. Aber Sadie sah auch, dass ihre Augen vom Weinen immer noch gerötet waren …

Sie ist nicht dein Problem, ermahnte sie sich und senkte ihren Blick. Wenn dieses Mädchen nicht härter werden kann, ist das ihre Sache und nicht deine.

Während des Essens hielt Miss Noonan ihnen allen einen erneuten Vortrag, bei dem es diesmal um den täglichen Zeitplan ging.

»Sie werden morgens um Viertel nach sechs geweckt«, begann sie. »Um sieben wird gefrühstückt und gebetet, und danach werden Sie von halb acht Uhr an eine Stunde Hausarbeit erledigen …« Sadie bemerkte die befremdeten Blicke, die mehrere der Mädchen wechselten. »Danach werden Sie zu Ihren Zimmern zurückkehren und eine frische Tracht anziehen, um für Ihre erste Unterrichtsstunde um halb zehn Uhr bereit zu sein. Nach einem kleinen Imbiss um halb elf gibt es dann um halb zwei Mittagessen. Danach haben Sie dienstfrei.«

Einige wenige stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, doch Miss Noonan war noch nicht fertig. »Den Tee gibt es pünktlich um vier, und um fünf beginnt Ihr praktischer Unterricht in Krankenpflege. Danach werden Sie bis zum Abendessen um halb neun und den anschließenden Gebeten Zeit zum Lernen und Ausarbeiten Ihrer Notizen haben. Um zehn werden Sie sich wieder in Ihre Zimmer begeben, und um halb elf wird das Licht gelöscht. Haben Sie das alles verstanden?«

»Ja, Schwester«, antworteten die Mädchen wie im Chor. Aus dem Augenwinkel sah Sadie allerdings den rebellischen Gesichtsausdruck des Mädchens mit dem lockigen Haar, das am anderen Ende des langen Tischs saß.

»Ihr Unterricht wird von Tag zu Tag variieren«, fuhr Miss Noonan fort. »Auf dem Stundenplan in der Halle werden Sie eine vollständige Liste der jeweiligen Materie finden. Und selbstverständlich erwarten wir von Ihnen, dass Sie pünktlich und bestens vorbereitet zu jeder Unterrichtsstunde erscheinen. Der Unterricht wird von der Schwester Oberin selbst, ihrer Vertreterin Miss Swann oder der Oberschwester Miss Pascoe gegeben. In Ihren ersten Stunden werden Sie die Grundkenntnisse des Pflegeberufs erlernen, und danach …«

Sie wurde von einem lauten Klirren unterbrochen, als das schlaksige Mädchen neben Sadie seine Tasse fallen ließ. Alle sahen voller Entsetzen zu, wie sich ein brauner Fleck auf dem schneeweißen Tischtuch bildete.

»Ich … Es tut mir schrecklich leid!« Das Mädchen sprang auf, wobei es zu allem Überfluss noch seinen Porzellanteller anstieß, sodass auch er klirrend auf dem Boden zerschellte.

»Sie tollpatschiges Ding!«, schnauzte Miss Noonan sie an.

»Warte, ich helfe dir.« Sadie hockte sich auf den Boden, um die Scherben aufzusammeln, während das andere Mädchen sich über sie beugte und Entschuldigungen stammelte.

»Ich … ich kann nichts dafür«, sagte sie. »Er ist mir einfach aus der Hand gefallen …«

»Es war ein Missgeschick«, beruhigte Sadie sie.

»Aber dein Kleid und deine Schürze …«

Sadie blickte an sich herab. Bis jetzt hatte sie nicht bemerkt, dass auch ihre gestärkte Schwesterntracht einige braune Flecken abbekommen hatte.

»Ich helfe dir …«

»Nicht nötig«, sagte Sadie schnell und zuckte zurück, als das andere Mädchen mit einer Leinenserviette vor ihr herumfuchtelte und nur um ein Haar ihr Kinn verfehlte. »Beim Waschen werden die Flecken schon herausgehen, denke ich«, sagte sie mit einem raschen Blick zu Miss Noonan, die sie schmallippig vor Wut beobachtete.

Zum Glück wurden sie kurz darauf entlassen. Miss Noonan teilte ihnen mit, dass heute noch kein Unterricht stattfinde, da es ihr erster Tag sei, und sie den Gemeinschaftsraum aufsuchen könnten.

»Vielen Dank für deine Hilfe«, flüsterte das große Mädchen Sadie zu, als sie den Speisesaal verließen. »Meine Mutter schimpft immer mit mir, weil ich so ungeschickt bin, aber anscheinend kann ich es nicht ändern.«

»Wie gesagt, es war ein Missgeschick, weiter nichts.« Sadie lächelte sie an. »Ich bin übrigens Sadie. Und wie heißt du?«

Das lange, blasse Gesicht des Mädchens lief rot an. »Grace«, murmelte sie.

Sadie ließ ihren Blick über Grace’ große Hände und Füße und ihre langen Glieder gleiten und spürte, wie ihre Mundwinkel sich zu einem Schmunzeln verzogen.

Auch Grace grinste sie an. »Schon gut, du kannst ruhig lachen. Es macht mir nichts aus, ich bin daran gewöhnt.«

Vom Gemeinschaftsraum aus war der Garten zu sehen, und hohe, gläserne Terrassentüren führten zu einer gepflasterten Terrasse hinaus. Dahinter lag ein von hübschen Blumenbeeten gesäumtes Rasenstück, und am Ende des Gartens standen einige Apfelbäume.

Der Raum selbst war etwas schäbig, aber immerhin gemütlich eingerichtet mit einem Sofa, einer Chaiselongue und zwei abgenutzten Ledersesseln rechts und links neben dem Kamin. In einer Ecke stand sogar ein Klavier und in einer anderen ein Bücherregal.

Eines der Mädchen, ein kleines Ding mit scharf geschnittenen Gesichtszügen, dünnem braunem Haar und einer spitzen Nase, ging zu den Büchern hinüber, während die anderen sich einen Platz suchten.

»Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber ich bin hergekommen, um Vorschriften und Regeln zu entkommen.« Das Mädchen mit dem lockigen Haar ließ sich neben Sadie auf das Sofa fallen. »Ich wollte ein bisschen Spaß haben, aber das hier ist ja noch schlimmer als die Schule!«

»Spaß?«, fragte ein ernst aussehendes Mädchen mit braunem Haar, das Eleanor Copeland hieß und auf der gleichen Etage wie Sadie wohnte. Sie hatte sie beim Einziehen gehört, als sie ihren schweren Koffer die Treppe hinaufgeschleppt hatte. »Wir sind nicht hier, um uns zu amüsieren, sondern um zu lernen.«

»Das kannst du ja gerne machen«, murmelte das Mädchen mit dem Lockenkopf. »Ich bin übrigens Dulcie«, sagte sie zu Sadie. »Dulcie Moore.«

»Und ich bin Miriam Trott. Aber ich möchte gerne Mimi genannt werden«, warf das spitznasige Mädchen ein, das sich die Bücher in den Regalen ansah.

»Meine Tante hat einen Pudel namens Mimi«, sagte Dulcie.

»Mimi ist die tragische Heldin in Puccinis Oper La Bohème«, erklärte Miriam in herablassendem Ton.

»Wen kümmert es schon, wer sie ist?«, fragte Eleanor Copeland. »Hast du nicht gehört, was Miss Noonan sagte? Wir müssen uns hier mit unseren Nachnamen ansprechen.«

»Unter uns werden wir uns ja wohl nennen können, wie wir wollen«, murmelte Miriam rebellisch.

»Ja, aber Regeln sind Regeln«, erwiderte Eleanor.

»Die dazu da sind, gebrochen zu werden«, warf Dulcie ein. »Ich werde mich jedenfalls nicht um halb elf ins Bett schicken lassen. Ich will die nächtlichen Lichter Londons sehen!«

Eleanor schürzte ihre Lippen. »Meine Mutter sagt, nur leichte Mädchen bleiben bis spätabends draußen.«

»Leichte Mädchen?«, wiederholte Dulcie kichernd. »Diese Gefahr dürfte wohl kaum bestehen bei der alten Hexe, die uns überwacht!« Sie zog ihre Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander und brachte eine recht gute Imitation von Miss Noonans raubvogelartigen Gesichtszügen zustande. Alle lachten, bis auf Eleanor, die missbilligend das Gesicht verzog.

»Ich will überhaupt keine nächtlichen Lichter sehen«, erklärte Grace. »Ich finde es schon unheimlich, auch nur einen Fuß vor dieses Krankenhaus zu setzen, weil mir da draußen alles so groß und laut erscheint. Ich hatte am Bahnhof den falschen Bus genommen und befürchtete schon, den Weg hierher niemals zu finden.« Sie blickte sehnsüchtig aus dem Fenster. »Es wird mir fehlen, aus meinem Schlafzimmerfenster zu schauen und nichts als sanft ansteigendes Weideland zu sehen.«

»Du kannst ja einen Spaziergang durch den Victoria Park machen.«

»Und die hiesige Molkerei an der Columbia Road hält auch ein paar Kühe«, fügte Anna hinzu.

»Vielleicht könntest du sie sogar melken!«, scherzte Dulcie.

»Und ich kenne eine Familie unten am Fluss, die einen Esel und ein paar Schweine hält«, fügte Sadie hinzu.

Grace sah schon ein wenig hoffnungsvoller aus. »Haben sie eine Farm?«

»Nein, sie halten die Tiere in ihrem Hinterhof. Wenn es draußen zu kalt für sie wird, lassen sie sie allerdings ins Haus. Im Winter sitzen Eltern, Kinder und Schweine zusammen ums Feuer!« Sadie lachte, bis sie sich im Raum umsah und bemerkte, dass alle anderen sie nur anstarrten. Sofort verfiel sie wieder in Schweigen und ärgerte sich über sich selbst, weil sie so unachtsam geworden war. Je weniger diese Mädchen darüber wussten, wo sie herkam, umso besser.

»Warum hast du dich hier in der Stadt beworben, wenn du auf dem Land bleiben wolltest?«, fragte Dulcie Grace.

Grace senkte ihren Blick. »Weil meine Mutter meinte, das Nightingale Hospital sei die beste Schwesternschule. Und ich wollte schon immer Krankenschwester werden, schon seit ich ein kleines Mädchen war. Ich habe mich um all die verwaisten Lämmer und die schwächlichen Ferkel auf der Farm gekümmert. Niemand dachte, dass sie überleben würden, aber ich habe sie alle gesundgepflegt.«

»Tja, ich denke, Menschen zu pflegen wird ein bisschen anders sein, als Ferkel aufzuziehen!«, spottete Miriam.

»Ich werde euch sagen, warum ich hierherkommen wollte«, verkündete Eleanor, obwohl niemand sie darum gebeten hatte. Sie war ein kräftiges Mädchen mit breiten Kieferknochen und glattem braunem Haar, das nichts dazu beitrug, ihre eckigen Gesichtszüge abzumildern. »Mein Bruder Harry ist Soldat geworden, und von daher hielt ich es nur für recht und billig, auch meinen Beitrag zu leisten.«

»Mein Freund hat sich auch verpflichtet«, sagte Anna. »Aber ich hoffe, dass er nicht zum Kriegsdienst eingezogen wird.«

»Mein Harry ist in der Reserve und wurde deshalb gleich genommen«, sagte Eleanor. »Ich bin froh darüber und stolz darauf, dass er für unser Land kämpft. Ich habe nichts übrig für Jungen, die kein Kaki tragen wollen.«

»Da hör sie dir an«, flüsterte Dulcie Sadie zu. »Sie klingt wie eins dieser verrückten Frauenzimmer, die in der Stadt herumlaufen und weiße Federn an Hinz und Kunz verteilen!«

Eleanor errötete vor Empörung. »Meine eigene Mutter gehört dem Orden der Weißen Feder an, und ich kann nichts Falsches daran finden, dienstunwillige junge Männer als Feiglinge zu kennzeichnen. Es ist die Pflicht eines jeden jungen Mannes, seinem Land zu dienen. Und natürlich auch die einer jeden jungen Frau!«, setzte sie nachdrücklich hinzu.

Schweigen legte sich über den Raum, während die Mädchen einander ansahen. Die Erste, die es brach, war Dulcie Moore. »Ich weiß nicht, inwieweit ich hier meine Pflicht erfülle, denn jedenfalls will ich nichts weiter als einen Arzt finden, den ich heiraten kann«, sagte sie.

Alle lachten, aber Dulcie erwiderte ihre Blicke, ohne eine Miene zu verziehen. »Und das ist mein voller Ernst«, sagte sie. »Ich habe mir in den Kopf gesetzt, einen gutaussehenden, reichen Arzt zu finden. Am liebsten einen mit einer Praxis auf der Harley Street, damit ich nie wieder hier weggehen und auf dem Land leben muss. Nichts für ungut«, sagte sie zu Grace, »aber ich kann mir wirklich nichts Schlimmeres vorstellen, als eine Bauersfrau zu sein.«

»Meine Mutter sagt, ich könnte froh sein, überhaupt jemanden zu finden, der mich heiraten möchte«, warf Grace traurig ein.

»Und du?«, wandte Anna sich an Sadie. »Warum hast du dich für diese Ausbildung hier entschieden?«

Sadie zuckte mit den Schultern. »Weil ich keine andere Wahl hatte. Nachdem die Hutfabrik, in der ich beschäftigt war, geschlossen wurde, musste ich mir etwas anderes suchen. Und Krankenpflege erschien mir da ebenso gut wie jede andere Tätigkeit.«

Die anderen Mädchen starrten sie an. Dann sagte Miriam: »Du warst … Fabrikarbeiterin?«

Sadie schob das Kinn vor. »Und was gibt es daran auszusetzen?«, fauchte sie und starrte Miriam so lange an, bis diese ihren Blick abwandte.

Dann stieß Grace versehentlich den Kohleneimer um, und Sadie sah zu, wie alle ihr zu Hilfe eilten. Du hast zu viel von dir preisgegeben, dachte sie. Es war gut und schön, freundlich sein zu wollen, aber sie musste lernen, sich in Zukunft nicht mehr in die Karten schauen zu lassen.

KAPITEL VIER

Die ersten verwundeten Soldaten trafen Ende Oktober aus Frankreich ein. Anna und die anderen Mädchen sahen die Tragbahren, die aus den Krankenwagen geholt wurden, als sie nach ihrem nachmittäglichen Kochunterricht für Invaliden zum Abendessen ins Porthleven House zurückkehrten.

Sie waren nicht die Einzigen, die zusahen. Eine Menge Zuschauer hatten sich außerhalb des Krankenhausgeländes versammelt und warfen Schokoriegel und Zigaretten für die Verwundeten durch den Zaun.

»Da seht sie euch an«, sagte Grace Duffield. »Man könnte meinen, es sei schon wieder Krönungstag!«

»Die Leute tun das, weil diese Männer Helden sind«, sagte Eleanor.

»Ich frage mich nur, warum sie sie hierherbringen?«, sagte Anna.

»Weil die Militärlazarette wahrscheinlich keinen Platz mehr für all die Verwundeten haben«, antwortete Sadie in ihrer gewohnt direkten Art.

»Es lässt den Krieg realer erscheinen, nicht?« Miriam Trott seufzte. »Ich meine, man hört in den Zeitungen von all diesen armen Männern, aber wenn man sie dann wirklich sieht …«

Anna warf Eleanor einen Blick zu. Ihr Gesicht war unbewegt wie immer, aber Anna konnte sich vorstellen, wie besorgt sie um ihren Bruder Harry sein musste. Die Zeitungen waren täglich voller Berichte darüber, wie die Briten und Franzosen im belgischen Ypern zurückgeschlagen und wie viele Tausende von Soldaten dabei gefallen oder verwundet worden waren.

Wieder einmal seufzte Anna vor Erleichterung darüber, dass ihr Edward sich nicht in Gefahr befand. Er war immer noch zur Ausbildung in London, nahm dreimal wöchentlich an Manövern und Drillübungen teil und war ungemein frustriert darüber, dass er nicht mehr tun konnte.

»Ich wünschte, ich kämpfte für mein Land, statt bloß im Victoria Park auf Sandsäcke zu schießen«, beschwerte er sich bei Anna. Sie versuchte, verständnisvoll zu sein, doch tief im Innern war sie sehr erleichtert, dass er noch nicht an die Front geschickt worden war. Sie hatte gesehen, wie all die Tragbahren aus den Ambulanzen geholt wurden, und fragte sich jetzt, wie sie mit ihrer Angst und Sorge zurechtkommen sollte, wenn Edwards Einsatzbefehl kam.

Aber zumindest wusste sie, dass sie dann die Unterstützung der anderen Mädchen in ihrer Gruppe haben würde.

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