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Die Perfekten

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. PROLOG
  9. TEIL 1: DER GHOST
    1. 1.
    2. 2.
    3. 3.
    4. 4.
    5. 5.
    6. 6.
    7. 7.
    8. 8.
    9. 9.
    10. 10.
    11. 11.
    12. 12.
    13. 13.
    14. 14.
    15. 15.
    16. 16.
    17. 17.
    18. 18.
  10. TEIL 2: DIE GESEGNETE
    1. 19.
    2. 20.
    3. 21.
    4. 22.
    5. 23.
    6. 24.
    7. 25.
    8. 26.
    9. 27.
    10. 28.
    11. 29.
    12. 30.
    13. 31.
    14. 32.
    15. 33.
    16. 34.
  11. TEIL 3: DIE GESANDTE
    1. 35.
    2. 36.
    3. 37.
    4. 38.
    5. 39.
    6. 40.
    7. 41.
    8. 42.
    9. 43.
    10. 44.
  12. Leseprobe »Die Vereinten
    1. Cover
    2. Einleitung
    3. 1.
    4. 2.
    5. 3.
    6. 4.
    7. 5.
    8. 6.

Über das Buch

Vertraue niemandem! (Das erste Gesetz der Ghosts)

Mein Name ist Rain. Ich gehöre zu denen, die man Ghosts nennt. Mit meiner Mutter lebe ich außerhalb des Systems. Wir sind unsichtbar. Über uns allen thronen die Gesegneten. Sie gelten als perfekt. Aber das bin ich auch!

Rain und ihre Mutter Storm sind auf ständiger Flucht vor den Gesegneten, einer perfekten Weiterentwicklung der Menschen, die das Land Hope regieren. Wie für alle Menschen, die aufgrund ihrer Gene in der perfekten Welt keinen Platz haben, ist die einzige Chance zu überleben, dass sie unsichtbar bleiben. Rain missachtet diese Regel und schließt Freundschaft mit dem Jungen Lark. Doch gerade, als sie beginnt, ihn in ihr Herz zu lassen, verrät er sie an die Soldaten der Gesegneten. Eigentlich wäre das ihr sicheres Todesurteil, doch stattdessen erfährt Rain etwas Unglaubliches. Sie ist gar kein Ghost. Sie ist perfekt. Eine Gesegnete.

Über die Autorin

Caroline Brinkmann wurde 1987 im hohen Norden geboren. Heute ist sie als Ärztin tätig und schreibt, wann immer sie Zeit dafür findet. 2013 gründete sie das Tintenfeder-Autorenportal, das angehende Autoren über die Verlagsbranche aufklärt. Seit 2014 veröffentlicht sie regelmäßig Bücher. Mit ihrem Debüt belegte sie den ersten Platz in der Kategorie »Beste Debütautorin 2014« bei Lovelybooks. Sie liest regelmäßig auf Buchmessen, Conventions, in Schulen und Buchhandlungen und ist in verschiedenen Internet-Gruppen und -Foren aktiv. DIE PERFEKTEN ist Brinkmanns erster Roman, der bei ONE erscheint.

CAROLINE BRINKMANN

DIE PERFEKTEN

Für dich.
Weil jeder Tag mit dir ein perfekter Tag ist.

Und euch.
Weil ihr meine Basisstation seid.

PROLOG

AN RAINS SECHZEHNTEM GEBURTSTAG nahm ihre Mutter sie in den Arm und flüsterte: »Für mich bist du perfekt.«

Sie kauerten unter einem selbst gebauten Unterschlupf aus Zweigen und Blättern, die zwar den Regen, aber nicht die Kälte abhielten. Eine Weile verharrten sie eng umschlungen, wärmten sich gegenseitig und starrten in den Wald, der vor ihnen lag. Grau und kalt war es, denn der Regen wusch Farben und Wärme fort.

»Nicht die Gene machen einen Menschen perfekt, sondern sein Wesen. Vergiss das nicht, mein Herz.« Ihre Mutter ließ sie los und überreichte ihr ein Armband. Es bestand aus zwei Lederkordeln, die ineinandergeschlungen waren. Es war so lang, dass Rain es sich zweimal um den Arm binden konnte. In der Mitte lag ein kleiner Glasstein, blau wie der Himmel, in der Form eines Tropfens. Eines Regentropfens. Im Inneren, eingeschlossen von dem Glas, konnte man Wasser erkennen.

»Danke. Es ist unglaublich.« Rain war sprachlos.

»Der Anhänger enthält Regenwasser«, erklärte ihre Mutter. »Weißt du, alles beginnt mit einem Tropfen. Einem Tropfen, dem Milliarden weitere Tropfen folgen. Zusammen verbünden sie sich zu einem Meer aus Wasser, das aus dem Himmel stürzt. Der Regen gibt Hoffnung. Er wäscht die Sorgen und die Spuren der Vergangenheit hinfort und schenkt einen Neuanfang. Du wurdest im Regen geboren. Ich wusste gleich, dass es ein gutes Zeichen ist.«

Rain fuhr mit klammen Fingern über das Geschenk und hoffte, dass der so gepriesene Regen, dem sie ihren Namen verdankte, bald enden würde, denn sie war durchnässt und ihr war kalt.

TEIL 1

DER GHOST

1.

DAS LÄUTEN DER SCHULGLOCKE schallte über den Hof und riss Rain aus ihren Gedanken. Es war so weit. Sie reckte ihren Kopf, um besser sehen zu können, und sie ließen nicht lange auf sich warten. Schon nach wenigen Minuten strömten Schüler in der Mitte des asphaltgrauen Schulhofs zusammen und erfüllten den tristen Platz mit Leben.

Rains Herzschlag beschleunigte sich, während ihre Augen jeder Bewegung folgten. Auf den ersten Blick sahen alle gleich aus. Wie graue, ineinanderfließende Puzzleteile, die sich in Grüppchen zusammenfanden. Wie Rain sie beneidete. Um ihr normales geregeltes Leben, um ihre grauen groben Schuluniformen. Die Art, wie sie lachen konnten und sich über Lehrer aufregten. Sie wirkten so ausgelassen.

Im Gegensatz zu ihnen fühlte sich Rain wie ein Hase auf einem weiten Feld, ständig in der Angst, dass ein Falke auf ihn aufmerksam werden würde. Ihr Blick huschte in Alarmbereitschaft zum Himmel empor, zuckte die Hauswände entlang. Nur war der Falke, den sie fürchtete, aus Metall und in der Regel gut bewaffnet.

Die Kinder auf dem Schulhof mussten nicht weglaufen und lebten nicht in der ständigen Angst, von den Sentinal entdeckt zu werden. Die Sentinal, sie waren die ausführende Hand der Gesegneten, eine Polizeiarmee, die im ganzen Land mit brutaler Kompromisslosigkeit für Ordnung sorgte.

Sie hatten ein Leben – ein einfaches, aber sicheres Leben hier im Industriezirkel des Landes Hope.

Rain zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und wagte sich ein paar Schritte näher an den Hof heran. Der Maschendrahtzaun, der sie von den anderen trennte, war nur noch wenige Zentimeter entfernt. Ein Surren ging von dem dünnen Metall aus und brachte die Luft zum Vibrieren. Rain passte auf, ihn nicht zu berühren, wohl wissend, dass das einen Alarm auslösen würde. Innerhalb weniger Minuten würde es hier von Drohnen nur so wimmeln. Also sah sie den Schülern einfach zu.

»Hey, Lark. Kommst du nachher vorbei?«, fragte ein aschblondes Mädchen. Keines der Mädchen trug das Haar länger als schulterlang, und wie es sich in der Schule gehörte, war es auch bei diesem Mädchen zu einem strengen Zopf zurückgebunden. »Nuts hat die alte Spielekonsole repariert.«

»Tut mir leid, Hail. Ich schaffe es nicht. Meine Eltern machen heute eine Doppelschicht, und ich muss auf meine Schwester aufpassen.« Die meisten Jungen trugen die Haare kurz rasiert, ebenso Lark, wenngleich seine etwas länger waren als üblich. Keine Absicht, vermutete Rain, denn sonst gab es keine Hinweise, die auf ein rebellisches Wesen hindeuteten.

»Oh, schon wieder eine Doppelschicht?« Hails Augen weiteten sich, bevor sich der Ausdruck von Mitleid in ihr Gesicht schlich.

»Sie kürzen Stellen, und meine Eltern fürchten, dass die Zweien zuerst fliegen«, erklärte Lark. Er zuckte die Schultern, vermutlich, um sich lässig zu geben, aber er sah angespannt aus. Auf seiner Stirn hatten sich Sorgenfalten gebildet, die durch schwarze Smogspuren noch betont wurden.

»Das habe ich auch schon gehört. Oh Lark! Es tut mir so leid, dass dein Vater keine Eins ist. Wenn wir irgendetwas tun können …«

Sie begleitete den Jungen bis zum Tor, das den einzigen Zugang zum Schulgelände darstellte. Eine unsichtbare Schranke scannte die Passierenden und überprüfte ihre Identität. Drohnen waren nicht zu sehen, doch Rain war sich sicher, dass sie nicht weit entfernt sein konnten. Wächterdrohnen. Sogenannte WatchBots. Die Falken von Hope.

Den Schülern zuzusehen, erfüllte Rain immer wieder mit einer tiefen Sehnsucht. Seit sie den Wald hinter sich gelassen hatten, beschäftigte sie dieser Wunsch. Der Wunsch nach dem, was für sie unerreichbar war, hinterließ Spuren in ihrem Herzen. Jeder Schlag begann zu schmerzen, als sie sich einmal mehr ins Bewusstsein rief, dass sie nie eine Schule besuchen würde. Sie würde nie durch die unsichtbare Schranke treten. Sie würde nie dort stehen mit grauer Schuluniform und strengem Zopf und sich mit den Mitschülern verabreden.

Sie war anders. Sie war ein Ghost. Kein wirklicher Geist, sondern jemand, der im System keinen Platz hatte. Sie war nicht registriert, und wer keine Nummer hatte, existierte nicht. Es war verboten, nicht zu existieren.

Ein lautes Aufsummen ließ die Schüler innehalten, als sich zwei Projektoren einschalteten. Die Luft über den Maschinen begann zu zittern, und ein bläuliches Bild wurde über die Köpfe der Kinder projiziert.

Rain wich instinktiv zurück, als das Hologramm einer Frau erschien. Ihr dichtes, kohleschwarzes Haar fiel in vollendeten Wellen auf ihre Schultern und umspielte ein Gesicht, in dem Zerbrechlichkeit und Stärke perfekt harmonierten. Sie sah unnatürlich schön aus.

»Liebe Schüler von Grey«, begann sie und lächelte liebevoll wie eine Mutter auf ihre Kinder hinab. »Ich bin stolz auf das, was ihr heute geleistet habt. Ich bin sicher, ihr seid fleißig und arbeitet hart daran, ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Hope kann sich glücklich schätzen, Bürger wie euch zu haben.«

Sie machte eine Pause, um ihre strahlend weißen Zähne zu enthüllen. Rain konnte sich nicht von der Sprecherin abwenden. Wie konnte ein Mensch nur so wunderschön aussehen? Ihre Haut war makellos. Keine Unebenheit, keine Falte war zu erkennen. Ihre erdbraune Farbe ließ die großen himmelblauen Augen nur umso prägnanter hervorstechen.

Bei ihrem Anblick schämte Rain sich für ihr unordentliches Haar und die Kruste aus Dreck und Staub auf ihrer Haut.

»Die Rote Seuche hat weitere Opfer aus allen zehn Zirkeln von Hope gefordert. Wir, die Gesegneten, tun alles, was in unserer Macht steht, um euch Menschen im Kampf gegen diese grausame Krankheit zu unterstützen. Wir sind voller Hoffnung und Zuversicht, dass unsere Forscher von White Pearl diese Plage in den Griff bekommen werden, wie sie einst den Krebs, die Demenz und andere Schwächen besiegten.«

Die Sprecherin war Amygdala, die Gesegnete, die das zweifelhafte Glück hatte, der amtierende Earl von Grey zu sein. Es gab immer einen Gesegneten, der für den Zirkel zuständig war und somit den Titel »Earl« trug. Auch wenn Amygdala bei ihrer Ernennung, wie alle anderen vor ihr, von einer großen Ehre gesprochen hatte, zweifelte Rain an dieser Ehre. Es war schon auffällig, wie oft die Earls von Grey wechselten.

Die Gesegnete hielt inne, um den Schülern die Möglichkeit zu geben zu applaudieren. Und sie wurde nicht enttäuscht. In Grey gab es nur vereinzelt Opfer der Roten Seuche, die vor allem in den Grenzgebieten von Hope vorkam. Trotzdem war die Angst vor der Erkrankung allgegenwärtig, denn sie konnte jeden treffen. Zumindest, wenn man ein Mensch war.

»Tapfere Wissenschaftler sind aufgebrochen, um Erkrankte in den Epidemie-Gebieten zu untersuchen. Stets in der Hoffnung, den Durchbruch in der Bekämpfung der Roten Seuche zu finden. Es ist wichtig, dass auch ihr euren Teil dazu beitragt.« Nach einer dramatischen Pause fuhr sie fort. »Haltet eure Augen offen und meldet potentielle Ghosts, denn sie verbreiten die Seuche.«

Rain erstarrte. Ein saurer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, doch sie schluckte ihn herunter. Da Ghosts nicht an den regelmäßigen medizinischen Kontrollen teilnahmen, wusste sie nicht, ob sie krank war. War sie wirklich eine Gefahr für andere? Oder war das bloß eine Masche, die Angst vor ihresgleichen zu schüren?

»Ich bin sicher, ihr werdet Hope nicht enttäuschen. Ich bin sicher, ihr werdet uns stolz machen und eure Aufgabe voller Hingabe erfüllen.« Amygdala sah auf die eifrig klatschenden Schüler hinab, wie ein stolzer Hirte auf seine kostbare Schafherde. »Nun. Gibt es etwas, was ich für euch tun kann?«

Die Earls hatten einerseits die Aufgabe, für Ordnung in ihrem Zirkel zu sorgen, andererseits vertraten sie die Interessen ihres Zirkels im Regierungssitz Aventin. Viel holten sie für Grey allerdings nicht raus.

Hail, das Mädchen, mit den aschblonden Haaren, warf einen Blick auf ihre Mitschüler und trat vor. Sie streckte Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand und berührte mit ihnen erst ihr Herz und dann die Stirn, eine sehr höfliche Art der Begrüßung. Für ein einfaches »Hallo« hätte ein Berühren der Stirn gereicht, aber sie wollte der Gesegneten ihre Loyalität unter Beweis stellen. Rain verdrehte die Augen, da sie es für übertrieben hielt. Schleimerin!

»Wir sind sehr dankbar für das, was du für uns tust«, stammelte Hail und klammerte sich mit den Händen am Saum ihrer Uniform fest. »Im Moment leiden wieder viele Bewohner in Grey an dem Smog der Fabriken.«

Der Smog verseuchte seit einiger Zeit ganze Stadtteile. Die Bewohner brauchten teure Schutzkleidung und Filtermasken, um sich zu schützen. Andernfalls riskierten sie, sich die Schleimhäute zu verätzen. Eine unbedeutende Angelegenheit für die Gesegneten, die alle Hände voll zu tun hatten, die Rote Seuche in den Griff zu bekommen, die Grenzen ihres Landes zu verteidigen und etwas gegen die Rebellen und Ghosts zu unternehmen.

»Ich weiß, was ihr erdulden müsst. Ich fühle mit euch und verspreche, dass wir uns auch darum kümmern werden.« Das Hologramm warf dem Mädchen ein aufmunterndes Lächeln zu. »Bist du eine G-Eins?«

Hail drückte den Rücken durch und reckte das Kinn. Ihr Gesicht glühte, und sie schien vor Stolz beinahe zu platzen, wodurch sie an einen aufgeplusterten Vogel erinnerte.

Rain musterte sie genauer. Um eine Eins zu sein, mussten Intelligenz und körperliche Verfassung überdurchschnittlich hoch sein. Mit den Voraussetzungen würde sie es nicht schwer haben, eine gute Arbeit zu finden. Vielleicht sogar jenseits der Fabriken und jenseits von Greys Rauch spuckenden Schloten.

»Wenn du fleißig bist und hart arbeitest, erhältst du womöglich bald selbst die Gelegenheit, in Hopes Forschungseinrichtungen nach einer Lösung für euer Smogproblem zu suchen.« Amygdalas Blick lag fest auf dem Mädchen. Es hieß, Gesegnete konnten Gedanken lesen. Es hieß, sie wussten alles über die Menschen. Ob das wohl stimmte? Eine Gänsehaut kroch über Rains Rücken.

»Das wäre wunderbar.« Hail nickte eifrig.

»Ich glaube an euch. Ihr seid die Grundsteine unserer Gesellschaft.« Mit diesen Worten verschwand die Gesegnete, und mit den Projektoren erlosch das Bild. Die Schüler applaudierten und gratulierten Hail, die ihr Glück noch kaum fassen konnte.

»Greys ganzer Stolz«, scherzte Lark und drückte seine Finger auf sein Herz, um ihr scherzhaft seinen Respekt zu zollen.

»Wenn du dich anstrengst, darfst du mir die Koffer tragen, wenn es so weit ist«, antwortete sie grinsend.

Langsam lösten sich die Grüppchen an Schülern auf und verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Sie machten sich auf den Weg nach Hause. Rain wollte nicht zurückbleiben und folgte ein paar Schülern vorsichtig. Für einen Moment gönnte sie sich den Luxus zu träumen. Sie stellte sich vor, selbst von der Schule zu kommen. Woran würde sie denken? Würde sie sich über die Lehrer ärgern? Oder die Hausaufgaben, die auf sie warteten? Oder würde sie von einer Karriere in den Forschungseinrichtungen träumen? Für diese Gelegenheit müsste sie allerdings auch eine Eins, wenn nicht sogar eine Eins Plus sein, denn nur die Besten erhielten die Chance auf eine derartige Ausbildung.

Sie zog ihren Rucksack fester, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie lächelte nicht oft, denn es gab nicht viel Grund dazu.

Die Straßen waren bis auf einige automatisch gesteuerte Transport- und Lastenfahrzeuge leer. Alle, die nicht mehr schulpflichtig waren, waren noch bei der Arbeit. Erst gegen Abend würden sich die Straßen füllen, wenn die Tagschicht endete.

Es lebten viele Arbeiter in dem Industriezirkel Grey. Hier war alles grau. Ob es nun ihre Uniformen waren, die Straßen, Fabriken oder die aneinandergepressten Wohnblöcke … Es war nicht schwer zu erraten, wonach man ihren Zirkel benannt hatte.

Das Summen einer Drohne ließ Rain aufschrecken. Sie sprang zwischen zwei Häusern in eine schmale Gasse und verfluchte sich für ihre Unachtsamkeit. Kallisto! Sie drückte sich an eine Wand, hielt die Luft an und beobachtete, wie die flache Scheibe mit den leblosen Kameraaugen über die Gruppe Schüler hinwegschwebte. Ein WatchBot.

Das Metall glänzte, als wäre es immun gegen den Staub in der Luft, und bildete somit einen starken Kontrast zur Umgebung. Zwischen den alten Hausfassaden und den keuchenden vorbeiziehenden Fahrzeugen wirkte sie seltsam fehl am Platz.

Die Drohne gab einen fordernden Piepton von sich und brachte die Kinder zum Stehen. Automatisch entblößten sie die Tätowierung auf ihren Unterarmen, damit sie gescannt werden konnten. Einer nach dem anderen wurde von der Drohne kontrolliert. Es war bloß eine Abfolge von Buchstaben und Zahlen, doch sie gab ihnen die Berechtigung zu existieren.

Rain fuhr sich über ihren eigenen Arm. Auf der Innenseite des Handgelenkes unter dem Armband mit dem Regentropfen stand Az 1707 w – G3. Die ersten zwei Buchstaben beschrieben den Zirkel, in dem man geboren wurde, die vierstellige Zahlenfolge gaben ihre individuelle Nummer an. Die letzte Zahl stellte den Wert ihrer Gene dar.

Rains Tattoo war nicht echt. Es war mit einem Kohlestift aufgemalt und musste regelmäßig erneuert werden. So fiel sie unter den Menschen weniger auf, aber die Maschinen würde sie dadurch nicht täuschen können.

Als die Drohne außer Sichtweite war, trat Rain zurück auf die Straße. Sie zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und wollte sich gerade aus dem sprichwörtlichen Staub machen, dem man in Grey nie entkam, als sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde.

Der Junge mit dem Namen Lark stand auf der anderen Straßenseite und sah zu ihr herüber. Rain stockte der Atem. Hatte er ihr kleines Versteckspiel bemerkt?

Bevor sie reagieren konnte, drehte sich der Junge um und bog in eine Straße ab. Er wird es melden, schoss Rain durch den Kopf, also folgte sie ihm. Sie musste ihn aufhalten. Irgendwie. Er beschleunigte seinen Schritt, als ob er ahnen würde, dass sie direkt hinter ihm war. Was sollte sie tun?

»Verdammt! Kallisto!«, fluchte sie vor sich hin, während ihre Stiefel über den Asphalt flogen. Der Junge bog unerwartet in eine Seitenstraße ein und verschwand aus Rains Sichtfeld. Unschlüssig lugte sie in die schmale Gasse zwischen den Häuserreihen. Schatten und rostige Mülltonnen boten jede Menge Möglichkeiten, sich zu verstecken, ein perfekter Ort für eine Falle, schlussfolgerte sie.

Ihre Finger wanderten unter ihr Cape und schlossen sich um Sting, einen ausfahrbaren Stab, an dessen Spitze sie per Knopfdruck ein elektrisches Energiefeld generieren konnte. Dieses konnte Angreifer mit einem Stromschlag außer Gefecht setzen. Sie war stolz auf die Waffe, die sie selbst aus einer Stromfalle für Mutantenratten, einem elektronischen Dietrich und Ersatzteilen für Kohlegleiter zusammengeschraubt hatte. Das machte Sting zu etwas ganz Besonderem, zu ihrem eigenen Besitz. Auch wenn die Bestandteile geklaut waren.

Vorsichtig wagte sie sich einige Schritte in die Gasse und spürte die Anwesenheit des Jungen in der Dunkelheit. Rains Instinkt riet ihr zur Flucht, doch sie zögerte. Zögerte einen Moment zu lang. Aus dem Schatten löste sich eine Gestalt und packte sie am Arm.

»Wer bist du?«, brüllte ihr eine Stimme ins Ohr. Die Kapuze wurde ihr vom Kopf gerissen. Ohne weiter zu überlegen drehte Rain sich um die eigene Achse, um sich zu befreien, doch der Angreifer ließ sie nicht los. Rain hob ihre Arme, um das Gesicht zu schützen, wie sie es gelernt hatte. »Rede!«

Die Antwort war ein gezielter Tritt gegen das Schienbein. Während Lark vor Schmerz aufstöhnte, fuhr sie Sting aus. Der Stab wuchs auf das Doppelte seiner Größe heran.

Der Junge hielt sie immer noch am Handgelenk fest. Sie würde ihn nicht schocken können, ohne sich selbst zu verletzen, doch sie würde es riskieren. Ohne einen weiteren Gedanken an die Folgen zu verschwenden, holte sie tief Luft und stach zu. Ein brennender, kribbelnder Schmerz fuhr durch seinen Körper in ihren und warf beide zu Boden. Es fühlte sich an, als würden ihre Nerven selbst in Flammen stehen.

Verdammtes Kallisto!

Ihre Muskeln spannten sich an, nur um danach zu erschlaffen. Lark war ebenfalls zusammengebrochen und hatte sie wie erhofft losgelassen. Keuchend lagen sie wie gelähmt nebeneinander, ihre Nasen nur Zentimeter voneinander entfernt. Larks aschblondes Haar kitzelte sie an der Stirn. Sie war ihm so nah, dass sie Spuren von Ruß darin entdecken konnte.

Rain biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen Stings lähmende Wirkung an. Es dauerte einige Sekunden, bis sie die Kraft hatte, sich zu drehen und erneut nach ihrer Waffe zu greifen. Der Stab war in diesem Moment nutzlos, da er sich erst wieder aufladen musste, aber das wusste ihr Gegenüber ja nicht. Sie richtete Sting auf Lark, während sie sich hochrappelte. Der Junge hielt sich die Stelle, an dem der Strom in seinen Körper geflossen war, und starrte mit hasserfüllten Augen zu ihr empor.

»Was hattest du vor?«, keuchte Rain, um nicht zu viel preiszugeben. Es gab eine Chance, dass er nicht ahnte, dass sie ein Ghost war. Eine verdammt kleine Chance, aber immerhin. »Warum bist du weggelaufen?«

»Weil du ein Lauscher bist.« Er spuckte die letzten Worte förmlich aus.

»Was?« Rain war von dieser Behauptung so überrascht, dass sie länger als gewohnt brauchte, um zu reagieren. Sie versetzte dem Jungen den Tritt, den er für diese Anschuldigung verdiente. »Willst du mich beleidigen?«

»Dreckiger Lauscher!«, keuchte er erneut und schlug nach ihr, doch Rain wich seinem Angriff aus. Wütend versuchte sie, ihm einen weiteren Hieb zu verpassen. Im gleichen Moment trat er nach ihrem Schienbein. Ein stechender Schmerz durchzuckte sie, doch sie ignorierte ihn und warf sich mit dem Gewicht ihres ganzen Körpers auf den Jungen. Dieser griff nach ihren Haaren und zog so fest daran, dass Rain für einen Moment fürchtete, er würde ihr den Büschel samt Wurzeln ausreißen.

Sie zögerte nicht lang und biss ihm in die Schulter. Er schrie erschrocken auf, aber ohne von ihr abzulassen. Sie kämpfte mit allen Mitteln und ging dabei sicherlich nicht zimperlich vor. Lark dachte allerdings ebenfalls nicht ans Aufgeben. Nicht einmal, als sie erneut zubiss, ließ er ihre Haare los. Der Stoff seiner Uniform erwies sich als widerstandsfähig genug, ihre Zähne abzuhalten. Immerhin tat es, seinem japsenden Atem nach zu urteilen, weh.

»Lass los«, keuchte sie und versuchte ihren Daumen auf sein rechtes Auge zu drücken. Wenn es um sein Augenlicht ging, würde der kleine Mistkerl ihre Haare schon loslassen, doch er drehte sich weg.

Ihre Kopfhaut schien in Flammen zu stehen, und sie wunderte sich, dass der Junge ihre Haare nicht schon längst in der Hand hielt. Sie rollten über den Boden, bis eine Mülltonne sie zum Stehen brachte. Mit seiner freien Hand versuchte Lark, Rains Gesicht wegzudrücken. Je mehr er drückte, desto wütender und verbissener kämpfte sie. Sie würde sich ganz sicherlich nicht von diesem Mistkerl unterkriegen lassen. Der metallische Geschmack von Blut füllte ihren Mund. Ob es ihr eigenes oder seins war, konnte sie nicht sagen.

Sie holte mit Sting aus und traf Lark am Arm. Er erwartete einen weiteren Stromschlag und war für einen Moment abgelenkt. Rain nutzte die Gelegenheit, rollte sich über ihn, presste ihren Daumen auf sein Auge und drückte zu. Er wich entsetzt zurück.

»Stopp! Nicht!«

»Dann lass mich los!«, forderte sie.

»Okay, okay«, keuchte er und ließ von ihr ab. Rains Kopfhaut brannte, doch sie biss sich auf die Lippe und ignorierte den Schmerz. Drohend legte sie Sting an Larks Hals. Der Junge hielt die Hand zwischen sich und ihren Stab und sah zu ihr hinauf.

»Ihr habt kein Recht, uns wie Verbrecher zu behandeln. Wir haben nichts falsch gemacht«, beteuerte er. »Bitte. Wir arbeiten hart, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als uns auszuspionieren und nach Fehlern zu suchen, die ihr melden könnt? Sucht euch eine ehrliche Arbeit.«

Er hielt sie offenbar wirklich für einen Lauscher, einen bezahlten Spitzel, der für die Sentinal arbeitete.

»Ihr könnt meinen Eltern nicht wieder das Gehalt kürzen. Wir brauchen das Geld.«

»Ich glaube, du verwechselst mich. Ich bin kein Spitzel.« Rain spuckte Blut aus ihrem Mund und ließ von dem Jungen ab, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Vorsichtig betastete sie ihren Kopf und stellte erleichtert fest, dass sie keine kahle Stelle hatte. Allerdings musste Lark im Eifer des Gefechts ihre Nase getroffen haben. Die war schmerzhaft geschwollen, und Blut tropfte aus ihr und benetzte ihre Lippen.

»Du bist kein Lauscher?«, fragte Lark verwundert und rieb sich den Hinterkopf. Es hieß, die Sentinal unterhielten ein enges Netzwerk an Spionen, die jede Unruhe, jedes Zeichen von Gesetzesverstößen meldeten, um mögliche Rebellen zu enttarnen und Ghosts wie Rain aufzuspüren. Rain kannte die Meinung der Gesegneten nur zu gut: Die Rebellen sind missgeleitete Gruppierungen, die voller Neid auf das blicken, was wir geschaffen haben. Sie stören unsere Ordnung und unseren Frieden. Sie sind nicht nur unsere Feinde, sondern auch eure. Indem sie unsere Forschungen sabotieren, verhindern sie Fortschritt im Kampf gegen die Rote Seuche und schlimmer noch, sie verbreiten sie.

Für sie waren Ghosts und Rebellen ein und dasselbe: Eine Gefahr, die eliminiert werden musste. Für Rain jedoch gab es einen erheblichen Unterschied, denn nicht alle Rebellen waren Ghosts. Viele lebten und arbeiteten unerkannt und agierten im Geheimen. Andersherum waren auch nicht alle Ghosts Rebellen. Da Menschen eine Erlaubnis zur Fortpflanzung benötigten, waren sie oft gezwungen, ungeplante oder unerlaubte Schwangerschaften geheim zu halten. Professionelle Abtreibungen kosteten viel Geld, und die nicht professionellen waren mit hohen Risiken verbunden. Die geborenen Kinder wurden zu Ghosts, da sie nicht autorisiert waren zu leben. Es gab nur zwei Möglichkeiten für die Eltern: ihre Kinder aussetzen oder sie im Verborgenen großziehen. Rains Fall sah ähnlich aus. Mit den Rebellen hatte sie nichts zu schaffen. Im Gegenteil. Sie verachtete sie.

»Es sah so aus, als würdest du uns beschatten«, erklärte Lark.

»Hab ich nicht.« Er hatte ihr Verstecken vor den Drohnen offensichtlich fehlgedeutet. Glücklicherweise. Doch die Frage war, warum fürchtete er die Lauscher? Hatte er etwas zu verbergen, was gegen die Gesetze von Grey verstoßen würde?

»Oh! Tut mir leid. Ich habe wohl überreagiert.« Larks Augen waren von so hellem Braun, dass sie fast gelb wirkten. Wie die eines Falken, von denen es in den Wäldern viele gab. Rain hatte dort einige Jahre mit ihrer Mutter in einer Jagdhütte gelebt, verborgen vor den Sentinal und ihren Drohnen.

»Hast du.« Rain zuckte die Schultern. Larks Bedauern wirkte ehrlich, also entschied sie, Sting zurück an ihren Gürtel zu stecken.

»Interessante Waffe hast du da. So eine hab ich noch nie gesehen. Ist die autorisiert?« Lark stand ruckartig auf, klopfte seine Uniform ab und fuhr sich über das Haar.

Er war fast einen Kopf größer als Rain, und trotzdem hatte sie ihm im Kampf ganz schön zugesetzt. Seine Wange war dort gerötet, wo sie ihn erwischt hatte. Das würde nicht so schnell verschwinden.

»Nein, aber sie ist praktisch«, erklärte Rain. »Nicht dass ich sie gegen dich gebraucht hätte.«

»Du kämpfst schlimmer als meine kleine Schwester. Wie eine tollwütige Füchsin.« Als er lachte, bildeten sich kleine Grübchen auf den Wangen, die ihm einen schelmischen Ausdruck verliehen. »Wo bist du aufgewachsen? In den Slums von Pitch?«

»Nein. In einem Fischerdorf in Azure.« Das stimmte nur teilweise. Dort war sie geboren, doch die längste Zeit hatte sie mit ihrer Mutter im Wald gelebt, wo es keine Drohnen gab und man keine Zahlen auf dem Arm brauchte, um eine Existenzberechtigung zu haben.

»Meine Güte. Die armen Fische.«

»Es waren verdammt große Fische«, verteidigte sich Rain, musste aber ebenfalls lächeln. Sie war überrascht, wie freundlich Lark war. Auch wenn sie nicht sagen konnte, was sie erwartet hatte. Sie hatte noch nicht oft mit Gleichaltrigen gesprochen, da ihre Mutter ihr jeglichen näheren Kontakt zu anderen Menschen verbot.

»Wie heißt du, Fischermädchen?«

»Rain.« Wenn man nicht zu den Gesegneten gehörte, war es üblich, einfache Namen zu wählen. Namen, die nur aus einer Silbe bestanden. Rains Mutter meinte, diese Regel gäbe es nur, um den Menschen ihren Platz zu verdeutlichen, einen Platz am Fuße des Aventin. Aventin war die Heimat der Gesegneten, eine gewaltige Stadt, vielmehr ein eigener Zirkel, der einer Festung aus neuester Technologie glich. Von dort aus wurde das Land Hope regiert.

»Regen«, kommentierte Lark und ließ den Namen über die Zunge rollen, als wolle er die Bedeutung dahinter entschlüsseln. Rain jedoch war nicht gewillt, ihm weitere Erklärungen zu geben.

»Ich bin Lark.«

Das wusste sie bereits, aber sie sagte es ihm nicht. Er streckte ihr seine Hand entgegen, eine veraltete Form der Begrüßung, auf die man lieber verzichtete, da man so Krankheiten übertragen konnte. Rain ließ seinen Arm in der Luft hängen und verschränkte ihre vor der Brust.

»Du hast doch nicht etwa Angst vor meinen Keimen? Nach dem Gerangel haben wir mehr Erreger ausgetauscht als beim Küssen.« Lark zog eine Augenbraue hoch.

Das war nicht der Grund, warum sie gezögert hatte. Es war einfach ein ungewohntes Gefühl, jemanden … anzufassen. Zögernd reichte sie ihm ihre Hand, ihre Haut berührte die seine, und sie zuckte unwillkürlich zusammen.

Wann hatte sie das letzte Mal eine Hand geschüttelt? Sie konnte sich nicht daran erinnern, es jemals getan zu haben. Sie war es gewohnt, die Unsichtbare zu sein, der Schatten, der schnell wieder verschwand und den niemand wahrnahm. Nur ein Geist im Dunkel der Häuser und Türme.

»Warum kenne ich dich nicht aus der Schule, Rain?«

»Ich bin befreit«, log Rain und zog ihren Arm zurück. »Deswegen.«

Wenn man eine G Eins war, hatte man das Privileg, die Schule bis zum achtzehnten Lebensjahr besuchen zu dürfen, um die Chance auf einen gesellschaftlichen Aufstieg zu bekommen. Als G Zwei durfte man bei guten Noten bis zum vierzehnten Lebensjahr bleiben. Als G Drei jedoch musste man die Schule nach dem zehnten Lebensjahr verlassen, ein reines Basiswissen musste genügen.

Dreien. Menschen, deren körperliche oder geistige Verfassung sie davon abhielt, der Gesellschaft zu dienen. Für die meisten Familien war es äußerst beschämend, eine Drei zu haben, daher geschah es nicht selten, dass sie versteckt oder verstoßen wurden. Es gab zudem pränatale Untersuchungsmethoden, bei denen Dreien früh erkannt und abgetrieben werden konnten.

Dreien waren der Bodensatz der Gesellschaft. Genau aus diesem Grund hatte Rains Mutter ihr diese Klasse auf das Handgelenk geschrieben. Es erklärte nur zu gut, warum sie um diese Uhrzeit auf der Straße herumlief und weder bei der Arbeitsstelle war, noch die Schulbank drückte.

»Du wirkst nicht wie eine Drei«, bemerkte Lark und zog die Stirn in Falten. »Zumindest nicht, wenn du kämpfst.«

»Für dich reicht es noch.« Rain zauberte sich ein Lächeln aufs Gesicht und hoffte, dass der Junge es ihr abnahm. Er schien ihr ihren Sieg nicht übelzunehmen, ebenso wenig wie er sie für ihre vermeintlich schlechten Gene verurteilte. Das war für eine Eins wie ihn nicht selbstverständlich.

»Ich versteh das. In meiner Familie gibt es auch eine Drei.« Sein Blick tastete Rain ab, während er überlegte, weshalb sie diese Einstufung hatte. »Bist du krank?«

»Keine Angst. Nichts Ansteckendes«, entgegnete Rain, als sie ihn dabei erwischte, wie er sich seine Hand an der Hose abwischte. Na, wer hat jetzt Angst vor Keimen?

»Du kommst aus Azure, sagtest du?«

»Ich bin vor Kurzem hergezogen.« Die Lügen formten sich automatisch in Rains Kopf. Ihre Mutter hatte ihr die neue Identität nur allzu oft eingeimpft. Sie war sehr gründlich, wenn es um so etwas ging. Immer und immer wieder hatte sie es mit ihr durchgesprochen, damit sie keine Fehler machte. Denn Fehler waren tödlich.

Azure war ein weitläufiges Gebiet im Süden, das sich auf Wasserlandwirtschaft und Fischen spezialisiert hatte. Eine wunderbare Gegend mit zahlreichen Seen und Sumpfgebieten, die durch Flussarme verbunden waren. Die Bewohner lebten in kleinen Dörfern, die sich auf Inseln befanden und teilweise auf Flößen im Wasser schwammen. Ihr Element war das Wasser, und im Rest von Hope scherzte man, dass keiner der Bewohner je festen Boden unter den Füßen hatte.

»Warum kommt ihr dann nach Grey? Nicht gerade der geeignete Ort. Hier werden kranke Leute nur noch kränker.« Sein Blick, die Art, wie er sie musterte, gefiel Rain nicht. Er wurde misstrauisch. Das konnte sie mit jeder Faser ihres Körpers spüren. Die wahre Antwort lautete: wegen der Anonymität. Hier gab es viele Arbeiter, viele leer stehende Häuser und viel Verschmutzung. Jeder kämpfte für sich, und niemand achtete so genau auf seine Mitmenschen.

»Wir waren Fischer, doch nach dem Tod meines Vaters wurde es zunehmend schwieriger für uns. Wir konnten nicht mehr mit den anderen Fischern und den neuen Maschinen mithalten.«

Es waren Drohnen entwickelt worden, um die Effizienz des Zirkels zu steigern. Durch sie hatten die Fische kaum mehr eine Chance zu entkommen, aber auch die Fischer konnten den neuen Maschinen aus Aventin nicht die Stirn bieten.

»Es gibt nur wenig Arbeit in Azure. Und in den neuen Fisch-Zucht-Betrieben ist es als Drei schwierig, Arbeit zu bekommen. Wir mussten das Boot verkaufen und sind hergezogen«, erzählte Rain so unbeschwert wie möglich.

Viele Familien aus den ländlichen Zirkeln Azure und Green kamen her, um in den Fabriken von Grey Arbeit zu finden. Es war nicht ungewöhnlich.

»An eurer Stelle wäre ich auf dem Land geblieben«, erwiderte Lark. »Es muss toll sein, inmitten der Natur zu leben. Ohne Smog. Ohne Lärm. Auf schwimmenden Häusern.«

Seine Augen glänzten bei der Vorstellung.

»Und ohne Geld für Medizin oder Nahrung«, ergänzte Rain. Insgeheim gab sie ihm recht. Die Seen von Azure und der Wald von Green hatten ihr besser gefallen als die triste Fabriklandschaft, doch sie wollte das Thema wechseln. Auch wenn es ihr nicht schwerfiel zu lügen – darin war sie schon immer gut gewesen –, wollte sie es vermeiden, sich in Ungereimtheiten zu verstricken.

»Warum habt ihr eine Drei?« Die Worte waren einfach herausgesprudelt, und sie biss sich auf die Lippen. Durfte man so etwas fragen, oder war das unverschämt?

»Der Smog ist schuld«, murmelte Lark so leise, als sei es verboten, sich über irgendetwas zu beschweren.

»Das tut mir leid«, stieß Rain ein wenig holprig hervor. Sie war nicht gut darin, Mitgefühl auszudrücken. Also versuchte sie ihm aufmunternd auf die Schulter zu klopfen, eine Geste, die er offenbar nicht kannte oder missinterpretierte. Er sprang zurück und sah sie entsetzt an. Sie hob beschwichtigend die Hände.

»Oh!« Seine Augen weiteten sich, als er verstand. »Ich bin nicht der Einzige mit veralteten Gesten, was?«

Er lachte laut auf, bevor er sich gehetzt in alle Richtungen umsah.

Es drängte sich ihr eine andere Frage auf. Eine, die noch unverschämter war als die Frage zuvor. »Und warum fürchtest du die Lauscher, Lark?«

Er zuckte zusammen, als ob sie ihn auf frischer Tat bei einem Verbrechen ertappt hätte, schluckte sichtbar und rang nach Worten. Beinahe konnte sie sehen, wie sich die Gehirnwindungen hinter seiner Stirn verrenkten, auf der Suche nach einer glaubwürdigen Erklärung.

»Ich kann sie einfach nicht ausstehen«, erklärte er langsam. »Das ist alles.«

Das war nicht alles. Rain hatte die Wahrheit so oft verdreht, dass sie eine schlechte Lüge erkannte.

»Na ja. Wer mag die schon?«, bestätigte sie dennoch.

Er sah erleichtert aus, ja beinahe dankbar, dass sie seine Worte zu schlucken schien. Verdammt! Was tat sie da? Schließe keine Freundschaften, nicht einmal Bekanntschaften, hatte ihre Mutter ihr eingebläut. Bleibe unsichtbar.

Unsichtbar war sie nicht geblieben. Larks anschwellendem Auge nach zu urteilen, hatte sie dafür gesorgt, dass er sie nicht so schnell vergessen würde.

Rain drehte sich um und schielte aus der Gasse auf die Straße hinaus. Sie war leer. Weder Menschen noch Drohnen in Sicht.

»Darf ich dich auf ein Eis einladen, um die Verwechslung wiedergutzumachen?«, fragte Lark lächelnd. Er schob sich an ihr vorbei, aus der Gasse hinaus und deutete auf ein Haus. Dort zwischen den Wohnblockreihen stand ein kleiner Laden. Unter Planen, die den Smog abwehren sollten, lagen Brote aus. Bauchige, tellerbreite Drohnen schwebten ohne Unterlass über die Backware und saugten den Smog von ihrer Oberfläche. Smog. Er war einfach überall, und keine Mauer oder Plane konnte ihn aussperren.

Ein kleines Schild wies auf den Verkauf von Eis hin, gefrorenes Wasser mit Sirup. Es gab nur eine Geschmacksrichtung. Stachelapfel. Eine mutierte Frucht, die selbst den Lebensbedingungen in Grey gewachsen war.

»Nicht nötig, danke.« Es war an der Zeit, zu gehen. Sie hatte sich schon zu lange mit dem Jungen unterhalten. »Ich muss heim.«

»Soll ich dich bringen?«

»Nein, du hältst mich bloß auf.« Rain berührte mit ihren Fingern die Stirn zum Abschied und sprintete los, ohne eine Antwort abzuwarten. Wenn sie neben dem Lügen etwas gut konnte, dann war es Rennen. Er würde ihr nicht folgen können, und so blickte sie sich kein einziges Mal um.

2.

»ICH BIN ZURÜCK.« Rain kletterte die quietschende Feuerleiter empor und schlüpfte durch das Fenster in die Wohnung. Mit ihr wehte eine Wolke aus Smog hinein, Dreck und Staub, welcher langsam auf den Boden rieselte. Sie schloss das Fenster und zog sich die Maske vom Kopf, die die Luft filterte und die Schleimhäute vor gefährlichen Dämpfen schützte. Das Haus, das sie mit ihrer Mutter bewohnte, lag nahe einer Stahlindustrieanlage und war aufgrund der extrem hohen Luftverschmutzung in der Gegend von den Vormietern verlassen worden. Allerdings gab es hier gute Lüftungssysteme, die die Luft innerhalb der Wohnung filterten, wenn man Fenster und Türen geschlossen hielt. Draußen konnte man ohne Maske nicht überleben. »Mom?«

»Rain! Mein Herz!« Ihre Mutter Storm kam in das Zimmer geeilt und drückte ihre Tochter an sich, wie sie es immer tat, wenn sie heimkehrte. Die Geste war ebenso altmodisch wie das Händeschütteln. Eine kurze Berührung der Brust über dem Herzen drückte das Gleiche aus, doch ihrer Mutter gefiel eine liebevolle Umarmung besser, und Rain stimmte ihr zu. Umarmt zu werden war so viel intensiver: Die willkommene Wärme, der beruhigende Herzschlag, den man vernahm, während man sein Kinn auf die Schulter des anderen legte und den vertrauten Geruch einatmete. All das gab einem für einen Moment Glück und das Gefühl von Geborgenheit. Ihre Mutter löste sich viel zu schnell von ihr.

»Ist irgendetwas passiert?« Erschrocken registrierte Storm die geschwollene Nase, an der noch getrocknetes Blut haftete.

»Nein, ich habe mich nur mit einem Jungen geprügelt«, entgegnete Rain, streifte sich den Mantel von der Schulter und klopfte ihn über einem Metallbehälter aus, der für diesen Zweck auf dem Boden stand. »Keine Sorge. Er weiß nicht, wer ich bin.«

Sie hängte den Mantel an einen Haken und drehte sich um. Der Blick ihrer Mutter lag weiterhin auf ihr.

»Bist du sicher?« Sie warf den Kopf herum, als erwartete sie, dass jeden Moment eine Gruppe bewaffneter Sentinal durch die Wände brach. Rain rollte mit den Augen. Ihre Mutter rechnete immer mit dem Schlimmsten, doch nur aufgrund ihrer an Paranoia grenzenden Vorsicht waren sie so lange unentdeckt geblieben.

»Ja, er hat mich für einen Lauscher gehalten.«

»Du musst aufpassen. Nur der Hauch eines Verdachtes könnte uns in Gefahr bringen«, schärfte sie ihrer Tochter mit ernstem Blick ein. »Du weißt, was sie mit Menschen wie uns machen. Im besten Fall bringen sie uns um.«

Rain ließ sich von ihrer Mutter ins Bad führen, um sich das verrußte Gesicht zu waschen.

»Ich glaube nicht, dass er den Vorfall an die Sentinal verrät. Er hatte selbst etwas zu verbergen.«

Das Bad beinhaltete nicht mehr als eine Toilette, ein Waschbecken und eine Nasszelle mit einem verrosteten Duschkopf, aus dem gelegentlich sogar warmes Wasser kam. Wie immer hoffte Rain, dass heute so ein Tag war, doch sie hatte kein Glück. Aus dem Rohr drang eine kalte und trübe Flüssigkeit. Rain hielt ihre Hände unter den schwachen Strahl, und ihre Haut begann zu kribbeln. Es kostete sie einige Überwindung, sich das eisige Nass ins Gesicht zu reiben.

»Das sind die Schlimmsten, Rain. Sie versuchen von sich abzulenken und rennen zu den Gesegneten, um ihnen zu zeigen, wie loyal sie sind.« Ihre Mutter war schon zu lange auf der Flucht und hatte zu viel miterlebt. Die Furcht, entdeckt zu werden, war ihr ständiger Begleiter, seitdem die Schwangerschaft sie zu einer Gesetzlosen gemacht hatte. Sie traute niemandem. Niemandem außer Rain.

»Viele glauben an das System«, murmelte Rain, mehr zu sich selbst, während sie sich die Stirn schrubbte. »Es gibt ihnen Sicherheit.«

Sie musterte sich im Spiegel. Trotz Wasser und Seife wollte der Ruß nie ganz von der Haut verschwinden, als sei er ein fester Bestandteil von ihr. Ihre Haare waren von dunklem kräftigem Rot, doch die Asche hatte sie nahezu schwarz gefärbt. Ihre Augen hatten die Farbe des Waldes. Ein durchdringendes Grün, welches angesichts des Smogs auf der Haut umso mehr hervorstach.

»Rain. Das System ist ungerecht.« Ihre Mutter griff nach einem Lappen und schruppte ihr damit über die Stirn, ehe sie etwas dagegen unternehmen konnte. »Die Gesegneten beschützen uns Menschen nicht. Sie unterdrücken uns. Sie erlauben uns nicht, eine andere Meinung zu haben, und lassen uns für ihren Wohlstand arbeiten. Ich kenne sie… Ich habe für sie gearbeitet, bis…«

»… du Vater getroffen hast«, ergänzte Rain und nahm ihrer Mutter den Lappen weg. »Das kann ich selbst, Mom!«

Ihre Mutter hatte ein ganz normales Leben geführt und als G Eins gute Aussichten gehabt. Bis der Rebell Bolt gekommen war und sie sich u-n-s-t-e-r-b-l-i-c-h ineinander verliebt hatten.

Für immer hatten sie bei den Rebellen im Untergrund leben wollen. Ihr »Für immer« hatte genau zwei Jahre angedauert. Dann war Rain auf die Welt gekommen, und alles hatte sich verändert.

»Dein Vater und ich haben uns geliebt.«

»Muss wirklich die große Liebe gewesen sein.« Rain entfuhr ein trockenes Lachen.

»Wir wollten frei sein.« Ihre Mutter verzog das Gesicht, als hätte Rain ihr einen Schlag versetzt. Sie liebte Bolt nach all den Jahren immer noch, auch wenn sie nicht oft genug betonen konnte, was für ein »unzuverlässiger Idiot« er gewesen war.

»Tolle Freiheit«, knurrte Rain zynisch.

Egal, was ihre Mutter glaubte, viele Bewohner sahen es anders. Die Gesegneten waren mehr als bloß Menschen. Sie waren eine neue Rasse, perfekt und vollkommen in jeder Hinsicht. Sie nutzten ihre Fähigkeiten, um die Menschen zu schützen und Krankheiten zu besiegen. Kein Wunder, dass die Menschen ihnen mehr Glauben schenkten als den Rebellen.

»Die Freiheit ist alles, was wir haben. Wir müssen dafür kämpfen. Wir sind mehr als bloß Nummern und Erbgut.« Ihre Mutter machte ihrem Namen alle Ehre.

Storm.

Sie war der tobende Sturm, der niemals aufgab, wenn es um das ging, woran sie glaubte. Die Jahre auf der Flucht hatten sie nicht klein gekriegt. Das Leben in Angst hatte sie nicht zermürbt. Im Gegenteil. Sie war in jedem Jahr stärker geworden und entschlossener.

»Ich will nicht immer weglaufen, Mom. Ich will ein normales Leben führen. Ich will zur Schule gehen, Freunde finden und nicht ständig wegrennen, wenn ich eine Drohne sehe.«

»Oh, mein Herz.« Ihre Mutter griff nach einem Kamm. Langsam begann sie damit, den Smog aus dem Haar ihrer Tochter zu streichen.

Einmal mehr stellte Rain fest, wie sehr sie sich unterschieden. Ihre Mutter hatte hellblondes fast weiß wirkendes Haar, welches sie kurz geschoren trug, und große dunkle Augen. Sie war fast einen halben Kopf kleiner als ihre Tochter, aber von ebenso drahtiger Statur.

»Es tut mir so leid«, sagte sie schließlich, und ihre Stimme schwankte. Der Sturm in ihrem Herzen hatte sich für den Moment beruhigt und enthüllte den liebevollen weichen Kern. »Es ist das einzige Leben, das ich dir jemals bieten kann. Ich weiß, du hattest in dieser Sache keine Wahl.«

Die hatte sie nicht gehabt. Ihre Eltern hatten entschieden, Rebellen zu sein, nicht sie. Ihretwegen war sie nun ein Ghost, ein Niemand, der nirgends dazugehörte, der nirgends zu Hause war. Sie wusste, sie hätte eine andere Wahl getroffen.

»Ich habe gehofft, dass du es verstehen würdest«, fuhr ihre Mutter fort und legte den Kamm beiseite. »Dass du es irgendwann auch so sehen könntest.«

»Ich verstehe dich ja.« Rain strich ihr Haar zurück und band es in einem strengen Zopf zusammen, wie es in Grey üblich war. »Nur, wo soll das hinführen? Sollen wir immer nur weglaufen?«

»Ruh dich aus. Ich werde uns Essen machen.«

Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Unterhaltung führten, doch sosehr Rain es sich auch wünschte, sie wusste, ihre Mutter konnte die Entscheidung nicht rückgängig machen. Nicht einmal, wenn sie es gewollt hätte.

Sie ging in ihr Zimmer. Es war ein kleiner Raum, in dem eine Hängematte hing, die ihr als Schlafplatz diente. Sie war mit Kissen und Decken gepolstert, die sie auch in kalten Nächten warmhielten. Darunter lagen einige zerschlissene Bücher, die Rain las, und Schreibfolie, auf der sie das Schreiben übte. Ihre Mutter hatte ihr alles beigebracht, was sie wusste. Lesen zu können, war ein Geschenk, denn die Bücher ermöglichten ihr, neue Welten zu entdecken, fern von Sentinal und Drohnen. Auch wenn diese nicht immer besonders realistisch waren, zum Beispiel dann, wenn Engel auftauchten, ein genetisches Mischwesen aus Mensch und Vogel. Eine sogenannte Chimäre. Das kam Rain sehr unrealistisch vor, ebenso wie die Tatsache, dass sie fliegen konnten, was aerodynamisch unmöglich war. Dafür waren die menschlichen Knochen viel zu schwer.

In manchen Büchern waren gar keine Geschichten, nur Rezepte, um Gerichte herzustellen, von denen Rain noch nie etwas gehört hatte. Auch die Zutaten kamen ihr befremdlich vor. Sie hatte auf dem Markt einmal nach Zimt gefragt, aber der Verkäufer war ebenso ratlos wie sie gewesen. Jedenfalls schien es Zimt dem fröhlichen Herrn Weihnachten, offenbar ein großer Koch der alten Welt, angetan zu haben, denn man fand es in fast all seinen Rezepten.

Die meisten Bücher stammten aus der Zeit vor dem Wandel, bevor das Land Hope sich aus der Asche der Welt erhoben hatte. Sie waren Fenster mit kleinen Einblicken in die Vergangenheit.

In einem Karton sammelte Rain Ersatzteile und ausrangierte Technikgeräte, an denen sie gelegentlich aus Spaß herumschraubte.

An der Wand neben der Hängematte war eine Stange befestigt, über die sie ihre Kleidung hängen konnte. Ihre Mutter stellte diese selbst her, wenn sie an Stoff kam, oder nähte Kleidung um, die sie im Müll fand.

Rain lief zum Fenster und sah eine Weile auf die Straße hinunter, über der dunkle Wolken hingen. Sie war leer, denn die meisten Bewohner Greys waren noch immer bei der Arbeit. In einer Stunde würden die Sirenen das Ende der Schicht ankündigen.

Rain schaltete das TecDec an der Wand ein, welches surrend zum Leben erwachte. Das Glas zwischen den Rahmen flimmerte und hieß Rain willkommen, bevor es sie mit den üblichen Informationen über Grey versorgte. Wetterbericht, Luftqualität, Quarantänebereiche, Statistiken über die Exporte in andere Zirkel und das übliche Gefasel darüber, wie wunderbar Greys Beitrag zum Wohle von Hope sei.

Etwas pochte gegen das Fenster. Rain hob den Blick und entdeckte Cassiopaio, der mit seinen Pfötchen am Glas schabte. Schnell sprang sie auf und entriegelte die Sicherung, um ihren Freund hineinzulassen. Er sprang an ihr vorbei, eine Wolke aus Smog hinter sich herziehend.

»Wo hast du dich herumgetrieben, Pi?« Rain langte nach einem Handtuch, um die Fuchsmanguste von der Asche zu befreien, die sich in ihrem Fell angesammelt hatte. Sie hatte das Tier im Wald aus einer Falle befreit. Seitdem folgte Cassiopaio ihr auf Schritt und Tritt. Rain war sich sicher, dass er keine normale Fuchsmanguste war, sondern ein Mutant. Sein Fell war flauschiger und röter als bei seinen wilden Verwandten. Außerdem hatte er größere Ohren, die beinahe an die eines Fenneks erinnerten. Für ein normales Tier war er zu intelligent, und er liebte es, glitzernde Gegenstände zu stibitzen. Der Verdacht lag nahe, dass jemand seinen Gencode verändert hatte. Das war nicht weiter ungewöhnlich.

Viele Mutanten oder Chimären waren ursprünglich dazu erschaffen worden, die Aufgaben, für die sich andere Tiere nicht eigneten, zu erfüllen.

Bei Mutanten hatte man bestimmte Eigenschaften manipuliert und somit das ursprüngliche Tier intelligenter, stärker, schneller oder gehorsamer gemacht. Auch ihr Aussehen konnte verändert werden. Größe, Fellbeschaffenheit, Farbe – alles war möglich. Aber nicht immer nützlich. Ein beliebter Mutant bei den Reichen in Aventin war das Modell Miu, eine Katze, die nicht größer als ein Zeigefinger war und in erster Linie aus Fell zu bestehen schien. Auch in Grey hatte es ein paar Mius gegeben. Allerdings waren sie schnell den Mutantenratten zum Opfer gefallen und ausgestorben.

Chimären waren die Kreuzung aus zwei Tierarten, aus der völlig neue Arten entstanden waren. Besonders beliebt waren dabei die Hundebären oder Ochsenpferde.

Rain legte sich in ihre Hängematte und starrte auf das TecDec, während Pi es sich auf ihrem Bauch gemütlich machte und seinen buschigen Schwanz um sich legte.

»… Wie in jedem Jahr erhalten einige Menschen unter euch die Chance ihres Lebens. Die Chance aufzusteigen.« Der Sprecher strahlte vom Bildschirm auf sie herab. Er war ein normaler Mensch. Seine Haut zeigte bereits die ersten Falten unter den Augen, und ein Muttermal prangte auf seiner Stirn. Außerdem war seine Nase ein wenig zu schief und zu groß.

»Bist du eine Eins? Oder sogar eine Eins Plus? Dann bewirb dich und erhalte die Gelegenheit deines Lebens. Die Besten kommen weiter.«

Es folgten Bilder von jubelnden Menschen, die von einem Luftschiff abgeholt wurden, um in ein neues Leben aufzubrechen. Thrax, der sogenannte Caretaker von Grey, schüttelte ihnen die Hände. Er war ein Mensch, eine Eins Plus, und Amygdalas Kontaktmann im Zirkel.

»Bist du stark? Sind deine körperlichen Leistungen überdurchschnittlich? Dann lasse dich zum Sentinal ausbilden, um unser Land zu verteidigen.« Über das TecDec flogen Bilder von den Außenmauern von Black Shell, dem Festungszirkel. Dort wurden die Elitesoldaten ausgebildet. Dann glitt die Kamera weit fort an die Grenzen des Landes, wo die Mauer stand. Soldaten verteidigten sie in einem ewigen Krieg gegen die Nachbarländer.

»Ist dein Verstand deine Waffe?«, fragte der Sprecher. »Dann brauchen wir deine Hilfe in der Forschung. Du kannst neue Impfstoffe entwickeln, Krankheiten besiegen oder technische Fortschritte erzielen.«

Es folgten Bilder der Forschungszirkel White Pearl, in denen die schlausten Köpfe von Hope lebten. Sie beschäftigten sich mit den unterschiedlichsten Dingen. Vor einiger Zeit gelang es ihnen, ein Tier zu entwickeln, welches die Gene von Kühen und Schafen miteinander vereinte. Das »Kaf« gab Milch und hatte das wollige Fell eines Schafes.

»Oder machen dich deine Gene zu etwas ganz Besonderem? Einer Eins Plus? Dann beglückwünsche ich dich. Du bist ein wahrer Segen für unsere Gesellschaft und kannst dir eine führende Position erarbeiten. Ja, mit deinen Genen kannst du es sogar bis nach Aventin schaffen, um an der Seite unserer geliebten Gesegneten zu leben.«

Rain lauschte dem Beitrag, auch wenn sie die Sätze schon so oft gehört hatte, dass sie die Worte auswendig kannte. Wie anders ihr Leben sein würde, wenn sie doch auch eine Nummer hätte. Wäre sie eine Eins? Oder eine Zwei?

Cassiopaio kläffte, um Aufmerksamkeit einzufordern. Als sie ihm über den Rücken strich, gab er ein wohliges Knurren von sich. Eigentlich konnte er Berührungen von Menschen nicht leiden, nur von Rain ließ er sich kraulen. Aber auch nur, wenn er es wollte.

»Eine neue Arbeitsstelle, ein neues Zuhause, ein neues Leben erwartet euch. Euer Erbgut ist euer Wert, es ist euer Beitrag für die Gesellschaft.«

3.

LARK ÖFFNETE DIE TÜR und schleppte sich über die Schwelle. Er war so müde, dass er befürchtete schon im Gehen einzuschlafen. In seinem Kopf sah es aus wie in einem verstopften Schornstein. Grauer Nebel, der es unmöglich machte, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Er hatte trainiert, nun, eigentlich war es Arbeit gewesen, denn abends, wenn seine Eltern von der Schicht zurückkamen, ging er los, um für vier Stunden die Züge zu beladen, die die Fabriken untereinander verbanden. Es war eine mühsame Arbeit, aber er sah es als Training, denn es war sein Wunsch, zum Sentinal ausgebildet zu werden. Seine Gene waren gut genug, um für diese ehrenwerte Aufgabe auserwählt zu werden, wenn er sich nur genug anstrengte und sich keine Fehler erlaubte. Fehler wie sich mit anderen zu prügeln.

Er wusste nicht, was in ihn gefahren war, aber als er dachte, von einem Lauscher verfolgt zu werden, waren seine ohnehin schon blanken Nerven durchgebrannt. Eine Kurzschlussreaktion, die ihn seine Zukunft hätte kosten können, wenn Rain wirklich ein Lauscher gewesen wäre.

Lark zog seinen Mantel aus, entledigte sich der klobigen Stiefel und der äußeren Hose. Der Staub hatte sich trotz Schutzbeschichtung durch seine Kleidung gefressen, und das Hemd darunter grau gefärbt, ebenso wie seine Haut. Er hängte die Kleidung auf und stellte sich auf ein Gitter. Die Vorrichtung darunter erwachte mit einem Surren zum Leben und saugte den gröbsten Dreck von seinem Körper.

Wenig später setzte sich auch der DustBot in Bewegung, eine kleine, bauchige Maschine, die rund um die Uhr Smog von Boden und Wänden fegte. Ganz sauber sah es trotzdem nie aus. Er griff nach der Drohne, die mit einem Piepton protestierte und hielt sie sich über den Kopf, damit sie sein Haar grob vom Smog befreite. Dann ließ er sie los. Ein empörtes Trällern von sich gebend, flog sie zur gegenüberliegenden Wand und setzte ihre Arbeit fort.

»Lark, du bist spät.« Seine Mutter Knot war noch wach. Sie saß am Küchentisch und hatte wie gewohnt auf ihn gewartet. Allerdings war sie beim Warten eingeschlafen, wie der Abdruck auf ihrer rechten Gesichtshälfte verriet.

»Ma, geh ins Bett. Du brauchst deinen Schlaf.« Lark ließ sich von seiner Mutter umarmen. Trotz ihrer schlanken Gestalt und der eingefallenen Wangenknochen spürte er die Kraft in ihren Armen, die Kraft, die sie tief aus dem Herzen nahm, um damit ihre Familie zu beschützen. Sie roch vertraut nach Kohle, Maschinenöl und Linsensuppe. Und ein klein wenig nach Rosenwasser. Das hatte Larks Vater ihr vor langer Zeit geschenkt, und sie benutzte es sparsam, um möglichst lang etwas von diesem bisschen Luxus zu haben.

»Was ist mit deinem Auge passiert?«

Das Fischermädchen. Rain. Der pulsierende Schmerz im Auge und die blauen Flecken erinnerten ihn an ihre stürmische Begegnung.

»Keine Sorge, Ma. Nur eine kleine Auseinandersetzung.«

»Lark, was habe ich dir über Prügeleien gesagt? Du darfst nicht negativ auffallen. Dein Vater hat es ohnehin schon schwer, und deine Schwester…« Knot stemmte die Hände in die Hüften, aber sie sah eher müde als wütend aus. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, Schatten, die nie verblassten.

»Ich weiß. Keine Sorge. Es ist nichts.«

Dieses Mädchen, Rain, war so stark gewesen. Sie hatte es ohne Probleme mit ihm aufnehmen können. Kaum zu glauben, dass sie nur eine Drei sein sollte bei ihren Kräften. Und ihrem Aussehen. Trotz Ruß- und Schmutzschicht hatte Lark feine, fast makellose Gesichtszüge erkannt und keine Asymmetrien oder Deformierungen. Sie waren sich immerhin verdammt nah gewesen. Nein, ihr Gesicht war das einer Eins.

Aber da lag das Problem. Nicht alle Erkrankungen oder Einschränkungen konnte man auch tatsächlich sehen. Verrücktheit zum Beispiel. Und die gab es in Grey gar nicht selten. »Qualmköpfe« wurden die Betroffenen genannt, weil man fürchtete, dass der Smog ihnen das Gehirn vernebelt hatte.

»Hail war hier und hat nach dir gefragt.« Seine Mutter drückte ihn sanft auf den Stuhl und schob ihm eine Metallschüssel mit dem Rest vom Abendbrot vor die Nase. Larks Magen knurrte, auch wenn er viel zu müde war, um den Löffel zu heben. »Sie ist ein sehr nettes Mädchen.«

Lark wusste, was seine Mutter sich wünschte. Hail kam aus einer Einserfamilie mit reiner Genlinie. Niemand von ihnen war schlechter als Eins eingestuft worden, und somit hatte sie gute Aussichten auf eine bessere Zukunft in anderen Zirkeln, Zirkeln, die nicht vom Smog verseucht wurden.

»Ma! Du weißt, dass wir nur Freunde sind«, erklärte er. Eine Bindung zu ihr könnte seiner Familie aus den finanziellen Nöten und ihnen zu mehr Ansehen verhelfen.

»Sie hängt sehr an dir.«

Sie waren beste Freunde, seitdem er Hail aus einem Abwasserkanal gezogen hatte, in den sie dank eines fehlenden Kanaldeckels gefallen war.

»Wir werden nie mehr als Freunde sein, Ma. Ihre Familie steckt viel Hoffnung in sie. Sie ist ehrgeizig und hat große Pläne. Sie könnte es nach White Pearl schaffen. Eine Bindung mit mir… darum könnte ich sie nicht bitten.«

Hail träumte von einem Leben als Wissenschaftlerin. Sie war keine Eins Plus, aber dafür sehr fleißig.

»Du hast auch große Pläne. Du könntest es zum Sentinal schaffen.«

»Könnte. Das wird ihrer Familie nicht reichen.«

Lark war zu müde, um darüber zu diskutieren. Er beeilte sich, die Suppe in den Mund zu schaufeln, ohne dem faden Geschmack Beachtung zu schenken. Es war egal, wie es schmeckte. Hauptsache, es füllte seinen knurrenden Magen und gab ihm Kraft für den nächsten Tag.

»Denk wenigstens darüber nach. Ich bin sicher, ihr würdet einander sehr glücklich machen.« Knot seufzte. »Du weißt, ich würde dich nie drängen, aber…«

Knot selbst war entgegen dem Wunsch ihrer Familie einen Bund aus Liebe eingegangen, einen Bund mit einer Zwei. In den Augen der Gesellschaft etwas Unverantwortliches, denn es sorgte dafür, dass sich Schwäche vererbte.

»Ist es so schlimm?«, fragte Lark. »Pa?«

»Zweien haben es im Moment nicht leicht. Vor allem nicht mit einem Kind wie …«

Seiner kranken Schwester, die ein sichtbarer Beweis für die schlechten Gene in seiner Familie war. Das war nicht fair, einfach nicht gerecht.

»Aber mach dir keine Sorgen. Solange wir zusammenhalten, wird alles gut.«

»Ich gehe schlafen«, brummte Lark. »Tut mir leid, Ma. Ich schreibe morgen einen Test.«

Deshalb musste er ein paar Stunden eher aufstehen, um noch zu lernen. Er brauchte Bestnoten, um den Sentinal aufzufallen, denn die Konkurrenz war groß. Viele Mädchen und Jungen träumten davon, rekrutiert zu werden, um es aus Grey heraus zu schaffen.

»Danke für das Essen.«

Lark schlurfte zur Waschkabine, wo er Kopf und Hände wusch. Ein dunkles Rinnsal verschwand im Abfluss, und es dauerte eine ganze Weile, bis sich das Wasser aufhellte und der gröbste Smog aus seinem Haar gewaschen war. Lark wäre am liebsten gleich ins Bett gegangen, aber das Reinigen war tägliche Pflicht, wenn man von draußen kam, allein der Gesundheit wegen.

Er rubbelte über seinen Unterarm, um das Tattoo von Staub zu befreien. Gr 4438 m – G1. So lange er denken konnte, zierte der Code seinen Unterarm. Er kannte ihn so gut wie seinen eigenen Namen.

Richtige Seife konnten sie sich im Moment nicht leisten, nur eine Art Pulver, das zwar den Smog von der Haut löste, aber dabei die obersten Hautschichten wegätzte. Als er einigermaßen sauber war, ließ er sich von einer Art Föhn trocken pusten. Dann putzte er sich die Zähne mit einer altmodischen Zahnbürste.

Vom TecDec wusste er, dass es in Aventin Miniroboter gab, die den Mund reinigten und die Zähne polierten, aber das hatte er in Grey noch nie gesehen. Anschließend schlurfte er in sein Zimmer. Es war so klein, dass nicht mehr als eine Matratze hineinpasste, die man tagsüber hochklappen konnte. Dann verschwand sie in der Wand, und er konnte eine Tischplatte aus der anderen Wandseite ziehen, um zu arbeiten. Im Zimmer stand außerdem eine kleine Kommode, in der er seine Kleidung verstauen konnte.

Lark entledigte sich seiner Kleidung und klappte das Bett aus. An eine kleine Fensterscheibe prasselte der Regen und spielte seine Melodie. Rain. Der Regen. Er mochte den Regen, der mit seinen Tropfen den Ruß aus der Luft einfing und ihn zu Boden rieseln ließ. Er mochte den Geruch und das Gefühl auf der Haut. Er mochte das Geräusch, wenn er gegen die Scheiben trommelte und den Schmutz von den Häusern wusch. Regen. Er war die Hoffnung.

4.

ALS RAIN AM NÄCHSTEN MORGEN erwachte, war ihre Mutter fort. Auf dem Tisch lag jedoch ein Kästchen, welches mit einem schwachen Blinken Rains Aufmerksamkeit verlangte. Es war ein veraltetes Diktiergerät zum Aufzeichnen von Sprachnachrichten. Die meisten hatten heute bereits eines, bei dem der Sprecher in die Luft projiziert wurde. Eigentlich überflüssig, wie Rain fand. Die Stimme allein aufzuzeichnen, erfüllte schließlich auch seinen Zweck. Rain presste mit dem Daumen den Knopf hinunter. Storms Stimme schallte blechern aus dem kleinen Lautsprecher und teilte Rain mit, dass sie erst spät nach Hause kommen würde.

»Bis in einem Moment, mein Herz.« Das sagte Storm immer zum Abschied. »Und denk dran. Unwetter haben keine Angst.«

Es bedeutete nichts anderes als »alles wird gut« oder »keine Angst, wir haben uns«.

Unwetter. Regen und Sturm. Das waren sie. Niemand mochte Unwetter, aber es war ein schöner Gedanke, denn als Unwetter brauchte man sich nicht zu fürchten. Man war frei, tobte über den Himmel und tat, was man wollte.

Storm verließ das Haus oft früh, um nach einem Tagesjob zu suchen oder ihre selbst genähten Tücher und Taschen zu verkaufen. Normale Arbeit konnte sie nicht annehmen, da Arbeiter an den Eingängen der Fabriken und öffentlicher Gebäude gescannt wurden. Auch wenn ihr Tattoo echt war, würde es den Maschinen verraten, dass sie eine gesuchte Rebellin war. Daher fürchtete sie die Drohnen ebenso sehr wie ihre Tochter. Glücklicherweise gab es in Grey einige arbeitslose Dreien, und so war es möglich, Schwarzarbeit anzunehmen, ohne aufzufallen.

Zügig zog Rain sich frische Kleidung an, welche aus einer groben Hose, einem zu weiten Hemd und einem abgenutzten Ledergürtel bestand. Der Stoff war natürlich grau, um nicht aufzufallen. Sie zog sich ein beschichtetes Cape über, das sie vor dem Smog schützte, und setzte sich die Maske auf. Wie jeden Morgen wollte sie laufen gehen.

Jetzt war es ruhig auf den Straßen, perfekt, um sich ungestört durch Grey zu bewegen. Cassiopaio trippelte hinter ihr her, aber wie sie ihn kannte, würde er verschwinden, sobald er die Chance witterte, einen Vogel oder eine Ratte zu erlegen.

Sie verbarg Sting unter ihrem Cape, schob sich aus dem Fenster und hangelte sich die Feuerwehrleiter hinunter. Die Fuchsmanguste war ihr dicht auf den Fersen.

Ein Schleier hing wie ein Teppich über dem Asphalt. Rain setzte sich in Bewegung. Ihre Stiefel bewegten sich mühelos über den harten Grund. Sie sprintete an den zahllosen Wohnblöcken vorbei, Fenster und Türen zerflossen zu undeutlichen Streifen. Rain beschleunigte ihren Schritt und ließ ihre Gedanken zurück. Es gab keine Sorgen mehr, nur den Asphalt, der unter ihren Füßen dahinflog. Trotz der Behinderung durch die Maske fiel Rain das Joggen nicht schwer. Sie war gut im Training und hatte Ausdauer.

Ein Summen kündigte eine Drohne an, die noch nicht in Sichtweite war. Rain bremste ab, nutzte den Schwung, um sich wie eine Tänzerin um die eigene Achse zu drehen und zwischen zwei Häusern zu verschwinden. Der Spalt war so schmal, dass sie gerade hindurchpasste. Vorsichtig lugte sie hinaus.

Ein glänzender WatchBot zerschnitt den Smog. Sein blau glühender Antrieb war im Qualm gut auszumachen. Er flitzte um eine Ecke und verschwand. Gerade wollte Rain ihren Lauf fortsetzen, als eine zweite Drohne heranschoss. In letzter Sekunde brachte sie sich in Sicherheit. WatchBots kontrollierten nicht einfach die Tätowierungen. Sie konnten ihr Gegenüber, wenn nötig, auch mit einem Elektroschock paralysieren, bis die Sentinal oder schwer bewaffnete Kampfdrohnen eintrafen.

Rain presste ihren Kopf an die raue Wand und wagte nicht zu atmen, auch wenn die Sonden ausschließlich über visuelle Systeme arbeiteten und sie nicht hören konnten. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als die Maschine an ihrem Versteck vorbeiflog. Das war knapp gewesen.

Ein Rascheln ließ Rain herumfahren.

»Pi?« Cassiopaio bellte leise und schmiegte sich an ihre Füße, um Schutz zu suchen. Rain schluckte. Irgendetwas bewegte sich dort in der Dunkelheit zwischen den Häusern. Angestrengt starrte sie hinein, doch konnte in dem düsteren Schleier nichts entdecken. Eine Ratte womöglich?

Sie blieb nicht länger, um es herauszufinden. Der Zusammenstoß mit Lark hatte ihr gereicht. Sie sprang zurück auf die Straße, die Kapuze ihres Capes tief ins Gesicht gezogen, und wurde wieder vom Smog verschluckt. Der Qualm war in dieser Straße besonders dicht. Rain hielt sich nahe an der Häuserfassade, eine Hand am Gemäuer, um sich zu orientieren. Nach einigen Metern bog sie in eine Gasse ab. Hier beschleunigte sie ihre Schritte, bog erneut ab und ließ die Smogwolke hinter sich.

Vor ihr lag eine kleine Parkanlage, um die sich schon lange keiner mehr zu kümmern schien. Die Pflanzen wucherten und verdeckten die gepflasterten Wege. Kleine Bänke und Tische aus Eisengittern verschwanden bereits unter Efeu und Gestrüpp. Ein verzweifelter Kampf, Natur gegen Stadt, die ihrerseits wie Unkraut spross und stetig wuchs. Eine Kreatur aus Stein und Metall, die alles an sich riss, was ihr in die Quere kam. Aus ihren Nüstern drangen Smog und Rauch in den Himmel. Ihr ständiger Lärm und Gestank vergiftete die Gegend, doch dieser Park wehrte sich so gut es ging.

Rain liebte diesen Ort, gerade wegen seiner Wildheit. Hier war sie allein, sicher vor Menschen und Drohnen. Sie streckte sich unter einem Baum aus, riss sich die Maske vom Kopf und starrte in den Himmel. Obwohl die Sonne schien, konnte man sie durch die dichten Wolkenschwaden kaum erkennen. Auf Dauer musste sich das Leben in Grey auf die Stimmung auswirken. Wie sollte man hier nicht depressiv werden?

Rain atmete tief ein, genoss den Duft von Gras und Bäumen und sah Cassiopaio dabei zu, wie er emsig ein Loch buddelte. Vermutlich ein neues Versteck für seine Beute.

Ein altes Schild, aus dem Kabel und alte Glühlampen hingen, hing oben in den Zweigen. »McDonalds« stand dort drauf, und eine grinsende Fratze mit roten Haaren sah zu ihr herunter.

Dieser Donald schien eine wichtige Persönlichkeit in der alten Welt gewesen zu sein, auch wenn er auf Rain ein wenig gruselig wirkte. Sie verstand nicht, warum er dieses aufgemalte Lächeln trug und seine Nase rot gefärbt hatte. Ob das eine bestimmte Bedeutung gehabt hatte? Die alte Welt war voller Geheimnisse. Nur zu gerne hätte Rain mehr über Herrn Weihnachten und diesen seltsamen Donald erfahren.

Nach einigen Minuten Ruhe rappelte sie sich auf, um nach Beeren zu suchen. Hier gab es Brombeerbüsche, die um diese Zeit Früchte trugen. Ihre Mutter würde sich freuen, wenn sie etwas mitbrachte, um das Essen zu verfeinern. Außerdem konnte sie Feuerzahnblätter für einen Salat sammeln.

Während sie durch das dichte Gestrüpp stapfte, vergaß sie für einen Moment sogar, dass sie sich inmitten einer Stadt befand. Nur das monotone, niemals verstummende Stöhnen und Ächzen der Fabriken erinnerten sie daran.

Sie pflückte einige Beeren von einem Strauch, rieb den gröbsten Staub von ihrer Oberfläche und ließ sie in einen Beutel gleiten.

Ein Fiepen ertönte zu ihren Füßen, und gelbe Mangustenaugen sahen flehend zu ihr empor.

»Na gut.« Sie ließ sich erweichen und reichte Cassiopaio, der flehend auf seinen Hinterbeinen stand, eine Beere. Der Kleine schnappte so gierig danach, dass er um ein Haar ihre Finger erwischte.

»Au!«

Ein Knacken von Zweigen ließ Rain erneut aufschrecken. Jemand war hinter ihr. Jemand war ihr gefolgt. Ihre Finger wanderten unter das Cape und schlossen sich um Sting. War das in der Gasse vielleicht doch eine menschliche Ratte gewesen, ein Lauscher, auf der Suche, sich Geld zu verdienen? Sie ging weiter, ohne sich etwas anmerken zu lassen, und lauschte: Die Schritte kamen näher.

Rain ging auf eine Weide zu und verschwand mit einem Satz hinter dem Stamm. Sie eilte herum, um hinter ihren Verfolger zu gelangen, holte tief Luft und zog Sting. »Das Überraschungsmoment zum Angriff nutzen«, pflegte ihre Mutter zu sagen. Nun gut. Dann würde sie überraschen. Sie sprang hinter dem Baum hervor.

»Ahhh!« Ihrem Verfolger entfuhr ein spitzer Schrei, als sich Sting in seine Magengrube bohrte. Rain wollte gerade den Schock auslösen, hielt aber im letzten Moment inne, denn vor ihr stand ein kleines Mädchen. Es war einige Jahre jünger als Rain und viel zu dünn für sein Alter. Es sah aus, als würde es mit dem nächsten Windhauch davongeweht werden.

»Wer bist du?«

»Eine Prinzessin. Und man haut keine Prinzessinnen, du Unhold.«

Rain war sich ziemlich sicher, dass keine Prinzessin vor ihr stand. Nur die Angehörigen der regierenden Gesegneten durften sich so nennen, und dieses Mädchen sah mit ihrem eingefallenen Gesicht und den dünnen Haaren nicht gerade gesegnet aus. Nein, sie war definitiv ein Mensch.

»Was tust du hier?«

»Ich bin dir gefolgt.«

»Gefolgt? Warum?« Rain starrte das Kind entgeistert an.

»Du hast dich auch vor den WatchBots versteckt, und da … da war ich neugierig.«

Rain musterte ihr Gegenüber genauer. Haut und Haare sahen einigermaßen gepflegt aus. Auf jeden Fall hatte sie eine Dusche mit warmem Wasser, um sich regelmäßig von Schmutz zu befreien. Ihre Kleidung war einfach, aber nicht zerschlissen. Ein Nummerntattoo zierte den Unterarm der Kleinen: Gr 4440 w – G3.

Es sah auf den ersten Blick echt aus, doch das sah ihr eigenes auch.

»Warum bist du nicht in der Schule?«, fragte Rain und befestigte Sting an ihrem Gürtel. »Du kriegst noch Ärger.«

»Es ist dort langweilig«, erwiderte die Kleine, und ein schelmisches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, bei dem sich auf den Wangen Grübchen bildeten. Sie kickte einen auf dem Boden liegenden Stein beiseite. »Die Lehrer denken, ich sei zu dumm für den Unterricht, dabei verstehe ich alles. Ich glaub, ich versteh sogar mehr als manche Einsen.«

»Wenn du nicht zur Schule willst, geh nach Hause.« Rain verstand nicht, wie jemand keine Lust auf Schule haben konnte. Das war immerhin die Chance auf ein besseres Leben. Wenn sie die Möglichkeit dazu hätte, würde sie sie ergreifen.

»Dort ist es noch langweiliger.« Das Mädchen verdrehte die Augen.

»Was machst du stattdessen?«

»Was Prinzessinnen eben so tun. Ich erlebe Abenteuer. Ziehe durch die Stadt, bekämpfe Bösewichte, rette entführte Prinzen …« Während sie das sagte, zog sie eine imaginäre Waffe und begann sich tänzerisch mit einem unsichtbaren Gegner zu duellieren. Auf ihren dürren Beinen sprang sie über den Boden auf Rain zu.

»Du bist seltsam.« Rain wich den Angriffen des Luftschwertes aus. Was tat das Mädchen da? Vielleicht war sie nicht ganz richtig im Kopf. Allerdings wirkte sie nicht wie die Qualmköpfe, auf die Rain bereits getroffen war.

»Seltsam? Verteidige dich lieber, anstatt zu quatschen!« Die Kleine preschte vor und stieß zu. Rain stöhnte auf und sackte theatralisch zu Boden. Sich die unsichtbare Bauchwunde haltend, blieb sie liegen.

»Du hast mich besiegt. Verrate mir deinen Namen, bevor ich verblute.«

»Ich bin Prinzessin Rosaline.« Die Kleine versuchte ernst zu gucken, aber ihre Mundwinkel zuckten immer wieder in die Höhe. »Du musst nicht sterben. Ich werde dich heilen.«

»Bringst du mich zu einem MedBot?«

»Ach, wer braucht denn so etwas?« Die Kleine fiel nicht aus der Rolle, pflückte ein Blatt und strich es über Rains Wunde mit der Erklärung, es sei ein Zauberblatt, das alle Verletzungen heile, durch etwas, was sie Magie nannte. Magie. Rain konnte sich nichts darunter vorstellen, doch sie tat dem Mädchen den Gefallen und verbeugte sich.

»Danke, Prinzessin Rosaline.«

»Du darfst mich Rose nennen.«

»Zu freundlich. Ich bin Rain.«

»Ich mag den Regen, besonders abends, wenn er gegen mein Fenster prasselt. Dann stell ich mir vor, dass er mit mir redet und mir Geschichten erzählt. Ich fühle mich dann nicht so allein.«

Rose schien niemals still zu sein. Sie ließ sich im Schneidersitz auf dem Boden nieder und beäugte Rain mit ihren braunen Augen. Im Vergleich zum Rest ihres eingefallenen Gesichtes wirkten sie unnatürlich groß.

»Was ist das?« Sie deutete auf den Beutel mit Beeren, der um Rains Handgelenk geschnürt war.

»Brombeeren«, antwortete Rain zögernd, und die Kleine quietschte auf.

»Brom-beeren?« Ihre Stimme stieg um eine Oktave. »Kann ich eine haben? Ich habe seit Ewigkeiten keine mehr gegessen.«

»Ähm.« Rain lugte in den Beutel auf ihre magere Ausbeute von fünf kleinen Früchten.

»Bitte, bitte.« Das Mädchen war wieder auf den Beinen und sprang immer wieder in die Luft, wobei ihre kurzen blonden Locken auf und ab schaukelten. Unter ihrer Kleidung zeichnete sich jede Rippe ab. Sie sah nicht aus, als würde sie regelmäßig etwas zwischen die Zähne bekommen. »Darf ich? Darf ich?«

»Nimm und sei ruhig. Sonst findet uns noch jemand.« Rain zog Rose zurück auf den Boden und drückte ihr den Beutel in die Hand. Die Augen der Kleinen leuchteten, als sie eine Beere herausnahm. Sie besah das Geschenk wie einen kostbaren Schatz, bevor sie sich die Frucht in den Mund schob. Sie schloss die Augen, als sie die Brombeere gegen den Gaumen drückte, und schnurrte wie eine Katze.

»Danke. Das ist so lecker«, schwärmte sie und sah dabei so glücklich aus, dass es Rain innerlich zerriss. »Und sauer. Ich mag sauer. Das prickelt so im Mund.«

»Iss ruhig alle«, murmelte Rain.

»Danke, du bist so lieb. Weißt du was. Ich stelle mir vor, dass es Zauberfrüchte sind. Glaubst du an Zauberfrüchte?«

»Nein. Was soll das sein?«

»Die haben bestimmte Kräfte.«

»Kräfte?« Rain kannte Wurzeln, die die Wunden desinfizierten, Blüten, die müde machten, und Pilze, die einen mit offenen Augen träumen ließen. Aber Brombeeren hatten, soweit Rain wusste, keine derartige Wirkung.

»Sie können Krankheiten heilen und Tote wieder lebendig machen«, ergänzte Rose.

Das wiederum klang so, als wäre die Kleine ein wenig verrückt, aber sie sah so hoffnungsvoll in den Beutel, dass Rain diesen Kommentar herunterschluckte und sich ein »Vielleicht« murmeln hörte, welches sie sofort bereute. Man sollte keine falschen Hoffnungen schüren. Wenn man sich an etwas Unsinniges klammerte, würde man am Ende doch nur enttäuscht werden.

»Wenn es wirkt, werde ich es dir verraten«, versprach Rose und schob sich eine weitere Beere in den Mund. Während sie kaute, deutete sie auf eine von Schlingpflanzen überwucherte Steinstatue, die sich zwischen zwei Bäumen versteckte. Es war ein Mädchen mit Flügeln, ganz wie die Engel aus Rains Büchern, nur dass dieser Skulptur schon beide Arme fehlten. »Ich rede manchmal mit den Flügelmenschen, weißt du? Es heißt, sie haben in den Wolken gelebt.«

»Ja, in einer Wolkenstadt«, ergänzte Rain.

»Sie haben von dort oben über die Menschen gewacht, wie es jetzt die Gesegneten machen.«

»Ja, so ähnlich.«

»Ich würde auch gerne fliegen können.« Sie streckte ihre Arme aus und schlug mit ihnen. Dabei hüpfte sie, als ob sie abheben würde.

»Ich bezweifle, dass das geht.«

»Natürlich geht es. Sie haben doch Flügel.« Rose landete wieder auf dem Boden und legte sich die nächste Beere in den Mund.

»Absolut unmöglich. Die menschlichen Körper sind zu schwer.«

»Es ist möglich. Mit Glauben.«

»Wo hast du denn den Schwachsinn her?«

»Das ist kein Schwachsinn.« Rose ballte die Finger zu kleinen Fäusten. »Ich habe darüber gelesen.«

»Gelesen?«

»Ja, auch wenn ich eine Drei bin, bin ich nicht dumm. Ich kann sehr wohl lesen.«

»Auch wenn ich glauben würde, ein Baum zu sein, wäre ich in den Augen der anderen noch immer ein ganz normales Mädchen.« Rain schüttelte den Kopf. »Glaube hin oder her. Menschen können nicht fliegen.«

Als sie Roses traurige Augen sah, fügte sie hinzu. »Wobei du Glück haben könntest. An dir ist nicht viel dran.«

Cassiopaio, der Fremden gegenüber misstrauisch war, gefiel es nicht, dass das dürre Mädchen seine Beeren aß. Er kroch aus seinem Versteck hervor und knurrte, womit er aber nicht den gewünschten Effekt erzielte.

»Wie putzig!«, rief Rose und streckte ihre Hand aus, um die Manguste zu streicheln. Mit einem »Au!« zog sie ihre Finger zurück. Cassiopaios Schwanz schnellte senkrecht in die Höhe, und er ließ ein Kläffen verlauten.

»Das ist Pi«, erklärte Rain. »Er mag niemanden außer mir.«

Rose versuchte, das Tier mit einer Beere zu bestechen. Auch wenn Cassiopaio das Geschenk annahm, bedeutete das für ihn noch lange nicht, sich streicheln zu lassen. Er war, was Treue anging, anders als die meisten Haustiere unbestechlich. Seine angelegten Ohren und funkelnden Knopfaugen schrien förmlich »Fass mich nicht an, Kind«.

Rose schob schmollend die Lippe vor, aber einen Augenblick später lachte sie bereits wieder, als sie einen neuen Plan hatte. Sie steckte eine Beere auf einen Ast und hielt diesen der Fuchsmanguste vor die Nase. Immer, wenn das Tierchen danach schnappte, zog sie es außer Reichweite. Das ließ Cassiopaio genau dreimal mit sich machen, dann preschte er vor und zwickte sie ins Bein. Rose schrie auf und ließ den Stock fallen. Triumphierend zog die Manguste mit Stock und Beere davon.

»Das hast du nun davon«, kommentierte Rain, die das Ganze mit angesehen hatte. »Leg dich lieber nicht mit ihm an.«

»Er ist trotzdem süß«, murmelte das Mädchen und rieb sich das Schienbein. »Ich habe mir schon immer ein Tier gewünscht, aber Einhörner passen nicht in unsere Wohnung.«

Von Einhörnern hatte Rain noch nie etwas gehört. Überhaupt sprach das Kind von seltsamen Dingen.

»Seine Liebe muss man sich jedenfalls hart erarbeiten.«

»Das werde ich.« Die Kleine biss sich auf die Unterlippe. »Aber als Prinzessin bin ich zuversichtlich, dass es klappen wird.«

»Wenn du meinst.«

»Das tue ich.«

»Es sind viele Drohnen unterwegs«, murmelte Rain eher zu sich selbst und lugte durch die Bäume. Sie sah einen weiteren WatchBot am Parkrand entlangflitzen. Der dritte innerhalb der letzten fünf Minuten. Um diese Zeit war sie noch nie auf so viele Maschinen getroffen. Irgendetwas stimmte nicht.

»Alles nur wegen dem Gesegneten, der heute ankommt.«

Rain starrte das Mädchen an.

»Ein Gesegneter? Hier in Grey?« Sie versuchte die Worte zu verarbeiten, aber ihr Gehirn schien leergefegt zu sein. Noch nie hatte Rain einen von ihnen außerhalb der Bildschirme und Hologramme gesehen. Es schien fast schwer zu glauben, dass sie in der Realität existierten und mehr als bloß eine Projektion waren.

»Hast du es nicht gehört? Heute Morgen haben sie es angekündigt. Ein Gesegneter wurde hergeschickt. Keine Ahnung, warum.«

»Wirklich?« Rains Herz schlug ihr bis zum Hals. Keiner der vorhergehenden Earls und auch nicht Amygdala hatten je einen Fuß in den Industriezirkel gesetzt.

»Wirst du dir seine Ankunft ansehen?« Die Kleine grinste über beide Ohren und entblößte eine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen.

»Wann?«, hauchte Rain aufgeregt. Sie wusste, ihre Mutter würde es nicht erlauben, aber ja, sie wollte es sehen. Unbedingt!

»Zur fünften Stunde beim großen Platz. Die Arbeiter dürfen die Fabriken sogar früher verlassen, um den Gesandten willkommen zu heißen. Meine Eltern wollen nicht hin, aber das ist mir egal.«

»Das wird nicht ungefährlich. Es werden viele Drohnen unterwegs sein«, bemerkte Rain.

»Ja, genau das haben meine Eltern auch gesagt. Aber wann kommt schon ein Gesegneter nach Grey?«

»Mmh.«

Die Kleine hatte recht.

»Also gehst du hin?« Rose grinste.

»Natürlich gehe ich.« Rain ließ sich von dem schelmischen Lächeln anstecken. Mit etwas Glück wäre sie vor ihrer Mutter wieder zu Hause, und Storm würde nicht einmal davon erfahren. »Dann ist es beschlossen«, verkündete die Kleine und tanzte von einem Bein aufs andere. »Wir gehen gemeinsam.«

»Tun wir das?«

»Natürlich. Wir sind doch jetzt Freunde, oder etwa nicht?«

Es war um Rain geschehen. Sie hatte das sonderbare Mädchen bereits in ihr Herz geschlossen, anders als Cassiopaio. Was war aus ihrem »Keine-Bekanntschaften-schließen«-Prinzip geworden? War sie wirklich so verzweifelt auf der Suche nach einem normalen Leben, dass sie alle Warnungen ihrer Mutter in den Wind schoss?

»Wir sind zumindest auf einem guten Weg dahin, Freunde zu werden«, erklärte sie zögernd. »Weißt du, Freunde muss man sich sehr gut aussuchen.«

»Das habe ich!«, verkündete Rose. »Aber du kannst dir gerne Zeit lassen.«

5.

LARKS KOPF GLÜHTE, als er auf das in die Tischplatte eingelassene TecDec starrte. Dort erschien die nächste Frage, während rechts in der oberen Ecke die Zeit ablief. 30. 29. 28. Wenn die Null erreicht war, würde die nächste Frage erscheinen, unabhängig davon, ob er sich für eine Antwort entschieden hatte oder nicht. 27. 26. 25. Verdammte Mutantenscheiße! Er konnte sich einfach nicht konzentrieren.

Mit dem Ärmel wischte er sich den Schweiß von der Stirn und versuchte die Frage noch einmal zu lesen, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, ohne ihm ihre Bedeutung zu verraten. Er konnte sich einfach nicht richtig konzentrieren.

»B«, hörte er Hail neben sich flüstern. Lark hob den Kopf und sah sie an. Sie starrte so konzentriert auf ihr TecDec, dass er glaubte, sie hätte mit sich selbst gesprochen.

Doch dann drehte sie sich um und sah ihn an. Nur für die Länge eines Wimpernschlages. Ihre Lippen formten ein lautloses »B«, und da war er sich sicher. Hail meinte ihn. Aber warum tat sie das? Sicher, sie kannten sich schon lange und waren Freunde, aber sie waren vor allem Konkurrenten. Konkurrenten, die um ein besseres Leben kämpften. Oder wollte sie ihn reinlegen? Aber warum würde sie dann riskieren, dabei erwischt zu werden? Das würde die Disqualifikation vom Test bedeuten.

10. 9. 8. Lark gab B ein, und es ging weiter. Dieses Mal erschien ein Bild. Innerhalb von 10 Schlägen musste er sich so viele Details wie möglich einprägen. Es wurde ein großer Platz mit einer Menschenmenge und zahlreichen umherfliegenden Drohnen gezeigt. Nach kurzer Zeit erschien ein auf den ersten Blick identisches Bild, aber Lark wusste, es gab minimale Differenzen. Menschen, die fehlten. Andere Tätowierungen. Nur Kleinigkeiten. Im Finden dieser Kleinigkeiten war er gut, eine Fähigkeit, die den Sentinal gefallen dürfte. Schnell tippte er die Änderungen an und fand alle in der vorgegebenen Zeit.

Es folgte eine weitere Wissensaufgabe zum Thema Genetik. Lark kaute auf seiner Lippe, während er in den Tiefen seines Gehirns nach einer Antwort suchte. Dieser Test war schwieriger als gedacht. Er wünschte sich, eine dieser Pillen zu haben, die sie in der Nähe der alten Stahlfabrik verkauften. »Brainshot« nannten sie die Kügelchen, mit denen man für kurze Zeit konzentrierter, wacher und aufnahmefähiger wurde. Lark wusste, dass einige seiner Mitschüler für die Pillen sparten, um bessere Klausurergebnisse zu erzielen.

Nein, er würde es auch so schaffen!

Sein Blick huschte kurz durch den Raum, als würde sich irgendwo ein Hinweis verstecken. An jedem Tisch beugte sich ein Schüler über den Bildschirm. Alles Einsen. Die Zweien durften nur bis zum vierzehnten Lebensjahr die Schule besuchen. Da sie keine Möglichkeiten auf einen sozialen Aufstieg hatten, wurden ihnen einige Fächer gar nicht erst zuteil. Fertigkeiten im Schreiben und Rechnen waren für sie nur bedingt notwendig, da sie hauptsächlich für einfache, manuelle Aufgaben in den Fabriken infrage kamen.

Bis auf das monotone Pumpen der Filteranlagen war es still im Raum. Die Lehrerin stand auf einer kleinen Empore und ließ ihren Blick über die Klasse schweifen, unterstützt wurde sie bei ihrer Arbeit von zwei für die Schule modifizierten WatchBots, die lautlos durch die Reihen glitten. Aus ihren silbern glänzenden Bäuchen ragten Kameras, die wie Augen aussahen. Sie machten es beinahe unmöglich zu betrügen, und trotzdem gab es immer wieder Schüler, die verzweifelt genug waren, es zu versuchen. Wenn man dabei erwischt wurde, wurde man zwar nicht gleich der Schule verwiesen, aber man bekam einen Eintrag in seine virtuelle Akte, und damit war jede Chance auf ein besseres Leben in einem anderen Zirkel vertan.

»E«, hörte Lark Hail murmeln. Er las sich die vorgeschlagene Antwort noch einmal durch. Ja, das war richtig, aber warum half Hail ihm?

In diesem Moment glitt eine der Drohne auf das Mädchen zu und fixierte sie mit ihren lidlosen Stielaugen. Hail verkrampfte sich sichtlich und starrte auf die Aufgaben vor ihrer Nase. Lark konnte sehen, wie ihr Gesicht rot anlief und ihre Hand zu zittern begann. Entspann dich, flehte er in Gedanken. Nervosität war verdächtig, doch je länger die Drohne vor ihr schwebte, desto aufgeregter wurde Hail. Sie war wie versteinert, nur ihre Hände zitterten vor Angst.

Lark musste etwas unternehmen. Er hustete, gefolgt von einem geräuschvollen Räuspern. Eines der Augen schwenkte zu ihm herüber, aber die Drohne verharrte weiterhin vor Hail. Er fummelte an seinem Ärmel, so als habe er dort etwas versteckt, doch die Drohne reagierte nicht.

Piep.

Die Zeit zur Beantwortung der nächsten Frage war abgelaufen, ohne dass Lark etwas eingegeben hatte. Damit wurde sie als Fehler gewertet, und die nächste Frage erschien.

Verdammt!

Er durfte sich jetzt nicht um Hail kümmern. Er musste an seine Familie denken. Er war ihr Ticket zu einem besseren Leben, ihre letzte Hoffnung, und er musste diesen Test bestehen. Nicht nur bestehen. Er musste einer der Besten sein.

Die nächste Aufgabe bestand aus einer Filmfrequenz aus der Sicht eines WatchBots, der eine Straße entlangflog. Immer wieder tauchten verschiedene Formationen auf. Er musste alle dreieckigen Formationen anklicken, die sie passierten. Außer die roten Dreiecke.

Hinter seiner Stirn rauschte das Blut, drückte von innen gegen seine Augen. Er blinzelte, während seine Pupillen den Bildern folgten. Im Augenwinkel sah er, wie Hail sich derselben Aufgabe stellte unter dem wachen Blick der Drohne.

Geschafft! Lark liebte Aufgaben, in denen es darum ging Konzentration und einen schnellen Geist zu beweisen.

Nur noch zwei Aufgaben. Ein Puzzle zusammensetzen. Nur noch eine. Eine Rechenaufgabe. Dann war es vorbei.

Eine schrille Klingel verkündete das Ende des Tests. Zeitgleich fror der Bildschirm der TecDecs ein, während alle gespannt auf die Ergebnisse warteten, die sogleich erscheinen würden.

»Hail. Lark. Folgt mir bitte.« Die Lehrerin, eine Eins, zeigte nicht den Hauch einer Emotion. Sie wartete nicht einmal eine Antwort ab, sondern drehte sich um und eilte voran.

Die Schüler warfen sich einen kurzen Blick zu und erhoben sich. Larks Herz schlug ihm bis zum Hals, als sie ihr ohne ein Wort zu sagen zur Tür folgten. Er hörte das Tuscheln seiner Kameraden, doch er wagte es nicht, jemandem in die Augen zu sehen.

Was würde nun geschehen? Larks Gedanken rotierten und gingen verschiedene Szenarien durch. Diszipliniert werden? Die körperliche Bestrafung in Schulen war schon vor Jahren abgeschafft worden, aber es gab andere Strafen, härtere. Man konnte von der Schule verwiesen werden oder einen Vermerk bekommen, der den Traum von einem Leben außerhalb von Grey zerplatzen lassen würde. Für immer.

Der Widerhall ihrer Schritte wurde von den Wänden zurückgeworfen und gab den Takt vor für das aufgeregte Schlagen ihrer Herzen. Lark versuchte, mit seiner Freundin Blickkontakt aufzunehmen, doch sie starrte nur auf die Spitzen ihrer Füße.

Er berührte sie flüchtig am Arm, doch sie reagierte nicht. Vermutlich bereute sie es, ihm geholfen zu haben. Lark ahnte, was ihnen als Nächstes bevorstand, wenn man sie des Betruges bezichtigen würde: Ein Verhör und eine körperliche Untersuchung nach Beweisen. Oder war das gar nicht nötig? Vielleicht hatten die Drohnen ihren Betrug auch auf Video aufgezeichnet. Dann würde man kurzen Prozess mit ihnen machen.

»Schülerin Hail, hier rein«, wies die Lehrerin sie an und deutete auf eine Stahltür. Hails Hände krallten sich vor Anspannung in den Saum ihrer Uniform, und Lark bemerkte, wie ihre Lippen zitterten. Er wollte ihr etwas sagen, ihr irgendwie Mut machen, doch es fehlten ihm die Worte. Seine Zunge lag nutzlos im Mund und bewegte sich nicht.

Er sah, wie sie Luft holte, sich eine rebellische Haarlocke hinter das Ohr kämmte und in den angewiesenen Raum trat.

»Schüler Lark.« Die Lehrerin bedeutete ihm zu folgen. Sie war eine strenge, kühle Frau, die folgsam ihre Pflicht erfüllte. Sie hatte mehr mit einer Drohne gemeinsam als mit einem Menschen. »Hier herein.«

Ihrem Gesicht, welches genau einen Ausdruck kannte, war das Schicksal, welches Lark erwartete, nicht abzulesen. Er holte tief Luft, strich seine Uniform glatt und betrat den Raum.

Ein Sentinal erwartete ihn bereits, und wie immer, wenn Lark einen der Wächter sah, beschleunigte sich sein Herzschlag.

Würde man ihn verhaften?

Der Sentinal trug eine schwarze Uniform bestehend aus festem Stoff und leichten, aber effektiven Schutzplatten. Sein Gesicht war durch eine blickdichte Maske verborgen, sodass Lark keine Chance hatte, sein Gegenüber zu erkennen. Er drückte die Schultern durch und richtete seinen Blick ins Leere.

»Setz dich, Schüler Lark.«

Die Stimme klang verzerrt durch den Sprachfilter des Helmes.

Lark schluckte, während er dem Befehl Folge leistete.

Rain hatte selbst genähte Tücher ihrer Mutter dabei, um sie zu tauschen. Ihr Ziel war eine Bäckerei in der Nähe einer Stahlindustrieanlage. Um diese Zeit war dort nicht viel los, denn die Arbeiter kamen erst nach der Schicht zum Einkaufen. Sie schob sich an einer Plane vorbei, die den Eingang abschirmte, öffnete die Tür und stieß beinahe mit einem DustBot zusammen, der emsig durch den Raum flog.

»Hallo Rain.« Die Bäckerin sah kurz auf, berührte mit ihren Fingern die Stirn und hinterließ eine Mehlspur an der Stelle. »Was hast du zum Tauschen?«

Cup verschwendete keine Zeit mit Höflichkeiten und kam wie gewohnt direkt auf den Punkt. Rain war das nur recht. Smalltalk auszutauschen lag ihr nicht, denn sie befürchtete dabei immer, enttarnt zu werden.

Ihre Mutter und sie hatten meistens nicht genug Credits, kleine Platten, die in ganz Hope als Währung benutzt wurden. Also zog sie zwei Tücher aus der Tasche und legte sie auf den Tresen.

»Hübsch. Gute Handarbeit. Aber nutzlos. Ich glaube nicht, dass sich meine Kunden dafür interessieren werden.«

Trotzdem holte Cup einen Brotlaib vom Vortag unter dem Tresen hervor und packte ihn ein. Dann legte sie noch ein paar duftende Brötchen dazu.

»Dein unnützes Zeug hier, und du bringst meine Kühlzelle zum Laufen. Sind wir im Geschäft?«

Etwas reparieren zu lassen war teuer. Etwas neu zu kaufen noch teurer. Also bot Rain ihr Können an im Austausch für das, was sie brauchte. Sie war auf jeden Fall unschlagbar günstig, und sie liebte es, Dinge in Ordnung zu bringen.

»Deal.«

Ein flüchtiges Lächeln huschte über das rote Gesicht der Bäckerin, so schnell, dass Rain sich nicht sicher war, ob sie es sich eingebildet hatte.

»Gut. Dann komm mit.«

Rain folgte ihr in den hinteren Teil des Ladens und packte ihr Werkzeug aus, welches sie in einer verbeulten Gürteltasche bei sich trug.

Die Kühlzelle zu reparieren war nicht weiter schwierig. Zufrieden rieb Rain sich die Hände, als die Arbeit getan war. Sie zeigte der Bäckerin die ausgetauschten Schrauben und geflickten Kabel, die zufrieden mit dem Kopf nickte, als die Kühlzelle mit einem Summen zum Leben erwachte.

»Ich hätte gerne noch einen Kaffee«, sagte Rain in der Hoffnung, dass die Bäckerin gnädig gestimmt war.

»Und wie gedenkst du, zu bezahlen? Ich verschenke nichts.« Cup stöhnte und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.

Wortlos legte Rain eine Kette bestehend aus Leder und Stoffkordeln auf den Tisch.

»Hübsch und genauso nutzlos. Dein Armband gefällt mir.«

»Das steht nicht zum Verkauf«, sagte Rain, ohne zu zögern, und fuhr mit den Fingerspitzen über den Regenstein, den sie zum Geburtstag bekommen hatte. Die Menschen in Hope feierten ihre Geburtstage nicht. Sie feierten den Tag, an dem sie ihre Tätowierung erhielten und damit ihren Platz in der Gesellschaft. Da Rain nie eine bekommen würde, war für Storm und sie ihr Geburtstag ein kleiner Freudentag.

»Dann verschwinde, Mädchen.«

»Warte. Bei deiner Drohne funktioniert die Tarierung nicht richtig.« Rain ging zu der Maschine, die ein schrilles Pfeifen von sich gab, als sie auf den Kopf gedreht wurde. »Wenn das so weitergeht, kann sie nicht mehr so effizient arbeiten und verschleißt schneller. Ich könnte sie reparieren.«

Glücklicherweise gingen Dinge in Grey schnell kaputt, was Rain immer genügend Arbeit verschaffte.

»Na dann.« Ohne aufzusehen, nahm die Bäckerin die Kette und stellte ihr einen Kaffee auf den Tresen. Sie legte sogar einen leicht verbrannten Tassenkuchen dazu, während Rain den piependen DustBot deaktivierte.

Auch wenn sie Rains Tauschobjekte meistens als nutzlos beschimpfte, nahm Cup sie stets an. Ihre Mutter hatte gehört, dass der Vater der Bäckerin eine Drei gewesen war und sie daher ein Herz für Menschen mit schlechten Genen hatte. Von diesem Herzen war meistens nicht viel zu spüren, aber immerhin gab sie ihnen Essen.

»Bring mir das nächste Mal wieder Taschen oder Mützen«, murmelte Cup, während Rain die Tarierung der Drohne ausglich.

Der Kaffee duftete herrlich, und Rain beeilte sich, ihn zu trinken. Sie nahm einen kräftigen Schluck, schob die bittere, heiße Flüssigkeit in ihrem Mund hin und her, um sie vor dem Schlucken richtig zu genießen. Dann nahm sie den nächsten Zug. Je länger sie wartete, desto mehr würde der Kaffee nach Grey schmecken. Und Smog schmeckte nicht wirklich gut.

Als sie zu Hause war, erfolgte als Erstes der routinemäßige Gang zur Dusche, um sich vom gröbsten Staub zu befreien. In Grey war es normal, sich mehrmals am Tag zu waschen, im Prinzip jedes Mal, wenn man nach Hause kam.

Rain sprang schnell unter die Dusche und drehte den Hahn auf. Als ein Schwall kaltes Wasser herausschoss, fluchte sie und presste sich an die Wand. Es sah ganz so aus, als hätte sie erneut Pech. Vorsichtig streckte sie einen Fuß unter den Strahl, um sich langsam an die Kälte zu gewöhnen. Ein Kribbeln zog sich bis zu ihren Haarspitzen hinauf. Sie kniff die Augen zusammen und hielt ihren Kopf unter die Dusche. Da das Fluchen die Kälte erträglicher machte, schimpfte sie laut, während sie sich die Haare rubbelte: »Kallisto!« und »Listo Kallisto!«

So schnell wie möglich erledigte sie die lästige Routine, schaltete das Wasser ab und ließ sich trocken pusten. Ihr Trockner war nicht mehr besonders leistungsstark und stöhnte bei seiner Arbeit so laut, dass es in ihren Ohren schmerzte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Rain nicht mehr vor Kälte zitterte.

In ihrem Zimmer erwartete Cassiopaio sie bereits zwischen den Kissen in der Hängematte. Der Kleine hatte es geschafft, durch irgendein Rohr oder eine Öffnung in die Wohnung zu schleichen, denn Storm war nirgends zu sehen. Dafür sah die Hängematte wie ein Schlachtfeld aus. Sie war nicht nur eingerußt, sondern mit Erde und den stinkenden Überresten von Pis Mittagessen beschmiert.

»Pi«, stöhnte Rain.

Sie legte ihre Einkäufe in einen silbern glänzenden Behälter, der Essen frisch hielt und vor den Staubpartikeln schützte. Vor allem aber schützte er vor hungrigen Fuchsmangusten, die sich nicht schämten, alles anzuknabbern, was offen herumlag.

Rain war erleichtert, dass ihre Mutter noch nicht da war. So musste sie ihr nicht erzählen, was sie später noch vorhatte.

6.

»ICH DACHTE WIRKLICH, sie hätten uns erwischt«, sagte Lark zum wiederholten Mal und schüttelte fassungslos den Kopf. Sie saßen auf einem Gerüst am Kanal, durch den dunkle, nach Motorenöl riechende Brühe floss. Auf dem Wasser schwammen Dunstwolken, die nur hin und wieder einen Blick auf den Strom darunter gewährten. »Ich dachte, er würde mich verhaften. In Gedanken habe ich mich schon in den Minen von Pitch gesehen.«

Hail war ungewöhnlich still.

»Alles in Ordnung?«, hakte Lark nach. Sie hatte ihm versichert, dass auch ihr Gespräch gut verlaufen war, aber ihr Gesicht sagte etwas anderes. Ob sie es bereute, sich seinetwegen in Gefahr begeben zu haben?

»Alles gut«, bestätigte sie und verzog ihre Lippen zu einem schwachen Lächeln. »Ich freu mich für dich. Das ist deine Chance, Lark!«

»Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.« Eigentlich wollte er am liebsten nach Hause rennen und seiner Familie davon erzählen, aber im Moment konnte er es selbst noch nicht glauben. »Warum hast du mir geholfen, Hail? Wenn sie uns wirklich erwischt hätten… Du hast alles riskiert.«

Das Knattern eines Motors wurde lauter und brachte den grauen Schleier über dem Wasser zum Vibrieren.

»Du sahst so aus, als könntest du etwas Hilfe brauchen.« Hail versetzte ihm einen freundschaftlichen Hieb mit dem Ellbogen. »Also bedanke dich lieber bei deiner Retterin.«

Er tat wie verlangt und presste die Finger seiner rechten Hand an sein Herz.

»Oh Hail, du mutigste und cleverste aller Einsen! Ich stehe auf ewig in deiner Schuld.«

Dank ihrer Hilfe hatte er es geschafft. Seine Leistungen im Test waren so gut gewesen, dass er seinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen war. Man hatte ihn als Anwärter für die Sentinalschule vorgeschlagen. Eigentlich sollte er sich freuen, aber im Moment kam es ihm noch wie ein Traum vor.

»Kein Thema. Hab ich gerne gemacht.« Hail legte ihren Handrücken auf seinen. Da Berührungen generell vermieden wurden, war diese Geste schon ungewöhnlich vertraut. Der Handrücken wurde als weniger keimbelastet erachtet als die Handinnenfläche und konnte daher für intime Berührungen benutzt werden. »Du kommst vielleicht aus diesem Dreckloch raus, Lark.«

»Ja.«

»Ich hab immer gesagt, du bist zwar in Asche geboren, doch du wirst nicht in Asche sterben.« Hail löste ihren Zopf und ließ die Locken im Wind wild durcheinandertanzen. Eigentlich waren sie blond, aber die Luft hatte sie grau gefärbt. Nur vereinzelt schimmerte noch eine goldene Strähne hindurch.

»Noch steht nichts fest.« Es gab eine letzte Hürde.

»Die medizinische Untersuchung.« Hail nickte.

Der Rumpf eines Bootes schnitt durch das Wasser. Es erinnerte mehr an eine Blechschale mit Motor. Zwei magere Jungs saßen in dem verrosteten Bauch und fischten in der Brühe nach Müll, den sie zu Geld machen konnten. Sie stocherten mit Stäben im Wasser. Wenn sie etwas fanden, zogen sie es mit bloßen Händen heraus. Nicht selten kam es dabei zu Verletzungen an den scharfen Kanten oder zu Bissverletzungen durch aufgescheuchte Kanalratten. Lark konnte die Hände der Jungen nicht sehen, aber es würde ihn nicht wundern, wenn sie mit Narben übersät waren oder der ein oder andere Finger fehlte. Nur die Ärmsten der Armen wurden zu Müllfischern. Vielleicht waren es Waisen oder Ghosts, doch durch die Nebelschwaden war es schwer zu sagen, ob sie ein Tattoo hatten oder nicht.

»Ich hab gehört, in Aventin ist die Luft so sauber, dass man bis zum Horizont sehen kann.«

»Und die Sonne ist so hell, dass man nicht hineinsehen kann, ohne zu erblinden.«

»Und es gibt Straßen aus Gold«, sagte Hail.

»Und süßen Kaffee, der aus Brunnen fließt«, ergänzte Lark. »Und Kuchen, so viel man essen kann.«

Er drehte sich zu Hail um und blickte in ihre großen Augen, die in diesem Moment vor Freude leuchteten. Sie brachen beide in Gelächter aus, als endlich die Anspannung abfiel.

»Weißt du, was mich traurig macht?« Hails Gesichtszüge verdüsterten sich wieder, und sie sah ihn mit ernstem Blick an.

»Was denn?«

»Wenn wir es schaffen sollten, wenn wir hier rauskommen, dann werden wir uns vielleicht nie wieder sehen.«

»Ach was. Ich werde mich für White Pearl einteilen lassen und für deine Sicherheit zuständig sein, wenn du erst einmal Forscherin bist«, scherzte Lark.

»Ja, das wäre schön.«

»Hey, denk daran. Wir werden nie wieder Hunger haben und uns täglich die Bäuche mit Kuchen vollschlagen.«

»Ein schöner Traum.« Hail lächelte, aber der Glanz war aus ihren Augen gewichen.

Sie sahen den Müllsammlerjungen dabei zu, wie sie ein altes Getriebe aus dem Wasser hievten.

»Was haben sie dir denn genau gesagt?«, fragte Lark noch einmal nach. »Wirst du auch in eine andere Klasse kommen? Zu den Wissenschaftsstrebern?«

Die Anwärter kamen in spezielle Begabtenklassen, in denen sie auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet wurden. Die Anwärter der Naturwissenschaften, die hofften, es nach White Pearl zu schaffen, um dort an der Forschung in der Genetik und Medizin mitzuwirken. Sie hoben sich auf dem Schulhof durch ihre weißen Kittel von den anderen ab, sie verdeutlichten ihre gehobene Stellung. Es gab nicht viele, die aus Grey für eine derart anspruchsvolle Aufgabe in Frage kamen. Neben den Naturwissenschaftsklassen gab es noch Begabtenklassen für Technik und Drohnenkunde, die Anwärter hofften ebenfalls, nach White Pearl zu kommen, um dort an neuen Maschinen mitzuwirken. Als Letztes gab es die Sentinalanwärter, die zu allem bereit waren, um für die Ausbildung in Black Shell angenommen zu werden.

»Wenn ich den medizinischen Test bestehe, darf ich den weißen Kittel tragen. Mach dir keine Gedanken. Das schaffe ich schon.« Hail band die Haare wieder zusammen und stand auf.

»Ich weiß, dass du es schaffst. So ein blöder Test wird uns nicht von unserer Bestimmung abhalten.«

»Richtig.« Sie legte ihren Kopf schief. »Ich hätte gerne Zitronenkuchen. Denk daran, wenn du in Aventin bist.«

»Den sollst du haben.« Lark strich mit seinem Handrücken über ihren, als könne er damit ihre ernste Miene vertreiben.

»Jeden Tag«, ergänzte sie.

»Das kriegen wir hin.« Er drückte seine Finger an die Brust. »Wir werden nicht in Asche sterben. Wir werden irgendwann, wenn wir alt und dick sind, an einem Zitronenkuchen ersticken.«

Bei diesem Versprechen kehrte endlich das Funkeln in ihre Augen zurück, und sie lächelte ihn an.

Der große Platz war kaum wiederzuerkennen. Für die Ankunft des Gesegneten waren Girlanden aufgehängt worden, und Blumenarrangements schmückten die Hauswände, die der Gegend ein wenig Farbe verliehen. Es hatten sich viele Leute versammelt, die der Ankunft des Gesegneten beiwohnen wollten. Über ihren Köpfen schwirrten die Drohnen wie glänzende Vogelschwärme. Sie reflektierten das wenige Licht der schwach scheinenden Sonne, als seien sie extra für diesen Anlass poliert worden. So viele auf einem Fleck hatte Rain noch nie gesehen, und beinahe bereute sie es, hergekommen zu sein. Zumal neben den WatchBots auch gepanzerte, schwer bewaffnete WarBots zu sehen waren.

Die Angst rauschte durch ihren Körper und schärfte ihre Sinne.

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