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Die Psoas Lösung

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Vorwort

Abkürzungen

Einleitung

Kapitel 1

Funktionelle Anatomie des M. psoas

Ursprünge und Ansätze des M. psoas

Gelenkbewegung und -zentrierung

Funktionelle Anatomie des M. psoas

Kapitel 2

Dreidimensionale Atmung

Anatomie der dreidimensionalen Atmung

Biomechanik der dreidimensionalen Atmung

Beckenkippung

Entwicklung der dreidimensionalen Atmung

Häufige Atmungsdysfunktionen

Kapitel 3

Stabilisierung des Thorax-Beckenzylinders (TPC)

Core-Anatomie

Core-Stabilisierung

Training der motorischen Kontrolle und korrektive Übungen

Happy Baby

Heel Drop

Pull-over

Pull-over mit Heel Drop

Abgewandelter Dead Bug

Abgewandelter Wall Plank (Wandstütz)

Abgewandelter Wall Plank mit Hüftbeugung

Knee Pull-in (Knieanziehen) mit Ballunterstützung

Häufige Anzeichen für eine Dysfunktion beim Knee Pull-in mit Ballunterstützung

Kapitel 4

Squat und Deadlift

Einleitung

Verbesserung der Hüftstreckung während Squatting und Deadlifting

Verbesserung der Funktion von M. psoas und den Gesäßmuskeln während Squatting und Deadlifting

Squat

Split Squat (Einseitige Kniebeuge)

Split Squat mit angehobenem hinterem Bein

Single Leg Squat (Einbeinige Kniebeuge)

Deadlift (Kreuzheben)

Kapitel 5

Ausfallschritt (Lunge)

Einleitung

Ausfallschritt nach vorne

Ausfallschritt nach hinten

Weitere Steigerungen des Ausfallschritts

Kapitel 6

Beugung

Einleitung

Vorbeuge

Hip Hinge (Hüftbeugung)

Roll-up

Seitbeuge

Carrying-Bewegungsmuster (Trageübungen)

Kapitel 7

Streckung (Extension) von Wirbelsäule und Hüfte

Einleitung

Prone Lengthen (Verlängern in Bauchlage)

Rückbeuge

Hip Hinge Bridge

Marching Bridge und Single-leg Hip Hinge Bridge

Hip Thrust (Hüftstoß)

Bird-Dog

Side Lying Iso Hip Extension

Den Psoas dehnen

Schlussbetrachtung

Anhang

I:Beurteilung des Psoas

II:Beurteilung der neutralen Ausrichtung und der Haltung

III:Aufhängung

IV:Der Beckenboden und seine Beziehung zum Psoas

V:Die Rolle des Psoas beim femoro-acetabulären Impingement (FAI) und bei Pathologien des Labrum glenoidale der Hüfte

VI:Sitzen

VII:Korrektive Übungen

Glossar

Bibliographie

Dieses Buch ist all den wunderbaren Menschen gewidmet, die mir Gelegenheit gaben, zu experimentieren, zu entdecken und vor allem zu lernen.

Danke, dass Sie mir Ihre Gesundheit anvertraut haben.

Danksagung

Ich möchte mich bedanken bei:

Meinem Herausgeber Jon – es ist eine Freude, mit dir zu arbeiten, und es ist ein großes Glück für mich, dir beruflich verbunden zu sein. Danke für die Chancen und die kreative Freiheit, meine Botschaft niederschreiben und weitergeben zu können.

Gretchen — ich glaube nicht, dass es deine Absicht war, mein Coach zu werden, nachdem du mein erstes Buch konstruktiv kritisiert hattest, dennoch kam es dazu, nachdem du mir bei der Ordnung meiner vielen Einzelideen und -gedanken und deren Formulierung geholfen hast, sodass andere hoffentlich daraus etwas lernen und Kompetenz erwerben werden. Danke für deine Anleitung, deine freundliche (und zeitweise auch weniger freundliche) Ermutigung und deine unerschütterliche Unterstützung in den letzten Jahren. Durch unsere Zusammenarbeit hat sich meine Art zu schreiben und zu lehren für immer verändert.

Meiner unglaublich liebevollen und unterstützenden Frau Jenice – du gibst mir jede Unterstützung, du bist mein Fels in der Brandung und forderst mich jeden Tag dazu heraus, mein Bestes zu geben. Du bereicherst jeden einzelnen Tag meines Lebens, weil du ein Teil davon bist.

Ich glaube, für lebenslanges Lernen und Wachsen braucht es Demut. Wenn man sich selbst als klüger oder wissender als alle anderen betrachtet, wird es einem an dem Anreiz fehlen, sich die klügsten Menschen im gewählten Tätigkeitsbereich zu suchen und von ihnen zu lernen. Ich möchte einige wenige der vielen brillanten Menschen nennen und mich bei ihnen bedanken, mit denen ich die Ehre hatte, zu studieren und von ihnen im Lauf der Jahre zu lernen. Diese Personen sind einige der wahren Genies in dieser Branche, und wenn ich von ihnen lerne, werde ich immer wieder an das berühmte Zitat von Sir Isaac Newton erinnert: »Dass ich weiter blicken konnte, war nur möglich, weil Größere mich auf ihre Schultern genommen haben.« Auch wenn die folgende Liste keinesfalls vollständig ist, gehören zu diesen Personen: Dr. Linda-Joy Lee, Diane Lee, Shirley Sahrmann, Karel Lewit, Vladimir Janda, Pavel Kolar und die Lehrer der Prager Schule Dr. Paul Hodges, Gwendolyn Jull, Carol Richardson, Julie Hides und Sean Gibbons. Die Möglichkeit, von diesen Persönlichkeiten zu lernen, lässt mich demütig bleiben. Ihre Beiträge sind im gesamten Buch spürbar.

Evan Osar

Vorwort

Wenn Sie dieses Buch gekauft oder als Geschenk erhalten haben, gehören Sie wahrscheinlich in eine der beiden folgenden Kategorien:

1.Sie sind Chiropraktiker, Arzt, Physiotherapeut, Fitnessexperte oder manueller Therapeut und arbeiten mit Menschen, die Probleme mit dem unteren Rücken, dem Becken und/oder der Hüfte haben, von denen Sie annehmen, dass sie mit dem Psoas-Muskel zusammenhängen.

Ich hoffe, dass dieses Buch Ihren aktuellen Wissensstand erweitern wird und, was noch wichtiger ist, Ihnen einige praktische Informationen liefern wird, die Ihnen bei der Arbeit mit den Klienten oder Patienten mit chronischen Haltungs- und Bewegungssyndromen in Zusammenhang mit dem Psoas-Muskel helfen werden sowie bei Ihrer Arbeit mit Personen, die ihren Körper weiterhin auf hohem Funktionsniveau halten wollen.

2.Sie leiden unter chronischen Problemen im unteren Rücken, im Bereich von Becken und Hüfte, und Ihr Chiropraktiker, Arzt, Physiotherapeut, Fitnessexperte oder Masseur hat Ihnen gesagt, die Ursache für Ihre Probleme sei der Psoas-Muskel.

Ich hoffe, Sie werden dieses Buch hilfreich finden. Auch wenn ich jedoch alle Methoden und Strategien, die hier vorgestellt werden, bei meinen eigenen Patienten anwende, kann ich leider nicht dafür garantieren, dass Sie die Lösung für Ihr individuelles Problem in diesem Buch finden werden. Ihr Gesundheitsberater kann feststellen, ob die Informationen in diesem Buch für Ihre Situation anwendbar sind. In diesem Fall und wenn Sie gewissenhaft sind, Geduld haben und die für Sie relevanten Informationen nutzen, wird Ihnen dieses Buch hoffentlich helfen, eine optimalere Haltung und optimalere Bewegungsgewohnheiten zu entwickeln.

Über »Die Psoas Lösung«

Das vorliegende Buch präsentiert eine Zusammenstellung der aktuell verfügbaren Informationen über den M. psoas, in Verbindung mit klinischen Nachweisen und praktischen Anwendungsbeispielen. Die Absicht ist nicht, Ihnen schnelle Lösungen für Ihre eigenen bzw. die Haltungs- oder Bewegungsdysfunktionen Ihrer Klienten/Patienten oder für chronische Probleme im unteren Rücken, Becken und/oder der Wirbelsäule zu bieten. Wie im echten Leben ist die Entwicklung einer optimaleren Haltungs- oder Bewegungsstrategie oder die Verbesserung chronischer Probleme eher der Weg als das Ziel. Die Lösung findet sich auf diesem Weg, bei der Entdeckung eigener Gewohnheiten und dem Erkennen wirksamer Strategien mit dem Ziel einer optimalen Haltung und Bewegung. Auch wenn dieser Weg häufig ein erfolgreiches Ende findet, führt er nicht immer zum Erreichen der Gesundheits- und Fitnessziele, die man sich gesteckt hat oder zu einer völligen Beseitigung von Verhärtungen, Schmerzen oder Dysfunktionen.

Erfolge bei der Verbesserung der Haltung, der Bewegung und der gesamten Gesundheit spiegeln – genau wie Misserfolge – häufig das eigene Leben wider. Sie sind das Ergebnis einer komplexen und miteinander verwobenen Reihe von Faktoren. Optimale Gesundheit und Funktion sind, anders ausgedrückt, häufig eine Kombination vieler Faktoren und hängen nicht immer mit den Dingen zusammen, die oberflächlich als ursächlich erscheinen.

Die Haltungs- und Bewegungsstrategie einer Person sowie ihre nicht-optimalen Gewohnheiten, die zu ihrer muskuloskelettalen Dysfunktion beitragen, hängen immer mit vielfältigen Faktoren zusammen wie (aber nicht beschränkt auf) ihrer Krankheitsgeschichte, der Art Ihrer Beschäftigung, Ihrem Aktivi-tätsniveau, Ihren Ruhezeiten, Erholungsphasen, Ihrem Sport (oder dessen Fehlen), Ihrer Ernährung und genetischen Veranlagung. Ebenso werden sie durch vielfältige psychosoziale Faktoren beeinflusst wie Emotionen, Motivation, Zielsetzung, Überzeugungen und dem Vorhandensein oder Fehlen eines unterstützenden Systems. Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, umfassend zu ermitteln, was letztlich der Auslöser für die Probleme einer Person ist, körperlich, physiologisch oder psychisch, oder was bei manchen Menschen verhindert, dass sie ihre persönlichen Ziele hinsichtlich ihrer Gesundheit oder Fitness erreichen, um dann zu bestimmen, mit welcher Art von Therapeut sie am besten arbeiten sollten.

Dieses Buch verfolgt drei Ziele:

1.Es soll Ihnen helfen, die funktionelle Anatomie des M. psoas und dessen Verbindung mit Haltung und Bewegung zu entdecken sowie wahrzunehmen.

2.Es soll Ihnen helfen, die häufigen Anzeichen zu erkennen und zu besprechen, die mit einem nicht-optimalen Einsatz des M. psoas bei Haltung und Bewegung verbunden sind.

3.Es soll ein korrektives und fortschreitendes Übungsprogramm entwickelt werden, das sich auf das Muskelsystem stützt und die drei Schlüsselprinzipien einbindet, die mit der Entwicklung und dem Erhalt einer optimalen Haltung und Bewegung verbunden sind.

Wenn Sie beruflich auf dem Gesundheits- oder Fitness-Sektor tätig sind, werden Sie in diesem Buch wahrscheinlich etwas entdecken – hoffentlich sogar mehrere Dinge –mit denen Sie Ihren Klienten oder Patienten dabei helfen können, ein positives Ergebnis zu erzielen. Durch das Verständnis und die Anwendung der Begriffe und Prinzipien, die im vorliegenden Buch besprochen werden sowie durch deren Einbindung in Ihren aktuellen Behandlungsansatz, mit dem Sie bereits Erfolg hatten, werden Sie zweifellos vielen Personen dabei helfen können, eine optimalere Haltungs- und Bewegungsstrategie zu entwickeln, sodass diese ihre Gesundheits- und Fitnessziele erreichen können.

Falls Ihnen persönlich gesagt wurde oder Sie vermuten, dass Sie ein Problem mit dem Psoas-Muskel haben und Sie dieses Buch entweder geschenkt bekommen oder sich selbst in der Hoffnung gekauft haben, darin Hilfe zu finden, sollte Ihnen klar sein, dass die darin enthaltenen Informationen zumindest Grundkenntnisse der Anatomie und der Übungen voraussetzen. Versuchen Sie keine der Übungen, ohne vorherige Absprache mit Ihrem Gesundheitsberater, damit Sie wissen, dass die Information für Ihre persönliche Situation auch geeignet und anwendbar ist. Ich hoffe, dass dieses Buch Sie auf dem Weg zur Erreichung Ihrer persönlichen Gesundheits- und Fitnessziele unterstützen wird.

Packen wir es an …

Abkürzungen

APT

anterior pelvic tilt (Rotation des Beckens nach vorne)

CES

corrective exercise strategy (korrektive Übungsstrategie)

DDD

degenerative disc disease (degenerative Bandscheibenerkrankung)

DJD

degenerative joint disease (degenerative Gelenkerkrankung/Arthrose)

DMS

deep myofascial system (tiefes myofasziales System)

EMG

Elektromyographie

FAI

femoro-acetabuläres Impingement

FPR

frontal plane rotation (Rotation in der Frontalebene)

GERD

gastroesophageal reflux disease (Refluxkrankheit)

GMax

M. gluteus maximus

GMin

M. gluteus minimus

GMed

M. gluteus medius

ITB

iliotibiales Band (Tractus iliotibialis)

IMSTM

Integrative Movement SystemTM

LBP

low back pain (Schmerzen im unteren Rücken)

PMj

M. psoas major

PMn

M. psoas minor

PPT

posterior pelvic tilt (Rotation des Beckens nach hinten)

SIAS

Spina iliaca anterior superior

SIPS

Spina iliaca posterior superior

SMS

superficial myofascial system (oberflächliches myofasziales System)

SPR

sagittal plane rotation (Rotation in der Sagittalebene)

TFL

M. tensor fasciae latae

TLJ

thoracolumbar junction (thorakolumbaler Übergang)

TPC

thoracopelvic cylinder (Thorax-Beckenzylinder)

TPR

transverse plane rotation (Rotation in der Transversalebene)

Einleitung

»Ich habe nie zugelassen, dass meine Ausbildung schwerer wiegt als meine Erfahrung.«

Mark Twain (zugeschrieben)

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Ich erinnere mich noch so genau daran, als sei es gestern gewesen. Vor etwa 18 Jahren, zu Beginn meines ersten oder zweiten Praxisjahres, arbeitete ich mit einer beachtlichen Anzahl von Chicagos Profi-Tänzern im Rahmen meines ersten Jobs nach Abschluss der Chiropraktikerschule – mit Mitgliedern von Hubbard Street Dance Chicago, der Joffrey Ballet Company und mehreren kleineren professionellen Tanzensembles. Eine Voraussetzung für einen eindringlichen und schönen Tanz ist der volle – und häufig auch übermäßige – Bewegungsumfang in der Hüftstreckung, um typische Positionen wie die Arabesque und das Grand battement ausführen zu können. Wenn ich die Tänzer, die zu mir kamen, fragte, auf welchen Bereich ich mich während der Behandlungssitzung konzentrieren sollte, waren die Hüftbeuger übereinstimmend der häufigste Bereich, in dem sie über Verhärtungen klagten und mehr Flexibilität brauchten.

In der Ausbildung hatte ich etwas über das untere gekreuzte Syndrom gelernt – eine Haltung, die durch eine übermäßige Kippung des Beckens nach vorne und eine erhöhte Lumballordose gekennzeichnet ist. Auf diesen Begriff wurde in praktisch jedem Artikel eingegangen, den ich über Schmerzen im unteren Rücken las sowie in Fortbildungen, an denen ich teilnahm. Ich führte die Befunderhebungen so durch, wie ich sie in der Ausbildung und in den verschiedenen Fortbildungen gelernt hatte, dabei stellte ich bei jedem Tänzer eine Kippung des Beckens nach vorne und eine Hyperlordose fest.

Ich war überzeugt davon, für die Hüftprobleme dieser Tänzer eine Lösung zu haben: eine Dehnung der Hüftbeuger (insbesondere des M. psoas, denn dies war, wie ich gelernt hatte, der Muskel, der am häufigsten für eine Verhärtung im vorderen Hüftbereich verantwortlich ist) und eine Kräftigung der Gesäßmuskeln. Schließlich hatte ich gelernt, dies sei »die Patentlösung« für das untere gekreuzte Syndrom und für die häufigsten Ursachen von Schmerzen im unteren Rücken. Wenn ich den Thomas-Handgriff durchführte (siehe Anhang I: Untersuchung des M. psoas), bekam ich jedoch häufig gemischte Informationen. Beim Thomas-Handgriff würde man erwarten, einen verkürzten M. psoas zu finden, wenn die Person eine Kippung des Beckens nach vorne und eine Hyperlordose in der Lendenwirbelsäule aufweist. Das entsprach jedoch nicht meinen Befunden: Im Gegensatz zu dem, was ich gelernt hatte, wies beinahe jeder Tänzer, den ich untersuchte, einen verlängerten M. psoas auf.

Da ich noch zu wenig klinische Erfahrung hatte, auf die ich mich stützen konnte, und viel zu großes Vertrauen in meine Untersuchung der Haltung und die Selbsteinschätzung der Tänzer, die ihre Hüftbeuger als »wirklich fest« empfanden, nahm ich an, ich würde etwas übersehen und ließ sie weiterhin den Psoas-Muskel und die anderen Hüftbeuger dehnen. Zusätzlich ließ ich sie Übungen für den M. gluteus maximus zur Kräftigung der »schwachen« und »inhibierten« Antagonisten des M. psoas durchführen. Soweit ich es zur damaligen Zeit beurteilen konnte, hatte ich mit diesem Vorgehen gemischte Erfolge. Einige Tänzer fühlten sich anschließend großartig und wollten diese Behandlung fortsetzen, andere jedoch berichteten über vermehrte Verhärtungen im hinteren Hüftbereich und im unteren Rücken. Ich schrieb dies der Tatsache zu, dass wir die Muskeln wahrscheinlich nicht ausreichend gedehnt oder gekräftigt hatten und dass sie wohl noch ein oder zwei weitere Behandlungen brauchten.

Leider wandte ich diese Strategie eines Tages bei einer Tänzerin mit chronischen Verhärtungen in der Hüfte und Missempfindungen im unteren Rücken an, worauf sie nach der Behandlung vermehrte Beschwerden im unteren Rücken hatte. Sie konnte an diesem Abend nicht auf die Bühne, und es dauerte Wochen, bis sie nach der Behandlung wieder tanzen konnte. Überflüssig zu sagen, dass sie in der Folge kein großes Vertrauen in meine Dienste hatte. In meiner Privatpraxis begannen mehr und mehr Patienten, ähnliche Geschichten zu berichten. Ich erinnere mich etwa in dieser Zeit an die Fälle von zwei Patienten, die das Gefühl hatten, nach der Behandlung, bei der ich ihren M. psoas gedehnt hatte und sie die Bauch- und Gesäßmuskeln kräftigen ließ, ihr Rücken sei »ausgerenkt«. Bei all dem, was ich gelernt hatte, hätte so etwas nach dem altbewährten Behandlungsprotokoll nicht geschehen dürfen.

Wenn ich heute zurückblicke, ist mir klar, wo das Problem lag: Ich sah nur das, was ich zu sehen gelernt hatte. Wie Ralph Waldo Emerson einmal sagte: »Die Menschen sehen nur das, worauf sie vorbereitet sind.« Heute kann ich im Rückblick erkennen, dass ich gar keine Kippung des Beckens nach vorne und keine lumbale Hyperlordose gesehen hatte – das also, wonach zu suchen ich gelernt hatte und weswegen ich es zu sehen meinte. (Anmerkung: In diesem Buch werde ich besprechen, was ich bei diesen Tänzern und vielen meiner Patienten tatsächlich gesehen habe und warum so viele Personen mit Beschwerden zu uns kommen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was wir einmal gelernt haben.)

Darüber hinaus versuchte ich, jeden individuellen Patienten – und ich betone das Wort individuell – in ein Behandlungsschema zu pressen, anstatt wirklich zu verstehen, was ich bei meinen Tänzern und anderen Patienten vor mir sah (einen verlängerten M. psoas und verlängerte Hüftbeuger), um dies angemessen anzugehen.

Ich hatte also zugelassen, dass meine Ausbildung schwerer wog als meine Erfahrung. Hätte ich dieses Zitat gekannt – und vor allem seine Bedeutung wirklich verstanden – hätte ich bei den Tänzern und Patienten, die ich vor vielen Jahren behandelte, einen anderen Ansatz gewählt. Nichts kann die Bedeutung der klinischen oder praktischen Erfahrung wirklich ersetzen… außer vielleicht die Lektionen, die man aus diesen Erfahrungen lernen muss. Um ehrlich zu sein ist das Konzept einer stärkeren Kippung des Beckens nach vorne und einer Lumballordose als Ursache für Probleme im unteren Rücken und den Hüften sowie eine Fülle anderer Dysfunktionen heute noch ebenso vorherrschend in der Rehabilitation und dem Training wie vor vielen Jahren.

Seit diesen frühen Tagen, in denen ich selbstkritisch überlegte, ob ich jemals gut genug sein und genug wissen würde, um anderen tatsächlich helfen zu können, bin ich sehr viel aufgeschlossener und mit größerer Demut an meine Arbeit herangegangen. Jeder Einzelne, der sich vertrauensvoll von mir behandeln und betreuen lässt, wird von mir fortwährend neu eingeschätzt, behandelt und/oder trainiert. So glücklich ich auch bin, dass ich vielen helfen kann, ihre Gesundheits- und Fitnessziele zu erreichen, interessiere ich mich noch sehr viel mehr für diejenigen, denen ich nicht helfen kann – den Personen, deren Zustand sich eigentlich verbessern sollte und die alles Nötige für eine Besserung tun, aber dennoch weiterhin eine chronische Dysfunktion aufweisen, die sie daran hindert, ihre Gesundheits- und Fitnessziele zu erreichen.

Wir werden für unsere Erfolge anerkannt, aber wir lernen aus unseren Misserfolgen. Jeder einzelne Tag, an dem ich praktiziere, ist ein Tag des Lernens. Jeden Tag erfahre ich Anerkennung … und jeden Tag bieten sich mir Gelegenheiten, weiter zu lernen. Wenn es mir nicht gelingt, einem Patienten zu helfen, lasse ich mich auf einen neuen Weg der Entdeckung und des Lernens ein.

Dieses Buch ist tatsächlich eine »klinische Momentaufnahme« der Lektionen, die ich während der Jahre meiner Berufspraxis gelernt habe, in denen ich mit tausenden von Personen gearbeitet habe, die Dysfunktionen im unteren Rücken, im Becken und in den Hüften aufwiesen. Mangels eines besseren Begriffs ist dieses Buch auch ein Kompendium der Herangehensweisen, die wir in unserer Klinik üblicherweise bei einem Patienten mit Dysfunktionen des Rückens, des Beckens und der Hüften befolgen – nicht nur bei Athleten und Personen, die körperliche Höchstleistungen erbringen müssen.

Wie ist dieses Buch aufgebaut und wie kann es Ihnen helfen? Das Buch soll eine Geschichte über den Psoas-Muskel erzählen, dabei baut jedes Kapitel auf den Inhalten des vorherigen Kapitels auf. Dennoch enthält jedes Kapitel genügend praktische Informationen, sodass Sie sich über das jeweilige Thema informieren können, auch wenn Sie ein Kapitel überspringen wollen. Falls Sie ein Kapitel übersprungen haben und sich nun Fragen zu den Übungen ergeben, sollten Sie jedoch auf jeden Fall die vorherigen Kapitel lesen, insbesondere das Kapitel 1 zur funktionellen Anatomie, um etwaige Lücken zu schließen, die in späteren Kapiteln möglicherweise auftauchen.

Wie erwähnt befasst sich Kapitel 1 mit der funktionellen Anatomie, d.h. mit den Ansätzen des Psoas-Muskels an Knochen und Faszien und auf der Grundlage dieser Architektur mit der wahrscheinlichsten Funktion dieses Muskels bei Haltung und Bewegung. In diesem ersten Kapitel werden auch mehrere verbreitete Ansichten über den Psoas-Muskel angesprochen. Wenn beispielsweise der M. psoas ein reiner Hüftbeuger ist, warum setzt er dann an allen Wirbelkörpern von T11 bis L5 an und warum hat er Faszienverbindungen mit dem Zwerchfell, dem M. transversus abdominis und dem Beckenboden? Wenn der Psoas bei der Beckenbewegung eine Rolle spielt, welchen Hinweis geben dann die Ansätze des Muskels an der Vorderseite des Beckens auf seinen wirklichen Einfluss auf die Beckenbewegung? Auf der Grundlage seiner Anatomie und der heute vorliegenden klinischen Forschung werde ich erklären, dass die Funktion des M. psoas deutlich vielfältiger als bei einem reinen Hüftbeuger ist, und ich werde begründen, warum er nicht zur Kippung des Beckens nach vorne beiträgt. Zusätzlich werde ich kurz besprechen, wie die Funktion des M. psoas synergistisch mit mehreren Muskeln des Rumpfes, der Wirbelsäule, des Beckens und des Hüftkomplexes verbunden ist einschließlich der Mm. multifidi, des M. iliacus und des M. gluteus maximus.

Es gibt eine anhaltende Diskussion über den Begriff der Core-Stabilisierung und deren Beitrag sowohl zur Wirbelsäulenstabilisierung als auch zur Gesamtleistung. Diese Diskussion konzentriert sich weniger darauf, ob die Core-Stabilität wichtig ist oder nicht, sondern darauf, welche Muskeln für sie am wichtigsten sind und mit welcher Strategie die ideale Core-Stabilität am besten erreicht wird. Auch wenn dies bei den Diskussionen häufig unberücksichtigt bleibt, ist die dreidimensionale Atmung bei der Entwicklung und dem Erhalt einer optimalen Strategie zur Core-Stabilisierung eine wichtige Komponente. In Kapitel 2 bespreche ich den Begriff der dreidimensionalen Atmung und die Rolle des Psoas bei der Stabilisierung des Rumpfes, der Wirbelsäule und des Beckens während der Atmung. Es gibt keine Forschungsarbeit, die sich mit der Rolle des Psoas in Bezug auf die Atmung befasst, aber in Anbetracht seiner Faszienverbindungen zum Zwerchfell und zum Beckenboden nehme ich mir die Freiheit zu behaupten, dass der Psoas bei der Atmung und der Core-Stabilität wahrscheinlich eine wichtige Rolle spielt. Kapitel 3 gibt eine Einführung in die Entwicklung einer effizienten Strategie zur Core- und Hüft-Stabilisierung, basierend auf der neuesten Forschung zu diesem Thema und nennt Beispiele, wie wir diese Konzepte in die Übungsprogramme unserer Patienten einbinden können.

Letztlich liegt der Schlüssel zu einer erfolgreichen Verbesserung der Psoas-Funktion in der Fähigkeit, diesen Muskel in grundlegende Bewegungsmuster einzubinden. Grundlegende Bewegungsmuster sind solche, die für die meisten Aktivitäten des Lebens bedeutsam sind. Im Wesentlichen können die meisten Aktivitäten des Alltags, im Sport und im Beruf auf sieben Grundbewegungen zurückgeführt werden. In den Kapiteln 4–7 stelle ich einige dieser grundlegenden Bewegungsmuster vor und bespreche, wie der M. psoas an ihnen beteiligt ist. Diese Liste von Bewegungsmustern ist nicht vollständig, aber ich bespreche die Beteiligung des Psoas an Mustern wie Kniebeuge (Squat), Ausfallschritt (Lunge), Rumpfbeuge und Hüftbeugung/Hüftstreckung. Auch hier gilt wieder: Wo es keine aktuellen Forschungsergebnisse zur Rolle des Psoas gibt, extrapoliere ich seine Funktion auf der Grundlage der vorherigen Besprechung der funktionellen Anatomie, sodass wir bei der Besprechung des Beitrags dieses Muskels zur jeweiligen Bewegung zumindest einen Ausgangspunkt haben.

In der Schlussbetrachtung nenne ich die aktuellen Grenzen unseres Wissens und wo zusätzliche Forschungsarbeiten zum M. psoas von Vorteil wären. Ich habe im Anhang am Ende des Buches auch mehrere zusätzliche Themen mit Bezug zum Psoas-Muskel aufgenommen, um weitere Themen aufzugreifen, die in den einzelnen Kapiteln nicht behandelt wurden. Der Anhang enthält Besprechungen zur Haltung, zur Untersuchung, zur Rolle korrektiver Übungen, zur Sitzposition, die eine optimale Funktion des Psoas gewährleistet, zum Verhältnis zwischen Beckenboden und Psoas und der Beteiligung des Psoas an häufigen Hüfterkrankungen wie Rissen im Labrum glenoidale und femoro- acetabuläres Impingement (FAI).

Welches ist die beste Strategie für die Verbesserung der Psoas-Funktion und letztlich eine Verbesserung von Haltung und Bewegung? Diese Frage lässt sich leider nicht einfach beantworten und war beim Schreiben dieses Buches auch nicht mein Ziel. Es ist nicht meine Absicht, dass dieses Buch zum »Goldstandard« für die Verbesserung der Psoas-Funktion wird und/oder frühere Informationen und klinische Ansätze, die beim M. psoas erfolgreich angewandt wurden, entkräftet. Es ist vielmehr ein Versuch, das Gespräch auszuweiten und meine Beobachtungen aus der klinischen Praxis zusammen mit den Strategien zu teilen, die mein Team bei den Chicago Integrative Movement Specialists während der letzten zwölf Jahre etabliert hat, um die Haltung und, was noch wichtiger ist, die Bewegungseffizienz bei unseren Patienten und Klienten zu verbessern. Ich hoffe, dass dieses Buch Sie zum Nachdenken bringen und Ihre Sichtweise über den Beitrag des Psoas zum Erreichen und Beibehalten einer optimalen Haltung und Bewegung erweitern wird.

Bevor wir nun beginnen, möchte ich noch einen letzten Punkt für die Angehörigen der Gesundheits- und Fitnessberufe ansprechen: Machen Sie mit dem weiter, womit Sie Erfolg hatten. Wenn Sie Ihre eigenen Arbeitsmethoden mit Personen haben, die Psoas-Probleme haben, und wenn diese erfolgreich waren, bleiben Sie bei diesen Methoden und Strategien. Verwenden Sie dieses Buch als Leitfaden und um Dinge in Betracht zu ziehen, über die Sie bisher nicht nachgedacht haben oder um es zusätzlich zu Ihrem derzeitigen Behandlungs-/Trainingsprogramm zu nutzen, mit dem Sie bereits Erfolg haben.

Online Videos

Um die (nur in englischer Sprache verfügbaren) Online-Videos zu sehen, verfahren Sie folgendermaßen:

1.Besuchen Sie die Website www.IIHFE.com/the-psoassolution.

2.Sie werden auf Sign Up geleitet, um Zugang zu den Videos zu bekommen.

3.Sobald Sie Ihre Angaben gemacht haben, erhalten Sie sofort Zugang.

Folgende Videos sind online verfügbar:

Three-dimensional Breathing

Apical to pelvis (top to bottom) dfsdfsa fsafs

Lateral or costal (side to side)

Antero-posterior (front to back)

Thoracopelvic Cylinder and Hip Stabilization

Happy Baby Unsupported

Happy Baby mit Dumbbell Pull-over

Happy Baby mit Heel Drop

Squat

Supported

Parallel

Split

Lunge

Forward

Reverse

Elevated rear leg

Bending

Spinal flexion

imagesForward Bending

imagesPelvic Tilt

Hip Hinge

imagesSupported

imagesUnsupported

Spine and Hip Extension

Spine Extension

imagesProne Lengthen

imagesBack Bending

Bird Dog

Hip Hinge Bridge

Marching Bridge

Single-leg Bridge

Psoas Assessment

Abgewandelter Thomas Test

Impingement Test

Manual Muscle Test

Neutral Alignment

Standing Assessment

Pelvic alignment and motion

Suspension

Sitting Posture

Schematische Darstellung des Skeletts

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