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Die Sehnsucht des Wikingers

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitate
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Brief der Autorin

Über dieses Buch

Der letzte Wikinger findet Liebe und Leidenschaft auf Umwegen …

Er trägt nichts außer einem Fetzen Leder am Leib und spricht mit einem seltsamen Akzent: Dieser vor Männlichkeit strotzende Kerl steht mitten in Meredith Fosters Wohnzimmer. Die Professorin für mittelalterliche Geschichte glaubt, dass es sich um einen Scherz handeln muss. Dennoch verwirrt sie, dass sein Auftreten so realistisch wirkt. Bald glaubt Meredith, dass der braungebrannte, attraktive Fremde der Wikinger Geirolf Ericsson ist – durch die Zeit gesandt, nur um ihr Freude zu bereiten …

Über die Autorin

Sandra Hill hat schon in jungen Jahren mit dem Schreiben begonnen und ist selbst eine begeisterte Leserin historischer Liebesromane. Die ehemalige Journalistin sammelt außerdem Antiquitäten und besucht gern Auktionen. Sie ist verheiratet und hat vier Söhne.

Website der Autorin: https://www.sandrahill.net/.

 

Dieses Buch ist für meine Cousine Peggy Follmer,
eine glühende Verehrerin von Liebesromanen, speziell von meinen. Es ist besonders treffend, dass ich Peggy
Die Sehnsucht des Wikingers widme, in dem ein Mann mit schwieligen Händen die Hauptfigur ist. Ihr verstorbener Mann Paul war Zimmermann und die Liebe ihres Lebens.

 

Meine Mutter hat mir einst erzählt,
dass sie mir ein Langschiff kauft,
mit ordentlichen Rudern,
damit ich mit den Wikingern losfahren kann,
am Ruder stehen
und ein gutes Kriegsschiff steuern kann,
um dann in den Hafen einzulaufen,
wo ich einige Gegner im Kampfe niedermähe.

Egils Saga
ca. 10. Jahrhundert

»O Herr, erlöse uns von der Wut der Nordmannen.«

Angelsächsischer Refrain
9. und 10. Jahrhundert, Britannien

Kapitel 1

Ein fernes Land, A.D. 997

Geirolf stieß einen lauten Kriegsschrei aus und vergrub sein Gesicht zwischen Ingrids üppigen Brüsten.

Sie blieb unbeeindruckt und hölzern.

Er brüllte vor Wut und sprang dann, ohne sie loszulassen, über die Holzreling des bereits sinkenden Langschiffs in die tosende See … und in den sicheren Tod.

Nun, das ist das Schicksal der meisten Wikingerkrieger, dachte Geirolf, als ein Strudel seinen Körper erfasste und ihn schneller und immer schneller unter Wasser wirbelte. Es ist rasch vorbei … die Walküren stehen sicher schon bereit, um mich nach Asgard in die Halle der Götter zu führen. Ein großes Fest für mich im Jenseits … Hoffentlich wird es Asgard sein und nicht die Hölle. Die hätte ich nicht verdient …

Er hielt immer noch den Atem an und drückte Ingrid – die ihn in den Tod begleitete – an sich. Vielleicht bekomme ich in dieser Nacht eine Bettgenossin, die genauso großartige Brüste hat wie du, süße Ingrid.

Doch dann erwachte ein Instinkt in ihm, der vielleicht zu jedem Krieger gehört. Seit seiner Jugend war er trainiert worden, bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Er würde jetzt nicht wie ein schwacher Welpe aufgeben!

Nein! Verdammt sollen die Götter sein! Ich bin Geirolf Ericsson vom noblen Clan der Yngling. Königliches Blut fließt in meinen Adern. Ich bin Schiffsbaumeister und ein mutiger Krieger. Ich will noch nicht sterben. Die Ehre verlangt es, dass ich den Eid meinem Vater gegenüber erfülle. Leben hängen von mir ab. Ich werde mich nicht ergeben.

Mit kräftigen Beinbewegungen begann Geirolf, sich aus dem Strudel zu stoßen, und stieg anmutig und schnell wie ein Delphin an die seltsam ruhige Wasseroberfläche.

Mit einer Kopfbewegung warf er sich das nasse Haar aus dem Gesicht über die Schultern. Staunend merkte er, dass es Ingrid und ihre großartigen Brüste waren, auf denen er trieb und die ihn sanft auf der Wasseroberfläche schaukelten. Ingrid – die ungewöhnlich geschnitzte Figur irgendeiner fremden Gottheit.

Vor über drei Jahren hatte sein Bruder Jorund ihm den üppigen hölzernen Frauenkorso geschenkt – als Zierde für den Bug seines Drachenschiffs »Wilder Wolf«. Zum Glück hatte Geirolf noch den Kopf der Figur packen können, als sein Schiff auseinander brach.

Er lachte auf – gerettet durch die Titten einer Frau. Seine Mutter, Lady Asgar, Sächsin und Christin, würde sagen, dass es die Strafe Gottes für das wilde Leben ihres Jüngsten war. Sein Vater Jarl Eric Tryggvason, der durch und durch Wikinger war, würde über die absurde Situation vor Lachen brüllen. Geirolfs jüngste Gespielin – die entzückende Alyce von Hedeby – würde missbilligend mit der Zunge schnalzen und dann einfach glücklich lächeln, weil er noch am Leben war.

Rasch fuhr er mit der Zunge dankbar über die linke Brustspitze Ingrids, die so groß wie eine Weintraube war und nach Salzwasser schmeckte. Verspätet fiel ihm ein, dass er sich dabei einen Splitter in die Zunge reißen konnte.

Voller Zuneigung betrachtete er im schwindenden Licht des Dämonen-Mondes – eine Konstellation am Himmel, die ihn hierher in diese gefährlichen Gewässer gelockt hatte – seine hölzerne Gefährtin und entspannte sich. Jetzt lag sein Schicksal in der Hand der Himmelswesen. Er glaubte, dass Odin ihn von dem bösen Storr Grimsson erlöst hatte; einem Ausgestoßenen, der seine gesamte Mannschaft vor vierzehn Tagen getötet oder gefangen genommen hatte und nur Geirolf in seinem lecken Schiff der wilden See überlassen hatte.

Nachdem Geirolf noch einmal im Geiste durchgegangen war, was er erlebt hatte, kam er zu dem Schluss, dass der Gott der Nordmänner ihm ein anderes Schicksal zugedacht haben musste. Und dann überließ er sich ganz dem Rhythmus der Wellen.

Er wusste nicht, wo er war, weil er sich unter dem Dämonen-Mond nicht nach den Sternen orientieren konnte – sicher weiter im Westen, als ein Wikinger je vorgedrungen war. Selbst Eirik der Rote war nicht so weit gekommen. Er würde den Skalden am Hof seines Vaters in Vestfold viel zu erzählen haben. Mit Sicherheit würden die Geschichtenerzähler aus seinen Berichten Sagas machen, die seine große Tapferkeit rühmten. Falls er je zurückkehrte.

Aber nein, er durfte nicht pessimistisch sein. Er rieb mit der Hand über den Gürtel, bis er den Beutel fand, der seinen Talisman enthielt. Sonst hätte die endlose Reise ja gar keinen Sinn gehabt. Auch nicht die blutige Schlacht gegen Storr. Und seine Männer wären vergeblich gestorben. Nein, ich muss die Reliquie zurückbringen, wie mein Vater es mir gesagt hat.

Tief seufzend kämpfte er gegen die Erschöpfung an. Er war so müde und wund vom Kampf, wenn er sich doch nur einen Moment ausruhen dürfte. Aber stattdessen musste er die Augen offen halten und nach Omen der Götter Ausschau halten, die ihm seine Zukunft weisen würden.

Als es dämmerte, erwachte Geirolf mit einem Ruck aus seinem unruhigen Dösen und sah seine Zeichen. Odin sei Dank! Es war ein halbfertiges Langschiff, das auf einem Hügel auf einer Klippe lag. Es wartete auf ihn.

»Komm, Ingrid!«, rief er jubelnd seiner halben Begleiterin zu, die er sich unter den linken Arm geklemmt hatte. Mit neuer Kraft schwamm er auf die Küste zu, während allmählich die Sonne aufging. »Dort liegt ein Schiff, das uns nach Hause bringen wird. Schicksal, ja. Ich werde es Wildes Schicksal nennen.«

Maine, A.D. 1997

»O nein! Sie werden den Bugspriet meines Schiffes nicht mit Brüsten versehen«, erklärte Meredith Foster und schüttelte ärgerlich den Kopf.

Ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Mike Johnson verzog ärgerlich das Gesicht, während er die Entwurfsskizzen wieder zusammenrollte, die er ihr gerade gezeigt hatte. »Aber, aber, Dr. Foster. Ich habe mich mit den Schiffsfiguren der Wikinger gründlich befasst, und damals war es durchaus nicht unüblich, den Bugspriet mit einer Figur der Lieblingsgöttin zu dekorieren.«

Meredith klopfte mit ihrem Bleistift auf den Schreibtisch und betrachtete ihn über ihre Lesebrille hinweg, wobei sie herauszufinden versuchte, ob es ihm Ernst war oder nicht. Der ehemalige Marinesoldat, der die blonden Haare immer noch raspelkurz trug und Army-T-Shirts zu seinen Jeans bevorzugte, hatte einen trockenen Humor. Damit versuchte er oft genug, sie aus der Reserve zu locken, weil er sie zu ernst und verbissen fand.

»Es war auch üblich, Tierköpfe zu nehmen, Mr. Johnson. Nehmen Sie meinetwegen einen Drachen oder eine Schlange, aber keine üppigen Brüste!«

Er grinste.

»Denken Sie bloß nicht, ich hätte nicht gemerkt, dass Ihr Entwurf Sharon Stone ähnelt«, setzte sie noch hinzu. In den paar Monaten, seit sie ihren gut aussehenden Doktorranden für Nordische Geschichte nun schon kannte, war ihr nicht entgangen, dass Sharon Stone die Frau war, mit der er am liebsten auf einer einsamen Insel stranden würde. »Denken Sie daran, dass wir uns bei dem Projekt um historische Genauigkeit bemühen. Sharon Stone ist ein reiner Anachronismus.«

Mike zuckte die Achseln. »Ich könnte ihr ja einen BH verpassen.«

Meredith hob eine Braue. »Ein Wonderbra würde nicht ausreichen, um die Brüste der Frau zu stützen, die Sie entworfen haben.«

Bei der unerwarteten Lockerheit seiner Chefin wurden Mikes Augen vor Überraschung groß, aber dann grinste er. »Wie wäre es denn mit einer männlichen Figur und deren … Ausstattung? Wäre das in Ordnung?«

»Nicht mal, wenn es Mel Gibson im Kilt wäre.«

Sie lächelten sich an, und Meredith war froh, dass sich die Förmlichkeit zwischen Mike und ihr ein wenig löste.

»Außerdem haben wir wichtigere Dinge zu bedenken«, setzte sie dann hinzu. »Die Frühjahrsferien sind fast zu Ende, und wir haben noch immer keinen kompetenten Zimmermann gefunden. Jetzt, wo die milde Jahreszeit beginnt, würde ich das Projekt gerne voranbringen.«

Der junge Mann nickte zustimmend, ließ sich in den Stuhl vor ihrem Schreibtisch sinken und schlug die Beine übereinander. »Ich habe mit Ihrem Großvater über ein Jahr lang an dem Trondheim Langschiff Projekt gearbeitet. Als er letzten Herbst starb, geriet alles ins Stocken.«

Ein Schatten legte sich über Merediths Gesicht. Gramps war das Licht ihres Lebens gewesen, ihr einziger Halt in einer Welt, die nach ihrer bitteren Scheidung vor drei Jahren kalt und einsam geworden war. Sie vermisste seine bedingungslose Liebe und seine Weisheit so sehr …

»Ich würde gerne das Projekt leiten«, fuhr Mike fort, »aber mir fehlt Organisationstalent. Ich kann die Hölzer abschleifen und grundieren, aber mehr schaffe ich nicht.«

»Ich weiß, und ich bin mir bewusst, wie sehr Sie mir schon geholfen haben.« Meredith strich sich eine Haarsträhne zurück, die sich aus dem lockeren Knoten gelöst hatte, und überdachte ihr Problem. »Zu schade, dass wir auf unsere Anzeige in der Bangor-Zeitung nur so ein geringes Echo hatten, und von den Bewerbern war niemand geeignet. Vielleicht kann ja eines der archäologischen Magazine, die mein Bruder vorgeschlagen hat, einen Interessenten aus seiner Höhle locken.«

»He, gute Zimmerleute wollen sehr viel mehr Geld haben, als wir zahlen können.«

»Das kriegen wir schon hin«, versicherte sie. Und wenn ich das Geld aus meinem eigenen Vermögen zahlen muss. Hauptsache, Gramps Traum erfüllt sich. »Bis dahin können die Studenten mit den Vorarbeiten beginnen.«

»Schmirgeln per Hand, ja? Mit Sand, so wie es die alten Schiffsbauer gemacht haben?«, knurrte Mike. Das Abschleifen war eine endlose, schwierige Aufgabe, um die sich keiner riss.

»Genau.« Sie lächelte ihn an und schob sich die Brille auf die Stirn. »Und treiben Sie eine passende Galionsfigur auf. Selbst ein Elefant wäre mir recht, solange er keine intimen Körperteile zeigt.«

»Wenn Sie darauf bestehen«, murmelte Mike, als er ihr Büro verließ. »Ein Elefant auf einem Wikingerschiff? Himmel, wenn das kein Anachronismus ist!«

Als Meredith ihre Arbeit beendete, war es schon dunkel draußen. Sie fuhr die lange Straße zu dem Cottage entlang, das sie vor kurzem geerbt hatte. Das kleine Haus, das ihr Großvater eigenhändig auf einer Klippe mit Blick auf den Atlantik erbaut hatte, barg so viele Erinnerungen für Meredith. Als Kinder verbrachten sie und ihr Bruder Jared sowie ihre jüngere Schwester Jillian jeden Sommer in Maine, während ihre Eltern, beide Professoren für Mittelalterliche Geschichte in Princeton, auf Vortrags- oder Forschungsreise waren.

Damals hatte auch ihre Großmutter noch gelebt, und der Geruch nach dem Holz, das ihr Großvater schnitzte, und dem frischen Brot, das ihre Großmutter buk, hatte das kleine Haus erfüllt. Meredith wusste gar nicht, ob ihre Mutter überhaupt kochen konnte, so sehr war sie immer mit ihrer Karriere beschäftigt gewesen. Nicht dass Kochkunst notwendigerweise eine mütterliche Eigenschaft war. Bei ihnen hatte sich eine Haushälterin um solche Dinge gekümmert.

Meredith betrachtete das Haus, als sie darauf zu fuhr, und dachte, wie klein und einfach es doch wirkte. Seltsam, dass ihr das früher nie aufgefallen war. Aber damals hatten ihre Großeltern im Schlafzimmer unter dem Dach geschlafen, während ihre Geschwister und sie in Schlafsäcken im Wohnzimmer oder im Sommer im Garten campiert hatten. Es hatte sie nie gestört.

So viel Liebe! Das war es, woran sie sich hauptsächlich erinnerte, die Liebe, die Grams und Gramps füreinander und für ihre Enkel gehabt hatten.

Jetzt war all das vergangen.

Meredith schluckte und warf einen flüchtigen Blick auf das halb fertige Langschiff, das im Licht ihrer Scheinwerfer aufleuchtete. Gramps hatte beschlossen, das Schiff auf der freien Wiese neben dem Haus zu bauen, statt auf dem Campus von Oxley College, das zu weit im Landesinneren lag. Die Studenten waren nur zu gerne nach Maine gekommen und hatten die Arbeit mit Picknicks und Klettertouren am Strand verbunden.

Meredith nahm ihre Tasche und eine Tüte mit Lebensmitteln vom Rücksitz und näherte sich dem dunklen Haus. Ein leeres Haus am Ende eines Tages war so traurig. Das war das Einzige, was sie seit ihrer Scheidung von Jeffrey als unangenehm empfand.

Er war normalerweise früh aus Columbia zurückgekommen, wo sie beide als Professoren gearbeitet hatten. In den Anfangsjahren ihrer Ehe, als sie noch glücklich gewesen waren, hatte er oft schon das Abendessen vorbereitet, wenn sie nach Hause kam. Dazu hatten Vivaldis Violinsonaten gespielt. Mit einem warmen Lächeln und einem kalten Weißwein hatte er sie an der Tür empfangen und ihr mit einem zärtlichen Kuss Lust auf mehr gemacht …

Nun, diese Tage waren für immer vorbei. Und sie war froh darüber!

Doch als sie an diesem Abend die Tür öffnete, wurde sie begrüßt – und ihr Herzschlag setzte einen Takt aus.

Kaum trat sie in den Wohnraum, schlang sich ein starker Arm um ihre Taille, hob sie hoch, und ein Messer wurde ihr an den Hals gepresst. Einkäufe und Aktentasche fielen ihr aus der Hand, und der Inhalt verstreute sich auf dem Fußboden.

»Lass mich los!«, schrie sie und trat mit ihren festen Schuhen, die sie jetzt am liebsten in Springerstiefel verwandelt hätte, gegen ein bloßes Schienbein. Ihre Fäuste trafen auf Oberschenkel – nackt und haarig. Oh, nein, der Kerl muss nackt sein. Oh, bitte, keine Vergewaltigung! Wütend schrie sie, so laut sie konnte, und grub ihre Fingernägel in den Arm des Kerls.

Ihr Angreifer lockerte seinen Griff kein bisschen, murmelte etwas an ihrem Hals und bellte dann ein gutturales Kommando, das wie ›Kyrr‹ klang.

Das einzige Licht im Haus kam von dem Feuer im Kamin und vom Vollmond, der durch die Fenster schien.

Ein Feuer? Ihr Angreifer hatte sich die Zeit genommen, ein gemütliches Feuer zu entfachen? Sie stöhnte, als sie daraus schloss, dass er in der Tat ein Vergewaltiger sein musste und eine längere Sache vorhatte. Erschrocken fiel ihr ein, dass Freitagabend war. Vor ihr lag ein ganzes Wochenende, an dem niemand sie vermissen oder nach ihr suchen würde.

Oh, nein! Oh, nein! Wo ist mein Pfefferspray? Zu ihrem Kummer sah Meredith es über den Fußboden rollen, wo schon drei Orangen, ihr bester Füller und eine Hand voll Kleingeld lagen. Ganz ruhig. Denk an den Kurs in Selbstverteidigung. Lass dir Zeit. Denk nach, ehe du handelst.

Nachdenken? Ha! Im Moment hatte sie ungefähr so viel Hirn wie eine Amöbe.

Der Mann schleppte sie eine Handbreit über dem Fußboden ins Wohnzimmer. Große Hände lagen auf ihrer Seidenbluse, und er roch nach Salzwasser, nassem Leder und Äpfeln.

Äpfel? Ein rascher Blick zeigte ihr, dass ein halbes Dutzend Äpfel aus der Schale fehlten, die sie heute Morgen auf den Tisch gestellt hatte. Die Reste hatte er achtlos auf den Boden geworfen.

Meredith versuchte, einen Blick auf ihn zu erhaschen, aber die Klinge an ihrem Hals hinderte sie daran. Also stieß sie tretend und kreischend ihre Ellbogen zurück. Es war, als träfe sie eine Mauer, und fast hätte der Versuch ihr die Gelenke ausgekugelt.

Mit einem Fluch wie »Blód hel!« warf der Kerl sie mit dem Rücken aufs Sofa. Dann legte er sich erstickend auf sie, sodass sie in der Waffe jetzt das beste Schnitzmesser ihres Gramps erkennen konnte. Er wiederholte seinen Befehl von vorhin, diesmal deutlicher: »Kyrr!«

Ihr verwirrtes Hirn erkannte das gutturale Wort. Es klang altertümlich, wie Altenglisch. Da sie in Alter Geschichte promoviert hatte, kannte sie die Sprache gut.

Verwirrt runzelte Meredith die Stirn, rang nach Luft und versuchte vergeblich, aufzustehen. Der Gorilla wog sicher gute hundert Kilo. Außerdem gab es da intime Teile seiner Anatomie, die sie allzu deutlich spüren konnte. Bitte keine Vergewaltigung …

Aber noch während sie sich zu befreien versuchte, kam ihr eine ferne Erinnerung. Das Wort und der Dialekt klangen wie Altenglisch, aber anders.

Gute Güte. ›Kyrr‹ war das altnordische Wort für ›Sei still‹. Sie musste es wissen, hatte sie ihre Flitterwochen mit Jeffrey doch in Island verbracht, wo man noch heute in einer alten Form der Sprache kommunizierte. Jeffrey hatte sie überzeugt, dass die Kombination von Flitterwochen und Forschungsreise eine sinnvolle Sache war. Alles, woran sie sich heute noch erinnerte, war die Kälte.

Er sagte etwas Langes, fremd Klingendes.

Ihr Herz hämmerte vor Angst, während sie seinen Worten lauschte, bis sie schließlich erkannte, dass er sie in einer seltsamen Kombination aus Altnordisch und Altisländisch angesprochen hatte. »Wer bist du, Frau?« Ihr Verdacht verstärkte sich, als er fragte: »Wie heißt du?«

»Dr. Meredith Foster«, stieß sie hervor. Ein Einbrecher, der alte Sprachen konnte? Wahrscheinlich einer von Mikes Freunden, der sich einen schlechten Witz erlaubte.

»Dock-Hure Merry-Death«, wiederholte er langsam, und sein Atem strich warm über ihre Lippen. Apfelatem.

»Merry-Death«, wiederholte er langsam, prüfend.

Sie atmete heftig vor Furcht. Was für ein eigenartiger Einbrecher. Was hatte er vor? Oder doch nur ein blöder Streich von Scherzkeks Mike? Na, dem würde sie was erzählen, sie so zu erschrecken …

»Geirolf«, sagte er jetzt und deutete auf sich selbst. »Ich heiße Geirolf.«

Meredith holte tief Luft. »Großartig. Jetzt, wo wir die Vorstellung hinter uns haben, Rolf, Baby, würdest du bitte von mir runter gehen? Bislang ist nichts passiert, aber du wiegst eine Tonne und zerknitterst mir meine beste Bluse …«

Ihre Stimme verklang, als er sich in einer raschen Bewegung erhob und sie freigab – bemerkenswert für einen Mann seiner Größe. Ihr blieb der Mund vor Schock offen stehen, als sie ihn betrachtete.

Er war mindestens einsneunzig, stand eine Armlänge von ihr entfernt, nur in eine Tunika aus Leder gekleidet. Das mittelalterliche Kleidungsstück wurde durch einen Gürtel gehalten, den eine goldene Schnalle schmückte. Silberreifen umschlangen muskulöse Oberarme. Jillian, die mittelalterlichen Schmuck entwarf, würde angesichts dieser Stücke vor Neid verrückt werden. Ja, sogar ihr Bruder Jared, ein Archäologe, wäre beeindruckt. Obwohl es Nachbildungen waren, waren es die besten, die Meredith je außerhalb eines Museums gesehen hatte.

Das hellbraune Haar hing ihm bis auf die Schultern und war nass, als wäre er gerade schwimmen gewesen.

Lederstiefel mit Schnürungen bis zum Knie vervollständigten seine Aufmachung.

Ein Wikinger. Ihr Angreifer erinnerte an einen alten Wikinger.

An einen extrem gut aussehenden Wikinger.

Meredith hatte nie besonders auf die körperlichen Merkmale bei Männern geachtet. Da sie in einem Intellektuellenhaushalt aufgewachsen war, hatte Verstand sie immer viel mehr beeindruckt als Aussehen. Doch in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass sie dadurch möglicherweise einiges verpasst hatte. Der Mann war atemberaubend.

Himmel, meine Hormone drehen durch! Sie biss sich auf die Lippen, um nicht etwas wirklich Dummes wie »Kann ich dich anfassen?« zu fragen.

Erstaunlich! Wo immer Mike diesen Mann gefunden hatte – wenn er denn für diese Farce verantwortlich war –, er hatte sich wirklich selbst übertroffen. Vielleicht war er ein männlicher Stripper aus einem dieser Nachtclubs für Frauen. Oh, ja! Wiking R Us.

Aber nein, dafür sah er zu … authentisch aus. Meredith betrachtete ihn genauer. Alte Narben und frische Wunden, aus denen Blut rann – wahrscheinlich Ketchup – bedeckten einen Großteil dieses gut gebauten Körpers. Trotz seines bedrohlichen Blicks und der kämpferischen Haltung war er faszinierend attraktiv – wie die Wikingerversion des Hercules-Darstellers Kevin Sorbo aus dem Fernsehen.

Er hob das Kinn und stieß ein paar freche nordische Worte hervor, die sie nicht verstand. Aber Meredith brauchte keinen Dolmetscher, um zu wissen, was er sagte: »Gefällt dir, was du siehst?«

Sie räusperte sich verlegen, als ihr bewusst wurde, dass sie ihn viel zu lange angestarrt hatte. »Nicht besonders«, log sie.

Er setzte sich auf den niedrigen Tisch, und Meredith ertappte sich dabei, dass sie sich fragte, ob er wohl Unterwäsche unter der Tunika trug. Er rieb sich mit den Fingerspitzen sein Kinn, während er sie betrachtete, als könnte er sie nicht verstehen. Dann strich er abwesend mit der anderen Hand über seine Gürtelschnalle, die aus purem Gold zu sein schien.

Erstaunt merkte Meredith, dass ihre Angst verflogen war. Stattdessen empfand sie überraschend Mitleid für ihn, obwohl er noch immer das Messer ihres Großvaters in der Hand hielt. Er wirkte verloren wie ein kleiner Junge.

Er musste ein Schauspieler sein, den Mike angeheuert hatte. Hatte ihr Assistent ihr nicht wieder und wieder gesagt, dass sie lockerer werden müsste? Einmal hatte er ihr einen Roman mit dem Titel Liebe mit einem Cowboy geschenkt, der von einer Professorin handelte, die eine kurze Affäre mit einem Cowboy hatte, nachdem ihre große Liebe sie verlassen hatte.

Genug! Der Witz war vorbei.

Sie setzte an, um ihm klar zu machen, dass sie das lächerliche Spiel durchschaut hatte, unterbrach sich aber, als ihr der Geruch nach verbranntem Fleisch in die Nase stieg. Schnuppernd setzte sie sich auf und sah sich im Zimmer um. Irgendein Tier ohne Haut hing an einem Stock über dem Feuer. »W-was ist das?«, fragte sie schrill. »Oh, nein, ist das der streunende Kater, der immer an der Hintertür war? Hast du … hast du Garfield getötet?«

»Gard Field?«

»Ja, Garfield, die Katze!«

Er riss die Augen auf. »Eine Katze? Du denkst, ich hätte eine Katze getötet? Um sie zu essen? Zur Hölle!« Dann grinste er. »Das ist ein Kaninchen.«

»Ein Kaninchen?« Sie seufzte vor Erleichterung. »Keine Katze?«

»Nein.«

Was sollte das alles? Er grinste immer noch, als wäre es völlig normal, ein Kaninchen zu töten.

»Warum … brätst … du … ein … Kaninchen?«, fragte sie sehr langsam, ohne ihre Wut zu zeigen.

»Weil … ich … Hunger … habe«, antwortete er ebenso langsam. »Und weil ich rohen Fisch satt habe. Warum sonst?«

Natürlich, warum sonst? »Hungrig? Roher Fisch? Aber wo hast du das Kaninchen her?«

Er stieß erschöpft den Atem aus, als würde sie ihm lauter dumme Fragen stellen. »Ich habe es vor deiner Hütte gefangen.«

»Hütte?«

»Vor deinem Haus. Warum wiederholst du immer alles? Bist du schwachsinnig?«

»Nein, ich bin nicht schwachsinnig, du … Schwachkopf!« Plötzlich fiel ihr etwas ein. »Wo hast du die Innereien hingetan?« Himmel, hoffentlich hatte sie nicht Kaninchendärme und Haare in der Spüle liegen.

»Ich habe sie den Göttern geopfert, weil sie mich gerettet haben.« Er warf einen Blick auf das Feuer, aber seine goldenen Augen schimmerten dabei boshaft.

»Verzeihung. Willst du damit sagen, dass du meinen Kamin als Opferplatz für einen heidnischen Gott benutzt hast?«

Er zuckte die Achseln. »Ich verehre beide Gottheiten, die nordischen und den christlichen Gott.«

»Wie kannst du es wagen, heidnische Riten in meinem Kamin zu praktizieren!«

Er sog den Atem ein. »Heilige Freya! Du hast eine Stimme, die einem die Schuhe auszieht. Halt lieber den Mund, Mädchen, sonst komme ich noch auf die Idee, eine Jungfrau zu opfern.«

Da war wieder dieses amüsierte Funkeln in den Augen von der Farbe alten Whiskys. Seine Lippen zuckten – vor Wut oder vor unterdrücktem Amüsement?

»Nun, nur gut, dass ich keine Jungfrau mehr bin«, fauchte sie.

Jetzt lächelte er wirklich und zeigte Meredith dabei wunderschöne weiße Zähne. Na und? dachte sie, aber ihr Körper stöhnte: Oh, Mann!

Doch nur zu schnell holte er sie zurück in die Realität.

»Ich hätte mir denken können, dass eine Frau deines Alters schon lange die Beine zu ihrem Vergnügen geöffnet hat. Wo ist dein Mann jetzt?«

Alt? Beine geöffnet? Dieses Chauvinistenschwein! »Ich bin erst fünfunddreißig. Ich wette, du bist auch nicht jünger, du alter Affe! Ich habe keinen Mann, falls du das wissen wolltest …« Sofort bedauerte sie ihre hastigen Worte. »Ich meine, mein Mann kommt bald zurück.«

Er hob eine Braue und sah nicht überzeugt aus. »Dann bist du also eine wollüstige Frau – eine ältere wollüstige Frau –, die alleine lebt. Empfängst du deine Liebhaber hier?« Er musterte sie mit einem raschen Blick, der eindeutig Zweifel an ihrer Fähigkeit verriet, Männer anzuziehen.

Es war ihr egal, ob dieser Affe ein Messer schwang. Meredith sprang auf, stemmte die Hände in die Hüften und fragte: »Wer bist du und was suchst du in meinem Haus?«

»Èg er týndur.« Geirolf beobachtete die lästige Frau, die es wagte, in diesem Ton mit ihm zu sprechen.

»Ich habe mich verirrt«, übersetzte sie seine Worte.

Seine Ohren klingelten noch immer von ihrem lauten Schreien, und Kratzspuren zeichneten sich auf seinen Armen ab. Merry-Death, wie die seltsame Frau sich nannte, wagte es, gegen ihn aufzubegehren. Als wenn er eine Frau wie sie überhaupt gewollt hätte. Zu groß und zu dünn und zu scharfzüngig. Und alt. Er mochte seine Frauen jung und weich und willig, so wie Alyce.

Die Versuchung war groß, die lästige Frau ins Meer zu werfen, aber erst musste er Antworten haben. Außerdem hatte er Angst, dass sie eine Zauberin war. Als er in ihre Hütte gekommen war, hatte er sich gründlich umgeschaut – nirgendwo lagen die üblichen Binsen auf dem Boden. Nirgends war eine Kerze zu sehen. Ein seltsamer Raum enthielt einen Zauberschrank, der zu leuchten begann, sobald man die Tür öffnete. Er hatte etwas Käse darin gefunden, aber er war nicht essbar gewesen, weil ihn eine seltsame, nicht kaubare Hülle umgeben hatte, die man kaum sah.

Wenn sie eine Hexe war – und diese großen, grünen Augen, die so wütend funkelten, waren ganz sicher die einer Hexe –, musste er vorsichtig sein. Selbst mit seinem Talisman war er kaum gegen die Macht einer Zauberin geschützt.

Merry-Death würde noch büßen, daran gab es keinen Zweifel. Später würde er ihr zeigen, was eine ungehorsame Frau verdiente.

»My Lady, hvar er ég?«, grollte er schwach. »Wo bin ich?«

Die Frage schien sie zu entwaffnen, und er sah Mitleid in ihren Augen, als sie seine Wunden betrachtete. Hmpf, dachte er, es ist höchste Zeit, dass die Frau einem Krieger in ihrem Land Gastfreundschaft erweist, noch dazu einem verwundeten.

»Wurdest du auf den Kopf geschlagen?«, fragte sie.

Angewidert verzog er den Mund. Sie betrachtete ihn offenbar als Idiot. »Antworte, Mädchen. Wo bin ich?«

»Maine.«

»Meine. Ich habe nie von dem Ort gehört. Liegt er in Grünland – das hat Eirik der Rote neu entdeckt.«

»Ist das dein Ernst? Maine liegt im Norden der Vereinigten Staaten. Grönland liegt etwa 1500 Meilen nördlich von hier.«

»Hmmm. Dann ist mein Schiff weiter vom Kurs abgekommen, als ich dachte.«

»Vom Kurs abgekommen? Du meinst wohl vom Kontinent.«

»Das ist die Schuld meines Bruders Jorund. Er malt in unserer Familie die Landkarten.«

»Jared? Mein Bruder Jared hat dich hergeschickt?« Die Falte auf ihrer Stirn schwand, und ehe er sie korrigieren konnte, fragte sie: »Dein Schiff?«

»Beim Thor! Du klingst wie der Papagei, den Jorund mal aus dem Osten mitgebracht hat. Kreisch, kreisch, kreisch. Immerzu wiederholst du alles.« Es freute ihn zu sehen, dass sie sich über seine Worte ärgerte. »Ja, mein Langschiff Wilder Wolf ist tagelang herumgetrieben. Vierzehn Tage nach dem Kampf gegen Storr Grimsson ist es gesunken. Es war das beste Schiff, das ich je gebaut habe.«

Merry-Deaths Gesicht hellte sich auf. »Du bist ein Schiffbauer? Deshalb also hat Jared dich hergeschickt. Oder war es Mike?«

Er achtete nicht auf ihre verwirrenden Worte. »Ja, ich bin der beste Schiffbauer der Welt«, brüstete er sich. »Grimsson wird mit seinem Leben für den Verlust meiner Mannschaft zahlen, und für den meines Schiffes. Nun, ich kann leicht andere Schiffe bauen.« Wie das vor dieser Hütte, das mich zurück in meine Heimat bringen wird. Aber das verrate ich dir besser noch nicht. »Im Gegensatz zu Menschenleben kann man ein Schiff ersetzen.«

»Aber … aber wie bist du hergekommen?«

»Mein Schiff ist gesunken«, wiederholte er mit erzwungener Geduld. »Ich bin heute Morgen an die Küste geschwommen.«

Merry-Death staunte. »Du hast eine Schiffskatastrophe überlebt?«

Sie brauchte lange, um seine Worte zu verstehen, obwohl der Talisman ihm viel half. Vielleicht war sie doch schwachsinnig.

»Kein Wunder, dass du aussiehst, als hättest du eine Schlägerei hinter dir. Warum hast du das nicht gleich gesagt? Himmel, bist du etwa die Klippen hochgestiegen?«

Endlich bekam er Mitleid für all seine Mühen. »Ja, und ich versichere dir, dass das gar nicht leicht war mit Ingrid auf den Schultern.«

»Ingrid?«, kreischte sie jetzt. »Du hast eine Frau dabei?«

»Eine Frau?« Er lachte. »So kann man es nennen.«

Merry-Deaths bleiche Wangen wurden von zorniger Röte überzogen. Offenbar hatte die Frau kein bisschen Humor. Dafür fiel ihm langsam auf, dass sie andere Vorzüge hatte. Ihre Haare hatten sich aus dem unkleidsamen Knoten gelöst und ergossen sich wie nussfarben auf die braune Bluse. Er bemerkte, dass ihrer zierlichen Figur die weite braune Männerhose gut stand.

So viel braun, dachte er müßig. Wollte sie ihre Weiblichkeit verstecken, indem sie versuchte, wie ein Baum auszusehen? Nein, Baum traf es nicht ganz bei dieser Fülle rotbrauner Haare und den grünen Hexenaugen.

Oh, sie entsprach ganz und gar nicht seinem Typ. Aber sie war auch nicht so unauffällig, wie er anfangs gedacht hatte.

Was für eine törichte Frau! Antworten von jemandem zu verlangen, der aus einer hochgeborenen norwegischen Familie stammte!

Ha! Ich werde ihr schon noch zeigen, wo ihr Platz ist! »Yeah, Ingrid liegt draußen am Tümpel, um nach dem langen Aufenthalt im Wasser zu trocknen.«

»Tümpel?«

Ihre Augen sahen jetzt, wo sie sich vor Wut verengten, nicht mehr ganz so schön aus. »Ja, der Steintümpel voller Wasser.«

»Der Swimmingpool? Hast du die Plane von Grams Pool genommen? Oh, jetzt habe ich genug von dem Unsinn. Ich kann nicht glauben, dass du eine Frau, die wahrscheinlich verletzt ist, draußen lässt, während du in mein Haus einbrichst, irgendwelche Gesänge über einem armen Tier abhältst und mich angreifst.«

Ohne auf sein ungläubiges Schnauben angesichts ihrer Anschuldigungen zu achten, ging Merry-Death zu den seltsamen Glastüren und sog beim ersten Blick auf Ingrid, die mit den riesigen roten Nippeln nach oben im Licht des Vollmonds lag, scharf den Atem ein.

»Mike Johnson, ich werde dich umbringen. Ich habe dich wegen der Brüste gewarnt«, murmelte die Frau ärgerlich, dann machte sie auf dem Absatz kehrt, um ihm ganz sicher noch mehr Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Aber als sie ihn sah, hielt sie inne. »W-was machst du da?«, stammelte sie.

Er öffnete seinen Gürtel, um Tunika und Waffen abzulegen. Als er voller Verwunderung ihre Panik bemerkte, legte er den Kopf schief und versuchte, sie zu beruhigen. »Du brauchst keine Angst zu haben. Ich will dir nichts tun, es sei denn, du widersetzt dich mir.«

»Widersetzen?«

»Durch übereilte Handlungen.«

»Übereilte Handlungen?«

Er zuckte die Achseln. »Ay, mein komischer Papagei. Versuch nicht, mich anzugreifen oder zu entkommen. Dann wäre ich gezwungen, dir den Kopf abzuschlagen oder dich von der Klippe zu werfen.«

Die Frau schloss den Mund und gab ein gurgelndes Geräusch von sich, aber anscheinend nicht in seiner Sprache. Ihre Augen richteten sich auf seinen Körper, als er die Tunika über den Kopf zog. Als er nur noch seinen Lendenschurz und die Stiefel anhatte, merkte er, dass die Frau voller Angst vor ihm zurückwich. Beim Thor! Sie hatte doch sicher schon mal einen nackten Mann gesehen. Zumal sie behauptete, dass sie keine Jungfrau mehr war.

»Was glaubst du, was du da machst?«, stieß sie hervor.

»Ich will mir in deinem Tümpel das Salz von der Haut waschen. Dann werde ich mein Kaninchen essen. Danach will ich lange schlafen. Wo sind deine Bettfelle? Ich habe sie nicht gefunden, als ich mich vorhin umgesehen habe.«

»Zieh dich an«, befahl sie und wandte wie ein scheues Mädchen den Kopf ab.

Himmel, er war das Gezeter und die falsche Scham leid. »Nein, das werde ich nicht, und vielleicht solltest du dich auch ausziehen.« Er merkte, dass sich noch ein anderer Hunger als der auf Kaninchen in ihm regte. Nach seinem knappen Entkommen aus den Klauen des Todes verspürte er den Drang zu feiern, dass er noch am Leben war – auf die Art, wie alle Krieger es tun.

Die grünen Augen des Mädchens wurden groß vor Staunen.

»Trotz deines knochigen Körpers und deiner scharfen Zunge«, ließ er sie wissen und lächelte, um zu zeigen, welche Ehre er ihr zuteil werden ließ, »habe ich mich entschlossen, dich als meine Bettgenossin zu nehmen, solange ich in deinem Land weile.«

Kapitel 2

Als Geirolf seinen Lendenschurz abnahm, traten Merry-Death fast die Augen aus dem Kopf. Sie gab ein ersticktes Geräusch von sich.

Er kicherte zufrieden. So reagierte jede Frau, wenn sie das erste Mal seine männlichen Teile sah. In der Hinsicht waren die Götter ihm geneigt gewesen.

»Du … du«, stotterte sie, als er an ihr vorüber durch die offenen Türen stolzierte.

Er ging bewusst langsam und hoch aufgerichtet, damit sie ihn gut sehen konnte. Vielleicht wusste sie jetzt zu schätzen, welche Ehre es war, das Bett mit ihm zu teilen.

»Komm hierher zurück«, schrie sie wie eine Irre. »Und zieh dich wieder an!«

»Nein, da wo ich herkomme, baden wir nicht mit Kleidern.«

»Wir auch nicht, du Idiot, aber die Poolheizung ist noch nicht an. Das Wasser ist eiskalt.«

»Ha! Du hast noch nie ein Winterbad in einem Fjord meiner Heimat genommen. Da ist das Wasser kalt genug, den Schwanz eines Mannes in einen Eiszapfen zu verwandeln. Hier kann es auch nicht schlimmer sein.«

»Aber warum gehst du nicht unter die warme Dusche im Haus?«

Er hielt am Rande des Tümpels inne und steckte den großen Zeh ins Wasser. Ein Schauer überlief ihn, dass sich ihm die Haare sträubten. Sein stolzer Schaft schrumpfte zusammen. Zum Teufel, das Wasser war eiskalt. »Was ist diese Dusche?«, erkundigte er sich beiläufig, damit sie ihn nicht für einen Schwächling hielt, der sich nicht ins kalte Wasser traute.

»Komm mit, ich zeige es dir. Aber bedecke dich, um Himmels willen. Wo haben Jared und Mike dich überhaupt gefunden? Im Dschungel?«

Ihr Blick glitt nach unten und ging dann gleich wieder hoch. Rote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

»Wirst du etwa rot, Frau? Beim Odin, das wirst du!« Es gefiel ihm.

Tatsächlich fand er ihre Scheu bei einer Frau ihres Alters ganz nett. »Du wirst dich schon an mich gewöhnen«, versicherte er ihr großmütig.

»Nein, nein, nein, da irrst du dich aber. Ich werde mich an gar nichts gewöhnen. Du wirst dich an meine Regeln halten.«

»Ha!«

Sie funkelte ihn wütend an, während sie um den Pool herumging, und stolperte dadurch über Ingrid, was ihr einen wüsten Fluch entlockte. Er konnte sich denken, was sie gesagt hatte, auch ohne den Talisman.

»Ts-Ts«, tadelte er süß und imitierte damit das Lieblingsgeräusch seiner Mutter, das in diesem Fall perfekt passte. »Hast du schwache Knochen, dass du so unbeholfen bist?«

Entrüstet richtete sie sich auf.

»Oder liegt es an deinen übergroßen Füßen?«

Sie schnaubte wütend.

Gut. Es war am besten, einer Frau gleich zu zeigen, wo ihr Platz war. »Wo können wir Ingrid ablegen, damit sie vor deiner Schwerfälligkeit sicher ist, bis ich sie am Bug meines Langschiffes befestigen kann?«

»Welches Langschiff?«, fragte Merry-Death.

Er machte eine Handbewegung zu dem Schiff neben ihrem Haus.

Verblüfft riss sie die grünen Augen auf, als sie merkte, dass er das halbfertige Schiff meinte. »Du wirst keine Brüste am Bug meines Schiffes anbringen. Das habe ich Mike bereits gesagt. Offenbar haben sie dir das nicht ausgerichtet.« Dann begriff sie, was er gesagt hatte. »Dein Langschiff? Ist das dein Ernst? Dieses Schiff gehört der Trondheim Stiftung und dem Oxley College.«

»Und es ist ein armseliges Exemplar. Aber keine Angst, ich werde alle Fehler korrigieren. Es wird das beste Schiff werden, das je zur See fuhr.«

»Ja? Kannst du das?«, fragte sie atemlos vor Erwartung. »Willst du etwa behaupten, dass du ein Wikinger Langschiff bauen kannst?«

»Mit Sicherheit. Ich habe es schon oft gemacht. Meine Schiffe sind in der ganzen Welt gefragt. Könige aus fernen Ländern haben mich um meine Dienste gebeten. Letztes Jahr erst hat König Aethelred von Britannien eines meiner Knorrs bestellt – so nennt man die größeren Handelsschiffe.«

»Welcher König?« Sie stand inzwischen vor ihm, die Hände in die Hüften gestemmt. Als ihr Blick sich unwillkürlich senkte, schnappte sie: »Kannst du dich nicht wenigstens so lange bedecken, wie ich mit dir rede?«

»Womit?«

»Ich weiß nicht. Mit deiner Hand.«

»Zu klein«, grinste er.

»Deine Hand oder dein …«

Er hob die Brauen. »Was meinst du wohl?«

»Aaaargh! Dauernd wechselst du das Thema. Wer ist dieser König Aethelred, den du erwähnt hast?«

»Aethelred der Unfertige ist der König von Britannien«, erklärte er bemüht geduldig.«

Die Frau presste eine Hand an die Stirn, als hätte sie Kopfschmerzen. »Elizabeth ist die Königin von England. Es gibt keinen König. Aethelred hat Ende des zehnten Jahrhunderts geherrscht.«

»Ich weiß nichts von einer Elizabeth, und ja, du hast Recht, Aethelred ist König Ende des zehnten Jahrhunderts.« Er machte Anstalten, ins Haus zu gehen.

»Warte. Willst du damit sagen, dass du denkst, dies wäre das zehnte Jahrhundert?«

Was für eine seltsame Frage! Andererseits stellte sie viele seltsame Fragen. »Ja, wir schreiben das Jahr 997. Das ist das zehnte Jahrhundert.«

Merry-Death begann zu lachen. Er sah nichts Komisches in seinen Worten. Also war sie nicht nur schwachsinnig, sondern auch verrückt.

Als sie sich endlich die Lachtränen abwischte, sagte sie: »Ich habe ein paar Neuigkeiten für dich. Wir haben das Jahr 1997. Dein Boot ist nicht nur vom Kurs, sondern auch von der Zeit abgekommen. Ha! Ha! Ha! Warte, bis ich Mike und Jared in die Finger kriege. Sie wussten, dass ich verzweifelt bin, aber mussten sie mir einen durchgeknallten Schiffbauer schicken?«

»1997? Sehr komisch!« Er ahmte ihr Lachen nach. »My Lady, hast du kürzlich einen Schlag auf den Kopf bekommen?«

»Nein, aber ich hätte große Lust, dir einen zu versetzen.«

»Hüte deine Zunge! Es gefällt mir gar nicht, wenn du mich als Irren bezeichnest, Merry-Death. In meinem Land bin ich Anführer, also erweist du mir besser Respekt.« Er hob das Kinn. »Und Ingrid wird den Bug dieses Schiffes schmücken, oder es gibt kein Schiff.«

Geirolf genoss eines der intensivsten, angenehmsten Erlebnisse seines Lebens. Eine Dusche, hatte Merry-Death es genannt.

Er stand in einer Kabine mit drei Kachelwänden und einer nebligen Glastür und ließ endlose Ströme heißen Wassers über seinen Körper fließen, während er sich mit einer duftenden Seife Haare und Körper einschäumte.

Die Frau erwies sich mehr und mehr als Zauberin. Auf dem Weg zu ihrem Badezimmer hatte sie einen Schalter nach dem anderen berührt, was seltsame Kerzen entzündet hatte. Dann hatte sie ihm erklärt, dass Küche und Badezimmer fließendes Wasser hätten, das aus den ›Rohren‹ komme.

Nun, das war nicht so besonders. Die alten Römer hatten in ihren Badehäusern Ähnliches gemacht, nur dass hier auch heißes Wasser aus der Leitung kam.

Noch etwas widersprach jeder Logik – eine Toilette. Beim Thor! Die Leute hier hatten kein Außenhäuschen, außer auf dem Lande, wie Merry-Death ihm erklärt hatte. Hier erleichterten die Leute sich in Porzellanschüsseln, die mit Wasser gefüllt waren, das auf wundersame Weise verschwand, sobald man einen silbernen Griff berührte. Angesichts der Büsche rund ums Haus erschien ihm das eine Zeitverschwendung.

Ja, schloss Geirolf, Merry-Death war in der Tat eine Zauberin, aber jeder wusste, dass es gute und böse Hexen gab. Sie musste eine gute Hexe sein, denn bislang hatte er keine Beweise, dass sie schlimme Dinge vollbrachte.

Dennoch würde er gut aufpassen. Sie sollte ihn nicht mit einem Fluch belegen. Einmal hatte eine schwarze Hexe seinen Bruder verzaubert, weil er nicht für ihre Dienste bezahlt hatte, und daraufhin hatten sich seine männlichen Teile purpurrot verfärbt und vierzehn Tage lang geeitert. Seine Mutter hatte behauptet, dass der Grund der war, dass Magnus seine Teile dahin gesteckt habe, wo sie nicht hingehörten, aber Magnus gab der Hexe die Schuld.

Geirolf war jetzt so sauber, dass es quietschte, aber er nahm sich noch eine Hand voll der flüssigen goldenen Seife und schäumte sich ein. Dann brüllte er laut nach der guten Hexe, damit sie ihm half.

Meredith wollte gerade die Nudeln ins Kochwasser schütten, als sie Rolfs Schreie hörte.

»Merry-Death! Hilfe!«

Himmel, war der Mann laut. Sie schaltete den Herd runter und eilte den Flur entlang. Im Vorübergehen warf sie einen angeekelten Blick auf Rolfs Kaninchen, das er auf den Küchentisch gelegt hatte, ehe er in die Dusche gegangen war. Meredith würde keinesfalls ein kleines Kaninchen essen.

»Merry-Death!«

»Immer mit der Ruhe«, antwortete sie und öffnete die Badezimmertür einen kleinen Spalt, um sich zu vergewissern, dass er vorzeigbar war, ehe sie eintrat. Bislang hatte der schamlose Schuft sich in dieser Beziehung nicht besonders angestrengt.

Er stand immer noch in der Dusche und stöhnte wie ein Verrückter. Vielleicht hatte er sich verbrüht?

Sie eilte zu ihm und schob die Glastür ein Stück beiseite, wobei sie wohlweislich den Blick gesenkt hielt. »Was ist los?«

»Ich habe Dreck in den Augen und wollte es wegwaschen, aber ich werde diese Seifenblasen nicht los. Meine Augen brennen, und je mehr ich reibe, desto mehr Schaum kommt. Ich glaube, ich werde blind. Hast du mich verflucht?«

Meredith versuchte, seine umständliche Rede zu verstehen. »Erstens einmal ist es Breck, nicht Dreck, ein sehr gutes Shampoo. Es gehörte meinem Großvater. Ich glaube, heute wird es gar nicht mehr hergestellt. Wie viel hast du davon genommen?«

Er zuckte die Achseln und wandte sein Gesicht mit den fest zusammengekniffenen Augen nicht aus dem Duschstrahl. Er war in der Tat von einer Unmenge Seifenschaum bedeckt.

»Die halbe Flasche«, antwortete er schließlich und spuckte einen Mund voll Schaum aus.

»Du Narr, man darf nur eine Kappe voll nehmen, Breck ist ein Konzentrat!«

»Woher soll ich das wissen?«, gab er zurück und fuhr sich mit den Fingern durch das Haar, wobei er blinzelte. »Bin ich jetzt blind?«

»Nein, bist du nicht, du bist … he, was glaubst du wohl, was du da machst? Du Schuft!«

Rolf hatte ihr Handgelenk gepackt und zog sie voll bekleidet zu sich unter die Dusche.

»Hör auf zu zetern und nimm das Zeug von meinem Körper. Sofort! Und stell sicher, dass ich danach wieder sehen kann, sonst drehe ich dir den knochigen Hals um, ob du nun eine Hexe bist oder nicht. Vor allem dann, wenn mein Schwanz dunkelrot wird.«

Hexe? Dunkelrot? Schiffbauer oder nicht, dieser Kerl war nicht ganz dicht. Mit einem angewiderten Schnauben half Meredith ihm, den Schaum abzuwaschen; mit einem Lappen wusch sie ihm die Augen aus. Sie waren anschließend blutunterlaufen, aber blind war er nicht.

Statt dankbar zu sein, verfluchte Rolf sie dabei leise. Dann merkte sie, dass seine Augen sich auf ihre nasse Bluse geheftet hatten. Die Seide hatte sich an ihren Körper geschmiegt und war praktisch durchsichtig geworden. Zu ihrem Entsetzen konnte man die rosa Brustspitzen deutlich sehen. Wieder fluchte er, aber diesmal vor männlicher Frustration, nicht vor Wut.

Mit einer raschen Bewegung packte Rolf ihre Taille und drängte sie gegen die Wand der Duschkabine. Dann spürte sie seine Hüften sinnlich gegen ihre drängen, als er den Kopf senkte und an ihren Lippen flüsterte: »Was sonst noch tun Mann und Frau in dieser Dusche?«

Meredith wusste, dass sie jetzt die Hände gegen seine Brust stemmen und ihn ärgerlich wegschieben müsste. Sie war Professorin. Sie war Doktor Mittelalterlicher Geschichte. Sie war eine Frau der Neunziger mit Prinzipien, kein Dummchen.

Stopp, befahl ihr die Logik. Hmmmm, sagte die andere Seite ihres Körpers. Zum ersten Mal in ihrem einsamen Leben folgte Meredith dem unlogischen Weg. Sie hob den Kopf, sodass ihre Lippen sich trafen, und öffnete ihm ihren Mund.

Der Wikinger – wer immer er war – spielte meisterlich mit ihr. Hin und her rieben seine festen Lippen über ihre, bis sie ganz schwach vor Verlangen wurde. Dann erst vertiefte er den Kuss mit wildem Verlangen.

»Drei Monate ist es her, seit ich eine Frau hatte«, murmelte er, als er Luft holte.

»Drei Jahre ist es her, seit ich einen Mann hatte«, entgegnete sie und knabberte an seiner Unterlippe. Oh, Himmel, war das wahr, dass sie an der Unterlippe eines fremden Mannes knabberte?

Er grinste auf sie herunter. »Dann sollte unsere Vereinigung spektakulär werden.«

Ehe sie eine Chance hatte, seine Ankündigung zu verarbeiten oder etwas wirklich Dummes zu sagen wie »Lass uns anfangen«, fuhr seine Zunge wieder spielerisch in ihren Mund. Mit beiden Händen umfasste er ihre Brüste.

Ihre Knie gaben nach.

Sein harter Penis presste sich gegen ihre Schenkel.

Sie stöhnten beide auf.

»Was ist dieser Lärm?«, stieß er dann hervor.

Trotz ihrer vor Leidenschaft vernebelten Sinne erkannte Meredith das Läuten des Telefons. Eine Sekunde lang sah sie den wunderbaren Mann vor sich an. Seine Lippen waren geöffnet, und seine whiskyfarbenen Augen glühten vor Leidenschaft. Sein nackter Körper drängte sich voller Intimität an ihren.

Ein Fremder. Sie hatte Sex unter der Dusche mit einem Fremden. War sie verrückt geworden?

Meredith blinzelte und kam verspätet zur Vernunft.

Er blinzelte ebenfalls vor Verwirrung, und diesen Moment nutzte sie, um ihn beiseite zu schieben und aus der Kabine zu springen. Sie hörte ihn rufen, als sie den Flur entlangrannte, wobei sie überall Pfützen hinterließ, aber sie wartete nicht, um zu verstehen, was er sagte. Stattdessen griff sie sich das schnurlose Telefon im Wohnzimmer. »Hallo?«

»Mer, bist du das?«, meldete sich ihre Schwester Jillian. »Du klingst so komisch.«

»Ich komme gerade aus der Dusche.« Und wie ich gerade aus der Dusche komme! Eher ist es so, dass ich fast in der Dusche gekommen wäre! Wow!

»Ach, das tut mir Leid. Was gibt es Neues bei dir?«

Jillian rief nie an, um nur zu plaudern. »Was ist los, Jillie?«

»Muss etwas los sein, wenn ich dich anrufe?« Ihre Stimme brach mitten im Satz.

»Oh, Jillie, was ist denn?« Meredith ließ sich auf das Sofa sinken und sprang sofort wieder auf, als sie sich daran erinnerte, dass sie tropfnass war. Am Telefon hörte sie Jillie schluchzen.

»Liebes, was ist los? Wo bist du?«

»Ich bin in London, aber es kann sein, dass ich heute Abend in Chicago sein muss.«

»Du wolltest doch noch einen Monat in London bleiben, um deinen Schmuck dort im Museum auszustellen?«

»Das ist es ja, Mel. Du musst mir einen Gefallen tun, einen großen Gefallen.«

Oha. Jillie war dreißig Jahre alt, fünf Jahre jünger als Meredith, und immer auf der Suche nach jemandem, der ihr einen Gefallen tat. Zwei gescheiterte Ehen, eine Boutique, die Bankrott gegangen war, eine jugendliche Tochter, die ständig in Schwierigkeiten steckte, und eine endlose Reihe von Liebhabern. Jillie hatte immer nur Probleme.

»George hat mich aus Chicago angerufen«, erklärte Jillie. Ihr erster Ex-Mann war ein Psychologe. Sie hatten geheiratet, als sie beide noch zur Schule gegangen waren und Jillie schwanger wurde. »Er sagt, dass ich sofort zurückkommen muss.«

»Warum?«, fragte Meredith voller Angst vor der Antwort.

»Gourd ist wegen Ladendiebstahls verhaftet worden, und die Polizei droht, sie in ein Erziehungsheim zu stecken.«

»Gourd?«

»So heißt Thea im Moment. Diese Woche macht sie eine Mutter-Erde-Phase durch.«

Meredith unterdrückte ein Kichern. Das sah ihrer Nichte ähnlich! Ewig versuchte sie, sich selbst zu finden. Da sie ihren Namen Theodosia seit frühester Kindheit verabscheute, gab sie sich jede Woche einen anderen Namen.

»Es ist das dritte Mal in fünf Monaten, dass sie verhaftet wird«, fuhr sie fort.

»Oh, Jillie!« Und arme Thea. Sie hatte mit ihren zwölf Jahren sämtliche Verhaltensstörungen entwickelt, die es gab. Aber wahrscheinlich würde jedes Kind durchdrehen, wenn es mit ihrer verrückten Schwester zusammenleben müsste. Es war kein gutes Schicksal für ein junges Mädchen, zwischen zwei Elternteilen zu pendeln, die beide über ihre Existenz nicht allzu glücklich waren.

»George sagt, dass er jetzt genug hat. Ich soll aus London zurückkommen und ihr eine echte Mutter sein. Kein Herumziehen mehr von Stadt zu Stadt. Ich habe mich gefragt –«

»Nein.«

»Nein?«

»Nein, Jillie, du wirst nicht wieder deine Probleme bei mir abladen. Es wird Zeit, dass du selbst Verantwortung übernimmst.«

»Aber sie werden mir Thea wegnehmen.« Jillie begann wieder zu weinen, und ihre Schluchzer zerrissen Meredith das Herz. Sie schloss die Augen, lehnte den Kopf in den Nacken und wusste, dass sie wieder einmal nachgeben würde.

Geirolf war wütend.

Keine Frau reizte ihn, bis er fast platzte, und ließ ihn dann einfach stehen, ohne es zu erklären. Solche Spiele passten zu unreifen Jugendlichen, aber er war schon lange erwachsen, und Merry-Death hatte die erste Blüte auch hinter sich.

Er wollte Antworten haben, und er wollte sie jetzt.

Nachdem er sich abgetrocknet hatte, trug er die Salbe auf, die sie ihm für seine Wunden gegeben hatte, um dann in die alten »Jogging«-Hosen zu schlüpfen, die angeblich ihrem Bruder gehörten. Dazu zog er etwas an, das »T-Schört« hieß und auf dem »Just do it« stand.

Schließlich schnallte er auch den Talisman-Gürtel wieder um, weil er glaubte, dass der ihm half, Merry-Death besser zu verstehen. Sie mischte verschiedene Worte durcheinander, teils in seiner Sprache, teils in ihrer.

Schließlich stürmte er barfuß in den großen Raum – etwas, das er in seinem eigenen Heim nie tun würde, wo oft unaussprechliche Dinge auf dem Boden lagen. Doch dann blieb er wie erstarrt stehen. Merry-Death redete in eine kleine schwarze Schachtel, die sie ans Ohr hielt. Eine Schachtel? Nun, warum nicht. Er hatte von Zauberern gehört, die mit Bäumen oder Tieren sprachen, ja sogar mit dem Wind. Ah, zum Teufel, dann war sie also wirklich eine. Wollte er sein Glück mit einer Hexe versuchen?

Ja, sagte er sich sofort, als er den Beweis dafür zwischen seinen Beinen spürte.

»Gib mir das«, rief er und riss ihr die Schachtel aus der Hand, um sie ins Feuer zu werfen. Aber das Ding gab ein seltsames Geräusch von sich, als würde eine Frau schluchzen. Erschrocken sah er Merry-Death an, die versuchte, die Schachtel zurückzubekommen. »Was ist das für ein Geräusch?«, wollte er wissen und hielt den kleinen Kasten hoch über den Kopf außerhalb ihrer Reichweite.

»Meine Schwester.«

»Deine Schwester ist eine Schachtel?«

»Nein, ist sie nicht. Himmel, vielleicht hat Jared dich wirklich im Dschungel gefunden. Das ist ein Telefon, und ich habe mit meiner Schwester in London telefoniert.«

Er schnaubte ungläubig, hielt aber dennoch das Telefon vorsichtig an sein Ohr.

»Wer ist da?«, fragte eine Frauenstimme.

Überrascht fuhr sein Kopf hoch. »Geirolf«, antwortete er vorsichtig, auch wenn er sich ziemlich albern vorkam, in eine Schachtel zu sprechen. Hilfesuchend rieb er den Talisman. »Wer bist du?«

»J

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