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Die Wintertochter

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21

Über dieses Buch

Als die junge Architektin Eve ein Haus im ländlichen Wisconsin renovieren soll, kommt ihr das Angebot gerade recht. Sie braucht dringend eine Auszeit von ihrem Freund Mike. Doch am einsamen Lake Washington angekommen, gestaltet sich die Arbeit schwieriger als erwartet. Dann lernt Eve jedoch den sympathischen Clayton kennen, der ihr bei der Renovierung mit Rat und Tat zur Seite steht. Rasch stellt Clayton ihre Gefühle für Mike auf die Probe. Eve weiß, dass sie sich früher oder später zwischen den beiden Männern entscheiden muss. Aber dann holt sie die dramatische Geschichte ihrer Familie ein. Wird Eve die Vergangenheit überwinden und doch noch ihr Glück finden?

Über die Autorin

Muna Shehadi wuchs im amerikanischen Princeton in New Jersey auf, lebt inzwischen aber in Wisconsin. Sie besitzt selbst ein heißgeliebtes Sommerhaus an der Küste von Maine. Das alles und ihr lebenslange Liebe zum Schreiben inspirierte sie zu »Die Sommertochter«.

M U N A S H E H A D I

DIE

WINTER

TOCHTER

Roman

Aus dem Englischen von
Sonja Rebernik-Heidegger

Ich danke meiner wundervollen Lektorin Kate Byrne von Headline Publishing, deren unermüdliche Beifallsrufe und sicheres literarisches Urteilsvermögen die Arbeit mit ihr zur reinsten Freude machen. Und meinem Helden Nathaniel Alcaraz-Stapleton, der die Trilogie über die Braddock-Schwestern in zahlreiche Länder verkauft hat.

Besonderer Dank gilt der talentierten Architektin Meg Baniukiewicz, die mir nicht nur bei diesem Buch geholfen, sondern auch einen wunderschönen Anbau für unser Haus geplant hat.

Danke an Charlotte Lukes, die mir unzählige Fragen zu Washington Island beantwortete, und an Cindy Kasper, die mir Unmengen an Informationen zum Thema »technisches Schreiben« lieferte, die ich in diesem Buch dann allerdings leider doch nicht verwenden konnte.

Kapitel 1

4. September 1970 (Freitag)

Liebes Tagebuch, ich schreibe dir mittlerweile seltener, denn jetzt habe ich ja Daniel und brauche dich nicht mehr so dringend. Ja, ich gebe zu, ich habe dich betrogen! Ich schreibe dir, weil heute ein ganz besonderer Tag ist. Daniel und ich sind inzwischen genau sechs glückselige, wunderbare Monate verheiratet – und das ist längst noch nicht alles. Ich, Jillian Croft, geborene Sylvia Moore, aus einem Kaff namens Jackman im weit entfernten Maine, habe eine Rolle in einem Film mit Steve McQueen bekommen! Es gibt sogar einen Text: »Ist das alles, Sir?« Wie du siehst, kann ich ihn bereits auswendig.

Ich habe einen Agenten und werde so oft zu Castings eingeladen, dass ich meine Zeit großteils im Flugzeug oder in LA verbringe. Daniel und ich lieben New York, aber LA ist nun mal die Filmstadt schlechthin, und ich habe beschlossen, meine Karriere dort voranzutreiben und erst wieder ans Theater zurückzukehren, wenn ich mir einen Namen gemacht habe. Also werden wir umziehen! Daniel sucht bereits nach einer Stelle als Schauspiellehrer. Er ist so bekannt und erfolgreich, dass er sicher bald etwas finden wird. Vielleicht an der UCLA oder am CalArts. Ich finde ja, er sollte seine eigene Schauspielschule eröffnen, doch er meint, er sei noch nicht so weit.

Wenn wir das nächste Mal in Kalifornien sind, machen wir uns auf die Suche nach einem Haus, und zwar in … Beverly Hills! Ich kann es immer noch nicht glauben. Daniel meint, es wäre sinnvoll, uns gleich ein größeres Haus zu leisten, denn wir werden für seine Wohnung in New York einen Haufen Geld bekommen und sparen eine Menge Steuern, wenn wir es gleich in eine neue Immobilie investieren. Er ist so schlau!

Und ich bin so aufgeregt! Ich habe meinen Eltern geschrieben und ihnen erzählt, dass wir umziehen und ich sie vielleicht einmal besuchen kommen werde. Sie haben nicht geantwortet – und ich habe ehrlich gesagt nichts anderes erwartet. Zwei Jahre, und trotzdem hat mir meine Familie noch nicht verziehen. Abgesehen von meiner Schwester. Manchmal tut es so weh, dass ich keine Luft mehr bekomme. Welche Mutter löscht ihr Kind einfach aus ihrem Leben, als hätte es nie existiert?

Falls ich einmal ein Baby bekomme, wollen sie es sicher kennenlernen. Ich weiß zwar nicht, wie ich das mit meinem wertlosen, deformierten Körper hinkriegen soll, aber ich schwöre bei Gott, dass mir etwas einfallen wird. Ich sehne mich so sehr danach, meinen Kindern das zu geben, was meine Mutter mir nie geben konnte!

Ich schätze, wir alle leben, um die Dinge wiedergutzumachen, die uns in unserer Kindheit widerfahren sind.

Alles Liebe,

Ich

»Happy Birthday!«, riefen Eve und die anderen Gäste, die sich um den mit einem blauen Tischtuch gedeckten Esstisch versammelt hatten. Der Tisch war eigens zum achtzigsten Geburtstag ihres Vaters in das kleine Häuschen im Seniorenzentrum gebracht worden, in dem er und ihre Stiefmutter mittlerweile wohnten. Obwohl Daniel Braddock genau genommen erst seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, da er an einem 29. Februar zur Welt gekommen war. Eve, ihre beiden älteren Schwestern und ihre Stiefmutter hoben ihre Champagnergläser zu Ehren des Familienoberhaupts.

»Ich danke euch allen!« Der geliebte Tyrann hatte den Großteil des Gewichts wieder zugelegt, das er vergangenen Sommer verloren hatte, und auch seine sprachlichen Fähigkeiten hatten sich enorm verbessert; trotzdem hatte der Schlaganfall den Alterungsprozess deutlich beschleunigt. »Ich war mir nicht sicher, ob ich das hier noch erleben würde.«

Seine Frau Lauren, die gerade sechzig geworden war, nippte an ihrem Champagner. Wahrscheinlich würde sie das Glas bald beiseitestellen und den Rest des Abends nichts mehr trinken, denn sie behauptete immer, dass der Alkohol teuflische Seiten an ihr zum Vorschein brachte. Angesichts ihrer Persönlichkeit konnte sich Eve allerdings nur ein kleines Teufelchen vorstellen, das vielleicht absichtlich vergaß, die letzte Teetasse zu spülen.

»Du machst jeden Tag Fortschritte, Daniel«, erklärte Lauren und tätschelte ihm liebevoll die Schulter. »Noch ein paar Monate, und du bist wieder der Alte.«

»In ein paar Monaten bin ich höchstens älter.« Er hob sein Glas und nickte seinen Töchtern zu. »Danke, dass ihr gekommen seid, meine Mädchen. Es ist schön, wieder in dieser Runde zusammen zu sein.«

»Hört, hört.« Olivia, die älteste Schwester, bedachte ihren Vater mit einem bewundernden Lächeln. Sie wirkte müde und dünner als sonst, obwohl sie wie immer makellos gekleidet und geschminkt war. »Ich wette, du schaffst auch noch den einundzwanzigsten Geburtstag. Dann darfst du offiziell Alkohol trinken.«

»Darauf freue ich mich jetzt schon.« Ihr Vater kicherte liebevoll. »Rosalind, ich wollte dich schon die ganze Zeit fragen, wie es dem jungen Mann an deiner Seite geht.«

»Gut!« Rosalinds Gesicht strahlte. Ihre Haare waren zu einem schmeichelnden Pixie geschnitten, der ihre hübschen Augen betonte. Sie hatte aufgehört, die Haare in allen möglichen seltsamen Farben zu färben, doch sie trug immer noch ihre selbst entworfenen Klamotten, die perfekt zu ihrer schrägen Lebenseinstellung passten. »Er arbeitet gerade an einer Skulptur von mir.«

»Bekleidet, hoffe ich?« Ihr Vater schaffte es, dass die Frage wie eine Drohung klang.

»Aber natürlich, Daddy.« Rosalind setzte ein engelsgleiches Lächeln auf und klimperte mit den Wimpern. »Ich würde niemals zulassen, dass Bryn mich nackt sieht.«

Der ganze Tisch brach in schallendes Gelächter aus. Rosalind war schon immer stark gewesen, doch seit sie im vergangenen Herbst ihre leibliche Mutter ausfindig gemacht und Bryn kennengelernt hatte, hatte sich ihre Stärke von einer stoischen Gleichgültigkeit in eine unwiderstehliche Selbstsicherheit verwandelt. Zur Abwechslung war der selbst ernannte Kolibri derzeit die gefestigtste und zufriedenste der drei Schwestern.

»Sorgen bereitet mir nicht unbedingt das, was er zu sehen bekäme.«

»Seine Arbeiten sind sehr geschmackvoll.« Rosalind griff nach der Hand ihres Vaters. »Die Skulptur hat maximal eine FSK zwölf.«

»Hmpf.« Ihr Vater stellte sein Glas beiseite und deutete energisch in ihre Richtung. »Ich würde gerne noch erleben, wie du den Mann heiratest. Deine Mutter wäre sicher auch mit ihm einverstanden gewesen. Sie wollte unbedingt, dass ihr glücklich seid, sesshaft werdet und eigene Kinder bekommt. Ihr habt ihr so viel Freude bereitet.«

»Das ist lieb von dir. Danke, Dad.« Rosalinds Gesicht wirkte mit einem Mal verschlossen, genauso wie Eves und auch Olivias. Kurz nach dem Schlaganfall ihres Vaters hatten die Braddock-Schwestern zufällig herausgefunden, dass ihre Mutter – Jillian Croft, Leinwandgöttin und Inbegriff der Weiblichkeit – unter einer kompletten Androgenresistenz gelitten hatte, was bedeutete, dass sie ohne weibliche Fortpflanzungsorgane geboren worden war. Trotz ihrer öffentlich zelebrierten und in Familienfotoalben sowie in der Boulevardpresse dokumentierten Schwangerschaften hatte sie keine ihrer drei Töchter selbst zur Welt gebracht.

Im letzten Herbst hatte Eve mit Interesse Rosalinds mutige Suche nach ihrer leiblichen Mutter verfolgt. Sie war erleichtert gewesen, als alles gut ausgegangen war, doch sie hatte trotzdem keine Ambitionen entwickelt, nach ihrer eigenen Mutter zu suchen. Olivia hatte beschlossen, alles zu verleugnen, und sich von Anfang an geweigert, überhaupt darüber zu sprechen.

»Olivia.« Lauren ließ den Blick langsam über den Tisch wandern, wandte sich aber im nächsten Moment auch schon wieder ab. Es war eine seltsame, schüchterne Geste, als könnte sie es nicht ertragen, Olivia zu lange in die Augen zu schauen. »Wie läuft es mit deiner Show?«

Eve erstarrte. Olivia hatte ihren Schwestern gegenüber erst vor Kurzem zugegeben, dass ihre Fernseh-Kochshow anfangs zwar viele Zuschauer angelockt hatte, die alle neugierig auf die Tochter der Filmlegende gewesen waren, doch in letzter Zeit brachen die Einschaltquoten in sich zusammen wie ein misslungenes Soufflé. Haha.

»Ich überlege, wieder als Schauspielerin zu arbeiten.« Typisch Olivia. Sie gab sich ihrem Vater gegenüber niemals verletzlich und spielte vor allem Lauren gerne etwas vor. Sie hatte es ihr nie vergeben, an die Stelle ihrer heiß geliebten Mutter getreten zu sein. »Mein Agent hat drei Rollenprofile, für die ich infrage komme. »Cougar, alte Jungfer und MILF

»Was bedeutet MILF?«, fragte Lauren.

Dad grinste. »Das erzähle ich dir, wenn du älter bist.«

Olivia lehnte sich nach vorne, als wollte sie Lauren über den Tisch hinweg ins Gesicht springen. »Es steht für ›Mutter, die ich gerne …‹«

»… flachlegen würde.« Eve schenkte ihrer Schwester ein zuckersüßes Lächeln, während Olivia sich auf die collagengefüllten Lippen biss. Sie hätte Lauren nur zu gerne das F-Wort ins Gesicht geschleudert.

Ihre Stiefmutter verzog angewidert ihr rosiges Gesicht. »Das ist ja ekelhaft.«

»Ja, vielleicht.« Olivia trank ihr Glas leer und griff nach der Flasche. »Aber mit achtunddreißig bekommt man nichts anderes mehr.«

»Du wirst bald neununddreißig«, erwiderte Lauren.

»Oh, danke.« Olivia füllte ihr Glas und vermied jeglichen Blickkontakt. »Das hätte ich fast vergessen.«

»Wir sollten auch auf dich trinken, Lauren. Auf deinen sechzigsten Geburtstag!« Frieden zu stiften war normalerweise Rosalinds Job, doch dieses Mal übernahm Eve.

»Den sie zu Hause an meinem Bett verbracht hat, anstatt wie geplant auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer.« Daniel starrte missmutig ins Leere. »Ich schulde dir noch etwas, Lauren.«

»Du schuldest mir, dass du hart daran arbeitest, wieder der Alte zu werden.« Lauren betrachtete ihren Mann liebevoll. »Das Mittelmeer ist ja noch länger da.«

»Warst du mit Mom nicht auf einer Kreuzfahrt nach …«

»Eve, sag doch mal«, unterbrach Rosalind klugerweise Olivias neuerlichen Versuch, für Ärger zu sorgen. »Wie läuft es denn mit dem großen Auftrag in Wisconsin? Ist er noch aktuell?«

Eve spürte, wie sie die Aufregung packte. Das passierte immer, wenn die Sprache auf dieses Thema kam. Die Chance, ein Haus zu entwerfen – und war es noch so klein – und mit einer Klientin anstatt mit Kommilitonen zu arbeiten, um am Ende zu sehen, wie ihre Visionen gebaut und nicht nur benotet wurden, war überwältigend. Seit sie nach ihrem Studium an der Harvard School of Design im Planungsbüro Atkeson, Shifrin & Trim angefangen hatte, beschränkte sich ihre Arbeit auf Hotelbadezimmer und Aufzugschächte, was ziemlich frustrierend war.

Sie ließ sich noch etwas Champagner nachschenken, obwohl sie eigentlich bereits genug hatte. Sie wollte heute nicht vernünftig sein. »Keine Ahnung. Es ist Wochen her, seit ich etwas von ihr gehört habe. Offenbar war Shelley krank, und dann …«

»Dann gab es Probleme mit der Finanzierung. Die Banken sind heutzutage furchtbar kleinlich«, erklärte Lauren. Shelley Grainger war eine enge Freundin aus Machias, Maine, wo die beiden aufgewachsen waren. »Ich wollte es dir persönlich sagen, Eve. Shelley hat mich vor ein paar Tagen angerufen. Sie hat einen neuen Antrag gestellt, und dieses Mal scheint es zu klappen. Sie gibt mir Bescheid, sobald sie etwas Näheres weiß.«

»Wirklich?« Eve hob die Augenbrauen. Zu der Aufregung kam auch noch die Angst, sich zu übernehmen. Shelley Grainger besaß ein Haus mit sechs Schlafzimmern auf Washington Island, einem winzigen Fleck auf der Landkarte, ganz an der Spitze der Halbinsel Door County, die in den Lake Michigan ragte. Sie wollte, dass Eve ein kleines Haus entwarf, in das sie flüchten konnte, wenn ihre Kinder samt Familien zu Besuch kamen oder wenn sie das große Haus im Sommer an Touristen vermietete, um ihre Rente aufzubessern. Außerdem hatte Shelley auch noch eine Freundin, die sich einen Wintergarten für ihr Haus wünschte.

Lauren hatte Eve im vergangenen Herbst zum ersten Mal darauf angesprochen. Eves Freund Mike hatte alles andere als begeistert auf die Aussicht reagiert, dass sie vielleicht mehrere Wochen unterwegs sein würde, und ihrem Arbeitgeber würde es vermutlich ähnlich ergehen. Eve jedoch hatte die Vorstellung gefallen, etwas Dauerhaftes zu entwerfen, doch sie wusste nicht, ob sie schon bereit dazu war. Als Shelley die Sache immer wieder verschoben hatte, hatte Eve sie vorerst erleichtert, aber auch mit schlechtem Gewissen zu den Akten gelegt.

Nun war das Angebot zwar erneuert worden, doch es gab eine neue Komplikation: Am Freitag hatte man ihr erklärt, dass ihr unmittelbarer Vorgesetzter gekündigt hatte. Sie wartete schon seit ihrer Einstellung vor zwei Jahren auf seinen Posten, und sie konnte die Beförderung kaum annehmen und anschließend um ein einmonatiges Sabbatical bitten, um in einem anderen Bundesstaat an einem privaten Projekt zu arbeiten.

»Es ist eine tolle Chance.« Ihr Vater nahm sich noch ein Stück Kuchen und ignorierte Laurens tadelnden Blick. »Vor allem für eine Anfängerin.«

»Eve hat seit der Highschool in verschiedenen Planungsbüros gearbeitet und ihren Master in Harvard gemacht«, brauste Rosalind auf. »Ich würde sie nicht als Anfängerin bezeichnen.«

»Und was hat sie bis jetzt gebaut? Sie ist eine Anfängerin.« Ihr Vater fixierte seine mittlere Tochter mit seinen braunen Augen. Ihre Mutter hatte ihre Töchter immer mittels Worten und der entsprechenden Lautstärke zurechtgewiesen, doch Dad brauchte dazu nur seinen unbeugsamen Blick und die ewig währende Drohung »Sonst …«

Er war mittlerweile zwar älter und schwächer, aber er war immer noch Daniel Braddock.

»Es wäre eine Herausforderung«, gab Eve zu.

»Aber eine Herausforderung wäre doch gut. Das wolltest du doch«, meint Olivia. »Du steckst seit dem Abschluss in dieser Firma fest und planst Waschtische und Toiletten.«

»Ja, das stimmt.« Eve spielte mit dem Kuchen auf ihrem Teller; ihr Herz klopfte seltsam schnell. Sie hatte noch niemandem von der Beförderung erzählt – das war zwar abergläubisch, aber ihr gutes Recht. Außerdem würde Olivia ihre Versagensängste sowieso nicht verstehen. Ihre ältere Schwester hatte seit jeher vor nichts Angst. Wenn sie beschloss, etwas zu tun, war sie ihrer Meinung nach im nächsten Moment auch hundertprozentig qualifiziert dafür. Eve hatte dieses Selbstbewusstsein nicht von ihrer leiblichen Mutter geerbt – wer auch immer sie gewesen war. Sie kämpfte gegen ihre Schüchternheit an und gewann auch ab und zu, aber es war jedes Mal ein übler Kampf.

»Und Nord-Wisconsin ist im Frühling sicher mit nichts zu vergleichen, was?« Ihr Vater sprach mit übertriebenem Wisconsin-Akzent, seine Stimme triefte vor Sarkasmus. »Da sind sicher noch alle beim Eisfischen, oder was sie sonst noch so treiben. Käse essen vielleicht.«

»Und Bratwurst«, verkündete Olivia. »Und Pasties.«

»Was ist denn ein Pasty?« Rosalind nahm sich ein beinahe durchsichtiges drittes Kuchenstück.

»Eine Pasty. Das ist eine mit Fleisch und Gemüse gefüllte Teigtasche. Pasties kommen ursprünglich aus England – genauer gesagt aus Cornwall – und wurden für die Minenarbeiter gekocht, damit diese ihr Mittagessen aus der Hand essen konnten.«

»Danke, Miss Oberschlau«, seufzte Eve.

»Sehr gerne.« Olivia schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Willst du auch wissen, was ein Hühner-Booyah ist?«

»Nein, ganz sicher nicht.«

»Wie wär es mit Fischfond?«

»Ist das ein Gericht oder eine ansteckende Krankheit?«

»Mann, Olivia, du lässt echt nicht locker, was?«, fragte Rosalind.

»Ich mache nur meinen Job, Ma’am.« Olivia hielt die Flasche hoch. »Will noch wer Champagner? Dad?«

»Ich glaube, er hatte genug.«

»Darf ich vielleicht selbst antworten?« Daniel warf seiner Frau einen bösen Blick zu. »Ich hätte gerne noch ein Glas, Olivia.«

Lauren schüttelte ergeben den Kopf. »Du wirst am Ende noch am Tisch einschlafen.«

»Nein, werde ich nicht. Heute ist mein Geburtstag, und den werde ich genießen.« Er streckte Olivia trotzig sein Glas entgegen, und sie schenkte ihm großzügig nach.

Zehn Minuten später lag Daniel schnarchend neben seinem halb aufgegessenen Kuchenstück, und Lauren musste ihn wecken, damit sie ihn ins Bett bringen konnte. Seine Töchter wünschten ihm noch einmal alles Gute und übernahmen anschließend das Aufräumen und den Abwasch. Sie lachten und unterhielten sich, und als der letzte Teller in der Spülmaschine und die letzte Champagnerflöte gespült und getrocknet war, war Eve nicht einmal annähernd bereit, den Abend enden zu lassen. Dabei war sie als introvertierteste der drei Töchter normalerweise die Erste, die nach Hause wollte.

»Das hat richtig Spaß gemacht«, meinte Rosalind.

»Es ist noch nicht mal neun.« Eve trocknete ihre Hände ab. »Sollen wir ins Marlintini’s auf einen Drink? Von mir aus auch einen Kaffee?«

»Auf jeden Fall.« Olivia schlüpfte aus den Plastikhandschuhen, die sie zum Schutz ihrer manikürten Nägel getragen hatte. »Aber das mit dem Kaffee vergiss mal lieber. In LA ist es erst sechs. Dort fängt der Abend gerade erst an.«

»Rosalind?« Eve hob hoffnungsvoll die Augenbrauen.

»Ich bin dabei. Auf einen Kaffee.« Rosalind streckte die Hand aus. »Also her mit dem Autoschlüssel.«

Sie packten zusammen und fuhren die kurze Strecke – hier in Blue Hill, Maine, gab es keine langen Strecken – im Auto, während Olivia sich über das kalte Wetter beschwerte. Dabei war das wirkliche Problem, dass ihr Mantel nicht warm genug für einen richtigen Winter war. Eve machte sich ausnahmsweise nicht über sie lustig, sondern riet ihr bloß, die Heizung im Auto hochzudrehen.

Sie bogen auf den Parkplatz ein, der aus dem allgegenwärtigen Birken- und Nadelwald geschlagen worden war. Olivia trat in den eisigkalten Abend hinaus, rieb sich die Arme und breitete sie dann weit aus, als wollte sie die Welt umarmen. »Seht euch das an! Bäume. Überall Bäume. Mir fällt immer erst auf, wie satt ich die braunen Hügel, die Dürre und die Palmen habe, wenn ich zurück in den Osten komme, wo alles so grün ist. Sogar zu dieser absolut grauenhaften Jahreszeit.«

»Du solltest öfter kommen«, meinte Eve, überrascht, dass sie es tatsächlich ernst meinte. Olivia und sie hatten sich dieses Mal auffallend gut verstanden. An Weihnachten waren auch die Partner der Schwestern beim Familientreffen dabei gewesen, und es war furchtbar gelaufen. Dad hatte Rosalinds Freund Bryn sofort ins Herz geschlossen, doch Olivias Mann Derek und Eves Freund Mike konnte er nun mal nicht leiden, und dementsprechend hatte er auch nichts Nettes zu den beiden zu sagen gehabt.

Derek und Mike war es deshalb natürlich ebenfalls schwergefallen, von sich aus ein nettes Gespräch zu beginnen, und die Stimmung war schrecklich angespannt gewesen, sodass am Ende alle erschöpft nach Hause gefahren waren.

Weshalb die Männer dieses Wochenende zu Hause geblieben waren.

»Ich wünschte, ich könnte öfter herkommen. Manchmal bereue ich es, dass wir das Haus am Candlewood Point verkauft haben.« Olivia drehte sich glücklich im Kreis. »Ich liebe es.«

»Was meinst du?« Eve musste angesichts ihrer ungewohnt albernen Schwester grinsen. »Maine oder den Champagner-Schwips?«

Olivia starrte sie mit in die Hüften gestemmten Händen an. »Ich bin ganz sicher nicht …«

»Wer zuerst beim Eingang ist!« Rosalind sprintete in Richtung Restaurant davon.

Eve folgte ihr und überholte ihre kleine, stämmige Schwester dank ihrer langen Beine kurz vor der Tür zu dem langen braunen Gebäude, dessen Fassade von einer Reihe weißer Fenster aufgelockert wurde. Sie wandten sich keuchend zu Olivia um, die lachend immer noch beim Auto stand und hüpfend versuchte, sich ihren widerspenstigen Stöckelschuh vom Fuß zu streifen.

Eve legte einen Arm um Rosalinds Schultern. »Sieh sie dir an. Sie ist verrückt.«

Rosalind seufzte. »Ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist viel zu dünn. Ich glaube, sie hat echte Probleme.«

»Ja, ich auch. Aber du kennst sie ja. Sie muss erst komplett zusammenklappen, bevor sie zugibt, dass sie Hilfe braucht.«

»Genau wie Mom. Sie sind sich so ähnlich.«

»Wenn ich nicht mit Sicherheit wüsste, dass Jillian sie nicht zur Welt gebracht haben kann …«

Sie sahen schweigend zu, wie Olivia endlich aus ihrem Schuh schlüpfte und in Strümpfen auf sie zueilte. »Echt peinlich. Dabei habe ich sonst immer gewonnen«, kicherte sie.

»Manolo Blahnik hat dir das Genick gebrochen.« Eve rubbelte ihrer zitternden Schwester den knochigen Rücken. »Wenn man sich für solche Schuhe entscheidet, muss man den Preis dafür zahlen.«

»Und der ist in diesem Fall ziemlich hoch.« Rosalind öffnete die Tür und winkte die beiden hinein.

Die Bar war gut besucht, doch die drei Frauen ergatterten einen Tisch, der gerade frei geworden war. Olivia bestellte ein Glas Pinot Noir, Rosalind einen koffeinfreien Kaffee und ein Glas Wasser, während Eve zunächst zögerte und sich dann für ein Glas Sam Adams Lager entschied. Eigentlich hatte sie schon genug getrunken, aber sie fühlte sich unbekümmert und aufgekratzt. Vielleicht war es die Aussicht auf eine Beförderung. Oder die Tatsache, dass sie bald entscheiden musste, ob sie die Jobs in Wisconsin annahm. Vielleicht genoss sie aber auch nur die tolle Zeit mit ihren Schwestern. Zu Hause in Boston waren solche Stunden in letzter Zeit sehr selten geworden.

»Dad scheint es gut zu gehen.« Rosalind nahm ihren pink-violetten Schal ab und sah sich in der Bar um. »Sogar noch besser als an Weihnachten.«

Eve nickte. Sein Zustand erschreckte sie immer noch, aber angesichts der Tatsache, dass er beinahe gestorben wäre und ernsthafte bleibende Schäden sehr wahrscheinlich gewesen waren, war sie auch unglaublich dankbar. »Wir haben Glück, dass er es so weit zurückgeschafft hat.«

»Der Arzt meint, die Genesung wird noch weiter voranschreiten.« Olivia benutzte ihre »Die Älteste weiß immer alles besser«-Stimme, die Eve in den Wahnsinn trieb, seit sie alt genug war, um sie zu verstehen. »Die schnellsten Fortschritte werden im ersten Jahr verzeichnet, doch auch in den Jahren danach sind noch einige Verbesserungen messbar. Und es ist ja erst fünf Monate her.«

»Sechs«, korrigierte Eve. »Ende Juli bis Ende Februar.«

»Okay, dann sechs. Der Punkt ist, dass sich sein Zustand noch weiter verbessern wird.«

Die Kellnerin brachte die Getränke und ließ die Rechnung am Tisch zurück.

»Genau das ist der Punkt, da hast du vollkommen recht.« Eve hob ihr Glas und fragte sich, wann sie Olivia zum letzten Mal recht gegeben hatte. »Auf Dad.«

Die drei Schwestern stießen an, nippten an ihren Getränken und stellten sie dann beinahe gleichzeitig wieder ab. Eve suchte genau die Mitte des Untersetzers – ein alberner Aberglaube, den sie sich als Kind angewöhnt hatte. Sie war fest davon überzeugt gewesen, dass die Erde ins Wanken geriet, wenn sie zu weit von der Mitte abwich.

»Olivia, möchtest du wirklich wieder als Schauspielerin arbeiten?« Rosalind betrachtete ihre ältere Schwester besorgt. »Beim letzten Mal warst du doch so unglücklich damit.«

»Ach, ich weiß es nicht.« Olivia senkte das Kinn in ihre Hände und ihre langen, kastanienbraunen Haare fielen ihr ins Gesicht. »Ehrlich gesagt, stehen die Dinge schlechter, als ich vorhin zugeben wollte. Die Quoten sind mies, und ich habe keine Ahnung, was wir ändern können. Genauso wenig wie die anderen im Team. Ich sage euch jetzt mal was, aber nur, weil ich viel zu viel Champagner getrunken habe. Es ist beschissen, die Tochter der erfolgreichsten Frau im Showbiz zu sein und total zu versagen.«

»Du hast doch nicht versagt.« Rosalind deutete mit dem Finger auf ihre Schwester. »Das bildest du dir bloß ein.«

Olivia richtete sich auf und warf sich gleichzeitig die Haare über die Schultern. Eine für ihre Schwester typische Bewegung, die Eve tausend Mal nachahmen konnte und dabei vielleicht ein einziges Mal genauso cool aussah. »Du willst mich nur aufheitern.«

»Aber nein, sie hat recht. Du musst dich auf das konzentrieren, was du erreicht hast, nicht darauf, was dir nicht gelungen ist. Keine von uns wird wie Jillian Croft sein.« Eve rang sich ein Lachen ab und spürte, wie die alte Wut wieder an die Oberfläche drängte. »Und das ist auch gut so.«

»Das war jetzt nicht nett«, fauchte Olivia.

»Komm schon, Olivia.« Eve wusste, dass sie sich nicht mit ihrer Schwester anlegen sollte, aber es war ihr egal. »Unsere Mutter kämpfte gegen Dämonen, gegen die die Gespenster anderer Leute wie Disney-Prinzessinnen aussehen.«

»Ja, okay, du hast recht.« Olivia untermalte ihren überraschenden Rückzug mit einem dramatischen Seufzen. »Wenn ich bloß schwanger werden könnte! Dann hätte ich wenigstens ein Ziel im Leben erreicht.«

Eves Ärger verwandelte sich in Mitleid. Sie hatte gehofft, dass es diesen Monat endlich gute Nachrichten geben würde, doch obwohl es weder bei Olivia noch bei Derek irgendwelche Hindernisse gab, klappte es einfach nicht. »Es wird bald so weit sein.«

Sie wünschte, sie hätte überzeugter geklungen.

»Vielleicht, wenn du aufhörst, dir so viele Gedanken darüber zu machen?«, fragte Rosalind. »Viele Frauen werden erst schwanger, nachdem sie die Hoffnung aufgegeben haben.«

Olivia schnaubte. »Ja, klar. Aber ich glaube nicht, dass es funktioniert, wenn man sich einredet, dass man aufgibt, nur um dann eine bessere Chance zu haben, dass es doch klappt.«

»Da hast du recht«, meinte Rosalind betrübt. »Es tut mir echt leid, dass du das durchmachen musst.«

»Ich hätte nicht davon anfangen sollen. Wir wollten doch Dads Geburtstag feiern.« Olivia winkte ab und ließ ihren Blick durch die Bar schweifen. »Reden wir von etwas anderem. Politik vielleicht?«

»Nein!«, erwiderten Rosalind und Eve wie aus einem Mund.

»Okay, dann eben nicht.« Olivias Blick huschte wieder zur Bar. »Wie wäre es mit …«

»Was gibt es Neues bei den Allertons, Rosalind?« Eve konnte der Versuchung, Olivia ein wenig zu ärgern, nicht widerstehen. Die Feindseligkeiten ließen sich nicht vollständig einstellen, dafür reichten die Konflikte zu tief.

Olivia fuhr zum Tisch herum. »Bei wem?«

»Bei meiner anderen Familie«, erklärte Rosalind und bedachte Eve mit einem missbilligenden Blick. »Sie meint meine Halbschwester Caitlin und meine leibliche Mutter Leila. Die, von denen du nichts wissen willst.«

»Du hast recht, das will ich wirklich nicht.« Olivia schob den Stuhl zurück. »Während ihr euch unterhaltet, gehe ich mal schnell auf die Toilette. Und danach werde ich mich an den hinreißenden Kerl dort drüben ranmachen.«

Rosalind schnappte nach Luft, bevor sie sich umdrehte. »Du hast doch nicht vor … oh, der ist ja süß.«

»Aber echt.« Der elitäre Look war zwar nicht nach Eves Geschmack, aber sie riskierte trotzdem noch einen Blick.

Olivia grinste und fuhr Rosalind beim Vorbeigehen durch die Haare. »Wünscht mir Glück.«

»Das würdest du dich nie trauen.«

»Stimmt. Obwohl Derek mich gar nicht verdient.« Sie schlängelte sich elegant zwischen den anderen Gästen hindurch zur Toilette und zog dabei natürlich die Blicke des fraglichen Mannes auf sich. Olivia brachte die Männer reihenweise zu Fall, das war schon immer so gewesen. Eve selbst erregte zwar auch genug Aufmerksamkeit – wenn Olivia nicht dabei war –, doch dank ihrer Mutter hatte sie gelernt, unerwünschte Kontakte auf Distanz zu halten. Ein Talent, das viele Celebritys entwickelten. Bloß, dass Jillian mit offenen Armen auf ihre Fans zugetreten war und die Technik lieber gegenüber ihrer Familie – und dabei vor allem gegenüber ihrer jüngsten Tochter – angewandt hatte.

»Den Allertons geht es gut, danke der Nachfrage.« Rosalind fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. »Caitlin studiert ab Herbst Wirtschaft. Ihr Ex-Verlobter tourt noch immer auf dem Motorrad durchs Land und schreibt ihr mittlerweile nicht mehr so oft. Ich hoffe, dass sie bald von ihm loskommt. Leila singt im Sommer an der Oper in Princeton und im Herbst in Seattle. Sie ist glücklich. Ich bin glücklich. Das Leben ist schön.«

»Das sieht man dir an.« Eve streckte die Hand über den Tisch und drückte Rosalinds Arm, wobei sie den aufkommenden Neid rasch unterdrückte. »Ich freue mich für dich. Glaubst du, es gibt bald einen Antrag?«

Rosalind zuckte mit den Schultern, doch ihr breites Lächeln und die leuchtenden Augen verrieten sie. »Dafür ist es noch zu früh.«

»Ich wette trotzdem, dass es bald so weit sein wird.«

»Vielleicht.« Rosalind steckte die Nase in ihren Kaffee und versuchte vergeblich, ihre Freude zu verbergen. »Was ist mit dir? Irgendetwas sagt mir, dass du noch immer nicht glücklich bist. An Weihnachten hast du gemeint, dass Mikes Depressionen nach der Therapie besser geworden sind. Aber du zögerst nach wie vor, die beiden Jobs in Wisconsin anzunehmen. Macht Mike denn immer noch Probleme?«

Eve zögerte. Sie wünschte, sie hätte Rosalind letzten Herbst nicht erzählt, dass Mike überzeugt war, sie würde den Job nur annehmen, um von ihm loszukommen. Ein kleiner, tief versteckter und angsterfüllter Teil in ihr machte sich Sorgen, dass genau das der Fall war. »Er nimmt es nach wie vor persönlich.«

»Willst du denn von ihm loskommen?«

Wut stieg in ihr hoch. Vielleicht. »Nein, natürlich nicht!«

Rosalinds Augen wurden schmal. »Okay … und was war deine instinktive Reaktion auf das Angebot?«

»Verwirrung.« Eve wollte nicht darüber reden. Sie wollte über gar nichts Reales oder Ernstes reden. Sie wollte tanzen. »Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es sind bloß zwei mögliche Wege – gehen oder bleiben.«

»Damit könntest du recht haben.« Rosalind nippte vorsichtig an ihrer Tasse und verzog das Gesicht. »Warum habe ich koffeinfreien Kaffee bestellt?«

»Weil du nicht die ganze Nacht wach liegen willst?«

»Das wäre es wert gewesen …« Rosalind stellte die Tasse ab. »Weißt du, Bryn hat mir klargemacht, dass ich aus Angst gezögert habe, etwas in meinem Leben zu verändern. Glaubst du, dass es bei dir genauso ist?«

»Ob ich Angst habe, dass es nicht die passende Zeit und der passende Ort für meinen ersten eigenen Auftrag ist? Ja, die hab ich.« Eve stellte ihr Glas in die Mitte des Untersetzers. »Außerdem ist es schon ein wenig seltsam, dass Shelley genug Geld hat, um ein zweites Haus zu bauen, aber trotzdem eine total unerfahrene Architektin damit beauftragen will.«

»Sie hat doch dein Portfolio gesehen, oder?«

»Ja. Aber … ich habe so etwas noch nie ganz allein gemacht.«

»Ich finde, du bist paranoid. Und du unterschätzt dein Talent.«

Olivia setzte sich wieder zu ihnen und warf sich die Haare über die Schulter. Die Geste erinnerte erstaunlich an ihre Mutter. »Warum bist du paranoid?«

»Weil ich es seltsam finde, dass Shelley Grainger und ihre Freundin jemanden wie mich engagieren wollen.«

»Das ist überhaupt nicht paranoid.« Olivia griff nach ihrem Glas. »Ich würde dich nicht engagieren.«

Eve deutete auf Rosalind, die ihr einen entnervten Blick zuwarf. »Siehst du?«

»Ehrlich.« Olivia ließ den Wein im Mund umherwandern, bevor sie ihn schluckte. Alles, was sie tat, wirkte wahnsinnig sinnlich. »Ich bezweifle nicht, dass du es kannst. Ich weiß sogar, dass du es kannst. Aber an ihrer Stelle würde ich trotzdem jemanden mit reichlich Erfahrung und reichlich Referenzen nehmen – und du hast keines von beidem.«

»Genau.« Eve schlug triumphierend mit der Faust auf den Tisch. »Es ist seltsam.«

»Was glaubst du, wie viele Architekten es dort oben auf dieser Insel gibt?«, fragte Rosalind. »Du bist paranoid. Mach es, Eve. Das sage ich dir schon, seit du im letzten Herbst das erste Mal von dem Angebot erzählt hast.« Sie schob den Kaffee von sich. »Du brauchst eine Veränderung. Mike muss endlich über seinen Schatten springen.«

»Das stimmt auf alle Fälle«, stimmte Olivia ihr zu.

»Lass Mike in Frieden, sonst bitte ich Rosalind um ihre Derek-Imitation«, fauchte Eve.

»Niemand kann meinen Mann besser imitieren als ich.« Olivia hielt ihre Haare nach hinten, und ihr schönes Gesicht fiel in sich zusammen. Ein geistloser Ausdruck machte sich darauf breit. »Haben wir kein Bier mehr? Ich kann jetzt kein neues holen, es ist das vierte Viertel. Bitte, Baby? Nur dieses eine Mal. Biiiiiitteeee?«

Eve und Rosalind brachen in schallendes Gelächter aus. Olivia hatte Dereks tiefe Stimme, das schleppende Tempo und den Tonfall perfekt getroffen.

»So schlimm ist er auch wieder nicht«, meinte Rosalind.

»Natürlich nicht. Aber ich bin trotzdem gut, oder?«

»Du hast es auf den Punkt gebracht.« Eve hob die Hand, um die anderen abzuklatschen, auch wenn sie das normalerweise hasste. Heute war eben einer dieser Abende …

»O mein Gott.« Olivia setzte ihr Fernsehlächeln auf und sprach, ohne die Lippen zu bewegen. »Er kommt rüber.«

»Wie machst du das mit deinem Mund?«, fragte Eve fasziniert.

Das Lächeln blieb ungerührt. »Jahrelange Übung, wenn du Leute verfluchst, obwohl du gerade auf Sendung bist.«

»Wer kommt rüber?« Rosalind wandte sich suchend um.

»Der süße Typ von der Bar.«

Adrenalin schoss durch Eves Adern, als sie den Blick hob. Er kam tatsächlich auf den Tisch zu und sah ihr direkt in die Augen.

»Hey.« Er hatte dunkle Haare, war gepflegt und vermutlich Ende zwanzig. Am Tisch angekommen wandte er sich an Olivia. Eve war daran gewöhnt. Ihre Schwester sah nicht nur umwerfend aus, sondern betonte es auch noch. Eve hingegen versuchte, möglichst zurückhaltend aufzutreten. Sie trug kaum Make-up, fasste ihre langen blonden Haare meistens zu einem Pferdeschwanz zusammen und streckte nicht bei jeder Gelegenheit ihre nur notdürftig bedeckten Brüste von sich. »Hey, ich bin Chez.«

Natürlich hieß er Chez. Und sein BMW parkte draußen.

»Hallo, Chez«, säuselte Olivia.

Chez schenkte Eve ein atemberaubendes Lächeln, die cool blieb, obwohl sie das Kribbeln schockierte, das sein offensichtliches Interesse in ihr auslöste.

»Hören Sie, ich …« Er wandte sich wieder an Olivia. »Das klingt jetzt echt wie der älteste Anmachspruch ever, aber Sie kommen mir bekannt vor …«

»Ah.« Sie legte sich bescheiden eine Hand auf ihre gar nicht so bescheidene Oberweite. »Ich bin international bekannt, also überrascht mich das nicht.«

Rosalind und Eve schnaubten amüsiert, und Chez betrachtete die beiden verwirrt. »Echt?«

»Nö.« Olivias Fernsehlächeln wich einem natürlichen Grinsen. »Das hab ich mir gerade ausgedacht. Ich bin Olivia.«

»Olivia!« Sein Gesicht hellte sich auf. »Olivia Croft. Aus der Kochshow!«

Olivia sah ihn erstaunt, aber eindeutig erfreut an. »Dann sind Sie also aus LA

»Ja. Ich besuche hier nur ein paar Freunde.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung Bar. »Na ja, eigentlich die Familie meiner Freundin. Sie liebt Ihre Show.«

»Oh, das ist ja nett.« Olivia sah sich um. »Ist sie hier?«

»Also … nein. Ich bin gerade ein wenig in Ungnade gefallen.« Er warf Eve einen verlegenen Blick zu. »Darf ich Sie auf einen Drink einladen? Ähm … Sie alle drei?«

»Natürlich dürfen Sie das«, erwiderte Rosalind spitz. Sie war ein nettes Mädchen, aber Eve und Olivia zogen seit jeher sämtliche männliche Aufmerksamkeit auf sich. Männer waren nun mal ziemlich geistlose Kreaturen.

Doch diese geistlose Kreatur hier stellte etwas mit Eve an. Da war plötzlich dieses draufgängerische Gefühl, von dem sie eigentlich gedacht hatte, dass sie es Mitte zwanzig verloren hätte. Ein Drink schadete doch sicher nicht, oder?

»Wissen Sie, Chez, das ist echt süß, aber wir führen gerade eine ziemlich wichtige Unterhaltung.« Olivia tätschelte seine Schulter, um ihn rasch loszuwerden.

»Okay, klar, tut mir leid. Aber … na ja, meine Freundin bringt mich um, wenn ich ihr kein Autogramm mitbringe. Wären Sie vielleicht so nett?«

»Kein Problem.« Olivia zog einen Stift aus ihrer Tasche, ohne lange danach suchen zu müssen. »Wie heißt sie?«

»Jessie.«

»Für Jessie … Ihr … Freund Chez … ist zu … bezaubernd … um ihm … nicht zu verzeihen.« Am Ende setzte sie schwungvoll ihre Unterschrift auf die Serviette. »Gut so? Und zu Ihrer Information: Die hübsche blonde Frau, die Sie die ganze Zeit anstarren, ist meine Schwester Eve.«

Seine Wangen begannen zu glühen. »Hi, Eve.«

Sie musste unwillkürlich lächeln. Er war wirklich bezaubernd. »Hi, Chez.«

Er trat einen Schritt auf sie zu, und degradierte ihre Schwestern zu Statistinnen. Panik stieg in ihr hoch. Er war jünger, als er anfangs gewirkt hatte. Kaum Mitte zwanzig, während sie im Mai dreißig wurde. Sein Green-Day-T-Shirt hatte einen Fleck, und man roch deutlich, dass der Koch nicht mit dem Knoblauch gespart hatte.

Eve hatte sich einer lächerlichen Fantasie hingegeben. Sie wollte nicht Chez. Sie wollte … etwas anderes.

»Was machen Sie denn so, Eve? Sind Sie auch im Fernsehen?«

»Nein, nein, ich bin Architektin.«

»Hey, das ist cool. Wie lange sind Sie …?«

»Und das ist meine zweite Schwester.« Olivia streckte die Hand aus und drehte ihn herum. Fort von Eve. »Rosalind.«

»Hi, Rosa…« Chez’ Augen wurden groß. Er deutete auf die drei Frauen. »Moment, Sie sind alle Schwestern?«

Olivia hob eine perfekt geformte Augenbraue. »Ja, genau.«

Eve stöhnte leise. Sie hatte gewusst, dass so etwas kommen würde. Deshalb hatte sie auch den Mädchennamen ihrer Mutter – Moore – angenommen. Rosalind war bei Braddock geblieben, während sich Olivia für Jillians Künstlernamen entschieden hatte, da er die meiste Aufmerksamkeit einbrachte.

»Heilige Scheiße, dann sind Sie ja Jillian Crofts Töchter!«

»Schhh.« Eve legte sich einen Finger auf die Lippen. Sie musste ihn zum Schweigen bringen, bevor er noch mehr Aufmerksamkeit erregte. »Das soll niemand wissen.«

»Tut mir leid.« Er schlug sich eine Hand vor den Mund. »O mein Gott, Sie sind ihre Töchter.«

»Ja, das sind wir.« Olivia legte ihre rot lackierten Fingernägel auf seinen Arm und drückte sanft zu. »Und wir sitzen hier privat zusammen, also sollten Sie jetzt besser gehen.«

Eve war dankbar, dass Olivia das Ruder übernahm, trotzdem fragte sie sich bitter, ob ihre Schwester Chez auch so schnell losgeworden wäre, wenn er sie angemacht hätte.

»Okay, bin schon weg.« Chez trat den Rückzug an und hob winkend die Serviette. »Danke für das Autogramm. Tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe.«

Nachdem er sich abgewandt hatte, meinte Eve zu Olivia: »Sieh mal an, du bist sogar in Blue Hill berühmt.«

»Ja, was sagt man dazu.« Olivia steckte den Stift zurück in ihre Tasche, ohne einen Blick darauf zu werfen. Eve hörte, wie er zu Boden fiel und spürte eine kaum merkliche Genugtuung, für die sie sich sofort schämte. »Aber er ist total auf dich abgefahren, Eve.«

Dem wollte Eve auf keinen Fall zustimmen. »Er nimmt eben alles, was er kriegen kann.«

»Vielleicht hätte ich ihn nicht fortschicken sollen. Vielleicht wäre eine kleine Affäre drin gewesen.«

»Ja, klar, ein bisschen unkomplizierter Spaß«, schnaubte Eve und war wütend auf sich selbst, dass sie es überhaupt in Erwägung gezogen hatte. Aus irgendeinem Grund tickte sie heute ganz anders als sonst. »Worüber haben wir vorhin gesprochen?«

»Über dich und den Job in Wisconsin«, erklärte Rosalind geduldig. »Ich wollte gerade sagen, dass wir dir nicht vorschreiben werden, was du tun sollst, aber …«

»Natürlich tun wir das!«, mischte Olivia sich ein.

»Aber du solltest die Aufträge annehmen.« Rosalind beugte sich drohend nach vorne, und ihre braunen Augen blitzten. »Sonst … muss ich dich als hoffnungslosen Mega-Waschlappen beschimpfen.«

»Nein, bitte nicht!« Eve presste sich eine Hand aufs Herz. Als Kind war das Rosalinds ultimative Beleidigung gewesen, die natürlich sehr oft ihrer jüngeren Schwester gegolten hatte.

»Das wäre zu grausam«, meinte Olivia tadelnd.

Eve hob ihr Bier. »Sonst …«, meinte sie in Erinnerung an ihren Vater.

»Sonst!« Die drei stießen an und tranken.

Eve lachte mit ihren Schwestern, und sie unterhielten sich über dies und das, doch die Ereignisse des Abends und ihre ungewöhnlichen Gedanken hatten sie tief getroffen. Das Wochenende mit ihrer Familie war ein Vergnügen gewesen, obwohl es ihr bis jetzt immer kompliziert und ermüdend erschienen war. Und die Aufmerksamkeit eines attraktiven Fremden hatte sie als aufregend und belebend empfunden, nicht als Ärgernis, wie sonst.

Sie dachte an die seltenen Gelegenheiten, wenn Mike und sie zusammen ausgingen, und daran, dass sie mittlerweile oft getrennt unterwegs waren. Sie dachte an den Job in Boston, der sie eher aufhielt als weiterbrachte. Im Grunde erschien ihr nicht einmal die Beförderung sehr verlockend. Und plötzlich waren die Jobs in Wisconsin, die sie eigentlich ablehnen wollte, wieder auf dem Tisch. Verlockend und furchteinflößend zugleich.

Nachdem sie die nächste Runde ausgetrunken hatten – Eves zweites Bierglas war noch halb voll –, fuhr Rosalind sie zurück ins Blue Hill Inn, wo sie sich zum Abschied umarmten. Sie kicherten, als sie an die gemeinsam erlebten Stunden zurückdachten, und versprachen, sich zu einem frühen Frühstück bei Dad und Lauren zu treffen, bevor sie nach Hause flogen. Eve nach Boston, Olivia nach LA und Rosalind nach New York City.

Eve kroch in das fremde Bett und lag dann lange wach. Sie machte sich Sorgen, überlegte, warf sich hin und her.

Um drei Uhr morgens schwirrte ihr Kopf noch immer, doch plötzlich traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz.

Es hatte bereits zwei Mal eine Zeit in ihrem Leben gegeben, in der sie sich derart untypisch verhalten hatte.

Das erste Mal war – verständlicherweise – in dem Jahr nach dem Tod ihrer Mutter gewesen. Eve war damals mitten in der Pubertät gewesen und hatte begonnen, mit seltsamen Leuten abzuhängen und ihre Gewohnheiten zu übernehmen. Schwarze Haare, schwarzer Lippenstift und Nagellack, schwarze Klamotten, Leder und Nieten. Drei Jahre später hatte sie als Einzige der drei Schwestern noch bei ihrem Vater gelebt, der beschlossen hatte, wieder zu heiraten. Laurens ruhige Ausstrahlung hatte Eve gezeigt, dass ihre Zugehörigkeit zur Gothic-Kultur nicht rebellisch und cool war, sondern bloß ein schlecht sitzendes Kostüm, in das sie unbedingt passen wollte. Das und die Tatsache, dass beide ähnlich zurückhaltend waren, hatte sie ihrer Stiefmutter nähergebracht als ihre beiden Schwestern, die mehr mit ihrer überschwänglichen Mutter gemeinsam hatten.

Beim zweiten Mal, als Eve ihr gewohntes Territorium verließ, war sie nach LA zurückgekehrt und arbeitete nach dem Abschluss der Cornell University in derselben Firma, in der sie schon während der Highschool als Praktikantin gejobbt hatte. Sie hing mit denselben Freunden ab und besuchte dieselben Lokale. Sie trank zu viel und machte zu oft Party, und am nächsten Morgen schleppte sie sich müde ins Büro und fühlte sich mies. Was sie allerdings nicht davon abhielt, die ganze Sache am Abend zu wiederholen.

Irgendwann setzten Dad und Lauren sich mit ihr an einen Tisch und warfen ihr vor, ihr Leben wegzuwerfen. Nachdem am selben Tag auch ihr Vorgesetzter mit ihr gesprochen und eine weiterführende Ausbildung empfohlen hatte, hatte Eve erkannt, dass das Partygirl genauso wenig zu ihr passte wie die schwarzen Klamotten, und sie hatte sich das Versprechen gegeben, von jetzt an immer ehrlich zu sich zu sein und sich nicht zu verstellen.

Bis heute Abend war sie überzeugt davon gewesen, genau das getan zu haben.

Um drei Uhr fünfzehn musste sie jedoch – schmerzlich und zögernd – zugeben, dass ihre Schwestern recht hatten. Sie konnte die Warnzeichen nicht mehr länger ignorieren. Beförderung hin oder her, Washington Island hin oder her. Etwas in ihrem Leben musste sich ändern.

Kapitel 2

11. Februar 1971 (Donnerstag)

Heilige Muttergottes, vor zwei Tagen gab es hier ein Erdbeben. Es war furchteinflößend. Schrecklich. Ich wäre am liebsten sofort nach Maine zurückgerannt. Daniel meinte, die Erde hätte sich nur neu ausgerichtet und es werde kein weiteres schweres Beben geben, solange wir hier wohnen, aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich fiel auf die Knie und betete zu Gott, dass mir nichts passieren würde – was im Nachhinein ziemlich schwachsinnig war. Ich meine nicht das Beten. Ich hätte vielmehr schnell das Haus verlassen sollen! Aber Gott ließ mich nicht sterben, obwohl ich so dumm bin, und das ist immerhin etwas.

Unser Haus! Es ist unglaublich. So wunderschön, elegant und rosarot! Christina glaubte mir kein Wort, als ich ihr erzählte, wo ihre große Schwester jetzt wohnt. Ich muss ihr ein Foto schicken. Wir haben einen Pool und echte Palmen am Grundstück. Ich fühle mich wie eine Königin. Daniel gibt mir das Gefühl, eine Königin zu sein. Er meinte immer, dass ich ihm das Gefühl gebe, ein Prinz zu sein.

Und das Wetter! Sagen wir mal so: Es ist nicht die Art Februar, die ich gewöhnt bin. Daniel wird an der UCLA unterrichten. Wir werden wirklich hier sesshaft. Nun müssen wir nur noch neue Freunde finden, dann sind wir endgültig angekommen.

Ich habe eine weitere Nebenrolle in einem Mel-Brooks-Film ergattert. Aber ich will mehr, mehr, mehr! Größere und immer größere Rollen! Daniel meint, dass ich Geduld haben muss und dass ich alles richtig mache. Aber ich bin nicht geduldig. Das war ich nie. Ich will das, was ich will, und zwar wann ich es will. Ich klinge vielleicht wie eine verwöhnte Göre, aber in mir ist vor allem eine tief verwurzelte Angst, dass die Dinge nicht so laufen werden, wie ich es gerne hätte. Und je früher sie es doch tun, desto besser und ruhiger fühle ich mich.

Abgesehen davon kann ich keine verwöhnte Göre sein, wenn man bedenkt, unter welchem Fluch ich geboren wurde und wie hart ich für mein derzeitiges Leben arbeiten musste. Die einzige Ausnahme ist Daniel. Ihn zu treffen war reines Glück. So großes Glück …

Ich habe gerade in dieser Sekunde einen Anruf von meinem Agenten erhalten! Ich soll für eine große Nebenrolle in einem Film über die geheime Familie eines Gangsterbosses vorsprechen. Meine erste große Rolle! Ich halte es kaum aus. Ich will es unbedingt.

In Liebe,

Ich

PS: Ich habe beim Vorsprechen alles gegeben, was ich hatte, und sofort gemerkt, dass sie mich großartig fanden. Als ich nach Hause kam, rief mein Agent mit dem Termin für ein weiteres Vorsprechen an. Ich bin so aufgeregt, dass ich durchs Haus schwebe. Ich tanze, ich springe, ich drehe mich im Kreis, ich kreische vor Freude. Ich glaube, mein Leben wird in nächster Zeit sehr hektisch werden.

Ich bin bereit!

Eve nahm die Weinflasche von der Arbeitsfläche in der Küche und schenkte sich ein Glas ein. Die Flasche war vermutlich schon zu lange offen, als dass der Wein noch gut schmecken würde. Ihr Flug aus Maine war aufgrund eines kurzen, aber heftigen Schneesturms verspätet gelandet – es gab kaum etwas Unerfreulicheres als einen Wintereinbruch kurz vor Frühlingsbeginn. Sie hatte ihren Koffer die schneebedeckte Auffahrt hochgeschleppt, und je nasser ihre für das Wetter viel zu dünnen Schuhe geworden waren, desto tiefer war ihre Stimmung in den Keller gesunken. Normalerweise war es eine Erleichterung, nach Hause in ihr gewohntes Bett und zu den alltäglichen Abläufen zurückzukehren, ganz zu schweigen von ihrem besten Freund Marx, ihrem Hund, der bereits ungeduldig hinter der Eingangstür auf sie gewartet und mit seinem flauschigen, lohfarbenen Schwanz gewedelt hatte. Marx hatte nie schlechte Laune. Sein Leben war herrlich unkompliziert.

Er stupste sie in die Seite und erinnerte sie daran, dass sie ihm als Wiedergutmachung ein ganzes Wochenende ungeteilte Aufmerksamkeit schuldete.

»Ich hab dich auch vermisst.« Sie ging in die Knie, um ihn ordentlich zu umarmen, ließ ein paar schlabberige Hundeküsse über sich ergehen und ging mit dem Weinglas ins Wohnzimmer. Das Haus fühlte sich leer, aber friedlich an. Mike war am Sonntagabend beim Basketball und würde bald wieder da sein.

Sie öffnete die Tür zu ihrem neuen Wintergarten und trat hinaus, ohne das Licht anzumachen. Sie wollte den Druck der Reise und des mit Sozialkontakten vollgestopften Wochenendes loswerden und kämpfte gegen die Wut darüber an, dass sie die Schneefräse durch den nassen, schweren Schnee schieben musste, obwohl sie so müde war. Der schneebedeckte Garten vor dem Fenster war im Winter ein zauberhafter Anblick. Im November kalt und zauberhaft, im Dezember fröhlich und feierlich, im Januar okay – es war ja immerhin Winter –, und im Februar bereits ziemlich nervtötend. Im März löste er jedoch bloß noch einen klaustrophobischen Anfall aus.

Und trotzdem spielte sie mit dem Gedanken, noch weiter in den Norden zu reisen. Gab es in Wisconsin nicht von Oktober bis Mai eine geschlossene Schneedecke? Das musste sie unbedingt nachlesen.

Auch wenn Mike keine Bedenken geäußert und keine Beförderung im Raum gestanden hätte, wäre es einfacher, hierzubleiben. Es wäre einfacher, sich den negativen Gedanken zu ergeben und sich einzureden, dass es nicht funktionieren konnte. Dass ihr die Arbeit zu viel werden würde; dass sie mit Shelley nicht klarkommen könnte; dass sie ihrer Beziehung mit Mike irreparablen Schaden zufügte, wenn sie ging.

Trotzdem gab es unzählige Dinge, die ihr unerbittlich den Weg wiesen. Lauren, Shelley, ihr Vater, ihre Schwestern, ihr lebenslanger Ehrgeiz und das kreative Feuer, das durch ihre Zeit am College und an der Universität weiter angeheizt, durch die engen Grenzen ihres derzeitigen Jobs allerdings fast gelöscht worden war. Und dann war da noch der vergessene Samen, den Rosalind letzten Sommer in der Küche ihres ehemaligen Hauses am Candlewood Point gepflanzt hatte und der gestern, während einer schlaflosen Nacht im Blue Hill Inn ganz unverhofft zu sprießen begonnen hatte.

Sie brauchte Veränderung.

Eve hasste Veränderung. Sie wollte ihre Hände zu Fäusten ballen, die Zähne zusammenbeißen und die Füße in den Boden stemmen wie ein zorniges Kleinkind. Du … kannst … mich … nicht … zwingen! Vielleicht hatte sie deshalb an diesem Job festgehalten – vielleicht hatte sie gehofft, dass sie die Leiter hochgeschubst würde, anstatt sich selbst darum bemühen zu müssen.

Sie hörte, wie die Haustür geöffnet wurde, und warf einen Blick auf die Uhr. Mike war offenbar gleich nach dem Spiel nach Hause gefahren.

Ihr Herz schlug schneller, doch gleichzeitig stieg auch Zorn in ihr hoch. Es war ein Inbegriff dessen, wie sie sich in letzter Zeit angesichts so vieler Dinge fühlte. Und es sah ihr gar nicht ähnlich. Die Mutter ihrer Mutter – Grandma Betty, die immer noch in Jackman lebte – nannte es Wischiwaschi. Sie war ein unentschlossener Angsthase.

»Hi, Mike.«

»Hey.« Er trat mit ausgebreiteten Armen durch die Tür in den Wintergarten. »Was machst du hier im Dunkeln?«

»Ich stehe nur so rum.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen, schlang die Arme um seinen breiten Oberkörper und war froh, dass sich ihr anfängliches Zögern in Luft aufgelöst hatte. Mike hatte sich in der Sporthalle geduscht und rasiert, er roch sauber und sexy. »Schön, dich zu sehen.«

»Ebenfalls. Danke, dass du die Auffahrt gefräst hast. Tut mir leid, dass es an dir hängen geblieben ist.«

»Kein Problem. Wie war dein Spiel?«

»Echt gut«, erwiderte er stolz. »Ich habe zwanzig Punkte gemacht.«

»Zwanzig! Beeindruckend.«

»Danke.« Er ließ sie los und schaltete das Licht an. »Hattest du ein schönes Wochenende?«

»Ja. Drei Tage ohne eine einzige Szene.«

»Ebenfalls beeindruckend.« Seine sandfarbenen Locken waren immer noch feucht und seine Wangen nach der körperlichen Anstrengung gerötet, sodass seine irisch-blauen Augen deutlich hervorstachen. »Ist Rosalind immer noch aus dem Häuschen wegen ihres neuen Freundes und ihrer neuen Familie?«

»Anscheinend. Aber sie mag uns offenbar trotzdem noch.«

»Und Olivia ist wahrscheinlich immer noch eine nervtötende Diva, die allen auf die Ei…«

»Jap.« Eve runzelte die Stirn. »Obwohl sie mir ziemlich neben der Spur vorkam.«

»Neben der Spur? Olivia? Miss ›Ich-bin-der-Mittelpunkt-des-Universums‹?«

»Haha.« Sie hob tadelnd den Finger. »Sie ist immerhin meine Schwester.«

»Halbschwester.«

Eve presste die Lippen aufeinander, und ihr Magen zog sich zusammen. Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Aber Mike hatte natürlich recht. »Das ist wohl wahr.«

»Deinem Dad geht es gut?«

»Ja.«

»Und Lauren?«

Eve dachte an die Neuigkeiten von Shelley und senkte den Blick. »Lauren ist Lauren und wird immer Lauren sein.«

»Was ist passiert?«

Ihr Kopf fuhr hoch. »Wie meinst du das?«

»Dein ganzer Körper wirkte plötzlich wie erstarrt. Da war etwas mit Lauren.«

Sie seufzte. Sie war nicht in der Stimmung für eines von Mikes Kreuzverhören. Seine Unsicherheit war süß – und hielt ihn davon ab, arrogant zu werden –, aber sie war auch ziemlich anstrengend. »Nichts Schlimmes.«

»Okay, aber …« Er trat vor und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Du kannst es mir trotzdem sagen.«

»Es tut mir leid, Mike, aber ich will jetzt nicht darüber reden.«

Seine Liebenswürdigkeit verschwand. »Wir haben doch schon mal darüber geredet. Es ist nicht fair, wenn du mich ständig ausschließt.«

»Es ist auch nicht fair, wenn du mich zwingst, über etwas zu reden, obwohl ich noch nicht bereit dafür bin.« Sie hätte am liebsten losgeheult. Wie lange war er zu Hause? Maximal fünf Minuten, und sie stritten sich bereits.

Er ließ sie los, ging durchs Zimmer und drehte sich dann mit in die Hüften gestemmten Händen zu ihr um. »Dann soll ich also nur herumsitzen und warten, bis du die Bombe platzen lässt?«

»Wie kommst du darauf, dass es eine Bombe ist?«

»Ist es das nicht?«

»Von einer Bombe kann keine Rede sein.«

»Worauf wartest du dann? Dann kannst du es mir doch auch gleich sagen.«

Eve hatte keine Ahnung, wie es so weit gekommen war. Wohin war die entspannte Partnerschaft der letzten Jahre verschwunden? Ihre ersten beiden Beziehungen waren äußerst schwierig gewesen und hatten abrupt geendet, nachdem ihre um einige Jahre älteren Freunde ihren Abschluss gemacht hatten – Sam an der Highschool und Dale am College. Das Leben mit Mike war anfangs viel einfacher gewesen.

Hatte er sich verändert? Oder war sie es? Warum vertraute er ihr nicht mehr? Sie hatte ihm nie einen Grund gegeben, es nicht zu tun. Doch in den letzten Monaten hatte er sie immer mehr unter Druck gesetzt, ihm ihre innersten Gedanken zu offenbaren – wodurch sie ihre Gefühle nur noch tiefer in sich vergraben hatte. Die schlimmste Reaktion in einer solchen Lage.

Sie waren seit drei Jahren ein Paar und wohnten seit einem Jahr zusammen, und ihrer Meinung nach sollte nach einer so langen Zeit das Fundament einer Beziehung so gefestigt sein, dass solche Unterhaltungen nicht mehr nötig waren.

Ich bin noch nicht bereit, es dir zu erzählen.

Alles klar. Ich bin da, falls du mich brauchst.

Trotzdem gab sie nach – wie schon so viele Male zuvor. Sie dachte, wenn sie so ehrlich wie möglich wäre, hätte er keinen Grund, ständig nachzuhaken.

War es nicht eines der ersten Anzeichen für eine psychische Störung, wenn man immer wieder dasselbe tat und trotzdem ein anderes Ergebnis erwartete?

»Laurens Freundin aus Wisconsin – Shelley Grainger – ist scheinbar wieder gesund, und ihr Kredit wurde bewilligt. Sie will immer noch, dass ich hinaufkomme und den Auftrag übernehme. Und den von ihrer Freundin.«

Mike presste missbilligend die vollen Lippen aufeinander. »Ich dachte, wir hätten das geklärt.«

»Nein.« Sie versuchte, ruhig zu bleiben und nicht zu barsch zu klingen. »Du hast gesagt, dass du nicht willst, dass ich es mache, und dann sah es so aus, als würde ohnehin nichts daraus, also habe ich es nicht mehr angesprochen.«

»Aber du hast doch gesagt …«

Sie hob die Hand. »Mike, Liebling, ich will jetzt nicht darüber reden. Es ist Sonntagabend, ich bin erschöpft von der Reise und wahnsinnig glücklich, weil ich ein schönes Wochenende mit meiner Familie verbracht habe. Ich will eine Weile über die Sache nachdenken und vielleicht morgen im Büro nachfragen, ob und wann ich mir eine Auszeit nehmen kann.«

»Du lässt deine Vorgesetzten entscheiden, wie es mit unserer Beziehung weitergeht? Ohne es zuerst mit mir abzuklären?«

Er bettelte geradezu darum, dass sie ihn in ihrer Entscheidung überging. Sie konnte sich diese Veränderung nicht erklären. »Wenn ich mir nicht freinehmen kann, ist meine Entscheidung nicht …«

»Unsere Entscheidung.«

Sie atmete tief durch und stellte verärgert fest, dass ihre Knie zitterten.

»Nein, Mike, es ist meine. Wenn du beschließen solltest, die Schule zu wechseln, läge die Entscheidung darüber auch nicht bei mir. Ich würde mich da nie einmischen.«

»Das ist nicht dasselbe. Wenn ich die Schule wechsle, komme ich immer noch jeden Abend zurück in dieses Haus.«

»Du brauchst doch keinen Babysitter.« Sie trat auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Wange. Sie wollte das Gespräch wieder auf eine liebevolle Ebene bringen. »Also, worum geht es hier wirklich?«

Er hielt ihrem Blick stand. »Du verlässt mich. Stück für Stück. Wisconsin ist nur ein Puzzleteil.«

Eve widerstand dem Drang, ihn anzuschreien. Sie ließ die Hand auf seine breite Brust gleiten und sah zu ihm hoch – er war der einzige Mann, mit dem sie bisher zusammen gewesen war, bei dem das nötig war. »Es gibt nur einen Weg, dir zu beweisen, dass das nicht stimmt. Ich muss gehen und wieder zu dir zurückkommen.«

»Wenn du gehst, kommst du nicht wieder.«

Eve seufzte entnervt. Sie konnte sich nicht mehr zusammennehmen. »Du kannst mir doch nicht erklären, was ich tun werde und wie ich mich fühle! Das ist unsinnig. Und ziemlich melodramatisch.«

»Eigentlich sehe ich die Situation sehr klar und bleibe trotzdem vollkommen ruhig – im Gegensatz dazu, wie es in meinem Inneren aussieht.«

»Wie sieht es denn in deinem Inneren aus?«

»Es fühlt sich an, als wärst du neuerdings aus Sand oder Wasser und würdest mir durch die Finger rinnen. Egal, wie sehr ich versuche, dich an einer Stelle zurückzuhalten, es quillt auf der anderen Seite hervor.«

Schlechtes Gewissen stieg in ihr hoch. War es wirklich so? »Ich liebe dich, Mike. Aber es macht mich fertig, dass du ständig darauf beharrst, dass ich dich nicht genug liebe – oder nicht auf die richtige Art. Oder was auch immer du glaubst, dass ich …«

»Das tue ich doch gar nicht!«

Sie hob die Hand und ließ sich nicht unterbrechen. »Dieses Thema kommt jedes Mal, wenn wir uns streiten, und das tun wir viel zu oft. Ich weiß nicht, wie ich dagegen angehen kann. Vielleicht tut uns die Pause ganz gut.«

Bei dem Wort »Pause« zuckte Mike zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Panik stieg in ihr hoch. Warum hatte sie das gesagt? Sie liebte ihn. Ihre Beziehung war es wert, dafür zu kämpfen. Trotzdem war es einfach passiert. Es war, als müsste sie sich selbst immer noch überzeugen.

»Du brauchst also eine Pause«, meinte er langsam und triumphierend. »Genau das habe ich gemeint.«

»Es ist nicht so, wie du denkst. Nicht so, wie es geklungen hat.« Er sah sie skeptisch an, und sie wandte sich ab, um sich nicht ablenken zu lassen. Es hatte wieder zu schneien begonnen, und dicke, fette Schneeflocken segelten langsam auf die Veranda und den Rasen. Es war hier selten so windstill, dafür befanden sie sich zu nahe am Meer. Draußen war es vermutlich unglaublich ruhig und friedlich.

»Ich will nur sagen, dass ich das Gefühl habe, als würden wir uns in letzter Zeit gegenseitig in den Wahnsinn treiben. Vielleicht liegt es auch nur an der verdammten Jahreszeit. Es schneit und ist bitterkalt, obwohl wir den Frühling herbeisehnen. Ich weiß auch nicht. Aber willst du nicht, dass das aufhört? Den Motor ausmachen, damit er abkühlt, bevor wir ihn erneut warmlaufen lassen? Damit wir frisch und gestärkt wieder aufeinanderstoßen und versuchen können …«

»Nein.«

Sie drehte sich um und hob ergeben die Hände. »Was willst du dann?«

Mike biss die Zähne zusammen und stand breitbeinig und mit verschränkten Armen vor ihr. Unbeugsam. »Ich will, dass du hierbleiben willst

Eve seufzte und legte sich eine Hand auf die Stirn. »Es tut mir leid. Ich kann dieses Gespräch nicht schon wieder führen. Wir drehen uns ständig im Kreis. Ich gehe ins Bett.«

Er ließ sie ohne einen weiteren Kommentar gehen. Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie ihn mit mürrischem Gesicht und zu Fäusten geballten Händen im Wintergarten stehen. Marx beschnupperte sein Bein und folgte ihr schließlich die Treppe hoch.

Sie packte ihren Koffer aus, duschte, putzte sich die Zähne und legte sich in das gemeinsame Bett. Sie dachte an den Traum, den sie im Flugzeug gehabt hatte. Mike war ihr wie früher an der Tür entgegengekommen und hatte sie aufs Sofa getragen, während sie quietschte und kicherte. Dort hatten sie sich leidenschaftlich geliebt, um die vielen verlorenen Stunden wieder aufzuholen.

Warum taten sie das nicht mehr? Nicht ein einziges Mal in so langer Zeit? Vielleicht hätte sie ihn sofort verführen sollen, sobald er zur Tür hereingekommen war. Vielleicht war es ihr Fehler gewesen. Vielleicht hatte er recht und sie war schuld an der Gefühlskälte, die zwischen ihnen herrschte.

Sie drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke, obwohl es zu dunkel war, um etwas zu erkennen. Ganz egal, wie sehr sie ihren Gedanken und Gefühlen vertraute und wie sorgfältig sie ihre Argumente zurechtlegte, es passierte immer öfter, dass er in ihr das Gefühl weckte, sich nicht mehr auf ihren Instinkt verlassen zu können.

Hatte es letzten Sommer begonnen, nachdem ihr Dad den Schlaganfall erlitten und sie die Wahrheit über Jillian herausgefunden hatte? Mikes Depression war damals auf dem Höhepunkt gewesen. Sie fragte sich, ob ihr Schock alles noch schlimmer gemacht hatte oder ob sie irgendwelche unbewussten emotionalen Veränderungen durchgemacht hatte.

Genauso gut war es aber auch möglich, dass Mikes Ängste und seine Bedürftigkeit nach dem Beginn der Therapie zugenommen hatten. Immerhin ging es dabei vor allem um das Problem, Vertrauen zu haben – und um seine Eltern, die ihrem jüngsten Sohn Pessimismus als Kunstform beigebracht hatten. Vielleicht überspielte er diese Verletzlichkeit mit einer neu erwachten Kontrollsucht. In diesem Fall schuldete sie ihm hundertprozentige Unterstützung. Die Art Unterstützung, die Lauren Eves Vater nach dessen Schlaganfall geschenkt hatte. Ihre Stiefmutter war jederzeit für ihren Dad da gewesen und hatte seine schrecklichen Launen und die Frustration auf dem langen Weg zur Genesung ertragen, während er seinem Zustand hilflos ausgeliefert gewesen war. Eve musste dasselbe für Mike tun, während er gegen seine inneren Dämonen kämpfte.

Sie drehte sich stöhnend auf den Bauch. Genau deshalb hatte sie heute Abend keine Lust gehabt, darüber zu reden. Sie war viel zu aufgebracht, um Schlaf zu finden, doch sie brauchte morgen früh bei dem Gespräch mit ihrem Vorgesetzten einen klaren Kopf, um herauszufinden, ob sie tatsächlich befördert wurde, und die Möglichkeit einer Auszeit für den Auftrag in Wisconsin auszuloten.

Sie hatte sich immer für die vernünftigste der drei Schwestern gehalten. Die einzige Tochter, die mit beiden Beinen im Leben stand. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass sie Architektin werden wollte, und es auch durchgezogen. Und sie hatte zwei Jahre gewartet, bis sie sicher war, und Mike erst dann bei sich einziehen lassen. Sie war nicht wie Rosalind, die sofort mit jedem Mann eine Beziehung anfing, der auch nur ein bisschen Interesse an ihr zeigte, und die die Stadt verließ, wenn es ihr zu langweilig wurde. Sie war auch nicht wie Olivia, die sich drei Wochen nach dem Kennenlernen mit Derek verlobt und sich seitdem kein einziges Mal gefragt hatte, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war. Nicht einmal jetzt, nach so vielen Jahren, wo es offensichtlich war, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hatte.

Eve hatte alles richtig gemacht. Im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Mithilfe ihres Verstandes.

Aber wie geistig gesund und vernünftig war sie noch, wenn sie nicht mehr beurteilen konnte, ob sie egoistisch war, weil sie das Jobangebot in Erwägung zog, oder ob Mike egoistisch war, weil er sie davon abhalten wollte?

Nachdem sie sich noch eine Weile wütend von einer Seite auf die andere geworfen und sich gefragt hatte, ob Mike wohl nach oben kommen oder im Wintergarten schlafen würde, fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf und erlebte einen ihrer Wut-Träume.

In den Zwanzigern hatte Jillian Croft in diesen Träumen seelenruhig vor dem Spiegel gesessen und Make-up aufgelegt, während ihre Tochter versucht hatte, ihr etwas sehr Aufwühlendes mitzuteilen. Sie hatte nicht einmal so getan, als würde sie zuhören, ganz egal, wie laut Eve gebrüllt und gebettelt hatte.

Dieses Mal übernahm Mike die Hauptrolle. Er spielte Basketball und warf einen Korb nach dem anderen. Einige Bälle flogen sogar durch Eve hindurch, während sie schrie und tobte. Er würdigte sie keines Blickes; es schien beinahe so, als würde sie gar nicht existieren.

Als der Wecker klingelte, quälte sie sich aus dem Bett und unter die Dusche. Das zerknüllte Laken auf Mikes Seite verriet ihr, dass er irgendwann doch ins Bett gekommen war. Er hatte also noch weniger Schlaf gekriegt als sie. Vermutlich war er gerade joggen, denn das tat er jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen.

Eve stand ebenfalls gerne früh auf, allerdings nicht so früh. Normalerweise lief sie danach auch eine Runde, und anschließend frühstückten sie gemeinsam, bevor sie zur Arbeit gingen. Heute wählte sie allerdings den feigeren Weg und beschloss, das Laufen ausfallen zu lassen. Sie verließ das Haus früher als üblich, um ihm nicht zu begegnen.

Böse, böse Eve.

Aber sie wollte nun mal unbedingt das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten hinter sich bringen, bevor sie mit ruhigem Gewissen eine Entscheidung treffen und Mike erneut gegenübertreten konnte. Sonst fragte er sie womöglich noch, ob sie derart wichtige Dinge neuerdings im Schlaf beschloss.

Sie fuhr zum Bahnhof und anschließend mit der Newburyport/Rockport Line bis zur North Station, von wo aus sie nicht wie sonst üblich zu Fuß weiterging, sondern die U-Bahn bis in die Park Street nahm. Sie stieg an der Station Boston Common aus und überquerte die Straße, um zu dem Bürogebäude zu gelangen, in dem sich Atkeson, Shifrin & Trim Architects eingemietet hatte. Ihre Nervosität setzte so viel Energie frei, dass sie zu Fuß in den dritten Stock lief, statt mit dem Aufzug zu fahren.

Sie begrüßte die Empfangsdame, die erst seit drei Wochen hier war. Eve hatte ihren Namen vergessen, und mittlerweile schämte sie sich, die Frau noch einmal danach zu fragen. Ihr L-förmiger Schreibtisch befand sich in einem hellen, offenen Großraumbüro, in dem Privatsphäre ein Fremdwort war. Außer den hohen Tieren, deren Büros außen um den zentralen Raum angeordnet waren, verfügte hier niemand über eine Tür, Wände oder ein eigenes Fenster.

Eve setzte sich und startete den Computer. Sie fühlte sich kribbelig, gleichzeitig war ihr Kopf wie in Watte gepackt. Sie rief den Badezimmerplan auf, an dem sie gerade arbeitete, und starrte blicklos auf den Bildschirm, bis ihr Vorgesetzter, Frank Trim, seine Bürotür öffnete, was bedeutete, dass er gerade einen Anruf beendet hatte und nun wieder zur Verfügung stand.

Los!

Sie stand auf, zog den Saum ihrer olivfarbenen Tunika über ihrer schwarzen Hose glatt – von der sie vermutlich zehn Exemplare besaß –, und machte sich auf den Weg zu Frank, bevor ihr jemand zuvorkam. Sie musste dieses Gespräch hinter sich bringen, dann würde die Anspannung endlich ein wenig nachlassen. Das hoffte sie zumindest.

»Guten Morgen.« Sie tat, als würde sie an den Türrahmen klopfen. »Haben Sie eine Minute?«

»Hey! Ja, sicher.« Er winkte sie zu sich. »Nehmen Sie Platz.«

Frank war einer dieser Männer mittleren Alters, deren Gesicht sich weigert, Falten zu bekommen, deren Wangen niemals nach unten hängen und deren Mitte immer ordnungsgemäß schlank bleibt. Immerhin stammte er aus einer alteingesessenen Familie aus Long Island, und solche Menschen hielten aus Prinzip nichts vom Älterwerden. Als Eve angefangen hatte, für ihn zu arbeiten, hatte sie etwa zwei Minuten lang für ihn geschwärmt – bis er zum ersten Mal den Mund aufgemacht hatte.

Sie setzte sich auf den Besucherstuhl, der vermutlich deshalb so niedrig war, weil er wollte, dass der Besucher zu ihm aufblicken musste. Selbst Eve mit ihren beinahe einen Meter achtzig erging es nicht anders. »Schönes Wochenende gehabt?«

»Geht so.« Er lehnte sich zurück, stützte die Ellbogen auf den Armlehnen ab und drehte seinen Stift zwischen den Fingern. »Und Sie?«

»Sehr schön. Ich war mit meiner Familie in Maine. Dad hat seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert.«

»Ja?« Es war offensichtlich, dass Frank das herzlich egal war. Etwas anderes hatte Eve auch nicht erwartet, doch sie wollte nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen, bevor sie seine Laune eingeschätzt hatte. »Hoffentlich werden wir auch einmal so alt.«

»Wem sagen Sie das.« Sie lächelte verkniffen und war froh, dass sie niemandem im Büro erzählt hatte, wer ihr Vater war. Es war ein angenehmes Gefühl, über ihre Eltern sprechen zu können, ohne dass das Gegenüber große Augen machte und aufdringliche Fragen stellte. »Ich wollte mit Ihnen sprechen.«

»Offensichtlich.«

Sie beschloss, seinen Kommentar zu ignorieren. »Ich habe ein Jobangebot in Wisconsin.«

Er hob ruckartig die Augenbrauen, und sie erkannte zu spät, wie das gerade geklungen hatte.

»Nein, nein, nichts Dauerhaftes. Es geht um ein einmaliges Projekt für eine Freundin meiner Stiefmutter. Und deren Freundin. Ich überlege, ob ich hinauffahren und es versuchen soll.«

»Wann?«

»Anfang April.«

»Wir können hier nicht auf Sie verzichten.«

»Ich habe noch einige Urlaubstage …«

»Tut mir leid.« Er schüttelte den Kopf.

»Okay, aber … wir haben gerade nicht so viel zu tun. Vielleicht könnte ich ja etwas Arbeit mitnehmen, und …«

»Sie wurden eingestellt, um hier in diesem Büro zu arbeiten. Wir sind ein Team. Wir arbeiten als Team. Das ist kein Heimarbeitsplatz.«

»Okay. Gut.« Sie sah ihn abwartend an. Er verscheißerte sie doch. Bedeutete das, dass sie die Beförderung bekam, er es ihr aber noch nicht sagen konnte? »Tim hat gekündigt.«

»Jap.« Er verzog keine Miene, bloß der Stift drehte sich schneller.

»Als ich eingestellt wurde, hat man mir gesagt, dass ich schnell die Leiter nach oben klettern würde.« Sie wollte das Offensichtliche aussprechen – »Aber das ist nicht passiert« –, entschied sich dann aber dagegen. »Nachdem sein Posten nun frei wird, hatte ich gehofft, dafür vorgesehen zu sein.«

»Jaaa.« Frank richtete sich auf. »Ich dachte mir schon, dass Sie ins Rennen einsteigen wollen.«

Sie wartete. Er sah sie an. Das Arschloch ließ sie zappeln. Trotzdem stieg ihre Hoffnung. »Und?«

»Die Stelle geht an Robert.«

»Robert?« Eve starrte ihn mit großen Augen an. Sie traute ihren Ohren nicht. »Er wurde erst letzten Monat eingestellt!«

»Ja, das ist richtig.«

»Wurde ich überhaupt in Betracht gezogen?«

»Für diese Stelle nicht, nein.«

»Warum nicht?«

»Er ist qualifizierter.«

Eine plötzliche, kochend heiße Wut stieg in ihr hoch. Robert war ein ekelhafter Schleimer, der gerade genug Talent besaß, um seine Arbeit zu erledigen, aber keine wirkliche Bedrohung für Frank darstellte, der Eves Meinung nach das schwächste Glied in der Firmenpartnerschaft ...

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