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Die dreizehnte Tafel

Die dreizehnte Tafel

Dietrich Wachler

Published by BEKKERpublishing, 2020.

Inhaltsverzeichnis

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Die dreizehnte Tafel

Copyright

Prolog

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Epilog

Randnotizen zu dem Roman »Die Dreizehnte Tafel«

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

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Die dreizehnte Tafel

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Science Fiction Roman von Dietrich Wachler

Der Umfang dieser Geschichte entspricht 226 Taschenbuchseiten.

Es sind zunächst harmlose und unscheinbar Ereignisse, die da und dort in unserem mitteleuropäischen Alltag passieren. Ein paar Menschen reagieren in besonderer Weise auf die wachsende Insektenplage, mit hysterischer Abscheu vor Fliegen, mit Ekel und Desorientierung. Andere werden von Alpträumen heimgesucht, in denen riesige Insekten eine Rolle spielen, die unterhalb der Erde,in den Kanalisationen der Städte, in abbruchreifen Häusern lauern und auf das Ende der menschlichen Rasse warten, um dann die endgültige Herrschaft über die Erde zu übernehmen, wie es in der dreizehnten Tafel des »Gilgamesch-Epos« prophezeit wurde.

In den Katakomben tief unter der Erdoberfläche wartet die Große Zikade auf ihre Stunde.

Und diese Stunde ist nicht mehr fern ...

Eine eindringliche apokalyptische Vision, die durch ihre unheimlich dichte Atmosphäre und durch ihre stilistische Meisterschaft besticht.

Dietrich Wachler, Soziologe, Bibliothekar, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, leitete die Bibliothek der Fachhochschule Münster.

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Prolog

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»Gilgamesch wandert zur großen Wüste, zu den Pforten der Unterwelt. Er kommt an die düstere Wohnung Irkallas: zu der Behausung lenkt er die Schritte, da nicht hinauskommt, wer einmal hineinging; den Weg ging er, den Weg ohne Umkehr, zu der Behausung, deren Bewohner das Licht entbehren, Erdstaub ist ihre Nahrung, Lehm ihre Speise. Sie sehen kein Licht und sitzen in Finsternis. Mit Federn sind sie bekleidet und tragen Flügel wie Vögel.«

GILGAMESCH, Die Zwölfte Tafel

––––––––

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Den Beschluss, die vorliegenden Dokumente für die Öffentlichkeit freizugeben, fasste der Große Rat nach mehreren anstrengenden Tag und Nachtsitzungen. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich bei uns, die wir im dritten Jahrtausend alter Zeitrechnung (das heißt nach Christi Geburt) und im ersten Jahrtausend nach der Geburt der Großen Zikade leben, die Meinung durchgesetzt, dass unserer Großen Bruderzivilisation alter Aberglaube und atavistische Bräuche und Vorstellungen nicht mehr schaden können. Der Große Rat hat deshalb der Großen Regierung vorgeschlagen, das Verbot über die Beschäftigung mit den Gedanken und der Gefühlswelt unserer vermeintlichen Vorfahren, die in Wirklichkeit unsere schlimmsten Feinde waren, aufzuheben und stattdessen mit der systematischen Erforschung unserer Vorzeit zu beginnen. Es handelt sich um jene Zeit, die in manchen unserer Geschichtsbücher als Epoche des »Homo sapiens« bezeichnet wird, eines aufrecht gehenden, zweibeinigen Lebewesens, das seine Hauptaufgabe darin erblickte, die Welt zu beherrschen und seine eigene Art auszurotten. Unsere wirklichen Vorfahren, den Menschen biologisch, intellektuell und zahlenmäßig weit überlegene Geschöpfe, wenn auch im Vergleich zu ihnen und uns heute winzige Krabbeltiere oder fliegende Insekten, wurden in diesem humanen Zeitalter auf brutale und gedankenlose Weise milliardenfach totgetrampelt, erschlagen oder als Schädlinge systematisch mit Insektenvertilgungsmitteln vernichtet. Einige dieser Insektizide zum Beispiel das sogenannte »DDT« führten dann zur Störung der Nahrungskette, die der Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts auf dem Planeten diente, und verwandelten sie in einen Todeszyklus, durch Ablagerung von Pestiziden, nicht mehr löslichen chemischen Rückständen im Meer und auf dem Lande, in der Tier und Pflanzenwelt, die die fast vollständige gegenseitige Auslöschung und Zerstörung der Flora und Fauna unserer Erde zur Folge hatten.

Erstaunlicherweise gab es unter den letzten menschlichen Lebewesen einige, die das Ende ihres eigenen Geschlechts kommen sahen und das, was sie als Katastrophe ansehen mussten, mit dem ihrer Art angeborenen Instinkt der Selbstvernichtung vorbereiten halfen. Sie waren, auch das ist bezeichnend, ihren eigenen Zeitgenossen unbekannt. Sie lebten, dachten, fühlten und arbeiteten im Verborgenen und waren zumindest einer von ihnen vielleicht uns Heutigen näher als ihren sogenannten Mitmenschen. Von ihnen handeln die folgenden Aufzeichnungen.

Die Große Zikade, die seit Jahrhunderten in der größten irdischen Tempelhöhle unter der Trümmerstätte des alten Babylon haust und das Wissen jener Zeit wie aller Zeiten in sich verwahrt, hat in ihrer unendlichen Güte und weisen Voraussicht uns alles das wissen lassen, was wir brauchten, um diese Begebenheiten aufzuzeichnen, die übrigens in mancher Hinsicht die Verbindung zu einer uralten Heldenlegende herstellen und versuchen, sie zu vervollständigen. Nur zwei unserer glücklichen Gefährten hat sie als Dankopfer gefordert und sich einverleibt.

Ja, glückliche Gefährten! Es gibt kein größeres Glück, als sich der Großen Zikade selbst als Opfer darzubringen, nachdem sie uns Weisheit geschenkt hat. Sie hat bereits eine Höhe von über hundert Metern erreicht und wird demnächst mit dem Kopf die Erdoberfläche durchstoßen. Wir werden ihr einen oberirdischen Tempel bauen müssen, wenn die Höhle im Inneren der Erde für sie zu eng wird. Nein, wir haben keine andere Wahl! Mit der Großen Zikade wächst auch unser Glück, unsere Weisheit, unser Wohlbefinden. Mögen alle zusammen diesen erkalteten Planeten wärmen, seine erloschene Glut neu entfachen!

Im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, von denen jene nur geredet, die wir aber verwirklicht haben!

Neu Delhi, 837 p.M.C.n. Das Korps der Gerechten

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Was Tullio tags zuvor über die Ostsee gesagt hatte, fand nicht die ungeteilte Zustimmung der anderen. Er hatte sie als einen stinkenden Tümpel bezeichnet und damit vielleicht seine allgemeine Unzufriedenheit mit den ihm noch verhältnismäßig neuen und wenig bekannten Zuständen in Norddeutschland zum Ausdruck bringen wollen.

»Vergiss erst mal deinen einheimischen Dreck, dann gewöhnst du dich besser an unseren hier«, sagte Peter, während Henry das Gespräch auf Politik und die Überwindung nationaler Vorurteile zu lenken versuchte. Aber auch Henry fand wenig Anklang, und die Mehrheit blieb beim Bier und stimmte für möglichst viel Baden in eben jenem stinkenden Gewässer.

Studenten aus mehreren Himmelsrichtungen, erst in Kieler Universitätsinstituten zusammengelaufen, dann gemeinsam beim Essen, beim Bier und auf Wohnungssuche. Ein Immobilienmakler hatte zwei von ihnen in zwei leere Etagen eines in Wassernähe stehenden Hauses am Rande der Kieler Förde gesetzt. Die anderen zogen nach. Badeort und Fischerdorf war nicht unbedingt das, was sie gesucht hatten, aber nun hatten sie es gefunden und tauchten mit etwas sauren Gesichtern im Saisonbetrieb unter.

»Strande«, sagte Tullio. »Kennt ihr Strande? Kennt ihr Schilksee?«

Weil niemand ihm richtig zuhörte, meditierte er laut vor sich hin.

»Das ist gestern, wie ich auf der Bank sitze und das Buch von Camus beiseite gelegt habe: Der Fremde, zweiter Teil, nach der Verhaftung. Bin ich auch so ein Fremder, der nur das Sausen seines Blutes und einen gewissen Hunger in sich spürt, und dem fast alles andere gleichgültig ist? Langsam fangen die grünen Streifen in der See an mich aufzuregen. Ich werfe meine ausgebrannte Zigarre in den Sand und betrachte einen Augenblick lang die Muscheln, die neben mir auf der Bank liegen. Irgend jemand hat sie aufgesammelt und dann vergessen mitzunehmen. Eine ausgehöhlte Krebsschale mit gezacktem Rand ist dabei, deren kleine Fühler elastisch und noch beweglich sind, als wären sie lebendig, während die krummen Stielaugen blöde und geisterhaft glotzen. Der Wind zerteilt die Schreie der Möwen und schleudert sie in alle Himmelsrichtungen. Dieser Vorgang ist beständiger als das Kommen und Gehen von Straßengeräuschen. Nach dem gleichen Rhythmus verändert das Meer dauernd seine Farbe.«

»Quatsch«, sagte Peter. »Du redest Blödsinn. Du solltest lieber arbeiten. Wir werden dir helfen, dich hier einzuleben.«

»Wie wollt ihr das machen? Ich habe gestern wieder das Gesicht des Hafenarbeiters aus Brindisi gesehen. Die Augen. Wisst ihr, wie solche Augen aussehen? Wisst ihr überhaupt, was Verlassenheit ist? Den Mann hatten sie gefeuert, weil er einen T-Träger auf Rollen nicht halten konnte und der Vormann eine leichte Quetschung am Fuß davontrug. Ich habe die Familie des Mannes kennengelernt. Er hatte acht Kinder. Man gab ihm keine Arbeit mehr. Ich habe drei Wochen jeden Abend und jede Nacht mit ihm gesoffen. Danach war er tot, und ich bin immer noch am Leben.«

»Du hast recht«, sagte der Japaner Shunzo, der zwei Jahre in Deutschland erst in Göttingen, dann in Kiel Tierphysiologie studiert hatte, »aber für uns bist du kein Fremder.«

Henry und Jean-Pierre sagten nichts. Tullio holte zwei Flaschen Bier aus der Ecke seines Zimmers, in der sonst hauptsächlich leere Flaschen, Gläser und allerhand schmutziges Geschirr herumstanden.

»Ich habe meinen Platz gefunden, hier und bei euch«, sagte er höflich und nicht ganz überzeugend, »aber ich bleibe einer unter Tausenden, eine Ameise, die sich weigert, für den Staat zu leben und zu arbeiten.«

Er goss das Bier in die leeren oder nicht ganz ausgetrunkenen Gläser seiner Freunde.

Henry stand auf und öffnete das große Klappfenster der Mansarde, das den Blick auf die Förde zum anderen Ufer und bis zur offenen See freigab.

»Herzlichen Glückwunsch zu deiner gravierenden Selbsterkenntnis. Aber während du hier an diesem Fenster sitzt und auf die Lichter am anderen Ufer starrst, eine sichtbare Welt mit und aus sichtbaren Zeichen träumst, während du Segelboote beobachtest und glaubst, selbst ein Segel zu sein oder der Wind, der das Segel bläht, wirst du von unsichtbaren Wesen beobachtet, gesteuert und geplant, von Geschöpfen, die du jetzt noch nicht siehst, denen du dich aber eines Tages unterwerfen wirst, weil du ihre große Überlegenheit erkannt hast.«

Tullio hatte gerade den Mund geöffnet, um Henry zu antworten, da klopfte es, und seine Zimmerwirtin, eine breite, resolute Mittvierzigerin mit stark gerötetem Gesicht, trat ein.

»Ach, Herr Serafim, entschuldigen Sie die Störung, aber werfen Sie mir doch mal den Teppich und den Läufer durchs Fenster nach unten, ich bin gerade beim Klopfen. Die anderen Teppiche sind auch schon unten, seien Sie so gut, fein, dass so viele Herren da sind, die können gleich mit anpacken. Vielen Dank auch. Und hier, wenn Sie Zeitung lesen wollen.«

Sie legte die neueste Ausgabe der Kieler Nachrichten auf den Tisch und verließ schnaufend das Zimmer. Man hörte noch ihre schweren Schritte auf der kleinen Holztreppe, die von den Mansarden zur ersten Etage des innen wie außen noch als Neubau erscheinenden Hauses führte.

Henry, der Nichtraucher, dessen fast nie ausreichend gestilltes Bedürfnis nach frischer Luft dem Wunsch der Hauswirtin sehr entgegenkam, öffnete das Klappfenster ganz und beförderte den von den anderen in gemeinsamer Anstrengung unter Tisch und Stühlen weggezogenen und dann zusammengerollten Teppich und Läufer eigenhändig nach draußen, der knicksenden, schreienden und in die Hände klatschenden Frau direkt vor die Füße.

»Mit der Erscheinung dieser Frau«, sagte er zu Tullio, »die für uns alle bis zu diesem Zeitpunkt noch unsichtbar, also nicht existent war und erst jetzt realiter für uns zu existieren beginnt, ist meine These, wenn nicht bewiesen, so doch in mancher Hinsicht ganz entscheidend gestützt worden. Du kannst nämlich nicht leugnen, dass sie seit langer Zeit ohne unser Wissen eine langfristige und periodische Aktion, nämlich das Großreinemachen, plant und exakt durchführt, in der wir nur ein ganz kleines und unwichtiges Element der Ausführung darstellen und Handlangerdienste tun. Wir haben mit ihr dagegen nicht das Geringste vor und werden es in absehbarer Zeit auch nicht vorhaben. Diese Frau weiß einfach, was sie will, und wir wissen es nicht. Wir haben uns überrumpeln lassen, wie bisher immer und wie demnächst wieder. Und nun sage mir bitte noch einmal, du wärst eine Ameise, die sich weigert, eine Ameise zu sein. Ich finde das interessant, aber unglaubhaft.«

»Und wie man sich in der Nähe eines solchen Hausdrachens verlassen fühlen kann, verstehe ich ganz und gar nicht«, fiel Shunzo treuherzig ein. Shunzo gehörte zu der Art von jungen Menschen, die sorgende Muttertiere aus großer Entfernung anziehen und dann auch ständig in ihrem Umkreis haben wollen.

Tullio stand auf, nahm die Zeitung, warf einen kurzen Blick hinein und ging ans Fenster.

»Reden wir doch nicht von mir. Oder von uns. Wir sind ganz unwichtig, vollkommen nebensächlich, kein i und kein Tüpfelchen darauf. Stimmt schon, wir wissen nicht, was wir wollen, wir haben es auch nicht gewusst. Die Feststellung trifft einigermaßen zu, aber nicht genau genug. Wen interessiert das schließlich, ob oder was wir wollen.«

»Na, mich zum Beispiel«, rief Shunzo und sog kräftig an seinem Glas.

»Ja, wenn wir merken, dass wir im Grunde nichts zu wollen haben oder nichts wollen können«, sagte Tullio, »immer dann interessiert es uns komischerweise.

Dass wir an irgendwelchen kaum sichtbaren Fäden hängen, können wir eben erst feststellen, wenn jemand von außen daran zieht. Oder glaubt ihr vielleicht, dass Kennedy oder Chruschtschow die Kubakrise herbeiführten oder verhindern wollten? Dass Raketenbasen installiert und Blockaden verhängt werden, dass Vermittler sich einschalten und Schiffe ihren Kurs ändern, hängt doch nicht von den einzelnen Gehirnen ab, auch wenn es die Gehirne der sogenannten Mächtigen oder solche aus ihrer Umgebung sind.«

»Von wem dann, wenn ich fragen darf?«, hakte Shunzo zum zweitem Mal ein.

»Herrgott, von irgendeinem dämlichen, bürokratischen Mechanismus, was weiß ich!«, schrie Tullio fast. Seine Augen durfte man jetzt nicht sehen. Er sah böse aus. Seine Nase und Oberlippe waren spitz geworden. Von dem weißen Gesicht stachen einzelne seiner Haare, die ihm in die Stirn fielen, die übrigen standen nach allen Seiten ab, noch wilder und schwärzer ab als sonst. »Vielleicht stehen Dämonen hinter diesem ganzen Geschehen, irgendwelche Geschöpfe, zum Teufel, die ich nicht kenne. Die demnächst die Dielen aufreißen werden, auf denen wir ständig leisetreten, und uns die Stühle unterm Arsch wegziehen.«

»Länger höre ich mir diesen atavistischen Blödsinn nicht mehr an«, sagte Henry gedehnt und zugleich entschlossen. Dann zog er – ein Verfechter buchstäblicher und positivistischer Glaubensbekenntnisse – Tullio den Stuhl, auf den dieser sich mittlerweile wieder gesetzt hatte, weg und beobachtete freundlich die Reaktion des Angegriffenen. Tullio rieb sich genüsslich seine linke Backe und lachte ziemlich breit.

»Quod erat demonstrandum«, kam es aus einer, nein, aus jeder Ecke. Jean-Pierre, der bisher nichts gesagt hatte, schloss die Debatte: »Wir sollten lieber baden gehen.« Das war jetzt auch Peters Meinung und die aller anderen.

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Der in diesen Tagen an den Folgen einer Lungenembolie gestorbene Helmut Nagel war der uneheliche Sohn eines Pferdehändlers. Vor einigen Jahren war er vom Amtsgericht Hannover wegen Betruges in fünf, Diebstahls in zwei und Urkundenfälschung in drei Fällen zu einem Jahr Jugendstrafe bei voller Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt worden. Vor seiner zweiten Berlinreise nach der Flucht aus dem Jugendwerk Druhwald, das Tischler-, Polsterer- und Schuhmacherwerkstätten unterhält und nach heilpädagogischen Gesichtspunkten eingerichtet ist, hatte er ein Postsparbuch von »eine« in »hunderteine« und später drei Antragsformulare für Interzonenpässe nach Berlin mit der Unterschrift »A.N.« gefälscht. Dasselbe wiederholte sich noch öfter. Immer wenn er Geld brauchte, ging er zur Meldebehörde und zur Post und ließ sich neue Anträge und Sparbücher ausstellen. In Berlin wohnte er acht Tage im Zimmer der Pension Lietzensee des Dr. Kossmann, dem gegenüber er sich als Student ausgab. Dort lernte ihn Tullio kennen. Der echte und der falsche Student fassten den gemeinsamen Plan, in den Berliner Ostsektor zu gehen und politische Machenschaften der Bonner Regierung preiszugeben. Tullio hatte alle ihm zugänglichen und verfügbaren Quellen mobilisiert und eifrig Material gesammelt. Aber Helmut litt unter Platzangst und verschwand. Er verließ die Pension, ohne bezahlt zu haben, mit sechs Mark in der Tasche. Tullio, den er seinen Bruder im Geiste nannte, durfte die Rechnung für beide begleichen. Dann übernachtete er in der Pension Hecker und ließ dort eine Rechnung von sechs Mark und dreißig Pfennig zurück. Im Hotel Waterloo in Hannover hinterließ er Schulden von neunzehn Mark und fünf Pfennig und entwendete außerdem ein Paar braune Herrenschuhe. So ging es weiter, und es häuften sich Schulden auf Schulden, im ganzen hundertfünfundneunzig Mark und fünf Pfennig. Vor dem Gericht machte Helmut den Eindruck eines eigenartigen Jugendlichen, der mit einem gewissen Maß verschrobener Ansichten behaftet ist. Seine Taten gestand er voll ein, gab aber zum Teil sehr merkwürdige Ursachen an, zum Beispiel, er habe die Schuhe entwendet, weil er seiner Ansicht nach in den alten zu minderbemittelt ausgesehen habe.

Den Zweck seiner Reise nach Berlin und Braunschweig wollte er nicht angeben und machte mit gewichtiger Miene Andeutungen auf politische Hintergründe. Auch wollte er nicht sagen, mit welchen Personen er während seiner Reise zusammengetroffen war, um ihnen Unannehmlichkeiten zu ersparen. In sämtlichen Betrugsfällen war nach Meinung des Gerichts eine gewisse Durchtriebenheit erkennbar, während bei der Urkundenfälschung der Sparkassenbücher die Plumpheit der Ausführung auffiel. Die strafrechtliche Reife musste ihm gemäß Paragraph drei des neuen Jugendgerichtsgesetzes zugesprochen werden. Helmut sträubte sich heftig gegen alle Erziehungsmaßregeln und wollte in keine Anstalt, sondern lieber ins Gefängnis, um die verdiente Strafe, wie er sich ausdrückte, abzusitzen.

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Die See atmete ruhig, nur einzelne Wellen klatschten scharf ans befestigte Ufer. Ein paar weiße Spritzer flogen über die Wasseroberfläche, sonst lag und ruhte alles in tiefem, kaltem Blau. Tullio und Henry, die hinausgeschwommen waren und sich wieder dem Strand näherten, sahen jetzt bis auf den Grund: Steine und Muscheln, Tang und Sand, den die Sonne vergoldet hatte. Die Unruhe der Möwen, ihre hektischen Schreie und ihr Flug lösten sich wie alles andere nach einer Weile in normalen Klatsch auf. Sie hockten friedfertig in dem gleichen Sand, in dem Tullio und Henry sich trocknen ließen, trippelten stoßweise emsig hin und her und nickten dazu mit den Köpfen. Die meisten dokumentierten so ihr Einverständnis mit dem Frieden draußen, den Tullio nicht näher beschreiben konnte und wollte. Nur hin und wieder blockte eine einzelne auf einem Pfahl oder Geländer auf und näherte sich ihm, ohne die Leute zu bemerken, die an ihr vorbeigingen, ohne sie zu bemerken. Die Leute gingen heute wie auch sonst schwatzend an allem vorbei oder schweigsam durch alles hindurch ihren gemeinsamen Trott.

Tullio hätte dieses Bild gerne festgehalten, aber er konnte auch das nicht. Er lief unruhig hin und her wie eine Möwe, die nicht weiß, was sie will. Sein Geländer waren die Dorfstraßen, die Strandwege, die Schiffe, die Masten und die Menschen, von denen er sich nicht trennen konnte. Ihm fiel ein, dass er gestern den ganzen Tag nichts getan als herumgesessen, unkonzentriert gelesen, mit halbem Ohr Musik gehört und dabei Briefe geschrieben hatte. Für das Briefeschreiben brauchte er immer noch viel zu viel Zeit. Dabei waren es meist belanglose Sachen, die er schrieb, an belanglose Personen, Floskeln, ausgedehnt zu weitschweifigen Formulierungen, Berichte über ihm völlig gleichgültige, alltägliche Ereignisse, die er inhaltlich aufbauschte und stilistisch aufputzte. Er hielt dies für eine Bestätigung seiner Phantasie und umkleidete oder variierte so die Monotonie der sich ständig wiederholenden Mitteilung, dass alles zum Kotzen sei. Mit Genuss leerte er abends seine Blase am Strand, dabei immer nach zwei Seiten aufpassend, und gab sich eine Weile dem Wohlgefühl beim Abtropfenlassen und Abspritzen des Penis hin, den er ruhig in der Hand hielt. Heute wurde ihm wieder ein paarmal schlecht vom Rauchen. Aber vorläufig konnte er es einfach nicht lassen.

Gestern liefen den ganzen Tag Leute im Haus herum. Er saß wie festgebannt auf seinem Stuhl und hörte Tonbänder ab. Die Hausbesitzerin zeigte allen möglichen Besuchern stolz ihre Zimmer. Ihre Stimme war in allen Etagen zu hören. Tullio kam sich wie das Stück einer Ausstellung vor, als Frau Göttsch plötzlich die Tür aufriss und die Besucher hereinließ. Eine Dame stürzte sich sofort auf Tullios Tonbandgerät, das er, nachdem er aufgestanden war, ihr lächelnd und mit lauter Stimme erklärte, um vorübergehend von sich selbst als einem Gegenstand der Besichtigung abzulenken. Vielleicht wollte er den Besuchern mit diesen Erklärungen Angst einjagen, denn sie verließen ihn daraufhin sofort. Tullio dachte, wie einfach es doch ist, Störenfriede und neugierige Zeitgenossen zu vertreiben. Man musste ihnen nur so schnell und so weit wie möglich entgegenkommen.

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Doktor Hildebrand, Kriminalpsychologe des Amtsgerichts Hannover und Gerichtsgutachter für Grenzfälle, legte seine rundlichen, fetten Hände auf den grünen Plastikbelag seines stets auf Hochglanz polierten Teakholzschreibtisches. Sein Gesicht hob sich nur durch die Umrahmung der dunklen, glatt anliegenden Haare von der weißen Wand seines Arbeitszimmers ab. Die Untersuchung dauerte schon drei Tage. Er musste sich jetzt endlich mit dem Leben des jungen Angeklagten beschäftigen. Die Hände seines Gegenübers zitterten. Er saß mit vorhängender Brust, mit herabhängenden, langen und schlaffen Gliedmaßen, machte sich steif und hielt sich künstlich und krampfhaft aufrecht. Doch seine stets neu erzwungene Haltung zerfiel bei jeder neuen Frage und bei zu starkem Lichteinfall. Doktor Hildebrand zog die Vorhänge zu. Er wusste, dass die Ärzte von rachitischen Folgeerscheinungen sprachen. Er wusste, dass Helmut erst viereinhalbjährig mit schwerer Rachitis das Laufen gelernt, dann vier Jahre Kinderlähmung und nach dem fünfzehnten Lebensjahr drei, allerdings nur leichte, epileptische Anfälle zu überstehen hatte. Er wusste auch, dass Helmut sich gerne im Freien bewegte, sonst aber außer ein bisschen Schwimmen und Tauchen keinen Sport trieb. Seine Brust war tatsächlich verbildet, seine Haltung schlecht. Man müsste auch die Zähne untersuchen. Der Angeklagte sprach leise, mit tonloser, bedeckter Stimme. Sein Blick, grau und glanzlos, beschattete den Raum und blieb nirgends haften.

»Mein Vater heißt Friedrich Menge, ich habe durch Zufall mal eine Fotokopie in die Finger gekriegt, sonst wüsste ich das nicht. Er hat auch viel mit dem Gericht zu tun gehabt. Er hat Schulden gemacht. Später hat er sich aufgehängt. Jedenfalls hat meine Mutter mir das erzählt. Bei uns im Schuppen soll es gewesen sein, und betrunken war er, sagt sie. Ich hab da mal eine Pfeife gefunden. Meine Mutter sagt, es wäre seine gewesen.«

Helmut, heute siebzehn Jahre alt, ist am 18. Januar 1937 in Hannover als uneheliches Kind geboren. Zweifellos hat er eine schwere Jugend gehabt. Das Verhältnis zu seiner Mutter war keineswegs harmonisch. Nach den Erzählungen der Mutter – so berichtete das Jugend- und Sozialamt Hannover – soll der Vater ein sehr leichtlebiger Mann gewesen sein und viel mit dem Gericht zu tun gehabt haben. Er habe gelegentlich krumme Geschäfte gemacht, viel getrunken, sei auch zuletzt derart verschuldet gewesen, dass er sich wahrscheinlich im Anschluss an eine längere, ausgiebige Kneipentour erhängt habe. Im Übrigen sei er kein schlechter Mensch gewesen. Das Jugend- und Sozialamt bestätigte auf Anfrage, dass er einen guten Kern gehabt und gelegentlich Versuche gemacht habe, sich um die Erziehung seines Jungen zu kümmern.

In dem Bericht war weiter von der »Dominanz eines ausgeprägten Gefühlslebens« die Rede sowie von »schwach entwickelter Willens- und Verstandeshaltung« und »periodisch wiederkehrenden Anfällen von Melancholie«, die immer stärkere »Einbrüche« in das »Gesamtgefüge« einer »nicht voll ausgebildeten Persönlichkeit« bewirkt hätten. Alle diese Ausdrücke waren mit breitem Rot unterstrichen. Helmuts Mutter heiratete 1943 den Installateur Adolf Nagel, der Helmut gemäß Paragraph ein tausendsiebenhundertundsechs des Bürgerlichen Gesetzbuches seinen Namen erteilte und 1949 auch die Vormundschaft über ihn und seine beiden älteren Zwillingsbrüder übernahm. Helmut wurde als Achtjähriger eingeschult und besuchte die Volksschule in Holzminden. Er lebte damals bis 1949 bei Verwandten auf einem kleinen Hof in der Nähe von Holzminden.

Schon damals fiel Helmut in seiner Umgebung durch Besonderheiten seines Verhaltens auf. Sein Klassenlehrer fragte bei seinen Verwandten nach Herkunft und Vergangenheit des Jungen, weil er ihm »seelisch nicht in Ordnung« schien. Er hatte Helmut öfter ertappt, wie er in dem Heft seines Sitznachbarn und anderer Mitschüler die Zensuren oder Beurteilungen, die er, der Lehrer darunter geschrieben hatte, durchgestrichen und eigene an ihre Stelle gesetzt hatte. Zur Rede gestellt, habe er behauptet, die Beurteilungen des Lehrers seien ungerecht, und er wolle sie nur berichtigen, ja, er müsse das tun, weil es sonst in der Klasse nicht gerecht zugehe. So habe er zum Beispiel unter die mit »gut« und »erfreulich« beurteilte Niederschrift einer Mitschülerin geschrieben: »Diese arbeit ist apgeschriben. Helmut«, wobei ja seine eigene schlechte Rechtschreibung ins Auge falle. Überhaupt stünden seine Leistungen absolut unter dem Durchschnitt der Klasse, und sein Lern- und Arbeitseifer sei äußerst schwach.

Auffällig sei auch die nervös-fahrige Handschrift des Jungen, deren zitternde Buchstaben zum großen Teil unverbunden seien. Helmut pflege auf Fragen, so sagte der Lehrer weiter, niemals direkt, sondern ausweichend zu antworten, ja, er habe auf die Frage nach der Lösung einer durchaus nicht zu schweren Rechenaufgabe geantwortet: »Ich weiß das nicht. Erklären Sie mir das, bitte. Sie müssen das doch wissen.« Helmut störe den Unterricht, aber nicht eigentlich durch Frechheit, an die er, der Lehrer, sich in seinem Beruf mittlerweile gewöhnt habe und mit der er auch durch Übung und schnelle Reaktion im Allgemeinen fertig zu werden glaube, sondern durch ungebetene, altkluge Zwischenbemerkungen, indem er zum Beispiel den Lehrer höflichst darauf aufmerksam machte, die Fensterklappe sei zu lange offen geblieben, und es ziehe zu sehr. Gegen die Bitte, die Fensterklappe zu schließen, habe er als Lehrer ja gar nichts einzuwenden, selbst wenn sie von einem einzelnen und in einem Moment, in dem er die Aufmerksamkeit der Klasse brauchte, gekommen sei, aber bei dem Nachsatz »ich fürchte, bei meinem Zustand könnte mir das gefährlich werden« sei ihm doch der Mund offen stehengeblieben. Auch kritisiere Helmut unentwegt das mitgebrachte Frühstücksbrot seiner Mitschüler, vor allem, wenn es zu reichlich sei. Er verlange von ihm, dem Lehrer, Entscheidungen, die er nicht treffen könne, denn es sei doch ganz und gar unmöglich, den Kindern bessergestellter Eltern etwas wegzunehmen zugunsten der ärmeren. Er, Helmut, der sich sonst nie prügle und eine vollkommene Außenseiterstellung einnehme, sei schon öfter in Schlägereien verwickelt worden, weil er versucht habe, die ausgleichende Gerechtigkeit in irgendwelchen Besitz und Gewinnfragen zwischen Klassenkameraden zu spielen. Dabei habe regelmäßig er die meisten Schläge bezogen, sich seltsamerweise aber nie darüber beklagt. Er sei Einzelgänger, mische sich jedoch in fremde Angelegenheiten ein. Die Klasse erkenne ihn nicht an. Zwischen ihm und allen anderen herrsche ein ständiges und wachsendes Misstrauen. Er, der Lehrer, habe ihn einmal beobachtet, wie er nach dem Unterricht auf seinem Platz in der Nähe des Fensters sitzen blieb und unbewegt mit starrem Ausdruck über den Schulhof zum Kirchturm, der unmittelbar daneben steht, hinübersah. Er, der Lehrer, habe gar nichts Sehenswertes bemerken können, aber Helmut habe weiter immer auf die gleiche Stelle geblickt und schließlich auf seine Frage, was es denn dort zu sehen gebe, geantwortet: »Ich warte auf die Dohlen. Ich beobachte sie jetzt jeden Tag. Eine ist dabei, auf der hacken die anderen herum. Ihr fehlen schon viele Federn. Sie wird sicher bald sterben.«

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Tullio wunderte sich zuweilen, dass es ihm gelang, täglich eine unbekannte Finanzmacht zugunsten seines Mittagessens zu betrügen. Wie eine der Unfiguren Becketts musste er sich ständig beweisen, dass er zu kurz gekommen war, und dass nichts ihm den Magen verderben konnte. So bediente er sich stehengebliebener Essensreste auf allen Tischen und in allen Restaurants, auf die er angewiesen war oder die mit ihm rechnen durften, und nahm dort mehr Tee oder Bier zu sich, als er bezahlt hatte, bezahlen oder auch wohl verdauen konnte. Seine Existenz war die eines saugenden Parasiten, der einer Herde von Haifischen folgt und immer die Haut eines Räubers mit der eines anderen als Heimstatt vertauscht. Er hüpfte als Krokodilwächter am Nilstrand in vielen aufgesperrten Krokodilrachen von einer Zahnreihe auf die andere und säuberte dabei das Innere der Kauwerkzeuge seiner Brötchen und Arbeitgeber, die höchstens gähnten, wenn sie ihn kommen sahen. Oder er saß in einem überfüllten Hörsaal der Universität auf seiner Mappe oder seinem Mantel, gequetscht in der Studentenmenge, atmete den Schweißgeruch des Nebenmanns und die philosophisch geschwängerte Luft ein und tastete die Nackenlinie eines Mädchens mit Blicken ab. Herrgott, was dachte Aristoteles, als er die analogia attributionis und proportionalitatis beschrieb? Dazu setzte Tullio den sinnlichen Kontrapunkt. Ein unruhiger, schweifend begattender Geist, der im Sitzfleisch wühlte, im eigenen und im Fleisch aller, und er zerriss, der eine Kombination von Metaphysik und hübsch geformten Mädchenbeinen suchte, dieses Stadium jedoch sofort verließ, wenn das Nebelhorn ihn rief.

Irgendwo im Nebel hausen wir alle. Und auch Tullio saß hinter beschlagenen Scheiben und sah irgendwo trübe ein paar Lichter blinken, zerschellt durch die Feuchtigkeit, durch die Schwaden ziehenden Dunstes, durch kalten, tropfenden Nebel. Er hörte viel Musik: Wagner, Debussy, Skriabin. Aber was von dem verzehrenden Feuer und der lyrischen Behausung, die er sich damit erschuf, übrig blieb, war meist nichts als ein Haufen Asche, eine Rauchfahne für verschlagene Schiffer wie er selbst, der Wind und das Meer.

Und ein erstaunlich kaltes und klares Gehirn, dessen Windungen in die Zukunft hineingriffen wie in einen eisernen Topf. Die Grenzen waren fest, die Zahl der Alternativen war zu übersehen. Tullio würde sie in den Griff bekommen. Das wusste er. Tullio sah den Nebel, sah inmitten des Nebels und fürchtete sich nicht. Er fragte sich, welchen Sinn eine Furcht vor dem Draußen angesichts der äußersten und doch immer ganz nahen, gegenwärtigen Möglichkeit des Todes haben sollte, solange man noch drinnen sitzt. Deshalb blieb er einfach sitzen, wo er saß, und betrachtete sein Häufchen Zigarettenasche, das ihn an große, frühere Feuer erinnerte.

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Doktor Hildebrand hatte die Berichte schnell noch einmal überflogen, während er den Jungen reden ließ, und sein geübtes Psychologengehirn registrierte beides, obgleich er im Augenblick keine Neigung und auch keine Notwendigkeit spürte, die Aussagen des Jungen im einzelnen zu protokollieren oder schriftliche Anmerkungen zu den Berichten zu machen, wie er es sonst tat. Er sah einen Augenblick aus dem Fenster, obgleich kein Kirchturm und keine Dohlen in der Nähe waren. Was der Junge gesagt hatte, war doch sehr eindeutig, vor allem die Sache mit den Dohlen machte es klar. Wunderbar klar und einfach sogar. Ein schöner, gerader Minderwertigkeitskomplex, wie man ihn selten auf den Schreibtisch bekommt, mehr Adler als Freud. Die Vergangenheit ist sowieso nie ganz aufzuklären, man sollte es lassen, man schafft es nie. Aber warum fängt man damit an? Da war etwas, das Doktor Hildebrand beunruhigte, etwas in den grauen, glanzlosen Augen und den blassen, hilflosen Gesichtszügen des Jungen, das ihn zwang, diesem vor ihm ausgebreiteten Leben auf den Grund zu gehen. Aber was? Die Mutter? War es die Mutter? Er nahm an, dass es die Mutter war, und hoffte, dass er mit dieser Annahme etwas weiterkam.

»Ehrlich gesagt, meine Mutter habe ich nicht lieb. Sie hat mir zu viel zugefügt. Um Gottes willen, ich will nicht mehr im Elternhaus sein.«

War es echt, dass sich der Junge nervös durch die Haare fuhr, während er dies sagte? Sein Gesicht verkrampfte sich, und seine Augen wurden kleiner. In komischer Erregung schüttelte er abwehrend beide Hände. Nicht ins Elternhaus? Also, lieber ins Gefängnis. Die Frage brauchte nicht gestellt zu werden, sie war bereits beantwortet. Aber was war mit der Mutter?

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