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Die kleine Dame (1)

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Die kleine Dame und Du – Ein Salafari-Buch zum Entdecken,

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Das Brezelhaus

Diese Geschichte beginnt mit einer Brezel. Einer kleinen goldenen Brezel. Aber Vorsicht! Zum Essen ist sie nicht. Du würdest dir nämlich ganz bestimmt deine Zähne an ihr ausbeißen. Denn die Brezel, von der hier die Rede ist, hängt hoch über dem Eingang des Brezelhauses und ist aus allerfeinstem Gips.

Ohne diese hübsche Brezel wären Lillys Eltern niemals in das Brezelhaus gezogen, das mitten in der großen Stadt Hamburg in einer kleinen Seitenstraße steht. Sie wären auf ihrer Suche nach einem neuen Zuhause einfach an dem alten Haus mit den vier Stockwerken vorbeigegangen.

Und wir hätten nie wieder etwas von ihnen gehört.

Doch genau an jenem Tag, als Lilly, ihre Mutter und ihr Vater mit ihrer kleinen Schwester an dem Brezelhaus vorbeischoben, stand ein junger Maler auf der Leiter und strich die alte Brezel mit neuer Goldfarbe.

Lilly blieb neugierig stehen. »Sieh mal«, rief sie und tippte Papa an.

Papa sah nach oben. »Eine Brezel«, sagte er, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

»Sie ist aus Gold«, flüsterte Lilly.

Gold oder nicht, Papa wollte weiter. Er hielt sich nicht gern auf. Schon gar nicht mit Brezeln. Denn als weit geradelter Fahrradspezialist wusste er, wie wichtig es ist, auf Kurs zu bleiben. Doch wie geschickt er den Kinderwagen auch wendete, an der großen Malerleiter und den Farbeimern kam er nicht vorbei.

Da schaute Mama zu der kleinen Brezel hoch. Sie sah wirklich genauso aus wie die Brezeln, die sie in ihrer Backstube zusammendrehte. In einem Schwung. Bei dem Gedanken musste sie lächeln.

Sie sah zu Lilly. »Sieht zum Reinbeißen aus«, sagte Mama und nahm Lillys Hand.

Ja, das fand Lilly auch.

Papa wurde unruhig. Er spürte, dass etwas in der Luft lag.

Oben betupfte der Maler in aller Ruhe die letzte graue Stelle mit Gold.

Was war das für ein Glanz!

Was war das für ein Leuchten!

Mit ihrem frischen Gold sah die Brezel wie eine feine Einladung aus.

»Komm herein!«, sagte die Brezel. »Tritt ein. Hier bist du glücklich.«

Da geschah es.

»Ich wünschte, wir könnten hier wohnen«, sagte Mama und lächelte Papa so sehnsüchtig an, dass er den Arm um sie legte und alles andere vergaß.

Er sah von Mama zu der goldenen Brezel und nickte. So kam es, dass Familie Bär mit ihren zwei kleinen Mädchen in das Brezelhaus zog.

»Ich bin kein kleines Mädchen!«, sagt Lilly. »Ich bin acht und eine große Schwester!«

Na, aber auch große Schwestern dürfen manchmal noch kleine Mädchen sein. Wenn zum Beispiel nachts die alte Laterne auf dem Kleiderschrank plötzlich aussieht wie eine Fratze und sich der Bademantel auf dem Stuhl in eine unheimliche Gestalt verwandelt – dann fühlen sich selbst die größten Mädchen wieder klein. In solchen Momenten ist Lilly froh, dass Karlchen da ist. Ihre kleine Schwester ist erst fünf. Sie schläft unten im Etagenbett, und wenn sie nachts aufwacht, läuft sie oft noch zu Mama und Papa. Karlchen ist ganz bestimmt ein kleines Mädchen. Ein noch kleineres als Lilly.

Es gibt allerdings eine im Brezelhaus, die ist noch ein ganzes Stück kleiner als alle kleinen Mädchen, die darin wohnen. Und das ist die kleine Dame.

Sie wohnt im Hinterhof. Sie ist so groß wie ein ausgewachsener Pinguin, trägt bei Wind und Wetter ihre Safariausstattung und dank ihres Schirms kann sie jederzeit chamäleonisieren.

Du fragst, was chamäleonisieren ist?

Das geht so: Die kleine Dame spannt ihren Schirm auf und schwups ist es passiert. Steht sie vor ihrem blau geblümten Ohrensessel, ist die kleine Dame vom Schirm bis zur Sohle blau geblümt. Macht sie einen flotten Spaziergang an roten Klinkerhäusern vorbei, tanzen rote Ziegel auf ihrem Kostüm. Und wenn sie mit aufgespanntem Schirm die Rinde der alten Weide nach Marienkäfern absucht, läuft die kleine Dame so silbergrau an, dass gleich ein frecher Käfer angeflogen kommt und sich auf ihre Nase setzt.

Die kleine Dame chamäleonisiert so mühelos, dass niemand bemerkte, wie sie ihr Zelt unter der alten Weide im Hof des Brezelhauses aufbaute.

Dabei zündet sie jeden Abend die große Laterne an, die auf ihrem Tisch steht. Dann setzt sie sich bei einer duftenden Tasse Schokolade vor ihr Zelt und lauscht den fremden Geräuschen der Stadt. Sie hört das tiefe Tuten der Schiffe, die die Elbe heraufkommen, das Hupen der Autos und manchen fremden Vogel.

Die kleine Dame sitzt vor ihrem Zelt und beobachtet, wie rings herum in den Wohnungen die Lichter angehen. Sie sieht zu, wie Mütter ihren Kindern die Zähne putzen und mit großen Waschlappen die kleinen Gesichter waschen. Sie sieht, wie Väter am Herd stehen und in schweren Pfannen leichte Omeletts backen.

Die kleine Dame ist rundherum glücklich, dass sie den Hof des Brezelhauses gefunden hat. Denn sie kennt keinen geheimnisvolleren Ort als diesen riesigen, wild bewucherten Hof, wo hinter jeder Hecke ein anderes Tier lauert.

Seltsamerweise interessiert sich von den großen Leuten niemand für den Hof. Nur der Hausmeister, Herr Leberwurst, fegt einmal am Tag den Torweg zwischen den Mülltonnen. Er hat eine Glatze und fegt zwei links zwei rechts, ohne auch nur einmal von den grauen Fliesen aufzusehen. Dabei muss er sich immer tief nach unten bücken. Denn Herr Leberwurst hat schrecklich lange Beine und ist mindestens dreimal so groß wie die kleine Dame.

Selbst als die kleine Dame gestern ihr Bettzeug aufschüttelte, dass die Federn nur so durch die Luft wirbelten, bemerkte er sie nicht. Dabei trug sie an diesem Morgen ihren Tropenhelm und sah ganz besonders fein aus. Aber Herr Leberwurst spuckte nur auf seinen Putzlappen und polierte das Schild, das er im Torweg aufgehängt hatte. Darauf stand:

Der Glückstag

Normalerweise spielt Lilly nie im Torweg. Nicht nur weil es dort dunkel ist, von den Mülltonnen müffelt und ganz nebenbei verboten ist. Nein, es ist sowieso viel schöner, auf dem sonnigen Spielplatz um die Ecke über die schwankenden Balken zu flitzen und an der Turnstange Todesrolle zu machen.

An einem ganz normalen Mittwoch denkt Lilly nicht im Traum an den Torweg, der in den Hinterhof führt. Doch dieser Mittwoch war kein normaler Tag. Es war Lillys Glückstag! Lilly hatte auf dem Schulfest eine Kamera gewonnen. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie etwas so Schönes gewonnen und sie war so aufgeregt, dass sie den ganzen Weg nach Hause hüpfte. Selbstverständlich wollte Lilly nichts lieber, als sofort ihre ersten Fotos machen.

Sie lief in die Küche, wo ihre Mutter am Tisch stand und einen Teig knetete. Nicht mit der Rührmaschine, sondern mit den Händen. Der Teig quoll zwischen ihren Fingern durch. Er klebte an ihren Händen, in ihren Haaren und an ihrer Nase. Denn wenn Mama Teig knetete, tat sie es mit ganzem Herzen.

»Mama, ich hab einen Fotoapparat gewonnen!«

»Schön, schön …« Mama sah kurz von dem Teig auf »… willst du probieren?« Sie hielt Lilly einen Klecks Teig unter die Nase. Er war mit dicken Schokostreuseln und herrlich cremig. Lilly schleckte den Klecks ab.

»Lecker«, schmatzte sie. »Kannst du mir jetzt mit meinem Fotoapparat helfen?«

»Sofort mein Schatz, sofort …«

»Ich weiß nicht, wie man den Chip einlegt«, versuchte Lilly es noch mal und holte das kleine Plastikding aus ihrer Hosentasche.

Mama streute etwas Mehl auf die Tischplatte.

»Ich helf dir gleich, ja. Ich muss nur noch schnell diesen Kuchen in den Ofen bekommen.«

Die nächste Portion Mehl schneite auf den Tisch. Lilly wusste, dass es mindestens noch eine halbe Stunde dauern würde, bis Mama mit dem Backen fertig war.

An einem normalen Nachmittag hätte ihre Mutter sie ganz sicher auf ihren Schoß gezogen und gemeinsam mit ihr die Kamera bewundert. Doch ausgerechnet heute, an Lillys Glückstag, hatte ihre Mutter nicht die klitzekleinste Minute Zeit für sie.

Lilly lief ins Wohnzimmer, um ihren Vater zu bitten, den Chip einzulegen. Herr Bär kniete auf dem Boden, vor ihm stand Mamas rotes Fahrrad – die Räder zur Decke. In der einen Hand den Schraubenzieher, in der anderen einen Lappen, war er gerade dabei, die Kette von dem Zahnrad zu lösen.

»Papa, schau mal! Ich hab einen Fotoapparat gewonnen!«

Voller Stolz zeigte Lilly ihm den kleinen schwarzen Apparat. Papa legte den Schraubenzieher zur Seite und sah sich die Kamera an.

»Das ist ja ein richtiger Fotoapparat!«, sagte er und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Nase.

»Gratuliere!«

»Hilfst du mir, den Chip einzulegen?«, fragte Lilly.

An einem normalen Nachmittag hätte Papa sie mindestens durch die Luft gewirbelt und gerufen: »Hey, hey, hey, mein wundervolles Töchterchen hat einen Fotoapparat gewonnen!«

Doch ausgerechnet heute, an ihrem Glückstag, nahm Papa wieder den Schraubenzieher und sagte: »Gib mir zehn Minuten.«

Zehn Minuten? Das war ja eine Ewigkeit. So lange konnte Lilly unmöglich warten und sie rannte zum Kinderzimmer.

Dann zeige ich meine Kamera eben Karlchen, dachte sie und öffnete die Kinderzimmertür. Doch was war das? Mehr als einen Spaltbreit ließ sich die Tür nicht öffnen.

»Karlchen«, rief Lilly. »Ich hab einen Fotoapparat gewonnen.«

Ein vermummtes Gesicht erschien in der Tür. Karlchen trug Papas alte Schutzbrille und Mamas Backhandschuhe. Sie flüsterte: »Wir sind eingeschneit.«

»Quatsch mit Soße! Mach die Tür auf! Ich will dir meinen …«

Aus dem Kinderzimmer erklang ein lang gezogenes Heulen. »Oh, mein Hund!«, rief Karlchen. »Ich muss meinen Hund retten!«

»Das ist doch Jakob«, rief Lilly.

Jakob war Karlchens Kindergartenfreund.

»Nein, das ist mein Hund!«, widersprach Karlchen und machte ihrer großen Schwester klack die Tür vor der Nase zu.

An einem ganz normalen Nachmittag hätte Karlchen ihr geliebtes Schokoladeneis hergegeben, nur um einen Blick auf Lillys Kamera zu werfen. Aber ausgerechnet heute, an Lillys Glückstag, spielte sie Eskimo.

»Wie können Papas, Mamas und kleine Schwestern nur alle auf einmal so blöd sein?«, schimpfte Lilly vor sich hin. »Da gewinne ich eine echte Kamera und niemand will sie sehen.«

Lilly wusste ja nicht, dass im Hinterhof die neugierigste kleine Dame der Welt wohnte, die nur darauf wartete, dass ein kleines Mädchen mit ihrer Kamera vorbeikäme. Denn neben Chamäleonisieren gehörte Tofografieren zu den Lieblingsbeschäftigungen der kleinen Dame.

Heute an ihrem Glückstag beschloss Lilly, das Brezelhaus zu verlassen. Sie wollte weg, ganz weit weg und sich so gut zu verstecken, dass Papa, Mama und Karlchen sie nicht wiederfänden. Jawohl, sie würden sehr traurig sein, wenn sie weg wäre, und furchtbar viel weinen. Aber das hatten sie nicht anders verdient!

Hinter der Hecke

Es war der erste richtige Sommertag. Dicke Hummeln summten durch die Luft und die Kinder, die vor dem Brezelhaus auf dem Fußweg vorbeispazierten, hatten mindestens fünf Kugeln Eis in ihrer Tüte. Ja, fünf.

Es war einer dieser Nachmittage, an denen man unbedingt verbotene Dinge tun muss. Lilly las das Schild »Kinder verboten!«, schnaubte und ging schulterzuckend weiter zu dem Tor, das in den Hinterhof führte. Sicher hatte Herr Leberwurst auch verboten, im Hof zu spielen, aber das war Lilly an diesem Tag furzegal.

Sie drückte die Klinke herunter und das Tor öffnete sich mit einem leisen Knarren. Vor ihr lag ein raspelkurzes Stück Rasen mit einer verrosteten Teppichstange.

Genau, so sah es hier aus. Grau und langweilig. Deshalb hatte Lilly auch nie einen Schritt in diesen Hof gesetzt. Aber heute ging sie einfach über den Rasen, unter der Teppichstange hindurch und zwängte sich in die Ligusterhecke, die den Hof in zwei Hälften teilte. Sie wollte ja ganz weit weg von Mama, Papa und Karlchen sein. Hinter dieser Hecke würden sie Lilly niemals finden!

Die Zweige der Hecke wuchsen dicht an dicht. Sie piksten Lilly in die nackten Arme. Sie hakten sich an ihrer Hose fest. Es roch nach Moos und alter Vogelschiete.

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