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Die längste Nacht

Weitere Romane von Isabel Abedi
im Arena Verlag:

Lucian
Isola
Whisper
Imago

Die längste Nacht ist auch als Hörbuch erhältlich.

 

Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos:
Sie beuten sie aus.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst –
aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist.

Elias Canetti

Inhalt

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Epilog

EINS

Früher habe ich nicht an Zufälle geglaubt. Doch seit an jenem heißen Sommertag in Viagello aus buchstäblich heiterem Himmel Lucas Buch vor meinen Füßen landete, hat das Wort für mich eine völlig neue Bedeutung bekommen. Ich hatte damals Angst vor allem, was fiel. Es war keine Höhenangst im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr die Panik, festen Boden unter den Füßen zu spüren, während von oben etwas auf mich zukam. Ich selbst hatte kein Problem damit, auf Leitern oder Gerüste zu klettern, aber einen anderen Menschen vom Zehnmeterbrett springen zu sehen, konnte einen Asthmaanfall bei mir auslösen, und wenn ein reifer Apfel vom Baum plumpste, schnürte sich meine Kehle zu. Es war mir irre peinlich, weil mir diese Angst so irrational vorkam. Aber ich litt darunter, seit ich denken konnte, ich hatte keinen Schimmer, warum, und konnte mich auch nicht erinnern, wann sie angefangen hatte. War ich vor jenem Sommer vielleicht selbst noch nicht bereit für die Wahrheit, die so tief in mir versteckt war?

Es ergibt wenig Sinn, was ich hier von mir gebe, das ist mir klar. Mein Vater kennt einen Autor, der sich Monate mit dem ersten Satz eines Buches quält. Ich bin keine Schriftstellerin, ich habe nicht den Anspruch, ein Buch zu veröffentlichen. Ich will nur meine Geschichte erzählen – aus meiner Perspektive, meinem Blickwinkel. Ich will die Wahrheit erzählen, sie loswerden und gleichzeitig festhalten, auch für meine Schwester.

Ja, vielleicht schreibe ich all das vor allem für Livia und stelle mir vor, dass es einen Ort gibt, an dem sie es lesen kann.

Mein Name ist Vita, und ich war glücklich an jenem heißen Sommertag in Viagello, genau wie in der Nacht drei Monate zuvor, als der erste Zufall die Kette von Ereignissen in Gang setzte.

Ich weiß nicht, was mich damals weckte. Es war eine stille und sternklare Nacht im März, ich war früh zu Bett gegangen und ziemlich schnell eingeschlafen. Kein Geräusch hatte mich aufgeschreckt, kein Albtraum oder Asthmaanfall, und ich war mir auch nicht irgendwelcher Sorgen bewusst, die sich sonst manchmal in meinen Schlaf schlichen.

Ich war siebzehn Jahre und zwei Monate alt und stand – frühzeitig eingeschult – kurz vor der großen Freiheit. Seit Anfang des Schuljahrs sprachen Danilo, Trixie und ich von nichts anderem als von unserer Reise durch Europa. Neun Wochen hatten wir geplant, von Hamburg aus Richtung Süden; Schweiz, Italien, Frankreich, Spanien und Portugal, alles im VW-Bus – unserem zukünftigen Zuhause auf vier Rädern, für das wir seit Jahren sparten. Im Juni gleich nach dem Abiball sollte es losgehen, und der erste Schritt zum Abi war schon geschafft. Die schriftlichen Klausuren hatten sich angefühlt wie ein Spaziergang. Im Gegensatz zu Trixie litt ich nicht unter Prüfungsangst und gehörte zu den Glücklichen, die für gute Noten keine Nächte durchbüffeln mussten. In drei Wochen würde ich die letzte mündliche Prüfung haben, aber auch die war kein Grund, mir den Schlaf zu rauben.

Ich war einfach ohne jeden Grund hellwach. Ich ging nach unten in die Küche, trank Milch aus der Flasche und genoss, wie mir die kühle, cremige Flüssigkeit die Kehle hinunterlief. Ich schob ein Stück von der Quiche hinterher, die meine Mutter am Abend gebacken hatte, und eigentlich wollte ich danach gleich wieder ins Bett. Dass im Arbeitszimmer meines Vaters noch Licht brannte, fiel mir erst beim Rückweg in mein Zimmer auf. Aber auch das war nichts Ungewöhnliches. Mein Vater arbeitete oft nachts, eigentlich arbeitete er immer, und ich sah ihn mit einem Manuskript auf dem Schoß in seinem Sessel sitzen, noch bevor ich die Tür öffnete, unter deren Spalt sich ein schmaler goldener Strahl durch den dunklen Flur zog.

Mein Vater war Verleger und der Hamburger Verlag, den er vor elf Jahren gründete, trug seinen Namen: Thomas Eichberg Verlag. Sein Programm aus klassischer und moderner Literatur war klein, aber besonders. Die noch lebenden seiner Autoren kannte mein Vater alle persönlich und pflegte die Beziehung zu jedem einzelnen mit großer Sorgfalt.

Vor meiner Zeit waren meine Eltern wohl auch privat viel in Künstlerkreisen unterwegs gewesen. Damals war mein Vater noch Programmleiter in einem Berliner Verlag, und meine Mutter eine bekannte Architektin. Die Partys, die meine Eltern in Berlin gegeben hatten, waren legendär gewesen, aber wenn ich einen Autor oder den besten Freund meines Vaters davon schwärmen hörte, kam es mir immer unwirklich vor. Dass es einmal eine Zeit gegeben hatte, in der meine Mutter Gäste bewirtete oder fünfgängige Dinner kochte, war mir unvorstellbar.

In dieser Nacht lag sie längst in ihrem Bett und schlief. Meine Mutter war wie ein Schweizer Uhrwerk. Sie lief perfekt, von morgens um sieben bis abends um zehn, sie kaufte ein, kochte, putzte, bügelte, faltete Wäsche und rückte alles an den rechten Platz, aber sie lebte in ihrer eigenen Welt, tickte still und regelmäßig in ihrem einsamen Rhythmus. Ich konnte mich nicht daran erinnern, je auf ihrem Schoß gesessen, je mit ihr im Bett gekuschelt oder mich an ihrer Schulter ausgeweint zu haben, aber was man nicht kennt, das kann einem nicht fehlen, jedenfalls glaubte ich das damals.

Auch mein Vater war kein Schmusedaddy, die meisten körperlichen Aktivitäten lagen ihm fern, und früher war es mir immer unnormal vorgekommen, wenn ich Väter mit ihren Kindern Fußball spielen, toben oder herumalbern sah. Meinen Vater interessierte, was ich dachte, wie ich die Welt sah, und wenn ich als Kind nicht einschlafen konnte oder einen Asthmaanfall gehabt hatte, dann ging er oft mit mir raus.

In manchen Nächten liefen wir stundenlang durch die menschenleeren Straßen und unterhielten uns. Sprachlos erlebte ich ihn nur in den Nächten, in denen ich schreiend aus einem Albtraum erwachte, was in meiner Kindheit ziemlich oft der Fall gewesen war. In einem der schlimmsten, immer wiederkehrenden Albträume stand ich vor einem Brunnen, in dessen Tiefe ein kleines Mädchen gefangen war. Es hatte keinen Mund und blickte mit großen, verzweifelten Augen zu mir hinauf. Ich wollte es aus seinem dunklen Gefängnis befreien, aber es gab keine Möglichkeit, zu ihm hinabzusteigen. Als ich meinem Vater von dem Traum erzählte, fand er keine Worte und nahm mich stattdessen mit in sein Arbeitszimmer, damit ich mich dort einkuscheln und weiterschlafen konnte.

Mit seinen alten Möbeln, den bis unter die Decke reichenden Bücherregalen, den Stapeln von bedrucktem Papier, die sich auf, unter und neben dem Schreibtisch, kleinen Hockern und Beistelltischen türmten, war das Arbeitszimmer meines Vaters das komplette Gegenteil unseres durchgestylten Hauses. Auch mein Zimmer widersetzte sich dem monochromen Einrichtungsstil meiner Mutter, aber bei mir war es eher ein chaotisches Durcheinander, während das Arbeitszimmer meines Vaters Atmosphäre hatte, als wollte es sich der trostlosen Leere des Hauses widersetzen. Es war überfüllt von Geschichten und kuriosen Kleinigkeiten, die mein Vater im Laufe seines Lebens angesammelt oder geschenkt bekommen hatte: Skizzen von Illustratoren, Briefbeschwerer mit schillernden Insektenmotiven oder die alte Corona-Schreibmaschine meines Großvaters, in die mein Vater eine vergilbte Papiertüte eingespannt hatte. Auf die Vorderseite war ein Zitat des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa gedruckt: Die Literatur ist die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren.

Mein persönlicher Stammplatz war der weiche Teppich vor dem Kamin, auf dem ich mich in eine flaschengrüne Wolldecke einkuschelte, Lakritzbonbons lutschte und im flackernden Schein des Feuers meinem Vater dabei zusah, wie er mit stetig wechselnder Mimik die Manuskripte seiner Autoren durchackerte. Nur manchmal eiste mein Vater seinen Blick von den Texten los und schickte mir über den Rand des Manuskriptes sein stilles Lächeln.

Meinem Vater beim Lesen zuzusehen, war in jener Nacht allerdings gar nicht mein Anliegen. Ich war in diesem Frühling vor allem mit mir selbst beschäftigt und weiß beim besten Willen nicht mehr, was mich dazu brachte, die Hand auf die Klinke zu legen, die Tür aufzudrücken und in das Arbeitszimmer zu treten. Ich hatte nichts auf dem Herzen, keine bösen Geister in der Brust, und innere Unruhe beschlich mich erst, als ich meinen Vater sah. Genau wie in meiner Vorstellung saß er in seinem hellbraunen Ledersessel. Sein dunkelgrünes Cordhemd war aufgeknöpft, die abgestreiften Schuhe lagen vor ihm auf dem Parkett. Er hatte die silberne Lesebrille auf der Nase und hielt einen dünnen Stapel Papier auf dem Schoß. Die dunklen Schatten unter seinen Augen kamen von zu wenig Schlaf, das war ebenfalls normal, genau wie das Zucken seines linken Augenlids und die von Zweiflerfalten durchzogene Stirn. Aber dieser Blick, mit dem er mich ansah – oder vielmehr, mit dem er durch mich hindurchstarrte, als wäre ich ein Geist, jagte mir Angst ein. Auch seine Haltung war starr. Nur seine Hände, Klavierspielerhände mit feingliedrigen, schlanken Fingern, zitterten. Sein schmales Gesicht war leichenblass und seine Lippen wirkten wächsern und blutleer.

»Raus.«

Er sagte nur dieses eine Wort, es klang gläsern und fremd, aber so scharf, dass ich ohne eine weitere Nachfrage zurück nach oben und in mein Bett stolperte. Ich versuchte, mich wieder einzukuscheln und weiterzuschlafen, aber es gelang mir nicht. So wie eben hatte ich meinen Vater noch nie gesehen. Was hatte ihn derart aus der Fassung gebracht? Wenn es der Inhalt dieses Manuskriptes gewesen war, dann musste es die reinste Horrorstory gewesen sein. Aber soweit ich wusste, las mein Vater keinen Horror, er regte sich höchstens über den grauenhaften Schreibstil mancher Autoren auf, und selbst das führte nicht dazu, dass er über einem Manuskript zu einem Zombie mutierte. Am liebsten wäre ich noch mal runtergegangen, aber der Gedanke an seinen schroffen Rauswurf hielt mich zurück.

Um mich abzulenken, scrollte ich durch die Nachrichten auf meinem Handy und überlegte, wie ich auf den Gutenachtgruß reagieren sollte, den mein Exfreund Chris mir um kurz nach Mitternacht geschickt hatte, beschloss dann aber, ihn zu ignorieren, und knipste die Lampe auf meinem Nachttisch aus.

Ein blasser, halb voller Mond stand am Himmel über meinem Fenster. Sein Licht spiegelte sich auf den Pailletten, die auf dem Schreibtisch neben meiner Nähmaschine verstreut waren. Irgendwo in der Nachbarschaft ging die Alarmanlage eines Autos los. Dann war alles wieder still, und als meine Gedanken endlich aufhörten, sich im Kreis zu drehen, schlief ich ein.

Als ich am nächsten Morgen um kurz nach halb acht in die Küche kam, hatte meine Mutter den Frühstückstisch schon gedeckt. Ein Glas frisch gepresster Orangensaft, eine Tasse Milchkaffee, ein aufgebackenes Brötchen, gekühlte Butter und selbst gemachte Marmelade, ein Viereinhalbminutenei und eine halbe Pampelmuse, aus der das Fruchtfleisch bereits so mit dem Messer gelöst worden war, dass ich es herauslöffeln konnte. Ich frühstückte allein wie jeden Morgen, während meine Mutter die Spülmaschine ausräumte, wobei sie jedes Glas noch einmal nachpolierte, bevor sie es in Reih und Glied zu den anderen ins Regal stellte. Ihre Bewegungen waren mechanisch, eine durchgetaktete, einprogrammierte Choreografie – ohne Musik.

»Wie hast du geschlafen?«, fragte ich.

»Danke. Gut. Und du?«

»Gut. Danke.«

»Kommst du nach der Schule zum Essen?«

»Weiß noch nicht.«

»Ich muss es aber wissen. Für die Einkäufe.«

Meine Mutter strich sich das weißblonde Haar hinter die Ohren, es war kurz geschnitten und kräuselte sich leicht im Nacken. Wie so oft sprach sie mit dem Rücken zu mir, und auch an diesem Morgen ertappte ich mich dabei, dass ich mit den Fingerspitzen ihre weichen Löckchen berühren wollte, die das einzig Verspielte an ihr waren. Ihr Gesicht hatte scharfe Konturen, ein spitzes Kinn, hervorstechende Wangenknochen und schmale Augenbrauen mit akkurat gezupften, hohen Bögen. Ihre Haut war hell und sehr straff, und ihre porzellanblauen Augen blickten mich selten direkt an, aber selbst wenn, erkannte ich keine wirkliche Präsenz dahinter. Natürlich hatte sie schon geduscht und war fertig gekleidet, sie trug ein Kostüm, cremefarbener Rock, weiße Bluse, cremefarbenes Jackett, als ginge sie zu einem Geschäftstermin und nicht auf den Markt, um Gemüse und frischen Fisch zu kaufen, der jeden Freitag auf dem Speiseplan stand. Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt, in ihrem Beruf arbeitete sie schon lange nicht mehr.

Ich trank den Orangensaft und schob die Pampelmuse unangerührt zu Seite.

»Rechne nicht mit mir«, sagte ich.

»Gut.«

Gut. Das war das Lieblingswort meiner Mutter. Ob ich kam oder nicht, eins schien so gut wie das andere. Die Hauptsache war, dass ihr Tagesablauf einen klaren Plan hatte, der durch nichts unterbrochen oder verändert wurde. Wenn ich zum Mittagessen nach Hause kam, aß meine Mutter mit mir zusammen, aber zu dritt waren wir so gut wie nie, auch abends nicht, und die wenigen Ausnahmen verliefen knapp und schmerzlos, ein Austausch von Floskeln und Höflichkeiten, bevor wir erleichtert den Tisch verließen und uns in unsere Zimmer verzogen. Meine Eltern schliefen, seit ich denken konnte, in getrennten Schlafzimmern, nie hatte ich sie abends hinter derselben Tür verschwinden sehen, und manchmal fragte ich mich, was sie überhaupt noch unter einem Dach hielt. Die Erinnerung an meine Schwester konnte es nicht gewesen sein, denn in unserem Haus gab es nichts, was mit ihr in Verbindung stand.

»Ist Papa schon im Verlag?«, fragte ich, während ich mein Brötchen mit Aprikosenmarmelade bestrich.

»Ich denke nicht.« Meine Mutter klappte die Spülmaschine zu. »Ich habe ihn heute Morgen noch nicht gesehen.« Sie warf einen Blick auf ihre silberne Armbanduhr. »Beeil dich, Viktoria. Es ist siebzehn vor acht.«

Meine Schule war fünf Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Bevor ich losfuhr, ging ich noch einmal in das Arbeitszimmer meines Vaters. Es war leer, aber die Tür zum Garten stand offen. Unser Garten war lang und schmal, und ich entdeckte meinen Vater im hinteren Winkel neben der kleinen Laube. Sie beherbergte Gartengeräte, Klappstühle, einen Tisch und verschiedene Windlichter, die in warmen Sommernächten unseren Garten in ein idyllisches Plätzchen hätten verwandeln können, wenn wir sie benutzt hätten. Nicht mal ich lud Freunde hierher ein, hielt mich aber gern allein im Garten auf, wenn es warm war und ich im Gras dösend Musik hörte oder vor mich hin träumte. Am schönsten fand ich den Garten im Frühling, wenn alles blühte. Der Kirschbaum vor der Laube strahlte unwirklich schön in Rosa und Weiß. Ich liebte diesen Duft, der so süß und verheißungsvoll war. Zu beiden Seiten des Rasens reckten sich Frühlingsblumen dem blauen Himmel entgegen, dicht strahlende Narzissen, winzige Blausternchen und Tulpen in einem fast blutigen Rot. Gartenarbeit war eine weitere Beschäftigungstherapie meiner Mutter, und wer sie nicht kannte, hätte einen fröhlichen Menschen in ihr vermutet.

Mein Vater war aber ganz offensichtlich nicht nach draußen gegangen, um die morgendliche Idylle einzuatmen. Er hatte das Telefon am Ohr und hielt den Kopf gesenkt, während er auf und ab ging. Draußen war es so still, dass seine Stimme bis an die geöffnete Terrassentür getragen wurde. Seine sonst eher ruhige Tonlage hatte sich in eine eisige Höhe geschraubt. Ich hörte nicht alles, was er sagte, aber einzelne Wortfetzen verstand ich deutlich. Unfassbar … Persönlichkeitsrechte … ich werde alles dafür tun, dass dieser Roman nicht erscheint!

Die ausgedruckten Seiten, in denen mein Vater in der Nacht zuvor gelesen hatte, lagen auf dem Sessel. Mittlerweile wurde es wirklich Zeit für die Schule, aber meine Neugier war größer. Ich beugte mich über den Stapel Papier. Er umfasste kein vollständiges Manuskript, wie ich gestern Nacht vermutet hatte, sondern zwanzig, höchstens dreißig Seiten, und obenauf lag ein Brief.

Lieber Thomas,
anbei der Auszug aus Shepards neuem Roman, an dessen Ende der Autor meines Wissens nach noch arbeitet. Der Roman soll weltweit erscheinen und wurde jetzt auch uns angeboten. Die Namen sind alle geändert, aber dass es die Geschichte aus Viagello ist, scheint mir unmissverständlich.

Wie sehr ich mir wünsche, dass ich mich irre.
Beste Grüße,
Oliver

Ich warf einen raschen Blick in den Garten, wo mein Vater noch immer in das Telefonat vertieft war. Jetzt schien er zuzuhören und ich vermutete, dass er den Absender des Anschreibens am Ohr hatte. Oliver war Lektor in dem großen Berliner Verlag, in dem mein Vater früher gearbeitet hatte, und sein bester Freund. Er gehörte zu den wenigen Gästen, die noch zu uns nach Hause kamen.

Unter Olivers Anschreiben lag das Titelblatt der Leseprobe.

Der Roman hieß Die längste Nacht und war von Sol Shepard.

Zum Leidwesen meines Vaters und trotz meiner häufigen Aufenthalte in seinem Arbeitszimmer war ich nie eine große Leseratte gewesen, aber der Name des Autors war mir natürlich ein Begriff. Shepards Werke, ziemlich blutrünstige Thriller, waren Weltbestseller, und ein paar davon kannte ich sogar. Meine Freundin Trixie hatte sie mir in die Hand gedrückt, sie war ein eingefleischter Fan von Shepard, hatte alles von ihm gelesen und regte sich ständig darüber auf, dass seit Jahren nichts Neues von ihm erschienen war.

Ich beugte mich nach unten und blätterte wahllos durch die Seiten. An einem Absatz blieb ich hängen:

Es war einer dieser Sommertage, an denen der Himmel hoch und wolkenlos war, eine Kuppel aus strahlendem Blau. Ihre Eltern waren in die Stadt gefahren, und die vier hatten die beiden Kleinen zu ihrer geheimen Badestelle am Fluss mitgenommen. Eine Insel aus Wald und Felsen schirmte sie ab, kein Tourist hatte je hierhergefunden. Die Bäume, die sich schützend um das Ufer rankten, flimmerten grün in der Hitze, und das türkisfarbene Wasser glitzerte in der Sonne wie ein Teppich aus Diamanten.

Amadeo lag bäuchlings im Sand. Er sah zu Maya, die im flachen Wasser stand. Sie trug einen weißen Bikini. Ihre Brustwarzen setzten sich ab unter dem dünnen Stoff. Bei ihrem Anblick ging sein Atem flacher. Maya. Alles warf Schatten neben ihr, selbst die Sonne. Sie streckte ihre Hände nach Piccola aus und die Kleine lief auf ihren speckigen Beinen durch das Wasser auf sie zu.

»Engelchen flieg, Engelchen flieg!«

Maya griff Piccola an den Handgelenken, um sie in immer wilderen Kreisen durch die Luft zu wirbeln, und das selige Glucksen der Kleinen mischte sich in das Rauschen des Wasserfalls. Der Wind spielte in Mayas Haaren. Sie reichten ihr bis zu den Hüften und hatten die Farbe von Milch mit Honig. Amadeo konnte seinen Blick nicht lösen von ihr. Mehr denn je erschien ihm Maya wie ein Wesen aus Licht.

In den Zeilen steckte so gar nichts von der schnellen und harten Spannung, die ich aus Shepards Thrillern kannte, aber etwas an ihnen berührte mich tief. Es kam mir vor, als ob ich die Stimmung am Fluss fühlen konnte. Sie zog mir am Herzen, und hätte ich nicht die plötzliche Stille vernommen, wäre ich wahrscheinlich am Text kleben geblieben.

Mein Vater stand jetzt unter dem Kirschbaum, den Oberkörper vorgebeugt, mit dem Rücken zu mir. Seine Hand mit dem Telefon hing schlaff nach unten, mit der anderen stützte er sich an den Baumstamm, als wäre er kurz davor, sich zu übergeben. Er kam mir schmal vor in diesem Augenblick, schmaler noch als sonst. Er trug die Klamotten von letzter Nacht, als wäre er gar nicht ins Bett gegangen, und noch einmal dachte ich an den starren Blick, den er mir zugeworfen hatte.

Nächte haben ihre eigenen Gesetze und eines von ihnen ist, dass sie Dinge größer erscheinen lassen, als sie einem bei Tageslicht besehen vorkommen. Seltsam fand ich die ganze Sache zwar auch jetzt noch, aber sie hatte nicht mehr diese beklemmende Wirkung auf mich, und im Unterschied zu gestern kam mir an diesem Morgen eine rationale Erklärung in den Sinn.

Vielleicht war der Roman eine geklaute Idee von einem Autor, der bereits bei meinem Vater unter Vertrag stand. Vor ein paar Monaten hatte es schon einmal einen dicken Rechtsstreit wegen eines Plagiats gegeben, der meinen Vater ziemliche Nerven gekostet hatte, und damals hatte ich seine erste Reaktion ja auch nicht mitbekommen. Es tat mir leid, dass er offensichtlich wieder Sorgen hatte, aber was immer das Problem war, er würde es schon lösen.

Ich verzog mich aus dem Arbeitszimmer, schnappte mir das Schulbrot, das meine Mutter mir wie jeden Morgen geschmiert hatte, und schwang mich auf mein Fahrrad.

Und als mir Trixie vor der Schule entgegenstürmte, um mir zu erzählen, dass wir heute den VW-Bus anschauen würden, den ein Bekannter von Danilo zu einem Schnäppchenpreis verkaufen wollte, vergaß ich die Leseprobe von Sol Shepards neuem Roman.

* * *

Er stand am Fuß der alten Ruine, allein mit der Nacht und den Schatten der Vergangenheit. Aber er konnte sich diesem Ort nicht entziehen. Wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, dann blickt der Abgrund auch in dich hinein. Nietzsche kam ihm in Nächten wie diesen oft in den Sinn.

Er dachte an das Telefonat, das ihn aus dem Haus getrieben hatte. Welche Grenze er überschritten hatte, als er die Geschichte aus der Hand gab, wollte er sich noch nicht in aller Konsequenz eingestehen, doch die Worte hallten jetzt wie ein Echo in seinem Inneren nach.

In der Ferne läutete die Kirchenglocke. Er lauschte ihrem satten, friedvollen Klang und rief sich ins Gedächtnis, was ihn am Anfang angetrieben hatte.

Es waren die leisen Töne gewesen, das Böse, das in jedem von uns schlummert, die Schuld, die – wie er meinte – jeder von uns trägt. Wir alle sind Täter, dachte er, jeder von ist uns zu allem bereit.

Ja, genau das hatte ihn seit jeher fasziniert, und sich selbst hatte er nie davon ausnehmen können, denn wenn er ehrlich war, hatte etwas in ihm schon in den ersten Augenblicken losgeschrieben, in denen er sich dafür entschieden hatte, in die Geschichte einzusteigen und sie zu verändern. Er hatte sie in sich getragen, über Jahre, nur sein Gewissen hatte sie in Schach gehalten, aber sie hatte in ihm pulsiert, alle anderen Ideen in den Schatten gestellt und nichts anderes mehr aus ihm herausgelassen.

Dass etwas Leises so laut sein konnte.

Jede Nacht, seit jener längsten, hatte die Geschichte in sein Ohr geflüstert: Ich bin zu dir gekommen, nur du kannst mich schreiben, ich bin die einzige Geschichte, die in dir steckt, hör auf, dich zu wehren, und erzähl mich …

Und das hatte er beinahe geschafft – bis auf das Ende, das er noch immer zurückhielt. So hatte er es ihnen jedenfalls gesagt, aber die Wahrheit sah leider anders aus: Es war das Ende selbst, das sich zurückhielt.

Er wusste, dass er etwas übersehen – irgendwo im Laufe der Geschichte einen Gedankenfehler gemacht hatte, an dem jetzt alles hing wie an einem seidenen Faden. Etwas fehlte, das er dringend brauchte, um diese Geschichte zu ihrem einzig möglichen Schluss zu bringen. Aber er wusste nicht, was es war, und das – genau das – brachte ihn langsam, aber sicher um den Verstand.

ZWEI

Unser Abiball fand im Sankt-Pauli-Stadion statt; auf der VIPEtage, einem riesigen Saal mit Blick auf das Spielfeld. Trixie war im Festkomitee gewesen und hatte wegen der hohen Eintrittskosten im Vorfeld einen wahren Shitstorm über sich ergehen lassen müssen. Auch Danilo hatte die Location elitär und die Kosten übertrieben gefunden, aber inzwischen waren alle hellauf begeistert. Der Saal war festlich geschmückt, mit weißen Decken, Lüstern und Silberbesteck auf den langen Tischen, einem gigantischen Büfett und unzähligen kleinen Lichtern an den Decken. Es herrschte eine glamouröse, glitzernde Stimmung und jetzt, wo die offiziellen Reden hinter uns lagen und das Büfett abgegrast war, schwirrte Trixie mit einem Caipi in der einen und einer Flasche Sekt in der anderen Hand über die Tanzfläche. Sie trug ein kurzes knallrotes Flatterkleid und dazu ihre Krümelmonster-Handtasche aus türkisem Plüsch, die ich ihr vor ein paar Jahren zum Geburtstag genäht hatte. Ihre Schuhe lagen am Rand der Tanzfläche und Trixies braune Locken hatten sich längst aus ihrem Gefängnis aus Klammern und Spangen gelöst. Sie fielen ihr wild über die Schultern und ihr Gesicht glühte wie eine Hundertwattbirne kurz vor dem Durchknallen. Trixie war dauerhigh und brauchte dafür nicht mal Drogen. Manchmal fragte ich mich, wie der gelassene Danilo es mit ihr aushielt, aber wahrscheinlich zog ihn genau diese Gegensätzlichkeit an, und Trixie hatte auch eine andere Seite. Sie war der solidarischste Mensch, den ich kannte, konnte ein echter Kumpel sein, und sie und Danilo waren für mich die vollkommene Mischung.

Auf der Tanzfläche heizten zwei junge DJs die Stimmung auf. Der obligatorische erste Tanz galt den Vätern und Töchtern. Auch mein Vater hatte mich an der Hand zur Tanzfläche geführt. Ich hatte ihn noch nie tanzen sehen und war erstaunt, wie geschmeidig er sich bewegte. Es fühlte sich gut an, in seinen Armen zu sein, er strahlte Wärme aus und eine große Zärtlichkeit, die ich so noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Irgendetwas in ihm schien mich fester halten und nicht mehr loslassen zu wollen. Ich schloss die Augen und für einen Moment war ich sein kleines Mädchen; sicher, beschützt und geborgen.

»Schön siehst du aus«, flüsterte er mir ins Ohr. »Und dein Kleid ist einfach unglaublich. Ich habe nicht gewusst, dass meine Tochter eine Künstlerin ist.«

Mein Vater war sparsam mit Komplimenten, er sagte nie etwas, das er nicht meinte, und das machte mich umso stolzer. Nähen war meine große Leidenschaft, schon in der Grundschule hatte ich meine erste Nähmaschine gehabt, als einziges Kind unter Erwachsenen Schneiderhandwerkskurse besucht, und die Bücher in meinem Regal enthielten keine Geschichten, sondern Schnittkonstruktionen, Anleitungen und Techniken der Kostümbildnerei.

Mein Kleid hatte ich selbst entworfen. Es war aus Taft, graublau wie meine Augen, im Rücken geschnürt, ärmellos und mit winzigen Silberpailletten, die ich in stundenlanger Handarbeit auf den unterfütterten Rock genäht hatte. Der Saum ging mir bis zu den Knien, für meine 159 cm Körpergröße die perfekte Länge. Trixie nannte mich scherzhaft den laufenden Meter, und mein Exfreund Chris hatte mich gern damit aufgezogen, dass ich in der Kinderabteilung einkaufen gehen konnte.

Er war es jetzt, der meinen Vater beim Tanzen ablöste. Chris und ich hatten am Anfang des Jahres etwas miteinander gehabt, aber es hatte nicht wirklich funktioniert. Außer, dass es Spaß machte, Sex mit Chris zu haben, teilten wir kaum etwas, und dass ich nicht in ihn verliebt war, merkte ich vor allem daran, dass ich keine Nacht bei ihm verbringen wollte, ganz egal wie sehr Chris mich bat zu bleiben. Genervt von seiner immer größer werdenden Anhänglichkeit hatte ich irgendwann Schluss gemacht. Er war verletzt gewesen, aber locker ließ er trotzdem nicht. Mehrfach versuchte er, wieder bei mir zu landen, mit dem Effekt, dass ich immer gereizter wurde und gleichzeitig ein schlechtes Gewissen bekam – ein Zwiespalt, der sich sofort wieder einstellte, als Chris’ Finger jetzt über meinen Rücken nach oben wanderten und zögernd meine Haare berührten.

Vor ein paar Tagen war ich noch einmal beim Friseur gewesen. Meine natürliche Haarfarbe war Blond, aber ich fand, sie passte nicht zu mir, weshalb ich mich in verschiedenen Etappen von einem hellen Braun zu Schokoladenfarben und schließlich zu Hennarot durchgearbeitet hatte – Trixies Warnungen, ich würde mir die Haare ruinieren, zum Trotz.

Chris beugte sich zu mir herunter. »Fahr nicht«, hörte ich seine raue Stimme an meinem Ohr. »Lass uns Zeit miteinander verbringen. Gib uns noch eine Chance, Vita.«

Er legte seinen Finger unter mein Kinn, damit ich den Kopf hob, aber ich entzog mich. Ich wollte nicht, dass Chris mir ansah, wie sehr es mich wegdrängte. Nicht nur von ihm, sondern auch aus Hamburg, aus meinem Leben und meinem Elternhaus, in dem aus allen Winkeln diese stumme Trauer kroch und jegliche Form von Lebendigkeit im Keim erstickte. Mein Vater schien imstande, die Trauer abzuschütteln, wenn er das Haus verließ. Jedes Mal, wenn ich ihn morgens mit seinem schwarzen BMW aus der Garage fahren sah, kam er mir vor, als wäre er auf der Flucht. In der letzten Zeit war es besonders auffällig gewesen, wie stark er unser Zuhause mied. Sein müdes Gesicht wirkte noch ausgezehrter als sonst, doch auf meine Nachfrage, was ihm Sorgen machte, bekam ich eine deutliche Antwort: »Nichts, worüber ich sprechen möchte. Tu mir den Gefallen, und lass es gut sein.«

Dinge gut sein zu lassen, auch wenn sie alles andere als gut waren, darin hatte mich jahrelange Übung zur Meisterin gemacht. In dieser Hinsicht waren mir meine Eltern das beste Vorbild gewesen.

Ich bat Chris, uns einen Gin Tonic zu holen, und lehnte mich an den Pfeiler, erleichtert, für einen Moment allein mit mir und meinen Gedanken zu sein.

Mein Vater unterhielt sich gerade mit Trixies Eltern. Er sah gut aus in seinem dunklen Anzug, und dass er älter als die meisten Väter war, merkte man ihm nicht an. Seine sechzig Jahre standen ihm und er machte aus der Ferne betrachtet einen lässigen, unbeschwerten Eindruck. Empfänge und öffentliche Veranstaltungen war er gewohnt, und er wirkte im Kreis von anderen immer gelöster als zu Hause.

Er nickte und lachte über etwas, das Trixies Mutter ihm ins Ohr sagte, während meine Mutter allein an der Bar saß und sich an ihrem Mineralwasser festhielt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt mitkommen würde, aber im Grunde war sie auch nicht wirklich hier. Ihre Augen verloren sich in den Lichtern über der Tanzfläche. Sie schien wie immer in eine andere Welt, in eine andere Wirklichkeit zu blicken, und ich wusste, dass in dieser Wirklichkeit meine Schwester lebte.

Ich war noch klein gewesen, als Livia starb, vier Jahre alt. Meine Schwester war siebzehn gewesen. Sie hatte einen Autounfall gehabt, ein Freund hatte am Steuer gesessen, der Wagen war gegen eine Leitplane geprallt, das war so ziemlich alles, was ich wusste. Erinnerungen an die Zeit mit Livia hatte ich keine mehr, dafür jede Menge Fragen.

Wie hatte meine Schwester ausgesehen? Was hatte sie gerne gegessen? Welche Musik hatte sie am liebsten gehört? Was waren ihre Hobbys gewesen? Mochte sie Bücher? Was für einen Charakter hatte sie gehabt? Sah ich ihr ähnlich? Hatte sie mit mir gespielt? Hatte ich sie geliebt? Hatte sie mich geliebt? Und vor allem: Hatten meine Eltern sie geliebt? Denn wenn ja: Warum gab es dann nicht das kleinste Andenken an sie? Warum hatten wir nicht mal ein Foto, warum gab es nicht mal ein Grab?

Wann mir diese Fragen zum ersten Mal in den Kopf gekommen waren, weiß ich nicht mehr. Angefangen, sie zu stellen, hatte ich erst mit zwölf oder dreizehn. Aber sie waren an meinen Eltern abgeprallt wie Dartpfeile an einer Betonmauer. Selbst mein Vater hatte sich bei diesem Thema bis auf wenige Ausnahmen rigoros gesperrt.

»Deine Schwester Livia war ein wunderbarer Mensch. Sie hat dich geliebt, und wir haben sie geliebt. Nach ihrem Tod sind wir umgezogen, damit wir irgendwie ein neues Leben anfangen konnten. Und das muss reichen, Vita.«

Es reichte mir nicht mal im Ansatz, aber mir war klar, dass ich mich damit abfinden musste, und wenn ich meine Großeltern fragte, erhielt ich zur Antwort: »Das ist die Angelegenheit deiner Eltern, da mischen wir uns nicht ein.«

Ich war mir irgendwie immer sicher gewesen, dass es meine Mutter war, um derentwillen mein Vater das Tabu aufrechterhielt, und als ich sie an diesem Abend ansah, war sie mir fremder als je zuvor. Mit ihren sechsundfünfzig Jahren zählte auch sie zu den älteren Müttern. Sie war neununddreißig gewesen, als ich zur Welt kam, und ich konnte mir vorstellen, dass sie einmal sehr schön gewesen war. Auf dem Hochzeitsporträt meiner Eltern, das ich in einer Schublade meines Vaters gefunden hatte, war sie jedenfalls eine strahlende, unfassbar junge Braut. Jetzt war es weniger das Alter als das Unglück, das sie zeichnete. Ihre blasse Haut wirkte transparent, als könne man durch sie hindurchsehen, aber ihre eingefrorenen Gesichtszüge ließen es nicht zu, und an diesem Abend war sie maskenhafter denn je. Kerzengerade saß sie auf dem Barhocker, ihre schmalen Schultern waren gestrafft, unter ihrem rechten Arm klemmte die Handtasche, und selbst der Fuß ihres übereinandergeschlagenen Beines kam mir vor, als würde er von unsichtbaren Fäden gehalten, wie alles an ihr, jeder Muskel, jede Faser ihres Körpers.

Es tat mir weh, sie anzusehen, es tat mir weh zu spüren, wie alles Äußere sie unberührt ließ, mein Leben und das, was darin vorkam, eingeschlossen. Meinen Abidurchschnitt von 1,2 hatte sie mit einem dünnen Lächeln und einem »Sehr gut« zur Kenntnis genommen, und dass mein Abschied von zu Hause stündlich näher rückte, schien sie nicht einmal zu bemerken, während Trixie mir täglich ihr Leid klagte, dass ihre Mutter seit Wochen wie eine Klette an ihr klebte und ständig den Tränen nah war.

Auch Linda, Danilos Mutter, hatte mit dem Abschied zu kämpfen. Im Unterschied zu Trixie, die zwei jüngere Brüder hatte, war Danilo Einzelkind und Linda alleinerziehend. Es berührte mich, die beiden jetzt auf der Tanzfläche zu sehen. Vor ein paar Monaten war Linda die Treppe hinuntergestürzt und hatte sich einen ziemlich komplizierten Bruch zugezogen. Dass ihr linker Fuß noch immer in einer Schiene steckte, nahm ihr nicht die Lust am Tanzen. In ihrem langen Blumenkleid sah sie aus wie ein junges Mädchen und ihre zarten Arme schlossen sich um Danilos Hals, während er sie den schnellen Technobeats zum Trotz behutsam im Kreis drehte. Er trug Espandrilles und seine indische Goahose, seine hellen Locken waren verwuschelt und das einzig Förmliche an ihm war das weiße Leinenhemd. Offizielle Anlässe waren nicht Danilos Ding, aber wie viel ihm dieser Abschiedsabend mit seiner Mutter bedeutete, zeigte sich deutlich. Es lagen so viel Zärtlichkeit und Wertschätzung in der Art, wie die beiden miteinander umgingen, und insgeheim beneidete ich Danilo um die besondere Beziehung zu seiner Mutter.

Sie war von unseren Eltern auch diejenige gewesen, die uns am meisten in unseren Reiseplänen bestärkt hatte. Dass wir dabei zu dritt waren, machte mir keine Sorgen. Im Gegensatz zu der Sache mit Chris oder den kurzen Beziehungen, die ich davor gehabt hatte, gab es an unserer Freundschaft nichts Oberflächliches. Danilo und Trixie waren seit Jahren ein Paar, aber ich fühlte mich nie außen vor, wenn ich mit den beiden zusammen war. Sie waren die Menschen, denen ich am meisten vertraute, und deshalb die einzigen, die von meiner Schwester wussten, während ich Chris kaum etwas Persönliches über mich erzählt hatte. Auch heute fragte ich mich wieder, warum er es so hartnäckig bei mir versuchte, wenn ich ihm doch nichts zurückgab. Als er mit den Gin Tonics von der Bar zurückkam, leuchtete die Hoffnung wieder in seinem Gesicht und in diesem Moment schämte ich mich vor allem vor mir selbst. Es tat weh, ihn ständig abblitzen zu lassen, aber ich war auch nicht in der Lage, ihm verständlich zu machen, wie sehr sein Klammern mich nervte. Aus diesem Dilemma erlöste mich einzig und allein die Flucht, ein bewährtes Mittel, das ich mittlerweile perfekt beherrschte.

Dass meine Mutter sich jetzt von ihrem Barhocker erhob; dass sich mein Vater mit einem plötzlich todmüden Gesichtsausdruck zu ihr umsah, war meine Gelegenheit. Es war noch nicht mal eins, die Party würde noch ein paar Stunden dauern, und ein Großteil meiner Stufe würde später noch auf den Kiez ziehen. Aber die ersten Eltern verließen bereits den Saal. Meine Eltern würden unter ihnen sein, und ich würde mitgehen.

Ohne mich zu verabschieden.

Weder von Chris noch von meinen Mitschülern noch von irgendwelchen Lehrern. Ich wollte abtauchen, einfach so, dieses Stück Leben hinter mir lassen und mich nicht mehr umdrehen. Mein Egoismus war mir in diesem Moment egal, auch das Wissen darum, dass ich Chris verletzen und ein paar sogenannte Freunde aus meiner Stufe vor den Kopf stoßen würde. Ich hatte keine Lust auf Geheule, schwülstige Abschiedsworte oder Erinnerungsfotos. Ich duckte mich vor Chris’ suchenden Blicken und schlüpfte durch die tanzende Menge Richtung Ausgang. Nur Linda drückte ich noch mal fest an mich und sagte Danilo, ich wäre am Montag um sechs starklar. Wir hatten verabredet, dass wir uns am Tag nach dem Abiball ausruhen würden, um am übernächsten Morgen fit für die Reise zu sein. Und Trixies Mutter hatten wir schwören müssen, dass wir Rast machen würden, sobald wir müde wurden.

Müde war ich jetzt auch. Es war eine bleierne, erschöpfte Müdigkeit, die jeden Gedanken, jedes Gefühl, ja sogar meine Vorfreude überdeckte.

Dass es am Montagmorgen erst um Viertel nach sieben an meiner Tür klingelte, lag nicht an Danilo, so viel war klar. Er war immer pünktlich, während Trixie wahrscheinlich auch zu ihrer eigenen Beerdigung zu spät kommen würde. Mit ihren Lastminute-Aktionen vor einem Termin oder Treffen trieb sie ihre gesamte Umgebung zum Wahnsinn, ausgenommen Danilo. Er war die Ruhe in Person, auch heute, als er mich mit seinem warmen Lächeln an der Tür begrüßte, während Trixie neben ihm herumzappelte.

»War noch richtig geil vorgestern, nur der arme Chris ist übel abgestürzt«, sagte sie und zog eine Augenbraue hoch. »Du bist echt hart drauf, aber vielleicht kommt er so ja leichter über dich weg. Hast du wenigstens gut geschlafen?«

»Bestens«, sagte ich. Was nicht der Wahrheit entsprach. In der Nacht nach der Party hatte ich wieder von dem kleinen Mädchen im Brunnen geträumt, das aus seinem mundlosen Gesicht mit verzweifelten Augen zu mir nach oben sah. Um Hilfe schrie ich längst nicht mehr in diesen Träumen, aber am Morgen war ich mit einem Asthmaanfall aufgewacht und hatte lange gebraucht, um mich zu beruhigen. Den Tag hatte ich mit Packen, Aufräumen und Musikhören verbracht und war nach dem Abendessen gleich ins Bett gegangen. Die Angst vor dem Traum und das immer größer werdende Reisefieber hatten mich diesmal den größten Teil der Nacht wach gehalten. Als um kurz nach fünf der Wecker geklingelt hatte, war ich trotzdem gleich aus dem Bett gesprungen und hatte um halb sechs zusammen mit meinem Vater im Garten Kaffee getrunken. Auf der Wiese glitzerte der Tau, und obwohl es noch kühl war, lag in der Luft bereits das Versprechen eines heißen Sommertages. Meine Mutter hatte sich nicht blicken lassen. Sie war in ihrem Zimmer geblieben, auch jetzt, als Trixie und Danilo im Flur standen, kam sie nicht raus. Trixie trug ihre verwaschenen Hotpants, Flip-Flops und einen Cowboyhut. Ihr Gesicht sah aus, als hätte sie nicht viel Schlaf bekommen, doch Danilo wirkte fit und ausgeruht.

»Bist du so weit?«, fragte er.

Ich nickte.

»Ich kann’s noch immer nicht glauben«, sagte Trixie. Sie klatschte in die Hände. »Welt, wir kommen!«

Mein Vater lächelte verkrampft. »Du solltest hochgehen und dich verabschieden«, wandte er sich an mich. Seine Stimme klang brüchig und sein linkes Augenlid zuckte. »Ich glaube, es fällt ihr schwer, dich gehen zu lassen.«

»Ach ja?« Ich fuhr mir mit einer raschen, zu heftigen Handbewegung durch die Haare und spürte, wie verletzt ich war. Es war ein Schmerz, der mich erstaunte. Kein einziges Mal, seit ich denken konnte, war ich zusammen mit meinen Eltern in Urlaub gefahren. Wir reisten, wie wir lebten, jeder für sich allein. Mein Vater ging auf Geschäftsreisen oder mit Oliver wandern, meine Mutter fuhr einmal im Jahr zur Kur. Ich hatte die Ferien meist bei meinen Großeltern auf Rügen oder in Sommercamps verbracht, und letztes Jahr war ich mit Trixie und ihren Eltern in der Karibik gewesen. Große Abschiedszeremonien gab es bei uns nie. Aber das war es nicht, was mir plötzlich wehtat. Es war der Gedanke daran, dass meine Mutter mir die Reise mit dem VW-Bus ohne jeden Einspruch erlaubt hatte. Neun Wochen durch Europa, ohne Aufsicht, ohne feste Stationen und ohne eigenen Führerschein, den nur Danilo und Trixie hatten. Die beiden waren im Gegensatz zu mir volljährig.

Einwände waren nur von meinem Vater gekommen, aber damit war ich fertig geworden, ich hatte ihn überzeugen können, dass ich wegwollte und seit Jahren für diesen Traum sparte.

Meine Mutter hatte nicht mal im Ansatz protestiert. Keine Bedenken, kein Wenn und Aber, keine Bedingungen oder Bitten, dass ich auf mich aufpassen, ihr von unterwegs Bericht erstatten oder ständig auf Handy abrufbar sein sollte.

»Gut.« Mit diesem einen Wort hatte sie im Frühjahr meine Reisepläne kommentiert, und als ich jetzt einen Blick auf die Treppe warf, die nach oben zu ihrem Zimmer führte, spürte ich tief in meinem Inneren den brennenden Wunsch, dass sie mir verboten hätte zu fahren. Als Zeichen ihrer Sorge. Als Zeichen ihrer Zuneigung. Als Zeichen, dass sie mich, ihre einzige Tochter, liebte.

Es waren Sekunden, in denen ich so dastand, die Hände in die Hüften gestemmt, die Lippen fest aufeinandergepresst, aber Trixie und Danilo schienen zu merken, was mit mir los war. Trixie trat von einem Bein aufs andere und zuppelte an dem Fell ihrer Krümelmonstertasche herum. In Danilos hellgrünen Augen schimmerte es feucht. Er war extrem nah am Wasser gebaut.

»Ach Vita, du kennst doch deine Mutter.« Mein Vater sah mich an. In seinen Augen lagen jetzt Hilflosigkeit und ein tiefer Kummer, der mich wütend machte.

»Nein!«, platzte ich raus und wunderte mich über meinen plötzlichen Gefühlsausbruch. »Ich kenne meine Mutter nicht. Und ich sehe auch nicht ein, dass ich zu ihr hochgehen und mich verabschieden soll. Hätte sie verdammt noch mal nicht wenigstens mit uns frühstücken können, wenn ihr der Abschied angeblich so schwerfällt?«

Trixie kaute auf ihrer Zunge, und Danilo legte mir die Hand auf die Schulter, warm und fest schmiegte sie sich um mein Schultergelenk und gab mir Halt. »Tu es trotzdem«, flüsterte er.

Ich ballte die Fäuste und sah aus den Augenwinkeln, dass sich mein Vater eine Zigarette anzündete. Vor ein paar Monaten hatte ich ihn zum ersten Mal rauchen sehen, als er abends allein im Garten saß, aber ich hatte es nicht kommentiert und auch jetzt keine Lust zu weiteren Fragen. Ich stieß den Atem aus, und Danilo nickte mir aufmunternd zu. Zwei Stufen auf einmal nahm ich, und als ich in das Schlafzimmer ganz hinten im Flur trat, schlug mein Herz hart und schnell wie eine wütende Faust.

Meine Mutter saß angezogen auf ihrem Bett. Ihr Blick war zum Fenster gerichtet, das nach draußen auf die Straße führte. Das Fenster war gekippt, ins Zimmer drangen Vogelgezwitscher und die gedämpften Stimmen von Trixie und Danilo. Natürlich hatte meine Mutter gehört, dass die beiden eingetroffen waren.

»Also dann«, sagte ich. »Ich fahre jetzt.«

Meine Mutter nickte, ohne sich umzudrehen. »Gut.«

»Was ist gut?« Die Worte explodierten auf meiner Zunge wie kleine Feuerwerkskracher, mir war heiß vor Empörung, ich zitterte und erkannte mich selbst nicht wieder. »Dass du mich endlich los bist? Freust du dich? Hoffst du vielleicht, dass mir was passiert? Tja. Wenn du Glück hast, wird es so sein.«

Meine Mutter drehte sich nicht um, sie sagte kein Wort, aber ich sah, dass ihre Schulterflügel bebten. Ich hasste und liebte sie in diesem Augenblick, der keiner war, weil sie mich nicht ansah. Sie drehte ihren Kopf, nicht zu mir, sondern zu der Wand neben ihrem Bett. Dort stand ihr Nachttisch. Darauf thronte das tropfenförmige Gefäß aus weißem Alabaster. Auch darüber sprachen wir nicht, aber ich wusste, dass sich in dieser Urne das Einzige befand, was von meiner Schwester Livia geblieben war.

Ich stellte mir vor, wie Trixie und Danilo sich von ihren Müttern verabschiedet hatten, wie Trixies Mutter wahrscheinlich mit den Tränen gekämpft, aber trotzdem gelächelt hatte und wie viel Liebe im Blick von Danilos Mutter gelegen hatte. Ich hasste Selbstmitleid, aber in diesem Moment stieg es in mir empor wie Hochwasser bei Sturmwetter, während der Himmel draußen blau war und kein Blatt sich in der windstillen Sommerluft bewegte.

Anstatt mich anzusehen, starrte meine Mutter auf die Asche meiner toten Schwester, und dieser Anblick war so grauenhaft, dass ich schreien wollte. Aber es kam kein Laut aus meiner Kehle, wie immer, wenn es um meine Schwester ging. Stumm machte ich einen Schritt auf meine Mutter zu, es war nur eine winzige Bewegung, die mich eine ungeheure Kraft kostete. Doch meine Mutter erhob die Hand, fast panisch, als sei ihr ein wildes Tier auf den Fersen, und noch immer, ohne sich zu mir umzudrehen. Ihre Schulterblätter hörten auf zu zittern. Sie versteinerte.

Da trat ich zurück.

»Ich hab dich lieb«, flüsterte ich so leise, dass nicht mal ich selbst es hörte.

Dann stürmte ich die Treppenstufen nach unten.

Mein Vater drückte mich an seine Brust. »Pass auf dich auf, meine Große«, sagte er. »Und lass von dir hören.«

Ich hörte sein Herz klopfen, und für einen Moment wollte ich mich an ihm festhalten wie ein kleines Kind, das Angst vor seinem ersten Schultag hat. Doch noch mehr beunruhigte mich mein Gefühl, dass er der Schwächere von uns beiden war, der um seine Selbstbeherrschung kämpfte. Ich löste mich beklommen und ging zum Auto.

Danilo saß schon am Steuer, und Trixie hielt mir die Beifahrertür auf, obwohl sie letzte Woche noch gescherzt hatte, ich müsste aus Ermangelung eines Kindersitzes mit der Rückbank vorliebnehmen. Ich schüttelte den Kopf und stieg hinten ein. Wir fuhren los, und als ich mich umdrehte, sah ich das blasse Gesicht meiner Mutter am Fenster.

DREI

An den ersten Tagen unserer Reise, dieser Zeit, die so voll von Eindrücken und Erlebnissen war, hatte merkwürdigerweise die größte Bedeutung das Fahren selbst, das Gefühl, unterwegs zu sein. Durch die offenen Fenster flog uns der heiße Wind um die Ohren, und als wir Hamburg verließen, spürte ich, wie sich alle Beklommenheit in meiner Brust auflöste. In mir knisterte jetzt nur noch die Gespanntheit auf das, was vor uns lag. Unser VW-Bus war der Knaller, ein altmodischer orangefarbener Bulli, in dessen Ausstattung wir wochenlange Arbeit investiert hatten. Trixies Onkel war Mechaniker, ihm verdankten wir die technische Kosmetik, die aus einer neuen Startbatterie, einem überholten Motor und der Reparatur der altersschwachen Kupplung bestand. Trixie hatte den Job der Putzfee übernommen, das reichlich verwarzte Innenleben auf Vordermann gebracht und beim Entrümpeln des Stauraums ein paar alte Pornohefte aus den Achtzigern an Land gezogen. Den Boden des Bullis hatte Danilo mit Kunstrasen ausgelegt, während ich kleine Wimpel um die Fenster herumdrapiert und aus gemusterten Stoffresten Vorhänge und Kissenbezüge genäht hatte. Unsere Versorgung sicherten ein Wasserkanister, eine Kochplatte und ein kleiner, aber funktionstüchtiger Kühlschrank, in dem neben den Basics für die ersten Tage unsere unterschiedlichen Auffassungen von unverzichtbarem Reiseproviant um ihren Lebensraum kämpften: Partyfrikadellen, Krabbensalat und Fruchtzwerge von Trixie, Tofuwürstchen, Hummus und Ingwermarmelade von Danilo, Chilikäse, Salsa Dip und grüne Peperoni von mir.

Nur bei den Schlafplätzen waren wir schnell auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Die breiten Matratzen im hinteren Teil waren Trixies und Danilos Reich. Ich würde zusammen mit meinem uralten Kuschelhasen Hannibal das Turmzimmer beziehen. So nannten wir das aufklappbare Zelt, das wir auf das Dach unseres Bullis montiert hatten. Durch einfache Handgriffe ließ es sich in einen gemütlichen Schlafplatz mit kleinen Seitenfenstern verwandeln.

Danilos Angebot, dass ich im Inneren des Busses schlafen sollte, weil ich mich dort sicherer fühlen würde, lehnte ich dankend ab.

»Ich hab es lieber, ihr treibt es unter mir als über meinem Kopf«, sagte ich, und Trixie, die neben Danilo auf dem Beifahrersitz saß, drehte sich grinsend zu mir um. »Und wenn du Nachtbesuch hast? Wer weiß, wen du dir in den nächsten Monaten so alles in dein kleines Turmzimmer einlädst.«

»Niemanden«, sagte ich und meinte es von ganzem Herzen. Ich wollte meinen luftigen Schlafplatz für mich allein – abgesehen von Hannibal. Ich hatte ihn, solang ich denken konnte, und liebte jeden platt gedrückten Millimeter von ihm. Trixie nannte ihn Bazillus Bunny, weil ich ihn noch nie gewaschen hatte, aber sein tröstlich muffiger Geruch gehörte zu ihm, genauso wie der silberne Halbmond, der mit einem Lederband um seinen Hals gebunden war. Mit seiner romantischen Gravur auf der Innenseite und dem Mondstein in der Mitte war dieser Anhänger eigentlich nicht das geeignete Schmuckstück für einen Schlafhasen, und ich hatte keine Ahnung, wie es an Hannibals Hals gekommen war, aber für mich waren die beiden eine untrennbare Einheit. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, rieb ich oft meinen Finger über den glatten Stein. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich keine Nacht meines Lebens ohne Hannibal geschlafen und ihn auf jede einzelne Reise mitgeschleppt – die Oberstufenreise inklusive. Also durfte er auf der Fahrt meines Lebens natürlich auch nicht fehlen.

Mit jedem Meter, den wir hinter uns zurückließen, wurde mir leichter ums Herz, und ich fühlte mich so frei wie noch nie in meinem Leben. Es hätte mich nicht gewundert, wenn mir Flügel aus den Schulterblättern gewachsen wären.

Von den anderen Reisenden auf der Autobahn ernteten wir bewundernde Blicke, da wir unsere Handschriften auch auf der Außenfläche des Bullis hinterlassen hatten. Auf der Fahrerseite prangte Danilos Werk; das Dharma-Rad, das Buddhas achtpfadigen Weg zur Befreiung verkörperte. Trixie hatte mit Flower-Power gekontert und die Beifahrerseite in eine psychedelische Prilblumenwiese bei Sonnenuntergang verwandelt. Die Rückseite gehörte Led Zeppelin und mir. Mit silberner Lackfarbe hatte ich einen Satz aus meinem Lieblingssong Stairway to Heaven auf die Heckklappe gepinselt:

There’s a feeling I get,

when I look to the west

And my spirit is crying for leaving.

Und genau so fühlte ich mich auch, als wir zum Soundtrack von Trixies iPod-Mix, der durch die großen Boxen wummerte, unserem bisherigen Leben den Rücken kehrten.

In unserer Fantasie reisten wir auf den ersten Kilometern schon einmal die gesamte Strecke durch, die wir in den letzten Wochen immer enger festgezurrt hatten. Von Italien aus sollte es zur Côte d’Azur gehen, weiter nach Barcelona, Gibraltar, Lissabon und Santiago de Compostela und von dort aus dann an der westlichen Küste Frankreichs entlang, bis wir irgendwann wieder oben ankommen und über Brüssel und Amsterdam zurück in Hamburg landen wollten. Das war unser Plan. Natürlich war er offen für spontane Änderungen, aber dass meine Reise in Italien enden und ich die anderen Stationen nicht zu sehen bekommen würde, hätte ich zu diesem Zeitpunkt keinem Propheten dieser Erde geglaubt.

Unsere ersten beiden Nächte verbrachten wir in der Nähe von Basel, wo wir uns entgegen aller Warnungen, wild zu campen, ein stilles Plätzchen an einem Seeufer suchten, weshalb das bedeutendste Bauwerk, das wir in Basel sahen, eine Apotheke war, in der wir uns mit Antimückenspray versorgten. Die dritte Nacht verbrachten wir auf einem Campingplatz am Lago Maggiore, wo wir uns abends im strömenden Regen mit drei jungen Dänen, die sich Ben, Sven und Ken nannten, ein Flunkyball-Duell lieferten, nach dessen Ende Trixie kotzend in den Büschen hing und ich den Heiratsantrag von Ken ablehnte, der mich davon überzeugen wollte, dass ich die Frau seines Lebens wäre. Unser nächster Stopp sollte eigentlich Venedig sein, aber nach einer längeren Debatte wegen der restlos ausgebuchten Campingplätze machten wir unsere erste Planänderung. Wir beschlossen, die Insel der Kanäle, Brücken und Gondeln zu streichen und auf direktem Weg über Mailand nach Florenz zu fahren. Es war unsere erste Nachtfahrt und ein Unfall – ein ausscherender Lastwagen hatte das Aufeinanderfahren von vier Pkws nach sich gezogen – nagelte uns über fünf Stunden auf der Autobahn fest. Nach Toten sah es zum Glück nicht aus, aber der Stau sorgte dafür, dass wir erst in den frühen Morgenstunden in Florenz ankamen.

An unsere Ankunft erinnere ich mich noch so deutlich, als wäre es gestern gewesen. Irgendwo zwischen Parma und Bologna war ich eingenickt, und beim Aufwachen rann mir ein feiner Speichelfaden aus dem linken Mundwinkel. Meine Wangen glühten, in meinem Ohr kitzelte das Fell von Hannibal, den ich als Kissenersatz benutzt hatte, und durch meinen Kopf geisterten verworrene Träume, die mir entglitten, sobald ich sie festhalten wollte. Die Stadt war in fahles Mondlicht getaucht, sie schien ebenso zu erwachen wie ich und war noch unberührt von all dem Rummel, der täglich um sie gemacht wurde. Danilo hatte den VW-Bus in der Nähe des Bahnhofs geparkt, und wir ließen uns durch die verlassenen Gassen des Zentrums treiben, die Stunden später von Touristen verstopft sein würden. Aber noch brannten keine Lichter in den Schaufenstern, hinter denen Taschen, Sonnenbrillen, Schuhe und unzählige Souvenirs auf ihre Käufer warteten. Auch die Eisdielen, Restaurants und Lebensmittelgeschäfte mit Käse, Fleisch und Wein waren geschlossen, aber immer wieder wurde mein Blick auf die Menschen gelenkt, die um diese Zeit auf den Beinen waren. Ein bezopfter Italiener im Anzug, der auf einem freien Platz vor einem Brunnen stand und in seine aufgeschlagene Zeitung versunken war. Ein müder Alter, der mit krummem Rücken vor seinem Laden fegte, und zwei Obdachlose, die vor dem fotografischen Museum campierten, einer tief schlafend auf dem Asphalt, der andere rauchend in einem Klappsitz.

Als sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die weiße Nebeldecke bahnten, umrundeten wir den Dom Santa Maria del Fiore, dessen Kuppel als das Wunder von Florenz bezeichnet wird. Majestätisch, fast überdimensional thronte sie über den Dächern der Stadt. Ganz oben auf ihrem Haupt schien der winzige Kirchturm mit der goldenen Kugel und dem Kreuz den Himmel zu berühren. Ein paar Tauben flogen von den Köpfen der Heiligen herab und ließen sich auf dem Pflaster nieder, wo sie mit ruckenden Köpfen umherstolzierten und nach Essensresten pickten.

Die einzigen Menschen, denen wir auf dem Platz begegneten, waren ein Mann und seine kleine Tochter. Er trug sie huckepack. Das Mädchen war vielleicht drei Jahre alt, es hatte einen dicken dunkelbraunen Zopf und hopste auf den Schultern seines Vaters auf und ab, als wollte es ein träges Reitpferd antreiben.

Mich durchzuckte eine Empfindung, als ob ich selbst dort oben säße und Avanti, Avanti! riefe. Es war so real, dass ich die starken Hände des Mannes an meinen Fesseln fühlte.

Avanti heißt schneller, aber das Mädchen hatte nichts gerufen, und ich war so verstört, dass ich stehen blieb, bis sich Trixie erstaunt zu mir umdrehte.

»Ist was passiert?«

»Alles gut«, sagte ich, aber meine Stimme klang klein und fremd in meinen Ohren. Plötzlich fühlte ich mich verlassen und wusste nicht, von wem. Trixie legte ihren Arm um meine Schultern, sie bohrte nicht weiter nach und ich war ihr dankbar für ihre wortlose Unterstützung.

In einem der Cafés, die jetzt aufmachten, kehrten wir ein, aßen mit Puderzucker bestäubte Croissants und tranken Cappuccino. Der Milchschaum fühlte sich auf meiner Zunge an wie Samt, die kräftige Substanz des Espressos strömte durch meine Adern und weckte mich aus meiner merkwürdigen Stimmung.

»Ich hoffe, dass wir in Florenz ein bisschen Kirchenmusik zu hören kriegen«, sagte Danilo. »Ich muss mir unbedingt ein Konzertprogramm besorgen.«

Danilo war ein begnadeter Cellospieler, und seine dicke Berta, wie Trixie sein Cello getauft hatte, nahm einen großen Teil des Bullis ein. Unsere Schule in Hamburg hatte einen italienischen Zweig, und Danilo und ich hatten beide Italienisch als Leistungskurs gewählt. Ich der Sprache wegen, die mir im Gegensatz zu Englisch quasi in den Schoß gefallen war, und Danilo wegen seines lang gehegten Traumes, irgendwann einmal ein paar Auslandssemester in Italien zu verbringen. Nach unserer Reise würde er erst mal mit Trixie nach Berlin ziehen, wo er Musik und sie Kulturmanagement studieren wollten. Ich interessierte mich für Kostümbildnerei, aber wo und ob ich es studieren wollte, war mir noch nicht ganz klar. Mein Traum war zu reisen, am liebsten durch die ganze Welt. Europa war der Anfang – und Florenz sollte mich in den drei Tagen, die wir dort verbrachten, auf verwirrende Art und Weise in Bann halten. Die Luft, die nach Hitze, Staub und Flusswasser schmeckte, schien mir vertraut, und ich bekam nicht genug davon, sie einzuatmen, selbst wenn es vierzig Grad im Schatten waren und die Stadt überquoll von Touristen.

Wir zogen kreuz und quer durch die Stadt, liefen am Arno entlang und hingen nachts in einer Bar mit winziger Tanzfläche ab, wo ich Floyd kennenlernte, einen Backpacker aus irgendeinem Kaff in Oklahoma. Gemeinsam streiften wir durch das nächtliche Florenz, redeten viel übers Reisen und darüber, wie es sich anfühlte, Leute kennenzulernen, die man anschließend nie wiedersah.

»Es hebelt dich aus der Zeit«, meinte Floyd.

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